Historical Necessity and Freedom
The Influence of Fate from the World of the Dead
GA 179
17 December 1917, Dornach
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Historical Necessity and Freedom, tr. SOL
Siebenter Vortrag
Seventh Lecture
[ 1 ] Den Betrachtungen, die in diesen Wochen gehalten worden sind, lag verschiedenes zugrunde, das dazu führen kann, die menschliche Natur in ihrem Zusammenhang mit dem geschichtlichen Werden der Menschheit so zu verstehen, daß man sich allmählich eine Vorstellung bilden kann über Notwendigkeit und Freiheit. Weniger können solche Dinge entschieden werden durch Definitionen und Wortauseinandersetzungen als dadurch, daß man die entsprechenden Wahrheiten aus der geistigen Welt zusammenträgt. Die Menschheit wird sich in unserem Zeitalter immer mehr daran gewöhnen müssen, eine andere Art des Verständnisses der Wirklichkeit sich anzueignen, als es die heute so vielfach herrschende und übliche ist, die sich im Grunde genommen an sehr Sekundäres, an allerlei nebulose Vorstellungen in Anknüpfung an Wortdefinitionen und so weiter hält. Man hat heute, wenn man das vornimmt, was manche Leute schreiben oder sagen, die sich für ganz besonders gescheit halten, das Gefühl: sie reden in Begriffen und Vorstellungen, die nur scheinbar bestimmt, in Wirklichkeit aber so unbestimmt sind, wie wenn jemand über einen gewissen Gegenstand sprechen würde, der zum Beispiel aus einem Kürbis gemacht ist. Hat man einen Kürbis umgestaltet zu einer Flasche und benützt ihn als Flasche, so kann man über diesen Gegenstand so reden, als ob man über einen Kürbis redet, denn ein Kürbis ist es in Wirklichkeit; aber man kann auch wie über eine Flasche reden, denn eine Flasche ist er ja auch, er wird richtig benützt als Flasche. Nicht wahr, die Dinge, über die man spricht, bekommen erst ihre Valeurs in den Zusammenhängen, in denen man sich ergeht. Wenn man nicht in Anlehnung an Worte, sondern aus einer gewissen Anschauung heraus spricht, so wird jeder Mensch wissen, ob man eine Flasche meint oder einen Kürbis. Aber man darf sich dann nicht auf die Beschreibung des Gegenstandes oder die Definition des Gegenstandes beschränken. Denn solange man sich auf eine Beschreibung, auf eine Definition beschränkt, kann es ebensogut ein Kürbis oder eine Flasche sein. Und so kann heute dasjenige, worüber viele Philologen, Leute, die sich sehr gescheit dünken, reden, die Seele des Menschen sein, es kann aber auch der Leib des Menschen sein, es kann Kürbis und kann Flasche sein.
[ 1 ] The reflections presented over the past few weeks were based on various considerations that can lead to an understanding of human nature in its connection with the historical development of humanity, such that one can gradually form a conception of necessity and freedom. Such matters can be resolved less through definitions and semantic disputes than by gathering the relevant truths from the spiritual world. In our age, humanity will have to become increasingly accustomed to adopting a different way of understanding reality than the one that is so prevalent and common today—a way that, at its core, clings to very secondary matters and all sorts of nebulous notions tied to verbal definitions and the like. Today, when one considers what some people write or say—people who consider themselves particularly clever—one gets the feeling that they are speaking in terms and concepts that are only seemingly definite, but in reality are as indefinite as if someone were speaking about a certain object made, for example, from a pumpkin. If you’ve reshaped a pumpkin into a bottle and are using it as a bottle, you can talk about this object as if you were talking about a pumpkin, because in reality it is a pumpkin; but you can also talk about it as if it were a bottle, because it is also a bottle—it is being used properly as a bottle. Isn’t it true that the things we talk about only acquire their meaning within the contexts in which we find ourselves? If one speaks not by relying on words but from a certain perspective, then everyone will know whether one means a bottle or a pumpkin. But one must not then limit oneself to the description or definition of the object. For as long as one limits oneself to a description or a definition, it might just as well be a gourd or a bottle. And so today, what many philologists—people who think themselves very clever—talk about may be the human soul, but it may also be the human body; it may be a gourd, and it may be a bottle.
