Central Europe between East and West
GA 174a
14 February 1918, Munich
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Central Europe between East and West, tr. SOL
Neunter Vortrag
Ninth Lecture
[ 1 ] Bevor ich zu dem Gegenstand unserer heutigen Betrachtung übergehe, ist es mir ein Herzensbedürfnis, in meinem persönlichen und im Namen unserer Sache meine tiefste Befriedigung darüber auszusprechen, daß die Räumlichkeiten, in denen wir uns heute hier zusammenfinden, einem Ziel, einer Arbeit, einer Bestrebung hier in München dienen können, die in so außerordentlich segensreicher Weise zu wirken verspricht, zu wirken auch schon begonnen hat, und von der wir uns denken müssen, daß sie bedeutende Impulse senden kann in das Geistesleben unserer Zeit.
[ 1 ] Before I turn to the subject of our discussion today, it is a matter close to my heart to express, both personally and on behalf of our cause, my deepest satisfaction that the premises in which we are gathered here today can serve a purpose, a task, and an endeavor here in Munich that promises to have such an extraordinarily beneficial impact—and has indeed already begun to do so— and which we must believe can provide significant impetus to the intellectual life of our time.
[ 2 ] Übergehend zu dem Gegenstand unserer Betrachtung, möchte ich, insbesondere in dieser Zeit, bei dieser Gelegenheit, nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß demjenigen, der sich für die Bestrebungen unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft wirklich herzlich interessiert, naheliegen muß in dieser Zeit schwerster Menschheitsprüfung, nachzusinnen über die Beziehungen, welche bestehen zwischen der Tatsache, daß gerade in dieser Zeit vom Beginne des 20. Jahrhunderts an, diese geisteswissenschaftliche Richtung versuchte, ihre Impulse in die Menschheitsentwickelung hineinzusenden, und der anderen Tatsache, daß die Menschheit in der Gegenwart mit ihren anderen Bestrebungen, wie man wohl zugeben muß, in katastrophale Ereignisse auf vielen Gebieten hineingekommen ist. In welch katastrophalen Ereignissen die Menschheit darinnen ist, davon macht man sich heute in den weitesten Kreisen noch nicht einen genügend schweren und eindrucksvollen Begriff. Man ist ja heute vielfach gewohnt, ohne den Geist leben zu wollen. Ohne den Geist leben zu wollen, heißt aber im Grunde genommen doch oberflächlich leben, und oberflächlich leben bedingt auf der anderen Seite, daß man vieles verschläft, was im besonderen Eindruck macht aus den Ereignissen, die um uns herum sind. Und man muß schon sagen, die Menschen in der Gegenwart sind besonders darauf hinorganisiert, vieles zu verschlafen. Die wenigsten suchen sich einen hinlänglichen Begriff von der Schwere und Eindringlichkeit der Gegenwartsereignisse zu machen. Die meisten leben von heute auf morgen. Und wenn man je einmal den Versuch macht, von einer Zeit zu sprechen, die später kommen könnte, dann weisen das die Menschen, und oftmals gerade diejenigen, auf die mancherlei ankommt, in der heftigsten Weise zurück. Wenn Geisteswissenschaft unter ihren mancherlei Aufgaben diese erfüllt, die Menschenseele etwas energischer zu machen, etwas aufgewachter zu machen, dann hat sie ja im Grunde genommen gerade für unsere Gegenwart ein Wichtiges erfüllt. Geisteswissenschaftliche Begriffe erfordern eben eine größere Anstrengung des Denkens, eine größere Intensität des Fühlens und Empfindens als andere Begriffe, namentlich als diejenigen, die die Gegenwart eigentlich beherrschen.
[ 2 ] Turning to the subject of our discussion, I would like—especially at this time and on this occasion—not to fail to point out that anyone who is genuinely and wholeheartedly interested in the endeavors of our anthroposophically oriented spiritual science must, in this time of humanity’s gravest trial, reflect on the connections that exist between the fact that, precisely at this time—from the beginning of the 20th century onward— this spiritual scientific movement sought to send its impulses into the development of humanity, and the other fact that humanity, with its other endeavors, has—as one must surely admit—now found itself embroiled in catastrophic events in many areas. Even in the broadest circles today, people do not yet have a sufficiently serious and vivid understanding of the catastrophic events in which humanity is currently embroiled. After all, people today are often accustomed to wanting to live without the spirit. But wanting to live without the spirit essentially means living superficially, and living superficially, in turn, means that one misses out on much of what makes a particular impression from the events taking place around us. And it must be said that people today are particularly predisposed to missing out on much of this. Very few seek to form a sufficient understanding of the gravity and poignancy of current events. Most live from one day to the next. And if one ever attempts to speak of a time that might come later, people—and often precisely those on whom much depends—reject this in the most vehement manner. If, among its many tasks, spiritual science fulfills the one of making the human soul a little more energetic, a little more alert, then it has, in essence, accomplished something important precisely for our present time. Concepts of spiritual science simply require a greater effort of thought, a greater intensity of feeling and perception than other concepts—namely, those that actually dominate the present.
[ 3 ] Insbesondere in dieser Zeit ist es nicht unwichtig, sich bekanntzumachen gerade mit den aus der Geistesforschung zu gewinnenden Begriffen, die hineinweisen, hineinleiten können in das Verständnis der Gegenwart im weitesten Sinn. Ich will heute einige grundlegende Begriffe entwickeln, auf denen wir dann am nächsten Zweigabend einiges aufbauen können, Begriffe, die geeignet sind, Wichtiges in der Gegenwart zu beleuchten. Heute will ich von allgemeineren Vorstellungen, von mehr das Persönliche des Menschen berührenden Vorstellungen ausgehen, die aber dann, von einem gewissen Gesichtspunkte aus, die Grundlagen für die nächsten Betrachtungen im geisteswissenschaftlichen Sinne uns bieten sollen.
[ 3 ] Especially in these times, it is by no means unimportant to familiarize ourselves with the concepts derived from spiritual research, which can point the way toward and guide us into an understanding of the present in the broadest sense. Today I would like to develop a few fundamental concepts upon which we can then build during our next branch meeting—concepts that are suited to shedding light on important aspects of the present. Today I would like to begin with more general ideas—ideas that touch more on the personal nature of the human being—but which, from a certain perspective, will provide the foundation for our subsequent reflections in the spirit-scientific sense.
[ 4 ] Man muß es ja im Verlaufe der geisteswissenschaftlichen Betrachtungen immer wieder und wiederum betonen, wie ein Wechsel unserer Bewußtseinszustände unser Leben durchzieht zwischen unserer Geburt oder Empfängnis und unserem Tode: der Wechsel zwischen Schlafen und Wachen. Im allgemeinen Sinne, in großen Zügen kennt der Mensch den Unterschied zwischen Schlafen und Wachen; in intimerer Bedeutung kann erst eine geisteswissenschaftliche Anschauung den wahren Unterschied zwischen Schlafen und Wachen vor die menschliche Seele führen. Im gewöhnlichen Leben meint man, man schlafe nur eben vom Einschlafen bis zum Aufwachen, und man sei wach vom Aufwachen bis zum Einschlafen. So ist aber die Sache nur in groben Zügen. In Wahrheit ist diese Grenze, die wir da ziehen zwischen Schlafen und Wachen, durchaus falsch gezogen. Denn der Zustand des dumpfen Bewußstseins, der in vieler Beziehung kein Bewußtsein ist, das, was wir so als Schlafzustand durchmachen, das dehnt sich hinein in unser Tagesleben, darin sind wir mit einem Teil unseres Wesens auch vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Wir wachen nämlich vom Aufwachen bis zum Einschlafen keineswegs mit unserem gesamten menschlichen Wesen, sondern wir wachen nur mit einem Teil davon, und ein anderer Teil schläft fort, auch wenn wir uns wachend meinen. Wir sind immer in einer gewissen Beziehung schlafende Menschen. Richtig wach sind wir eigentlich nur mit Bezug auf unser Wahrnehmen und mit Bezug auf unser Vorstellen. Indem wir durch unsere Sinne die Außenwelt wahrnehmen, indem wir hören, sehen und so weiter, sind wir in diesem Hören, Sehen, kurz, in diesem Wahrnehmen wachend; da wachen wir vollständig. Wir sind auch wachend, obwohl in einem geringeren Grade, im Vorstellen. Wenn wir uns Gedanken bilden, wenn Vorstellungen in uns ablaufen, wenn die Erinnerungen heraufziehen aus dunklen Untergründen des Seelenlebens, dann sind wir wach in bezug auf die Vorgänge, die wir da durchleben, also mit Bezug auf die Vorgänge des Wahrgenommenen, des Wahrnehmens, des Vorstellens.
[ 4 ] In the course of our spiritual scientific reflections, we must emphasize again and again how a shift in our states of consciousness permeates our lives between our birth or conception and our death: the shift between sleeping and waking. In a general sense, in broad terms, human beings are aware of the difference between sleeping and waking; but in a more intimate sense, only a spiritual scientific perspective can reveal the true difference between sleeping and waking to the human soul. In everyday life, people tend to think that they sleep only from the moment they fall asleep until they wake up, and that they are awake from the moment they wake up until they fall asleep. But this is only a rough outline of the matter. In truth, the boundary we draw here between sleeping and waking is entirely misplaced. For the state of dull consciousness—which in many respects is not consciousness at all—that which we experience as the state of sleep, extends into our waking life; in it, we remain with a part of our being from the moment we wake until we fall asleep. For from the moment we wake up until we fall asleep, we are by no means awake with our entire human being; rather, we are awake only with a part of it, while another part continues to sleep, even when we believe ourselves to be awake. In a certain sense, we are always sleeping human beings. We are truly awake only in relation to our perception and in relation to our imagination. As we perceive the external world through our senses—as we hear, see, and so on—we are awake in this hearing, seeing, in short, in this perception; there we are fully awake. We are also awake—albeit to a lesser degree—in our imagination. When we form thoughts, when ideas unfold within us, when memories rise from the dark depths of our inner life, then we are awake with regard to the processes we are experiencing—that is, with regard to the processes of perception, of perceiving, and of imagining.
[ 5 ] Sie wissen aber, wir haben in unserem Seelenleben außer dem Wahrnehmen und dem Vorstellen noch das Fühlen und das Wollen. Mit Bezug auf das Fühlen sind wir nicht wach, wenn wir uns auch wachend meinen, sondern mit Bezug auf das Fühlen wissen wir von alldem, was in uns vorgeht, wenn wir fühlen, nicht mehr, als was wir wissen, wenn wir im Schlafe träumen. Der Grad, die Intensität des Bewußtseins, in denen wir sind, während wir fühlen, ist ganz gleich dem Grad, der Intensität des Bewußtseins, wenn wir träumen. Und wie die Träume als Bilder heraufsteigen aus unbewußten Untergründen der Seele, so steigen als Gefühlskräfte eben die Gefühle herauf. Nicht wachender sind wir, indem wir fühlen, als indem wir träumen; nur daß wir die Träume, nachdem wir geschlafen haben, in das gewöhnliche wache, vorstellende Bewußtsein hereinbringen und den Traum von dem Wachen dadurch unterscheiden, daß wir uns an den Traum erinnern, während wir beim Gefühl das gleichzeitig machen. Das Gefühl selbst wird geträumt in uns, aber wir begleiten unser Gefühl mit den Vorstellungen. In den Vorstellungen haben wir nicht das Gefühl drinnen, sondern wir schauen von dem Vorstellen auf das Gefühl so hin, wie wir nach dem Aufwachen auf den Traum hinschauen; nur tun wir das beim Gefühl gleichzeitig, daher werden wir dessen nicht bewußt, daß wir eigentlich im wirklichen Bewußtsein nur die Vorstellung des Gefühls haben. Das Gefühl ist unten in den Traumregionen wie der Traum selbst.
