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Historical Necessity and Freedom
The Influence of Fate from the World of the Dead
GA 179

22 December 1917, Dornach

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Historical Necessity and Freedom, tr. SOL
  1. Geschichtliche Notwendigkeit und Freiheit

Achter Vortrag

Eighth Lecture

[ 1 ] Es scheint, daß es gut sein könnte gerade in der Gegenwart, im gegenwärtigen Zeitpunkt unserer Betrachtung etwas zurückzublicken auf Verschiedenes, das im Laufe dieser Auseinandersetzungen durch unsere Seelen gegangen ist, zurückzublicken allerdings nicht in wiederholender Weise, sondern in orientierender Weise, wiederum von einem gewissen Gesichtspunkt aus die Dinge beleuchtend. Denn die Betrachtungen, die wir in dieser Zeit angestellt haben, und die sich in einer gewissen Art angeschlossen haben an das, was wir durch die Vorjahre vor unsere Seele haben treten lassen, sie sollen vor allen Dingen neben den positiven Mitteilungen, die sie enthalten, dazu geeignet sein, in dieser ernsten Zeit unsere Seele mit solchen Gedanken zu erfüllen, wie sie eben von der menschlichen Seele gebraucht werden in dieser Zeit, einer Zeit, von der man sagen muß, daß sie zu dem Ernstesten der weltgeschichtlichen Entwickelung gehört. Wir stehen, trotzdem wir mancherlei im Laufe der letzten Jahre mitgemacht haben, vor wahrhaftig ernsten Dingen. Und den Ernst der Zeit sollte eigentlich niemand verkennen, der nicht durch dieses Verkennen seine Seele ablenken will von vielem, das im eminentesten Sinne eben notwendig, der Menschenseele dringend notwendig ist, wenn sie einigermaßen würdig miterleben will diese gegenwärtige Zeit.

[ 1 ] It seems that it might be good, especially at this moment—at this very point in our reflection—to look back on various things that have passed through our souls in the course of these deliberations; to look back, however, not in a repetitive manner, but in a way that provides orientation, shedding light on things once again from a certain perspective. For the reflections we have made during this time—which, in a certain sense, have built upon what we have allowed to come before our souls in previous years—should, above all, in addition to the positive insights they contain, be suited, above all, to filling our souls in this grave time with the very thoughts that the human soul needs at this moment—a time that must be recognized as one of the most serious in the course of world history. Despite everything we have gone through in recent years, we are facing truly grave circumstances. And no one should fail to recognize the gravity of the times—unless they wish, through such failure to recognize it, to distract their soul from much that is, in the most eminent sense, necessary—indeed, urgently necessary—for the human soul if it is to experience the present time with any measure of dignity.

[ 2 ] Wir haben das 19. Jahrhundert und den Beginn des 20. Jahrhunderts mit den Mitteln zu charakterisieren versucht, die sich ergeben, wenn man die wichtigen, einschneidenden Ereignisse betrachtet, mit denen die Entwickelung der Menschen in diesem 19. und 20. Jahrhundert zusammenhängt. Sie werden erkannt haben, daß man vor allen Dingen, wenn man verstehen will, was das bedeutsamste Charakteristikon dieser neuesten Zeit ist, den Blick zu richten hat darauf, daß diese unsere Zeit an einer Überfülle von Intellektualität geradezu leidet. Nicht als ob damit gesagt sein sollte, daß die Menschheit in unserer Gegenwart, verglichen mit früheren Zeitaltern, ganz besonders gescheit wäre. Das ist damit nicht gemeint, sondern gemeint ist, daß die verschiedenen Seelenkräfte des Menschen in unserer Zeit alle nach der Intellektualität hinneigen. Und da wir im materialistischen Zeitalter leben, so wird die Intellektualität ausschließlich dazu verwendet, das materielle Dasein mit der Menschenseele zu durchspinnen, und umgekehrt die Menschenseele zu durchspinnen mit dem materiellen Dasein.

[ 2 ] We have attempted to characterize the 19th century and the beginning of the 20th century using the insights that emerge when one considers the important, pivotal events with which human development in the 19th and 20th centuries is connected. You will have recognized that, above all, if one wishes to understand what the most significant characteristic of this recent era is, one must focus on the fact that our time is virtually suffering from an overabundance of intellectuality. This is not to say that humanity in our present age is particularly clever compared to earlier eras. That is not what is meant; rather, it means that the various soul forces of human beings in our time all tend toward intellectuality. And since we live in a materialistic age, intellectuality is used exclusively to interweave material existence with the human soul, and conversely, to interweave the human soul with material existence.

[ 3 ] Hoch ist unsere Intellektualität im gegenwärtigen Zeitalter nicht, weil sie sich fast ausschließlich richtet auf die Zusammenstellung und Zusammenfassung, wenn ich mich pedantisch ausdrücken will, auf die Systematisierung der materiellen Dinge und materiellen Erscheinungen. Aber in einem gewissen Sinne ist diese Intellektualität alleinherrschend innerhalb der menschlichen Seele.

[ 3 ] Our intellectuality in the present age is not high, because it is directed almost exclusively toward the compilation and summarization—or, to put it pedantically, toward the systematization—of material things and material phenomena. But in a certain sense, this intellectuality reigns supreme within the human soul.

[ 4 ] Was ist das Notwendige an Seelenkraft, das in dem nächsten Zeitalter, an dessen Beginn wir stehen, zu der Intellektualität dazukommen muß? Mit Intellektuellem ist heute alles durchdrungen, wenn auch mit Intellektuellem, das ausschließlich auf den physischen Plan sich bezieht. Mit Intellektuellem ist die Wissenschaft, mit Intellektuellem ist die Kunst, mit Intellektuellem ist das menschliche soziale Denken durchdrungen. Was dazukommen muß, das ist etwas, was, wirklich verstanden, gar nicht intellektuell sein kann. Und was gar nicht intellektuell sein kann, wenn es wirklich verstanden wird, wenn es in das menschliche Bewußtsein aufgenommen wird, das ist der menschliche Wille, der so von der Liebe durchdrungene menschliche Wille, wie ich versucht habe, den menschlichen Willen im Zusammenhange mit dem Impuls der Liebe zu charakterisieren in meiner «Philosophie der Freiheit». Der menschliche Wille äußert sich entweder in den unterbewußten Realitäten der Triebe, der Begierden, seien sie egoistische einzelne Begierden, seien sie soziale Begierden, seien sie politische Aspirationen, all dieses bleibt unbewußt oder unterbewußt. Wird aber der Wille wirklich heraufgehoben in das Bewußtsein, wird dasjenige, was sonst von den Willensimpulsen verschlafen wird, oder höchstens verträumt wird, wie die letzten Betrachtungen gezeigt haben, wird das heraufgehoben in die Sphäre des Bewußtseins, dann kann diese Anschauung des Willens nicht mehr materialistisch sein. Wir finden in unserer Zeit für jeden wirklich spirituell die Welt durchschauenden Menschen ein beweisendes Symptom dafür, daß, was Wille ist, in unserer Zeit nicht erfaßt wird. Und dieses Symptom ist, daß überhaupt in einer solchen Weise, wie es der Fall ist, die Frage aufgeworfen werden kann von denjenigen Geistern, die sich selber als die bedeutendsten in unserer Zeit gelten: ob es überhaupt eine menschliche Freiheit gäbe oder nicht.

[ 4 ] What is the essential quality of the soul’s power that must be added to intellectuality in the coming age, at the dawn of which we now stand? Today, everything is permeated by the intellectual, even if it is an intellectuality that relates exclusively to the physical plane. Science is permeated by the intellectual, art is permeated by the intellectual, and human social thinking is permeated by the intellectual. What must be added is something that, when truly understood, cannot be intellectual at all. And what cannot be intellectual at all, when it is truly understood, when it is taken up into human consciousness—that is the human will, the human will so imbued with love, as I have attempted to characterize the human will in connection with the impulse of love in my Philosophy of Freedom. The human will expresses itself either in the subconscious realities of the drives and desires—whether they be selfish individual desires, social desires, or political aspirations—all of which remain unconscious or subconscious. But if the will is truly raised into consciousness—if that which is otherwise overlooked by the impulses of the will, or at most merely daydreamed about, as the preceding considerations have shown, is raised into the sphere of consciousness—then this view of the will can no longer be materialistic. In our time, we find a telling symptom for every person who truly perceives the world spiritually: that what will is, is not grasped in our time. And this symptom is that, in the way it actually occurs, the question can be raised by those minds who consider themselves the most significant of our time: whether human freedom exists at all or not.

