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Reflections on Contemporary History II
The Karma of Untruthfulness
GA 173b

8 January 1917, Dornach

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Reflections on Contemporary History, Volume III, tr. SOL
  1. Zeitgeschichtliche Betrachtungen Band II

Sechzehnter Vortrag

Sixteenth Lecture

[ 1 ] Als ich auf mehrfachen Wunsch mich entschlossen hatte, über einige Fragen aus der unmittelbaren Geschichte der Gegenwart zu sprechen, habe ich ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, daß es sich hier um die Erkenntnis von Tatsachen handeln soll und nicht die Rede davon sein könne, daß hier Politik oder irgend etwas mit Politik Zusammenhängendes getrieben werde; ich habe sogar diese Bemerkung öfters wiederholt. Allein es scheint doch, als ob immer wieder unter uns die Sorglosigkeit — um kein anderes Wort zu gebrauchen — in bezug auf solche Dinge einreißt, und daß man nicht bedenkt, daß ein gewisser Anspruch darauf besteht, die Wahrheit, wenn sie so intensiv ausgesprochen wird, auch in der Ausdrucksweise zu beobachten. Denn es scheint da oder dort von diesen Vorträgen in dem Sinne geredet zu werden, als würden hier politische Vorträge gehalten. Rücksichtslosigkeit ist ja bei einigen unserer Mitglieder auf der Tagesordnung und waltet seit langer Zeit — selbstverständlich unter einigen; ich rede nur von denen, die gemeint sind. Und alles, was aus der Besorgnis für unsere Sache heraus gesagt und immer wiederholt wurde, fruchtete nach gewissen Richtungen hin nichts. Man kann es ja deutlich merken, daß immer wieder und wieder die hier besprochenen Dinge in der eigentümlichsten Weise an Außenstehende weitergegeben werden. An sich habe ich gegen Mitteilungen, wenn sie in den selbstverständlichen Grenzen gehalten werden, nichts. Aber aus den verschiedenen Publikationen, die in der letzten Zeit erschienen sind, zu denen ja zum Beispiel auch das von Vollrathscher Seite ausgehende Unerhörteste gehört, ist deutlich ersichtlich, daß die Dinge nicht immer so weitergegeben werden, wie sie hier besprochen worden sind, sondern, vielleicht aus Unverstand, so, daß die greulichsten Entstellungen möglich sind. Ich weiß wohl, daß das aus unserer Mitte heraus geschieht, und wenn ich immer wieder und wieder dazu schweige und nicht gegen sogenannte Mitglieder, die sich in dieser Weise aufführen, nach der einen oder andern Richtung hin die Konsequenzen zu ziehen versuche, so ist das aus Liebe zu unserer gesamten Bewegung und unserer gesamten Gesellschaft. Denn es ist natürlich nicht möglich, fortwährend gewissermaßen Femgerichte abzuhalten. Wohl aber wäre möglich, daß diejenigen Mitglieder, die von solchen Dingen wissen, sich der Sache auch annehmen, und sich in sachgemäßer Weise gegenüber solchen Mitgliedern verhalten, von denen ja bekannt sein kann, wie sie sich zuweilen zu dem hier gegegebenen Geistesgut stellen. Dabei will ich nicht einmal — obwohl auch das zuweilen der Fall ist — sagen, daß immer eine direkte moralische Verfehlung vorliegen muß, wohl aber eine geringe Einsicht in das, was man zu tun vermag. Wer solche Mitteilungen machen will, sollte sich immer in durchaus treuer, ich möchte sagen, Selbsterkenntnis fragen, ob er die Dinge so genau verstanden hat, daß er sie mitteilen kann. Es ist schon notwendig, immer wieder von Zeit zu Zeit hierauf aufmerksam zu machen. Ohne Veranlassung geschieht es ja nicht, das können Sie mir glauben. Aber schließlich muß es nach und nach zu einem völligen Verstummen über gewisse Dinge kommen, und was dann aus unserer Bewegung werden muß, das ist ja leicht abzusehen. Dies wird mitveranlaßt von den Mitgliedern, die es immer wieder und wieder nicht vermeiden können, die tollsten Bezeichnungen für dieses oder jenes zu wählen, welche dann selbstverständlich zu den greulichsten Entstellungen führen. Es ist nun einmal nicht notwendig, daß überall, wo es jeder hören kann, der nicht zu uns gehört, über unsere Dinge gesprochen wird, und daß man Bezeichnungen wählt, die einem bequem sind, die sich aber gar nicht decken mit der ganzen Intention, die hier zugrunde liegt.

[ 1 ] When, in response to repeated requests, I decided to speak about certain issues from recent history, I explicitly pointed out that the focus here should be on understanding the facts and that there could be no question of engaging in politics or anything related to politics; I have even repeated this remark on several occasions. Yet it seems that time and again, a certain carelessness—for lack of a better word—regarding such matters creeps in among us, and that people fail to consider that there is a certain obligation to uphold the truth—especially when it is expressed so forcefully—even in the manner of its expression. For here and there, these lectures seem to be discussed as if political lectures were being held here. Recklessness is, after all, the order of the day among some of our members and has prevailed for a long time—among some, of course; I am speaking only of those to whom this applies. And everything that was said and repeatedly emphasized out of concern for our cause has borne no fruit in certain quarters. It is quite evident that, time and again, the matters discussed here are passed on to outsiders in the most peculiar manner. In and of itself, I have nothing against communications, provided they remain within reasonable limits. But from the various publications that have appeared recently—including, for example, the most outrageous ones originating from Vollrath’s side—it is clearly evident that matters are not always conveyed as they have been discussed here, but rather—perhaps out of ignorance—in such a way that the most appalling distortions are possible. I am well aware that this is happening from within our own ranks, and if I remain silent about it time and again and do not attempt to take action—in one direction or another—against so-called members who behave in this manner, it is out of love for our entire movement and our entire society. For it is, of course, not possible to constantly hold, so to speak, trials by public opinion. It would, however, be possible for those members who are aware of such matters to take up the cause and to behave appropriately toward such members, whose attitude toward the spiritual heritage presented here may well be known. In saying this, I do not even mean—although that is sometimes the case—that there must always be a direct moral transgression, but rather a lack of insight into what one is capable of doing. Anyone who wishes to make such statements should always ask themselves, with complete honesty—I would say, self-awareness—whether they have understood the matters well enough to be able to communicate them. It is indeed necessary to draw attention to this again and again from time to time. It does not happen without cause; you can believe me on that. But ultimately, there must gradually be a complete silence regarding certain matters, and what will then become of our movement is, of course, easy to foresee. This is partly caused by members who, time and again, cannot avoid choosing the wildest terms for this or that, which then, naturally, lead to the most appalling distortions. It is simply not necessary to discuss our matters wherever anyone who does not belong to us can hear, nor to choose terms that are convenient but do not at all correspond to the underlying intention here.

[ 2 ] Ich muß es schon gestehen: Wenn da oder dort für dasjenige, was ich auf mehrfachen Wunsch hin hier als Betrachtungen anstelle, die Bezeichnung «politische Vorträge» gewählt wird, so muß ich das durchaus als eine ganz persönliche Attacke auf mich selber ansehen.

[ 2 ] I must admit: Whenever the term “political lectures” is used here and there to describe what I am presenting here as reflections—at the repeated request of others—I cannot help but view this as a very personal attack on myself.

[ 3 ] Nachdem wir nun die Betrachtungen angestellt haben, die in die Vorträge der letzten Wochen eingefügt wurden, wird es heute möglich sein, einiges Zusammenfassende zu sagen, um Licht zu verbreiten über Zusammenhänge, deren Kenntnis uns zum Verständnis der Gegenwart behilflich sein kann. Ich werde zuerst ganz trocken, in alleräußerlichster Weise versuchen, die Ereignisse historisch zu erzählen, die sich zugetragen haben, um dann auf der Grundlage der in den letzten Wochen gewonnenen Einsichten auf einige tieferliegende Ursachen hinzuweisen. Ich möchte ausdrücklich bemerken, daß ich gerade heute versuchen werde, in der Darstellung jedes Wort sorgfältig abzuwägen, damit gewissermaßen jedes Wort die Begrenzung gibt, innerhalb welcher die Anschauung, die vertreten wird, zutage treten soll. Zunächst will ich also, wie gesagt, ganz kurz historische Ereignisse, Gesichtspunkte und Impulse in ganz äußerlicher Weise zusammenstellen.

[ 3 ] Now that we have considered the points that were woven into the lectures of the past few weeks, it will be possible today to offer some concluding remarks in order to shed light on connections whose understanding can help us make sense of the present. I will first attempt, in a very dry and purely objective manner, to recount the historical events that have taken place, and then, based on the insights gained in recent weeks, point out some deeper underlying causes. I would like to expressly note that today, in particular, I will strive to weigh every word carefully in my presentation, so that, in a sense, each word defines the boundaries within which the view being presented is to emerge. So, as I said, I will begin by very briefly compiling historical events, perspectives, and impulses in a purely objective manner.

[ 4 ] Aufgetreten sind die gegenwärtigen schmerzlichen Ereignisse, wie Sie ja alle wissen, im Zusammenhange mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand im Juni 1914. Es schloß sich an dieses Attentat in ganz Europa eine Zeitungskampagne, die in verschiedenen, ich möchte sagen, aufspritzenden Wogen zeigte, bis zu welchem Grade gewisse Leidenschaften überall entfesselt waren. Das Ganze führte dann zu dem bekannten Ultimatum der österreichisch-ungarischen Monarchie an Serbien, welches im wesentlichen von Serbien abgelehnt wurde; darauf zu dem österreichisch-serbischen Konflikt, der nach den Intentionen der leitenden österreichischen Staatsmänner in einem militärischen Einmarsch in Serbien bestehen sollte, ohne Annexion serbischen Gebietes, mit der einzigen Absicht, durch die militärische Pression die Annahme des Ultimatums zu erzwingen. Durch das Ultimatum sollte verhindert werden, daß von Serbien aus eine Agitation gegen den Bestand der österreichisch-ungarischen Monarchie auf dem Wege über die österreichischen Südslawen sich geltend machen könne. Österreich umfaßt ja eine ganze Reihe von Völkerschaften — dreizehn anerkannte Sprachen gibt es, aber viel mehr Völkerstämme — und es hat in seinen südlichen Partien eine slawische Bevölkerung, mehr im Westen die slowenisch-slawische Bevölkerung, dann angrenzend nach Osten die dalmatinische, kroatische, slowenische, serbische, serbo-kroatische Bevölkerung; dann die verschiedenen Bevölkerungsgruppen, welche in den von Österreich 1908 annektierten, ihm aber viel früher als Okkupationsgebiet zugewiesenen Landesteilen Bosnien und der Herzegowina wohnen. An diese österreichischen Südslawen grenzt Serbien. Von Serbien, so glaubte Österreich nachweisen zu können — und die Nachweise sind ja für jeden, der sie suchen will, überall zu finden —, ging eine Agitation aus, darauf hinauslaufend, ein südslawisches Reich unter serbischer Oberherrschaft zu begründen mit Losreißung der südslawischen Bevölkerung Österreichs. Mit diesen Dingen mußte das Attentat auf Franz Ferdinand unbedingt in Zusammenhang gebracht werden, und zwar aus folgendem Grunde: Die österreichisch-ungarische Monarchie ist seit dem Jahre 1867 ein dualistischer Staat, der nach einem ja wenig prägnanten Ausdruck umfaßt «die im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder», und als zweites Gebiet die «Länder der heiligen Stephanskrone». Zu den im Reichsrat vertretenen Ländern gehört Ober- und Niederösterreich, Salzburg, Steiermark, Kärnten, Krain und Istrien, Dalmatien, Mähren, Böhmen und Schlesien, Galizien, Lodomerien und die Bukowina. Zu den Ländern der heiligen Stephanskrone gehört vor allen Dingen das magyarische Gebiet, dem einverleibt wurde das frühere Siebenbürgen, das wiederum von den verschiedensten Völkerschaften bewohnt wird; sodann Kroatien und Slawonien, die eine Art eingeschränkter Selbstverwaltung innerhalb des ungarischen Staates haben. Also eine dualistische Monarchie.

[ 4 ] As you all know, the current painful events arose in connection with the assassination of the Austrian heir to the throne, Franz Ferdinand, in June 1914. This assassination was followed throughout Europe by a press campaign that, in various—I would say surging—waves, revealed the extent to which certain passions had been unleashed everywhere. The whole affair then led to the well-known ultimatum issued by the Austro-Hungarian Monarchy to Serbia, which was essentially rejected by Serbia; and subsequently to the Austro-Serbian conflict, which, according to the intentions of leading Austrian statesmen, was to consist of a military incursion into Serbia—without the annexation of Serbian territory—with the sole purpose of forcing Serbia to accept the ultimatum through military pressure. The ultimatum was intended to prevent agitation against the existence of the Austro-Hungarian Monarchy from taking hold in Serbia via the Austrian South Slavs. Austria, after all, comprises a whole range of ethnic groups—there are thirteen recognized languages, but many more ethnic groups—and in its southern regions it has a Slavic population; further west, the Slovenian-Slavic population; and bordering to the east, the Dalmatian, Croatian, Slovenian, Serbian, and Serbo-Croatian populations; and then the various population groups living in Bosnia and Herzegovina, territories annexed by Austria in 1908 but assigned to it much earlier as an occupied territory. Serbia borders these Austrian South Slavs. Austria believed it could prove—and the evidence is, after all, available everywhere to anyone who cares to look for it—that agitation was emanating from Serbia, aimed at establishing a South Slavic empire under Serbian supremacy by seceding the South Slavic population of Austria. The assassination of Franz Ferdinand had to be linked to these events at all costs, for the following reason: Since 1867, the Austro-Hungarian Monarchy has been a dualist state, which—to use a rather vague expression—comprises “the kingdoms and provinces represented in the Imperial Council” and, as a second territory, the “provinces of the Holy Crown of St. Stephen.” The lands represented in the Imperial Council include Upper and Lower Austria, Salzburg, Styria, Carinthia, Carniola and Istria, Dalmatia, Moravia, Bohemia and Silesia, Galicia, Lodomeria, and Bukovina. The lands of the Holy Crown of St. Stephen include, first and foremost, the Magyar territory, to which the former Transylvania—itself inhabited by a wide variety of ethnic groups—was incorporated; followed by Croatia and Slavonia, which enjoy a form of limited self-government within the Hungarian state. Thus, a dualistic monarchy.

[ 5 ] Nun ging der Thronfolger Franz Ferdinand, wie man wissen konnte, darauf aus, die Mängel des Dualismus in Osterreich-Ungarn zu überwinden und an die Stelle des Dualismus einen Trialismus zu setzen. Der Trialismus sollte dadurch herauskommen, daß die zu Österreich gehörenden südslawischen Gebiete in einer ähnlichen Weise selbständig gemacht werden sollten, wie die im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder und die Länder der heiligen Stephanskrone selbständig waren. Es wäre damit anstatt des Dualismus ein Trialismus entstanden. Wenn man bedenkt, was der Thronfolger Franz Ferdinand wollte, so kann man sich vorstellen, daß dies im Falle der Verwirklichung zu einer Individualisierung der einzelnen südslawischen Stämme geführt hätte in einer Art südslawischen Gemeinschaft innerhalb der österreichisch-slawischen Gebiete. Damit wäre man dem Ziele einen Schritt nähergekommen, die westlichen Slawen gewissermaßen mit der westlichen Kultur zu amalgamieren, und dem, was ich in diesen Betrachtungen Russizismus genannt habe, entgegenzuarbeiten. Es wäre dies durchaus möglich gewesen, denn Österreich ist eine durchaus föderalistische Staatsgestaltung, nicht eine zentralistische, und hatte vor dem Kriege die Tendenz, den einzelnen Völkerschaften mehr und mehr den Föderalismus zu bringen. Von 1867 bis 1879 hatte man den Zentralismus angestrebt, von 1879 an konnte man die zentralistischen Bestrebungen als gescheitert ansehen, und der Staat steuerte von da an dem Föderalismus zu.

