Reflections on Contemporary History III
The Reality of Occult Impulses
GA 173c
30 January 1917, Dornach
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Reflections on Contemporary History, Volume III, tr. SOL
Vierundzwanzigster Vortrag
Twenty-fourth Lecture
[ 1 ] Es scheint mir richtig zu sein, heute einiges an Gedanken vorzubringen über die Bedeutung und das Wesen unserer geistigen Bewegung, der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, wie wir sagen. Nun wird es notwendig sein, anzuknüpfen an die eine oder die andere Erscheinung, die im Laufe der Zeit aufgetreten ist, in welcher sich diese Bewegung teils vorbereitet, teils entfaltet hat. Wenn dabei — was ja auch nur scheinbar sein soll — die eine oder die andere Bemerkung persönlicher Art fällt, so geschieht das nicht aus persönlichen Gründen, sondern darum, weil ja das Persönliche der Haltepunkt gleichsam sein soll für das, was sich objektiv ausspricht. Daß in einer geistigen Bewegung, welche gewissermaßen die Menschheit tiefer mit den Quellen des Seins, namentlich des menschlichen Seins selber bekanntmacht, eine gewisse Notwendigkeit liegt, dürfte ja einfach daraus für jeden ersichtlich sein, daß die Kultur der Gegenwart, wie sie sich entwickelt hat, in einer gewissen Weise sich eigentlich ad absurdum geführt hat. Denn es wird ja doch bei tieferem Nachdenken niemandem beifallen können, die Ereignisse, wie sie sich heute abspielen, als etwas anderes zu bezeichnen denn als eine Art Ad-absurdum-Führen desjenigen, was an Impulsen in der neueren Entwickelung gelebt hat.
[ 1 ] It seems right to me to share some thoughts today on the significance and nature of our spiritual movement—what we call the anthroposophically oriented spiritual science. Now it will be necessary to refer to one or the other event that has occurred over time, in the course of which this movement has partly been prepared and partly unfolded. If, in doing so—which is, after all, only apparent—one or the other remark of a personal nature is made, this is not done for personal reasons, but because the personal element is, as it were, meant to serve as an anchor for what is expressed objectively. That there is a certain necessity inherent in a spiritual movement which, in a sense, familiarizes humanity more deeply with the sources of being—namely, human being itself—should be evident to everyone simply from the fact that contemporary culture, as it has developed, has in a certain way actually reduced itself to absurdity. For upon deeper reflection, it surely cannot occur to anyone to describe the events unfolding today as anything other than a kind of reduction to absurdity of the very impulses that have animated recent developments.
[ 2 ] Nun werden Sie aus dem, was Ihnen bekanntgeworden ist in der Geisteswissenschaft, wohl erfühlt haben, wie alles dasjenige, was sich auch scheinbar noch so äußerlich abspielt, zuletzt auf den Vorstellungen, auf den Gedanken der Menschen beruht. Was an Taten geschieht, was sich im materiellen Leben abwickelt, es ist ja durchaus, man kann sagen, ein Ergebnis desjenigen, was die Menschen vorstellen. Und die Anschauung der äußeren Welt, wie sie sich innerhalb der Menschheit heute gestaltet, gibt wohl ein Bild, das auf unzulängliche Gedankenkräfte ganz stark hinweist. Ich habe schon einmal das Wort gebraucht: Die Ereignisse sind eigentlich den Menschen über den Kopf gewachsen, weil das Denken dünn geworden ist und nicht mehr ausreicht, in die Wirklichkeit einzugreifen. Worte, wie das von der Maja, von dem äußeren Scheine, dem die Dinge auf dem physischen Plane unterliegen, die müßten viel ernster genommen werden von denjenigen, die sie schon kennen, als sie oftmals genommen werden. Und sie müßten sich tief, tief einprägen in das gesamte Zeitbewußtsein. Darinnen kann allein die Heilung von den Schäden liegen, die mit einer gewissen Notwendigkeit über die Menschen heraufgezogen sind. Wer versucht, verständig in das Triebwerk der Taten, also in das Triebwerk der Abbilder der Gedanken heute hineinzublicken, der wird schon die Notwendigkeit, die innere Notwendigkeit eines Erfassens der menschlichen Seele durch kräftigere, wirklichkeitsfreundlichere Gedanken erkennen.
[ 2 ] By now, based on what you have learned in spiritual science, you will surely have sensed how everything—no matter how outwardly it may appear to unfold—ultimately rests upon people’s ideas and thoughts. What happens in terms of actions, what unfolds in material life—it is, one might say, entirely a result of what people imagine. And the view of the external world, as it takes shape within humanity today, certainly presents a picture that strongly points to inadequate powers of thought. I have used this phrase before: Events have actually become too much for people to handle, because their thinking has become shallow and is no longer sufficient to intervene in reality. Terms such as “Maya”—the outer appearance to which things on the physical plane are subject—should be taken much more seriously by those who are already familiar with them than they often are. And they should be deeply, deeply imprinted upon the collective consciousness of our time. Only therein can the remedy be found for the harms that have befallen humanity with a certain inevitability. Anyone who attempts to look intelligently into the driving force behind actions—that is, into the driving force behind the images of thoughts today—will already recognize the necessity, the inner necessity, of grasping the human soul through stronger, more reality-oriented thoughts.
[ 3 ] Nun, im Grunde liegt unserer ganzen Bewegung dies zugrunde, den Menschenseelen wirklichkeitsfreundlichere Gedanken zu geben, von Wirklichkeit mehr durchtränkte Gedanken, als die abstrakten Begriffsschablonen der Gegenwart sind. Aber man kann nicht oft genug hinweisen darauf, wie sehr die Menschheit heute das Abstrakte liebt und gar kein Bewußtsein entwickeln will, daß das begreiflich Schattenhafte nicht wirklich in das Gewebe des Seins eingreifen kann. Das drückte sich ja insbesondere in der vierzehn-, fünfzehnjährigen Geschichte unserer anthroposophischen Bewegung aus. Es wird immer mehr notwendig sein, daß sich unsere Freunde durchdringen mit dem Spezifischen, was gerade diese anthroposophische Bewegung hatte. Sie wissen ja, wie oft betont worden ist, daß man es gern gehabt hätte, das schöne Wort «Theosophie» vollständig zu Ehren zu bringen, daß man sich lange gewehrt hat, dieses Wort als Kennwort der Bewegung aufzugeben. Aber Sie kennen ja auch alle die Verhältnisse, durch die dieses notwendig geworden ist. Und es ist schon gut, die Sache sich möglichst genau vor die Seele zu führen. Sie wissen ja, daß mit allem guten Willen — denn dieser gute Wille war ja in vielen von Ihnen selbst verankert — angeknüpft worden ist an die sogenannte ’Theosophische Bewegung, wie sie begründet worden ist durch die Blavatsky, wie sie dann ihre Fortsetzung gefunden hat in den Sinnettschen, Besantschen Bestrebungen und so weiter. Es ist wirklich nicht unnötig, daß gerade den vielen böswilligen Entstellungen gegenüber, die von auswärts kommen, unsere Mitglieder immer wieder betonen, daß die anthroposophisch gewordene Bewegung von einem selbständigen Zentrum ausgegangen ist, daß zunächst das, was wir jetzt haben, wirklich seine Keime hatte in den Vorträgen, die von mir in Berlin gehalten worden sind und die dann in der Schrift über die Mystik des Mittelalters niedergelegt sind. Und es muß immer wieder betont werden, daß durch diese Schrift die damals bestehende theosophische Bewegung sich uns, nicht wir ihr, genähert hat. Diese theosophische Bewegung nun, in deren Fahrwasser man die ersten Jahre zu sein hatte, sie steht ja, stand ja nicht ohne Zusammenhang mit andern okkulten Bestrebungen des 19. Jahrhunderts, und ich habe ja in Vorträgen, die hier gehalten worden sind, auf diesen Zusammenhang hingewiesen. Aber man muß auf das Charakteristische dieser Bewegung selbst sehen.
[ 3 ] Well, essentially, this is the foundation of our entire movement: to provide human souls with thoughts that are more in tune with reality—thoughts more deeply imbued with reality than the abstract conceptual templates of the present. But one cannot emphasize often enough how much humanity today loves the abstract and refuses to develop any awareness that the merely conceptual and shadowy cannot truly penetrate the fabric of being. This was expressed particularly clearly in the fourteen- or fifteen-year history of our anthroposophical movement. It will become increasingly necessary for our friends to immerse themselves in what was specifically unique to this anthroposophical movement. As you know, it has often been emphasized that we would have liked to fully honor the beautiful word “Theosophy,” and that we long resisted giving up this word as the movement’s motto. But you are all also familiar with the circumstances that made this necessary. And it is indeed good to bring the matter as clearly as possible to mind. You know, after all, that with all good will—for this good will was, after all, deeply rooted in many of you yourselves—a connection was made to the so-called “Theosophical Movement,” as it was founded by Blavatsky, and as it then found its continuation in the endeavors of Sinnett, Besant, and so on. It is truly not unnecessary, especially in the face of the many malicious distortions coming from outside, for our members to emphasize time and again that the movement that became anthroposophical originated from an independent center, that what we now have truly had its seeds in the lectures I gave in Berlin, which were then set down in the treatise on medieval mysticism. And it must be emphasized again and again that, through this work, the theosophical movement existing at that time drew closer to us—not we to it. This theosophical movement, in whose wake we found ourselves during the early years, is—and was—not without connection to other occult movements of the nineteenth century, and I have, in lectures given here, pointed out this connection. But one must look at the distinctive characteristics of this movement itself.
[ 4 ] Wenn ich ein recht charakteristisches Merkmal, ich möchte sagen tatsachengemäß, hervorheben soll, so muß es dasjenige sein, auf das ich oftmals oder wenigstens öfters angespielt habe, als ich in der Zeitschrift «Lucifer-Gnosis» zunächst dasjenige veröffentlichte, was dann den Titel bekommen hat «Aus der Akasha-Chronik». Einer der Vertreter der Theosophischen Gesellschaft, der dieses las, fragte, auf welchem Wege die Dinge eigentlich aus der geistigen Welt herausgeholt werden. Und aus dem weiteren Gespräche mit ihm war es sehr ersichtlich, daß es sich darum handelte, zu erfahren, auf welchem mehr oder weniger medialen Wege diese Dinge gewonnen werden. Man konnte sich dort gar nicht denken, daß durch andere Mittel als dadurch, daß irgendein Mensch von medialer Veranlagung, der sein Bewußtsein herabgestimmt erhält und dann etwas aus der Unterbewußtheit heraus vorbringt, was dann aufgezeichnet wird, daß anders als auf diesem Wege diese Dinge zustande kommen. Was liegt denn da eigentlich zugrunde? Dem Manne, der so sprach, lag es völlig fern, sich vorzustellen, daß diese Dinge untersucht werden können bei völliger Aufrechterhaltung des wachen Bewußtseins, trotzdem er ein sehr geschulter und außerordentlich gebildeter Vertreter der theosophischen Bewegung ist. Es lag das vielen Mitgliedern dieser Bewegung aus dem Grunde fern, weil eben diesen vielen etwas eigen ist, was im modernen Geistesleben überhaupt im höchsten Maße vorhanden ist: ein gewisses Mißtrauen in die Eigenkraft des menschlichen Erkenntnisvermögens. Man traut dem menschlichen Erkenntnisvermögen nicht zu, daß es die Kraft in sich aufbringen könne, in das Innere der Dinge wirklich einzudringen. Man findet, das menschliche Erkenntnisvermögen sei doch begrenzt, eigentlich störe der Verstand nur — so findet man —, wenn man mit ihm in das Wesen der Dinge eindringen will; daher muß man ihn abdämpfen. Man müsse, ohne daß der menschliche Verstand dabei tätig ist, in das Wesen der Dinge eindringen. — Beim Medium ist das ja der Fall, da wird das Mißtrauen in den menschlichen Verstand zu einem maßgebenden Impuls gemacht. Da wird wirklich mit Ausschluß der verständigen Erkenntnistätigkeit rein experimentell versucht, den Geist sprechen zu lassen.
[ 4 ] If I am to highlight a truly characteristic feature—and I would say one based on fact—it must be the one to which I have alluded often, or at least frequently, when I first published in the journal Lucifer-Gnosis what later came to be titled “From the Akashic Records.” One of the representatives of the Theosophical Society who read this asked how these things are actually obtained from the spiritual world. And from the subsequent conversation with him, it was very clear that the question was about finding out through what more or less mediumistic means these things are obtained. It was simply inconceivable to them that these things could come about by any means other than through a person with mediumistic predispositions who lowers their level of consciousness and then brings forth something from the subconscious, which is then recorded. What, then, is the underlying basis for this? It was completely beyond the imagination of the man who spoke in this way that these things could be investigated while fully maintaining waking consciousness, even though he is a highly trained and exceptionally well-educated representative of the Theosophical Movement. This was fundamentally foreign to many members of this movement because these very people possess something that is all too prevalent in modern intellectual life: a certain distrust of the inherent power of human cognitive faculties. They do not believe that human cognitive faculties possess the power to truly penetrate to the inner nature of things. They believe that human cognitive faculties are, after all, limited; in fact, they feel that the intellect only gets in the way—so they believe—when one attempts to penetrate the essence of things with it; therefore, it must be curbed. One must penetrate the essence of things without the human intellect being active in the process. — This is indeed the case with mediumship, where distrust of the human intellect is made into a guiding impulse. There, purely experimental attempts are made—excluding rational cognitive activity—to let the spirit speak.
[ 5 ] Man kann sagen, daß in einer gewissen Art diese Stimmung die theosophische Bewegung, wie sie auch noch im Anfange unseres Jahrhunderts war, gar sehr durchsetzt hatte; diese Stimmung war da vielfach zu Hause. Und man konnte diese Stimmung empfinden, wenn man mit Einsicht gewisse Dinge verfolgte, die sich als Meinungen, als Anschauungen, als Ansichten in der theosophischen Bewegung abgesetzt hatten. Sie wissen ja, daß in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts und dann im 20. Jahrhundert Mrs. Besant eine große Rolle spielte in der theosophischen Bewegung. Auf dasjenige, was sie zu sagen hatte, hörte man. Ihre Vorträge standen im Mittelpunkte des theosophischen Wirkens in London und auch in Indien. Dennoch war es merkwürdig, die Persönlichkeiten aus der Umgebung von Mrs. Besant über Mrs. Besant sprechen zu hören. 1902 trat mir das schon sehr bedeutsam entgegen. Mrs. Besant galt in vieler Beziehung, namentlich den gelehrten Männern ihrer Umgebung, als eine durchaus ungelehrte Frau; aber während man auf der einen Seite das stark betonte, daß man es mit einer ungelehrten Frau zu tun hat, sah man doch auf der andern Seite in der, ich möchte sagen, nicht durch wissenschaftliche Vorstellungen getrübten, halb medialen Art des Wirkens, die man bei ihr rühmte, ein Hilfsmittel, zu Erkenntnissen zu kommen. Ich möchte sagen, die Leute trauten sich nicht zu, selbst zu Erkenntnissen zu kommen. Sie trauten natürlich auch dem wachen Bewußtsein von Mrs. Besant nicht zu, zu Erkenntnissen zu kommen. Aber weil sie nicht zur völligen Wachheit gekommen war durch eine wissenschaftliche Durchbildung, so betrachtete man sie gewissermaßen als ein Mittel, durch welches Kundgebungen aus der geistigen Welt ins Physische hereinkommen können. Das war doch bei der nächsten Umgebung außerordentlich ausgebildet. Und man kann schon sagen: Die Art, wie gesprochen wurde, die machte den Eindruck, als ob man Mrs. Besant am Anfang des 20. Jahrhunderts ansah wie eine Art moderner Sibylle. Man konnte nach dieser Richtung gerade bei der nächsten Umgebung abfällige Urteile über die wissenschaftliche Begabung von Mrs. Besant hören, man konnte hören, wie man ihr gar keine Kritik über ihre inneren Erlebnisse zutraute. Das war durchaus die Stimmung, die ja natürlich sorgfältig verborgengehalten wurde — ich will nicht sagen, geheimgehalten wurde — vor dem größeren Kreise der theosophischen Leiter.
