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Reflections on Contemporary History II
The Karma of Untruthfulness
GA 173b

30 December 1916, Dornach

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Zeitgeschichtliche Betrachtungen Band III
  1. Reflections on Contemporary History, Volume II, tr. SOL

Elfter Vortrag

Elfter Vortrag

[ 1 ] Unsere Betrachtungen der letzten Zeit haben einerseits angeknüpft an die ganze Menschheitsentwickelung, insofern das Mysterium von Golgatha in diese eingegriffen hat. Wir haben uns also mit dem gewissermaßen Höchsten, dem Bedeutendsten der Welt- und Menschheitsentwickelung beschäftigt. Auf der andern Seite ist es wohl begreiflich, daß wir auf die Zeiterscheinungen eingegangen sind. Insbesondere mußte das geschehen, da von einem großen Teil unserer Freunde der Wunsch geäußert worden ist, eben über diese Zeiterscheinungen etwas zu hören. Und wir müssen es uns ja auch gestehen, daß der Ernst der Zeit schon dafür spricht, daß wir die unmittelbar konkreten Erlebnisse des Tages an dasjenige anknüpfen, was der Nerv, der innerste Impuls unserer geisteswissenschaftlichen Bestrebungen ist. Können wir uns doch nach mancherlei Betrachtungen, die wir angestellt haben, sagen, daß die Gründe, warum es in der Menschheitsentwickelung zu einer solchen Katastrophe gekommen ist, wie sie um uns herum sich zeigt, tief liegen, und daß es eigentlich eine Oberflächlichkeit ist, die Ursachen unserer heutigen Zeitereignisse nur in ihren alleräußersten Ranken, möchte ich sagen, ins Auge zu fassen.

[ 1 ] Unsere Betrachtungen der letzten Zeit haben einerseits angeknüpft an die ganze Menschheitsentwickelung, insofern das Mysterium von Golgatha in diese eingegriffen hat. Wir haben uns also mit dem gewissermaßen Höchsten, dem Bedeutendsten der Welt- und Menschheitsentwickelung beschäftigt. Auf der andern Seite ist es wohl begreiflich, daß wir auf die Zeiterscheinungen eingegangen sind. Insbesondere mußte das geschehen, da von einem großen Teil unserer Freunde der Wunsch geäußert worden ist, eben über diese Zeiterscheinungen etwas zu hören. Und wir müssen es uns ja auch gestehen, daß der Ernst der Zeit schon dafür spricht, daß wir die unmittelbar konkreten Erlebnisse des Tages an dasjenige anknüpfen, was der Nerv, der innerste Impuls unserer geisteswissenschaftlichen Bestrebungen ist. Können wir uns doch nach mancherlei Betrachtungen, die wir angestellt haben, sagen, daß die Gründe, warum es in der Menschheitsentwickelung zu einer solchen Katastrophe gekommen ist, wie sie um uns herum sich zeigt, tief liegen, und daß es eigentlich eine Oberflächlichkeit ist, die Ursachen unserer heutigen Zeitereignisse nur in ihren alleräußersten Ranken, möchte ich sagen, ins Auge zu fassen.

[ 2 ] Durch solche an der Oberfläche liegende Betrachtungen wird man niemals eine fruchtbare Anschauung über die Ereignisse der Gegenwart bekommen. Eine fruchtbare Anschauung ist die, welche dem Menschen die Möglichkeit gibt, Gedanken zu haben, wie herauszukommen ist aus der Katastrophe, in der sich die Welt befindet. Deshalb lassen Sie uns heute noch einige Detailbetrachtungen anstellen; morgen denke ich Ihnen dann gerade aus der Geisteswissenschaft einen wichtigen Zusammenhang aufzeigen zu können, der, ich möchte sagen, in der Lage ist, unsere Seele so anzufassen, daß wir uns mit ihr in einem tätigen, in einem aktiv-begreifenden Verstehen der Dinge befinden können. Lassen Sie uns dieses durch einige Details noch etwas vorbereiten.

[ 2 ] Durch solche an der Oberfläche liegende Betrachtungen wird man niemals eine fruchtbare Anschauung über die Ereignisse der Gegenwart bekommen. Eine fruchtbare Anschauung ist die, welche dem Menschen die Möglichkeit gibt, Gedanken zu haben, wie herauszukommen ist aus der Katastrophe, in der sich die Welt befindet. Deshalb lassen Sie uns heute noch einige Detailbetrachtungen anstellen; morgen denke ich Ihnen dann gerade aus der Geisteswissenschaft einen wichtigen Zusammenhang aufzeigen zu können, der, ich möchte sagen, in der Lage ist, unsere Seele so anzufassen, daß wir uns mit ihr in einem tätigen, in einem aktiv-begreifenden Verstehen der Dinge befinden können. Lassen Sie uns dieses durch einige Details noch etwas vorbereiten.

[ 3 ] Zunächst sei noch einmal betont, daß mir nichts ferner liegt, als politische Betrachtungen anzustellen; das kann unsere Aufgabe gewiß nicht sein. Unsere Aufgabe liegt in Erkenntnisbetrachtungen. Erkenntnis der Zusammenhänge, die natürlich notwendig machen, daß man den Blick auch auf einzelne Details hinlenkt. Deshalb sollen diese Betrachtungen auch weit, weit entfernt sein von jeglicher Parteinahme. Und gerade in dieser Beziehung bitte ich Sie, mich ja nicht mißzuverstehen. Denn welchen Standpunkt in bezug auf diese oder jene nationalen Aspirationen der eine oder der andere unter uns hat, das darf in die tieferen Grundlagen unserer geisteswissenschaftlichen Bestrebungen denn doch gar nicht eingreifen. Ich möchte sagen: Anregungen möchte ich nur geben zur Beurteilung, nicht aber irgend jemandes Urteil auch nur im geringsten beeinflussen.

[ 3 ] Zunächst sei noch einmal betont, daß mir nichts ferner liegt, als politische Betrachtungen anzustellen; das kann unsere Aufgabe gewiß nicht sein. Unsere Aufgabe liegt in Erkenntnisbetrachtungen. Erkenntnis der Zusammenhänge, die natürlich notwendig machen, daß man den Blick auch auf einzelne Details hinlenkt. Deshalb sollen diese Betrachtungen auch weit, weit entfernt sein von jeglicher Parteinahme. Und gerade in dieser Beziehung bitte ich Sie, mich ja nicht mißzuverstehen. Denn welchen Standpunkt in bezug auf diese oder jene nationalen Aspirationen der eine oder der andere unter uns hat, das darf in die tieferen Grundlagen unserer geisteswissenschaftlichen Bestrebungen denn doch gar nicht eingreifen. Ich möchte sagen: Anregungen möchte ich nur geben zur Beurteilung, nicht aber irgend jemandes Urteil auch nur im geringsten beeinflussen.

[ 4 ] Leicht kann gerade auf einem solchen Gebiete ein Mißverständnis sich geltend machen, und es scheint mir, als ob einiges von dem, was ich gesagt habe in den letzten Betrachtungen, auch wirklich einem Mißverständnisse ausgesetzt gewesen ist. Deshalb sei im allgemeinen, weil jedem ein solches Mißverständnis passieren kann, gleich bemerkt, daß es sich mir zum Beispiel an den Stellen, wo ich auf die mit der belgischen Neutralitätsfrage zusammenhängenden Vorgänge aufmerksam gemacht habe, wahrhaftig nicht darum gehandelt hat, etwas zu verteidigen oder anzugreifen, sondern lediglich darum, ein Faktum hinzustellen. Und als ich die Bemerkung zum ersten Mal machte, machte ich sie ja gar nicht von mir aus, sondern anknüpfend an die Ausführungen von Georg Brandes, der ein, wie mir schien, wahrhaft neutrales Urteil abgegeben hat.

[ 4 ] Leicht kann gerade auf einem solchen Gebiete ein Mißverständnis sich geltend machen, und es scheint mir, als ob einiges von dem, was ich gesagt habe in den letzten Betrachtungen, auch wirklich einem Mißverständnisse ausgesetzt gewesen ist. Deshalb sei im allgemeinen, weil jedem ein solches Mißverständnis passieren kann, gleich bemerkt, daß es sich mir zum Beispiel an den Stellen, wo ich auf die mit der belgischen Neutralitätsfrage zusammenhängenden Vorgänge aufmerksam gemacht habe, wahrhaftig nicht darum gehandelt hat, etwas zu verteidigen oder anzugreifen, sondern lediglich darum, ein Faktum hinzustellen. Und als ich die Bemerkung zum ersten Mal machte, machte ich sie ja gar nicht von mir aus, sondern anknüpfend an die Ausführungen von Georg Brandes, der ein, wie mir schien, wahrhaft neutrales Urteil abgegeben hat.

[ 5 ] Bei diesen Dingen hat es sich für mich nicht darum gehandelt, diese oder jene Maßnahme der einen oder der andern Seite in einem politischen Sinne zu taxieren, sondern darum, die Wichtigkeit des Wahrheitsprinzips in der Welt zu betonen, zu betonen, daß das Karma, das sich an der Menschheit erfüllt hat, vielfach damit zusammenhängt, daß die Aufmerksamkeit auf die Tatsachenwelt, die Aufmerksamkeit überhaupt auf die geschichtlichen und sonstigen Lebenszusammenhänge in unserem materialistischen Zeitalter nicht so ist, daß Wahrheit waltet. Und das Nichtwalten der Wahrheit, das eigentümliche Walten gerade des Gegenteiles der Wahrheit, die geringe Neigung, Wahrheit zu suchen, die geringe Sehnsucht nach Wahrheit, mit alledem hängt das Karma unserer Zeit zusammen. Und dieses muß man studieren.

[ 5 ] Bei diesen Dingen hat es sich für mich nicht darum gehandelt, diese oder jene Maßnahme der einen oder der andern Seite in einem politischen Sinne zu taxieren, sondern darum, die Wichtigkeit des Wahrheitsprinzips in der Welt zu betonen, zu betonen, daß das Karma, das sich an der Menschheit erfüllt hat, vielfach damit zusammenhängt, daß die Aufmerksamkeit auf die Tatsachenwelt, die Aufmerksamkeit überhaupt auf die geschichtlichen und sonstigen Lebenszusammenhänge in unserem materialistischen Zeitalter nicht so ist, daß Wahrheit waltet. Und das Nichtwalten der Wahrheit, das eigentümliche Walten gerade des Gegenteiles der Wahrheit, die geringe Neigung, Wahrheit zu suchen, die geringe Sehnsucht nach Wahrheit, mit alledem hängt das Karma unserer Zeit zusammen. Und dieses muß man studieren.

[ 6 ] Wenn man daher sieht, was gerade in den Jahren, in denen die Menschheit das durchlebt, was man heute einen Krieg nennt, behauptet wird, so darf man nicht einwenden, es werde dies nur von Zeitungen oder dergleichen gesagt. Es kommt auf die Wirkungen an. Die Dinge haben ihre starke Wirkung. Wenn man ins Auge faßt, was gesagt wird, wie die Dinge aufgefaßt und vorgebracht werden, dann sieht man in diesem Wie das Walten desjenigen, das wahrhaftig nicht in der Richtung der Wahrheit läuft. Und man glaube nicht, daß Gedanken, daß Behauptungen nicht objektive Mächte sind! Sie sind objektive, reale Mächte! Und es ist ganz unausbleiblich, daß sie ihre Wirkungen nach sich ziehen, auch wenn sie sich nicht umsetzen in äußere Taten. Für die Zukunft ist viel wichtiger, was die Menschen denken, als das, was sie tun. Denn Gedanken werden im Laufe der Zeiten Taten. Wir leben heute von den Gedanken vergangener Zeiten; die erfüllen sich in den Taten, die heute geschehen. Und unsere Gedanken, die die Welt durchfluten, werden sich in den Taten der Zukunft entladen.

[ 6 ] Wenn man daher sieht, was gerade in den Jahren, in denen die Menschheit das durchlebt, was man heute einen Krieg nennt, behauptet wird, so darf man nicht einwenden, es werde dies nur von Zeitungen oder dergleichen gesagt. Es kommt auf die Wirkungen an. Die Dinge haben ihre starke Wirkung. Wenn man ins Auge faßt, was gesagt wird, wie die Dinge aufgefaßt und vorgebracht werden, dann sieht man in diesem Wie das Walten desjenigen, das wahrhaftig nicht in der Richtung der Wahrheit läuft. Und man glaube nicht, daß Gedanken, daß Behauptungen nicht objektive Mächte sind! Sie sind objektive, reale Mächte! Und es ist ganz unausbleiblich, daß sie ihre Wirkungen nach sich ziehen, auch wenn sie sich nicht umsetzen in äußere Taten. Für die Zukunft ist viel wichtiger, was die Menschen denken, als das, was sie tun. Denn Gedanken werden im Laufe der Zeiten Taten. Wir leben heute von den Gedanken vergangener Zeiten; die erfüllen sich in den Taten, die heute geschehen. Und unsere Gedanken, die die Welt durchfluten, werden sich in den Taten der Zukunft entladen.