[ 5 ] But as you know, in our inner life, in addition to perception and imagination, we also have feeling and volition. As far as feeling is concerned, we are not awake, even if we think we are; rather, when it comes to feeling, we know no more about what is going on within us when we feel than we do when we dream while asleep. The degree and intensity of consciousness in which we find ourselves while feeling are exactly the same as the degree and intensity of consciousness when we dream. And just as dreams rise as images from the unconscious depths of the soul, so too do feelings rise as emotional forces. We are no less awake when we feel than when we dream; the only difference is that, after sleeping, we bring our dreams into our ordinary waking, imaginative consciousness and distinguish the dream from wakefulness by remembering it, whereas with feeling we do this simultaneously. The feeling itself is dreamed within us, but we accompany our feeling with ideas. In these mental images, we do not have the feeling within them; rather, we look at the feeling from the perspective of the mental image, just as we look at a dream after waking up; only, with feeling, we do this simultaneously, and therefore we do not become aware that, in actual consciousness, we have only the mental image of the feeling. The feeling lies down in the regions of dreams, just like the dream itself.
[ 6 ] Und der Wille selber, Sie können es schon rein äußerlich erkennen: Was wissen Sie von dem, was eigentlich geschieht, wenn Sie den Entschluß fassen, ein Buch zu ergreifen und die Hand dann dieses Buch ergreift? Was wissen Sie, was sich da abspielt zwischen Ihren Vorstellungen, die Sie allein im Bewußtsein haben: Ich will das Buch ergreifen — und all den geheimnisvollen Vorgängen, die sich dann im Organismus abspielen? Wir kennen das, was wir über das Wollen denken, aber für das gewöhnliche Bewußtsein wissen wir nichts von dem Wollen. Während wir das Gefühl verträumen, verschlafen wir den eigentlichen wesentlichen Inhalt des Wollens. Indem wir wahrnehmender, vorstellender Mensch sind, wachen wir; indem wir aber während des Wachens fühlen und wollen, träumen und schlafen wir. So dehnt sich im Fühlen und im Wollen der Schlafzustand in unser wachendes Bewußtsein herein. Wir müssen daher sagen: Der Zustand, in dem wir vom Einschlafen bis zum Aufwachen mit Bezug auf unseren ganzen Menschen sind, eignet uns in bezug auf unser Fühlen und unser Wollen auch, wenn wir wachen.
[ 6 ] And the will itself—you can already see this from the outside: What do you know about what actually happens when you make the decision to pick up a book and your hand then reaches for it? What do you know about what is going on there between your ideas, which exist solely in your consciousness: “I want to pick up the book”—and all the mysterious processes that then take place within the organism? We know what we think about willing, but to ordinary consciousness, we know nothing of willing itself. While we daydream about this feeling, we miss the actual, essential content of willing. Insofar as we are perceiving, imagining human beings, we are awake; but when we feel and will while awake, we dream and sleep. Thus, through feeling and willing, the state of sleep creeps into our waking consciousness. We must therefore say: The state in which we find ourselves—from falling asleep to waking up—with regard to our entire being also applies to our feeling and willing even when we are awake.
[ 7 ] Durch das Wahrnehmen und durch das Vorstellen lernen wir eine Welt um uns herum erkennen, die wir als die physisch-sinnliche Welt bezeichnen; durch das Fühlen und durch das Wollen lernen wir die Welt, in der wir sind als fühlende und wollende Menschen, nicht kennen. Wir sind fortwährend in einer übersinnlichen Welt. Aus dieser übersinnlichen Welt stammt unser Fühlen und unser Wollen mit Bezug auf ihre Kräfte gerade so, wie unser Wahrnehmen und unser Vorstellen aus der physisch-sinnlichen Welt stammt. Für das Fühlen und für das Wollen haben wir keine körperlichen Organe, für das Wahrnehmen und Vorstellen haben wir körperliche Organe. Daß die Physiologen glauben, es gäbe für Fühlen und Wollen Organe — manche Physiologen, denkende Physiologen, glauben es nicht —, das kommt nur daher, daß sie nicht wissen, wovon sie reden und doch über etwas reden, wovon sie etwas wissen wollen und nichts wissen.
[ 7 ] Through perception and imagination, we come to recognize the world around us, which we call the physical-sensory world; through feeling and willing, we do not come to know the world in which we exist as feeling and willing human beings. We are constantly in a supersensible world. Our feeling and our willing, in relation to their powers, originate in this supersensible world, just as our perception and our imagination originate in the physical-sensory world. We have no physical organs for feeling and willing, but we do have physical organs for perception and imagination. The fact that physiologists believe there are organs for feeling and willing—though some physiologists, thoughtful physiologists, do not believe this—stems solely from the fact that they do not know what they are talking about, and yet they speak of something about which they wish to know something but know nothing.
[ 8 ] Das, was ich eben beschrieben habe, ist gewissermaßen der gesetzmäßige Zustand, in dem wir leben zwischen der Geburt und dem Tode. Da wachen wir in bezug auf unser Wahrnehmen und Vorstellen, da schlafen wir in bezug auf unser Fühlen, in bezug auf unser Wollen.
[ 8 ] What I have just described is, in a sense, the natural state in which we live between birth and death. In that state, we are awake in terms of our perception and imagination, but asleep in terms of our feelings and our will.
[ 9 ] Anders ist es zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Da ist es in gewissem Sinne umgekehrt, da beginnen wir zu wachen in bezug auf unser Fühlen und unser Wollen. Und in einer gewissen Beziehung verschlafen wir dann — obwohl der Schlaf ein anderer Zustand ist in der Welt, in der wir dann mit unserer Seele leben — unser Wahrnehmen, unser Vorstellen. Aber Sie werden aus dem, was ich jetzt gesagt habe, erkennen können, daß sich die sogenannten Toten von den sogenannten Lebendigen im Grunde genommen nur dadurch unterscheiden, daß der sogenannte Lebendige dasjenige verschläft, in dem der sogenannte Tote eigentlich drinnensteht. Der sogenannte Lebendige verschläft das Fühlen und das Wollen, das fortwährend durch sein Wesen strömt; der Tote steht in diesem Fühlen und Wollen drinnen. Nicht schwer wird es Ihnen sein, zu verstehen, daß in derselben Welt, in der wir sind als sogenannte Lebende, auch die Toten sind. Wir sind von ihnen nicht anders getrennt als dadurch, daß wir die Welt, in der sie sind, in der sie leben und weben, nicht wahrnehmen. Immer sind um uns diejenigen, die tot sind, immer sind um uns diejenigen Wesen, die da leben, ohne daß sie es zu einer physischen Inkarnation gebracht haben. Wir nehmen sie nur nicht wahr. Sie brauchen sich nur die Vorstellung zu bilden eines im Zimmer schlafenden Menschen: die Gegenstände sind um ihn herum, er nimmt sie nicht wahr. Daß irgendetwas nicht wahrgenommen wird, ist ja kein Beweis dafür, daß es nicht da ist. Es sagt überhaupt gar nichts darüber aus, ob es um uns da ist oder nicht. In der Tat sind wir mit Bezug auf die Welt der Toten ganz in derselben Lage, in der wir mit Bezug auf die physischen Wesen sind, wenn wir schlafen. Wir leben in derselben Welt, in der die Toten und in der die übergeordneten Reiche der höheren Hierarchien sind; sie sind mitten unter uns, wir sind nur durch unsere Art des Bewußtseins von ihnen getrennt.
[ 9 ] The situation is different between death and a new birth. In a certain sense, it is the reverse: there we begin to awaken in terms of our feelings and our will. And in a certain sense, we then—even though sleep is a different state in the world where we then live with our soul—sleep through our perception and our imagination. But you will be able to see from what I have just said that the so-called dead differ from the so-called living, fundamentally speaking, only in that the so-called living sleep through that in which the so-called dead actually dwell. The so-called living person sleeps through the feeling and willing that constantly flow through their being; the dead person is immersed in this feeling and willing. It will not be difficult for you to understand that the dead are also in the same world in which we, as so-called living beings, exist. We are separated from them only in that we do not perceive the world in which they are, in which they live and act. Those who are dead are always around us; those beings who live there without having attained a physical incarnation are always around us. We simply do not perceive them. You need only imagine a person sleeping in a room: the objects are around him, but he does not perceive them. The fact that something is not perceived is, after all, no proof that it is not there. It says absolutely nothing about whether it is present around us or not. In fact, with regard to the world of the dead, we are in exactly the same situation as we are with regard to physical beings when we are asleep. We live in the same world as the dead and as the higher realms of the higher hierarchies; they are right in the midst of us; we are separated from them only by our state of consciousness.
[ 10 ] Dann aber ist die Sache doch so, daß der Mensch gewissermaßen nur einen Teil derjenigen Wirklichkeit wahrnimmt, nur einen Teil derjenigen Wirklichkeit auffaßt, in der er eigentlich drinnen ist. Wenn der Mensch die volle Wirklichkeit auffassen würde, dann würde selbstverständlich sein Wissen ganz anders aussehen, als es jetzt aussieht. Aber innerhalb dieses Wissens würden nicht nur die Kräfte sein, die aus den uns bekannten Naturreichen kommen, sondern innerhalb dieses Wissens würden auch die Kräfte von höheren geistigen Wesenheiten liegen und auch die aus dem Reiche der sogenannten Toten. Dies ist heute noch für die weitesten Kreise der Menschheit eine groteske Sache. Dies muß für weitere Kreise der Menschheit, insbesondere für diejenigen, die sich zu interessieren haben für Entwickelung und Fortgang des Menschenlebens, eine Sache werden, die erkenntnismäßig durchdrungen wird. Denn bis in unsere Zeit herein war der Mensch mehr oder weniger von dunklen, unbekannten Kräften geführt mit Bezug auf all dasjenige, was er nicht wahrnehmen kann in seiner Umgebung. Diese Führung durch dunkle, unbekannte Kräfte — wir werden davon noch zu sprechen haben am nächsten Zweigabend —, die hat in unserer Zeit mehr oder weniger aufgehört. Der Mensch muß in unserer Zeit in bewußter Art sich in Verbindung setzen mit gewissen Kräften, die aus jenem Reiche hereinragen in das unsere, in dem auch die sogenannten Toten sind. Es wird allerdings einige Schwierigkeiten machen, solche Dinge zu dem Bewußtseinsgrade der Menschheit zu bringen, der erforderlich ist, wenn anstelle mancher Phantastik, manches Ungenügenden, das die Gegenwart durchschwirrt und sie so katastrophal gestaltet hat, das Wirkliche, das Wahre treten soll. Ich will in dieser Richtung nur auf einen einzigen Punkt, auf eine einzige Sache einleitungsweise aufmerksam machen.