[ 5 ] As was well known, the heir to the throne, Franz Ferdinand, sought to overcome the shortcomings of dualism in Austria-Hungary and replace it with a system of trialism. This trialism was to be achieved by granting autonomy to the South Slavic territories belonging to Austria in a manner similar to that enjoyed by the kingdoms and provinces represented in the Imperial Council and by the provinces of the Holy Crown of St. Stephen. This would have resulted in a trialism instead of dualism. Considering what Crown Prince Franz Ferdinand intended, one can imagine that, had this been realized, it would have led to the individualization of the various South Slavic tribes within a kind of South Slavic community in the Austro-Slavic territories. This would have brought us one step closer to the goal of, so to speak, amalgamating the Western Slavs with Western culture, and of counteracting what I have called “Russification” in these reflections. This would have been entirely possible, for Austria has a thoroughly federalist state structure, not a centralist one, and prior to the war had a tendency to grant the individual ethnic groups an ever-greater degree of federalism. From 1867 to 1879, the aim had been centralism; from 1879 onward, these centralist efforts could be regarded as having failed, and from that point on, the state moved toward federalism.

[ 6 ] Dem stand gegenüber, daß von Serbien das Bestreben ausging, eine südslawische Konföderation zu begründen unter der Hegemonie von Serbien. Nicht ging dies vom serbischen Volke aus, aber ich habe es ja charakterisiert, wie die Völker in einer gewissen Weise eben einfach suggestiv geführt werden. Dazu mußten natürlich die südslawischen Gebiete Österreich-Ungarns losgerissen werden.

[ 6 ] In contrast, Serbia sought to establish a South Slavic confederation under its hegemony. This did not originate with the Serbian people, but I have already described how peoples are, in a certain sense, simply led by suggestion. To achieve this, of course, the South Slavic territories of Austria-Hungary had to be torn away.

[ 7 ] Damit habe ich kurz zusammengefaßt, was dem österreichisch-serbischen Konflikt zugrunde liegt. Denn innerhalb dessen, was ich jetzt zum Ausdruck zu bringen versuchte, haben wir es zu tun mit dem österreichisch-serbischen Konflikt. Es wäre denkbar gewesen, daß dieser Konflikt — ich habe den Ausdruck schon einmal gebraucht — «lokalisiert» worden wäre. Dann wäre — es sei dies hypothetisch gesagt — der europäische Weltkrieg vermieden worden. Was wäre geschehen, wenn die streng umgrenzten Intentionen der österreichischen Staatsmänner sich verwirklicht hätten? Es wäre ein Teil der österreichisch-ungarischen Armee in Serbien einmarschiert und so lange dort geblieben, bis Serbien sich bereit erklärt hätte, jenes Ultimatum anzunehmen, durch welches die Möglichkeit, daß sich unter serbischer Hegemonie, und selbstverständlich unter russischer Oberherrschaft, eine südslawische Konföderation bildet, beseitigt worden wäre. Hätte sich keine der europäischen Mächte in diese Angelegenheit hineingemischt, hätten alle gewissermaßen Gewehr bei Fuß gestanden, so wäre nichts anderes erfolgt als die Annahme jenes Ultimatums. Denn das war garantiert, daß eine irgendwie geartete Annektierung von serbischem Gebiete unter keinen Umständen stattfinden sollte. Die Folge wäre dann gewesen, daß solche Attentate, wie sie mehrfach vorgekommen sind — denn das auf Franz Ferdinand war ja nur der Abschluß einer ganzen Reihe von Attentaten, die von serbischen Agitatoren angestiftet worden waren —, nicht mehr hätten vorkommen können, und ohne solche Agitation geht oder ging ja selbstverständlich die Errichtung der südslawischen Konföderation unter Rußlands Oberaufsicht nicht. Wären die Dinge so verlaufen — noch einmal sei es hypothetisch hingestellt —, so hätte es niemals zu diesem Kriege kommen können.

[ 7 ] I have thus briefly summarized the underlying causes of the Austro-Serbian conflict. For within the context of what I have just attempted to express, we are dealing with the Austro-Serbian conflict. It would have been conceivable that this conflict—I have used this term before—could have been “localized.” Then—hypothetically speaking—the European world war would have been avoided. What would have happened if the strictly limited intentions of the Austrian statesmen had been realized? A portion of the Austro-Hungarian army would have marched into Serbia and remained there until Serbia had agreed to accept that ultimatum, which would have eliminated the possibility of a South Slavic confederation forming under Serbian hegemony—and, of course, under Russian supremacy. Had none of the European powers intervened in this matter—had everyone, so to speak, remained at the ready—nothing else would have occurred but the acceptance of that ultimatum. For it was guaranteed that no annexation of Serbian territory, of whatever nature, was to take place under any circumstances. The consequence would then have been that assassinations such as those that occurred on multiple occasions—for the assassination of Franz Ferdinand was, after all, merely the culmination of a whole series of assassinations instigated by Serbian agitators—could no longer have taken place, and without such agitation, the establishment of a South Slavic confederation under Russia’s supervision is, of course, impossible. Had things turned out that way—again, let us assume this hypothetically—this war could never have come to pass.

[ 8 ] Wie hängt nun dieser österreichisch-serbische Konflikt mit dem Weltkriege zusammen? Will man diesen Zusammenhang erkennen, so muß man schon durch die Erkenntnis der äußeren Verhältnisse hindurch, ich möchte sagen, in die tieferen Geheimnisse der europäischen Politik hineingehen. Nicht Politik wollen wir treiben, sondern uns die Erkenntnis dessen vor die Seele führen, was in dieser Politik gelebt hat. Ich möchte Ihnen die Frage beantworten: Wie wurde aus dem österreichisch-serbischen Konflikt ein europäischer Konflikt? Wie hängt die österreichisch-serbische Frage an der europäischen Frage?

[ 8 ] How, then, is this Austro-Serbian conflict connected to the World War? If one wishes to understand this connection, one must look beyond the external circumstances—I would say—and delve into the deeper mysteries of European politics. We do not wish to engage in politics, but rather to bring to light what was at the heart of that politics. I would like to answer the question for you: How did the Austro-Serbian conflict become a European conflict? How is the Austro-Serbian question connected to the European question?

[ 9 ] Da müssen wir unsere Aufmerksamkeit richten auf das, was ich eben über die südslawische Konföderation gesagt habe. Diese südslawische Konföderation, unabhängig von Österreich, aber im Zusammenhange mit Rußland, sozusagen unter russischer Oberaufsicht, lag im Interesse des britischen Imperiums, und zwar um so mehr, je mehr dieses Imperium bewußte Gestalt annahm. Gerade die Aufrichtung — wie man es da nannte — der Donau-Konföderation, womit man diese südslawische Konföderation meinte, welche die südslawischen Völker mit Rumänien zusammen umfassen und die österreichischen Südslawen einschließen sollte, führte man ausdrücklich an in jenen Gemeinschaften, von denen ich gesprochen habe. So daß wir in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts überall in den okkulten Schulen des Westens, aber unter dem unmittelbaren Einfluß der britischen Okkultisten, den Hinweis darauf finden, daß eine solche Donau-Konföderation entstehen müsse. Man suchte auch mit allen Mitteln die ganze europäische Politik so zu lenken, um eine solche Donau-Konföderation mit Abtretung der österreichisch-slawischen Gebiete zur Entstehung zu bringen.

[ 9 ] We must focus our attention on what I just said about the South Slavic Confederation. This South Slavic Confederation—independent of Austria but linked to Russia, so to speak under Russian supervision—was in the interest of the British Empire, and all the more so as that empire took on a more defined form. It was precisely the establishment—as it was called there—of the Danube Confederation, by which they meant this South Slavic Confederation, which was to encompass the South Slavic peoples together with Romania and include the Austrian South Slavs, that was explicitly mentioned in those circles of which I have spoken. Thus, in the 1890s, we find references throughout the occult schools of the West—but under the direct influence of British occultists—to the necessity of such a Danube Confederation coming into being. Every effort was also made to steer European politics in such a way as to bring about the formation of such a Danube Confederation through the cession of the Austro-Slavic territories.

[ 10 ] Warum lag diese, Österreich feindliche, Rußland freundliche DonauKonföderation im Interesse des britischen Imperiums? Diejenigen Mächte, welche in der letzten Zeit infolge des über die Welt ausgebrochenen Imperialismus am intensivsten zusammenstießen, weil sie innerhalb des in Betracht kommenden Territoriums die größten Mächte sind, die in Wirklichkeit in der stärksten Feindschaft miteinander leben solche inneren Feindschaften können sich ja äußerlich als Freundschaften, als Allianzen dokumentieren —, sind das britische Imperium und das russische Imperium. Und wenn man so spinnefeind ist, aber doch in der Welt nebeneinander lebt, so folgt, weil unsere Erde eine ganz bestimmte Eigentümlichkeit hat, aus solchem feindlichem Nebeneinandersein etwas ganz Bestimmtes. Die Eigentümlichkeit unserer Erde, die ich meine, ist ihre Kugelgestalt. Wäre unsere Erde eine überallhin ausdehnbare Ebene, so könnten solche Konflikte nicht zustandekommen. Aber da unsere Erde Kugelgestalt hat, so kommt man nicht nur, wenn man von einem Punkte immer geradeaus geht, an diesen Punkt wieder zurück, sondern es ist auch so, daß sich ausbreitende Imperien an einem gewissen Punkte zusammenstoßen, und daß sie beim Aufeinanderprallen ihre entgegengesetzten Interessen ausleben müssen. Das geschah zwischen dem britischen und dem russischen Imperium, und trat neben vielem anderem in der präzisesten Weise bei dem Zusammenprallen in Persien zutage, wo man eben hart aneinanderstieß. Und die Frage war: Soll Rußland sich gegen Indien hinunterbewegen und dort allmählich das britische Imperium begrenzen, oder kann das britische Imperium einen Wall vorschieben?

[ 10 ] Why was this Danube Confederation—hostile to Austria and friendly to Russia—in the interest of the British Empire? The powers that have clashed most intensely in recent times as a result of the imperialism that has swept across the world—because they are the greatest powers within the territory in question and, in reality, live in the deepest enmity with one another (such internal hostilities can, of course, be outwardly documented as friendships or alliances)—are the British Empire and the Russian Empire. And when two powers are such mortal enemies yet still coexist side by side in the world, something very specific results from such hostile coexistence—because our Earth has a very particular characteristic. The characteristic of our Earth to which I refer is its spherical shape. If our Earth were a plane that extended in every direction, such conflicts could not arise. But since our Earth is spherical, not only does one return to the starting point if one travels straight ahead from a given point, but it is also the case that expanding empires collide at a certain point, and that when they clash, they must act out their opposing interests. This happened between the British and Russian empires, and—among many other things—became evident in the most precise way during the clash in Persia, where the two sides came into sharp conflict. And the question was: Should Russia move southward toward India and gradually encroach upon the British Empire there, or can the British Empire put up a defensive line?

[ 11 ] Wenn man Herrschaftsziele verfolgt, so kann man dies tun durch Krieg oder auf andere Weise, je nachdem einem das eine oder das andere günstiger erscheint. Für das britische Imperium schien zunächst das Günstigste zu sein, vorläufig — bei Staaten rechnet man ja immer mit begrenzten Zeiträumen — Rußland abzuhalten, sich gegen Indien hin vorzuschieben, und ihm einen andern Auslaufkanal zu geben, es nach einer andern Richtung hin zu beschäftigen, um den selbstverständlichen Ehrgeiz des russischen Imperiums — Imperien sind immer ehrgeizig — zu sättigen. Das sollte dadurch geschehen, daß man Rußland die Oberherrschaft über die sogenannte Donau-Konföderation einräumte,. Es bestand somit für das britische Imperium das indirekte Interesse, die Donau-Konföderation so groß wie möglich zu gestalten, denn die Slawen im Süden wollten zusammengehören, und dieses Zusammengehörigkeitsgefühl wurde auf die Weise geschürt, wie ich Ihnen ja erzählt habe. Es sollte also diese südslawische Konföderation Rußland in die Hände gespielt werden, damit es nach andern Richtungen hin seine Fühlhörner zurückzöge. Insofern lag die unter russischer Oberherrschaft zu gründende südslawische Konföderation im britischen Interesse. Das war eine lange Geschichte, die von langer Hand vorbereitet worden ist.

[ 11 ] If one pursues goals of domination, one can do so through war or by other means, depending on which seems more advantageous. For the British Empire, the most advantageous course initially seemed to be—for the time being, since with states one always calculates in terms of limited time periods — to prevent Russia from advancing toward India and to provide it with another outlet, to occupy it in another direction, in order to satisfy the natural ambition of the Russian Empire—empires are always ambitious. This was to be achieved by granting Russia supremacy over the so-called Danube Confederation. The British Empire thus had an indirect interest in making the Danube Confederation as large as possible, for the Slavs in the south wanted to belong together, and this sense of belonging was fostered in the manner I have already described to you. The plan, then, was to play this South Slavic Confederation into Russia’s hands so that it would withdraw its tentacles in other directions. In this respect, the South Slavic Confederation to be established under Russian supremacy was in Britain’s interest. This was a long story that had been prepared well in advance.

[ 12 ] So sehen wir einen der Fäden, durch welche die österreichisch-serbische Frage an die Frage der großen Weltherrschaftsgestaltung angeknüpft wird, denn dadurch wurde das ganze Verhältnis zwischen dem britischen und dem russischen Imperium in die Sache hineingezogen. Es handelte sich da nicht um Österreich und Serbien, sondern die österreichisch-serbische Frage wurde ganz selbstverständlich zu der Frage: Soll von Österreich ein Schritt gemacht werden zum Trialismus hin, wodurch die südslawische Konföderation von ihrem Wege abgebracht worden wäre, oder soll ein Schritt gemacht werden in Richtung der russifizierten südslawischen Konföderation? — Damit wurde gewissermaßen die österreichisch-serbische Frage an die europäische Frage angekoppelt.

[ 12 ] Thus we see one of the threads linking the Austro-Serbian question to the question of the great world order, for this drew the entire relationship between the British and Russian empires into the matter. This was not merely a matter of Austria and Serbia; rather, the Austro-Serbian question naturally became the question: Should Austria take a step toward trialism, which would have diverted the South Slavic Confederation from its course, or should a step be taken toward a Russified South Slavic Confederation? — In a sense, this linked the Austro-Serbian question to the European question.

[ 13 ] Wenn so etwas vorhanden ist — und das, was ich jetzt auseinandersetzte, sind durchaus reale, in den Menschen lebende Impulse gewesen —, dann ist es wie eine elektrische Ladung, die sich einmal entladen wird. Also auf einen der Fäden haben wir dadurch hingewiesen.

[ 13 ] If something like this exists—and what I have just discussed are very real impulses that live within people—then it is like an electrical charge that will eventually discharge. So we have pointed to one of the threads here.

[ 14 ] Es ist ja allerdings noch stark die Frage, ob, wenn nichts anderes vorhanden gewesen wäre als das, was ich bis jetzt besprochen habe, der österreichisch-serbische Konflikt zu dem Weltkrieg geführt hätte. Es ist sogar im höchsten Grade unwahrscheinlich, daß er es getan hätte, wenn nichts anderes vorhanden gewesen wäre. Aber es waren genügend andere Impulse da, welche verstärkend wirkten. Vor allen Dingen war innerhalb der europäischen Verhältnisse das französisch-russische Bündnis vorhanden. Seit den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts bestand die französisch-russische Allianz, die, wenn man die Verhältnisse objektiv betrachtet, so unnatürlich wie möglich ist. Daß diese Allianz seitens Frankreichs unter dem Gesichtspunkt abgeschlossen worden war, Elsaß-Lothringen wieder zurückzugewinnen, wird ja kaum irgend jemand bezweifeln können; denn man kann sich ja gar nicht denken, daß irgendein anderer Grund zu dieser Allianz hätte sein können. Alle andern Gründe würden nur gegen eine solche Allianz gesprochen haben. Aber schließlich kommt es auf solche Gründe bei den treibenden Impulsen auch nicht so sehr an, sondern es kommt darauf an, daß eine solche Allianz vorhanden ist; denn durch ihre Existenz als solche ist sie eine reale Macht: Sie ist da. Und viel wichtiger, als was schließlich das Ziel dieser Allianz war, ist die Tatsache, daß man es mit einem westlichen und mit einem östlichen Staate zu tun hat, die in ihrer militärischen Macht zusammen etwas Ungeheures darstellen, und die Deutschland zwischen sich hatten, das selbstverständlich in bezug auf seine militärische Macht gegenüber der vereinigten überwältigenden militärischen Macht von Frankreich und Rußland sich fortwährend als gefährdet fühlen mußte. Dieses Eingeschlossensein von Deutschland zwischen Westen und Osten ist durch die französisch-russische Allianz zu einer treibenden europäischen Kraft geworden.