[ 2 ] Ich meine mit dieser Bemerkung sehr vieles von dem, was in der Gegenwart sehr ernst genommen wird, zum Teil zum Unheil der Menschheit. Daher eben ist es notwendig, daß gerade von der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, zu der unter anderem auch klares, präzises Denken nötig ist, ausgehe ein Bestreben, nicht in einer solchen Weise, wie es heute üblich ist, die Welt anzuschauen, nicht den Kürbis mit der Flasche zu verwechseln, sondern überall auf das Reale zu sehen, sei es das äußere Physisch-Reale, sei es das Geistig-Reale.
[ 2 ] By this remark, I mean much of what is taken very seriously today, in part to the detriment of humanity. That is precisely why it is necessary—especially on the part of anthroposophically oriented spiritual science, which, among other things, requires clear, precise thinking, to make an effort not to view the world in the way that is customary today—not to confuse the pumpkin with the bottle—but to look for the real in everything, whether it be the outer physical reality or the spiritual reality.
[ 3 ] Man kann ohnedies nicht zu einer wirklichen Vorstellung über dasjenige gelangen, was für den Menschen in Betracht kommt, wenn man sich an Definitionen und dergleichen hält, sondern nur dann, wenn man die Lebenszusammenhänge in ihrer Wirklichkeit ins Auge faßt. Und gar über solch wichtige Begriffe wie Freiheit und Notwendigkeit im sozialen, im sittlichen Leben, kann man nur Klarheit gewinnen, wenn man zusammenhält solche spirituellen Tatsachen, wie sie in diesen Betrachtungen vorgebracht worden sind, und gewissermaßen versucht, sie immer aneinander abzuwägen, um ein Urteil über die Wirklichkeit zu gewinnen.
[ 3 ] In any case, one cannot arrive at a true understanding of what is relevant to human beings by relying on definitions and the like, but only by considering the realities of life in their entirety. And one can only gain clarity regarding such important concepts as freedom and necessity in social and moral life by holding together the spiritual facts as presented in these reflections and, in a sense, constantly weighing them against one another in order to form a judgment about reality.
[ 4 ] Bedenken Sie, daß ich schon in öffentlichen Vorträgen und auch hier wiederum in den verschiedensten Zusammenhängen mit einer gewissen Intensität immer wieder und wieder hervorgehoben habe, daß wir das, was wir Vorstellungen nennen, nur dann richtig begreifen können, wenn wir sie so in Beziehung bringen zu unserm leiblichen Organismus, daß wir den Vorstellungen im Leibe nicht etwas Wachsendes, Gedeihendes zugrunde liegend sehen, sondern gerade umgekehrt, etwas Absterbendes, etwas partiell im Leibe Absterbendes. Ich habe das so ausgesprochen in einem öffentlichen Vortrage, daß ich gesagt habe: Der Mensch stirbt eigentlich immer in sein Nervensystem hinein ab. Der Nervenprozeß ist ein solcher, daß er sich auf das Nervensystem beschränken muß. Denn würde er sich ausdehnen über den ganzen Organismus, würde dasselbe vorgehen im ganzen Organismus, was in den Nerven vorgeht, so würde dies den Tod des Menschen in jedem Augenblick bedeuten. Man kann sagen: Vorstellungen entstehen da, wo der Organismus sich selber abbaut, wir sterben in unser Nervensystem fortwährend hinein. — Dadurch ist Geisteswissenschaft in die Notwendigkeit versetzt, nicht nur diejenigen Prozesse zu verfolgen, welche die heutige Naturwissenschaft als die einzig maßgebenden betrachtet: die aufsteigenden Prozesse. Diese aufsteigenden Prozesse, sie sind Wachstumsprozesse, sie gipfeln noch im Unbewußten. Erst wenn der Organismus mit den absteigenden Prozessen beginnt, tritt im Organismus jene Tätigkeit der Seele auf, die man als Vorstellungs-, ja auch als sinnliche Wahrnehmungstätigkeit bezeichnen kann. Dieser Abbauprozeß, dieser Ersterbeprozeß, der muß da sein, wenn überhaupt vorgestellt werden soll.