[ 10 ] But the fact is that human beings, so to speak, perceive only a part of that reality, grasp only a part of the reality in which they are actually immersed. If human beings were to grasp the full reality, then their knowledge would, of course, look quite different from what it does now. But within this knowledge would lie not only the forces that come from the natural realms known to us, but also the forces of higher spiritual beings and those from the realm of the so-called dead. This is still a grotesque notion for the vast majority of humanity today. This must become a matter that is thoroughly understood by broader circles of humanity, especially by those who are interested in the development and progress of human life. For right up to our own time, human beings have been guided, to a greater or lesser extent, by dark, unknown forces with regard to everything in their surroundings that they cannot perceive. This guidance by dark, unknown forces—we will speak more about this at the next branch meeting—has more or less ceased in our time. In our time, human beings must consciously connect with certain forces that extend from that realm into ours, the realm in which the so-called dead also reside. It will, of course, present some difficulties to bring such matters to the level of consciousness required of humanity if the real and the true are to replace some of the fantasy and inadequacy that pervades the present and has shaped it so catastrophically. By way of introduction, I would like to draw attention to just one point, just one thing in this regard.
[ 11 ] Unter mancherlei Betrachtungen, die man als sogenannte «wissenschaftliche» anstellt, befinden sich auch historische. Geschichte zum Beispiel wird gelehrt und gelernt in den Schulen. Aber was ist diese Geschichte? Geschichtswissenschaft ist ja — der Kundige weiß das nicht viel älter als etwas über hundert Jahre. Wer die Literatur früherer Zeiten kennt, der weiß, daß das, was man jetzt Geschichtswissenschaft nennt, nicht viel älter ist. Darauf will ich nicht weiter eingehen. Aber das, was jetzt Geschichte ist, das wird aufgefaßt von den Menschen, begründet von den Menschen mit denselben Vorstellungen, mit denselben Begriffen, die man im äußeren gewöhnlichen Leben hat, mit denselben Begriffen, die man anwenden kann, wenn man die Natur betrachtet. Und niemand frägt sich, ob es denn eigentlich angehe, das geschichtliche Leben auch so zu betrachten, wie man die äußere Natur betrachtet. Das geht nämlich nicht an. Denn in dem geschichtlichen Leben der Menschheit walten Impulse, die nicht erfaßt werden können mit den Vorstellungen, die wir in unserem wachen Bewußtsein haben. Aber wer Geschichte wirklich betrachten kann, der weiß, daß wir von solchen Impulsen im geschichtlichen Leben beherrscht werden, die für das gewöhnliche Bewußtsein nur dem Traumzustand zugänglich sind, höchstens dem Traumzustand. Das, was als Geschichte verfließt, verträumt die Menschheit. Geradeso wie die Menschheit ihr Gefühlsleben verträumt, so verträumt sie auch, was Geschichtsimpulse sind. Und will man mit den gewöhnlichen, für die Naturwissenschaft sehr guten Begriffen das geschichtliche Leben der Menschheit betrachten, so kann man es nicht erfassen. Man betrachtet es nur an seiner Oberfläche. Was ist das, was in den Schulen gelehrt und gelernt wird als Geschichte? Es ist nicht mehr in bezug auf die wirkliche Geschichte, als wenn Sie einen Leichnam betrachten, und das, was Sie beschreiben können an dem Leichnam, für die Beschreibung des Menschen halten. Leichnambetrachtung ist die ganze Geschichte, wie sie heute üblich ist. Die Geschichte muß die gründlichste Umgestaltung erfahren. Und dasjenige, was in der Geschichte waltet, wird man in der Zukunft nur mit Inspiration, mit inspirierten Begriffen erfassen können. Dann wird man eine wahre Geschichte haben. Dann wird man wissen, was in der Menschheit waltet, wird auch wissen, was aus dem geschichtlichen Leben in das soziale Leben hereinwirkt.
[ 11 ] Among the various lines of inquiry that are considered “scientific,” there are also historical ones. History, for example, is taught and studied in schools. But what is this history? The study of history—as those in the know are aware—is not much older than a little over a hundred years. Anyone familiar with the literature of earlier times knows that what is now called the science of history is not much older. I do not wish to go into this further. But what is now considered history is understood by people and grounded by people using the same ideas and the same concepts that one has in ordinary, everyday life—the same concepts that one can apply when observing nature. And no one asks themselves whether it is actually appropriate to view historical life in the same way one views the external natural world. For that is simply not possible. For in the historical life of humanity, there are impulses at work that cannot be grasped with the concepts we hold in our waking consciousness. But anyone who can truly observe history knows that we are governed in historical life by such impulses that, for ordinary consciousness, are accessible only in the state of dreaming—at most, in the state of dreaming. What flows by as history, humanity dreams away. Just as humanity dreams away its emotional life, so too does it dream away what historical impulses are. And if one attempts to view the historical life of humanity using the ordinary concepts that are very well suited to the natural sciences, one cannot grasp it. One merely observes it on the surface. What is it that is taught and learned in schools as history? It has no more connection to real history than if you were to examine a corpse and regard what you can describe about the corpse as a description of a human being. The examination of a corpse is the entirety of history as it is commonly understood today. History must undergo the most thorough transformation. And what prevails in history will, in the future, only be grasped through inspiration, through inspired concepts. Then we will have true history. Then we will know what prevails in humanity, and we will also know what influences social life from historical life.
[ 12 ] Das, was ich damit sage, hat eigentlich eine tiefgehende Bedeutung. Die Menschen glauben, das sozialgeschichtliche Leben zu verstehen. Sie verstehen es nicht, weil sie es nur auffassen wollen mit den gewöhnlichen Vorstellungen des wachen Tageslebens. Das zeigt sich natürlich nicht, wenn man Geschichte schreibt, denn da kommt nicht viel darauf an, ob man das Richtige trifft. Man könnte an naheliegenden Beispielen zeigen, daß nicht viel darauf ankommt! Nun, ich will solch ein naheliegendes Beispiel einmal vorbringen: Sie lernen in den Geschichtsbüchern gewöhnlich, glaube ich, daß 1492 Amerika entdeckt worden ist. Das ist ja auch der Fall. Aber man bildet sich dann durch das, was in den Geschichtsbüchern so vorkommt, überhaupt in der Geschichte vorkommt, die Vorstellung, daß Amerika früher ganz unbekannt war, so weit man auch zurückgehen mag. Das ist nicht der Fall. Amerika war kaum wenige Jahrhunderte hindurch unbekannt. Noch im 12., 13. Jahrhundert gab es einen lebhaften Verkehr von Island, von Irland nach Amerika hinüber. Insbesondere Heilkräuter und anderes wurde durch den lebhaften Verkehr nach Europa geführt. Und aus gewissen Gründen, die mit dem inneren Karma von Europa, mit der Rolle zusammenhängen, die in früheren Zeiten Irland gespielt hat, geschah es, daß von Rom aus alles getan worden ist, um Europa von Amerika abzuschließen und Amerika geradezu vergessen zu machen. Es war eigentlich das, was dazumal von Rom aus geschah, nicht einmal zu ungunsten der europäischen Verhältnisse; es war gut gemeint mit Europa. Ich will mit diesem Beispiel nur anführen, daß dasjenige, was eine Tatsache ist, noch nicht eine historische Tatsache zu sein braucht, daß man über eine wichtige Sache historisch ganz unwissend sein kann. Nun, auf der anderen Seite ist es aber bedeutsam, historisch wissend oder historisch unwissend zu sein in bezug auf das soziale, das gesellschaftliche Leben der Menschheit überhaupt. Das ist bedeutsam. Wie oft hört man heute, daß die Leute sagen: Über dieses Ereignis, über jenes Ereignis muß man so oder so denken, denn die Geschichte lehrt dies oder jenes. — Versuchen Sie einmal, sich die heutige, namentlich äußere publizistische Literatur vorzunehmen, so werden Sie sehen, wie oft Sie heute auf die Phrase stoßen: Die Geschichte lehrt dies oder jenes. — Historische Ereignisse, die der Mensch miterlebt, werden zwar zum Teil verschlafen, aber ihnen gegenüber bildet er sich doch ein Urteil, oder läßt es sich einimpfen. Sehr häufig hört man die Phrase, die Geschichte lehre das oder jenes. Und sehr bedeutsame Männer haben im Anfange dieses Krieges etwas darüber gesagt, was die Geschichte lehre. Es war dazumal die ehrliche Überzeugung von sogenannten gescheiten Leuten, daß dieser Krieg höchstens vier bis sechs Monate dauern könne nach den allgemeinen sozialen und ökonomischen Verhältnissen der Erde. Das haben viele vorausgesagt; höchstens vier bis sechs Monate! Es ist dies geradeso eingetroffen, wie eingetroffen ist, was von einem viel Größeren als eine historische Prophetie ausgesprochen worden ist, aber eben nur als eine historische Prophetie aus gewöhnlichen Vorstellungen des gewöhnlichen Bewußtseins der Menschheit, welche eben Geschichte nicht einfangen können, weil Geschichte höchstens geträumt, zum Teil verschlafen wird und nur mit großen Begriffen erfaßt wird. Schiller, als er seine philosophische Jenenser Professur antrat, hielt die weltbekannte Antrittsrede über das Studium der Geschichte. Diese Rede hielt er kurz vor Ausbruch der Französischen Revolution. Da sagte Schiller, also wahrhaftig keine unbedeutende Persönlichkeit, als seine aus der Geschichte geschöpfte Überzeugung — aber er hatte eben auch nur eine mit den gewöhnlichen Vorstellungen aus der Geschichte geschöpfte Überzeugung —, nicht wörtlich, aber dem Sinne nach: Die Geschichte lehrt uns zwar, daß in älteren Zeiten viele Streitigkeiten und Kriege unter den Menschen stattgefunden haben; aber aus alledem, was sich zugetragen hat, können wir entnehmen, daß in der Zukunft die europäischen Völker zwar noch Disharmonien haben werden, daß sie sich aber immer fühlen werden als die Glieder einer großen Familie und sich nicht gegenseitig zerfleischen werden. — So Friedrich von Schiller! Danach ist 1789 die Französische Revolution gekommen. Und was alles im 19. Jahrhundert gekommen ist über die Völkerfamilien von Europa, und was jetzt, so und so viele Jahre nachher, gekommen ist, das alles hat das sogenannte historische Urteil Schillers wahrhaftig in der gründlichsten Weise zunichte gemacht.