[ 5 ] One could say that, in a certain sense, this atmosphere had deeply permeated the Theosophical Movement, even as it was at the beginning of our century; this atmosphere was very much at home there. And one could sense this atmosphere when one observed with insight certain things that had become established as opinions, views, and perspectives within the Theosophical Movement. As you know, Mrs. Besant played a major role in the Theosophical Movement in the 1890s and then in the 20th century. People listened to what she had to say. Her lectures were at the center of theosophical activity in London and also in India. Nevertheless, it was curious to hear the people in Mrs. Besant’s circle speak about her. As early as 1902, this struck me as very significant. In many respects—particularly to the learned men in her circle—Mrs. Besant was regarded as a thoroughly uneducated woman; but while, on the one hand, people strongly emphasized that they were dealing with an uneducated woman, on the other hand they saw in her—I would say—semi-mediumistic way of working, unclouded by scientific concepts, which they praised in her, a means of arriving at insights. I would say that people did not trust themselves to arrive at insights on their own. Naturally, they also did not trust Mrs. Besant’s alert consciousness to arrive at insights. But because she had not attained complete alertness through scientific training, she was regarded, in a sense, as a medium through which messages from the spiritual world could enter the physical world. This attitude was exceptionally pronounced among her immediate circle. And one can certainly say that the way people spoke gave the impression that, at the beginning of the 20th century, Mrs. Besant was regarded as a kind of modern Sibyl. In this vein, one could hear disparaging judgments about Mrs. Besant’s scientific aptitude, particularly among her immediate circle; one could hear how people did not believe she was capable of any critical assessment of her inner experiences. That was certainly the prevailing mood, which was, of course, carefully concealed—I won’t say kept secret—from the wider circle of Theosophical leaders.
[ 6 ] Außer diesem, was da durch das Sibyllenhafte von Mrs. Besant zutage trat, war ja Ende des 19. Jahrhunderts neben der «Geheimlehre» der Blavatsky insbesondere eine Art Bibel der theosophischen Bewegung das Buch von Sinnett, vielleicht besser gesagt die Bücher von Sinnett. Nun, wie man erst über die Bücher von Sinnett reden hörte im engeren Kreise, das war ebensowenig etwas, was man nennen könnte einen Appell an die eigene Erkenntniskraft des Menschen. Denn man legte einen großen Wert darauf im engsten Kreise, daß Sinnett ja nicht zu dem, was er veröffentlicht hat, irgend etwas aus seinen eigenen Erfahrungen hinzugebracht hat. Man sah den Wert eines solchen Buches wie des «Esoterischen Buddhismus» von Sinnett gerade darinnen, daß der Inhalt ganz und gar zustande gekommen ist durch «magische Briefe», durch Briefe, welche präzipitiert waren, die also von unbekannt woher in den physischen Plan hereingeschickt worden waren, man kann sagen, geworfen worden waren, und deren Inhalt dann einfach zu diesem Buche «Esoterischer Buddhismus» verarbeitet wurde.
[ 6 ] Apart from what came to light through Mrs. Besant’s sibylline revelations, at the end of the 19th century, alongside Blavatsky’s “Esoteric Doctrine,” Sinnett’s book—or perhaps more accurately, Sinnett’s books—served as a kind of Bible for the Theosophical Movement. Now, the way people first spoke of Sinnett’s books in the inner circle was hardly what one might call an appeal to human beings’ own powers of insight. For great importance was attached within the innermost circle to the fact that Sinnett had not contributed anything from his own experiences to what he had published. The value of a book such as Sinnett’s Esoteric Buddhism was seen precisely in the fact that its content had come about entirely through “magical letters”—letters that had been precipitated, that is, sent onto the physical plane from an unknown source, one might say, had been thrown, and whose content was then simply incorporated into this book, Esoteric Buddhism.
[ 7 ] Durch alle diese Dinge war zwar in den weiteren Kreisen der theosophischen Leiter eine Stimmung vorhanden, die sentimental-anbetend im höchsten Grade war. Man sah gewissermaßen zu einer Weisheit hinauf, die vom Himmel gefallen war, und übertrug, wie das ja menschlich begreiflich ist, die Verehrung auf Persönlichkeiten. Aber es lag darinnen der Antrieb zu einer starken Unaufrichtigkeit, die in den einzelnen Erscheinungen sehr gut verfolgt werden konnte.
[ 7 ] All these things did indeed create a mood among the broader circles of theosophical leaders that was highly sentimental and reverential. In a sense, people looked up to a wisdom that had fallen from heaven and, as is humanly understandable, transferred their veneration to specific individuals. But this contained the impetus for a strong insincerity, which could be clearly traced in the individual instances.
[ 8 ] So konnte ich zum Beispiel schon 1902 hören, wie in den engsten Kreisen in London davon gesprochen wurde, daß Sinnett eigentlich ein untergeordneter Geist sei. Es sagte mir dazumal eine der führenden Persönlichkeiten: Ja, der Sinnett, man kann ihn vergleichen mit einem Journalisten etwa der «Frankfurter Zeitung», nach Indien versetzt, ein journalistischer Geist, der einfach das Glück gehabt hat, die Meisterbriefe zu empfangen und sie journalistisch in einer Weise, wie es für die Menschheit der neueren Zeit ansprechend ist, in dem Buche «Esoterischer Buddhismus» zu verwerten! — Sie wissen aber auch, daß all dieses doch in einer breiten Literatur drinnen stand, in einem breiten Schrifttum. Denn es ist ja wirklich, ich will nicht sagen eine Sündf£lut, aber eine Flut von Schriften erschienen in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, welche bestimmt waren, irgendwie die Menschen hinzuführen zur spirituellen Welt. Unter diesen Schriften waren solche, die in unmittelbarer Anknüpfung standen an alte Traditionen, wie sie sich bewahrt haben in den verschiedensten okkulten Brüderschaften. Es ist im Grunde genommen interessant, die Entwickelung dieser Traditionen zu verfolgen.
[ 8 ] For example, as early as 1902, I heard people in the innermost circles in London saying that Sinnett was actually a subordinate spirit. One of the leading figures told me at the time: “Yes, Sinnett—you could compare him to a journalist from, say, the Frankfurter Zeitung who’s been posted to India—a journalistic spirit who simply had the good fortune to receive the Master Letters and to present them in a journalistic manner, in a way that appeals to modern humanity, in the book Esoteric Buddhism!” — But you also know that all of this was already contained within a vast body of literature, a vast body of writings. For it is true—I won’t say a deluge, but a flood of writings appeared in the last decades of the 19th century and the first decades of the 20th century, which were intended, in one way or another, to lead people toward the spiritual world. Among these writings were some that were directly linked to ancient traditions, as they have been preserved in the most diverse occult brotherhoods. It is, in fact, interesting to trace the development of these traditions.
[ 9 ] Ich habe öfter schon darauf hingewiesen, wie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in dem Kreise, dessen Führer Saint-Martin, der «Unbekannte Philosoph» war, sich in entsprechender Weise alte Traditionen ausgelebt haben. Und wenn man die Schriften, namentlich «Wahrheit und Irrtümer» von Saint-Martin heute sich vornimmt, so findet man darinnen doch sehr, sehr viel von einer letzten Gestalt, die alte okkulte Traditionen angenommen haben. Verfolgt man diese Traditionen weiter zurück, dann gelangt man durchaus noch zu Vorstellungen, welche das Konkrete beherrschen, welche eingreifen in die Wirklichkeiten. Bei Saint-Martin sind die Begriffe schon sehr schattenhaft geworden, aber es sind doch die Schatten von Begriffen, die einstmals voll lebendig waren, es lebten eben zum letzten Mal in schattenhafter Weise alte Traditionen auf. Und so findet man bei Saint-Martin die gesündesten Begriffe, aber in einer Form, die ein letztes Aufflackern ist. Da ist es ja insbesondere interessant, zu sehen, wie Saint-Martin kämpft gegen den damals schon aufgekommenen Begriff der Materie. Wozu ist denn dieser Begriff der Materie nach und nach geworden? Dazu ist er geworden, daß man die ganze Welt ansieht als einen Nebel von Atomen, die in irgendeiner Weise sich bewegen und stoßen, und die durch ihre Konfiguration all das hervorrufen, was als Welt um den Menschen herum sich ausbildet. Theoretisch hat ja der eigentliche Materialismus seinen Höhepunkt dadurch erfahren, daß man dann alles übrige geleugnet hat außer dieser Atomwelt. Saint-Martin stand noch auf dem Standpunkt, daß die ganze Atomistik, überhaupt der Glaube, daß Materie etwas Wirkliches sei, ein Unsinn ist, wie es ja auch tatsächlich der Fall ist. Wenn man den Dingen zu Leibe geht, die uns umgeben chemisch, physisch, so kommt man zuletzt nicht auf Atome, nicht auf Materielles, sondern auf geistige Wesenkeiten. Der Begriff der Materie ist ein Hilfsbegriff; er entspricht nichts Wirklichem. Denn da, wo, um diesen Ausdruck Da Bois-Reymonds zu gebrauchen, «Materie im Raume spukt», da ist wirklich Geist vorhanden, und wenn man von einem Atom reden will, so könnte man höchstens so von dem Atom reden, daß es ein kleiner Stoß des Geistes ist, allerdings Ahrimans. Das war ein gesunder Begriff von Saint-Martin, sein Bekämpfen des Begriffes der Materie.
[ 9 ] I have often pointed out how, in the second half of the 18th century, the circle led by Saint-Martin, the “Unknown Philosopher,” gave free rein to ancient traditions in a corresponding manner. And when one reads Saint-Martin’s writings today—particularly Truth and Errors—one finds in them a great deal of the final form that ancient occult traditions had taken. If one traces these traditions further back, one certainly arrives at concepts that dominate the concrete world and intervene in reality. In Saint-Martin’s work, the concepts have already become very shadowy, but they are nonetheless the shadows of concepts that were once fully alive; it was simply the last time that ancient traditions were revived in a shadowy form. And so one finds in Saint-Martin the healthiest concepts, but in a form that is a final flicker. It is particularly interesting, then, to see how Saint-Martin struggles against the concept of matter, which had already emerged by that time. What, then, has this concept of matter gradually become? It has become a view in which one regards the entire world as a mist of atoms that move and collide in some way, and which, through their configuration, bring about everything that takes shape as the world around human beings. Theoretically, materialism proper reached its peak when everything else was denied except for this atomic world. Saint-Martin still held the view that the entire theory of atomism—indeed, the very belief that matter is something real—is nonsense, as is in fact the case. If one gets to the bottom of the things that surround us chemically and physically, one ultimately arrives not at atoms, not at the material, but at spiritual entities. The concept of matter is an auxiliary concept; it corresponds to nothing real. For where, to use Da Bois-Reymond’s expression, “matter haunts space,” there is in fact spirit present; and if one wishes to speak of an atom, one could at most speak of it as a small impulse of the spirit—albeit that of Ahriman. This was a sound concept on Saint-Martin’s part: his rejection of the concept of matter.
[ 10 ] Ebenso war ein ungeheuer gesunder Begriff bei Saint-Martin, daß er noch hinwies in lebendiger Art auf die Tatsache, daß menschlichen, konkreten, einzelnen Sprachen eine Universalsprache zugrunde liegt. Und das konnte man in der damaligen Zeit aus dem Grunde besser als später, weil man derjenigen Sprache, welche unter den gegenwärtigen am ehesten nahesteht der ursprünglichen Universalsprache, der hebräischen Sprache, noch lebendiger gegenüberstand, weil man noch in den Worten der hebräischen Sprache etwas vom Fließen des Geistes und dadurch in den Worten selber etwas Geistig-Ideelles, etwas wirklich Geistiges verspüren konnte. Bei Saint-Martin finden Sie daher noch den konkret-spirituellen Hinweis auf das, was das Wort «Hebräer» selber bedeutet. Und in der ganzen Art und Weise, wie er das auffaßt, sieht man, wie noch das lebendige Bewußtsein vorhanden war von einer Beziehung des Menschen zur geistigen Welt. Denn das Wort «Hebräer» hängt zusammen mit «reisen»: wer ein Hebräer ist, ist derjenige, der eine Lebensreise macht, der auf einer Reise erfährt, erlebt. Dieses lebendige Drinnenstehen in der Welt liegt in diesem Wort, liegt aber allen andern Worten der hebräischen Sprache zugrunde, wenn sie real erfühlt werden.
[ 10 ] Another remarkably sound concept in Saint-Martin’s thought was that he vividly highlighted the fact that human, concrete, individual languages are based on a universal language. And this was easier to grasp at that time than later on, because people were still more intimately engaged with the language that, among those in use today, is closest to the original universal language—the Hebrew language—and because they could still sense, in the words of the Hebrew language, something of the flow of the Spirit and, through that, something spiritual and ideal, something truly spiritual, within the words themselves. In Saint-Martin, therefore, you will still find the concrete-spiritual reference to what the word “Hebrew” itself means. And in the whole way he conceives of it, one can see how a living awareness of humanity’s relationship to the spiritual world was still present. For the word “Hebrew” is connected with “travel”: a Hebrew is one who embarks on a journey through life, who learns and experiences through that journey. This active engagement with the world is contained in this word, but it also underlies all other words of the Hebrew language when they are truly felt.
[ 11 ] Nun konnte jaSaint-Martin zu seiner Zeit nicht mehr Vorstellungen finden — diese müssen erst wiederum durch Geisteswissenschaft gewonnen werden —, welche präziser, stärker auf das Ursprachliche hinweisen. Aber als eine Ahnung stand die Ursprache vor seiner Seele. Damit aber hatte er nicht einen so abstrakten Begriff von der Einheitlichkeit des Menschengeschlechtes, wie ihn dann das 19. Jahrhundert ausbildete, sondern er hatte einen konkreten Begriff davon. Dieser konkrete Begriff von der Einheitlichkeit des Menschengeschlechtes führte ihn aber auch dahin, gewisse geistige Wahrheiten wenigstens in seinem Kreise noch voll lebendig zu machen, zum Beispiel die Wahrheit, daß der Mensch, wenn er nur will, wirklich mit geistigen Wesen höherer Hierarchien in Beziehungen treten kann. Das ist ein Kardinalsatz bei Saint-Martin, daß jeder Mensch mit geistigen Wesenheiten höherer Hierarchien in Beziehungen treten kann. Aber dadurch lebte in ihm gewissermaßen etwas noch von jener alten, echten mystischen Stimmung, welche wußte, daß das Wissen nicht bloß in Begriffen aufgenommen werden kann, wenn es wirkliches Wissen sein soll, sondern in einer gewissen Seelenverfassung aufgenommen werden muß, das heißt nach einer gewissen Vorbereitung der Seele. Dann wird es zum spirituellen Leben der Seele. Damit aber war verknüpft eine gewisse Summe von Forderungen, von Evolutionsforderungen an die menschlichen Seelen, die überhaupt Anspruch machen wollten, an der Evolution irgendwie teilzunehmen. Und von diesem Gesichtspunkte aus ist es so interessant, wenn dann Saint-Martin überleitet dasjenige, was er aus dem Erkennen, aus der Wissenschaft heraus — die aber spirituell bei ihm ist — gewinnt, zur Politik, wenn er also zu den politischen Begriffen kommt. Denn da hat er ja die präzise Forderung: Jeder Regierende müsse eine Art Melchisedek sein, eine Art Priesterregent.
