Reflections on Contemporary History II
The Karma of Untruthfulness
GA 173b
25 December 1916, Dornach
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Reflections on Contemporary History, Volume III, tr. SOL
Neunter Vortrag
Ninth Lecture
[ 1 ] Wir haben gestern begonnen mit der Betrachtung des Baldur-Mythus, der, wie wir gesehen haben, zurückgeht auf alte Einrichtungen, und gerade an solcher Betrachtung kann uns klar werden, wie das Christentum anknüpfen mußte und anknüpfen sollte an dasjenige, was von der Menschheit vorher begriffen worden ist. Wenn wir die drei großen Feste des Jahres nehmen, so wie sie heute noch immer gefeiert werden, so stehen diese drei großen Feste des Jahres eben durchaus im Zusammenhange mit Dingen, die sich langsam und allmählich durch die Menschheitsentwickelung hindurch ergeben haben. Und vollständig verstehen kann man dasjenige, was sich noch ausdrücken will im Weihnachts-, Oster-, Pfingstmysterium nur dann, wenn man nicht scheut, die Dinge anzuknüpfen an das Denken und Fühlen und Empfinden der sich im Laufe der Zeiten entwickelnden Menschheit. Wir haben gesehen, wie die Christus-Idee zurückgeht in frühe, frühe Zeiten.
[ 1 ] Yesterday we began our examination of the Baldur myth, which, as we have seen, has its roots in ancient traditions; and it is precisely through such an examination that we can come to understand how Christianity had to—and should—build upon what humanity had previously grasped. If we consider the three great festivals of the year, as they are still celebrated today, we see that these three great festivals are indeed closely connected to developments that have emerged slowly and gradually throughout human evolution. And one can fully understand what still seeks to express itself in the mysteries of Christmas, Easter, and Pentecost only if one does not shy away from connecting these things to the thinking, feeling, and sensibility of humanity as it has developed over the course of time. We have seen how the idea of Christ goes back to very, very early times.
[ 2 ] Sie brauchen nur, um das genauer ins Auge zu fassen, sich vor die Seele zu führen, was in der Schrift «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit» enthalten ist. Da werden Sie sehen, wie man dasjenige, was der Christus-Idee zugrunde liegt, zurückführen kann auf Geheimnisse der geistigen Welten, wie man zeigen kann, welchen Weg das der Christus-Idee zugrunde liegende Wesen in den geistigen Welten durchgemacht hat, um dann gewissermaßen in einem Punkt der Erdenentwickelung in physischer Menschwerdung sich zu offenbaren. Gerade an den Auseinandersetzungen dieser Begriffe über die geistige Führung der Menschheit ist es möglich, zu empfinden, welcher Zusammenhang oder auch Nichtzusammenhang besteht zwischen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft und der alten Gnosis. Den Weg des Christus durch die geistigen Welten so darzustellen, wie es versucht worden ist in der Schrift «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit», das wäre in der alten Gnosis noch nicht möglich gewesen. Aber diese alte Gnosis hat doch eine Christus-Vorstellung, eine Christus-Idee gehabt. Sie konnte aus dem atavistisch-hellseherischen Wissen so viel herausholen, um den Christus auf geistige Art zu erfassen, um zu sagen: In der geistigen Welt ist eine Evolution, die Hierarchien, oder, wie dort gesagt wird, die Aonen folgen aufeinander, und einer der Äonen ist der Christus. Und gezeigt wird in der Gnosis, wie der Christus, während sich Äon nach Äon evolviert hat, heruntersteigt und sich in einem Menschen offenbart. Das kann heute noch deutlicher gezeigt werden, und Sie können es nachlesen in der Schrift «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit».
[ 2 ] To examine this more closely, you need only bring to mind what is contained in the book The Spiritual Guidance of the Individual and of Humanity. There you will see how what underlies the Christ Idea can be traced back to the mysteries of the spiritual worlds, and how one can demonstrate the path that the being underlying the Christ Idea has traversed in the spiritual worlds, only to reveal itself, as it were, in physical incarnation at a certain point in Earth’s evolution. It is precisely through an examination of these concepts regarding the spiritual guidance of humanity that one can sense the connection—or lack thereof—between anthroposophically oriented spiritual science and ancient Gnosticism. To depict Christ’s path through the spiritual worlds in the way that has been attempted in the book The Spiritual Guidance of the Individual and of Humanity would not yet have been possible in ancient Gnosticism. Yet this ancient Gnosticism did have a conception of Christ, an idea of Christ. It was able to draw upon atavistic-clairvoyant knowledge to the extent necessary to grasp Christ in a spiritual way, to say: In the spiritual world there is an evolution; the hierarchies—or, as they are called there, the Aeons—follow one another, and one of the Aeons is Christ. And Gnosticism shows how Christ, having evolved from Aeon to Aeon, descends and reveals himself in a human being. This can be demonstrated even more clearly today, and you can read about it in the book The Spiritual Guidance of the Individual and of Humanity.
[ 3 ] Nun ist es gut, wenn man in unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung mancherlei von tieferen Zusammenhängen empfindet, um dadurch loszukommen von den rein persönlichen Angelegenheiten. Denn es ist doch so, daß die Menschheit in ihrer Entwickelung in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum an einem Punkt angelangt ist, in dem der einzelne es sehr schwer hat, von seinen persönlichen Angelegenheiten loszukommen. Der einzelne steht in Gefahr, seine persönlichen Angelegenheiten, seine persönlichen Instinkte und Leidenschaften zu vermischen mit demjenigen, was der ganzen Menschheit gemeinschaftlich ist.
[ 3 ] It is good, in our spiritual science movement, to sense various deeper connections, so that we may thereby free ourselves from purely personal matters. For it is indeed the case that humanity, in its development during this fifth post-Atlantean epoch, has reached a point where it is very difficult for the individual to detach from his or her personal concerns. The individual is in danger of mixing his or her personal concerns, personal instincts, and passions with that which is common to all of humanity.
[ 4 ] Auch die verschiedenen Festlichkeiten sind eigentlich zu rein persönlichen Angelegenheiten heruntergesunken, weil der Menschheit der Ernst und die Würde entschwunden sind, die allein möglich machen, der geistigen Welt in rechter Art sich zu nahen. Es ist sehr natürlich, daß in unserer fünften nachatlantischen Periode, wo der Mensch gewissermaßen sich selbst erfassen soll, sich auf sich selber stellen soll, solch eine Gefahr naheliegt, wie ich sie eben charakterisiert habe: daß der Mensch gewissermaßen den Zusammenhang verliert mit der geistigen Welt. Früher war der Menschheit der Zusammenhang mit der geistigen Welt bewußt, dafür aber anderes unbewußt, worauf ich ja gestern wieder hingedeutet habe. In der Gegenwart sind vor allem diejenigen Dinge unbewußt, auf die ich in diesen Betrachtungen in der Weise hingewiesen habe, daß ich sagte: Die Menschen haben heute nicht die Geneigtheit, ihre Aufmerksamkeit auf sie zu richten. Sie lassen sie vorübergehen, ohne sich um sie zu bekümmern.
[ 4 ] Even the various festivities have, in fact, degenerated into purely personal affairs, because humanity has lost the solemnity and dignity that alone make it possible to approach the spiritual world in the proper way. It is only natural that in our fifth post-Atlantean epoch, in which human beings are, so to speak, meant to come to terms with themselves and stand on their own two feet, a danger such as the one I have just described looms large: that human beings, so to speak, lose their connection with the spiritual world. In the past, humanity was conscious of its connection to the spiritual world, but unconscious of other things—as I alluded to again yesterday. In the present, the things that are primarily unconscious are those to which I have referred in these reflections by saying: People today are not inclined to direct their attention to them. They let them pass by without giving them a second thought.
[ 5 ] Es ist gut, wenn man gerade bei solchen Anlässen, wie das Weihnachtsfest einer ist, sich sagt: In unsere Weltentwickelung spielen geistige Impulse herein, in gutem wie auch in bösem Sinne. Und wir haben gesehen, wie die Impulse, die da walten, von den Menschen, die gewissermaßen in diese Dinge eingeweiht sind, auch im bösen Sinne, in irgendeinem persönlichen, egoistischen Sinne oder im Interesse eines Gruppenegoismus verwendet werden können. Wir müssen lernen, unsere Empfindung einzustellen auf umfassendere Angelegenheiten, auf umfassendere Verhältnisse. Wenn wir auch nicht immer solche Empfindungen an die große Glocke hängen können, wie man sagt, so müssen wir sie doch hegen können.
[ 5 ] It is good, especially on occasions such as Christmas, to remind ourselves: Spiritual impulses play a role in the development of our world, both for good and for evil. And we have seen how the forces at work here can be exploited—even in a negative sense, in some personal, selfish way, or in the interest of group egoism—by people who are, so to speak, initiated into these matters. We must learn to attune our feelings to broader matters, to broader circumstances. Even if we cannot always “shout it from the rooftops,” as the saying goes, we must still be able to cherish these feelings.
[ 6 ] Nun möchte ich Ihnen Gelegenheit geben, an einer Sache jetzt gleich die Seele gewissermaßen loszureißen aus irgendeiner rein persönlichen Interpretation der Anthroposophie, und sie hinzulenken auf etwas Allgemeines, das verknüpft ist mit unserer anthroposophischen Bewegung. Wenn Sie das gestern Gesagte ordentlich auffassen, so werden Sie sich sagen: Jener 20. Mai 1347, jener Pfingstmai, an dem Cola di Rienzi seine bedeutsame Manifestation in Rom vollbracht hat, der wiederholte sich in einer gewissen Weise zur Pfingstzeit des Jahres 1915. Wer die Ereignisse verfolgt hat, der wird bald sehen können, oder würde bald sehen können, daß mit voller Absichtlichkeit, mit vollem Bewußtsein von jener Seite, von der es gemacht worden ist, dieser Pfingstmai gewählt worden ist. Man hat eben gewußt, daß da die alten Impulse wieder aufleben, daß da die Herzen und die Seelen, die sich HödurBlindheit ergeben, zu erfassen sind, wenn Loki an sie herantritt. Aber man ist ja nur so lange zu erfassen, als man nicht den Willen hat, sich daran zu gewöhnen, auf begreifbare, auf der Hand liegende Zusammenhänge hinzuschauen und sich von ihnen beeindrucken zu lassen. Man ist nur so lange den unbewußt bleibenden Zusammenhängen ausgeliefert, als man sich so im Persönlichen verstrickt, daß man nicht, ich möchte sagen auf «ordentliche» Zusammenhänge, auf Zusammenhänge im guten Sinne hinschaut, solange man kein Interesse hat für Allgemeinmenschliches, das immer in das Geistige hineinführt.
[ 6 ] Now I would like to give you the opportunity to, so to speak, tear your soul away from any purely personal interpretation of anthroposophy and direct it toward something universal that is connected to our anthroposophical movement. If you properly take to heart what was said yesterday, you will say to yourselves: That May 20, 1347—that Pentecost Monday on which Cola di Rienzi accomplished his momentous act in Rome—was, in a certain sense, repeated during the Pentecost season of 1915. Anyone who has followed the events will soon be able to see—or would soon be able to see—that this Pentecost was chosen with full intent and with full awareness on the part of those who orchestrated it. They knew full well that the old impulses would be revived there, that the hearts and souls that surrender to spiritual blindness could be swayed when Loki approaches them. But one can only be swayed as long as one lacks the will to accustom oneself to looking at comprehensible, obvious connections and allowing oneself to be influenced by them. One is at the mercy of these connections—which remain unconscious—only as long as one becomes so entangled in the personal that one does not, I might say, look for “proper” connections, connections in the good sense; as long as one has no interest in what is universally human, which always leads into the spiritual.
[ 7 ] Ich habe Ihnen ausgeführt, daß die Gnosis noch ein Verständnis hatte für die Christus-Vorstellung, daß mit der Ausrottung der Gnosis die Christus-Vorstellung verdogmatisiert worden ist, im Süden daher die eigentliche Christus-Vorstellung gewissermaßen verschwunden ist. Die Geisteswissenschaft hat die Aufgabe, im Zusammenhang mit der geistigen Evolution diese Christus-Vorstellung wiederum zu begreifen, eine Christus-Vorstellung zu bilden, die nicht Phrase ist, sondern die inhaltsvoll ist, einen wirklichen Inhalt hat.
[ 7 ] I have explained to you that Gnosticism still had an understanding of the concept of Christ, that with the eradication of Gnosticism the concept of Christ became dogmatized, and that, as a result, the true concept of Christ has, so to speak, disappeared in the South. Spiritual science has the task, in connection with spiritual evolution, of grasping this concept of Christ anew—of forming a concept of Christ that is not mere rhetoric but is rich in content, possessing genuine substance.
