Reflections on Contemporary History II
The Karma of Untruthfulness
GA 173b
26 December 1916, Dornach
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Reflections on Contemporary History, Volume III, tr. SOL
Zehnter Vortrag
Tenth Lecture
[ 1 ] Ich habe Ihnen gestern die ja wohl den meisten bekannte Geschichte von dem Guten Gerhard erzählt, weil ich einiges daranknüpfen möchte, das uns zum Verständnis der Dinge, deren Verständnis wir jetzt suchen, nützlich sein kann. Bevor ich aber zu einer Art Interpretation dieser Geschichte von dem Guten Gerhard, soweit wir sie benötigen, übergehen kann, müssen wir uns einiges ins Gedächtnis rufen, das wir schon in den vorhergehenden Betrachtungen verschiedentlich berührt haben. Sie haben ja aus dem, was in diesen Wochen gesagt worden ist, ersehen können, daß das Schmerzliche, das in unserer Zeit geschieht, zusammenhängt mit Impulsen, die im Menschheitskarma der neueren Zeit, im ganzen Karma der fünften nachatlantischen Periode leben. Und für den, der die Dinge tiefer verstehen will, ist es schon notwendig, daß er das äußerlich Geschehende anzuknüpfen vermag an manches innerlich Geschehende, das man nur verstehen kann, wenn man die Menschheitsentwickelung im Sinne der Geisteswissenschaft ins Auge faßt.
[ 1 ] Yesterday I told you the story of Good Gerhard—a story with which most of you are probably familiar—because I would like to build on it in a way that may help us understand the matters we are now seeking to comprehend. But before I can move on to a kind of interpretation of this story of Good Gerhard—to the extent that we need it—we must recall a few things that we have already touched upon in various ways in our previous reflections. As you have been able to see from what has been said in recent weeks, the painful events occurring in our time are connected to impulses that live within the karma of humanity in recent times—within the entire karma of the fifth post-Atlantean period. And for those who wish to understand these matters more deeply, it is essential that they be able to connect external events with certain inner processes—processes that can only be understood by viewing human development from the perspective of spiritual science.
[ 2 ] Nehmen Sie gewisse Tatsachen, auf die ich Sie schon öfter hingewiesen habe, zunächst als solche; nehmen Sie die oft erwähnte Tatsache, daß in der Mitte des 19. Jahrhunderts das Bestreben entstand, die Menschheit der neueren Zeit aufmerksam darauf zu machen, daß in der Umwelt nicht nur diejenigen Kräfte und Mächte walten, welche von der Naturwissenschaft erkannt werden können, sondern daß in ihr auch geistige Kräfte tätig sind, daß gerade so, wie wir durch unsere Augen, durch unsere Sinne überhaupt Sinnliches wahrnehmen, in unserer Umgebung geistige Impulse wirksam sind, deren sich die Menschen auch bedienen können und die sie so in das soziale Leben einführen können, wenn sie etwas von den Dingen wissen, die man nicht mit den Sinnen wahrnehmen kann, sondern die eben Gegenstände einer geistigen Wissenschaft sind.
[ 2 ] First, accept as fact certain points that I have already brought to your attention on several occasions; take the often-mentioned fact that in the mid-19th century, an effort arose to make modern humanity aware that the environment is governed not only by those forces and powers that can be recognized by the natural sciences, but that spiritual forces are also at work within it—that just as we perceive the sensory world through our eyes and our senses in general, spiritual impulses are at work in our surroundings, which people can also make use of and thus incorporate into social life if they know something about the things that cannot be perceived by the senses but are, in fact, the subjects of a spiritual science.
[ 3 ] Wir wissen, welchen Weg diese geistige Wissenschaft gemacht hat, das brauchen wir nicht immer zu wiederholen. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts handelte es sich also darum, von einem gewissen Zentrum aus die Menschen darauf aufmerksam zu machen, daß es gewissermaßen eine geistige Umgebung gibt. Dieses hatte man ja vergessen in der Zeit des Materialismus. Sie wissen auch, daß solches vorsichtig geschehen muß, weil zu gewissen Erkenntnissen ein gewisser Reifezustand der Menschen vorausgesetzt werden muß. Gewiß können nicht alle reif sein, auf die nach dem Gesetze unserer Zeit, das der Öffentlichkeit unterliegt, solche Erkenntnisse wirken, zu denen solche Erkenntnisse kommen. Aber es kann in der Notwendigkeit einer gewissen Zeit liegen, wenigstens zu prüfen, ob solche Erkenntnisse der Öffentlichkeit gegeben werden können.
[ 3 ] We know the path this spiritual science has taken; we do not need to repeat it over and over again. Around the middle of the 19th century, the task was to draw people’s attention—from a certain center—to the fact that, so to speak, a spiritual environment exists. This had, after all, been forgotten during the age of materialism. You also know that this must be done with caution, because certain insights require a certain level of maturity on the part of people. Certainly, not everyone can be mature enough to be influenced by such insights—or to arrive at them—according to the laws of our time, which are subject to public opinion. But it may be necessary, for a certain period of time, to at least examine whether such insights can be presented to the public.
[ 4 ] Nun konnten in der Mitte des 19. Jahrhunderts zwei Wege eingeschlagen werden. Der eine wäre gewesen, daß man schon dazumal den Weg gewählt hätte, den wir einfach damit bezeichnen können, daß wir auf unsere anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft hinweisen, der Weg, dem menschlichen Denken begreiflich zu machen, was durch okkulte Erkenntnis über die geistige Umgebung erfahren werden kann. Das ist in der Tat etwas, was auch hätte versucht werden können, was aber damals, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, nicht versucht worden ist. Man schreckte davor zurück zunächst aus einem gewissen Vorurteil der «Esoteriker», das von alten Zeiten überliefert ist, und das eben darinnen besteht, daß man einfach gewisse, in okkulten Brüderschaften verwahrte Erkenntnisse — damals waren sie eben verwahrt — nicht einfach in der Öffentlichkeit mitteilen soll, sondern sie in den Kreisen der okkulten Brüderschaften lassen soll. Wir sehen ja, daß, wenn die Dinge in der richtigen Weise geschehen, sie durchaus in unserer Zeit geschehen können. Abgesehen davon, daß aus den Kreisen derer, innerhalb welcher diese Erkenntnisse verbreitet worden sind, sich böswillige Gegner gezeigt haben und immer wieder zeigen werden, Menschen, die ihren Leidenschaften, ihrem Egoismus folgend, nachdem sie eine zeitlang Anhänger waren, unter allerlei Masken Gegner werden und dadurch Mißhelligkeit hervorbringen — abgesehen davon und von dem Umstande, daß, wenn in einer Gemeinschaft okkulte Erkenntnisse verbreitet werden, dies sehr leicht zu Streit und Zank und Hader führt — man kann aber darauf nicht allzuviel geben, denn sonst könnte man niemals okkulte Erkenntnisse verbreiten —, können Schädigungen nicht eintreten, wenn die Dinge richtig gemacht werden.
[ 4 ] In the mid-19th century, two paths could have been taken. One would have been to choose, even back then, the path that we can simply describe by referring to our anthroposophically oriented spiritual science—the path of making comprehensible to human thinking what can be experienced through occult knowledge of the spiritual environment. This is indeed something that could have been attempted, but which was not attempted at that time, in the mid-19th century. People shied away from it, initially because of a certain prejudice against “esotericists” that had been handed down from ancient times, and which consists precisely in the belief that certain insights preserved within occult brotherhoods—as they were indeed preserved at that time—should not simply be shared with the public, but should remain within the circles of the occult brotherhoods. We can see, after all, that if things are done in the right way, they can certainly happen in our time. Apart from the fact that, from among the circles within which this knowledge has been disseminated, malicious opponents have emerged and will continue to emerge—people who, following their passions and selfishness, after having been followers for a time, become opponents under all sorts of guises and thereby cause discord—apart from that and from the fact that, when occult knowledge is disseminated within a community, this very easily leads to strife, quarrels, and discord—though one must not attach too much importance to this, for otherwise one could never disseminate occult knowledge—no harm can result if things are done correctly.
[ 5 ] Aber das glaubte man dazumal nicht. Man hielt sich, wie gesagt, an das bezeichnete alte Vorurteil und kam zunächst dahin überein, einen andern Weg einzuschlagen. Dieser Versuch ist nun, wie ich öfters auseinandergesetzt habe, eigentlich gescheitert. Man wählte den Weg, die okkulte Welt durch das Mittel der mediumistischen Offenbarungen geradeso bei den Menschen zur Anerkennung zu bringen wie die sinnliche Welt, indem man dazu geeignete Personen präparierte, Medien zu werden, die dann durch dasjenige, was sie auf medialem Wege bei herabgedämpftem Bewußtsein zutage förderten, die Menschen dazu bringen sollten, gewisse geistige Impulse in der Umwelt anzuerkennen. Das war ein materialistischer Weg, die geistige Welt den Menschen zugänglich zu machen. Er entsprach gewissermaßen dem fünften nachatlantischen Zeitraum, insofern dieser ein materialistisches Gepräge hat.
[ 5 ] But people did not believe that at the time. As I said, they clung to the old prejudice I mentioned and initially agreed to take a different path. This attempt, as I have often explained, has in fact failed. The path chosen was to bring the occult world to people’s recognition through mediumistic revelations in the same way as the physical world, by preparing suitable individuals to become mediums who, through what they brought to light by mediumistic means while in a state of subdued consciousness, were to lead people to recognize certain spiritual impulses in their surroundings. This was a materialistic approach to making the spiritual world accessible to people. In a sense, it corresponded to the fifth post-Atlantean epoch, insofar as this epoch has a materialistic character.
[ 6 ] Die Sache ging, wie Sie wissen, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts von Amerika aus; aber es stellte sich sehr bald heraus, daß das Ganze ein Mißgriff war. Statt daß eingetreten wäre, was man erwartet hatte, nämlich daß die Medien angegeben hätten, daß gewisse elementare und Naturgeistigkeiten in der Umgebung sind, beriefen sich alle auf Offenbarungen aus dem Reiche der Toten. Damit war nun nicht erreicht, was man zunächst erreichen sollte. Ich habe ja öfter auseinandergesetzt: An die Toten kann der Mensch erst dadurch herankommen, daß er ein Anschauen in sich entwickelt, welches nicht durch herabgedämpftes Bewußtsein vermittelt ist. Nun, diese Dinge wissen wir ja. Aber man wußte das natürlich auch in der damaligen Zeit, und daher wußte man auch, als die Medien anfingen, von sich aus von Offenbarungen der Toten zu sprechen, daß die ganze Sache ein Mißgriff war. Man hatte das nicht erwartet, sondern man hatte erwartet, daß sie angeben werden, wie die Naturgeister wirken, wie ein Mensch auf den andern wirkt, welche Kräfte in dem sozialen Organismus sind und so weiter. Man hatte gehofft, daß man dadurch erkennen werde, welche Kräfte benützt werden können von dem, der sie kennt, damit Menschen nicht bloß so aufeinander angewiesen sind, wie es durch die Sinne der Fall ist, sondern wie es durch die ganze menschliche Persönlichkeit bedingt ist. Das war das eine Übel.
[ 6 ] As you know, this movement originated in America in the mid-19th century; but it very soon became clear that the whole thing was a mistake. Instead of what had been expected—namely, that the mediums would indicate the presence of certain elemental and nature spirits in the vicinity—they all claimed to receive revelations from the realm of the dead. Thus, the original objective was not achieved. As I have often explained: Human beings can only approach the dead by developing within themselves a form of perception that is not mediated by a subdued consciousness. Well, we know these things, of course. But of course this was also known at the time, and so when the mediums began, of their own accord, to speak of revelations from the dead, it was clear that the whole endeavor was a misstep. This was not what had been expected; rather, it had been anticipated that they would describe how nature spirits operate, how one person influences another, what forces are at work in the social organism, and so on. People had hoped that this would reveal which forces could be utilized by those who understand them, so that people would not be dependent on one another merely through the senses, but rather through the entirety of the human personality. That was one of the problems.
[ 7 ] Das andere war, daß der materialistischen Anlage der Menschen gemäß sich sehr bald zeigte, zu welcher Tendenz das Medienwesen geführt hätte, wenn es die Ausbreitung gewonnen hätte, welche drohte. Es hätte dazu geführt, daß man die Medien dazu benützt hätte, um Dinge zu vollziehen, welche man nur unter dem Einflusse der naturgemäßen, an die Sinneswelt gebundenen Vernunft vollziehen soll. Es wäre natürlich für manche Menschen eine höchst begehrenswerte Sache geworden, wenn man ein Medium hätte anstellen können, welches einem angegeben hätte, wie man zu denjenigen Dingen kommen kann, die manche Leute begehren. Ich habe Ihnen erzählt, wie viele Briefe ich bekommen habe, in denen mir Leute schrieben: Ich habe ein Los, oder ich will ein Los kaufen, ich brauche das Geld für einen ganz selbstlosen Zweck; könnten Sie mir nicht sagen, welche Nummer gezogen wird? — Selbstverständlich, hätte man Medien technisch ganz ausgebildet, so hätte man einen unbegrenzten Unfug nach dieser Richtung treiben können, abgesehen von allem übrigen. Man würde zu Medien gegangen sein, um sich zu verheiraten, um sich die entsprechende Braut oder den entsprechenden Bräutigam sagen zu lassen und so weiter.
[ 7 ] The other factor was that, given people’s materialistic disposition, it very soon became clear what direction the media industry would have taken had it achieved the widespread influence that threatened to materialize. It would have led to the media being used to accomplish things that should only be accomplished under the influence of natural reason, which is bound to the sensory world. It would, of course, have become a highly desirable thing for some people if they could have employed a medium that would have told them how to obtain the things that some people desire. I have told you how many letters I have received in which people wrote to me: “I have a lottery ticket, or I want to buy one; I need the money for a completely selfless purpose—couldn’t you tell me which number will be drawn?”—Of course, if mediums had been fully trained in this regard, one could have engaged in unlimited nonsense along these lines, apart from everything else. People would have gone to mediums to get married, to have the right bride or groom pointed out to them, and so on.
[ 8 ] Daher kam es,daß man von derselben Seite, von welcher man die ganze Aktion eingeleitet hatte, um zu prüfen, ob die Menschen reif wären, Okkultes aufzunehmen, die in Gang gebrachte Bewegung nun wiederum zurückdämmen wollte. Es war nun eben doch so gegangen, wie man in älteren Zeiten, in denen noch die Fähigkeiten der vierten nachatlantischen Epoche in den Menschen nachwirkten, gefürchtet hatte, daß es gehen werde. Die Hexen verbrannte man aus dem einfachen Grunde, weil die als Hexen bezeichneten Persönlichkeiten ja im Grunde genommen auch Medien waren und weil durch ihre Verbindung mit der geistigen Welt, wenn auch auf eine dem Materialismus angemessene Weise, Dinge hätten herauskommen können, die gewissen Leuten höchst unangenehm gewesen wären. So zum Beispiel hätte es gewissen Gemeinschaften höchst unangenehm werden können, wenn eine Hexe, bevor man sie verbrannt hat, darauf aufmerksam gemacht hätte, was hinter der oder jener Gemeinschaft steckt. Denn richtig ist es ja, daß bei herabgedämpftem Bewußtsein gewissermaßen eine Art Telephonanschluß an die geistige Welt stattfindet, und daß allerlei Geheimnisse auf diese Weise herauskommen können. Diejenigen, die die Hexen verbrannt haben, wußten schon ganz genau, warum sie das taten: eben weil ihnen dasjenige hätte unangenehm werden können, was die Welt, sei es im Guten oder im Schlechten, vor allem natürlich im Schlechten, aus dem Munde der Hexen hätte erfahren können. |
[ 8 ] Consequently, the very same forces that had initiated the entire operation—in order to test whether people were ready to embrace the occult—now sought to curb the movement they had set in motion. It had turned out exactly as people had feared in earlier times, when the abilities of the fourth post-Atlantean epoch were still resonating within humanity. Witches were burned for the simple reason that the individuals labeled as witches were, in essence, also mediums, and because their connection to the spiritual world—albeit in a manner appropriate to materialism—could have revealed things that would have been highly unpleasant for certain people. For example, it could have been highly unpleasant for certain communities if a witch, before being burned, had drawn attention to what lay behind this or that community. For it is indeed true that when consciousness is subdued, a sort of “telephone connection” to the spiritual world is established, and that all manner of secrets can come to light in this way. Those who burned the witches knew exactly why they were doing it: precisely because they feared that the world—whether for good or for ill, but above all, of course, for ill—might have learned from the witches’ own mouths what they knew. |
[ 9 ] Der Versuch, durch Medien die menschliche Kultur zu prüfen, war also mißglückt. Und das haben auch die gesehen, welche, durch die alten Gebote des Nichtsagens und durch die materialistischen Neigungen des 19. Jahrhunderts verführt, diesen Versuch gemacht haben. Sie wissen ja, daß man das Medienwesen nicht ganz einschränken konnte, daß es weiterexistierte, bis heute noch existiert; aber man hat gewissermaßen zurückgezogen die Kunst, die Medien bis zu einem solchen Grade auszubilden, daß ihre Offenbarungen bedeutsam werden. Indem man zurückgezuckt hat, wurde dasjenige, was nun die Medien noch vermögen, mehr oder weniger harmlos. Und in der neueren Zeit kommt, wie Sie wissen, durch Medien nicht viel anderes mehr heraus als etwas salbungsvolle Dinge, bei denen man nur verwundert ist, daß die Leute so großen Wert darauf legen. Das Tor in die geistige Welt war aber gewissermaßen eröffnet, noch dazu auf eine Weise, die eigentlich nicht zeitgemäß war, die ein Fehler war.