[ 7 ] Ich knüpfe jetzt an etwas an, was leicht zu Mißverständnissen hat führen können und will daher unseren Betrachtungen einige Bemerkungen vorausschicken. Ich führe das an, um Ihnen gewissermaßen an einem Modell zu zeigen, wie man Wahrheit sucht. — Man kann sagen, es sei anfechtbar, wenn ich gesagt habe, es hätte genügt, um den Frieden zu wahren, daß Sir Edward Grey auf die Frage des deutschen Botschafters in London, ob England, falls Deutschland die belgische Neutralität respektiere, neutral bleiben würde, daß Sir Edward Grey darauf mit Ja geantwortet hätte. Ich meine, das kann nicht geleugnet werden, daß die Dinge ganz anders verlaufen wären, wenn Sir Edward Grey mit Ja geantwortet hätte; denn dann wäre die Verletzung von Belgiens Neutralität weggefallen.

[ 7 ] Ich knüpfe jetzt an etwas an, was leicht zu Mißverständnissen hat führen können und will daher unseren Betrachtungen einige Bemerkungen vorausschicken. Ich führe das an, um Ihnen gewissermaßen an einem Modell zu zeigen, wie man Wahrheit sucht. — Man kann sagen, es sei anfechtbar, wenn ich gesagt habe, es hätte genügt, um den Frieden zu wahren, daß Sir Edward Grey auf die Frage des deutschen Botschafters in London, ob England, falls Deutschland die belgische Neutralität respektiere, neutral bleiben würde, daß Sir Edward Grey darauf mit Ja geantwortet hätte. Ich meine, das kann nicht geleugnet werden, daß die Dinge ganz anders verlaufen wären, wenn Sir Edward Grey mit Ja geantwortet hätte; denn dann wäre die Verletzung von Belgiens Neutralität weggefallen.

[ 8 ] Wenn Sie sich erinnern an alles, was ich gesagt habe — und an das, was hier gesagt wird, muß man so denken, daß es auf die Nuance ankommt —, so werden Sie sehen, daß ich nirgends auch mit einem Worte etwa die Verletzung der belgischen Neutralität in Schutz genommen habe. Das habe ich gewiß nicht getan. Sie als eine Rechtsverletzung zu brandmarken, habe ich auch nicht nötig — das hieße Eulen nach Athen tragen, um die alte, abgebrauchte Formel zu verwenden —, denn daß die Verletzung der belgischen Neutralität eine Rechtsverletzung ist, hat ja der deutsche Reichskanzler selbst gleich im Ausgangspunkte des Krieges zugegeben, und dem noch irgend etwas hinzuzufügen, oder irgend etwas daran zu entschuldigen, kann nicht meine Aufgabe sein. Die Sache ist von maßgebender, äußerlich maßgebender Seite als eine Rechtsverletzung zugestanden worden.

[ 8 ] Wenn Sie sich erinnern an alles, was ich gesagt habe — und an das, was hier gesagt wird, muß man so denken, daß es auf die Nuance ankommt —, so werden Sie sehen, daß ich nirgends auch mit einem Worte etwa die Verletzung der belgischen Neutralität in Schutz genommen habe. Das habe ich gewiß nicht getan. Sie als eine Rechtsverletzung zu brandmarken, habe ich auch nicht nötig — das hieße Eulen nach Athen tragen, um die alte, abgebrauchte Formel zu verwenden —, denn daß die Verletzung der belgischen Neutralität eine Rechtsverletzung ist, hat ja der deutsche Reichskanzler selbst gleich im Ausgangspunkte des Krieges zugegeben, und dem noch irgend etwas hinzuzufügen, oder irgend etwas daran zu entschuldigen, kann nicht meine Aufgabe sein. Die Sache ist von maßgebender, äußerlich maßgebender Seite als eine Rechtsverletzung zugestanden worden.

[ 9 ] Dabei bleibt aber die Tatsache bestehen — wollen wir uns heute doch gut verstehen, meine lieben Freunde —, daß am 1. August der englische Minister des Auswärtigen gefragt worden ist: Würde England neutral bleiben, wenn von deutscher Seite die Neutralität Belgiens nicht verletzt würde? — Und diese Frage ist ausweichend beantwortet worden! So wie die Frage gestellt wurde, darf kein Mensch daran zweifeln, daß, falls die Frage dazumal bejaht worden wäre, Belgiens Neutralität nicht verletzt worden wäre.

[ 9 ] Dabei bleibt aber die Tatsache bestehen — wollen wir uns heute doch gut verstehen, meine lieben Freunde —, daß am 1. August der englische Minister des Auswärtigen gefragt worden ist: Würde England neutral bleiben, wenn von deutscher Seite die Neutralität Belgiens nicht verletzt würde? — Und diese Frage ist ausweichend beantwortet worden! So wie die Frage gestellt wurde, darf kein Mensch daran zweifeln, daß, falls die Frage dazumal bejaht worden wäre, Belgiens Neutralität nicht verletzt worden wäre.

[ 10 ] Nun kann man sagen: Die Neutralität Belgiens sei seit 1839 garantiert, und die Sache hätte so gestanden, daß eigentlich nichts zu fragen war; denn Deutschland sei verpflichtet gewesen, die Neutralität Belgiens zu respektieren. Also hätte nicht auf Grund dieser Respektierung von England eine andere Respektierung verlangt werden können, ein Gegenversprechen für ein ohnedies schon vorhandenes Versprechen. Die Respektierung der belgischen Neutralität hätte nicht davon abhängig gemacht werden können, daß England neutral bleibe. Man könnte sagen, es sei ja von dem deutschen Botschafter nur gefragt worden: Bleibt England neutral, wenn Deutschland sein Versprechen erfüllt?

[ 10 ] Nun kann man sagen: Die Neutralität Belgiens sei seit 1839 garantiert, und die Sache hätte so gestanden, daß eigentlich nichts zu fragen war; denn Deutschland sei verpflichtet gewesen, die Neutralität Belgiens zu respektieren. Also hätte nicht auf Grund dieser Respektierung von England eine andere Respektierung verlangt werden können, ein Gegenversprechen für ein ohnedies schon vorhandenes Versprechen. Die Respektierung der belgischen Neutralität hätte nicht davon abhängig gemacht werden können, daß England neutral bleibe. Man könnte sagen, es sei ja von dem deutschen Botschafter nur gefragt worden: Bleibt England neutral, wenn Deutschland sein Versprechen erfüllt?

[ 11 ] Wenn nun jemand sagt, es sei formal korrekt von Sir Edward Grey gewesen, darauf eine ausweichende Antwort zu geben, so hat er selbstverständlich Recht, so selbstverständlich, daß es eigentlich überflüssig ist, darauf auch nur einzugehen. Aber um juristisch-formale Urteile handelt es sich in der weltgeschichtlichen Entwickelung niemals. Mit solchen Urteilen trifft man niemals eine Realität! Die Weltgeschichte verläuft anders, als daß man ihre Wirklichkeit einfassen könnte in Formalurteile. Wer Formalurteile fällen will, fällt wirklichkeitsfremde Urteile; aber er wird, wenn er nur den Mund laut genug aufmachen kann, wenn er nur sich Geltung verschaffen kann, immer Recht haben, weil ja ein vernünftiger Mensch ohnedies nichts gegen die Richtigkeit von Formalurteilen einwenden wird. Formalurteile sind auch sehr leicht verständlich; nur fassen sie die Realitäten nicht.

[ 11 ] Wenn nun jemand sagt, es sei formal korrekt von Sir Edward Grey gewesen, darauf eine ausweichende Antwort zu geben, so hat er selbstverständlich Recht, so selbstverständlich, daß es eigentlich überflüssig ist, darauf auch nur einzugehen. Aber um juristisch-formale Urteile handelt es sich in der weltgeschichtlichen Entwickelung niemals. Mit solchen Urteilen trifft man niemals eine Realität! Die Weltgeschichte verläuft anders, als daß man ihre Wirklichkeit einfassen könnte in Formalurteile. Wer Formalurteile fällen will, fällt wirklichkeitsfremde Urteile; aber er wird, wenn er nur den Mund laut genug aufmachen kann, wenn er nur sich Geltung verschaffen kann, immer Recht haben, weil ja ein vernünftiger Mensch ohnedies nichts gegen die Richtigkeit von Formalurteilen einwenden wird. Formalurteile sind auch sehr leicht verständlich; nur fassen sie die Realitäten nicht.

[ 12 ] Ich bitte Sie, sich daran zu erinnern, daß ich gerade in meinem letzten Buche «Vom Menschenrätsel» betont habe, daß es bei Urteilen nicht bloß auf die formale Richtigkeit ankommt, sondern auf das Wirklichkeitsgemäße. Es kommt darauf an, daß man mit Urteilen die Wirklichkeit faßt. Kein Mensch kann etwas gegen die formale Korrektheit der Antwort Sir Edward Greys einwenden; darüber wollen wir überhaupt nicht diskutieren, das ist ganz selbstverständlich. Aber die Tatsachen wollen wir ins Auge fassen, und zwar so, daß dieses Die-Tatsachen-ins-Auge-Fassen zugleich zeigt, wie man über äußere Dinge urteilen muß, wenn man sich vorbereiten will, auch über okkulte Dinge richtige Vorstellungen zu gewinnen. Okkulte Dinge muß man in ihrer Realität fassen; da kann man mit Formalurteilen nicht auskommen. Daher muß man sich gewöhnen, auch bei äußeren Dingen, so gut es geht, zu versuchen, die Tatsachen zusammenzuhalten.

[ 12 ] Ich bitte Sie, sich daran zu erinnern, daß ich gerade in meinem letzten Buche «Vom Menschenrätsel» betont habe, daß es bei Urteilen nicht bloß auf die formale Richtigkeit ankommt, sondern auf das Wirklichkeitsgemäße. Es kommt darauf an, daß man mit Urteilen die Wirklichkeit faßt. Kein Mensch kann etwas gegen die formale Korrektheit der Antwort Sir Edward Greys einwenden; darüber wollen wir überhaupt nicht diskutieren, das ist ganz selbstverständlich. Aber die Tatsachen wollen wir ins Auge fassen, und zwar so, daß dieses Die-Tatsachen-ins-Auge-Fassen zugleich zeigt, wie man über äußere Dinge urteilen muß, wenn man sich vorbereiten will, auch über okkulte Dinge richtige Vorstellungen zu gewinnen. Okkulte Dinge muß man in ihrer Realität fassen; da kann man mit Formalurteilen nicht auskommen. Daher muß man sich gewöhnen, auch bei äußeren Dingen, so gut es geht, zu versuchen, die Tatsachen zusammenzuhalten.

[ 13 ] Nun, ich könnte lange Auseinandersetzungen machen; über diese Frage allein könnte man tagelang reden. Erst müßte, wenn es sich darum handelte, eine juristische Grundlage zu schaffen — denn wenn die Neutralität verletzt sein soll, so muß sie vorhanden sein —, die Frage beantwortet werden, ob die Neutralität Belgiens vorhanden war in der Zeit, als sie angeblich verletzt worden ist. Da spiele ich nicht an auf Dokumente, die während des Krieges gefunden worden sind, darüber wollen wir nicht diskutieren, denn das ist etwas, was diskutabel ist, worüber man verschiedener Meinung sein kann. Aber wenn es sich um eine Diskussion handelte, so würde man, wenn man nun sachlich alles, was man über solche Fragen vorbringen kann, ins Auge faßte, wahrscheinlich doch mit demselben Gewichte, mit dem man sonst im Leben Dinge beurteilt, sagen müssen: Seit der Besitzergreifung des Kongos durch Belgien kann gar nicht die Rede davon sein, daß die alte Neutralitätsformel von 1839 noch gilt; denn wenn so neue Verhältnisse eintreten, wie, daß ein Staat in internationale Beziehungen eintritt mit der Möglichkeit, so weite Gebiete wie den Kongo frei zu verschenken oder zu verkaufen oder sonst irgendwie mit andern Staaten in Beziehung zu bringen, so ist der Begriff der Neutralität durchlöchert.

[ 13 ] Nun, ich könnte lange Auseinandersetzungen machen; über diese Frage allein könnte man tagelang reden. Erst müßte, wenn es sich darum handelte, eine juristische Grundlage zu schaffen — denn wenn die Neutralität verletzt sein soll, so muß sie vorhanden sein —, die Frage beantwortet werden, ob die Neutralität Belgiens vorhanden war in der Zeit, als sie angeblich verletzt worden ist. Da spiele ich nicht an auf Dokumente, die während des Krieges gefunden worden sind, darüber wollen wir nicht diskutieren, denn das ist etwas, was diskutabel ist, worüber man verschiedener Meinung sein kann. Aber wenn es sich um eine Diskussion handelte, so würde man, wenn man nun sachlich alles, was man über solche Fragen vorbringen kann, ins Auge faßte, wahrscheinlich doch mit demselben Gewichte, mit dem man sonst im Leben Dinge beurteilt, sagen müssen: Seit der Besitzergreifung des Kongos durch Belgien kann gar nicht die Rede davon sein, daß die alte Neutralitätsformel von 1839 noch gilt; denn wenn so neue Verhältnisse eintreten, wie, daß ein Staat in internationale Beziehungen eintritt mit der Möglichkeit, so weite Gebiete wie den Kongo frei zu verschenken oder zu verkaufen oder sonst irgendwie mit andern Staaten in Beziehung zu bringen, so ist der Begriff der Neutralität durchlöchert.