[ 8 ] Im Norden ist gerade dasjenige, was dort vorhanden sein konnte, verschwunden: die Jesus-Empfindung. Die Jesus-Empfindung ist im Norden wirklich ausgebildet worden, wie ich vorgestern sagte, bis in das 8., 9., 10. Jahrhundert nach dem Mysterium von Golgatha. In alten Zeiten begrüßte man in jedem Hause, wo eine Geburt stattfand, das Christkind, das allein, insbesondere beim Stamm der Ingävonen, als ein würdiges Stammesmitglied aufgenommen werden konnte, während deplaziert war derjenige, der — selbstverständlich ohne Pedanterie — zu anderen Zeiten geboren wurde. Aber wir haben gezeigt, wie dasjenige, was dann als äußeres Christentum sich verbreitet hat, alles zurückdrängte, was selbst noch in Mythen und Umzügen, also in Kultgebräuchen, zusammenhing mit jener alten Jesus-Empfindung. Und wir haben gesehen, wie seit der Mitte des Mittelalters gewissermaßen angestrengt gearbeitet worden ist, um zu verwischen dasjenige, was sich von Jütland her über Europa, namentlich Mitteleuropa, ausgebreitet hatte.
[ 8 ] In the North, precisely what could have existed there has disappeared: the sense of Jesus. The sense of Jesus was truly developed in the North, as I said the day before yesterday, right up into the 8th, 9th, and 10th centuries following the Mystery of Golgotha. In ancient times, in every home where a birth took place, the Christ Child was welcomed; only the Christ Child—especially among the Ingävo tribe—could be accepted as a worthy member of the tribe, whereas those born at other times—without any pedantry, of course—were considered out of place. But we have shown how what then spread as external Christianity suppressed everything that was still connected—even in myths and processions, that is, in cultic practices—with that ancient sense of Jesus. And we have seen how, since the middle of the Middle Ages, strenuous efforts have been made, so to speak, to obliterate what had spread from Jutland across Europe, particularly Central Europe.
[ 9 ] In den dänischen Gebieten war das Zentralmysterium, welches jene Verhältnisse gewissermaßen anordnete und überwachte, die dann in der Regelung der Empfängnisse und Geburten zum Vorschein kamen. Da war es, wo ein allgemeines Bewußtsein entwickelt worden ist über einen Zusammenhang sozialer Natur in der Menschheit, über einen Zusammenhang, der zugleich sakramental war, der ein wirkliches soziales Sakramentum war. Das Jahr selber wurde angeordnet als ein Sakramentum, und der Mensch wußte sich hineingestellt in das Jahressakramentum. Für die damaligen Menschen ging die Sonne nicht umsonst in verschiedener Weise über das Himmelsgewölbe in den verschiedenen Jahreszeiten, sondern was auf der Erde geschah, war ein Abbild der himmlischen Ereignisse. Da, wo der Mensch noch keinen Einfluß haben kann oder hat, wo noch elementarische und Naturgeister dasjenige verrichten, was mit Bezug auf das soziale Leben heute der Mensch verrichtet, da besteht noch das Sakramentum. Es leben heute, allerdings ohne daß die Menschen es schon wissen, recht starke ahrimanische Impulse in einzelnen Menschen. Ich sage ausdrücklich: ohne daß die Menschen es schon wissen. Diese ahrimanischen Impulse sind darauf gerichtet, auch gewissen elementaren Naturgeistern ihren Sakramentaleinfluß auf die Erdenevolution zu entreißen.
[ 9 ] In the Danish regions, the central mystery was the one that, in a sense, organized and oversaw the conditions that then manifested themselves in the regulation of conceptions and births. It was there that a general consciousness developed regarding a social connection within humanity—a connection that was at the same time sacramental, a true social sacrament. The year itself was organized as a sacrament, and human beings knew they were placed within the sacrament of the year. For the people of that time, the sun did not traverse the vault of heaven in various ways throughout the different seasons in vain; rather, what happened on earth was a reflection of the heavenly events. Where human beings still cannot or do not exert any influence—where elemental and nature spirits still perform the tasks that human beings perform today in relation to social life—there the sacrament still exists. Today, although people are not yet aware of it, quite strong Ahrimanic impulses are at work in certain individuals. I say explicitly: although people are not yet aware of it. These Ahrimanic impulses are directed toward wresting the sacramental influence over Earth’s evolution from certain elemental spirits as well.
[ 10 ] Wenn die moderne Technik so weit ausgebildet sein wird, daß man über gewisse Flächen hin künstliche Wärme erzeugen kann, dann wird man — und das wird schon geschehen, das tadele ich nicht, sondern stelle es Ihnen nur als eine Notwendigkeit hin, als etwas, was in der Zukunft geschehen wird —, dann wird man den Natur- und Elementargeistern das Pflanzenwachstum, vor allem das Getreidewachstum entreißen, man wird nicht nur Wintergärten, nicht nur geheizte Räume für kleinere Pflanzenwachstumsanlagen einrichten, sondern für ganze Getreidefelder, in denen man, den vom Kosmos hereinwirkenden Gesetzen entrissen, das Getreide zu andern Jahreszeiten ziehen wird, als es gewissermaßen von selbst, das heißt, durch die Natur- und Elementargeister wächst. Das aber wird für die Saaten dasselbe sein, wie das, was geschah, als das alte Bewußtsein von dem Sakramentalen der Empfängnis und der Geburten sich verallgemeinert hat über das ganze Jahr. Erforschen, erkunden, wie die geistigen Wesenheiten ebenso wirken können auf den sozial-sakramentalen Zusammenhang, wie sie wirken auf das Aufsprießen und Sprossen der Pflanzen im Frühling und das Zurückgehen im Herbste, das war die Aufgabe solcher Mysterienstätten wie derjenigen, von der ich sagte, daß sie sich in Dänemark befunden und das soziale Leben sakramental geregelt habe. Von da aus hat sich also dasjenige ausgebreitet, was wir noch im 3. Jahrtausend vor dem Mysterium von Golgatha suchen dürfen, dann aber allmählich schwinden und einem andern Platz machen sehen, das kommen mußte; sonst hätte der Mensch sich nicht zum Gebrauch seines Intellekts aufschwingen können. Die Dinge sind notwendig, aber eben ihre Notwendigkeit muß man einsehen, und nicht den Göttern ins Handwerk pfuschen wollen, indem man sagt: Warum haben die Götter nicht dies oder jenes, warum haben es die Götter nicht anders — wobei man immer meint, für den Menschen bequemer — eingerichtet?
[ 10 ] When modern technology has advanced to the point where artificial heat can be generated over certain areas, then people will—and this will certainly happen; I do not condemn it, but merely present it to you as a necessity, as something that will occur in the future—then people will wrest plant growth, especially the growth of grain, from the nature spirits and elemental spirits, not only will people set up greenhouses and heated rooms for small-scale plant cultivation, but also for entire grain fields, in which—ripped away from the laws of the cosmos—grain will be grown in seasons other than those in which it grows, so to speak, on its own, that is, through the nature and elemental spirits. But this will be the same for the crops as what happened when the ancient awareness of the sacramental nature of conception and birth became widespread throughout the entire year. To investigate and explore how spiritual beings can act upon the social-sacramental context just as they act upon the sprouting and growth of plants in spring and their withering in autumn—that was the task of such mystery sites as the one I mentioned, which was located in Denmark and regulated social life sacramentally. From there, then, spread what we may still seek in the third millennium before the Mystery of Golgotha—but which we then see gradually fade away to make room for something else that was bound to come; otherwise, human beings would not have been able to rise to the use of their intellect. These things are necessary, but one must recognize precisely their necessity, and not try to meddle in the work of the gods by asking: Why did the gods not arrange this or that, why did the gods not arrange it differently—always assuming it would be more convenient for human beings?
[ 11 ] Da also ist von Jütland aus, von Dänemark aus, die Empfänglichkeit für die Jesus-Empfindung ausgegangen. Sehen Sie, es handelt sich darum, nicht nur bei mehr oder weniger wichtigen Anlässen nachzudenken, was geschieht, sondern an die Zusammenhänge zu denken, nur nicht, ich möchte sagen, um die Ecke herum zu denken und zu spintisieren, sondern geradeaus und in Wahrheit zu denken. Spintisieren tun gar viele sehr gern; aber das richtige Denken besteht in dem Zusammendenken der tatsächlichen Ereignisse, und dann zu warten, was daraus kommt, was für einen daraus hervorgeht.
[ 11 ] So it was from Jutland, from Denmark, that the receptivity to the Jesus experience originated. You see, it’s not just a matter of reflecting on what happens during more or less important occasions, but of thinking about the connections—not, I would say, to think outside the box and speculate, but to think straight ahead and in truth. Many people are quite fond of speculating; but true thinking consists in connecting the actual events and then waiting to see what comes of it, what emerges from it.
[ 12 ] Man könnte sich nun in diesen Tagen, nachdem ich das alles auseinandergesetzt habe, folgende Frage vorlegen, und diejenigen unter Ihnen werden in der Seele etwas Richtiges empfunden haben, welche sich diese Frage vorgelegt haben. Und wenn Sie heute sie sich noch nicht vorgelegt haben, so können Sie danach streben, sich gerade solche Fragen für die Zukunft vorzulegen; denn sie sitzen überall, wenn die Voraussetzung gemacht wird, daß nicht nur in dem, was gesagt wird, die Wahrheit liegt, sondern auch in dem, was getan wird. Das Weltenwort, dessen Geburt wir im Weihnachtsmysterium feiern, verstehen wir nur dann recht, wenn wir dieses Weltenwort so allgemein als möglich denken, wenn wir denken, daß dieses Weltenwort wirklich vibriert und wellt in alledem auch, was geschieht, was sich ereignet. Und wenn man die Demut und Hingebung hat, sich selber eingewoben zu fühlen in dem Weltenprozeß, so erkennt man die Zusammenhänge, die da walten.
[ 12 ] Now that I have laid all this out, you might ask yourselves the following question these days, and those of you who have asked yourselves this question will have sensed something true in your hearts. And if you have not yet asked yourselves this question today, you can strive to ask yourselves precisely such questions in the future; for they are everywhere, provided that we assume the truth lies not only in what is said, but also in what is done. We can only truly understand the Word of the World, whose birth we celebrate in the Christmas Mystery, if we conceive of this Word of the World as broadly as possible—if we realize that this Word of the World truly vibrates and ripples through everything that happens and unfolds. And if one has the humility and devotion to feel oneself woven into the process of the world, one recognizes the interconnections that govern it.
[ 13 ] Welche Frage konnte sich die Seele vorlegen? So könnte Ihre Seele denken in diesen Tagen: Wir haben nun erfahren, daß in der Gnosis eine bedeutsame Christus-Vorstellung enthalten war; sie ist im Süden verschwunden, sie konnte sich gewissermaßen nicht bis zum Norden bewegen. Ihr ist entgegengekommen die Jesus-Vorstellung, die aber als Empfindung anknüpft an die jütischen Mysterien. Das haben wir nun gesehen.
[ 13 ] What question might the soul have asked itself? This is how your soul might be thinking these days: We have now learned that Gnosticism contained a significant conception of Christ; it disappeared in the south—in a sense, it was unable to make its way north. It was met by the conception of Jesus, which, however, is linked in feeling to the Jutish Mysteries. We have now seen this.


[ 14 ] Wenn man dieses erkennt und sich diesen Zusammenhang vor Augen stellt, wäre es da nicht natürlich, daß das Bedürfnis entsteht, dasjenige, was sich nicht hat zusammenfinden können, zusammenzubringen? In der Weltenevolution des Abendlandes hat sich die Christus-Idee mit der Jesus-Idee nicht zusammenfinden können. Daraus muß das Bedürfnis entstehen, die beiden zusammenzuknüpfen.
[ 14 ] If one recognizes this and considers this connection, wouldn’t it be natural for the need to arise to bring together what has not yet been able to come together? In the evolution of the Western world, the idea of Christ has not been able to come together with the idea of Jesus. This must give rise to the need to link the two together.
[ 15 ] Die moderne Anthroposophie hat in aller Bescheidenheit diese Aufgabe aufzunehmen. Es ist ihre Angelegenheit, zu versuchen, da das Richtige zu tun und diese Dinge in der Weltkonstellation ein wenig zusammenzuführen. Wenn man also versucht zu schildern, wie die neuere Anthroposophie gewissermaßen als eine in die Neuzeit heraufgehobene Gnosis den Christus wieder versteht, so könnte man diese Christus-Idee zusammenfügen wollen mit dem, was leben kann an einer bestimmten Stelle, wo es als Jesus-Empfindung in so intensiver Weise einstmals gelebt hat, wie ich es Ihnen dargestellt habe. Dann würde man über die Christus-Idee, wie sie sich einfügt in die geistige Führung der Menschheit, zu sprechen versuchen gerade an der Stätte, oder, entsprechend unseren Möglichkeiten, in der Nähe der Stätte, von wo die Jesus-Empfindung ausgestrahlt ist.
[ 15 ] Modern anthroposophy must, in all humility, take on this task. It is its responsibility to try to do what is right and to bring these things together a little within the constellation of the world. So when one attempts to describe how modern anthroposophy, as a kind of gnosis raised up into the modern era, understands Christ anew, one might wish to bring this idea of Christ together with what can come alive in a specific place where it was once lived so intensely as the feeling of Jesus, as I have described to you. Then one would attempt to speak about the Christ idea—as it fits into the spiritual guidance of humanity—precisely at that site, or, to the extent possible, near the site from which the sense of Jesus radiated.