[ 9 ] The attempt to examine human culture through the media had thus failed. And even those who, seduced by the old precepts of silence and by the materialistic tendencies of the 19th century, had undertaken this attempt recognized this. As you know, it was not possible to completely restrict mediumship; it continued to exist and still exists today; but, in a sense, people have retreated from the art of training mediums to such a degree that their revelations become meaningful. By retreating, what mediums are now still capable of has become more or less harmless. And in more recent times, as you know, the mediums produce little more than some unctuous nonsense, and one can only marvel that people attach such great importance to it. Yet the gateway to the spiritual world had, in a sense, been opened—and in a way that was actually out of step with the times, that was a mistake.
[ 10 ] In diese ganze Zeit hinein fiel dieGeburt und das Wirken der Blavatsky. Man könnte meinen, die Geburt eines Menschen sei bedeutungslos; aber das wäre nur ein Maja-Urteil. — Nun, das, worauf es ankommt, ist, daß in den Brüderschaften dieseganze Aktion besprochen werden mußte, und daß dadurch innerhalb der Brüderschaften viel gesagt, viel ausgesprochen worden ist. Und weil das 19. Jahrhundert nicht mehr so war wie frühere Jahrhunderte, wo man genug Mittel hatte, um die Dinge, die geheimgehalten werden sollten, geheimzuhalten, konnte es geschehen, daß in einem bestimmten Zeitpunkte ein Mitglied einer okkulten Brüderschaft, welches die Absicht hatte, das in diesen Brüderschaften Gehörte in einseitiger Weise auszunützen, an die Blavatsky herankam und sie, die neben ihren andern Eigenschaften vor allen Dingen auch ein außerordentlich starkes Medium war, dazu veranlaßte, gewissermaßen das Vermittlungsglied zu sein für Machinationen, die nun nicht mehr so ehrlich waren wie die ersten. Die ersten waren, wie Sie gesehen haben, ein Irrtum, aber sie waren ehrlich. Bis zu dem, was ich jetzt beginne zu erzählen, war die ganze Sache ein ehrlicher, wenn auch ein irrtümlicher Versuch, die Aufnahmefähigkeit der Menschen zu prüfen. Jetzt aber beginnt gewissermaßen der nicht mehr ehrliche Verrat eines Mitgliedes einer amerikanischen okkulten Brüderschaft, welches den Zweck verfolgte, in einseitiger Weise auszunützen, was es wußte, und sich dazu einer psychisch so veranlagten Persönlichkeit, wie die Blavatsky es war, bedienen wollte. Stellen wir uns nun zunächst die Tatsachen vor Augen, die geschehen sind.
[ 10 ] It was during this entire period that Blavatsky was born and carried out her work. One might think that the birth of a human being is meaningless; but that would merely be a judgment born of Maya. — Well, what matters is that this entire matter had to be discussed within the brotherhoods, and that as a result, much was said and much was expressed within them. And because the 19th century was no longer like earlier centuries, when there were sufficient means to keep secret the things that were meant to be kept secret, it could happen that at a certain point in time, a member of an occult brotherhood, who intended to to exploit what he had heard in these brotherhoods for his own ends, approached Blavatsky and persuaded her—who, in addition to her other qualities, was above all an extraordinarily powerful medium—to act, so to speak, as the intermediary for machinations that were no longer as honest as the earlier ones. The first ones, as you have seen, were a mistake, but they were honest. Up until what I am now beginning to recount, the whole affair was an honest, albeit mistaken, attempt to test people’s receptivity. But now, in a sense, begins the no longer honest betrayal by a member of an American occult brotherhood, who pursued the goal of exploiting what he knew in a one-sided manner and sought to make use of a personality with such psychic predispositions as Blavatsky possessed. Let us now first consider the facts of what took place.
[ 11 ] Als Blavatsky aus dem Munde des Mitgliedes hörte, um was es sich handelte, hatte sie selbstverständlich die Möglichkeit, innerlich darauf zu reagieren, weil sie eine psychische Persönlichkeit war. Das heißt, sie verstand viel mehr von der Sache als derjenige, der ihr die Mitteilungen machte, selber davon verstand. Die in formelhaftes Gewand gekleideten alten Überlieferungen entzündeten in ihrer Seele bedeutsame Erkenntnisse, die sie wohl kaum durch bloße Eigenentwickelung hätte erlangen können. Aber indem in ihr innere seelische Erlebnisse durch uralte Formeln angeregt wurden, die noch aus der Zeit des atavistischen Hellsehens stammen und in den okkulten Brüderschaften, oftmals ohne daß die Mitglieder sie verstehen, aufbewahrt werden, wurde eine große Summe von Wissen in ihr entzündet, und sie wußte natürlich auch, daß dieses Wissen eine Bedeutung haben muß für die neuzeitliche Menschheitsentwickelung, und daß man nur die richtigen Wege einzuschlagen hatte, um dieses Wissen in einer bestimmten Art zu verwerten.
[ 11 ] When Blavatsky heard from the member what the matter was, she naturally had the opportunity to respond to it inwardly, because she was a psychic personality. That is to say, she understood much more about the matter than the person who conveyed the information to her did himself. The ancient traditions, clothed in formulaic language, kindled profound insights in her soul—insights she could hardly have attained through her own personal development alone. But as inner spiritual experiences were stirred within her by ancient formulas—which date back to the time of atavistic clairvoyance and are preserved in the occult brotherhoods, often without the members themselves understanding them—a vast store of knowledge was kindled within her, and she naturally knew that this knowledge must have significance for the development of modern humanity, and that one merely had to follow the right paths to apply this knowledge in a specific way.
[ 12 ] Von der Blavatsky selber, von der Persönlichkeit der Blavatsky, konnte man nicht verlangen, daß sie nun im Sinne eines höchsten Okkultismus nur das Heil der gesamten Menschheit im Auge habe; sondern sie bekam die Idee, gewissen Zielen nachzugehen, die sie verstand. Dazu war sie auf die Weise gekommen, wie ich es geschildert habe. Da verlangte sie nun ihre Aufnahme in eine okkulte Brüderschaft in Paris. Durch diese wollte sie zunächst wirken. Natürlich wäre sie unter den gewöhnlichen Bedingungen einfach aufgenommen worden, abgesehen davon, daß es eine Art Abnormität gewesen wäre, eine Frau aufzunehmen; aber darüber hätte man sich in diesem Falle hinweggesetzt, denn man wußte, daß man es mit einer bedeutsamen Individualität zu tun hatte. Aber einfach als gewöhnliches Mitglied aufgenommen zu werden, hätte ihr nicht gedient, und so stellte sie denn gewisse Bedingungen. Hätte man diese Bedingungen erfüllt, dann würde vieles allerdings anders geworden sein, aber es hätte sich diese okkulte Brüderschaft zu gleicher Zeit in einer gewissen Beziehung das Todesurteil ausgestellt, das heißt, sie hätte sich eigentlich unwirksam gemacht. Daher verweigerte man in Paris der Blavatsky die Aufnahme. Dann wandte sie sich nach Amerika und wurde dort tatsächlich in einer okkulten Brüderschaft aufgenommen. Und die Folge davon war, daß sie natürlich ganz ungeheuer bedeutende Einblicke gewann in dasjenige, was solche okkulten Brüderschaften wollen, eben solche — das sei hier gleich gesagt —, die keineswegs im Sinne haben, ohne Ansehen von irgendwelchen Differenzierungen in der Menschheit das gesamte Heil der Menschheit anzustreben, sondern die einseitige, gewissen Gruppen dienende Absichten haben. So zu wirken, wie diese Brüderschaften wirken wollten, das lag nicht in der Natur derBlavatsky.Und so kam es denn dazu, daß sie unter dem Einflusse dessen,was man nannte eine Attacke auf die Verfassung Nordamerikas, von jener Brüderschaft ausgeschlossen werden mußte.
[ 12 ] One could not expect Blavatsky herself—given her personality—to have the salvation of all humanity as her sole concern in the sense of the highest occultism; rather, she came to the idea of pursuing certain goals that she understood. She had arrived at this in the way I have described. She then requested admission into an occult brotherhood in Paris. She intended to work through this organization at first. Of course, under normal circumstances she would simply have been admitted—apart from the fact that admitting a woman would have been something of an anomaly; but in this case, that would have been overlooked, for it was known that one was dealing with a significant individual. But simply being admitted as an ordinary member would not have served her purposes, and so she set certain conditions. Had these conditions been met, many things would indeed have turned out differently, but at the same time, this occult brotherhood would have effectively signed its own death warrant in a certain sense—that is, it would have rendered itself ineffective. For this reason, Blavatsky was denied admission in Paris. She then turned to America, where she was indeed accepted into an occult brotherhood. And the result of this was that she naturally gained incredibly significant insights into what such occult brotherhoods seek—namely, those—let this be stated right away—that by no means intend to strive for the overall salvation of humanity without regard for any distinctions within it, but rather have one-sided intentions that serve certain groups. It was not in Blavatsky’s nature to act in the way these brotherhoods intended to act. And so it came to pass that, under the influence of what was called an “attack on the Constitution of North America,” she had to be expelled from that brotherhood.
[ 13 ] Nun war sie ausgeschlossen. Sie war aber natürlich nicht eine Persönlichkeit, die nun alles resigniert hinnahm, sondern sie hat sehr scharf gedroht: sie werde der amerikanischen Brüderschaft schon zeigen, was es bedeute, nachdem sie so viel weiß, nun ausgeschlossen zu werden. In der Tat stand die amerikanische Brüderschaft jetzt unter dem Damoklesschwert. Hätte die Blavatsky der Welt mitgeteilt, was sie dadurch, daß sie dadrinnen gewesen war, wußte, so wäre das für jene amerikanische Brüderschaft das Todesurteil gewesen. Die Folge war nun, daß sich amerikanische und europäische Okkultisten verbanden, um die Blavatsky in denjenigen Zustand zu versetzen, welchen man die okkulte Gefangenschaft nennt. Es bedeutet dies, daß durch gewisse Machinationen eine Sphäre von Imaginationen in einer Seele hervorgerufen wird, wodurch eine Trübung desjenigen eintritt, was die Seele vorher gewußt hat, wodurch das gewissermaßen unwirksam wird. Es ist das eine Prozedur, welche von ehrlichen Okkultisten niemals und selbst von unehrlichen Okkultisten nur sehr selten angewendet wird, die aber dazumal angewendet worden ist, um jener okkulten Brüderschaft gewissermaßen das Leben, das heißt, die Wirksamkeit zu retten.
[ 13 ] Now she had been expelled. But of course she was not the sort of person to simply accept everything with resignation; instead, she issued a very sharp threat: she would show the American Brotherhood what it meant to be expelled now that she knew so much. In fact, the American Brotherhood now found itself under the sword of Damocles. Had Blavatsky revealed to the world what she knew from having been a member, it would have been a death sentence for that American Brotherhood. The result was that American and European occultists joined forces to place Blavatsky in a state known as “occult imprisonment.” This means that, through certain machinations, a sphere of imaginings is evoked within a soul, causing a clouding of what the soul previously knew, thereby rendering that knowledge, so to speak, ineffective. It is a procedure that is never used by honest occultists and only very rarely by dishonest ones, but which was employed at that time to, so to speak, save the life—that is, the effectiveness—of that occult brotherhood.
[ 14 ] Jahrelang befand sich die Blavatsky in dieser okkulten Gefangenschaft, bis sich ihrer gewisse indische Okkultisten annahmen, welche ein Interesse hatten, gegen die amerikanische Brüderschaft zu wirken. Sie sehen, man hat es da immer mit einseitig wirkenden okkulten Strömungen zu tun. Und so kam denn die Blavatsky in dieses Ihnen ja wohlbekannte indische Fahrwasser. Die indischen Okkultisten hatten alles Interesse daran, gegen die amerikanische Brüderschaft vorzugehen. Nicht weil sie die im allgemeinen so ansehen, daß sie der Menschheit nicht im großen und ganzen dienen, sondern weil sie wiederum von ihrem einseitigen, man könnte sagen, indisch-patriotischen Gesichtspunkte aus gegen die amerikanische Brüderschaft wirken wollten. Aber durch allerlei Machinationen kam zwischen gewissen indischen und amerikanischen Okkultisten eine Art von Ausgleich zustande. Die amerikanischen versprachen den indischen, nicht hineinzureden in dasjenige, was sie mit der Blavatsky machten, und die indischen verpflichteten sich dazu, über dasjenige zu schweigen, was vorangegangen war.
[ 14 ] For years, Blavatsky remained in this occult captivity until certain Indian occultists took her under their wing; these individuals had an interest in working against the American Brotherhood. As you can see, one is always dealing with occult currents that operate in a one-sided manner. And so Blavatsky found herself in this Indian current, with which you are no doubt well acquainted. The Indian occultists had every interest in taking action against the American Brotherhood—not because they generally view the latter as failing to serve humanity on the whole, but because they, in turn, wanted to work against the American Brotherhood from their one-sided, one might say, Indian-patriotic standpoint. But through all sorts of machinations, a kind of compromise was reached between certain Indian and American occultists. The Americans promised the Indians not to interfere in what they were doing with Blavatsky, and the Indians undertook to remain silent about what had gone before.
[ 15 ] Wenn man diese Dinge in Betracht zieht und dazufügt, worauf ich Sie ja auch schon hingewiesen habe, daß an die Stelle des alten Lehrers, Führers der Blavatsky, eine Maskenpersönlichkeit, ein Masken-Mahatma gesetzt worden war, der aber eigentlich in den Diensten einer europäischen Macht stand und die Aufgabe hatte, dasjenige, was durch die Blavatsky bewirkt werden konnte, im Dienste einer bestimmten europäischen Macht zu verwerten, so wird man sehen, wie verwickelt diese Dinge eigentlich sind. Um was es sich in Wahrheit handelt, wird man vielleicht einsehen können, wenn man sich frägt: Was wäre denn geschehen, wenn das eine oder das andere verwirklicht worden wäre?
[ 15 ] If one takes these things into account and adds to them what I have already pointed out to you—namely, that in place of the old teacher, Blavatsky’s “leader,” a “mask personality,” a “mask Mahatma” had been installed—one who was actually in the service of a European power and had the task of exploiting what could be accomplished through Blavatsky for the benefit of a specific European power—then one will see just how complicated these matters really are. One might be able to understand what this is really about by asking oneself: What would have happened if one or the other had actually come to pass?
[ 16 ] Nun ist die Zeit zu kurz, um Ihnen alles heute schon zu erzählen, aber greifen wir zunächst einzelnes heraus. Wir können ja auf die Dinge demnächst wieder zurückkommen. — Nehmen wir einmal an, es wäre der Blavatsky gelungen, in der Pariser okkulten Loge aufgenommen zu werden, wie sie es angestrebt hat. Dann würde sie wohl nicht unter den Einfluß desjenigen gekommen sein, der dann in der Theosophical Society als ein Mahatma verehrt worden ist, der er aber nicht war, und es wäre dazu gekommen, der Pariser okkulten Loge das Lebenslicht auszublasen. Dann wäre vieles nicht geschehen, wohinter jetzt dieselbe Pariser okkulte Loge steht, beziehungsweise es wäre wahrscheinlich im Dienste einer andern Einseitigkeit geschehen. Es hätte dann manches einen andern Verlauf nehmen müssen, als es genommen hat. Denn es bestand schon die Absicht, die psychische Persönlichkeit der Blavatsky dazu zu verwenden, die Pariser Loge auszumerzen. Und wäre diese damals ausgemerzt worden, dann hätte hinter all diesen in der Geschichte mehr oder weniger als Marionettenfiguren lebenden Menschen nichts gestanden. Die Silvagni, Durante, Sergi, Cecconi, die ganze Verwandtschaft von Signor Lombroso und manche andern hätten keine okkulten Hintermänner gehabt. Und manche Türe, die wie eine Art von Schiebetüre wirkt, wäre geschlossen geblieben. — Sie werden verstehen, daß die Dinge etwas symbolisch gemeint sind: in gewissen Ländern haben Redaktionen — es ist bildlich gemeint! — eine anständige Türe und eine Schiebetüre; durch die anständige Türe kommt man in die Redaktion, durch die Schiebetüre in irgendeine okkulte Brüderschaft, die so wirkt, wie ich es in den letzten Tagen in verschiedener Weise angedeutet habe, als deren Resultat dann solche Dinge entstehen, wie wir sie ja auch verschiedentlich angedeutet haben. — Es handelte sich also darum, zunächst etwas aus der Welt zu schaffen, was wenigstens jene Richtung abgelenkt hätte, welche wir in der Gegenwart wirksam gesehen haben. Der Signor d’ Annunzio würde dann die Rede nicht gehalten haben, die wir angeführt haben.
