Historical Necessity and Freedom
The Influence of Fate from the World of the Dead
GA 179
2 December 1917, Dornach
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Historical Necessity and Freedom, tr. SOL
Erster Vortrag
First Lecture
[ 1 ] Wir werden heute fortfahren, einiges hinzuzutragen zu den Betrachtungen, die wir angestellt haben. Es war mir in dieser Zeit viel darum zu tun, begreiflich zu machen, von welchen Bedingungen das menschliche Leben abhängt im einzelnen und in dem großen Zusammenhange. Sie haben gesehen, wie auch in den öffentlichen Vorträgen, die ich in dieser Zeit halten durfte, es mir darauf ankam, gerade jetzt auf diejenigen Probleme der Geisteswissenschaft hinzuweisen, welche für das Begreifen der Menschheit notwendig sind, um aus gewissen Vorstellungskreisen herauszukommen, in die sich die Menschheit gewissermaßen über den ganzen Erdkreis hin eingesponnen hat und die letzten Endes doch mit zu den Veranlassungen der jetzigen katastrophalen Ereignisse gehören.
[ 1 ] Today we will continue to add to the reflections we have been making. During this time, I was very concerned with making it clear on what conditions human life depends—both in its particular aspects and within the larger context. As you have seen—including in the public lectures I was able to give during this time—it was important to me to to draw attention, especially now, to those problems of spiritual science that are necessary for humanity to understand in order to break free from certain patterns of thought into which humanity has, so to speak, entangled itself across the entire globe—and which, in the final analysis, are among the causes of the current catastrophic events.
[ 2 ] Vor allen Dingen wird es sich darum handeln, daß die Menschen einsehen lernen müssen, wo die Grenze zwischen der sogenannten physischen und der geistigen Welt liegt. Diese Grenze liegt eigentlich mitten im Menschen drinnen. Gerade dieser Satz ist wichtig für das Verständnis der Welt: daß wir die Grenze zwischen der physischen und geistigen Welt in dem Menschen selber drinnen sehen. Die naturwissenschaftliche Denkungsweise, deren große Bedeutung für die Gegenwart und die Zukunft ich vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft oftmals hervorgehoben habe, ist aber jetzt, wo sie noch mehr oder weniger immer an ihrem Ausgangspunkte steht, eigentlich dazu geeignet, über gewisse wichtige Lebenswahrheiten, man könnte schon sagen, zunächst sogar Finsternis zu verbreiten.
[ 2 ] Above all, it will be a matter of people learning to recognize where the boundary lies between the so-called physical and spiritual worlds. This boundary actually lies right within the human being. This very statement is crucial for understanding the world: that we see the boundary between the physical and spiritual worlds within the human being itself. The scientific way of thinking—whose great significance for the present and the future I have often emphasized from the perspective of spiritual science—is, however, now, while it still more or less remains at its starting point, actually capable of spreading, one might even say, initial darkness regarding certain important truths of life.
[ 3 ] Machen wir uns nur klar, daß sich die Zeitentwickelung eigentlich heute erst dazu anschickt, das naturwissenschaftliche Denken allmählich in die Welt- und Lebensanschauungen ganz einzuführen. Heute beschäftigen sich — in einer oftmals haarsträubend dilettantischen Weise — gewisse Monisten- oder andere Vereine damit, naturwissenschaftliche Weltanschauung dem Allgemeinbewußtsein zuzuführen. Allein dies ist ja nur der eine Weg, durch den allmählich dieses naturwissenschaftliche Denken in die Menschenseele fließt. Der viel wirksamere, einschneidendere Weg ist der durch die Publizistik.
[ 3 ] Let us simply recognize that historical developments are only now beginning to gradually integrate scientific thinking fully into worldviews and philosophies of life. Today, certain monist and other associations are engaged—often in a shockingly amateurish manner—in bringing a scientific worldview into the public consciousness. Yet this is only one of the ways through which this scientific way of thinking gradually flows into the human soul. The far more effective and far-reaching path is that of journalism.
[ 4 ] Nicht umsonst, sondern durchaus innerlich zusammengehörig fallen in die Menschheitsentwickelung der Einschnitt der neueren naturwissenschaftlichen Denkungsweise und die Erfindung der Buchdruckerkunst zusammen. Denn dasjenige, was bisher durch den Druck als Ursprüngliches in die Menschheit eingegangen ist, selbstverständlich abgesehen von dem, was man von früher schon Dagewesenem gedruckt hat, ist im wesentlichen aus naturwissenschaftlichem Bewußtsein hervorgegangen. Ich meine, das Neue ist aus naturwissenschaftlichem Bewußtsein hervorgegangen, und vor allen Dingen die Art und Weise, in die man die Gedanken eingefangen hat, ist aus naturwissenschaftlicher Denkweise hervorgegangen.
[ 4 ] It is no coincidence—but rather a matter of intrinsic connection—that the turning point in the development of modern scientific thought and the invention of the art of printing coincide in human history. For what has entered humanity through printing as something original—apart, of course, from what was printed from material that already existed—has essentially emerged from scientific consciousness. I mean, the new has emerged from scientific consciousness, and above all, the way in which thoughts have been captured has emerged from the scientific way of thinking.
[ 5 ] Nun werden natürlich Theologen gegenüber einem solchen Ausspruch sagen: Ja, haben wir denn nicht auch unsere theologische Weisheit und alle möglichen frommen Dinge in den letzten Jahren und Jahrzehnten und Jahrhunderten gedruckt? — Ja, das ist allerdings wahr, aber wozu hat es geführt? Diese Art und Weise, wie unter der Flagge des Druckes das geistige Leben sich eingelebt hat in die Seelen der Menschen, hat dazu geführt, daß nach und nach ganz geschwunden ist auch aus dem Gebiete des religiösen Bewußtseins das spirituelle Element. Und selbst aus dem Christus Jesus, das wissen Sie ja, hat man unter dem Einfluß der naturwissenschaftlichen Denkweise den «schlichten Mann aus Nazareth» gemacht, den man zwar versucht in der verschiedensten Weise zu charakterisieren, der aber doch eigentlich schon dabei angelangt ist, mit den andern großen Persönlichkeiten der Welt in eine Linie gestellt zu werden, wenn auch vorläufig noch auf einem besonderen Gipfel. Das eigentlich Geistige, das mit dem Mysterium von Golgatha verknüpft ist, das ist nach und nach dahingeschwunden, wenigstens für diejenigen, die da glauben, mit der Zeitenbildung vorwärtsgeschritten zu sein.
[ 5 ] Now, of course, theologians will respond to such a statement by saying: “Yes, haven’t we also printed our theological wisdom and all sorts of pious things in recent years, decades, and centuries?” — Yes, that is certainly true, but what has it led to? This way in which, under the banner of the printed word, intellectual life has taken root in people’s souls has led to the spiritual element gradually disappearing even from the realm of religious consciousness. And even Christ Jesus—as you well know—has, under the influence of scientific thinking, been reduced to the “simple man from Nazareth,” whom people do indeed try to characterize in various ways, but who has in fact already reached the point of being placed on a par with the other great figures of the world, albeit for the time being still on a special pinnacle. The truly spiritual aspect, which is linked to the Mystery of Golgotha, has gradually faded away—at least for those who believe they have progressed with the course of history.
[ 6 ] Ich sagte, die naturwissenschaftliche Denkweise hat zunächst geradezu mitwirken müssen zu einer gewissen Verfinsterung, zu einer Unterstützung desjenigen, was nun seit 1879 durch die Geister der Finsternis in das menschliche Denken hineingebracht werden soll. Und auf naturwissenschaftlichem Gebiete zeigt sich die Sache in einer recht raffinierten Art, raffiniert deshalb, weil der naturwissenschaftlich nicht nur Durchgebildete, sondern der naturwissenschaftlich fachmännisch Gebildete, wenn er heute mitarbeitet an der allgemeinen Bildung der Zeit, an der Gestaltung der Weltanschauung, gar nicht anders kann, so wie heute die Wissenschaft einmal ist — lassen Sie mich das triviale Wort anwenden —, als «aus bestem Wissen und Gewissen heraus» so zu wirken, daß durch die Popularisierung der naturwissenschaftlichen Denkweise der Mensch geradezu abgebracht wird davon, den Blick hinwerfen zu können auf die Grenze, die in ihm selber ist zwischen der physischen Welt und der geistigen Welt. Es wird eine Zukunft des Menschendenkens anbrechen, es ist fürchterlich, daß dies heute gesagt werden muß, fürchterlich für die nach einer gewissen Richtung heute Gebildeten, da werden gewisse Vorstellungen, die heute in der Wissenschaft herrschen — und die zwar nicht im populären Bewußtsein sehr vorhanden sind, aber auf das populäre Bewußtsein dadurch wirken, daß man heute die Wissenschafter als, verzeihen Sie, Autoritäten ansieht —, gewisse Vorstellungen der Gegenwart werden vor einem künftigen Zeitbewußtsein geradezu komisch anmuten müssen.
[ 6 ] I said that the scientific way of thinking must initially have contributed directly to a certain darkening of the mind, to a reinforcement of what the spirits of darkness have been seeking to introduce into human thought since 1879. And in the realm of the natural sciences, this manifests itself in a rather subtle way—subtle because not only those who are well-educated in the natural sciences, but also those with specialized training in the natural sciences, when they contribute today to the general education of the age and to the shaping of the worldview, have no choice but—given the state of science today—to act, as it were, “to the best of their knowledge and belief,” to act “to the best of their knowledge and belief” in such a way that, through the popularization of the scientific way of thinking, people are virtually prevented from being able to cast their gaze upon the boundary that lies within themselves between the physical world and the spiritual world. A new era of human thought is about to dawn; it is appalling that this must be said today—appalling for those educated today in a certain direction—for certain ideas that prevail in science today—and which, admittedly, are not very present in popular consciousness, but which nonetheless influence popular consciousness because scientists are today regarded—forgive me—as authorities—certain contemporary notions will seem downright comical to a future sense of time.
[ 7 ] Auf eine Vorstellung habe ich öfters hingewiesen, öffentlich nun auch in meinem Buch «Von Seelenrätseln»: Es ist eine gangbare naturwissenschaftliche Vorstellung heute, daß man im Nervensystem — bleiben wir zunächst beim Menschen, aber in ähnlicher Weise, nur in ähnlicher Weise ist das auch beim Tiere gültig —, daß man im Nervensystem unterscheidet zwischen den sogenannten sensiblen, sensitiven Nerven — Sinnesnerven, Wahrnehmungsnerven — und motorischen Nerven. Schematisch kann das nur so dargestellt werden, daß zum Beispiel irgendein Nerv, sagen wir ein Tastnerv, die Tastempfindung hineinträgt bis zum Zentralorgan, sagen wir bis zum Rückenmark; da mündet dasjenige, was da aus der Peripherie des Leibes geleitet wird, in einem Horn des Rükkenmarks. Und dann geht von einem andern Horn, Vorderhorn, der sogenannte motorische Nerv aus, da wird wiederum weitergeleitet der Willensimpuls (siehe Zeichnung S. 12).
[ 7 ] I have often referred to a concept, and have now also discussed it publicly in my book On the Mysteries of the Soul: It is a widely accepted scientific concept today that within the nervous system—let us stick to humans for now, but the same applies in a similar way to animals—a distinction is made between the so-called sensory nerves—nerves of sensation, nerves of perception—and motor nerves. Schematically, this can only be represented as follows: for example, a nerve—let’s say a tactile nerve—carries the tactile sensation to the central organ, let’s say the spinal cord; there, what is conducted from the periphery of the body enters one of the spinal cord’s horns. And then, from the other horn—the anterior horn—the so-called motor nerve originates, through which the volitional impulse is in turn transmitted (see diagram on p. 12).


[ 8 ] Beim Gehirn ist das nur komplizierter dargestellt, so etwa, wie wenn die Nerven eine Art Telegraphendrähte wären. Der Sinneseindruck, der Hauteindruck wird bis zum Zentralorgan geleitet, dort wird gewissermaßen der Befehl erteilt, daß eine Bewegung ausgeführt werden soll. Eine Fliege setzt sich irgendwo auf einen Körperteil, das macht einen Eindruck, das wird geleitet bis zum Zentralorgan; dort wird der Befehl gegeben, die Hand bis zu der Stelle zu erheben und die Fliege wird weggejagt. Es ist eine, schematisch angedeutet, sehr gangbare Vorstellung. Künftigen Zeiten wird diese Vorstellung außerordentlich komisch erscheinen, denn sie ist ja nur komisch für denjenigen, der die Tatsachen durchschaut. Aber es ist eine Vorstellung, von der heute ein großer Teil der fachmännischen und fachmännischesten Wissenschaft beherrscht ist. Sie können das nächstbeste Elementarbuch, das Sie über solche Dinge unterrichtet, aufschlagen, und Sie werden finden, man habe zu unterscheiden zwischen Sinneswahrnehmungsnerven und motorischen Nerven. Und man wird besonders das urkomische Bild von den Telegraphenleitungen — wie der Eindruck bis zum Zentralorgan geleitet und dort der Befehl gegeben wird, daß die Bewegung entstehe gerade in populären Werken heute noch immer sehr verbreitet finden können.
