Truths Regarding Humans Development
The Karma of Materialism
GA 176
3 July 1917, Berlin
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Aspects of Human Evolution, tr. Stebbing
Fünfter Vortrag
Lecture Five
[ 1 ] Sie haben gesehen in den verschiedenen Betrachtungen, die wir nun schon seit Wochen anstellen, daß diesen Betrachtungen die Bemühung zugrunde liegt, Bausteine herbeizutragen zum Verständnisse unserer, ich möchte sagen, schwer verständlichen Zeit, in der wir drinnen stehen, und die Verständnis heischt von uns, weil ja, wie wir wiederholt betonen konnten, dasjenige, was in unserer Zeit liegt, sich nur dann in einer günstigen Weise weiterentwickeln kann für die Menschheit, wenn ein neues Verständnis der Dinge wenigstens eine größere Anzahl von Menschen durchdringt. Nun möchte ich die Betrachtungen möglichst konkret gestalten, so wie das Wort «konkret», der Begriff «konkret» sich uns durch die schon Wochen hindurch laufenden Auseinandersetzungen ergeben hat. Es ist ja wirklich in der Menschheitsentwickelung so, daß die großen Impulse, welche der Zeitentwickelung zugrunde liegen, durch die eine oder andere Persönlichkeit hindurchwirken. So zeigt sich denn auch an der einen oder anderen Persönlichkeit, wie kräftig gewisse Impulse in einem gewissen Zeitalter sind. Oder vielleicht anders ausgedrückt: wieviel Glück zur Wirksamkeit der eine oder andere Impuls haben kann.
[ ] As you may have realized, a basic feature of the various considerations in which we have been engaged in recent weeks is the effort to gather material that will help us understand the difficult times we live in. Such understanding can only come about through a completely new way of looking at things. It cannot be sufficiently emphasized that a healthy development of mankind's future depends upon a new understanding taking hold in a sufficiently large number of human beings.
[ 2 ] Ich habe Sie auf einen Mann hingewiesen, der in der letzten Zeit gestorben ist, und an den ich hier und in anderen Betrachtungen verschiedenes anzuknüpfen versucht habe zur Charakteristik unserer Zeit. Auch heute will ich wiederum an diesen Mann anknüpfen; ich meine an Franz Brentano, den kürzlich in Zürich verstorbenen Philosophen, der aber wirklich nicht im engeren Sinn ein Schulphilosoph war, sondern der demjenigen, der ihm nähertritt, auch nur geistig nähertritt, so recht als der Repräsentant ringender Menschheit der Gegenwart, man könnte sagen, mit den Welträtseln ringender Menschen der Gegenwart erscheinen muß. Man kann auch nicht einmal sagen, daß Brentano einseitig Philosoph war, sondern als Philosoph wirklich umfassendes Menschen wesentliches zum Ausdruck brachte. Nun, es sind kaum irgendwelche den Menschen berührende Rätselfragen, tiefere Rätselfragen, an deren Lösung Franz Brentano sich nicht versucht haben würde. Man könnte sagen: Der ganze Umfang menschlicher Weltanschauung war es, der ihn interessiert hat. Weniges ist veröffentlicht, weil er mit Bezug auf all das, was er hat drucken lassen, eigentlich recht zurückhaltend war. Es soll ein großer Nachlaß da sein, der wird ja zeigen, was Franz Brentano von seinem Streben und Ringen niedergeschrieben hat. Allein für denjenigen, der gewissermaßen Begabung hatte, nicht nur das in Franz Brentanos Seele zu sehen, was er in seinen Worten ausdrückte, sondern was da rang und strebte, für den wird durch die Veröffentlichung des Nachlasses vielleicht nicht einmal so besonders viel Neues zutage treten.
[ ] I should like these discussions to be as concrete as possible, in the sense in which the word, the concept “concrete,” has been used in the lectures of past weeks. Great impulses at work in mankind's evolution at any given time take effect through this or that personality. Thus it becomes evident in certain human beings just how strong such impulses are at a particular time. Or, one could also say that it becomes evident to what extent there is the opportunity for certain impulses to be effective.
[ 3 ] Nun möchte ich versuchen, ich möchte sagen, in unserer problematischen Zeit das Problematische gerade einer großen Persönlichkeit, wie Franz Brentano eine war, einmal vor Ihre Seele hinzustellen. Franz Brentano war ja allerdings nicht ein Philosoph nach dem Zuschnitt der gegenwärtigen Philosophen, sondern er war, was die gegenwärtigen Philosophen eben gar nicht sind, erstens ein wirklicher Denker, und ein Denker, der sich mit seinem Denken nicht stellen wollte, ich möchte sagen, ins Blaue hinein, sondern der sich mit seinem Denken stellen wollte auf den guten Boden der Gedankenentwickelung der Menschheit. Daher war eine der ersten Publikationen des Franz Brentano das Buch über die Psychologie, die Seelenlehre des Aristoteles, namentlich über den Begriff des sogenannten «noûs poëtikós» bei Aristoteles. Dieses Buch, das jetzt lange schon vergriffen ist, ist, ich möchte sagen, eine Prachtleistung des Denkens der weiteren Gegenwart. Es zeigt vor allen Dingen, daß Brentano ein Mensch war, der eben wirklich noch denken konnte, wenn man unter Denken versteht die Ausgestaltung wirklicher Begriffe, das Bilden von wirklichen Begriffen. Insbesondere der zweite Teil dieses Buches über die Seelenkunde des Aristoteles zeigt uns Franz Brentano in einem Denkprozeß drinnen von einer Feinheit, von einer Ausgestaltetheit, die man jetzt überhaupt nicht mehr, und in der Zeit, in der das Buch geschrieben worden ist, sehr selten, findet. Denn das Bedeutsame ist, daß Franz Brentanos Begriffe noch stark genug waren, das Seelische, ich möchte sagen, wirklich einzufangen, das Seelische wirklich zu bezeichnen. Heute haben die Menschen, wenn sie von dem Seelischen reden, zum großen Teil nur noch Worthülsen, nicht wirkliche Ideen, nicht wirkliche Begriffe. Worthülsen, die man eben halten kann aus dem Grunde, weil sie sich in dem geschichtlichen Sprechprozeß ergeben haben, bei denen man auch glaubt, daß man bei den Worten auch etwas denkt; aber man denkt in Wirklichkeit nichts bei den Worten.
[ ] In order to describe certain characteristic aspects of our time I have here and elsewhere drawn attention to a man who died recently. Today I would like once more to speak about the philosopher Franz Brentano who died a short time ago in Zürich.1 Franz Brentano, see note 2 to Lecture I. He was certainly not a philosopher in a narrow or pedantic sense. Those who knew him, even if only through his work, saw him as representing modern man, struggling with the riddle of the universe. Nor was Brentano a one-sided philosopher; what concerned him were the wider aspects of essential human issues. It could be said that there is hardly a problem, no matter how enigmatic, to which he did not try to find a solution. What interested him was the whole range of man's world views. He was reticent about his work and very little has been published. His literary remains are bound to be considerable and will in due course reveal the results of his inner struggles, though perhaps for someone who understands not only what Franz Brentano expressed in words but also the issues that caused him such inner battles, nothing actually new will emerge.
[ 4 ] Es ist sehr merkwürdig, daß die Menschen, die heute noch vorgeben Aristoteles zu lesen, sich auch nur getrauen, so ganz an der Geisteswissenschaft vorbeizugehen. Denn bei Aristoteles zeigt sich überall ein richtiges Aufflackern jenes alten Wissens, das wir oftmals als ein Ergebnis des alten atavistischen Hellsehens bezeichnet haben. Wenn wir heute von dem Ätherleib des Menschen, von dem Empfindungsleib, von der Empfindungsseele, von der Verstandes- oder Gemütsseele, von der Bewußtseinsseele sprechen, so sind diese Ausdrücke geprägt für Wirklichkeiten des seelisch-geistigen Lebens, die den Menschen erst wiederum zum Bewußtsein kommen sollen.
[ ] I would like to bring before you what in our problematic times a great personality like Franz Brentano found particularly problematic. He was not the kind of philosopher one usually meets nowadays; unlike modern philosophers he was first and foremost a thinker, a thinker who did not allow his thinking to wander at random. He sought to establish it on the firm foundation of the evolution of thought itself. This led to his first publication, a book dealing with Aristotle's psychology, the so-called “nus poetikos.”2 Franz Brentano, Die Psychologie des Aristoteles, in particular his ideas of “nus poetikos.” “The nus poetikos is the light that illuminates phantasms, and makes the spiritual within the empirical visible for our spiritual eyes,” from a supplement on the “Activity of the Aristotelian God”; Mainz, 1867, p. 172. This book by Brentano, which is long out of print, is a magnificent achievement in detailed inquiry. It reveals him as a man capable of real thinking; that is, he has the ability to formulate and elaborate concepts that have content. We find Franz Brentano, more especially in the second half of his book about Aristotle's psychology, engaged in a process of thinking of a subtlety not encountered nowadays, and indeed seldom at the time the book was written. What is especially significant is the fact that Franz Brentano's ideas still had the strength to capture and leave their mark in human souls. When people nowadays discuss things connected with the inner life, they generally express themselves in empty words, devoid of any real content. The words are used because historically they have become part of the language, and this gives the illusion that they contain thought, but thinking is not in fact involved.
[ 5 ] Bei Aristoteles finden sich durchaus Ausdrücke, aus denen er nicht mehr das Rechte machen kann, die aber daran erinnern, daß er sie aus jener Zeit her hat, in der man noch diese einzelnen Glieder der Seele kannte. Es ist bei Aristoteles nur abstrakt geworden. Und Franz Brentano mühte sich ab, Klarheit zu gewinnen über diese Begriffe gerade bei demjenigen Denker der alten Zeit, bei Aristoteles, bei dem, ich möchte sagen, diese Begriffe gerade aus der Entwickelungsgeschichte der Menschheit verschwinden. Aristoteles unterscheidet die vegetative Seele. Damit trifft er ungefähr dasjenige, was wir als den Ätherleib beim Menschen bezeichnen. Er unterscheidet dann die sensitive Seele, das aesthetikon, was wir als Empfindungsleib bezeichnen. Dann hat er den entsprechenden Begriff für das, was wir als Empfindungsseele bezeichnen, orektikon. Dann hat er einen entsprechenden Begriff für dasjenige, was wir als Verstandes- oder Gemütsseele bezeichnen: kinetikon, und auch für dasjenige, was wir als die Bewußtseinsseele bezeichnen: dianoetikon. Diese Begriffe sind bei Aristoteles vorhanden, es fehlt ihm nur der genaue Ausblick auf die Wirklichkeiten. Das bewirkt etwas Unklares, etwas, ich möchte sagen, Abstraktes zugleich bei Aristoteles. Das alles haftet auch dem genannten Buche des Franz Brentano an, aber es ist eben doch ein Buch, in dem noch wirkliches Denken herrscht, solches Denken, daß derjenige, der sich einmal solchem Denken hingegeben hat, wie Brentano, nicht mehr zu der törichten Anschauung kommen konnte, daß das Seelisch-Geistige etwa nur eine Funktion, ein Entwickelungsprodukt des Physisch-Leiblichen sei. Es war, ich möchte sagen, zu viel in den Begriffen, die Franz Brentano an der Hand des Aristoteles geprägt hat, um in die Unart des neueren Materialismus zu verfallen.
[ ] Considering that everywhere in Aristotle one finds a distinct flaring up of the ancient knowledge so often described by us as having its origin in atavistic clairvoyance, it is rather odd that people who profess to read Aristotle today should ignore spiritual science so completely. When we speak today about ether body, sentient body, sentient soul, intellectual soul, consciousness soul, these terms are coined to express the life of soul and spirit in its reality, of which man must again become conscious.
[ 6 ] Nun wurde es das hauptsächlichste Bestreben Franz Brentanos, über die menschliche Seele überhaupt Klarheit zu gewinnen. Psychologe, Seelenforscher, wurde Franz Brentano hauptsächlich; aber von der Seelenkunde aus beschäftigte er sich mit den umfassendsten Weltanschauungen. Nun habe ich Sie ja darauf aufmerksam gemacht, daß von der ganzen Seelenkunde, von der ganzen «Psychologie» des Franz Brentano, die auf vier oder fünf Bände berechnet war, nur der erste Band erschienen ist. Und wer Franz Brentano genau kennt, der kann durchaus verstehen, warum die folgenden Bände nicht erschienen sind. Brentano wollte eben nicht, konnte sich seiner ganzen Veranlagung nach nicht zur Geisteswissenschaft wenden. Hätte er aber diejenigen Fragen, die sich ihm nach dem ersten Bande der «Seelenkunde» aufgeworfen haben, beantworten wollen, so hätte er Geisteswissenschaft gebraucht. Die konnte er nicht finden. Als ehrlicher Mann unterließ er daher die Abfassung der folgenden Bände; es blieb beim ersten Bande. Das ganze Unternehmen blieb eben Fragment.