[ 16 ] There isn’t enough time to tell you everything today, but let’s start by highlighting a few points. We can always come back to these matters later. — Let’s suppose that Blavatsky had succeeded in being admitted to the Paris occult lodge, as she had sought to do. Then she probably would not have fallen under the influence of the one who was later revered in the Theosophical Society as a Mahatma—which he was not—and this would have led to the demise of the Paris occult lodge. Then many of the events that the same Paris occult lodge is now behind would not have happened, or rather, they would likely have occurred in the service of a different bias. Many things would then have had to take a different course than they did. For there was already the intention to use Blavatsky’s psychic personality to eradicate the Paris Lodge. And if it had been eradicated at that time, then there would have been nothing behind all those people who have lived in history as more or less puppet figures. The Silvagnis, Durante, Sergi, Cecconi, the entire family of Signor Lombroso, and many others would have had no occult backers. And certain doors—which function like a kind of sliding door—would have remained closed. — You will understand that these things are meant somewhat symbolically: in certain countries, editorial offices—this is meant figuratively! — a proper door and a sliding door; through the proper door one enters the editorial office, through the sliding door into some occult brotherhood that operates as I have hinted at in various ways over the past few days, resulting in such things as we, too, have alluded to on several occasions. — So the aim was, first of all, to eliminate something from the world that would at least have diverted the course we have seen at work in the present. Signor d’Annunzio would then not have delivered the speech we have quoted.
[ 17 ] Nun, vielleicht wäre aber eine andere gehalten worden, die nur die Dinge in eine andere Richtung geschoben hätte. — Aber Sie sehen, daß in dem Augenblicke, wo nicht mit völliger Beherrschung der Dinge, also irgendwie mit herabgedrängtem Bewußtsein Menschen geschoben werden, daß dann, wenn Okkultismus in Betracht kommt, dem es nicht um das allgemeine Heil der Menschheit und in unserer Zeit vor allen Dingen nicht um wirkliche Erkenntnis, sondern darum zu tun ist, gewisse Spezialziele zu erreichen, daß dann die Dinge unter Umständen schon ein schlimmes Aussehen bekommen können.
[ 17 ] Well, perhaps another course of action would have been taken, one that would simply have pushed things in a different direction. — But you see that the moment people are driven—not with complete mastery over things, — that is, when people are being driven by a consciousness that has been suppressed in some way—that when occultism comes into play—which is not concerned with the general welfare of humanity and, in our time above all, not with true knowledge, but rather with achieving certain specific goals—then, under certain circumstances, things can already take a very bad turn.
[ 18 ] Also wie gesagt, man war in dieser Loge gescheit genug, vom Standpunkte dieser Loge aus nicht einzugehen auf die Sache. Später sind gewisse Dinge wiederum, ich möchte sagen, vertuscht, vernebelt worden dadurch, daß die Blavatsky durch ihre okkulte Gefangenschaft verhindert worden ist, die Impulse jener amerikanischen Loge in einer gewissen Färbung, wie sie es ja zweifellos auch wiederum getan haben würde, zu publizieren. Gedient wurde durch die Blavatsky, nachdem alle diese Vorgänge sich abgespielt hatten, eigentlich nur dem indischen Okkultismus. Und daß eine gewisse Summe von okkulten Erkenntnissen gerade einseitig indischer Färbung in die Welt gekommen ist, das hat schon für die neuere Zeit eine ganz bestimmte Bedeutung. Die ist ja in die Welt gekommen, die ist da. Aber mehr oder weniger unbewußt ist der Welt geblieben, was auf die angedeutete Art paralysiert worden ist.
[ 18 ] So, as I said, the members of that lodge were wise enough not to address the matter from the lodge’s perspective. Later, certain things were, I would say, covered up or obscured by the fact that Blavatsky, through her occult captivity, was prevented from publicizing the impulses of that American lodge in a certain light—as she undoubtedly would have done again. After all these events had taken place, Blavatsky actually served only Indian occultism. And the fact that a certain body of occult knowledge—specifically one with a one-sided Indian flavor—has come into the world has a very specific significance for modern times. It has indeed come into the world; it is here. But what has been paralyzed in the manner described has remained more or less unconscious to the world.
[ 19 ] Die mit solchen Dingen rechnen, machen stets große Zeiträume für sich geltend. Sie bereiten die Dinge vor, lassen sie sich entwickeln; denn es sind nicht einzelne Menschen, sondern Brüderschaften, in denen der Nachfolger dem Vorfahren die Dienste abnimmt, um dasjenige, was begonnen ist, in derselben Richtung fortzusetzen.
[ 19 ] Those who plan for such things always take a long-term view. They lay the groundwork and allow things to develop on their own; for it is not individual people, but brotherhoods, in which the successor takes over the duties of the predecessor in order to continue what has been begun in the same direction.
[ 20 ] Sie sehen, daß bei den zwei Beispielen, die ich Ihnen von okkulten Logen sagte, viel darauf ankam, daß ihre eigentlichen Impulse nicht in die Öffentlichkeit kommen. Ich möchte nicht mißverstanden werden und habe deshalb ausdrücklich gesagt: Eine gewisse Ehrlichkeit lag‘ dem ersten Versuch, den ich Ihnen charakterisiert habe, zugrunde. Aber es ist außerordentlich schwierig für die Menschen, wirklich objektiv menschlich zu sein, weil in der neueren Zeit wenig Neigung vorhanden ist, objektiv menschlich zu sein. Es lassen sich die Leute leicht durch das Gruppenhafte verführen, nicht objektiv menschlich zu sein, sondern einseitig dieser oder jener Gruppe zu huldigen, sich als Mitglied dieser oder jener Gruppe zu fühlen. Aber das ist an sich etwas, was nicht mehr völlig stimmt zu dem Momente der Menschheitsentwickelung, an dem wir nun einmal angelangt sind. Der fordert, daß der Mensch, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, sich als eine Individualität fühlt, sich wenigstens innerlich loslöst von dem Gruppenmäßigen und lernt, als Mensch der Menschheit anzugehören. Zeigt auch gerade unsere Gegenwart in so grotesker Weise, wie unmöglich das gewissen Menschen ist, so ist es dennoch eine Forderung unserer Zeit.
[ 20 ] As you can see, in the two examples I gave you regarding occult lodges, it was crucial that their true motives not be made public. I do not wish to be misunderstood, which is why I explicitly stated: A certain degree of honesty underlay the first attempt I described to you. But it is extraordinarily difficult for people to be truly objective and humane, because in modern times there is little inclination to be objective and humane. People are easily led astray by groupthink—not to be objectively human, but to side one-sidedly with this or that group, to feel themselves to be members of this or that group. But this, in and of itself, is something that no longer fully corresponds to the stage of human development we have now reached. This stage demands that human beings, at least to a certain degree, feel themselves to be individuals, detach themselves—at least inwardly—from group-oriented thinking, and learn to belong to humanity as human beings. Even if our present time demonstrates in such a grotesque way just how impossible this is for certain people, it is nonetheless a demand of our time.
[ 21 ] Nehmen Sie ein Beispiel, knüpfen Sie an dasjenige an, was ich vor einigen Tagen hier sagte: daß, wenn wir Völker überschauen, wir es mit Individualitäten zu tun haben, die man nicht vergleichen darf mit der Individualität eines Menschen, wie er hier auf dem physischen Plane lebt und seine Entwickelung durchmacht zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Man hat es bei Völkern mit andern Individualitäten zu tun. Das, was man Volksgeist, Volksseele nennen kann, ist, wie Sie aus alldem, was Sie in unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft finden, ersehen können, etwas anderes, als was die Seele eines einzelnen Menschen ist. Und mit materialistischem Geist, wie es heute geschieht, von der Seele eines Volkes zu sprechen, indem man doch immer den Untergrund hat, daß man etwas Ähnliches meint wie die Seele eines Menschen, wenn man sich das natürlich auch nicht gesteht, das ist im Grunde genommen ein Unfug. So kann heute das Wort gehört werden «die französische Seele», man hat das in den letzten Jahren immer wieder und wieder gehört. Es ist ein Unsinn, ein ganz gewöhnlicher Unsinn, weil es nur ein Analogon ist, das man von der individuellen Menschenseele nimmt und auf die Volksseele überträgt. Man kann von der Volksseele nur sprechen, wenn man den ganzen Zusammenhang nimmt, der Ihnen in dem Vortragszyklus über die verschiedenen Volksgeister gegeben ist. Aber in einem andern Sinne, etwa in dem Sinne davon zu reden, wie eben viele heute es tun, selbst Journalisten — bei denen man nur sagen kann, es soll ihnen verziehen werden, denn sie wissen nicht, was sie reden —, in diesem Sinne von der Volksseele zu reden, ist eben ein völliger Unsinn. Es ist eine bloße Tirade, wenn zum Beispiel geredet wird von der «keltischen Seele und dem lateinischen Geist». Als Analogie mag so etwas angehen, aber eine Realität ist damit nicht ins Auge gefaßt.
[ 21 ] Take an example; build on what I said here a few days ago: that when we look at peoples, we are dealing with individualities that cannot be compared to the individuality of a human being as he lives here on the physical plane and undergoes his development between death and a new birth. With peoples, we are dealing with different kinds of individualities. What might be called the national spirit or national soul is, as you can see from everything you find in our anthroposophically oriented spiritual science, something different from the soul of an individual human being. And to speak of the soul of a people with a materialistic mindset, as is done today—while always implying, even if one does not admit it, that one means something similar to the soul of a human being—is, at the root of it, nonsense. Thus, one hears the phrase “the French soul” today; this has been heard time and again in recent years. It is nonsense, utter nonsense, because it is merely an analogy taken from the individual human soul and applied to the national soul. One can speak of the national soul only if one takes into account the entire context presented to you in the lecture series on the various national spirits. But to speak of the national soul in another sense—for example, in the way many do today, even journalists (about whom one can only say that they should be forgiven, for they do not know what they are talking about)—to speak of the national soul in this sense is simply utter nonsense. It is mere rhetoric when, for example, people speak of the “Celtic soul and the Latin spirit.” Such a statement may serve as an analogy, but it does not capture any reality.
[ 22 ] Wir müssen uns darüber klar sein, was das Mysterium von Golgatha bedeutet. Wir haben es ja so oft ausgesprochen: Das Mysterium von Golgatha hat sich so vollzogen, daß dasjenige, was seit dem Mysterium von Golgatha mit der Erdenevolution verbunden ist, zwar für die Gesamtmenschheit da ist, wenn aber der einzelne von einem mystischen Christus in sich spricht, so ist das ein bloßes Geschwätz. Das Mysterium von Golgatha ist eine objektive Realität, wie Sie ja aus vielem wissen, was hier gesagt worden ist. Aber das, was für die ganze Menschheit ist, ist so gemeint, daß dabei der einzelne Mensch in Betracht kommt als Mensch. Der Christus ist gestorben für alle Menschen, aber als Mensch und für die Menschen, nicht für irgendwelche andere Wesensart. Man kann daher von einem Christen sprechen, von der christlichen Gesinnung des einzelnen Menschen, aber es ist ein völliger Unsinn, etwa von einem christlichen Volk zu sprechen. Das hat keine Realität. Christus ist nicht für die Völker gestorben, die Völker sind nicht die Individualitäten, die dabei in Betracht kommen. Christlich kann ein einzelner Mensch sein, der mit dem Wesen des Mysteriums von Golgatha verbunden ist; aber man kann nicht von einem christlichen Volke sprechen. Dasjenige, was den Völkern als wirkliche Seele zugrunde liegt, gehört Plänen an, auf denen sich das Mysterium von Golgatha nicht vollzogen hat. Was sich als Aktionen zwischen Völkern abspielt, kann niemals in einem christlichen Sinne gedeutet oder kommentiert werden.
[ 22 ] We must be clear about what the Mystery of Golgotha means. We have, after all, said it so often: The Mystery of Golgotha took place in such a way that what has been connected with Earth’s evolution since the Mystery of Golgotha is indeed there for all of humanity; yet when the individual speaks of a mystical Christ within himself, that is mere idle talk. The Mystery of Golgotha is an objective reality, as you know from much of what has been said here. But what is meant by “for all of humanity” is that the individual human being is considered as a human being. Christ died for all human beings, but as a human being and for human beings, not for any other kind of being. One can therefore speak of a Christian, of the Christian attitude of the individual human being, but it is utter nonsense to speak, for example, of a “Christian people.” That has no reality. Christ did not die for the peoples; the peoples are not the individualities that are taken into account here. An individual human being can be Christian if he or she is connected to the essence of the Mystery of Golgotha; but one cannot speak of a “Christian people.” That which underlies the peoples as their true soul belongs to planes on which the Mystery of Golgotha did not take place. What unfolds as interactions between peoples can never be interpreted or commented on in a Christian sense.
[ 23 ] Ich mache auf solche Dinge nur deshalb aufmerksam, weil es notwendig ist, daß gerade Sie einsehen, meine lieben Freunde, wie sehr man heute darauf halten muß, zu reinlichen Begriffen zu kommen. Man kann das nur, wenn man die Dinge geisteswissenschaftlich betrachtet, währenddem das Bestreben der Menschheit ist, mit möglichst unsinnigen Begriffen, mit unreinlichen Begriffen im trüben zu fischen. Es handelt sich also vor allen Dingen darum, zu reinlichen Begriffen zu kommen, die Dinge wirklich im Sinne von reinlichen Begriffen anzusehen und zu verstehen, daß in unserer Zeit, aber vorzugsweise durch Menschen, schon gewisse okkulte, gewisse geistige Impulse wirkten. Das entspricht dem fünften nachatlantischen Zeitraum.
[ 23 ] I draw attention to such things only because it is necessary—especially for you, my dear friends—to realize how important it is today to arrive at clear concepts. This is only possible if one views things from the perspective of spiritual science, whereas humanity’s tendency is to fish in murky waters using concepts that are as nonsensical and impure as possible. The most important thing, therefore, is to arrive at clear concepts, to view things truly in the sense of clear concepts, and to understand that in our time—but primarily through human beings—certain occult, certain spiritual impulses have already been at work. This corresponds to the fifth post-Atlantean epoch.
[ 24 ] Nun handelt es sich darum, daß vor allen Dingen, wenn Blavatsky damals hätte sprechen können, gewisse Geheimnisse herausgekommen wären, auf die ich schon hingedeutet habe, Geheimnisse gewisser okkulter Brüderschaften, die zusammenhängen mit dem ganzen Wollen weitausgedehnter Gruppen. Ich habe Ihnen gesagt: Gesetze liegen dem Entstehen und der Entwickelung dessen zugrunde, was man ein Volkstum nennen kann. Diese Gesetze kennt man in der äußeren physischen Welt gewöhnlich nicht. Und das ist zunächst gut, denn sie sollen nur erkannt werden von dem, der sie mit reinlichen Händen empfangen will. Das Eingreifen in dasjenige, was pulst als geistige Kräfte in der Menschheitsentwickelung auf dem Boden, auf dem sich zum Beispiel Volkstümer entwickeln, das Eingreifen in einseitiger Weise, wie es gewisse Brüderschaften der Neuzeit tun, das ist es eben, was mit den schwersten Prüfungen der ganzen Menschheit in der Gegenwart und in der Zukunft zusammenhängt. Alles, was in der Evolution geschieht, geschieht ja gesetzmäßig, geschieht regelmäßig, geschieht nach gewissen Kräften. Die Menschen greifen ein, zum Teil unbewußt, und wenn sie Mitglieder von okkulten Brüderschaften sind, bewußt.
[ 24 ] The point is that, above all, if Blavatsky had been able to speak at that time, certain secrets would have come to light—secrets I have already alluded to—regarding certain occult brotherhoods that are connected to the collective will of far-reaching groups. I have told you: Laws underlie the emergence and development of what one might call a national character. These laws are generally unknown in the outer physical world. And that is a good thing for the time being, for they are meant to be recognized only by those who wish to receive them with pure hands. Interfering with what pulsates as spiritual forces in human evolution—on the very ground where, for example, national cultures develop—interfering in a one-sided manner, as certain modern brotherhoods do—that is precisely what is connected to the most severe trials facing all of humanity, both in the present and in the future. Everything that happens in evolution occurs according to laws, occurs regularly, and occurs under the influence of certain forces. People intervene, partly unconsciously, and—if they are members of occult brotherhoods—consciously.