[ 8 ] In the case of the brain, this is simply depicted in a more complex way—as if the nerves were a kind of telegraph wire. The sensory impression, the touch sensation, is transmitted to the central organ, where, in a sense, the command is issued to carry out a movement. A fly lands somewhere on a part of the body; this creates a sensation, which is transmitted to the central organ; there, the command is given to raise the hand to that spot, and the fly is shooed away. Schematically speaking, this is a very plausible concept. To future generations, this concept will seem extraordinarily comical, for it is, after all, comical only to those who see through the facts. But it is a concept that dominates a large part of today’s scientific community—even the most specialized fields. You can open any basic textbook that teaches such things, and you will find that a distinction is made between sensory nerves and motor nerves. And you will still find the particularly hilarious image of telegraph lines—how the sensation is transmitted to the central organ, where the command is given for the movement to occur—still very widespread even today in popular works.
[ 9 ] Die Wirklichkeit ist allerdings schwieriger zu durchschauen, als die an die primitivsten Vorstellungen erinnernden Vergleichsvorstellungen von den Telegraphendrähten. Die Wirklichkeit kann nur durchschaut werden, wenn sie eben mit Geisteswissenschaft durchschaut wird. Daß ein Willensimpuls erfolgt, hat mit einem solchen Vorgange, den man in kindischer Weise so ausdrückt, als ob da irgendwo in einem materiellen Zentralorgan ein Befehl erteilt würde, wirklich gar nichts zu tun. Die Nerven sind nur da, um einer einheitlichen Funktion zu dienen, sowohl diejenigen Nerven, die man heute sensitive Nerven nennt, wie auch diejenigen, die man motorische Nerven nennt. Und ob nun im Rückenmark oder im Gehirn der Nervenstrang durchbrochen ist, beides weist auf dasselbe hin; im Gehirn ist er nur in komplizierterer Weise durchbrochen.
[ 9 ] Reality, however, is more difficult to comprehend than the analogies involving telegraph wires, which are reminiscent of the most primitive notions. Reality can only be understood when it is understood through spiritual science. The fact that a volitional impulse occurs has absolutely nothing to do with a process that is childishly described as if a command were being issued somewhere in a material central organ. The nerves are there solely to serve a unified function—both those nerves that are today called sensory nerves and those called motor nerves. And whether the nerve tract is severed in the spinal cord or in the brain, both indicate the same thing; in the brain, it is simply severed in a more complex manner.
[ 10 ] Diese Durchbrechung ist nicht deshalb da, damit durch die eine Hälfte, wenn ich so sagen darf, von der Außenwelt etwas zum Zentralorgan geleitet wird und dann vom Zentralorgan durch die andere Hälfte, nachdem sie in einen Willen umgewandelt worden ist, weitergeleitet würde. Diese Unterbrechung ist aus einem ganz andern Grunde da. Daß wir unser Nervensystem so gebaut haben, daß es in dieser Regelmäßigkeit durchbrochen ist, hat seinen Grund darin: An der Stelle, wo unsere Nerven durchbrochen sind, da liegt im Abbilde im Menschen allerdings nur im körperlichen Abbilde einer komplizierten geistigen Wirklichkeit — die Grenze zwischen physischem und geistigem Erfahren, physischem und geistigem Erleben. Sie ist allerdings im Menschen auf eine merkwürdige Weise enthalten. Sie ist so enthalten, daß der Mensch mit der ihm zunächstliegenden physischen Welt in eine solche Beziehung tritt, daß mit dieser Beziehung der Teil des Nervenstranges, der bis zu jener Unterbrechung geht, etwas zu tun hat. Aber der Mensch muß auch als seelisches Wesen eine Beziehung haben zu seinem eigenen physischen Leib. Diese Beziehung, die er zu seinem eigenen physischen Leib hat, ist durch den andern Teil vermittelt. Wenn ich eine Hand bewege, dadurch veranlaßt, daß ein äußerer Sinneseindruck auf mich gemacht worden ist, dann liegt der Impuls, daß diese Hand bewegt wird, vereinigt von der Seele mit dem Sinneseindruck, schematisch dargestellt, schon bereits hier (siehe Zeichnung, a). Und dasjenige, was geleitet wird, wird auf den ganzen sensitiven Nerven und den sogenannten motorischen Nerven entlang geleitet von a bis zu b. Das ist nicht so, daß der Sinneseindruck erst bis zu c geht und dann von da aus ein Befehl geht, damit b dazu veranlaßt werde — nein, wenn ein Willensimpuls stattfindet, lebt das Seelische schon völlig bei a und geht durch den ganzen unterbrochenen Nervenweg durch.
[ 10 ] This break is not there so that, through one half—if I may put it that way—of the external world, something might be conveyed to the central organ and then, after being transformed into a will, relayed on by the central organ through the other half. This break exists for an entirely different reason. The reason we have constructed our nervous system in such a way that it is interrupted in this regularity is this: at the point where our nerves are interrupted, there lies—in the human being, though only in the physical image of a complex spiritual reality—the boundary between physical and spiritual experience, between physical and spiritual living. It is, however, contained within the human being in a remarkable way. It is contained in such a way that the human being enters into a relationship with the physical world immediately surrounding him, and that the part of the nerve tract extending up to that interruption is involved in this relationship. But the human being, as a spiritual being, must also have a relationship to his own physical body. This relationship he has to his own physical body is mediated by the other part. When I move a hand, prompted by an external sensory impression, then the impulse to move that hand—united by the soul with the sensory impression—is, schematically speaking, already present here (see diagram, a). And what is transmitted travels along the entire sensory nerve and the so-called motor nerves from a to b. It is not the case that the sensory impression first goes as far as c and then a command is sent from there to cause b to act—no, when a volitional impulse occurs, the soul is already fully present at a and travels through the entire, unbroken nerve pathway.
[ 11 ] Es ist keine Rede davon, daß solche kindische Vorstellung, als ob die Seele da irgendwo säße zwischen den sensitiven und motorischen Nerven und wie ein Telegraphist die Eindrücke der Außenwelt empfangen und dann den Befehl aussenden würde, es ist keine Rede davon, daß diese kindische Vorstellung irgendeiner auch wie immer gearteten Wirklichkeit entsprechen würde. Diese kindische Vorstellung, die wir immer hören, nimmt sich recht sonderbar komisch aus neben der Forderung, man solle ja in der Naturwissenschaft nicht anthropomorphistisch sein! Da fordern nun die Leute, man solle ja nicht anthropomorphistisch sein und merken nicht, wie anthropomorphistisch sie sind, wenn sie Worte gebrauchen wie: Ein Eindruck wird empfangen, ein Befehl wird ausgegeben und so weiter. — Sie reden darauf los, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, was sie alles für mythologische Wesen — wenn sie die Worte ernst nehmen würden — hineinträumen in den menschlichen Organismus.
[ 11 ] There is no question of such a childish notion—as if the soul were situated somewhere between the sensory and motor nerves, receiving impressions from the outside world like a telegraph operator and then sending out commands—and there is certainly no question of this childish notion corresponding to any kind of reality whatsoever. This childish notion, which we hear all the time, seems rather strangely comical when juxtaposed with the demand that one should not be anthropomorphic in the natural sciences! People demand that one should not be anthropomorphic, yet they fail to realize how anthropomorphic they themselves are when they use words like: “An impression is received,” “a command is issued,” and so on. — They go on and on about it without having the slightest idea of all the mythological beings—if they were to take the words seriously—that they are projecting into the human organism.
[ 12 ] Nun entsteht aber die Frage: Warum ist der Nervenstrang unterbrochen? — Er ist unterbrochen aus dem Grunde, weil wir, wenn er nicht unterbrochen wäre, nicht eingeschaltet wären in den ganzen Vorgang. Nur dadurch, daß gewissermaßen der Impuls hier an der Unterbrechungsstelle überspringt — der gleiche Impuls, wenn es ein Willensimpuls ist, geht schon von a aus —, dadurch sind wir selbst drinnen in der Welt, dadurch sind wir bei diesem Impuls dabei. Würde er einheitlich sein, würde hier nicht eine Unterbrechung sein, so wäre das ganze ein Naturvorgang, ohne daß wir dabei wären.
[ 12 ] But this raises the question: Why is the nerve pathway interrupted? — It is interrupted for the reason that, if it were not interrupted, we would not be involved in the entire process. It is only because the impulse, so to speak, jumps here at the point of interruption—the same impulse, if it is a volitional impulse, already originates from a—that we ourselves are present in the world; it is through this that we are part of this impulse. If it were continuous, if there were no interruption here, the whole thing would be a natural process, without us being part of it.
[ 13 ] Stellen Sie sich denselben Vorgang, den Sie bei einer sogenannten Reflexbewegung haben, vor: Eine Fliege setzt sich Ihnen irgendwo hin, der ganze Vorgang kommt Ihnen gar nicht voll zum Bewußtsein, aber Sie wehren die Fliege ab. Dieser ganze Vorgang hat sein Analogon, sein ganz gerechtfertigtes Analogon auf physikalischem Gebiete. Insofern dieser Vorgang physikalische Erklärung herausfordert, muß diese Erklärung nur etwas komplizierter sein als ein anderer physikalischer Vorgang. Nehmen Sie an, Sie haben hier einen Kautschukball, Sie stoßen hinein, Sie deformieren den Kautschukball: das geht wieder heraus, richtet sich wieder her. Sie stoßen nochmals hinein; er stößt wieder heraus. Das ist der einfache physikalische Vorgang: eine Reflexbewegung. Nur ist kein Wahrnehmungsorgan eingeschaltet, nichts Geistiges ist eingeschaltet. Schalten Sie hier etwas Geistiges ein (innerer Kreis) und unterbrechen Sie hier (Zentrum), dann fühlt sich die Kautschukkugel als ein Eigenwesen. Die Kautschukkugel müßte dann allerdings, um sowohl die Welt wie sich zu empfinden, ein Nervensystem einschalten. Aber das Nervensystem ist immer da, um die Welt in sich zu empfinden, niemals irgendwie da, um auf der einen Seite des Drahtes eine Sensation zu leiten und auf der andern Seite des Drahtes einen motorischen Impuls zu leiten.
[ 13 ] Imagine the same process that occurs during a so-called reflex action: A fly lands on you somewhere; you are not even fully aware of the entire process, but you swat the fly away. This entire process has its analogue—a perfectly justified analogue—in the realm of physics. Insofar as this process calls for a physical explanation, that explanation must simply be somewhat more complicated than that of another physical process. Suppose you have a rubber ball here; you push into it, deforming the rubber ball: it springs back out and returns to its original shape. You push it again; it springs back out. That is the simple physical process: a reflex movement. However, no sensory organ is involved, and nothing mental is involved. If you introduce a mental element here (inner circle) and interrupt it here (center), then the rubber ball perceives itself as a separate entity. To perceive both the world and itself, however, the rubber ball would then have to activate a nervous system. But the nervous system is always there to perceive the world within itself; it is never there to conduct a sensation on one side of the wire and a motor impulse on the other side of the wire.


[ 14 ] Ich deute dieses an aus dem Grunde, weil dies, wenn es weiter verfolgt wird, auf einen der zahlreichen Punkte hinführt, wo Naturwissenschaft korrigiert werden muß, wenn sie zu Vorstellungen führen soll, die einigermaßen der Wirklichkeit gewachsen sind. Die Vorstellungen, die heute herrschen, sind eben weiter nichts als solche Vorstellungen, die den Impulsen der Geister der Finsternis dienen. Im Menschen selber ist die Grenze zwischen dem physischen Erleben und dem geistigen Erleben.
[ 14 ] I point this out because, if pursued further, it leads to one of the many points where natural science must be corrected if it is to lead to conceptions that are reasonably in line with reality. The conceptions that prevail today are nothing more than conceptions that serve the impulses of the spirits of darkness. Within human beings themselves lies the boundary between physical experience and spiritual experience.