[ 4 ] Please bear in mind that I have repeatedly emphasized—with a certain intensity—in public lectures and here as well, in a wide variety of contexts, that we can only truly understand what we call “ideas” if we relate them to our physical organism in such a way that we do not see in the body something growing, flourishing, but rather, on the contrary, something that is dying, something that is partially dying within the body. I expressed this so clearly in a public lecture that I said: Human beings are, in fact, always dying into their nervous system. The nervous process is such that it must be confined to the nervous system. For if it were to extend throughout the entire organism—if what occurs in the nerves were to occur throughout the entire organism—this would mean the death of the human being at every moment. One might say: Images arise where the organism breaks itself down; we are continually dying into our nervous system. — This compels spiritual science to investigate not only those processes that modern natural science regards as the only authoritative ones—the ascending processes. These ascending processes are processes of growth; they still culminate in the unconscious. Only when the organism begins the descending processes does that activity of the soul emerge within the organism which can be described as imagination—and indeed as sensory perception. This process of breakdown, this process of initial dying, must be present if imagination is to occur at all.
[ 5 ] Nun habe ich gezeigt, daß das freie Handeln des Menschen geradezu darauf beruht, daß der Mensch in die Lage kommt, aus reinen Gedanken heraus die Impulse für sein Handeln zu suchen. Diese reinen Gedanken werden am meisten von Einfluß sein auf die Abbauprozesse im menschlichen Organismus. Was geschieht denn eigentlich, wenn der Mensch so recht eine freie Handlung vollzieht? Machen wir uns das einmal klar, was da beim gewöhnlichen physischen Menschen geschieht, wenn der Mensch aus moralischer Phantasie heraus — Sie wissen jetzt, was ich damit meine —, aus moralischer Phantasie heraus, das heißt aus einem Denken, das von sinnlichen Impulsen, sinnlichen Trieben und Affekten nicht beherrscht ist, handelt, was geschieht da mit dem Menschen eigentlich? Dann geschieht das, daß er sich reinen Gedanken hingibt; die bilden seine Impulse. Sie können ihn nicht impulsieren durch sich selbst; er muß sich impulsieren, denn sie sind bloße Spiegelbilder, das haben wir ja betont. Sie gehören der Maja an. Spiegelbilder können nicht zwingen, der Mensch muß sich selber zwingen unter dem Einfluß der reinen Vorstellungen.
[ 5 ] I have now shown that human free will is based precisely on the fact that human beings are able to seek the impulses for their actions from pure thoughts. These pure thoughts will have the greatest influence on the metabolic processes in the human organism. What actually happens when a person truly performs a free act? Let us clarify what actually happens in the ordinary physical human being when a person acts out of moral imagination—you now know what I mean by that—out of moral imagination, that is, out of a form of thinking that is not dominated by sensory impulses, sensory drives, and emotions. What actually happens to the person then? What happens then is that they surrender themselves to pure thoughts; these thoughts form their impulses. The thoughts cannot impel them by themselves; they must impel themselves, for they are mere mirror images—as we have emphasized. They belong to Maya. Mirror images cannot compel; human beings must compel themselves under the influence of pure ideas.