[ 12 ] What I’m saying here actually has a profound meaning. People believe they understand social and historical life. They don’t understand it because they try to grasp it only through the ordinary concepts of everyday life. Of course, this isn’t apparent when one writes history, because in that context it doesn’t matter much whether one gets it right. One could use obvious examples to show that it doesn’t matter much! Well, let me offer one such obvious example: I believe you usually learn in history books that America was discovered in 1492. That is, of course, the case. But based on what appears in history books—and in history in general—one forms the impression that America was completely unknown in the past, no matter how far back one goes. That is not the case. America was unknown for only a few centuries. Even in the 12th and 13th centuries, there was lively traffic from Iceland and Ireland to America. In particular, medicinal herbs and other goods were brought to Europe through this lively traffic. And for certain reasons connected with Europe’s inner karma—and with the role that Ireland played in earlier times—it came to pass that everything was done from Rome to cut Europe off from America and to make America virtually forgotten. That was actually what happened at the time from Rome—not even to the detriment of European conditions; it was well-intentioned toward Europe. I merely wish to use this example to illustrate that what is a fact does not necessarily have to be a historical fact, and that one can be completely ignorant of an important matter from a historical perspective. Now, on the other hand, however, it is significant whether one is historically knowledgeable or historically ignorant with regard to the social and societal life of humanity in general. That is significant. How often do we hear people say today: “One must think this way or that way about this event or that event, because history teaches this or that.” — Try taking a look at today’s journalistic literature—especially the more superficial kind—and you’ll see how often you come across the phrase: “History teaches this or that.” — While people may overlook some of the historical events they witness, they still form an opinion about them—or allow one to be instilled in them. Very often one hears the phrase that history teaches this or that. And very prominent men said something at the beginning of this war about what history teaches. At that time, it was the sincere conviction of so-called intelligent people that this war could last at most four to six months, given the general social and economic conditions of the world. Many predicted this; at most four to six months! This has come to pass just as what was uttered by someone far greater than a historical prophecy has come to pass—but precisely only as a historical prophecy based on the ordinary conceptions of humanity’s ordinary consciousness, which simply cannot grasp history, because history is, at best, dreamed of, partly slept through, and can only be comprehended through grand concepts. When Schiller took up his philosophical professorship at the University of Jena, he delivered his world-famous inaugural address on the study of history. He gave this address shortly before the outbreak of the French Revolution. There Schiller—truly no insignificant figure—expressed his conviction, drawn from history—though it was, after all, a conviction based solely on the ordinary notions derived from history—not verbatim, but in essence: History does indeed teach us that in earlier times many disputes and wars took place among people; but from all that has happened, we can infer that in the future the European peoples will indeed still have their disagreements, yet they will always feel themselves to be members of one great family and will not tear one another apart. — So said Friedrich von Schiller! Then came the French Revolution of 1789. And everything that befell the families of nations in Europe during the 19th century, and what has happened now, so many years later—all of this has truly and thoroughly shattered Schiller’s so-called historical judgment.
[ 13 ] Geschichte wird erst dann etwas lehren, wenn man sie mit inspirierten Begriffen wird durchdringen können. Denn in das geschichtliche Leben der Menschheit spielen nicht nur die Lebenden herein, sondern die Seelen der sogenannten Toten, die Geister, mit denen die sogenannten toten Seelen so leben, wie wir mit den Wesenheiten des Tierreiches, des Pflanzenreiches und des Mineralreiches leben. Heute nimmt man das vielfach als Phrase. Aber die Menschheit wird sich gründlich abgewöhnen müssen, der Phrase jene Anerkennung entgegenzubringen, die sie ihr gegenwärtig entgegenbringt. Das wird sie aber nur können, wenn sie wirklichkeitsgesättigte Begriffe, wahre Begriffe sich aneignet. Und ein besonders wichtiger, wahrer Begriff ist eben jener, der uns das Bewußtsein übermittelt, daß wir von den sogenannten Toten nicht getrennt sind durch etwas anderes als durch unser Bewußtsein, das mit Bezug auf die Welt, in der die Toten um uns herum sind, mit Bezug auf unsere Gefühls- und unsere Willenswelt ein schlafendes Bewußtsein ist, so wie sonst das Schlafbewußstsein ist vom Einschlafen bis zum Aufwachen gegenüber den Gegenständen um uns herum. Das hellsichtige Bewußtsein bietet auf Schritt und Tritt die Bestätigung für dasjenige, was ich jetzt in mehr allgemeinen Worten charakterisiert habe.
[ 13 ] History will only teach us something when we are able to penetrate it with inspired concepts. For it is not only the living who play a role in the historical life of humanity, but also the souls of the so-called dead—the spirits with whom the so-called dead souls live just as we live with the beings of the animal, plant, and mineral kingdoms. Today, this is often dismissed as a cliché. But humanity will have to thoroughly break the habit of accordinging that cliché the recognition it currently gives it. It will only be able to do so, however, if it appropriates concepts saturated with reality—true concepts. And a particularly important, true concept is precisely the one that conveys to us the awareness that we are not separated from the so-called dead by anything other than our consciousness—a consciousness that, in relation to the world in which the dead are all around us, and in relation to our world of feeling and will, is a sleeping consciousness, just as ordinary sleeping consciousness is in relation to the objects around us from the moment we fall asleep until we wake up. Clairvoyant consciousness provides confirmation at every turn of what I have now characterized in more general terms.
[ 14 ] Aber es kann da doch die Frage auftauchen: Wie kommt es denn, daß der Mensch von der Welt, in der er so eigentlich drinnen lebt, die er mit jedem Schritt seines Lebens durchwandert, nichts weiß? — Ja, sehen Sie, gerade die Art und Weise, wie das hellsichtige Bewußtsein im Konkreten aufklärt über das, was wir den Verkehr mit den sogenannten Toten nennen können, ist der lebendige Beweis dafür, daß für das gewöhnliche Bewußtsein zunächst diese Welt, in der die Toten leben, unbekannt bleiben muß. Ich brauche Ihnen nur einige Züge jenes Verkehrs zu erzählen, der — allerdings bei einer gewissen Entwickelung des hellsichtigen, des schauenden Bewußtseins — mit den sogenannten Toten eintreten kann, dann werden Sie daraus sehen, worauf es beruht, daß man im gewöhnlichen Leben nichts weiß über den Verkehr mit den Toten. Es ist durchaus möglich, wenn es auch nach gewissen Richtungen hin seine bedenkliche Seite hat, daß der Mensch nach einer bestimmten Seite hin sein Bewußtsein so zum Erwachen bringt, daß die Welt der Toten offen ist, daß er die Welt der sogenannten Toten wahrnehmen kann, daß der Mensch mit den einzelnen Toten, wenn ich so sagen darf, zu verkehren in der Lage ist. Dann muß er, wenn er wirklich mit dem Toten sich verständigen will, eine ganz andere Art sich aneignen, im Bewußtsein sich zu verhalten, wenn er zu einem sicheren Verkehr kommen will. Eine ganz andere Art muß er sich aneignen, als die Bewußtseinsart ist, die man hier für die physische Welt hat. Ein paar Züge will ich anführen.
[ 14 ] But the question may well arise: How is it that human beings know nothing about the world in which they actually live—the world they traverse with every step of their lives? — Yes, you see, the very way in which clairvoyant consciousness sheds light on what we might call communication with the so-called dead is living proof that, for ordinary consciousness, this world in which the dead live must initially remain unknown. I need only describe to you a few features of that communication which—albeit with a certain development of clairvoyant, intuitive consciousness—can take place with the so-called dead, and then you will see why it is that in ordinary life one knows nothing about communication with the dead. It is entirely possible—even if it has its questionable aspects in certain respects—for a person to awaken their consciousness in a particular way so that the world of the dead is open to them, so that they can perceive the world of the so-called dead, and so that they are able, if I may put it that way, to communicate with individual dead people. Then, if they truly wish to communicate with the dead, they must adopt a completely different way of behaving in their consciousness if they are to achieve reliable communication. They must adopt a completely different way of being than the state of consciousness we have here in the physical world. I would like to mention a few characteristics.
[ 15 ] Sehen Sie, wenn man hier in der physischen Welt mit einem anderen Menschen verkehrt, hat man für diesen Verkehr gewisse Gewohnheiten. Wenn ich mit jemandem rede, so bin ich hier für den physischen Plan gewöhnt, daß, wenn ich ihn etwas frage, ihm etwas mitteile, ich dann rede, und ich bin mir bewußt, daß die Rede aus meiner Seele heraus, durch meine Sprachwerkzeuge zu ihm hingeht. Ich bin mir bewußt, daß ich rede. Auch mit Bezug auf die äußere Wahrnehmung bin ich mir dessen bewußt. Und wenn er mir antwortet oder mir etwas mitteilt, dieser andere Mensch hier auf dem physischen Plan, dann vernehme ich seine Worte, dann tönen seine Worte zu mir herüber.
[ 15 ] You see, when you interact with another person here in the physical world, you have certain habits regarding that interaction. When I talk to someone, I am accustomed here on the physical plane to the fact that when I ask them something or tell them something, I speak, and I am aware that the speech flows from my soul through my speech organs to them. I am aware that I am speaking. I am also aware of this in relation to my external perception. And when he answers me or tells me something—this other person here on the physical plane—then I hear his words; his words reach me.
[ 16 ] So ist es nicht bei vollbewußtem Verkehr — bei halbbewußtem Verkehr ist es etwas anderes —, mit dem Toten. Da ist es gerade umgekehrt. Und es ist — wenn man sich so ausdrücken darf auf einem solchen Gebiete — so, daß es eben ganz anders ist, als wie man es erwartet. Wenn ich dem Toten gegenüberstehe, dann redet er in seiner Seele dasjenige, was ich ihn frage, oder was ich ihm mitteilen will; das bekomme ich von ihm her gesagt. Dasjenige, was er mir sagt, das tönt aus meiner eigenen Seele herauf.
[ 16 ] This is not the case with fully conscious communication—with semi-conscious communication it is different—with the dead. There, it is exactly the opposite. And it is—if one may put it that way in such a realm—that it is, in fact, quite different from what one would expect. When I stand before the deceased, he speaks in his soul the very thing I ask him, or what I wish to convey to him; that is what I hear him say. What he tells me resounds from within my own soul.
[ 17 ] An das muß man sich gewöhnen. Man muß sich daran gewöhnen, daß dasjenige, was der andere sagt, aus der eigenen Seele herauftönt, und das, was man selber sagt, einem von der geistigen Außenwelt entgegentönt. Das ist so unähnlich alledem, was der Mensch hier gewohnheitsmäßig in der physischen Welt erlebt, daß er gar nicht darauf kommt, irgendwie sich zu einer solchen Sache zu stellen. Denn denken Sie nur einmal: Wenn Sie durch das Leben gehen und bei irgendeiner Gelegenheit etwas aus Ihrer Seele herauftönt, so schreiben Sie es sich ja zu. Der Mensch ist in gewisser Beziehung doch wohl, wie mancher sagt, ein egoistisches Wesen, und er ist nicht leicht geneigt, dasjenige, was aus seiner Seele heraufsteigt, nun nicht seiner Eingebung oder seinem Genie — wie man es nun nennen will — zuzuschreiben. Daß unter dem, was aus unserer Seele aufsteigt, vieles ist, was uns in Wahrheit die Toten sagen, das lernt man erst erkennen im schauenden Bewußtsein. Das Reich der Toten spielt in unseren Willen, spielt in unsere Gefühle fortwährend hinein, steigt fortwährend herauf. Wir schreiben vielleicht irgend etwas, was in uns aufsteigt, einem guten Einfall zu: in Wahrheit ist es die Verständigung mit einem Toten. Und das andere ist ja dem Menschen auch recht ungewöhnlich. Daher gibt er überhaupt auf so etwas nicht acht, ob aus der grauen Geistumgebung heraus, möchte ich sagen, ihm sein kann, wie wenn seine eigenen Gedanken ihn umgäben. Wenn er seinen Gedanken gegenüber so objektiv sein kann, daß sie ihn wie umschwirren, dann versteht der Tote diese Gedanken. Der Mensch steht schon im gewöhnlichen Bewußtsein in Verbindung mit den Toten, doch wird er das nicht gewahr, weil er die Tatsache, die ich eben angeführt habe, nicht auszudeuten in der Lage ist.