[ 25 ] Zur Beurteilung dieser Dinge gehört eben, was ich gestern einen weiteren Horizont genannt habe, die Gewinnung eines weiteren Horizontes. Ich habe Ihnen noch einmal dasjenige vor Augen geführt, wovon die Blavatsky gewissermaßen der Spielball war, um Sie darauf aufmerksam zu machen, wie solch ein Spielball von Westen nach Osten geworfen wird, von Amerika nach Indien, weil schon Kräfte durch menschliche Handhabung im Spiele sind, um das oder jenes dadurch zu bewirken, daß man sich der, ich möchte sagen, volkstummäßig verankerten Leidenschaften und Gefühle der Menschen, die man aber auch zuerst zubereitet, bedient. Das ist also sehr wichtig. Es kommt dabei darauf an, den Blick für die Dinge zu haben, den Blick, zu sehen, wie ein Mensch durch die Art von Leidenschaften, die in ihm sind, die in seinem Blute sind, an eine bestimmte Stelle gestellt, in diesem oder jenem Sinne gewissen Einflüssen ausgesetzt werden kann. Dazu muß man natürlich wissen, daß von der Stelle aus, an die man ihn dann stellt, gewisse Dinge erreicht werden können. Vieles mißlingt; aber man rechnet eben mit großen Zeiträumen, und man rechnet da, wo solche Dinge in Betracht kommen, mit vielen Möglichkeiten. Vor allen Dingen rechnet man damit, wie wenig die Menschen geneigt sind, ein wenig den Sinn zu richten auf die großen Zusammenhänge.
[ 25 ] Assessing these matters requires precisely what I referred to yesterday as a broader perspective—the acquisition of a broader perspective. I have once again brought to your attention the very thing of which Blavatsky was, so to speak, the pawn, in order to make you aware of how such a pawn is tossed from West to East, from America to India, because forces are already at play through human manipulation, aiming to bring about this or that by appealing to the I might say, the passions and feelings of people that are rooted in the folk tradition—passions and feelings that are first prepared and then exploited. This is therefore very important. What matters here is having an eye for these things—the ability to see how a person, through the kind of passions that are within them, that are in their blood, can be placed in a specific position and, in one sense or another, exposed to certain influences. To do this, of course, one must know that certain things can be achieved from the position to which one then places them. Much goes wrong; but one must reckon with long periods of time, and where such things come into play, one must reckon with many possibilities. Above all, one must reckon with how little people are inclined to direct their attention even slightly toward the larger context.
[ 26 ] Nun unterbrechen wir uns hier und sehen wir uns unsere gestrige Geschichte ein bißchen an. Da wird uns erzählt aus der Zeit etwa des 10. Jahrhunderts, wo also noch die Seelenverfassung des vierten nachatlantischen Zeitraumes herrschend war. Wir haben gesehen, wie bei dem Kaiser Otto mit dem roten Barte die geistige Welt hereinwirkt. Sein ganzes Leben wird umgewandelt dadurch, daß er von der geistigen Welt aus aufmerksam gemacht wird auf den Guten Gerhard. Von diesem Guten Gerhard soli er lernen Gottesfurcht, wahre Frömmigkeit, und daß man nicht erwarten soll, für dasjenige, was man auf der Erde hier getan hat, einen recht egoistischen Segen vom Himmel zu erhalten. Aber er wird von der geistigen Welt aus hingewiesen darauf, diesen Guten Gerhard aufzusuchen. Das ist das eine: das Hereinspielen der geistigen Welt.
[ 26 ] Now let’s pause here and take a brief look at yesterday’s story. It tells us about the time around the 10th century, when the spiritual constitution of the fourth post-Atlantean epoch still prevailed. We have seen how the spiritual world influences Emperor Otto, the one with the red beard. His entire life is transformed by the fact that the spiritual world draws his attention to Good Gerhard. From this Good Gerhard, he is to learn the fear of God, true piety, and that one should not expect to receive a purely selfish blessing from heaven for what one has done here on earth. But he is directed from the spiritual world to seek out this Good Gerhard. That is one aspect: the influence of the spiritual world.
[ 27 ] Wer die Zeit wirklich kennt, nicht nur aus der äußeren Geschichte, wie man sie heute darstellt, sondern so, wie sie war, der weiß, daß solches Hereinspielen der geistigen Welt in realen Visionen, wie das erzählt wird von diesem Kaiser Otto dem Roten, in der damaligen Zeit gang und gäbe war, und daß die geistigen Impulse durchaus ihre bedeutungsvolle Rolle gespielt haben. Derjenige, der diese Geschichte aufgeschrieben hat, sagt nun ausdrücklich folgendes: Er habe in seiner Jugend noch viele andere Geschichten geschrieben, wie es auch andere seiner Zeitgenossen getan haben. Der Mann, der die Geschichte vom Guten Gerhard niedergeschrieben hat, ist ungefähr ein Zeitgenosse des Wolfram von Eschenbach: Rudolf von Hohenems. Er sagt, daß er noch anderes geschrieben hat, aber das habe er alles vernichtet, und zwar aus dem Grunde, weil das Märchengeschichten gewesen wären. Diese Geschichte aber, die ja im äußeren Sinne auch nicht historisch ist, das heißt, nicht in unseren heutigen, nur die physische Maja in Betracht ziehenden Geschichtsbüchern stehen könnte, die betrachtet er als streng historisch, als kein Märchen. Er erzählt sie zwar so, daß man sie nicht vergleichen kann mit der äußeren, rein physischen Geschichte; aber er erzählt wahrer als die äußere, rein physische Geschichte sein kann, die ja im Grunde genommen Maja ist. Er erzählt eben für den vierten nachatlantischen Zeitraum.
[ 27 ] Anyone who truly understands that era—not merely from external history as it is presented today, but as it actually was—knows that such manifestations of the spiritual world in real visions, as recounted in the story of Emperor Otto the Red, were commonplace at that time, and that spiritual impulses certainly played a significant role. The person who wrote down this story now explicitly states the following: In his youth, he had written many other stories, just as others of his contemporaries had done. The man who wrote down the story of Good Gerhard was roughly a contemporary of Wolfram von Eschenbach: Rudolf von Hohenems. He says that he wrote other things as well, but that he destroyed them all, specifically because they were fairy tales. This story, however—which, in an external sense, is not historical either, meaning it could not appear in our modern history books that consider only the physical Maya—he regards as strictly historical, not a fairy tale. He tells it in such a way that it cannot be compared with external, purely physical history; yet he tells it more truthfully than external, purely physical history can be—which, after all, is essentially Maya. He tells it specifically for the fourth post-Atlantean epoch.
[ 28 ] Sie wissen, denn ich habe es gerade bei diesen Auseinandersetzungen immer wiederholt, es handelt sich da nicht um Parteinahme für das oder jenes, sondern um die Darstellung von Tatsachen, die die Unterlagen bilden sollen, um die Dinge beurteilen zu können. Nur derjenige, der nicht objektiv sein will, wird der Darstellung, die ich versuchen werde, Nichtobjektivität vorwerfen. Von jemandem, der nicht objektiv sein will, ist natürlich nicht zu verlangen, daß er dasjenige, was objektiv ist, als objektiv ansieht. Nicht nur darauf kommt es an bei dieser Erzählung von dem Guten Gerhard, daß die geistige Welt hereinspielt, sondern darauf, daß aus der geistigen Welt einer leitenden, führenden Persönlichkeit der Impuls gegeben wird, sich an ein Mitglied der kommerziellen Welt, der Kaufmannswelt zu wenden. Und in der Tat, das Historische an der Sache ist, daß in Mitteleuropa in jener Zeit bei den Mitgliedern jenes Hauses, aus dem der Rote Otto war, gerade das Kaufmännische der Städte protegiert worden ist. Es war für Europa die Zeit des Heranwachsens des kaufmännischen Wesens.
[ 28 ] As you know—because I have repeatedly emphasized this during these debates—this is not a matter of taking sides for one thing or another, but rather of presenting facts that are intended to serve as the basis for evaluating the situation. Only someone who does not wish to be objective will accuse the account I am about to present of being biased. Of course, one cannot expect someone who does not wish to be objective to recognize what is objective as such. What is important in this account of “Good Gerhard” is not only that the spiritual world plays a role, but also that an impulse is given from the spiritual world—through a guiding, leading figure—to reach out to a member of the commercial world, the world of merchants. And indeed, the historical aspect of the matter is that in Central Europe at that time, the members of the house to which Red Otto belonged were precisely the ones who promoted the commercial life of the cities. For Europe, it was the era in which the commercial spirit was coming of age.
[ 29 ] Nun müßten wir in Betracht ziehen, daß wir in eine Zeit versetzt werden, in welcher von einer Seeverbindung zwischen dem Orient und dem Okzident nicht gesprochen werden konnte; die Handelswege waren durchaus Landwege. Solche kommerziellen Leute wie der Gute Gerhard, der, wie Sie wissen, in Köln wohnte, vermittelten auf Landwegen die Handelsverbindungen von Köln bis hinüber in den Orient und wieder zurück. Wenn sie Schiffe benützten, so war dies im Grunde genommen von untergeordneter Bedeutung; das Wesentliche waren die Landwege. Daher waren auch die Schiffsverbindungen im Grunde genommen nichts anderes als, ich möchte sagen, Versuche, mit den Mitteln der primitiven Schiffahrt das zu erreichen, was in viel umfänglicherer Art damals auf Landwegen vonstatten ging. Wir haben es also hauptsächlich mit den Landwegen zu tun, und erst mit den allerersten Anfängen der Schiffahrt. Das ist eben das Charakteristische, daß wir auf diesen Zeitpunkt gewiesen werden. Die umfängliche Schiffahrt kam erst viel später.
[ 29 ] Now we must take into account that we are transported to a time when there was no such thing as a maritime connection between the East and the West; trade routes were exclusively overland. Businesspeople like Good Gerhard—who, as you know, lived in Cologne—facilitated trade connections via land routes from Cologne all the way to the Orient and back again. If they used ships, this was, in essence, of secondary importance; the land routes were what mattered most. Therefore, the maritime connections were, in essence, nothing more than—I would say—attempts to achieve, by means of primitive seafaring, what was taking place on a much larger scale via land routes at that time. We are thus primarily concerned with overland routes, and only with the very earliest beginnings of shipping. This is precisely what is characteristic: that we are directed to this point in time. Extensive shipping did not begin until much later.
[ 30 ] Und nun sehen Sie, wie da ein ganz aus der Natur der Dinge herauskommender Gegensatz geschaffen wird. Es ist ganz natürlich, daß, solange die Landwege die Vermittlung bildeten zwischen dem Orient und dem Okzident, die mitteleuropäischen Länder tonangebend waren; das ist ganz selbstverständlich. Das Leben in diesen mitteleuropäischen Ländern richtete sich auch nach diesen Dingen ein. Es war ganz anders als später. Und vieles ist auf diesem Wege auch mit Bezug auf die geistige Kultur vermittelt worden. In den folgenden Jahrhunderten wurden die Landwege durch die Seeverbindung abgelöst. Die weitere Entwickelung war nun, wie Sie wissen, so, daß England allmählich diese Seeverbindungen aus verschiedenen Händen in einer Hand zusammengefaßt hat. — Die Spanier, die Holländer, die Franzosen sind als seefahrende Völker überwunden worden, und alles ist zusammengefaßt worden unter der immensen Herrschaft, die ein Viertel der gesamten trokkenen, das heißt, nicht vom Meere bedeckten Erdoberfläche umfaßt, und allmählich dazu auch die Herrschaft über das Meer.
[ 30 ] And now you can see how a contrast arises that stems entirely from the nature of things. It is entirely natural that, as long as land routes served as the link between the Orient and the Occident, the Central European countries set the tone; that goes without saying. Life in these Central European countries was also shaped by these circumstances. It was quite different from what it became later. And much was also transmitted in this way with regard to spiritual culture. In the centuries that followed, overland routes were replaced by sea routes. As you know, the subsequent development was such that England gradually consolidated these sea routes, which had been in various hands, into a single authority. — The Spanish, the Dutch, and the French, as seafaring nations, were overcome, and everything was brought under the immense dominion that encompasses a quarter of the total land area—that is, the part of the Earth’s surface not covered by the sea—and gradually, dominion over the sea as well.
[ 31 ] Wenn Sie dazu annehmen, daß richtig ist, was ich Ihnen vor einiger Zeit gesagt habe, daß in den heranwachsenden und namentlich seit Jakob I. besonders groß werdenden okkulten Brüderschaften seit Jahrhunderten wie eine selbstverständliche Wahrheit gelehrt worden ist, daß an die angelsächsische Rasse — so sagt man eben in diesem Zusammenhange, das habe ich schon auseinandergesetzt — alle Weltherrschaft der fünften nachatlantischen Zeit übergehen müsse, so werden Sie System finden in diesem Überwinden und gewissermaßen Ausrotten der Seeherrschaft der andern. Und wenn man dazunimmt, was ich auch schon angedeutet habe, daß gelehrt wurde und wird: Diese fünfte nachatlantische Rasse der englisch sprechenden Völker, wie man sagt, muß überwinden die Völker der lateinischen Rasse, — so werden Sie das Systematische in den geschichtlichen Vorgängen schon sehen.
[ 31 ] If you assume that what I told you some time ago is correct—namely, that in the occult brotherhoods, which have been growing and have become particularly large since the time of James I, it has been taught for centuries as a self-evident truth that the Anglo-Saxon race—as is said in this context, as I have already explained—must assume world domination during the fifth post-Atlantean epoch, then you will find a logical pattern in this overcoming and, in a sense, eradication of the maritime dominance of the others. And if one adds to this what I have already hinted at—namely, that it has been and continues to be taught that this fifth post-Atlantean race of English-speaking peoples, as it is said, must overcome the peoples of the Latin race—then you will already see the systematic nature of these historical events.
[ 32 ] Die Hauptsache, auf die es ankommt, ist zunächst das Wechselspiel zwischen den englisch sprechenden Völkern und den irgendwie lateinisch sprechenden Völkern. Man versteht die neuere Geschichte nicht, wenn man nicht weiß, daß es vor allen Dingen darauf ankommt — und daß die Dinge so dirigiert werden —, zugunsten der englisch sprechenden Bevölkerung die Weltenerscheinungen so einzurichten, daß der Einfluß der in irgendeiner Weise lateinisch sprechenden Bevölkerung aufhört. Unter gewissen Umständen kann man solch ein Aufhören am besten dadurch bewirken, daß man eine Zeitlang den andern fördert und ihn dadurch in seine Gewalt bekommt. Dadurch kann man vielleicht am besten dazu beitragen, daß man ihn aufsaugrt.
[ 32 ] The main point at issue, first and foremost, is the interplay between the English-speaking peoples and the Latin-speaking peoples, in one form or another. One cannot understand recent history without realizing that what matters above all—and that this is how events are directed—is to shape world affairs in favor of the English-speaking population in such a way that the influence of the Latin-speaking population, in whatever form, ceases. Under certain circumstances, the best way to bring about such an end is to promote the other group for a time and thereby bring it under one’s control. This may be the best way to ensure that it is absorbed.
[ 33 ] In jenen okkulten Brüderschaften, auf die ich in verschiedener Weise gedeutet habe, wird Mitteleuropa keine besondere Bedeutung beigemessen; denn so gescheit ist man auch, um zu wissen, daß zum Beispiel Deutschland nur ein Dreiunddreißigstel der gesamten trockenen, das heißt, vom Lande bedeckten Erde besitzt. Das ist wirklich recht wenig im Vergleich zu einem Viertel der gesamten, vom Lande bedeckten Erde, wobei noch die Herrschaft über das Meer dazukommt. Mitteleuropa ist also nicht die Gegend, auf die man einen besonderen Wert legt. Einen besonderen Wert legte man jedoch, insbesondere in den Zeiten, in denen sich vorbereitete, was in der Gegenwart geschieht, auf die Überwindung aller derjenigen Impulse, die sich im Lateinertum zur Ausbildung bringen.
[ 33 ] In those occult brotherhoods to which I have alluded in various ways, no particular significance is attached to Central Europe; for they are wise enough to know that, for example, Germany possesses only one thirty-third of the total land area—that is, the portion of the Earth covered by land. That is really quite little compared to a quarter of the total land-covered Earth, not to mention the dominance over the seas. Central Europe is therefore not the region to which special importance is attached. However, special importance was attached—especially in the times when the events of the present were being prepared—to overcoming all those impulses that find expression in Latin culture.
[ 34 ] Es ist ganz merkwürdig, wie kurzsichtig die historische Betrachtung der heutigen Zeit ist, wie wenig man geneigt ist, auf die charakteristischen Dinge einzugehen. Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, daß es auf dasjenige, was die Geschichtsbetrachtung, die man so lange eine pragmatische hat sein lassen, berichtet, das heißt: jetzt geschieht das, dann das, dann das und dann das, und so folgen die Dinge aufeinander —, daß es darauf nicht ankommt; sondern es handelt sich darum, die in den verschiedenen Beziehungen charakteristischen Tatsachen innerhalb der aufeinanderfolgenden Ereignisse zu erkennen. Auf die charakteristischen Tatsachen hinzuweisen, auf dasjenige, was, ich möchte sagen, in der Maja verrät die dahinterliegenden Kräfte, darauf kommt es an. Die pragmatische Geschichtsbetrachtung von heute muß abgelöst werden von einer symptomatischen Geschichtsbetrachtung.