[ 6 ] Worauf wirken reine Vorstellungen? Am stärksten wirken sie auf den Abbauprozeß im menschlichen Organismus. Auf der einen Seite kommt aus dem Organismus heraus der Abbauprozeß, und auf der andern Seite kommt aus dem geistigen Leben diesem Abbauprozeß entgegen der reine Tatgedanke. Ich meine damit den Gedanken, welcher der Tat zugrunde liegt. Durch die Vereinigung von beiden, durch das Aufeinanderwirken des Abbauprozesses und des Tatgedankens entsteht die freie Handlung.
[ 6 ] What do pure ideas affect? They have the strongest effect on the process of decay in the human organism. On the one hand, the process of decay emanates from the organism, and on the other hand, the pure thought of action—arising from spiritual life—meets this process of decay. By this I mean the thought that underlies the action. Through the union of the two—through the interaction of the process of decay and the thought of action—free action arises.
[ 7 ] Ich sagte, der Abbauprozeß wird nicht durch das reine Denken bewirkt; der ist sowieso da, er ist also eigentlich immer da. Wenn der Mensch diesem Abbauprozeß, gerade den bedeutsamsten Abbauprozessen in ihm, nichts aus dem reinen Denken heraus entgegenstellt, dann bleibt er Abbauprozeß, dann wird der Abbauprozeß nicht umgewandelt in einen Aufbauprozeß, dann bleibt ein ersterbender Teil im Menschen. Denken Sie das einmal durch, dann ersehen Sie daraus, daß die Möglichkeit besteht, daß der Mensch gerade durch Unterlassung von freien Handlungen einen Todesprozeß in sich nicht aufhebt. Darin liegt einer der subtilsten Gedanken, die der Mensch nötig hat, in sich aufzunehmen. Wer diesen Gedanken versteht, kann im Leben nicht mehr zweifeln an dem Vorhandensein der menschlichen Freiheit. Denn eine Handlung, die aus Freiheit geschieht, geschieht nicht durch etwas, was im Organismus verursacht wird, sondern wo die Ursachen aufhören, nämlich aus einem Abbauprozeß heraus. Dem Organismus muß etwas zugrunde liegen, wo die Ursachen aufhören, dann kann überhaupt erst die reine Vorstellung als Motiv des Handelns eingreifen. Aber solche Abbauprozesse sind immer da, sie bleiben nur gewissermaßen ungenützt, wenn der Mensch nicht freie Handlungen vollführt.
[ 7 ] I said that the process of decay is not brought about by pure thought; it is there anyway, so it is actually always there. If a person does not counter this process of decay—especially the most significant processes of decay within them—with anything arising from pure thought, then it remains a process of decay; then the process of decay is not transformed into a process of growth; then a dying part remains within the person. Think this through, and you will see that it is possible for a person, precisely by refraining from free actions, to fail to reverse a process of death within themselves. Herein lies one of the most subtle ideas that a person needs to take to heart. Anyone who understands this idea can no longer doubt the existence of human freedom in life. For an action that arises from freedom does not occur through something caused within the organism, but rather where the causes cease—namely, out of a process of decay. There must be something underlying the organism where the causes cease; only then can the pure idea intervene as a motive for action. But such processes of dissolution are always present; they merely remain, so to speak, unused when a person does not perform free actions.