[ ] Many of the expressions used by Aristotle are no longer understood. However, they are reminders that there was a time when the individual members of man's soul being were known; not until Aristotle did they become abstractions. Franz Brentano made great efforts to understand these members of man's soul precisely through that thinker of antiquity, Aristotle. It must be said, however, that it was just through Aristotle that their meaning began to fade from mankind's historical evolution. Aristotle distinguishes in man the vegetative soul, by which he means approximately what we call ether body, then the aesthetikon or sensitive soul, which we call the sentient or astral body. Next, he speaks of orektikon which corresponds to the sentient soul, then comes kinetikon corresponding to the intellectual soul, and he uses the term dianoetikon for the consciousness soul. Aristotle was fully aware of the meaning of these concepts, but he lacked direct perception of the reality. This caused a certain unclarity and abstraction in his works, and that applies also to the book I mentioned by Franz Brentano. Nevertheless, real thinking holds sway in Brentano's book. And when someone devotes himself to the power of thinking the way he did, it is no longer possible to entertain the foolish notion that man's soul and spirit are mere by-products arising from the physical-bodily nature. The concepts formulated by Brentano on the basis of Aristotle's work were too substantial, so to speak, to allow him to succumb to the mischief of modern materialism.
[ 7 ] Nun möchte ich auf zwei Punkte aufmerksam machen, die Rätsel darstellen, nach denen Brentano rang, die aber zugleich Rätsel darstellen, nach denen im Grunde genommen jeder denkende Mensch heute bewußt ringen muß, nach denen die ganze Menschheit — insofern sie nicht ein tierisch stumpfes Dasein lebt — ringt, aber unbewußt; unbewußt, indem sie sich entweder abmüht, nach der einen oder anderen Richtung die Lösungen dieser Rätsel scheinbar zu finden, oder aber indem sie mehr oder weniger seelisch krankt an dem Unvermögen, irgend etwas nach den Richtungen hin, die durch diese Rätsel vorgezeichnet sind, zu erreichen. Franz Brentano dachte nach, forschte nach über die menschliche Seele. Nun, wenn man so, wie die Wissenschaft es tut, über die menschliche Seele nachforscht und dadurch von der menschlichen Seele aus den Weg zum Geiste findet, dann kann man bei dem Selbstverständlichsten bleiben und die Betätigungen der menschlichen Seele dreigliedrig auffassen als Denken oder Vorstellen, Fühlen und Wollen; denn das sind in der Tat die drei Glieder des menschlichen Seelenlebens: Denken, Fühlen und Wollen. Aber man kann erst dann zu irgendeiner Befriedigung kommen in bezug auf Denken, Fühlen und Wollen in der menschlichen Seele, wenn man durch Geisteswissenschaft den Weg in die geistige Wirklichkeit hineinfindet, mit der die Menschenseele zusammenhängt. Wenn man diesen Weg nicht findet — und Franz Brentano konnte ihn ja nicht finden —, dann fühlt man sich ja gewissermaßen in der Seele mit dem Denken, Fühlen und Wollen ganz vereinsamt. Das Denken kann im besten Falle Abbilder einer äußeren, rein räumlichen, stofflichen Wirklichkeit geben, das Fühlen kann im besten Falle Mißfallen oder Gefallen an demjenigen geben, was sich in der räumlichen physischen Wirklichkeit abspielt, und das Wollen kann eine Befriedigung des physischen Menschen sein, seiner Lust, seiner Unlust. Aber man steht durch Denken, Fühlen und Wollen in keinem Zusammenhang mit einer Realität, mit einer Wirklichkeit, in der sich der Mensch gewissermaßen geborgen fühlen kann. Daher sagte sich Franz Brentano: Für die Betrachtung des menschlichen Seelenlebens gibt mir eigentlich die Gliederung der Seele in Denken, Fühlen und Wollen, Vorstellen, Fühlen und Wollen, nichts, Ich bleibe ja innerhalb der Seele mit dem Denken, Fühlen und Wollen. — Daher gliedert er das Seelenleben anders. Und es ist charakteristisch, wie er es gliedert. Er unterscheidet auch eine Dreiteilung des Seelenlebens, aber nicht die nach Vorstellen, Fühlen und Wollen, sondern er unterscheidet Vorstellen, Urteilen und die innere Welt der Gemütsbewegungen. So daß also nach Brentano das Seelenleben zerfällt in Vorstellen, Urteilen und in die Welt der Gemütsbewegungen. Das Vorstellen führt uns zunächst über die Seele nicht hinaus. Wenn wir irgend etwas vorstellen, so ist das Vorgestellte in unserer Seele. Wir glauben auch, es beziehe sich auf etwas, aber es ist gewissermaßen nicht ausgemacht, ob sich das Vorgestellte auf etwas bezieht. Insofern wir im Vorstellen bleiben, ist das Phantasiegebilde ganz ebenso eine Vorstellung wie dasjenige, was sich auf die Wirklichkeit bezieht. Auch wenn ich Vorstellungen miteinander verknüpfe, so ist damit nicht ausgemacht, daß ich in der Welt der Wirklichkeit bin. Der Baum ist eine Vorstellung, grün ist eine Vorstellung. «Der Baum ist grün» verknüpft zwei Vorstellungen. Aber damit ist nicht ausgemacht, wenn ich vorstelle «der Baum ist grün», daß ich in einer Wirklichkeit stehe, denn dieser grüne Baum könnte auch meine Phantasievorstellung sein. In der Wirklichkeit stehe ich erst, sagte sich Brentano, wenn ich urteile; und eigentlich urteile ich schon, nur maskiert, wenn ich in solcher Weise Vorstellungen verknüpfe, wie: der Baum ist grün. Denn ich meine damit nicht, daß ich bloß die Vorstellungen Baum und grün miteinander verknüpfe, sondern ich meine eigentlich: es gibt einen grünen Baum. Da gehe ich aber über zur Existenz, da bleibe ich nicht innerhalb meiner Vorstellung stehen. Es ist ein Unterschied zwischen dem Bewußtsein: der Baum ist grün, und dem Bewußtsein: es ist ein grüner Baum. Das erste ist ein bloßes Vorstellen, das zweite ist etwas, dem in der Seele Anerkennen oder Verwerfen zugrunde liegt, so daß man im bloßen Vorstellen eben mit der Seele selbst beschäftigt ist. Im Urteilen hat man es zu tun mit einer Seelentätigkeit, die aber sich in Beziehung setzt zu der Umwelt, indem sie anerkennt oder verwirft. «Ein grüner Baum ist» ist nicht bloß die Anerkennung, daß ich ihn vorstelle, sondern daß er, abgesehen von meiner Vorstellung, da ist. «Ein Kentaur ist nicht» ist die Verwerfung der Vorstellung: halb Mensch, halb Tier; das ist Urteilen. Das ist die zweite Seelentätigkeit.
[ ] Franz Brentano's main aim was to attain insight into the general working of the human soul; he wanted to carry out psychological research. But he was also concerned with an all-encompassing view of the world based on psychology. I have already drawn your attention to the fact that Franz Brentano himself estimated that his work on psychology would fill five volumes, but only the first volume was published. It is fully understandable to someone who knew him well why no subsequent volumes appeared. The deeper reason lies in the fact that Brentano would not—indeed according to his whole disposition, he could not—turn to spiritual science. Yet in order to find answers to the questions facing him after the completion of the first volume of his Psychology he needed spiritual knowledge. But spiritual science he could not accept and, as he was above all an honest man, he abandoned writing the subsequent volumes. The venture came to a full stop and thus remains a fragment.
[ 8 ] Das dritte, was Brentano unterscheidet in der Seele ist die Gemütsbewegung. So wie das Urteilen beruht auf Anerkennen und Verwerfen, so beruht die Gemütsbewegung überall auf einem Lieben oder Hassen, auf Gefallen oder Mißfallen. Irgend etwas ist mir sympathisch, oder irgend etwas ist mir antipathisch. Und das Wollen unterscheidet Brentano nun nicht von der bloßen Gemütsbewegung. Das ist sehr charakteristisch, das weist in tiefe Geheimnisse der Brentano-Seele hinein. Es würde zu weit führen, wollte ich das ausführen, aber ich will nur sagen, daß Brentano nicht unterscheidet zwischen dem bloßen Fühlen im Gefallen oder Mißfallen und dem Wollen, sondern daß das für ihn ineinander übergeht. Wenn ich etwas will, so untersucht dabei Brentano auch nur, daß ich es liebe; wenn ich es nicht will, untersucht er, daß ich es hasse. Das ist also das Dritte, das er in der Seele unterscheidet. Lieben und Hassen, Anerkennen und Verwerfen, und das Vorstellen im allgemeinen.
[ ] I would like to draw attention to two aspects of the problem in Brentano's mind. It is a problem which today every thinking person must consciously strive to solve. In fact, the whole of mankind, insofar as people do not live in animal-like obtuseness, is striving, albeit unconsciously, to solve this problem. People in general are either laboring in one direction or another for a plausible solution, or else suffering psychologically because of their inability to get anywhere near the root of the problem. Franz Brentano investigated and pondered deeply the human soul. However, when this is done along the lines of modern science one arrives at the point that leads from the human soul to the spirit. And there one may remain at the obvious, and recognize the human soul's activity to be threefold in that it thinks; i.e., forms mental pictures, it feels and it wills. Thinking, feeling and willing are indeed the three members of the human soul. However, no satisfactory insight into them is possible unless through spiritual knowledge a path is found to the spiritual reality with which the human soul is connected. If one does not find that path—and Franz Brentano could not find it—then one feels oneself with one's thinking, feeling and willing completely isolated within the soul. Thinking at best provides images of the external, spatial, purely material reality. Feeling at best takes pleasure or displeasure in what occurs in the spatial physical reality. Through the will, man's physical nature may appease its cravings or aversions. Without spiritual insight man does not experience through his thinking, feeling and willing any relationship with a reality in which he feels secure, to which he feels he belongs. That was why Brentano said: To differentiate thinking, feeling and willing in the human soul does not help one to understand it, as in doing so one remains within the soul itself. He therefore divided the soul in another way, and how he did it is characteristic. He still sees the soul as threefold but not according to forming mental pictures of thinking, feeling and willing. He differentiates instead between forming mental pictures, judging or assessing, and the inner world of fluctuating moods and feelings. Thus, according to Brentano, the life of the soul is divided into forming mental pictures, judgments, and fluctuating moods and feelings.
[ 9 ] Bei dieser Gelegenheit gingen nun Brentano wirklich auf die zwei zunächst größten Rätsel des menschlichen Seelenlebens, das Rätsel nach der Wahrheit und das Rätsel nach dem Guten. Was ist wahr? Was ist gut? Denn ringt man nach der Berechtigung des Urteils, so muß man fragen: Woher kommt es, daß wir das eine anerkennen, das andere verwerfen? Was wir anerkennen, zählen wir zur Wahrheit, was wir verwerfen, zählen wir zur Unwahrheit. Da stecken wir drinnen in dem Problem, in dem Rätsel: Was ist überhaupt Wahrheit? — Wenn wir nach den Gemütsbewegungen hinsehen, stecken wir drinnen in dem Rätsel des Guten und Bösen, oder Guten und Schlechten. Denn es ist ganz klar, daß in der Art von Anerkennung, die im Lieben liegt — wobei Lieben von Brentano gemeint ist als die Anerkennung, die wir einer Handlung, die wir gut nennen, zuteil werden lassen; Haß ist die Verwerfung einer Handlung, die wir böse nennen —, also in diesem Lieben und Hassen, diesen Gemütsbewegungen, liegt die Ethik, die Moral, liegt auch alles Recht. Die Frage nach dem Guten und Schlechten, die ging Brentano durch die Seele, als er vor diese seine Seele hinstellte das Wesen der menschlichen Gemütsbewegungen, des Liebens und des Hassens.