[ 14 ] Ich weiß schon, daß 1885 auch der Kongo neutral erklärt worden ist; aber es würde die Frage zu entscheiden sein, ob das nicht anfechtbar ist. Ich will aber gar nichts entscheiden, sondern Sie nur aufmerksam machen auf die Schwierigkeiten, die vorliegen, und darauf, daß es nicht so leicht ist, sich über solche Dinge ein wirklich objektives Urteil zu bilden. Von diesem Kaliber könnte man noch manches anführen; hier beginnen also schon die Schwierigkeiten. Wir wollen auch darüber nicht diskutieren, inwieweit, da Deutschland erst 1871 begründet worden ist, das alte Abkommen von 1839 nun noch gültig war. Aber auf alles das will ich nur aufmerksam machen als auf etwas, was eben auch in Betracht kommt. Denn in den objektiven Gang der Ereignisse fließen nicht nur die phantastischen Begriffe ein, die man sich formal macht, sondern es fließen schon die tatsächlichen Dinge ein; ohne daß der Mensch etwas dazu tut, fließen die tatsächlichen Dinge ein.

[ 14 ] Ich weiß schon, daß 1885 auch der Kongo neutral erklärt worden ist; aber es würde die Frage zu entscheiden sein, ob das nicht anfechtbar ist. Ich will aber gar nichts entscheiden, sondern Sie nur aufmerksam machen auf die Schwierigkeiten, die vorliegen, und darauf, daß es nicht so leicht ist, sich über solche Dinge ein wirklich objektives Urteil zu bilden. Von diesem Kaliber könnte man noch manches anführen; hier beginnen also schon die Schwierigkeiten. Wir wollen auch darüber nicht diskutieren, inwieweit, da Deutschland erst 1871 begründet worden ist, das alte Abkommen von 1839 nun noch gültig war. Aber auf alles das will ich nur aufmerksam machen als auf etwas, was eben auch in Betracht kommt. Denn in den objektiven Gang der Ereignisse fließen nicht nur die phantastischen Begriffe ein, die man sich formal macht, sondern es fließen schon die tatsächlichen Dinge ein; ohne daß der Mensch etwas dazu tut, fließen die tatsächlichen Dinge ein.

[ 15 ] Ist es nun aber wirklich wahr, daß der deutsche Botschafter etwas zu einer Frage gemacht hat, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit hätte sein sollen, indem er gefragt hat, ob Großbritannien, wenn Deutschland sein Versprechen von 1839 hält — wo es allerdings noch kein Deutschland gab! —, sich neutral verhalten würde? Die belgische Neutralität ist eben früher nicht als selbstverständlich angesehen worden. Das bezeugt folgendes: Als der Krieg 1870 zwischen Preußen, den verbündeten deutschen Ländern und Frankreich losbrach, kam ein Übereinkommen zustande zwischen Großbritannien unter dem Außenminister Gladstone und Deutschland auf der einen Seite und zwischen Großbritannien und Frankreich auf der andern Seite, indem mit jedem dieser Länder ein Vertrag abgeschlossen wurde, auf Grund dessen Großbritannien neutral bleiben würde, wenn die beiden andern Staaten die Neutralität Belgiens respektierten.

[ 15 ] Ist es nun aber wirklich wahr, daß der deutsche Botschafter etwas zu einer Frage gemacht hat, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit hätte sein sollen, indem er gefragt hat, ob Großbritannien, wenn Deutschland sein Versprechen von 1839 hält — wo es allerdings noch kein Deutschland gab! —, sich neutral verhalten würde? Die belgische Neutralität ist eben früher nicht als selbstverständlich angesehen worden. Das bezeugt folgendes: Als der Krieg 1870 zwischen Preußen, den verbündeten deutschen Ländern und Frankreich losbrach, kam ein Übereinkommen zustande zwischen Großbritannien unter dem Außenminister Gladstone und Deutschland auf der einen Seite und zwischen Großbritannien und Frankreich auf der andern Seite, indem mit jedem dieser Länder ein Vertrag abgeschlossen wurde, auf Grund dessen Großbritannien neutral bleiben würde, wenn die beiden andern Staaten die Neutralität Belgiens respektierten.

[ 16 ] Großbritannien war also im Jahre 1870 in ganz genau dem gleichen Fall, hat sich dazumal aber nicht auf die Grundposition gestellt, daß ja das alte Abkommen von 1839 unbedingte Gültigkeit habe, sondern es hat für den konkreten Fall wirklich in die eine Waagschale geworfen die Neutralität Belgiens, in die andere die Neutralität Großbritanniens. Wenn ein Präjudiz da ist, so kann man nicht sagen, daß dann in einer späteren Zeit nicht in der gleichen Weise verfahren werden dürfe. Erinnern wir uns daher an das, was ich öfter betont habe: Im Leben, das sich durch die Geschichte hinzieht, ist Kontinuität; die Dinge hängen zusammen. So wenig wie man als einzelner Mensch später etwas tun kann, was dem Vorhergegangenen widerspricht, so wenig man etwas ungeschehen machen kann, ebenso ist es im Leben der Völker. Es kann nicht etwas als selbstverständlich hingestellt werden, was vorher nicht als selbstverständlich galt.

[ 16 ] Großbritannien war also im Jahre 1870 in ganz genau dem gleichen Fall, hat sich dazumal aber nicht auf die Grundposition gestellt, daß ja das alte Abkommen von 1839 unbedingte Gültigkeit habe, sondern es hat für den konkreten Fall wirklich in die eine Waagschale geworfen die Neutralität Belgiens, in die andere die Neutralität Großbritanniens. Wenn ein Präjudiz da ist, so kann man nicht sagen, daß dann in einer späteren Zeit nicht in der gleichen Weise verfahren werden dürfe. Erinnern wir uns daher an das, was ich öfter betont habe: Im Leben, das sich durch die Geschichte hinzieht, ist Kontinuität; die Dinge hängen zusammen. So wenig wie man als einzelner Mensch später etwas tun kann, was dem Vorhergegangenen widerspricht, so wenig man etwas ungeschehen machen kann, ebenso ist es im Leben der Völker. Es kann nicht etwas als selbstverständlich hingestellt werden, was vorher nicht als selbstverständlich galt.

[ 17 ] Auch das ist etwas, was bedacht werden muß. Aber selbst wenn die Sache so einfach läge, daß man nur sagen könnte: Es ist ja selbstverständlich, daß der Vertrag von 1839 gilt, deshalb brauchte von Großbritannien kein Gegenengagement gefordert zu werden — so ist darauf zu erwidern, daß damals die Initiative von Großbritannien selbst ausgegangen ist; Großbritannien frug bei Frankreich auf der einen, Deutschland auf der andern Seite an, ob sie die Neutralität respektieren würden. Damals wurden also Besprechungen über die Neutralität eingeleitet. Wenn man eine Besprechung einleitet, so kann man daran weitere Auseinandersetzungen knüpfen. |

[ 17 ] Auch das ist etwas, was bedacht werden muß. Aber selbst wenn die Sache so einfach läge, daß man nur sagen könnte: Es ist ja selbstverständlich, daß der Vertrag von 1839 gilt, deshalb brauchte von Großbritannien kein Gegenengagement gefordert zu werden — so ist darauf zu erwidern, daß damals die Initiative von Großbritannien selbst ausgegangen ist; Großbritannien frug bei Frankreich auf der einen, Deutschland auf der andern Seite an, ob sie die Neutralität respektieren würden. Damals wurden also Besprechungen über die Neutralität eingeleitet. Wenn man eine Besprechung einleitet, so kann man daran weitere Auseinandersetzungen knüpfen. |

[ 18 ] Nun kann man noch das Folgende sagen. Wie gesagt, ich verteidige nicht die Neutralitätsverletzung, das ist nicht meines Amtes, aber ich kann sagen: Wenn die Neutralität Belgiens dadurch, daß Großbritannien mit Ja geantwortet hätte, nicht verletzt worden wäre, dann wäre die ganze Sache im Westen anders verlaufen. — Aber ich bin bei diesem Satze nicht stehengeblieben, sondern ich habe ausdrücklich hinzugesetzt: Außerdem wurde von deutscher Seite das Anerbieten gemacht, Frankreich und seinen Kolonien nichts anzutun, wenn England neutral bleiben würde. Und als auch darüber keine positive Antwort gegeben worden ist, wurde die weitere Frage gestellt, welches nun die Bedingungen seien, unter denen England neutral bleiben würde. Das heißt: England wurde zugestanden, selbst die Bedingungen zu stellen, unter denen es neutral bleiben würde. Das alles war fertig am 2. August, das alles war am 1. August geschehen. Das alles wurde aber ausgeschlagen. Großbritannien wollte überhaupt keine Antwort geben auf irgendwelche Anfragen nach dieser Seite. So daß man schon sagen kann: Hätte Großbritannien irgendeine Antwort gegeben, dann — das zeigt schon dieser äußere Verlauf der Geschichte — wäre die ganze Sache im Westen anders verlaufen.

[ 18 ] Nun kann man noch das Folgende sagen. Wie gesagt, ich verteidige nicht die Neutralitätsverletzung, das ist nicht meines Amtes, aber ich kann sagen: Wenn die Neutralität Belgiens dadurch, daß Großbritannien mit Ja geantwortet hätte, nicht verletzt worden wäre, dann wäre die ganze Sache im Westen anders verlaufen. — Aber ich bin bei diesem Satze nicht stehengeblieben, sondern ich habe ausdrücklich hinzugesetzt: Außerdem wurde von deutscher Seite das Anerbieten gemacht, Frankreich und seinen Kolonien nichts anzutun, wenn England neutral bleiben würde. Und als auch darüber keine positive Antwort gegeben worden ist, wurde die weitere Frage gestellt, welches nun die Bedingungen seien, unter denen England neutral bleiben würde. Das heißt: England wurde zugestanden, selbst die Bedingungen zu stellen, unter denen es neutral bleiben würde. Das alles war fertig am 2. August, das alles war am 1. August geschehen. Das alles wurde aber ausgeschlagen. Großbritannien wollte überhaupt keine Antwort geben auf irgendwelche Anfragen nach dieser Seite. So daß man schon sagen kann: Hätte Großbritannien irgendeine Antwort gegeben, dann — das zeigt schon dieser äußere Verlauf der Geschichte — wäre die ganze Sache im Westen anders verlaufen.

[ 19 ] Ich bin auch dabei nicht stehen geblieben, sondern habe Ihnen gesagt: Ich weiß auch aus andern Voraussetzungen heraus, daß sich sogar der ganze Krieg mit Frankreich hätte vermeiden lassen, wenn Großbritannien die entsprechende Antwort gegeben hätte. — Daß andere, tiefere Gründe dafür vorliegen, daß es nicht geschehen ist, das gehört wiederum auf eine andere Waagschale. Aber wenn man urteilen will über dasjenige, was als Urteil durch die Welt geschwirrt ist in den letzten zweieinhalb Jahren, dann muß man diese Dinge ganz sorgfältig in Erwägung ziehen. Denn es gibt heute noch zahlreiche Leute, welche glauben, daß England in den Krieg gezogen sei wegen der Verletzung der belgischen Neutralität. Es hätte aber diese gerade dadurch vermeiden können, daß es nicht in den Krieg gezogen wäre!

[ 19 ] Ich bin auch dabei nicht stehen geblieben, sondern habe Ihnen gesagt: Ich weiß auch aus andern Voraussetzungen heraus, daß sich sogar der ganze Krieg mit Frankreich hätte vermeiden lassen, wenn Großbritannien die entsprechende Antwort gegeben hätte. — Daß andere, tiefere Gründe dafür vorliegen, daß es nicht geschehen ist, das gehört wiederum auf eine andere Waagschale. Aber wenn man urteilen will über dasjenige, was als Urteil durch die Welt geschwirrt ist in den letzten zweieinhalb Jahren, dann muß man diese Dinge ganz sorgfältig in Erwägung ziehen. Denn es gibt heute noch zahlreiche Leute, welche glauben, daß England in den Krieg gezogen sei wegen der Verletzung der belgischen Neutralität. Es hätte aber diese gerade dadurch vermeiden können, daß es nicht in den Krieg gezogen wäre!