[ 11 ] Now, Saint-Martin could not, in his time, find any concepts—these must first be derived anew through spiritual science—that point more precisely and more strongly toward the proto-language. But the proto-language stood before his soul as an intuition. With this, however, he did not have such an abstract concept of the unity of the human race as the 19th century later developed, but rather a concrete concept of it. This concrete concept of the unity of the human race also led him, at least within his own circle, to bring certain spiritual truths fully to life—for example, the truth that human beings, if they so desire, can truly enter into relationships with spiritual beings of higher hierarchies. This is a cardinal tenet of Saint-Martin’s thought: that every human being can enter into relationships with spiritual beings of higher hierarchies. But through this, something of that old, genuine mystical spirit still lived within him, so to speak—a spirit that knew that knowledge cannot be merely grasped in concepts if it is to be true knowledge, but must be received in a certain state of the soul, that is, after a certain preparation of the soul. Then it becomes the spiritual life of the soul. Linked to this, however, was a certain set of requirements—evolutionary demands—placed upon human souls that wished to claim any part in evolution at all. And from this point of view, it is so interesting when Saint-Martin then bridges what he gains from cognition, from science—which for him, however, is spiritual—to politics, that is, when he arrives at political concepts. For there he has the precise requirement: Every ruler must be a kind of Melchizedek, a kind of priest-ruler.
[ 12 ] Und denken Sie sich, wenn diese Forderung, die geltend gemacht worden ist in verhältnsmäßig kleinem Kreise, bevor die Französische Revolution hereinbrach, wenn diese Forderung nicht Abendröte, sondern Morgenröte geworden wäre, wenn etwas davon ins Zeitbewußtsein übergegangen wäre von dem melchisedekartigen Grundcharakter derjenigen, die mit ihren Vorstellungen und Kräften einzugreifen haben in die menschlichen Geschicke, was alles anders hätte werden müssen im 19. Jahrhundert, als es geworden ist! Denn das 19. Jahrhundert stand wahrhaftig dann so fern als möglich dieser Auffassung, die eben charakterisiert worden ist. Man hätte ja die Anforderung, daß Politiker durch die Schule Melchisedeks durchzugehen haben, selbstverständlich nur mit einem Lächeln abgefertigt.
[ 12 ] And just imagine, if this demand—which had been raised in a relatively small circle— before the French Revolution broke out—if this demand had become not a sunset but a sunrise, if something of the Melchizedek-like fundamental character of those who must intervene in human destiny with their ideas and energies had entered the consciousness of the age—how different everything in the 19th century would have had to be from what it actually became! For the nineteenth century was truly as far removed as possible from this view that has just been characterized. One would, of course, have dismissed the requirement that politicians must pass through the school of Melchizedek with nothing more than a smile.
[ 13 ] Man muß auf Saint-Martin hinweisen, weil in ihm etwas vorliegt wie eben ein letztes Abglimmen der Weisheiten, die sich heraufentwickelt haben aus dem fernen Altertum. Das mußte ja auch abglimmen, denn die Menschheit der Zukunft muß auf andere Art zu dem spirituellen Leben aufsteigen. Sie muß auf andere Art aufsteigen, weil niemals das bloße Bewahren, das bloße traditionelle Fortpflanzen der alten Vorstellungen den keimenden Kräften der menschlichen Seele entsprochen hätte. Diese noch unentwickelten Kräfte der menschlichen Seele, sie tendieren ja darauf hin, daß im Laufe des 20. Jahrhunderts noch bei einer größeren Anzahl von Menschen — das ist oft betont worden — wirklich ein Hineinsehen in die ätherischen Vorgänge stattfindet. Und man kann den Ablauf des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts geradezu als die kritische Zeit bezeichnen, wo eine größere Anzahl von Menschen aufmerksam darauf werden müssen, wie im Äther, der ebenso wie die Luft in unserer Umgebung lebt, die Ereignisse geschaut werden müssen. Wir haben ja insbesondere scharf auf ein Ereignis hingewiesen, das im Äther zu schauen sein muß, wenn die Menschheit nicht in die Dekadenz verfallen will: wir haben auf das Schauen des ätherischen Christus hingewiesen. Diese Notwendigkeit muß eintreten. Und die Menschheit muß sich darauf vorbereiten, diese Kräfte, die schon keimen, wirklich nicht abdorren zu lassen. Die Kräfte dürfen nicht abdorren, denn setzen wir einmal den Fall, die Kräfte sollten abdorren, was würde denn dann geschehen? Dann würde in den vierziger, fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts das menschliche Gemüt in weitesten Kreisen ganz absonderliche Formen annehmen. Es würden im Gemüte Begriffe aufsteigen, die wie beklemmend wirken würden. Würde nur der Materialismus sich fortpflanzen, so würden solche Begriffe aufsteigen, die zwar da wären im menschlichen Gemüte, die aber durchaus aus dem Unterbewußtsein neraufsteigen, und bei denen man den Grund nicht kennt, warum man sie eigentlich hat. Ein Alpdrücken während des Wachens würde als eine allgemeine neurasthenische Erscheinung bei einer großen Anzahl von Menschen auftreten. Die Menschen würden sich sagen: Ja, da muß ich das denken, aber ich weiß nicht warum; da muß ich jenes denken, ich weiß nicht warum.
[ 13 ] One must point to Saint-Martin because in him there is something like the final fading of the wisdom that has developed from distant antiquity. This was bound to fade, for the humanity of the future must ascend to spiritual life in a different way. It must ascend in a different way, because the mere preservation, the mere traditional perpetuation of old ideas, would never have corresponded to the budding forces of the human soul. These as yet undeveloped forces of the human soul tend toward the fact that, in the course of the 20th century—as has often been emphasized—a greater number of people will truly be able to glimpse into etheric processes. And one can indeed describe the course of the first third of the 20th century as the critical period when a greater number of people must become aware of how events must be perceived in the ether, which, just like the air, lives in our surroundings. We have, in particular, drawn sharp attention to an event that must be perceived in the ether if humanity is not to fall into decadence: we have pointed to the vision of the etheric Christ. This necessity must come to pass. And humanity must prepare itself so that these forces, which are already sprouting, do not wither away. These forces must not wither away, for if we were to assume that they were to wither away, what would happen then? Then, in the 1940s and 1950s of the 20th century, the human mind would take on quite peculiar forms in the broadest circles. Concepts would arise in the mind that would have an oppressive effect. If materialism were to continue unchecked, such concepts would arise—concepts that, while present in the human mind, would emerge entirely from the subconscious, and for which one would not know the reason why one actually has them. A waking nightmare would occur as a general neurasthenic phenomenon among a large number of people. People would say to themselves: “Yes, I have to think this, but I don’t know why; I have to think that, but I don’t know why.”
[ 14 ] Dem kann nur entgegengearbeitet werden dadurch, daß in den menschlichen Gemütern Begriffe eingepflanzt werden, die aus der geistigen Wissenschaft kommen. Sonst werden die Kräfte der Einsicht in die Begriffe, die aufsteigen, in die Ideen, die kommen, erlahmen. Und nicht nur der Christus, sondern auch andere Erscheinungen des ätherischen Geschehens, die der Mensch sehen müßte, werden sich dem Menschen entziehen, werden an ihm vorbeigehen. Er wird aber nicht nur einen Verlust dadurch haben, sondern er wird die Kräfte entwikkeln müssen, welche krankhafte Ersatzkräfte für diejenigen sind, die sich als gesunde entwickeln sollten.
[ 14 ] This can only be countered by instilling in the human mind concepts that stem from spiritual science. Otherwise, the powers of insight into the concepts that arise and the ideas that emerge will wane. And not only Christ, but also other manifestations of etheric events—which human beings ought to see—will elude them and pass them by. Not only will they suffer a loss as a result, but they will also be forced to develop powers that are pathological substitutes for those that should have developed as healthy ones.
[ 15 ] Aus einem instinktiven Bedürfnis weiterer Menschheitskreise ging das Bestreben hervor, das sich eben dann ausdrückte in der Flut von Literatur und Schrifttum, von der ich gesprochen habe. Nun, sehen Sie, sowohl demjenigen, was in der eigentlichen theosophischen Bewegung, namentlich in der Theosophical Society zutage trat, wie auch der andern Flut von allerlei zum Spirituellen hinarbeitenden Schriften, stand man mit der mitteleuropäischen anthroposophischen Bewegung eigentümlich gegenüber, weil eine eigentümliche Erscheinung vorlag. Es war möglich durch die Evolutionsbedingungen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, daß eine große Anzahl von Menschen geistige Nahrung fand in der Literatur, die also zutage trat, es war möglich, daß eine große Anzahl von Menschen auch furchtbar anstaunte dasjenige, was durch Sinnett und die Blavatsky zutage getreten ist. Aber mit dem mitteleuropäischen Bewußtsein stimmte das nicht ganz gut zusammen. Denn für denjenigen, der die mitteleuropäische Literatur kennt, gibt es gar keinen Zweifel, daß man zum Beispiel nicht ohne weiteres im Fahrwasser dieser mitteleuropäischen Literatur stehen und sich ganz gleich wie viele andere zu dem verhalten kann, was da als eine Flut heraufkam, einfach, weil die mitteleuropäische Literatur unendlich vieles in sich hat — nur durch eine eigentümliche Sprache, auf die sich viele Menschen nicht einlassen wollen, verborgen —, was die spirituell Suchenden haben wollen.
[ 15 ] The aspiration that gave rise to the flood of literature and writings I have just mentioned sprang from an instinctive need felt by broader circles of humanity. Now, you see, the Central European anthroposophical movement took a peculiar stance toward both what emerged within the actual theosophical movement—namely, in the Theosophical Society—and the other flood of all manner of writings striving toward the spiritual, because a peculiar phenomenon was at hand. Due to the evolutionary conditions of the 19th and early 20th centuries, it was possible for a large number of people to find spiritual nourishment in the literature that emerged at that time; it was also possible for a large number of people to be deeply amazed by what had come to light through Sinnett and Blavatsky. But this did not quite align with the Central European consciousness. For anyone familiar with Central European literature, there is no doubt whatsoever that one cannot, for example, simply follow in the wake of this Central European literature and react—just like so many others—to what was surging forth like a flood, simply because Central European literature contains an infinite wealth —hidden only by a distinctive language that many people are unwilling to engage with—that is what those on a spiritual quest seek.
[ 16 ] Wir haben ja öfters von einem der Geister gesprochen, die so recht ein Beweis sein können, wie einfach in der künstlerischen Literatur, in der schöngeistigen Literatur das spirituelle Leben waltet und webt: Novalis. Wir hätten ebensogut, wenn wir für prosaischere Stimmungen hätten sorgen wollen, Friedrich Schlegel anführen können, der über die Weisheit der Inder so geschrieben hat, wie eben jemand schreibt, der nicht nur die Weisheit der Inder wiedergibt, sondern der sie aus dem westlichen Geiste heraus wiedergebiert. Wir hätten auf vieles verweisen können, was mit der Flut, von der ich gesprochen habe, nichts zu tun hat und was dann, ich möchte sagen, historisch im Abrisse von mir charakterisiert worden ist in meinem Buche «Vom Menschenrätsel». Bei Leuten wie Steffens, wie Schubert, wie Troxler findet man ja alles vielfach präziser, viel mehr auf moderner Höhe stehend vor als in der Flut von Literatur, die da plötzlich in den letzten Jahrzehnten des 19. und im Beginne des 20. Jahrhunderts hereingebrochen ist. Man muß sagen, gegenüber der Tiefe, die in Goethe, Schlegel, Schelling liegt, sind wahrhaftig die Dinge, die angestaunt wurden als hohe Weisheit, trivial, richtig trivial. Denn schließlich gilt es ja doch, daß für jemanden, der den Geist Goethes in sich aufgenommen hat, selbst so etwas wie «Licht auf den Weg» etwas Triviales ist. Ich meine, dieses soll man nicht vergessen. Wer den hohen Schwung von Novalis oder Friedrich Schlegel aufgenommen hat, oder sich erfreut hat an Schellings «Bruno», für den gilt diese ganze theosophische Literatur, wie sie aufgetreten ist, dennoch nur als etwas Vulgär-Triviales. Daher stand man vor der eigentümlichen Erscheinung, daß viele Menschen da waren, welche den ernsten, aufrichtigen Willen hatten, zum spirituellen Leben hinzukommen, die aber schließlich durch ihre geistige Artung eine gewisse Befriedigung finden konnten gerade an der charakterisierten TrivialLiteratur.
[ 16 ] We have often spoken of one of those spirits who can truly serve as proof of how easily spiritual life reigns and weaves its way through artistic literature and the literature of the fine arts: Novalis. If we had wanted to evoke a more prosaic mood, we could just as easily have cited Friedrich Schlegel, who wrote about Indian wisdom in a way that reflects not only a mere reproduction of that wisdom but its rebirth from within the Western spirit. We could have referred to many things that have nothing to do with the flood I have spoken of and which, I would say, have been historically characterized by me in outline form in my book The Enigma of Man. In the works of people like Steffens, Schubert, and Troxler, one finds everything presented far more precisely and at a much more modern level than in the flood of literature that suddenly swept in during the last decades of the 19th century and at the beginning of the 20th. It must be said that, compared to the depth found in Goethe, Schlegel, and Schelling, the things that were marveled at as profound wisdom are truly trivial—truly trivial. For ultimately, it is true that for someone who has absorbed the spirit of Goethe, even something like Light on the Path is trivial. I mean, one should not forget this. For anyone who has absorbed the lofty inspiration of Novalis or Friedrich Schlegel, or who has delighted in Schelling’s Bruno, all this theosophical literature, as it has appeared, is nevertheless nothing more than something vulgar and trivial. Hence, one was confronted with the peculiar phenomenon that there were many people who had a serious, sincere desire to attain a spiritual life, but who, due to their spiritual disposition, were ultimately able to find a certain satisfaction precisely in this very trivial literature.
[ 17 ] Und auf der andern Seite hatte die Entwickelung des 19. Jahrhunderts allmählich den Charakter angenommen, daß die wissenschaftlich gebildeten Leute aus Gründen, die ich oft erörtert habe, materialistische Denker geworden waren, mit denen nichts anzufangen war. Will man aber so recht feststehend das verarbeiten, was um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert durch Schelling, Schlegel, Fichte und andere zutage getreten ist, dann braucht man schon wenigstens einige wissenschaftliche Begriffe. Man kann ohne die nicht auskommen. Daher stand man vor einer sehr eigentümlichen Erscheinung. Es war nicht möglich, zur rechten Zeit etwas herbeizuführen, was hätte wünschenswert erscheinen können, nämlich, daß eine Anzahl, wenn auch eine kleine Anzahl von wissenschaftlich gebildeten Persönlichkeiten in die Lage gekommen wäre, ihre wissenschaftlichen Begriffe so auszubilden, daß sie den Anschluß gefunden hätten an die spirituelle Wissenschaft. Diese Leute waren überhaupt gar nicht zu finden, die waren gar nicht da. Das ist ja überhaupt eine Schwierigkeit, die vorliegt, und diese Schwierigkeit muß man sich klar vor Augen führen.
[ 17 ] On the other hand, developments in the 19th century had gradually taken on such a character that, for reasons I have often discussed, scientifically educated people had become materialist thinkers with whom one could not reason. But if one wishes to properly process what came to light at the turn of the 18th to the 19th century through Schelling, Schlegel, Fichte, and others, then one needs at least a few scientific concepts. One cannot do without them. Consequently, one was faced with a very peculiar phenomenon. It was not possible to bring about, at the right time, something that might have seemed desirable—namely, that a number, even if only a small number, of scientifically educated individuals would have been in a position to develop their scientific concepts in such a way that they would have found a connection to spiritual science. Such people were nowhere to be found; they simply weren’t there. This is, after all, a fundamental difficulty that exists, and one must keep this difficulty clearly in mind.