[ 16 ] Das ist die Antwort, die Sie sich geben können, wenn Sie sich fragen, warum ich vor Jahren auf eine von dort kommende Einladung hin gerade in Kopenhagen den Christus-Wandel durch die geistigen Evolutionen vorgetragen habe. Warum entstand gerade dazumal das Bedürfnis, die Christus-Idee, so wie sie in das Thema «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit» einverwoben werden konnte, an dieser Stätte zu entwickeln? Da ist etwas gesagt, nicht durch die Worte, die gesprochen sind, sondern durch die Konstellation! Auf die Menschen kommt es dann an, solche Dinge zu verstehen. Man braucht sie nicht an die große Glocke zu hängen, sagte ich; aber man kann verstehen, daß nicht nur durch das, was gesagt wird, sondern durch das, was geschieht, Dinge ausgedrückt werden, und daß in diesen Dingen das Weltenwort in einer gewissen Weise lebt.
[ 16 ] That is the answer you can give yourself if you ask why, years ago, in response to an invitation from there, I gave a lecture in Copenhagen specifically on the Christ Transformation through spiritual evolutions. Why did the need arise at that particular time to develop the Christ idea—as it could be woven into the theme “The Spiritual Guidance of the Individual and of Humanity”—at that very location? Something is being said there, not through the words that are spoken, but through the constellation! It is then up to people to understand such things. There is no need to shout it from the rooftops, I said; but one can understand that things are expressed not only through what is said, but also through what happens, and that in these things the Word of the World lives in a certain way.
[ 17 ] Nun scheint es ja heute, daß die Menschheit dem Unrichtigen, dem Bösen, wenn man es in die Weltenkonstellationen hineinstellt, ganz offenbar mehr Gefühl und Empfindung entgegenbringt, als wenn man versucht, das, was im wirklich guten Sinne der Menschheitsentwickelung einverleibt werden soll, auch durch die reale Tatsache zum Ausdrucke zu bringen. Aber man möchte, gerade in der Anknüpfung an so etwas wie das Weihnachtsmysterium, ein Gefühl davon hervorrufen, daß man sich fühlen soll, teilnehmend an der anthroposophischen Bewegung, als in etwas darinnen lebend, was erhaben ist über die bloße äußere Maja, und man möchte, daß ernst genommen würde die Einsicht, daß dasjenige, was auf dem physischen Plan vorgeht, so wie es auf dem physischen Plane vorgeht, eben die Maja und nicht die Wirklichkeit im höheren Sinne ist.
[ 17 ] Today, it seems that humanity quite clearly responds with more feeling and sensitivity to what is wrong and evil—when viewed within the context of the world’s constellations—than it does when attempting to give real, tangible expression to that which, in the truest sense, should be incorporated into human development. But one would like—precisely in connection with something like the Christmas Mystery—to evoke a sense that, as a participant in the anthroposophical movement, one should feel as though living within something that is sublime beyond mere external Maya, and one would like the insight to be taken seriously that what takes place on the physical plane, just as it takes place on the physical plane, is precisely Maya and not reality in the higher sense.
[ 18 ] Wenn man also fühlt, daß dasjenige, was hier auf der Erdegeschieht, gewissermaßen, wenn ich mich des christlichen Ausdruckes bedienen darf, auch im «Himmel» geschieht, und daß erst in der Zusammenfügung im menschlichen Geiste, also jetzt für unsere fünfte nachatlantische Zeit im menschlichen Intellekte, die volle Wahrheit liegt, dann betrachtet man erst die volle Wirklichkeit. Sie liegt in der Zusammenfügung dessen, was auf der Erde und im Himmel geschieht. Sonst aber bleibt man in der Maja stecken. Man hat heute so sehr das Bedürfnis, in der Maja steckenzubleiben, weil man im fünften nachatlantischen Zeitraum der Gefahr allzu stark ausgesetzt ist, die Worte für die Sache zu nehmen. Die Worte haben ja vielfach ihre Bedeutung verloren, und unter Bedeutung verstehe ich hier den lebendigen Seelenzusammenhang des Wortes mit der Wirklichkeit, die dem Worte zugrunde liegt. Die Worte sind nur Abbreviaturen geworden, und der Rausch, in dem heute noch viele leben in bezug auf die Worte, ist kein echter mehr, weil nur die Vertiefung in die geistige Welt das, was wir sprechen, echt machen kann. Die Worte werden erst wiederum einen wirklichen Inhalt bekommen, wenn die Menschen sich erfüllen mit einem Wissen von der geistigen Welt. Das alte Wissen ist verlorengegangen, und wir reden heute vielfach so, weil das alte Wissen verlorengegangen ist, wir in der Maja drinnen sind und nur Worte haben. Aber wir müssen wiederum ein geistiges Leben suchen, das den Worten einen Inhalt gibt. Wir leben gewissermaßen in einem Mechanismus der Worte, wie wir äußerlich in einem Mechanismus der Technik nach und nach vollständig die Individualität verlieren und ausgeliefert werden an den äußeren Mechanismus.
[ 18 ] So if one feels that what happens here on Earth also happens, so to speak—if I may use the Christian expression—in “Heaven,” and that the full truth lies only in the synthesis within the human spirit—that is, now, for our fifth post-Atlantean epoch, within the human intellect—then one is only then contemplating the full reality. It lies in the synthesis of what happens on Earth and in Heaven. Otherwise, however, one remains stuck in Maya. Today there is such a strong need to remain stuck in Maya because, in the fifth post-Atlantean epoch, one is all too exposed to the danger of taking words for the thing itself. Words have, in many cases, lost their meaning—and by “meaning” I mean here the living, soul-based connection between the word and the reality that underlies it. Words have become mere abbreviations, and the intoxication in which many still live today with regard to words is no longer genuine, because only deepening one’s connection to the spiritual world can make what we speak genuine. Words will only regain real content when people fill themselves with knowledge of the spiritual world. The ancient knowledge has been lost, and we speak this way today largely because that ancient knowledge has been lost—we are trapped in Maya and have only words. But we must once again seek a spiritual life that gives words their content. In a sense, we live within a mechanism of words, just as we gradually lose our individuality entirely in the external mechanism of technology and become at the mercy of that external mechanism.
[ 19 ] Unsere Aufgabe ist es, dasjenige, was in der geistigen Welt lebt, zusammenzufügen mit dem, was in der physischen Welt lebt. Dazu müssen wir aber mit großem Ernst an die Erfassung der Wirklichkeit gehen. Der Mensch ist in unserer materialistischen Zeit zu sehr gewöhnt worden, nur immer kleine Horizonte zu überschauen und alles im Umfang kleiner Horizonte nur anzuschauen. Er hat sich sogar seine Religion so bequem eingerichtet, daß sie ihm einen kleinen Horizont gibt. Große Horizonte will der Mensch in unserer Zeit gerne vermeiden, will nicht die Dinge beim rechten Namen nennen. Dadurch verstehen die Menschen so schwer, daß ein solches Karma hat zustande kommen können wie dasjenige, das jetzt über Europa hereingebrochen ist. Mindestens will heute jeder solch ein Karma hauptsächlich von einem engen nationalen Standpunkte — wie man das nennt, obwohl darinnen auch viel Unwahrheit steckt — betrachten. Es ist aber ein allgemeines Menschheitskarma zugrunde liegend, das schon jeden einzelnen angeht, das man mit einem einfachen Worte, wenigstens in bezug auf einen Punkt — es gibt allerdings viele Punkte — aussprechen kann. Aber man hat ein Bestreben, vorbeizugehen gerade an dem, worauf es ankommt: es kommt an auf die Flucht vor der Wahrheit, in welche die Seelen heute verfallen sind! Die Seelen fliehen die Wahrheit förmlich, sie haben einen furchtbaren Abscheu, die Wahrheit in aller Stärke und aller Intensität aufzufassen.
[ 19 ] Our task is to bring together that which lives in the spiritual world with that which lives in the physical world. To do this, however, we must approach the understanding of reality with great seriousness. In our materialistic age, people have become too accustomed to surveying only narrow horizons and viewing everything solely within the confines of those narrow horizons. They have even arranged their religion in such a convenient way that it provides them with a narrow horizon. People today tend to avoid broad horizons and are reluctant to call things by their proper names. As a result, people find it so difficult to understand how a karma such as the one that has now befallen Europe could have come about. At the very least, everyone today tends to view such karma primarily from a narrow national standpoint—as it is called, although there is much untruth in that term. Yet there is a general human karma underlying this, one that concerns every single individual, which can be expressed in a simple phrase—at least with regard to one point, though there are, of course, many points. But people have a tendency to pass right by what really matters: what matters is the flight from the truth into which souls have fallen today! Souls are literally fleeing from the truth; they have a terrible aversion to grasping the truth in all its strength and intensity.
[ 20 ] Nehmen Sie das Folgende: Wir haben uns allmählich im Laufe der Zeit eine Art Überblick verschafft über die Entwickelung der Menschheit, wir wissen zu beurteilen, daß in einem gewissen Zeitabschnitte der Entwickelung der Menschheit Kriege aufgekommen sind, Kriege dasjenige waren, wovon die Menschheit gewissermaßen ergriffen worden ist. Aber es war die Zeit, in welcher die Menschen an Kriege geglaubt haben. Was heißt denn das: Es war die Zeit, in welcher die Menschen an Kriege geglaubt haben? — Was heißt: Glauben an Kriege? Nun, das Glauben an Kriege ist sehr ähnlich dem Glauben an das Duell, an den Zweikampf. Wann aber hat das Duell, der Zweikampf einen wahren Sinn? Nur dann, wenn diejenigen, die zum Duell sich stellen, der vollen inneren Überzeugung sind, daß nicht ein Zufall, sondern die Götter entscheiden. Sind diejenigen, die zum Duell antreten, des vollen Glaubens, daß derjenige, der getötet oder verwundet wird, diesen Tod oder diese Verwundung erhalten hat deshalb, weil ein Gott gegen ihn entschieden hat, dann ist Wahrheit im Duell. Keine Wahrheit ist im Duell, wenn man diese Überzeugung nicht hat; dann ist das Duell eine reale Lüge, selbstverständlich. So aber ist es auch mit dem Krieg. Wenn die Menschen, die zu den Völkern gehören, überzeugt sein können davon, den Glauben haben, daß die Entscheidung, die durch den Krieg herbeigeführt wird, eine göttliche ist, daß Göttliches waltet in dem, was geschieht, dann herrscht eine Wahrheit in dem, was als Kriegshandlung geschieht. Dann müssen aber diejenigen, die daran beteiligt sind, einen Sinn verbinden können mit dem Worte: ein Gottesurteil wird sich vollziehen.
[ 20 ] Consider the following: Over time, we have gradually gained a sort of overview of the development of humanity; we are able to assess that, during a certain period in humanity’s development, wars arose—wars that, in a sense, took hold of humanity. But it was a time when people believed in wars. What does that mean: It was a time when people believed in wars? — What does it mean to “believe in wars”? Well, believing in wars is very similar to believing in duels, in single combat. But when does a duel, a single combat, have true meaning? Only when those who face each other in a duel are fully convinced that it is not chance but the gods who decide. If those who face each other in a duel are fully convinced that the one who is killed or wounded has suffered this death or injury because a god has ruled against him, then there is truth in the duel. There is no truth in a duel if one lacks this conviction; then the duel is, of course, a real lie. But the same is true of war. If the people belonging to the nations can be convinced of—and hold the belief that—the decision brought about by war is a divine one, that the divine reigns in what is happening, then there is truth in what takes place as an act of war. But then those involved must be able to attach meaning to the words: “A divine judgment will be carried out.”
[ 21 ] Nun, fragen Sie sich selber, ob in einem solchen Worte heute Wahrheit liegt! Sie brauchen nur die Frage zu stellen: Glauben die Menschen daran, daß in den Kriegshandlungen heute sich Gottesurteile aussprechen? Glauben die Menschen daran? Fragen Sie sich, wie viele daran glauben, das Göttliche entscheide! — aber ich meine, ehrlich daran glauben; denn unter den verschiedenen Lügen, welche die Welt heute durchschwirren, ist ja auch diese, die in dem Anrufen der Götter oder des Gottes liegt, von allen Seiten, selbstverständlich. Aber ein wirklicher Glaube in dem Sinne, daß ein Gottesurteil sich vollzieht, kann selbstverständlich in diesem materialistischen Zeitalter nicht vorhanden sein. Man muß also ernst und würdig die Sache ansehen und sich sagen: Man vollzieht eigentlich etwas, an dessen innere Realität man nicht glaubt. Man glaubt nicht an die innere Realität, und man glaubt um so weniger an diese innere Realität, je weiter man nach dem europäischen Westen kommt — mit Recht, denn je weiter man nach dem europäischen Westen kommt, desto mehr hat dieser europäische Westen die Aufgabe, gerade für die fünfte nachatlantische Periode den Materialismus zu liefern.
[ 21 ] Well, ask yourself whether there is any truth in such words today! You need only ask the question: Do people believe that God’s judgments are being pronounced through today’s acts of war? Do people believe that? Ask yourself how many believe that the Divine is deciding matters! — but I mean, truly believe in it; for among the various lies that swirl through the world today, there is, of course, this one as well, which lies in the invocation of the gods or of God from all sides. But a genuine belief in the sense that a divine judgment is being carried out cannot, of course, exist in this materialistic age. One must therefore view the matter seriously and with dignity and tell oneself: One is actually carrying out something in which one does not believe in terms of its inner reality. One does not believe in its inner reality, and the farther one goes toward Western Europe, the less one believes in this inner reality—and rightly so, for the farther one goes toward Western Europe, the more this Western Europe has the task of providing materialism precisely for the fifth post-Atlantean period.