[ 20 ] Nun könnte man sagen: Ja, aber es wäre der ganze Stand des Krieges im Westen auch anders geworden, wenn Deutschland die Neutralität Belgiens nicht verletzt hätte. Nun, dann unterscheidet man aber nicht zwischen dem, was korrekt, juristisch-formal ist, und demjenigen, was nun einmal zusammenhängt mit der Tragik der Weltgeschichte. Darauf kommt vieles an, daß man das Tragische von dem Formal-Richtigen zu unterscheiden vermag. Gewiß wäre manches anders geschehen. Was wäre anders geschehen? Ohne daß man irgendwie, bitte, Moralisches jetzt ins Urteil mischt, betrachten wir, was anders geschehen wäre.

[ 20 ] Nun könnte man sagen: Ja, aber es wäre der ganze Stand des Krieges im Westen auch anders geworden, wenn Deutschland die Neutralität Belgiens nicht verletzt hätte. Nun, dann unterscheidet man aber nicht zwischen dem, was korrekt, juristisch-formal ist, und demjenigen, was nun einmal zusammenhängt mit der Tragik der Weltgeschichte. Darauf kommt vieles an, daß man das Tragische von dem Formal-Richtigen zu unterscheiden vermag. Gewiß wäre manches anders geschehen. Was wäre anders geschehen? Ohne daß man irgendwie, bitte, Moralisches jetzt ins Urteil mischt, betrachten wir, was anders geschehen wäre.

[ 21 ] Nehmen wir also an: Trotzdem Großbritannien sich in keiner Weise engagiert hatte, sondern auf die Gefahr hin, daß es in jedem Momente hätte in den Krieg eingreifen können, wäre die Neutralität Belgiens respektiert worden. So wie die Dinge lagen, war es bei dem Verhalten Großbritanniens — das muß jeder sehen, der die Dinge prüft; nicht bloß das Blaubuch, sondern alle Akten müssen dann geprüft werden —, es war nun einmal ganz ausgeschlossen, daß der Krieg im Westen nicht ausbrach. Ob er bei der Stimmung in Frankreich überhaupt zu vermeiden gewesen wäre, darüber läßt sich vielleicht diskutieren — aber kaum! Doch nehmen wir an, es wäre durch das Verhalten Großbritanniens der Krieg im Westen doch entbrannt, was wäre dann geschehen, wenn die Neutralität Belgiens respektiert worden wäre? Wie gesagt, kein moralisches Urteil soll gefällt werden, weder nach der einen, noch nach der andern Richtung.

[ 21 ] Nehmen wir also an: Trotzdem Großbritannien sich in keiner Weise engagiert hatte, sondern auf die Gefahr hin, daß es in jedem Momente hätte in den Krieg eingreifen können, wäre die Neutralität Belgiens respektiert worden. So wie die Dinge lagen, war es bei dem Verhalten Großbritanniens — das muß jeder sehen, der die Dinge prüft; nicht bloß das Blaubuch, sondern alle Akten müssen dann geprüft werden —, es war nun einmal ganz ausgeschlossen, daß der Krieg im Westen nicht ausbrach. Ob er bei der Stimmung in Frankreich überhaupt zu vermeiden gewesen wäre, darüber läßt sich vielleicht diskutieren — aber kaum! Doch nehmen wir an, es wäre durch das Verhalten Großbritanniens der Krieg im Westen doch entbrannt, was wäre dann geschehen, wenn die Neutralität Belgiens respektiert worden wäre? Wie gesagt, kein moralisches Urteil soll gefällt werden, weder nach der einen, noch nach der andern Richtung.

[ 22 ] Nun, das wäre geschehen, daß die weitaus größte Hauptmasse des so vielfach angeklagten deutschen Heeres sich in den westlichen französischen Festungen verfangen hätte und verbraucht worden wäre. Und da trotz der Phrase vom preußischen Militarismus tatsächlich das französische Heer kaum weniger stark ist als das deutsche, auch vor dem Krieg kaum weniger stark war als das deutsche — die Zahlen sind fast ganz gleich —, so ist es ganz selbstverständlich, daß das deutsche Heer im Westen aufgebraucht worden wäre, und die Invasion vom Osten, die im August-September begann, im ausgiebigsten Maße eingetreten wäre. Denn eine Unmöglichkeit wäre es gewesen — so sagten sich die Sachverständigen —, im Westen den Krieg zu führen, ohne fast das ganze deutsche Heer dauernd zu engagieren. Das heißt, man hätte Deutschland preisgeben müssen, weil vom Osten die Invasion gekommen wäre.

[ 22 ] Nun, das wäre geschehen, daß die weitaus größte Hauptmasse des so vielfach angeklagten deutschen Heeres sich in den westlichen französischen Festungen verfangen hätte und verbraucht worden wäre. Und da trotz der Phrase vom preußischen Militarismus tatsächlich das französische Heer kaum weniger stark ist als das deutsche, auch vor dem Krieg kaum weniger stark war als das deutsche — die Zahlen sind fast ganz gleich —, so ist es ganz selbstverständlich, daß das deutsche Heer im Westen aufgebraucht worden wäre, und die Invasion vom Osten, die im August-September begann, im ausgiebigsten Maße eingetreten wäre. Denn eine Unmöglichkeit wäre es gewesen — so sagten sich die Sachverständigen —, im Westen den Krieg zu führen, ohne fast das ganze deutsche Heer dauernd zu engagieren. Das heißt, man hätte Deutschland preisgeben müssen, weil vom Osten die Invasion gekommen wäre.

[ 23 ] So lagen die Dinge. Man kann sagen, das könnte ein falsches strategisches Urteil gewesen sein. Das kann man heute nicht mehr sagen; darüber konnte man in den ersten Monaten des Krieges diskutieren; jetzt nicht mehr. Denn nach dem mißglückten Versuch, der vor Verdun gemacht wurde, ist der Beweis dafür erbracht, daß diejenigen Recht hatten, die dazumal sagten: Das deutsche Heer braucht sich auf, wenn es ganz im Westen verwendet wird.

[ 23 ] So lagen die Dinge. Man kann sagen, das könnte ein falsches strategisches Urteil gewesen sein. Das kann man heute nicht mehr sagen; darüber konnte man in den ersten Monaten des Krieges diskutieren; jetzt nicht mehr. Denn nach dem mißglückten Versuch, der vor Verdun gemacht wurde, ist der Beweis dafür erbracht, daß diejenigen Recht hatten, die dazumal sagten: Das deutsche Heer braucht sich auf, wenn es ganz im Westen verwendet wird.

[ 24 ] Man hatte also die Wahl, Deutschland das Todesurteil zu sprechen, oder eben das Tragische auf sich zu nehmen, durch Belgien einzubrechen, was der einzige Ausweg war für den Fall, daß der Krieg im Westen überhaupt nicht zu vermeiden war; denn im Osten war er sicher nicht zu vermeiden! Und wenn einer heute sagt, er wäre zu vermeiden gewesen, müßte er die Stirne haben, zu gleicher Zeit ja und nein zu sagen. Gäbe es Menschen, die in Anbetracht der geringen Begabung der heutigen Menschen, auch nur darüber nachzudenken, ob etwas wahr sein kann oder nicht, die Stirne haben, ja und nein zu gleicher Zeit zu sagen, so würde das zum Beispiel so lauten: Wir sind von den Mittelmächten überfallen worden, an uns liegt nicht die Schuld, den Krieg begonnen zu haben; aber wir werden diesen Krieg nicht früher beschließen, als bis wir unser Kriegsziel: die Eroberung von dem oder jenem — erreicht haben!

[ 24 ] Man hatte also die Wahl, Deutschland das Todesurteil zu sprechen, oder eben das Tragische auf sich zu nehmen, durch Belgien einzubrechen, was der einzige Ausweg war für den Fall, daß der Krieg im Westen überhaupt nicht zu vermeiden war; denn im Osten war er sicher nicht zu vermeiden! Und wenn einer heute sagt, er wäre zu vermeiden gewesen, müßte er die Stirne haben, zu gleicher Zeit ja und nein zu sagen. Gäbe es Menschen, die in Anbetracht der geringen Begabung der heutigen Menschen, auch nur darüber nachzudenken, ob etwas wahr sein kann oder nicht, die Stirne haben, ja und nein zu gleicher Zeit zu sagen, so würde das zum Beispiel so lauten: Wir sind von den Mittelmächten überfallen worden, an uns liegt nicht die Schuld, den Krieg begonnen zu haben; aber wir werden diesen Krieg nicht früher beschließen, als bis wir unser Kriegsziel: die Eroberung von dem oder jenem — erreicht haben!

[ 25 ] Da haben Sie ja und nein zugleich! Wir sind nicht diejenigen, die etwas wollen, die andern nur wollen etwas, die andern wollen erobern, deshalb haben sie uns überfallen; aber wir werden diesen Krieg nicht schließen, bis wir unser seit langem bestehendes Ziel — die und die Eroberung zu machen — erreicht haben! Man sollte es nicht glauben, daß es Menschen gibt, die die Stirne haben, ja und nein zu gleicher Zeit zu sagen. Vielleicht werden Sie in diesen Tagen entdecken, daß es einen Menschen gibt, der in dieser Zeit ja und nein zu gleicher Zeit sagt. Es ist dieses wohl das schlimmste Dokument, das überhaupt sich in der neueren Zeit an die Öffentlichkeit gewagt hat, weil es eine Zerklüftung alles logischen Sinnes darstellt. Und das hängt gerade zusammen mit dem Karma unserer Zeit.

[ 25 ] Da haben Sie ja und nein zugleich! Wir sind nicht diejenigen, die etwas wollen, die andern nur wollen etwas, die andern wollen erobern, deshalb haben sie uns überfallen; aber wir werden diesen Krieg nicht schließen, bis wir unser seit langem bestehendes Ziel — die und die Eroberung zu machen — erreicht haben! Man sollte es nicht glauben, daß es Menschen gibt, die die Stirne haben, ja und nein zu gleicher Zeit zu sagen. Vielleicht werden Sie in diesen Tagen entdecken, daß es einen Menschen gibt, der in dieser Zeit ja und nein zu gleicher Zeit sagt. Es ist dieses wohl das schlimmste Dokument, das überhaupt sich in der neueren Zeit an die Öffentlichkeit gewagt hat, weil es eine Zerklüftung alles logischen Sinnes darstellt. Und das hängt gerade zusammen mit dem Karma unserer Zeit.

[ 26 ] So also handelt es sich darum, von dem Logisch-Formaljuristischen abzutrennen das Tragische, und nicht in den sonderbaren Wahn zu verfallen, daß es in der Maja, das heißt in der Welt des physischen Planes, möglich ist, daß Wirklichkeiten im Sinne des bloß Formal-Logischen sich vollziehen. Aber sehen wir weiter: Es kam ja nicht darauf an, dies oder jenes zu rechtfertigen oder zu bekämpfen, sondern es kam darauf an, zu zeigen, daß es unberechtigt ist, vor die Welt hinauszuposaunen währenddem diejenigen, über die es hinausposaunt wird, sich nicht verteidigen können —, es sei dieser Krieg von der einen Seite geführt worden wegen der Verletzung der Neutralität Belgiens, und nicht zu sagen, daß man diese Verletzung der belgischen Neutralität hätte verhindern können. Die einzige andere Möglichkeit, der Tragik zu entkommen, war, daß England neutral geblieben wäre. Denn niemand darf, wenn er ein Staatsmann ist, von vornherein das Todesurteil des eigenen Staates aussprechen.

[ 26 ] So also handelt es sich darum, von dem Logisch-Formaljuristischen abzutrennen das Tragische, und nicht in den sonderbaren Wahn zu verfallen, daß es in der Maja, das heißt in der Welt des physischen Planes, möglich ist, daß Wirklichkeiten im Sinne des bloß Formal-Logischen sich vollziehen. Aber sehen wir weiter: Es kam ja nicht darauf an, dies oder jenes zu rechtfertigen oder zu bekämpfen, sondern es kam darauf an, zu zeigen, daß es unberechtigt ist, vor die Welt hinauszuposaunen währenddem diejenigen, über die es hinausposaunt wird, sich nicht verteidigen können —, es sei dieser Krieg von der einen Seite geführt worden wegen der Verletzung der Neutralität Belgiens, und nicht zu sagen, daß man diese Verletzung der belgischen Neutralität hätte verhindern können. Die einzige andere Möglichkeit, der Tragik zu entkommen, war, daß England neutral geblieben wäre. Denn niemand darf, wenn er ein Staatsmann ist, von vornherein das Todesurteil des eigenen Staates aussprechen.

[ 27 ] Billig ist es natürlich, wenn alle diejenigen, welche eben billige Urteile haben wollen, sagen: Verträge müssen gehalten werden. Nun, meine lieben Freunde, wenn man Ihnen ein Verzeichnis aller nichtgehaltenen Verträge im öffentlichen und im privaten Leben geben und dann zeigen würde, was durch die nichtgehaltenen Verträge bewirkt worden ist in der Welt, dann würde man erst sehen, welche Kräfte in der Maja eigentlich die wirksamen sind.