[ 17 ] You have to get used to that. One must get used to the fact that what the other person says resonates from one’s own soul, and what one says oneself is echoed back from the spiritual world outside. This is so unlike everything a person habitually experiences here in the physical world that it doesn’t even occur to them to take a stance on such a matter. For just think about it: When you go through life and, on some occasion, something rises up from your soul, you attribute it to yourself. In a certain sense, human beings are, as some say, selfish beings, and they are not easily inclined to attribute what rises up from their soul to anything other than their own inspiration or genius—whatever one wishes to call it. That among the things that rise from our soul, there is much that is in truth being told to us by the dead—this is something one only comes to recognize through contemplative consciousness. The realm of the dead continually influences our will, continually influences our feelings, and continually rises up. We may attribute something that arises within us to a good idea; in truth, it is communication with a dead person. And this is, of course, quite unusual for a person. That is why they pay no attention at all to such things—whether, I might say, from the gray spiritual environment, it may be for them as if their own thoughts were surrounding them. If a person can be so objective toward his thoughts that they seem to swarm around him, then the dead person understands these thoughts. Even in ordinary consciousness, a person is already in connection with the dead, but he is not aware of it because he is unable to interpret the fact I have just mentioned.
[ 18 ] Um das einzusehen, muß man allerdings ins Auge fassen, daß wir noch zwei andere Bewußtseinszustände haben außer dem Schlafen und dem Wachen und dem Traume. Zwei andere wichtige Bewußtseinszustände, sogar außerordentlich wichtige Bewußtseinszustände haben wir noch, aber wir beachten sie nicht im gewöhnlichen Leben. Wir beachten sie aus einem gewissen Grunde nicht, der Ihnen einleuchten wird in dem Augenblick, wo ich diese zwei anderen Bewußtseinszustände nenne: Wir haben den Zustand des Einschlafens und den Zustand des Aufwachens. Nur dauern sie nicht lange; sie gehen so rasch vorüber, daß der Mensch sie ihrem Inhalte nach nicht beachtet. Im Momente des Einschlafens und im Momente des Aufwachens gehen die wichtigsten Dinge vor sich. Und lernt man ihrer Wesenheit nach die Momente des Einschlafens und des Aufwachens erkennen, dann bekommt man auch von einem gewissen Gesichtspunkte her rechte Begriffe über das Verhältnis des Menschen zu der Welt, in der auch die Toten mit uns zusammen sind.
[ 18 ] To understand this, however, one must consider that we have two other states of consciousness besides sleeping, waking, and dreaming. We have two other important states of consciousness—indeed, extraordinarily important ones—but we do not pay attention to them in everyday life. We do not pay attention to them for a certain reason, which will become clear to you the moment I name these two other states of consciousness: we have the state of falling asleep and the state of waking up. But they do not last long; they pass so quickly that people do not pay attention to their content. The most important things take place at the moment of falling asleep and at the moment of waking up. And if one learns to recognize the moments of falling asleep and waking up according to their true nature, then, from a certain point of view, one also gains a proper understanding of the relationship between human beings and the world in which the dead are also with us.
[ 19 ] Ich sagte: Der Mensch steht eigentlich fortwährend mit der Welt der Toten in Verbindung, und besonders rege ist diese Verbindung im Momente des Einschlafens und im Momente des Aufwachens. Und zwar ist es so, wie das hellsichtige Bewußtsein zeigt, daß im Momente des Einschlafens der Mensch besonders geeignet ist, Fragen an die Toten zu stellen, Mitteilungen den Toten zu bringen und so weiter, eben sich an die Toten zu wenden. Im Momente des Aufwachens ist der Mensch besonders geeignet, Mitteilungen, Botschaften von den Toten zu empfangen. Er bekommt sie rasch, diese Botschaften, er ist dann sogleich aufgewacht. Das, was so vorübergehuscht ist, wird gleich übertönt von dem tumultuarischen Wachsein. In atavistischen Zuständen hat man das vor gar noch nicht langer Zeit bei primitiveren Menschen gewußt und auch angedeutet. Aber selbst in primitiveren Gegenden gehen solche Dinge nach und nach unter dem Einflusse unserer materialistischen Kultur zugrunde. Wer bei unseren alten Leuten in Bauerngegenden aufgewachsen ist, der weiß, daß eine Grundregel der Leute war, man solle morgens, wenn man aufwacht, möglichst ein bißchen stille bleiben, nicht gleich ins durchleuchtete Fenster schauen, nicht ins Licht schauen, weil die Leute das, was aus dem Schlafe nachwirkt, was namentlich im Aufwachen an die Seele herantrat, sich nicht übertönen lassen wollten durch das stürmische Wachwerden. Der primitive Mensch wollte noch etwas im dunkeln Zimmer ruhig liegen, wollte nicht zum Fenster hinausschauen, wenn er aufgewacht war.
[ 19 ] I said: Human beings are actually in constant contact with the world of the dead, and this connection is particularly strong at the moment of falling asleep and at the moment of waking up. And indeed, as clairvoyant consciousness reveals, at the moment of falling asleep, a person is particularly well-suited to ask questions of the dead, to convey messages to the dead, and so on—in short, to turn to the dead. At the moment of waking, a person is particularly well-suited to receive messages from the dead. They receive these messages quickly; they are then immediately awake. What has flashed by in this way is immediately drowned out by the tumultuous state of wakefulness. In atavistic states, this was known and even alluded to not so long ago among more primitive peoples. But even in more primitive regions, such things are gradually disappearing under the influence of our materialistic culture. Anyone who grew up among our older generations in rural areas knows that a basic rule among the people was that that in the morning, upon waking, one should remain still for a little while if possible, not look immediately out the sunlit window, not look into the light, because people did not want the aftereffects of sleep—what touched the soul especially upon waking—to be drowned out by the stormy process of waking up. Primitive man still wanted to lie quietly for a while in the dark room; he did not want to look out the window once he had awakened.
[ 20 ] Nun gehört allerdings schon etwas dazu, obwohl es nicht allzu schwierig ist, es wahrzunehmen, daß mit dem Momente des Aufwachens und des Einschlafens etwas Besonderes verbunden ist. Um auf solche Dinge achten zu können, dazu gehört, wenn ich so sagen darf, eine gewisse Wachsamkeit des Denkens, eine Eigenschaft, die zu keiner Zeit so wenig vorhanden war wie zu unserer Zeit. Man könnte groteske Beispiele anführen, wie es mit der Wachsamkeit des Denkens ist. Banale Beispiele, die das alltägliche Leben durchziehen, man kann sie gewissermaßen auf der Straße finden. Ich will ein ganz banales Beispiel anführen.
[ 20 ] It does, however, take a certain effort—though it is not all that difficult to perceive—to realize that there is something special associated with the moments of waking up and falling asleep. To be able to pay attention to such things requires, if I may say so, a certain alertness of thought—a quality that has never been as scarce as it is in our time. One could cite grotesque examples of the state of this alertness of thought. Trivial examples that permeate everyday life—you can find them, so to speak, right on the street. I’d like to give a very banal example.
[ 21 ] Vor einigen Tagen fiel mein Blick auf eine Annonce, die so ziemlich ein Achtel des Blattraumes einer großen Zeitung ausfüllte, eine Annonce, von der ich aber gesehen habe, daß sie sehr verbreitet ist. Sie behandelte eine reklamehafte Anpreisung einer sehr weit verbreiteten Gedächtnislehre: Pöhlmann, oder so etwa heißt es. Es wird ja viel Reklame gemacht. Diese Annonce begann etwa in der folgenden Weise: Sie wolle anzeigen, daß man nicht Einfluß gewinnen könne auf andere Menschen, wenn man sich nicht der Methode des Herrn Pöhlmann bediene, sondern einer anderen Methode. — Ich spreche jetzt nicht über die Erlaubtheit oder Unerlaubtheit, über Recht oder Unrecht von «Einflußgewinnen» und so weiter, das geht uns hier nichts an, aber ich spreche über das, was in formaler Beziehung über die Sache gesagt wird in der Annonce. Da stand also: Gewisse Leute geben vor, durch Pflege des persönlichen Magnetismus, durch Erstarken von was weiß ich im menschlichen Wesen, Einfluß zu gewinnen auf andere. Man könne leicht diesen Menschen nachweisen, daß sie nicht die Wahrheit sprechen, denn es soll einer der Leute nur sagen, ob es ihm schon gelungen sei, durch persönlichen Einfluß es dahin zu bringen, daß ihm Rothschild oder andere reiche Leute eine Million überlassen haben. Da das nachweislich nicht gelungen sei, und es ganz gewiß versucht worden wäre, wenn es hätte gelingen können, so beweise das, daß man durch diese Methode keinen Einfluß auf die Menschen gewinnen könne. Denn Einfluß gewinne man nur auf dem Wege von Wissenschaft und Bildung. — Dann wird die Methode Pöhlmann beschrieben. Man weiß nun, daß eine ganze Anzahl von Menschen überzeugt werden davon: Die anderen Kerle alle gewinnen nicht die Möglichkeit, Fähigkeiten zu kultivieren, die einen Einfluß auf die Leute gewinnen, denn das zeige sich ja ganz klar, nicht wahr: Sie haben nicht einen solchen Einfluß auf Rothschild gewonnen, daß er ihnen seine Millionen überlassen hat. — Wie viele Menschen — das fragen Sie sich selbst — lesen einmal diese Annonce und machen sich nicht sofort den Einwand: Ja, hat denn der Pöhlmann so viele Schüler, die dem Rothschild eine Million abgewonnen haben? — Sie brauchen sich nur zu fragen, wie vielen dieser naheliegende Gedanke kommt!