[ 5 ] Diese Frage, ob es überhaupt eine menschliche Freiheit gibt oder nicht, beweist, wenn sie aufgeworfen wird, eine unspirituelle Denkungsart. Vom spirituellen Gesichtspunkt aus muß man sich zu der Frage der Freiheit in ganz anderer Weise verhalten. Da muß man sich so dazu verhalten, daß man weiß: Derjenige, der überhaupt zweifeln kann an der Tatsache der menschlichen Freiheit, versteht den menschlichen Willen nicht. Wo immer Zweifel auftreten an der menschlichen Freiheit, da ist dieses Vorhandensein des Zweifels ein Beweis dafür, daß der Betreffende keine Ahnung hat von der wirklichen Realität des menschlichen Willens. Denn sobald man den Willen erkennt, erkennt man auch das selbstverständliche Korrelat des Willens, erkennt man den Impuls der menschlichen Freiheit.

[ 5 ] This question—whether human freedom exists at all or not—reveals, when raised, an unspiritual way of thinking. From a spiritual point of view, one must approach the question of freedom in an entirely different way. One must approach it with the understanding that anyone who can even doubt the fact of human freedom does not understand the human will. Wherever doubts arise regarding human freedom, the very existence of these doubts is proof that the person in question has no idea of the true reality of the human will. For as soon as one recognizes the will, one also recognizes the self-evident correlate of the will—one recognizes the impulse of human freedom.

[ 6 ] Allerdings, in unserer Zeit wird über Freiheit und Notwendigkeit so gesprochen, daß in dem Sprechen deutlich erkennbar ist dasjenige, was ich Ihnen das letzte Mal dargelegt habe in dem trivialen Vergleich mit dem Kürbis und der Flasche. Ich sagte, wenn man aus einem Kürbis eine Flasche macht, so kann einer sagen: Das ist ein Kürbis — und der andere kann sagen: Das ist eine Flasche. — So streiten sich die Menschen heute über Freiheit und Notwendigkeit des menschlichen Handelns, und das, was sie vorzubringen wissen, ist in der Regel so viel wert, als wenn der eine steif und fest behauptet, das sei ein Kürbis, und der andere steif und fest behauptet, das sei eine Flasche. Es ist eben ein Kürbis, der eine Flasche geworden ist!

[ 6 ] However, in our time, people speak of freedom and necessity in such a way that what I explained to you last time—using the trivial comparison of the pumpkin and the bottle—is clearly evident in their speech. I said that if you turn a pumpkin into a bottle, one person might say, “That’s a pumpkin”—and another might say, “That’s a bottle.” — This is how people today argue about the freedom and necessity of human action, and what they have to say is generally worth no more than if one person stubbornly insists that it is a pumpkin, and another stubbornly insists that it is a bottle. It is simply a pumpkin that has become a bottle!

[ 7 ] Dies ist das Wichtige und Wesentliche, daß die Menschen in ihr Bewußtsein wiederum aufnehmen die Kraft des Willens. Sobald man von Weltenwille redet, redet man auch von dem, was real waltet in dem Weltenwillen: von der Weltenliebe. Von ihr allerdings braucht wenig geredet zu werden, denn sie waltet dann, wenn der Wille wirklich vorhanden ist. Und viel bedeutungsvoller ist es, von den einzelnen konkreten Impulsen des Willens, die notwendig sind in unserer Zeit, zu reden, als sich in sentimentalen Allgemeinheiten zu ergehen über Liebe und Liebe und Liebe.

[ 7 ] This is what is important and essential: that people once again take the power of the will into their consciousness. As soon as one speaks of the World Will, one is also speaking of what truly reigns within the World Will: World Love. There is little need to speak of it, however, for it prevails whenever the will is truly present. And it is far more meaningful to speak of the individual, concrete impulses of the will that are necessary in our time than to indulge in sentimental generalities about love, love, and love.

[ 8 ] Aber die Dinge müssen so angeschaut werden, daß im Anschauen wirklicher Mut zur Erkenntnis liegt und auch wirkliche Tatkraft zur Erkenntnis. Denn Erkenntnis der völligen, ganzen Menschennatur ist unserer Zeit notwendig. Und unsere Zeit muß beginnen, die Frage aufzuwerfen als eine Menschenschicksalsfrage: Wie muß sich die Anschauung gegenüber dem Menschenwesen gestalten, wenn man in Frage zieht, daß so, wie wir es in diesen Betrachtungen vor unsere Seele hingeführt haben, die Sphäre der sogenannten Lebendigen und die Sphäre der sogenannten Toten eine ist, daß wir im Grunde genommen unter Lebendigen nur leben mit unserer Sinneswahrnehmung und unserem Intellekt, daß wir aber, insoferne wir fühlende und wollende Wesen sind, in derselben Welt leben, in der die Toten auch leben. Und anschließen muß sich an das, was an inneren Seelenimpulsen bei dieser Erkenntnisfrage mitwirkt, ein wirklicher Wille, das Leben des Menschen konkret zu verstehen, auch wie es verläuft zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Denn ohne das Verständnis für dieses leiblose Leben des Menschen ist auch ein wirkliches Verständnis nicht möglich für das Dasein des Menschen innerhalb des physischen Leibes, namentlich nicht möglich ein Verständnis für die Aufgabe des Menschen innerhalb des physischen Leibes.

[ 8 ] But we must view things in such a way that this very act of viewing embodies true courage for knowledge and also true energy for knowledge. For knowledge of the complete, whole human nature is necessary in our time. And our time must begin to raise this question as one that concerns the destiny of humanity: How must our view of the human being be shaped if we question the idea—as we have brought before our souls in these reflections—that the sphere of the so-called living and the sphere of the so-called dead are one and the same; that, fundamentally speaking, we live among the living only through our sensory perception and our intellect; but that, insofar as we are feeling and willing beings, live in the same world in which the dead also live. And what contributes to this question of knowledge through inner soul impulses must be followed by a genuine will to understand human life concretely, including how it unfolds between death and a new birth. For without an understanding of this disembodied life of the human being, a true understanding of human existence within the physical body is also impossible—and, in particular, an understanding of the human being’s task within the physical body is impossible.

[ 9 ] Gewissermaßen abstrakt gesprochen: Es ist der gegenwärtigen Menschheit notwendig, die inneren Impulse des Zeitgeistes, jenes Zeitgeistes, der im engeren Sinne seit dem Jahre 1879 waltet, im weiteren Sinne schon waltet seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, wirklich in sich aufzunehmen, mit den Impulsen dieses Zeitgeistes sich bekanntzumachen. Davon haben viele Menschen — wenigstens von dem, was eigentlich mit dem eben ausgesprochenen Worte gemeint ist —, haben die meisten Menschen der Gegenwart kaum die allerspärlichste Ahnung. Ich habe es oft in diesen Betrachtungen gesagt: Das, was unserer Jugend — unserer jüngeren Jugend und unserer älteren Jugend — als sogenannte Geschichte mitgeteilt wird, ist zumeist auf der einen Seite Fable convenue, auf der andern Seite vielfach wertloses Zeug. Soll wirkliche Geschichte entstehen, dann muß erst durchschaut werden das, was die Impulse der letzten Jahrhunderte waren und was in diesen Impulsen sich gerade in unserem Zeitalter ändern muß. Man hat heute kaum eine Ahnung davon, welcher gewaltige Umschwung im menschlichen Denken und Fühlen eingetreten ist mit dem Beginne des fünften nachatlantischen Zeitraums, mit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Das unsinnigste Wort in bezug auf die Entwickelung gilt ja vielen Leuten heute als ein Geleitwort. Dieses unsinnige Wort ist: Die Natur macht keine Sprünge. — So wie die Natur ihren gewaltigen Sprung macht von dem grünen Laubblatt zu dem farbigen Blumenblatt, so macht die Natur ihre Sprünge überall. Und es ist nicht ein allgemeiner Übergang gewesen aus dem vierten nachatlantischen Zeitraum zu der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, zu dem fünften nachatlantischen Zeitraum, angefangen von der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, sondern es ist ein gewaltiger Umschwung dagewesen. Orientieren kann man sich nur, wenn man wenigstens einigermaßen vergleichen kann das, was die paar Jahrhunderte des fünften nachatlantischen Zeitraums bisher gebracht haben, mit dem, was vorangegangen ist; denn beide Dinge sind voneinander grundverschieden. Von einem gewissen Gesichtspunkte aus möchte ich Ihren Geistesblick heute auf diese Angelegenheit lenken.