[ 8 ] Was hier zugrunde liegt, bezeugt aber auch, wie es mit einem Zeitalter aussehen muß, welches sich nicht darauf einlassen will, die Idee der Freiheit im vollsten Umfange zu verstehen. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, das 20. Jahrhundert bis in unsere Zeit, diese Epoche hat es sich geradezu zur Aufgabe gesetzt, auf allen Gebieten des Lebens die Idee der Freiheit immer mehr und mehr für die Erkenntnis zu trüben, für das praktische Leben in Wirklichkeit auszuschalten. Freiheit wollte man nicht verstehen, Freiheit wollte man nicht haben. Die Philosophen haben sich bemüht, zu beweisen, daß alles mit einer gewissen Notwendigkeit aus der menschlichen Natur hervorgeht, Gewiß, der menschlichen Natur liegt eine Notwendigkeit zugrunde, aber diese Notwendigkeit hört auf, indem Abbauprozesse beginnen, in welchen der Zusammenhang der Ursachen sein Ende findet. Wenn Freiheit da eingegriffen hat, wo die Notwendigkeit im Organismus aufhört, dann kann man nicht sagen, daß die Handlungen der Menschen aus der inneren Notwendigkeit hervorgehen; sie gehen dann erst aus ihm hervor, wenn diese Notwendigkeit aufhört. Der ganze Fehler bestand darinnen, daß man sich nicht eingelassen hat darauf, im menschlichen Organismus nicht nur zu verstehen die aufbauenden Prozesse, sondern auch zu verstehen die abbauenden Prozesse. Es wäre aber allerdings nötig, daß man, um das zu erkennen, was eigentlich der menschlichen Natur zugrunde liegt, mehr Begabung entwickele, als die Gegenwart Neigung dazu hat. Wir haben gestern gesehen, daß es notwendig ist, dasjenige wirklich ins Seelenauge fassen zu können, was man als menschliches Ich bezeichnet. Aber es ist gerade in der Gegenwart wenig Talent vorhanden, diese Wirklichkeit des Ich irgendwie zu erfassen. Ich will Ihnen einen Beweis liefern.
[ 8 ] What underlies this, however, also testifies to what an age must look like that refuses to fully embrace the idea of freedom. The second half of the 19th century, the 20th century, and right up to our own time—this era has made it its very mission to increasingly obscure the idea of freedom in all areas of life, to the point of effectively eliminating it from practical reality. People did not want to understand freedom; they did not want to have freedom. Philosophers have endeavored to prove that everything arises from human nature with a certain necessity. Certainly, human nature is based on a necessity, but this necessity ceases when processes of decay begin, in which the chain of causes comes to an end. If freedom has intervened where necessity ceases within the organism, then one cannot say that human actions arise from inner necessity; they arise from it only when this necessity ceases. The entire error lay in the fact that people did not engage in understanding not only the constructive processes within the human organism, but also the destructive processes. However, in order to recognize what actually underlies human nature, it would indeed be necessary to develop more talent than the present age is inclined to do. We saw yesterday that it is necessary to be able to truly grasp with the eye of the soul what is called the human “I.” But precisely in the present age, there is little talent available to grasp this reality of the “I” in any way. I will provide you with proof.
[ 9 ] Ich habe öfter die ausgezeichnete wissenschaftliche Leistung von Theodor Ziehen erwähnt: «Die physiologische Psychologie.» Da ist auf Seite 205 auch die Rede von dem Ich. Nur kommt Ziehen niemals in die Lage, auch nur hinzudeuten auf das wirkliche Ich, sondern er redet nur von der Ich-Vorstellung. Wir wissen, die ist jedoch nur ein Spiegelbild des wirklichen Ich. Aber interessant ist es gerade zu hören, wie ein ausgezeichneter Denker der Gegenwart, aber ein solcher, der da glaubt, mit naturwissenschaftlichen Vorstellungen alles erschöpfen zu können, über das Ich redet. Es sind Vorträge, die wiedergegeben werden, deshalb ist die Sache in Vortragsform vorgebracht. Ziehen sagt: «Es wird Ihnen vielleicht auffallen, daß die mit dem kurzen kleinen Wort Ich bezeichnete Ich-Vorstellung ein so komplexes dreigliedriges Gebilde sein soll, an welchem tausend und abertausend Teilvorstellungen beteiligt sein sollen. Aber ich bitte Sie zu erwägen: das Wort ist zwar kurz, aber daß sein Vorstellungsinhalt sehr komplex sein muß, geht schon daraus hervor, daß jeder von Ihnen in Verlegenheit geraten wird, wenn er den Denkinhalt seiner sogenannten Ich-Vorstellung angeben soll.»
