Central Europe between East and West
GA 174a
17 February 1918, Munich
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Central Europe between East and West, tr. SOL
Zehnter Vortrag
Tenth Lecture
[ 1 ] Es wird heute meine Aufgabe sein, von den Grundlagen geistiger Betrachtungsweise, die wir neulich hier gepflogen haben, überzugehen zu solchen geistigen Vorgängen, welche in einer gewissen Beziehung unmittelbar hinter unserem, uns so schwer in die Seele hereinsprechenden Zeitleben liegen.
[ 1 ] My task today will be to move from the fundamentals of spiritual contemplation, which we recently explored here, to those spiritual processes that, in a certain sense, lie immediately behind our present-day existence—an existence that speaks so deeply to our souls.
[ 2 ] Es ist ja, wie Sie sich denken können, in demjenigen, was wir im Sinne unserer Geisteswissenschaft das Zusammenleben mit den Kräften nennen, die von den sogenannten Toten hereinströmen in das Reich, in dem wir selber sind während unserer Inkarnation, es ist in diesem Zusammenleben zu gleicher Zeit mit aller Lebendigkeit zu beobachten, was gerade geistig einer so schweren Zeit zugrunde liegen kann. Nun suchen allerdings die Menschen der Gegenwart wenig nach den geistigen Hintergründen des Daseins. Dieses Nichtsuchen nach den geistigen Hintergründen des Daseins hängt viel enger, als man eigentlich denkt, damit zusammen, daß diese schwere Katastrophe über die Menschheit in der Gegenwart hereingebrochen ist. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, daß in der Zeit, die als das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts bezeichnet werden kann, gegenüber früheren Zeitläufen für das Ganze der menschlichen Entwickelung große, umfassende Veränderungen sich vollzogen haben. Ich habe wiederholt hingewiesen auf das Ende der siebziger Jahre, habe darauf hingewiesen, daß das Ende der siebziger Jahre einen bedeutsamen Einschnitt in der Entwickelung der Menschheit bedeutet. Man muß zugeben, daß die wenigsten Menschen in der Gegenwart sehen, wie grundverschieden das geistige Leben seit dem Ende der siebziger Jahre von dem ist, was vorangegangen ist. Ich möchte sagen: Die Menschen haben, um dies zu sehen, viel zu wenig Distanz gewonnen. — Man kann ja so etwas nur dann sehen, wenn man es in seinen Unterschieden, in seiner Differenzierung beobachten kann, wenn man nicht unmittelbar in der Sache drinnensteht, sondern einen gewissen Abstand davon gewonnen hat. Dieser Abstand muß allerdings, wenn die Menschheit nicht einem noch größeren Elend entgegensehen soll, von dieser Menschheit möglichst bald gewonnen werden. Denn es herrscht in unserer Gegenwart, geistig betrachtet, ein ganz merkwürdiger, wirklich lebendiger Widerspruch. Und indem ich diesen Widerspruch so bezeichne, werden Sie eigentlich ihn außerordentlich grotesk finden: Es war keine Zeit in der Menschheitsentwickelung, die geschichtlich verfolgt werden kann, so spirituell wie die Zeit, in der wir leben, die Zeit seit dem Ende der siebziger Jahre. Wir leben, geschichtlich betrachtet, in der allerspirituellsten Zeit. Und wir leben doch — was unleugbar ist — so, daß sehr viele Menschen, die gerade vermeinen, recht spirituell zu sein, glauben können, die Zeit wäre ganz materialistisch. Sehen Sie, materialistisch dem Leben nach ist unsere Zeit nicht; dem Glauben vieler Menschen nach, und dem nach, was aus diesem Glauben vieler Menschen fließt, ist unsere Zeit ja gewiß materialistisch. Was meint man eigentlich damit, wenn man sagt, unsere Zeit sei spirituell?
[ 2 ] As you can imagine, it is precisely in what we, in the context of our spiritual science, call “coexistence with the forces” that flow in from the so-called dead into the realm in which we ourselves dwell during our incarnation—it is in this coexistence that one can observe, with the utmost vividness, what may lie at the root of such a difficult time from a spiritual perspective. However, people today rarely seek out the spiritual background of existence. This failure to seek out the spiritual background of existence is much more closely connected—than one might actually think—to the fact that this grave catastrophe has befallen humanity in the present. I have pointed out that during the period that can be described as the last third of the 19th century, major, far-reaching changes took place in the overall course of human development compared to earlier eras. I have repeatedly referred to the end of the 1870s, noting that the end of the 1870s marked a significant turning point in the development of humanity. One must admit that very few people today realize how fundamentally different spiritual life has been since the end of the 1870s compared to what preceded it. I would like to say: People have gained far too little distance to see this. — After all, one can only see such a thing if one can observe it in its differences, in its nuances—if one is not directly immersed in the matter but has gained a certain distance from it. This distance, however, must be gained by humanity as soon as possible if humanity is not to face even greater misery. For, viewed from a spiritual perspective, a very peculiar, truly vivid contradiction prevails in our present time. And when I describe this contradiction in this way, you will actually find it extraordinarily grotesque: There has been no period in human development—as far as history can be traced—that is as spiritual as the time in which we live, the time since the end of the 1970s. Historically speaking, we are living in the most spiritual of times. And yet—which is undeniable—we live in such a way that very many people who actually consider themselves quite spiritual can believe that the times are entirely materialistic. You see, in terms of the way people live, our time is not materialistic; but according to the beliefs of many people—and according to what flows from those beliefs—our time is certainly materialistic. What does it actually mean when we say that our time is spiritual?
[ 3 ] Ja, wir haben zunächst eine naturwissenschaftliche Weltbetrachtung: gegenüber dieser naturwissenschaftlichen Weltbetrachtung ist alles frühere an naturwissenschaftlicher Weltbetrachtung matertalistisch! Wir haben nämlich eine solche naturwissenschaftliche Weltbetrachtung, welche zu den feinsten, durchgeistigtsten Begriffen sich aufschwingt. Das merkt am besten derjenige, welcher das Dasein über die unmittelbare physische Gegenwart hinaus sieht.
[ 3 ] Yes, we first have a scientific worldview: compared to this scientific worldview, all earlier scientific worldviews are materialistic! For we have a scientific worldview that soars to the finest, most spiritual concepts. This is best understood by those who see existence beyond the immediate physical present.
[ 4 ] Von den meisten Vorstellungen, die heute im spirituellen Sinne gut gemeint sind, haben die sogenannten Toten außerordentlich wenig, die sogenannten Toten. Von den naturwissenschaftlichen Vorstellungen in der Gegenwart, wenn sie unbefangen nachgedacht werden, haben sie außerordentlich viel. Und interessant ist es, daß der sogenannte materialistische Darwinismus gerade im Reiche der Toten ganz spirituell aufgefaßt und auch angewandt wird. Die Dinge nehmen sich im Leben eben ganz anders aus, als sie sich oftmals ausnehmen in dem Glauben, in dem oft sehr irrtümlichen Glauben, der herbeigeführt wird durch das, was die Menschen hier im Leibe erleben. Was meine ich eigentlich, wenn ich zunächst auf das naturwissenschaftlich Spirituelle hinweise? Ja, sehen Sie, um diese Begriffe auszubilden, um sich aufzuschwingen zu solchen Gedanken, wie man sie heute über die Entwickelung und so weiter hat, dazu gehört eine Geistigkeit, die nicht vorhanden war in früheren Zeiten. Es ist viel leichter, Gespenster zu sehen und sie für Geistiges zu halten, als fein ausziselierte Begriffe über dasjenige auszubilden, was scheinbar materiell nur ist. Dies hat bewirkt, daß die Menschen in ihrem Seelenleben die durchgeistigtsten Begriffe ausbilden und diese durchgeistigten Begriffe verleugnen. Sie dichten diesen durchgeistigten Begriffen an, daß sie nur über Materielles etwas aussagen dürften. Die materialistische Interpretation unserer naturwissenschaftlichen Weltanschauung ist nichts anderes als eine Verleumdung des eigentlichen Charakters der naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Sie ist hervorgegangen aus einem Hang, der im Grunde genommen Feigheit ist! Man bringt es nicht dazu, mit seinem lebendigen Empfinden bei den fein durchgeistigten Begriffen zu leben, die Geistigkeit in solcher — wenn ich mich so ausdrücken darf — Verdünnung zu erfassen, wie sie erfaßt werden muß, wenn man reinliche Begriffe über die Natur sich ausbildet. Man getraut sich nicht zu gestehen, daß man im Geistigen lebt, im Geiste lebt, wenn man solche verdünnten, vergeistigten Begriffe hat, und deshalb lügt man sich an, indem man sagt: Diese Begriffe bedeuten nur Materielles —, was nicht wahr ist, was nur ein Selbstbelügen ist. Und so ist es auch auf anderen Gebieten des Lebens. Man kann darauf hinweisen — ich habe es auch vorgestern getan —, daß zum Beispiel für manches künstlerische‘ Schaffen in der Gegenwart nur durch das spiritualisierte, verfeinerte Empfinden Werte zutage getreten sind, die frühere Kunstentwickelungs-Epochen gar nicht gehabt haben. Es ist ganz zweifellos, daß heute manches zutage tritt auf dem Gebiete des künstlerischen Schaffens, das man vergebens bei Raffael oder Michelangelo suchen würde. Dieser Umschwung im geistigen Leben ist herbeigeführt worden durch ein ganz bestimmtes geistiges Ereignis. Und dieses geistige Ereignis möchte ich heute von gewissen Gesichtspunkten aus wiederum vor — Ihnen charakterisieren.
[ 4 ] The so-called dead have remarkably little in common with most of the ideas that are well-intentioned in a spiritual sense today. Yet they have remarkably much in common with contemporary scientific ideas, when these are considered with an open mind. And it is interesting that so-called materialistic Darwinism is understood and applied in a thoroughly spiritual way, particularly in the realm of the dead. Things appear quite differently in life than they often do in belief—in the often very erroneous belief brought about by what people experience here in the physical body. What do I actually mean when I first refer to the scientific-spiritual perspective? Well, you see, in order to develop these concepts—to rise to the level of thoughts such as those we have today about evolution and so on—a spirituality is required that was not present in earlier times. It is much easier to see ghosts and mistake them for spiritual beings than to develop finely chiseled concepts about that which is seemingly only material. This has led people to develop the most spiritualized concepts in their inner lives and yet to deny these very spiritualized concepts. They accuse these spiritualized concepts of being able to say nothing more than what pertains to the material. The materialistic interpretation of our scientific worldview is nothing other than a slander against the true character of the scientific worldview. It has arisen from a tendency that is, at its core, cowardice! One cannot bring oneself to live with one’s living sensibility within the finely spiritualized concepts, to grasp the spiritual in such—if I may put it this way—dilution as it must be grasped when one forms clear concepts about nature. One does not dare to admit that one lives in the spiritual, lives in the spirit, when one has such diluted, spiritualized concepts, and therefore one lies to oneself by saying: “These concepts mean only the material”—which is not true, which is merely self-deception. And so it is in other areas of life as well. One can point out—as I did the day before yesterday—that, for example, in much of today’s “artistic” creation, values have come to light only through a spiritualized, refined sensibility—values that earlier epochs of artistic development did not possess at all. There is no doubt that much is emerging today in the realm of artistic creation that one would search for in vain in the works of Raphael or Michelangelo. This transformation in spiritual life has been brought about by a very specific spiritual event. And today I would like to characterize this spiritual event for you once again from certain perspectives.