[ 9 ] Speaking in somewhat abstract terms: It is necessary for present-day humanity to truly take in the inner impulses of the spirit of the age—that spirit of the age which, in the narrower sense, has prevailed since 1879, and in the broader sense has prevailed since the middle of the 15th century—and to familiarize itself with the impulses of this spirit of the age. Most people today have hardly the faintest inkling of this—at least of what is actually meant by the term just mentioned. I have often said in these reflections: What is taught to our youth—our younger and older youth—as so-called history is, for the most part, on the one hand, conventional fable, and on the other, often worthless drivel. If true history is to emerge, we must first understand what the driving forces of the past centuries were and what, within these forces, must change specifically in our own age. Today, people have scarcely any inkling of the tremendous upheaval that has taken place in human thought and feeling with the beginning of the fifth post-Atlantean epoch, in the middle of the 15th century. The most nonsensical statement regarding evolution is, in fact, regarded by many people today as a guiding principle. This nonsensical statement is: “Nature does not make leaps.” — Just as nature makes its tremendous leap from the green leaf to the colorful flower petal, so nature makes leaps everywhere. And there was not a gradual transition from the fourth post-Atlantean epoch to the first half of the 15th century, to the fifth post-Atlantean epoch, which began in the second half of the 15th century; rather, there was a tremendous upheaval. One can only find one’s bearings if one is able, at least to some extent, to compare what the few centuries of the fifth post-Atlantean epoch have brought so far with what preceded it; for the two are fundamentally different from one another. From a certain point of view, I would like to direct your spiritual gaze to this matter today.

[ 10 ] Hat man sich bekanntgemacht mit dem, was man lernen kann aus dem heutigen Inhalt der Wissenschaft, dem heutigen Inhalt der Menschenbildung — falls man das törichte Wort «Bildung» gebrauchen darf —, hat man sich aus dem heraus heute vorbereitet und nimmt dann Schriften noch aus dem 15. Jahrhundert in die Hand, so versteht man sie gerade dann nicht, wenn man ein besonders gelehrter Kopf der heutigen Zeit ist.

[ 10 ] Once one has familiarized oneself with what can be learned from the current state of science and the current state of human education—if one may use the foolish word “education”—and has prepared oneself accordingly, and then picks up writings from as far back as the 15th century, one fails to understand them precisely because one is a particularly learned mind of the present day.

[ 11 ] Nun müssen Sie mich nicht mißverstehen. Ich kann nach allen Voraussetzungen unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft keineswegs dafür sein, daß alte Dinge aufgewärmt werden. Jenes Gerede, das so vielfach durch die Welt heute geht von der Notwendigkeit der Aufwärmung aller möglichen alten Schmöker und aller möglichen alten Anschauungen, das kann nicht etwa auch auf dem Felde unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft getrieben werden, weil diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft aus dem unmittelbaren Geistesleben selbst heraus dasjenige zu schöpfen hat, was sich gerade für die Gegenwart zu offenbaren hat, und weil sich in unserer Zeit für den Empfangenden Bedeutsames offenbart. Aber klarmachen kann man sich manches, wenn man den Blick hinrichtet auf die Art, wie heute gerade ein recht gelehrter Kopf sich verhalten kann zu den Dingen, die als Weisheitsgut erhalten sind — wir brauchen gar nicht weiter zurückzugehen, sagen wir als ins 14., 15. Jahrhundert. Wenn heute ein recht gelehrter Kopf zum Beispiel in die Hand nimmt die Werke des sogenannten Basilius Valentinus, des berühmten Adepten aus dem 15. Jahrhundert, so weiß er gar nichts mit ihnen anzufangen. Was man heute gewöhnlich erfährt, wenn Leute so etwas wie den Basilius Valentinus in die Hand nehmen — es könnten auch andere sein, aber ich führe ihn an, weil er der berühmteste Adept des 15. Jahrhunderts ist —, das ist so, daß sie entweder Unsinn reden, dilettantisches Zeug, indem sie sich vollpfropfen mit dem, was doch nicht verstanden werden kann, aber an das Unverstandene glauben, oder aber daß sie als gelehrte Knöpfe allerlei Unsinn reden, impotentes Zeug reden über das, was ihnen aus Basilius Valentinus entgegenströmt.

[ 11 ] Now, please don’t misunderstand me. Given all the principles of our anthroposophically oriented spiritual science, I am by no means in favor of rehashing old ideas. All that talk circulating so widely in the world today about the need to rehash all sorts of old tomes and all sorts of old views— cannot be applied to the field of our anthroposophically oriented spiritual science, because this anthroposophically oriented spiritual science must draw from the immediate spiritual life itself that which is meant to be revealed specifically for the present, and because what is significant for the recipient is being revealed in our time. But one can gain some clarity by observing the way in which even a highly learned mind today might approach the things that have been preserved as a treasure of wisdom—we need not go back any further than, say, the 14th or 15th centuries. If, for example, a highly learned mind today picks up the works of the so-called Basilius Valentinus, the famous adept from the 15th century, he has absolutely no idea what to make of them. What one usually observes today when people pick up something like the works of Basilius Valentinus—it could be others as well, but I cite him because he is the most famous adept of the 15th century—is that they either spout nonsense, amateurish drivel, by stuffing themselves full of what cannot actually be understood, but believe in what they do not understand, or else, as learned pedants, they spout all sorts of nonsense, impotent drivel about what flows toward them from Basilius Valentinus.

[ 12 ] Liest man mit Kennerblick, mit wirklichem spirituellem Kennerblick so etwas wie den Basilius Valentinus, dann kommt man sehr bald darauf, daß in diesem Basilius Valentinus eine Weisheit enthalten ist, die allerdings unbrauchbar ist für die Menschen der Gegenwart, welche eben die landläufigen Interessen der Gegenwart haben, daß aber in diesem Basilius Valentinus um so mehr Weisheit von der Art ist, wie sie auftritt, wenn man sich in Verbindung bringen kann mit den Seelen, welche ihr Dasein haben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Man kann sagen, was den Menschen gegenwärtig unnötig erscheint, diese Weisheit, wie sie in Basilius Valentinus steht, die haben um so mehr diejenigen Menschen nötig, welche zwischen dem Tod und einer neuen Geburt leben. Auch diese brauchen nicht den Basilius Valentinus zu studieren, denn wir haben in der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft etwas, was die Sprache spricht, die gemeinsam für die sogenannten Lebenden und für die sogenannten Toten ist. Es genügt das, was die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gibt, um in der uns bekannten Weise auch mit den Toten zu reden. Aber gewissermaßen als eine historische Tatsache führe ich es an, daß die Art, wie der Tote aufnimmt das, was Weltenwissen ist, eine gewisse Verwandtschaft hat mit dem, was solche Schriften wie die des Basilius Valentinus bringen. Denn Basilius Valentinus redet von allerlei chemischen Verrichtungen, redet scheinbar von demjenigen, was man mit Metall und andern Stoffen in Retorten und Schmelztiegeln unternimmt. In Wirklichkeit redet er von demjenigen Wissen, das sich die Toten aneignen müssen, wenn sie ihre Verrichtungen pflegen wollen in jenem untersten Reiche, von dem ich gesprochen habe, das also das unterste Reich eben für sie ist, in dem tierischen Reiche. Er redet von dem, was man zu kennen hat von jenen Impulsen, die aus der geistigen Welt heraus kommen, um den Mikrokosmos selbst aus dem Makrokosmos heraus zu begreifen. Dies ist ja die Erkenntnistätigkeit der Seele zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, die aber heute nur richtig verrichtet werden kann, wenn sie vorbereitet wird zwischen der Geburt und dem Tode. Das war als ein atavistisches Erbgut, als ein uraltes Weisheitserbe noch bis ins 15. Jahrhundert vorhanden. Und Basilius Valentinus redet von diesem uralten Weisheitserbe, redet von den Geheimnissen, wie der Mensch zusammenhängt mit dem Makrokosmos, redet wirkliche, göttliche Weisheit — in Imaginationen, wie wir heute sagen würden.

[ 12 ] If one reads someone like Basilius Valentinus with the discerning eye of a connoisseur—with a truly spiritual discerning eye— one very soon realizes that Basilius Valentinus contains a wisdom that is, admittedly, of no use to people of the present, who are preoccupied with the common concerns of the present; yet this very Basilius Valentinus contains all the more wisdom of the kind that emerges when one is able to connect with the souls who exist between death and a new birth. One might say that what currently seems unnecessary to people—this wisdom as it appears in Basilius Valentinus—is all the more necessary for those who live between death and a new birth. Nor do they need to study Basilius Valentinus, for in anthroposophically oriented spiritual science we have something that speaks the language common to both the so-called living and the so-called dead. What anthroposophically oriented spiritual science offers is sufficient to speak with the dead in the manner familiar to us. But I mention this, in a sense, as a historical fact: the way in which the dead receive what is known as “world knowledge” bears a certain resemblance to what is conveyed in writings such as those of Basilius Valentinus. For Basilius Valentinus speaks of all manner of chemical processes, seemingly referring to what is done with metals and other substances in retorts and crucibles. In reality, he speaks of the knowledge that the dead must acquire if they are to carry out their tasks in that lowest realm of which I have spoken—the realm that is, in fact, the lowest realm for them: the animal realm. He speaks of what one must know about those impulses that emerge from the spiritual world in order to comprehend the microcosm itself as emerging from the macrocosm. This is, after all, the soul’s cognitive activity between death and a new birth, which today, however, can only be properly carried out if it is prepared for between birth and death. This existed as an atavistic legacy, as an ancient heritage of wisdom, right up until the 15th century. And Basilius Valentinus speaks of this ancient heritage of wisdom, speaks of the mysteries of how the human being is connected to the macrocosm, speaks of true, divine wisdom—in imaginations, as we would say today.