[ 22 ] Aber anders schon werden die Dinge, wenn man weiter gegen den Osten geht. Ich bin nicht gewohnt, in solchen Dingen theoretisch zu konstruieren oder leichten Herzens irgend etwas auszusprechen, sondern wenn ich etwas ausspreche, so liegen dem gute Tatsachen zugrunde. Sie können schon heute die Entdeckung machen, die eine merkwürdige Entdeckung ist: Kommen Sie aus dem Westen nach Mitteleuropa, so tritt nachweisbar sporadisch schon in Mitteleuropa der Glaube auf, daß ein Gottesurteil sich vollziehen kann. Das können Sie bemerken: Im Westen kann es das nicht geben, wenn sie es nicht von Mitteleuropa importiert haben, aber in Mitteleuropa tritt bei einzelnen Menschen gewissermaßen eine Art Schicksalsglaube auf, und das Wort «Gottesurteil» fällt. Und kommen wir ganz nach dem Osten, wo sich die Zukunft vorbereitet, da werden Sie natürlich zahlreiche Menschen finden, welche in den kommenden Entscheidungen Gottesurteile sehen. Denn der russische Mensch wird nicht wie der Mensch des Westens heute fern davon sein, ein Gottesurteil zu sehen in dem, was sich vollzieht.
[ 22 ] But things are quite different as one travels further east. I am not in the habit of constructing theories about such matters or of speaking lightly about anything; rather, when I do speak, my statements are based on solid facts. You can already make this discovery today—and it is a remarkable one: If you come from the West to Central Europe, you will find that even in Central Europe there are sporadic, verifiable instances of the belief that a divine judgment can take place. You can observe this: In the West, such a belief cannot exist unless it has been imported from Central Europe, but in Central Europe, a certain kind of belief in fate emerges among some individuals, and the term “divine judgment” is used. And if we go all the way to the East, where the future is taking shape, you will of course find numerous people who see divine judgments in the decisions to come. For the Russian people, unlike people in the West today, will not be far from seeing a divine judgment in what is unfolding.
[ 23 ] Diesen Dingen muß man mit aller Objektivität ins Auge schauen. Dann nur ist man wahr, dann nur verbindet man mit den Worten heute einen Sinn. Das aber ist die Aufgabe der Menschheit, daß sie wiederum lerne, mit den Worten einen Sinn zu verbinden.
[ 23 ] We must face these things with complete objectivity. Only then are we being truthful; only then do we imbue words with meaning today. But that is humanity’s task: to learn once again to imbue words with meaning.
[ 24 ] Ich habe Sie vor einiger Zeit darauf aufmerksam gemacht, wie heute geradezu, ich möchte sagen, religiös gezüchtet wird die Gedanken- und Empfindungslosigkeit, indem man nicht wissen will, daß die modernen Religionen, indem sie von «Gott» sprechen, eigentlich nur von einem Engelwesen, von einem Angelos sprechen. Wenn der moderne Mensch «Gott» sagt, meint er nur seinen Engel, denjenigen Engel, der ihn durchs Leben weist. Und er redet sich bloß ein, daß er von einem höheren Wesen als einem Engelwesen spricht. Die Maja ist, daß der heutige Monotheismus von einem einzigen Gotte spricht, die Wirklichkeit, vom geistigen Gesichtspunkte angesehen, ist, daß im Grunde genommen die Menschheit die Tendenz hat, von so viel Göttern zu sprechen, als es Menschen auf der Erde gibt, weil jeder nur von seinem Engel spricht. Also die absoluteste Vielgötterei ist diejenige, die sich unter der Maske des Monotheismus verbirgt, daher auch die modernsten Religionen vor der Gefahr stehen, sich zu atomisieren, indem jeder nur seine Gottesidee vertritt, seinen Standpunkt. Woher kommt das? Das kommt daher, daß wir heute, im fünften nachatlantischen Zeitraum, isoliert stehen von der geistigen Welt. Das Bewußtsein ist nur in der Menschheitssphäre.
[ 24 ] Some time ago, I drew your attention to how, today, a lack of thought and feeling is being cultivated in a manner that is, I would say, downright religious—by refusing to acknowledge that modern religions, when they speak of “God,” are actually speaking only of an angelic being, of an Angelos. When modern people say “God,” they mean only their angel—the angel who guides them through life. And they merely convince themselves that they are speaking of a being higher than an angelic being. The illusion is that today’s monotheism speaks of a single God; the reality, viewed from a spiritual perspective, is that, fundamentally, humanity tends to speak of as many gods as there are people on Earth, because everyone speaks only of their own angel. Thus, the most absolute form of polytheism is that which hides under the mask of monotheism; hence, even the most modern religions face the danger of fragmenting, as each person advocates only their own idea of God, their own point of view. Where does this come from? It stems from the fact that today, in the fifth post-Atlantean epoch, we are isolated from the spiritual world. Consciousness exists only within the human sphere.


[ 25 ] Im vierten nachatlantischen Zeitraum reichte das Bewußtsein der Menschen noch etwas hinauf in die geistige Sphäre, nämlich bis in die Region der Angeloi, und im dritten nachatlantischen Zeitraum in die Region der Archangeloi. Nur in diesem dritten Zeitraum aber konnte dasjenige entstehen, was ich Ihnen erzählt habe von den jütischen, von den dänischen Mysterien. Was war das für ein Wesen, das jeder einzelnen Mutter das kommende Kind ankündigte? Dasselbe Wesen, von dem auch im Lukas-Evangelium erzählt wird — ein Erzengel, ein Wesen aus der Region der Archangeloi. Derjenige, der nur aufblickt bis zu den Angeloi und einen aus der Sphäre der Angeloi seinen Gott nennt gleichgültig, ob er glaubt, daß das der Allgott ist, auf die Wirklichkeit kommt es an und nicht auf den Glauben —, der kann nicht mehr einen Zusammenhang finden, der über die Zeit zwischen der Geburt und dem Tode des Menschen hinausgeht in diejenige Region, die heute verdeckt ist von der äußeren Maja. Im dritten nachatlantischen Zeitraum konnte er jedoch noch in die Region der Erzengel hinaufblicken, da war ein lebendiger Zusammenhang noch da. Im zweiten nachatlantischen, urpersischen Zeitraum stand dasjenige, was dem Bewußtsein der Menschen offen war, auch noch mit den Archai in Zusammenhang, da fühlte sich der Mensch gar nicht in dem drinnen, was man heute Natur nennt, sondern in einer geistigen Welt. Licht und Finsternis waren da noch nicht die äußeren materiellen Vorgänge, sondern geistige Vorgänge, und in der ursprünglichen Zarathustra-Religion im zweiten nachatlantischen Zeitraum war es so.
[ 25 ] In the fourth post-Atlantean epoch, human consciousness still extended somewhat into the spiritual sphere, namely into the region of the Angeloi, and in the third post-Atlantean epoch into the region of the Archangeloi. But it was only during this third epoch that what I have told you about the Jutish and Danish mysteries could come into being. What kind of being was it that announced the coming child to each individual mother? The very same being described in the Gospel of Luke—an archangel, a being from the region of the Archangels. Anyone who looks up only as far as the Angels and calls a being from the sphere of the Angels his God—regardless of whether he believes that this is the Universal God; what matters is reality, not belief—can no longer find a connection that extends beyond the time between a human being’s birth and death into that region which is today veiled by outer Maya. In the third post-Atlantean epoch, however, he could still look up into the region of the Archangels; a living connection still existed there. In the second post-Atlantean, Proto-Persian epoch, what was open to human consciousness was still connected to the Archai; at that time, human beings did not feel at all immersed in what we today call nature, but rather in a spiritual world. Light and darkness were not yet external material processes, but spiritual processes, and this was the case in the original Zoroastrian religion during the second post-Atlantean epoch.
[ 26 ] Sie sehen, der Mensch ist allmählich herabgestiegen. Im zweiten nachatlantischen Zeitraum ragte sein Bewußtsein noch empor bis in die Region der Archai, da konnte er sich noch sagen: Ich als Mensch bin nicht nur die aus Muskeln und Fleisch bestehende Gliederpuppe, wie es die heutigen Anatomen und Physiologen und Biologen behaupten, sondern ich bin ein Wesen, das man gar nicht verstehen kann, wenn man es nicht im Geistzusammenhange betrachtet, wenn man es nicht betrachtet im lebendigen Weben von Licht und Finsternis drinnen; denn dem Weben von Licht und Finsternis gehöre ich an.
[ 26 ] As you can see, humankind has gradually descended. In the second post-Atlantean epoch, human consciousness still soared up into the realm of the Archai; at that time, people could still say to themselves: “I, as a human being, am not merely a puppet made of muscles and flesh, as today’s anatomists, physiologists, and biologists claim, but I am a being who cannot be understood at all unless one considers him in his spiritual context, unless one considers him within the living interplay of light and darkness; for I belong to this interplay of light and darkness.”
[ 27 ] Dann kam der dritte nachatlantische Zeitraum. Das Natürliche ergriff schon den Menschen, wie es an ihm selber ist; denn die Vorgänge von Geburt und Tod verknüpfen das Seelenleben des Menschen mit dem Natürlichen. Es sind Naturvorgänge für die äußerliche Maja. Geburt, Empfängnis, Tod, sind Naturvorgänge für die äußerliche Maja. Sie sind erst geistige Vorgänge, wenn man hinaufblickt dorthin, wo eben in diese Naturvorgänge die geistige Wirklichkeit eingreift, das ist in der Region der Archangeloi. Diesen Zusammenhang erblickte man aber in der dritten nachatlantischen Zeit.
[ 27 ] Then came the third post-Atlantic epoch. The natural world had already taken hold of human beings, just as it is in itself; for the processes of birth and death link human soul life to the natural world. These are natural processes pertaining to the outer Maya. Birth, conception, and death are natural processes pertaining to the outer Maya. They become spiritual processes only when one looks upward to where spiritual reality intervenes in these very natural processes—that is, in the region of the Archangels. This connection, however, was recognized in the third post-Atlantean epoch.
[ 28 ] Dann allmählich wurde für den Menschen die Natur selber gewissermaßen eine Wirklichkeit — von der vierten nachatlantischen Zeit an. Vorher hat man von einer Natur in dem Sinne, wie wir heute von Natur sprechen, gar nicht gesprochen. Der Mensch mußte heraustreten aus der geistigen Welt und gewissermaßen abgesondert von der geistigen Welt mit der Natur allein sein. Es mußte ihm aber durch ein Ereignis die Möglichkeit gegeben werden, sich wieder anzuknüpfen an die geistige Welt. Das Göttliche ist ihm einstmals in der zweiten nachatlantischen Periode in der Region der Archai erschienen, in der dritten in der Region der Archangeloi, in der vierten in der Region der Angeloi. In der fünften muß er es als Mensch erkennen, nachdem es sich vorbereitet hat, da es als Mensch erschienen ist mitten in der vierten nachatlantischen Periode — in dem Christus. Das heißt, der Christus muß immer besser und besser verstanden werden, verstanden werden in seinem Zusammenhange mit dem Menschen. Denn der Christus ist deshalb als Mensch erschienen, damit der Mensch seinen Menschheitszusammenhang mit dem Christus finden kann. Solches muß man sich besonders klarmachen im Zusammenhange mit dem Weihnachtsmysterium: Der Menschheitszusammenhang mit der geistigen Welt muß gefunden werden, so wie er einem entgegentreten kann, nachdem die Menschheit aus der geistigen Welt herausgetreten ist, um in der Natur zu leben. Als Tatsache hat sich das vorbereitet im vierten nachatlantischen Zeitraum. Verstanden muß es aber erstwerden im fünften nachatlantischen Zeitraum, wirklich verstanden muß es da werden!
[ 28 ] Then, gradually, nature itself became, in a sense, a reality for human beings—beginning with the fourth post-Atlantean epoch. Before that, people did not speak of nature at all in the sense in which we speak of it today. Humanity had to step out of the spiritual world and, in a sense, be separated from it, left alone with nature. But an event had to give humanity the opportunity to reconnect with the spiritual world. The Divine once appeared to humanity in the second post-Atlantean period in the realm of the Archai, in the third in the realm of the Archangeloi, and in the fourth in the realm of the Angeloi. In the fifth period, humanity must recognize it as a human being, after it has prepared itself, since it appeared as a human being in the midst of the fourth post-Atlantean period—in the Christ. This means that Christ must be understood ever more deeply, understood in his connection with humanity. For Christ appeared as a human being precisely so that humanity might find its human connection with Christ. This must be made particularly clear in connection with the Christmas Mystery: Humanity’s connection to the spiritual world must be found, just as it can meet us after humanity has stepped out of the spiritual world to live in nature. This has been prepared as a fact in the fourth post-Atlantean epoch. But it must first be understood in the fifth post-Atlantean epoch; it must truly be understood there!