[ ] Mental pictures do not, to begin with, lead us out beyond the soul. When we form mental pictures of something, the images remain within the soul. We believe that they refer to something real, but that is by no means established. As long as we do not go beyond the mental picture, we have to concede that something merely imagined is also a mental picture. Thus, a mental picture as such may refer to something real or to something merely imagined. Even when we relate mental pictures to one another, we still have no guarantee of reality. A tree is a mental picture; green is a mental picture. To say, The tree is green, is to combine two mental pictures, but that in itself is no guarantee of dealing with reality, for my mental picture “green tree” could be a product of my fantasy.
[ 10 ] Nun ist es im höchsten Grade wirklich interessant, einen Menschen wie diesen Brentano zu verfolgen, wie er durch Jahrzehnte ringt, Antwort zu bekommen auf solch eine Frage: Woher die Berechtigung des Wahren und Falschen, des Anerkennens und Verwerfens im Urteil? — Sie können die publizierten Schriften des Franz Brentano durchgehen und die nicht publizierten, später herauskommenden werden sicherlich nichts anderes bringen —, Sie können überall finden, daß das einzige, was Brentano aufbringt zur Beantwortung der Frage: Was ist wahr? Was berechtigt also zur Anerkennung im Urteil? — das ist, was er die Evidenz des Urteils nennt, die Augenscheinlichkeit; natürlich, gemeint ist die innere Augenscheinlichkeit. Wenn ich gewissermaßen einen inneren seelischen Tatbestand, als der sich ja doch alles ausdrückt, was ich erfahren kann, mir so vor das Seelenauge führen kann, daß ich ihn voll durchschauen und ihm zustimmen oder ihn bei vollem Durchschauen verwerfen kann, mit anderen Worten, wenn ich innerlich sehend und nicht innerlich blind urteile, dann gibt mir das Wahrheit. Zu etwas anderem kommt Franz Brentano nicht. Und es ist gerade das Bedeutungsvolle, daß ein Mensch eben, der denken kann, was die anderen jetzt nicht können, durch Jahrzehnte danach ringt, eine Antwort auf die Frage zu finden: Was berechtigt mich, etwas als wahr oder als falsch anzuerkennen oder zu verwerfen? Die Evidenz, die innere Augenscheinlichkeit. — Dazu kommt er.
[ ] Nevertheless, Brentano says: When I judge or make assessments I stand within reality, and I am already making a judgment, even if a veiled one, when I combine mental pictures as I do when I say, The tree is green. In so doing I indicate not only that I combine the two concepts “tree” and “green,” but that a green tree exists. Thus I am not remaining within the mental pictures, I go across to existence. There is a difference, says Brentano, between being aware of a green tree and being conscious that “this tree is green.” The former is a mere formulation of mental pictures, the latter has a basis within the soul consisting of acceptance or rejection. In the activity of merely forming mental pictures one remains within the soul, whereas passing judgment is an activity of soul which relates one to the environment in that one either accepts or rejects it. In saying, a green tree exists, I acknowledge not merely that I am forming mental pictures, but that the tree exists quite apart from my mental picture. In saying, centaurs do not exist, I also pass judgment by rejecting as unreal the mental picture of half-horse, half-man. Thus according to Brentano, passing judgment is the second activity of the human soul.
[ 11 ] Nun hat er durch viele Jahre in Wien vorgetragen das, was man in Österreich universitätsgemäß nannte: Die praktische Philosophie. Unter der praktischen Philosophie verstand man eigentlich eine Art Morallehre, eine Art Ethik. Und so wie sie von Brentano obligatorisch vorgetragen werden mußte, so wurde sie für angehende Juristen als ein Pflichtkolleg, eine Pflichtvorlesung, die die angehenden Juristen zu hören hatten, vorgetragen. Franz Brentano hat in diesem Kolleg über praktische Philosophie gewöhnlich nicht so sehr über «praktische Philosophie» gesprochen, sondern, ich möchte sagen, über die Frage: Wie kommt man überhaupt dazu, irgend etwas als Gutes anzuerkennen oder irgend etwas als Schlechtes hinzustellen? — Nun hatte Franz Brentano mit seinen eigenartigen Ansichten nach dieser Richtung keinen ganz leichten Stand, denn Sie wissen ja, auch über das Gute ist innerhalb der Philosophie immer gedacht worden. Und es ist auch gesucht worden, die Frage zu beantworten: Welches Recht hat man, das eine als gut, das andere als schlecht anzusehen? — beziehungsweise die Frage zu beantworten: Woraus fließt das Gute, aus welcher Quelle fließt das Gute, und aus welcher Quelle fließt das Schlechte oder Böse? — Man darf sagen, auf alle mögliche Art und Weise wurde diese Frage angefaßt. Und in der Zeit, in welcher Brentano versuchte — wenn ich mich schulmäßig, pedantisch ausdrücken wollte, würde ich sagen, das Kriterium des Guten zu suchen —, in der Zeit war rings um ihn eine eigentümliche Morallehre vorhanden: die Herbartische.
[ ] Brentano saw the third element within the human soul as that of fluctuating moods and feelings. Just as he regards judgment of reality to consist of acknowledgments or rejections, so he sees moods and feelings as fluctuating between love and hate, likes and dislikes. Man is either attracted or repelled by things. Brentano does not regard the element of will to be a separate function of the soul. He sees it as part of the realm of moods and feelings. The fact that he regards the will in this way is very characteristic of Brentano and points to a deeply rooted aspect of his makeup. It would lead too far to go into that now; all that concerns us at the moment is that Brentano did not differentiate will impulses from mere feelings of like or dislike. He saw all these elements as weaving into one another. When examining a will impulse to action, Brentano would be concerned only with one's love for it. Again, if the will impulse was against an action, he would examine one's dislike for it. Thus for him the life of soul consists of love and hate, acknowledgment and rejection, and forming mental pictures.
[ 12 ] Herbart, der einer der Nachfolger Kants war, hat ja gerade in bezug auf Ethik die Anschauung vertreten — die auch andere vertreten haben, nur er ganz hervorragend —, daß alles Ethische eigentlich darauf beruht, daß uns gewisse Verhältnisse im menschlichen Leben gefallen, andere mißfallen. Und diejenigen Verhältnisse im menschlichen Leben, die gefallen, sind die guten, die mißfallen, sind die schlechten. So daß der Mensch gewissermaßen ein naturgemäßes, ihm unmittelbar zukommendes Vermögen hätte, dem Guten Gefallen, dem Schlechten Mißfallen zuzuwenden. Herbart sagt zum Beispiel: Innere Freiheit ist etwas, was uns unter allen Umständen gefällt, wenn sie an einem Menschen erscheint. Was ist innere Freiheit? Nun, ein Mensch ist innerlich frei, wenn er so handelt, wie er sich über sein Handeln VorstelJungen machen kann, wenn sein Handeln und sein Vorstellen in Harmonie stehen. Wenn also, grob gesprochen, der A von dem B denkt: Du bist eigentlich ein schlechter Kerl —, aber ihm schmeichlerische Worte sagt, so ist das nicht der Ausfluß der inneren Freiheit, und keine Harmonie zwischen Handeln und Vorstellen. Auf diesem Einklang zwischen Vorstellen und Handeln beruht die Idee, die ethische Idee der inneren Freiheit. — Eine andere ethische Idee ist die Vollkommenheit, darin bestehend, daß, wenn wir irgend etwas tun, das wir besser tun könnten, es uns mißfällt. Wenn wir aber etwas tun, das wir so tun, daß es, mit jedem unserem möglichen anderen Tun verglichen, das bessere ist, das vollkommenere ist, so gefällt es uns. Solcher Ideen, solcher ethischen Ideen unterscheidet Herbart fünf. Das Wesentliche ist für uns das, daß Herbart auf das unmittelbar in der Seele auftretende Gefallen und Mißfallen die Ethik stützt.
[ ] Starting from these premises Brentano did his utmost to find solutions to the two greatest riddles of the human soul, the riddle of truth, and the riddle of good. What is true (or real)? What is good? If one is seeking to justify the judgment of thinking about reality or unreality, the question arises, Why do we acknowledge certain things and reject others? Those we acknowledge we regard as truth; those we reject we regard as untruth. And that brings us straight to the heart of the problem: What is truth? The heart of the other problem concerning good and evil, good and bad, we encounter when we turn to the realm of fluctuating moods and feelings. According to Brentano, love is what prompts us to acknowledge an action as good, while hate is the rejection of an action as evil. Thus ethics, morality, and what we understand by rights, all these things are a province of the realm of moods and feelings. The question of good and evil was very much in Brentano's mind as he pondered the nature of man's life of feelings fluctuating between love and hate.
[ 13 ] Eine andere Begründung der Ethik ist die Kantische durch den sogenannten kategorischen Imperativ. Er soll darin bestehen, daß wir eine Handlung für gut finden, wenn wir uns sagen können, daß diese Handlung eine solche der allgemeinen menschlichen Gesetzgebung werden könnte. Dieser kategorische Imperativ führt auf Schritt und Tritt zu Unmöglichkeiten, eigentlich zu Leerheiten, und es ist sehr leicht einzusehen, daß selbst das Beispiel, das Kant selbst gebraucht, nicht eigentlich einen ethischen Inhalt abgibt. Zum Beispiel sagt Kant: Vertraut dir jemand irgend etwas an, was du aufbewahren sollst, und du eignest es dir an, so kann das nicht allgemeine Gesetzgebung werden. Denn wenn jeder sich das aneignen wollte, was ihm zur Aufbewahrung gegeben wird, so würde das Zusammenleben der Menschen unmöglich sein. — Nun, Sie sehen leicht ein, daß darauf nicht das Gute beruhen kann, im Behalten oder Zurückgeben irgendeines anvertrauten Gutes, das einem nicht gehört, sondern daß da andere Quellen, andere Gründe maßgebend sein müssen.
[ ] It is indeed extremely interesting to follow the struggle of a man like Brentano, a struggle lasting for decades, to find answers to questions such as What right has man to assess things, judging them true or false, acknowledge or reject them? Even if you examine all Brentano's published writings—and I am convinced that his as yet unpublished work will give the same result—nowhere will you find him giving any other answer to the question What is true? In other words: What justifies man to judge things except what he calls the “evidence,” the “visible proof”? He naturally means an inner visible proof. Thus Brentano's answer amounts to this: I attain truth if I am not inwardly blind, but able to bring my experiences before my inner eye in such a way that I can survey them clearly, and accept them, or by closer scrutiny perhaps reject them. Franz Brentano did not get beyond this view. It is significant indeed that a man who was an eminent thinker—which cannot be said about many—struggled for decades to answer the question What gives me the right to acknowledge or reject something, to regard it as true or false? All he reached was what he termed the evidence, the inner visible proof.
[ 14 ] Alledem was da eigentlich als ethische Ansichten in der neueren Zeit lebte, widersprach Franz Brentano. Er suchte nach einer tieferen Quelle, denn er sagte: Gefallen und Mißfallen, das begründet eigentlich nur ein ästhetisches Urteil. Bei dem Schönen können wir uns mit Recht sagen: Dasjenige ist schön, was uns gefällt, dasjenige ist häßlich, was uns mißfällt. Aber wir müssen sehr wohl verspüren, daß zum Ethischen, zum Moralischen noch ein anderer Impuls notwendig ist als derjenige, der bloß beim Schönen in uns maßgebend ist. — So sagte sich Brentano, und so wollte er denn jedes Jahr für Juristen seine Ethik begründen. Und dann hat er auch öffentlich in seinem sehr schönen Vortrage diese Begründung der Ethik ausgesprochen. «Von der natürlichen Sanktion für recht und sittlich» heißt dieser Vortrag. Es ist schon die Veranlassung sehr interessant, auf welche hin Franz Brentano diesen Vortrag gehalten hat. Der berühmte Rechtslehrer Ihering hat die Flüssigkeit der Rechtsbegriffe in einem Verein vertreten, die Flüssigkeit der Rechtsbegriffe, das heißt die Anschauung, daß das Recht nicht eigentlich etwas ist, von dem man im absoluten Sinne sprechen kann, sondern etwas, das sich im Verlaufe der Entwickelungsgeschichte der Menschheit fortwährend ändert. Man hätte eigentlich keine Möglichkeit, anders als im geschichtlichen Sinne von den Dingen zu sprechen. Geht man zurück in die Zeit, in der die Menschenfresserei üblich war, so hat man kein Recht zu sagen, für diese Zeit wären unsere Rechts- oder Sittlichkeitsbegriffe maßgebend, daß man nicht die Menschen auffrißt. Das wäre dazumal falsch gewesen. Dazumal war eben richtig die Menschenfresserei, das hat sich nur geändert im Laufe der Zeit. Wir müßten also sympathisieren für diejenige Zeit nicht mit denen, die nicht Menschenfresserei trieben, sondern wir müßten geradezu mit den Menschenfressern sympathisieren. Nun, das ist der radikalste Fall. Aber Sie sehen schon, worauf es Ihering ankommt. Es kommt nach Ihering darauf an, daß die Rechts- und Sittlichkeitsbegriffe im Laufe der Menschheitsentwickelung sich ändern, daß sie also flüssig seien. Das leuchtete Brentano durchaus nicht ein. Er wollte einen gewissen absoluten Quell des Sittlichen finden. Für die Wahrheit hat er die Evidenz hingestellt; dasjenige, was in unmittelbar klarer Anschaulichkeit seelisch einleuchtet, ist wahr. Also das richtige Urteil ist wahr. Was ist gut? Darauf fand Brentano, wiederum wirklich in jahrzehntelangem Ringen, eine ebenso, ich möchte sagen, abstrakte Antwort. Er sagte: Erfließend ist das Gute und das Schlechte aus den Gemütsbewegungen heraus. Die Gemütsbewegungen leben in Lieben und Hassen. Das Gute ist dasjenige, welches richtig geliebt wird; das Liebenswerte ist das Gute. Also dasjenige, was vom Menschen in der richtigen Weise geliebt wird, ist das Gute. Und nun bemüht er sich zu zeigen, wie in gewissen einzelnen Fällen der Mensch richtig lieben kann. So, wie er bezüglich der Wahrheit richtig urteilen soll, so soll er bezüglich des Guten richtig lieben.