[ 14 ] It is, of course, still very much an open question whether, if nothing else had been present besides what I have discussed so far, the Austro-Serbian conflict would have led to the World War. It is, in fact, highly unlikely that it would have done so if nothing else had been present. But there were plenty of other factors at play that served to intensify the situation. Above all, within the European context, there was the Franco-Russian alliance. The Franco-Russian alliance had existed since the 1890s, an alliance that—if one views the situation objectively—is as unnatural as can be. Hardly anyone can doubt that France entered into this alliance with the aim of regaining Alsace-Lorraine; for it is simply inconceivable that there could have been any other reason for this alliance. Any other reasons would only have spoken against such an alliance. But ultimately, such reasons are not all that important when it comes to the driving forces behind it; what matters is that such an alliance exists; for by its very existence, it is a real power: it is there. And far more important than what the ultimate goal of this alliance was is the fact that we are dealing with a Western and an Eastern power, which together represent a colossal military force, and which had Germany between them—a country that, of course, had to feel constantly threatened by the combined, overwhelming military might of France and Russia. This encirclement of Germany between the West and the East has, through the Franco-Russian Alliance, become a driving force in Europe.

[ 15 ] Will man noch nach weiteren Impulsen suchen, die in Betracht kommen, so muß man folgendes ins Auge fassen: Der Imperialismus der letzten Jahrzehnte hat zu einer allgemeinen Expansionslust geführt. Man muß zum Beispiel nur sehen, in welch ungeheurem Maße das britische Imperium gewachsen ist. An territorialer Ausdehnung ist das Frankreich der letzten Jahrzehnte ungleich bedeutsamer gewachsen als Frankreich zu irgendeiner früheren Zeit, als es, wie es sich ausdrückte, an der Spitze der Zivilisation von Europa marschierte.

[ 15 ] If one wishes to look for other possible factors, one must consider the following: The imperialism of recent decades has led to a general thirst for expansion. One need only look, for example, at the immense extent to which the British Empire has grown. In terms of territorial expansion, France in recent decades has grown far more significantly than France at any earlier time, when it, as it put it, marched at the forefront of European civilization.

[ 16 ] Nun hängen die Ereignisse der letzten Jahrzehnte kettenartig zusammen: die Dinge verliefen immer so, daß das Folgende ohne das Vorhergehende nicht hätte eintreten können. Der nächste Ausgangspunkt — selbstverständlich könnte man auch noch weiter zurückgehen — liegt in der Ergreifung der Oberherrschaft über Ägypten durch das Britische Reich. Solche Dinge rechtfertigt man in dem heutigen Denken dadurch, daß man sagt, man müsse seinen Besitz in einer gewissen Weise abrunden und sichern. Diese Ausdehnung der englischen Herrschaft über Ägypten rechtfertigte man damit, daß man sagte, man müsse nach Indien hin eine Vermittelung haben. Man hoffte auch Arabien dazu zu haben, so daß also eine unmittelbare Verbindung mit Indien vorhanden gewesen wäre.

[ 16 ] The events of the past decades are linked together like a chain: things always unfolded in such a way that what followed could not have occurred without what preceded it. The next starting point—though, of course, one could go back even further—lies in the British Empire’s assumption of supremacy over Egypt. In today’s thinking, such actions are justified by the argument that one must, in a certain sense, round out and secure one’s possessions. This expansion of British rule over Egypt was justified by the argument that a bridgehead toward India was necessary. It was also hoped to include Arabia in this, so that a direct connection with India would have been established.

[ 17 ] Daß das Britische Reich seine Macht über Ägypten ausdehnte, das war gewissermaßen schon eine Art Wall gegen eine unangenehme Ausdehnung des russischen Imperiums nach Westen; denn eine solche Ausdehnung nach Westen konnte dem britischen Imperium nicht allzuviel anhaben, wenn gerade diese Verbindung durch Ägypten und über Ägypten nach Indien vorhanden war.

[ 17 ] The fact that the British Empire extended its power over Egypt served, in a sense, as a kind of bulwark against an unwelcome westward expansion of the Russian Empire; for such a westward expansion could not do the British Empire too much harm as long as this connection to India—through Egypt and via Egypt—remained in place.

[ 18 ] Nun erzeugt bei sich ausbreitenden Imperien, weil die Erde eben eine Kugel ist und man nicht endlos Land finden kann, weil man zusammenstößt, die Ausdehnung des einen Imperiums mit einer gewissen Notwendigkeit die Lust des andern, sich gleichfalls auszudehnen. Und nur die Folge der Ausdehnung der britischen Herrschaft über Ägypten war die Ausdehnung der französischen Herrschaft über Marokko in zwei Etappen, 1905 und 1911. Dadurch, daß man sich gegenseitig diese Herrschaft anerkannte — Frankreich anerkannte die britische Herrschaft in Ägypten, das Britische Reich anerkannte die französische Herrschaft über Marokko —, waren bereits die Fäden gezogen zu einer politischen Allianz zwischen dem Französischen und dem Britischen Reich. Aber weil das Deutsche Reich eingeschlossen war in der Mitte, suchte man, wie Ihnen ja auch bekannt ist, den Dreibund aufzurichten: Deutschland-Österreich-Italien. Bei dieser Verteilung von Marokko und Ägypten und bei dem, was daraus folgte, gelang es, namentlich mit Hilfe eines alten italienischen Politikers, der in diese Dinge gut eingeweiht war, auf der sogenannten Konferenz von Algeciras Italien schon dazumal in den Bereich der Herrschaftsverhältnisse des Westbundes Frankreich-England zu ziehen. Nach der Algeciras-Konferenz haben vernünftige Leute in Mitteleuropa nicht mehr geglaubt, daß Italien zum Dreibund halten könnte. Für Italien mußten sich nach der ganzen Art, wie es sich verhalten hat, Konsequenzen ergeben aus der französischen Besitzergreifung von Marokko. Und was folgte, war: die Erlaubnis an Italien, sich in Tripolis festzusetzen. Damit aber hatte gewissermaßen Italien die Erlaubnis des Westens erhalten, gegen die Türkei Krieg zu führen. So daß aus Ägypten folgte Marokko, aus Marokko Tripolis; und da durch Tripolis die Türken anfingen, neuerdings geschwächt zu werden, folgte aus Tripolis der Balkankrieg. Diese Ereignisse gehören kettenartig zusammen, eines ist nicht ohne das andere denkbar: Ägypten-Marokko-Tripolis-Balkankrieg. Da die Türkei geschwächt war durch den italienisch-türkischen Krieg, den Tripoliskrieg, glaubten sich die südslawischen Völker, die die andern mit sich zogen, und die griechischen Völker stark genug, nun die Balkanhalbinsel für sich zu gewinnen. Dadurch aber verkoppelte sich die Tendenz zur südslawischen Konföderation, die ich Ihnen charakterisiert habe, mit den nationalen Aspirationen der Balkanländer. Und jetzt vereinigen sich diese beiden Ketten, und Sie finden, der Balkankrieg ist so verlaufen, daß Serbien dadurch ganz besonders gewonnen hat. Serbien ist sehr mächtig geworden, ungleich mächtiger als es vorher war. Dadurch wurden neuerdings jene Ideale aufgestachelt, die südslawische Konföderation unter der Hegemonie Serbiens und unter der Oberherrschaft Rußlands zu gründen. Daraus jene Agitationen, die gipfelten in dem Attentat gegen Franz Ferdinand, daraus der österreichisch-serbische Krieg. Jetzt haben wir die beiden Glieder zusammengeschlossen. Die österreichisch-serbische Frage war an die europäische Frage durch den ganzen historischen Hergang angeschlossen.

[ 18 ] Now, in the case of expanding empires—since the Earth is a sphere and one cannot find land indefinitely, as nations inevitably collide—the expansion of one empire inevitably sparks the desire of another to expand as well. And the expansion of British rule over Egypt was the direct cause of the expansion of French rule over Morocco in two stages, in 1905 and 1911. By mutually recognizing each other’s rule—France recognized British rule in Egypt, and the British Empire recognized French rule over Morocco—the groundwork had already been laid for a political alliance between the French and British Empires. But because the German Empire was encircled in the middle, efforts were made, as you are well aware, to establish the Triple Alliance: Germany-Austria-Italy. With this division of Morocco and Egypt and the consequences that followed, it was possible—notably with the help of a veteran Italian politician who was well versed in these matters—to draw Italy, even at that time, into the sphere of influence of the Western Alliance of France and England at the so-called Algeciras Conference. After the Algeciras Conference, reasonable people in Central Europe no longer believed that Italy could remain part of the Triple Alliance. Given the way Italy had behaved, the French seizure of Morocco was bound to have consequences for Italy. And what followed was: permission for Italy to establish a foothold in Tripoli. With that, however, Italy had, in a sense, received the West’s permission to wage war against Turkey. Thus, Egypt was followed by Morocco, Morocco by Tripoli; and since the Turks began to be weakened anew as a result of Tripoli, Tripoli was followed by the Balkan War. These events are linked in a chain; one is inconceivable without the other: Egypt–Morocco–Tripoli–Balkan War. Since Turkey had been weakened by the Italo-Turkish War—the Tripoli War—the South Slavic peoples, who drew the others along with them, and the Greek peoples believed themselves strong enough to now win the Balkan Peninsula for themselves. As a result, however, the trend toward a South Slavic confederation—which I have described to you—became intertwined with the national aspirations of the Balkan countries. And now these two chains have converged, and you will find that the Balkan War unfolded in such a way that Serbia emerged as the clear winner. Serbia has become very powerful, far more powerful than it was before. This has recently reignited those ideals of establishing a South Slavic confederation under Serbian hegemony and Russian supremacy. Hence the agitation that culminated in the assassination of Franz Ferdinand, and hence the Austro-Serbian War. Now we have linked these two elements together. The Austro-Serbian question was linked to the European question through the entire course of history.

[ 19 ] Menschen nun, welche die Dinge verfolgt haben, sahen schon viele Jahre vorher unter solchen Verhältnissen den kommenden Krieg wie ein Damoklesschwert über der europäischen Kultur hängen. Überall, wo die Dinge besprochen wurden, konnte man unzählige Male hören: Man ist sich klar darüber, daß aus den Prätentionen Rußlands ein Konflikt zwischen Mittel- und Osteuropa hervorgehen müsse. — Dieser Konflikt, der war eine Notwendigkeit. Niemand, der in Wirklichkeit Geschichte studiert, wird sagen, daß diesem Konflikt zwischen Mittel- und Osteuropa nicht eine, man könnte sagen, geistige Notwendigkeit zugrunde lag. Geradeso wie sich in alten Zeiten der Konflikt ergab zwischen den römischen und germanischen Völkern, so mußte sich in der neueren Zeit der Konflikt zwischen Mittel- und Osteuropa ergeben. In welcher Form er zutage treten würde, das konnte in der mannigfaltigsten Weise variieren, aber dieser Konflikt mußte sich ergeben. Die andern Dinge waren, soweit sie den Osten betrafen, in diesen Konflikt eingeschlossen.

[ 19 ] People who had been following these developments, however, had already seen—many years earlier, under such circumstances—the coming war hanging like the Sword of Damocles over European culture. Wherever these matters were discussed, one could hear it said countless times: It is clear that Russia’s pretensions were bound to lead to a conflict between Central and Eastern Europe. — This conflict was inevitable. No one who truly studies history would say that this conflict between Central and Eastern Europe was not based on what one might call an intellectual necessity. Just as conflict arose in ancient times between the Roman and Germanic peoples, so too was conflict between Central and Eastern Europe bound to arise in more recent times. The form it would take could vary in the most diverse ways, but this conflict was bound to arise. The other issues, insofar as they concerned the East, were encompassed within this conflict.

[ 20 ] Man hatte es also mit den Prätentionen des Russizismus zu tun, und nun sagte man sich: Irgendwo wird sich etwas ergeben, das dazu führen wird, daß Rußland seine Prätentionen, die Oberherrschaft über den Balkanbund auszudehnen, geltend macht. — Das konnte man erwarten, Nach den geographischen Verhältnissen mußte das einen Zusammenprall zwischen Rußland und Österreich geben. In dem Augenblick des Zusammenpralls zwischen Rußland und Österreich mußte sich alles andere — so sagte seit langen Jahren jeder, der über diese Dinge nachdachte — automatisch ergeben.

[ 20 ] So they were dealing with the pretensions of Russism, and now they told themselves: Something will happen somewhere that will lead Russia to assert its claims to extend its supremacy over the Balkan League. — That was to be expected. Given the geographical circumstances, a clash between Russia and Austria was inevitable. At the moment of that clash, everything else—as anyone who had been thinking about these matters for many years had long said—would automatically fall into place.

[ 21 ] Wie würde nach den bestehenden Bündnisverhältnissen, wenn Rußland Österreich angreift, sich die Lage gestalten? — so fragte man sich. Daß Österreich von sich aus Rußland angreifen würde, daran dachte natürlich niemand, und man konnte es auch nicht denken; Österreich konnte gar nicht in die Lage kommen, Rußland anzugreifen. Also mußte man erwarten, daß die Dinge sich irgendwie so gestalten würden, daß Österreich angegriffen wird von Rußland. Nun schön! Infolge des Bündnisses zwischen Österreich und Deutschland müßte Deutschland zu Österreich stehen und seinerseits Rußland angreifen. Dadurch, daß Rußland angegriffen würde von Deutschland — ich erzähle jetzt, was man voraussetzte —, würde das russisch-französische Bündnis in Aktion treten. Frankreich müßte an der Seite Rußlands Deutschland angreifen. Durch die Beziehungen zwischen Frankreich und England ob sie nun vertragsmäßig aufgeschrieben sind oder nicht — müßte England an der Seite Rußlands und Frankreichs angreifen. Diese Dinge sah man voraus. Die Bündnisverhältnisse und Allianzen müßten sozusagen automatisch wirken.

[ 21 ] “What would the situation be like, given the existing alliances, if Russia were to attack Austria?”—that was the question people were asking themselves. Of course, no one thought that Austria would attack Russia on its own initiative, nor could anyone have imagined it; Austria could not possibly find itself in a position to attack Russia. So one had to expect that things would somehow unfold in such a way that Austria would be attacked by Russia. Very well! As a result of the alliance between Austria and Germany, Germany would have to stand by Austria and, for its part, attack Russia. Because Russia would be attacked by Germany—I am now recounting what was assumed—the Russo-French alliance would come into effect. France would have to attack Germany alongside Russia. Due to the relations between France and England—whether or not they are set forth in a treaty—England would have to attack alongside Russia and France. These developments were foreseen. The alliance relationships and pacts would, so to speak, take effect automatically.

[ 22 ] Nun, die Dinge verliefen nicht ganz so, wie man es jeden Tag hören konnte von den Leuten, die sich Sorge machten um die europäische Zukunft, aber wie verliefen sie? Im wesentlichen verliefen sie doch so: Die Geschichte des Ultimatums, die Ablehnung des Ultimatums, das konsequente Bestehen auf der Annahme des Ultimatums von seiten Österreichs habe ich ja geschildert. Was nicht eintrat, das war, daß die europäischen Mächte unbeteiligt blieben; sondern es zeigte sich sogleich, daß Rußland die Prätention erhob, als Protektor Serbiens aufzutreten. Damit aber war an eine Lokalisierung der österreichisch-serbischen Frage nicht mehr zu denken. Von seiten des Britischen Reiches kamen allerlei unfruchtbare Vorschläge, wie man sie macht, wenn man entweder gedankenlos in Ereignisse eingreifen will, oder wenn man sich von vorneherein den Weltruf zubereiten will, man habe auf friedlichem Wege die Sache beilegen wollen: Man will es gerade nicht, aber man will es später so sagen können.