[ 29 ] Und die Menschen müssen sich dazu hinfinden, die Christus-Tatsache zu verstehen, sie zu verstehen im Zusammenhange mit der ganzen geistigen Welt. Was versteht man alles nicht an dem Christus heute, und was versteht man alles nicht an dem Jesus, aus welchen zwei Bestandteilen sich das Verständnis des Christus Jesus eben zusammensetzt! Wer den historischen Zusammenhang betrachtet, kann einsehen, daß mit dem Ausrotten der Gnosis verschwunden ist das ChristusVerständnis. Wer den Mysterienzusammenhang, wie er sich dann im Baldur-Mythus ausspricht, ins Auge faßt, kann verstehen, wie ausgerottet worden ist die Jesus-Empfindung.
[ 29 ] And people must come to understand the reality of Christ—to understand it in the context of the entire spiritual world. How much is there that people do not understand about Christ today, and how much is there that they do not understand about Jesus—the two components that together make up our understanding of Christ Jesus! Anyone who considers the historical context can see that, with the eradication of Gnosticism, the understanding of Christ disappeared. Anyone who considers the context of the mysteries, as expressed in the Baldur myth, can understand how the sense of Jesus has been eradicated.
[ 30 ] Aber man kann auch, wenn man wahr bleibt, an den Zusammenhängen der Gegenwart erkennen, daß sich im äußeren Leben das bestätigt, was so aus der Historie herausgeholt wird. Denn man muß immer wieder darauf hinweisen: Wie viele Vertreter der heutigen Religion glauben in ihrem Herzen, nicht bloß mit ihren Lippen, sondern in ihrem Herzen an die wirkliche Auferstehung — sie können ja nur glauben, wenn sie sie begreifen —, an das Ostergeheimnis? Wie viele Priester? Die modernen Priester und Pfarrer sehen schon ihre ganze Aufgeklärtheit darin, daß sie das Ostergeheimnis, das Auferstehungsgeheimnis wegleugnen, es irgendwie wegdiskutieren, wegsophistizieren; und wenn sie irgendeinen Grund finden, nicht daran glauben zu müssen, so sind sie ungeheuer froh.
[ 30 ] But even while remaining true to oneself, one can recognize in the context of the present that what is drawn from history is confirmed in external life. For we must point this out again and again: How many representatives of today’s religion believe in their hearts—not merely with their lips, but in their hearts—in the true Resurrection—for they can only believe if they understand it—in the mystery of Easter? How many priests? Modern priests and pastors see their entire enlightenment in the fact that they deny the mystery of Easter, the mystery of the Resurrection, somehow talking it away or rationalizing it away; and if they find any reason not to have to believe in it, they are immensely glad.
[ 31 ] Zunächst ist die Christus-Idee, die untrennbar ist von dem Auferstehungsgeheimnis, verdogmatisiert worden; dann aber ist sie allmählich in die Diskussion verfallen, und die Tendenz besteht, das Auferstehungsmysterium vollständig fallen zu lassen. Aber auch das Geburtsmysterium will man nicht verstehen. Man will sich nicht einlassen darauf, weil man es in seiner ganzen Tiefe, eben in seinem Mysteriencharakter, nicht mehr gelten lassen will. Man will es nur in seinem animalen Charakter gelten lassen; man will sich nicht bewußt sein, daß etwas Geistiges herabsteigt. Im dritten nachatlantischen Zeitraum haben die Menschen noch dieses Geistige herabsteigen sehen, aber mit einer andern Bewußtseinslage. Weder Geburt noch Tod des Christus Jesus will eigentlich dasjenige, was man moderne Religion, modernes Christentum nennt, noch verstehen. Einige wollen noch dogmatisch daran glauben, daran festhalten; aber ein Verständnis dieser Dinge, das über den bloßen Wortschall hinausgeht, ist heute nur durch Geisteswissenschaft möglich. Dazu ist es aber notwendig, den Horizont des Begreifens zu erweitern. Aber es besteht ein Fliehen der Wahrheit, man flieht förmlich dasjenige, was zum Verstehen der Dinge führen kann.
[ 31 ] At first, the idea of Christ—which is inseparable from the mystery of the Resurrection—was reduced to dogma; but then it gradually became a subject of debate, and there is now a tendency to abandon the mystery of the Resurrection entirely. Yet people are unwilling to understand the mystery of the Nativity either. People do not want to engage with it because they no longer wish to accept it in all its depth—precisely because of its mysterious nature. People are willing to accept it only in its animal nature; they do not want to be conscious of the fact that something spiritual descends. In the third post-Atlantean epoch, people still saw this spiritual descent, but with a different state of consciousness. What is called modern religion or modern Christianity does not really want to understand either the birth or the death of Christ Jesus. Some still wish to believe in it dogmatically, to hold fast to it; but an understanding of these things that goes beyond the mere sound of words is possible today only through spiritual science. For this, however, it is necessary to broaden the horizon of understanding. Yet there is a flight from the truth; people are literally fleeing from that which can lead to an understanding of these things.
[ 32 ] Nur die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ist imstande, aus sich selbst heraus, nicht durch ein historisches Aufwärmen, gewisse Begriffe wiederum zu schaffen, die jetzt voll bewußt und nicht mehr atavistisch da sein werden, die einmal aber atavistisch da waren, Begriffe, für die der heutige Mensch eigentlich gar keine so rechte Empfindung mehr hat. Und da erinnern Sie sich an etwas, wovon ich gestern gesprochen habe. Ich sagte Ihnen, mit der ganzen sozialen Einrichtung, von der ich im Zusammenhange mit den jütischen Mysterien gesprochen habe, hängt das Königtum der alten europäischen Stämme zusammen. DasjenigeKind wurde als determiniert für dieKönigswürde angesehen, das im dritten Jahr zuerst nach der Heiligen Nacht geboren worden ist. Das wurde in dieser Weise, wie ich es gestern angedeutet habe, zur Königswürde vorbereitet, und aus ihm wurde der Mensch, der dann drei Jahre König sein konnte. Da war er in dem Stadium, von dem ich Ihnen sagte: Er wuchs heraus aus dem Nationalen, das heißt aus dem Zusammenhang mit seinem Stamme. — Der fünfte Grad, der bei den Persern «Perser» hieß, bei jedem Stamm den Namen des betreffenden Stammes hatte, der stand noch drinnen in der Gruppe; der «Sonnenheld», der sechste Grad — und mit dem Mysterium des «Sonnenhelden» mußte derjenige durchdrungen sein, der drei Jahre König sein durfte in jener Zeit —, der mußte herausgewachsen sein aus dem Stammes-, aus dem Gruppenzusammenhang, mußte im Menschheitszusammenhang drinnenstehen. Aber er konnte das nur dadurch, daß er nicht in einem bloß irdischen Zusammenhang stand, sondern in einem kosmischen Zusammenhange drinnenstand, eben «Sonnenheld» war, das heißt, in dem lebte, das nicht bloß von irdischen Gesetzen beherrscht war, sondern von denjenigen Gesetzen, in die auch die Sonne eingesponnen ist. Unter der Berührung aber mit dem Irdischen, die unbedingt eintritt, wenn der Mensch Irdisches verrichten soll, vollzieht sich ein gewisser Prozeß. Diesen Prozeß soll man anerkennen. Denn durch die Anerkennung dieses Prozesses bekommt man das Verständnis für gewisse Übergänge, für gewisse Dinge, die man einsehen muß, wenn man die Wirklichkeit einsehen will.
[ 32 ] Only anthroposophically oriented spiritual science is capable, from within itself—and not through a mere historical revival—of recreating certain concepts that will now exist fully consciously and no longer atavistically, concepts that were once atavistic, concepts for which modern people actually no longer have any real sense. And here you will recall something I spoke about yesterday. I told you that the kingship of the ancient European tribes is connected to the entire social structure I discussed in connection with the Jewish mysteries. The child who was born in the third year following the Holy Night was regarded as predestined for the royal office. As I indicated yesterday, this child was prepared in this way for the royal office, and from this child emerged the person who could then reign as king for three years. There he was at the stage I told you about: he grew out of the national, that is, out of his connection with his tribe. — The fifth degree, which the Persians called “Persian” and which bore the name of the respective tribe in every tribe, still stood within the group; the “Sun Hero,” the sixth degree—and the one who was permitted to be king for three years in that era had to be imbued with the mystery of the “Sun Hero”—had to have outgrown the tribal and group contexts and had to stand within the context of humanity. But he could do this only because he did not stand in a merely earthly context, but was embedded in a cosmic context—he was, in fact, the “Sun Hero,” that is, he lived in a realm governed not merely by earthly laws, but by those laws in which the Sun itself is woven. However, a certain process takes place in contact with the earthly realm—a contact that inevitably occurs when a human being is to perform earthly tasks. This process must be acknowledged. For it is through the acknowledgment of this process that one gains an understanding of certain transitions, of certain things that one must comprehend if one wishes to understand reality.
[ 33 ] Nehmen wir an, man hätte einen Menschen, der in diesen alten Zeiten zum Stamm der Ingävonen gehört hat, einen Ingävonen genannt; den «Sonnenhelden», der drei Jahre regierte, konnte man keinen Ingävonen nennen, denn er war aus seinem Stamm herausgewachsen. Man wäre nicht wahr gewesen, wenn man den «Sonnenhelden» einen Ingävonen genannt hätte; er ist etwas anderes geworden. Sehen Sie, was für ein feiner Begriff dadurch mit einer irdischen Realität verbunden war dadurch, daß man das Hereinstrahlen des Geistigen fühlte.
[ 33 ] Let’s suppose there was a person who, in those ancient times, belonged to the Ingävonen tribe; such a person would have been called an Ingävonen. But the “Sun Hero,” who reigned for three years, could not be called an Ingävonen, for he had outgrown his tribe. It would not have been true to call the “Sun Hero” an Ingävon; he had become something else. See what a subtle concept was thus linked to an earthly reality through the sense of the spiritual radiating into it.
[ 34 ] Wem wird denn in der heutigen Zeit, die mit Worten nur spielt, statt sich an Begriffe zu halten, wem wird denn in unserer heutigen Zeit zum Beispiel einfallen, daß der Papst nur mit Unrecht ein Christ genannt wird, weil es paradox ist, den Papst einen Christen zu nennen, geradeso wie es paradox wäre, den König der Ingävonen einen Ingävonen zu nennen? Wenn der Papst wirklich ein «Papst» sein will, das heißt, drinnenstehen soll im wirklichen geistigen Prozesse, so müßte er gar nicht als Christ aufgenommen werden. Wir können nur dadurch Christen sein, daß der Papst kein Christ ist: das wäre die Wahrheit.
[ 34 ] In this day and age, which merely plays with words instead of adhering to concepts, who, for example, would think that the Pope is wrongly called a Christian, because it is paradoxical to call the Pope a Christian, just as it would be paradoxical to call the King of the Ingävi an Ingävi? If the Pope truly wants to be a “Pope”—that is, to be part of the actual spiritual process—then he should not be accepted as a Christian at all. We can only be Christians because the Pope is not a Christian: that would be the truth.
[ 35 ] Wem fällt es denn heute ein, über so gewichtige Dinge die Wahrheit denken zu wollen? Und wem fällt es ein, in irdischen Dingen dadurch, daß man sie als Maja erkennt, das Hereinspielen der göttlichen, der überirdischen Dinge anzuerkennen? Das liegt gar nicht im Charakter der heutigen Zeit. Nur wo man dazu gezwungen ist, erkennt man es an; man fügt sich nur, wo man gezwungen ist, den Gesetzen des Kosmos. Würde man nicht gezwungen sein, anzuerkennen, daß der Weizenhalm zu einer gewissen Jahreszeit heraussproßt aus der Erde, heranwächst, die Ähren entwickelt und dann wiederum aus dem Samen neu herauskommen muß, daß da ein Kreislauf sich vollzieht, daß dasjenige, was entsteht, auch in das Vergehen übergehen muß, und zwar gesetzmäßig in das Vergehen übergehen muß, so würde man ja auch das nicht anerkennen!
[ 35 ] Who today would even think of seeking the truth about such weighty matters? And who would think of recognizing, in earthly matters—by perceiving them as Maya—the interplay of divine, supernatural forces? That is not at all in the nature of our times. Only when one is compelled to do so does one acknowledge it; one submits to the laws of the cosmos only when compelled to do so. If one were not compelled to acknowledge that the stalk of wheat sprouts from the earth at a certain time of year, grows, develops its ears, and must then emerge anew from the seed—that a cycle is taking place, that what comes into being must also pass into decay, and indeed must pass into decay in accordance with the laws of nature—then one would not acknowledge that either!
[ 36 ] In jenen alten Zeiten hat man anerkannt, daß der «Sonnenheld», der dazu berufen ist, der Führer des Stammes der Ingävonen zu sein, nach drei Jahren wieder aufhören muß, es zu sein. Man fühlte die Gesetzmäßigkeit wie im Heranwachsen der Pflanzen. Das ist wichtig, daß man versucht, alles miteinander in Harmonie und im Einklange zu denken. Denn nur dadurch kommt man zu der Wahrheit, nur dadurch erweitert man die Horizonte. Denn die Wahrheit ist kein Kinderspiel, das man nach seinen persönlichen Interessen einrichten kann, sondern das Anhangen an der Wahrheit ist ein ernster, heiliger Dienst. Und das muß man fühlen, das muß man empfinden. Und die heutige Zeit ist ihrer ganzen Anlage nach zu nichts anderem geneigt, als die Maja zu verabsolutieren, sie unbedingt zur Wahrheit zu erklären.