[ 18 ] Nehmen Sie an, man wende sich mit der Anthroposophie an die durch die heutige wissenschaftliche Bildung Gegangenen. Nun, wenn die Leute durch die wissenschaftliche Bildung gegangen sind, Juristen, Mediziner, Philologen geworden sind — von den Theologen gar nicht zu reden —, dann sind sie bei einem bestimmten Lebensalter angekommen, das es notwendig macht, dasjenige, was sie, ich will nicht sagen gelernt haben, aber was sie aufgenommen haben, nun auch wirklich im Leben zu verwerten, so wie das Leben es verlangt. Dann haben sie nicht mehr die Neigung und nicht mehr die Elastizität, aus ihren Begriffen sich herauszuarbeiten nach irgend etwas anderem hin. Und daher, gerade wenn man sich an wissenschaftlich gebildete Menschen wendet mit der Anthroposophie, wird man am allermeisten zurückgestoßen, trotzdem es nur ein weniges bedürfte für den heutigen Wissenschafter, die Brücke zu schlagen. Aber er will diese Brücke nicht schlagen. Es beirrt ihn, Wozu braucht er das? Er hat das gelernt, was das Leben von ihm fordert, und etwas anderes will er nicht haben, weil es ihn beirrt, weil es ihn unsicher macht, wie er glaubt. Und deshalb wird es schon noch einige Zeit dauern, bis Männer, die die Bildung ihrer Zeit — so wie man das definiert — in sich aufgenommen haben, die Brücke schlagen, wenigstens eine größere Anzahl von Männern. Da muß man durchaus Geduld haben. Das wird sich nicht so leicht machen lassen, insbesondere auf gewissen Gebieten nicht. Bevor aber auf gewissen Gebieten ernsthaftig in Angriff genommen wird dieses Brückenschlagen, werden immer große Hindernisse und Hemmungen eintreten. Vor allen Dingen wird es notwendig sein, auf den Gebieten, die heute den Umkreis der verschiedenen Fakultäten darstellen, mit Ausnahme der Theologie, diese Brücke zu schlagen.
[ 18 ] Suppose one were to present anthroposophy to those who have undergone today’s scientific education. Well, when people have gone through a scientific education and become lawyers, doctors, or philologists—not to mention theologians—they have reached a certain age at which it becomes necessary to truly apply in life what they have—I won’t say “learned,” but rather “absorbed”—in the way that life demands. By then, they no longer have the inclination or the flexibility to work their way out of their concepts toward something else. And that is why, precisely when one approaches scientifically educated people with anthroposophy, one is met with the greatest resistance—even though it would take only a little for today’s scientist to bridge the gap. But he does not want to bridge that gap. It confuses him: “Why does he need that?” He has learned what life demands of him, and he does not want anything else, because it confuses him, because it makes him feel insecure, as he believes. And that is why it will still take some time before men who have absorbed the education of their time—as it is defined—will build that bridge, at least a larger number of men. One must certainly be patient. This will not be easily accomplished, especially in certain fields. But before this bridging is seriously undertaken in certain fields, major obstacles and inhibitions will always arise. Above all, it will be necessary to build this bridge in the fields that today constitute the scope of the various academic disciplines, with the exception of theology.
[ 19 ] Die Jurisprudenz arbeitet sich immer mehr und mehr hinaus zu bloßen Begriffsschablonen, die ganz und gar ungeeignet sind, das Leben zu beherrschen. Sie beherrschen trotzdem das Leben, weil das Leben auf dem physischen Plane Maja ist — wäre es nicht Maja, so könnten sie es nicht beherrschen —, aber indem sie angewendet werden, bringen sie die Welt immer mehr und mehr durcheinander. Es ist eigentlich die Anwendung der gegenwärtigen Jurisprudenz, namentlich im Zivilrecht, ein bloßes Durcheinanderbringen der Verhältnisse. Man sieht das nur nicht klar. Wie sollte man es auch sehen? Man verfolgt ja nicht dasjenige, was entsteht aus der Anwendung der juristischen Schablonenbegriffe auf die Wirklichkeit, sondern man studiert Jurisprudenz, das heißt, man wird Advokat oder Richter, man nimmt die Begriffe auf und wendet sie an. Was aus der Anwendung wird, das kümmert einen nicht weiter. Oder aber man sieht, wie das Leben ist, trotzdem es eine Jurisprudenz gibt, die sehr schwer zu lernen ist, nicht nur aus dem Grunde schwer zu lernen ist, weil gerade die Juristen gewöhnlich die ersten Semester verbummeln, sondern auch aus andern Gründen schwer zu lernen ist. Man sieht dieses Leben, und sieht, daß es verworren wird und schimpft höchstens.
[ 19 ] Jurisprudence is increasingly reducing itself to mere conceptual templates that are entirely unsuited to governing life. Nevertheless, they do govern life, because life on the physical plane is Maya—if it were not Maya, they could not govern it—but as they are applied, they throw the world into ever greater confusion. In fact, the application of current jurisprudence, particularly in civil law, is nothing but a disruption of relationships. People just don’t see this clearly. How could they? After all, one does not pursue what arises from the application of legal boilerplate concepts to reality; rather, one studies jurisprudence—that is, one becomes a lawyer or a judge, absorbs the concepts, and applies them. One does not concern oneself further with the consequences of that application. Or one sees life as it is, even though there is a body of jurisprudence that is very difficult to learn—not only because law students typically waste their first semesters, but also for other reasons. One sees this life, sees that it is becoming entangled, and at most, one grumbles.
[ 20 ] In der Medizin, da liegt die Sache ja ernster. Die Medizin wird sich wirklich, wenn sie sich so weiterentwickelt im materialistischen Fahrwasser, wie sie seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts sich anläßt, völlig ad absurdum führen; sie wird schließlich in absoluten medizinischen Spezialismus auslaufen. Aber da liegen die Dinge doch insofern ernster, als es notwendig war, daß diese Strömung heraufkam, denn diese Strömung hat ihr Gutes gehabt, nur muß sie jetzt wiederum überwunden werden. Die materialistische Richtung der Medizin hat die Chirurgie bis zu einer gewissen Höhe gebracht, und nur durch die Einseitigkeit der Medizin konnte die Chirurgie jene Vollkommenheit erlangen, die sie erlangt hat. Aber die eigentliche Medizin hat darunter gelitten und muß nun durch einen Umschwung gerade zu einer Vergeistigung getrieben werden, wogegen man sich heute ungeheuer stark wehrt. — Am meisten hat spirituelle Durchsetzung alles dasjenige nötig, was mit der Pädagogik zusammenhängt. Nun, darüber haben wir ja mehrfach geredet. Da muß überall die Brücke geschlagen werden.
[ 20 ] In medicine, the situation is more serious. If medicine continues to develop along the materialistic path it has been following since the second third of the 19th century, it will truly lead itself completely ad absurdum; it will ultimately result in absolute medical specialization. But the situation is more serious insofar as it was necessary for this trend to emerge, for this trend has had its merits; it must now, however, be overcome. The materialistic direction of medicine has brought surgery to a certain level, and it was only through the one-sidedness of medicine that surgery was able to attain the perfection it has achieved. But medicine itself has suffered as a result and must now, through a radical shift, be driven toward spiritualization—a development against which there is tremendous resistance today. — Spiritual integration is most urgently needed in everything related to education. Well, we have spoken about this on several occasions. Bridges must be built everywhere.
[ 21 ] Vor allem, trotzdem es scheinbar am fernsten liegt, ist es aber vonnöten, daß gerade von der Technik, von der unmittelbaren Lebenspraxis die Brücke geschlagen wird zum spirituellen Leben. Denn der fünfte nachatlantische Zeitraum hat es zu tun mit der Entwickelung der materiellen Welt, und wenn der Mensch nicht vollständig degenerieren soil, das heißt, zum bloßen Handlanger der Maschine werden soll, wodurch er nichts weiter wird als ein Tier, so muß gerade der Weg von der Maschine zum spirituellen Leben gefunden werden. Für den technischen Praktiker ist es vor allen Dingen zuerst notwendig, daß er spirituelle Impulse in sein Seelenleben aufnimmt. Dies wird in dem Momente geschehen, wenn ein klein wenig mehr, als es jetzt der Fall ist, die technischen Studenten zum Denken angehalten werden, so daß sie die einzelnen Dinge, die ihnen beigebracht werden, miteinander verbinden. Das tun sie heute noch nicht. Sie hören Mathematik, sie hören Darstellende Geometrie, sie hören auch Geometrie der Lage zuweilen; sie hören reine Mechanik, analytische Mechanik, technische Mechanik, ‚sie hören dann die verschiedenen einzelnen, mehr in die Praxis hineingehenden Zweige, aber eine eigentliche Verbindung zwischen den einzelnen Dingen wird überhaupt gar nicht gesucht. In dem Augenblicke, wo die Leute, ich möchte sagen, dazu getrieben werden, so recht den gesunden Menschenverstand auf die Dinge anzuwenden, da werden sie — einfach durch das Entwickelungsstadium, in dem diese einzelnen Zweige stehen, von denen ich gesprochen habe — dazu getrieben werden, in das Wesen der Dinge und dann in das Spirituelle einzudringen. Wirklich, gerade von der Maschine aus wird man den Weg finden müssen in die spirituelle Welt hinein.
[ 21 ] Above all—even though it may seem the most remote—it is essential that a bridge be built from technology and the immediate practicalities of life to spiritual life. For the fifth post-Atlantean epoch is concerned with the development of the material world, and if human beings are not to degenerate completely—that is, become mere tools of the machine, thereby becoming nothing more than animals—then the path from the machine to spiritual life must be found. For the technical practitioner, it is first and foremost necessary to absorb spiritual impulses into his inner life. This will happen the moment technical students are encouraged to think just a little more than is currently the case, so that they can connect the individual concepts they are taught with one another. They do not do this today. They study mathematics, they study descriptive geometry, and they also study solid geometry from time to time; they study pure mechanics, analytical mechanics, and technical mechanics—they study the various individual branches that are more practice-oriented, but no real connection between the individual subjects is sought at all. The moment people—I would say—are driven to truly apply common sense to these matters, they will—simply because of the stage of development these individual branches I have spoken of have reached—be driven to penetrate into the essence of things and then into the spiritual realm. Indeed, it is precisely through the machine that we will have to find the path into the spiritual world.
[ 22 ] Nun, das alles sage ich, um die Schwierigkeit anzudeuten, welche die geisteswissenschaftliche Bewegung heute hat, weil sie gewissermaßen noch nicht diejenigen finden kann, welche geeignet wären, die Aura des Ernstgenommenwerdens zu erzeugen. Darunter leidet ja diese Bewegung am allermeisten, daß sie nicht ernst genommen wird. Und es ist merkwürdig, wie in allen Einzelheiten das zutage tritt. Hätte man manches erscheinen lassen, was erschienen ist, ohne daß die Leute gewußt hätten: Das ist von jemandem geschrieben, der in der theosophischen Bewegung steht —, so wäre es ernst genommen worden, wäre es ganz anders aufgefaßt worden. Aber einfach weil der Betreffende in der theosophischen Bewegung stand, war die Sache mit einer Marke versehen, die bewirkte, daß man sie nicht ernst nahm. Es ist sehr wichtig, dies ins Auge zu fassen. An Kleinigkeiten kann einem das entgegentreten, an richtigen Kleinigkeiten. Ich will zum Beispiel eine Kleinigkeit erwähnen, weil sie mir gerade in den letzten Tagen entgegengetreten ist, wirklich nicht aus einer albernen Eitelkeit heraus, sondern einfach, um Sie aufmerksam zu machen, wie die Dinge liegen.
[ 22 ] Well, I say all this to hint at the difficulty the spiritual science movement faces today, because, in a sense, it has not yet been able to find those who would be capable of creating the aura of being taken seriously. After all, what this movement suffers from most of all is that it is not taken seriously. And it is remarkable how this becomes apparent in every detail. If certain things that have been published had been released without people knowing, “This was written by someone involved in the Theosophical Movement,” they would have been taken seriously and interpreted quite differently. But simply because the person in question was part of the Theosophical Movement, the matter was labeled in a way that meant it was not taken seriously. It is very important to bear this in mind. This can manifest itself in trivial matters—in truly trivial matters. For example, I’d like to mention a minor detail—one that has come to my attention just in the last few days—not out of any silly vanity, but simply to draw your attention to how things really are.
[ 23 ] Ich habe in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» als einem derjenigen Geister, die aus gewissen Grundlagen heraus zum Spirituellen hingearbeitet haben, wenn auch noch in einer abstrakten Form, den Karl Christian Planck behandelt. Ich habe über Karl Christian Planck nicht nur in diesem Buche geschrieben, sondern in einer ganzen Anzahl von Städten in den letzten Wintern ziemlich ausführlich über Karl Christian Planck gesprochen, auch hingewiesen darauf, wie er verkannt worden ist, wie er mißverstanden worden ist, hingewiesen vor allen Dingen auf einen Umstand. Auf den Umstand habe ich scharf hingewiesen, daß dieser Mann in den achtziger, siebziger, sechziger, fünfziger Jahren in bezug auf die Zusammenhänge des industriellen und sozialen Lebens Dinge gedacht hat, die notwendig waren durchzuführen. Wenn dazumal irgend jemand sich gefunden hätte, der mit Verständnis dasjenige in die Praxis des sozialen Lebens umgesetzt hätte, was der Mann Großes an Ideen, an wirklichkeitsfreundlichen Ideen geleistet hat, dann — ich sage nicht zuviel — wären wahrscheinlich diese Leiden, die jetzt die Menschheit trägt, nicht über die Menschheit gekommen, die ja doch zum großen Teile damit zusammenhängen, daß die Menschheit in einer ganz falschen sozialen Struktur drinnenlebt. Ich habe darauf hingewiesen, wie es eine Pflicht ist, die Menschen nicht dahin kommen zu lassen, wo Karl Christian Planck hingekommen ist, der zuletzt ganz und gar entfremdet war aller Liebe zur Welt der äußeren physischen Wirklichkeit. Planck war Schwabe und hat in Stuttgart gelebt, ist in Tübingen zurückgewiesen worden von der Philosophie-Dozentur, die ihm die Möglichkeit geboten hätte, ein wenig zu wirken, und ich habe mit voller Absicht darauf hingewiesen, daß der Mann schließlich in seinem «Testament eines Deutschen» dazu gekommen ist, in der Vorrede zu sagen: «Nicht einmal meine Gebeine sollen in dem undankbaren Vaterlande liegen.» Es war das ein scharfes Wort. Es ist eben ein Wort, zu dem Leute in der Gegenwart kommen können gegenüber dem Stumpfsinn der Menschen, die gerade das nicht einsehen wollen, was wirklichkeitsfreundlich ist. Ich habe es absichtlich in Stuttgart zitiert, dieses Wort von den Gebeinen, denn das ist ja das engere Vaterland Plancks gewesen. Es war im wesentlichen damals auch nicht viel Reaktion da, trotzdem schon die Ereignisse da waren, die zeigten, wie sehr man Grund gehabt hätte, die Dinge zu verstehen.
[ 23 ] In my book The Mystery of Man, I discuss Karl Christian Planck as one of those thinkers who, based on certain principles, worked toward the spiritual realm—albeit still in an abstract form. I have not only written about Karl Christian Planck in this book, but have also spoken quite extensively about him in a number of cities over the past few winters, pointing out how he has been overlooked and misunderstood, and emphasizing one fact above all others. I have strongly emphasized the fact that, in the 1880s, 1870s, 1860s, and 1850s, this man conceived ideas regarding the interrelationships of industrial and social life that needed to be put into practice. If, back then, there had been anyone who, with understanding, had put into practice in social life the great ideas—ideas grounded in reality—that this man had developed, then—and I am not exaggerating—the sufferings that humanity now endures would probably not have befallen humanity; for these sufferings are, after all, largely connected to the fact that humanity lives within a completely flawed social structure. I have pointed out that it is our duty not to let people end up where Karl Christian Planck ended up, who in the end was completely alienated from all love for the world of external physical reality. Planck was a Swabian and lived in Stuttgart; he was rejected in Tübingen for the philosophy lectureship that would have given him the opportunity to make a small impact, and I deliberately pointed out that the man ultimately went so far as to say in the preface to his Testament of a German: “Not even my bones shall lie in this ungrateful fatherland.” That was a sharp remark. It is precisely the kind of remark people today might make in response to the obtuseness of those who refuse to recognize what is truly in harmony with reality. I deliberately quoted this phrase about the bones in Stuttgart, for that was, after all, Planck’s immediate homeland. Essentially, there wasn’t much reaction at the time, even though events had already occurred that showed just how much reason there was to understand these matters.