[ 5 ] Als die Mitte des 19. Jahrhunderts noch nicht ganz herangekommen war, so im Beginn der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts, da schickte sich eine gewisse geistige Wesenheit an — die Namen tun nichts zur Sache, um aber einen Namen zu haben, kann man den der christlichen Theologie entlehnten Namen des Erzengels Michael wählen —, es schickte sich also der Erzengel Michael an, nach und nach aus einem bloßen Erzengel ein Zeitgeist zu werden, eine solche Entwickelung zu erlangen, daß er eingreifen könne in das Leben der Menschen nicht nur vom Standpunkte des Überirdischen, sondern unmittelbar vom Standpunkte des Irdischen aus. Vorzubereiten hatte sich der Erzengel Michael, auf die Erde selbst herabzusteigen, gewissermaßen nachzuleben den großen Vorgang des Christus Jesus selber, nachzuleben diesen großen Vorgang: hier auf der Erde seinen Ausgangspunkt zu nehmen und weiter zu wirken vom Gesichtspunkte der Erde aus. Dazu war notwendig, daß von den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts bis zum Ende der siebziger Jahre eine Vorbereitung gepflogen wurde von seiten dieses geistigen Wesens aus. Und so kann man denn beobachten, daß die Jahre, von den vierzigern bis zum Jahre 1879 etwa, einen bedeutungsvollen Kampf im Überirdischen darstellen, aber in demjenigen überirdischen Gebiet, das unmittelbar an das irdische Gebiet angrenzt. Einen schweren, harten Kampf hatte also diese geistige Wesenheit, die man als Erzengel Michael bezeichnen kann, auszufechten gegen gewisse widerstrebende Geister. Man muß sich diese widerstrebenden Geister ein wenig ansehen, wenn man verstehen will, was da eigentlich geschehen ist.
[ 5 ] Before the mid-19th century had fully arrived—in the early 1840s—a certain spiritual being set out—names are irrelevant here, but for the sake of having a name, one might choose that of the Archangel Michael, borrowed from Christian theology— so the Archangel Michael set out to gradually transform himself from a mere archangel into a spirit of the age, to attain such a state of development that he could intervene in human life not only from the perspective of the supernatural, but directly from the perspective of the earthly. The Archangel Michael had to prepare himself to descend to Earth itself, to relive, so to speak, the great process of Christ Jesus himself, to relive this great process: to take his starting point here on Earth and to continue working from the Earth’s perspective. To this end, it was necessary for this spiritual being to carry out preparations from the 1840s through the late 1870s. And so one can observe that the years from the 1840s to about 1879 represent a significant struggle in the super-earthly realm—but in that super-earthly realm which borders directly on the earthly realm. This spiritual being—who may be referred to as Archangel Michael—thus had to wage a difficult, arduous battle against certain resistant spirits. One must examine these resistant spirits a little more closely if one wishes to understand what actually happened there.
[ 6 ] Diese geistigen Wesenheiten, die von diesem, zum Zeitgeist werdenden Erzengel Michael bekämpft werden mußten, sie haben immer eingegriffen in das Leben, in die Evolution der Menschheit. Sie haben nämlich in den letzten Jahrtausenden vor der Mitte des 19. Jahrhunderts die Aufgabe gehabt, die Menschen von der geistigen Welt aus zu differenzieren. Diejenigen geistigen Wesenheiten, welche unmittelbar Anhänger der Erzengel sind, haben das Bestreben, die Menschen in einem gewissen Sinne zur Gruppenseele der Menschheit zurückzuführen, Einheit auszugießen über die ganze Menschheit. Dies würde nicht gegangen sein, wenn sie allein gewirkt hätten auf die Menschheit. Die Menschheit würde gewissermaßen in einem Ununterscheidbaren verschwommen sein, würde nur eine Art vorstellen, wie im Grunde die tierische Art nur eine ist, nur auf einer etwas höheren Stufe. Diese geistigen Wesenheiten, die das michaelische Prinzip zu bekämpfen hatte, sind die, welche die Aufgabe hatten, Differenzierung in die Menschheit hineinzubringen, das einheitliche Menschengeschlecht zu spalten in Rassen, in Völker, in alle diejenigen Unterschiede, welche mit dem Blute, mit den Nerven, dem Temperament zusammenhängen. Das mußte geschehen. Man mag diese geistigen Wesenheiten, die solche Differenzierung in die Menschheit hineinzubringen hatten, ahrimanische Wesenheiten nennen; man mag sie so nennen, aber man muß sich darüber klar sein, daß im gesamten Gang der Menschheitsentwickelung dieses ahrimanische Prinzip notwendig war.
[ 6 ] These spiritual beings, whom Archangel Michael—who was becoming the spirit of the age—had to combat, have always intervened in the life and evolution of humanity. In fact, in the millennia leading up to the mid-19th century, their task was to differentiate human beings from the spiritual world. Those spiritual beings who are direct followers of the archangels strive, in a certain sense, to lead human beings back to the group soul of humanity and to infuse unity throughout all of humanity. This would not have been possible if they had acted alone upon humanity. Humanity would, so to speak, have been blurred into an indistinguishable mass, would have constituted only a single species—just as, fundamentally, the animal kingdom consists of a single species, albeit on a somewhat higher level. These spiritual beings, whom the Michaelic principle had to combat, are the ones who had the task of introducing differentiation into humanity—of dividing the unified human race into races, into peoples, into all those differences connected with blood, nerves, and temperament. This had to happen. One might call these spiritual beings, who were tasked with introducing such differentiation into humanity, Ahrimanic beings; one may call them that, but one must be clear that, in the overall course of human development, this Ahrimanic principle was necessary.
[ 7 ] Nun kam die Zeit heran, die eine wichtige Zeit in der Menschheits- entwickelung war mit Bezug auf das, was ich jetzt erörtert habe. Es kam die Zeit heran, von den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts angefangen, in welcher die alten Differenzierungen verschwinden sollten, die Zeit, in welcher zusammengefaßt werden sollte das differenzierte Menschengeschlecht in eine Menschheitseinheit.
[ 7 ] Now came the time that marked an important period in human development with regard to what I have just discussed. The time was approaching—beginning in the 1840s—when the old distinctions were to disappear, the time when the diverse human race was to be united into a single human unity.
[ 8 ] Die kosmopolitischen Anschauungen, die manchmal ja auch gewiß zur kosmopolitischen Phrase ausgeartet sind im 18. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 19., die sind nur eine Widerspiegelung desjenigen, was in der geistigen Welt sich zugetragen hat. Es tendiert schon die Menschheit dahin, auszulöschen die verschiedenen Unterschiede, welche das Blut, das Nerventemperament beförderte. Es ist tatsächlich nicht eine Tendenz der geistigen Welten, die Menschheit weiter zu differenzieren, sondern es ist eine Tendenz in den geistigen Welten, Kosmopolitisches über die Menschheit auszugießen. So wenig Verständnis auch heute dafür da ist unter dem Eindruck unserer katastrophalen Zeit, so ist es eben doch so, daß man der Wahrheit gemäß dies gestehen muß. Und diese in den irdischen Ereignissen sich spiegelnde Tatsache, die führt dazu, wenn man sie in ihren geistigen Hintergründen beobachtet, zu schauen, wie die Rassengeister, jene die Menschheit differenzierenden Volksgeister, von den vierziger Jahren ab bekämpft worden sind gerade von dem Geiste, der Zeitgeist werden sollte in der neueren Zeit. Es hat sich da vollzogen, wenn auch auf einer anderen Stufe, dasjenige, was immer durch ein bedeutungsvolles Symbolum dargestellt wird. Das Symbolum bezieht sich ja auch auf andere Stufen der Entwickelung, denn die Dinge wiederholen sich auf den verschiedenen Stufen immer wieder, und was ich jetzt erzähle, ist nur eine Wiederholung auf einer bestimmten Stufe von einem geistigen Ereignisse, das auf anderen Stufen stattgefunden hat. Es ist das, was dargestellt wird durch das Symbolum der Besiegung des Drachen durch den Erzengel Michael. Diese Besiegung des Drachen durch den Erzengel Michael, die da bedeutet, daß aus dem Reiche, in dem der Erzengel Michael gebietet, die entgegenstrebenden Mächte ausgestoßen worden sind, die hat sich in einem gewissen Gebiete vom Anfang der vierziger Jahre ab vollzogen. Gewisse geistige Wesenheiten, die bis dahin ihre Aufgabe gehabt hatten in der geistigen Welt zur Differenzierung der Menschheit in Rassen und Völker, die sind — wenn ich es mit diesem Ausdruck bezeichnen darf — vom Himmel auf die Erde gestoßen worden. Diese selben geistigen Wesenheiten, die bis in die vierziger Jahre hinein in einer solchen Art die Menschheit differenziert haben, sie haben in dem an die irdische Welt angrenzenden Gebiete heute keine Macht mehr. Sie sind unter die Menschen gestoßen, sind mit alledem, was sie haben mitbringen können, unter die Menschen auf die Erde gestoßen. Das ist dasjenige, was man in der Geisteswissenschaft bezeichnet als den Sieg des Erzengels Michael über die widerstrebenden Geister, der Ende der siebziger Jahre eintrat: das Hinunterstoßen gewisser ihm widerstrebender Geister auf die Erde.