[ 36 ] In those ancient times, it was recognized that the “Sun Hero,” who was called upon to be the leader of the Ingävo tribe, had to step down from that role after three years. People sensed the natural order in this, just as in the growth of plants. It is important to try to conceive of everything in harmony and in unison. For only in this way can one arrive at the truth; only in this way can one broaden one’s horizons. For the truth is no child’s play that can be tailored to one’s personal interests; rather, adherence to the truth is a serious, sacred duty. And one must feel this, one must sense it. And the present age, by its very nature, is inclined toward nothing other than absolutizing Maya, declaring it unconditionally to be the truth.
[ 37 ] Gehen Sie heute auf die historischen Seminarien: Was nennt man da historische Kritik? Das reinliche Herausschälen der bloß sinnenfälligen Tatsachen — wobei man immer irren muß. Denn bestrebt man sich überhaupt, die bloße sinnenfällige Tatsache herauszuschälen, dann gleitet man in die Maja hinein. Die Maja ist aber die Täuschung. Daher muß diejenige Geschichtswissenschaft, die sich bestrebt, alles auszuschalten, was geistig ist, die Maja herausarbeiten, gerade recht zur Maja führen. Versuchen Sie einmal mit der heutigen Seminarmethode, mit der heutigen Historischen-Institutsmethode die Wahrheit herauszuschälen, indem Sie alles Geistige ablehnen und nur das, was auf dem physischen Plan vorgeht — die sinnenfällige Tatsache — herauszustellen, so verfallen Sie gerade der Maja, dann können Sie niemals Geschichte auffassen. Nehmen Sie ein heutiges Geschichtsbuch zur Hand, für das jeder übersinnliche Zusammenhang ein Unding ist, wo sorgfältig danach gestrebt wird, nur die physischen Zusammenhänge gelten zu lassen, so finden Sie das Bestreben, die Maja herauszustellen. Die Maja ist aber die Täuschung. Sie müssen also gerade der Täuschung verfallen, und das tun Sie auch. Sobald Sie diese Geschichte, die heute geschrieben wird, glauben, verfallen Sie der Maja, der Täuschung.
[ 37 ] Go to the historical seminars today: What do they call “historical criticism” there? The meticulous isolation of mere sensory facts—in which one is bound to err. For if one even attempts to isolate the mere sensory fact, one slips into Maya. But Maya is illusion. Therefore, the historical science that strives to eliminate everything spiritual—that seeks to isolate Maya—must inevitably lead straight to Maya. Try, for once, to extract the truth using today’s seminar methods or the methods of today’s historical institutes by rejecting everything spiritual and highlighting only what takes place on the physical plane—the facts apparent to the senses—and you will fall prey to Maya; then you will never be able to grasp history. Pick up a modern history book, one in which any supersensory connection is considered absurd, and where a careful effort is made to acknowledge only physical connections—you will find the endeavor to highlight Maya. But Maya is illusion. You must therefore succumb to illusion, and that is exactly what you do. As soon as you believe this history, which is being written today, you succumb to Maya, to illusion.
[ 38 ] So hat man aber nicht immer Geschichte geschrieben. Die Art, wie man früher Geschichte geschrieben hat, verachtet man heute. Und das ist ein furchtbares Menschheitskarma, daß gewissermaßen schon in der Geschichtsbetrachtung das Geistige ausgeschaltet werden soll. Gehen wir zurück, sagen wir, unmittelbar in die Zeit, wo noch im wesentlichen die Gesinnung der vierten nachatlantischen Periode herrscht. Da wird ganz anders Geschichte erzählt, es wird Geschichte so erzählt, daß der heutige professoral infizierte Mensch die Nase rümpft und sagt: Die Kerle haben keine Kritik gehabt, die Kerle, die haben ja alles mögliche Mythen- und Sagenhafte sich aufbinden lassen; eine reinliche Kritik, wodurch die Tatsachen in ihrer Wahrheit hätten hingestellt werden können, dafür haben diese Leute keinen Sinn. — So sagt der heutige Historiker, und selbstverständlich derjenige erst recht, der ihm nachbetet. Kindisch waren die Menschen dazumal — so sagen die Leute. Für heutige Begriffe waren sie auch kindisch! Hören wir zum Beispiel einmal an, wie eine alte Historie erzählt worden ist, etwas, was zahllose Menschen aus der Gesinnung noch des vierten nachatlantischen Zeitraums als Historie, als Geschichte angesehen haben. Wollen wir uns heute einmal ein Beispiel vor Augen führen, damit wir es als Grundlage haben für weitergehende Betrachtungen, die wir morgen anstellen wollen:
[ 38 ] But that is not how history has always been written. The way history was written in the past is now looked down upon. And it is a terrible karmic burden for humanity that, in a sense, the spiritual aspect is to be excluded from the study of history. Let’s go back, say, directly to the time when the mindset of the fourth post-Atlantean period still essentially prevailed. History was told quite differently then; it was told in such a way that today’s “professorially infected” person would turn up their nose and say: “Those guys had no critical sense; they let themselves be taken in by all sorts of myths and legends; they had no sense of sound criticism, which could have presented the facts in their true light.” — That is what today’s historian says, and of course even more so those who parrot him. People back then were childish—that is what people say. By today’s standards, they were indeed childish! Let us, for example, consider how an old story was told—something that countless people, even in the fourth post-Atlantean epoch, regarded as history. Let us examine an example today so that we have a foundation for further reflections we intend to undertake tomorrow:
[ 39 ] Es lebte einmal im Sachsenlande, so erzählt man, ein Kaiser, den man nannte den «Roten Kaiser», den Kaiser mit dem roten Bart: Otto mit dem roten Bart. Dieser Kaiser hatte eine Gemahlin, die aus England stammte, und die, um ihren Herzensbedürfnissen so recht entsprechen zu können, wünschte, eine besondere kirchliche Stiftung zu haben. Da entschloß sich der Rote Otto, die Stiftung des Erzbistums Magdeburg vorzunehmen. Das Erzbistum Magdeburg sollte eine besondere Mission in Mitteleuropa haben, insbesondere den Westen mit dem Osten so verbinden, daß gerade vom Erzbistum Magdeburg unter den ja gleich angrenzend wohnenden Slawen das Christentum verbreitet werden sollte. Das Erzbistum Magdeburg machte gute Fortschritte, es übte in einer weiten Umgebung höchst wohltätige Wirkungen aus, und Otto mit dem roten Bart sah, was seine Stiftung für wohltätige Wirkungen in der Umgebung ausübte. Nun war er darüber sehr froh. Zum Segen in der physischen Welt gereichen meine Taten, sagte er sich, und er hatte immer den Wunsch, daß ihm Gott lohnen möge, was er an Wohltaten an den Menschen vollbrachte. Das war sein Bestreben: daß göttlicher Lohn ihm werden möge, weil er ja aus der Frömmigkeit heraus tat, was er unternahm.
[ 39 ] It is said that there once lived in Saxony an emperor known as the “Red Emperor,” the emperor with the red beard: Otto the Red-Bearded. This emperor had a wife who came from England, and who, in order to truly fulfill the desires of her heart, wished to establish a special ecclesiastical foundation. So Red Otto decided to establish the Archdiocese of Magdeburg. The Archdiocese of Magdeburg was to have a special mission in Central Europe, in particular to bridge the West and the East in such a way that Christianity would be spread from the Archdiocese of Magdeburg among the Slavs living right on its borders. The Archdiocese of Magdeburg made good progress; it had a highly beneficial impact on a wide surrounding area, and Otto with the red beard saw the charitable effects his foundation was having in the region. He was very pleased about this. “My deeds serve as a blessing in the physical world,” he told himself, and he always hoped that God would reward him for the good deeds he performed for people. That was his aspiration: that he might receive divine reward, since he undertook his endeavors out of piety.
[ 40 ] Einmal kniete er in der Kirche, und während er so, man möchte sagen, in einem Gebete, das bis zur Meditation gesteigert war, flehte: Wenn er einmal sterben sollte, mögen ihm die Götter das, was er gestiftet habe, so vergelten, wie es ihm auf dem physischen Plan vergolten worden war durch das viele Gute, das in der Umgebung des Erzbistums Magdeburg entstanden war —, da erschien ihm ein Geistwesen, und dieses Geistwesen sprach zu ihm: Wahr ist es, du hast viel Gutes gestiftet, du hast vielen Menschen große Wohltaten erwiesen. Aber du hast es im Hinblick darauf getan, daß dir nach dem Tode von der göttlichen Welt der Segen kommt, wie dir jetzt der irdische Segen gekommen ist. Das ist schlecht, und damit verdirbst du deine Stiftung.
[ 40 ] Once, while kneeling in church, he implored—one might say—in a prayer that had risen to the level of meditation: If he should ever die, may the gods reward him for what he had endowed in the same way that he had been rewarded on the physical plane through the many good deeds that had come about in the vicinity of the Archdiocese of Magdeburg—a spirit being appeared to him, and this spirit being spoke to him: “It is true, you have endowed much good; you have bestowed great benefits upon many people. But you have done so with the expectation that, after death, blessings will come to you from the divine world, just as earthly blessings have come to you now. This is wrong, and in doing so, you are corrupting your foundation.
[ 41 ] Nun war Otto mit dem roten Bart sehr unglücklich und er unterhielt sich mit dem Geistwesen, von dem wir jetzt wissen, nicht wahr, daß es ein Wesen aus der Reihe der Angeloi war. Es ist dies aus der Gesinnung des vierten nachatlantischen Zeitraums heraus empfunden. Er unterhielt sich mit jenem Wesen und das Wesen machte ihm begreiflich: Gehe nach Köln, da wohnt der Gute Gerhard; erkundige dich nach dem Guten Gerhard, und wenn du besser werden kannst durch das, was dir der Gute Gerhard sagt, dann vielleicht kannst du verhindern, daß sich vollzieht an dir, was eben ausgesprochen worden ist. — So ungefähr war die Unterredung Ottos mit dem roten Bart mit dem Geistwesen.
[ 41 ] Now Otto, with his red beard, was very unhappy, and he spoke with the spirit being—of whom we now know, don’t we, that it was a being from the order of the Angeloi. This is perceived from the perspective of the fourth post-Atlantean epoch. He spoke with that being, and the being made it clear to him: “Go to Cologne; that is where Good Gerhard lives. Ask about Good Gerhard, and if you can improve yourself through what Good Gerhard tells you, then perhaps you can prevent what has just been spoken from happening to you.” — That was roughly the conversation between Otto with the red beard and the spiritual being.
[ 42 ] In einer für seine Umgebung etwas unbegreiflichen Weise arrangierte der Kaiser Otto schnell eine Reise nach Köln. In Köln ließ er versammeln nicht nur den Bürgermeister, sondern auch alle «wohlweisen und großgünstigen Ratsherren». An einem, der hereinkam, erkannte er schon an dem Aussehen, daß dies ein besonderer Mann sei, und um dessentwillen war er ja eigentlich nur gekommen. Und er fragte den Erzbischof von Köln, der ihn hingeführt hatte, ob das der sogenannte «Gute Gerhard» sei. Und wirklich, er war es. Da sagte der Kaiser zu den Ratsherren: Ich wollte mich mit Euch beraten, aber ich will zuerst mit diesem Einzelnen abgesondert sprechen und dann dasjenige, was ich, nachdem ich mit ihm gesprochen habe, erkundet habe, mit Euch besprechen.
[ 42 ] In a manner that was somewhat baffling to those around him, Emperor Otto quickly arranged a trip to Cologne. In Cologne, he summoned not only the mayor but also all the “wise and benevolent councilors.” As soon as one of them entered, he could tell by his appearance that this was a remarkable man—and, in fact, that was the sole reason he had come. He asked the Archbishop of Cologne, who had brought him there, if this was the so-called “Good Gerhard.” And indeed, it was he. Then the emperor said to the councilors: “I wished to consult with you, but first I want to speak with this man in private, and then, after I have spoken with him, I will discuss with you what I have learned.”