[ 24 ] Jetzt dagegen, nach etwa anderthalb Jahren, geht folgende Notiz durch die schwäbischen Zeitungen:
[ 24 ] Now, however, after about a year and a half, the following note is appearing in the Swabian newspapers:
«Karl Christian Planck. Nicht etwa nur ein Einzelner, sondern mancher weitblickende Geist hat den gegenwärtigen Weltkrieg vorausgesehen. Aber keiner hat seinen vollen Umfang so sicher geahnt und zugleich seine Ursachen und Wirkungen so scharf erfaßt wie unser schwäbischer Landsmann Planck.»
“Karl Christian Planck. It was not just one individual, but many far-sighted minds who foresaw the current world war. But none of them anticipated its full scope with such certainty, nor grasped its causes and effects with such clarity, as our Swabian compatriot Planck.”
[ 25 ] Ich habe dazumal gesagt: So genau hat Karl Christian Planck diesen Weltkrieg vorausgesehen, daß er sogar ausdrücklich darauf hingewiesen hat, daß Italien nicht auf der Seite der Mittelmächte stehen wird, trotzdem damals das Bündnis noch nicht geschlossen war, sondern man erst hinsteuerte darauf, als er den Ausspruch getan hatte.
[ 25 ] I said at the time: Karl Christian Planck foresaw this world war so accurately that he even explicitly pointed out that Italy would not side with the Central Powers, even though the alliance had not yet been formed at that time; rather, things were only moving in that direction when he made that statement.
«Ihm erschien dieser Krieg als das unvermeidliche Ziel, dem die politische und wirtschaftliche Entwickelung des letzten halben Jahrhunderts zusteuern mußte.»
“To him, this war seemed to be the inevitable outcome toward which the political and economic developments of the past half-century had been heading.”
[ 26 ] Das ist wirklich so!
[ 26 ] That's really true!
«Wie er aber die Schäden seiner Zeit aufgedeckt, so hat er zugleich den Weg gewiesen, der uns zu anderen Zuständen führen kann.»
“But just as he exposed the ills of his time, he also showed the way that can lead us to a different state of affairs.”
[ 27 ] Das ist das Wichtige! Nur hat keiner gehört!
[ 27 ] That's the important part! But nobody was listening!
«Bei ihm erfahren wir den tieferen Grund des Kriegswuchers und anderer schwarzer Flecken, die neben so vielem Schönen und Erfreulichen in dem Bilde des heutigen Volkslebens sich zeigen. Er kennt aber auch die tieferen inneren Kräfte des Volkslebens und weiß, wie sie freigemacht werden können, um die sittliche und rechtliche Erneuerung zu schaffen, nach der unsere Besten sich sehnen. Trotz aller schmerzlichen Enttäuschung, die seine Zeitgenossen ihm bereiteten, hat er an diese Kräfte und ihr siegreiches Hervorbrechen geglaubt.»
“Through him, we come to understand the deeper causes of war profiteering and other dark spots that appear alongside so much that is beautiful and joyful in the picture of contemporary national life. But he also understands the deeper inner forces of national life and knows how they can be unleashed to bring about the moral and legal renewal for which our best and brightest long. Despite all the painful disappointments his contemporaries inflicted upon him, he believed in these forces and their triumphant emergence.”
[ 28 ] Nur ist er bis zu einem solchen Ausspruch gekommen, wie ich ihn zitiert habe!
[ 28 ] But he went so far as to make a statement like the one I quoted!
«Es wird daher in weiteren Kreisen dankbar begrüßt werden, daß die Tochter des Philosophen nächstens in mehreren öffentlichen Vorträgen eine Einführung in die sozial-politischen Gedanken Plancks bieten will.»
“It will therefore be gratefully welcomed by a wider audience that the philosopher’s daughter intends to offer an introduction to Planck’s sociopolitical ideas in a series of public lectures in the near future.”
[ 29 ] Es ist interessant, daß nunmehr die Tochter des Philosophen auftritt nach anderthalb Jahren. Diese Notiz ist in einer Stuttgarter Zeitung erschienen. Dazumal, als von meiner Seite auf den Philosophen Karl Christian Planck in Stuttgart möglichst deutlich hingewiesen worden ist, hat überhaupt niemand Notiz genommen, hat sich auch niemand gedrängt gefühlt, das irgendwie bekanntzumachen. Anderthalb Jahre danach tritt die Tochter auf, die vermutlich bei dem Tode ihres Vaters, der 1880 erfolgt ist, auch schon gelebt hat, die also bis jetzt gewartet hat, um in öffentlichen Vorträgen für ihn einzutreten.
[ 29 ] It is interesting that the philosopher’s daughter has now come forward after a year and a half. This note appeared in a Stuttgart newspaper. Back then, when I had drawn attention as clearly as possible to the philosopher Karl Christian Planck in Stuttgart, no one took any notice at all, nor did anyone feel compelled to publicize it in any way. A year and a half later, his daughter has come forward—a woman who was presumably already alive at the time of her father’s death in 1880 and who has thus waited until now to speak out on his behalf in public lectures.
[ 30 ] Das ist ein Beispiel, das man nicht verzehn-, sondern verhundertfachen kann, und aus dem immer wieder gezeigt wird, wie es schwierig ist, zugleich das Umfassende der Geisteswissenschaft und das einzelne Praktisch-Konkrete zur Geltung zu bringen, trotzdem natürlich eine absolute Notwendigkeit dafür vorliegt. Denn nur durch das Umfassende der Geisteswissenschaft — das muß verstanden werden — ist eine Heilung möglich für dasjenige, was in der Kultur unserer Zeit lebt.
[ 30 ] This is an example that can be multiplied not tenfold, but a hundredfold, and which repeatedly demonstrates how difficult it is to give equal weight to both the comprehensive nature of spiritual science and the individual, practical, concrete aspects—even though, of course, there is an absolute necessity for doing so. For it is only through the comprehensive nature of spiritual science—and this must be understood—that a cure is possible for what is alive in the culture of our time.
[ 31 ] Und so war es notwendig, das,was wir anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nennen, doch in irgendeiner Weise in dem ernsten Fahrwasser zu halten, von dem die theosophische Bewegung immer mehr und mehr abgegangen ist. Es mußte der Geist, der erfaßt worden ist in der griechischen Philosophenzeit, schon die Dinge durchdringen, wenn auch dadurch die Meinung entstand, die Schriften seien schwer zu lesen. Und das war zuweilen nicht leicht. Denn gerade innerhalb der Bewegung stieß das auf größte Schwierigkeiten. Und eine der allergrößten Schwierigkeiten war die, daß es wirklich reichlich mehr als ein Jahrzehnt gebraucht hat, über eine Grundabstraktion hinwegzukommen. Man mußte langsam und geduldig arbeiten, um über eine Grundabstraktion hinwegzukommen, die zu dem Allerschädlichsten gehörte in unserer Bewegung. Diese Grundabstraktion bestand einfach darinnen, daß man an dem Worte «Theosophie» festhielt, ganz gleichgültig, wenn etwas «theosophisch» sich nannte, ob es nun wirklich durchdrungen war von der Geistigkeit des modernen Lebens oder ob es Rohmsches oder sonstiges Zeug war. Wenn es «theosophisch» genannt wurde, dann war es gleichberechtigt, denn das forderte die «theosophische Toleranz». Nur ganz langsam und allmählich war es möglich, gegen diese Dinge aufzukommen, denn ganz sagen konnte man das ja nicht gleich von Anfang, sonst wäre es ja als Anmaßung erschienen, und ein Gefühl davon hervorzurufen, daß doch ein Unterschied besteht zwischen den Dingen, und daß Toleranz, in diesem Sinne gebraucht, nichts anderes ausdrückt als die absoluteste Charakterlosigkeit im Urteilen. Das, worauf es eben ankommt, ist gerade das Hinarbeiten auf ein solches Wissen, auf eine solche Erkenntnis, die der Wirklichkeit gewachsen ist, die es aufnehmen kann mit den Forderungen der Wirklichkeit. Es mit den Forderungen der Wirklichkeit aufnehmen kann nur eine Geisteswissenschaft, welche mit den Begriffen unserer Zeit arbeitet. Und nicht nur das Leben in angenehmen theosophischen Vorstellungen, sondern das Ringen nach geistiger Wirklichkeit, das ist es, worauf hingestrebt werden muß.
[ 31 ] And so it was necessary to keep what we call anthroposophically oriented spiritual science, in some way, on the serious course from which the Theosophical Movement had increasingly strayed. The spirit that had been grasped during the era of the Greek philosophers had to permeate things, even if this gave rise to the opinion that the writings were difficult to read. And that was not always easy. For it was precisely within the movement that this encountered the greatest difficulties. And one of the very greatest difficulties was that it actually took well over a decade to overcome a fundamental abstraction. One had to work slowly and patiently to overcome a fundamental abstraction that was among the most harmful in our movement. This fundamental abstraction simply consisted in clinging to the word “Theosophy,” regardless of whether something called itself “theosophical”—whether it was truly imbued with the spirituality of modern life or whether it was Rohmian or some other nonsense. If it was called “theosophical,” then it was considered equal, for that was what “theosophical tolerance” demanded. It was only very slowly and gradually that it became possible to speak out against these things, for one could not say so outright from the very beginning—otherwise it would have appeared presumptuous—and to convey the sense that there is, after all, a difference between these things, and that tolerance, used in this sense, expresses nothing other than the most absolute lack of character in judgment. What really matters is precisely the striving toward such knowledge, toward such insight that is equal to reality, that can measure up to the demands of reality. Only a spiritual science that works with the concepts of our time can meet the demands of reality. And it is not merely a life spent in pleasant theosophical notions, but the struggle for spiritual reality—that is what we must strive for.
[ 32 ] Manche Menschen haben heute gar keinen Begriff, was es eigentlich heißt, nach der Wirklichkeit hin sich durchzuringen, weil man noch nicht volle Klarheit sich erringen will von der Abgebrauchtheit der Begriffe, mit denen heute gearbeitet wird. Nur eine kleine Probe aus einem scheinbar entlegenen Gebiete, von einem Ringen nach Wirklichkeit in Vorstellungen, lassen Sie mich vorbringen. Dulden Sie es, daß ich dies etwas Abgezogenere vorbringe, es soll ja nur kurz gemacht werden.
[ 32 ] Some people today have absolutely no idea what it actually means to strive toward reality, because they are not yet willing to gain full clarity regarding the obsolescence of the concepts used today. Let me present just a small example from a seemingly remote field—an example of a struggle for reality in ideas. Please bear with me as I present this somewhat abstract concept; I will keep it brief.
[ 33 ] Einzelne waren ja im 19. Jahrhundert immer da, welche esaufgenommen haben mit der Wirklichkeit, wie sie hereinbrechen sollte in ganz neuen Lebensvorstellungen, Lebensvorstellungen nicht nur im trivialen Sinne, sondern Lebensvorstellungen, wie man sie braucht gerade im praktischen Leben. So war in einer bestimmten Zeit im 19. Jahrhundert der Parallelbegriff brüchig geworden, der seit dem alten Euklid gegolten hat. Wann sind zwei Linien parallel? Nun, wer wäre sich denn nicht klar darüber, daß zwei Linien parallel dann sind, wenn sie noch so weit verlängert, sich nicht schneiden! Das ist ja auch die Definition: Zwei Gerade sind dann parallel, wenn sie, noch so weit verlängert, sich nicht schneiden. Es hat Leute im 19. Jahrhundert gegeben, die ihr ganzes Leben darauf verwendet haben, über diesen Begriff zur Klarheit zu kommen, weil er vor einem genauen Denken doch nicht standhält. Und ich will Ihnen einen Brief vorlesen, den einer der beiden Bolyai, Wolfgang Bolyai, geschrieben hat, um Ihnen zu zeigen, was Ringen in Vorstellungen heißt. Der Mathematiker Gauf hat ja begonnen, nachzudenken darüber, daß die Definition: Zwei Gerade sind parallel, wenn sie sich in unendlicher Entfernung oder gar nicht schneiden — eigentlich gar nichts sagt, bloß eine Rederei ist. Und der ältere Bolyai, der Vater, war Freund und Schüler von Gauß, aber er hat auch seinen Sohn, den jüngeren Bolyai angeregt. Und der Vater schrieb an den Sohn:
[ 33 ] There were, of course, always a few individuals in the 19th century who came to terms with reality as it was about to break into entirely new conceptions of life—conceptions not only in the trivial sense, but conceptions of life as they are needed precisely in practical life. Thus, at a certain point in the 19th century, the concept of parallel lines—which had been accepted since the time of Euclid—began to crumble. When are two lines parallel? Well, who wouldn’t be clear on the fact that two lines are parallel if, no matter how far they are extended, they do not intersect! That is, after all, the definition: Two straight lines are parallel if, no matter how far they are extended, they do not intersect. There were people in the 19th century who devoted their entire lives to clarifying this concept, because it does not hold up to rigorous scrutiny. And I would like to read you a letter written by one of the two Bolyais, Wolfgang Bolyai, to show you what it means to grapple with ideas. The mathematician Gauf had begun to reflect on the fact that the definition—that two straight lines are parallel if they intersect at an infinite distance or not at all—actually says nothing at all; it is merely empty rhetoric. And the elder Bolyai, the father, was a friend and student of Gauss, but he also inspired his son, the younger Bolyai. And the father wrote to his son:
«Du darfst die Parallelen auf jenem Wege nicht versuchen; ich kenne diesen Weg bis an sein Ende — auch ich habe diese bodenlose Nacht durchmessen, jedes Licht, jede Freude meines Lebens sind in ihr ausgelöscht worden — ich beschwöre Dich bei Gott! laß die Lehre von den Parallelen in Frieden — Du sollst davor denselben Abscheu haben, wie vor einem liederlichen Umgang, sie kann Dich um all’ Deine Muße, um die Gesundheit, um Deine Ruhe und um Dein ganzes Lebensglück bringen. — Diese grundlose Finsternis würde vielleicht tausend Newtonische Riesentürme verschlingen, es wird nie auf Erden hell werden, und das armselige Menschengeschlecht wird nie etwas vollkommen Reines haben, selbst die Geometrie nicht; es ist in meiner Seele eine tiefe und ewige Wunde; behüt’ Dich Gott, daß diese sich (bei Dir) je so tief hineinnagen möchte. Diese raubt einem die Lust zur Geometrie, zum irdischen Leben; ich hatte mir vorgenommen, mich für die Wahrheit aufzuopfern; ich wäre bereit gewesen zum Märtyrer zu werden, damit ich nur die Geometrie von diesem Makel gereinigt dem menschlichen Geschlecht übergeben könnte. Schauderhafte, riesige Arbeiten habe ich vollbracht, habe bei weitem Besseres geleistet als bisher (geleistet wurde), aber keine vollkommene Befriedigung habe ich je gefunden; hier aber gilt es: si paullum a summo discessit, vergit ad imum. — Ich bin zurückgekehrt, als ich durchschaut habe, daß man den Boden dieser Nacht von der Erde aus nicht erreichen kann, ohne Trost, mich selbst und das ganze Geschlecht bedauernd. Lerne an meinem Beispiel; indem ich die Parallelen kennen wollte, blieb ich unwissend, diese haben mir all’ die Blumen meines Lebens und meiner Zeit weggenommen. Hier steckt sogar die Wurzel aller meiner späteren Fehler, und es hat darauf aus den häuslichen Gewölken geregnet. — Wenn ich die Parallelen hätte entdecken können, so wäre ich ein Engel geworden, wenn es auch niemand gewußt hätte, daß ich sie gefunden habe.
... Versuche es nicht, Du wirst es nie zeigen, daß je mit den unaufhörlichen Einbiegungen desselben Maßes die untere Gerade geschnitten werde, es steckt in dieser materia ein ewig in sich zurückdrehender circulus — ein Labyrinth, das einen immer hineinlockt — wer sich hineinbegibt, verarmt, wie ein Schatzgräber, und bleibt unwissend. Solltest Du auf was immer für ein absurdum geraten, alles ist umsonst, Du kannst es nicht als ein Axiom hinstellen; ....