[ 8 ] The cosmopolitan views—which, admittedly, sometimes degenerated into cosmopolitan rhetoric in the 18th century and the first half of the 19th—are merely a reflection of what took place in the spiritual world. Humanity already tends to erase the various differences brought about by blood and nervous temperament. In fact, there is no tendency in the spiritual worlds to further differentiate humanity; rather, there is a tendency in the spiritual worlds to pour cosmopolitanism over humanity. However little understanding there may be for this today, under the influence of our catastrophic times, it is nevertheless true that, in accordance with the truth, one must acknowledge this. And this fact, reflected in earthly events—when observed in its spiritual context—leads us to see how the racial spirits, those national spirits that differentiate humanity, have been combated since the 1840s precisely by the spirit that was to become the Zeitgeist in more recent times. What has taken place here—albeit on a different level—is precisely what is always represented by a significant symbol. The symbol, after all, also refers to other stages of development, for things repeat themselves over and over again at the various stages, and what I am now describing is merely a repetition at a specific stage of a spiritual event that has taken place at other stages. It is what is represented by the symbol of the Archangel Michael’s defeat of the dragon. This defeat of the dragon by the Archangel Michael—which signifies that the opposing forces have been expelled from the realm over which the Archangel Michael reigns—took place in a certain region beginning in the early 1940s. Certain spiritual beings, whose task until then had been to differentiate humanity into races and peoples in the spiritual world, have been—if I may use this expression—cast down from heaven to earth. These same spiritual beings, who had differentiated humanity in this way well into the 1940s, no longer have any power in the realms adjacent to the earthly world. They have been cast down among human beings; they have been cast down to Earth among human beings with everything they were able to bring with them. This is what is referred to in spiritual science as the victory of the Archangel Michael over the rebellious spirits, which took place at the end of the 1870s: the casting down to Earth of certain spirits who opposed him.
[ 9 ] Und so haben wir seit dem Ende der siebziger Jahre ein Zwiefaches. Wir haben auf der einen Seite für diejenigen, von denen man sagen könnte, daß sie guten Willens sind — wenn man den Ausdruck im bedingten Sinne versteht —, wir haben seit dem Jahre 1879 auf der Erde die Herrschaft des Zeitgeistes Michael, der einen befähigt, spiritualisierte Begriffe, ein spiritualisiertes Geistesleben zu bekommen. Und wir haben auf der Erde die widerstrebenden Geister, die einen dazu verführen, die Geistigkeit der Gegenwart abzuleugnen. Wenn man gegen den Materialismus der Gegenwart kämpft, so sollte man sich immer bewußt sein, daß man nicht kämpfen soll gegen das Gute unseres Zeitalters, sondern daß man kämpft gegen die Lüge unseres Zeitalters. Denn es sind im wesentlichen Lügengeister, welche vom Himmel auf die Erde gestoßen worden sind, jene Geister, welche vorläufig auch als Geister der Hindernisse verhindern, daß gerade in dem Erfassen des naturgemäßen Daseins das Spirituelle gesucht werde. Wenn man die Menschen kenneniernt, welche in der Zeit nach dem Jahre 1841 von der geistigen Welt zur irdischen Inkarnation heruntergestiegen und seither wiederum verstorben sind, so sieht man in der Tat, wie, ich möchte sagen, von der anderen Seite der Welt diese Dinge aufgefaßt werden. Und man kann dann vieles korrigieren von dem, was ja hier in der physischen Welt sehr schwer zu durchschauen ist.
[ 9 ] And so, since the late 1970s, we have had a dual situation. On the one hand, for those whom one might describe as being of good will—if one understands the expression in a relative sense—we have had, since the year 1879, the rule of the Zeitgeist Michael on Earth, who enables one to attain spiritualized concepts and a spiritualized spiritual life. And on Earth we have the opposing spirits who tempt us to deny the spirituality of the present. When one fights against the materialism of the present, one should always be aware that one is not fighting against the good of our age, but rather against the lie of our age. For these are essentially spirits of falsehood who have been cast down from heaven to earth—those spirits who, for the time being, also act as spirits of obstruction, preventing people from seeking the spiritual precisely in their grasp of natural existence. If one gets to know the people who, in the period after 1841, descended from the spiritual world into earthly incarnation and have since passed away, one sees indeed how—I might say—these things are perceived from the other side of the world. And one can then correct much of what is, after all, very difficult to fathom here in the physical world.
[ 10 ] Als im Beginn des 20. Jahrhunderts sich allmählich gezeigt hat, wie es notwendig ist, wiederum auf die verschiedensten Gebiete des Geistes im Leben hinzuweisen, da waren diejenigen, die so hingewiesen haben, wesentlich solche Menschen, die nach dem Jahre 1848, nach 1840 eigentlich schon, mitgemacht hatten den harten Kampf, der vom Erzengel Michael geführt worden ist in der geistigen Welt, und der 1879 geendet hat mit dem Herunterstoßen der widerstrebenden Geister in das Leben auf der Erde, wo sie mit den Menschen zusammen sind. Und im wesentlichen ist es ein Mitkämpfen mit dem Erzengel Michael, wenn man sich gegen diese Geister auflehnt, wenn man sucht, sie aus dem Felde zu schlagen.
[ 10 ] When, at the beginning of the 20th century, it gradually became apparent how necessary it was to once again draw attention to the most diverse spiritual realms of life, those who drew attention to these matters were essentially people who, after 1848—and indeed as early as 1840—had taken part in the fierce battle waged by the Archangel Michael in the spiritual world, a battle that ended in 1879 with the casting down of the rebellious spirits into life on Earth, where they are now among human beings. And essentially, to rebel against these spirits and to seek to drive them from the field is to fight alongside the Archangel Michael.
[ 11 ] Nun gibt es ein gewisses Gesetz, meine lieben Freunde. Dieses Gesetz besagt, daß man von jedem Punkte aus die Entwickelung ebenso wie vorwärts auch zurück verfolgen kann. Man kann, wenn man irgendeinen Zeitpunkt des geschichtlichen Werdens der Menschheit ins Auge faßt, sagen: Da steht dieser Zeitpunkt, da geschieht in diesem Zeitpunkte das eine oder das andere. — Nun verfließt die Zeit weiter, und man kann die Ereignisse beobachten; man kann auch die Zeit rückläufig beobachten. Man kann von 1879 zu 1878, 1877, zu 1860, 1850 und so weiter zurückgehen, und man kann dann betrachten, wie sich das ausnimmt, was in der geistigen Welt rückwärts zu verfolgen ist. Dann wird man folgendes sehen. Man wird sehen, daß in der tieferen Struktur der Ereignisse auch im Fortlaufenden sich dasjenige wiederholt, was man in der Anschauung als zurückliegend findet. Wenn man irgend etwas Großes einfach sagt, klingt es leicht trivial. Doch will ich einfach sprechen. Wenn man den Zeitpunkt 1879 ins Auge faßt, kann man bis 1880 weiter vor- oder bis 1878 zurückgehen. Geht man bis 1880 weiter vor, so wird man in der tieferen geistigen Struktur bemerken, daß das, was 1878 sich vollzogen hat, in einer gewissen Weise mitwirkt, so mitwirkt, daß hinter dem Ereignisse von 1880 das Ereignis von 1878 wie eine Kraft steht, die mitwirkt. Und hinter dem Ereignisse vom Jahre 1881 wirkt wiederum das Ereignis von 1877 wie eine dahinterstehende Kraft mit. Es ist so, wie wenn sich, je weiter man zurückgeht, die Zeitlinie umkehrt, und die Ereignisse, die weiter zurückliegen, sich gegenüber denen, die von einem gewissen Zeitpunkte an weiter vorwärts gehen, dahinterstellen würden. Man versteht viel, wenn man diese Dinge versteht.
[ 11 ] Now, my dear friends, there is a certain law. This law states that from any given point, one can trace the course of development both forward and backward. If one considers any point in the historical development of humanity, one can say: Here is that point in time; at that point, one thing or another is happening. — Now time continues to flow, and one can observe the events; one can also observe time in reverse. One can go back from 1879 to 1878, 1877, to 1860, 1850, and so on, and one can then consider what it looks like to trace events backward in the spiritual world. Then one will see the following. One will see that in the deeper structure of events, even as they unfold, what one perceives as having passed is repeated. When one simply states something profound, it may sound somewhat trivial. Yet I wish to speak plainly. If one considers the year 1879, one can move forward to 1880 or back to 1878. If one moves forward to 1880, one will notice in the deeper spiritual structure that what took place in 1878 plays a role in a certain way—namely, that behind the events of 1880, the events of 1878 stand as a force that is at work. And behind the events of 1881, the events of 1877, in turn, act as an underlying force. It is as if, the further back one goes, the timeline were reversed, and the events that lie further back were to take a back seat to those that occur further forward from a certain point in time. One understands a great deal when one understands these things.
[ 12 ] Nun bitte ich Sie, sich zu erinnern, daß ich von dem Jahre 1879 schon seit vielen Jahren spreche, nicht etwa erst seit 1914, wo es billig geworden ist. Das ist wichtig, meine lieben Freunde. Und ich bitte Sie, einmal eine einfache Rechnung mit mir auszuführen. Rechnen Sie von 1879 zurück bis zu diesem Jahr, das ich oftmals als die andere Grenze bezeichnet habe. Ich habe immer gesagt: Der Kampf, von dem ich jetzt rede, hat begonnen anfangs der vierziger Jahre, etwa 1841, 1840. — Rechnen Sie zurück: 1879, 1869, 1859, 1849 und etwa acht oder neun Jahre dazu, gibt also achtunddreißig oder neununddreißig Jahre. Rechnen Sie vorwärts: 1879, 1889, 1899, 1909, 1914, bis in unsere Tage hinein, gibt genau ebensoviel: gibt achtunddreißig oder neununddreißig Jahre. Würden Sie gar das Jahr 1917 ins Auge fassen, so würden Sie ein überraschendes Resultat erzielen. Sie würden begreifen, welche tiefe Bedeutung es hat, wenn der Okkultist sagt: Geht man von einem einschneidenden historischen Ereignis weiter, so wiederholt sich das vorhergehende geistige Ereignis in dem folgenden.
[ 12 ] Now I ask you to remember that I have been speaking of the year 1879 for many years now, not just since 1914, when it became fashionable to do so. This is important, my dear friends. And I ask you to work out a simple calculation with me. Count back from 1879 to this year, which I have often referred to as the other boundary. I have always said: The struggle I am now speaking of began in the early 1840s, around 1841 or 1840. — Count back: 1879, 1869, 1859, 1849, and add about eight or nine years to that—that makes thirty-eight or thirty-nine years. Count forward: 1879, 1889, 1899, 1909, 1914, right up to the present day—that adds up to exactly the same number: thirty-eight or thirty-nine years. If you were to consider the year 1917, you would arrive at a surprising result. You would understand the profound significance of the occultist’s statement: “If one proceeds from a decisive historical event, the preceding spiritual event repeats itself in the following one.”
[ 13 ] Hinter den Ereignissen unserer Tage hier auf dem physischen Plan stehen die geistigen Ereignisse, die begonnen haben in den vierziger Jahren, und die zu bezeichnen sind als Bekämpfung widerstrebender Geister von seiten des Erzengels Michael. Sie stehen dahinter. Wir haben eine Wiederholung desjenigen, was im Anfang der vierziger Jahre stattfand. Und Sie können sich denken, wie anders man die Ereignisse in der Gegenwart anschaut, wenn man auf diese Gesetzmäßigkeit zurückgeht. Man wird vielleicht dann etwas tiefer verstehen, was heute sonst nur eigentlich tonlos an der Menschen Ohr vorbeigeht, was nicht in die Seelen geht. Man wird sich sagen, daß ja der Kampf des Erzengels Michael gegen die widerstrebenden Mächte bis zu einem gewissen Grade an seinen Ausgangspunkt zurückgekehrt ist.