[ 13 ] Diese Art sich zu dem Kosmos zu verhalten im Erkennen, ist im Laufe der letzten Jahrhunderte verschwunden. Sie muß wieder erworben werden — auf eine geistigere Weise, als sie vor dem 15. Jahrhundert vorhanden war, muß sie wiederum erworben werden. Denn sie muß geübt werden sowohl in der Wissenschaft wie auch in dem sozialpolitischen Leben. Ein Heil ist der Menschheit nur möglich, wenn solche Ziele verfolgt werden. Und das muß erkannt werden, daß der Menschheit ein Heil nur unter dem Einfluß solcher Ziele möglich ist.

[ 13 ] This way of relating to the cosmos through knowledge has disappeared over the course of the last few centuries. It must be regained—in a more spiritual way than it existed before the 15th century, it must be regained once more. For it must be practiced both in science and in socio-political life. Salvation for humanity is possible only if such goals are pursued. And it must be recognized that salvation for humanity is possible only under the influence of such goals.

[ 14 ] Ein gewissermaßen Uroffenbarung zu nennendes, uraltes Erbgut ging durch die Jahrhunderte herunter. Im materialistischen fünften nachatlantischen Zeitalter verlor sie sich. Erworben muß sie wiederum in neuer Weise werden. Erworben kann sie nur werden, wenn der Mensch sie erwirbt, wie wir oft und oft auseinandergesetzt haben, indem er sich durchdringt, aber tätig, willentlich durchdringt mit dem Paulinischen «Nicht ich, sondern der Christus in mir», wenn er aufruft diejenigen Kräfte, die ausgehen von dem Mysterium von Golgatha, um nach der Aufnahme der Mysterienkräfte von Golgatha in seine eigene Seele, mit diesen Kräften nunmehr im Weltenall zu forschen. Und so nur können wir uns zusammenfinden mit den Toten, die unter uns walten. Sonst werden wir getrennt sein von ihnen, aus dem einfachen Grunde, weil nimmermehr derjenige Plan der Welt, den wir nur begreifen mit der Vorstellung und der Sinnesempfindung, uns mit den Toten in irgendeine Beziehung bringen kann.

[ 14 ] An ancient legacy—which could, in a sense, be called a primordial revelation—was passed down through the centuries. It was lost in the materialistic fifth post-Atlantean epoch. It must be regained in a new way. It can only be regained, as we have explained time and again, when a person, by actively and consciously permeating themselves with the Pauline “Not I, but Christ in me,” but actively and willingly, with the Pauline “Not I, but Christ in me,” when he calls upon those forces that emanate from the Mystery of Golgotha, so that, after receiving the mystery forces of Golgotha into his own soul, he may now explore the universe with these forces. And only in this way can we unite with the dead who reign among us. Otherwise, we will be separated from them, for the simple reason that the plan of the world—which we can grasp only through imagination and sensory perception—can never bring us into any relationship with the dead.

[ 15 ] Aber wie gesagt, gerade der gelehrte Kopf der Gegenwart, wie steht er vor dieser alten Weisheit? So etwa, wie jener Gelehrte, der die Worte gesprochen hat: «Die letzte und wichtigste Operation» von Basilius Valentinus «ist die zehn Monate hindurch allmählich gesteigerte Erhitzung des philosophischen Quecksilbers und Goldes im «philosophischen Ofen», wodurch der «schwarze Rabe den «Pfaw und dieser den weißen Schwan» gebärt, der wieder den «Vogel Phönix mit seinen Jungem erzeugt. Dieser aber (eine rote Substanz) ist der Stein der Weisen, der sich bis zur Unendlichkeit vermehren kann. Man vermag leider nicht» — sagt der moderne wissenschaftliche Kopf —, «man vermag leider nicht zu begreifen, wie jemand, und wäre es der geschickteste und begeistertste Adept (so wurden die Männer genannt, die das Geheimnis des Steines der Weisen besaßen) solchen Vorschriften folgen könnte.»

[ 15 ] But as I said, how does the learned mind of our time view this ancient wisdom? Much like that scholar who spoke these words: “The final and most important operation” by Basilius Valentinus “is the gradual heating of the philosophical mercury and gold over the course of ten months in the ‘philosophical furnace,’ whereby the ‘black raven’ gives birth to the ‘peacock,’ and the peacock in turn gives birth to the ‘white swan,’ which in turn produces the ‘phoenix’ with its young. This, however (a red substance), is the Philosopher’s Stone, which can multiply to infinity. “Unfortunately, one cannot”—says the modern scientific mind—“unfortunately, one cannot comprehend how anyone, even the most skilled and enthusiastic adept (as the men who possessed the secret of the Philosopher’s Stone were called), could follow such instructions.”

[ 16 ] So Theodor Svedberg in Uppsala, der ein Buch über diese Dinge von dem wissenschaftlichen Standpunkt der Gegenwart geschrieben hat und der in dieser Beziehung nur der Repräsentant all der gelehrten Köpfe ist, die eben sagen müssen: Man vermag leider nicht zu begreifen. — Es ist noch das beste, wenn sie das sagen: Man vermag leider nicht zu begreifen. — Für sie alle hat Basilius Valentinus schon die nötigen abfertigenden Worte selbst hingeschrieben, indem er in seinen «Zwölf Schlüsseln zum Weltenall und dessen Verständnis» schreibt: «Verstehest du jetzt», was ich rede, so hast du mit dem Schlüssel das erste Schloß eröffnet und den Riegel des Anlaufs zurückgetrieben. Kannst du aber noch kein Licht drinnen ergründen, so wird dich auch kein gläsern Gesichte befördern, noch natürliche Augen vermögen zu helfen, das Letzte zu finden, das du im Anfange gemangelt hast. Dann will ich nicht ferner reden von diesem Schlüssel, wie mich Lucius Papirius gelehret hat.»

[ 16 ] So says Theodor Svedberg in Uppsala, who has written a book on these matters from the scientific standpoint of the present day and who, in this regard, is merely the representative of all those learned minds who simply have to say: “Unfortunately, one cannot comprehend.” — It is still best when they say: ‘Unfortunately, we cannot comprehend.’ — For all of them, Basilius Valentinus has already written down the necessary dismissive words himself, stating in his Twelve Keys to the Universe and Its Understanding: ‘If you now understand’ what I am saying, then you have opened the first lock with the key and pushed back the bolt of the threshold. But if you still cannot fathom the light within, then no glass vision will guide you, nor will natural eyes be able to help you find what you lacked at the beginning. Then I will say no more about this key, as Lucius Papirius has taught me.”

[ 17 ] So spricht Basilius Valentinus schon zu all den Nachfahren, die dem alten Weisheitsgut gegenüber höchstens die Worte haben: Man vermag leider nicht zu begreifen. — Aber diese Menschen der Gegenwart haben ja auch etwas anderes zu tun, als das Geistige zu begreifen! Diese Menschen der Gegenwart müssen sich mit allerlei andern Dingen befassen; und wenn vom Geiste irgendwie die Rede ist, so müssen sie sich vor allen Dingen damit befassen, dieses Reden vom Geiste zu verleumden. Und ungeheuer viel Zeit wird heute aufgebraucht dazu, das Reden vom Geiste zu verleumden.

[ 17 ] Thus speaks Basilius Valentinus to all those descendants who, when faced with the ancient heritage of wisdom, can offer nothing more than the words: “Unfortunately, we are unable to comprehend it.” — But these people of the present do, after all, have other things to do than to comprehend the spiritual! These people of the present must concern themselves with all sorts of other things; and whenever the spirit is mentioned in any way, they must, above all, set about slandering this talk of the spirit. And an enormous amount of time is spent today on slandering this talk of the spirit.

[ 18 ] Zu dem Berliner Unsinn des Max Dessoir kann noch hinzugefügt werden — ich habe das Geschreibsel noch nicht selbst lesen können, aber es ist mir einiges erzählt worden — das holländische Konterfei des Philosophen Bolland, der sich ja einige Verdienste für die philosophische Entwickelung dadurch erworben hat, daß er durch sein Nachreden Hartmannscher und Hegelscher Brocken die philosophische Jugend Hollands in Begeisterung versetzt hat, aber auch, wie es scheint, nicht umhin konnte, in der letzten Zeit seine philosophische Unproduktivität dazu zu verwenden, unsere Geisteswissenschaft durch allerlei unwahres Zeug zu verleumden.