... Die Säulen des Herkules stehen in diesen Gegenden, gehe nicht um einen einzigen Schritt weiter, sonst bist Du verloren.»
“You must not venture down that path of parallels; I know that path all the way to its end—I, too, have traversed that bottomless night, and every light, every joy of my life has been extinguished within it—I implore you by God! Leave the theory of parallels alone—you should abhor it as much as you would debauchery; it can rob you of all your leisure, your health, your peace of mind, and all the happiness of your life. — This bottomless darkness might devour a thousand of Newton’s giant towers; it will never grow light on earth, and the wretched human race will never possess anything perfectly pure, not even geometry; it is a deep and eternal wound in my soul; may God protect you from ever letting it gnaw so deeply into you. It robs one of the joy of geometry, of earthly life; I had resolved to sacrifice myself for the truth; I would have been ready to become a martyr, if only so that I could hand geometry over to the human race cleansed of this blemish. I have accomplished tremendous, colossal works—achievements far superior to anything done before—yet I have never found complete satisfaction; for here the principle holds: si paullum a summo discessit, vergit ad imum. — I returned when I realized that one cannot reach the depths of this night from the earth, without consolation, lamenting myself and the entire human race. Learn from my example; in seeking to know the parallels, I remained ignorant; they have taken away all the blossoms of my life and my time. Herein lies the very root of all my later errors, and it rained down upon me from the clouds of domestic life. — If I had been able to discover the parallels, I would have become an angel, even if no one had known that I had found them.
... Do not try it; you will never be able to show that the lower straight line is ever intersected by the ceaseless turns of the same measure—there is in this matter an eternally self-reversing circle—a labyrinth that always lures one in—whoever enters it is impoverished, like a treasure hunter, and remains ignorant. Should you stumble upon any absurdity whatsoever, it is all in vain; you cannot present it as an axiom; ....
... The Pillars of Hercules stand in these parts; do not take a single step further, or you are lost.”
[ 34 ] Dennoch ist auch der jüngere Bolyai weitergegangen auf diesem Weg und hat sein ganzes Leben noch mehr als der Vater darauf verwendet, um auf einem Gebiete, wo man einen ganz realen Begriff zu haben scheint, der aber doch nur eine Rederei ist, zu einem konkreten Begriff zu kommen, Er wollte herausfinden, ob es denn wirklich so etwas gibt wie zwei Geraden, die sich auch in unendlicher Entfernung nicht schneiden; denn nachgelaufen ist ja noch niemand dieser unendlichen Entfernung, weil das eine unendliche Zeit erfordert, und die ist ja noch nicht abgelaufen. Es ist ja eine bloße Rederei. In den weitesten Begriffsverzweigungen stecken diese bloßen Redereien, stecken die bloßen Begriffsschatten. Ich wollte Sie nur auf etwas aufmerksam machen, was abgezogen wird, damit Sie sehen, wie gründlichere Geister des 19. Jahrhunderts an der Abstraktheit der Begriffe gelitten haben! Es ist interessant zu sehen, daß, während in allen Schulen gelehrt wird: Parallele Linien sind diejenigen, die sich nicht schneiden, wenn man sie noch so lange verlängert —, es einzelne Geister gegeben hat, denen das Arbeiten in dieser Vorstellung zur Hölle geworden ist, weil sie versuchten, durchzudringen zu einem wirklichen Begriff, nicht zu einer Begriffsschablone.
[ 34 ] Nevertheless, the younger Bolyai also continued down this path and devoted his entire life—even more so than his father—to arriving at a concrete concept in a field where one seems to have a very real notion, but which is, after all, merely empty talk, He wanted to find out whether there really is such a thing as two straight lines that do not intersect even at an infinite distance; for no one has ever traveled that infinite distance, since it would require an infinite amount of time, and that time has not yet elapsed. It is, after all, mere rhetoric. Hidden within the most far-reaching branches of concepts lie these mere rhetorical constructs, these mere shadows of concepts. I just wanted to draw your attention to something that is often overlooked, so that you can see how the more profound minds of the nineteenth century suffered from the abstract nature of concepts! It is interesting to see that, while all schools teach that “parallel lines are those that do not intersect, no matter how far they are extended,” there have been individual minds for whom working with this concept became a living hell, because they tried to penetrate to a real concept, not a conceptual template.
[ 35 ] Ja, das Ringen mit der Wirklichkeit, das ist es, worauf es ankommt, was die Leute in unserer Zeit doch mehr oder weniger fliehen, nicht wollen, weil sie ja «einsehen», wenigstens einzusehen glauben, daß sie «hohe Ideale» haben! Ja, auf die Ideale kommt es nicht an, sondern auf die Impulse, die mit der Wirklichkeit arbeiten. Denken Sie sich, es stelle sich einer hin und sagt das schöne Wort: Es muß nun endlich eine Zeit kommen, in welcher der Tüchtigste seine gebührende Berücksichtigung im Leben findet. — Das ist ein sehr schönes Programm! Man kann sogar Gesellschaften begründen mit dem Programm, die Gesellschaft so zu reformieren, daß der Tüchtigste zu seinem gebührenden Platz kommt; man könnte sogar Staatswissenschaften auf diesem Satz begründen. Aber auf den Satz kommt es nicht an, sondern auf das Wirklichkeitsdurchtränktsein. Denn, was nützt es denn, wenn dieser Satz noch so sehr gilt, wenn er von noch so vielen Gesellschaften als erster Programmpunkt selbst vertreten würde, aber die Menschen, die die Macht dazu haben, als den Tüchtigsten eben doch ihren Neffen ansehen! Es kommt ja nicht darauf an, den abstrakten Satz geltend zu machen, daß der Tüchtigste an den richtigen Platz gestellt werde, sondern daß man die Fähigkeit hat, den Tüchtigsten wirklich zu finden, nicht den Neffen zu finden! Man muß verstehen, wie abstrakte Begriffe überall in den Klunsen des Lebens, das heißt in den Spalten des Lebens durchfallen, wie sie nirgends etwas bedeuten, und wie unsere ganze Zeit angefüllt ist von lauter schönen Begriffen, gegen die ja auch nichts eingewendet werden soll in ihrer Begriffsschönheit; aber auf Wirklichkeitserfassung, auf Wirklichkeitserkenntnis kommt es an.
[ 35 ] Yes, the struggle with reality—that is what matters, what people in our time more or less flee from, do not want, because they “realize”—or at least believe they realize—that they have “lofty ideals”! Yes, it’s not the ideals that matter, but the impulses that engage with reality. Imagine someone standing up and saying these fine words: “There must finally come a time when the most capable receive their due recognition in life.”—That is a very fine program! One could even found societies with the program of reforming society so that the most capable take their rightful place; one could even base political science on this principle. But it is not the statement itself that matters, but rather how deeply it is rooted in reality. For what good is it if this statement is true—no matter how true—and even adopted as the first point of the program by countless societies, if the people who hold the power still regard their own nephew as the most capable! After all, it is not a matter of asserting the abstract principle that the most capable should be placed in the right position, but rather of having the ability to actually find the most capable—not the nephew! One must understand how abstract concepts fall through the cracks of life—that is, slip through the gaps of life—how they mean nothing anywhere, and how our entire age is filled with nothing but beautiful concepts, against which, of course, nothing can be objected to in terms of their conceptual beauty; but what matters is the grasp of reality, the understanding of reality.
[ 36 ] Stellen wir uns einmal vor, der Löwe wollte eine Weltenordnung für die Tiere begründen, wollte das Reich der Erde so einteilen, daß es gerecht ist. Was wird der Löwe tun? Ich glaube nicht, daß es dem Löwen einfallen wird, darauf zu drängen, daß in der Wüste die kleinen Tiere, die der Löwe sonst frißt, die Möglichkeit haben, nicht vom Löwen gefressen zu werden! Ich glaube es nicht, sondern er wird es als sein Löwenrecht betrachten, die kleinen Tiere eben zu fressen, die ihm begegnen. Dagegen könnte es dem Löwen schon einfallen, für das Meer zum Beispiel als eine gerechte Maßregel aufzustellen, daß die Haifische keine kleinen Fische fressen. Das könnte schon passieren, und es könnte sogar passieren, daß der Löwe eine furchtbar gute Tierordnung aufstellte, so daß im Meere und auf dem Nordpol und sonst, wo gerade der Löwe nicht zu Hause ist, es allen Tieren freiheitsgemäß außerordentlich gut geht. Aber ob es ihm gefallen würde, im Löwengebiete genau dieselbe Ordnung einzuführen, das frägt sich sehr. Der Löwe weiß nämlich ganz gut, was eine gerechte Weltenordnung ist, und er wird sie bei den Haifischen sehr gut anwenden.
[ 36 ] Let’s imagine for a moment that the lion wanted to establish a world order for the animals, to divide up the kingdom of the earth in a way that is just. What will the lion do? I don’t think it would occur to the lion to insist that in the desert, the small animals he normally eats should have the chance to avoid being eaten by him! I don’t think so; rather, he would consider it his lion’s right to simply eat the small animals he encounters. On the other hand, it might occur to the lion to establish, for the sea for example, a just rule that sharks are not to eat small fish. That could very well happen, and it might even happen that the lion would establish a wonderfully good order among animals, so that in the sea and at the North Pole and elsewhere—where the lion himself is not at home—all animals would thrive exceptionally well in accordance with their freedom. But whether he would be willing to introduce exactly the same order in the lion’s territory is highly questionable. For the lion knows very well what a just world order is, and he will apply it very effectively to the sharks.
[ 37 ] Nun, sprechen wir nicht vom Löwen, sondern sprechen wir vom Hungaricus. Ich habe Ihnen neulich gesagt, daß eine kleine Broschüre erschienen ist: «Conditions de Paix de l’Allemagne.» Diese Broschüre segelt nun ganz im Fahrwasser jener europäischen Landkarte, welche schon ihre erste Ankündigung in der berühmten Note der Entente an Wilson gefunden hat für die Zerstückelung Österreichs. Wir haben ja davon gesprochen. Hungaricus ist im Grunde genommen, mit Ausnahme der Schweiz, mit dieser Karte ganz einverstanden. Er redet zuerst sehr weise — wie ja jetzt die meisten Menschen weise reden — über das Recht der Nationen, auch über das Recht der kleinen Nationen, über das Recht, daß der Staat zusammenfallen muß mit der Kraft der Nation und so weiter. Das alles ist selbstverständlich sehr schön, so wie der Satz, daß der Tüchtigste auf seinen rechten Platz kommen muß, auch sehr schön ist. Solange man bei diesen Begriffsschatten bleibt, kann man sich ja die Finger ablecken, wenn man abstrakter Idealist ist und den Hungaricus liest. Für Schweizer ist ja der Hungaricus angenehmer zu lesen als die Karte, die ich vorgeführt habe, aus dem Grunde, weil der Hungariicus die Schweiz nicht auslöscht, sondern sie sogar vergrößert; er schreibt ihr nämlich Vorarlberg zu und Tirol. Deshalb rate ich gerade den Schweizern, den Hungaricus zu lesen, statt sich an jene Karte zu halten. Aber nun teilt er auch die Welt ein. Man kann sagen, er läßt allen, allen Völkern, selbst den kleinsten, in seiner Art absolutestes Recht freier Entwickelung —, wenn er nicht glaubt, daß er mit irgend etwas bei der Entente Anstoß erregt. Da verbrämt er das Wort so ein bißchen: bei Böhmen sagt er Selbständigkeit, bei Irland sagt er selbstverständlich Autonomie. Nun ja, das tut man so, nicht wahr! Frisieren kann man ja die Sache. Und so wird die Welt zurechtgeschnitten, die Welt Europas recht hübsch aufgeteilt, so daß mit Ausnahme eben der Dinge, auf die ich gerade hingewiesen habe — damit nicht Anstoß erregt werde —, wirklich versucht worden ist, die kleinsten Nationalitäten denjenigen Staaten zuzuteilen, von welchen die Vertreter der Entente glauben, daß die betreffenden Nationalitäten dieser kleinen Gebiete dort daheim sind. Es kommt ja dann sogar weniger darauf an, ob diese kleinen Gebiete wirklich diese Nationalitäten haben, sondern es kommt eben darauf an, daß man auf jener Seite glaubt, daß sie diesen Nationalitäten angehören. Also er bemüht sich recht schön, die Welt einzuteilen: die Welt, die außerhalb der Wüste — ah pardon —, außerhalb Ungarns liegt, denn in Ungarn übt er sein Löwenrecht! Für die Haifische, da gründet er die vollständige Freiheit! Aber die magyarische Nation ist seine Nation, und die muß umfassen nicht nur das, was sie heute schon umfaßt — obwohl sie ohnedies nur eine Minorität Magyaren umfaßt, und die Majorität eine andere Bevölkerung ist —, sondern das muß noch größer werden. Also da ist er ganz und gar der Löwe.
[ 37 ] Well, let’s not talk about the lion; let’s talk about the Hungaricus instead. I told you the other day that a small pamphlet has been published: “Conditions de Paix de l’Allemagne.” This pamphlet now follows entirely in the wake of that European map, which was first announced in the Entente’s famous note to Wilson regarding the dismemberment of Austria. We’ve discussed this before. Hungaricus is, in essence—with the exception of Switzerland—entirely in agreement with this map. He begins by speaking very wisely—as most people do these days—about the rights of nations, including the rights of small nations, about the principle that the state must correspond to the strength of the nation, and so on. All of this is, of course, very nice, just as the statement that the most capable must take their rightful place is also very nice. As long as one sticks to these abstract concepts, one can certainly enjoy reading Hungaricus if one is an abstract idealist. For the Swiss, the Hungaricus is, after all, more pleasant to read than the map I presented, for the reason that the Hungaricus does not erase Switzerland but actually enlarges it; for he assigns Vorarlberg and Tyrol to it. That is why I advise the Swiss in particular to read the Hungaricus instead of clinging to that map. But now he also divides up the world. One could say that he grants all—all peoples, even the smallest—the most absolute right to free development in his own way—provided he does not believe that he is causing offense to the Entente in any way. In such cases, he softens the wording a bit: for Bohemia, he says “independence”; for Ireland, he naturally says “autonomy.” Well, that’s just how it’s done, isn’t it! You can certainly dress things up a bit. And so the world is tailored, the world of Europe quite neatly divided, so that—with the exception of precisely those things I have just pointed out—in order not to cause offense—a genuine effort has been made to assign the smallest nationalities to those states where the representatives of the Entente believe that the nationalities in question are at home in those small territories. It really matters less whether these small territories actually have these nationalities; what matters is that the other side believes they belong to these nationalities. So he goes to great lengths to divide up the world: the world that lies outside the desert—ah, pardon me—outside Hungary, for in Hungary he exercises his right of the lion! For the sharks, he establishes complete freedom! But the Magyar nation is his nation, and it must encompass not only what it already encompasses today—although it comprises only a Magyar minority anyway, and the majority is a different population—but it must become even larger. So in that regard, he is the lion through and through.
[ 38 ] Da sieht man, wie heute Begriffe gemacht werden, wie heute gedacht wird. Man muß daran schon studieren, wie notwendig es ist, den Übergang zu wirklichkeitsdurchtränktem Denken zu finden. Dazu sind solche Begriffe notwendig, wie ich sie Ihnen hier vorführe. Und ich will einmal auch zeigen und muß zeigen, wie spirituelles Denken eben zu wirklichkeitsgemäßen Ideen führt. Es kommt überall darauf an, den richtigen Gedanken zu verbinden mit einer Sache; dann erkennt man, ob die Sache der Wirklichkeit entspricht oder nicht.
[ 38 ] Here we see how concepts are formed today, how people think today. One really has to consider how necessary it is to make the transition to thinking that is steeped in reality. To do this, concepts such as those I am presenting to you here are necessary. And I also want to show—and must show—how spiritual thinking leads precisely to ideas that correspond to reality. It all comes down to connecting the right thought with a thing; then one recognizes whether the thing corresponds to reality or not.