[ 9 ] I have often mentioned Theodor Ziehen’s excellent scholarly work, Physiological Psychology. On page 205, he also discusses the “I.” However, Ziehen never even comes close to alluding to the true “I”; instead, he speaks only of the concept of the “I.” We know, however, that this is merely a reflection of the real “I.” But it is particularly interesting to hear how an outstanding contemporary thinker—one who believes he can exhaust the subject entirely through scientific concepts—speaks about the “I.” These are transcribed lectures, which is why the material is presented in lecture form. Ziehen says: “You may notice that the concept of the ‘I’—denoted by the short little word ‘I’—is supposed to be such a complex, three-part structure, involving thousands upon thousands of sub-concepts. But I ask you to consider this: although the word is short, the fact that its conceptual content must be very complex is already evident from the fact that each of you will find yourselves at a loss if asked to describe the mental content of your so-called ‘I’ concept.”
[ 10 ] Und jetzt geht Ziehen daran, etwas zu sagen über den Denkinhalt der Ich-Vorstellungen. Nun wollen wir einmal sehen, was der ausgezeichnete Gelehrte über dasjenige zu sagen weiß, woran man eigentlich denken soll, wenn man über sein Ich denkt: «Sie werden alsbald an Ihren Körper denken» — also an Ihren Körper denken! — «an Ihre Relationen zur Außenwelt, Ihre verwandtschaftlichen und Eigentumsbeziehungen» — also man wird bald daran gehen, an seine Börse zu denken und sein Geld abzuzählen! — «Ihre Namen und Titel .. .»
[ 10 ] And now Ziehen sets out to say something about the content of thought in the concept of the “I.” Let us see what this distinguished scholar has to say about what one is actually supposed to think of when thinking about one’s “I”: “You will immediately think of your body”—that is, think of your body! — “your relationships to the outside world, your family ties and property relations”—so one will soon start thinking about one’s wallet and counting one’s money! — “your names and titles …”
[ 11 ] Nun, der ausgezeichnete Gelehrte weist ausdrücklich darauf hin, daß man auch an seinen Namen und an seinen Titel denken soll, wenn man sein Ich in der Vorstellung umfassen, umspannen soll.
[ 11 ] Well, the distinguished scholar explicitly points out that one should also think of one’s name and title when attempting to encompass and embrace one’s self in one’s imagination.
[ 12 ] «... Ihre Hauptneigungen und dominierenden Vorstellungen und endlich an Ihre Vergangenheit, und damit selbst den Beweis führen, wie äußerst zusammengesetzt diese Ich-Vorstellung ist. Freilich reduziert der reflektierende Mensch diese Kompliziertheit der Ich-Vorstellung wieder auf eine relative Einfachheit, indem er den äußeren Objekten und anderen Ichs sein eigenes Ich als das Subjekt seiner Empfindungen, Vorstellungen und Bewegungen gegenüberstellt. Gewiß hat auch diese Gegenüberstellung und diese Vereinfachung der Ich-Vorstellung ihre tiefe erkenntnistheoretische Begründung, aber, rein psychologisch betrachtet, ist dieses einfache Ich nur eine theoretische Fiktion.»
[ 12 ] “... your main inclinations and dominant ideas, and finally to your past, thereby demonstrating just how complex this concept of the self is. Of course, the reflective person reduces this complexity of the concept of the self back to a relative simplicity by contrasting his own self—as the subject of his sensations, ideas, and movements—with external objects and other selves. Certainly, this juxtaposition and this simplification of the concept of the self also have their deep epistemological justification, but, viewed purely from a psychological perspective, this simple self is merely a theoretical fiction.”