[ 15 ] Dieses Stück des Nervs, das ich rot gezeichnet habe (Abb. S.12), dient im wesentlichen dazu, um uns hineinzustellen in die physische Welt, um uns Empfindung zu vermitteln innerhalb der physischen Welt. Das andere Stück des Nervs, das ich blau bezeichnet habe, dient im wesentlichen dazu, um uns selbst uns empfinden zu lassen als Leib. Und es ist kein wesentlicher Unterschied, ob wir eine Farbe außen bewußt erleben durch den Strang a-c, oder ob wir innerlich ein Organ oder eine Organlage oder dergleichen erleben durch den Strang d-b; das ist im wesentlichen dasselbe. Das eine Mal erleben wir ein Physisches, das nicht in uns zu sein scheint, das andere Mal erleben wir ein Physisches, das in uns ist, das heißt innerhalb unserer Haut. Dadurch aber sind wir eingeschaltet, daß wir bei einem Willensvorgang alles das erleben können, was nicht nur außen ist, sondern auch was innerlich an uns ist. Aber die Stärke der Wahrnehmung ist verschieden vermittelt durch den Strang a-c und durch den Strang d-b. Dasjenige, was eintritt, ist allerdings eine wesentliche Abschwächung der Intensität. Wenn wir eine Vorstellung mit einem Willensimpuls zusammen formen in a, so wird dieser Impuls von a aus weitergeleitet. Indem er von c auf d überspringt, schwächt sich das Ganze so ab für unser Bewußtsein, für unser bewußtes Erleben, daß wir das weitere, was wir nun in uns erleben, die Hebung der Hand und so weiter, nur mit der geringen Intensität des Bewußtseins erleben, die wir sonst auch im Schlafe haben. Wir sehen das Wollen erst wiederum, wenn die Hand sich bewegt, wenn wir wieder von einer andern Seite her eine Sensation haben.
[ 15 ] This part of the nerve, which I have marked in red (Fig. p. 12), essentially serves to place us within the physical world, to convey sensations to us within the physical world. The other part of the nerve, which I have marked in blue, essentially serves to enable us to perceive ourselves as a body. And there is no essential difference between consciously experiencing an external color through the a-c pathway and internally experiencing an organ, the location of an organ, or something similar through the d-b pathway; it is essentially the same thing. In one case, we experience something physical that does not seem to be within us; in the other, we experience something physical that is within us—that is, inside our skin. This, however, enables us to experience, during an act of will, not only what is outside us but also what is within us. But the strength of perception is conveyed differently through the a-c strand and through the d-b strand. What occurs, however, is a significant weakening of intensity. When we form a mental image together with a volitional impulse in a, this impulse is transmitted from a. As it jumps from c to d, the whole process weakens so much for our consciousness—for our conscious experience—that what we then experience within ourselves—the raising of the hand and so on—we experience only with the low intensity of consciousness that we otherwise have even in sleep. We do not perceive the act of willing again until the hand moves, when we once more have a sensation coming from another direction.
[ 16 ] Der Schlaf dehnt sich in der Tat anatomisch, physiologisch in das wache Leben fortwährend hinein. Wir stehen mit der äußeren physischen Welt in Verbindung und wachen eigentlich immer nur mit demjenigen Teil unseres Wesens, welcher bis zu der Unterbrechung der Nerven geht. Was jenseits der Unterbrechung der Nerven in uns selber liegt, das verschlafen wir auch am Tage. Das ist aber ein Vorgang, der noch nicht physisch ist in der jetzigen Phase der Erdenentwickelung, sondern noch in einer gewissen geistigen Höhe vor sich geht, wenn das auch vielfach zu tun hat mit den niederen Eigenschaften der Menschennatur. Aber ich habe hier schon öfter von dem Geheimnis gesprochen, daß, was im Menschen niedere Natur ist, gerade zusammenhängt mit den höheren Äußerungen gewisser geistiger Wesenheiten.
[ 16 ] Sleep does, in fact, continuously extend into waking life, both anatomically and physiologically. We are connected to the external physical world, and in reality we are always awake only with that part of our being that extends up to the point where the nerves end. Whatever lies within us beyond that point is something we sleep through even during the day. However, this is a process that is not yet physical in the current phase of Earth’s evolution, but still takes place at a certain spiritual level, even though it is often connected to the lower qualities of human nature. But I have spoken here many times before of the mystery that what is the lower nature in human beings is precisely connected to the higher manifestations of certain spiritual beings.
[ 17 ] Würde man im Menschen alle diejenigen Stellen sammeln, wo Nervenunterbrechungen sind, und würde man das aufzeichnen, dann würde man zeichnungsgemäß die Grenze bekommen zwischen dem Erleben in der physischen Welt und dem Erleben aus einer höheren Welt heraus. Daher kann ich auch folgendes Schema gebrauchen. Nehmen Sie einmal an — ich zeichne hier alle Nervenunterbrechungen schematisch auf —, nehmen Sie an, da wäre der Kopf und da wäre ein Bein. Nun nehmen wir an, von hier aus ginge ein sogenannter Eindruck, und hier wäre die Nervenunterbrechungsstelle «Gehen» erfolgt. Was real ist, ist dann dieses: hier ist alles dasjenige, was der Mensch durch den Nerv erlebt, wachend bei Tag erlebt; hier ist das, was der Mensch erlebt als einen unterbewußten Willen, auch im Wachen schlafend erlebt. Und alles dasjenige, was nun unter der Nervenunterbrechungsstelle liegt, wird von der geistigen Welt heraus direkt gebildet, geschaffen.
[ 17 ] If one were to gather all the points in the human body where there are breaks in the nervous system and were to map them out, one would obtain, as shown in the diagram, the boundary between experience in the physical world and experience from a higher world. That is why I can also use the following diagram. Suppose—I am drawing all the nerve interruptions schematically here—suppose there were the head and there were a leg. Now let us suppose that a so-called impression were to arise from here, and here the nerve interruption associated with “walking” had occurred. What is real, then, is this: here is everything that a person experiences through the nerves, experienced while awake during the day; here is what a person experiences as a subconscious will, experienced as if asleep even while awake. And everything that lies below the point of nerve interruption is directly formed and created from the spiritual world.


[ 18 ] Die Vorstellungen werden Ihnen, wenn Sie sie das erste Mal hören, vielleicht etwas schwierig sein. Allein sie sollen in Ihnen auch die Vorstellung hervorrufen, daß man ohne gewisse Schwierigkeiten in die intimeren Dinge der Erkenntnis des Menschen doch nicht hineinkommen kann.
[ 18 ] These ideas may seem a bit difficult to you when you hear them for the first time. Yet they are also meant to convey to you the notion that one cannot truly delve into the more intimate aspects of human understanding without encountering certain difficulties.
[ 19 ] Wenn Sie das so ansehen, daß hier (rot) alles dasjenige ist, was den Menschen mit der physischen Welt verbindet, unter dieser Grenze alles dasjenige, was den Menschen mit einer geistigen Welt verbindet, die nur heute ein untergeordnetes physisches Abbild hat in ihm — wenn Sie dies ins Auge fassen, dann können Sie eine andere Vorstellung damit verbinden. Diese andere Vorstellung, die Sie damit verbinden sollen, ist die folgende: Denken Sie sich einmal die Pflanzenwelt. Die Pflanzen wachsen aus der Erde heraus; aber sie würden nicht aus der Erde herauswachsen, wenn sie nicht aus dem Kosmos herein Kräfte empfingen, Kräfte, die mit dem Sonnenleben innig zusammenhängen, welche alles das in Empfang nehmen, was von der Erde heraus gekraftet wird. Lesen Sie, um das besser zu verstehen, noch einmal die Abhandlung über «Das menschliche Leben vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft». Zum Leben der Pflanzenwelt gehört dieses ganze Kosmische, das von dem Kosmos herein vom Sonnenleben kommt, zusammen mit dem, was von der Erde herauf kommt.
[ 19 ] If you look at it this way—with everything here (in red) representing what connects human beings to the physical world, and everything below this line representing what connects human beings to a spiritual world that currently has only a subordinate physical reflection within them—if you keep this in mind, then you can associate another idea with it. This other idea that you should associate with it is as follows: Imagine the plant world for a moment. Plants grow out of the earth; but they would not grow out of the earth if they did not receive forces from the cosmos—forces that are intimately connected with the life of the sun, which receive everything that is radiated from the earth. To understand this better, read once again the essay “Human Life from the Perspective of Spiritual Science.” The life of the plant world encompasses this entire cosmic aspect, which comes from the cosmos through the life of the sun, together with what rises up from the earth.


[ 20 ] Dieses Zusammenwirken aber des Kosmischen mit demjenigen, was tellurisch, was irdisch ist, das gehört überhaupt zum Leben, zum Dasein innerhalb der physischen Welt, so wie wir sie aufzufassen haben. Und dieselben Kräfte, die unter diesem Strich (siehe Zeichnung) aus der Erde heraus auf die Pflanze wirken, zusammen mit der Samenkraft der Pflanze — der Same wird ja auch in die Erde hineingetan —, diese selbe Masse von Kräften derselben Art, die müssen Sie hier suchen, hier, wo die roten Striche sind. Diesseits der Grenze, die ich schematisch angedeutet habe, müssen Sie meinetwillen die Kräfte suchen, die Sie sonst durch die Wurzeln von der Erde kommend für die Pflanzen suchen.
[ 20 ] But this interaction between the cosmic and that which is telluric, that which is earthly, is an integral part of life, of existence within the physical world, as we must understand it. And the very same forces that act from the earth onto the plant below this line (see drawing), together with the plant’s seed force—since the seed is also placed into the earth—this very same mass of forces of the same kind: you must look for them here, where the red lines are. On this side of the boundary that I have schematically indicated, you must, for my sake, look for the forces that you would otherwise seek as coming to the plants from the earth through the roots.
[ 21 ] Der Mensch nimmt durch seine Augen, durch seine Ohren, namentlich durch seine Haut, von der Erde in verfeinerter Art dasjenige auf, was die Pflanze durch ihre Wurzeln aus dem Boden der Erde aufsaugt. Die Pflanze ist ein Erdenwesen durch ihre Wurzeln. Der Mensch ist ein Erdenwesen durch seine Nerven und durch dasjenige, was er als das Irdische, das Tellurische aufnimmt durch seine Lungen, durch seine Nahrung, die er von der Erde hereinbekommt. Alles das, was für die Pflanze von der Erde kommt — nur daß die Pflanze die Wurzeln in die Erde hineinversenkt —, nimmt der Mensch auf durch seine Organe, nur daß er das in verfeinerter Weise aufnimmt, die Pflanze gröber durch die Wurzeln.
[ 21 ] Through their eyes, ears, and especially their skin, human beings absorb in a refined form from the earth what plants draw up from the soil through their roots. The plant is an earthly being through its roots. Human beings are earthly beings through their nerves and through what they take in as the earthly, the telluric, via their lungs and through the food they receive from the earth. Everything that comes to the plant from the earth—except that the plant sinks its roots into the earth—is absorbed by the human being through his organs, except that he absorbs it in a more refined way, whereas the plant absorbs it in a coarser way through its roots.
[ 22 ] Aber die Pflanze nimmt noch andereKräfte auf. Die Pflanze nimmt die Kräfte auf, welche ihr aus dem Sonnenreiche, aus dem himmlischen Reiche — räumlich-himmlischen Reiche —, aus dem Kosmos zukommen. Dieses Gebiet habe ich blau schraffiert: das sind die Kräfte, welche die Pflanze aus dem Kosmos aufnimmt. Diese Kräfte sind von derselben Art, wie die blau schraffierten Kräfte jenseits der Grenze, die ich angegeben habe. Der Mensch zieht aus seinem Leibe heraus das, was die Pflanze aus dem Kosmos hereinzieht. Von der Erde zieht der Mensch verfeinert diejenigen Kräfte und Substanzen, welche die Pflanze durch ihre Wurzeln vergröbert aus dem Boden zieht. Aus seinem Leibe heraus zieht der Mensch dieselben Kräfte und Substanzen vergröbert, welche die Pflanze verfeinert aus dem Kosmos zieht. Denn so, wie er sie heute aus dem eigenen Leibe herauszieht, so sind sie nicht als Kräfte unmittelbar gegenwärtig im Kosmos vorhanden, sondern sie sind so vorhanden gewesen während der alten Mondenzeit. Von dieser hat sie der Mensch bewahrt. Der Mensch nimmt durch das, was jenseits dieser Grenze im hier gezeichneten blauen Teile enthalten ist, nicht unmittelbar aus der Gegenwart wahr, sondern aus dem, was er durch die Erbschaft der alten Mondenzeit bewahrt hat. Er hat das Kosmische einer alten Zeit in die Gegenwart hereingetragen. In seinem Leib hat der Mensch die Mondenverhältnisse aufbewahrt. Und so sehen Sie, daß wir in einer gewissen Weise kosmisch sind; sogar so mit dem Kosmos zusammenhängen, daß wir in uns tragen ein Abbild desjenigen, was der Kosmos draußen schon überwunden hat.