[ ] Brentano lectured for many years in Vienna on what in Austrian universities was known as practical philosophy, which really means ethics or moral philosophy. Just as Brentano was obliged to give these lectures, so the law students were obliged to attend them, as they were prescribed, compulsory courses. However, during his courses Brentano did not so much lecture on “practical philosophy,” as he did on the question How does one come to accept something as good or put something down as bad? Due to his original views, Franz Brentano did not by any means have an easy task. As you know, the problem of good is always being debated in philosophy. Attempts are made to answer the question: Have we any right to regard one thing as good and another as bad? Or the question may be formulated differently: Where does the good originate, where is its source, and what is the source of the bad or evil? This question is approached in all manner of ways. But all around Brentano, at the time when he attempted to discover the criterion of good, a peculiar moral philosophy was gaining ground, that of Herbart, one of the successors of Kant's.3 Johann Friedrich Herbart, 1776–1841, German philosopher. Herbart's view of ethics, which others have advocated too but none more emphatically than he himself, was the view that moral behavior, in the last resort, depends upon the fact that certain relationships in life please us, whereas others displease us. Those that please us are good, those that displease us are bad. Man as it were is supposed to have an inborn natural ability to take pleasure in the good and displeasure in the bad. Herbart says, for example: Inner freedom is something which always, in every instance, pleases us. And what is inner freedom? Well, he says, man is inwardly free when his thinking and actions are in harmony. This would mean, crudely put, that if A thinks B an awful fellow but instead of saying so flatters him, then that is not an expression of inner freedom. Thinking and action are not in the harmony on which the ethical view of inner freedom is based. Another view on ethics is based on perfection. We are displeased when we do something we could have done better, whereas we are pleased when we have done something so well that the result is better, more perfect than it would have been through any other action. Herbart differentiates five such ethical concepts. However, all that interests us at the moment is that he based morality on the soul's immediate pleasure or displeasure.
[ 15 ] Ich will nicht auf Einzelheiten eingehen, sondern ich will hauptsächlich betonen, daß nun Franz Brentano wirklich in jahrzehntelangem Ringen das Gute auf die einfache Formel gebracht hat: es ist das Liebenswerte, es ist dasjenige, was in richtiger Liebe getan wird. Eine Abstraktion! Denn bei Brentano ist das Große wirklich nicht dasjenige, zu dem er gekommen ist. Denn Sie werden sagen: es sind eigentlich magere Ergebnisse: «Das Wahre ist das, was aus der Evidenz des Urteils folgt», «Das Gute ist dasjenige, was richtig geliebt wird.» Es sind magere Dinge, werden Sie sagen. Aber das Charakteristische ist die Energie, der Ernst des Strebens; denn Sie werden wirklich nicht, bei keinem anderen Philosophen der Gegenwart, solch einen aristotelischen Scharfsinn in den Auseinandersetzungen finden und zu gleicher Zeit ein solches Mitschwingen des ganzen seelischen Lebens bei allem, was er sagte. Diese mageren Resultate werden doch eigentlich erst dadurch wertvoll, daß man sie bei einem Menschen, der eben so ringt, verfolgt. Aber gerade durch diese Art des Seelenlebens war Franz Brentano ein Repräsentant geistigen Strebens. Man könnte viele Menschen der Gegenwart — Philosophen — anführen, welche schon den Versuch gemacht haben, die Fragen: Was ist das Wahre?, was ist das Gute? zu beantworten. Gerade bei den Geschätztesten würde man finden, daß die Antworten viel leerer sind als die von Brentano, trotzdem Ihnen, die Sie sich jahrelang mit der Geisteswissenschaft befassen, Brentanos Antworten so mager erscheinen müssen. Brentano hat ja auch, ich möchte sagen, das Schicksal der ringenden Menschen der Gegenwart gehabt, denn er ist wenig in seinem Ringen verstanden worden.
[ ] Yet another principle of ethics is Kant's so-called categorical imperative, according to which an action is good if it is based on principles that could be the basis for a law applying to all.4 Immanuel Kant, 1725–1804, Critique of Pure Reason, Critique of Practical Reason, and Critique of Judgment, available in various editions and translations in English.—from Critique of Practical Reason, Part 1, section 7, the Categorical Imperative: “Act so that the principles underlying your will at any time could also be a principle for a universal law.” Compare also his Foundation for a Metaphysics of Morals, second section. Nothing could be more contrary to morality! Even the example Kant himself puts forward clearly shows his categorical imperative to be void of moral value. He says: Suppose you were given something for safekeeping, but instead you appropriated it. Such an action, says Kant, cannot be a basic principle for all to follow, for if everybody simply took possession of things entrusted to them, an orderly human society would be an impossibility. It is not difficult to see that in such a case, whether the action is good or bad cannot be judged on whether things entrusted to one are returned or not. Quite different issues come into question.
[ 16 ] Wenn man nun bei Franz Brentano dieses Ringen nach den Antworten auf die Fragen: Was ist wahr? Was ist gut? — sich ansieht, so findet man bei ihm auch eben am klarsten, am anschaulichsten, wo es fehlen muß bei einem Menschen der Gegenwart, der nicht in die Geisteswissenschaft herein will, weil eben Franz Brentano es am weitesten gebracht hat unter all denen, die nicht in die Geisteswissenschaft haben herein wollen. Er hat es am weitesten gebracht, daher ist er gerade charakteristisch. Im weiten Umfange des philosophischen Strebens der Gegenwart werden Sie eben nirgends die Möglichkeit finden, Antwort zu geben auf die Fragen: Was ist wahr? Was ist gut? — Konfusionen werden Sie ja viele finden. Interessante Konfusionen sind zum Beispiel solche wie die Windelbandschen. Windelband, der lange in Heidelberg als Professor gelehrt hat, auch in Freiburg, Windelband konnte nichts herausfinden in der Seele, was dazu führt, etwas als wahr anzuerkennen oder als falsch zu verwerfen. Daher gründete er das Wahre auch auf die Zustimmung, also gewissermaßen auf das Lieben. Ein Urteil, das wir in einem gewissen Sinne lieben können, ist wahr, und ein Urteil, das wir hassen müssen, wäre also dann unwahr. Verstecktes Lieben und Hassen steckt auch in Wahr und Unwahr darin. Bei den Herbartianern sehen Sie, daß das ethisch Gute und ethisch Schlechte auch nach Gefallen und Mißfallen beurteilt wird, was Franz Brentano nur für das Schöne oder Häßliche gelten lassen will.
[ ] All the modern views on ethics are contrary to that of Franz Brentano. He sought deeper reasons. Pleasure and displeasure, he said, merely confirm that an ethical judgment has been made. As far as the beautiful is concerned, we are justified in saying that beauty is a source of pleasure, ugliness of displeasure. However, we should be aware that what determines us when it is a question of ethics, of morality, is a much deeper impulse than the one that influences us in assessing the beautiful. That was Brentano's view of ethics, and each year he sought to reaffirm it to the law students. He also spoke of his principle of ethics in his beautiful public lecture entitled “Natural Sanction of Law and Morality.”5 Franz Brentano, Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis, a lecture held on January 23, 1889, at the Vienna Law Society; published in Leipzig, 1889. The circumstances that led Franz Brentano to give this lecture are interesting. The famous legislator Ihering had spoken at a meeting about legal concepts being fluid, by which he meant that concepts of law and rights cannot be understood in an absolute sense because their meaning continually changes in the course of time.6 Rudolf von Ihering, 1818–1892, jurist. His views were expressed in a lecture “Über die Entstehung des Rechtsgefuhls,” given several years before Brentano's (see above note) at the Vienna Law Society. They can be understood only if viewed historically. In other words, if we look back to the time when cannibalism was customary, we have no right to say that one ought not to eat people. We have no right to say that our concepts of morals should have prevailed, for our concepts would at that time have been wrong. Cannibalism was right then; it is only in the course of time that our view of it has changed. Our sympathy must therefore lie with the cannibals, not with those who refrained from the practice! That is, of course, an extreme example, but it does illustrate the essence of Ihering's view. The important point to him was that concepts of law and morality have changed in the course of human evolution which proves that they are in a state of flux.
[ 17 ] Also Konfusionen gibt es viele. Eine Möglichkeit, über diese Grundverhältnisse der Seele irgendwie zur Klarheit zu kommen, gibt es nicht. Es ist zum Verzweifeln. Wenn man sich einläßt auf die gegenwärtigen Philosophen, kann man schon manchmal verzweifeln. Die Fragen werfen sie natürlich auf, sie glauben auch manchmal Antworten zu geben, aber gerade wenn sie Antworten geben wollen, dann ist es am schlimmsten, denn dann merkt man überall, daß das nur Scheinantworten sind, gleichviel ob sie zustimmend oder verwerfend sind.
[ ] This view Brentano could not possibly accept. He wanted to discover a definite, absolute source of morality. In regard to truth he had produced “the evidence” that what lights up in the soul as immediate recognition is true, i.e., what is correctly judged is true. To the other question, what is good, Brentano, again after decades of struggle, found an equally abstract answer. He said: Good and bad have their source in human feelings fluctuating between love and hate. What man genuinely loves is good; i.e., what is worthy of love is good. He attempted to show instances of how human beings can love rightly. Just as man in regard to truth should judge rightly, so in regard to the good he should love rightly.
[ 18 ] Nun ist es interessant, daß Franz Brentano überall, ich möchte sagen, just an dem Punkte steht, wo er, wenn er ein Stückchen weiter ginge, in das Rechte hineinkäme. Es kann nämlich niemand die Fragen: Was ist wahr? Was ist falsch? — beantworten, niemand, der bloß die heutigen Ansichten vom Menschenwesen hat. Es gibt keine Möglichkeit, auf der einen Seite die heutigen Ansichten vom Menschenwesen zu haben, und auf der anderen Seite die Frage zu beantworten: Was bedeutet die Wahrheit im menschlichen Leben? — Es gibt auch keine Möglichkeit, die Frage zu beantworten: Was ist gut? —, wenn man vom Menschenwesen die Ansicht hat, die heute üblich ist. Das gibt es nicht. Wir werden gleich sehen, warum. Vorerst möchte ich aber Ihre Aufmerksamkeit auf dasjenige hinlenken, was, ich möchte sagen, die Leute nach beiden Richtungen hin beirrt: Das ist das Schöne.
[ ] I shall not go into details; I mainly want to emphasize that Brentano, after decades of struggle, had reached an abstraction, the simple formula that good is that which is worthy of love. Instead, it has to be said that Brentano's greatness does not lie in the results he achieved. You will no doubt agree that it is a somewhat meager conclusion to say, Truth is what follows from the evidence of correct judgment; the good is what is rightly loved. These are indeed meager results, but what is outstanding, what is characteristic of Brentano, is the energy, the earnestness of his striving. In no other philosopher will you find such Aristotelean sagacity and at the same time such deep inner involvement with the argument. The meager results gain their value when one follows the struggle it cost to reach them. It is precisely his inner struggles that make Franz Brentano such an outstanding example of spiritual striving. One could mention many people, including philosophers, who have in our time tried to find answers to the questions, What is truth? What is the good? But you will find their answers, especially those given by the more popular philosophers, far more superficial than those given by Brentano. That does not alter the fact that Brentano's answers must naturally seem meager fare to those who have for years been occupied with spiritual science. However, Brentano had also to suffer the destiny of modern striving man, lack of understanding; his struggles were little understood.