[ 13 ] Behind the events of our time here on the physical plane lie the spiritual events that began in the 1940s and can be described as the Archangel Michael’s struggle against rebellious spirits. They are the driving force behind them. We are witnessing a repetition of what took place in the early 1940s. And you can imagine how differently one views current events when one traces them back to this law of nature. One might then gain a deeper understanding of what today otherwise passes by people’s ears without making a sound—what does not penetrate their souls. One might say that the Archangel Michael’s battle against the opposing forces has, to a certain extent, returned to its starting point.
[ 14 ] Es ist im allgemeinen immer schwierig, zu den Menschen der Gegenwart von diesen tieferen Zusammenhängen zu sprechen, weil diese so energisch abweisen dasjenige, was gerade helfen würde, diese Gegenwart in der richtigen Weise zu verstehen und in der richtigen Weise handelnd in sie einzugreifen. Unsere Zeit macht wirklich notwendig, sich von alten Vorurteilen loszusagen, macht notwendig, dasjenige, was ist, auch zum Verständnis zu bringen, auch ins Bewußtsein heraufzurufen. Und es geschehen einmal Dinge unmittelbar hier auf dem physischen Plan, die in ihrer Art viel geistiger sind als sonst Geschehnisse. Das aber hängt zusammen mit dem Herabsteigen des Erzengels Michael in unsere Erdenregion. Es sprechen ja viele von diesem Herabsteigen des Erzengels Michael in unsere Erdenregion. Aber wenn es im Ernste darauf ankommen sollte, diese Sache mit ihrem wahrhaftigen Hintergrunde zu nehmen, dann gehen die Leute nicht mit, dann wollen sie nicht mitgehen! Das aber ist gerade notwendig, daß in immer breiteren und breiteren Kreisen unserer Zeit spirituelles Verständnis der wichtigsten Impulse unseres Zeitenlebens Platz greife. Deshalb war es schon durchaus notwendig, was ja die ganzen Jahre her in unseren Zweigversammlungen geschehen ist, darauf aufmerksam zu machen, daß der Strom der Ereignisse, der vom Geiste her so stark beeinflußt wird in unserer Zeit, nicht verschlafen werde. Und das Verschlafen der Ereignisse, das ist geradezu ein Grundzug unserer Zeit. DieMenschen gehen wie schlafend an den Ereignissen vorbei, und man konnte die Beobachtung machen, daß ein Ereignis, je einschneidender, je tiefbedeutsamer es hereintritt auf den physischen Plan, desto mehr von den Menschen verschlafen wird.
[ 14 ] It is generally always difficult to speak to people of the present about these deeper connections, because they so vigorously reject precisely what would help them understand the present in the right way and intervene in it by acting in the right way. Our times truly make it necessary to renounce old prejudices; they make it necessary to bring what is into understanding and to raise it into consciousness. And things are happening right here on the physical plane that, in their nature, are far more spiritual than ordinary events. But this is connected with the descent of the Archangel Michael into our region of the Earth. Many people do speak of this descent of the Archangel Michael into our region of the Earth. But when it comes down to it—when it is truly necessary to take this matter seriously and understand its true background—people do not go along with it; they do not want to go along with it! Yet it is precisely necessary that a spiritual understanding of the most important impulses of our contemporary life take root in ever-wider and wider circles of our time. That is why it was absolutely necessary—as has been happening for years now in our branch meetings—to draw attention to the fact that the current of events, which is so strongly influenced by the spirit in our time, must not be overlooked. And overlooking these events is, in fact, a defining characteristic of our time. People pass by events as if asleep, and one could observe that the more drastic and profound an event is as it enters the physical plane, the more it is overlooked by people.
[ 15 ] Der März 1917 — wenn ich auf Konkretes nur andeutungsweise hinweisen darf — war etwas so Gewaltiges in seiner Anlage, wird so bedeutende Dinge nach sich ziehen, von denen sich heute die Menschheit noch nichts träumen läßt, daß es geradezu grotesk ist, wie wenig die Menschen verstehen, daß es heute notwendig ist, fast alle Urteile zu revidieren, fast alles dasjenige, was je vor 1914 von den Menschen geglaubt worden ist, einer Revision zu unterziehen.
[ 15 ] March 1917—if I may hint at specific details—was something so momentous in its scope, and will bring about such significant changes that humanity cannot even begin to imagine today, that it is downright grotesque how little people understand that it is necessary today to revise almost all judgments, and to subject almost everything that people believed before 1914 to a reevaluation.
[ 16 ] Es darf vielleicht bei dieser Gelegenheit hingewiesen werden darauf, daß ich 1910 in Kristiania eine Anzahl von Vorträgen gehalten habe über die europäischen Volksseelen. Im ersten dieser Vorträge können Sie den Satz lesen, daß sehr bald die Menschheit aufgerufen werden wird, etwas zu verstehen von den Verhältnissen der europäischen Volksseelen. Immer wieder und wiederum ist betont worden in unseren Vorträgen: Der Blick soll nach dem unmittelbaren Osten hin gerichtet werden; das ist wichtig, was von da aus für die Menschheitsentwickelung geschieht. — Wie oft ist das gesagt worden. Jeder, der zugehört hat, weiß das. Und noch im Frühling 1914 im Vortragszyklus zu Wien über das Leben zwischen Tod und neuer Geburt habe ich einen eindringlichen Satz gewagt, den Satz, daß das soziale Leben unserer Zeit in einem wahrhaftigen Sinne verglichen werden kann mit einer besonderen Krankheitsform, mit einem Karzinom, daß eine schleichende Krebskrankheit durch das soziale Leben geht. — Natürlich, diese Dinge können unter unseren gegenwärtigen Verhältnissen nicht anders als so gesagt werden, aber sie müssen verstanden werden.
[ 16 ] It may be worth noting on this occasion that in 1910 I gave a series of lectures in Kristiania on the European national souls. In the first of these lectures, you can read the statement that very soon humanity will be called upon to understand something of the conditions of the European national souls. Time and again, this has been emphasized in our lectures: Our gaze should be directed toward the immediate East; what happens there is important for the development of humanity. — How often has this been said. Everyone who listened knows this. And as recently as the spring of 1914, in the lecture series in Vienna on life between death and new birth, I dared to make a forceful statement: that social life in our time can, in a true sense, be compared to a particular form of disease, to a carcinoma—that a creeping cancer is spreading through social life. — Of course, under our present circumstances, these things cannot be stated any other way, but they must be understood.
[ 17 ] Die Weltereignisse spielen sich keineswegs so ab, daß dieser schöne Fortgang herrscht, der eine Fabel der Historiker ist: daß immer das Spätere so aus dem Vorhergehenden sich entwickelt, dies wieder aus dem Vorhergehenden und so weiter. Das Vorurteil, daß sich das Spätere immer so möglichst ruhig aus dem Vorhergehenden entwickelt oder entwickeln müsse, dieses Vorurteil kann man ja Menschen überlassen, welche weniger Wirklichkeitssinn haben, als der anthroposophisch Denkende entwickeln soll. Man kann dieses Vorurteil — wenn ich konkret auf etwas hinweisen soll — den Politikern der alten Schule, auch der heutigen Gegenwart, noch vielfach überlassen, solange die Menschheit will. In Wirklichkeit handelt es sich aber um etwas ganz anderes. Es handelt sich darum, daß der Gang der Ereignisse wie eine in voller Tätigkeit, in voller Bewegung begriffene Waage ist, wo bald der eine Waagebalken, bald der andere Waagebalken heruntersinkt. Und deshalb kann man die Zeit seit dem Beginn der vierziger Jahre etwa so charakterisieren: Es wäre eine Möglichkeit gewesen, wenn von dem Jahre 1840 ab bis 1914 — welche Zeit durch 1879 in zwei geteilt wird — versucht worden wäre, in einer sachgemäßen Weise vorzubereiten jene Spiritualisierung der Menschheit, welche durch den Erzengel Michael angestrebt wird; wenn versucht worden wäre in größerem Maße, spirituelle Begriffe, spirituelle Vorstellungen in die Menschheit hineinzubringen. Wenn so etwas — da die Menschheit in der neueren Zeit auf Freiheit gestellt werden muß — aus dem freien Menschenwillen heraus unterlassen wird, so sinkt die Waagschale auf die andere Seite hinunter. Dann entlädt sich das, was auf spirituellem Wege hätte erreicht werden können, durch das Blut. Dann entlädt sich das auf eine, ich möchte sagen, überphysische Weise. Es ist nur das Gleichstellen der Waage, was wir in unserer katastrophalen Zeit erleben. Die Menschheit, die zurückgewiesen hat die Spiritualisierung, muß in die Spiritualisierung hineingezwungen werden. Das kann durch eine physische Katastrophe geschehen.
[ 17 ] World events do not unfold in such a way that this smooth progression—which is a myth perpetuated by historians—prevails: that what comes later always develops from what came before, which in turn developed from what came before it, and so on. The prejudice that what comes later always develops—or must develop—as smoothly as possible from what came before—this prejudice can certainly be left to people who have less of a sense of reality than the anthroposophical thinker is meant to develop. One can—if I am to point to something specific—still largely leave this prejudice to the politicians of the old school, as well as those of the present day, for as long as humanity so desires. In reality, however, the situation is quite different. It is a matter of the course of events being like a set of scales in full operation, in full motion, where now one pan, now the other, sinks downward. And that is why the period since the early 1840s can be characterized roughly as follows: It would have been possible, had there been an attempt from 1840 through 1914—a period divided in two by 1879—to prepare, in an appropriate manner, for that spiritualization of humanity toward which the Archangel Michael is striving; if greater efforts had been made to instill spiritual concepts and spiritual ideas into humanity. If such efforts—since humanity must be granted freedom in modern times—are neglected out of free human will, then the scale tips to the other side. Then what could have been achieved through spiritual means is unleashed through bloodshed. Then it is unleashed in a—I would say—superphysical way. What we are experiencing in our catastrophic times is merely the balancing of the scales. Humanity, which has rejected spiritualization, must be forced into it. This can happen through a physical catastrophe.