[ 22 ] But the plant absorbs other forces as well. The plant absorbs the forces that come to it from the solar realm, from the heavenly realm—the spatial-heavenly realm—and from the cosmos. I have shaded this area in blue: these are the forces that the plant absorbs from the cosmos. These forces are of the same kind as the blue-shaded forces beyond the boundary I have indicated. Human beings draw from their own bodies what the plant draws in from the cosmos. From the earth, human beings draw, in a refined form, those forces and substances that the plant draws from the soil in a coarsened form through its roots. From within their own body, human beings draw out, in a coarser form, the very same forces and substances that plants draw from the cosmos in a refined form. For just as they draw these out of their own body today, these forces are not immediately present in the cosmos in this form; rather, they existed in this form during the ancient Moon era. Human beings have preserved them from that time. Through what lies beyond this boundary—contained in the blue section shown here—human beings do not perceive directly from the present, but from what they have preserved through the legacy of the ancient Lunar Age. They have carried the cosmic essence of an ancient time into the present. Human beings have preserved the conditions of the Moon era within their bodies. And so you see that we are, in a certain sense, cosmic; indeed, we are connected to the cosmos in such a way that we carry within us an image of what the cosmos outside has already overcome.
[ 23 ] Wiederum ein Beispiel für das, was ich das letzte Mal hier angeschlagen habe: daß nichts dienlich sein wird, wenn man nur so vom allgemeinen, verschwommenen, nebelnden Standpunkte aus davon redet, daß der Mensch wiederum ein kosmisches Empfinden oder kosmische Vorstellungen in sich aufnehmen müsse. Diese Dinge haben nur Wert, wenn sie völlig konkret an den Menschen herantreten, wenn wirklich gewußt wird, wie die Dinge liegen, wie sich die Dinge verhalten. Dadurch wird dasjenige, was heute nur ein Probieren ist, eben auf eine gesunde, wirkliche gesunde Grundlage gestellt. Und wenn man weiß, wie alles das, was jenseits der Nervenunterbrechungen im Innern des menschlichen Leibes liegt, mit dem mondartigen Wesen zusammenhängt, dann wird man herausfinden können aus den Verwandtschaften heraus, welche krankmachenden oder heilenden Kräfte im Kosmos und im Erdenleben zu finden sind. Und wenn man wissen wird, in welcher Weise das, was diesseits der Grenze liegt, so zusammenhängt mit den Erdenverhältnissen, nur im verfeinerten Sinne, wie die Pflanze durch ihre Wurzeln mit den Bodenverhältnissen zusammenhängt, dann wird man die Beziehung zwischen Krankheit und Gesundheit und zwischen dem Wesen gewisser Pflanzen wirklich in bewußter Art auffinden können.
[ 23 ] Yet another example of what I brought up here last time: that nothing will be of any use if one merely speaks of it from a general, vague, and nebulous standpoint—that human beings must once again take in a cosmic sensibility or cosmic ideas. These things have value only if they are presented to people in a completely concrete way, if one truly knows how things are and how they function. In this way, what is today merely an experiment is placed on a sound—truly sound—foundation. And when one knows how everything that lies beyond the nerve pathways within the human body is connected to the lunar being, then one will be able to discern, through these connections, which disease-causing or healing forces can be found in the cosmos and in earthly life. And when we come to understand how that which lies on this side of the boundary is connected to earthly conditions—in a refined sense, just as a plant is connected to soil conditions through its roots—then we will truly be able to consciously discern the relationship between illness and health and between the nature of certain plants.
[ 24 ] Heute sind die Dinge ein Probieren. Auf gesunde Grundlage muß zuerst das menschliche Erkennen gestellt werden, und dann wird auf gesunde Grundlage auch gestellt werden können, was der Mensch an Begriffen und Vorstellungen entwickelt, um das soziale, das sittliche, das pädagogische, das politische Leben irgendwie mit seinen eigenen Vorstellungen zu regeln, durchdringen zu können, ihm eine Struktur verleihen zu können.
[ 24 ] Today, things are a matter of trial and error. Human cognition must first be placed on a sound foundation, and then it will also be possible to place on a sound foundation the concepts and ideas that human beings develop in order to somehow regulate, penetrate, and give structure to social, moral, educational, and political life through their own ideas.
[ 25 ] Wir machen auf vielen Gebieten die Wahrnehmung, daß gerade diejenigen, die naturwissenschaftlich groß, fachmännisch gediegen denken, ganz gräßlich zu fabulieren, zu schwätzen anfangen, wenn sie ihre gewohnten Vorstellungen übertragen auf das Gebiet des sozialen Lebens. Aber dieses Gebiet des sozialen Lebens ist ja nicht ein ganz selbständiges Gebiet. Der Mensch steht darinnen mit seiner physischen, seelischen, geistigen Natur, und man kann die Dinge nicht voneinander trennen. Und es darf nicht bei der Tatsache bleiben, daß die Menschheit auf dem sozialen Gebiet naturwissenschaftlich dumm gemacht wird, damit sie auf dem sozialen Gebiet nur zu schwätzen vermag.
[ 25 ] In many areas, we observe that precisely those who think in a scientifically rigorous and expert manner begin to spin terrible tales and ramble on when they apply their familiar concepts to the realm of social life. But this realm of social life is not, after all, a completely independent sphere. Human beings exist within it with their physical, emotional, and spiritual natures, and these aspects cannot be separated from one another. And we must not simply accept the fact that humanity is being made scientifically ignorant in the social sphere, so that it is capable of nothing but idle chatter in that sphere.
[ 26 ] Man kann heute ohne Schwierigkeit leicht nachweisen, wie gediegene Naturforscher ins Schwätzen hineinkommen, wenn sie die Grenze zwischen Naturwissenschaft und dem geistigen Leben überschreiten. Besonders Mediziner sind auf diesem Gebiet außerordentlich produktiv im Hervorbringen von allerlei Geschwätz, wenn es sich darum handelt, mit den Vorstellungen, die auf naturwissenschaftlichem Gebiete heute gewonnen werden, ins geistige Gebiet herüberzugehen. Man braucht nur irgend etwas herauszugreifen. Greift nur hinein ins volle Menschenleben — wo ihr es nur anfaßt, ist es in dieser Beziehung heute konfus.
[ 26 ] Today, it is easy to demonstrate how even reputable natural scientists can get caught up in idle chatter when they cross the boundary between the natural sciences and the spiritual realm. Physicians, in particular, are extraordinarily prolific in this area when it comes to producing all sorts of nonsense, especially when attempting to carry concepts derived from the natural sciences into the spiritual realm. One need only pick out any single aspect. Just delve into the fullness of human life—wherever you touch it, it is confused in this regard today.
[ 27 ] Da habe ich zum Beispiel eine Broschüre: «Die Schädigungen der Nerven und des geistigen Lebens durch den Krieg», von einem ausgezeichneten Mediziner. Ich will gar nicht, um Ihr Vorurteil nicht zu erregen, sagen von einem wie ausgezeichneten Mediziner. Aber dieser ausgezeichnete Mediziner, er betrachtete nun dieses Nervensystem, über das die Naturwissenschaft ja eigentlich nicht einmal einen Schimmer von einer richtigen Vorstellung hat — nach den paar Andeutungen, die ich heute gegeben habe, können Sie das sehen —, er betrachtete nun dieses Nervensystem, wie es malträtiert wird durch die gegenwärtigen Kriegsverhältnisse. Ja, man braucht nur an das Allerprimitivste zu denken und man kann darauf hinweisen, wie das wirklich vernünftige Denken aufhört, wenn herübergeleitet werden die naturwissenschaftlichen Vorstellungen auf das, was mit dem geistigen Gebiete, ich will nur sagen, etwas zu tun hat, gar nicht einmal noch das geistige Gebiet selber ist. Nicht wahr, wenn man so etwas bespricht wie «Die Schädigungen der Nerven und des geistigen Lebens durch den Krieg», dann hat man die Notwendigkeit vor sich, dasjenige, was angeblich in den Nerven vor sich gehen soll, auszudrücken durch allerlei vom geistigen Leben Entnommenem — natürlich von dem geistigen Leben, das hier auf dem physischen Plane verläuft —, durch allerlei Vorstellungen, die diesem geistigen Leben entnommen sind.
[ 27 ] For example, I have a brochure here: “The Damage to the Nerves and Mental Life Caused by War,” by an outstanding physician. I don’t want to say just how outstanding he is, so as not to arouse your prejudice. But this outstanding physician examined the nervous system—about which the natural sciences don’t actually have even the faintest glimmer of a correct understanding, as you can see from the few hints I’ve given today—and he examined how this nervous system is being ravaged by the current conditions of war. Indeed, one need only think of the most primitive examples to point out how truly rational thinking ceases when scientific concepts are applied to what has—I’ll just say—something to do with the spiritual realm, without even being the spiritual realm itself. Isn’t it true that when one discusses something like “The Damage to the Nerves and Spiritual Life Caused by War,” one is faced with the necessity of expressing what is supposedly taking place in the nerves through all manner of concepts drawn from spiritual life—naturally, from the spiritual life that unfolds here on the physical plane—through all manner of concepts derived from this spiritual life.
[ 28 ] Nun gibt zum Beispiel dieser Herr hier die Vorstellung — die unter gewissen Verhältnissen des abnormen Nervenlebens berechtigt sein soll —, die Vorstellung von «überwertigen Ideen». Überwertige Ideen sind ein Symptom für kranke Nerven. Überwertige Ideen — was ist eine überwertige Idee? Wenn man einen solchen Begriff aufstellt, dann muß man sich klar sein, daß ein solcher Begriff lebenswirklich sein muß. Aber was ist eine überwertige Idee? Eine überwertige Idee ist für jenen Mann etwas, das entsteht, wenn die Empfindungs- und Gefühlsbetonung der Idee zu stark ist, wenn sie einseitig ist. Allerlei so vage Vorstellungen bringt er eben heran. Ich kann Ihnen natürlich keine bestimmte Vorstellung davon geben. Schreiben Sie, wenn ich das nicht bestimmt definiere, es nicht der Geisteswissenschaft zu, denn ich muß ja referieren. Eine überwertige Idee entsteht zum Beispiel, wenn man, durch den Krieg veranlaßt, eine fremde Nation zu viel haßt. Eine «wertige Idee» ist die richtige Vaterlandsliebe. Aber diese richtige Vaterlandsliebe wird, wenn das Nervensystem irritiert ist, überwertig. Man liebt nicht nur sein Vaterland, sondern man haßt die andern Völker: jetzt ist dieIdee überwertig geworden. Die wertige Idee ist gesund, und man muß aus der wertigen Idee schließen, daß auch die Nerven gesund sind. Wenn aber die Idee überwertig ist, so sind auch die Nerven geschädigt.
[ 28 ] Now, for example, this gentleman here puts forward the notion—which is said to be justified under certain conditions of abnormal nervous activity—the notion of “overvalued ideas.” Overvalued ideas are a symptom of a diseased nervous system. Overvalued ideas—what is an overvalued idea? When one introduces such a concept, one must be clear that it must be grounded in reality. But what is an overvalued idea? For that man, an overvalued idea is something that arises when the sensory and emotional emphasis of the idea is too strong, when it is one-sided. He simply brings up all sorts of vague notions like this. Of course, I cannot give you a specific example of this. If I do not define it precisely, please do not attribute this to spiritual science, for I am merely presenting a lecture. An overvalued idea arises, for example, when, prompted by war, one hates a foreign nation too much. A “valued idea” is true patriotism. But this true love of one’s country becomes overvalued when the nervous system is irritated. One not only loves one’s country but also hates other peoples: now the idea has become overvalued. The valuable idea is healthy, and one must conclude from the valuable idea that the nerves are also healthy. But if the idea is overvalued, then the nerves are also damaged.