[ 19 ] Bei den Herbartianern ist ja das Gute nur eine Unterabteilung des Schönen, des Schönen nämlich, das als Eigenschaft der menschlichen Handlungen auftritt. Wenn man die Frage aufwirft: Was ist eigentlich das Schöne? —, dann wird es ja vor allen Dingen auffallen, daß dieses Schöne wirklich einen recht starken subjektiven Charakter hat. Über nichts wird unter Menschen mehr gestritten als über das Schöne. Was der eine schön findet, findet der andere nicht mehr schön und so weiter. Man kann sagen: Das Kurioseste im Menschenleben vollzieht sich eigentlich in diesen Streitigkeiten um das Schöne oder Häßliche, das künstlerisch Berechtigte oder Nichtberechtigte. Denn schließlich fußt das ganze Urteil über das Schöne und Häßliche, über das künstlerisch Berechtigte oder Nichtberechtigte, lediglich auf der menschlichen Eigenheit selber. Man wird gar nicht irgendeine allgemeine Gesetzgebung des Schönen jemals auffinden können. Man wird sie auch nicht auffinden sollen, denn es könnte nichts Unsinnigeres geben, als eine allgemeine Gesetzgebung über das Schöne oder Häßliche. Es könnte nichts Unsinnigeres geben. Man kann ein Kunstwerk nicht mögen, man kann aber dahin kommen, einzugehen auf dasjenige, was der Künstler wollte, das man vorher nicht eingesehen hat, und man kann es dann sehr schön finden und kann einsehen, daß man es nur deshalb nicht schön gefunden hat, weil man es nicht verstanden hat. Es ist wirklich etwas berechtigt Subjektives, dieses ästhetische Urteil, das ästhetische Anerkennen oder Verwerfen.
[ ] A closer look at Brentano's intensive search for answers to the questions, What is true? What is good? reveals a clarity and comprehensiveness in outlook seldom found in those who refuse spiritual science. What makes him exceptional is that without spiritual science no one has come as far as he did. Nowhere will you find within the whole range of modern philosophical striving any real answers concerning what truth is or what the good is. What you will find is confusion aplenty, albeit at times interesting confusion, for example in Windelband.7 Wilhelm Windelband, 1848–1915, German philosopher. Professor Windelband, who taught for years at Heidelberg and Freiburg, could discover nothing in the human soul to cause man to accept certain things as true and reject others as false. So he based truth on assent, that is, to some extent on love. If according to our judgment of something we can love it, then it is true; conversely, if we must hate it, then it is untrue. Truth and untruth contain hidden love and hate. Herbartians, too, judge things to be morally good or morally bad according to whether they please or displease, a judgment which Brentano considered to be applicable only to what is beautiful or ugly.
[ 20 ] Es würde sehr lange dauern, wenn ich Ihnen im einzelnen die Berechtigung dieser Behauptung erhärten wollte, die ich eben ausgesprochen habe, aber Sie wissen ja, eine gewisse Berechtigung hat schon der Satz: Über den Geschmack läßt sich nicht streiten. Man hat eben für irgendeine Sache Geschmack oder hat ihn nicht, hat ihn schon oder hat ihn noch nicht. Woher kommt dieses? Sehen Sie, das kommt davon her, daß bei aller Wahrnehmung desjenigen, auf das wir die Idee des Schönen anwenden, eigentlich ein doppeltes Wahrnehmen vorhanden ist. Das ist der wichtige Tatbestand, der sich der geisteswissenschaftlichen Forschung ergibt. Wenn Sie überhaupt veranlaßt werden, etwas unter die Idee des Schönen zu subsummieren, dann ist eigentlich Ihre Wahrnehmung eine Doppelwahrnehmung dem betreffenden Gegenstand gegenüber. Sie nehmen einen Gegenstand, den Sie so betrachten, wahr, erstens indem er eine gewisse Wirkung auf Sie ausübt, auf physischen und Ätherleib. Dies ist die eine Strömung, möchte ich sagen, die von dem schönen Objekt zu Ihnen kommt, die Strömung, die auf den physischen und auf den Ätherleib geht, gleichgültig, ob Sie eine Malerei, eine Skulptur oder irgend etwas vor sich haben, die Wirkung geschieht auf physischen und Ätherleib. Und im physischen und Ätherleib erleben Sie mit dasjenige, was da draußen ist. Außerdem erleben Sie im Ich und im Astralleibe dasjenige mit, was draußen ist. Aber Sie erleben es nicht so mit, daß Sie das letztere in einem Akt mit dem ersteren erleben, sondern Sie erleben tatsächlich eine Zweiheit. Sie erleben auf der einen Seite den Eindruck auf Ihren physischen und Ätherleib, und auf der anderen Seite erleben Sie den Eindruck auf Ihr Ich und Ihren Astralleib. Sie erleben tatsächlich eine Doppelwahrnehmung. Und je nachdem Sie in der Lage sind, das eine mit dem anderen in Harmonie oder Disharmonie zu bringen, finden Sie das betreffende Objekt schön oder häßlich. Erleben Sie für Ihren physischen Leib und Ihren Ätherleib auf der einen Seite etwas, für Ihr Ich und den Astralleib auf der anderen Seite etwas, und Sie können die beiden Dinge nicht miteinander vereinigen, die beiden Dinge klingen nicht zusammen, dann können Sie das betreffende Kunstwerk nicht verstehen, dann wirkt es nicht schön. Das Schöne ist unter allen Umständen darin gelegen, daß auf der einen Seite Ihr Ich und Astralleib, auf der anderen Seite Ihr physischer und Ätherleib zusammenschwingen, miteinander in Einklang kommen. Es muß ein innerer Prozeß, ein innerer Vorgang stattfinden, damit Sie etwas als schön erleben können. Anders können Sie das Schöne nicht erleben. — Denken Sie, wieviel Möglichkeiten es da gibt im Erleben des Schönen, wie vielerlei Zusammenstimmungen und Nichtzusammenstimmungen da möglich sind. So ist einmal das Schöne etwas Subjektives, etwas im Innern zu Erlebendes.
[ ] Thus there is plenty of confusion, and not the slightest possibility of reaching insight into the soul's essential nature. All that is left is despair, which is so often all there is left after one has studied the works of modern philosophers. Naturally they do pose questions and often believe to have come up with answers. Unfortunately that is just when things go wrong; one soon sees that the answers, whether positive or negative, are no answers at all.
[ 21 ] Was ist dagegen das Wahre? Im Wahren stehen Sie auch einem Objekte, einem Gegenstand gegenüber; aber wie da gewirkt wird, geht zunächst auf Ihren physischen und Ätherleib. Und dann müssen Sie Ihrerseits die Wirkung auf den physischen und Ätherleib wahrnehmen. Merken Sie den Unterschied, bitte! Wenn Sie dem schönen Objekt gegenüberstehen, haben Sie die Doppelwahrnehmung; das Schöne wirkt auf Ihren physischen und Ätherleib und auf Ich und Astralleib, und innerlich müssen Sie die Harmonie herstellen. Alles dasjenige, was überhaupt je Gegenstand des Wahren bilden kann, muß auf physischen und Ätherleib wirken, und Sie müssen dann innerlich diese Wirkung, die auf Sie ausgeübt wird, wahrnehmen. Beim Schönen nehmen Sie die Wirkung auf physischen und Ätherleib nicht wahr, die bleibt unbewußt. Ebenso bringen Sie auf der anderen Seite die Wirkung auf Ich und Astralleib nicht herunter ins Bewußtsein, sondern das schwingt im Unterbewußten hin und her bei dem, was Gegenstand des Wahren ist. Notwendig ist, daß Sie sich jetzt dem physischen und Ätherleib hingeben und im Ich und Astralleib die Abspiegelung desjenigen, was da drinnen vorgeht, finden. Also Sie haben beim Wahren im Ich und Astralleib dasjenige, was Sie im physischen und Ätherleib haben. Beim Schönen haben Sie etwas anderes im Ich und Astralleib. So ist also die Frage nach dem Wahren hingelenkt auf die menschliche Wesenheit, insofern sich als die untersten Glieder dieser Wesenheit physischer Leib und Ätherleib zeigen. Im physischen Leibe erleben wir nur die äußere Scheinwelt mit; im Ätherleib erleben wir einzig und allein dasjenige mit, was den Einklang mit dem gesamten Kosmos ergibt. Die Wahrheit liegt daher verankert im Ätherleib, und wer keinen Ätherleib anerkennt, kann nie die Frage beantworten: Wo sitzt die Wahrheit? — Er kann die Frage beantworten: Wo sitzt der Sinnenschein? —, aber nicht die Frage nach der Wahrheit. Denn der Sinnenschein, der im physischen Leibe sitzt, wird erst zur Wahrheit verarbeitet im Ätherleibe. So daß die Frage nach der Wahrheit nur derjenige beantworten kann, der diese ganze Einwirkung des äußeren Objektes auf physischen Leib und Ätherleib anerkennt.
[ ] What is so interesting about Brentano is that, if only he had continued a little further beyond the point he had reached, he would have entered a region where the solutions are to be found. Whoever cannot get beyond the view ordinarily held of man will not be able to answer the questions What is true? What is false? It is simply not possible, on the one hand to regard man's being as it is regarded today, and on the other to answer such questions as What is the meaning of truth in relation to man? Nor is it possible to answer the question What is the good? You will soon see why this is so. But first I must draw your attention to something in regard to which mistaken views are held both ways, that is the question concerning the beautiful.
[ 22 ] Würde sich also Franz Brentano auf die Frage: Was ist Wahrheit? Antwort haben geben wollen, so würde er die ganze Beziehung, in der der Mensch steht zur Welt durch seinen Ätherleib, haben untersuchen müssen. Das kann er nicht, weil er den Ätherleib nicht anerkennt. Daher bleibt ihm nichts anderes übrig, als gewissermaßen ein mageres Urteil hinzustellen, ein mageres Wort: Die Evidenz. Denn die Auseinandersetzung der Wahrheit ist einerlei mit der Erklärung der Beziehungen des menschlichen Ätherleibes zum Kosmos. Wir stehen mit dem Kosmos in Zusammenhang, indem wir die Wahrheit ausdrücken, dadurch, daß wir mit dem Kosmos durch den Ätherleib in Zusammenhang stehen. Gerade aus diesem Grunde muß uns nach dem Tode das Erleben des Ätherleibes für mehrere Tage verbleiben. Denn würde es das nicht, ginge uns die Wahrheit für die Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verloren. Wir leben auf Erden, um unsere Vereinigung mit der Wahrheit zu pflegen, und nehmen gewissermaßen das Erlebnis der Wahrheit mit, indem wir mehrere Tage nach unserem Tode in dem großen Tableau des Ätherleibes leben. — Untersuchungen also über den menschlichen Ätherleib würden dasjenige bilden, was die Frage zu beantworten hat: Was ist Wahrheit?
[ ] According to Herbart and his followers, good is merely a subdivision of beauty, more particularly beauty attributed to human action. Any questions concerning what is beautiful immediately reveal it to be a very subjective issue. Nothing is more disputed than beauty; what one person finds beautiful another does not. In fact, the most curious views are voiced in quarrels over the beautiful and the ugly, over what is artistically justified and what is not. In the last resort the whole argument as to whether something is beautiful or ugly, artistic or not, rests on man's individual nature. No general law concerning beauty will ever be discovered, nor should it be; nothing would be more meaningless. One may not like a certain work of art, but there is always the possibility of entering into what the artist had in mind and thus coming to see aspects not recognized before. In this way, one may come to realize that it was lack of understanding which prevented one from recognizing its beauty. Such aesthetic judgment, such aesthetic acceptance or rejection, is really something which, though subjective, is justified.