[ 43 ] Vielleicht hatten die Ratsherren, aus deren Mitte einer herausgenommen wurde, etwas lange Nasen, aber das wollen wir nicht besonders untersuchen, jedenfalls nahm der Kaiser den Ratsherrn, den man in Köln den Guten Gerhard nannte, zu sich in ein besonderes Zimmer und fragte: Warum nennt man dich den Guten Gerhard? Er mußte diese Frage stellen, denn der Engel hatte ihn darauf verwiesen, daß etwas davon abhänge, daß er erkenne, warum man diesen Mann den «Guten Gerhard» nenne; denn durch den sollte er ja geheilt werden. Da sagte der Gute Gerhard so ungefähr: Man nennt mich den Guten Gerhard, weil die Leute gedankenlos sind. Ich habe nichts Besonderes getan. Aber das, was ich getan habe und was wirklich unbedeutend ist, was ich dir auch nicht erzählen will und nicht erzählen werde, das ist ein bißchen bekanntgeworden, und weil die Leute eben das Bedürfnis haben, überall Worte zu erfinden, so nennen sie mich den Guten Gerhard. — Nein, nein, sagte der Kaiser, so einfach kann das nicht sein, und es ist für mich und meine ganze Regierung außerordentlich wichtig, daß ich weiß, warum du der Gute Gerhard genannt wirst. — Der Gute Gerhard wollte das nicht verraten, aber der Kaiser wurde immer eindringlicher, und so sagte der Gute Gerhard: So will ich dir erzählen, warum sie mich den Guten Gerhard nennen; aber du darfst es nicht wiedersagen, denn ich sehe darin wirklich nichts Besonderes:
[ 43 ] Perhaps the councilmen—one of whom had been singled out—were a bit suspicious, but let’s not dwell on that; in any case, the emperor took the councilman, whom they called “Good Gerhard” in Cologne, into a private room and asked, “Why do they call you ‘Good Gerhard’?” He had to ask this question, for the angel had pointed out to him that something depended on his understanding why this man was called “Good Gerhard”; for it was through him that he was to be healed. Then Good Gerhard said something to the effect of: “People call me Good Gerhard because they are thoughtless. I haven’t done anything special. But what I have done—and it’s really insignificant, something I don’t want to tell you and won’t tell you—has become somewhat known, and because people just have this need to come up with words for everything, they call me ‘Good Gerhard.’ — “No, no,” said the emperor, “it can’t be that simple, and it’s extremely important for me and my entire government that I know why you’re called Good Gerhard.” — “Good Gerhard” didn’t want to reveal it, but the Emperor became more and more insistent, and so “Good Gerhard” said: “All right, I’ll tell you why they call me ‘Good Gerhard’; but you mustn’t repeat it, because I really don’t see anything special about it:
[ 44 ] Ich bin ein einfacher Kaufmann, bin immer ein einfacher Kaufmann gewesen, und eines Tages rüstete ich eine Reise aus. Ich durchwanderte also zunächst zu Land einige Gegenden, dann zu Schiff, kam bis in den Orient und kaufte viele, viele wertvolle Stoffe und wertvolle Gegenstände, alles mögliche um billiges Geld. Ich dachte, ich würde das da oder dort wiederum verkaufen um das Doppelte, das Drei-, Vier-, Fünffache, denn das ist so Kaufmannsbrauch; das war eben so mein Geschäft, mein Beruf. Dann setzte ich die Reise, weil das notwendig war, zu Schiff fort. Aber wir wurden durch einen ungünstigen Wind verschlagen im Meere. Wir wußten gar nicht, wo wir sind, und so war ich im Winde auf offenem Meer mit wenigen Gefährten verschlagen mit meinen kostbaren Geräten und Stoffen. Wir kamen an einen Strand, an dem Strand erhob sich ein Gebirge. Wir schickten einen Kundschafter aus, der auf das Gebirge hinaufsteigen sollte, um zu sehen, was jenseits ist, denn wir wurden einfach an den Strand geschlagen. Der Kundschafter sah von dem Gebirge aus jenseits eine mächtige Stadt, offenbar eine große Handelsstadt. Karawanen zogen von allen Seiten durch eine Reihe von Straßen heran, ein Fluß floß vorbei. Er kam wieder zurück, der Kundschafter, und wir konnten nun den Weg finden, um mit unserem Schiff an der Stadt anzulegen.
[ 44 ] I am a simple merchant; I have always been a simple merchant, and one day I set out on a journey. So I first traveled overland through several regions, then by ship, reaching as far as the Orient, where I bought many, many valuable fabrics and precious items—all sorts of things—for a bargain price. I thought I would sell them here or there for double, triple, quadruple, or even five times the price, for that is the way of merchants; that was simply my business, my profession. Then, because it was necessary, I continued the journey by ship. But we were driven off course at sea by an unfavorable wind. We had no idea where we were, and so I found myself adrift on the open sea with a few companions, my precious goods and fabrics at risk. We washed up on a beach, and a mountain range rose up from that beach. We sent out a scout to climb the mountain to see what lay beyond, for we had simply been washed up on the beach. From the mountain, the scout saw a mighty city on the other side—apparently a great trading city. Caravans were approaching from all sides along a series of streets, and a river flowed past. The scout returned, and we were now able to find our way to dock our ship at the city.
[ 45 ] Nun waren wir in einer ganz fremden Stadt. Bald zeigte sich, daß wir als Christen mitten unter Heiden waren. Wir sahen, daß ein lebhafter Markt ist. Ich dachte, ich werde auch auf dem Markte allerlei verkaufen können, denn die Handelstätigkeit war rege in jener Stadt; aber ich wußte nicht recht Bescheid. Da kam mir auf der Straße ein Mann entgegen, zu dem ich Vertrauen faßte, der mir vertrauenswürdig aussah. Zu dem Mann sagte ich: Kannst du mir nicht behilflich sein, um hier meine Waren zu verkaufen? — Der Mann hatte offenbar auch zu mir Vertrauen gefaßt und sagte: Woher kommst du? — Ich erzählte, ich sei ein Christ und aus Köln. Da sagte er: Mir scheinst du trotzdem ein ganz guter Mann zu sein. Ich habe bis jetzt über die Christen die allerschlimmsten Vorstellungen gehabt, aber du scheinst mir kein Unmensch zu sein; ich werde dir behilflich sein, und ich werde dir eine Herberge verschaffen können. Und dann laß mich einmal deine Waren alle anschauen.
[ 45 ] Now we were in a completely unfamiliar city. It soon became clear that, as Christians, we were in the midst of pagans. We saw that there was a lively market. I thought I would be able to sell all sorts of things at the market, too, since trade was brisk in that city; but I wasn’t quite sure what to do. Then a man came toward me on the street; I took a liking to him—he looked trustworthy. I said to the man, “Can’t you help me sell my goods here?”—The man had apparently taken a liking to me as well and said, “Where are you from?” — I told him I was a Christian from Cologne. Then he said: “You seem to me to be a very good man nonetheless. Until now, I’ve had the very worst impressions of Christians, but you don’t seem like a monster to me; I’ll help you, and I’ll be able to find you a place to stay. And now let me take a look at all your goods.”
[ 46 ] Als der Kaufmann, der Gute Gerhard, in der Herberge war, da kam nach einigen Tagen der Heide, den er getroffen hatte, schaute sich die Waren an, fand sie außerordentlich kostbar und sagte: Es gibt in der Stadt, trotzdem es hinreichend reiche Leute gibt, keinen einzigen, der so viel Geld hat, daß er so viel kaufen könnte. Das ist ganz unmöglich. Ich bin der einzige hier, der etwas hat, was ein Äquivalent ist für diese Waren. Ich kann dir, wenn du mir alle deine Waren gibst, einen Gegenwert bieten, aber ich bin der einzige, der das hat. — Nun, der Mann aus Köln wollte sich die Sache doch ansehen — er erzählt das alles dem Kaiser. — Ja, dann komm zu mir, und ich werde dir zeigen, daß ich Gegenwaren habe, die wirklich austauschbar sind gegen deine außerordentlich wertvollen, aus aller Welt als Kostbarstes zusammengetragenen Waren.
[ 46 ] While the merchant, Good Gerhard, was staying at the inn, the man from the heath whom he had met arrived a few days later, looked at the goods, found them extraordinarily valuable, and said: “Even though there are plenty of wealthy people in the city, there isn’t a single one who has enough money to buy all of this.” “That’s completely impossible. I’m the only one here who has something of equivalent value to these goods. If you give me all your goods, I can offer you something of equal value in return, but I’m the only one who has it.” — Well, the man from Cologne wanted to take a look at the matter after all—he tells the emperor all of this. — “Yes, then come to me, and I will show you that I have goods that are truly exchangeable for your extraordinarily valuable goods, gathered from all over the world as the most precious items.”
[ 47 ] Nun kam der Gerhard zu dem heidnischen Menschen, sah gleich, daß er es mit einem außerordentlich wichtigen Manne der Heidenstadt zu tun hatte. Zunächst führte ihn der Heide in ein Gemach, worinnen zwölf Jünglinge waren, gefesselt, als Gefangene, abgezehrt, in elendiger Lage. — Siehst du, sagte er, das sind zwölf Christen, die haben wir gefangengenommen auf offenem Meere, nachdem sie auf offenem Meere richtungslos schwammen. Jetzt werde ich dir den andern Teil der Ware zeigen. — Nun führte er ihn in ein anderes Gemach und zeigte ihm ebensoviele herabgekommene Greise. Dem Gerhard tat das Herz bei den Greisen noch mehr weh als bei den Jünglingen. Und dann zeigte der Heide ihm auch eine Anzahl Frauen — ich glaube fünfzehn —, die nun auch gefangengenommen waren. Und dann sagte er ihm: Gibst du mir deine Ware, so gebe ich dir diese Gefangenen; sie sind sehr kostbar, du kannst sie haben.
[ 47 ] Gerhard then approached the pagan man and immediately saw that he was dealing with an exceptionally important figure in the pagan city. First, the pagan led him into a room where twelve young men were held captive, bound, emaciated, and in a wretched state. “Do you see,” he said, “these are twelve Christians whom we captured on the high seas after they were drifting aimlessly there. Now I will show you the other part of the cargo.” He then led him into another room and showed him just as many emaciated old men. Gerhard’s heart ached even more for the old men than it had for the young men. And then the pagan also showed him a number of women—I believe fifteen—who had now also been captured. And then he said to him: “If you give me your goods, I will give you these captives; they are very valuable, you may have them.”
[ 48 ] Nun erfuhr der Gerhard, der Kaufmann aus Köln, daß sich unter den Frauen eine befand, die einen ganz besonderen Wert dadurch hatte, daß sie eine norwegische Königstochter war, die mit ihren Frauen — wenigen, nur ein paar, die andern waren woanders her — Schiffbruch erlitten hatte und gefangengenommen war von den Heiden. Die anderen waren aus England. Die Frauen waren Engländerinnen, die Jünglinge und Greise waren Engländer, und zwar waren sie ausgezogen mit dem Königssohne von England, Wilhelm, der sich seine norwegische Braut holen sollte. Und als er die norwegische Braut von Norwegen abgeholt hatte, da hatten sie auf dem Meere Unglück, die ganze Gesellschaft wurde in das Meer hinausgetrieben. Der Königssohn Wilhelm wurde ganz getrennt von den andern. Von dem wußten die andern nicht, wo er hingekommen war, er war für sie verschollen. Die aber, die ich aufgezählt habe, die Frauen und die Königstochter von Norwegen, die zwölf edlen Jünglinge aus England, die zwölf edlen Greise, die andern Frauen, die mit abgeholt hatten die Königstochter mit Wilhelm, die hatten Schiffbruch erlitten und waren in die Gewalt dieses heidnischen Fürsten gekommen. Die wollte ihm also der Heidenhäuptling verkaufen gegen seine orientalischen Waren. Gerhard weinte viele Tränen, nicht um die Waren, sondern im Gegenteil, weil er solch kostbares Gut gegen die Waren eintauschen sollte, und ging seiner ganzen Gesinnung nach auf den Handel ein. Der Heidenhäuptling war sehr gerührt und dachte sich: So starke Unmenschen sind nun wirklich diese Christen nicht. — Er stattete ihm sogar ein Schiff mit allen Lebensmitteln aus, so daß er seine Jünglinge und Greise und die Königstochter und die Jungfrauen mit über das Meer führen konnte, und entließ ihn sehr gerührt, indem er ihm sagte: Um deinetwillen werde ich von jetzt ab sehr loyal gegen alle Christen sein, die in meinen Gewahrsam kommen.
[ 48 ] Now Gerhard, the merchant from Cologne, learned that among the women was one who was of very special value because she was a Norwegian princess who, along with her ladies—only a few of them, the others were from elsewhere—had been shipwrecked and taken captive by the pagans. The others were from England. The women were English, the young men and the elderly were English, and they had set out with the Prince of England, William, who was to fetch his Norwegian bride. And when he had fetched the Norwegian bride from Norway, they met with misfortune at sea; the entire party was driven out into the sea. Prince William was completely separated from the others. The others did not know where he had gone; as far as they were concerned, he was lost. But those I have mentioned—the women and the princess of Norway, the twelve noble youths from England, the twelve noble elders, and the other women who had accompanied the princess and William—had suffered shipwreck and fallen into the hands of this pagan prince. The pagan chieftain therefore wanted to sell them to him in exchange for his Eastern goods. Gerhard wept many tears—not for the goods, but on the contrary, because he was to exchange such precious people for the goods—and, true to his nature, agreed to the trade. The pagan chieftain was deeply moved and thought to himself: “These Christians really aren’t such heartless people after all.” — He even equipped a ship for him with all the necessary provisions, so that he could lead his young men and elders, as well as the king’s daughter and the maidens, across the sea, and bid him farewell, deeply moved, saying: “For your sake, from now on I will be very loyal to all Christians who come into my custody.”
[ 49 ] Der Kaufmann Gerhard aus Köln fuhr nun über das Meer, und als man an die Stelle kam, an der man an der Konfiguration des Landes erkennen konnte, wo sich die Wege nach London und Utrecht trennen, da sagte er zu seiner Reisegesellschaft: Diejenigen, die nun nach England gehören, die mögen nach England gehen; die nach Norwegen gehören, die Königstochter mit ihren wenigen Frauen, die gehen mit mir nach Köln, und ich werde sehen, ob derjenige, für den diese Braut bestimmt war, nachdem er sich vielleicht gefunden hat, sie abholt.