[ 18 ] Man kann wiederum sich diese Vorstellung bestätigen, wenn man fest auf dem folgenden Boden steht: Hier leben wir in dieser physischen Welt, aber eigentlich wachen tun wir in dieser physischen Welt nur durch unsere Wahrnehmungen und unsere Vorstellungen, wie ich es neulich ausgeführt habe. Mit unseren Gefühlen träumen wir hier, mit den Willensimpulsen schlafen wir. Das ist selbstverständlich für den Menschen. Wenn man sich aber einlebt durch Imagination, Inspiration, Intuition in jene Welt, die als die spirituelle Welt wie die Luft immer um uns ist, und in der die sogenannten Toten mit uns gemeinsam sind, mit ihren Impulsen wirken, dann nimmt man wahr, wie das Leben hier in der physischen Welt zusammenhängt mit dem Leben der sogenannten Toten. Aufnehmen aus den Herzen der Menschen heraus können die Toten nur die spirituellen Vorstellungen.
[ 18 ] One can confirm this idea by standing firmly on the following ground: We live here in this physical world, but in reality we are only truly awake in this physical world through our perceptions and our ideas, as I explained recently. With our feelings, we dream here; with our impulses of will, we sleep. This is self-evident to human beings. But when one immerses oneself through imagination, inspiration, and intuition into that world—which, like the air, is always around us as the spiritual world, and in which the so-called dead are with us, acting through their impulses—then one perceives how life here in the physical world is connected to the life of the so-called dead. The dead can receive only spiritual ideas from the hearts of human beings.
[ 19 ] Erinnern Sie sich an dasjenige, was ich vor drei Tagen gesagt habe: Wenn ein Mensch in jüngeren Jahren dahinstirbt, dann ist er eigentlich, geistig genommen, nicht von seinen Angehörigen weggegangen; er ist dageblieben, er ist in Wirklichkeit da. Aber für den Toten handelt es sich noch um etwas ganz anderes, als da zu sein — ich bitte Sie, das recht ernst zu nehmen —, darum handelt es sich für den Toten, dieses Dasein zu ertragen, es erfassen zu können. Wenn der Tote da ist in einer Familie, die materialistisch gesinnt ist und die nicht sich hingibt spirituellen Vorstellungen, so ist der Tote zwar da in dieser Familie, aber er ist in dieser Familie so da, daß sie ihn fortwährend bedrängt und beklemmt. Die Familie ist für ihn etwas wie ein Alp, wie die Luft, die wir in zu starkem Maße einatmen, unter der wir den Alpdruck empfinden. Nur die spirituellen Vorstellungen schaffen dieses Alpdrücken weg und machen das Zusammenleben mit denen, unter denen man geblieben ist, erträglich, möglich.
[ 19 ] Remember what I said three days ago: When a person dies at a young age, spiritually speaking, they have not actually left their loved ones; they have remained, they are in fact still there. But for the deceased, it is something entirely different from simply being there—I ask you to take this very seriously—for the deceased, it is a matter of enduring this existence, of being able to comprehend it. If the deceased is present in a family that is materialistic in its outlook and does not embrace spiritual ideas, then the deceased is indeed present in this family, but they are present in such a way that the family constantly oppresses and suffocates them. For the deceased, the family is something like a nightmare, like the air we breathe in too deeply, under which we feel the oppressive weight of a nightmare. Only spiritual beliefs can dispel this oppressive pressure and make it possible—and bearable—to live together with those among whom one has remained.
[ 20 ] Wiederum habe ich Ihnen gesagt: Wenn ein älterer Mensch seinen Angehörigen entrissen ist, nimmt er ihre Seelen in einer gewissen Beziehung mit. Er nimmt sie mit, er zieht sie nach sich. Aber wiederum, wenn sie nicht mit spirituellen Vorstellungen sich durchsetzen, sind sie für ihn wie ein Alp.
[ 20 ] Once again, I have told you: When an elderly person is torn away from their loved ones, they take their souls with them in a certain sense. They take them with them; they draw them after them. But again, if they do not assert themselves through spiritual concepts, they are like a nightmare to him.
[ 21 ] Nun bedenken wir etwas anderes. Man kann ungeheuer viel lernen, wenn man, unter irgendwelchen Voraussetzungen, das durch äußere oder auch durch abnorme innere Verhältnisse herbeigeführte plötzliche Ableben eines Menschen beobachtet. Nehmen wir an, ein Mensch wird erschlagen oder erschossen. Da wird der Tod in einer anderen Weise herbeigeführt, als wenn er allmählich durch Krankheit, auf naturgemäße Weise herbeigeführt wird. Nun denken Sie sich, ein Mensch wird im fünfunddreißigsten Jahr seines Lebens erschossen; also von außen her wird sein Leben vernichtet. Wenn der Schuß nicht gekommen wäre — gewiß hängt die Sache mit dem Karma zusammen, aber trotzdem gilt das Folgende, das ich jetzt auseinandersetzen werde —, wenn der Mensch nicht erschossen worden wäre, so würde er durch seine Konstitution vielleicht noch weitere fünfunddreißig Jahre haben leben können. Nicht wahr, er trägt in sich die Konstitution zu noch weiteren fünfunddreißig Jahren. Das bewirkt etwas ganz Bestimmtes.
[ 21 ] Now let us consider something else. One can learn an immense amount by observing—under any circumstances—the sudden death of a person brought about by external or even abnormal internal conditions. Let’s suppose a person is beaten to death or shot. In such cases, death is brought about in a different way than when it occurs gradually through illness, in a natural manner. Now imagine a person is shot at the age of thirty-five; in other words, his life is destroyed from the outside. If the shot had not been fired—certainly the matter is connected with karma, but nevertheless the following applies, which I will now explain—if the person had not been shot, he might have been able to live for another thirty-five years based on his constitution. Isn’t that right? He carries within himself the constitution for another thirty-five years. This has a very specific effect.
[ 22 ] Wenn ein Mensch in der Zeit, in der die Lebenskräfte noch besonders rege sind, auf gewaltsame Weise den Tod findet, dann erlebt er in diesem Augenblick ungeheuer viel. Zusammengedrängt in einen Augenblick erlebt er gewisse Dinge, die sich sonst über einen langen Zeitraum ausdehnen. Was er noch hätte erleben können in den fünfunddreißig Jahren, die auf die anderen fünfunddreißig Jahre gefolgt wären, was verteilt gewesen wäre über viele Jahre, das wird zusammengedrängt in einen einzigen Augenblick. Denn das Wichtigste, was man in der Stunde des Todes erlebt, das ist, daß man in dieser Stunde des Todes dazu kommt, in Wahrheit seine Leiblichkeit von außen zu sehen, wie sie den Übergang durchmacht von der Beherrschung der Kräfte, die sie früher gehabt hat, als die Seele drinnen war im Leibe, zu dem, daß sie jetzt ein Naturwesen wird, an die Naturkräfte abgegeben wird, an die äußeren physischen Kräfte. Das ist das ungeheuer Bedeutungsvolle im Todesmoment, daß der Mensch zurückschaut, wie sein Organismus den physischen Naturkräften ausgeliefert wird. Wenn ein Mensch gewaltsam den Tod erleidet, wird er plötzlich nicht nur denjenigen Naturkräften ausgeliefert, welche die normalen sind, sondern er wird als Organismus durch den Kugeldurchschuß so behandelt wie ein unorganischer, unlebendiger Körper, er wird ganz ins Unorganische versetzt. Es ist ein großer Unterschied, ob man dahinsiecht, oder ob man plötzlich den Tod erleidet dadurch, daß von außen das Universum, sei es in Form einer Kugel oder in anderer Form, in den menschlichen Organismus eingreift. Da geschieht ein plötzliches Aufleuchten, ein Auffeuern von unendlich viel Geistigkeit. Es ist ein Überflammen einer geistigen Aura, welches sich da vollzieht. Und derjenige, der durch die Pforte des Todes gegangen ist, schaut auf dieses Aufflam men zurück. Dieses Aufflammen, das ist sehr ähnlich dem, was nur _ dann zustande kommt, wenn die Menschen sich spirituellen Begriffen hingeben. Es sind geradezu Werte, die austauschbar sind. Es ist unglaublich interessant zu sehen, wie ähnlich, von der anderen Seite, von der Seite der Toten geschaut, der Gedanke, der empfindende Gedanke ist, den einer hat, wenn er ein Bildwerk, eine Malerei, welche aus spirituellem Leben herausgeboren ist, genießt oder schafft, jener Empfindung, die einer dadurch hat — ohne daß es durch das Bewußtsein des Menschen geht —, daß von außen, sagen wir, ein Arm verletzt, verwundet wird, und Schmerz beim Menschen entsteht. Es ist eine ungeheure Verwandtschaft zwischen den beiden Ereignissen, so daß das eine für das andere eintreten kann.
[ 22 ] When a person meets a violent death at a time when their life forces are still particularly active, they experience an immense amount in that single moment. Compressed into a single moment, they experience certain things that would otherwise unfold over a long period of time. What they might still have experienced in the thirty-five years that would have followed the other thirty-five years—what would have been spread out over many years—is compressed into a single moment. For the most important thing one experiences at the hour of death is that, at that hour, one comes to truly see one’s physical body from the outside—how it undergoes the transition from being governed by the forces it once possessed, when the soul was still within the body, to now becoming a natural being, surrendered to the forces of nature, to the external physical forces. This is what is so immensely significant about the moment of death: that the human being looks back as his organism is surrendered to the physical forces of nature. When a person suffers a violent death, they are suddenly not only at the mercy of the normal forces of nature, but—as an organism—they are treated by the bullet wound as if they were an inorganic, lifeless body; they are completely transferred into the inorganic realm. There is a great difference between slowly wasting away and suddenly meeting death when the external universe—whether in the form of a bullet or in some other form—intervenes in the human organism. At that moment, there is a sudden flash, a burst of infinite spirituality. What takes place there is a blazing up of a spiritual aura. And the one who has passed through the gate of death looks back upon this blazing up. This blazing up is very similar to what occurs only when people devote themselves to spiritual concepts. These are, in fact, values that are interchangeable. It is incredibly interesting to see how similar—when viewed from the other side, from the side of the dead—the thought, the feeling one has when enjoying or creating a work of art, a painting born of spiritual life, is to that sensation one experiences through it—without it passing through human consciousness—that from the outside, let’s say, an arm is injured or wounded, and pain arises in the person. There is an immense kinship between the two events, such that one can take the place of the other.