[ 23 ] Die andere Frage, die Franz Brentano beantworten wollte, das war die Frage: Was ist das Gute? — Gerade so, wie der Mensch das äußere Objekt, das Gegenstand der Wahrheit wird, wirken lassen muß auf seinen physischen und Ätherleib, so muß dasjenige, was Impuls des Guten beziehungsweise auch Impuls des Bösen werden soll, auf das Ich und den Astralleib wirken. Da können sie noch nicht vorgestellt werden; sie müssen jetzt vorgestellt werden, indem sie sich spiegeln im Ätherleibe und physischen Leibe. Vorstellungen von Gut und Böse haben wir nur, indem sich dasjenige, was im Ich und Astralleibe vorgeht, im physischen und im Ätherleib spiegelt, indem wir Bilder gewinnen von dem, was im Astralleib und Ich bildlos ist. Aber die unmittelbare Wirkung, die sich äußert im Guten und Bösen, geschieht im Ich und Astralleib. Daher weiß derjenige, der ein Ich und einen Astralleib nicht anerkennt, überhaupt nicht, wo der Impuls des Guten oder Bösen im Menschen wirkt. Er kann also nur das Wort hinsetzen: Das Gute ist dasjenige, das in der richtigen Weise geliebt wird. Liebe ist aber etwas, was im Astralleibe sich vollzieht. Das Konkrete, das Reale hat man nur, wenn man dasjenige untersucht, was im menschlichen Astralleib und im Ich sich vollzieht. Nun, das Ich des Menschen ist in der gegenwärtigen Entwickelung so, daß es nur zeigt, wie dasjenige, was im Astralleibe lebt, in Trieben, in Affekten zum Ausdruck kommt. Das Ich des Menschen ist, wie Sie wissen, nicht sehr weit in seiner Entwickelung; der Astralleib ist weiter. Aber der Astralleib kommt dem Menschen nicht so zum Bewußtsein wie das, was in seinem Ich vorgeht. Daher kommen die sittlichen Impulse auch dem Menschen so wenig zum Bewußtsein, beziehungsweise es hilft das Bewußtsein nicht viel, wenn nicht die astralischen Impulse da sind; so daß für den gegenwärtigen Menschen die sittlichen Urimpulse eigentlich im Astralleibe sitzen, so wie die Wahrheitskräfte im Ätherleibe sitzen. Durch den Astralleib hängt der Mensch zusammen mit der geistigen Welt; und in der geistigen Welt sind die Impulse des Guten. In der geistigen Welt spielt sich auch dasjenige ab, was des Menschen Gutes und Böses ist. Was wir von diesen wissen, ist nur die Spiegelung im Ätherleibe und physischen Leibe.
[ ] To confirm in detail what I have just said would take too long. However, you all know that the saying “taste cannot be disputed” has a certain justification. Taste for certain things one either has or has not; either the taste has been acquired already or not yet. We may ask, why? The answer is that every time we apply an aesthetic evaluation to something we have a twofold perception. That is an important fact discovered through spiritual investigation. Whenever you are inclined to apply the criterion of beauty to something, your perception of the object is twofold. Such an object is perceived in the first place because of its influence on the physical and ether bodies. This is a current that streams, so to speak, from the beautiful object to the onlooker, affecting his physical and ether bodies regardless whether a painting, a sculpture or anything else is observed. What exists out there in the external world is experienced in the physical and ether bodies, but apart from that it is experienced also in the I and astral body. However, the latter experience does not coincide with the former; you have in fact two perceptions. An impression is made on the one hand on the physical and etheric bodies and on the other an impression is also made on the I and astral body. You therefore have a twofold perception.
[ 24 ] Sie sehen also, richtige Begriffe vom Wahren, Guten und Schönen werden erst möglich sein, wenn man die wirklichen Wesensglieder des Menschen ins Auge fassen wird. Denn man kann nicht einen Begriff über die Wahrheit gewinnen, wenn man nicht die Wesenheit des Ätherleibes ins Auge faßt. Und man kann nicht einen Begriff über das Schöne gewinnen, wenn man nicht weiß, wie innerlich namentlich Ätherleib und Astralleib zusammenvibrieren — mehr untergeordnet Ich und physischer Leib —, in dem Erleben des Schönen. Man kann nicht einen wirklichen Begriff des Guten gewinnen, wenn man nicht weiß, daß dieses Gute im Grunde genommen wirksame Kräfte im Astralleibe darstellt.
[ ] Whether a person regards an object as beautiful or ugly will depend upon his ability to bring the two impressions into accord or discord. If the two experiences cannot be made to harmonize, it means that the work of art in question is not understood; in consequence, it is regarded as not beautiful. For beauty to be experienced the I and astral body on the one hand, and the physical and ether body on the other must be able to vibrate in unison, must be in agreement. An inner process must take place for beauty to be experienced; if it does not, the possibility for beauty to be experienced is not present. Just think of all the possibilities that exist, in the experience of beauty, for agreement or disagreement. So you see that to experience beauty is a very inward and subjective process.
[ 25 ] So könnte man sagen: Franz Brentano ist bis zum Tore gegangen, und seine Antworten sind eigentlich nur zu verstehen, wenn man sie auf Höheres, als er gefunden hat, bezieht. Sie sind daher bei ihm mager geblieben. Da, wo er davon gesprochen hat, daß in innerer Anschaulichkeit vor dem Seelenauge das Wahre aufleuchten muß, da hätte er eigentlich sagen müssen: Das Wahre nimmt man eigentlich erst dann wahr, wenn es einem gelingt, die Urteile so zu erfassen, daß man sie losbekommt vom physischen Leibe, daß man den Ätherleib losbekommt vom physischen Leibe. Nun, erinnern Sie sich, wie ich immer den Standpunkt vertreten habe, den jeder Geisteswissenschafter vertreten muß: Das erste Hellsehen ist schon das wirklich reine Denken. Derjenige, der einen reinen Gedanken faßt, ist schon hellsehend. Nur ist das gewöhnliche menschliche Denken eben kein reines Denken, sondern ein von sinnlichen Vorstellungen, von Phantasmen erfülltes Denken. Aber derjenige, der einen reinen Gedanken faßt, ist eigentlich schon hellsehend, denn der reine Gedanke kann nur im Ätherleibe gefaßt werden. Ebensowenig kann man jemals das Gute erfassen, ohne sich klar darüber zu sein, daß das Gute in demjenigen lebt, was menschlicher Astralleib beziehungsweise was vom Ich durchsetzt ist.
[ ] On the other hand what is truth? Truth is also something that meets us face to face. Truth, to begin with, makes an impression on the physical and ether bodies and you, on your part, must perceive that effect on those bodies. Please note the difference: Faced with an object of beauty your perception is twofold. Beauty affects your physical and ether bodies and also your I and astral body; you must inwardly bring about harmony between the two impressions. Concerning truth the whole effect is on the physical and ether bodies and you must perceive that effect inwardly. In the case of beauty, the effect it has on the physical and ether bodies remains unconscious; you do not perceive it. On the other hand, in the case of truth, you do not bring the effect it has on the I and astral body down into consciousness; it vibrates unconsciously. What must happen in this case is that you devote yourself to the impression made on the physical and ether bodies, and find its reflection in the I and astral body. Thus, in the case of truth or reality you have the same content in the I and astral body as in the physical and ether bodies, whereas in the case of beauty you have two different contents.
[ 26 ] Franz Brentano hat nun in geistreicher Weise, gerade als er über den Urquell des Guten sprechen wollte, auf mancherlei Bedeutungsvolles hingewiesen, so zum Beispiel darauf, daß Aristoteles schon gesagt habe: Über das Gute kann man eigentlich nur demjenigen vortragen, der das Gute schon in seiner Gewohnheit hat. Aber denken Sie, wenn dieser Satz richtig wäre, so wäre es ja eigentlich furchtbar; denn derjenige, der das Gute schon in seiner Gewohnheit hat, der braucht einen ja eigentlich nicht dazu, ihm erst über das Gute vorzutragen, denn er tut es ja aus Gewohnheit; warum sollte man dann den erst über das Gute unterrichten? Aber wenn dieses Aristoteles-Wort richtig wäre, würde man auf der anderen Seite sagen müssen: Bei dem, der das Gute nicht in seiner Gewohnheit hat, hilft es nicht, daß über das Gute vorgetragen wird. Also das ganze Reden über das Gute wäre eigentlich unsinnig, wenn das Aristoteles-Wort richtig wäre. Wozu sollen wir denn überhaupt eine Ethik begründen? Aber das ist auch eine von den Fragen, die keine befriedigende Beantwortung finden, wenn sie nicht innerhalb der Geisteswissenschaft gestellt und beantwortet werden.
[ ] Thus the question of truth is connected with man's being insofar as it consists of the lowest members, the physical and ether bodies. Through the physical body we participate only in the external material world, the world of mere appearance. Through the ether body we participate solely in what results from its harmony with the whole cosmos. Truth, reality, is anchored in the ether body, and someone who does not recognize the existence of the ether body cannot answer the question Where is truth established? All he can answer is the question Where is that established which the senses reflect of the external world; where is the world of appearance? What the senses reflect in the physical body only becomes full reality, only becomes truth, when assimilated by the ether body. Thus the question concerning truth can only be answered by someone who recognizes the total effect of external objects on man's physical and ether bodies.
[ 27 ] Wir handeln ja ganz gewiß, indem wir als Menschen in der Welt handeln, nicht unter reinen Begriffen, unter reinen Ideen, obwohl, wie Sie in der «Philosophie der Freiheit» nachlesen können, nur das Handeln unter reinen Begriffen und Ideen ein freies Handeln ist. Aber wir handeln nicht aus reinen Begriffen und Ideen, sondern wir handeln aus Trieben, Leidenschaften, Affekten heraus ebensosehr, wie aus reinen Ideen und Idealen, das letztere vielleicht sogar sehr selten. Eine Einsicht in diese Sache bekommt man, wenn man nun zu Hilfe nimmt dasjenige, was Sie ausgeführt finden in dem kleinen Büchelchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft», was ich dann in anderen Vorträgen weiter ausgeführt habe.
[ ] If Franz Brentano wanted to answer the question What is truth? he would have been obliged to investigate the way man's being is related to the whole world through his ether body. That he could not do as he did not acknowledge its existence. All he could find was the meager answer he termed “the evidence.” To explain truth is to explain the human ether body's relation to the cosmos. We are connected with the cosmos when we express truth. That is why we must continue to experience the ether body for several days after death. If we did not we would lose the sense for the truth, for the reality of the time between death and new birth. We live on earth in order to foster our union with truth, with reality. We take our experience of truth with us, as it were, in that we live for several days after death with the great tableau of the ether body. One can arrive at an answer to the question What is truth? only by investigating the human ether body.