[ 18 ] One might add to Max Dessoir’s Berlin nonsense—I have not yet been able to read the drivel myself, but I have been told quite a bit about it—the Dutch portrait of the philosopher Bolland, who, after all, has rendered some service to the development of philosophy by stirring up enthusiasm among the philosophical youth of Holland through his regurgitation of bits and pieces from Hartmann and Hegel, but who, it seems, has also been unable to resist using his recent philosophical unproductivity to slander our spiritual science with all sorts of untrue nonsense.

[ 19 ] Das muß immer wieder und wiederum hervorgehoben werden, denn es gehört schon zum wirklichen Aufnehmen der Geisteswissenschaft in unsere Seele auch die Aufmerksamkeit auf die Art und Weise, wie die Gegenwart in ihrer geisteswissenschaftlichen Impotenz sich verhält zu dem, was der Menschheit notwendig ist.

[ 19 ] This must be emphasized again and again, for a true assimilation of spiritual science into our souls also involves paying attention to the way in which the present, in its spiritual-scientific impotence, relates to what humanity needs.

[ 20 ] Diese gegenwärtige Wissenschaft — ich spreche da nicht von der äußeren Wissenschaft, die ich, wie Sie wissen, voll anerkenne, wenn ich auch nicht jedem Naturforscher nachlaufe —, aber das, was vielfach sich Philosophie und dergleichen nennt, ist in der Gegenwart nicht viel mehr als abstraktes Gerede, welches in der völligen Verwirrung über die Begriffe von Kürbis und Flasche geführt wird. Leider geschieht es bei uns auch noch viel zu häufig, daß wir immer wieder und wieder auf das unsinnige Gerede namentlich der gegenwärtigen Philosophen hineinfallen und sogar zuweilen froh sind, wenn da oder dort irgendein philosophischer Knopf dies oder jenes, sagen wir, nicht zu tadeln findet an dem, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft will. Als ob das nicht, wenn er es nicht zu tadeln findet, mindestens seine Pflicht und Schuldigkeit wäre! Wir brauchen uns gar nicht zu freuen, so wie es viele unter uns tun, wenn von dieser oder jener Seite einmal auch ein lobendes Wörtchen abfällt. Auch diese lobenden Wörtchen sind ja zumeist nicht gerade von einem großen Verständnisse getragen. Aber wir müssen uns gefaßt machen darauf, daß solche Verleumder von der Sorte Dessoirs oder Bollands immer wieder und wieder auftreten werden, und daß sie sich in der nächsten Zeit gar sich vermehren werden. Denn sie müssen sich doch mit etwas beschäftigen, diese Leute! Und da sie viel zu bequem sind, einzugehen auf das, was aus der geistigen Welt zum Heile der Menschheit im gegenwärtigen Zeitalter geholt werden muß, so müssen sie sich damit beschäftigen, das, was geholt wird, zu verleumden.

[ 20 ] This contemporary science—I am not speaking here of the external science, which, as you know, I fully acknowledge, even if I do not follow every natural scientist—but what is often called philosophy and the like is, at present, little more than abstract talk conducted amid complete confusion regarding the concepts of a pumpkin and a bottle. Unfortunately, it still happens far too often among us that we fall for the nonsensical talk—particularly that of contemporary philosophers—time and time again, and are even sometimes pleased when, here and there, some philosophical figure finds, let’s say, nothing to criticize in what anthroposophically oriented spiritual science seeks to achieve. As if, even if he finds nothing to criticize, it were not at least his duty and obligation to do so! We need not rejoice at all, as many among us do, when a word of praise happens to be uttered from this or that quarter. Even these words of praise are, for the most part, not exactly borne of great understanding. But we must prepare ourselves for the fact that such slanderers of the Dessoirs or Bollands variety will appear again and again, and that their numbers will even increase in the near future. After all, these people have to occupy themselves with something! And since they are far too lazy to engage with what must be brought from the spiritual world for the salvation of humanity in the present age, they must occupy themselves with slandering what is being brought.

[ 21 ] Basilius Valentinus, sagte ich, bot noch ein uraltes, atavistisch überkommenes Erbgut, eine Wissenschaft von der Art, wie der Mensch herausgeschaffen wird aus dem kosmischen All, wie sie vor allen Dingen die Wissenschaft der vom Leibe befreiten Seele ist, wie aber auch sein muß die Wissenschaft, die mitwirken will bei allem, was nicht bloß äußere Natur ist. Gefördert kann diese Wissenschaft nur werden, wenn zu dem reinen, und zwar materialistisch orientierten intellektuellen Elemente der Neuzeit die Erkenntnis des Willens aufgenommen wird, des Willens, der, wenn er als Wille wirklich erkannt wird, nur in seiner spirituellen Natur erkannt werden kann, weil er nur spirituell sich äußert in dem gegenwärtigen Entwickelungsstadium der Menschheit. Ein nicht feiges Heraufholen der Lebensimpulse aus der Sphäre des Willens, das ist das, was der Gegenwart so sehr mangelt. Die Gegenwart will vor allen Dingen reden, reden! Das ist gut, aber nur auf Grundlage eines wirklichen Erkennens. Nicht das letztere will die Gegenwart — reden will jeder, reden will jeder, auch auf nichtige Voraussetzungen hin. Und wir haben ja gesehen, daß in diesem Unberücksichtigtlassen des spirituellen Elementes in der Welt gerade das Unglück unseres Zeitalters liegt. Man meint es in der Gegenwart nur dann ehrlich mit der Entwickelung der Menschheit, wenn man sich wirklich einlassen will auf die Ergründung derjenigen Willensimpulse, die notwendig sind, um die Wogen der Menschheitsentwickelung weiterzutreiben.

[ 21 ] Basilius Valentinus, I said, offered an ancient, atavistically inherited legacy—a science of how the human being is fashioned from the cosmic whole, a science that is, above all, the science of the soul liberated from the body, but which must also be the science that seeks to participate in everything that is not merely external nature. This science can only be advanced if the recognition of the will is incorporated into the pure—and indeed materialistically oriented—intellectual elements of the modern age; a will that, when truly recognized as will, can only be recognized in its spiritual nature, because it expresses itself only spiritually at the present stage of humanity’s development. A fearless drawing upon the life impulses from the sphere of the will—that is what is so sorely lacking in the present day. The present day wants, above all else, to talk, talk! That is good, but only on the basis of true knowledge. It is not the latter that the present day wants—everyone wants to talk, everyone wants to talk, even on the basis of trivial premises. And we have seen, after all, that the very misfortune of our age lies in this failure to take the spiritual element into account in the world. In the present day, one is sincere about the development of humanity only when one is truly willing to engage in the exploration of those impulses of will that are necessary to propel the waves of human development forward.

[ 22 ] Selbstverständlich müssen diese Dinge nicht persönlich genommen werden. An diesem oder jenem Platz des Lebens kann selbstverständlich jeder sagen: Ja, was soll ich tun? — Ganz gewiß, das kann auch niemals die Anforderung sein, daß wir heute begreifen, was wir tun sollen, um morgen irgendwie die ersten Schritte zu tun, um irgend etwas Weltepochemachendes zu unternehmen. Was wir zu unternehmen haben, wird uns das Karma schon bringen. Was wir aber zu tun haben, das ist: die Augen — ich meine die Augen der Seele — aufzumachen, um wirklich zu erkennen, um wirklich die Zeit zu durchschauen. Das, was wir zu tun haben, ist: diese Zeit nicht zu verschlafen, sondern hineinzuschauen in das, was geschieht! Was der Materialismus des fünften nachatlantischen Zeitraumes den Menschen genommen hat, notwendig nehmen mußte, weil sich die Menschen zunächst rein persönlich orientieren mußten, das sind umfassende Ideen, wie sie gerade die Ausflüsse des Zeitgeistes sind, das sind umfassende Ideen, die wir gemeinsam haben können mit den sogenannten Toten. Das intellektualistische Zeug, das in unserer Zeit so groß geworden ist, hat nicht nur die Menschenseelen ergriffen, das hat deshalb auch ergriffen die soziale und geschichtliche Entwickelung des Zeitalters selbst. Der Mensch hat vor der Notwendigkeit der Geschichte — mit einem gewissen Recht, denn an diesen Dingen soll nicht Kritik geübt werden, sondern sie sollen charakterisiert werden —, der Mensch hat mit einem gewissen Recht manches von dem, was er früher aus seiner Menschheitsinitiative heraus, ich meine auch aus der organischen Menschheitsinitiative heraus verrichtet hat, an die Maschine abgegeben. Das materialistische Zeitalter ist ja zu gleicher Zeit das Maschinenzeitalter. Und dieses Maschinenzeitalter formt mit den Maschinen nicht nur dasjenige, was es zum gewöhnlichen Leben braucht, sondern der Krieg selbst ist zur Pflege einer großen Maschinerie geworden. Es konnte nicht anders kommen, denn die Menschheit hat im Laufe der letzten Jahrhunderte nicht nur eine gewisse Menschheitsschicht ausgebildet, sondern innerhalb dieser Menschheitsschicht auch Anschauungen kultiviert, die vor allen Dingen darauf bedacht sind, nur das als wissenschaftlich gelten zu lassen, was sich realisieren kann innerhalb der äußeren sozialen Ordnung im Werden von Maschinen: entweder im Werden von mechanischen Maschinen — wenn ich diese Tautologie, den Pleonasmus gebrauchen darf — oder aber im Werden von sozialen Maschinen. Denn eine große Maschinerie ist zum Beispiel bis vor dem Kriege die Finanzgebarung gewesen, die internationale Finanzgebarung der Welt. Alles ist maschinenmäßig gewesen. An das Maschinenmäßige hat der Mensch viel abgegeben. Zurückbehalten wollte eine gewisse Schicht der Menschheit von diesem Maschinenmäßigen im Grunde genommen nur das, was die trivialeLebensnotwendigkeit vergnüglich macht. Man könnte sagen: Im Winter schuften, im Sommer ins Bad gehen und nur so viel denken, als notwendig ist, damit die Weltenmaschinerie für einen schuftet, das wurde Signatur des Zeitalters.