[ 27 ] Billig ist es natürlich, wenn alle diejenigen, welche eben billige Urteile haben wollen, sagen: Verträge müssen gehalten werden. Nun, meine lieben Freunde, wenn man Ihnen ein Verzeichnis aller nichtgehaltenen Verträge im öffentlichen und im privaten Leben geben und dann zeigen würde, was durch die nichtgehaltenen Verträge bewirkt worden ist in der Welt, dann würde man erst sehen, welche Kräfte in der Maja eigentlich die wirksamen sind.

[ 28 ] Aber hat man denn auf jener Seite, wo man jenes Ja nicht gesagt hat, eigentlich so recht ein gutes Gewissen gehabt? Die Tatsachen sprechen eigentlich nicht dafür; denn als später die Frage wegen dieser Besprechung zwischen dem deutschen Botschafter und Sir Edward Grey wiederum auf die Tagesordnung gesetzt war und man sagte, daß es England ja in der Hand gehabt hätte, die Neutralität Belgiens zu retten, da verteidigte sich die englische Regierung; aber wohlweislich nicht damit — dazumal waren in der englischen Regierung doch zu gute Staatsmänner —, daß sie sich auf das bloß Formaljuristische zurück zog. Trotzdem ich nichts zurücknehme von dem Urteil, das nicht ich, sondern seine englischen Kollegen über Sir Edward Grey gefällt haben, und das ich Ihnen angeführt habe, war er doch ein zu guter Staatsmann, um sich einfach mit der Pose zu begnügen und zu sagen: 1839 war der Vertrag geschlossen worden, also war Deutschland verpflichtet, die Neutralität zu halten, auch wenn England eine ausweichende Antwort gibt. Das haben die englischen Staatsmänner nicht getan, sondern sie haben sich in anderer Weise herausgeredet. Grey hat gesagt: Lichnowsky hat das zwar dazumal gefragt, aber er hat es als Privarmann gefragt, nicht im Auftrage der deutschen Regierung; hätte er es im Auftrage der deutschen Regierung gesagt, so wäre es anders gewesen. Lichnowsky, der deutsche Botschafter, hat den besten Willen gehabt, den Frieden im Westen zu halten; aber hinter ihm stand nicht die deutsche Regierung!

[ 28 ] Aber hat man denn auf jener Seite, wo man jenes Ja nicht gesagt hat, eigentlich so recht ein gutes Gewissen gehabt? Die Tatsachen sprechen eigentlich nicht dafür; denn als später die Frage wegen dieser Besprechung zwischen dem deutschen Botschafter und Sir Edward Grey wiederum auf die Tagesordnung gesetzt war und man sagte, daß es England ja in der Hand gehabt hätte, die Neutralität Belgiens zu retten, da verteidigte sich die englische Regierung; aber wohlweislich nicht damit — dazumal waren in der englischen Regierung doch zu gute Staatsmänner —, daß sie sich auf das bloß Formaljuristische zurück zog. Trotzdem ich nichts zurücknehme von dem Urteil, das nicht ich, sondern seine englischen Kollegen über Sir Edward Grey gefällt haben, und das ich Ihnen angeführt habe, war er doch ein zu guter Staatsmann, um sich einfach mit der Pose zu begnügen und zu sagen: 1839 war der Vertrag geschlossen worden, also war Deutschland verpflichtet, die Neutralität zu halten, auch wenn England eine ausweichende Antwort gibt. Das haben die englischen Staatsmänner nicht getan, sondern sie haben sich in anderer Weise herausgeredet. Grey hat gesagt: Lichnowsky hat das zwar dazumal gefragt, aber er hat es als Privarmann gefragt, nicht im Auftrage der deutschen Regierung; hätte er es im Auftrage der deutschen Regierung gesagt, so wäre es anders gewesen. Lichnowsky, der deutsche Botschafter, hat den besten Willen gehabt, den Frieden im Westen zu halten; aber hinter ihm stand nicht die deutsche Regierung!

[ 29 ] Nun denken Sie sich: In jedem Privatfall nennt man dieses mit vollem Rechte eine faule Ausrede, in ganz gewöhnlichem Sinn eine faule Ausrede! Denn die ganze Welt weiß, daß wenn der Botschafter irgendeines Staates zu dem fremden Minister des Auswärtigen redet, er im Auftrag und mit der vollen Gewalt seines Staates redet, und sein Staat kann gar nicht anders, wenn er sich nicht bei der ganzen Welt unmöglich machen will, als dasjenige ratifizieren, was sein Botschafter sagt. Das ist also eine ganz faule Ausrede gewesen, zu der gegriffen wurde, weil man sich nicht auf die Position zurückziehen wollte, einfach zu sagen: es war korrekt. Man fühlte eben schon das Gewicht der Tatsache, daß England die Neutralitätsverletzung hätte verhindern können, ganz gleichgültig, ob sie von der andern Seite berechtigt war oder nicht. Wenn irgendwo eine Lawine stürzt und einer oben hält sie nicht zurück, weil er aus irgendeinem Grunde gezwungen ist, es nicht zu tun, den man berechtigt finden mag oder nicht, jedenfalls auch nicht berechtigt finden mag, und der, der etwas weiter unten ist, hält sie auch nicht zurück, und zwar mit der Begründung, der obere hätte sie zurückhalten müssen — nein, eine solche Argumentation geht nicht! Aber wenn man diese Dinge beurteilen will, handelt es sich immer auch darum, sie etwas zu wägen. Da muß man zum Beispiel wieder folgendes in Betracht ziehen:

[ 29 ] Nun denken Sie sich: In jedem Privatfall nennt man dieses mit vollem Rechte eine faule Ausrede, in ganz gewöhnlichem Sinn eine faule Ausrede! Denn die ganze Welt weiß, daß wenn der Botschafter irgendeines Staates zu dem fremden Minister des Auswärtigen redet, er im Auftrag und mit der vollen Gewalt seines Staates redet, und sein Staat kann gar nicht anders, wenn er sich nicht bei der ganzen Welt unmöglich machen will, als dasjenige ratifizieren, was sein Botschafter sagt. Das ist also eine ganz faule Ausrede gewesen, zu der gegriffen wurde, weil man sich nicht auf die Position zurückziehen wollte, einfach zu sagen: es war korrekt. Man fühlte eben schon das Gewicht der Tatsache, daß England die Neutralitätsverletzung hätte verhindern können, ganz gleichgültig, ob sie von der andern Seite berechtigt war oder nicht. Wenn irgendwo eine Lawine stürzt und einer oben hält sie nicht zurück, weil er aus irgendeinem Grunde gezwungen ist, es nicht zu tun, den man berechtigt finden mag oder nicht, jedenfalls auch nicht berechtigt finden mag, und der, der etwas weiter unten ist, hält sie auch nicht zurück, und zwar mit der Begründung, der obere hätte sie zurückhalten müssen — nein, eine solche Argumentation geht nicht! Aber wenn man diese Dinge beurteilen will, handelt es sich immer auch darum, sie etwas zu wägen. Da muß man zum Beispiel wieder folgendes in Betracht ziehen:

[ 30 ] Wann ist denn das geschehen? Wir sind jetzt am 2. August. Am 2. August bat der König von Belgien England um Intervention, das heißt, er bat, bei Deutschland zu intervenieren. Der belgische König betrachtete es also als eine Selbstverständlichkeit, daß England mit Deutschland über die Neutralität Belgiens verhandelt. Aber England tat es zunächst nicht, wartete einen vollen Tag, an dem Sir Edward Grey in London zu seinem Parlament sprach, wobei er die ganze Besprechung mit dem deutschen Botschafter verschwieg, kein Sterbenswort davon sagte. Hätte er etwas davon gesagt, dann wäre die Parlamentssitzung dazumal anders verlaufen!

[ 30 ] Wann ist denn das geschehen? Wir sind jetzt am 2. August. Am 2. August bat der König von Belgien England um Intervention, das heißt, er bat, bei Deutschland zu intervenieren. Der belgische König betrachtete es also als eine Selbstverständlichkeit, daß England mit Deutschland über die Neutralität Belgiens verhandelt. Aber England tat es zunächst nicht, wartete einen vollen Tag, an dem Sir Edward Grey in London zu seinem Parlament sprach, wobei er die ganze Besprechung mit dem deutschen Botschafter verschwieg, kein Sterbenswort davon sagte. Hätte er etwas davon gesagt, dann wäre die Parlamentssitzung dazumal anders verlaufen!

[ 31 ] Nachdem die Besprechung mit dem deutschen Botschafter stattgefunden hatte, nachdem der König von Belgien die Intervention Englands angerufen hatte, wurde also in England gewartet, es wurde nichts getan. Auf was wurde denn eigentlich gewartet? Gewartet wurde darauf, daß die Neutralitätsverlerzung Belgiens fertig war! Denn solange sie nicht fertig war, hätte die Geschichte noch immer so gehen können, daß sie nicht geschah; denn es waren mächtige Kräfte daran, sie nicht geschehen zu lassen, und sie hing an einem Faden. Und wäre die Bitte des Königs von Belgien zur rechten Zeit erfüllt worden, hätte England interveniert, dann ist es eine Frage, ob diese Neutralitätsverletzung geschehen wäre. Aber wann hat Grey interveniert? Am vierten, als die deutschen Heere bereits auf dem Boden Belgiens standen! Warum hat er gewartet, selbst nach der Bitte des Königs von Belgien? Das sind Fragen, die gestellt werden müssen.

[ 31 ] Nachdem die Besprechung mit dem deutschen Botschafter stattgefunden hatte, nachdem der König von Belgien die Intervention Englands angerufen hatte, wurde also in England gewartet, es wurde nichts getan. Auf was wurde denn eigentlich gewartet? Gewartet wurde darauf, daß die Neutralitätsverlerzung Belgiens fertig war! Denn solange sie nicht fertig war, hätte die Geschichte noch immer so gehen können, daß sie nicht geschah; denn es waren mächtige Kräfte daran, sie nicht geschehen zu lassen, und sie hing an einem Faden. Und wäre die Bitte des Königs von Belgien zur rechten Zeit erfüllt worden, hätte England interveniert, dann ist es eine Frage, ob diese Neutralitätsverletzung geschehen wäre. Aber wann hat Grey interveniert? Am vierten, als die deutschen Heere bereits auf dem Boden Belgiens standen! Warum hat er gewartet, selbst nach der Bitte des Königs von Belgien? Das sind Fragen, die gestellt werden müssen.

[ 32 ] Alles dieses könnte noch durch vieles vermehrt werden, wenn man die Dokumente wirklich, ich möchte sagen, kreuzweise studiert; es ist aber nicht nötig, denn ich glaube Ihnen klargemacht zu haben, daß die Dinge seit Jahren wohl vorbereitet waren. Man braucht sich daher gar nicht zu verwundern, daß sie in der letzten Zeit so verlaufen sind. Selbstverständlich, wenn man die Dokumente einseitig studiert, so kommt nur Formales dabei heraus.

[ 32 ] Alles dieses könnte noch durch vieles vermehrt werden, wenn man die Dokumente wirklich, ich möchte sagen, kreuzweise studiert; es ist aber nicht nötig, denn ich glaube Ihnen klargemacht zu haben, daß die Dinge seit Jahren wohl vorbereitet waren. Man braucht sich daher gar nicht zu verwundern, daß sie in der letzten Zeit so verlaufen sind. Selbstverständlich, wenn man die Dokumente einseitig studiert, so kommt nur Formales dabei heraus.

[ 33 ] Ich wollte also nicht nach der einen oder nach der andern Seite Partei ergreifen, sondern nur zeigen, was nötig ist, um ein Urteil zu bekommen über solche Dinge. Denn viel eher möchte ich, im Sinne des Nervs der Geisteswissenschaft, wo ja ein hoher Gesichtspunkt angestrebt wird, davon abhalten, leichten Herzens abfällige Urteile über das zu fällen, was in dem Aufeinanderprallen von Staaten in der Weltgeschichte geschieht, denn das ist es: nicht Völker führen Krieg, Staaten führen Krieg!

[ 33 ] Ich wollte also nicht nach der einen oder nach der andern Seite Partei ergreifen, sondern nur zeigen, was nötig ist, um ein Urteil zu bekommen über solche Dinge. Denn viel eher möchte ich, im Sinne des Nervs der Geisteswissenschaft, wo ja ein hoher Gesichtspunkt angestrebt wird, davon abhalten, leichten Herzens abfällige Urteile über das zu fällen, was in dem Aufeinanderprallen von Staaten in der Weltgeschichte geschieht, denn das ist es: nicht Völker führen Krieg, Staaten führen Krieg!