[ 29 ] Trifft man irgendwo die Wirklichkeit, wenn man auf der einen Seite so einen Nervenvorgang charakterisiert, auf der andern Seite eine Idee, die nun eine gewisse Eigenschaft haben soll? Sie soll überwertig als Idee sein. Auf der einen Seite ist der Nervenvorgang, auf der andern Seite ist Ideeüberwertiges. Die Leute würden gut tun, solche Dinge immer zu Ende zu denken, denn ein Gedanke zeigt sich nur dann in seiner Richtigkeit oder Unrichtigkeit beziehungsweise in seiner Wirklichkeitsgemäßheit oder Wirklichkeitsungemäßheit, wenn man ihn zu Ende denkt. Eine überwertige Idee wäre es, wenn ich mir vorstellen würde, ich wäre der König von Spanien. Nicht wahr, ganz zweifellos wäre das eine überwertige Idee. Aber jene Idee brauchte durchaus nicht überwertig zu sein, wenn ich es wirklich wäre. Dann wäre mein Nervensystem ganz gesund und ich hätte dieselbe Idee. Die Idee hat denselben Inhalt. Die Idee als solche ist also doch wohl nicht überwertig, denn sonst müßte man den König von Spanien als krank ansehen in seinem Nervensystem, weil er denkt, er wäre der König von Spanien, nicht wahr? Also auf diesen Zusammenhang kommt es überhaupt gar nicht an. Dennoch wird herumgeschwätzt über diese Dinge. Und man redet nicht nur herum, sondern man bildet auch Begriffe, Definitionen aus und so weiter, und man kommt dann zu Merkwürdigem, was nicht mehr ist als Geschwätz.
[ 29 ] Does one encounter reality anywhere when, on the one hand, one characterizes such a nervous process and, on the other hand, an idea that is supposed to possess a certain property? It is supposed to be “supervalued” as an idea. On the one hand is the nervous process; on the other hand is the “supervalued” idea. People would do well to always think such things through to the end, for a thought reveals its correctness or incorrectness—or, respectively, its conformity or nonconformity to reality—only when one thinks it through to the end. It would be a superimposed idea if I were to imagine that I were the King of Spain. Wouldn’t it? Without a doubt, that would be a superimposed idea. But that idea would not necessarily be overvalued if I actually were the King of Spain. Then my nervous system would be perfectly healthy, and I would have the same idea. The idea has the same content. The idea as such is therefore certainly not overvalued; otherwise, one would have to regard the King of Spain as having a diseased nervous system because he thinks he is the King of Spain, wouldn’t you agree? So this context is completely irrelevant. Nevertheless, people chatter on about these things. And they don’t just chatter; they also formulate concepts, definitions, and so on, and then they arrive at strange conclusions that are nothing more than idle chatter.
[ 30 ] Denn nun hat der gute Herr diesen Begriff von überwertigen Ideen ausgebildet. Die Überwertigkeit der Idee ist nun das Symptom für das unrichtige Nervenleben. Na, schön! Aber seinem Unterbewußten ist nicht recht wohl dabei, weil er unterbewußt doch fühlt: während er die ganze Sache von der Überwertigkeit der Ideen den Leuten vorträgt, haben die wiederum allerlei unterbewußte Ideen von dem, daß die Sache doch nicht recht stimmt. Bei den Zuhörern bleibt die Sache heute selbstverständlich unterbewußt, denn der Herr ist eine Autorität — verzeihen Sie! —, da dürfen die Eindrücke nicht ins Bewußtsein dringen. «Denn mit der Bezeichnung der «Überwertigkeit soll nicht nur die an sich lebhafte hohe Bewertung der betreffenden Vorstellungen, sondern eben auch ihre «Überwertung» im Verhältnis zur realen Bedeutung der ihnen wirklich zugrunde liegenden Tatsächlichkeiten ausgedrückt werden. Die überwertige Idee beherrscht dasBewußtsein so sehr, daß neben ihr nicht genügend Platz für andere, objektiv ebenfalls berechtigte Ideen vorhanden ist. Darum werden letztere verdrängt, verlieren ihre Wirksamkeit im Bewußtsein und ihren Einfluß auf die Beschränkung und Zügelung der überwertigen Vorstellungen. So entsteht die einseitige Übertreibung in der Urteilsbildung, die einseitige Richtung der Willensbestrebungen, die Abkehr von allen andern Gedankenkreisen, die mit dem Zentrum der überwertigen Ideen nicht unmittelbar zusammenhängen.» So wie wenn man sagt: Die Armut kommt von der Pauvret€ so ungefähr ist es!
[ 30 ] For now this good gentleman has developed this concept of “overvalued ideas.” The overvaluation of an idea is, then, the symptom of an abnormal nervous life. Well, fine! But his subconscious isn’t quite at ease with this, because subconsciously he senses: while he’s presenting this whole idea of the “overvaluation” of ideas to people, they in turn have all sorts of subconscious notions that something isn’t quite right. For the listeners today, the matter naturally remains subconscious, because this gentleman is an authority—pardon me! —, so these impressions must not penetrate into consciousness. “For the term ‘overvaluation’ is intended to express not only the inherently high regard for the concepts in question, but also their ‘overvaluation’ in relation to the real significance of the facts that actually underlie them. The overvalued idea dominates consciousness to such an extent that there is not enough room alongside it for other ideas that are objectively just as valid. Consequently, the latter are suppressed, lose their effectiveness in consciousness, and their influence on the restriction and restraint of the overvalued ideas. This gives rise to one-sided exaggeration in judgment, a one-sided direction of volitional efforts, and a turning away from all other spheres of thought that are not directly connected to the center of the overvalued ideas.” It’s like saying, “Poverty comes from pauvreté”—that’s roughly how it is!
[ 31 ] «Daher erscheint dem ruhig urteilenden Beobachter das nervös erregte Bewußtsein stets als etwas Unvernünftiges, als etwas geistig Haltloses, und es entspricht daher durchaus der Tatsächlichkeit, wenn der ruhige Zuschauer den nervös erregten Menschen mit den Worten: ‹So nimm doch Vernunft an, so sei doch vernünftig!›, wieder auf die rechte Bahn des Denkens und Urteilens zu bringen versucht.»
[ 31 ] “Therefore, to the calm and discerning observer, the nervously agitated state of mind always appears as something irrational, as something intellectually unfounded; and it is therefore entirely in keeping with reality when the calm observer attempts to bring the nervously agitated person back onto the right path of thought and judgment with the words: ‘Come to your senses, be reasonable!’”
[ 32 ] Nun also hat er von der Überwertigkeit der Ideen gesprochen, von ihrem Zusammenhang mit dem Nervensystem. Aber nun wird ihm etwas schwül im Unterbewußtsein, denn die Geschichte ist ja nur ein Gerede, und es paßt schlecht. Na, da setzt er denn die Rede fort: «Wir dürfen aber die «überwertige Idee» nicht ohne weiteres jeder überhaupt gefühlsbetonten und ungewöhnlich lebhaften Vorstellungsweise gleichstellen. Auch alles Edle und Hohe, was den Menschengeist bewegt und ihn zu großen Taten befähigt, was Hingabe und Begeisterung für eine große Tat und für die Anspannung aller Kräfte zur Erreichung eines großen Zieles erweckt, auch dies entspringt nur aus großen Ideen, die den Geist beherrschen und ihm die Kraft und Ausdauer des Willens geben, ohne die ein zielbewußtes Handeln nicht möglich ist.»
[ 32 ] So now he has spoken of the “supervaluance” of ideas, of their connection to the nervous system. But now things are getting a bit murky in his subconscious, because the story is, after all, just talk, and it doesn’t quite fit. Well, so he continues his speech: “But we must not automatically equate the ‘supervalued idea’ with every emotional and unusually vivid mode of imagination. Everything noble and lofty that stirs the human spirit and enables it to perform great deeds—that which awakens devotion and enthusiasm for a great deed and for the mobilization of all one’s powers to achieve a great goal—all this, too, springs solely from great ideas that dominate the spirit and give it the strength and endurance of will without which purposeful action is impossible.”
[ 33 ] Überwertige Ideen, sie zerstören das Nervensystem, sind wenigstens ein Symptom dafür; aber alles Hohe und Edle ist eigentlich ebenso. Es gibt keinen rechten Unterschied. Aber er muß wenigstens erwähnen, daß die Geschichte eigentlich ebenso ist.
[ 33 ] Exaggerated ideas destroy the nervous system; they are, at the very least, a symptom of it; but everything lofty and noble is actually just the same. There is no real difference. But he must at least mention that history is actually just the same.
[ 34 ] «Überall in der Geschichte des Einzelnen und in der Geschichte der Völker sehen wir die großen Taten vollbracht unter dem Einfluß einer großen leitenden Idee, die ihren 'Träger unaufhaltsam und auf der gleichen Bahn und in derselben Richtung festhielt und vorwärts trieb, ihn erst befähigte zu jener unermüdlichen Ausdauer, die trotz Hindernissen und Widerständen das einmal erkannte und erstrebte Ziel erreichen konnte. Was wäre aus Galilei, aus Richard Wagner, aus Bismarck und aus vielen andern großen Männern geworden ohne die Schwungkraft einer großen leitenden Idee, die den Geist jahre- und jahrzehntelang trotz aller Kämpfe und Widerstände in eine bestimmte Richtung des Wollens vorwärts trieb!» — die also «überwertig» war, die ganz ausgesprochen «überwertig» war!
[ 34 ] “Throughout the history of individuals and of nations, we see great deeds accomplished under the influence of a great guiding idea, which kept its ‘bearer’ steadfast on the same path and in the same direction, driving him forward and enabling him to achieve that tireless perseverance which, despite obstacles and resistance, allowed him to reach the goal he had once recognized and strived for. What would have become of Galileo, Richard Wagner, Bismarck, and many other great men without the driving force of a great guiding idea that propelled the spirit forward for years and decades in a specific direction of will, despite all struggles and resistance!”—an idea that was therefore “supervaluable,” that was quite clearly “supervaluable”!
[ 35 ] Da wird manchmal solch ein Anflug von Ehrlichkeit vollzogen. Es gibt eine naturwissenschaftliche Richtung, die alle Genies zugleich für etwas verrückt erklärt, weil ja auf diesem Boden so ein richtiger Unterschied zwischen der Genialität und der Verrücktheit ohnedies nicht herauszufinden ist. Und ich habe Ihnen gesagt, daß es heute auch schon Werke gibt, die den Christus Jesus als einen pathologisch Kranken hinstellen, so daß eigentlich das ganze Christentum der Ausfluß der Tatsache ist, daß einmal einer in Palästina, der den Namen Jesus geführt hat, nicht recht gescheit war. Das ist heute Gegenstand von verschiedenen ernst gemeinten, als wissenschaftlich angesehenen Persönlichkeiten.
[ 35 ] Sometimes there is a hint of honesty here. There is a school of thought in the natural sciences that declares all geniuses to be somewhat crazy, because, after all, on this ground it is impossible to discern a real difference between genius and madness anyway. And I have told you that there are already works today that portray Jesus Christ as a pathologically ill person, so that, in fact, the whole of Christianity is the result of the fact that once upon a time, someone in Palestine who went by the name of Jesus was not quite right in the head. This is the subject of discussion today among various serious, scientifically respected figures.
[ 36 ] Die Leerheit solchen Denkens, die tritt manchmal in krasser Art zutage, so wenn der betreffende Herr dann gleich fortfährt: «Aber darin liegt die Tragik des Menschengeistes, daß die Vorstellungen, welche mit größter Stärke das Bewußtsein erfüllen, nicht immer die richtigen sind» — sehr tief ist hier die Tragik des Menschengeistes erklärt, außerordentlich tief! — «und sich nicht immer einfügen in den geordneten Zusammenhang der äußeren Welt.»
[ 36 ] The emptiness of such thinking sometimes becomes strikingly apparent, as when the gentleman in question goes on to say: “But therein lies the tragedy of the human spirit: that the ideas which fill consciousness with the greatest intensity are not always the correct ones”—the tragedy of the human spirit is explained here with great depth, extraordinary depth!—“and do not always fit into the orderly context of the external world.”
[ 37 ] Nun haben wir es! Wie weit ist es von solchen Vorstellungen zu der Erkenntnis, die nur erreicht werden kann auf Grundlage von solchen Betrachtungen, wie wir sie hier anstellen. Gewiß, es kann in zwei Menschen dieselbe Vorstellungsmasse anwesend sein, nur ist sie das eine Mal, sagen wir luziferisch, das andere Mal ahrimanisch, das dritte Mal ist sie im Sinne der normalen Menschheitsentwickelung. Statt das inhaltsleere Wort «überwertige Ideen» zu bilden, muß der Begriff einer Geistigkeit eingeführt werden, wie die luziferische oder ahrimanische Geistigkeit, so daß man weiß: darauf kommt es an, daß man erkennt, ob der Mensch selbst will, oder ob ein anderes in ihm will. Aber davor schreckt natürlich solche angebliche Wissenschaft heute noch zurück.