[ 22 ] Of course, these things need not be taken personally. At this or that point in life, anyone can naturally ask: “Yes, what am I supposed to do?” — Certainly, it can never be a requirement that we understand today what we are supposed to do in order to somehow take the first steps tomorrow toward undertaking something that will shape a new epoch in the world. What we are to undertake, karma will bring to us. But what we must do is open our eyes—I mean the eyes of the soul—to truly recognize, to truly see through the times. What we must do is: not to sleep through this time, but to look into what is happening! What the materialism of the fifth post-Atlantean epoch has taken from human beings—and necessarily had to take, because human beings first had to orient themselves purely on a personal level—are comprehensive ideas, such as the very outflows of the spirit of the age; these are comprehensive ideas that we can share with the so-called dead. The intellectualistic nonsense that has become so prevalent in our time has not only taken hold of human souls; it has therefore also taken hold of the social and historical development of the age itself. Faced with the necessities of history—and with a certain justification, for these matters are not to be criticized but rather characterized—humanity has, with a certain justification, handed over to the machine much of what it previously accomplished out of its own human initiative; I mean, out of its organic human initiative. The materialistic age is, after all, at the same time the age of the machine. And this age of machinery, through its machines, not only produces what is needed for everyday life, but war itself has become the maintenance of a vast machinery. It could not have turned out any other way, for over the course of the last few centuries, humanity has not only developed a certain social stratum but has also cultivated, within this stratum, views that are primarily concerned with recognizing as scientific only that which can be realized within the external social order in the development of machines: either in the development of mechanical machines—if I may use this tautology, this pleonasm—or in the development of social machines. For a vast machinery has been, for example, financial management up until the war—the international financial management of the world. Everything has been machine-like. Humanity has ceded much to this machine-like nature. Essentially, a certain segment of humanity wanted to retain from this mechanistic order only that which makes the trivial necessities of life pleasurable. One could say: to toil in winter, go to the beach in summer, and think only as much as is necessary so that the machinery of the world toils for you—that became the hallmark of the age.

[ 23 ] Nicht als ob das hätte unterbleiben können. Diese Weltenmaschinerie mußte heraufkommen, das ist ganz selbstverständlich. An dem Geschehenen Kritik zu üben, ist ein Dilettantismus, an dem sich Geisteswissenschaft nicht beteiligen kann. Aber durchschaut, und in der Eigenart, die es hat, erkannt werden muß die Sache, denn nur dann wird man demgegenüber die richtigen Willensimpulse entwickeln können.

[ 23 ] It’s not as if this could have been avoided. This machinery of the world was bound to emerge; that goes without saying. To criticize what has happened is a form of dilettantism in which spiritual science cannot participate. But the matter must be understood and recognized for what it truly is, for only then will one be able to develop the right impulses of will in response to it.

[ 24 ] Immer wiederum sind die Menschen gekommen, welche die angemessenen Ideen schon ausgesprochen haben für dieses Zeitalter. Aber diese Aussprecher der angemessenen Ideen wurden gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und im Beginne des 20. Jahrhunderts eigentlich als unmögliche menschliche Persönlichkeiten betrachtet. Über solche Köpfe, die klar sahen, wie die soziale Struktur der Menschheit über die Erde hin sein muß unter dem Einfluß des Maschinenzeitalters, über solche Köpfe wie Bright oder Cobden ist die nachfolgende Menschheit zur Tagesordnung übergegangen — diese nachfolgende Menschheit, die allerdings etwas Geisteskraft hätte aufwenden müssen, um gerade das Angemessene der Brightschen und Cobdenschen Ideen für das Maschinenzeitalter herauszufinden! Aber den Willen in den Intellekt hineinzudrängen, um die Wirklichkeit zu durchschauen, das ist eben eine Kraftanstrengung, vor der die Menschen der Gegenwart zurückschrecken. Sie wollen nicht ihre Gedanken von Willen durchtränken. Sie wollen ihre Gedanken sentimental hinzielen lassen über dasjenige, was ihnen, wie sie sagen, wohlig ums Herz macht, wenn sie sich erheben wollen. Und unter dem Einflusse eines solchen willensentblößten Denkens, dem es aber so warm und wohl wird beim Schwätzen in Sentimentalitäten, gewöhnt man sich daran, auch die wichtigsten Fragen mit einem willenlosen, feigen Denken zu ergreifen. Man gewöhnt sich vor allen Dingen daran, von der weltgeschichtlichen Entwickelung nichts zu lernen. Ist denn die Menschheit gegenwärtig bereit zu lernen? Auch das soll nicht als eine Kritik ausgesprochen werden, sondern nur als eine Charakteristik.

[ 24 ] Time and again, people have emerged who have already articulated the ideas appropriate for this age. But these proponents of appropriate ideas were, in fact, regarded as impossible human beings, particularly in the second half of the 19th century and at the beginning of the 20th century. As for such minds—who clearly saw how the social structure of humanity must be organized across the earth under the influence of the Machine Age—as for minds like Bright or Cobden, subsequent generations have simply moved on to the order of the day—these subsequent generations, who, admittedly, would have had to expend some mental effort to discern precisely how appropriate Bright’s and Cobden’s ideas were for the Machine Age! But to force the will into the intellect in order to see through reality—that is precisely an effort from which people of the present shrink. They do not want to imbue their thoughts with will. They want to let their thoughts drift sentimentally toward that which, as they say, warms their hearts when they wish to lift their spirits. And under the influence of such will-deprived thinking—which, however, feels so warm and comfortable when indulging in sentimental chatter—one becomes accustomed to approaching even the most important questions with a will-less, cowardly mindset. Above all, one becomes accustomed to learning nothing from the development of world history. Is humanity currently ready to learn? This, too, is not meant as a criticism, but merely as a characterization.

[ 25 ] All dasjenige, was ich sage, ist nicht eingegeben von dem Gesichtspunkt der Kritik, sondern ist eingegeben von dem Gesichtspunkt der Anregung des Willens. Klarstellen muß man, wie man in seine Gedanken den Willensimpuls hineinleitet, der zum Heile der Menschheit dienen kann. Leider sind die Menschen der Gegenwart zu wenig geneigt, zu lernen. Sie lassen die Dinge an sich vorübergehen und bereden sie und glauben, mit dem Bereden auch das Willenselement zu meistern. Wieviel ist geschwätzt, wesenlos geschwätzt worden in der Zeit, in der sich die unheilvollen Ursachen dieser Weltenkatastrophe vorbereitet haben! Wieviel ist geschwätzt worden auf die Anregung der Friedensmanifest-Firlefanzereien des Zaren hin! Das konnte geschehen, denn man kann sagen, daß eben erst gelernt werden mußte, daß es sich um Friedensmanifest-Firlefanzereien handelte, und daß all dieses Geschwätz, das daran geknüpft worden ist, Millionen und Millionen Meilen weit entfernt war von der Möglichkeit, Willensimpulse anzuregen in der Menschheit. Aber gelernt sollte werden. Wird gelernt? Nein, es wird vorläufig nicht gelernt — und nicht darum handelt es sich, das Nichtlernen zu bemängeln, sondern darum handelt es sich, dieses Nichtlernen zu durchschauen, damit man lerne. Was ist an die Stelle getreten, an die Stelle des Schwätzens über allerlei Weltenziele in Anknüpfung an die Friedensmanifest-Firlefanzereien des nunmehr abgetanen Zaren? Der andere Unsinn von den Friedensmanifest-Firlefanzereien des Schwätzers Woodrow Wilson! Genau dieselbe Sache anstelle derselben Sache! Das ist zu lernen, daß die Menschheit nicht lernen will. Und in der Erkenntnis von diesem Nichtlernenwollen wird sich anfachen in unserer Seele der heilige Wille zum rechten Wollen, das hervorgehen muß aus dem rechten Durchschauen desjenigen, was wirkt und webt in unserer Zeit.