[ 39 ] Nehmen Sie zum Beispiel die jetzige Wilson-Note an den Senat. Was das Musterbeispiel ist, kann ja sogar in gewisser Beziehung wirksam sein; aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf kommt es an, daß sie «Begriffsschatten» enthält. Wenn sie wirksam ist, so ist es durch die Vertracktheit der Zeit, auf die gerade das Vertrackte einigen Einfluß haben kann. Nehmen Sie die Sache ganz objektiv, versuchen Sie sich aber einmal einen Begriff zu bilden, an dem Sie die Wirklichkeit, den Wirklichkeitsgehalt, der mit diesen Begriffsschatten etwa verbunden werden könnte, messen können. Sie brauchen sich nur eine einzige Frage zu stellen: Hätte denn nicht dieselbe Note auch im Jahre 1913 geschrieben werden können? Diese Idealismen, die dadrinnen stehen, hätten alle im Jahre 1913 ganz genau so, wie sie heute da stehen, geschrieben werden können! Sehen Sie, das ist ein unwirklichkeitsgemäßes Denken, das da glaubt an Absolutheit. Daß jederzeit «absolut» das herauskommt, ist unwirklichkeitsgemäßes Denken. Und dafür besteht in der Gegenwart so wenig Talent, dieses unwirklichkeitsgemäße Denken einzusehen, weil man nur auf das «Richtige» geht, während es auf das Wirklichkeitsgemäße eben auch ankommt.
[ 39 ] Take, for example, Wilson’s current note to the Senate. While this prime example may even be effective in a certain respect, that is not the point; rather, the point is that it contains “conceptual shadows.” If it is effective, it is due to the complexity of the times, over which precisely this complexity can exert some influence. Consider the matter entirely objectively, but try to form a concept by which you can measure the reality—the content of reality—that might be associated with these conceptual shadows. You need only ask yourself a single question: Couldn’t the same piece have been written in 1913 as well? All of these idealisms contained within it could have been written in 1913 exactly as they stand today! You see, this is a way of thinking that is out of touch with reality—one that believes in absolutes. The idea that something “absolute” always emerges is a way of thinking that is out of touch with reality. And there is so little talent in the present day to recognize this way of thinking that is out of touch with reality, because people focus only on what is “right,” whereas what is true to reality is just as important.
[ 40 ] Deshalb habe ich in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» so stark hervorgehoben, daß nicht nur das Logische in Betracht kommt, sondern das Wirklichkeitsgemäße. Nur ein Entschluß, der mit einer Tatsache der Gegenwart, der unmittelbaren Gegenwart rechnet, wäre mehr wert als die ganze Phraseologie. Gerade vielleicht an historischen Dokumenten kann man einsehen, daß dasjenige, was hier geredet wird, schon mit den Realitäten zusammenhängt, denn nach und nach sind jene Menschen an die Oberfläche gebracht worden, die nurmehr die Welt regieren wollen mit Abstraktionen, und das hat zu dem heutigen Zustande geführt, während ein wirkliches Denken, das auf die Dinge eingeht, überall auch Wirklichkeiten findet. Sie liegen, ich möchte sagen, so nahe, diese Wirklichkeiten! Nun denken Sie doch nur einmal: Nehmen Sie diesen realen Begriff, diesen Wirklichkeitsbegriff, den ich schon von einem andern Gesichtspunkte aus angeführt habe in den letzten Tagen, als ich Ihnen zeigte, wie von Süden herauf, das dann zu Italien geworden ist, das Priesterliche, Kultusmäßige dringt, das sich die Opposition geschaffen hat in dem mitteleuropäischen Protestantentum, wie vom Westen das Diplomatisch-Politische sich gebildet hat, das sich wieder die Opposition geschaffen hat, wie vom Nordwesten sich das Merkantilistische bildet, das sich wieder die Opposition geschaffen hat, und wie in Mitteleuropa eine Opposition aus dem Allgemein-Menschlichen heraus notwendig bestehen muß. Stellen wir noch einmal diese Ausstrahlung vor uns hin.
[ 40 ] That is why, in my book The Enigma of Man, I emphasized so strongly that it is not only logic that matters, but also what corresponds to reality. Only a decision that takes into account a fact of the present—the immediate present—would be worth more than all the rhetoric. It is perhaps precisely through historical documents that one can see that what is being discussed here is already connected to reality, for little by little, those people have been brought to the surface who wish to govern the world solely through abstractions, and this has led to the current state of affairs, whereas genuine thinking, which engages with things, finds reality everywhere. These realities, I would say, are so close at hand! Just think about it for a moment: Take this real concept, this concept of reality, which I have already mentioned from a different perspective in recent days, when I showed you how, coming up from the south—which then became Italy—the priestly, ritualistic element that has created opposition within Central European Protestantism; how the diplomatic-political element has taken shape from the West, which has in turn created opposition; how the mercantilistic element is taking shape from the northwest, which has again created opposition; and how, in Central Europe, an opposition arising from the universal human must necessarily exist. Let us once again visualize this influence.


[ 41 ] Schon im vierten nachatlantischen Zeitraum hat man angefangen — im Fortschritt gegenüber der alten Viergliedrigkeit, wo man von Kasten gesprochen hat —, diese Gliederung der Menschen etwas anders zu bezeichnen. Plato hat gesprochen vom «Lehrstand»; der Lehrstand ist derjenige, für den Rom, das priesterliche, das päpstliche Rom das Monopol genommen hat. Der Lehrstand hat es dahin gebracht, einzig und allein für sich die dogmatische Fixierung der Wahrheit aufzustellen und niemandem zu gestatten, von sich aus Wahrheiten aufzustellen. Es sollte nur von hier aus die Versorgung mit der Lehre, mit der Lehre sogar in den höchsten Dingen, ausgehen.
[ 41 ] As early as the fourth post-Atlantean epoch—marking a step forward from the old fourfold social structure, in which one spoke of “castes”—people began to describe this division of humanity somewhat differently. Plato spoke of the “order of teachers”; the teaching class is the one over which Rome—priestly, papal Rome—has established a monopoly. The teaching class has brought things to the point where it alone establishes the dogmatic fixation of truth and permits no one else to establish truths on their own. The supply of doctrine—even regarding the highest matters—was to come solely from this source.
[ 42 ] Das Politisch-Diplomatische ist auf einem andern Gebiete nichts anderes als der Platonsche Wehrstand. Ich habe es Ihnen ja ausgeführt, wie trotz des sogenannten preußischen Militarismus der Wehrstand gerade von Frankreich aus sich gebildet hat, nachdem seine Grundlage sogar in der Schweiz geschaffen worden ist. Der Wehrstand geht von da aus, schafft sich natürlich dadurch seine Opposition, daß er vorenthalten möchte den anderen dasjenige, was er für sich in Anspruch nimmt. Er will allein soldatenmäßig die Welt beherrschen, und wenn ihm von woanders her Soldatenhaftes entgegentritt, so findet er es unberechtigt, geradeso wie Rom es unberechtigt findet, wenn ihm von anderer Seite her irgend etwas über die Wahrheiten in der Welt entgegentritt. Und hier könnten wir ebensogut statt des Merkantilistischen schreiben den «Nährstand». Was wirklich im tiefsten Inneren — denken Sie nur darüber nach, meditieren Sie nur — diesem dritten Faktor entspricht, das ist der Nährstand. Was wird denn da vorenthalten? Selbstverständlich die Nahrungsmittel!
[ 42 ] In another sphere, the political-diplomatic realm is nothing other than the Platonic state of defense. I have already explained to you how, despite so-called Prussian militarism, the state of defense actually took shape in France, after its foundations had even been laid in Switzerland. The military state originates from there and naturally creates its own opposition by seeking to withhold from others what it claims for itself. It wants to rule the world solely through military means, and when something military in nature confronts it from elsewhere, it considers it unjustified—just as Rome considers it unjustified when something concerning the truths of the world confronts it from another quarter. And here we might just as well write “the sustenance class” instead of the “mercantilist class.” What truly corresponds to this third factor in the deepest sense—just think about it, just meditate on it—is the “food class.” What, after all, is being withheld there? Food, of course!
[ 43 ] Und wenn Sie die platonischen Begriffe richtig anwenden, wirklichkeitsgemäß anwenden, dann finden Sie überall die Wirklichkeit. Dann sind nämlich Ihre Begriffe so geartet, daß Sie mit den Begriffen in die Wirklichkeit untertauchen. Sie müssen vom Begriffe aus den Weg hineinfinden in die Wirklichkeit, und bis in das Konkreteste der Wirklichkeit wird der Begriff sich hineinfinden. Die Begriffsschatten finden nirgends die Wirklichkeit, aber mit Begriffsschatten läßt sich sehr schön herumplaudern, auch herumidealisieren, während Sie, wenn Sie mit wirklichen Begriffen arbeiten, bis in solche Einzelheiten hinein die Dinge verstehen werden.
[ 43 ] And if you apply the Platonic concepts correctly—that is, in a way that corresponds to reality—then you will find reality everywhere. For then your concepts are of such a nature that you can immerse yourself in reality through them. You must find your way into reality starting from the concept, and the concept will find its way into the most concrete aspects of reality. The shadows of concepts find no reality anywhere, but it is very easy to chat idly about them—and even to idealize them—while, if you work with real concepts, you will understand things down to such details.
[ 44 ] Und hier sehen Sie die Aufgabe der Geisteswissenschaft: Sie führt zu solchen Begriffen, durch die Sie das Leben, das ja nur eine Schöpfung des Geistes ist, wirklich auffinden können, durch die Sie aber auch sich hindurchringen werden, um am Leben in einer realen Weise mitzuarbeiten.
[ 44 ] And here you see the task of the humanities: They lead to concepts through which you can truly discover life—which is, after all, merely a creation of the mind—but through which you will also strive to participate in life in a real way.
[ 45 ] In bezug auf einen Begriff ist es besonders heute, wo die Menschheit vom Schicksal so furchtbar niedergedrückt ist, notwendig, realistisch, wirklichkeitsgemäß zu denken; denn der unwirkliche Begriff liegt auf diesem Gebiete ganz besonders nahe. Am unwirklichsten reden ja heute die Pastoren, wenn sie irgendwo auf irgendeinem Gebiete reden. Die reden natürlich auch am unwirklichsten über diesen Krieg, denn wenn sie schildern, wie in diesem Kriege das Christentum oder das Gottesbewußtsein sich ausdrückt — ja, das ist, nicht wahr, zum An-die-Wände-Heraufkriechen, wie man sagt. Da wird etwas Furchtbares daraus. Es wird ja aus andern Dingen oft auch etwas Furchtbares von dieser Seite her, aber es zeigt sich gerade auf diesem Gebiete das Absurde.
[ 45 ] When it comes to a concept, it is especially necessary today—when humanity is so terribly weighed down by fate—to think realistically and in accordance with reality; for in this realm, unrealistic concepts are all too easy to fall into. After all, it is the pastors who speak most unrealistically today whenever they address any subject. Naturally, they also speak most unrealistically about this war, for when they describe how Christianity or the awareness of God is expressed in this war—well, that is, isn’t it, enough to make one want to climb the walls, as they say. It turns into something terrible. Of course, other things often become terrible from this perspective as well, but it is precisely in this area that the absurdity reveals itself.
[ 46 ] Nehmen Sie nur einmal Schriften über den Krieg in die Hand, die jetzt gerade von dieser Seite her als Predigten oder dergleichen erscheinen, und sehen Sie sie einmal an mit gesundem Menschenverstande. Es ist ja natürlich auch naheliegend, daß das gesagt wird: Ja, muß denn die Menschheit dem schweren, schmerzlichen Geschicke ausgesetzt sein? Können nicht zum Heile der Menschheit die göttlich-geistigen Kräfte unmittelbar eingreifen, um das Heil herbeizuführen? Und hier muß gesagt werden: Mit einem hohen Scheine des Rechtes spricht man so, aber es ist kein wirklichkeitsgemäßer Begriff da, weil man nicht dasjenige trifft, was von diesem Gesichtspunkte aus in der Wirklichkeit begründet ist. — Ich will Ihnen das, worauf es ankommt, durch einen Vergleich klarmachen.
[ 46 ] Just pick up some writings about the war—the kind that are currently being published by this side as sermons or the like—and take a look at them with common sense. It is, of course, only natural to ask: “Must humanity really be subjected to such a difficult and painful fate?” Can’t the divine-spiritual forces intervene directly for the sake of humanity’s salvation to bring about that salvation? And here it must be said: People speak this way with a high semblance of righteousness, but there is no concept grounded in reality here, because they fail to grasp what is actually founded in reality from this point of view. — I want to clarify what is essential to you through a comparison.
[ 47 ] Der Mensch ist in einer gewissen Weise organisiert. Er nimmt Nahrungsmittel auf; die Nahrungsmittel sind so organisiert oder gestaltet, daß er sein Leben fortfristen kann. Denken Sie sich, wenn er sich weigerte, Nahrung aufzunehmen, er würde mager, krank, verhungert zuletzt. Ist es nun natürlich zu sagen, es sei eine Schwäche oder etwas Böses von der Gottheit, den Menschen verhungern zu lassen, wenn er durchaus nicht essen will? Das ist keine Schwäche der Gottheit. Die Gottheit hat die Nahrungsmittel geschaffen, der Mensch braucht nur zu essen. Die Weisheit des Gottes zeigt sich darin, daß die Nahrungsmittel den Menschen unterhalten; wenn er sich weigert, sie zu sich zu nehmen, so kann er den Gott nicht anklagen, daß er ihn verhungern läßt.
[ 47 ] Human beings are organized in a certain way. They consume food; that food is organized or structured in such a way that they can sustain their lives. Just imagine: if he refused to eat, he would grow thin, become ill, and eventually starve to death. Is it reasonable, then, to say that it is a weakness or an evil on the part of God to let a person starve to death if he absolutely refuses to eat? That is not a weakness on God’s part. God created food; humans need only eat it. God’s wisdom is evident in the fact that food sustains humans; if a person refuses to eat it, he cannot accuse God of letting him starve.
[ 48 ] Nun, übertragen Sie per Analogie dieses auf das andere: Die Menschheit muß das geistige Leben wie ein Nahrungsmittel betrachten. Es ist von den Göttern her da, aber es muß zu sich genommen werden. Und zu sagen: Die Götter müssen unmittelbar eingreifen —, das bedeutet nichts anderes, als zu sagen: Wenn ich nicht essen will, soll mich der Herrgott auf eine andere Weise satt machen. — Es ist durch die weisheitsvolle Weltenordnung immer dasjenige da, was zum Heile führen kann, aber es muß der Mensch sich in ein Verhältnis dazu setzen. Daher wird auch das für das 20. Jahrhundert notwendige spirituelle Leben nicht von selbst kommen, sondern die Menschen müssen es sich erringen, sie müssen es aufnehmen. Wenn sie es nicht aufnehmen, so werden immer trübere und trübere Zeiten kommen. Und dasjenige, was äußerlich geschieht, wird nur Maja sein, denn der innere Zusammenhang ist doch der, daß gegenwärtig eine alte Zeit mit einer neuen ringt. Gegenwärtig ringt sich überallempor das Allgemein-Menschliche gegenüber dem Einzelständlichen. Und wenn man heute glaubt, daß Nationen miteinander kämpfen, so ist das Maja — ich habe ja auch schon von andern Gesichtspunkten auf diese Maja hingewiesen —, das ist nur, weil sich die Dinge in der einen oder in der andern Weise gruppieren, was nicht genau dem inneren Gang entspricht: in Wahrheit liegen ganz andere Gegensätze vor. Es liegt der Gegensatz von Altem und Neuem vor. Es ringen sich ganz andere Gesetze empor, als diejenigen sind, die traditionell über die Welt geherrscht haben.