[ 21 ] A few days ago, my eye fell on an advertisement that took up about one-eighth of the space in a major newspaper—an advertisement that I’ve noticed is quite widespread. It was a promotional pitch for a widely used memory technique: Pöhlmann, or something like that. There’s a lot of advertising out there. This ad began something like this: It claimed that one cannot gain influence over other people unless one uses Mr. Pöhlmann’s method, rather than some other method. — I’m not talking now about the permissibility or impermissibility, about the right or wrong of “gaining influence” and so on; that’s none of our business here. Rather, I’m talking about what is said about the matter in the advertisement from a formal standpoint. It stated: Certain people claim to gain influence over others by cultivating personal magnetism or by strengthening—who knows what—in the human being. One could easily prove to these people that they are not telling the truth, for one of them need only say whether he has ever succeeded, through personal influence, in getting Rothschild or other wealthy people to give him a million. Since this has demonstrably not been achieved—and it certainly would have been attempted if it had been possible—this proves that one cannot gain influence over people through this method. For influence can only be gained through science and education. — Then the Pöhlmann method is described. It is now known that quite a number of people are convinced of the following: All those other guys don’t have the opportunity to cultivate the skills needed to gain influence over people, because that’s quite clear, isn’t it? They haven’t gained enough influence over Rothschild for him to hand over his millions to them. — How many people—ask yourself this—read this ad and don’t immediately raise the objection: “Well, does Pöhlmann really have so many students who’ve managed to get a million from Rothschild?” — You need only ask yourself how many people have this obvious thought!
[ 22 ] Das ist ein triviales Beispiel, das Ihnen aber zeigt, wie das Denken gegenüber Gelesenem nicht aufwacht. Ich habe dieses Beispiel gewählt, erstens wegen seiner Alltäglichkeit, und zweitens, weil ja selbstverständlich unter den hier Anwesenden niemand ist, der diesen Gedanken nicht hätte, daß es auch wohl dem Pöhlmann nicht gelungen ist, die Million zu bekommen. Selbstverständlich, jene, die auf eine solche Annonce hereinfallen würden, sind alle draußen, und aus einer gewissen Höflichkeit erwähne ich kein Beispiel, auf das irgendeiner der Anwesenden hereinfallen könnte! Was ich aber sagen will, ist, daß es in zahllosen Fällen des Lebens von morgens bis abends fortwährend vorkommt, daß der Mensch diese Dinge liest. Man sagt, man achte gar nicht darauf. Man achtet nicht darauf. Ich habe neulich einmal eine Rede gelesen, da kam der Satz vor: «Unsere Verbindung mit einem bestimmten Reiche ist der Kernpunkt, welcher unserer Politik in der Zukunft die Richtung geben muß.» Stellen Sie sich ein so konstruiertes Denken vor: eine Verbindung ist ein Kernpunkt, der zu einer Richtung wird! Wer so denkt, ist in der Lage, allerlei zu behandeln und zu tun im Leben. Aber man merkt nicht, welche Zusammenhänge zwischen einem so verkrüppelten Denken und dem öffentlichen Leben sind.
[ 22 ] This is a trivial example, but it shows you how our thinking doesn’t really engage with what we read. I chose this example, first because of its everyday nature, and second, because it goes without saying that there is no one here who would not have thought that Pöhlmann probably didn’t succeed in getting the million either. Of course, those who would fall for such an ad are all out of the picture, and out of a certain courtesy, I won’t mention any example that any of those present might fall for! But what I want to say is that in countless situations in life, from morning to night, people are constantly reading these things. People say they don’t pay any attention to it. They don’t pay attention to it. I recently read a speech that contained the following sentence: “Our connection to a certain empire is the key point that must guide our future policy.” Imagine a line of reasoning constructed in this way: a connection is a key point that becomes a direction! Anyone who thinks this way is capable of handling and doing all sorts of things in life. But one fails to notice the connections between such crippled thinking and public life.
[ 23 ] Man hat aber heute nötig, auf die Unwachsamkeit des Denkens, die gerade ein Kennzeichen unserer Kultur ist, einzugehen, gerade auf diese Unwachsamkeit des Denkens zu achten. Vollziehbare Gedanken: das ist das erste Erfordernis, wenn man achten können will auf so etwas wie die Offenbarungen des Augenblickes von Einschlafen und Aufwachen.
[ 23 ] Today, however, it is necessary to address the inattention of thought—which is precisely a hallmark of our culture—and to pay particular attention to this very inattention of thought. Thoughts that can be carried out: that is the first requirement if one is to be able to pay attention to such things as the revelations of the moment of falling asleep and waking up.
[ 24 ] Ich nahm einmal an der Vorlesung eines sehr berühmten Literaturhistorikers teil. Es war seine Antrittsvorlesung, und er gab sich sehr viel Mühe. Da hatte er alle möglichen literarhistorischen Fragen formuliert und zum Schlusse sagte er: Also, meine Herren, Sie sehen, ich habe Sie in einen Wald von Fragezeichen geführt! — Ich mußte mir dazumal vorstellen: einen Wald von Fragezeichen! Denken Sie sich einmal: ein Wald von Fragezeichen!
[ 24 ] I once attended a lecture by a very famous literary historian. It was his inaugural lecture, and he went to great lengths to prepare it. He had formulated all sorts of questions about literary history, and at the end he said: “Well, gentlemen, as you can see, I have led you into a forest of question marks!” — At the time, I had to picture it: a forest of question marks! Just imagine: a forest of question marks!
[ 25 ] Wer gewöhnt ist, die Vorstellungen zu vollziehen, die sich in ihm bilden, wer also Wachsamkeit in seinem Denken entwickelt, der nur ist vorbereitet, auch zu achten auf solche Dinge wie die Augenblicke des Aufwachens und des Einschlafens. Was aber nicht wahrgenommen wird, das ist doch da. Und der Verkehr des Menschen mit den Toten ist da, und er ist insbesondere rege im Moment des Einschlafens und des Aufwachens. Im Grunde genommen stellt jeder Mensch im Momente des Einschlafens unzählige Fragen und gibt unzählige Mitteilungen an geliebte Tote, und empfängt Kundschaften und Antworten im Momente des Aufwachens von den Toten. Man kann aber in einer gewissen Weise, ich möchte sagen, kultivieren diesen Verkehr mit den Toten. Mancherlei Arten, den Verkehr mit den Toten zu kultivieren, haben wir ja öfter besprochen, aber wir wollen noch das Folgende heute sagen.
[ 25 ] Those who are accustomed to acting upon the ideas that form within them—that is, those who cultivate alertness in their thinking—are the ones who are prepared to pay attention to such things as the moments of waking and falling asleep. But what is not perceived is still there. And human communication with the dead exists, and it is particularly active at the moment of falling asleep and waking up. Essentially, every person asks countless questions at the moment of falling asleep and sends countless messages to beloved deceased ones, and receives messages and answers from the dead at the moment of waking up. However, in a certain way—I would say—one can cultivate this communication with the dead. We have often discussed various ways to cultivate communication with the dead, but today we would like to add the following:
[ 26 ] Es ist ein Unterschied, ob irgendein Gedanke, den wir in Verbindung mit einem Toten haben, dazu führt, daß wir uns im Momente des Einschlafens an ihn richten können, oder ob er nicht dazu führt. Das ist ein gewisser Unterschied. Derjenige, welcher sich nicht einzig und allein in sinnlich-egoistischer Weise in das Leben hineinstellt, wird ja schon aus einem gesunden Empfinden heraus das Bedürfnis haben, den Verkehr nicht zu unterbrechen, den das Karma ihm gebracht hat mit gewissen Persönlichkeiten, die nun durch die Pforte des Todes vor kurzer oder vor längerer Zeit gegangen sind, und er wird wohl seine Gedanken öfter verbinden mit solchen hingegangenen Persönlichkeiten. Es kann durchaus sein, daß solche Gedanken, die wir anknüpfen an die Vorstellung dahingegangener Persönlichkeiten, einen richtigen Verkehr mit den Toten ergeben, auch wenn wir sie nicht kennen, auch wenn wir nicht achten können auf das, was im Momente des Einschlafens vor sich geht. Aber gewisse Gedanken sind günstiger für einen solchen Verkehr, andere Gedanken sind ungünstiger. Abstrakte Gedanken, Gedanken, die wir in einer gewissen Gleichgültigkeit, vielleicht gar nur aus Pflichtgefühl hegen, die sind wenig geeignet, im Momente des Einschlafens zu dem Toten hinüberzugehen. Dagegen Gedanken, Vorstellungen, welche hervorgehen aus dem Erfühlen eines besonderen Interesses, das uns vereinigt hat im Leben mit dem Toten, diese Gedanken sind geeignet, zum Toten hinüberzugehen. Erinnern wir uns an den Toten so, daß wir nicht bloß mit abstrakten Gedanken, mit kalten Vorstellungen an ihn denken, sondern einen Moment in unsere Seele rufen, wo wir an seiner Seite warm geworden sind, wo uns das, was er sagte, nicht nur Mitteilung war, sondern etwas Liebes war, erinnern wir uns eben derjenigen Momente, die wir mit dem Toten verbracht haben in einer Gefühlsgemeinschaft, in einer Gemeinschaft auch der Willensimpulse, erinnern wir uns solcher Momente, wo wir mit dem Toten zusammen dies oder jenes unternommen, beschlossen haben, was uns beiden wert ist, was uns beide geführt hat zu einer gemeinsamen Handlung, kurz, an irgend etwas, was die Herzen zusammenklingen ließ, machen wir dieses Zusammenklingen der Herzen lebendig, dann färbt das den Gedanken an den Toten so, daß der Gedanke zu ihm hinüberströmt im Momente des nächsten Einschlafens. Ob man diesen Gedanken um neun Uhr, um zwölf Uhr, um zwei Uhr hat, der ganze Tag kann uns irgendwelche Zeit geben, um diesen Gedanken zu haben, er bleibt und geht im Momente des Einschlafens zum Toten. Im Momente des Aufwachens können wir von dem Toten wieder Antwort, Mitteilung, Botschaften bekommen. Das braucht nicht gerade im Moment des Aufwachens, wenn man nicht darauf achten kann, an unsere Seele heranzutreten, sondern es kann im Laufe des Tages irgendwie aus unserer Seele heraufkommen in Form irgendeines Einfalles, wie wir glauben, wenn wir überhaupt an solche Dinge glauben. Aber auch da wiederum ist einiges günstiger, einiges ungünstiger. Unter gewissen Verhältnissen finden die Toten eher den Zugang zu unserer Seele, um uns dieses oder jenes in unsere Seele hereinzusprechen, so daß es in unserer Seele selbst spricht; in anderen Fällen sind die Verhältnisse für so etwas ungünstiger. Günstiger sind insbesondere die Verhältnisse, wenn wir eine gute, treffsichere Vorstellung von dem Wesen der Toten uns angeeignet haben, wenn wir so starkes Interesse an dem Wesen der Toten haben, daß uns dieses Wesen vor dem geistigen Auge wirklich gestanden hat. Sie werden sich fragen: Warum sagt er denn das eigentlich? Wenn einem jemand nahegestanden hat, so hat man doch eine Vorstellung von seinem Wesen! — Das glaube ich gar nicht, meine lieben Freunde, insbesondere nicht in unserer Zeit! In unserer Zeit gehen die Menschen aneinander vorüber und kennen einander sehr, sehr wenig. Das entfremdet einen vielleicht gar nicht für hier, für die physische Welt; das entfremdet einen aber gar sehr für die Welt, die der Tote durchlebt. Sehen Sie, für hier, für die physische Welt, sind zahlreiche unbewußte oder unterbewußte Kräfte und Impulse, welche die Menschen einander nahebringen, auch wenn sie sich nicht kennenlernen wollen. Es soll ja vorkommen im Leben, wie vielleicht manche von Ihnen schon gelesen haben, daß man schon Jahrzehnte verheiratet sein kann und sich sehr wenig wirklich kennenlernt. Aber da gibt es eben andere Impulse, die nicht auf der gegenseitigen Erkenntnis beruhen, die die Menschen zusammenführen. Das Leben ist überall durchsetzt von unterbewußten und unbewußten Impulsen. Aber wie gesagt, diese unterbewußten Impulse, sie binden uns hier, sie binden uns nicht mit den Wesen zusammen, die durch den Tod uns vorangegangen sind. Da ist es schon notwendig, daß wir wirklich etwas in die Seele aufnehmen, wodurch das Wesen des anderen lebendig in uns lebt. Und je lebendiger es in uns lebt, desto leichter hat es zu unserer Seele den Zugang, desto leichter kann es sich mit uns verständigen.