[ 23 ] Jetzt werden Sie den karmischen Zusammenhang begreifen, der da besteht zwischen zwei Ereignissen. Natürlich haben eine ganze Anzahl . von Menschen, als die vierziger Jahre herangenaht sind, gewußt, wie, ich möchte sagen, der «Stand der Sterne» ist. Dies ist nur ein technischer Ausdruck bei den Okkultisten, daß sie, wenn sie ein solches Ereignis wie den Kampf des Erzengels Michael mit dem Drachen bezeichnen wollen, sagen: Das ist der Stand der Sterne. — Es gab natürlich eine ganze Anzahl von Menschen, welche damals gewußt haben, daß ein so wichtiges Ereignis vorging. Es gab auch Menschen, die Vorsorge haben treffen wollen; nur war, ich möchte sagen, die andere Waagschale zu stark beladen: der materialistische Sinn der Menschen war zu stark. So hat man zu dem falschesten gegriffen, zu dem man greifen konnte dazumal. Man sah ein: Spirituelles Leben muß in die Menschheit hineinkommen. Das zeigte sich ganz klar. Denn in den vierziger Jahren waren viele, welche die Zeichen der Zeit verstanden, davon überzeugt, spirituelles Leben müsse in die Menschheit hineinkommen. Wäre dieses spirituelle Leben vom Anfang der vierziger Jahre an in die Menschheit hineingekommen, viele Katastrophen wären dieser Menschheit erspart geblieben. Denn das, was sich vollzogen hat, hätte sich trotzdem vollzogen, aber in anderer Form. Was karmisch notwendig ist, das geschieht, aber es kann sich in verschiedenen Formen abspielen. Das muß man immer festhalten.
[ 23 ] Now you will understand the karmic connection that exists between these two events. Of course, quite a number of people, as the 1940s approached, knew what, I might say, the “alignment of the stars” was. This is merely a technical term used by occultists; when they wish to describe an event such as the Archangel Michael’s battle with the dragon, they say: “That is the alignment of the stars.” — There were, of course, quite a number of people at that time who knew that such an important event was taking place. There were also people who wanted to take precautions; but, I would say, the other side of the scale was too heavily weighted: people’s materialistic mindset was too strong. Thus, they resorted to the most erroneous course of action possible at that time. They realized: Spiritual life must enter into humanity. This became quite clear. For in the 1940s, many who understood the signs of the times were convinced that spiritual life must enter into humanity. Had this spiritual life entered humanity from the beginning of the 1940s onward, humanity would have been spared many catastrophes. For what took place would have taken place anyway, but in a different form. What is karmically necessary happens, but it can unfold in various forms. One must always bear this in mind.
[ 24 ] Ich will mich deutlicher aussprechen: Wenn der Mensch heute nachdenkt über dasjenige, was geschehen soll auf sozialem Felde oder auf anderen Feldern, ja, dann kann er das in zweifacher Weise machen. Er kann ein Programm aufstellen, kann Begriffe sich bilden, die programmatisch sind, kann sich ausdenken, wie die Welt werden soll auf einem gewissen Gebiete. Das kann in schön klingende Worte gebracht werden. Man kann auf diese Worte so schwören wie auf Dogmen, aber herauskommen tut dabei nichts, gar nichts! Man kann die schönsten Ideen haben über das, was werden soll: Herauskommen kann dabei gar nichts. Von Ideen, die noch so schön sind, braucht gar nichts herauszukommen. Programme, die ausgedacht sind, sind überhaupt das Allerallerwertloseste im Leben. Dagegen kann man etwas anderes tun: Man kann — und manche Menschen erreichen das ohne besonderes Hellsehen — einfach durch ein naives, intuitives Erkennen der Zeitverhältnisse sich fragen: Was geschieht auf jeden Fall in den nächsten zwanzig bis dreißig Jahren? Was liegt in der Zeit, das sich verwirklichen will? — Dann kann man sagen, wenn man das herausbekommen hat, was auf jeden Fall geschieht: Man hat jetzt die Wahl, entweder nimmt man Vernunft an und lenkt die Entwickelung in der Richtung, die sich unter allen Umständen vollzieht; dann geht die Sache gut. Oder aber man unterläßt dieses, man läßt die Dinge auf sich beruhen, man schläft, man wacht nicht; dann vollzieht sich die Sache durch Katastrophen, dann kommen Revolutionen, Kataklysmen und so weiter. — Keine Statistik, kein Programm, das noch so schön ausgedacht ist, hat einen Wert. Einen Wert hat allein die Beobachtung desjenigen, was im Schoße der Zeit liegt. Das muß aufgenommen, das muß durchdrungen werden, von dem müssen die Intentionen der Gegenwart beherrscht werden.
[ 24 ] Let me put it more clearly: When people today reflect on what should happen in the social sphere or in other areas, they can do so in two ways. They can draw up a program, formulate programmatic concepts, and envision how the world should be in a certain area. This can be expressed in fine-sounding words. One can swear by these words just as one would by dogmas, but nothing—absolutely nothing—comes of it! One can have the most beautiful ideas about what should become: yet nothing at all can come of it. No matter how beautiful ideas may be, nothing at all needs to come of them. Preconceived programs are, in fact, the very, very most worthless things in life. On the other hand, one can do something else: One can—and some people achieve this without any special insight—simply through a naive, intuitive recognition of the circumstances of the times, ask oneself: What will definitely happen in the next twenty to thirty years? What lies in the course of time that is bound to come to pass? — Then, once you have determined what will happen in any case, you can say: You now have a choice—either you accept reason and steer the course of development in the direction it will take under all circumstances; then things will turn out well. Or, on the other hand, you fail to do this, you let things take their own course, you sleep, you do not stay alert; then things unfold through catastrophes; then come revolutions, cataclysms, and so on. — No statistics, no program, no matter how well thought out, has any value. The only thing of value is the observation of what lies in the bosom of time. That must be taken in, that must be penetrated, and the intentions of the present must be governed by it.
[ 25 ] In den vierziger Jahren haben die mannigfaltigsten Leute, die Programm-Menschen waren, über die geringe Anzahl derjenigen, die das einsahen, was ich eben gesagt habe, gesiegt. Dadurch ist alles mögliche gekommen zur Spiritualisierung der Menschheit: Spiritismus zum Beispiel, der nur ein Versuch ist, die Menschheit mit untauglichen Mitteln zu spiritualisieren, der in materialistischer Weise reformieren, die geistige Welt darleben, offenbaren will. Man kann auch im Gedanken recht materialistisch sein. Man ist zum Beispiel dann materialistisch, wenn man sagt: Ja, aber dieser oder jener Teil der Menschheit hat doch recht, warum greifen die geistigen Mächte nicht ein und verhelfen dem zum Recht? — Wie oft hört man das sagen in der Gegenwart: Warum greifen die geistigen Mächte nicht ein? — Ich antwortete in mehr abstrakter Form neulich: Die Menschheit ist gegenwärtig auf Freiheit gestellt. — Diejenigen, die fragen: Warum greifen die geistigen Mächte nicht ein? — die gehen ja von dem Glauben aus, daß Gespenster Politik machen sollten statt der Menschen. Das wäre freilich ein leichtes Vorwärtskommen, wenn Gespenster statt der Menschen die Reformen einführen würden, auf die es ankommt. Das tun sie natürlich nicht, weil die Menschen auf Freiheit gestellt sind. Das Warten auf Gespenster, das ist dasjenige, was die Menschen am konfusesten macht, das lenkt sie von dem ab, was eigentlich geschehen soll. Und so ist denn gerade die Zeit, in der die Menschheit, ihrem Leben nach, in verfeinerte spirituelle Begriffe sich hineinarbeitete, die bei manchen deutlich leben, so ist diese Zeit auf der anderen Seite den stärksten materialistischen Versuchungen ausgesetzt gewesen. Die Menschen können nur nicht unterscheiden zwischen den verfeinerten spiritualisierten Begriffen und Empfindungen und zwischen dem, was versuchend an sie herantritt, und was entgegenarbeitet der Auffassung von dem, was man spiritualisiert in sich hat, und was wirklich auch etwas Spirituelles ist. Deshalb weil zur rechten Zeit nicht begriffen worden ist, wie die Entwickelung geschehen muß — ist das katastrophale Zeitalter, ist unsere schwere Gegenwart notwendig geworden. Ohne diese schwere Gegenwart wäre die Menschheit noch tiefer hineingesunken in den Unglauben an sich selbst. Noch mehr wäre sie dazu gekommen, zwar Spirituelles zu entwickeln, aber dieses Spirituelle abzulehnen.
[ 25 ] In the 1940s, a wide variety of people—those who were driven by a set agenda—prevailed over the small number of people who recognized what I have just said. As a result, all sorts of things have emerged in the name of the spiritualization of humanity: Spiritism, for example, which is merely an attempt to spiritualize humanity through unsuitable means—an attempt to reform in a materialistic way and to portray and reveal the spiritual world. One can also be quite materialistic in one’s thinking. For example, one is materialistic when one says: “Yes, but this or that part of humanity is right after all—why don’t the spiritual powers intervene and help them obtain justice?” — How often does one hear this said today: “Why don’t the spiritual powers intervene?” — I answered this recently in a more abstract way: Humanity is currently left to its own devices. — Those who ask, “Why don’t the spiritual powers intervene?”—they are, after all, proceeding from the belief that ghosts should engage in politics instead of human beings. That would certainly be an easy way forward if ghosts, instead of human beings, were to introduce the reforms that matter. Of course, they do not do that, because human beings are granted freedom. Waiting for ghosts—that is what confuses people the most; it distracts them from what is actually supposed to happen. And so, precisely at a time when humanity, in the course of its life, was working its way into refined spiritual concepts—which are clearly alive in some people—this very time has, on the other hand, been exposed to the strongest materialistic temptations. People are simply unable to distinguish between these refined, spiritualized concepts and feelings and between what approaches them as a temptation—and what works against the understanding of what one has within oneself that is spiritualized—and what is truly spiritual. Precisely because it was not understood at the right time how development must take place—this catastrophic age, our difficult present, has become necessary. Without this difficult present, humanity would have sunk even deeper into disbelief in itself. It would have come to develop the spiritual even more, yet at the same time reject it.
[ 26 ] Das sind solche Hintergründe des geschichtlichen Werdens. Ich würde ja so gerne von diesen Hintergründen aus manches, was im Vordergrunde liegt, beleuchten wollen, allein aus leicht begreiflichen Gründen geht das, insbesondere in der Gegenwart, nicht. Es muß jedem einzelnen überlassen sein, mit solchen Hintergründen sich nun dasjenige, was in seiner unmittelbaren Gegenwart lebt, wirklich zu beleuchten.
[ 26 ] These are the kinds of historical contexts that shape the course of history. I would very much like to use these contexts to shed light on many things that are in the foreground, but for reasons that are easy to understand, this is not possible, especially in the present. It must be left to each individual to use such background context to truly shed light on what is happening in their immediate present.
[ 27 ] Das Verschlafen, welches ich vorhin charakterisiert habe, das bedingt, daß man auch innerlich so gerne über die Ecken und Kanten des Lebens hinwegsieht. Wenn man aber über die Ecken und Kanten des Lebens hinwegsieht, dann entstehen Kompromisse. Nun kann es Zeiten geben, die für Kompromisse sehr geeignet sind. Dasjenige, was vorangegangen ist den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts, das war eine Zeit, die für Kompromisse recht geeignet war; aber unsere Zeit ist es nicht. Sie stellt an uns die Aufgabe, die Dinge zu sehen, wie sie sind, mit allen ihren Kanten und Ecken. Aber sie stellt auch in die Menschengemüter den Drang hinein, gerade weil diese Kanten und Ecken da sind, die Augen schläfrig zu verschließen vor diesen Kanten und Ecken. Selbst den allergrößten und bedeutsamsten Ereignissen der Menschheitsentwickelung gegenüber kann man das wahrnehmen, was ich jetzt eben gesagt habe.