[ 34 ] It is quite remarkable how short-sighted the historical view of the present day is, how little people are inclined to address the defining characteristics. I have already pointed out that what matters is not what the historical account—which for so long has been allowed to remain purely pragmatic—reports, that is: this happens now, then that, then that, and then that, and so on—but rather, it is a matter of recognizing the facts that are characteristic in their various relationships within the sequence of events. Pointing out the characteristic facts—that which, I would say, reveals the underlying forces in the phenomenon—is what matters. Today’s pragmatic view of history must be replaced by a symptomatic view of history.
[ 35 ] Wer die Dinge durchschaut, wird gewisse Erscheinungen ganz anders beurteilen können als derjenige, der die Geschichten, die man Weltgeschichte nennt, diese Fable convenue, nur so hintereinander liest, wie sie eben in der heutigen Geschichtswissenschaft erzählt werden. Nehmen Sie gewisse Dinge, die Sie gut kennen, mit andern zusammen, auf die ich Sie aufmerksam machen will. Zunächst eine einfache Tatsache: Im Jahre 1618 hat, wie bekannt, der Dreißigjährige Krieg damit begonnen, daß aus dem tschechischen Slawentum heraus sich eine gewisse Art von reformatorischen Ideen bildeten. Dann haben sich diesen Slawenkreisen angehörige Adlige der Bewegung angenommen und sich aufgebäumt gegen dasjenige, was man die Gegenreformation nennen kann: gegen den vom Hause Habsburg, das ja aus Spanien stammte, begünstigten Katholizismus. Was gewöhnlich als erstes erzählt wird von dem Dreißigjährigen Kriege: daß die Aufständischen sich zum Prager Rathaus begaben und die Ratsherren Martinitz und Slawata und den Geheimschreiber Fabrizius hinterher zum Fenster hinauswarfen — das ist von keiner großen Bedeutung. Diese Sache ist höchstens dadurch interessant, daß sich alle drei Herren nichts Besonderes getan haben, weil sie gerade auf einen Misthaufen gefallen sind. Das sind aber nicht die Dinge, die den Dreißigjährigen Krieg wirklich anschaulich machen können, die ihn in seinen Untergründen erkennen lassen.
[ 35 ] Anyone who sees through things will be able to assess certain phenomena quite differently from someone who simply reads the stories—what is called world history, this fable convenue—one after another, just as they are currently recounted in modern historical scholarship. Consider certain things you know well, along with others to which I wish to draw your attention. First, a simple fact: In 1618, as is well known, the Thirty Years’ War began when a certain kind of reformist ideas took shape among the Czech Slavs. Then nobles belonging to these Slavic circles took up the cause of the movement and rose up against what might be called the Counter-Reformation: against Catholicism, which was favored by the House of Habsburg, which, after all, originated in Spain. What is usually recounted first about the Thirty Years’ War—that the rebels made their way to Prague City Hall and subsequently threw Councilors Martinitz and Slawata and the secretary Fabrizius out the window—is of little significance. This incident is interesting, at most, in that none of the three gentlemen suffered any particular harm, since they happened to land on a manure heap. But these are not the things that can truly bring the Thirty Years’ War to life, that reveal its underlying currents.
[ 36 ] Die reformatorisch gesinnten Leute wählten sich einen Gegenkönig, den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz, der 1619 zum König von Böhmen gewählt wurde. Dem folgte, wie Sie wissen, die Schlacht auf dem Weißen Berge. Bis zur Wahl des Kurfürsten ging alles aus gewissen Leidenschaften der Menschen nach einer reformatorischen Bewegung hervor, aus einem Sich-Aufbäumen gegen Gewaltmaßregeln, die man gegen diese Reformatoren durch die Schließung beziehungsweise Zerstörung von protestantischen Kirchen in Braunau und Kloster Grab ergriffen hatte. Ich kann natürlich nicht die ganze Geschichte erzählen, dazu reicht unsere Zeit nicht aus. Aber nun bedenken Sie: Der Kurfürst Friedrich von der Pfalz wird gewählt. Bis dahin, daß sich die einen eigenen König wählen, sind es menschliche Leidenschaften, menschliche Enthusiasmen, meinetwillen, ich will es Ihnen konzedieren, auch menschliche Idealismen gewesen — mit vollem Recht kann das gesagt werden —, welche den Ereignissen zugrunde lagen.
[ 36 ] The Reformers elected an anti-king, Elector Frederick of the Palatinate, who was elected King of Bohemia in 1619. This was followed, as you know, by the Battle of White Mountain. Up until the election of the Elector, everything stemmed from certain human passions in the wake of a Reformation movement—from a rebellion against the repressive measures taken against these Reformers through the closure or destruction of Protestant churches in Braunau and Kloster Grab. Of course, I cannot tell the whole story; we do not have enough time for that. But now consider this: Elector Frederick of the Palatinate is elected. Up to the point where some chose their own king, it was human passions, human enthusiasm—and, if you will, I’ll concede to you, even human idealism—that underlay these events; this can rightly be said.
[ 37 ] Aber warum wurde nun gerade der Kurfürst von der Pfalz zum König von Böhmen gewählt? Das erklärt sich Ihnen, wenn Sie wissen, daß er der Schwiegersohn Jakobs 1. ist, Jakobs I., der am Ausgangspunkt der Erneuerung der Brüderschaften steht! Sie sehen: Hier kommt eine Hand ins Spiel, die man wohl berücksichtigen muß, wenn man die symptomatische Geschichte ins Auge faßt; hier kommt ins Spiel, daß von einer gewissen Seite her die Dinge nach einer ganz gewissen Richtung gelenkt werden sollten. Nun, damals ist es ja mißlungen. Aber man sieht, wie der Finger im Spiel ist. Wichtiger als alle andern Zusammenhänge ist für dasjenige, was an Impulsen hier hat hineingeworfen werden sollen, daß der Schwiegersohn eines der bedeutendsten okkultistischen Menschen, Jakobs I., just an diesen Platz geworfen wurde.
[ 37 ] But why was the Elector Palatine, of all people, elected King of Bohemia? This becomes clear when you realize that he is the son-in-law of James I—the very James I who stands at the starting point of the renewal of the brotherhoods! You see: here a hand comes into play that one must certainly take into account when considering this telling history; here it becomes evident that, from a certain quarter, things were to be steered in a very specific direction. Well, it failed back then. But one can see how a hand is at work. More important than all other connections, in terms of the impulses that were meant to be introduced here, is the fact that the son-in-law of one of the most significant occult figures, James I, was placed precisely in this position.
[ 38 ] Es handelt sich eben darum, daß wir es in der ganzen neueren Geschichte zu tun haben mit einem Gegensatz zwischen dem alten romanisch-lateinischen Wesen und demjenigen Wesen — ich sage nicht des englischen Volkes, dieses würde mit der Welt sehr gut auskommen —, aber demjenigen, das von der Seite, die ich ja genugsam charakterisiert habe, aus diesem englischen Volke gemacht wird oder gemacht werden soll, wenn es sich nicht dagegen wehrt. Um den Gegensatz dieser zwei Elemente handelt es sich.
[ 38 ] The point is precisely that throughout recent history we have been dealing with a contrast between the old Romance-Latin nature and that nature—I am not referring to the English people, for they would get along very well with the world—but rather to that nature which, from the perspective I have sufficiently characterized, is being forged from this English people, or is intended to be forged, if they do not resist it. This is the conflict between these two elements.
[ 39 ] Und das andere wird geschoben. Denn man kann an dem einen Punkt der Erde viel erreichen, wenn man an einem andern Orte manche Ereignisse hervorruft.
[ 39 ] And the other is pushed aside. For one can achieve a great deal in one part of the world by setting certain events in motion elsewhere.
[ 40 ] Nehmen wir einen späteren Zeitpunkt. Sie können heute ein Geschichtsbuch in die Hand nehmen und die Geschichte des Siebenjährigen Krieges lesen. Nun, diese Geschichte des Siebenjährigen Krieges wird selbstverständlich auch gedankenlos gelesen. Denn will man erkennen, um was es sich handelt, will man die historischen Mächte erforschen, die da im Spiele sind, dann muß man die verschiedenen Verkettungen der Umstände eben richtig ins Auge fassen. Man muß ins Auge fassen, wie damals der südliche Teil von Mitteleuropa, Osterreich, ganz in Verbindung war mit allem Lateinischen, sogar ein richtiges Bündnis mit Frankreich hatte, wie dagegen der nördliche Teil von Mitteleuropa — zunächst allerdings nicht, aber später — herangezogen worden ist von dem, das von einer gewissen Seite her eben zu der englisch sprechenden fünften nachatlantischen Rasse gemacht werden sollte.
[ 40 ] Let’s consider a later time. Today, you can pick up a history book and read about the Seven Years’ War. Well, this history of the Seven Years’ War is, of course, also read without much thought. For if one wants to understand what it is all about, if one wants to explore the historical forces at play there, then one must properly take into account the various chains of circumstances. One must consider how, at that time, the southern part of Central Europe—Austria—was fully connected with the entire Latin world, even having a genuine alliance with France, whereas the northern part of Central Europe—not initially, but later—was drawn into what, from a certain perspective, was to be made into the English-speaking fifth post-Atlantic race.
[ 41 ] Betrachten Sie die Bündnisse und alles dasjenige, was, von der Maja abgesehen, dazumal geschehen ist, so haben Sie den Krieg, der in Wirklichkeit geführt wurde zwischen England und Frankreich um Nordamerika und Indien. Und was in Europa geschah, ist eigentlich nur ein schwaches Spiegelbild davon. Denn vergleichen Sie alles dasjenige, was sich abgespielt hat im Großen — erweitern Sie Ihren Horizont! —, dann werden Sie sehen, daß dazumal der Kampf wütete zwischen England und Frankreich, und Nordamerika und Indien spielten eben schon hinein. Es handelte sich darum, wer von diesen beiden Mächten der Gescheitere ist, die Verhältnisse so zu dirigieren, daß er dem andern die Herrschaft über Nordamerika beziehungsweise Indien abspenstig macht. Darinnen spielen große Voraussichten, darinnen spielt die Beherrschung bedeutsamer Impulse. Und wahr ist es: Der Einfluß, der von England aus in Nordamerika erzielt worden ist, der Frankreich abgewonnen worden ist, der ist auf den schlesischen Schlachtfeldern im Siebenjährigen Kriege erfochten worden!
[ 41 ] If you consider the alliances and everything else that happened back then—aside from the Maja—you have the war that was actually fought between England and France over North America and India. And what happened in Europe is really only a faint reflection of that. For if you compare everything that unfolded on a grand scale—broaden your horizons!—you will see that at that time the struggle raged between England and France, and North America and India were already factored into it. The issue was which of these two powers was the wiser in directing the situation in such a way as to wrest control of North America or India from the other. Great foresight was at play here, as was the mastery of significant forces. And it is true: the influence that England gained in North America—which was wrested from France—was won on the Silesian battlefields during the Seven Years’ War!
[ 42 ] Betrachten Sie, wie sich die Bündnisse ändern, wenn die Dinge etwas penibel werden, und verfolgen Sie von diesem Gesichtspunkte aus die Bündnisse!
[ 42 ] Consider how alliances change when things get a little tricky, and keep an eye on them from this perspective!
[ 43 ] Ich will Ihnen eine andere Geschichte erzählen. Es ist notwendig, solche Dinge ins Auge zu fassen, denn sobald man nicht mißverstanden wird, sondern sobald vorausgesetzt wird, daß es sich darum handelt, sich wirklich über die Dinge der Welt aufzuklären, sobald man sich nur selber bestrebt, ein bißchen objektiv zu sein, wird man nicht übelnehmen, wenn solche Dinge erzählt werden, sondern man wird verstehen, daß es sich um Verständnis handelt, und durchaus nicht um eine Parteinahme. Im Grunde genommen müßte oft gerade derjenige, der glaubt, von einer solchen Sache betroffen zu sein, am allerfrohesten sein, diese Sache kennenzulernen. Denn er wird dadurch über die Blindheit hinweggehoben und sehend gemacht, und nichts ist für den Menschen wohltätiger, als wirklich die Zusammenhänge der Welt sehend zu durchschauen. Nehmen wir noch ein Beispiel, das Ihnen von einer andern Seite her zeigen kann, wie die Dinge wirken.
[ 43 ] I want to tell you another story. It is necessary to consider such things, because as soon as one is not misunderstood—but rather, as soon as it is assumed that the aim is truly to gain insight into the ways of the world—as soon as one merely strives to be a little objective, one will not take offense when such things are told, but will understand that it is a matter of understanding, and by no means a matter of taking sides. When all is said and done, it is often precisely the person who believes they are affected by such a matter who should be the happiest to learn about it. For in this way they are lifted out of their blindness and made to see, and nothing is more beneficial to a person than truly seeing through the interconnections of the world. Let’s take another example that can show you from a different angle how things work.
[ 44 ] Durch Verhältnisse, die Sie in der Geschichte nachlesen können, waren früher die Königreiche Hannover und England miteinander verbunden. Aber da waren verschiedene Thronfolgegesetze und so weiter — auf solche Dinge brauchen wir uns nicht einzulassen —, es genügt zu wissen, daß, als die Königin Viktoria auf den englischen Thron kam, Hannover abgetrennt werden mußte. Ein anderes Mitglied des englischen Königshauses mußte auf den Thron von Hannover kommen. Man wählte, oder man dirigierte die Sache so, daß Ernst August, Herzog von Cumberland, auf diesen Thron von Hannover, der vorher mit dem Thron von England verbunden war, bugsiert wurde. Dieser Ernst August kam also auf den Thron von Hannover, sechsundsechzig Jahre war er alt. Sein Charakter war so, daß die englischen Zeitungen, nachdem er England verlassen hatte, um als Majestät von Hannover sein Amt anzutreten, geschrieben haben: Es ist gut, daß er fort ist, hoffentlich kommt er nicht wieder! — Er galt eben durch seine ganze Art, durch die Art seines Auftretens, als eine geradezu fürchterliche Persönlichkeit. Und wenn man sich ansieht, wie er wirkte, welchen Eindruck er namentlich auf seine Zeitgenossen machte, auf diejenigen, die mit ihm zu tun hatten, so kommt ein gewisses Charakterbild heraus, das demjenigen auffällt, welcher einen Sinn hat für solche Charaktere. Die Hannoveraner konnten ihn eigentlich nicht verstehen; die fanden ihn grob. Nun, grob war er auch, so grob, daß Thomas Moore, der Dichter, sagt: Er gehörte ganz sicher zu der Dynastie der Beelzebuben. — Aber Sie wissen, man sagt: Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist. — Man hat zuweilen Verständnis für Grobheiten, aber man setzt voraus, daß, wenn einer schon grob wird, er dann wenigstens wahr ist. Aber Ernst August war immer verlogen, wenn er grob war, und das konnte man in Hannover nun ganz und gar nicht verstehen. Solche Züge finden sich bei ihm noch mehr.
[ 44 ] Due to circumstances you can read about in history, the kingdoms of Hanover and England were once linked. But there were different laws of succession and so on—we need not go into such details—it suffices to know that when Queen Victoria ascended the English throne, Hanover had to be separated. Another member of the English royal family had to ascend the throne of Hanover. They chose—or rather, arranged matters so that—Ernst August, Duke of Cumberland, was installed on this throne of Hanover, which had previously been linked to the throne of England. So this Ernst August ascended the throne of Hanover at the age of sixty-six. His character was such that, after he had left England to assume his duties as His Majesty of Hanover, the English newspapers wrote: “It is good that he is gone; hopefully he will not return!” — He was regarded, precisely because of his entire demeanor and the way he carried himself, as a downright dreadful personality. And when one considers how he came across, what impression he made—particularly on his contemporaries and those who had dealings with him—a certain character portrait emerges that is striking to anyone with a keen sense for such personalities. The people of Hanover couldn’t really understand him; they found him crude. Well, he was crude, too—so crude that Thomas Moore, the poet, said: “He certainly belonged to the dynasty of Beelzebubs.” — But you know, they say: “In Germany, people lie when they’re being polite.” — One can sometimes be understanding of rudeness, but one assumes that if someone is going to be rude, at least they’re being truthful. But Ernst August was always insincere when he was rude, and that was something people in Hanover simply could not understand at all. Such traits are even more evident in him.
[ 45 ] Zunächst hat Ernst August in Hannover das Staatsgrundgesetz aufgehoben. Er brachte es auch dazu, daß die berühmten «Göttinger Sieben» die Universität Göttingen verlassen mußten. Er hat sie gleich über die Grenze schaffen lassen und erst in Witzenhausen, also jenseits der Hannoveraner Grenze seiner Majestät Ernst Augusts, durften die Studenten von ihnen Abschied nehmen. Diese ganze Geschichte brauche ich Ihnen nicht zu erzählen; aber wo liegt die Erklärung? Wer nach keiner weiteren Erklärung für diese sonderbare Maske sucht, findet Ernst August grob und unwahr. Er hat ja sogar den Metternich übers Ohr gehauen, und das will viel sagen, und so weiter. Aber in alledem ist doch ein merkwürdiges System. Und dieses System änderte sich nicht, trotzdem er sein Leben bis zum sechsundsechzigsten Jahre zum großen Teil in Deutschland verbracht hat — er war Dragoneroffizier.