[ 26 ] There is a difference between whether a thought we have in connection with a deceased person leads us to be able to turn our thoughts toward that person at the moment we fall asleep, or whether it does not. That is a certain difference. Anyone who does not approach life solely in a sensually egoistic way will, out of a healthy sense of feeling, have the need not to interrupt the connection that karma has brought them with certain individuals who have now passed through the gate of death—whether recently or some time ago—and they will likely turn their thoughts more often toward such departed individuals. It may well be that such thoughts, which we associate with the image of departed individuals, result in genuine communication with the dead, even if we do not know them, even if we cannot pay attention to what is happening at the moment of falling asleep. But certain thoughts are more conducive to such communication, while others are less so. Abstract thoughts—thoughts we harbor with a certain indifference, perhaps even merely out of a sense of duty—are ill-suited to reaching the deceased at the moment of falling asleep. In contrast, thoughts and images that arise from a sense of a special bond that united us with the deceased in life are well-suited to reaching the deceased. Let us remember the deceased in such a way that we do not merely think of him with abstract thoughts or cold images, but rather recall a moment in our soul when we felt warmth at his side, when what he said was not merely a message but something loving; let us remember precisely those moments we spent with the deceased in a communion of feelings, in a communion of the impulses of the will as well, let us remember such moments when, together with the deceased, we undertook this or that, decided on what was valuable to both of us, what led us both to a shared action—in short, anything that made our hearts resonate together; let us bring this resonance of hearts to life, and then it will color our thoughts of the deceased in such a way that the thought flows toward him at the moment we next fall asleep. Whether we have this thought at nine o’clock, at twelve o’clock, or at two o’clock—any time of day can offer us an opportunity to have this thought—it remains and, at the moment of falling asleep, goes to the deceased. At the moment of waking, we can receive answers, communications, or messages from the deceased once again. This does not necessarily have to happen precisely at the moment of waking—if one is unable to pay attention to the deceased approaching our soul—but it can somehow rise up from our soul in the course of the day in the form of some kind of insight, as we believe, if we believe in such things at all. But here, too, some circumstances are more favorable, others less so. Under certain circumstances, the dead are more likely to find access to our soul in order to speak this or that into our soul, so that it speaks within our soul itself; in other cases, the circumstances are less favorable for such a thing. The circumstances are particularly favorable when we have formed a clear and accurate conception of the nature of the dead, when we have such a strong interest in the nature of the dead that this nature has truly stood before our mind’s eye. You may ask yourselves: Why is he saying this, anyway? If someone was close to you, surely you have an idea of their nature! — I don’t believe that at all, my dear friends, especially not in our time! In our time, people pass each other by and know very, very little about one another. That may not alienate us at all from here, from the physical world; but it does alienate us greatly from the world that the deceased is experiencing. You see, here in the physical world, there are numerous unconscious or subconscious forces and impulses that bring people closer together, even if they don’t want to get to know one another. It is said to happen in life—as some of you may have read—that people can be married for decades and still know very little about one another. But there are other impulses that do not rely on mutual understanding, impulses that bring people together. Life is permeated everywhere by subconscious and unconscious impulses. But as I said, these subconscious impulses bind us here; they do not bind us to the beings who have gone before us in death. It is therefore necessary that we truly take something into our souls through which the essence of the other lives on within us. And the more vividly it lives within us, the easier it has access to our soul, and the easier it can communicate with us.
[ 27 ] Das ist es, was ich Ihnen charakterisieren möchte über den fortdauernden, immer und immer vorkommenden Verkehr der sogenannten Lebenden mit den sogenannten Toten. Jeder von uns verkehrt fortwährend mit den sogenannten Toten, und daß es nicht gewußt wird, kommt nur daher, weil man nicht in genügender Weise beachten kann den Moment des Einschlafens, den Moment des Aufwachens. Ich sagte dieses, um Ihnen konkreter dieses Zusammensein mit der übersinnlichen Welt, in der die Toten sind, zu gestalten. Es wird sich uns noch konkreter gestalten, wenn wir einige andere Verhältnisse noch in Erwägung ziehen.
[ 27 ] This is what I would like to describe to you regarding the ongoing, ever-recurring interaction between the so-called living and the so-called dead. Each of us is in constant contact with the so-called dead, and the reason this is not recognized is simply because we are unable to pay sufficient attention to the moment of falling asleep and the moment of waking up. I said this to give you a more concrete picture of this coexistence with the supersensible world in which the dead reside. It will become even more concrete to us when we take a few other circumstances into consideration.
[ 28 ] Es sterben jüngere Leute, es sterben ältere Leute. Und doch ist der Tod bei jüngeren Leuten, die dahinsterben, im Verhältnis zu den zurückbleibenden Lebenden etwas anderes als der Tod alter Leute, die dahinsterben. Über solche Dinge läßt sich ja wirklich nur reden, wenn man einzelne konkrete Verhältnisse auf diesen Gebieten ins Auge zu fassen vermag. Es ist durchaus nicht aus einer allgemeinen Wissenschaft heraus, daß ich das schildere, sondern ich fasse nur zusammen dasjenige, was in einzelnen konkreten Fällen wirklich vorgekommen ist. Wenn man mit dem schauenden Bewußtsein verfolgt, was geschieht, wenn Kinder ihren Eltern wegsterben, wenn junge Leute von ihren Angehörigen hinweg durch die Pforte des Todes gehen, und wenn man dann erkennen lernt, wie diese Seelen weiterleben, dann stellt sich diese Erkenntnis so dar, daß man sie in folgende Worte zusammenfassen möchte. Man muß sagen: Im Bewußtsein dieser durch die Pforte des Todes gegangenen jüngeren Leute lebt das, was man damit charakterisieren kann, daß man sagt: Sie sind eigentlich den Lebenden nicht verloren, sie bleiben da, sie bleiben in der Nähe, in der Wesenheit der Überlebenden. Sie trennen sich als jüngere Leute durch lange Zeit hindurch nicht von den Zurückgebliebenen, sie bleiben in ihrer Sphäre. Von älter hingestorbenen Menschen, von Eltern zu Kindern und so weiter, kann man etwas anderes sagen. Diese Dinge sind vielleicht am besten, wenn man sie epigrammatisch ausdrückt. Von älter Hingestorbenen kann man sagen: Die Seelen dieser im späteren Leben hingestorbenen Menschen, die verlieren ihrerseits die Seelen derer, die zurückgeblieben sind, nicht. — Also, während die Zurückgebliebenen die jüngeren Seelen nicht verlieren, verlieren die älteren Leute, wenn sie durch die Pforte des Todes gegangen sind, diese, die dann auf der Erde sind, die Seelen der Zurückgebliebenen nicht, trotzdem diese anderen hier sind. Sie ziehen gewissermaßen dasjenige mit, was sie von uns haben wollen; sie haben von den hier gebliebenen Seelen alles leichter, was die Jüngeren nur haben können, wenn sie da bleiben. Das tun diese auch, sie bleiben mehr oder weniger in der Sphäre der Übriggebliebenen, die jüngeren Seelen.
[ 28 ] Younger people die, older people die. And yet, when younger people pass away, their death is, in relation to those left behind, something different from the death of older people who pass away. One can really only talk about such things if one is able to consider specific, concrete circumstances in these areas. I am by no means describing this from the perspective of a general science; rather, I am merely summarizing what has actually occurred in individual, concrete cases. When one observes with an attentive consciousness what happens when children die and are taken from their parents, when young people pass through the gate of death away from their loved ones, and when one then comes to recognize how these souls continue to live, this insight presents itself in such a way that one would like to summarize it in the following words. One must say: In the consciousness of these younger people who have passed through the gate of death lives what can be characterized by saying: They are not actually lost to the living; they remain there, they remain nearby, within the being of those who survive. As younger people, they do not separate from those left behind for a long time; they remain within their sphere. Something different can be said about those who have passed away at an older age—from parents to children and so on. These matters are perhaps best expressed epigrammatically. Of those who have passed away at an older age, one can say: The souls of these people who died later in life, for their part, do not lose the souls of those who have been left behind. — So, while those left behind do not lose the younger souls, the older people, once they have passed through the gate of death, do not lose the souls of those left behind—even though these others are still here. In a sense, they take with them what they want from us; they have everything more easily from the souls who have remained here that the younger ones can only have if they stay there. And that is what they do—they remain, more or less, in the sphere of those left behind, the younger souls.
[ 29 ] Man kann diese Verhältnisse auf eine ganz bestimmte Weise studieren, so daß einem das, was ich jetzt gesagt habe, zur Gewißheit werden kann. Man muß natürlich diese Dinge mit dem schauenden Bewußtsein studieren. Und man kann mit dem schauenden Bewußtsein studieren die Trauer, den Trennungsschmerz. Trauer und Trennungsschmerz sind eigentlich zwei ganz verschiedenartige Zustände. Die Menschen wissen das nicht, aber wenn man in der Seele eines Menschen die Trauer, den Schmerz über ein hingestorbenes Kind beobachtet, so ist das ganz etwas anderes, als die Trauer und der Schmerz, den man beobachten kann, wenn ein älterer Mensch dahingestorben ist. Die Menschen wissen es nicht, aber es ist doch grundverschieden, wenn man es in der Seele als einen inneren Zustand beurteilt.
[ 29 ] One can study these conditions in a very specific way, so that what I have just said can become a certainty. Of course, one must study these things with contemplative awareness. And with contemplative awareness, one can study grief and the pain of separation. Grief and the pain of separation are actually two very different states. People do not realize this, but when one observes the grief and the pain in a person’s soul over the death of a child, it is quite different from the grief and pain one can observe when an older person has passed away. People do not realize it, but it is fundamentally different when one assesses it in the soul as an inner state.