[ 28 ] In der ersten Epoche des Lebens bis zum Zahnwechsel, bis zum siebenten Jahr, und in der zweiten Epoche bis zur Geschlechtsreife, da handeln wir wohl eigentlich vorzugsweise nur unter dem Einfluß von Trieben, von Affekten und dergleichen. Denn eigentlich werden wir erst mit der Geschlechtsreife fähig, Begriffe über Gut und Böse aufzunehmen. Man kann nun schon sagen, in dem Sinne hat Aristoteles recht, daß man ihm zugeben muß: Die Triebe zum Guten oder Schlechten, die wir schon in den ersten zwei Lebensperioden, also bis zum 14. Lebensjahr, in uns haben, die beherrschen uns eigentlich so ziemlich durch das ganze Leben hindurch, wir können sie modifizieren, unterdrücken, aber sie sind schon da, sie sind im ganzen Leben da. Es frägt sich nun bloß: Was hilft es, daß wir, wenn wir geschlechtsreif geworden sind, nun anfangen, sittliche Grundsätze zu begreifen, unsere Instinkte gleichsam zu rationalisieren, was hilft es? — Das hilft in zweifacher Beziehung; und hier betreten wir einen Boden, von dem Sie, wenn Sie in der richtigen Weise empfinden, gar bald einsehen werden, wie richtig und bedeutungsvoll sein Begreifen in der Gegenwart ist. Denken Sie das Folgende, ein Mensch sei durch erbliche Anlagen das, was man nennen könnte gut veranlagt, so daß man sieht, bis er ein geschlechtsreifer Mensch geworden ist, hat er aus dem Unbestimmten heraus eigentlich lauter gute Anlagen entwickelt. Er wird eigentlich ein ganz guter Mensch. Ich will jetzt nicht untersuchen, warum er ein guter Mensch geworden ist, sondern ich will nur auf die äußere Erscheinung hinlenken. Er ist geboren von zwei guten Eltern, hat gute Großeltern gehabt und so weiter; das hat sich alles so gemacht, daß er lauter gute Anlagen entwickelt, so daß er instinktiv das Gute tut. Aber nehmen wir an: Nach der Geschlechtsreife zeigt sich, daß er nun keine Lust hat, seine Instinkte für das Gute zu rationalisieren, sich Begriffe über diese Instinkte zu machen. Nehmen wir an, es ergebe sich diese Erscheinung durch irgendeine Veranlassung, die ich nicht weiter erörtern will. Also bis zum 14. Jahre hat er gute Instinkte entwickelt, aber nun zeigt er keine Lust, diese Instinkte in Begriffen auszudrücken. Er hat zwar Lust, das Gute zu tun, es liegt nicht in seiner Gewohnheit, ‚stark das Schlechte zu tun, er tut schon das Gute, aber wenn man ihn aufmerksam machen will: Das ist gut, das ist böse, so sagt er: Ich kümmere mich nicht darum, ob das gut oder böse ist. — Das läßt er bleiben. Er hat keine Lust, seine Instinkte zu rationalisieren, sie ins Intellektuelle zu übersetzen. Nun denken Sie sich, er ist geschlechtsreif, er bekommt Kinder — gleichgültig, ob er Mann oder Frau ist —, er bekommt Kinder. Die Kinder werden nun nicht die Instinkte haben, die er hat, wenn er diese Instinkte nicht in Begriffe umgewandelt hat, sondern dieKinder werden schon Unsicherheiten in den Instinkten aufweisen. Das ist das Bedeutsame. Also für sich konnte der betreffende Mensch mit seinen Instinkten auskommen, aber wirksame Instinkte wird er auf seine Kinder nicht übertragen können, wenn er sich nicht bewußt beschäftigt mit dem, was Gut und Böse ist. Und schon gar in das nächste Erdenleben wird er nicht hineintragen können irgendwelche Instinkte für Gut und Böse, wenn er sich im vorhergehenden Erdenleben nicht darauf eingelassen hat, sich Vorstellungen über das Gut und Böse zu machen. Es ist hier wirklich gerade so: Eine Pflanze kann ein hübsches Kraut werden. Wenn sie abgehalten wird vom Blühen, so wird keine weitere Pflanze aus ihr entstehen können. Als einzelne Pflanze, wie sie ist, kann sie ja irgendwie dienen; aber sie muß zum Blühen und Fruchttragen kommen, wenn eine neue Pflanze aus ihr entstehen soll. So kann der Mensch mit Trieben und Instinkten für sich selber ausreichen; aber er versündigt sich an der physischen und geistigen Nachwelt, wenn er bei dem bloßen Instinkte bleibt. Sehen Sie, hier wird die Sache sehr bedeutsam. Und diese Einsicht, die ergibt sich nun erst wiederum auf dem Boden der Geisteswissenschaft.
[ ] The other question which Franz Brentano wanted to answer was What is the good? Just as the external physical object can become truth or reality for man only if it acts on his physical and etheric bodies, so must what becomes an impulse towards good or evil influence man's I and astral body. In the I and astral body it does not as yet become formulated into concept, into mental picture; for that to happen it must be reflected in the physical and etheric bodies. We have mental pictures of good and evil only when what is formless in the I and astral body is mirrored in the physical and ether bodies. However, what expresses itself externally as good or evil stems from what occurs in the I and astral body. Someone who does not recognize the I and astral body can know nothing about where in man the impulse to good or evil is active. All he can say is that good is what is rightly loved; but love occurs in the astral body. Only by investigating what actually happens in the astral body and I is it possible to attain concrete insight into good and evil. At the present stage of evolution the I only brings to expression what lives in the astral body as instincts and emotions. As you know, the human “I” is as yet not very far in its development. The astral body is further, but man is more conscious of what occurs in his I than he is of his astral body. As a consequence man is not very conscious of moral impulses, or, put differently, he does not benefit from them unless the astral impulses enter his consciousness. As far as the man of today is concerned, the original, primordial moral impetus is situated in his astral body, just as the forces of truth are situated in his ether body. Through his astral body man is connected with the spiritual world, and in that world are the impulses of good. In the spiritual world also holds sway what for man is good and evil; but we only know its reflection in the ether and physical bodies.
[ 29 ] So könnte es ja vorkommen, daß eine soziale Gemeinschaft sagen würde: Das Gute, das beruht doch nur auf Instinkten! — Nun schön, das kann man sogar beweisen. Aber wer dieses sagt und deshalb alles begriffliche Erkennen des Ethischen abschaffen wollte, der gliche einem Menschen, der sagt: Ja, es interessiert mich, dieses Jahr meinen Acker zu bestellen, aber warum soll ich mir erst Samen für das nächste Jahr aufbewahren! — Er wird alles verzehren lassen, was dieses Jahr gewachsen ist. Beim Acker tun es die Menschen nicht, weil sie da durchschauen, wie das Gegenwärtige mit dem Zukünftigen zusammenhängt. Im geistigen Leben, in der Entwickelung der Menschheit selber, tun es die Menschen leider. Und sehen Sie, hier liegen solche Dinge, welche immer wieder und wiederum zu den herbsten Mißverständnissen führen werden, indem die Menschen nie die verschiedenen Gesichtspunkte auffassen wollen, sondern, wenn sie etwas einseitig eingesehen haben, bleiben sie bei dieser Einseitigkeit. Man kann natürlich beweisen: In den Instinkten muß der Impuls des Guten liegen. — Gewiß, aber diese Instinkte wirken nur, wenn sie Impulse des Guten sein sollen, im Ich und Astralleibe. Wenn sie aber da als Instinkte wirken sollen, müssen sie herüberwirken aus dem vorhergehenden Leben. Daher kann man, ohne die Geisteswissenschaft zugrunde zu legen, auch keine Begriffe bekommen über das menschliche Zusammenleben, nicht in der Gegenwart und nicht in der geschichtlichen Entwickelung.
[ ] So you see it is only possible to attain concepts of truth, goodness and beauty when account is taken of all the members of man's being. To attain a concept of truth the ether body must be understood. Unless one knows that in the experience of beauty the ether and astral bodies distinctively vibrate in unison—the I and physical body do too, but to a lesser degree—it cannot be understood. A proper concept of the good cannot be attained without the knowledge that it basically represents active forces in the astral body.
[ 30 ] Wenn wir von diesen elementaren Dingen, die ich jetzt ausgeführt habe, zu etwas noch Höherem übergehen, so kann es das Folgende sein: In der Gegenwart leben zum größten Teil Menschen, die seit dem Beginn der christlichen Zeitrechnung, sagen wir, durchschnittlich in ihrer zweiten Inkarnation leben. Im ersten Leben genügte es für sie, den Christus-Impuls so aufzunehmen, wie er aus ihrer Umgebung, aus ihrer Gegenwartsumgebung heraus ihnen zukommen konnte. Jetzt, da sie wiederkommen, genügt das nicht, daher verlieren die Menschen nach und nach den Christus-Impuls. Und wenn die Menschen, die jetzt gegenwärtig leben, wiederkommen würden ohne die Erneuerung des Christus-Impulses, dann würden sie ihn ganz verloren haben. Daher ist es wiederum so notwendig, daß dieser Christus-Impuls sich so in die menschliche Seele setzt, wie ihn die Geisteswissenschaft gibt, die nicht angewiesen ist auf irgendeinen historischen Beweis, sondern die aus solchen Grundlagen heraus, wie sie hier wiederholt besprochen worden sind, den Christus-Impuls aufzeigt. So verbindet er sich mit der menschlichen Seele, daß er wirklich auch hinübergetragen werden kann in die Zeitalter, wo die Menschen neu kommen werden. Aber gerade deshalb sind wir in der Gegenwart in einer Art von Krisis auch in bezug auf den Christus-Impuls. So können wir ihn nicht aufnehmen, wie wir ihn in unserer ersten Inkarnation aufgenommen haben, denn wir sind zu weit von dem Historischen entfernt. Die Tradition ist vorbei. Diejenigen Menschen sind ehrlich, die sagen: Es gibt keinen Beweis aus der Geschichte für den historischen Christus. — Die Geisteswissenschaft zeigt, wie der Christus-Impuls in der Menschheitsentwickelung da ist. Geisteswissenschaft kann die Realität des Christus-Impulses wiederum bringen. Aber so muß er auftreten innerhalb der Menschheitsentwickelung, wie er aus der Geisteswissenschaft heraus auftreten kann. Das zeigt einfach der äußere Verlauf des heutigen Daseins.
[ ] Thus Franz Brentano actually came as far as the portal leading to the knowledge he sought. His answers appear so meager because they can be properly understood only if they are related to insight of a higher order. When he says of truth that it must light up and become directly visible to the eye of the soul, he should have been able to say more; namely, that to perceive truth rightly one must succeed in taking hold of it independently of the physical body. The ether body must be loosened from the physical body. This is because the first clairvoyant experience is that of pure thinking. You will know that I have always upheld the view, which indeed every true scientist of the spirit must uphold, that he who grasps a pure-thought is already clairvoyant. However, man's ordinary thinking is not a pure thinking, it is filled either with mental pictures or with fantasy. Only in the ether body can a pure thought be grasped, consequently whoever does so is clairvoyant. And to understand goodness one must be aware that it is part and parcel of what lives in the human astral body and in the I.
[ 31 ] Denn, nicht wahr, vieles, vieles was die Menschen in Jahrhunderten erlebt und durchlebt haben, hat in den letzten drei Jahren Schiffbruch gelitten. Und wir leiden alle schwer, gerade wenn wir recht dabei sind bei dem, was in den letzten drei Jahren durchlebt werden mußte. Aber was hat denn eigentlich am meisten Schiffbruch gelitten? Was am meisten Schiffbruch gelitten hat: die Frage darf man doch auch aufwerfen. Das Christentum hat am meisten Schiffbruch gelitten! So sonderbar wie es vielleicht manchem klingt: das Christentum hat am meisten Sciffbruch gelitten. Wo Sie hinsehen, sehen Sie, wie das Christentum im Grunde genommen heute, man darf sagen, verleugnet wird. Manches ist direkt eine Verspottung des Christentums, wenn man auch nicht mutig genug ist, sich das zu gestehen. Ist es denn eine christliche Idee, von der sich heute zahlreiche Menschen, die weitaus größte Majorität der Erdenmenschheit, das Wertvollste verspricht, wenn man sagt: Jedes Volk soll sich selbst verwalten? Ich will gar nichts über die Berechtigung oder Unberechtigung sagen, sondern nur über die Christlichkeit oder Unchristlichkeit. Ist es denn eine christliche Idee? Nein, es ist ganz und gar keine christliche Idee. Denn eine christliche Idee ist es, daß sich die Völker verständigen durch die Menschen. Gerade was über die angebliche Freiheit der einzelnen Völker — die ohnedies nicht zu verwirklichen ist — gesagt wird, ist das Unchristlichste, was man sich heute vorstellen kann. Denn das Christentum bedeutet das Verständnis für alle Menschen über die ganze Erde hin. Es bedeutet sogar das Verständnis aller Menschen über die Gebiete, die nicht auf der Erde wären, wenn sie zu finden wären. Und nicht einmal dazu ist es seit dem Mysterium von Golgatha gekommen, daß nur im alleroberflächlichsten Sinne die Menschen, die sich Christen nennen, über die Erde hin sich verständigen! Das ist ein furchtbarer Schiffbruch, gerade mit Bezug auf christliches Fühlen und Empfinden, das dann zu so Groteskem führen kann, wie ich es vor kurzem erwähnt habe, wo jemand von deutscher Religion oder deutscher Frömmigkeit redet, was geradesoviel Sinn hat, als wenn einer von einer deutschen Sonne oder einem deutschen Mond redete. Aber sehen Sie, diese Dinge hängen zusammen mit weitgehenden sozialen Anschauungen oder Mißanschauungen. Ich habe Ihnen davon gesprochen, daß es eigentlich eine Staatsanschauung heute gar nicht gibt, daß die Besten, die von Staatsanschauung heute reden, so reden, als ob der Staat ein Organismus und die Menschen die Zellen wären. Derjenige, dem ein solcher Vergleich kommt, der zeigt schon, daß er ganz weit, weit weg ist von wirklichen Begriffen auf diesem Gebiet. Das ist es, was wir vor allen Dingen brauchen: wirklich in die Wirklichkeit eindringende Begriffe. Ich habe es oft gesagt, was uns fehlt, das ist dasjenige, was unser Chaos bewirkt hat, daß wir in Abstraktionen, in wirklichkeitsfremden Begriffen leben. Wie sollten wir nicht in wirklichkeitsfremden Begriffen leben, wenn wir dem einen Gliede der Wirklichkeit in der Gegenwart so fremd gegenüberstehen, daß wir es überhaupt nicht anerkennen, nämlich dem Geiste, dem geistigen Teil der Wirklichkeit. Von Wirklichkeit wird man erst dann einen Begriff haben können, wenn man den Geist in seinem Leben und Weben anerkennt. Es hat etwas Tragisches, solch ein Geist sein zu müssen, wie es Franz Brentano bis zu seinem Tode war, etwas Tragisches, weil sozusagen in Franz Brentanos Seele ein Gefühl vorhanden war nach den Richtungen, die die menschliche Seele der Gegenwart nehmen soll. Hätte man ihm Geisteswissenschaft gebracht, so würde er über sie ungefähr so gesprochen haben, wie er über Plotin gesprochen hat. Er würde so gesprochen haben, daß er die Geisteswissenschaft als eine Torheit angesehen hätte, als etwas ganz Unwissenschaftliches. So ist es natürlich bei vielen, deren Geistesflug gehemmt ist, dadurch, daß sie noch in den physischen Leibern des neunzehnten, anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts leben. Aber deshalb stehen wir eben in einer Zeitkrisis, die wir überwinden müssen. Es hat natürlich seinen guten Sinn, denn dadurch erstarken wir, daß wir etwas zu überwinden haben.