[ 22 ] Well, things didn’t turn out quite the way one heard every day from people who were concerned about Europe’s future, but how did they turn out? Essentially, they unfolded as follows: I have already described the story of the ultimatum, the rejection of the ultimatum, and Austria’s consistent insistence on its acceptance. What did not happen was that the European powers remained uninvolved; rather, it immediately became apparent that Russia laid claim to acting as Serbia’s protector. With that, however, the idea of confining the Austro-Serbian issue to a local context was no longer feasible. The British Empire put forward all sorts of fruitless proposals—the kind one makes either when one wishes to intervene thoughtlessly in events, or when one wants to establish from the outset a reputation for having sought to settle the matter peacefully: one does not actually want to do so, but one wants to be able to say so later.

[ 23 ] Es kam der unfruchtbare Vorschlag, eine Konferenz ausgerechnet aus England, Deutschland, Frankreich und Italien zusammenzusetzen, um über die schwebenden Fragen zu entscheiden. Nun denken Sie sich, was dabei herausgekommen wäre! Man hätte durch eine Majorität entscheiden sollen, ob die österreichischen Forderungen an Serbien berechtigt sind oder nicht. Stellen Sie sich die Abstimmung vor, die nun herausgekommen wäre, aber aus den realen Verhältnissen, bitte! Italien war innerlich abgefallen, Frankreich war an der Seite Rußlands, Rußland war selbstverständlich nur befriedigt, wenn Österreich das Recht abgesprochen wurde, sein Ultimatum zu fordern, England war für die Donau-Konföderation; abgesehen von Österreich ergab das die Majorität Italien, Frankreich, England. Deutschland wäre selbstverständlich unter allen Umständen überstimmt worden. Diese Konferenz konnte zu nichts anderem führen, als daß unter allen Umständen nicht erfüllt worden wäre, was Österreich von seinem Standpunkte aus notwendigerweise fordern mußte. Das heißt, man konnte diese Konferenz abhalten, aber sie wäre eine Komödie geblieben; denn entweder hätte Österreich seine Forderungen aufgeben müssen, oder aber es hätte auch nach der Konferenz, wie sie auch ausgefallen wäre, auf der Annahme seines Ultimatums beharren müssen. Also war dieser Konferenzvorschlag ein bloßer Bluff, wie man sagt. Wenn Sie dagegen die Dokumente genau verfolgen, sehen Sie, daß von Anfang an von seiten Rußlands die Prätention bestand, sich in die serbisch-österreichische Frage einzumischen, und ob es nun auf dem vorhin geschilderten automatischen Wege zu dem Weltkriege kam, oder dadurch, daß man eine Situation erzeugte, die notwendigerweise zu dem Kriege führen mußte, das ist ja schließlich einerlei.

[ 23 ] A futile proposal was made to convene a conference—of all countries—comprising England, Germany, France, and Italy to decide on the pending issues. Now just imagine what the outcome would have been! A majority vote would have been required to decide whether Austria’s demands on Serbia were justified or not. Imagine the vote that would have resulted—but based on the actual circumstances, please! Italy had secretly withdrawn its support; France was on Russia’s side; Russia, of course, would only be satisfied if Austria were denied the right to issue its ultimatum; England was in favor of the Danube Confederation; apart from Austria, this resulted in a majority consisting of Italy, France, and England. Germany would, of course, have been outvoted under any circumstances. This conference could have led to nothing other than the failure, under any circumstances, to fulfill what Austria, from its standpoint, was necessarily compelled to demand. In other words, this conference could have been held, but it would have remained a farce; for either Austria would have had to abandon its demands, or it would have had to insist on the acceptance of its ultimatum even after the conference, regardless of its outcome. Thus, this proposal for a conference was a mere bluff, as they say. If, on the other hand, you examine the documents closely, you will see that from the very beginning Russia had the ambition to interfere in the Serbian-Austrian question, and whether the world war came about through the automatic process described earlier or by creating a situation that was bound to lead to war—well, in the end, it makes no difference.

[ 24 ] Und diese Situation wurde ja erzeugt. Denn unter den verschiedenen Impulsen müssen Sie auch eine ganz bestimmte Stimmung ins Auge fassen. Vielleicht war kein Weltereignis, kein historisches Ereignis so abhängig von einer ganz bestimmten Stimmung, wie gerade dieses Ereignis. Die seelische Verfassung der Menschen, welche an dem Ausbruche des Krieges Ende Juli 1914 beteiligt waren, gehört durchaus zu den wichtigsten Ursachen. Es mag auch bei früheren Kriegsausbrüchen Aufregungen gegeben haben, gewiß, aber sie brachen nicht so orkanartig, so stürmisch herein wie die Tatsachen zwischen dem 24. Juli und dem 1. August 1914. In wenigen Tagen schob sich für die beteiligten Personen eine ungeheure Aufregung zusammen, in die alles konzentriert war, was seit Jahren sich angesammelt hatte an Besorgnis vor diesem kommenden Ereignis. Und diese Stimmung muß durchaus ins Auge gefaßt werden. Wer diese Stimmung nicht ins Auge fassen will, der wird immer nur in Phrasen reden.

[ 24 ] And this situation was, in fact, created. For among the various factors, you must also take into account a very specific mood. Perhaps no world event, no historical event, was as dependent on a very specific mood as this particular event. The state of mind of the people involved in the outbreak of war at the end of July 1914 is certainly one of the most important causes. There may well have been agitation during earlier outbreaks of war, to be sure, but they did not break out as violently, as stormily, as the events between July 24 and August 1, 1914. In just a few days, an immense upheaval built up for those involved, into which everything that had accumulated over the years—all the anxiety about this impending event—was concentrated. And this mood must certainly be taken into account. Anyone who refuses to take this mood into account will always speak only in platitudes.

[ 25 ] Nun, wenn man die Stimmung etwas charakterisieren will, so könnte man ja die allerverschiedensten Gesichtspunkte angeben. Ich will aber nur auf einen aufmerksam machen. Vorangegangen war ja ein mit dem Kriegsausbruche zwar indirekt, aber doch sehr stark zusammenhängendes Ereignis, das ganz innerhalb der andern europäischen Ereignisse angesehen werden soll und muß, wenn man es richtig werten will. Das ist die nach dem Balkankrieg beschlossene deutsche Wehrvorlage, wo durch einen einmaligen großen Wehrbeitrag für eine Vergrößerung der deutschen Armee gesorgt wurde. Diese Vergrößerung der deutschen Armee, die übrigens bei Kriegsausbruch noch nicht im entferntesten durchgeführt war, kann jeder im Zusammenhange mit den Ergebnissen des Balkankrieges studieren. Diese Ergebnisse zeigten eben, daß von einer unbestimmten Zukunft der Zusammenprall zwischen Rußland und Österreich hereingeschoben wurde. Nur durch Verhältnisse, die ich hier nicht schildern will, ist 1913 verhindert worden, daß Rußland schon dazumal Österreich angriff, um sich die Oberherrschaft und Oberaufsicht über die Balkan-Konföderation zu erwerben. Die Vergrößerung der deutschen Armee war unter keinem andern Gesichtspunkte erfolgt — wie gesagt, ich will heute meine Sätze sehr genau stellen —, als unter dem der drohenden Auseinandersetzung mit dem Osten. Dennoch erfolgte prompt darauf die französische Reaktion: Vergrößert Deutschland seine Armee, müssen wir auch etwas tun, um die Armee zu verstärken. Das heißt aber nichts anderes, als daß dasjenige, was für Mitteleuropa ein Schicksal, eine unabänderliche Notwendigkeit war: nach Osten hin vorzusorgen — immer Verstärkungen im Westen erzeugte, was natürlich wiederum zurückwirkte.

[ 25 ] Well, if one were to characterize the mood to some extent, one could certainly cite a wide variety of perspectives. But I want to draw attention to just one. This was preceded by an event that, while indirectly related to the outbreak of war, was nevertheless very closely connected to it—an event that must be viewed entirely within the context of other European events if one is to assess it correctly. This is the German military bill passed after the Balkan War, which provided for an expansion of the German army through a one-time, large military levy. This expansion of the German army—which, incidentally, had not even remotely been carried out by the time war broke out—can be studied by anyone in connection with the outcomes of the Balkan War. These outcomes demonstrated precisely that a clash between Russia and Austria was being pushed toward an indefinite future. Only due to circumstances—which I do not wish to describe here—was Russia prevented in 1913 from attacking Austria at that time in order to secure supremacy and control over the Balkan Confederation. The expansion of the German army took place for no other reason—as I said, I want to be very precise in my statements today—than the threat of a conflict with the East. Nevertheless, the French reaction followed promptly: If Germany expands its army, we must also take action to strengthen our own army. But this means nothing other than that what was a fate, an inescapable necessity for Central Europe—taking precautions against the East—always led to reinforcements in the West, which, of course, in turn had a knock-on effect.

[ 26 ] Und so entwickelten sich eben dann die Dinge. Gerade alles dasjenige, was mit dieser Wehrvorlage nach dem Balkankriege zusammenhing, das erzeugte furchtbare Besorgnis in Mitteleuropa, denn man sah die ganze Peripherie von Europa gegen Mitteleuropa gerichtet. Der Unterschied war nur der, daß einige glaubten, Italien würde trotzdem mit Mitteleuropa in irgendeiner Weise mitgehen, die andern setzten das schon nicht mehr voraus.

[ 26 ] And that is precisely how things turned out. It was precisely everything related to this defense bill following the Balkan War that caused terrible concern in Central Europe, for people saw the entire periphery of Europe turning against Central Europe. The only difference was that some believed Italy would nevertheless align itself with Central Europe in some way, while others no longer assumed that would be the case.

[ 27 ] Nun konnte man sich immer noch denken, daß — hypothetisch — der Weltkrieg nicht ausgebrochen wäre. Das hätte aber nur unter der einen Voraussetzung geschehen können, daß Rußland nicht sogleich mit drohenden Kriegsmaßregeln geantwortet hätte, das heißt der Mobilisierung, die aber unter den obwaltenden Verhältnissen eine drohende Kriegsmaßregel darstellte. Für Mitteleuropa war gar nicht daran zu denken, daß Frankreich nicht mit Rußland gehen könnte, sondern man mußte damit rechnen, daß ein Angriff von zwei Fronten her erfolgen werde. Diesem Angriff gegenüber konnte bei den dafür Verantwortlichen natürlich nur der Gedanke aufkommen, ihn in irgendeiner Weise zu paralysieren. Niemand, der in diesen Dingen verantwortlich darin stand, konnte etwa denken: Wir können vierzehn Tage lang konferieren! — Abgesehen davon, daß bei dieser Konferenz gar nichts hätte herauskommen können, wie ich Ihnen gezeigt habe, hätte das die sichere Niederlage bedeutet. Man kann aber nicht mit einer sicheren Niederlage von vornherein rechnen. Die einzige Möglichkeit war, durch Schnelligkeit die ungeheure militärische Übermacht von Westen und Osten auszugleichen.

[ 27 ] Now, one could still imagine—hypothetically—that the World War would not have broken out. However, that could only have happened under the single condition that Russia had not immediately responded with threatening military measures—that is, mobilization, which, under the prevailing circumstances, constituted a threatening military measure. For Central Europe, it was unthinkable that France would not side with Russia; rather, one had to expect that an attack would come from two fronts. Faced with this attack, those responsible could naturally only consider how to paralyze it in some way. No one in a position of responsibility in these matters could possibly have thought: “We can hold talks for fourteen days!” — Aside from the fact that, as I have shown you, nothing at all could have come of this conference, it would have meant certain defeat. But one cannot count on certain defeat from the outset. The only possibility was to offset the immense military superiority from the west and east through swift action.

[ 28 ] Dies war aber auf keinem andern Wege als — wie ich Ihnen schon angedeutet habe — durch Völkerrechtsbruch zu bewerkstelligen, nämlich durch den Durchmarsch durch Belgien. Auf einem andern Wege hätte man unmöglich etwas anderes erreichen können, als den größten Teil der deutschen Armee im Westen in langem Defensivkriege aufzubrauchen und die Invasion vom Osten her zu haben. Da trat eben einer jener historischen Momente ein, wo — man mag das nun mehr oder weniger geschickt oder ungeschickt ausdrücken — ein Staat gezwungen ist, einen Rechtsbruch in Szene zu setzen zu seiner Selbsterhaltung. Derjenige, der für den Staat verantwortlich ist, kann ja nicht anders handeln. Aber — und ich wäge heute meine Worte, wie gesagt, so daß sie scharf begrenzt sind — es war in Mitteleuropa für manche Leute, auf die es ankam, im höchsten Maße ungeheuerlich, es nach zwei Fronten aufzunehmen.

[ 28 ] However, this could not have been achieved in any other way than—as I have already indicated to you—by violating international law, namely by marching through Belgium. Any other course of action would have inevitably led to nothing other than wearing down the bulk of the German army in the West in a protracted defensive war and facing an invasion from the East. That was precisely one of those historic moments when—whether one chooses to express it more or less skillfully or clumsily—a state is compelled to commit a breach of international law for the sake of its own survival. The person responsible for the state cannot act otherwise. But—and I am weighing my words today, as I said, so that they are strictly limited—for some people in Central Europe who mattered, it was utterly outrageous to take on a war on two fronts.

[ 29 ] Und so machte man den Versuch, vielleicht mit einer Front auszukommen. Sorgfältige, wenigstens sorgfältig gemeinte Versuche wurden gemacht, Frankreich neutral zu halten, und der Glaube war vorhanden, daß es gelingen könnte, Frankreich neutral zu halten. Frankreich irgend etwas anzutun, daran dachte ja kein Mensch in Mitteleuropa. Das kann man mit einem Gefühl von noch so großer Verantwortlichkeit sagen: Frankreich irgend etwas antun wollte in Mitteleuropa wirklich niemand, in Deutschland niemand. Was dann geschehen ist, ist ja nur geschehen unter dem Gesichtspunkte, so schnell wie möglich im Westen fertig zu werden, um die drohende Invasion im Osten zu verhüten. Und man muß sich daher fortwährend wundern, daß so viel in der Welt geredet wird von all dem Terrorismus, der von seiten Deutschlands nach dem Westen hin entwickelt worden ist. Der ganze Terrorismus wäre ja weggeblieben, wenn Frankreich seine Neutralität erklärt hätte.

[ 29 ] And so an attempt was made to perhaps manage with a single front. Careful—or at least well-intentioned—efforts were made to keep France neutral, and there was a belief that it might be possible to keep France neutral. No one in Central Europe ever thought of doing anything to France. One can say this with a sense of the greatest responsibility: no one in Central Europe—and certainly no one in Germany—really wanted to do anything to France. What then happened was done solely with the aim of finishing the war in the West as quickly as possible in order to prevent the impending invasion in the East. And so one cannot help but be constantly astonished that there is so much talk in the world about all the terrorism that Germany allegedly unleashed against the West. All that terrorism would have been avoided if France had declared its neutrality.

[ 30 ] Frankreich hatte es ja in der Hand, Belgien und sich vor jeder Attacke zu schützen. Daß Frankreich gezwungen war, seinen Vertrag gegenüber Rußland zu halten, das ist Frankreichs Sache, das darf man nicht ins Feld führen, wenn man gegen den Terrorismus von Deutschland spricht; denn die Allianzen der andern Staaten gehen ja die feindlichen Staaten nichts an.

[ 30 ] France certainly had the power to protect itself and Belgium from any attack. The fact that France was forced to honor its treaty with Russia is France’s own business; that should not be brought up when speaking out against German terrorism, for the alliances of other states are none of the hostile states’ concern.