[ 45 ] First, Ernst August repealed the State Constitution in Hanover. He also forced the famous “Göttingen Seven” to leave the University of Göttingen. He had them taken straight across the border, and it was only in Witzenhausen—that is, beyond the Hanoverian border of His Majesty Ernst August—that the students were allowed to bid them farewell. I don’t need to recount this whole story to you; but where is the explanation? Anyone who seeks no further explanation for this peculiar facade will find Ernst August crude and untruthful. He even pulled the wool over Metternich’s eyes—and that’s saying a lot—and so on. But there is a peculiar pattern to all of this. And this pattern did not change, even though he spent most of his life—until the age of sixty-six—in Germany; he was a dragoon officer.
[ 46 ] Wer eine Erklärung dafür sucht, der findet sie darinnen, daß er in seiner Art jene Impulse anwendete, die man hat, wenn man Mitglied der sogenannten «Orangeloge» ist; denn sein ganzes Gebaren war eine Umsetzung der Impulse der Orangeloge, deren Mitglied er war.
[ 46 ] Anyone seeking an explanation for this will find it in the fact that, in his own way, he acted on the impulses one feels when one is a member of the so-called “Orange Lodge”; for his entire demeanor was a manifestation of the impulses of the Orange Lodge, of which he was a member.
[ 47 ] Symptomatisch die Geschichte kennenzulernen, den Horizont zu erweitern, darauf kommt es an. Einen Sinn dafür entwickeln, was wichtig ist, was wirklich aufklärt, darauf kommt es an. Und so werden Sie begreifen, daß ich die Geschichte vom «Guten Gerhard» erzählt habe aus dem Grunde, um Ihnen zu zeigen, wie durch solche Dinge wie Orangelogen und so weiter dasjenige, was Mitteleuropa war, ganz systematisch hinübergezogen wurde. Das tadele ich nicht; es war eine historische Notwendigkeit. Aber einsehen soll man es, und soll nicht mit moralischen Urteilen in diesen Dingen kommen. Sehen soll man die Dinge, wie sie in Wirklichkeit sind! Alles kommt darauf an, daß man sich den Willen aneignet, die Dinge zu sehen, zu sehen, wie Menschen geschoben werden, zu sehen, wo Impulse liegen können, durch welche Menschen geschoben werden. Das ist aber eigentlich identisch mit dem Sich-Aneignen des Sinnes für Wahrheit; denn ich habe es oftmals betont, nicht darauf kommt es an, daß man sagt: Ja, ich habe das geglaubt, das war meine ehrliche, aufrichtige Meinung! — Nein, Wahrheitssinn hat derjenige, der unablässig danach strebt, die Wahrheit zu erforschen in einer Sache, der nicht nachläßt, die Wahrheit zu erforschen, und der sich verantwortlich erklärt für sich selber auch dann, wenn er irgend etwas aus Unwissenheit falsch sagt. Denn für das Objektive ist das ebenso gleichgültig, ob man etwas aus Wissenheit oder aus Unwissenheit falsch sagt, wie es gleichgültig ist, ob man aus Unverstand oder aus irgendeinem Mutwillen den Finger in die Flamme steckt; man verbrennt sich in beiden Fällen.
[ 47 ] It’s important to learn about history and broaden your horizons—that’s what matters. It’s important to develop a sense of what is important and what truly enlightens—that’s what matters. And so you will understand that I told the story of “Good Gerhard” for the very reason of showing you how, through things like the Orangelogen and so on, what Central Europe once was was quite systematically eroded. I do not condemn that; it was a historical necessity. But one should recognize it, and should not pass moral judgment on these matters. One must see things as they really are! Everything depends on cultivating the will to see things—to see how people are driven, to see where the impulses lie that drive people. But this is actually identical to cultivating a sense of truth; for, as I have often emphasized, what matters is not simply saying: “Yes, I believed that; that was my honest, sincere opinion!” — No, a sense of truth is possessed by the person who ceaselessly strives to investigate the truth in a matter, who does not slacken in seeking the truth, and who takes responsibility for themselves even when they say something wrong out of ignorance. For the objective reality, it makes no difference whether one says something wrong out of ignorance or out of knowledge, just as it makes no difference whether one sticks one’s finger into the flame out of stupidity or out of some kind of malice; one gets burned in both cases.
[ 48 ] Es handelt sich also darum, daß man begreift, wie mit dem Übergange aus dem vierten nachatlantischen Zeitraum, wo das Kommerzielle gerade noch unter den Impulsen aus der geistigen Welt stand, so wie es in dem «Guten Gerhard» angedeutet ist, wie man mit diesem Übergange das Kommerzielle in ein anderes Okkultes hinübergezogen hat, in dasjenige Okkulte, das geleitet wird von den sogenannten «Brüdern des Schattens». Diese hüten gewisse Grundsätze. Es wäre aber vom Standpunkt dieser Leute aus sehr gefährlich, wenn diese Grundsätze verraten würden. Daher dazumal die Sorgfalt, mit der man vermieden hat, daß Blavatsky die Dinge verraten konnte, oder daß diese durch sie in andere Hände gespielt werden konnten. Wohl sollten sie vom Westen nach dem Fernen Osten gespielt werden, aber zunächst nicht nach Indien, sondern nach einem andern, nämlich dem russischen Osten.
[ 48 ] The point, then, is to understand how, with the transition from the fourth post-Atlantean epoch—when commercial life was still, just barely, under the influence of the spiritual world, as implied in Good Gerhard, how this transition drew the commercial realm into a different occult realm—the one guided by the so-called “Brothers of the Shadow.” These Brothers uphold certain principles. However, from these people’s point of view, it would be very dangerous if these principles were betrayed. Hence the care taken at that time to prevent Blavatsky from revealing these matters, or from passing them on to others through her. They were indeed to be passed from the West to the Far East, but initially not to India, but to another region—namely, the Russian East.
[ 49 ] Wenn man einen Sinn hat für das, was hinter der Maja liegt, so kann man begreifen, daß äußere Einrichtungen, äußere Maßnahmen gewissermaßen verschiedene Wertigkeit, verschiedenes Gewicht haben im ganzen Zusammenhang. Nehmen wir einen Fall aus der neueren Geschichte. Ich habe Ihnen ja so viel Okkultes erzählt, daß ich gewissermaßen meine Zeit abgesessen habe und ich Ihnen jetzt auch aus der neueren Geschichte noch einige Notizen geben kann. Das ist über die Zeit hinaus. Es soll niemand sagen können, ich nähme etwas von der Zeit, die dem Okkultismus gewidmet ist; aber auch diese Dinge sind wichtig.
[ 49 ] If one has a sense of what lies behind the Maya, one can understand that external institutions and measures have, so to speak, different values and different weights within the overall context. Let’s take a case from recent history. I have told you so much about the occult that I have, so to speak, served my time, and I can now also give you a few notes from recent history. This goes beyond the scope of that time. No one should be able to say that I am taking time away from what is devoted to the occult; but these things are important as well.
[ 50 ] Nehmen wir also ein Beispiel aus der neueren Geschichte. 1909 wurde die Zusammenkunft des italienischen Königs mit dem russischen Zaren arrangiert. Bis dahin war nicht viel von Freundschaft zu spüren zwischen diesen beiden Repräsentanten, aber von da ab fand man es gut, die beiden zusammenzuschieben. Die Zusammenkunft von Racconigi fand statt. Es war nicht leicht, und wenn Sie nachlesen, was der Giolitti, der damalige Ministerpräsident, alles hat anstellen müssen, um «attentatliche Unzukömmlichkeiten» zu vermeiden, dann werden Sie sehen, daß es dem armen Giolitti dazumal nicht gerade leicht geworden ist.
[ 50 ] So let’s take an example from recent history. In 1909, a meeting was arranged between the Italian king and the Russian tsar. Until then, there had been little sign of friendship between these two leaders, but from that point on, it was deemed a good idea to bring them together. The meeting in Racconigi took place. It wasn’t easy, and if you read about all the measures Giolitti, the prime minister at the time, had to take to avoid “assassination-related complications,” you’ll see that poor Giolitti didn’t exactly have it easy back then.
[ 51 ] Nun aber handelte es sich darum, die geeignete Persönlichkeit zu finden, welche dem Zaren die Huldigung von Rom überbrachte. Das mußte eine besonders geartete Persönlichkeit sein. Solche Dinge sind von langer Hand vorbereitet, damit sie im rechten Momente, ich möchte sagen aus nächster Nähe, nur herandirigiert zu werden brauchen. Jeden Beliebigen konnte man ja, wenn eine «saftige» Wirkung erzielt werden sollte, nicht nehmen zur Huldigung von Rom an den Zaren, des lateinischen Westens an den soi-disant slawischen Osten. Das mußte schon eine besondere Persönlichkeit sein; es mußte sogar eine Persönlichkeit sein, die nicht leicht dazu zu bringen war. Nun, es war dazumal «zufällig» muß man selbstverständlich sagen, wenn man Materialist ist, aber «nicht zufällig» wird man sagen, wenn man eben nicht Materialist ist —, es war Signor Nathan — ein italienischer Name! — dazumal auf dem Bürgermeisterposten von Rom. Er hatte allen Grund, recht demokratisch gesinnt zu sein, möglichst wenig so gesinnt zu sein, um just dem Zaren Reverenz zu erweisen. Er war, kurz bevor er Bürgermeister von Rom geworden war, überhaupt erst italienischer Bürger geworden, denn bis dahin war er englischer Staatsbürger gewesen. Die Blutsmischung mußte berücksichtigt werden: Er war der Sohn einer deutschen Mutter und hat den Namen Nathan angenommen, weil der Vater Mazzini war, der berühmte italienische Revolutionär. Ja, es ist schon so.
[ 51 ] But now the task was to find the right person to convey Rome’s homage to the Tsar. This had to be a person of a special kind. Such matters are prepared well in advance so that, at the right moment—I might say, at close range—they need only be set in motion. After all, if a “dramatic” effect was to be achieved, one could not simply choose just anyone to convey Rome’s homage to the Tsar—that of the Latin West to the so-called Slavic East. It had to be a special individual; it even had to be someone who would not be easily persuaded to do so. Well, at that time it was “by chance”—one must of course say, if one is a materialist, but “not by chance,” one will say, if one is not a materialist—it was Signor Nathan—an Italian name!—who was mayor of Rome at the time. He had every reason to be quite democratically minded—and as little as possible in that vein—precisely to pay homage to the Tsar. Shortly before becoming mayor of Rome, he had only just become an Italian citizen; until then, he had been a British citizen. His mixed heritage had to be taken into account: He was the son of a German mother and had taken the name Nathan because his father was Mazzini, the famous Italian revolutionary. Yes, that’s how it is.
[ 52 ] Nun konnte man, wenn man den zur Reverenz an den Zaren brachte, sagen: Die Demokratie habe sich gründlich bekehrt. Es hat es nicht ein gewöhnlicher Mensch getan, sondern jemand, der mit allen Salben der Demokratie geschmiert war, aber — der auch gut präpariert war. Und gewisse Dinge beginnen von jener Zeit an penibel zu werden. So zum Beispiel weiß man heute, daß von jener Zeit ab die Korrespondenz, die innerhalb des Dreibunds geführt wurde, immer pünktlich nach Petersburg übermittelt worden ist! — Nicht ganz unbeteiligt sind auch wiederum menschliche Leidenschaften, indem bei dieser Übermittlung eine Dame eine ganz besondere Rolle spielt, die sich einen «geschwisterlichen» Weg geschaffen hatte zwischen Rom und Petersburg. Solche Dinge kann man, wenn man will, selbstverständlich dem Zufall zuschreiben; aber derjenige, der die Maja durchschauen will, wird sie nicht dem Zufall zuschreiben, sondern wird tiefere Zusammenhänge unter ihnen suchen. Und dann, wenn man solche tieferen Zusammenhänge sucht, wird man nicht mehr so viel lügen können, wie man lügt, wird nicht mehr so viel die Menschen betäuben können, damit sie abgelenkt werden von der Wahrheit, von demjenigen, worauf es ankommt.
[ 52 ] Now, when one paid homage to the Tsar, one could say: Democracy had undergone a thorough conversion. It was not an ordinary person who did this, but someone who was anointed with all the ointments of democracy—and who was also well prepared. And certain things began to become meticulous from that time on. For example, we know today that from that time on, the correspondence conducted within the Triple Alliance was always transmitted punctually to St. Petersburg! — Human passions, too, are not entirely uninvolved, in that a certain lady played a very special role in this transmission, having forged a “sibling-like” connection between Rome and St. Petersburg. Such things can, of course, be attributed to chance if one so wishes; but anyone who wishes to see through the Maya will not attribute them to chance, but will seek deeper connections between them. And then, when one seeks such deeper connections, one will no longer be able to lie as much as one does now, nor will one be able to lull people into a stupor to distract them from the truth—from what really matters.
[ 53 ] Denn es wäre selbstverständlich — und ich sage das nur, um die Wahrheit zu charakterisieren — weitesten Kreisen unangenehm gewesen, die Menschen darauf aufmerksam zu machen, daß die ganze belgische Invasion nicht stattgefunden hätte, wenn jener Satz, von dem ich schon gesprochen habe, von Lord Grey — jetzt ist er eben auch Lord —, von Sir Edward Grey ausgesprochen worden wäre. Da wäre die ganze Geschichte in Belgien nicht passiert, damit wäre sie aus der Welt geschafft gewesen, sie wäre nicht geschehen. Statt aber diesen wirklichen Ursprung der Sache, der insofern der Ursprung ist, als er die Sache hätte verhindern können, ins Auge zu fassen, war es selbstverständlich bequemer, den Leuten die Zeit damit zu vertreiben, daß man über die «belgischen Greuel» sprach. Die wären aber auch nicht passiert, wenn dazumal die einzige kurze Maßnahme von Sir Edward Grey geschehen wäre, Aber um über die einfache Wahrheit Nebel zu verbreiten, braucht man natürlich etwas anderes, was zu den menschlichen Leidenschaften, zu berechtigten Leidenschaften, zum Moralischen spricht. Gewiß, es soll gar nichts dagegen eingewendet werden. Man braucht etwasanderes. Und das Charakteristische unserer gegenwärtigen Zeit ist gerade, daß bis zum heutigen Tag — und jetzt ist es besonders schmerzlich — alle Anstrengungen gemacht werden, um die Wahrheit zu verhüllen, um die Menschen über die Wahrheit hinwegzubetäuben.
[ 53 ] For it would, of course—and I say this only to describe the truth—have been unwelcome to the broadest circles to draw people’s attention to the fact that the entire Belgian invasion would not have taken place if that statement I have already mentioned—made by Lord Grey (who is, after all, also a lord) and by Sir Edward Grey—had been uttered. The whole affair in Belgium would not have happened; it would have been out of the way, it would not have occurred. But instead of facing up to this real origin of the matter—which is the origin insofar as it could have prevented the matter—it was, of course, more convenient to keep people occupied by talking about the “Belgian atrocities.” But those atrocities would not have happened either if Sir Edward Grey’s single, brief measure had been taken back then. However, to cast a veil of confusion over the simple truth, one naturally needs something else—something that appeals to human passions, to justified passions, to moral sentiments. Certainly, there is nothing to be said against that. Something else is needed. And what is characteristic of our present age is precisely that, to this very day—and this is particularly painful—every effort is being made to conceal the truth, to lull people into ignoring the truth.
[ 54 ] Auch das mußte sorgsam vorbereitet werden. Denn gäbe es irgendwo ein Loch in der Rechnung, dann wäre das ja nicht möglich geworden. Man mußte eben die ganze Peripherie haben, die man sich deshalb wohlweislich auch geschaffen hat.
[ 54 ] That, too, had to be carefully prepared. After all, if there had been even a single flaw in the plan, it wouldn't have been possible. You simply had to have the entire infrastructure in place, which is why you wisely set about creating it in the first place.
[ 55 ] Aber die Dinge wurden alle sehr sorgfältig vorbereitet, sowohl politisch wie kulturell. Und gerechnet wurde mit Mannigfaltigem. Und man konnte auch mit Mannigfaltigem rechnen, denn es herrscht zuweilen die unglaublichste Sorglosigkeit in diesen Dingen, sogar an Stellen, wo man sie eigentlich gar nicht vermuten würde. Nehmen Sie nur einen solchen Fall, wo man wirklich die Sorglosigkeit studieren kann, eine objektive Tatsache.
[ 55 ] But everything was prepared very carefully, both politically and culturally. And they anticipated a wide range of possibilities. And they had good reason to anticipate a wide range of possibilities, because at times there is the most incredible carelessness in these matters, even in places where one would least expect it. Just take a case like this, where one can really study that carelessness—an objective fact.