[ 27 ] The complacency I described earlier leads one to be so willing, even inwardly, to overlook life’s rough edges. But when one overlooks life’s rough edges, compromises arise. Now, there may be times that are very well suited to compromise. The period preceding the 1840s was a time quite well suited to compromise; but our time is not. It presents us with the task of seeing things as they are, with all their rough edges and corners. But it also instills in people’s minds the urge—precisely because these rough edges and corners exist—to close their eyes sleepily to them. Even in the face of the greatest and most significant events in human development, one can perceive what I have just said.
[ 28 ] Gegenüber dem größten Ereignis der Weltgeschichte hat es die Menschheitsentwickelung zu diesen Ecken und Kanten gebracht, selbst dem größten Ereignis der Weltgeschichte gegenüber: dem Mysterium von Golgatha. Wir wissen, was alles an Betrachtungen über das Mysterium von Golgatha im Laufe der theologischen Entwickelung des 19. Jahrhunderts geleistet wurde. Von der Zeit, da Lessing gesprochen hat über das Mysterium von Golgatha bis zu dem Philosophen Drews, ist ja alles mögliche geredet worden. Und man kann sagen: Diese ganze theologische Entwickelung des 19. Jahrhunderts liefert den vollsten Beweis dafür, daß man völlig verlernt hat, überhaupt noch etwas zu verstehen von dem Mysterium von Golgatha. Aber es gibt einige sehr interessante Publikationen über den Christus Jesus. Zum Beispiel eine dänische, die stellt sich ganz auf den Standpunkt des heutigen naturwissenschaftlich Denkenden. Der Mann sagt von seinem Standpunkte aus: Ich bin Psychologe, Physiologe, Psychiater, ich beobachte von meinem Standpunkte aus die Evangelien. — Zu welchem Schluß ist er gekommen? Sachgemäß im Sinne der heutigen Psychiatrie, so wie sie urteilen kann, ist der Mann zu dem Schluß gekommen: Das Bild, das die Evangelien von dem Christus Jesus entwerfen, ist ein Krankheitsbild. Man kann eigentlich den Christus Jesus nur auffassen als ein Wesen, welches zusammengesetzt ist aus Wahnsinn, Epilepsie, krankhaften Visionen und dergleichen. Alle die Symptome einer schweren Geisteskrankheit sind eigentlich da. — Wenn man, wie ich es kürzlich einmal gemacht habe, die wichtigsten Stellen dieses Buches vorliest, entsetzen sich die Menschen. Man kann das begreifen. Wenn das, was sie für heilig halten, ihnen als Krankheitssymptome entgegentritt, entsetzen sich die Menschen. Aber was liegt da eigentlich vor? Ja, es liegt vor, daß da einmal unter einer großen Anzahl von unehrlichen Kompromißlern einer aufgetreten ist, der sich nun vollständig auf den naturwissenschaftlichen Standpunkt stellt, der nicht mehr mit irgend etwas Kompromisse schließt, sondern sagt: Ich bin ganz Naturwissenschafter; und wenn ich das bin, dann muß ich es so sagen, wie ich es sage, denn das ist eine Tatsache.
[ 28 ] In the face of the greatest event in world history, the development of humanity has led to these rough edges—even in the face of the greatest event in world history: the Mystery of Golgotha. We know the full range of reflections on the Mystery of Golgotha that were produced in the course of 19th-century theological development. From the time Lessing spoke about the Mystery of Golgotha up to the philosopher Drews, all sorts of things have been said. And one can say: This entire theological development of the 19th century provides the most complete proof that people have completely forgotten how to understand anything at all about the Mystery of Golgotha. But there are some very interesting publications about Jesus Christ. For example, a Danish one that takes the perspective of today’s scientific thinker. From his own standpoint, the man says: “I am a psychologist, a physiologist, a psychiatrist; I observe the Gospels from my own perspective.” — What conclusion did he reach? In accordance with modern psychiatry, as far as it is capable of judgment, the man concluded: The picture that the Gospels paint of Jesus Christ is that of a mental illness. One can really only conceive of Jesus Christ as a being composed of madness, epilepsy, pathological visions, and the like. All the symptoms of a severe mental illness are actually present. — When one reads aloud the most important passages from this book, as I did recently, people are horrified. This is understandable. When what they hold sacred is presented to them as symptoms of a mental illness, people are horrified. But what is actually going on here? Well, what is happening is that, among a large number of dishonest compromisers, one has emerged who now fully adopts the scientific standpoint, who no longer compromises on anything, but says: I am entirely a scientist; and if I am that, then I must say it the way I say it, for that is a fact.
[ 29 ] Würden die Menschen ehrlich sich auf den Standpunkt stellen, auf den die Naturwissenschaft sich gestellt hat, dann würden sie solche Ansichten gewinnen müssen. Da gibt es diese Ecken und Kanten, da kann man nicht anders. Und man kann nicht anders, als entweder den naturwissenschaftlichen Standpunkt verlassen und zum geisteswissenschaftlichen Standpunkte übergehen — dann bleibt man auch ehrlich —, oder man kann ehrlich bleiben auf dem naturwissenschaftlichen Standpunkte, dann muß man die Dinge, ohne Kompromisse zu machen, so betrachten, wie sie solch ein ganz bornierter Naturforscher, aber auf seinem Gebiete ehrlicher Mann betrachtet, der nur ganz borniert ist und nicht seine Borniertheit irgendwie übertüncht, borniert, aber konsequent. Man muß sich auf diesen Standpunkt stellen. Würden die Menschen sehen, was heute manche Nuance notwendig macht, wenn es beleuchtend auftritt, dann würden sie erst kompromißlos das Leben sehen.
[ 29 ] If people were to honestly adopt the standpoint that the natural sciences have adopted, they would have to arrive at such views. There are these rough edges; there’s no way around it. And one has no choice but to either abandon the scientific standpoint and shift to the humanities standpoint—in which case one remains honest— or one can remain honest from the standpoint of the natural sciences; in that case, one must view things—without making any compromises—just as such a completely narrow-minded natural scientist, who is nonetheless an honest man in his field, would view them—a man who is merely narrow-minded and does not try to gloss over his narrow-mindedness in any way—narrow-minded, but consistent. One must adopt this standpoint. If people could see what certain nuances necessitate today, when they are brought to light, then they would finally view life without compromise.
[ 30 ] Es wurde in diesen Tagen ein interessantes Zettelchen in meine Hand gedrückt. Ich wußte schon von dem Buche, das da erwähnt wurde, aber ich habe es nicht hier, deshalb kann ich Ihnen nur das Zettelchen vorlesen. Es wurde mir also in die Hand gedrückt, um zu bezeugen, was heute alles möglich ist.
[ 30 ] An interesting little note was slipped into my hand the other day. I was already aware of the book mentioned there, but I don’t have it with me, so I can only read the note to you. It was slipped into my hand, as it were, to demonstrate just what is possible these days.
[ 31 ] «Wer jemals die Bank eines Gymnasiums gedrückt hat, dem werden die Stunden unvergeßlich sein, da er im Plato das Gespräch zwischen Sokrates und seinen Freunden «genoß». Unvergeßlich wegen der fabelhaften Langeweile, die diesen Gesprächen entströmte. Und man erinnert sich vielleicht, daß man die Gespräche des Sokrates eigentlich herzhaft dumm fand; aber man wagte natürlich nicht, diese Ansicht zu äußern, denn schließlich war der Mann, um den es sich handelte, ja Sokrates, «der größte Philosoph». — Mit dieser ganz ungerechtfertigten Überschätzung des braven Atheners räumt das Buch «Sokrates der Idiot» von Alexander Moszkowski gehörig auf. Der Polyhistoriker Moszkowski unternimmt in dem kleinen, unterhaltend geschriebenen Werke nichts Geringeres, als Sokrates seiner Philosophenwürde so ziemlich vollständig zu entkleiden. Der Titel «Sokrates der Idiot» ist wortwörtlich gemeint. Man wird nicht fehlgehen in der Annahme, daß sich an das Buch noch wissenschaftliche Auseinandersetzungen knüpfen werden.»
[ 31 ] “Anyone who has ever sat in a high school classroom will never forget those lessons when they ‘enjoyed’ the dialogue between Socrates and his friends in Plato. Unforgettable because of the fabulous boredom that emanated from these conversations. And one might recall that one actually found Socrates’ conversations thoroughly stupid; but of course one didn’t dare express this view, for after all, the man in question was Socrates, “the greatest philosopher.”—Alexander Moszkowski’s book *Socrates the Idiot* thoroughly dispels this entirely unjustified overestimation of the good Athenian. In this short, entertainingly written work, the polymath Moszkowski undertakes nothing less than to strip Socrates almost entirely of his philosophical dignity. The title “Socrates the Idiot” is meant literally. One would not be mistaken in assuming that the book will spark further scholarly debate.”
[ 32 ] Nun kann man es schrecklich finden, daß so etwas geschrieben wird, nicht wahr? Aber ich finde es gar nicht schrecklich. Ich finde es selbstverständlich und ehrlich von Moszkowski. Denn nach den Begriffen und Empfindungen, die Moszkowski hat, kann er, wenn er konsequent bleibt, den Sokrates nur einen Idioten nennen; das ist selbstverständlich. Und wenn er es tut, so ist er ehrlicher als so und so viele andere, die eigentlich nach den Ansichten, die sie haben, Sokrates auch einen Idioten nennen müßten, aber aus Kompromißlerei es nicht tun. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß nicht irgend jemand durch die durchlässigen Wände des Münchener Zweiges jetzt hier verbreiten soll, daß ich mich einverstanden erklärt habe, wenn Moszkowski Sokrates als Idioten erklärt. Ich hoffe, daß man versteht, was ich eigentlich meine.
[ 32 ] Now, one might find it appalling that something like this is written, wouldn’t you agree? But I don’t find it appalling at all. I find it natural and honest of Moszkowski. For, given Moszkowski’s concepts and feelings, if he remains consistent, he can only call Socrates an idiot; that goes without saying. And if he does so, he is more honest than so many others who, based on their own views, would actually have to call Socrates an idiot as well, but who, out of a spirit of compromise, do not do so. I need not tell you that no one should now be spreading the word here through the porous walls of the Munich branch that I have agreed to Moszkowski’s characterization of Socrates as an idiot. I hope that people understand what I actually mean.