[ 37 ] Now we’ve got it! How far is it from such conceptions to the insight that can only be attained on the basis of the kind of considerations we are making here? Certainly, the same body of ideas may be present in two people; only, in one case it is, let us say, Luciferic, in another Ahrimanic, and in a third it corresponds to the normal development of humanity. Instead of coining the empty phrase “supervalued ideas,” the concept of a spirituality—such as Luciferic or Ahrimanic spirituality—must be introduced, so that one knows: what matters is recognizing whether the human being wills of their own accord, or whether something else within them is willing. But, of course, such so-called science still shies away from this today.
[ 38 ] Sehr nett werden dann die Dinge, wenn man erwarten will, daß nun wirklich etwas Substantielles vorgebracht wird: «Da nenne ich zunächst» — er will zunächst das angeben, wodurch sich gewisse nervöse Störungen beim Menschen ankündigen —, «da nenne ich zunächst dieselben Vorstellungen, welche auch bei der Nervosität des Einzelnen oft die größte Rolle spielen:» — er meint, beim heutigen Völkerwahn eben auch — «die Vorstellungen der Verzagtheit, der Sorge, des Kleinmuts, der Mutlosigkeit, des mangelnden Selbstvertrauens.»
[ 38 ] Things get really interesting when you expect something substantial to actually be presented: “First, I’ll mention”—he wants to begin by pointing out the signs that herald certain nervous disorders in humans—“first, I’ll mention the very same notions that often play the greatest role in an individual’s nervousness:” — he means, in today’s mass hysteria as well — “the notions of despondency, worry, timidity, discouragement, and a lack of self-confidence.”
[ 39 ] Das sind also diejenigen Dinge, welche das gestörte Nervensystem charakterisieren beim nervösen Leben, das unter überwertigen Ideen steht. Verzagtheit, Sorge, Kleinmut, Mutlosigkeit, mangelndes Selbstvertrauen. Nicht wahr, solch ein Vortrag ist doch Mittel dazu, daß er irgendwie nützlich sein könnte. Denn um bloß die Luftwellen zu erregen, wird wahrscheinlich die betreffende Autorität nicht sprechen, sondern um irgendwie nützlich zu sein. Man sollte also erwarten, daß der betreffende Herr nun sagt, wie die Menschheit darüber hinauskommt, da er wie beim einzelnen Menschen, so auch in der Menschheit findet, daß heute Mutlosigkeit, Verzagtheit, Sorge, mangelndes Selbstvertrauen Symptome sind für die Nervenstörung. Man sollte glauben, daß er nun sagt, wie diese Geschichten zu beheben sind, wie man über diese Mutlosigkeit, Sorge, Verzagtheit, mangelndes Selbstvertrauen hinauskommt. Man sollte das voraussetzen. Er setzt es eigentlich auch voraus. Er sagt daher: «Und so kann, wenigstens zeitweise, in großen Volksschichten jene mutlose unzufriedene Stimmung einreißen, die wir mehr zu fürchten haben als alles andere. Denn sie führt zum Nachlassen kräftiger Willensregungen, zur Lockerung der festen einheitlichen Zielstrebigkeit, zur Schwächung der Energie und Ausdauer.»
[ 39 ] These, then, are the traits that characterize a disturbed nervous system in a nervous existence dominated by overvalued ideas: despondency, worry, timidity, discouragement, and a lack of self-confidence. Isn’t it true that a lecture like this could, in some way, be useful? After all, the authority in question is unlikely to speak merely to stir up a commotion, but rather to be of some use. One should therefore expect this gentleman to explain how humanity can overcome these issues, since he finds—just as with the individual—that despondency, anxiety, worry, and a lack of self-confidence are symptoms of nervous disorders in humanity today. One would expect him to explain how to remedy these issues—how to overcome this despondency, worry, discouragement, and lack of self-confidence. One would assume this. In fact, he does assume it. He therefore says: “And so, at least temporarily, that despondent, dissatisfied mood can take hold among large segments of the population—a mood we have more reason to fear than anything else. For it leads to a waning of strong impulses of will, to a loosening of firm, unified determination, and to a weakening of energy and endurance.”
[ 40 ] Nun erwartet man also etwas, nicht wahr? Da sagt er: «Nicht nervös werden heißt daher in erster Linie Mut, Zuversicht und Vertrauen auf die eigene Kraft und das als richtig erkannte Handeln nicht verlieren.»
[ 40 ] So now you’re expecting something, aren’t you? Then he says: “Not getting nervous, therefore, means first and foremost having courage, confidence, and trust in one’s own strength, and not losing faith in the actions one recognizes as right.”
[ 41 ] Na, schön, jetzt haben wir es. Man ist nervös, wenn man die Sorge, Mutlosigkeit, Verzagtheit, mangelndes Selbstvertrauen hat. Wie kriegt man es weg? Wenn man es nicht hat! Es ist ganz klar, nicht wahr, wenn man es nicht hat!
[ 41 ] Well, all right, now we’ve got it. You get nervous when you’re worried, discouraged, disheartened, or lacking in self-confidence. How do you get rid of it? When you don’t have it! It’s perfectly clear, isn’t it, when you don’t have it!
[ 42 ] Diese Nichtigkeit des Denkens überträgt sich auf das Substantielle auch in der Wissenschaft, und solche Autoritäten haben alles Material zur Verfügung, haben alles Material okkupiert, es konfisziert, wenn irgendwie versucht werden soll, mit Vernunft das Material zu bearbeiten — aber indem sie das Material bearbeiten, bearbeiten sie es mit nichtigen Gedanken. Das anatomische, physiologische, physikalische Material geht verloren. Nichts wird geschaffen, weil an demjenigen Tisch, wo das Nützliche für die Menschheit geschaffen werden soll, Leute stehen mit solchen Nichtigkeitsgedanken! Selbstverständlich kann bei der Sektion einer Leiche nichts herauskommen, wenn — verzeihen Sie den harten Gedanken — ein Hohlkopf seziert. Hier werden die Dinge schon sozial. Von diesem Gesichtspunkte aus müssen schon die Dinge angesehen werden. Und eine so vielversprechende Abhandlung, die einen Vortrag wiedergibt, endet auf solche Weise!
[ 42 ] This futility of thought carries over into the substantive realm, even in science, and such authorities have all the material at their disposal; they have occupied it, confiscated it, whenever any attempt is made to process the material with reason—but in processing the material, they process it with futile thoughts. The anatomical, physiological, and physical material is lost. Nothing is created, because at the very table where what is useful for humanity is supposed to be created, there stand people with such futile thoughts! Of course, nothing can come of the dissection of a corpse if—forgive me for saying so—an empty-headed person is performing the dissection. Here, things take on a social dimension. This is the perspective from which matters must be viewed. And such a promising treatise, which recounts a lecture, ends in this manner!
[ 43 ] Ich habe Ihnen das eine Beispiel angeführt: Nicht nervös werden heißt daher in erster Linie Mut, Zuversicht und Vertrauen nicht verlieren. Aber wenn heute der Durchschnittsleser solch eine Abhandlung in die Hand nimmt und liest: «Die Schädigungen der Nerven und des geistigen Lebens durch den Krieg», denkt er: Da kann ich aufgeklärt werden, denn das ist von Professor Dr. Soundso, Direktor der medizinischen Klinik in Soundso. — Nun ja, da ist er sich also klar darüber: jetzt wird er natürlich aufgeklärt.
[ 43 ] I have given you one example: Not getting nervous, therefore, means first and foremost not losing courage, confidence, and trust. But when the average reader today picks up a treatise like this and reads, “The Damage to the Nerves and Mental Life Caused by War,” he thinks: Here I can learn something, because this is by Professor Dr. So-and-so, director of the medical clinic in So-and-so. — Well, then he’s sure of it: now, of course, he’ll be enlightened.
[ 44 ] Doch da steht zum Beispiel auf Seite 27, wo der Völkerhaß besprochen wird: «Aber freilich auch in uns selbst loderten ähnliche Erregungen auf, und wir empfanden es fast als eine erleichternde Genugtuung, nun auch unsererseits unserem Hauptfeinde mit ähnlichen Gesinnungen gegenüberzutreten. Und doch bedarf es nur geringer ruhiger Überlegung, um zu erkennen, daß dieser allgemeine Völkerhaß nur der Ausfluß einer krankhaften, überreizten Seelenstimmung ist, in welche die Volksmassen durch gegenseitige Anfeuerung, Aufhetzung und Nachahmung geraten sind.»
[ 44 ] Yet, for example, on page 27, where hatred among nations is discussed, it says: “But, of course, similar emotions flared up within us as well, and we felt it was almost a relieving satisfaction to now, for our part, confront our chief enemy with similar sentiments. And yet it takes only a little calm reflection to recognize that this general hatred among peoples is merely the outflow of a pathological, overstimulated state of mind into which the masses have fallen through mutual encouragement, incitement, and imitation.”
[ 45 ] Nun, wie ist also nach diesem Satz die Geschichte mit dem Völkerhaß eigentlich gekommen? Da sind Völker: A, B, C; eigentlich ist weder A noch B noch C irgendwie geeignet, von sich aus zu hassen, denn davon ist ja die ganze Geschichte nicht gekommen, sondern gekommen ist dieser allgemeine Völkerhaß durch eine krankhaft überreizte Seelenstimmung, in welche die Völkermassen durch gegenseitige Anfeuerung, Aufhetzung und Nachahmung geraten sind. Also der A kann es nicht; der B auch nicht; der C kann es auch nicht machen; aber was jeder nicht machen-kann, dazu reizen sie sich nun gegenseitig auf. Denken Sie sich, wie scharfsinnig der Gedanke ist! Ich erkläre etwas, ich habe vor mir A, B, C; das alles ist nicht geeignet zur Erklärung — aber sie machen es doch. Ich erkläre also etwas aus dem Nichts heraus auf die schönste Weise. Diese Dinge nehmen die Menschen in die Hand, lesen sie, werden nicht aufmerksam, daß das ein bloßer Unsinn ist.
[ 45 ] Well, according to this statement, how did this whole business of ethnic hatred actually come about? There are peoples: A, B, C; actually, neither A nor B nor C is in any way inclined to hate of its own accord, for that is not where the whole story originated; rather, this general hatred among peoples arose from a pathologically overstimulated state of mind into which the masses were driven by mutual incitement, agitation, and imitation. So A can’t do it; neither can B; nor can C; but what none of them can do on their own, they now incite one another to do. Just imagine how astute this idea is! I’m explaining something; I have A, B, and C in front of me; none of this is suitable for an explanation—but they do it anyway. So I explain something out of thin air in the most beautiful way. People take these things in hand, read them, and fail to realize that it’s sheer nonsense.
[ 46 ] Es ist schon nötig, auf solche Dinge hinzuweisen, denn sie zeigen, wie verrenkt, wie nichtig das Denken ist, das heute die Autorität in Anspruch nimmt. Natürlich, in der Wissenschaft, die sich auf das schon Vorhandene bezieht, da tritt das nicht so stark zutage, denn da kann man die Geschichte nicht kontrollieren. Aber so wie die Leute da in der Wissenschaft denken, so denken sie auch im sozialen, im pädagogischen, im politischen Leben. Und so hat sich das seit vier Jahrhunderten vorbereitet. So ist die Sache. Und so ist es gekommen, daß aus dem verrenkten, nichtigen Denken eben allmählich jene Impulse geworden sind, welche wir in den heutigen katastrophalen Ereignissen uns entgegentreten fühlen. Da muß man schon in das Tiefere der Sache eben durchaus hineinsehen. Und erst wenn die Menschen dann an die Oberfläche der Dinge kommen, da wo, ich möchte sagen, die Sache unmittelbar aktuell für den einzelnen Menschen wird und auch für die soziale Struktur ganzer Völker es werden kann, da wird die Sache ganz besonders gräßlich traurig!