[ 34 ] Man bedenkt auf diesem Gebiete viel zu wenig, daß die Kräfte des Werdens, aber auch die Kräfte des Zerstörens, des Abbaues da sein müssen im Weltengeschehen. Ist es denn beim einzelnen Menschen anders? Indem wir unsere Fähigkeiten im Laufe unseres Lebens entwikkeln, bauen wir unseren Leib ab, zerstören wir unseren Leib; und ich werde Ihnen morgen zeigen, was für ein tiefer Zusammenhang besteht zwischen unserem seelischen Leben und der Belladonna, dem Stechapfel, den Giften, die Sie draußen in der Welt finden. Das sind allerdings Wahrheiten, die in die Tiefen der Dinge hineingreifen. Aber man muß den Mut haben, diese Wahrheiten auch in der Weltgeschichte geltend zu machen. Daher ist es viel besser, zu verstehen, als zu urteilen nach irgendwelchen sogenannten Normen. Das Verurteilen von Staaten und Völkern, das steht in der Regel auf recht schwachen Füßen. Man muß sich schon deshalb, um endlich in die geistige Welt aufsteigen und dort etwas erkennen zu können, daran gewöhnen, ohne Kritik, die auf ein ganz anderes Feld gehört, einfach die Tatsachen zu betrachten; erst dann versteht man, welche Kräfte in die Weltenentwickelung eingreifen.

[ 34 ] Man bedenkt auf diesem Gebiete viel zu wenig, daß die Kräfte des Werdens, aber auch die Kräfte des Zerstörens, des Abbaues da sein müssen im Weltengeschehen. Ist es denn beim einzelnen Menschen anders? Indem wir unsere Fähigkeiten im Laufe unseres Lebens entwikkeln, bauen wir unseren Leib ab, zerstören wir unseren Leib; und ich werde Ihnen morgen zeigen, was für ein tiefer Zusammenhang besteht zwischen unserem seelischen Leben und der Belladonna, dem Stechapfel, den Giften, die Sie draußen in der Welt finden. Das sind allerdings Wahrheiten, die in die Tiefen der Dinge hineingreifen. Aber man muß den Mut haben, diese Wahrheiten auch in der Weltgeschichte geltend zu machen. Daher ist es viel besser, zu verstehen, als zu urteilen nach irgendwelchen sogenannten Normen. Das Verurteilen von Staaten und Völkern, das steht in der Regel auf recht schwachen Füßen. Man muß sich schon deshalb, um endlich in die geistige Welt aufsteigen und dort etwas erkennen zu können, daran gewöhnen, ohne Kritik, die auf ein ganz anderes Feld gehört, einfach die Tatsachen zu betrachten; erst dann versteht man, welche Kräfte in die Weltenentwickelung eingreifen.

[ 35 ] Betrachten wir von diesem Gesichtspunkte aus sine ira — aber ja nicht sine studio — gewisse Vorgänge, die ich bisher fast nur betrachtet gehört habe vom moralischen Standpunkte aus. Dieser muß gewiß auf die Handlungen des einzelnen Menschen angewendet werden, ist aber eine Absurdität, wenn man ihn auf das Leben der Staaten anwendet. Vielleicht wird es sogar der eine oder der andere sonderbar finden, wenn ich diese Vorgänge, wie Nietzsche gesagt hat, «moralinfrei» betrachten möchte; aber man kann sie schon moralinfrei betrachten.

[ 35 ] Betrachten wir von diesem Gesichtspunkte aus sine ira — aber ja nicht sine studio — gewisse Vorgänge, die ich bisher fast nur betrachtet gehört habe vom moralischen Standpunkte aus. Dieser muß gewiß auf die Handlungen des einzelnen Menschen angewendet werden, ist aber eine Absurdität, wenn man ihn auf das Leben der Staaten anwendet. Vielleicht wird es sogar der eine oder der andere sonderbar finden, wenn ich diese Vorgänge, wie Nietzsche gesagt hat, «moralinfrei» betrachten möchte; aber man kann sie schon moralinfrei betrachten.

[ 36 ] Das mächtige Britische Reich enthält als einen seiner hauptsächlichsten Faktoren die Herrschaft über Indien. Diese Herrschaft über Indien hat mancherlei Stufen des Vorlebens. Sie ist ausgegangen von der Ostindischen Gesellschaft, einer Handelsgesellschaft, der zunächst die Privilegien gegeben worden sind, für England allein mit Indien Handel zu treiben. Und so entwickelte sich im Laufe der Zeit aus den verschiedenerlei Rechten der Ostindischen Gesellschaft kontinuierlich, sachgemäß, Englands Herrschaft über Indien, sogar das englische Kaisertum Indien. Es entwickelte sich daraus auch, und zwar schon in der Ostindischen Gesellschaft, Englands Handel mit China. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts war übrigens schon ein eifriger Handel zwischen Indien und China betrieben worden, und die englisch-ostindische Gesellschaft war damals schon beteiligt. Im weiteren Verlaufe aber wurde ja überhaupt England der Erste Kaufmann der Welt.

[ 36 ] Das mächtige Britische Reich enthält als einen seiner hauptsächlichsten Faktoren die Herrschaft über Indien. Diese Herrschaft über Indien hat mancherlei Stufen des Vorlebens. Sie ist ausgegangen von der Ostindischen Gesellschaft, einer Handelsgesellschaft, der zunächst die Privilegien gegeben worden sind, für England allein mit Indien Handel zu treiben. Und so entwickelte sich im Laufe der Zeit aus den verschiedenerlei Rechten der Ostindischen Gesellschaft kontinuierlich, sachgemäß, Englands Herrschaft über Indien, sogar das englische Kaisertum Indien. Es entwickelte sich daraus auch, und zwar schon in der Ostindischen Gesellschaft, Englands Handel mit China. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts war übrigens schon ein eifriger Handel zwischen Indien und China betrieben worden, und die englisch-ostindische Gesellschaft war damals schon beteiligt. Im weiteren Verlaufe aber wurde ja überhaupt England der Erste Kaufmann der Welt.

[ 37 ] Nun kam mit diesem Einverleiben des Elementes des Handeltreibens im Orient ein anderes damit in Berührung, es durchkreuzte sich damit ein anderes. Seit dem 17. Jahrhundert verbreitete sich in China die Sitte des Opiumrauchens. Wahrscheinlich haben die Araber die Chinesen das Opiumrauchen gelehrt, denn vor dem 17. Jahrhundert waren die Chinesen keine Opiumraucher. Opiumrauchen bedeutet für die Menschen, die es tun, einen fragwürdigen, aber starken Genuß; denn der Opiumraucher verschafft sich die mannigfaltigsten, aus dem Astralischen herausgeborenen Phantasien, in denen er lebt; es ist wirklich eine andere Welt, die auf rein materiellem Wege erreicht wird.

[ 37 ] Nun kam mit diesem Einverleiben des Elementes des Handeltreibens im Orient ein anderes damit in Berührung, es durchkreuzte sich damit ein anderes. Seit dem 17. Jahrhundert verbreitete sich in China die Sitte des Opiumrauchens. Wahrscheinlich haben die Araber die Chinesen das Opiumrauchen gelehrt, denn vor dem 17. Jahrhundert waren die Chinesen keine Opiumraucher. Opiumrauchen bedeutet für die Menschen, die es tun, einen fragwürdigen, aber starken Genuß; denn der Opiumraucher verschafft sich die mannigfaltigsten, aus dem Astralischen herausgeborenen Phantasien, in denen er lebt; es ist wirklich eine andere Welt, die auf rein materiellem Wege erreicht wird.

[ 38 ] Als nun die Leute, die in der angegebenen Weise von England aus mit China Handel trieben, bemerkten, daß unter den Chinesen immer mehr und mehr die Sitte, die Leidenschaft des Opiumrauchens überhandnahm, da richteten sie in Bengalen, in Indien, weite Mohnkulturen ein, um das Opium zu gewinnen; denn es weiß jeder, der die Gesetze einer solchen Sache kennt, daß nicht nur die Nachfrage das Angebot erzeugt,sondern daß umgekehrt das Angebot auch wiederum die Nachfrage hervorbringt. Wenn man recht viel anbietet, dann entsteht nach diesem oder jenem Artikel ein besonders starkes Bedürfnis, das weiß jeder Nationalökonom. Und auch dafür wurde nun der Ostindischen Gesellschaft von England aus das Monopol gegeben, in China das Opium einzuführen. Und je mehr man einführte, desto mehr verbreitete sich in China dieses Übel des Opiumrauchens. Seit 1772 wurden jährlich mehrere tausend Kisten eingeführt, jede Kiste zum Betrag von etwa viertausendachthundert Mark.

[ 38 ] Als nun die Leute, die in der angegebenen Weise von England aus mit China Handel trieben, bemerkten, daß unter den Chinesen immer mehr und mehr die Sitte, die Leidenschaft des Opiumrauchens überhandnahm, da richteten sie in Bengalen, in Indien, weite Mohnkulturen ein, um das Opium zu gewinnen; denn es weiß jeder, der die Gesetze einer solchen Sache kennt, daß nicht nur die Nachfrage das Angebot erzeugt,sondern daß umgekehrt das Angebot auch wiederum die Nachfrage hervorbringt. Wenn man recht viel anbietet, dann entsteht nach diesem oder jenem Artikel ein besonders starkes Bedürfnis, das weiß jeder Nationalökonom. Und auch dafür wurde nun der Ostindischen Gesellschaft von England aus das Monopol gegeben, in China das Opium einzuführen. Und je mehr man einführte, desto mehr verbreitete sich in China dieses Übel des Opiumrauchens. Seit 1772 wurden jährlich mehrere tausend Kisten eingeführt, jede Kiste zum Betrag von etwa viertausendachthundert Mark.

[ 39 ] Nun, ich wähle gerade dieses Beispiel, weil so etwas wirklich einen tieferen kulturhistorischen Untergrund hat, wenn man alle Faktoren in Erwägung zieht. Denken Sie doch nur einmal, daß Sie mit dem Einimpfen des Opiums, da es auf die Seele wirkt, wirklich in das ganze geistige Leben eines Volkes oder derjenigen Menschen, denen Sie das Opium liefern, eingreifen. Ich kann dieses Beispiel wählen, denn es fällt mir gar nicht ein, zu behaupten, irgend jemand habe unrecht, der Handel treiben will; der Handel muß in der Welt frei sein. Das ist auch ein berechtigter Grundsatz. Und jemandem ohne weiteres unrecht zu geben, der in Bengalen Mohnkulturen macht, um daraus Opium für China zu gewinnen und Gold dafür einzunehmen, das fällt mir gar nicht ein.

[ 39 ] Nun, ich wähle gerade dieses Beispiel, weil so etwas wirklich einen tieferen kulturhistorischen Untergrund hat, wenn man alle Faktoren in Erwägung zieht. Denken Sie doch nur einmal, daß Sie mit dem Einimpfen des Opiums, da es auf die Seele wirkt, wirklich in das ganze geistige Leben eines Volkes oder derjenigen Menschen, denen Sie das Opium liefern, eingreifen. Ich kann dieses Beispiel wählen, denn es fällt mir gar nicht ein, zu behaupten, irgend jemand habe unrecht, der Handel treiben will; der Handel muß in der Welt frei sein. Das ist auch ein berechtigter Grundsatz. Und jemandem ohne weiteres unrecht zu geben, der in Bengalen Mohnkulturen macht, um daraus Opium für China zu gewinnen und Gold dafür einzunehmen, das fällt mir gar nicht ein.

[ 40 ] Aber die Chinesen sahen die armen ausgemergelten Opiumraucher. Der Opiumraucher kommt allmählich ganz herunter und es war nach und nach zu bemerken, welchen Einfluß für das Dekadentwerden weiter Schichten der Bevölkerung in China dieses Opiumrauchen hat. Als die Chinesen das bemerkten, war die Folge davon, daß sie 1794 das Opium verboten. Sie wollten kein Opium mehr in ihr Land hereinlassen.

[ 40 ] Aber die Chinesen sahen die armen ausgemergelten Opiumraucher. Der Opiumraucher kommt allmählich ganz herunter und es war nach und nach zu bemerken, welchen Einfluß für das Dekadentwerden weiter Schichten der Bevölkerung in China dieses Opiumrauchen hat. Als die Chinesen das bemerkten, war die Folge davon, daß sie 1794 das Opium verboten. Sie wollten kein Opium mehr in ihr Land hereinlassen.

[ 41 ] Nun, wie das so geht: Verbote hindern manchmal nicht den Handel mit dem, was verboten ist; man findet Mittel und Wege, die Sache doch zu verhandeln. Und damals stellte es sich heraus, daß — trotzdem formal das Verbot bestand, trotzdem die Chinesen ein Gesetz erlassen hatten, daß Opium nicht eingeführt werden darf — der Opiumhandel doch blühte. Es gibt ja allerlei Dinge; Bestechungen sind nur eine Seite der Sache, es gibt manches andere damit Verwandte. Nun, kurz, der Opiumhandel blühte, und war von einigen tausend Kisten im Jahre 1773 auf dreißigtausend Kisten im Jahre 1837 gestiegen — in wenigen Jahrzehnten. Das, was dafür erlöst wurde, etwa dreißig Millionen Franken im Jahre, floß nach Britisch-Indien.