[ 31 ] Da es direkt nicht möglich war, Frankreich neutral zu halten, versuchte man es auf dem Wege durch England, aber auch da war nichts zu erringen, und die diesbezüglichen Verhältnisse habe ich ja schon mehrfach berührt: wie es England wiederum in der Hand gehabt hätte, Belgien zu retten, aber ebensogut, Frankreich zu retten. Diese Dinge müssen wirklich sachlich und objektiv ins Auge gefaßt werden. Denn das bitte ich Sie als eine ganz objektive Feststellung zu betrachten: Alle Mühe hat man sich gegeben, nachdem der Krieg nicht zwischen Österreich und Serbien zu lokalisieren war, da Rußland dies nicht zuließ, ihn wenigstens nicht auf den Westen übergreifen zu lassen. Der Wahnsinn, sich nach zwei oder später gar nach drei Fronten schlagen zu wollen, hat wirklich die Leute in Mitteleuropa nicht befangen.

[ 31 ] Since it was not possible to keep France neutral directly, an attempt was made to do so via England, but nothing could be achieved there either, and I have already touched on the circumstances surrounding this on several occasions: how England, in turn, would have had the power to save Belgium, but just as easily to save France. These matters must truly be considered in a factual and objective manner. For I ask you to regard this as a completely objective statement: Every effort was made—since the war could not be confined to Austria and Serbia, as Russia would not allow it—to at least prevent it from spreading to the West. The folly of wanting to fight on two—or later even three—fronts did not, in fact, take hold of the people of Central Europe.

[ 32 ] Aber daß sich dann alles übrige angeschlossen hat an Weltunwahrheit, darüber braucht man sich ja nicht zu verwundern in unserer heutigen Zeit, wo man wirklich mit jedem Tage neuerdings erstaunt sein kann, was alles gesagt, geschrieben, gedruckt werden kann. Bevor ich hier hereingegangen bin, fand ich, mir auf den Tisch gelegt, eine Broschüre von einem der Beteiligten an der Neurralitätsdebatte mit Georg Brandes. Da ist auf englischer Seite William Archer, in dessen Broschüre man nebeneinander gestellt liest die schwarze Verruchtheit von Germany und die vollständige Unschuld von «the Allies», den Alliierten. Da sind zur Zusammenstellung der schwarzen Verruchtheiten von Germany und der engelhaften, völligen Unschuld der Alliierten zehn Punkte; aber es genügt, wenn man nur einen, den zweiten Punkt ins Auge faßt: Im zweiten Punkte heißt es mit Bezug auf Deutschland, daß dort jedenfalls eine beträchtliche Partei sei, welche offen agitiert für weitere Territorialexpansionen, sei es in oder außerhalb von Europa. Dem sei gegenüberzustellen auf seiten der Alliierten — in englischer Sprache, bitte: die Alliierten hätten keinen Wunsch nach irgendwelchen territorialen Expansionen, am wenigsten auf Deutschlands Kosten; selbst Frankreichs Gefühl für Elsaß-Lothringen sei ein ausschließlich friedliches.

[ 32 ] But the fact that everything else has since fallen in line with this distortion of reality is hardly surprising in this day and age, when one can truly be astonished anew every single day at the things that can be said, written, and printed. Before I came in here, I found a pamphlet placed on the table for me, written by one of the participants in the debate on neutrality with Georg Brandes. On the English side is William Archer, in whose pamphlet one reads, side by side, the black wickedness of Germany and the complete innocence of “the Allies.” There are ten points listing Germany’s dark depravities and the angelic, complete innocence of the Allies; but it suffices to focus on just one—the second point: The second point states, with regard to Germany, that there is certainly a considerable faction there that openly advocates for further territorial expansion, whether within or outside of Europe. This must be contrasted with the position of the Allies—in English, please: the Allies have no desire for any territorial expansion, least of all at Germany’s expense; even France’s sentiment toward Alsace-Lorraine is exclusively peaceful.

[ 33 ] Meine lieben Freunde, viel ist möglich in der heutigen Zeit, zu drucken und zu sagen! Die andern neun Punkte sind von derselben Couleur. Man stelle sich vor, was in den letzten Jahrzehnten zur Expansion von England und Frankreich vorgegangen ist und lese dann: Diese Länder haben keinen Wunsch nach territorialen Expansionen. — Es ist eben heute durchaus möglich, daß das genaue Gegenteil der Wahrheit gesagt, gedruckt wird, und daß die Leute es glauben, daß unzählige Menschen es glauben. Die Leute glauben ja die Dinge.

[ 33 ] My dear friends, so much can be printed and said these days! The other nine points are of the same ilk. Just imagine what has happened in recent decades regarding the expansion of England and France, and then read this: These countries have no desire for territorial expansion. — It is indeed entirely possible today for the exact opposite of the truth to be said and printed, and for people to believe it—for countless people to believe it. People do believe such things.

[ 34 ] So liegen die Dinge rein äußerlich, geschichtlich. Nun muß man diesen äußerlichen geschichtlichen Gang eben zusammenhalten mit dem, was sich für uns ergeben kann, wenn wir wissen, welche Impulse von Westen her durch lange Zeiten gewirkt haben. Man hat noch nicht alle diejenigen Impulse, welche sich gewisser mehr oder weniger okkulter Kräfte bedienen, wie sie besprochen worden sind, wenn man nur, ich möchte sagen, auf die äußersten Ranken dieser okkulten Impulse hinweist: auf die Freimaurerei. Denn durch die westliche Freimaurerei, Sie haben es ja gesehen, wird vieles bewirkt. Da sind diejenigen, die viele Fäden ziehen. Und ich habe Ihnen gesagt: In diesen Dingen wird mit langen Zeiträumen gerechnet.

[ 34 ] This is how things stand from a purely external, historical perspective. Now we must hold this external historical course in conjunction with what may become clear to us when we understand which impulses have been at work from the West over long periods of time. We have not yet considered all those impulses that make use of certain more or less occult forces, as has been discussed, even if we merely—I might say—point to the outermost tendrils of these occult impulses: to Freemasonry. For, as you have seen, much is brought about through Western Freemasonry. There are those who pull many strings. And I have told you: In these matters, one must reckon with long periods of time.

[ 35 ] Fassen wir einmal, zusammen mit den Gesichtspunkten, die ich Ihnen entwickelt habe, ins Auge, daß sich die moderne Freimaurerei in England, selbstverständlich auf Früherem aufbauend, im Beginne des 18. Jahrhunderts konsolidiert. Im Inneren des Britischen Reiches, nicht des Imperiums, aber des Vereinigten Königreichs, bleibt die Freimaurerei im wesentlichen — ich möchte, um mich genau auszudrücken, sagen — so, daß schon sehr respektable Interessen verfolgt werden. Aber überall anders, an vielen Orten außerhalb des eigentlichen Britischen Reiches, werden von der Freimaurerei ausschließlich oder hauptsächlich politische Interessen verfolgt. Solche politischen Interessen im allerausgesprochensten Sinne werden ja verfolgt von dem «GrandOrient de France», aber auch von andern «Grand-Orients». Nun könnte man sagen: Was geht denn das die Engländer an, wenn in andern Ländern politische Tendenzen verfolgt werden von gewissen Freimaurerorden, die okkulten Hintergrund haben? Aber halten Sie damit die Tatsache zusammen, daß die erste Hochgradloge in Paris von England aus begründet worden ist, nicht von Frankreich aus! Nicht Franzosen, sondern Briten haben sie begründet; sie haben die Franzosen in ihre Loge nur eingefädelt. Halten Sie auch den Umstand damit zusammen, daß, sich anschließend an diese Hochgradloge, die 1725 von England aus in Paris begründet wurde, dann 1729 eine der erstbegründeten entsprechende Loge in Paris selbst vom Grand-Orient sanktioniert wurde. Dann erfolgten, wiederum von England aus, Gründungen in Gibraltar 1729, Madrid 1728, Lissabon 1736, Florenz 1735, Moskau 1731, Stockholm 1726, Genf 1735, Lausanne 1739, Hamburg 1737. Ich könnte das Verzeichnis lange fortsetzen; ich könnte Ihnen zeigen, wie mit einem Netz, zwar andern Charakters als im Britischen Reich selber, diese Logen gegründet worden sind als die äußeren Instrumente für gewisse okkultistisch-politische Impulse. Neben den sich überschiagenden Wandlungen, wie sie sich historisch zeigen etwa in dem Furor der Jakobiner, dem politischen Wirken der Carbonari, der Cortes in Spanien und anderen ähnlichen Zusammenhängen, spielen sie auch stark hinein in die kulturgeschichtliche Entwickelung und treiben Ranken, die man verfolgen kann bis in die Werke der größten Geister jener Zeit. Man denke an die von Rousseau ausgehende Naturphilosophie, an die immer zynischer werdende, jedoch zuerst aufklärerisch wirkende kritische Philosophie eines Voltaire, an die den damaligen Zynismus überwinden wollenden Bemühungen der Illuminaten und ähnlicher Kreise. Diese fortschrittlichen Kreise wurden von der Reaktion zertreten und wirkten unterirdisch mannigfaltig weiter. Und jetzt haben Sie den Ursprung von vielem, das ich Ihnen ja schon charakterisiert habe. Aber Sie müssen einen gewissen Wert darauf legen, daß heute der englische Freimaurer sagen kann: Seht unsere Logen an, die sind sehr anständig — und die andern gehen uns nichts an. Wenn man aber den historischen Zusammenhang und die im Wechselspiel gegeneinander gerichteten treibenden Kräfte durchschaut, dann ist es durchaus hohe britische Politik, die sich dahinter verbirgt.

[ 35 ] Let us now consider, in light of the points I have outlined for you, that modern Freemasonry in England—building, of course, on earlier traditions—became established in the early 18th century. Within the British Realm—not the Empire, but the United Kingdom—Freemasonry essentially remains—and I would like to be precise here—such that very respectable interests are pursued. But everywhere else, in many places outside the British Empire proper, Freemasonry pursues exclusively or primarily political interests. Such political interests in the most explicit sense are indeed pursued by the “Grand Orient de France,” but also by other “Grand Orients.” Now one might say: What business is it of the English if, in other countries, political tendencies are pursued by certain Masonic orders that have an occult background? But consider this in light of the fact that the first high-degree lodge in Paris was founded from England, not from France! It was not the French, but the British who founded it; they merely brought the French into their lodge. Also bear in mind the fact that, following this high-degree lodge—which was founded in Paris from England in 1725—a lodge corresponding to the first one was sanctioned in Paris itself by the Grand Orient in 1729. Then, again originating in England, lodges were founded in Gibraltar in 1729, Madrid in 1728, Lisbon in 1736, Florence in 1735, Moscow in 1731, Stockholm in 1726, Geneva in 1735, Lausanne in 1739, and Hamburg in 1737. I could go on at length with this list; I could show you how, through a network—albeit of a different character than that within the British Empire itself—these lodges were founded as the external instruments for certain occult-political impulses. Alongside the sweeping transformations evident historically—such as in the fervor of the Jacobins, the political activities of the Carbonari, the Cortes in Spain, and other similar contexts—they also play a significant role in cultural-historical development and send out tendrils that can be traced all the way to the works of the greatest minds of that era. Consider the philosophy of nature originating with Rousseau; the increasingly cynical—though initially Enlightenment-inspired—critical philosophy of Voltaire; and the efforts of the Illuminati and similar circles to overcome the cynicism of their time. These progressive circles were crushed by the reactionary forces but continued to exert a multifaceted influence underground. And now you have the origin of much of what I have already described to you. But you must attach some importance to the fact that today the English Freemason can say: Look at our lodges—they are very respectable—and the others are none of our business. However, if one sees through the historical context and the driving forces that interact and oppose one another, then it is indeed high British politics that lies behind it all.

[ 36 ] Wenn man nach den tieferen Gründen dieser Politik frägt, muß man, um die Sache zu verstehen, die neuere Geschichte ein wenig zu Hilfe nehmen. Diese geht seit dem 17. Jahrhundert — seit dem 16. bereitet sich das schon vor — darauf aus, zu demokratisieren, in dem einen Land mit größerer, in dem andern mit geringer Geschwindigkeit, indem man den Wenigen die Macht wegnimmt und sie über große Massen ausbreitet. Ich treibe nicht Politik, daher werde ich mich weder für oder gegen Demokratie oder für oder gegen etwas anderes aussprechen; ich will nur Tatsachen hinstellen. Der Drang nach Demokratisierung geht durch die neuere Zeit in mehr oder minder beschleunigtem Tempo, so daß sich verschiedene Strömungen dabei bilden. Aber es ist ein Fehler, überall da, wo mehrere Ströme in Betracht kommen, nur den einen zu verfolgen. Strömungen verlaufen eben in der Welt so, daß immer die eine das Komplement der andern ist. Ich möchte sagen: eine grüne und eine rote Strömung laufen nebeneinander, wobei die Farbe nichts Okkultes bedeuten, sondern nur besagen soll, daß eben zwei Strömungen nebeneinander laufen. Aber die Menschen werden gewöhnlich, ich möchte sagen, hypnotisiert, immer nur auf die eine Strömung zu blicken und sehen dann die historische Parallelströmung nicht. Wenn man einem Huhn den Schnabel in den Erdboden drückt und eineLinie zieht, so läuft es bekanntlich dieser Linie entlang. So sind dieMenschen heute, besonders die Universitätshistoriker, sie betrachten immer nur eine Seite, daher können sie niemals den historischen Gang wirklich verstehen.

[ 36 ] If one asks about the deeper reasons behind this policy, one must turn to recent history to understand the matter. Since the 17th century—with preparations already underway in the 16th—this history has been aimed at democratization, proceeding at a faster pace in some countries and a slower pace in others, by taking power away from the few and spreading it among the masses. I am not involved in politics, so I will not speak out either for or against democracy, or for or against anything else; I merely wish to present the facts. The drive toward democratization has been proceeding through modern times at a more or less accelerated pace, resulting in the formation of various currents. But it is a mistake, wherever multiple currents are at play, to focus solely on one of them. Currents in the world simply run in such a way that one is always the complement of the other. I would like to say: a green and a red current run side by side, whereby the color has no occult meaning, but is merely intended to indicate that two currents are running side by side. But people are usually—I would say—hypnotized into looking only at one current and thus fail to see the parallel historical current. If you press a chicken’s beak into the ground and draw a line, it will, as is well known, follow that line. That is how people are today, especially university historians; they always look at only one side, which is why they can never truly understand the course of history.

[ 37 ] Als eine Parallelströmung zu der demokratischen ergab sich die Benutzung okkulter Motive in den verschiedenen Orden, vereinzelt auch in den Freimaurerorden. Geistig sind sie ja durch ihre Zwecke und Ziele nicht, aber, sagen wir, es entwickelte sich eine geistige Aristokratie parallel zu jener Demokratie, die in der Französischen Revolution wirkte, es entwickelte sich die Aristokratie der Loge. Wollte man als Mensch in der heutigen Zeit klar sehen, um der Welt offen gegenübertreten und sie verstehen zu können, so müßte man sich nicht durch die demokratische Logik, die ja nur in ihrer eigenen Sphäre berechtigt ist, durch Phrasen über den demokratischen Fortschritt und so weiter blenden lassen; man müßte eben auch hinweisen auf jenes Einschiebsel, das sich geltend machte in dem Bestreben, den Wenigen die Herrschaft zu verschaffen durch die Mittel, die man im Schoß der Loge hat, dem Ritual und seiner suggestiven Wirkung. Auf dieses müßte man auch hinweisen.

[ 37 ] As a movement running parallel to the democratic one, the use of occult motifs emerged in various orders, and in some cases also within Freemasonry. Intellectually speaking, they are not driven by such purposes and goals, but, let us say, an intellectual aristocracy developed in parallel to the democracy that was at work during the French Revolution—the aristocracy of the lodge emerged. If one were to see clearly as a human being in the present age, in order to face the world openly and understand it, one would not have to be blinded by democratic logic—which is, after all, justified only within its own sphere—or by rhetoric about democratic progress and so on; one must also point out that element which asserted itself in the effort to secure dominion for the few through the means available within the bosom of the lodge—the ritual and its suggestive power. One must also point this out.