[ 48 ] Well, apply this by analogy to the other: Humanity must regard spiritual life as nourishment. It comes from the gods, but it must be taken in. And to say, “The gods must intervene directly”—that means nothing other than to say: If I don’t want to eat, God should satisfy me in some other way.” — Through the wise order of the universe, what can lead to salvation is always present, but human beings must establish a relationship with it. Therefore, the spiritual life necessary for the 20th century will not come of its own accord; rather, people must strive for it and take it in. If they do not embrace it, ever darker and darker times will come. And what happens outwardly will be nothing but Maya, for the inner connection is that, at present, an old era is wrestling with a new one. At present, the universal human is struggling against the particular everywhere. And if people today believe that nations are fighting one another—and this is Maya, as I have already pointed out from other perspectives—it is only because events are grouping themselves in one way or another, which does not exactly correspond to the inner course of events: in truth, entirely different opposites are at play. There is the contrast between the old and the new. Laws entirely different from those that have traditionally ruled the world are now emerging.
[ 49 ] Und wiederum war es Maja — das heißt etwas, was in einer falschen Gestalt auftritt —, wie sich diese andern Gesetze für Sozialistisches emporgerungen haben. Der Sozialismus ist nicht dasjenige, was mit der Wahrheit verbunden ist, vor allen Dingen ist er nicht mit dem Spirituellen verbunden, sondern er ist etwas, was sich gerade mit dem Materialismus verbinden will. Was sich eigentlich durchringen will, das ist die allseitig harmonische Menschlichkeit gegenüber den Einseitigkeiten von Lehr-, Wehr- und Nährstand. Der Kampf wird allerdings lange dauern, aber er kann ja auf verschiedenste Weise geführt werden. Hätte man im Planckschen Sinne im 19. Jahrhundert einer gesunden Lebenspraxis sich zugewendet, so wäre die blutige Praxis des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts zum mindesten gemildert worden. Mit Idealismen kann man die Dinge nicht mildern, sondern dadurch, daß man realistisch denkt, und realistisch denken bedeutet immer auch, spirituell denken.
[ 49 ] And once again, it was Maja—that is, something that appears in a false form—that allowed these other laws to rise up as socialist principles. Socialism is not that which is connected to the truth; above all, it is not connected to the spiritual, but rather it is something that seeks to align itself precisely with materialism. What is actually striving to prevail is a universally harmonious humanity in opposition to the one-sidedness of the scholarly, military, and economic classes. The struggle will certainly last a long time, but it can, of course, be waged in a wide variety of ways. Had people in the 19th century turned toward a healthy way of life in the Planckian sense, the bloody events of the first third of the 20th century would at least have been mitigated. Idealism cannot mitigate such things; rather, it is achieved by thinking realistically—and thinking realistically always also means thinking spiritually.
[ 50 ] Ebenso kann man sagen: Dasjenige, was geschehen muß, das muß schon geschehen. Dasjenige, was sich emporringt, muß alles das durchmachen, um es dahin zu bringen, Spiritualität mit der Seele zu vereinen, im Spirituellen aufzuwachsen. Das tragische Schicksal der Menschheit besteht darinnen, daß die sich emporringenden Menschen nicht im Zeichen des Spirituellen, sondern im Zeichen des Materiellen sich emporringen wollen. Das brachte sie zunächst in Konflikt mit denjenigen Brüderschaften, welche im Großen die Impulse des merkantilistischen Wesens, des industriell-kommerziellen Wesens materialistisch entwickeln wollen. Denn das ist der Hauptzusammenstoß der Gegenwart; das andere ist nur Begleiterscheinung, oftmals furchtbare Begleiterscheinung. Gerade da sieht man in eine furchtbare Maja hinein. Aber es ist schon möglich, daß die Dinge auf verschiedene Art angestrebt werden. So wäre es nötig gewesen, daß statt der Agenten der Brüderschaften, von denen ich gesprochen habe, herrschend gewesen wären andere Menschen. Denn dann würden wir heute in Friedensverhandlungen drinnenstecken, dann würde nicht bebrüllt worden sein der Weihnachtsruf um Frieden!
[ 50 ] Similarly, one might say: What must happen will happen. That which strives upward must go through all of this in order to unite spirituality with the soul and to grow within the spiritual realm. The tragic fate of humanity lies in the fact that those who strive upward do not wish to do so under the sign of the spiritual, but under the sign of the material. This initially brought them into conflict with those brotherhoods that, on a large scale, seek to develop the impulses of the mercantilist nature—the industrial-commercial nature—in a materialistic way. For this is the main conflict of the present; the other is merely a side effect, often a terrible one. It is precisely there that one gazes into a terrible Maya. But it is indeed possible that these goals are pursued in different ways. Thus, it would have been necessary for other people to have been in power instead of the agents of the brotherhoods I have spoken of. For then we would be engaged in peace negotiations today, and the Christmas call for peace would not have been shouted down!
[ 51 ] Nun, es wird ja außerordentlich schwer sein, in bezug auf gewisse Dinge klare und wirklichkeitstragende Begriffe und Ideen zu finden; aber jeder muß sie auf seinem Gebiete versuchen zu finden. Und wer ein wenig in den Sinn der Geisteswissenschaft eindringt und vergleicht diesen Sinn der Geisteswissenschaft mit anderem, was in der Gegenwart auftritt, der wird schon sehen, wie diese Geisteswissenschaft der einzige Weg ist, zu wirklichkeitserfüllten Begriffen zu kommen.
[ 51 ] Well, it will certainly be extremely difficult to find clear and realistic concepts and ideas regarding certain things; but everyone must try to find them in their own field. And anyone who delves a little into the essence of spiritual science and compares this essence with other current trends will see that spiritual science is the only path to concepts that are grounded in reality.
[ 52 ] Dies wollte ich als ein ernstes Wort in dieser Zeit noch an Sie richten, gewissermaßen zeigen — trotzdem die Aufgabe der Geisteswissenschaft nur aus dem Geiste selbst heraus aufgefaßt werden kann, nicht in Rücksicht darauf, was heute erörtert worden ist, sondern nur aus der Erkenntnis, aus dem Geiste selbst —, welches die Bedeutung, das Wesen der Geisteswissenschaft für die Gegenwart aber ist, und wie vonnöten es wäre, daß alles dasjenige, was nun geschehen kann zum Bekanntmachen der Geisteswissenschaft, wirklich geschähe. Es ist schon notwendig, daß in dieser schweren Zeit wir Geisteswissenschaft nicht nur aufnehmen in unsere Köpfe, sondern daß wir sie wirklich in warme Herzen aufnehmen. Denn nur, wenn wir sie in unsere Herzenswärme aufnehmen, werden wir in der Lage sein, Kraft zu entwickeln, welche die Gegenwart braucht. Und dann darf keiner an sich so denken, als ob er an seinem Orte nicht geeignet wäre oder nicht kraftvoll genug wäre, dasjenige zu tun, worauf es ankommt. Ein jeder wird durch sein Karma an seinem Orte schon die Möglichkeit finden, zur rechten Zeit an das Schicksal die entsprechenden Fragen zu stellen. Wenn diese rechte Zeit vielleicht auch noch nicht heute oder morgen ist, kommen wird sie in irgendeiner Weise. Darum kommt es darauf an, fest und sicher in den Impulsen dieser geistigen Bewegung drinnenzustehen, wenn man sie einmal verstanden hat. Insbesondere heute ist es notwendig, diese Festigkeit und Sicherheit sich als Ziel zu setzen. Denn entweder muß Bedeutungsvolles von irgendeiner Seite — was ja sein könnte, worauf aber nicht gerechnet werden darf — in der nächsten Zeit geschehen, oder alle Lebensverhältnisse gehen großen Schwierigkeiten entgegen. Und es wäre nur eine Gedankenlosigkeit, wenn man sich das nicht klarmachen wollte. Zweieinhalb Jahre konnte dasjenige, was man jetzt Krieg nannte, dauern, und die Verhältnisse blieben so erträglich, wie sie bis jetzt sind; nun aber geht es nicht noch ein weiteres Jahr. Und da werden schon auch solche Bewegungen wie die unsere die Probe durchzumachen haben. Da wird man nicht sagen können: Wann kommen wir wiederum zusammen? — oder: Warum kommen wir nicht zusammen? — oder: Warum erscheint dieses oder jenes nicht? —, sondern man wird in seinem Herzen tragen müssen, selbst über gefährdete Zeitperioden hindurch, das sichere Gefühl der Zugehörigkeit.
[ 52 ] I wanted to address this to you as a serious message at this time, to show, so to speak—even though the task of spiritual science can be understood only from the spirit itself, not in light of what has been discussed today, but solely from knowledge, from the spirit itself—what the significance the essence of spiritual science is for the present, and how necessary it would be for everything that can now be done to make spiritual science known to actually take place. It is indeed necessary that, in these difficult times, we not only take spiritual science into our minds, but that we truly take it into our warm hearts. For only when we take it into the warmth of our hearts will we be able to develop the strength that the present needs. And then no one should think of themselves as if they were not suited to their place or not powerful enough to do what matters. Through their karma, each person will already find the opportunity in their own place to ask destiny the appropriate questions at the right time. Even if that right time is not yet today or tomorrow, it will come in one way or another. That is why it is essential to stand firm and secure within the impulses of this spiritual movement once one has understood it. Today, in particular, it is necessary to set this firmness and security as a goal. For either something significant must happen from some quarter—which is certainly possible, though it cannot be counted on—in the near future, or all circumstances of life are heading toward great difficulties. And it would be nothing short of thoughtlessness not to recognize this. What is now called war could have lasted two and a half years, and conditions remained as bearable as they have been so far; but it will not last another year. And then movements such as ours will also have to face the test. Then one will not be able to say: “When will we meet again?”—or: “Why aren’t we meeting?”—or: “Why isn’t this or that happening?”—but one will have to carry in one’s heart, even through perilous times, the secure feeling of belonging.
[ 53 ] Gerade jetzt wollte ich solch ein Wort an Sie richten, weil es ja immerhin möglich ist, daß in gar nicht zu ferner Zeit nicht einmal eine Verkehrsmöglichkeit besteht, damit wir wieder zusammenkommen; ich meine nicht nur eine Erlaubnismöglichkeit, sondern eine Verkehrsmöglichkeit. Denn es können die Dinge nicht aufrechterhalten werden auf die Dauer, welche das ganze moderne Kulturleben ausmachen, wenn etwas hereinbricht in dieses moderne Kulturleben, das zwar aus ihm hervorgegangen ist, aber ihm im eminentesten Sinne widerspricht. Dadurch besteht aber gerade das Absurde, daß Dinge hervorgebracht werden aus dem Leben selber, die dann ihm selber widersprechen. So müssen wir darauf gefaßt sein, daß auch für unsere Bewegung schwere Zeiten kommen können. Aber sie werden uns nicht beirren, wenn wir die innere Sicherheit, Klarheit und das rechte Gefühl von der Bedeutung und dem Wesen der Bewegung in uns aufgenommen haben, wenn wir hinwegsehen können in so ernster Zeit über das Einzelpersönliche. Das gerade soll unsere Bewegung leisten: uns über das einzelne Persönliche auch schon im Blicke hinwegzuheben, unseren Blick zu richten auf die großen Angelegenheiten der Menschheit, die auf dem Spiele stehen. Und die größte ist doch diese: Verständnis zu bekommen für wirklichkeitsgemäßes Denken. — Auf Schritt und Tritt, überall findet man die Unmöglichkeit, wirklichkeitsgemäßes Denken zu finden. Man muß mit seinem Herzen bei einer solchen Sache dabei sein, dann wird man im einzelnen nicht durch allerlei Egoismus abirren können.
[ 53 ] I was just about to say something like that to you, because it is, after all, possible that in the not-too-distant future there won’t even be a way for us to meet again; I don’t mean just a matter of permission, but an actual way to meet. For the elements that constitute the whole of modern cultural life cannot be sustained in the long run if something breaks into this modern cultural life that, while having emerged from it, contradicts it in the most profound sense. Yet this is precisely what constitutes the absurdity: that things are brought forth from life itself which then contradict life itself. Thus, we must be prepared for the fact that difficult times may also come for our movement. But they will not deter us if we have internalized the inner certainty, clarity, and the right sense of the movement’s significance and essence, if we can look beyond the individual and personal in such serious times. This is precisely what our movement is meant to achieve: to lift us above the individual and personal even in our perspective, to direct our gaze toward the great matters of humanity that are at stake. And the greatest of these is surely this: to gain an understanding of thinking in accordance with reality. — At every turn, everywhere, one encounters the impossibility of finding thinking that is in accordance with reality. One must be fully engaged with one’s heart in such a cause; then one will not be led astray by all manner of selfishness in the details.
[ 54 ] Das ist es, was ich Ihnen wie eine Art Lebewohl heute, wo wir für einige Zeit Abschied nehmen müssen, zurufen möchte. Machen Sie sich so stark — auch für den Fall, daß es nicht notwendig sein sollte —, daß Ihr Herz durchtragen kann selbst in Seeleneinsamkeit dasjenige, was in der Geisteswissenschaft pulsiert, und womit wir uns ja doch hier befassen wollen. Schon der Gedanke, daß wir sicher sein wollen, wird vieles, vieles helfen; denn Gedanken sind Wirklichkeiten. Manches Schwierige, das in Aussicht steht, kann noch dadurch hinweggeräumt werden, daß wir aufrichtiges, ernstes Suchen in der Richtung haben, die jetzt öfter hier besprochen worden ist.
[ 54 ] That is what I would like to say to you today—as a kind of farewell, now that we must part ways for a while. Strengthen yourselves—even if it should not be necessary—so that your hearts can endure, even in spiritual solitude, what pulsates within spiritual science, and which is, after all, what we wish to engage with here. The very thought that we want to be certain will help in many, many ways; for thoughts are realities. Many of the difficulties that lie ahead can still be overcome by engaging in sincere, earnest seeking in the direction that has now been discussed here more often.
[ 55 ] An uns, die jetzt für eine Weile von hier fern sein müssen, wird es nicht liegen; wir werden schon Sorge tragen, wenn es sein kann, wieder zu kommen. Aber selbst, wenn es längere Zeit dauern sollte und an anderem liegen sollte, dann wollen wir hier doch den Gedanken niemals aus unserem Herzen, aus unserer Seele schwinden lassen, daß gerade an dieser Stätte, wo es unsere Bewegung bis zum sichtbaren Bau gebracht hat, die allerintensivste Anforderung besteht, diese Bewegung so positiv, so konkret, so energisch zu fassen, daß wir sie wirklich gemeinsam durchtragen, was auch kommen mag. Daher, wo wir auch sein werden, wollen wir in Gedanken treu, energisch und herzlich zusammenstehen und uns hören, auch wenn dies nicht mit physischen Ohren geschehen kann. Aber wir werden uns nur recht hören, wenn wir in starken Gedanken dieses Hören suchen, und nicht in Sentimentalitäten. Für Sentimentalitäten ist unsere Zeit wenig geeignet.
[ 55 ] It will not be our fault—we who must now be away from here for a while; we will certainly make every effort to return, if possible. But even if it should take a long time and be due to other circumstances, let us never allow the thought to fade from our hearts and souls that it is precisely at this place—where our movement has led us to the visible structure—that the most urgent need exists to grasp this movement so positively, so concretely, and so energetically that we truly carry it through together, come what may. Therefore, wherever we may be, let us stand together in thought—faithfully, energetically, and wholeheartedly—and hear one another, even if this cannot happen with physical ears. But we will only truly hear one another if we seek this hearing through strong thoughts, and not through sentimentality. Our time is not well-suited for sentimentality.
[ 56 ] In diesem Sinne sage ich Ihnen dieses Abschiedswort, das für viele ein Begrüßungswort ist für ein nunmehr sich anschließendes Zusammenleben mehr im Geiste, als es hier sein konnte auf dem physischen Plan. Hoffentlich kann auch das letztere in nicht ferner Zeit wieder einmal da sein.
[ 56 ] With this in mind, I offer you these parting words, which for many are words of welcome for a life together that is now to follow—one lived more in the spirit than was possible here on the physical plane. Hopefully, the latter, too, can return once again in the not-too-distant future.