[ 33 ] Aber ebenso muß ich anerkennen, daß in unserer Zeit gewisse Urteile nur dadurch in den Gemütern der Menschen zusammenkommen, weil man unehrliche Kompromisse schließt. Man kann nicht gleichzeitig so denken über Seelenkrankheiten, wie die heutige Psychiatrie denkt, und nicht ein solches Buch schreiben, wie der Däne geschrieben hat über den Christus Jesus. Man kann das nicht. Man ist nicht ehrlich, wenn man nicht entweder diese Begriffe ablehnt und durch geistige Begriffe ersetzt, oder eben auf den Standpunkt sich stellt, daß der Christus Jesus ein Geisteskranker war. Und man kann nicht, wenn man jene eigentümliche Ansicht von Alexander Moszkowski kennt, über die Strahlungstheorie, über die Quantentheorie — man muß solche Leute nur kennen, muß nur kennen die Ansichten über die Grenzbegriffe, über das ganze Gefüge des Weltenbaues, die Moszkowski hat —, man kann dann nicht anders, als Sokrates und auch Plato für Idioten halten, wenn man ehrlich und konsequent ist.
[ 33 ] But I must also acknowledge that, in our time, certain judgments take root in people’s minds only because dishonest compromises are made. One cannot simultaneously think about mental illness the way modern psychiatry does and yet write a book like the one the Dane wrote about Jesus Christ. One cannot do that. One is not being honest unless one either rejects these concepts and replaces them with spiritual ones, or adopts the position that Jesus Christ was mentally ill. And if one is familiar with Alexander Moszkowski’s peculiar views on radiation theory and quantum theory—one need only be acquainted with such people, need only know Moszkowski’s views on boundary concepts and the entire structure of the universe— one cannot help but regard Socrates and even Plato as idiots, if one is honest and consistent.
[ 34 ] Zu denjenigen Impulsen, die der Menschheit besonders notwendig sind, gehört vor allen Dingen dieser: Kompromisse abzulehnen, Kompromisse nicht zu schließen, wenigstens im Gemüte zunächst. Das ist wichtig, außerordentlich wichtig, daß man dies als eine Forderung unserer Zeit ansieht. Denn gerade das gehört zu den wichtigsten Impulsen des Zeitgeistes Michael, Klarheit hineinzugießen, unbedingte Klarheit hineinzugießen in die menschlichen Seelen. Will man dem Erzengel Michael folgen, dann ist es notwendig, Klarheit hineinzugießen in die menschliche Seele, die Schläfrigkeit zu überwinden. Sie tritt auf anderen Gebieten auch auf, aber es ist ein unbedingtes Erfordernis vor allen Dingen, sich überall heute die Konsequenzen einer Sache klarzumachen. In früheren Zeiten war das anders. In früheren Zeiten, durch die Jahrhunderte, in denen vor dem Erzengel Michael im wesentlichen die europäische Menschheit durch Gabriel regiert worden ist, war es so, daß dasjenige, was der Mensch hier als Kompromiß gedacht hat, von der geistigen Welt her abgeschwächt worden ist. Michael ist der Geist, der mit der Freiheit der Menschen im eminentesten Sinne arbeitet. Daher macht Michael schon das Richtige. Sie dürfen nicht glauben, daß Michael nicht das Richtige macht, er macht schon das Richtige. In den unbewußten Regionen der Seele ist heute bei jedem Menschen scharf hingestellt jede Kante und Ecke des geistigen Lebens. Es ist schon da. Wer nur die geringste Anlage — sei es eine noch so geringe — dafür hat, das heraufzubringen, was im Untergrunde des Seelenlebens ist an latenten Visionen, der weiß, was heute alles auf dem Grunde der Seele an Diskrepanz, an Unzusammengehörigem lebt. Er weiß, wie in den Seelen nebeneinander wohnen die heutige materialistische Psychiatrie, die sich nicht scheut, in ihm einen Epileptiker zu sehen, und sogar die Anerkennung des Christus Jesus. Er weiß das. Wenn sich die Dinge nur ein wenig ins Bewußtsein heraufheben, wenn jemand nur ein wenig die Anlage dazu hat, die Dinge ins Bewußtsein hinaufzuheben, ja, dann wird er schon gewahr, wie die Dinge sind. Es wäre interessant, wenn mit einem wirklichen Sinne für die Gegenwart einmal ein guter Maler malen würde «Christus, gesehen von einem Psychiater der Gegenwart», und würde das, was sich abspielt, expressionistisch zum Ausdruck bringen, Es wäre sehr interessant, was da herauskommen würde, wenn der Maler wirklich Verständnis hätte für dasjenige, was sich in der Gegenwart in den Untergründen des seelischen Lebens abspielt.
[ 34 ] Among the impulses that are particularly necessary for humanity, this one stands out above all others: to reject compromises, to refuse to make compromises—at least in one’s heart, for the time being. It is important—extremely important—that we regard this as a demand of our time. For this, precisely, is one of the most important impulses of the Michael spirit: to infuse clarity—unconditional clarity—into human souls. If one wishes to follow the Archangel Michael, it is necessary to infuse clarity into the human soul and to overcome lethargy. This lethargy also occurs in other areas, but it is an absolute necessity, above all else, to clearly grasp the consequences of a matter in every situation today. In earlier times, things were different. In earlier times—throughout the centuries when, prior to Archangel Michael, European humanity was essentially governed by Gabriel—what people here regarded as a compromise was mitigated by the spiritual world. Michael is the Spirit who works with human freedom in the most eminent sense. Therefore, Michael is already doing the right thing. You must not believe that Michael is not doing the right thing; he is indeed doing the right thing. In the unconscious regions of the soul, every edge and corner of spiritual life is sharply defined within every human being today. It is already there. Anyone who has even the slightest predisposition—no matter how slight—to bring to the surface the latent visions lying in the depths of the soul’s life knows all that exists today at the bottom of the soul in terms of discrepancies and incongruities. They know how today’s materialistic psychiatry—which does not shy away from seeing them as an epileptic—coexists in the soul alongside even the recognition of Christ Jesus. They know this. If things rise even slightly into consciousness, if someone has even the slightest aptitude for bringing things up into consciousness—yes, then he will already become aware of how things really are. It would be interesting if, with a genuine sense of the present, a good painter were to paint “Christ, as seen by a contemporary psychiatrist” and were to express what is taking place in an expressionist style. It would be very interesting to see what would come of it if the painter truly understood what is happening today in the depths of the soul’s life.
[ 35 ] Sie sehen, man muß schon gerade für unsere Zeit tief schürfen, wenn man verstehen will, was sich an der Oberfläche des Daseins abspielt. Aber man begreift auf der anderen Seite auch, daß die Menschen von einer gewissen Feigheit und Mutlosigkeit befallen werden, wenn sie an die angedeutete Sache herankommen sollen. Und das ist das andere, was eben in der Gegenwart notwendig ist: Mut, sogar eine gewisse Kühnheit der Anschauungsweise, der Denkweise, eine solche Kühnheit, welche die Begriffe nicht abstumpft, sondern sie vielleicht möglichst spitzig werden läßt. Ich habe diese Dinge alle gesagt, damit sie, soweit sie jedem geistig zugänglich sind, von jedem selbst beobachtet werden. Man kann sie selbst beobachten, wenn man das geistige Leben in der Gegenwart wirklich beobachten will. Man kann schon alles das, was heute gerade gesagt werden muß, aus den äußeren Ereignissen heraus finden; der Geistesforscher wird es nur präziser beschreiben, weil er den Hintergrund dazu sieht. Und wenn man dann vom Geistesforscher diesen Hintergrund geschildert bekommt, dann wird man um so mehr in den Ereignissen bewahrheitet finden, worauf zum Beispiel heute hingedeutet worden ist.
[ 35 ] You see, especially in our time, one must dig deep if one wants to understand what is happening on the surface of existence. But on the other hand, one also realizes that people are overcome by a certain cowardice and despondency when they are called upon to address the matter in question. And that is the other thing that is necessary in the present: courage, even a certain boldness of perspective and of thought—a boldness that does not dull concepts but rather allows them to become as sharp as possible. I have said all these things so that, insofar as they are intellectually accessible to everyone, each person may observe them for themselves. One can observe them for oneself if one truly wishes to observe spiritual life in the present. One can already discern everything that needs to be said today from external events; the spiritual researcher will merely describe it more precisely because he sees the background to it. And when the spiritual researcher then describes this background to us, we will find all the more confirmation in the events of what has been pointed out today, for example.
[ 36 ] Es frägt heute mancher, was er eigentlich tun solle. — Es liegt so nahe, was man tun soll. Man möchte sagen: Die Augen aufmachen soll man, allerdings die geistigen Augen! — Der Wille kommt dann schon, wenn man die Augen aufmacht. Der Wille hängt ja vielfach ab von dem Platze, wo man hingestellt ist. Man kann nicht immer gerade an seinem Platze seinem Karma gemäß das Richtige machen, aber man muß versuchen, die Augen geistig aufzumachen. Heute ist es ja allerdings vielfach so, daß wenn man versucht, in Worten vor die Menschen irgend etwas hinzustellen, was notwendig ist für die Gegenwart, sie dann schnell die Augen zumachen; dann wenden sie schnell den Sinn davon ab. Das ist nur das andere Ausschlagen der Waagschale.
[ 36 ] Many people today ask what they should actually do. — It’s so obvious what one should do. One might say: One should open one’s eyes—but the spiritual eyes! — The will will follow once one opens one’s eyes. After all, the will often depends on the place where one finds oneself. One cannot always do the right thing in one’s own situation in accordance with one’s karma, but one must try to open one’s spiritual eyes. Today, however, it is often the case that when one tries to present something to people in words—something that is necessary for the present—they quickly close their eyes; then they quickly turn their minds away from it. This is merely the other side of the scales tipping.
[ 37 ] Wenn man so spricht, könnte das sehr leicht aufgefaßt werden, als wenn man eigentlich eine Kritik der Zeit geben wollte. Das meine ich nie. Was ich meine, ist: aufmerksam zu machen auf das, was als Impulse aus der spirituellen Welt in die menschlichen Seelen, in die menschlichen Gemüter hinein muß, wenn wir aus der katastrophalen Zeit, in die wir hereingekommen sind, hinaus wollen. Wie gesagt, auf konkrete Einzelheiten einzugehen, ist leider nicht möglich. Das kann jeder für sich selbst tun.
[ 37 ] When one speaks this way, it could very easily be interpreted as if one were actually intending to offer a critique of the times. That is never my intention. What I mean is: to draw attention to the impulses that must flow from the spiritual world into human souls and minds if we are to emerge from the catastrophic era we have entered. As I said, it is unfortunately not possible to go into specific details. Everyone can do that for themselves.