[ 38 ] Im materialistischen Zeitalter hat man das wohl verlernt, aber vor den fünfziger Jahren haben die Leute schon auf diese Dinge hingewiesen. Und schlagen Sie philosophische Historiker aus den Jahren vor 1850 auf, so werden Sie sehen, daß die auf den Zusammenhang der Französischen Revolution und aller folgenden Entwickelung mit den Logen hinweisen. In den Zeiten, die als vorbereitend für die Gegenwart in Betracht kommen, hat sich die westliche geschichtliche Entwickelung, die westliche Welt niemals von den Logen emanzipiert. Immer war der Einfluß der Logen stark wirksam, das Logentum wußte die Kanäle zu finden, um den Gedanken der Menschen gewisse Richtungen einzuprägen. Und wenn man ein solches Netz gesponnen hat, wovon ich Ihnen nur einzelne Maschen angegeben habe, dann braucht man nur auf den Knopf zu drücken und die Sache wirkt weiter.

[ 38 ] In this materialistic age, people have apparently forgotten this, but even before the 1950s, people were already pointing out these things. And if you consult philosophical historians from before 1850, you will see that they point out the connection between the French Revolution and all subsequent developments and the lodges. In the periods that can be considered preparatory to the present, Western historical development—the Western world—has never emancipated itself from the lodges. The influence of the lodges has always been strongly felt; Freemasonry knew how to find the channels to steer people’s thoughts in certain directions. And once such a network has been woven—of which I have shown you only a few individual links—all one needs to do is press a button, and the process continues to take effect.

[ 39 ] Eine Emanzipation von all diesen Verhältnissen und ein SichStellen rein auf das unbefangene Menschentum ist ja wirklich nur eingetreten unter dem Einfluß einer so großen Geistigkeit, wie sie sich, anknüpfend an Lessing, über Herder, Goethe und weiter herüber bis in die deutsche Philosophie hinein entwickelt hatte. Da haben Sie eine Geistesströmung — man braucht bei Goethe nur das «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» ins Auge zu fassen —, die rechnete mit alldem, was in den Logen lebte, aber so — Sie können die Dinge auch in «Wilhelm Meisters Wanderjahren», in andern Goethe-Schriften lesen —, daß man das Geheimnis aus dem Dunkel der Logen herausholte und es zur rein menschlichen Angelegenheit machte. Das war ein Stoff, mit dem man sich emanzipieren konnte, der noch heute die Emanzipation möglich macht. Daher sehen Sie die ganze deutsche Geistesentwickelung mit Bezug auf den Teil, den ich in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» geschildert habe, als vergessenen Klang, ganz unabhängig von allen Umtrieben des Logentums.

[ 39 ] Emancipation from all these circumstances and a focus purely on unadulterated humanity truly came about only under the influence of such great intellectual depth as had developed—building on Lessing, through Herder and Goethe, and extending all the way into German philosophy. There you have a spiritual current—one need only consider Goethe’s “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily”—that took into account everything that existed within the lodges, but in such a way —you can also read about these things in Wilhelm Meister’s Journeyman Years and other works by Goethe—that the mystery was drawn out of the darkness of the lodges and made into a purely human matter. This was material through which one could emancipate oneself, material that still makes emancipation possible today. That is why you see the entire development of the German spirit—with reference to the part I have described in my book The Riddle of Man—as a forgotten echo, entirely independent of all the machinations of Freemasonry.

[ 40 ] Sie werden leicht überall Wege finden können, durch die innerhalb der westlichen Kultur der letzten Jahrhunderte, die der Gegenwart vorangegangen sind, die Prägung der Gedanken in der exoterischen Welt durch die Esoterik der Logen nachgewiesen werden kann. Selbstverständlich gilt dies nicht von der Zeit vor Elisabeth, vor Shakespeare; aber von dem, was später kommt, gilt es. Die an Lessing, Herder, Goethe angeschlossene deutsche Geisteskultur steht ohne einen solchen Zusammenhang da. Sie werden sagen: Es gibt doch eine deutsche Maurerei — in Österreich ist sie bekanntlich verboten, da gibt es sie nicht — und eine magyarische Maurerei. Aber die haben sie nicht mittun lassen, die andern. Das ist eine recht harmlose Gesellschaft, die zwar mit ihren Geheimnissen sehr dick tut, aber nur den Worten nach. Jene realen, mächtigen Impulse, die ausgehen von jenen Seiten, die ich Ihnen geschildert habe, die finden Sie im deutschen Freimaurertum, dem ich ja nicht zu nahe treten möchte, wahrhaftig nicht, und man kann es daher leicht begreifen, wie mancherlei Dinge sehr sonderbarer Art eintreten können. Denken Sie einmal, es würde jemandem einfallen, die Dinge, die ich Ihnen über Orden, ihre geheimen Verbindungen und ihre äußersten Ranken, die Freimaurerlogen, gesagt habe, in Deutschland vorzubringen. — Es könnte ja sehr nützlich sein, diese Dinge dort vorzubringen, aber was würde geschehen? Man würde selbstverständlich Sachverständige fragen — Sachverständige sind ja in diesem Falle die Freimaurer selbst —, wie es damit sei; aber keinem Freimaurer in Deutschland würde einfallen, etwas anderes zu sagen, als daß die englischen Logen sich durchaus nicht mit Politik beschäftigen. Sie beschäftigen sich mit Dingen, die durchaus respektabel sind. — Das weiß er; das andere weiß er nämlich nicht. Man kann sogar, wie es geschehen ist, zur Antwort bekommen, wenn man diese oder jene Namen aufzählt: Ja, der steht nicht in den Freimaurerlisten. — Die Liste haben sie schon, aber nicht das Bewußtsein davon, daß vielleicht die wichtigsten Leute nicht auf den Listen stehen. Kurz, die deutsche Freimaurerei ist eine recht harmlose Gesellschaft.

[ 40 ] You will easily be able to find examples everywhere within Western culture of the past few centuries—those preceding the present—that demonstrate how the esoteric teachings of the lodges have shaped thought in the exoteric world. Of course, this does not apply to the time before Elizabeth I, before Shakespeare; but it does apply to what came later. The German intellectual culture associated with Lessing, Herder, and Goethe stands apart from such a connection. You will say: There is, after all, a German Freemasonry—in Austria, as is well known, it is banned, so it does not exist there—and a Hungarian Freemasonry. But they did not allow the others to participate. It is a rather harmless society that, while making a great show of its secrets, does so only in words. Those real, powerful impulses that emanate from the sources I have described to you—you truly will not find them in German Freemasonry, which I certainly do not wish to offend, and one can therefore easily understand how all sorts of very strange things can occur. Just imagine if it were to occur to someone to bring up in Germany the things I have told you about orders, their secret connections, and their outermost branches—the Masonic lodges. — It might indeed be very useful to bring these matters up there, but what would happen? One would, of course, ask experts—and in this case, the experts are the Freemasons themselves—what the situation is; but no Freemason in Germany would think to say anything other than that the English lodges have absolutely nothing to do with politics. They deal with matters that are entirely respectable. — He knows that; he doesn’t know the rest, however. One might even, as has happened, receive the reply—when listing this or that name—that, “Yes, he’s not on the Masonic lists.” — They already have the list, but they lack the awareness that perhaps the most important people aren’t on the lists. In short, German Freemasonry is a rather harmless society.

[ 41 ] Dabei bleibt aber doch bestehen, und das darf wirklich ohne Hochmut, ohne irgendeine nationale Allüre gesagt werden, daß das geistige Leben, soweit es von gewissen westlichen okkulten Brüderschaften gepflegt wird, wirklich aus Mitteleuropa stammt. Gehen Sie historisch zu Werke. Robert Fludd: Schüler von Paracelsus; Saint-Martin in Frankreich: ein Schüler von Jakob Böhme. Wenn Sie den Ursprung suchen der Bewegung selbst, dann haben Sie ihn in Mitteleuropa. Aus dem Westen kommt die Organisation, die Eingliederung in Grade — gewisse westliche Logen verteilen ja zweiundneunzig Grade, denken Sie, wie hoch man steigt, es gibt Leute mit zweiundneunzig Graden! —, die Verwendung der Dinge im politischen Sinne und das Einmischen gewisser Außerlichkeiten.

[ 41 ] Nevertheless, it remains a fact—and this can truly be said without arrogance or any sense of national pretension—that spiritual life, insofar as it is cultivated by certain Western occult brotherhoods, does indeed originate in Central Europe. Take a historical approach. Robert Fludd: a student of Paracelsus; Saint-Martin in France: a student of Jakob Böhme. If you seek the origin of the movement itself, you will find it in Central Europe. From the West comes the organization, the division into degrees—certain Western lodges, after all, confer ninety-two degrees; just think how high one can rise—there are people with ninety-two degrees!—the use of these things in a political sense, and the introduction of certain external trappings.

[ 42 ] Wir haben ja jetzt wiederum ein Beispiel, das wirklich charakteristisch ist, und auf das ich Sie schon aufmerksam gemacht habe. Ich schildere dieses alles nur, um Sie auf den objektiven Bestand der Dinge aufmerksam zu machen, so wie man naturhistorische Dinge schildert, nicht aus irgendeiner nationalen Allüre heraus. Ich habe Sie aufmerksam gemacht, daß jetzt ein Buch erschienen ist von Sir Oliver Lodge, in dem er Mitteilungen seines auf dem Schlachtfelde gefallenen Sohnes wiedergibt, die er durch verschiedene Medien erhalten hat. Das Buch von einem so ausgezeichneten Gelehrten wird ohne Zweifel großes Aufsehen machen. Ich brauche, nachdem ich jetzt das Buch erhalten habe, nichts von dem zurückzunehmen, was ich Ihnen vor einiger Zeit gesagt habe. Ich habe ja gesagt, ich würde auf die Sache zurückkommen. Der stärkste Beweis, den Sir Oliver Lodge gibt, ist der folgende: Es werden Sitzungen mit verschiedenen Medien angestellt und die Seele des auf dem Schlachtfelde gefallenen, verstorbenen Raymond Lodge manifestiert sich. Die andern Sitzungen besagen wirklich nichts, was nicht jeder wüßte, der mit solchen Dingen bekannt ist; sie würden auch kaum einen besonderen Eindruck gemacht haben. Aber eine Tatsache hat auf den großen Gelehrten SirOliver Lodge, auf seine ganze Familie, die bis dahin solchen Dingen gegenüber sehr skeptisch war, doch einen starken Eindruck gemacht. Das ist, daß in einer Sitzung von einem Gruppenbilde gesprochen wurde, auf dem, mit andern zusammen, auch der Sohn von Oliver Lodge aufgenommen sei. Dieses Gruppenbild, das sogar mehrmals hintereinander gemacht worden sei, wurde ungefähr so beschrieben, daß man zwar immer die betreffenden Personen an demselben Orte sieht, aber in anderer Verteilung, wenn eine neue Aufnahme gemacht worden ist; so daß man immer dieselben Personen sieht, aber mit verschiedenen Gesten. Dieses Gruppenbild beschrieb Raymond Lodge durch das Medium in der Sitzung, die in England stattgefunden hat. Von diesem Bild wußten aber Sir Oliver Lodge und seine Familie nichts, denn es war in der letzten Lebenszeit des Raymond Lodge an der französisch-belgischen Front gemacht und von ihm an seine Angehörigen geschickt worden, aber noch nicht angekommen. So ist also durch das Medium ein Gruppenbild beschrieben worden, das existierte, das aber die Familie, also die Sitzungsteilnehmer, nicht kannten, sondern erst kennenlernten, nachdem es durch das Medium beschrieben worden war.

[ 42 ] Here we have yet another example that is truly characteristic, and one to which I have already drawn your attention. I am describing all this solely to draw your attention to the objective reality of things, just as one describes phenomena in natural history, not out of any sense of national pride. I have brought to your attention that a book has now been published by Sir Oliver Lodge in which he recounts messages from his son, who fell on the battlefield, which he received through various mediums. The book by such an outstanding scholar will undoubtedly cause quite a stir. Now that I have received the book, I need not retract anything I told you some time ago. I did say, after all, that I would return to the subject. The strongest evidence Sir Oliver Lodge provides is as follows: séances are conducted with various mediums, and the soul of the late Raymond Lodge, who fell on the battlefield, manifests itself. The other séances really reveal nothing that anyone familiar with such matters would not already know; they would hardly have made a particular impression either. But one fact did make a strong impression on the great scholar Sir Oliver Lodge and on his entire family, who until then had been very skeptical about such things. That is, during one séance, mention was made of a group photograph in which, along with others, Oliver Lodge’s son was also pictured. This group photograph, which had apparently been taken several times in a row, was described roughly as follows: although the same people are always seen in the same location, their arrangement changes each time a new photograph is taken; thus, one always sees the same people, but with different poses. Raymond Lodge described this group photograph through the medium during the séance that took place in England. However, Sir Oliver Lodge and his family knew nothing about this photograph, for it had been taken during the final days of Raymond Lodge’s life on the Franco-Belgian front and sent by him to his relatives, but had not yet arrived. Thus, the medium described a group photograph that existed but which the family—that is, the séance participants—did not know about; they only became aware of it after it had been described by the medium.

[ 43 ] Das ist natürlich etwas für okkultistische Dilettanten ungeheuer Überzeugendes; denn was sollte man denken, wenn ein Bild, eine Gruppenphotographie beschrieben wird, die niemand kennt an Ort und Stelle, wo die Sitzung stattfindet. Die Familie, die Sitzungsteilnehmer kennen sie nicht, die Medien kennen sie selbstverständlich auch nicht, denn sie ist noch gar nicht in England angekommen, sie ist erst auf dem Wege. Sie kam erst später an. Und dennoch wird eine sehr genaue Beschreibung gegeben, wo der Raymond Lodge sitzt, wo die andern sitzen, sogar wie er die Hand auf die Schulter eines Freundes legt. Was könnte überzeugender sein als dieses?

[ 43 ] This is, of course, incredibly convincing to occult amateurs; for what else could one think when a picture—a group photograph—is described that no one present at the séance is familiar with? The family and the séance participants do not know them, nor, of course, do the mediums, since the family has not even arrived in England yet—they are still on their way. They arrived only later. And yet a very precise description is given of where Raymond Lodge is sitting, where the others are sitting, and even how he places his hand on a friend’s shoulder. What could be more convincing than this?

[ 44 ] Aber sehen Sie, diese Sache kann eben so, wie das Sir Oliver Lodge tut, wirklich nur von okkultistischen Dilettanten interpretiert werden. Denn würde Sir Oliver Lodge gar nichts Besonderes wissen, sondern nur ein wenig die Literatur zum Beispiel bei Schubert oder ähnlichen Leuten, die in Deutschland etwa in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch über solche Dinge schrieben, untersucht haben, so würde er zahlreiche Beispiele gefunden haben für das, was jedem wahren Okkultisten gut bekannt ist: daß schon bei herabgedämpftem Bewußtsein Zukünftiges gesehen wird. Der einfachste Fall des Zukünftigsehens ist, wenn jemand in einem somnambulen Anfall einen Leichenzug sieht, der aber erst in ein paar Tagen stattfindet; der Betreffende ist noch gar nicht gestorben, aber einer sieht den Leichenzug. Da wird Zukünftiges gesehen. Das ist etwas ganz Gewöhnliches bei herabgedämpftem Bewußtsein. Nun bedenken Sie, was stattgefunden hat: Eine Photographie ist gemacht worden in Flandern, die Photographie ist auf dem Wege nach England; der Zeitpunkt wird eintreten, wo sie ihre Augen darauf haben werden und ihren Verstand, wo die Angehörigen sie in Gedanken haben werden. Das sieht das Medium als ein Zukunftsbild voraus. Ob man voraussagt, daß man einen Leichenzug sieht, oder ob man voraussagt: diese Familie wird nach einigen Tagen ein Gruppenbild des Sohnes bekommen, eine Photographie, die so und so sein wird — das ist im Grunde ganz genau dieselbe Erscheinung. Es ist nur eine Zukunftsangelegenheit vorausgesagt. Das ist ein Phänomen.