[ 25 ] Everything I say is not motivated by a critical perspective, but rather by a desire to inspire the will. It is necessary to clarify how to channel into one’s thoughts the impulse of the will that can serve the good of humanity. Unfortunately, people today are too reluctant to learn. They let things pass them by, discuss them, and believe that by discussing them they have also mastered the element of will. How much idle chatter—meaningless chatter—has there been during the time when the disastrous causes of this global catastrophe were taking shape! How much idle chatter has there been in response to the Tsar’s peace manifesto nonsense! This could happen because one might say that people first had to learn that these were nothing but peace manifesto frivolities, and that all this idle chatter associated with them was millions and millions of miles away from the possibility of stirring up impulses of will in humanity. But a lesson was to be learned. Is it being learned? No, for the time being it is not being learned—and the point is not to criticize this failure to learn, but rather to see through this failure to learn so that one may learn. What has taken the place of all that chatter about all manner of global goals linked to the peace manifesto nonsense of the now-deposed Tsar? The other nonsense—the peace manifesto frivolities of the windbag Woodrow Wilson! Exactly the same thing in place of the same thing! What must be learned is that humanity does not want to learn. And in the recognition of this unwillingness to learn, the sacred will to true volition will be kindled in our souls—a will that must arise from a true insight into that which is at work and weaving its web in our time.

[ 26 ] Ich habe in den öffentlichen Vorträgen gesagt, daß im Grunde genommen das, was sich im Lauf der letzten vier Jahrhunderte im geschichtlichen Traum der Menschheit heraufentwickelt hat, wie ein Weltenprogramm ausgesprochen worden ist im Lauf des 19. Jahrhunderts von solchen Leuten wie Karl Marx und ähnlichen Leuten. Die Impulse sind schon vergangen gewesen, als es ausgesprochen worden ist; aber es war damit das ausgesprochen, was im Grunde genommen die Unterlage war für das geschichtliche Werden der letzten vier Jahrhunderte.

[ 26 ] I have said in my public lectures that, essentially, what has developed over the course of the last four centuries in humanity’s historical dream was articulated as a world program during the 19th century by people such as Karl Marx and others like him. The impulses had already passed by the time it was articulated; but what was articulated thereby was, in essence, the foundation for the historical development of the last four centuries.

[ 27 ] Wie liegt die Sache? Die Sache liegt heute so, daß die breiteren menschlichen Schichten alles Denken über soziale Zusammenhänge aufgegeben haben. Man überläßt es den Professoren der Nationalökonomie, die ja im Verlauf der letzten Jahrhunderte, namentlich Jahrzehnte genug Unsinn geschwätzt haben. Wirkliches soziales Denken, das hervorzugehen hat aus der Erkenntnis der aus der Geisteswelt kommenden Impulse, ist in den sogenannten führenden Schichten abhanden gekommen. Einzig und allein eine Schicht hat weltgeschichtliche Ideen in der letzten Zeit in die Welt gesetzt: diejenige Schicht, die in okkulter Auffassung Brüder des Schattens sind gegenüber den Brüdern der bürgerlichen Parteien der letzten Jahrhunderte. Weltgeschichtliche Ideen, wenn auch Schattenideen, hat die Sozialdemokratie gebracht, graue Schattenideen von besonders gefährlicher Art, da sie ganz imprägniert sind von dem Geiste der letzten Jahrhunderte. Aber weltgeschichtliche Ideen sind es, die den andern Schichten der Menschheit völlig gemangelt haben. Denn die andern Schichten der Menschheit, sie hätten sie entlehnen müssen aus der geistigen Welt; sie hätten nötig gehabt, nicht im allgemeinen in salbungsvoller Weise ihre religiösen, ihre sozialen, ihre geschichtlichen Ideen zu entwickeln, sondern auf fester Erkenntnisgrundlage das soziale Werden zu durchschauen. Niemand wird das soziale Werden in Wirklichkeit durchschauen, der sich nicht in die Lage versetzen will, dies von Ausgangspunkten zu tun, die diesen unseren Betrachtungen in den letzten Wochen hier zugrunde gelegen haben.

[ 27 ] What is the situation? The situation today is that the broader strata of society have abandoned all thinking about social relationships. They leave it to the professors of economics, who have, over the course of the last few centuries—and especially decades—spouted enough nonsense. True social thinking—which must arise from an understanding of the impulses emanating from the spiritual world—has been lost among the so-called ruling classes. Only one class has brought ideas of world-historical significance into the world in recent times: the class that, in occult terms, are the “Brothers of the Shadow” in contrast to the “Brothers” of the bourgeois parties of the past centuries. Social democracy has brought forth ideas of world-historical significance—albeit shadow ideas—gray shadow ideas of a particularly dangerous kind, since they are entirely imbued with the spirit of the past centuries. But it is precisely these ideas of world-historical significance that have been completely lacking in the other strata of humanity. For the other strata of humanity would have had to borrow them from the spiritual world; they would have needed not merely to develop their religious, social, and historical ideas in a generally unctuous manner, but to gain insight into social development on the basis of solid knowledge. No one will truly gain insight into social development who is not willing to approach it from the starting points that have underlain our reflections here in recent weeks.

[ 28 ] Dafür spricht das Beste, was die sogenannten Lebenden heute aus der geistigen Welt empfangen können, dafür spricht das Beste, was die Toten uns offenbaren aus ihrem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Dafür spricht jene neue Auffassung des Mysteriums von Golgatha, der wir durch die Vertiefung der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft entgegengehen müssen. Dafür spricht alles das, was wir in dieser ernsten Zeit als ernste Weihnachtsgedanken uns durch die Seele ziehen lassen sollen. Denn zum Heil der Menschheit ist das Wesen in die Erdenentwickelung eingetreten, dessen Geburt im Weihnachtsfeste gefeiert wird, nicht zum behaglichen Zur-Seele-Reden bloß, sondern dazu, daß diese Menschenseele sich durchdringt mit — wenn ich das paradoxe Wort gebrauchen darf — dem Willen zum Willen, dem Willen zum Wollen. Durchdringt dieser Wille zum Wollen die Menschenseelen, dann wird dies den Impuls bedeuten zu einer Sehnsucht nach wirklich neuen Ideen, denn die alten sind abgebraucht. Manchmal können wir nicht einmal die Worte mehr gebrauchen.

[ 28 ] This is supported by the very best that the so-called living can receive from the spiritual world today, and by the very best that the dead reveal to us about their lives between death and a new birth. This is supported by that new understanding of the Mystery of Golgotha, which we must strive toward through the deepening of anthroposophically oriented spiritual science. This is supported by everything that we should allow to move through our souls as serious Christmas reflections in these solemn times. For the sake of humanity’s salvation, the Being whose birth is celebrated at Christmas has entered into the development of the Earth—not merely for the sake of comfortable soul-searching, but so that the human soul may be permeated by—if I may use this paradoxical term—the will to will, the will to desire. If this will to will permeates human souls, it will provide the impulse for a longing for truly new ideas, for the old ones have been exhausted. Sometimes we can no longer even use the words.