[ ] Especially when he spoke about the origin of good, Franz Brentano had an ingenious way of pointing to significant things; for example, that Aristotle had basically said that one can lecture on goodness only to those who are already habitually good. If this were true, it would be dreadful, for whoever is already in the habit of being good does not need lectures on it. There is no need to instruct him in what he already possesses. Moreover, if those words of Aristotle's were true, it follows that the converse is true also, that those not habitually good could not be helped by hearing about it. All talk about goodness would be meaningless; attempts to establish ethics would be futile. This is also a problem to which no satisfactory solution can be found unless sought in the light of spiritual science.
[ 32 ] Und namentlich wird dasjenige, was notwendig ist, ich möchte sagen, zu einer Revision all unserer Rechtsbegriffe, unserer Sittlichkeitsbegriffe, unserer Sozialbegriffe, unserer politischen Begriffe erst unter die Menschheit kommen können, wenn die wirklichkeitserfüllten Begriffe der Geisteswissenschaft verstanden werden. Denn gerade ein solcher Geist wie Franz Brentano zeigt uns: Jurisprudenz hängt in der Luft. Denn man kann die Frage nicht beantworten: Was ist das Recht, was ist das Sittliche? —, wenn man nicht auf dasjenige eingehen kann, was im menschlichen Astralleibe, das heißt, im übersinnlichen Teil des Menschen lebt. Ebenso ist es mit den religiösen, ebenso mit den politischen Begriffen. Ja, wenn man auf dem Gebiete der äußeren Natur, auf dem Gebiete der materiellen Wirklichkeit unwirkliche Begriffe hat, so zeigt sich das schnell. Denken Sie, wie eine Brücke sich ausnehmen würde, welche Ingenieure bauten, die unwirkliche Begriffe über Brückenbau haben: die Brücken würden eben einstürzen. Das würde man sich nicht lange gefallen lassen. Aber auf sittlichem, auf sozialem, auf politischem Gebiete, da kann man unwirkliche Begriffe haben, das zeigt sich nicht schnell. Denn wenn es sich zeigt, da kommen die Menschen nicht darauf, wo der Zusammenhang liegt. Wir leben jetzt hinter den Wirkungen der unwirklichen Begriffe; aber wie weit sind die Menschen im Durchschauen dieses Zusammenhanges? Wahrhaftig nicht weit! Das ist es, was dem Gemüte, das die gegenwärtige schwere Zeit miterlebt, so nahegehen muß! Man findet ja fast jeden Augenblick für verloren, den man heute nicht den schweren Zeitverhältnissen widmet. Aber je mehr man diesen Zeitverhältnissen an Kraft widmet, an Zeit selbst, desto mehr wird man finden, wie wenig eigentlich die Menschen der Gegenwart noch geneigt sind, auf dasjenige einzugehen, auf das es ankommt. Heilung aber wird es nur erst geben, wenn man auf das eingeht, auf das es ankommt: wenn man eingeht auf die Erkenntnis des Zusammenhanges zwischen den wirklichkeitsfremden Vorstellungen, die die Menschheit so lange entwickelt hat, und den Ereignissen der Gegenwart. Weil die Begriffe des geistigen Lebens, das sich im Sozialen auslebt, so unwirklich gewesen sind durch Jahrhunderte, wie lauter Begriffe von Ingenieuren, die sich auf Brücken, die einstürzen mußten, beziehen, deshalb leben wir in der heutigen chaotischen Zeit. Möchte man doch fühlen, wie notwendig es ist, wirklichkeitsverwandte, wirklichkeitsdurchtränkte Begriffe auf allen Gebieten zu finden, welche irgend etwas zu tun haben mit dem sozialen, mit dem politischen, mit dem Leben in der Kultur überhaupt! Wird man mit der Jurisprudenz, mit der Sozialwiissenschaft, mit der Politik aufbauen wollen, wird man die Menschenseele durchtränken wollen mit den religiösen Vorstellungen, die gang und gäbe waren bis zum Jahre 1914, dann wird man nichts Besonderes aufbauen. Dann wird man sehr bald wiederum sehen, wie wenig man damit aufbauen kann. Umlernen, wahrhaftig umlernen, das ist dasjenige, was die Menschen müssen. Aber umlernen, das wollen die Menschen so wenig, darauf wollen sie sich so wenig einlassen.
[ ] In general it cannot be said that our actions spring from pure concepts and ideas. But, as those who have studied The Philosophy of Freedom will realize, only an action that springs from a pure concept, a pure idea, can be said to be a free action, a truly independent action.8 Rudolf Steiner, The Philosophy of Freedom (Anthroposophic Press, Spring Valley, NY, 1964). Our actions are usually based on instincts, passions or emotions, only seldom if ever on pure concepts. More is said about these matters in the booklet Education of the Child in the Light of Spiritual Science.9 Rudolf Steiner, Education of the Child (Rudolf Steiner Press, London, 1965). I have also elaborated on it in other lectures.
[ 33 ] Betrachten Sie das, was ich gerade mit Bezug auf Franz Brentano gesagt habe, als den Ausfluß, möchte ich sagen, einer wirklichen Verehrung dieser repräsentativen Persönlichkeit. Gerade an einer solchen Persönlichkeit sieht man ja, wie gestrebt werden muß, wenn angestrebt werden soll ein Impuls, der tragend ist in die Zukunft der Menschheit hinein. Denn Franz Brentano ist eine außerordentlich interessante Persönlichkeit, aber keine Persönlichkeit, welche Begriffe, Vorstellungen, Empfindungen, Impulse gibt, die in die Zukunft hineintragen könnten. Sehr interessant ist es, daß Franz Brentano versichert haben soll einige Wochen vor seinem Tode: Es werde ihm gelingen, das Dasein Gottes zu beweisen. — Das betrachtete er ja gewissermaßen als das Ziel seines wissenschaftlichen Lebens, das Dasein Gottes zu beweisen. Nun, es wird ihm wohl nicht gelungen sein, denn er hätte sonst vor seinem Tode ein Bekenner der Geisteswissenschaft werden müssen. Beweisbar war das Dasein Gottes noch bis zur Zeit des Eintretens des Mysteriums von Golgatha, bis zu dem von oben heruntergehenden 33. Lebensjahre der Menschheit. Seit jener Zeit, seitdem die Menschheit 32, 31, 30, jetzt bis zum 27. Jahre zurückgegangen ist, ist das Dasein Gottes durch Denken nicht mehr beweisbar, sondern kann nur durch Eindringen in die Geisteswissenschaft gefunden werden. Es ist wirklich nicht irgendwie zu vergleichen mit sonst einem Programm einer Bewegung, wenn von der Geisteswissenschaft als einer Notwendigkeit gesprochen wird, ich habe das oftmals betont, sondern die Tatsachen der Menschheitsentwickelung selber zwingen uns diese Geisteswissenschaft auf. Sie ist selber eine Notwendigkeit.
[ ] In the first two seven-year periods of life—the first lasting up to the change of teeth, to about the seventh year, the second lasting till puberty—a human being's actions are predominantly influenced by instincts, emotions and the like. Not till the onset of puberty does he become capable of absorbing thoughts concerning good and evil. So we have to admit that Aristotle was right up to a point. He was right in the sense that the instincts towards good and evil that are in us already during the first two periods of life, up to the age of 14, tend to dominate us throughout life. We may modify them, suppress them, but they are still there for the whole of our life. The question is, Does it help that with puberty we begin to understand moral principles, and become able to rationalize our instincts? It helps in a twofold manner, and if you have a feeling and sense for these things, you will soon see how essential it is that this whole issue is understood in our time.
[ 34 ] Das ist es vor allen Dingen, was ich heute wiederum von einem gewissen Gesichtspunkte aus vor Ihre Seelen hinstellen wollte. Ich habe Ihnen heute ausnahmsweise einen Aufbau gegeben, der sich auf mannigfaltige philosophische Begriffe gestützt hat. Aber ich glaube, daß Sie nicht gut tun werden, wenn Sie sich nur ungern auf solche Dinge einlassen. Denn dasjenige, was der gegenwärtigen Menschheit am allerdringendsten notwendig ist, ist das Sichbekennen zu scharfen Begriffen. Wollen Sie nur eine Geisteswissenschaft oder Anthroposophie oder Theosophie, wie Sie sie nennen wollen, nach dem Muster treiben, wie so viele sie gegenwärtig treiben, die da lebt in möglichst unklaren, verworrenen Begriffen, dann werden Sie ja egoistischen Bedürfnissen gut dienen können: Sie werden manchem Streben nach einer inneren Seelenwollust entgegenkommen. Allein das ist nicht dasjenige, wonach man in den heutigen schweren Zeiten streben soll. Dasjenige, wonach man in der heutigen Zeit streben soll, besonders wenn man Bekenner der Geisteswissenschaft ist, das ist: mitzuarbeiten, vor allen Dingen geistig mitzuarbeiten an demjenigen, was der Menschheit vor allen Dingen vonnöten ist. Wenden Sie womöglich Ihre Gedanken, soviel Sie können, gerade dem Kapitel zu: Was ist der Menschheit notwendig, welche Vorstellungen müssen in der Menschheit walten, damit wir weiterkommen, damit wir aus dem Chaos herauskommen? Sagen Sie sich nicht: Andere werden das schon tun, die mehr berufen sind dazu! Vor allen Dingen sind dazu diejenigen berufen, die auf dem Boden der Geisteswissenschaft stehen. Die Bedingungen des kulturellen menschlichen Zusammenlebens, das ist es, was uns vor allen Dingen beschäftigen muß.
[ ] Consider the following example: Let us say a human being has inherited good tendencies, and up to the age of puberty he develops them into excellent and noble inclinations. He becomes what is called a good person. At the moment I do not want to go into why he becomes a good person, but to examine more external aspects. His parents we must visualize as good, kind people and so, too, his grandparents. All this has the effect that he develops tendencies that are noble and kind, and he instinctively does what is right and good. But let us now assume that he shows no sign, after having reached puberty, of wanting to rationalize his natural good instincts; he has no inclination to think about them. The reason for this we shall leave aside for the moment. So up to the age of 14 he develops good instincts but later shows no inclination to rationalize them. He has a propensity for doing good and hardly any for doing bad. If his attention is drawn to the fact that certain actions can be either good or bad he will say, It does not concern me. He is not interested in any discussions about it; he does not want to lift the issue into the sphere of the intellect. As a grown man he has children—whether the person is man or woman makes of course no difference—and the children will not inherit his good instincts if he has not thought about them. The children will soon show uncertainty in regard to their instinctive life. That is what is so significant.
[ 35 ] Davon wollen wir dann das nächste Mal weiterreden.
[ ] Thus, such a person may get on well enough with his own instincts, but if he has never consciously concerned himself about good and evil, he will not pass on effective instincts to his children. Furthermore, already in his next life he will not bring with him any decisive instincts concerning good and evil. It is really like a plant which may be an attractive and excellent herb, but if it is prevented from flowering no further plants can arise from it. As single plant it may be useful, but if the future is to benefit from further plants, it must reach the stages of flower and fruit. Similarly a human being's instincts may, unaltered, serve him well enough in his own life, but if he leaves them at the level of mere instincts, he sins against posterity in the physical as well as spiritual sense. You will realize that these are matters of extreme importance. And, as with the other issues, only spiritual science can enlighten us about them.