[ 44 ] But you see, this matter—just as Sir Oliver Lodge does—can really only be interpreted by occultists who are mere amateurs. For if Sir Oliver Lodge knew nothing special at all, but had merely examined the literature—for example, that of Schubert or similar figures who were still writing about such matters in Germany during the first half of the 19th century—he would have found numerous examples of what is well known to every true occultist: that the future can be seen even when consciousness is subdued. The simplest case of seeing into the future is when, during a somnambulistic episode, someone sees a funeral procession that will not take place for a few days; the person in question has not yet died at all, but one sees the funeral procession. This is seeing into the future. It is something quite common when consciousness is subdued. Now consider what has taken place: A photograph has been taken in Flanders; the photograph is on its way to England; the moment will come when they will have their eyes and minds fixed on it, when the relatives will be thinking of it. The medium foresees this as a vision of the future. Whether one predicts that one will see a funeral procession, or whether one predicts that this family will receive a group photo of their son in a few days—a photograph that will be such and such—this is, in essence, exactly the same phenomenon. It is simply a future event being predicted. This is a phenomenon.

[ 45 ] Würde man also etwas gewußt haben von wirklichen okkulten Tatsachen, so würde man eine solche Interpretation nicht haben geben können. Aber diese ganze Interpretation kommt eben dadurch zustande, daß die okkultistischen Werte, die okkultistischen Gesetze vermateriaJisiert werden, daß man nicht jene Entwickelung mitmachen will, welche im inneren Prozesse die geistige Welt erfaßt, sondern auch das Spirituelle laboratoriumsmäßig, rein materalistisch vor sich haben möchte. Es ist eine Vermaterialisierung des Spirituellen, die auch bei Sir Oliver Lodge veranstaltet wird. Aber das ist nur ein Beispiel für die Art, wie es mit allem Spirituellen geht. Man kann diese Dinge schon beobachten, wenn man sieht, wie es von Paracelsus zu Fludd, von Jakob Böhme zu Saint-Martin weitergeht; da findet man überall die Materialisierung.

[ 45 ] If one had known anything about genuine occult facts, one would not have been able to offer such an interpretation. But this entire interpretation arises precisely because occult values and occult laws are materialized—because people do not wish to participate in the development that encompasses the spiritual world through inner processes, but instead want to approach the spiritual in a laboratory-like, purely materialistic manner. It is a materialization of the spiritual that is also practiced by Sir Oliver Lodge. But this is only one example of how things stand with everything spiritual. One can already observe these things when one sees how the line of thought continues from Paracelsus to Fludd, from Jakob Böhme to Saint-Martin; there one finds materialization everywhere.

[ 46 ] Und wir konnten uns ja auch als Anthroposophische Gesellschaft vor der Materialisierung nur dadurch retten, daß wir uns von der Theosophical Society emanzipierten. Denn tief hinein in das soziale Wirken gehen die Impulse, die von solchen Verbindungen ausgehen, wie ich sie charakterisiert habe. Selbstverständlich muß ich Sie auch da wieder bitten, mich nicht mißzuverstehen. Ich sage nicht, daß das im selbstverständlichen Charakter der westlichen Völker liegt; aber es ist da und hat Einfluß gewonnen auf den historischen Gang und ist schon auch nicht ohne Einfluß auf die Unwahrhaftigkeit, die jetzt in einer so furchtbaren Weise hereinwirkt. Und besonders auf diese Unwahrhaftigkeit bin ich verpflichtet, Ihr Augenmerk zu richten, denn diese Unwahrhaftigkeit tritt ja doch in der Weise auf, daß sie eigentlich immer die Form der Anklage annimmt, der Beschuldigung des andern. Was ist denn die traurige Note vom Silvesterabend wiederum anderes, als eine mit gleicher Verdrehung der Tatsachen verfertigte Anklage, ebenso verdreht wie das, was ich Ihnen hier von Mr. Archer vorgelesen habe. Aber man sieht, die Dinge fangen schon an, geglaubt zu werden, fangen schon an, ihre Rolle zu spielen. Und wenn einige Wochen vergangen sein werden, dann werden die Menschen längst vergessen haben, daß in einer ja für die Welt gar nicht zu verkennenden Weise die Möglichkeit, zu einem Frieden zu gelangen, da war, daß diese Möglichkeit aber vereitelt worden ist von seiten der Peripheriemächte; und die Menschen werden in Europa wiederum anfangen zu glauben, daß das Friedensangebot von den Ententemächten rein aus Menschenliebe, aus höherer Humanität abgelehnt worden ist, mit der sonderbaren Motivierung, daß, weil man den Frieden anstrebt, man ihn verhindern müsse. Aber selbst solch groteske Unwahrhaftigkeiten finden heute Glauben. Daß sie geglaubt werden können, das beruht auf der Vorbereitung durch jenen Okkultismus, den ich Ihnen geschildert habe. Denn im Grunde genommen gehört eine argeKorruption des Gemütes dazu, Sätze nebeneinander zu schreiben wie die beiden, die ich Ihnen angeführt habe von dem schwarzen und dem weißen Raben. Aber diese Korruption des Gemütes, sie ergibt sich in einer Atmosphäre, in die solche Organismen hineinwirken, wie ich es Ihnen dargestellt habe.

[ 46 ] And indeed, as the Anthroposophical Society, we were only able to save ourselves from materialism by emancipating ourselves from the Theosophical Society. For the impulses emanating from such associations—as I have characterized them—penetrate deeply into social life. Of course, I must ask you once again not to misunderstand me. I am not saying that this is inherent in the nature of Western peoples; but it is there, it has gained influence over the course of history, and it is certainly not without influence on the dishonesty that is now making itself felt in such a terrible way. And I feel particularly obliged to draw your attention to this insincerity, for this insincerity manifests itself in such a way that it actually always takes the form of an accusation, of blaming the other. What, after all, is the sad note from New Year’s Eve other than an accusation crafted with the same distortion of the facts, just as distorted as what I have read to you here from Mr. Archer? But one can see that people are already beginning to believe these things; they are already beginning to play their part. And once a few weeks have passed, people will have long since forgotten that, in a way that was impossible for the world to overlook, the possibility of achieving peace existed—but that this possibility was thwarted by the peripheral powers; and people in Europe will once again begin to believe that the peace offer was rejected by the Entente powers purely out of love for humanity, out of a higher sense of humanity, with the strange justification that, because one strives for peace, one must prevent it. But even such grotesque untruths are believed today. The fact that they can be believed is due to the groundwork laid by that occultism I have described to you. For, fundamentally speaking, it takes a grave corruption of the mind to write sentences side by side like the two I have cited to you—those about the black and the white raven. But this corruption of the mind arises in an atmosphere influenced by such organisms as I have described to you.

[ 47 ] Auch in dieser Beziehung bestand — das kann objektiv gesagt werden — in Mitteleuropa die Tendenz, sich zu emanzipieren. Alles, was als mitteleuropäisches Geistesleben von Lessing, Herder, Goethe und so weiter aufgeworfen ist — das haben Sie ja hinlänglich aus den verschiedenen Darstellungen gesehen, die im Verlauf unseres anthroposophischen Lebens gegeben wurden —, es ist das alles darauf angelegt, sich allmählich in die spirituelle Welt hineinzuentwickeln; aber es ist nicht darauf angelegt, auf die Dauer irgendeinen Kompromiß zu schließen mit demjenigen, was in jenen Strömungen des Westens lebt, die ich Ihnen charakterisiert habe. Das ist nicht möglich. Und daher treten die Dinge in einer andern Weise auf.Gehen wir zu dem ja heute auch schon im Westen verschimpfierten Fichte zurück, zu seinen «Reden an die deutsche Nation». Welches ist das Ziel, das Fichte im Auge hat? Selbsterziehung des deutschen Volkes! Er will nicht, daß die andern getroffen werden durch seine «Reden an die deutsche Nation», sondern er spricht davon, daß die Deutschen ergriffen werden sollen, daß sie sich selber besser machen sollen. Aber man hat eine wahre, nennen wir es «Genialität», gerade dasjenige, was in Deutschland entsteht, mißzuverstehen. Geradeso, wie man aus dem harmlosen Nationallied «Deutschland, Deutschland über alles» — was nichts anderes heißt, man braucht nur die folgenden Zeilen zu lesen, als das Vaterland lieben, denn es werden ja nur die Teile des Vaterlandes aufgezählt — das Groteskeste gemacht hat, so kann man auch Fichte, wenn man will, mißverstehen, denn er beginnt seine «Reden an die deutsche Nation» mit folgenden Worten: «Ich spreche für Deutsche schlechtweg und von Deutschen schlechtweg.» Aber warum sagt er das? Weil Deutschland in lauter kleine Individualstaaten zerfallen ist, und er nicht zu den Preußen, zu Schwaben, zu Sachsen und was weiß ich, zu Oldenburgern, Mecklenburgern, Osterreichern und so weiter sprechen wollte, sondern zu Deutschen. Zusammenfassen die Individualitäten, das war es, worauf es ihm ankam. Also es ist eine Angelegenheit, die er mit den Deutschen selber abmacht. Ich will die Deutschen nicht loben, aber solche Dinge dürfen doch zur Charakteristik angeführt werden. Ich werde heute auf diese Sache geführt, weil wirklich die Tendenz besteht, einen andern Ton anzuschlagen im Zentrum als an der Peripherie. Und wenn unsere anthroposophische Sache etwas beteiligt ist an diesem andern Ton, dann darf das schon unter uns auch gesagt werden. Eben heute erhielt ich eine Broschüre von unserem Freunde Ludwig von Polzer, der ja hier gearbeitet hat. Ludwig von Polzer: «Betrachtungen während der Zeit des Krieges.» Sehen Sie, es ist ganz interessant — ob man nun im einzelnen übereinstimmt oder nicht mit dem, was unser Freund Polzer sagt —, daß er sich nicht viel damit beschäftigt, über die andern zu schimpfen und herzufallen, dafür aber seinen Österreichischen Landsleuten recht sehr die Leviten liest. Er ist vor allen Dingen darauf bedacht, zu ihnen zu sprechen. Selbstverständlich ist er durch sein Karma Österreicher, aber er liest seinen Österreichischen Landsleuten die Leviten. Da lesen wir nicht: Wir sind unschuldig, wir haben nie das oder jenes gemacht, wir sind ganz weiße Engel und alle andern sind schwarze Teufel —, sondern da liest man:

[ 47 ] In this regard as well—and this can be said objectively—there was a tendency toward emancipation in Central Europe. Everything that has been brought forth as Central European intellectual life by Lessing, Herder, Goethe, and so on—as you have seen amply from the various presentations given in the course of our anthroposophical life—is all designed to gradually develop into the spiritual world; but it is not intended to eventually reach any compromise with what lives in those Western currents that I have described to you. That is not possible. And that is why things present themselves in a different way. Let us return to Fichte—who is, after all, already reviled in the West today—and his “Addresses to the German Nation.” What is the goal Fichte has in mind? The self-education of the German people! He does not want others to be affected by his “Addresses to the German Nation”; rather, he speaks of the Germans being moved, of their improving themselves. But there is a true—let us call it “genius”—for misunderstanding precisely that which arises in Germany. Just as people have taken the harmless national anthem “Deutschland, Deutschland über alles” —which means nothing other than loving one’s fatherland, as one need only read the following lines to see that it merely lists the parts of the fatherland—into something grotesque, so one can also, if one wishes, misunderstand Fichte, for he begins his “Addresses to the German Nation” with the following words: “I speak for Germans pure and simple and of Germans pure and simple.” But why does he say that? Because Germany had disintegrated into a multitude of small, individual states, and he did not want to speak to the Prussians, the Swabians, the Saxons, or—who knows—the Oldenburgers, the Mecklenburgers, the Austrians, and so on, but to Germans. To bring these individualities together—that was what mattered to him. So it is a matter he settles with the Germans themselves. I do not wish to praise the Germans, but such things may certainly be cited as characteristic. I am led to this topic today because there really is a tendency to strike a different tone at the center than at the periphery. And if our anthroposophical cause plays a part in this different tone, then that should certainly be acknowledged among ourselves as well. Just today I received a pamphlet from our friend Ludwig von Polzer, who, after all, worked here. Ludwig von Polzer: “Reflections During the War.” You see, it’s quite interesting—whether or not one agrees in detail with what our friend Polzer says—that he doesn’t spend much time railing against or attacking others, but instead really gives his Austrian compatriots a piece of his mind. Above all, he is intent on speaking to them. Of course, by virtue of his karma, he is Austrian, but he gives his Austrian compatriots a stern talking-to. There we do not read: “We are innocent, we never did this or that, we are pure white angels and everyone else is a black devil”—but rather we read:

«Warum haßt und zerfleischt sich die Menschheit? Sind es wirklich die äußeren politischen Meinungsverschiedenheiten, die so viel Leid notwendig machen? Die kämpfenden Parteien meinen zu wissen, um was es geht, und keine weiß es in Wirklichkeit.

Eine untergehende, dekadente Kultur kämpft ihren Todeskampf. Die Zentralstaaten, die für die ersten Keime einer neuen kämpfen, kennen diese noch nicht, kämpfen für etwas, was ihnen noch unbekannt und sind selbst ganz durchsetzt von der Gesinnung, gegen welche ihre eigenen Soldaten im Kampfe bluten.

Es soll gleichsam ausgespieen werden das entartete Alte und daher sieht man es auch mächtig ein letztes Mal ins Kraut schießen. Begegnen wir sie nicht auch bei uns auf Schritt und Tritt, die Gesinnung der Entente, welche die alte dekadente Kultur trägt? Hat sie nicht auch uns dutchseucht? — In den Moden wird sie auf der Gasse herumgetragen, im Baustil ist sie verkörpert, in der Reklame grinst sie uns an, im Geschäftsleben treibt sie ihre Orgien, im Organisationswahnsinn und Bürokratismus bläht sie sich auf, in einem verlogenen wichtigtuenden Humanismus belügt sie sich selbst, die Presse trachtet ihre Ententegenossin in Wahrheitsliebe zu überbieten und so weiter.

Da haben wir sie, die Entente, wie sie im eigenen Lande wütet und rast und angibt, für die braven Soldaten und Landsleute, von denen schon fast alle den Opfertod erlitten, zu arbeiten. — Alles, was da so scheußlich auch bei uns ins Kraut schießt — ein letztesmal hoffentlich vor dem Untergang — ist nicht deutsch.»

“Why does humanity hate and tear itself apart? Is it really external political differences of opinion that necessitate so much suffering? The warring parties think they know what is at stake, but in reality, none of them knows.

A declining, decadent culture is fighting its death throes. The Central Powers, who are fighting for the first seeds of a new culture, do not yet know what it is; they are fighting for something still unknown to them and are themselves thoroughly imbued with the very mindset against which their own soldiers are shedding blood in battle.

The degenerate old order is, as it were, to be spewed out, and that is why we see it sprouting vigorously one last time. Do we not also encounter it at every turn here at home—the mindset of the Entente, which sustains the old, decadent culture? Has it not infected us as well? — It is paraded through the streets in fashion; it is embodied in architectural style; it grins at us in advertising; it runs riot in business life; it swells in organizational madness and bureaucracy; it lies to itself in a hypocritical, self-important humanism; the press strives to outdo its Entente comrade in love of truth, and so on.

There she is, the Entente, raging and rampaging in her own country and boasting that she is working for the brave soldiers and compatriots, almost all of whom have already died as martyrs. — Everything that is sprouting so hideously here as well—hopefully for the last time before the downfall—is not German.”