[ 46 ] It is indeed necessary to point out such things, for they show just how twisted, how futile the thinking is that claims authority today. Of course, in science—which draws on what already exists—this does not become so apparent, because there one cannot control history. But just as people think in science, so do they think in social, educational, and political life. And this has been developing for four centuries. That is how it is. And so it has come to pass that this contorted, futile thinking has gradually given rise to the very impulses we now feel confronting us in today’s catastrophic events. One really must look deep into the heart of the matter. And only when people reach the surface of things—where, I would say, the issue becomes immediately relevant to the individual and can also become so for the social structure of entire peoples—is the situation particularly, horribly sad!
[ 47 ] Nicht wahr, man hat die Aufgabe, auf der einen Seite die Dinge zu begreifen; man muß sie in ihrer gegenseitigen Abgegrenztheit kennenlernen, wenn man sie verstehen will. Will man ein solches Ereignis selbst wie den gegenwärtigen Krieg, das so kompliziert ist und heute eben wirklich in seinen Einzelheiten selbstverständlich nicht erfaßt werden kann vom physischen Plane aus, verstehen, muß man ihn, wie man sagt, auf seine Ursachen zurückführen und so weiter. Aber jeder glaubt daran: wenn er eine Sache auf seine Ursache zurückgeführt hat, wenn er sie in einer solchen Weise verstanden hat, so sei sie auch notwendig, hätte so geschehen müssen, wie sie da ist. Heute zum Beispiel merkt man nicht einmal im geringsten, daß das eine mit dem andern gar nichts zu tun hat. Dadurch daß man eine Sache in ihren Zusammenhängen erkennt, ist nicht etwa festgestellt, daß das Ereignis hat eintreten müssen, wie man sagt, daß es nicht hätte unterbleiben können. Derjenige, der versucht, sich in einer mehr oder weniger gescheiten Weise klarzumachen, warum der gegenwärtige Krieg hat kommen müssen, warum er nicht etwas ist, was ein paar Leute beschlossen haben, sondern was schon mit tieferen Ursachen in der Menschheitsentwickelung zusammenhängt, der geht dann oftmals befriedigt von dannen und sagt: Also habe ich begriffen, daß es gar nicht anders möglich war, als daß dieser Krieg hat kommen müssen! — Er ist selbstverständlich eine Notwendigkeit in dem Sinne, daß, wenn man seine Ursachen kennt, er aus diesen Ursachen, aus diesen konkreten Bedingungen mit aller Notwendigkeit sich entwickelt hat. Aber das besagt nicht, daß man daraus den Schluß ziehen darf: die Sache hat unmittelbar so kommen müssen, wie sie gekommen ist. Kein Ereignis, das in der Weltgeschichte auftritt, ist in diesem letzteren Sinne notwendig, obzwar es im ersteren Sinne notwendig ist — kein Ereignis ist in diesem letzteren Sinne notwendig. Jedes könnte anders sein; und jedes könnte auch nicht sein!
[ 47 ] Isn't it true that, on the one hand, our task is to grasp things; we must come to know them in their mutual distinctness if we want to understand them. If one wants to understand an event such as the current war—which is so complicated and, of course, cannot be grasped in its details from a purely physical perspective—one must, as they say, trace it back to its causes, and so on. But everyone believes this: once one has traced a matter back to its cause, once one has understood it in this way, then it must necessarily have happened exactly as it is. Today, for example, people do not even notice in the slightest that one thing has absolutely nothing to do with the other. The fact that one recognizes a matter in its context does not in any way establish that the event had to occur, as they say, or that it could not have been prevented. Anyone who tries, in a more or less intelligent way, to understand why the current war was inevitable—why it is not simply something a few people decided upon, but rather something connected to deeper causes in human development—often walks away satisfied and says: “So I have come to understand that it was simply impossible for this war not to have happened!” — It is, of course, a necessity in the sense that, once one knows its causes, it inevitably developed from these causes, from these concrete conditions. But that does not mean one may conclude from this that things had to happen exactly as they did. No event that occurs in world history is necessary in this latter sense, even though it is necessary in the former sense—no event is necessary in this latter sense. Each could have been different; and each could also not have happened!
[ 48 ] Und derjenige, der dann von der absoluten Notwendigkeit spricht, der könnte mit demselben Rechte sich überlegen: Ich möchte gerne wissen, wann ich sterben werde. Ich gehe also zu einer Versicherungsgesellschaft; die Leute rechnen aus, danach bestimmen sie die Versicherungspolicenhöhe: wieviel von einer gewissen Anzahl von Menschen nach einer gewissen Zeit gestorben sind und wie viele noch lebend sind. Danach werden die Quoten ausgezahlt. Ich gehe also einmal, erkundige mich bei einer Versicherungsgesellschaft; nach deren Ausrechnungen muß es sich ergeben, ob ich nun 1920 schon gestorben sein werde.
[ 48 ] And anyone who then speaks of absolute necessity could just as easily ask himself: I would like to know when I will die. So I go to an insurance company; the people there do the calculations, and based on that, they determine the amount of the insurance policy: how many out of a certain number of people have died after a certain period of time and how many are still alive. The payouts are then calculated accordingly. So I go there, inquire at an insurance company; based on their calculations, it should become clear whether I will have already died by 1920.
[ 49 ] Das ist natürlich ein absoluter Unsinn. Aber derselbe Unsinn ist es, wenn man die Notwendigkeit eines Geschehens herleiten will aus dem andern, dem Begreifen der Ursache, die zu diesem Geschehen führen muß. Und hiermit schlage ich ein Thema an, das allerdings nicht leicht ist, aus dem Grunde, weil gerade auf diesem Gebiete die allerverrenktesten Ideen herrschen, weil auf diesem Gebiete auch heute noch nicht sehr viel Wille besteht, sich über die Dinge klarzuwerden.
[ 49 ] That is, of course, utter nonsense. But it is just as nonsensical to try to deduce the necessity of one event from another—that is, from understanding the cause that must lead to that event. And with this, I am broaching a topic that is certainly not easy, for the reason that it is precisely in this area that the most contorted ideas prevail, and because even today there is still not much willingness in this area to gain clarity on these matters.
[ 50 ] Die Sache ist diese: Man muß, wenn man sich gerade über die Frage klarwerden will, die hiermit angeschlagen ist, ins Auge fassen, daß, wenn irgend etwas eintritt, dieses unter dem Einfluß von gewissen Bedingungen eintritt. Man kommt in der Reihe der Bedingungen immer zu einem Punkte, wo in der Welt Anfänge, richtige Anfänge sind. Wenn Sie heute ein Bäumchen sehen, das noch klein ist, so wissen Sie: in späterer Zeit wird es größer sein. Mit Notwendigkeit entwickelt sich die Größe des Bäumchens aus seiner Kleinheit heraus. Und Sie können nach einiger Zeit sagen: Es ist eine Notwendigkeit, daß dieses Bäumchen sich so entwickelt hat; ich konnte sehen, wie es sich mit Notwendigkeit entwickelte aus einem ganz kleinen heraus, vielleicht als es eben die ersten Triebkräfte aus der Erde hervor entwickelte. Wenn ich Botaniker bin, kann ich sehen, daß da mit Notwendigkeit ein großer Baum nach einiger Zeit entstehen muß. Wenn aber das Samenkorn nicht dort an jener Stelle hineingefallen wäre, wie dann? Vielleicht hat es ein Mensch hineingetan. Wenn er es nicht getan hätte, dann wäre da ein Punkt, wo die Notwendigkeit nicht eingeleitet worden wäre. Nun aber muß da die Notwendigkeit beginnen. Und, sagen wir, Sie haben hier eine mächtige Eiche — sie ist ja nicht in Wirklichkeit da —, Sie schauen sie an und bewundern sie. Diese Eiche war selbstverständlich einmal ein kleines Bäumchen, sie hat sich mit Notwendigkeit aus einem kleinen Bäumchen entwickelt. Aber nehmen Sie an, ein nichtsnutziger Bube oder — pardon, um nicht unhöflich zu werden — ein nichtsnutziges Mädchen wäre, als das Bäumchen noch ganz klein war, dahin gekommen, wo das kleine Bäumchen stand und hätte es ausgerissen: durch dieses Ausreißen hätte sich jene ganze Notwendigkeit nicht ergeben. Auch in negativer Weise können Sie die Notwendigkeit wegnehmen.
[ 50 ] The point is this: if one wants to gain clarity on the question raised here, one must recognize that whenever anything occurs, it occurs under the influence of certain conditions. In the sequence of conditions, one always arrives at a point where there are beginnings in the world—true beginnings. If you see a sapling today that is still small, you know that it will be larger in the future. The sapling’s growth from smallness to greatness is a necessity. And after some time, you can say: It is a necessity that this sapling has developed in this way; I could see how it developed out of necessity from something very small, perhaps just as it was developing its first shoots from the earth. If I were a botanist, I could see that a large tree must necessarily emerge there after some time. But if the seed had not fallen there in that spot, what then? Perhaps a person planted it there. If he hadn’t done so, then there would be a point where necessity would not have been set in motion. But now necessity must begin there. And, let’s say, you have a mighty oak here—it isn’t actually there, of course—you look at it and admire it. This oak was, of course, once a small sapling; it developed out of necessity from a small sapling. But suppose a good-for-nothing boy or—pardon me, so as not to be rude—a good-for-nothing girl had come to the spot where the little sapling stood when it was still very small and had pulled it out: by pulling it out, that entire necessity would not have come about. You can also remove necessity in a negative way.
[ 51 ] Anfangspunkte, wo die Notwendigkeiten beginnen, stellen sich dem wirklichkeitsgemäßen Denken ein, das ist das Wesentliche. Aber zu diesen Anfangspunkten kommt man nicht, wenn man nur den äußeren Verlauf der Tatsachen betrachtet. Man kommt nur zu ihnen, wenn man die geistige Grundlage wenigstens erfühlen kann. Denn geradeso wie Sie hier einen Rosenstrauß haben und wie der, wenn Sie ihn vorstellen, für den Abstraktling eine Vorstellung gibt, welche Wirklichkeit abbildet — denn der Rosenstrauß ist ihm wirklich, und seine Vorstellung bildet Wirklichkeit ab —, für den Okkultisten ist der Rosenstrauß, wenn er ihn vorstellt, gar nichts Wirkliches, weil der Rosenstrauß nicht existiert; die Rosen können nur existieren, wenn sie mit der Wurzel zusammen in dem Erdboden sind und so weiter. Die wirklicheVorstellung ist nicht gegeben, wenn man von vornherein etwas Äußerliches nachbildet, sondern wenn man aus der Wirklichkeit heraus diese erlebte Vorstellung nachgebildet hat. Diese erlebte Vorstellung ergibt sich aber auch gegenüber der äußeren sinnlichen Wirklichkeit nur der geisteswissenschaftlichen Betrachtung.
[ 51 ] The starting points where necessities begin present themselves to thinking that corresponds to reality; that is the essential point. But one cannot arrive at these starting points by merely observing the outward course of events. One can only arrive at them if one can at least sense their spiritual foundation. For just as you have a bouquet of roses here, and just as, when you imagine it, it provides the abstract thinker with a mental image that reflects reality—for the bouquet of roses is real to him, and his mental image reflects reality—so, for the occultist, the bouquet of roses, when he imagines it, is nothing real at all, because the bouquet of roses does not exist; the roses can only exist if they are in the soil together with their roots, and so on. A true mental image is not achieved by merely reproducing something external from the outset, but rather by recreating this experienced mental image from reality itself. However, this experienced mental image arises in relation to external sensory reality only through spiritual scientific observation.
[ 52 ] Und so ergibt sich auch für ein weltgeschichtliches Ereignis nur dann eine gültige Vorstellung, wenn man geisteswissenschaftlich dieses weltgeschichtliche Ereignis überblicken kann. Da findet man, daß es in bezug auf seine Notwendigkeit allerdings sich verfolgen läßt. Man findet seine Verästelungen, seine Wurzeln in der Wirklichkeit drinnen. Aber nur mit diesem konkreten Verfolgen der Wurzeln ist etwas getan, nicht mit der allgemeinen Konstatierung von einer abstrakten Notwendigkeit. Wären aber zum Beispiel gewisse Ereignisse in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts anders gewesen, dann wären die Ereignisse 1914 auch anders geworden. Aber darauf kommt es eben an, daß man nicht so wie die Historiker vorgeht: Jetzt geschieht etwas, das die Wirkung zum Vorhergehenden ist, das ist wiederum die Wirkung vom Vorhergehenden, dieses wiederum die Wirkung vom Vorhergehenden und so weiter. Da kommt man nicht nur bis zum Anfang der Welt, sondern noch weiter ins völlige Nichts hinunter. Da kugelt so eine Vorstellung hinter der andern daher. Darauf kann es nicht ankommen, sondern auf das konkrete Verfolgen dieser Sache, auf das wirkliche Einwurzeln. So wie die Pflanzenwurzel irgendwo anfängt, so fangen die Ereignisse auch irgendwo an. Keime werden gelegt im Laufe der Zeit. Wenn die Keime nicht gelegt werden, dann entstehen auch die Ereignisse nicht. Ich schlage damit ein Thema an, das ich selbstverständlich heute nicht erschöpfen kann. Wir werden am nächsten Sonntag über dieses Thema, welches ich im wesentlichen dadurch bezeichnen will: Trotz aller Betrachtung der Notwendigkeit ist kein einziges Ereignis absolut notwendig — noch zu sprechen haben.