[ 30 ] Das Merk würdige ist dieses: Wenn, sagen wir, Eltern ihre früh gestorbenen Kinder betrauern, so ist dies eine Trauer, die eigentlich ihrem wirklichen Inhalte nach, ihrem tieferen Impulse nach, nur ein Reflex, ein Widerschein desjenigen ist, was das dagebliebene Kind hineinlebt in die Seele der Zurückgebliebenen. Das Kind ist dageblieben, und es empfindet, indem es dageblieben ist, allerlei, und das lebt sich hinein in die Seele des Zurückgebliebenen und erweckt da einen Impuls. Es ist ein Mitleidsschmerz, ein Mitgefühlsschmerz, es ist eigentlich der Schmerz oder das Leid des Kindes selber, den man in sich erlebt. Man schreibt ihn natürlich sich zu, den Schmerz, aber es ist ein Mitgefühlsschmerz. Sie müssen mich nicht mißverstehen — wir müssen ja diese Ausdrücke in vernünftiger Weise nehmen, nicht mit allerlei schlimmen Nebendeutungen —, man könnte sagen: Wenn ein jüngerer Angehöriger einem dahinstirbt, so ist man von dem Schmerze aus dem eigenen Seelenleben des Dahingestorbenen heraus besessen, wenn auch in normaler Weise besessen, so daß es nicht schadet, er lebt in einem weiter, und was sich als Schmerz interpretiert, das ist sein Leben in uns.
[ 30 ] The noteworthy point is this: When, for example, parents mourn their children who died at an early age, this grief—in terms of its true substance and its deeper impulse—is in fact merely a reflex, a reflection of what the surviving child instills in the souls of those left behind. The child has remained, and by remaining, it experiences all sorts of things, which then find their way into the soul of the bereaved and stir an impulse there. It is a pain of compassion, a pain of empathy; it is, in fact, the pain or suffering of the child itself that one experiences within oneself. Of course, one attributes this pain to oneself, but it is a pain born of compassion. Please do not misunderstand me—we must, after all, use these terms in a reasonable way, without all sorts of negative connotations—one could say: When a younger relative dies, one is possessed by the pain arising from the inner life of the deceased—albeit in a normal way—so that it does no harm; the person lives on within us, and what we interpret as pain is their life within us.
[ 31 ] Anders ist es bei der Trauer einem älteren Menschen gegenüber, der uns verlassen hat. Da tritt ein Schmerz ein, der nicht der Widerschein ist desjenigen, was in dem anderen lebt, denn der andere kann das wirklich hinaufbekommen, was in unserer Seele ist; er verliert uns nicht von sich aus. Wir können nicht von seinem Schmerz besessen sein, überhaupt nicht von seinen Empfindungen in dieser Weise besessen sein, denn er hat keine Sehnsucht danach, mit seinen Empfindungen in uns hineinzudringen, weil er uns ja mitzieht. Er verliert uns nicht. Deshalb ist dieser Schmerz, diese Trauer eine egoistische Trauer, ein egoistischer Schmerz. Das ist kein Tadel, es ist gewiß berechtigt, aber wir müssen diese beiden Arten der Trauer in ganz wesentlicher Art voneinander unterscheiden.
[ 31 ] The situation is different when we mourn an older person who has left us. In that case, a pain arises that is not a reflection of what lives within the other person, for the other person can truly draw out what is in our soul; they do not lose us of their own accord. We cannot be consumed by their pain, nor can we be consumed by their feelings in this way at all, for they have no desire to penetrate us with their feelings—since they are, after all, drawing us along with them. They do not lose us. That is why this pain, this grief, is a selfish grief, a selfish pain. This is not a reproach; it is certainly justified, but we must distinguish between these two kinds of grief in a very fundamental way.
[ 32 ] Wichtig wird die Sache dann, wenn man übergeht in der Betrachtung von der Beschreibung des Schmerzes oder des Zusammenlebens mit den dahingegangenen Toten zu den Toten selbst. Wenn das Verhältnis zu einem in jüngeren Jahren dahingegangenen Menschen ganz anders ist als das Verhältnis zu einem in späteren Jahren hingegangenen Menschen, dann wird es begreiflich sein, daß auch für die Pflege des Andenkens, für die Pflege des Gedächtnisses gegenüber den Toten in dem einen und dem anderen Falle es anders sein muß. Einem jüngeren Kinde gegenüber werden wir den richtigen Kultus, das richtige Gedächtnis haben, wenn wir darauf Rücksicht nehmen, daß das Kind dageblieben ist, daß das Kind mit uns lebt und sich besonders gerne einlebt in das, was hier uns möglich gewesen wäre, an das Kind heranzubringen, wenn das Kind hier geblieben wäre. Die Erfahrung zeigt, daß solche Kinder nach ihrem Tode besonders begehren, im Gedächtnis, in dem, was man ihnen entgegenbringt, allgemein menschliche Verhältnisse zu finden, auch im Totenkultus etwas zu finden, was mehr allgemeine Interessen darbietet, was wenig zu tun hat mit speziellen Interessen. Für Kinder, die dahingestorben sind, ist zum Beispiel die katholische Totenfeier angemessener, wo ein allgemeiner Ritus ist, wo man einen Ritus hat, der für alle in gleicher Weise gilt. Ein dahingestorbenes Kind möchte eine Totenfeier haben, die mehr allgemeinmenschlich, die nicht für es allein, für es speziell ist, sondern die für alle sein könnte.
[ 32 ] The matter becomes significant when one shifts one’s focus from the description of grief or of living alongside the departed to the deceased themselves. If the relationship to a person who passed away at a young age is entirely different from the relationship to a person who passed away in later years, then it becomes understandable that the way we honor their memory and preserve their remembrance must also differ in each case. Toward a younger child, we will honor their memory appropriately if we take into account that the child is still with us, that the child lives on in our hearts, and that we are especially eager to embrace what we would have been able to offer the child had they remained with us. Experience shows that such children, after their death, particularly desire to find universal human values in the way they are remembered and in the way they are treated, and to find in the rites of the dead something that reflects more universal concerns—something that has little to do with specific interests. For children who have passed away, for example, the Catholic funeral service is more appropriate, as it follows a universal rite—a rite that applies equally to everyone. A child who has passed away would want a funeral service that is more universally human—one that is not intended solely for the child or tailored specifically to the child, but one that could apply to everyone.
[ 33 ] Für einen dahingestorbenen älteren Menschen ist die protestantische Totenfeier besser, wo man sich einläßt auf die besonderen Lebensverhältnisse, wo man eine Leichenrede hält, die sich auf seine speziellen individuellen Verhältnisse bezieht. Und will man das Andenken pflegen für einen solchen älteren Dahingestorbenen, dann ist es besonders günstig, sich an Einzelheiten des Lebens, die ihm eigen waren, an sein spezielles, an sein individuelles Leben anzuklammern und dort die Gedanken zu suchen, durch die man das Andenken des älter Dahingestorbenen feiert.
[ 33 ] For an elderly person who has passed away, a Protestant funeral service is preferable—one that takes into account the specific circumstances of their life and includes a eulogy that refers to their particular individual circumstances. And if one wishes to honor the memory of such an elderly person who has passed away, it is particularly helpful to focus on details of their life that were unique to them—on their specific, individual life—and to draw from those memories the thoughts through which one celebrates the memory of the elderly person who has passed away.
[ 34 ] Sie sehen daraus, daß, richtig betrachtet, Geisteswissenschaft nicht bloß Theorie bleiben kann. Sie zeigt uns etwas über die Verhältnisse, die in der Welt sind, von der wir nur abgeschlossen sind, weil wir unsere Gefühle verträumen, unsere Willensimpulse verschlafen. Sie redet von den Welten, in denen wir mit Gefühl und Wille drinnen sind. Fassen wir mit genügender Intensität, mit rechter Energie die geisteswissenschaftlichen Vorstellungen, so bleiben sie nicht Vorstellungen, so wirken sie auf Gefühl und Wille. Denken Sie, wie befruchtend auf das Leben diese geisteswissenschaftlichen Vorstellungen wirken können! Geistliche, die den Totenkultus zu leiten haben, werden die richtige Art, den richtigen Takt für diesen Totenkultus in ganz anderer Weise finden, als wenn man bei der bloßen abstrakten Theologie bleibt.
[ 34 ] You can see from this that, viewed correctly, spiritual science cannot remain merely a theory. It reveals to us something about the conditions that exist in the world from which we are cut off only because we let our feelings drift away and our impulses of will fall asleep. It speaks of the worlds in which we are present with our feelings and will. If we grasp the concepts of spiritual science with sufficient intensity and the right energy, they do not remain mere concepts; they have an effect on feeling and will. Just think how enriching these spiritual scientific ideas can be for life! Clergy who are responsible for conducting funeral rites will find the right approach and the right rhythm for these rites in a completely different way than if they were to stick to mere abstract theology.
[ 35 ] Nun ist dies ja wirklich kein Wunder, da die Welt, von der die Geisteswissenschaft redet, die wirkliche Welt ist, in der unsere Gefühle, unsere Willensimpulse leben, so daß, was sie zu geben vermag, auch wiederum in Gefühl und Wille hineinspielt. In das Gefühl spielt sie hinein — aber überall sonst auch —, wenn wir zum Beispiel unsere Gefühle den Toten gegenüber entwickeln. Doch auch in die Willensimpulse soll sie hineinspielen. Das sollte insbesondere in unserer Zeit bedacht werden. Denn wenn man nachgehen würde den Willensimpulsen der Menschen unserer Zeit, man würde auf nicht sehr tiefe Untergründe der menschlichen Seele stoßen. Das ist gerade das Eigentümliche unserer Zeit, daß die Menschheit nötig hat, für ihren Willen geistige Impulse zu suchen. Und das ist das Tragische der gegenwärtigen Zeit, daß man bisher nicht entschlossen ist, sie zu suchen. Erlösung aus den Wirren unserer Zeit wird es nur geben, wenn man aus dem Geiste heraus Impulse für das äußere Leben wird suchen wollen. Das weisen in weitesten Kreisen, wie ich heute abend schon gesagt habe, die Menschen heute noch zurück. Sie werden es lernen müssen, denn diese Zeit wird für das Geschlecht, das sie zu durchmessen hat, in noch viel reicherem Maße der große Lehrmeister werden, als es schon der Fall gewesen ist.
[ 35 ] Now, this is really no surprise, since the world of which spiritual science speaks is the real world in which our feelings and our impulses of will live, so that what it is able to give also, in turn, influences our feelings and will. It influences our feelings—but also everything else—when, for example, we develop feelings toward the dead. But it is also meant to influence our impulses of will. This should be borne in mind especially in our time. For if one were to trace the impulses of will in the people of our time, one would encounter only very shallow layers of the human soul. This is precisely what is characteristic of our time: that humanity needs to seek spiritual impulses for its will. And this is the tragedy of the present age: that people have not yet resolved to seek them. Salvation from the turmoil of our time will only come if people are willing to seek impulses for their outer life from the spirit. As I have already said this evening, people today still reject this in the broadest circles. They will have to learn to accept it, for this era will become, for the generation that must pass through it, a great teacher to an even greater extent than has already been the case.
[ 36 ] An diese heute gegebenen, mehr auf das einzelne Persönliche bezüglichen Begriffe wollen wir dann am nächsten Sonntag vormittag anknüpfen, um gerade mit Bezug auf die gegenwärtigen Zeitverhältnisse, aber in rechtem geisteswissenschaftlichem Sinn, zu sprechen.
[ 36 ] We will then build on these concepts presented today—which relate more to the individual and the personal—next Sunday morning, in order to speak specifically in relation to current circumstances, but in the true sense of spiritual science.