[ 48 ] Also dasjenige, was er im eigenen Lande zu tadeln hat, nennt er «nicht deutsch». Er will in erster Linie den eigenen Landsleuten ins Gewissen reden. Solcher Dinge stehen noch mehr in diesem Buche. Es ist gut, daß es einmal mit unseren Bestrebungen im Einklange hervorgebracht wird und im Zusammenhange damit. Wir brauchen ja nicht mit allem, Satz für Satz, einverstanden zu sein, was unter uns hervortritt. Gerade das wird die schönste Errungenschaft sein, daß wir alles selbständig verarbeiten, daß wir unsere Individualität wahren, daß wir nichts auf eine Dogmatik oder Autorität hin annehmen. Die Dinge, die sich durchsetzen sollen, sind schon dazu geeignet, sich durch sich selbst durchzusetzen, nicht auf Autorität hin. Aber einmütig können wir zusammenstehen, wenn unsere Gesellschaft einen Sinn haben soll. Dazu gehört aber freilich, daß wir dasjenige beachten, was unter uns vorgeht, daß wir eine gewisse Anerkennung haben für diejenigen, die mit uns mitgehen und die sich bemühen, dasjenige, was in unserer Anthroposophischen Gesellschaft geschieht, so vor die Welt zu bringen, daß es wirklich in den Intentionen unserer Gesellschaft liegt. Gerade das verständige Verarbeiten der Zeitimpulse von unserem Gesichtspunkte aus ist es, was wir tun können, um dieser Zeit zu helfen. Wir brauchen den Mut nicht sinken zu lassen, mögen die Dinge sich auch noch so ungünstig entwickeln; denn wenn in der Zeitlichkeit die Dinge auch noch so fatal werden könnten, wir können uns des Lessingschen Gedankens erinnern: Ist denn nicht die ganze Ewigkeit mein? —, ein Gedanke, der jeden einzelnen Menschen angeht.

[ 48 ] So whatever he has to criticize in his own country, he calls “not German.” He wants, first and foremost, to appeal to the conscience of his own countrymen. There are even more such things in this book. It is good that it has finally been published in harmony with our aspirations and in connection with them. After all, we do not need to agree with everything—sentence by sentence—that emerges among us. That, precisely, will be our greatest achievement: that we process everything independently, that we preserve our individuality, that we accept nothing on the basis of dogma or authority. The ideas that are meant to prevail are already capable of prevailing on their own merits, not by virtue of authority. But we can stand together in unity if our Society is to have meaning. This, of course, requires that we pay attention to what is happening among us, that we show a certain appreciation for those who walk with us and who strive to present to the world what is happening in our Anthroposophical Society in a way that truly reflects the intentions of our Society. It is precisely the thoughtful processing of the impulses of our time from our own perspective that we can do to help this era. We must not let our courage falter, no matter how unfavorably things may develop; for even if circumstances in the temporal realm were to become as dire as possible, we can recall Lessing’s thought: “Is not all eternity mine?”—a thought that concerns every single human being.

[ 49 ] Gerade in bezug auf die richtige Wertung und Schätzung desjenigen, was unter uns sich geltend macht, sollten wir uns, ich möchte sagen, gute Sitten aneignen. Ich darf in diesem Zusammenhange, ohne jemandem etwas Unangenehmes sagen zu wollen, vielleicht doch eines erwähnen. Die Zeitschrift «Das Reich» von Alexander von Bernus gibt sich alle Mühe, sich in unserer Strömung zu bewegen. Nun, was geht es einen an, ob man mit dem einen oder andern Beitrag in dieser Zeitschrift einverstanden ist oder nicht? Man kann ja gut mit vielem nicht einverstanden sein. Aber von seiten unserer Mitglieder sind gerade dieser Bestrebung gegenüber viele Fehler gemacht worden. Wenn man sieht, wie von allen Seiten das Beschimpfen getrieben wird, dann muß man sagen, ist es wirklich nicht richtig, daß Bestrebungen Steine in den Weg geworfen werden, die ehrlich im Sinne unserer Richtung gemeint sind. Natürlich konnte sich jeder sein Urteil bilden über die Dichtungen, die Alexander von Bernus gemacht hat im Anschlusse an gewisse historische okkulte Lehren, die sich in unserer Mitte finden. Daß aber aus unserer Mitgliedschaft sackgrobe Briefe in großen Fluten anrücken mußten, das halte ich für ganz überflüssig. Denn wohin kommen wir, wenn wir dasjenige, was für uns eintritt, schlecht behandeln, und uns um dasjenige, was uns beschimpft, in der Regel sehr wenig kümmern, sondern ruhig die Leute schimpfen lassen?

[ 49 ] Especially when it comes to correctly evaluating and assessing what is gaining ground among us, we should, I would say, adopt good manners. In this context, without wishing to say anything unpleasant to anyone, I might nevertheless mention one thing. Alexander von Bernus’s journal Das Reich goes to great lengths to align itself with our movement. Now, what does it matter whether one agrees with one article or another in this journal? One can certainly disagree with many things. But it is precisely in relation to this effort that many mistakes have been made on the part of our members. When one sees how insults are being hurled from all sides, one must say: it is truly not right to throw obstacles in the way of efforts that are honestly intended in the spirit of our movement. Of course, everyone was free to form their own judgment about the writings Alexander von Bernus produced in connection with certain historical occult teachings found within our ranks. However, I consider it entirely unnecessary for a flood of crass letters to pour in from our membership. For where will we end up if we treat those who stand up for us poorly, while generally paying very little attention to those who insult us—and simply let people rant?

[ 50 ] Ich wollte Sie bei dieser Gelegenheit eben auf diese Zeitschrift «Das Reich» aufmerksam machen, die sich bemüht, unsere Bestrebungen zu fördern, weil ich auf die Frage, die etwa gestellt werden kann: Was können wir denn tun? — erwidern möchte: Dafür sind ja diese Betrachtungen gehalten worden, um die Antwort darauf zu geben! — Was können wir tun? Verständig im Sinne unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft uns zu den Angelegenheiten der Gegenwart verhalten! — Denn was wäre uns diese Geisteswissenschaft, wenn wir wirklich nicht über jenen Standpunkt der Menschen hinauskommen könnten, der gegenwärtig in allen Gebieten Europas von nationalen Aspirationen und dergleichen spricht und die Ereignisse im Sinne dieser nationalen Aspirationen gestaltet. Niemand braucht innerhalb der Gesellschaft, welche der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft dient, ein ungetreuer Sohn seines Volkes zu werden oder irgend etwas zu verleugnen, was er nicht verleugnen soll, weil er durch sein Karma mit einem gewissen Volke zusammengeschmiedet ist. Aber niemand ist wirklich Anthroposoph, der seine Augen verschließt gegen das Ungeheuerliche, das in der Gegenwart geschieht, der sich betäuben lassen will von allen jenen Betäubungsmitteln, die heute gewisse Machthaber anwenden, um nicht sagen zu müssen, was sie eigentlich anstreben. Daher lassen Sie uns auf das hinweisen, was leicht geglaubt wird, wenn es in sentimentaler Form an uns herantritt, während dasjenige auch heute noch immer hinter den Vorhängen der okkulten Ereignisse zurückgehalten werden muß, was immer zurückgehalten worden ist hinter den Vorhängen, hinter denen sich die okkulten Ereignisse abspielen.

[ 50 ] I wanted to take this opportunity to draw your attention to the journal Das Reich, which strives to promote our endeavors, because I would like to respond to the question that might be asked: “What can we do?” — These reflections were, after all, intended to provide the answer to that very question! — What can we do? We can take a sensible stance on current affairs in accordance with our anthroposophically oriented spiritual science! — For what good would this spiritual science be to us if we were truly unable to rise above the perspective of those people who, throughout Europe today, speak of national aspirations and the like, and shape events in accordance with these national aspirations? No one within the community that serves anthroposophically oriented spiritual science needs to become an unfaithful son of his people or deny anything that he should not deny, because he is bound to a certain people through his karma. But no one is truly an anthroposophist who closes their eyes to the monstrous events taking place in the present, who allows themselves to be numbed by all those anesthetics that certain rulers use today so as not to have to say what they are actually striving for. Therefore, let us point out what is easily believed when it approaches us in a sentimental form, while that which has always been concealed behind the veils of occult events—and must still be concealed there today—remains hidden behind those very veils behind which the occult events unfold.

[ 51 ] Denn für uns muß es klar sein, daß wieder die Zeit eintreten kann ich wähle heute meine Worte sehr vorsichtig und sage also: eintreten kann —, wo, weil man durchaus nicht den Frieden haben will, der Kampf sehr grausam wird, vielleicht grausamer als er schon war, wenn nicht von irgendeiner Seite doch etwas eintritt, um die Grausamkeit zu verhindern. Dann wird man wiederum die Möglichkeit finden, über die Grausamkeiten Mitteleuropas zu reden, und wird in Schutt und Trümmer begraben die Tatsache, daß man ja diese Grausamkeiten seinerseits hätte verhindern können, wenn man nicht wie ein Stier brüllend auf die Friedensaufforderungen geantwortet hätte. Es lag ja in der Hand der Peripheriemächte, den Frieden herbeizuführen. Aber es wird die Zeit kommen — es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß die Zeit trotzdem kommt —, wo man wiederum sagen wird: Gegen alles Völkerrecht machen die Deutschen dies oder jenes.

[ 51 ] For it must be clear to us that a time may come again—and I am choosing my words very carefully today, so I say: may come—when, because there is absolutely no desire for peace, the fighting will become very cruel, perhaps even crueller than it already was, unless something happens on some side to prevent this cruelty. Then people will once again find an opportunity to talk about the atrocities in Central Europe, and the fact that they, for their part, could have prevented these atrocities if they hadn’t responded to the calls for peace like a bellowing bull will be buried in the rubble and debris. It was, after all, in the hands of the peripheral powers to bring about peace. But the time will come—and it is by no means out of the question that this time will come nonetheless—when people will once again say: “In defiance of all international law, the Germans are doing this or that.”

[ 52 ] Ja, meine lieben Freunde, wer umringt wird und eingeschlossen ist, dem von dem Umringenden her Vorwürfe zu machen, daß er sich nach allen Seiten verteidigt, nachdem man verhindert hat, was hätte hintanhalten können, was er tut, das ist zwar jetzt gang und gäbe — aber man muß es in seiner ganzen Ungeheuerlichkeit einsehen. Daher muß man schon auch neben all das, was zum Beispiel in Belgien geschehen sein mag, die Tatsache stellen, daß von seiten des Britischen Reiches all das, was in Belgien geschehen ist, hätte verhindert werden können.

[ 52 ] Yes, my dear friends, to reproach someone who is surrounded and trapped—accusing them of defending themselves on all sides—after having prevented what could have stopped them from doing what they are doing—this is indeed common practice now—but one must recognize it in all its monstrosity. Therefore, alongside everything that may have happened in Belgium, for example, one must also acknowledge the fact that the British Empire could have prevented everything that happened in Belgium.

[ 53 ] Deshalb, mag es noch so rauh klingen, so bleibt es doch eine Unwahrhaftigkeit, wenn man über die belgischen Grausamkeiten redet und gar nicht ins Auge faßt, wie leicht diese von englischer Seite hätten verhindert werden können. Und gewiß ist es einfach eine Selbstverständlichkeit, daß man das tragische Geschick Frankreichs empfindet. Aber Frankreich hatte es wirklich in der Hand, sich an dem Kriege nicht zu beteiligen.

[ 53 ] Therefore, however harsh it may sound, it remains a falsehood to speak of Belgian atrocities without even considering how easily they could have been prevented by the British. And of course, it goes without saying that one sympathizes with France’s tragic fate. But France really did have the power to choose not to participate in the war.

[ 54 ] Die Mittelmächte hatten es nicht in der Hand, einen fruchtlosen Defensivkrieg zu führen, nachdem sie gesehen hatten, daß sich Frankreich unter allen Umständen beteiligen würde. Das ist billig, zu sagen, man hätte sich einfach Grenze an Grenze gegenüberstehen können; das war eben nicht möglich, weil der russisch-französische Militarismus ein so überwiegender ist gegenüber dem, was man preußischen Militarismus nennt.

[ 54 ] The Central Powers had no choice but to wage a futile defensive war once they realized that France would intervene under any circumstances. It is easy to say that they could simply have faced each other across the border; but that was simply not possible, because Russian-French militarism is so overwhelming compared to what is called Prussian militarism.

[ 55 ] Diese Dinge in ihrer Wahrheit ins Auge zu fassen, das können wir uns trotz aller Zugehörigkeit zu der einen oder zu der andern Gruppe vornehmen, ich sage nicht «müssen», sondern können. Und wenn wir es verarbeiten und es zum Inhalte unseres Lebens wird, dann kann jeder an seiner Stelle dasjenige tun, das er eben tun möchte, indem er die Frage stellt: Was vermag der einzelne zu tun? — Werden sich nicht immer mehr und mehr Menschen finden, die den Gedanken hegen, gemeinsamen europäischen Widerstand dem Kriegswillen verborgen wirkender Mächte entgegenzustellen, dann, ja dann ist der Zusammenbruch der europäischen Kultur nicht zu vermeiden. Schon braust uns vom Osten herüber ein Kriegswille entgegen — aus Japan, wo sich ein Imperialismus vorbereitet, der vielleicht ein viel mächtigerer sein wird, als ihn die bisherigen Imperien hatten. Der Eroberungswille äußert sich in dem Ruf des neuen Nationalliedes, das, anklingend an die englische Hymne «Rule Britannia», nun ertönen läßt sein «Rule Nippon». Damit Sie sehen, daß die europäischen Mächte Grund gehabt hätten, das Wort Friede, den Inhalt des Friedensgedankens jetzt nicht zu verhöhnen, möchte ich Ihnen den folgenden Hymnus vorlesen, den die japanischen Zeitungen bringen:

[ 55 ] We can resolve to face these things as they truly are, despite our affiliation with one group or the other—I do not say “must,” but “can.” And if we come to terms with this and let it become the substance of our lives, then everyone can do in their own way what they wish to do, by asking the question: What can the individual do? — If more and more people do not come to embrace the idea of mounting a united European resistance against the warlike intentions of forces operating in secret, then—yes, then—the collapse of European culture will be inevitable. Already, a will to war is roaring toward us from the East—from Japan, where an imperialism is taking shape that may prove far more powerful than that of previous empires. This will to conquest is expressed in the refrain of the new national anthem, which, echoing the English hymn “Rule Britannia,” now proclaims “Rule Nippon.” So that you may see that the European powers would have had good reason not to mock the word “peace” or the very idea of peace at this time, I would like to read to you the following hymn, which appears in Japanese newspapers:

Als Nipun auf des Herrn Gebot
Der Flut enttaucht im Morgenrot,
Hallt tönend durch die weite Welt
Ein Ruf vom blauen Himmelszelt:
Zur Herrschaft, Japan, bist du geboren,
Erhebe dich stolz mit der Morgensonne:
Ich habe dich zum Herrn dieser Erde erkoren.
Zerrissen von Haß und blinder Wut
Sinkt hin Europa im eignen Blut,
Doch du, von Schuld und Fehler rein,
Sollst dieser Erde Hüter sein.
Zur Herrschaft, Japan, bist du geboren.
Erhebe dich stolz mit der Morgensonne!
Ich habe dich zum Herrn meiner Erde erkoren.

When Nipun, at the Lord’s command
Emerges from the flood in the morning glow,
A call resounds through the vast world
From the blue canopy of the heavens:
Japan, you were born to rule,
Rise proudly with the morning sun:
I have chosen you to be the lord of this earth.
Torn apart by hatred and blind rage
Europe sinks in its own blood,
But you, pure of guilt and error,
Shall be this earth’s guardian.
You were born to rule, Japan.
Rise proudly with the morning sun!
I have chosen you to be the lord of my earth.

[ 56 ] So tönt es herüber vom Osten. So antwortet der Osten auf das im Blut schwimmende Europa. Und dem gegenüber gibt es in Europa Menschen, die den Friedensruf verhöhnen wollen! Das ist eine Tatsache, die wir nicht tief genug bedenken können.

[ 56 ] This is how it sounds from the East. This is how the East responds to a Europe awash in blood. And yet, in Europe, there are people who want to mock the call for peace! This is a fact we cannot ponder deeply enough.