[ 56 ] Bismarck unterhielt zu einer bestimmten Zeit mit einem gewissen Usedom in Florenz und in Turin eine Verbindung. Ich habe ja auseinandergesetzt: Das moderne Italien ist eigentlich auf einem Umweg entstanden und verdankt seine Existenz in Wirklichkeit Deutschland; aber das hängt mit vielen Dingen zusammen. Die Dinge, die ich sage, haben ihre tiefen Untergründe, und in der Politik spielen mannigfaltige Fäden. So spielten auch einmal Fäden, durch die gerade die italienischen Republikaner gewonnen werden sollten, kurz, es gab zu einer gewissen Zeit eine solche Verbindung zwischen Bismarck und Usedom in Florenz und Turin. Jener Usedom war ein Freund von Mazzini, ein Freund von andern Leuten, welche namentlich in Volkskreisen eine gewisse Bedeutung hatten. Ein Mann war dieser Usedom, der eigentlich recht sehr den weisen Menschen posierte, und der sich einen angeblichen Mazzinisten als Privatsekretär anstellte. Nun kam aber später heraus, daß dieser Privatsekretär, von dem es hieß, daß er ein in dieGeheimnisse der Mazzini-Geheimbünde Eingeweihter sei, ein ganz gewöhnlicher Spion war. Bismarck erzählt diese Geschichte ganz naiv und fügt zu seiner Entschuldigung, daß er so hereingefallen ist, dazu: Aber Usedom war ein hoher Freimaurer. — Und so könnte man sehr vieles erzählen, wobei sich oftmals herausstellen würde, daß die Menschen, die daran beteiligt sind, höchst unschuldig sind, weil die eigentlichen — gestatten Sie den trivialen Ausdruck — Drahtzieher im Hintergrunde stehen.
[ 56 ] At one point, Bismarck maintained a connection with a certain Usedom in Florence and Turin. As I have explained, modern Italy actually came into being through a roundabout route and in reality owes its existence to Germany; but this is connected to many factors. The things I say have deep underlying causes, and in politics, many threads are at play. Thus, at one time, there were also threads at play intended specifically to win over the Italian republicans; in short, at a certain time there was such a connection between Bismarck and Usedom in Florence and Turin. This Usedom was a friend of Mazzini, a friend of other people who held a certain influence, particularly among the masses. This Usedom was a man who actually posed quite a bit as a wise man and who hired a supposed Mazzinian as his private secretary. But it later came to light that this private secretary—who was said to be initiated into the secrets of Mazzini’s secret societies—was in fact a completely ordinary spy. Bismarck recounts this story quite naively and adds, in his defense for having been so easily duped: “But Usedom was a high-ranking Freemason.” — And one could recount many such stories, in which it would often turn out that the people involved are entirely innocent, because the actual—if you’ll pardon the trite expression—puppet masters are pulling the strings from behind the scenes.
[ 57 ] Man kann nicht fragen: Wie kommt es, daß solche Dinge von der weisen Weltenlenkung zugelassen werden, daß die Menschheit gewissermaßen übergeben ist solchen Machinationen, da man doch hinter die Dinge nicht kommen kann? Es gibt eben so viele Gelegenheiten, wenn man sie nur ehrlich aufsucht, um dahinterzukommen. Aber wir sehen es ja an unserer eigenen Gesellschaft, wieviel Widerstand von den einzelnen geleistet wird, wenn es sich darum handelt, den einfachen Gang der Wahrheit zu gehen. Wir sehen, wie viele Dinge, die objektiv im Erkenntnissinne genommen werden sollten und dann gerade am besten zum Heile der Menschheit dienen würden, in subjektiv-persönlichem Sinne aufgefaßt werden. Und immerhin bestehen halt doch innerhalb unserer Gesellschaft, ich möchte sagen Kollegien, welche mit großer Aufmerksamkeit ein gewisses, ich glaube zweihundertsiebenundachtzig Seiten umfassendes Schriftstück zusammen gelesen und es völlig ernst genommen haben, die noch immer daran kauen, um dahinterzukommen, inwieweit eigentlich jener Mann, der ja hier genügend bekannt ist, im Rechte sei. Kurz, wir können innerhalb unserer eigenen Reihen manchmal schon Entdeckungen machen, die ein Licht darauf werfen, warum es manchen so schwer ist, die Dinge zu durchschauen; während es gar nicht schwierig ist, die Dinge zu durchschauen, wenn man wirklich ehrliches Wahrheitsstreben hat. Denn schon die ganzen Jahre hindurch wurde in unseren Kreisen vieles gesagt. Wenn man dasjenige zusammenhält, was seit dem Jahre 1902 vorgebracht worden ist, dann wird man schon sehen, daß man darinnen etwas hat, was einem wohl dienen kann, manches in der Welt zu durchschauen. Und unsere anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ist nicht etwa als ein absoJuter Geheimbund aufgetreten, sondern diejenigen Dinge, auf die es ankommt, sind immer in öffentlichen Vorträgen vor aller Welt behandelt worden. Das ist gerade der Gegensatz, auf den man wohl achten muß.
[ 57 ] One cannot ask: How is it that such things are permitted by the wise governance of the world, that humanity is, so to speak, at the mercy of such machinations, since one cannot get to the bottom of things? There are just as many opportunities—if one only seeks them out honestly—to get to the bottom of things. But we see it in our own society, after all, how much resistance is put up by individuals when it comes to following the simple path of truth. We see how many things that should be taken objectively in the sense of knowledge—and which would then serve best for the good of humanity—are instead interpreted in a subjective, personal sense. And yet, after all, there are groups within our society—I would say collegia—who have read a certain document together with great attention—one that, I believe, comprises two hundred eighty-seven pages—and have taken it completely seriously; they are still mulling it over to figure out to what extent that man, who is, after all, well known here, is actually in the right. In short, we can sometimes make discoveries within our own ranks that shed light on why it is so difficult for some people to see through things; whereas it is not at all difficult to see through things if one truly has an honest quest for truth. For throughout all these years, much has been said in our circles. If one takes stock of what has been put forward since 1902, one will see that there is something there that can indeed help one to see through many things in the world. And our anthroposophically oriented spiritual science has not presented itself as some kind of secret society; rather, the matters that really matter have always been discussed in public lectures before the whole world. This is precisely the contrast to which one must pay close attention.
[ 58 ] Und das darf ich schon heute sagen: Wenn gewisse Strömungen in unserer Anthroposophischen Gesellschaft fortbestehen sollten, die namentlich dahingehen, im Sinne der menschlichen Eitelkeit dasjenige auszumünzen, was zunächst rein aus dem Grunde in abgeschlossenem Kreise gehalten wird, aus dem zum Beispiel auch an Universitäten man nicht die ganze Welt für den zweiten Jahrgang einlädt, sondern nur diejenigen, die schon den ersten Jahrgang gehört haben, dann wird es nichts Esoterisches mehr geben. Wenn man die Dinge nicht in diesem selbstverständlichen Sinne nimmt, sondern weiter vor die Welt hintritt und sagt: Das ist geheim, das ist ganz esoterisch, das ist okkult, das darf ich nicht sagen! — wenn diese Politik in gewissen Strömungen unserer Gesellschaft weiter verfolgt wird, wenn nicht ein Sinn sich entwickelt dafür, daß alle Eitelkeitsnuance aufhören muß, dann wird eben alles vor aller Welt verhandelt werden müssen, was der Menschheit heute mitgeteilt werden muß. Ob dann manches mitgeteilt werden kann, das werden die Notwendigkeiten ergeben. Aber die Anthroposophische Gesellschaft hat nur dann einen Sinn, wenn sie «Gesellschaft» ist, das heißt, wenn es sich wirklich jedem Einzelnen darum handelt, Front zu machen gegen alle Eitelkeiten, gegen alles dasjenige, was durch Torheit und Eitelkeit mit einem falschen mystischen Schleier umhüllt wird, und was zu nichts anderem taugt, als die andern Menschen stutzig und gehässig zu machen. Um das Geheimnisvolle, wie gewissen okkulten Brüderschaften, darf es unserer Gesellschaft nicht zu tun sein, sondern lediglich um die Vollbringung desjenigen, was zum Heil der Menschheit notwendig ist. Die Feinde werden, das habe ich oft gesagt, zahlreicher und zahlreicher werden. Vielleicht wird gerade daran, wie sich die Welt reibt mit unserer Gesellschaft, sich zeigen, welcher Art die Feinde sind. Ehrliche Gegnerschaft haben wir im Grunde noch gar nicht gefunden; die würde ja nur fördern können! Solche Gegnerschaft, wie wir sie gefunden haben, braucht man sich nur anzuschauen auf ihr «Wie», auf die Art und Weise, die Mittel, durch welche sie wirkt. Ob die Gegner aus unseren Kreisen selber sind, was sehr häufig der Fall ist, oder aus andern: Wir können es ruhig abwarten! Soeben wurde eine Gegnerschaft angekündigt, die ein Sturzbad über uns vergießen soll. Ein Buch wird in Vorträgen angekündigt, in dem jemand, der allerdings nie in unserer Gesellschaft war und der als eitler Tropf die Welt von allerlei Doppel-Ichen unterhalten hat, die Gelegenheit der verschiedenen nationalen Verhetzungen und Leidenschaften dazu benutzt, um gegen unsere Anthroposophie in einer Weise aufzutreten, die eben nicht reine Finger zeigt.
[ 58 ] And I can say this already today: If certain tendencies within our Anthroposophical Society were to persist—namely, those that, out of human vanity, seek to publicize what is initially kept within a closed circle for purely practical reasons—just as, for example, universities do not invite the whole world to attend the second year of a course, but only those who have already taken the first year—then there will be nothing esoteric left. If one does not take things in this self-evident sense, but instead steps out into the world and says: “This is secret, this is entirely esoteric, this is occult—I must not speak of it!” — if this policy continues to be pursued in certain currents of our society, if no sense develops that every trace of vanity must cease, then everything that needs to be communicated to humanity today will simply have to be discussed in full view of the whole world. Whether certain things can then be communicated will be determined by necessity. But the Anthroposophical Society only has a purpose if it is a “society”—that is, if every single individual is truly committed to taking a stand against all vanity, against everything that is shrouded in a false mystical veil through folly and vanity, and which serves no other purpose than to make other people suspicious and resentful. Our Society must not be concerned with the mysterious, as certain occult brotherhoods are, but solely with accomplishing what is necessary for the salvation of humanity. The enemies, as I have often said, will become more and more numerous. Perhaps it is precisely in the way the world clashes with our Society that the nature of these enemies will become apparent. We have not really encountered any honest opposition yet; that would only serve to help us! As for the kind of opposition we have encountered, one need only look at its “how”—at the manner and the means by which it operates. Whether the opponents come from within our own circles—which is very often the case—or from elsewhere: we can calmly wait and see! Opposition has just been announced that is intended to pour a cold shower over us. A book is being promoted in lectures in which someone—who, admittedly, has never been part of our Society and who, as a vain fool, has entertained the world with all sorts of self-aggrandizing nonsense—is using the opportunity presented by various national animosities and passions to attack our anthroposophy in a way that is anything but constructive.
[ 59 ] Diese Dinge also müssen wir uns vor Augen halten und uns klar darüber sein, daß wir streng die Richtung festhalten müssen nach der Wahrheit und nach der Erkenntnis. Auch wenn wir von zeitgenössischen Dingen sprechen, kann es sich für uns nur um Erkenntnis der Wahrheit handeln. Den Dingen muß ins Auge geschaut werden; dann mag jeder nach seinem Empfinden diesen oder jenen Standpunkt einnehmen. Jeden Standpunkt wird man verstehen können, aber der Standpunkt muß auf Grundlage der Wahrheit gebildet werden.
[ 59 ] We must therefore keep these things in mind and be clear that we must strictly adhere to the path of truth and knowledge. Even when we speak of contemporary issues, for us it can only be a matter of gaining knowledge of the truth. We must look things squarely in the eye; then everyone may take this or that position according to their own judgment. Every point of view can be understood, but it must be based on the truth.
[ 60 ] Das ist schon ein Wort, das wir uns insbesondere heute vor die Seele schreiben müssen. Denn vieles ist in unserer Zeit geschehen, das die Menschen stutzig machen und sie darauf aufmerksam machen sollte, daß es notwendig ist, ein gesundes, wahrheitsgemäßes Urteil zu gewinnen. Wir haben es erlebt, daß, kaum daß die Sehnsucht nach Frieden durch die Welt gegangen ist, diese Sehnsucht nach Frieden bebrüllt wurde. Und wir sehen vorläufig noch, wie die Leute direkt böse werden, wenn heute von dieser oder jener Seite von Frieden gesprochen wird. Nicht nur, daß sie böse werden, wenn von einer kriegführenden Seite her von Frieden gesprochen wird, sondern sie werden sogar böse, wenn von neutraler Seite von Frieden gesprochen wird.
[ 60 ] This is indeed a phrase we must take to heart, especially today. For much has happened in our time that should give people pause and make them realize the necessity of forming a sound, truthful judgment. We have seen that, no sooner had the longing for peace swept through the world than this very longing was drowned out by shouting. And for the time being, we still see how people immediately become angry when talk of peace comes from one side or the other. Not only do they get angry when a belligerent side speaks of peace, but they even get angry when a neutral side speaks of peace.
[ 61 ] Man wird sehen, ob die Welt genügend wird erstaunen können über diese Dinge. Man hat ja dabei schon ganz besondere Erfahrungen gemacht. Denn nachdem das Urteil, das sich die Welt bildet, hinweggegangen ist über das Ereignis vom April und Mai des Jahres 1915, wo freiwillig ein weites Territorium abgetreten werden sollte, was jedoch ausgeschlagen wurde, nur um Krieg führen zu können, und nicht die Möglichkeit gefunden worden ist, darüber auch nur ein einigermaßen zutreffendes Urteil zu finden, da kann man allerdings aufs Schlimmste gefaßt sein. Man kann deshalb aufs Schlimmste gefaßt sein, weil es den Menschen eigentlich gar nicht darauf ankommt, das zu sagen, was ist, sondern das zu sagen, was ihnen in den Kram paßt. Die Denkweisen sind ja kurios, die Denkweisen sind ganz eigentümlich. Man muß aber die Dinge an den rechten Punkten fassen.
[ 61 ] It remains to be seen whether the world will be sufficiently astonished by these events. After all, we have already had some very unusual experiences in this regard. For once the world’s judgment has swept past the events of April and May 1915—when a vast territory was to be voluntarily ceded, a proposal that was rejected solely to enable the waging of war—and since no way has been found to arrive at even a reasonably accurate assessment of those events, one can certainly brace oneself for the worst. One can therefore brace oneself for the worst because people are not really concerned with stating what is, but rather with saying whatever suits their purposes. Their ways of thinking are indeed curious; their ways of thinking are quite peculiar. But one must grasp things at the right points.