[ 41 ] Nun, wie das so geht: Verbote hindern manchmal nicht den Handel mit dem, was verboten ist; man findet Mittel und Wege, die Sache doch zu verhandeln. Und damals stellte es sich heraus, daß — trotzdem formal das Verbot bestand, trotzdem die Chinesen ein Gesetz erlassen hatten, daß Opium nicht eingeführt werden darf — der Opiumhandel doch blühte. Es gibt ja allerlei Dinge; Bestechungen sind nur eine Seite der Sache, es gibt manches andere damit Verwandte. Nun, kurz, der Opiumhandel blühte, und war von einigen tausend Kisten im Jahre 1773 auf dreißigtausend Kisten im Jahre 1837 gestiegen — in wenigen Jahrzehnten. Das, was dafür erlöst wurde, etwa dreißig Millionen Franken im Jahre, floß nach Britisch-Indien.

[ 42 ] Als die Sache so überhandgenommen hatte, wußten sich die Chinesen nicht mehr anders zu helfen, als dadurch, daß sie die Opiumladungen, die ankamen, mit Beschlag belegen ließen. Nach Kanton, wo die Opiumladungen vorzugsweise ankamen, schickten sie einen tüchtigen Chinesen, einen energischen Mann, Lin mit Namen, der die Opiumkisten, die ankamen, konfiszierte. Die Engländer hatten als Konsulatsbeamten in China auch einen sehr tüchtigen Mann, den Kapitän Elliot, der war energisch, es gelang ihm sogar einmal, mit einem Kriegsschiff die chinesische Blockade zu durchbrechen.

[ 42 ] Als die Sache so überhandgenommen hatte, wußten sich die Chinesen nicht mehr anders zu helfen, als dadurch, daß sie die Opiumladungen, die ankamen, mit Beschlag belegen ließen. Nach Kanton, wo die Opiumladungen vorzugsweise ankamen, schickten sie einen tüchtigen Chinesen, einen energischen Mann, Lin mit Namen, der die Opiumkisten, die ankamen, konfiszierte. Die Engländer hatten als Konsulatsbeamten in China auch einen sehr tüchtigen Mann, den Kapitän Elliot, der war energisch, es gelang ihm sogar einmal, mit einem Kriegsschiff die chinesische Blockade zu durchbrechen.

[ 43 ] Nun galt es, sich aus der Affäre zu ziehen: Die Opiumkisten waren da, ganze Mengen. Aber die Chinesen gaben jetzt zunächst nicht nach es war eine fatale Situation. Da ließ sich Elliot, da er das konnte, 20283 Kisten auf den Besitz seiner eigenen Person übertragen, signieren, und übergab sie der chinesischen Regierung. So war zunächst einmal ein Ausweg geschaffen.

[ 43 ] Nun galt es, sich aus der Affäre zu ziehen: Die Opiumkisten waren da, ganze Mengen. Aber die Chinesen gaben jetzt zunächst nicht nach es war eine fatale Situation. Da ließ sich Elliot, da er das konnte, 20283 Kisten auf den Besitz seiner eigenen Person übertragen, signieren, und übergab sie der chinesischen Regierung. So war zunächst einmal ein Ausweg geschaffen.

[ 44 ] Aber das schuf den Opiumhandel nicht aus der Welt. Von der einen Seite war ja gar nicht der Wille dazu da, den Opiumhandel aus der Welt zu schaffen. Da wußten sich die Chinesen nicht anders zu helfen, als ein neues Gesetz zu machen, und dieses Gesetz war jetzt sehr strenge. Lin verfügte, daß alle beim Opiumhandel betroffenen Personen von chinesischen Gerichten mit dem Tod bestraft werden sollten, und daß die Schiffe fortan alle mit Beschlag belegt werden sollen. Die Chinesen hatten also nun in Aussicht gestellt: wenn einer mit Opium handelt, wird er vor ein chinesisches Gericht gestellt und mit dem Tod bestraft.

[ 44 ] Aber das schuf den Opiumhandel nicht aus der Welt. Von der einen Seite war ja gar nicht der Wille dazu da, den Opiumhandel aus der Welt zu schaffen. Da wußten sich die Chinesen nicht anders zu helfen, als ein neues Gesetz zu machen, und dieses Gesetz war jetzt sehr strenge. Lin verfügte, daß alle beim Opiumhandel betroffenen Personen von chinesischen Gerichten mit dem Tod bestraft werden sollten, und daß die Schiffe fortan alle mit Beschlag belegt werden sollen. Die Chinesen hatten also nun in Aussicht gestellt: wenn einer mit Opium handelt, wird er vor ein chinesisches Gericht gestellt und mit dem Tod bestraft.

[ 45 ] Man sagte nun nicht etwa auf britischer Seite: Da muß man doch, damit keiner um einen Kopf kürzer gemacht wird «ober der Krempe», den Opiumhandel unterlassen; o nein, so sagte man nicht, sondern man sagte — ich führe es Ihnen wörtlich an —: «Mit einer derartigen Forderung hat die chinesische Regierung jedes Gefühl der Sicherheit endgültig zerstört.» Zunächst wurden die in China befindlichen Engländer aufgefordert, China zu verlassen, und von Indien her wurde bewaffnete Hilfe gefordert. Man besetzte sozusagen das Gebiet. Und da die Chinesen ziemlich tapfer auf ihrem Standpunkt beharrten und doch jeden köpfen wollten, der Opiumhandel trieb, so trieb man scheinbar keinen Opiumhandel; und da die Chinesen die britischen Schiffe mit Opium mit Beschlag belegen wollten, schickte man scheinbar keine Schiffe hin. Man verlud nämlich in Indien das Opium auf amerikanische Schiffe! Und auf amerikanischen Schiffen kam jetzt ebensoviel, ja sogar — die Dinge steigerten sich — immer mehr Opium in China an.

[ 45 ] Man sagte nun nicht etwa auf britischer Seite: Da muß man doch, damit keiner um einen Kopf kürzer gemacht wird «ober der Krempe», den Opiumhandel unterlassen; o nein, so sagte man nicht, sondern man sagte — ich führe es Ihnen wörtlich an —: «Mit einer derartigen Forderung hat die chinesische Regierung jedes Gefühl der Sicherheit endgültig zerstört.» Zunächst wurden die in China befindlichen Engländer aufgefordert, China zu verlassen, und von Indien her wurde bewaffnete Hilfe gefordert. Man besetzte sozusagen das Gebiet. Und da die Chinesen ziemlich tapfer auf ihrem Standpunkt beharrten und doch jeden köpfen wollten, der Opiumhandel trieb, so trieb man scheinbar keinen Opiumhandel; und da die Chinesen die britischen Schiffe mit Opium mit Beschlag belegen wollten, schickte man scheinbar keine Schiffe hin. Man verlud nämlich in Indien das Opium auf amerikanische Schiffe! Und auf amerikanischen Schiffen kam jetzt ebensoviel, ja sogar — die Dinge steigerten sich — immer mehr Opium in China an.

[ 46 ] Elliot, der Beamte, sagte: Man sieht nun deutlich die Frage, um die es sich bei unserem Streitfall handelt: ob China mit uns einen ehrlichen und wachsenden Handelsverkehr haben oder ob es die Schuld tragen will, daß seine Küsten der offenen Freibeuterei anheimfallen. — Der Hafen von Kanton wurde mit indischer Hilfe blockiert. Bei den Balgereien, Katzbalgereien könnte man sagen, die sich dabei entwickelten, wurde ein Chinese von einem englischen Matrosen erschlagen. Selbstverständlich forderte die chinesische Regierung die Auslieferung des englischen Matrosen. Aber die Sache war so, daß die Chinesen ab und zu immer wiederum bei dem Handel müde wurden, und so wollten sie eines Tages irgendwie Recht haben, aber doch den Engländern nicht unrecht geben. Das kann man nämlich auch machen! Nun ertrank dazumal zufällig ein englischer Matrose, und da kam Elliot, der ein sehr gescheiter Mann war, mit Lin, dem Vertreter der chinesischen Regierung, überein, den ertrunkenen Matrosen als denjenigen zu konstatieren, der den Chinesen erschlagen hatte. Und man lieferte den ertrunkenen Matrosen aus, und damit war dieSache zunächst beigelegt. Aber alle die Dinge führten 1840 endlich zum Krieg zwischen England und China.

[ 46 ] Elliot, der Beamte, sagte: Man sieht nun deutlich die Frage, um die es sich bei unserem Streitfall handelt: ob China mit uns einen ehrlichen und wachsenden Handelsverkehr haben oder ob es die Schuld tragen will, daß seine Küsten der offenen Freibeuterei anheimfallen. — Der Hafen von Kanton wurde mit indischer Hilfe blockiert. Bei den Balgereien, Katzbalgereien könnte man sagen, die sich dabei entwickelten, wurde ein Chinese von einem englischen Matrosen erschlagen. Selbstverständlich forderte die chinesische Regierung die Auslieferung des englischen Matrosen. Aber die Sache war so, daß die Chinesen ab und zu immer wiederum bei dem Handel müde wurden, und so wollten sie eines Tages irgendwie Recht haben, aber doch den Engländern nicht unrecht geben. Das kann man nämlich auch machen! Nun ertrank dazumal zufällig ein englischer Matrose, und da kam Elliot, der ein sehr gescheiter Mann war, mit Lin, dem Vertreter der chinesischen Regierung, überein, den ertrunkenen Matrosen als denjenigen zu konstatieren, der den Chinesen erschlagen hatte. Und man lieferte den ertrunkenen Matrosen aus, und damit war dieSache zunächst beigelegt. Aber alle die Dinge führten 1840 endlich zum Krieg zwischen England und China.

[ 47 ] So war der Hergang ein ganz notwendiger, der nicht anders hat kommen können. Man hat aber auf das Seelenleben von der materiellen Seite her einen großen Einfluß ausgeübt, und es spielte sich etwas ab, was mit dem ganzen Weltprozeßß zusammenhängt. In England «wußte» man, um was es sich handelte! Was wußte man denn? Ja, in England wußte man, daß man von China aus England «überfallen» habe — so sagte man nämlich dazumal —, und zwar aus dem Grunde, weil die Chinesen nicht leiden wollten, daß England in Indien seineOpiumkulturen, Mohnkulturen hat, und weil die Chinesen selber ihren Mohn pflanzen wollen. So sagte man. Das awußte» man ganz genau, und dann wußte man noch, daß die Chinesen Barbaren sind! Das war es, was man dazumal in England wußte. Lord Palmerston sagte: Schutz der Mohnkulturen in Indien müsse Platz greifen, und um den Schutz der Mohnkulturen in Indien handele es sich; und ferner handele es sich darum, daß die Nationalökonomen in China ihr Geld nicht aus dem Land heraus lassen wollten, das von Rechts wegen aber nach Indien gehörte. — Das alles waren Dinge, die man in Europa wohl einsah!

[ 47 ] So war der Hergang ein ganz notwendiger, der nicht anders hat kommen können. Man hat aber auf das Seelenleben von der materiellen Seite her einen großen Einfluß ausgeübt, und es spielte sich etwas ab, was mit dem ganzen Weltprozeßß zusammenhängt. In England «wußte» man, um was es sich handelte! Was wußte man denn? Ja, in England wußte man, daß man von China aus England «überfallen» habe — so sagte man nämlich dazumal —, und zwar aus dem Grunde, weil die Chinesen nicht leiden wollten, daß England in Indien seineOpiumkulturen, Mohnkulturen hat, und weil die Chinesen selber ihren Mohn pflanzen wollen. So sagte man. Das awußte» man ganz genau, und dann wußte man noch, daß die Chinesen Barbaren sind! Das war es, was man dazumal in England wußte. Lord Palmerston sagte: Schutz der Mohnkulturen in Indien müsse Platz greifen, und um den Schutz der Mohnkulturen in Indien handele es sich; und ferner handele es sich darum, daß die Nationalökonomen in China ihr Geld nicht aus dem Land heraus lassen wollten, das von Rechts wegen aber nach Indien gehörte. — Das alles waren Dinge, die man in Europa wohl einsah!

[ 48 ] Nun wütete der Krieg. Im Kriege geschehen selbstverständlich Greuel. Greuel sind auf chinesischer, Greuel sind auch auf englischer Seite begangen worden. Man hat dazumal ganze Dörfer so gefunden, daß die weiblichen Einwohner der Häuser in ihrem Blute schwammen; die chinesischen Männer hatten tapfer gekämpft, und als sie sahen, daß sie sich selbst töten mußten, oder sich ergeben, da töteten sie zuerst ihre Frauen und Kinder. Es war ein trauriger Krieg, dieser Krieg 1840. Elliot, der diesen ganzen Krieg mitangesehen und eigentlich auf dem Gewissen hatte, kam eines Tages in einen merkwürdigen Ruf, der vielleicht begründet war: er kam in den Ruf, daß er Neigung habe, mit den Chinesen Friedensverhandlungen einzuleiten. Da wurde er gestürzt. Und es kam — nicht Lloyd George! Pottinger hieß er dazumal, es kam ein gewisser Pottinger an die Stelle des Elliot, der Friedensverhandlungen einleiten wollte. Der Krieg sollte bis zum bitteren Ende geführt werden, das heißt, bis die Insel Chusan, die Städte Ningpo und Amoy genommen waren, bis die Engländer bis Nanking vorgerückt waren, und bis 1842 China allen Mut verloren hatte. Hongkong kam auch an England, fünf Häfen in China wurden schrankenlos dem Opiumhandel geöffnet, britische Konsuln wurden eingesetzt, siebenundneunzigeinhalb Millionen Kriegsentschädigung, also außer den früheren von den Chinesen — wie soll man sagen? — erpreßten fünfundzwanzig Millionen will ich nicht sagen, aber ein anderes Wort möchte ich dafür haben, das ich im Augenblicke nicht finde —, außer den schon früher erpreßten fünfundzwanzig Millionen kamen jetzt noch siebenundneunzigeinhalb Millionen Kriegsentschädigungen dazu.