[ 29 ] Wir leben in einer katastrophalen Zeit. Das, was geschieht, Krieg zu nennen, ist fast schon anachronistisch, ist nur aus der alten Gewohnheit entstanden, die Flasche noch Kürbis zu nennen. Ebensowenig aber, wie das, was geschieht, Krieg zu nennen ist, ebensowenig sollte in leichtfertiger Weise die wohlbehäbige Hoffnung in der alten Weise von Frieden sprechen! Gewaltige Zeichen kündigen sich in unserer Zeit an, und der Menschheit obliegt es, zu versuchen, diese Zeichen zu verstehen. In den Ereignissen selber wandeln sich die Ereignisse um. 1914 hat ein Weltenereignis begonnen, das man vielleicht im Anfange nennen konnte einen Krieg zwischen der Entente und den europäischen Mittelmächten. Unter dem aber, was so genannt wird, waltet etwas wesentlich anderes, stehen einander ganz andere Feinde gegenüber! Und in unseren Tagen kündigt sich uns an ein ernstes Symptom von dem, was glimmend waltet unter dem, was wir recht uneigentlich noch einen Krieg zwischen der Entente und den Mittelmächten nennen, kündigt sich uns an ein Symptom, das da besteht in dem traurigen Aufeinanderprallen der Bevölkerung Nord- und Südrußlands, ein bedeutungsvolles Symptom, wenn es auch vielleicht noch verlöschen kann zunächst, ein bedeutungsvolles Symptom für das, was unter den Ereignissen glimmt. Die Menschen lieben es nicht, daß die Dinge heute beim rechten Namen genannt werden, weil sie das Wollen nicht wollen, weil sie sich lieber über den Ernst der Zeit hinwegsetzen, solange es nur irgend geht, solange der Magen nicht allzustark knurrt. Dasjenige, um was es sich handelt, das ist, daß wir wirklich den Willen entwickeln, die tieferen Grundlagen der Ereignisse zu schauen, daß wir endlich einmal den Willen entwickeln, alle Oberflächlichkeit abzutun, um mit den Seelenaugen den Dingen ins Antlitz zu schauen.

[ 29 ] We are living in catastrophic times. To call what is happening “war” is almost anachronistic; it stems merely from the old habit of still calling a bottle a “gourd.” But just as what is happening should not be called “war,” so too should we not lightly speak of peace in the old, complacent way! Powerful signs are emerging in our time, and it is incumbent upon humanity to try to understand these signs. The events themselves are transforming. In 1914, a world-shaking event began that one might perhaps have called, at the outset, a war between the Entente and the European Central Powers. But beneath what is so called, something fundamentally different is at work; entirely different enemies stand opposed to one another! And in our own day, a serious symptom is revealing itself to us—one that smolders beneath what we still, quite inaccurately, call a war between the Entente and the Central Powers— a symptom is becoming apparent to us—one that consists in the sad clash between the populations of northern and southern Russia—a significant symptom, even if it may still fade away for the time being, a significant symptom of what is smoldering beneath the events. People today do not like it when things are called by their proper names, because they do not want to will, because they prefer to ignore the gravity of the times as long as they possibly can, as long as their stomachs are not growling too loudly. What is at stake is that we truly develop the will to see the deeper foundations of events, that we finally develop the will to cast aside all superficiality in order to look things in the face with the eyes of the soul.

[ 30 ] Wir werden, indem wir das, was wir jetzt in einer Art von Überschau durch unsere Seele haben ziehen lassen, in den nächsten Vorträgen ergänzend auf mancherlei noch hinzuweisen haben, was zusammenhängt mit den tieferen Impulsen, denen wir uns in diesen Betrachtungen hingegeben haben. Aber ich glaube, in dieser Zeit ehrt man die geheimnisvolle dreifache Notwendigkeit, welche durch das Weltenwerden geht und die der Bruder ist von der Menschenfreiheit und der Freiheit der andern Geschöpfe, am meisten, wenn man sich keinen Schleier vor das Auge weben will. Hier auf dieser Erde müssen wir Freiheit begreifen. Auch in dieser Beziehung lernt der Blick des Gegenwartsmenschen sehr viel, wenn er sich zu den Toten hinrichtet; denn der Tote weiß, daß ihm Freiheit in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt durch das wird, was er sich mitbringt aus dem Leben zwischen der Geburt und dem Tode. Eingebettet sein in die Intelligenzen der höheren Hierarchien, das ist etwas, was uns wie eine Naturnotwendigkeit wird, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, wenn wir drüben leben eingebettet sein in den Intelligenzen der höheren Hierarchien und deren Impulsen folgen, wie hier ein Naturereignis mit Notwendigkeit den Naturimpulsen folgt. Dann sind wir noch, nachdem wir durch die Pforte des Todes geschritten sind, frei, wenn wir in unserer Seele mit hinübertragen in die geistige Welt dasjenige, was wir uns hier als Wissen vom geistigen Werden und geistigen Wesen erwerben können.

[ 30 ] As we allow what we now have in a kind of overview to pass through our souls, we will have further points to make in the coming lectures regarding various matters connected with the deeper impulses to which we have devoted ourselves in these reflections. But I believe that in this age, one honors the mysterious threefold necessity that runs through the becoming of the world—and which is the sibling of human freedom and the freedom of other creatures—most of all when one refuses to weave a veil before one’s eyes. Here on this earth, we must understand freedom. In this regard, too, the gaze of modern humanity learns a great deal when it turns toward the dead; for the dead know that freedom in the life between death and a new birth comes to them through what they bring with them from the life between birth and death. Being embedded in the intelligences of the higher hierarchies is something that becomes a natural necessity for us when we pass through the gate of death; when we live on the other side, we are embedded in the intelligences of the higher hierarchies and follow their impulses, just as a natural phenomenon here necessarily follows natural impulses. Then, even after we have passed through the gate of death, we remain free if we carry over into the spiritual world, within our soul, that which we can acquire here as knowledge of spiritual development and spiritual beings.

[ 31 ] Dies ist etwas, was nun auch im tiefsten Sinne mit dem Mysterium von Golgatha zusammenhängt. Und weil dies so ist, glaube ich, daß auch Weihnachtsbetrachtungen in dieser Zeit nicht sentimentale sein dürfen, sondern solche sein müssen, welche an den Willen zum Wollen appellieren.

[ 31 ] This is something that is now also connected, in the deepest sense, to the Mystery of Golgotha. And because this is so, I believe that Christmas reflections during this time must not be sentimental, but must instead appeal to the will to will.

[ 32 ] Denn man nehme die Evangelien: wieviel ist in den Evangelien gerade an Appell zum Willen zum Wollen! Die Evangelien sind keine sentimentalen Schriften, die Evangelien sind Schriften, die allerdings zu dem Allerbescheidensten der Menschennatur sprechen, aber sie sind auch Schriften, welche das, was der Mensch an Stärke des Willens aufbringen kann, in den Menschen erwecken wollen. Nicht nur dazu sollen die Weihnachtskerzen brennen, daß wir uns in einer gewissen Weise wollüstigen Betrachtungen hingeben, sondern auch dazu sollen sie brennen, daß sie Symbole seien für die Anfachung des der Welt zum Heile dienenden Willenslichtes.

[ 32 ] For take the Gospels: how much is there in the Gospels precisely in the way of an appeal to the will to will! The Gospels are not sentimental writings; they are writings that speak, admittedly, to the most humble aspects of human nature, but they are also writings that seek to awaken in people the strength of will that they are capable of mustering. The Christmas candles should burn not only so that we may, in a certain sense, indulge in pleasurable contemplation, but also so that they may serve as symbols for kindling the light of the will that serves the world’s salvation.

[ 33 ] Die Menschheit hat viel nachzuholen; und es ist nachzuholen! Denn indem sie die Kraft entwickeln wird, welche in diesem Nachholen liegt, wird sie rechte heilsame Kräfte entwickeln, um aus der gegenwärtigen katastrophalen Zeit herauszukommen. Das ist der Menschheit nicht zur Aufgabe gesetzt worden, bloß hineinzukommen in diese Zeiten; viel wichtiger ist die Aufgabe, aus ihnen herauszukommen. Diese Aufgabe steht als ein heiliges Zeichen, wie ich glaube, mit Flammenschrift geschrieben hinter all den Weihnachtskerzen, die nun schon seit vier Jahren in anderer Weise vor unserer Seele brennen als manches frühere Jahr!

[ 33 ] Humanity has a lot of ground to make up; and it must make up that ground! For as it develops the strength that lies in making up this ground, it will develop true, healing powers to emerge from the current catastrophic times. Humanity has not been tasked merely with entering these times; far more important is the task of emerging from them. This task stands, I believe, as a sacred sign, written in flames behind all the Christmas candles that have now been burning before our souls for four years in a different way than in many years past!

[ 34 ] Morgen treffen wir uns um vier Uhr im Basler Zweig zu einer Weihnachtsfeier. Montag um viereinhalb werden wir uns hier versammeln zur ersten Aufführung des «Paradeis-Spieles», und ich werde dann daranschließen eine Weihnachtsbetrachtung für diejenigen unserer Freunde, die nicht durch irgend etwas zu Hause abgehalten sind, sondern die gerade jetzt da sind, sich den Arbeiten und dergleichen widmend, und die an diesem Tage vielleicht ihr Weihnachten am liebsten hier verbringen mögen.

[ 34 ] Tomorrow we’ll meet at 4:00 p.m. at the Basel branch for a Christmas party. On Monday at half past four, we’ll gather here for the first performance of the “Paradeis Play,” and I’ll follow that with a Christmas reflection for those of our friends who aren’t kept away by anything at home, but who are here right now, devoting themselves to their work and such, and who might prefer to spend Christmas here on this day.