[ 52 ] And so, even for an event in world history, a valid conception can only be arrived at if one is able to survey that event from a humanities perspective. There one finds that, in terms of its necessity, it can indeed be traced. One finds its ramifications and its roots within reality itself. But only by concretely tracing these roots is anything truly achieved; not by merely making a general assertion about an abstract necessity. If, for example, certain events in the 1880s had been different, then the events of 1914 would also have been different. But the crucial point is precisely this: one must not proceed as historians do—something happens now that is the effect of what preceded it, which in turn is the effect of what preceded it, and so on. That way, one does not merely reach the beginning of the world, but descends even further into utter nothingness. One idea rolls along after another. That cannot be the point; rather, it is the concrete pursuit of this matter, the actual taking root. Just as a plant’s root begins somewhere, so too do events begin somewhere. Seeds are sown over the course of time. If the seeds are not sown, then the events do not arise either. I am thus broaching a topic that I obviously cannot exhaust today. Next Sunday, we will continue discussing this topic, which I essentially wish to characterize as follows: Despite all consideration of necessity, not a single event is absolutely necessary — we still have more to say on this.
[ 53 ] Es ist wirklich notwendig, daß die Menschheit der Gegenwart auch der Gesinnung nach aus diesem furchtbaren Dogmatischen, das heute die sogenannte Wissenschaft durchzieht, herauskommt, daß die Dinge ernst genommen werden. Ich will Ihnen ein richtiges Beispiel anführen. Damit will ich dann die heutigen Betrachtungen abschließen. Ich habe in Zürich und in Basel versucht, klarzumachen, daß es ein Unsinn ist, die welthistorischen Ereignisse so hintereinander zu betrachten, als ob eines aus dem andern hervorgehe. Ich habe gesagt, es sei ein Unding, wenn ein Ereignis aus dem andern folge, nur so eins aus dem andern hervorgehend zu betrachten. Das sei so, wie wenn ich hier eine Lichtquelle habe, welche zuerst den Gegenstand a beleuchtet, dann den Gegenstand b beleuchtet, endlich den Gegenstand c beleuchtet. Da sehe ich in meiner Beobachtung zuerst a, dann b, dann c beleuchtet, wenn ich die Lichtquelle gar nicht wahrnehme. Jetzt würde ich einen Fehler machen, nicht wahr, wenn ich zuerst a beleuchtet sehe, dann b, und würde sagen, das b wird von a her beleuchtet; und wenn ich dann c beleuchtet sehe und würde sagen, das c wird von b her beleuchtet. Ich würde etwas ganz Unrichtiges sagen, denn die Beleuchtung von b und c hat gar nichts damit zu tun, sondern es wird von einer gemeinsamen Lichtquelle aus beleuchtet. Ich habe dieses Beispiel gebraucht, um die historischen Ereignisse zu erläutern.
[ 53 ] It is truly necessary for humanity today to break free—even in its mindset—from this terrible dogmatism that pervades so-called science today, so that things can be taken seriously. I would like to give you a concrete example. With that, I will conclude today’s reflections. In Zurich and Basel, I tried to make it clear that it is nonsense to view world-historical events in sequence as if one were emerging from the other. I said it is absurd to assume that one event follows from another simply by viewing them as emerging one after the other. This is like having a light source here that first illuminates object a, then object b, and finally object c. In my observation, I see a illuminated first, then b, then c, even though I do not perceive the light source at all. Now I would be making a mistake, wouldn’t I, if I saw a illuminated first, then b, and said that b is illuminated by a; and if I then saw c illuminated and said that c is illuminated by b. I would be saying something completely incorrect, because the illumination of b and c has nothing to do with that—rather, they are illuminated by a common light source. I used this example to explain the historical events.
[ 54 ] Nehmen Sie nun an, es würde jemand diesen Begriff, den ich damit gegeben habe, diese Idee nett finden. Es könnte sein, daß auch einmal ein auf anthroposophischem Boden gewachsener Begriff nett befunden würde. Es ist sogar in der letzten Zeit hie und da vorgekommen, daß gerade Gegner diese Begriffe genommen haben, um sie ihrerseits nun zu verwenden. Manche sind sogar Gegner geworden, weil so etwas moniert werden mußte. Also es könnte einmal sein, daß auch eine auf anthroposophischer Seite vorgebrachte Analogie nicht gerade Blödsinn wäre. Nehmen wir an, es griffe es jemand auf, aber er brächte es dann vor in einem andern Zusammenhang, als ich es vorgebracht habe; er brächte es dogmatisch vor — nicht wie ich symptomatisch —, mit einer andern Gesinnung, und ich hörte einen Vortrag, in dem er sagte: Es wird ganz falsch die Aufeinanderfolge von Ursache und Wirkung dargestellt, wenn man immerfort sagt, Wirkung b ist die Folge von Ursache a, Wirkung c die Folge von Ursache b und so weiter; denn damit begeht man denselben. Fehler, wie wenn man sagen würde, wenn das a beleuchtet wird, das b beleuchtet wird, das c beleuchtet wird, so ist das b infolge von a beleuchtet und das c infolge von b beleuchtet. Wenn ich das anhöre und das nicht in demselben Zusammenhang vorgebracht würde wie von mir in Basel und in Zürich, so würde ich dem Mann vielleicht aus seinem Zusammenhange einwenden können: Wenn die Sache aber so ist, daß a, b und c sogenannte nachleuchtende Materien sind — es gibt ja solche Materien, man exponiert sie einer Lichtquelle, da fangen sie dann selber an zu leuchten, die Lichtquelle kann entfernt sein —, wenn dann a tatsächlich, weil es nachleuchtet, das b beleuchtet, und b wiederum, weil es nachleuchtet, das c beleuchtet: nun, dann kann die Geschichte so sein, daß das b infolge von a, und das c infolge von b beleuchtet ist. Also die ganze Analogie könnte eine sehr brüchige sein, wenn sie einer vertritt, der nicht im Verlaufe seines Vortrages vorgebracht hat, daß Begriffe für die Wirklichkeit im geistigen Leben so sind wie Photographien. Wenn man von der einen Seite die PhotograPhie aufnimmt, nimmt es sich anders aus, als wenn man von der andern Seite die Photographie aufnimmt. Wenn man das nicht voraussetzt, wenn man nicht hinführt zu wirklichkeitsgemäßen Begriffen, so daß diese wirklichkeitsgemäßen Begriffe immer perspektivische Begriffe sind, dann kann man unter Umständen mit demselben, was absolut richtig ist, wenn man es perspektivisch meint, einen Unsinn sagen, sobald man es absolut sagt.
[ 54 ] Now suppose someone were to find this concept—which I have introduced here—and this idea appealing. It could be that even a concept that has grown out of anthroposophical soil might one day be found appealing. In fact, it has even happened here and there recently that opponents, of all people, have taken these terms and used them for their own purposes. Some have even become opponents precisely because such things had to be criticized. So it could well be that an analogy put forward from the anthroposophical side might not be complete nonsense after all. Let’s suppose someone were to take it up, but then present it in a different context than I did; they would present it dogmatically—not symptomatically, as I did—with a different mindset, and I heard a lecture in which they said: The sequence of cause and effect is portrayed entirely incorrectly when one constantly says that effect b is the consequence of cause a, effect c the consequence of cause b, and so on; for in doing so, one commits the same Mistake, as if one were to say: if a is illuminated, b is illuminated, and c is illuminated, then b is illuminated as a result of a and c is illuminated as a result of b. If I were to hear this and it were not presented in the same context as I did in Basel and Zurich, I might be able to object to the man, taking his argument out of context: But if the situation is such that a, b, and c are so-called afterglow materials—such materials do exist, when exposed to a light source, they begin to glow on their own, even after the light source has been removed—if a, because it afterglows, actually illuminates b, and b, in turn, because it afterglows, illuminates c: well, then it could be the case that b is illuminated as a result of a, and c is illuminated as a result of b. So the whole analogy could be a very fragile one if it is put forward by someone who has not made it clear in the course of their lecture that concepts of reality in spiritual life are like photographs. If you take a photograph from one side, it looks different than if you take it from the other side. If one does not assume this, if one does not lead up to concepts that correspond to reality—so that these reality-corresponding concepts are always perspectival concepts—then, under certain circumstances, one can say something nonsensical using the very same statement that is absolutely correct when meant in a perspectival sense, as soon as one states it absolutely.
[ 55 ] Das ist der Unterschied, ob einer von der Wirklichkeit ausgeht, oder ob einer von Begriffen ausgeht. Wenn einer von Begriffen ausgeht, so wird er immer in eine Einseitigkeit verfallen. Wenn aber einer von der Wirklichkeit ausgeht, so darf er — weil er nichts anderes kann, als Begriffe vorbringen, und jeder Begriff ist einseitig —, so darf und muß er einseitige Begriffe vorbringen, denn das ist nur ganz selbstverständlich. Also Sie sehen, es kommt auf eine vollständige Umänderung des seelischen Lebens, eine tiefgehende Umänderung des seelischen Lebens an. Daher ist es natürlich auch gar nicht schwer, zahlreiche Begriffe, die vorgebracht werden von mir, zu kritisieren. Ich weiß nicht, ob einer auf diese Kritik gerade gekommen wäre, aber ich selber komme schon auf alles dasjenige, was notwendig ist zu kritisieren.
[ 55 ] That is the difference between starting from reality and starting from concepts. If one starts from concepts, one will always fall into one-sidedness. But if one starts from reality, then—because one can do nothing other than put forward concepts, and every concept is one-sided—one may and must put forward one-sided concepts, for that is only to be expected. So you see, what matters is a complete transformation of the soul life, a profound transformation of the soul life. Therefore, it is of course not at all difficult to criticize the numerous concepts I put forward. I do not know whether anyone would have come up with this criticism on their own, but I myself already address everything that needs to be criticized.
[ 56 ] Man muß das Bewußtsein haben, wie sich die Vorstellung zu der Wirklichkeit verhält. Dann erst hat man die Möglichkeit, in die Wirklichkeit einzudringen, sonst streitet man immer über Vorstellungen. Und die ganze Welt streitet heute über Vorstellungen auf sozialem Gebiete,wenn auch diesesStreiten eben sich umgesetzt hat in äußere Taten. Und sehr häufig setzt sich das Streiten über äußere Vorstellungen in äußere Taten um. Diese Dinge führen schon in große Intimitäten hinein, Intimitäten des geistigen Lebens. Aber man muß sich solche Dinge überlegen, wenn man das Dasein verstehen will.
[ 56 ] One must be aware of how ideas relate to reality. Only then is it possible to penetrate reality; otherwise, one is always arguing about ideas. And today the whole world is arguing about ideas in the social sphere, even if this arguing has now translated into outward actions. And very often, the arguing over outward ideas translates into outward actions. These things already lead into great depths of intimacy—intimacies of spiritual life. But one must reflect on such things if one wants to understand existence.
[ 57 ] Nachdem ich Sie heute in mehr theoretischer Weise auf solche Dinge aufmerksam gemacht habe, werde ich das nächste Mal über Zeitgeschichte von diesem Standpunkte sprechen, werde zeigen, inwiefern es notwendig war, daß gewisse Ereignisse gekommen sind; aber inwiefern diese Ereignisse gar nicht notwendig waren, sondern ganz andere Ereignisse hätten kommen können. Ereignisse, unter deren katastrophaler Art wir alle leiden, hätten gar nicht zu kommen brauchen. Diese wichtige Frage wollen wir dann am nächsten Sonntag weiter besprechen.
[ 57 ] Now that I have drawn your attention to such matters in a more theoretical way today, next time I will speak about contemporary history from this perspective; I will show to what extent it was necessary for certain events to occur, but also to what extent these events were not necessary at all—and that entirely different events could have occurred instead. Events whose catastrophic nature we all suffer from need not have happened at all. Let’s continue discussing this important question next Sunday.