[ 48 ] Nun wütete der Krieg. Im Kriege geschehen selbstverständlich Greuel. Greuel sind auf chinesischer, Greuel sind auch auf englischer Seite begangen worden. Man hat dazumal ganze Dörfer so gefunden, daß die weiblichen Einwohner der Häuser in ihrem Blute schwammen; die chinesischen Männer hatten tapfer gekämpft, und als sie sahen, daß sie sich selbst töten mußten, oder sich ergeben, da töteten sie zuerst ihre Frauen und Kinder. Es war ein trauriger Krieg, dieser Krieg 1840. Elliot, der diesen ganzen Krieg mitangesehen und eigentlich auf dem Gewissen hatte, kam eines Tages in einen merkwürdigen Ruf, der vielleicht begründet war: er kam in den Ruf, daß er Neigung habe, mit den Chinesen Friedensverhandlungen einzuleiten. Da wurde er gestürzt. Und es kam — nicht Lloyd George! Pottinger hieß er dazumal, es kam ein gewisser Pottinger an die Stelle des Elliot, der Friedensverhandlungen einleiten wollte. Der Krieg sollte bis zum bitteren Ende geführt werden, das heißt, bis die Insel Chusan, die Städte Ningpo und Amoy genommen waren, bis die Engländer bis Nanking vorgerückt waren, und bis 1842 China allen Mut verloren hatte. Hongkong kam auch an England, fünf Häfen in China wurden schrankenlos dem Opiumhandel geöffnet, britische Konsuln wurden eingesetzt, siebenundneunzigeinhalb Millionen Kriegsentschädigung, also außer den früheren von den Chinesen — wie soll man sagen? — erpreßten fünfundzwanzig Millionen will ich nicht sagen, aber ein anderes Wort möchte ich dafür haben, das ich im Augenblicke nicht finde —, außer den schon früher erpreßten fünfundzwanzig Millionen kamen jetzt noch siebenundneunzigeinhalb Millionen Kriegsentschädigungen dazu.

[ 49 ] Wie gesagt, es fällt mir nicht im Traume ein, diesen Vorgang als etwas anderes denn eine historische Notwendigkeit aufzufassen. Es fällt mir nicht im Traume ein, jemanden anzuklagen. Denn wer Notwendigkeiten einsehen kann, wer einsehen kann, wie die Dinge geschehen auf dem physischen Plane, der weiß, daß es solche Dinge im normalen physischen Verlauf der Weltentwickelung eben durchaus gibt. Und das, was aus dem Opium gezogen worden ist, steckt im englischen Nationalvermögen, und im englischen Nationalvermögen steckt ein guter Teil englischer Kultur. Und ebenso, wie es Unsinn wäre, die englische Kultur zu unterschätzen, ebenso ist es Unsinn, die Notwendigkeit zu bezweifeln, mit der so etwas geschehen ist, wenn auch vielleicht das kleine satirische Nachspiel, das sich hinterher noch ergeben hat, nicht ganz zu den Notwendigkeiten gehört:

[ 49 ] Wie gesagt, es fällt mir nicht im Traume ein, diesen Vorgang als etwas anderes denn eine historische Notwendigkeit aufzufassen. Es fällt mir nicht im Traume ein, jemanden anzuklagen. Denn wer Notwendigkeiten einsehen kann, wer einsehen kann, wie die Dinge geschehen auf dem physischen Plane, der weiß, daß es solche Dinge im normalen physischen Verlauf der Weltentwickelung eben durchaus gibt. Und das, was aus dem Opium gezogen worden ist, steckt im englischen Nationalvermögen, und im englischen Nationalvermögen steckt ein guter Teil englischer Kultur. Und ebenso, wie es Unsinn wäre, die englische Kultur zu unterschätzen, ebenso ist es Unsinn, die Notwendigkeit zu bezweifeln, mit der so etwas geschehen ist, wenn auch vielleicht das kleine satirische Nachspiel, das sich hinterher noch ergeben hat, nicht ganz zu den Notwendigkeiten gehört:

[ 50 ] Als die erste Rate der siebenundneunzigeinhalb Millionen Kriegsentschädigung einlief, da fanden sich nämlich Leute, die sagten: Wir sind diejenigen, denen zuerst ihre Opiumkisten abgenommen worden sind, und das, was wir dazumal als Entschädigung erhielten, entspricht nur zum allergeringsten Teil dem, was wir verloren haben. Es handelte sich also um Leute, die dazumal das Opium nach China verkauft hatten, denen das Opium abgekauft worden war, und die eine kleine Entschädigung abbekommen hatten. Jetzt sagten sie: Es hat sich doch gezeigt, daß man es in unserem Vaterland als berechtigt anerkennt, Opium nach China zu verkaufen; da müssen wir entschieden den Anspruch erheben, daß uns die volle Entschädigung gegeben wird, denn wir haben ja nichts getan als das, wofür unser Vaterland jetzt den Krieg geführt hat.

[ 50 ] Als die erste Rate der siebenundneunzigeinhalb Millionen Kriegsentschädigung einlief, da fanden sich nämlich Leute, die sagten: Wir sind diejenigen, denen zuerst ihre Opiumkisten abgenommen worden sind, und das, was wir dazumal als Entschädigung erhielten, entspricht nur zum allergeringsten Teil dem, was wir verloren haben. Es handelte sich also um Leute, die dazumal das Opium nach China verkauft hatten, denen das Opium abgekauft worden war, und die eine kleine Entschädigung abbekommen hatten. Jetzt sagten sie: Es hat sich doch gezeigt, daß man es in unserem Vaterland als berechtigt anerkennt, Opium nach China zu verkaufen; da müssen wir entschieden den Anspruch erheben, daß uns die volle Entschädigung gegeben wird, denn wir haben ja nichts getan als das, wofür unser Vaterland jetzt den Krieg geführt hat.

[ 51 ] Nachdem der Krieg gewonnen war, betrachteten die Herren es also als ihr gutes Recht, eine volle Entschädigung zu erhalten. Da zog der betreffende Minister, der die Sache zu entscheiden hatte, eine Note aus der Tasche, die er seinerzeit an den Kapitän Elliot gegeben hatte, und in dieser Note stand, daß es der englischen Regierung niemals beifallen wird, solange die chinesischen Gesetze den Opiumhandel verbieten, irgend jemanden dafür zu entschädigen, wenn er beim Opiumhandel Verluste erleide. — Da dazumal die chinesischen Gesetze in Geltung waren — so sagte man —, so habt ihr nichts zu verlangen, denn ihr habt die chinesischen Gesetze übertreten, die erst durch den Krieg aus der Welt geschafft worden sind.

[ 51 ] Nachdem der Krieg gewonnen war, betrachteten die Herren es also als ihr gutes Recht, eine volle Entschädigung zu erhalten. Da zog der betreffende Minister, der die Sache zu entscheiden hatte, eine Note aus der Tasche, die er seinerzeit an den Kapitän Elliot gegeben hatte, und in dieser Note stand, daß es der englischen Regierung niemals beifallen wird, solange die chinesischen Gesetze den Opiumhandel verbieten, irgend jemanden dafür zu entschädigen, wenn er beim Opiumhandel Verluste erleide. — Da dazumal die chinesischen Gesetze in Geltung waren — so sagte man —, so habt ihr nichts zu verlangen, denn ihr habt die chinesischen Gesetze übertreten, die erst durch den Krieg aus der Welt geschafft worden sind.

[ 52 ] Ob dieses Nachspiel auch zu den historischen Notwendigkeiten gehört, das soll nicht entschieden werden. Aber notwendig ist es doch, auf Tatsachen hinzublicken. Wir stehen beim Beginne des englisch-chinesischen Krieges 1840 am Ausgangspunkt gerade jener Zeit, von der wir oftmals gesprochen haben. Ich habe Ihnen gerade dieses Jahr angegeben als dasjenige, wo der Materialismus seine Hochflut erleidet. Es ist gut, solche Dinge in ihrer Entwickelung zu begreifen. Und wie gesagt: ebenso wie es ein Unsinn wäre, irgendwie englische Kultur oder englisches Leben, englische Zivilisation zu unterschätzen, so wäre es ein Unsinn, zu glauben, daß so etwas hätte ausbleiben können in dem ganzen Zusammenhang der englischen Entwickelung. Es gehört dazu. Und ein moralisches Urteil über die Sache zu fällen, ist vollständig unrichtig. Denn da würde man in den Fehler verfallen, Gesamtheiten, Gruppen, so zu beurteilen, wie man den Einzelnen beurteilt. Das ist aber gerade dasjenige, was unmöglich ist.

[ 52 ] Ob dieses Nachspiel auch zu den historischen Notwendigkeiten gehört, das soll nicht entschieden werden. Aber notwendig ist es doch, auf Tatsachen hinzublicken. Wir stehen beim Beginne des englisch-chinesischen Krieges 1840 am Ausgangspunkt gerade jener Zeit, von der wir oftmals gesprochen haben. Ich habe Ihnen gerade dieses Jahr angegeben als dasjenige, wo der Materialismus seine Hochflut erleidet. Es ist gut, solche Dinge in ihrer Entwickelung zu begreifen. Und wie gesagt: ebenso wie es ein Unsinn wäre, irgendwie englische Kultur oder englisches Leben, englische Zivilisation zu unterschätzen, so wäre es ein Unsinn, zu glauben, daß so etwas hätte ausbleiben können in dem ganzen Zusammenhang der englischen Entwickelung. Es gehört dazu. Und ein moralisches Urteil über die Sache zu fällen, ist vollständig unrichtig. Denn da würde man in den Fehler verfallen, Gesamtheiten, Gruppen, so zu beurteilen, wie man den Einzelnen beurteilt. Das ist aber gerade dasjenige, was unmöglich ist.

[ 53 ] Heute wird dies zwar vielfach behauptet. Ich habe soeben wieder eine Broschüre bekommen — es sind ja jetzt so viele Broschüren, die Frieden machen —, in welcher steht: Die Staaten haben ebenso ihr eigentümliches Denken, Fühlen und Wollen wie das menschliche Individuum. — Das ist natürlich der größte Unsinn, den man sagen kann, weil das, was auf einem andern, einem höheren Plane Wirklichkeit hat, auf den Menschen, dessen Denken, Fühlen und Wollen in der physischen Sphäre liegt, nicht per Analogie einfach übertragen werden darf. Gewiß, sie haben ihre Eigenschaften, die Volksgeister, die Volksseelen; aber so, wie Sie das in dem schon neulich erwähnten Vortragszyklus über die Volksgeister finden. Aber bei Völkern so von Denken, Fühlen und Wollen zu sprechen wie beim einzelnen Menschen, ist einfach ein Unding.

[ 53 ] Heute wird dies zwar vielfach behauptet. Ich habe soeben wieder eine Broschüre bekommen — es sind ja jetzt so viele Broschüren, die Frieden machen —, in welcher steht: Die Staaten haben ebenso ihr eigentümliches Denken, Fühlen und Wollen wie das menschliche Individuum. — Das ist natürlich der größte Unsinn, den man sagen kann, weil das, was auf einem andern, einem höheren Plane Wirklichkeit hat, auf den Menschen, dessen Denken, Fühlen und Wollen in der physischen Sphäre liegt, nicht per Analogie einfach übertragen werden darf. Gewiß, sie haben ihre Eigenschaften, die Volksgeister, die Volksseelen; aber so, wie Sie das in dem schon neulich erwähnten Vortragszyklus über die Volksgeister finden. Aber bei Völkern so von Denken, Fühlen und Wollen zu sprechen wie beim einzelnen Menschen, ist einfach ein Unding.

[ 54 ] Nun, meine lieben Freunde, ich habe Ihnen heute einige Beispiele anführen wollen aus dem einfachen Grunde, weil es schon notwendig war, durch eklatante Beispiele etwas Material zu gewinnen. Morgen werden wir wiederum an etwas weitergehende Gesichtspunkte anknüpfen.

[ 54 ] Nun, meine lieben Freunde, ich habe Ihnen heute einige Beispiele anführen wollen aus dem einfachen Grunde, weil es schon notwendig war, durch eklatante Beispiele etwas Material zu gewinnen. Morgen werden wir wiederum an etwas weitergehende Gesichtspunkte anknüpfen.