[ 49 ] Gerhard, a merchant from Cologne, set sail across the sea, and when they reached the point where the landscape’s configuration made it clear that the roads to London and Utrecht diverged, he said to his traveling companions: “Those who now belong to England may go to England; those who belong to Norway—the king’s daughter and her few ladies—shall come with me to Cologne, and I will see if the man for whom this bride was intended, having perhaps found his way, will come to fetch her.”
[ 50 ] Gerhard in Köln hielt nun die norwegische Königstochter ihrem Stande angemessen. Sie war außerordentlich liebevoll gepflegt in der Familie, selbstverständlich, nur die kleine Bemerkung machte er noch, der Gute Gerhard, daß, als er heimkam mit der Königstochter, seine Frau erst etwas die Nase rümpfte. Aber dann hatte sie sie wie eine Tochter wirklich lieb. Nun, diese Dinge, nicht wahr, sind ja begreiflich. Sie wuchs also wie die Tochter des Hauses heran, war sehr lieb gehalten, sie hatte nur den großen Schmerz, der sich daraus ergab, daß sie immer nach ihrem Geliebten, dem Wilhelm, weinte, denn sie hatte selbstverständlich vorausgesetzt, daß er, wenn er gerettet werde, überallin der Welt sie suchen würde und sie schon finden werde. Er kam nicht und kam nicht. Aber sie war der Familie des Guten Gerhard lieb geworden, und der Gerhard hatte einen Sohn, und so dachte der Gerhard selber, daß diese schöne Jungfrau seines Sohnes Gattin werde. Das konnte sie natürlich nur, nach der Auffassung der damaligen Zeit, wenn der Sohn zu ihrem Stand hinaufgehoben wurde. Der Erzbischof von Köln erklärte sich bereit, den Sohn zum Ritter zu schlagen. Alles wurde in entsprechender Weise gemacht. Gerhard war sehr reich, es ging alles sehr gut. Turniere wurden abgehalten, und nachdem man noch ein Jahr gewartet hatte, ob sich nun der Wilhelm einfinde — dieses Jahr hatte sich die Königstochter ausbedungen —, da hatte man die Hochzeit gerichtet.
[ 50 ] Gerhard in Cologne now treated the Norwegian princess in a manner befitting her station. She was cared for with extraordinary affection by the family—naturally—though the good Gerhard did make one small remark: that when he came home with the princess, his wife initially turned up her nose a little. But then she truly came to love her like a daughter. Well, these things, you know, are quite understandable. So she grew up as the daughter of the house, was very dearly loved; her only great sorrow was that she was always weeping for her beloved, Wilhelm, for she had naturally assumed that, if he were rescued, he would search for her anywhere in the world and would surely find her. He did not come, and he did not come. But she had grown dear to the family of the good Gerhard, and Gerhard had a son, so Gerhard himself thought that this beautiful maiden would become his son’s wife. Of course, according to the customs of the time, this could only happen if the son were elevated to her social standing. The Archbishop of Cologne agreed to knight the son. Everything was arranged accordingly. Gerhard was very wealthy, and everything went very well. Tournaments were held, and after waiting another year to see if Wilhelm would show up—the year the king’s daughter had stipulated—the wedding was arranged.
[ 51 ] Während der Hochzeit erscheint ein Pilger, der einen solchen Bart hatte, daß man sah, daß schon lange Zeit kein Schermesser über sein Gesicht gegangen war, und der sehr traurig war. Der Gute Gerhard war voller Erbarmen, als er den Pilger sah, und fragte ihn, was er denn habe. Es ist unmöglich, zu sagen, meinte der Pilger, was er habe, denn er müsse nun sein Leid weiter durch die Welt tragen; von heute ab wisse er, daß dieses Leid niemals gemildert werden könne. — Das war nämlich der Wilhelm, der alle seine Gefährten verloren hatte, an eine Küste verschlagen worden war, in der Welt als Pilger umhergeirrt war, in dem unrechten Augenblicke erst ankam, als seine ihm zugedachte Braut schon dem Sohne des Gerhard in Köln fast vermählt war. Der Gerhard sagte: Das ist ganz selbstverständlich, daß du deine rechtmäßige Braut erhältst, ich werde mit meinem Sohne sprechen. — Da die Braut auch gewissermaßen die größere Liebe hatte zu ihrem verlorengegangenen, ihr zugehörigen Bräutigam Wilhelm, so ließ sich die Sache ordnen, und der Gerhard brachte, nachdem nun die Hochzeit mit dem Wilhelm gefeiert war in Köln, den Wilhelm, den Thronerben Englands, mit seiner Gattin nach London. Da ließ er zunächst die andern zurück. Er war ja bekannt als ein Kaufmann, der oft in London war. Er ging in die Stadt hinein und hörte, daß eben eine große Versammlung sei. Alles war unruhig, hatte einen revolutionären Charakter schon im Äußeren; er hörte, es sei Unordnung im Lande ausgebrochen, weil kein Thronfolger da sei. Der Thronfolger sei verschwunden vor Jahren, sei nicht wiedergekommen, er hätte Anhänger im Lande, aber alles andere sei uneinig, und man wolle jetzt für einen Königsnachfolger sorgen.
[ 51 ] During the wedding, a pilgrim appeared who had such a beard that it was clear no razor had touched his face in a long time, and who looked very sad. Good Gerhard was filled with compassion when he saw the pilgrim and asked him what was wrong. It is impossible to say, the pilgrim replied, what was wrong, for he must now carry his sorrow further through the world; from this day forward, he knew that this sorrow could never be alleviated. — For this was none other than Wilhelm, who had lost all his companions, had been cast ashore on a coast, had wandered the world as a pilgrim, and had arrived at the very wrong moment, just as his betrothed was about to be married to Gerhard’s son in Cologne. Gerhard said, “It goes without saying that you shall have your rightful bride; I will speak with my son.” — Since the bride, in a sense, also had the greater love for her long-lost betrothed, Wilhelm, who was rightfully hers, the matter was settled; and after the wedding to Wilhelm had been celebrated in Cologne, Gerhard brought Wilhelm—the heir to the English throne—and his wife to London. He left the others behind for the time being. He was, after all, known as a merchant who often visited London. He went into the city and heard that a large gathering was taking place. Everything was restless, already taking on a revolutionary character even from the outside; he heard that disorder had broken out in the country because there was no heir to the throne. The heir to the throne had disappeared years ago and had not returned; he had supporters in the country, but everyone else was divided, and they now wanted to secure a successor to the throne.
[ 52 ] Der Gerhard steckte sich in sein bestes Gewand und ging in die Versammlung. Da ließ man ihn auch hinein, da er eben in seinem besten Gewande war, was bei diesem reichen Kaufmann außerordentlich prunkvoll war. Und er fand vierundzwanzig Menschen versammelt, welche darüber berieten, wer der Ersatz sein sollte für den geliebten Thronfolger Wilhelm. Gerhard sah, diese vierundzwanzig Menschen waren dieselben, die er von dem Heidenhäuptling befreit hatte, die er dazumal, als die Wege nach London und Utrecht sich schieden, nach London geschickt hatte. Sie erkannten ihn nicht gleich. Sie erzählten ihm, daß Wilhelm verlorengegangen sei, ihr über alles geliebter Wilhelm. Dann aber erkannten sich Gerhard und die andern. Nun erklärte er ihnen, daß er ihnen ihren Wilhelm bringen werde. Auf diese Weise löste sich die Sache. Die Freude, die da herrschte in England, brauche ich Ihnen nicht zu erzählen. Zuerst hatte man sogar in der Versammlung, als man noch nicht gewußt hatte, wen der Gerhard bringen werde, aber ihn, der sie gerettet hatte, schon erkannt hatte, den Gerhard selber zum König ausrufen wollen. — Wilhelm wurde nun der König von England. Und nun wollte Wilhelm das Herzogtum Kent dem Gerhard geben, aber der nahm es nicht. Selbst von der neuen Königin, die so lange seine Pflegetochter war, nahm er nicht einmal die Goldschätze, die sie ihm zu geben wünschte, nur einen Ring und einiges andere noch, aber weniges, das er zum Andenken an die Pflegetochter seiner Frau mit nach Hause nehmen wollte. Und fuhr nach Hause.
[ 52 ] Gerhard put on his finest robes and went to the assembly. They let him in, since he was wearing his finest robes—which, for this wealthy merchant, were exceptionally splendid. And he found twenty-four people gathered there, discussing who should be the successor to the beloved heir to the throne, Wilhelm. Gerhard saw that these twenty-four people were the very same ones he had rescued from the pagan chieftain—the ones he had sent to London back when their paths had diverged toward London and Utrecht. They did not recognize him at first. They told him that Wilhelm had gone missing—their beloved Wilhelm, dearer to them than anything. But then Gerhard and the others recognized one another. He then explained to them that he would bring their Wilhelm back to them. And so the matter was resolved. I need not tell you of the joy that reigned in England. At first, even in the assembly—when they did not yet know whom Gerhard would bring, but had already recognized him as the one who had saved them—they had wanted to proclaim Gerhard himself king. —Wilhelm now became the King of England. And now William wanted to give the Duchy of Kent to Gerhard, but he did not accept it. He did not even accept the gold treasures that the new queen—who had been his foster daughter for so long—wished to give him; he took only a ring and a few other items—just a few things he wanted to take home as a memento of his wife’s foster daughter. And he set off for home.
[ 53 ] Das ist dasjenige, was nun leider bekanntgeworden ist in meiner Umgebung, sagte der Gute Gerhard zum Roten Otto, und deshalb nennen mich die Leute den Guten Gerhard. Aber eine Entscheidung darüber, ob dasjenige, was ich getan habe, gut ist oder nicht gut ist, steht ja nicht den Menschen, auch mir selber nicht zu. Und deshalb ist es ganz unsinnig, daß die Leute mich den Guten Gerhard nennen, wenn die Worte einen Sinn haben sollen.
[ 53 ] “That is what has unfortunately become known in my circle,” said Good Gerhard to Red Otto, “and that is why people call me Good Gerhard.” But it’s not up to people—not even me—to decide whether what I’ve done is good or not. And that’s why it’s completely nonsensical for people to call me “Good Gerhard” if the words are supposed to have any meaning.
[ 54 ] Der Rote Otto, der Kaiser, hörte das mit Aufmerksamkeit an und wußte nun allerdings, daß es eine andere Gesinnung gäbe als diejenige, die er entwickelt hatte, und daß diese andere Gesinnung sogar bei einem Kaufmann in Köln zu finden sei. Das machte einen tiefen Eindruck auf ihn. Er ging zurück in die Ratsversammlung, sagte den Herren: Ihr könnt nach Hause gehen, ich habe alles schon von dem Guten Gerhard erfahren. — Die Nasen der wohlweisen und großgünstigen Herren wurden noch länger, aber die Seelenrichtung des Roten Otto war eine vollständig andere geworden.
[ 54 ] Otto the Red, the Emperor, listened intently and now realized that there was a different way of thinking than the one he had developed, and that this different way of thinking could even be found in a merchant in Cologne. This made a deep impression on him. He returned to the council meeting and said to the gentlemen, “You may go home; I have already learned everything from Good Gerhard.” — The noses of the wise and magnanimous gentlemen grew even longer, but Red Otto’s state of mind had become completely different.
[ 55 ] So erzählte man eine Geschichte.
[ 55 ] That's how a story was told.
[ 56 ] Das, was da erzählt wird, kritisiert heute selbstverständlich der Historiker, der reinlich herausschälen will die Tatsachen, die auf dem physischen Plan sich abspielen, in Grund und Boden. Aber nicht nur dieses Ereignis, sondern auch andere Ereignisse hat man in jener geschichtlichen Gesinnung, die noch im vierten nachatlantischen Zeitraum herrschend war, so erzählt, daß man nicht bloß die physische Tatsache erzählt hat, sondern gewissermaßen den mit der geistigen Welt zusammenhängenden Sinn. Ineinandergreifen ließ man dasjenige, was auf dem physischen Plan geschah, und dasjenige, was als Sinn das durchwebt, was auf dem physischen Plan geschieht.
[ 56 ] Today, of course, historians—who seek to meticulously isolate the facts that unfold on the physical plane—criticize the way these events are recounted. But not only this event, but also other events were recounted in that historical mindset—which still prevailed in the fourth post-Atlantean epoch—in such a way that one did not merely recount the physical facts, but, in a sense, the meaning connected to the spiritual world. They allowed what happened on the physical plane to intertwine with the meaning that permeates what happens on the physical plane.
[ 57 ] Ein tiefer Sinn liegt schon in der Geschichte von dem Roten Otto und dem Guten Gerhard.
[ 57 ] There is a deeper meaning in the story of Red Otto and Good Gerhard.
[ 58 ] Ich wollte Ihnen diese Geschichte heute erzählen, die einmal als Geschichte genommen worden ist, damit wir sie unter andern Dingen auch morgen zugrunde legen können bei Betrachtungen, die uns noch weitere Horizonte eröffnen sollen.
[ 58 ] I wanted to share this story with you today—a story that was once taken as fact—so that, among other things, we can use it as a foundation tomorrow for reflections that will open up even broader horizons for us.