[ 62 ] Ich will Ihnen eine kleine Stelle vorlesen, die vor dem Ausbruch dieses Weltkrieges von einem Italiener in der Zeit geschrieben worden ist, als Italien über den Tripolis-Krieg jubelte, den ich nicht beurteile. Ich werde niemals etwas dagegen haben, daß Italien sich Tripolis angeeignet hat; diese Dinge beurteilt derjenige, der weiß, was im Staatenund Völkerverkehr eben das Notwendige und Mögliche ist, anders, als jene Lügen-Urteilenden, die heute mit allerlei moralischen Tugenden über diese Dinge urteilen. Aber da habe ich einen Menschen — Prezzolini heißt er — der über ein Italien schreibt, über das er sich freut, und das sich entwickelt hat aus einem Italien, über das er sich nicht freute. Er beschreibt zuerst, was aus diesem Italien eigentlich geworden war, wie es herabgekommen war, und fährt dann fort — also unmittelbar unter dem Eindrucke des Tripolis-Krieges:
[ 62 ] I would like to read you a short passage written by an Italian before the outbreak of this world war, at a time when Italy was celebrating the Tripoli War—a war on which I will not pass judgment. I will never object to Italy’s annexation of Tripoli; such matters are judged differently by those who understand what is necessary and possible in international relations than by those who pass false judgments, who today pass moral judgments on these matters based on all sorts of moral virtues. But here I have a man—his name is Prezzolini—who writes about an Italy that he rejoices in, and which has developed from an Italy that he did not rejoice in. He first describes what had actually become of that Italy, how it had fallen into decline, and then continues—that is, immediately under the impression of the Tripoli War:
[ 63 ] «Und dennoch durchlebte Italien, vollkommen unbewußt dieser wirtschaftlichen Wiedergeburt, zur gleichen Zeit die Periode der oben geschilderten Niedergeschlagenheit. Die ersten, welche das Wiedererwachen bemerkten, waren die Fremden. Allerdings waren auch schon Italiener aufgetreten, aber Phrasendrescher mit dem berühmten und berüchtigten «Primat von Italien» auf den Lippen. Das Buch des Deutschen Fischer stammt von 1899, das des Engländers Bolton King von 1901. Auch heute noch hat kein Italiener, nicht einmal zur fünfzigjährigen Feier der «Einheit», ein Werk herausgebracht, das diesen gleichkommt. Die eigentümliche Klugheit dieser Ausländer ist besonders beachtenswert, weil wirklich die Fremden von einem modernen Italien weder etwas wissen wollten noch wollen. In bezug auf Italien bestand damals wie noch heute ein Urteil oder vielmehr Vorurteil: Italien sei ein Land der Vergangenheit und nicht der Gegenwart, es müsse «in der Vergangenheit ruhen», aber nicht in die Gegenwart eintreten. Man wünschte ein Italien der Archive, Museen, Gasthäuser für Hochzeitsreisen oder zur Zerstreuung von Spleen- oder Lungenkranken, ein Italien der Drehorgeln, der Serenaden und Gondelfahrten, voll von Ciceroni, Stiefelputzern, Polyglotten und Polichinellen. Diese Fremden waren viel glücklicher, wenn sie in Sleeping cars reisen konnten als in der Diligence, aber sie bedauerten es ein wenig, daß sie nicht hier und da an einer Straßenecke einen Kalabreser Straßenräuber trafen mit der Donnerbüchse und dem Sammethut in der Form eines Zuckerhutes. Oh, der schöne italienische Himmel, verdorben durch Fabrikschornsteine; oh — la bella Napoli —,schimpfiert durch Dampfschiffe und das Ausladen derselben; und Rom mit den italienischen Soldaten; welches Bedauern für die schönen Zeiten des päpstlichen, bourbonischen und leopoldinischen Roms! Diese menschenfreundlichen Gefühle bilden noch immer die Grundlage jedes angelsächsischen und deutschen Urteils über uns, und um zu sagen, wie tief sie waren, genügt es, daran zu erinnern, daß sie von Leuten ausgesprochen wurden, die in andern Hinsichten hervorragend waren, wie Gregorovius und Bourget. Das Italien, das sich reformierte und feist wurde, das anfing einen und den andern großen Kassenschein in seiner Brieftasche zu haben, hat erst heutigen Tages das richtige Bewußtsein von sich selbst gewonnen. Und wenn es aus Reaktion etwas weiter darin geht, als es mit seinen Begeisterungen dürfte, so muß man es verzeihen und verstehen. Zehn Jahre sind notwendig gewesen und haben kaum genügt, damit von den ersten, die die Zukunft und Kraft Italiens voraussahen, die Idee auf die Menge überging, die jetzt davon durchdrungen und überzeugt ist. Umsonst würden unsere großen Denker Bände von Zeitschriften, statistische Bücher, philosophische Werke und Bücher neuester Kunst aufgehäuft haben.»
[ 63 ] “And yet, completely unaware of this economic rebirth, Italy was at the same time going through the period of despondency described above. The first to notice the revival were the foreigners. Admittedly, some Italians had already made their voices heard, but they were mere windbags with the famous and infamous “primacy of Italy” on their lips. The book by the German Fischer dates from 1899, and that by the Englishman Bolton King from 1901. Even today, no Italian—not even on the fiftieth anniversary of “Unification”—has published a work that matches these. The peculiar wisdom of these foreigners is particularly noteworthy because, in truth, the foreigners neither wanted nor want to know anything about a modern Italy. With regard to Italy, there was then—as there still is today—a judgment, or rather a prejudice: Italy is a country of the past and not of the present; it must “rest in the past,” but not step into the present. People wanted an Italy of archives, museums, and inns for honeymoons or for the recreation of those suffering from melancholy or lung ailments—an Italy of barrel organs, serenades, and gondola rides, full of ciceroni, shoe shiners, polyglots, and Polichinelles. These foreigners were much happier when they could travel in sleeping cars than in stagecoaches, but they regretted a little that they didn’t encounter a Calabrian highwayman here and there on a street corner, with his musket and velvet hat shaped like a sugar loaf. Oh, the beautiful Italian sky, marred by factory chimneys; oh—“la bella Napoli”—disgraced by steamships and their unloading; and Rome with its Italian soldiers—what a pity for the good old days of papal, Bourbon, and Leopoldine Rome! These philanthropic sentiments still form the basis of every Anglo-Saxon and German judgment about us, and to convey just how deep they ran, it suffices to recall that they were expressed by people who were outstanding in other respects, such as Gregorovius and Bourget. The Italy that reformed itself and grew prosperous, that began to carry one or another large banknote in its wallet, has only today gained a true sense of self. And if, out of reaction, it goes a little further in this than its enthusiasm might warrant, one must forgive and understand it. It took ten years—and even that was barely enough—for the idea to spread from the first few who foresaw Italy’s future and strength to the masses, who are now imbued with and convinced of it. Our great thinkers would have piled up volumes of journals, statistical books, philosophical works, and books on the latest art in vain.”
[ 64 ] Hier haben wir die Gesinnung, meine lieben Freunde! «Umsonst würden unsere großen Denker Bände von Zeitschriften, statistische Bücher, philosophische Werke und Bücher neuester Kunst aufgehäuft haben.» Das alles taugt nichts, meint er, um ein Volk wirklich zu heben. Keinen Glauben hat dieser moderne Mensch mehr an die geistige Wirksamkeit, an die Wirksamkeit des Geistigen!
[ 64 ] Here we have the mindset, my dear friends! “Our great thinkers would not have amassed volumes of journals, statistical books, philosophical works, and books on the latest art for nothing.” All of that is useless, he says, for truly uplifting a people. This modern man no longer has any faith in the power of the mind, in the power of the spiritual!
[ 65 ] «Umsonst würden unsere großen Denker Bände von Zeitschriften, statistische Bücher, philosophische Werke und Bücher neuester Kunst aufgehäuft haben; das Volk würde nie zu dieser Überzeugung gekommen sein und der Fremde auch nicht, wenigstens nicht in vielen Jahren.»
[ 65 ] “Otherwise, our great thinkers would have amassed volumes of journals, statistical books, philosophical works, and books on the latest art; the people would never have come to this realization, nor would the foreigner, at least not for many years.”
[ 66 ] Also geistige Kultur auf diese Weise schaffen, dazu hat der Mann kein Vertrauen.
[ 66 ] So, the man has no faith in creating intellectual culture in this way.
[ 67 ] «Das große und brutale Faktum war nötig, das die Phantasiegebilde zerschlägt und in jedem noch so kleinen und elenden Marktflecken die nationale Solidarität und denWiederaufschwung verspüren läßt.»
[ 67 ] “This immense and brutal reality was necessary to shatter the figments of the imagination and to instill a sense of national solidarity and recovery even in the smallest and most wretched of market towns.”
[ 68 ] Und wem schreibt er nun die Fähigkeit zu, dasjenige herbeizuführen, was keine geistige Kultur erzeugen kann? Er sagt:
[ 68 ] And to whom does he attribute the ability to bring about that which no spiritual culture can produce? He says:
[ 69 ] «Und hierzu hat der Krieg gedient.»
[ 69 ] “And that is what the war was for.”
[ 70 ] Hier haben Sie es! Da haben Sie den Glauben, den man hatte. Tripolis war da; man hatte es haben müssen, und man sagt weiter: Man braucht den Krieg, um dahin zu kommen, wohin man durch eine geistige Kultur zu kommen nicht notwendig fand.
[ 70 ] There you have it! There you have the faith people used to have. Tripoli was there; one simply had to have it, and people go on to say: You need war to get to where you didn’t feel it was necessary to get through intellectual culture.
[ 71 ] Ja, meine lieben Freunde, solche Dinge sprechen, wenn man sie damit zusammenhält, daß dann von solcher Seite her eine Stimme kommt, die sagt: Wir haben diesen Krieg nicht gewollt, wir sind höchst unschuldige Lämmer, wir sind überfallen worden. — Denn sogar von dieser Seite kommt der Ruf: Um die Freiheit zu retten, um die kleinen Völker zu retten, sind wir gezwungen worden, in den Krieg zu ziehen. — Der Mann sagt:
[ 71 ] Yes, my dear friends, when you consider such things in conjunction with the fact that a voice comes from that side saying: “We did not want this war; we are utterly innocent lambs; we have been attacked.” — For even from this side comes the cry: “To save freedom, to save the small nations, we have been forced to go to war.” — The man says:
[ 72 ] «Wir ungefähr im Jahre 80 geborenen jungen Leute traten dem Leben der Welt mit dem neuen Jahrhundert entgegen. Unser Land war mutlos geworden. Die intellektuelle Welt auf sehr niedrigem Standpunkt.»
[ 72 ] “We, a group of young people born around the year 80, stepped into the world as the new century dawned. Our country had lost its spirit. The intellectual world was at a very low ebb.”
[ 73 ] Also das sind die ungefähr im Jahre 1880 geborenen Leute.
[ 73 ] So these are the people born around 1880.
[ 74 ] «Die Philosophie: Positivismus; die Geschichte: Soziologie; die Kritik: historische Methode, wenn nicht gar Psychiatrie.»
[ 74 ] “Philosophy: positivism; history: sociology; criticism: the historical method, if not psychiatry.”
[ 75 ] Das kann man in dem Lande des Lombroso schon sagen!
[ 75 ] You can certainly say that in Lombroso's country!
[ 76 ] «Auf die Befreier Italiens waren die Aussauger Italiens gefolgt; nicht nur ihre Söhne, unsere Väter, sondern auch die Enkel, unsere älteren Brüder. Die heroische Tradition der Wiedererhebung war verloren, und keine Idee erhob die neuen Generationen. Die Religion war bei den Besten gesunken, hatte aber eine Leere gelassen. Bei den andern war sie Gewohnheit. Die Kunst schwankte in einem sinnlichen und ästhetischen Taumel ohne Grund und ohne Glauben; von Carducci, den der Papa las, mit eingeschaltetem Toskaner Wein und mit einer Fuhrknechtszigarre, ging man auf d’Annunzio über, der jetzt das Evangelium des älteren Bruders ist, der nach der letzten Mode gekleidet ist, mit den Taschen voll Zuckerwerk, Frauenjäger und eitler Prahler.»
[ 76 ] “The exploiters of Italy had followed in the footsteps of Italy’s liberators; not only their sons—our fathers—but also their grandsons—our older brothers. The heroic tradition of rebirth was lost, and no idea inspired the new generations. Religion had waned among the best, but had left a void. Among the others, it was mere habit. Art wavered in a sensual and aesthetic frenzy without foundation and without faith; from Carducci, whom Papa read while sipping Tuscan wine and smoking a cart driver’s cigar, we moved on to d’Annunzio, who is now the gospel of the older brother—dressed in the latest fashion, with pockets full of candy, a womanizer, and a vain braggart.”
[ 77 ] Dennoch, diese Marionette, von der hier gesagt wird, daß sie «nach der letzten Mode gekleidet, mit den Taschen voll Zuckerwerk, Frauenjäger und eitler Prahler» ist, diese Marionette hat dann am Pfingstfest 1915 den Leuten klargemacht, daß sie nun wiederum dasjenige brauchen, was irgendein Geisteswerk nicht geben kann!
[ 77 ] Nevertheless, this puppet—described here as “dressed in the latest fashion, with pockets full of candy, a womanizer, and a vain braggart”—made it clear to the people at the 1915 Pentecost festival that they once again needed something that no intellectual endeavor could provide!
[ 78 ] In ernsten Zeiten ist es schon notwendig, daß man sich dazu entschließt, auf die Wahrheit hinzuschauen, und sich gewissermaßen der Wahrheit zu verbinden. Denn wenn man die Wahrheit nicht erkennen will, so irrt man ab von demjenigen, was der Menschheit wirklich heilsam sein kann. Deshalb muß es verstanden werden, daß gerade in diesen Tagen ernste Worte gesprochen werden. Denn wir sind doch in einer Lage, in der, man könnte sagen, der Siebenachtelblinde sehend werden könnte, wenn er erlebt, daß schon der Ruf nach Frieden bebrüllt wird. Wer glauben kann, daß man für einen dauerhaften Frieden kämpft, wenn man den Ruf nach Frieden bebrüllt, der kann in verschiedenen Gebieten des Lebens vielleicht noch ein einigermaßen gerades Urteil haben; aber in bezug auf dasjenige, was geschieht, kann er nicht zurechnungsfähig sein. Und wenn man demgegenüber nicht fühlt die Verpflichtung zur Wahrheit, dann kann es noch sehr, sehr schlimm in der Welt werden.
[ 78 ] In serious times, it is indeed necessary to resolve to look toward the truth and, in a sense, to connect with it. For if one refuses to recognize the truth, one strays from that which can truly be healing for humanity. That is why it must be understood that serious words are being spoken precisely in these days. For we are, after all, in a situation in which—one might say—even someone who is seven-eighths blind could regain their sight if they witnessed the cry for peace being bellowed out. Anyone who can believe that one is fighting for lasting peace by shouting for peace may still possess a reasonably sound judgment in various areas of life; but with regard to what is actually happening, they cannot be considered of sound mind. And if, in contrast, one does not feel a commitment to the truth, then things could still become very, very bad in the world.
[ 79 ] Es ist für mich wahrhaftig keine sympathische Aufgabe, auf manches gerade in dieser Zeit aufmerksam zu machen. Wenn man aber vernimmt, was von überall her tönt, dann fühlt man die Notwendigkeit. Man muß den Mut nicht sinken lassen, solange das Unheil nicht völlig geschehen ist; aber das Fünkchen der Hoffnung ist klein: Es hängt von diesem Fünkchen der Hoffnung für die nächsten Tage sehr viel ab; und auch davon hängt sehr viel ab, daß es noch Menschen gibt, welche die ganze Absurdität von solchen Dingen in die Welt hinausschreien, wie es in diesen Tagen selbst von hervorragenden Weltstädten aus geschehen ist.
[ 79 ] It is truly no pleasant task for me to draw attention to certain matters, especially at this time. But when one hears what is being said from all sides, one feels the necessity. We must not lose heart as long as the disaster has not yet fully unfolded; but the spark of hope is small: a great deal depends on this spark of hope for the coming days; and a great deal also depends on the fact that there are still people who cry out to the world about the utter absurdity of such things, as has happened in recent days even from prominent cosmopolitan cities.
[ 80 ] Die Welt braucht Frieden, und sie wird viel entbehren, wenn sie jetzt keinen Frieden hat. Und sie wird viel entbehren, wenn weiter Menschen in der Welt Glauben finden, die da sagen: Wir sind gezwungen, für einen dauernden Frieden zu kämpfen —, und jeder Möglichkeit, zu einem Frieden zu gelangen, mit Hohnworten, die sie nur in geschickter Weise verbrämen, begegnen. Aber wir sind ja an dem Zeitpunkt angekommen, meine lieben Freunde, wo man selbst einen Lloyd George in weitestem Umkreise für einen großen Mann halten kann! Wir dürfen sagen: Es ist eben weit gekommen!
[ 80 ] The world needs peace, and it will lose much if it does not have peace now. And it will lose much if people around the world continue to find faith in those who say: “We are forced to fight for lasting peace”—and who meet every possibility of achieving peace with words of scorn, which they merely dress up in clever language. But we have indeed reached the point, my dear friends, where even a Lloyd George can be considered a great man by the widest circle of people! We may say: Things have certainly come a long way!
[ 81 ] Aber diese Dinge sind doch nur Prüfungen der Menschheit. Selbst dann wären sie nur eine Prüfung, wenn das eintreten würde, was ich mir beim Weihnachtsvortrage am Schluß zu sagen gestattete, wenn eintreten würde, daß alle Zukunft sagen müßte: In der Weihnachtstimmung des neunzehnhundertsechzehnten Jahres nach dem Mysterium von Golgatha hat man den Ruf «Friede auf Erden unter Menschen, die eines guten Willens sind» unter den eitelsten Vorwänden bebrüllt —, oder, wenn es nicht eitelste Vorwände sind, dann muß es eben etwas Schlimmeres sein. Dann muß man an diesem Bebrüllen jedes Friedensgedankens erkennen, um was es sich handelt: Daß es sich wirklich nicht um das handelt, was man in der Peripherie sagt, sondern um ganz andere Dinge. Dann wird man begreifen, daß man schon davon reden kann, daß es sich heute um Glück oder Unglück von Europa handelt. Nun, das kann ich heute wegen der vorgeschrittenen Zeit nicht weiter ausführen. Aber ich wollte noch diese Worte an Ihr Herz legen!
[ 81 ] But these things are merely trials for humanity. Even then, they would be nothing more than a trial if what I allowed myself to say at the end of my Christmas lecture were to come to pass—if it were to happen that everyone in the future would have to say: In the Christmas spirit of the year 1916, following the Mystery of Golgotha, the cry “Peace on earth among people of good will” was bellowed under the most vain of pretexts—or, if these are not the most vain of pretexts, then it must be something even worse. Then, from this bellowing that drowns out every thought of peace, one must recognize what is really at stake: that it is truly not about what is said on the periphery, but about entirely different things. Then one will understand that we can already speak of the happiness or misfortune of Europe today. Well, I cannot elaborate further on this today because it is getting late. But I wanted to impress these words upon your hearts!