[ 13 ] Also «dieses einfache Ich» ist nur eine «theoretische Fiktion», das heißt eine bloße Phantasievorstellung, die sich aufbaut, wenn man seinen Namen, seine Titel, vermutlich auch seine Orden und andere dergleichen Dinge zusammenstellt, die einem Gewicht geben! An solchen Punkten kann man die ganze Schwäche des heutigen Denkens erkennen. Und diese Schwäche muß um so mehr ins Auge gefaßt werden, weil ja dasjenige, was sich als entscheidende Schwäche für die Erkenntnis des seelischen Lebens erweist, eine Stärke ist für die Erkenntnis der äußeren naturwissenschaftlichen Tatsachen. Gerade was untauglich ist für die Erkenntnis des seelischen Lebens, ist sehr tauglich, um die äußere sinnenfällige Tatsache in ihrer unmittelbaren äußeren Notwendigkeit zu durchschauen.
[ 13 ] So “this simple ‘I’” is merely a “theoretical fiction”—that is, a mere figment of the imagination that takes shape when one lists one’s name, titles, and presumably also one’s medals and other such things that lend one prestige! It is at such points that one can recognize the full weakness of contemporary thinking. And this weakness must be taken into account all the more because what proves to be a decisive weakness for the understanding of spiritual life is, in fact, a strength for the understanding of external scientific facts. Precisely what is unsuitable for understanding spiritual life is very well suited to penetrating the external, sensory fact in its immediate, external necessity.
[ 14 ] Man muß sich nicht hinwegtäuschen darüber, daß es ein Charakteristikon unserer Zeit ist, daß Leute, die auf einem Gebiete groß sein können, auf dem andern Gebiete Vertreter des äußersten Unsinns sind. Nur wenn man diese Tatsache, die so sehr geeignet ist, der Menschheit Sand in die Augen zu streuen, scharf ins Auge faßt, dann kann man irgendwie mitdenken bei dem, was in Betracht kommt für die Wiederaufrichtung jener Kraft, die die Menschheit braucht, um solche Vorstellungen zu gewinnen, die fruchtbar und heilsam in das Leben eingreifen können. Denn in dieses Leben, wie es heute ist, werden nur Vorstellungen eingreifen, die tief aus der wahren Wirklichkeit heraus genommen sind, bei denen man sich nicht scheut, tief in die wahre Wirklichkeit hineinzugreifen. Davor aber scheuen sich gerade viele Menschen der Gegenwart.
[ 14 ] We must not delude ourselves: it is a hallmark of our time that people who may excel in one field are proponents of utter nonsense in another. Only by taking a sharp, clear look at this fact—which is so well suited to throwing sand in humanity’s eyes—can one begin to contribute to the restoration of that power humanity needs to gain insights that can intervene fruitfully and healingly in life. For in life as it is today, only ideas drawn deeply from true reality—ideas for which one does not shy away from delving deeply into true reality—will have an impact. Yet it is precisely this that many people today shy away from.
[ 15 ] Die Menschen der Gegenwart finden sich sehr häufig geneigt, ohne erst hineingeschaut zu haben in die wahre Wirklichkeit, aus der sie ihre Impulse schöpfen sollten, die geistige Wirklichkeit zu reformieren. Wer reformiert heute nicht alles Mögliche in der Welt, das heißt, glaubt zu reformieren. Was holt man nicht alles aus dem reinen Nichts der Seele heraus! Aber in einer Zeit, wie diese ist, können nur diejenigen Dinge fruchtbar sein, welche aus der Tiefe der geistigen Wirklichkeit heraus selbst geholt sind. Dazu muß Wille vorhanden sein.
[ 15 ] People today are very often inclined to reform spiritual reality without first looking into the true reality from which they should draw their inspiration. Who today does not reform all manner of things in the world—that is to say, believe they are reforming them? What is not drawn from the pure nothingness of the soul! But in a time such as this, only those things can bear fruit that are drawn from the depths of spiritual reality itself. For this, will must be present.
[ 16 ] Die Eitelkeit, die auf Grund des seelischen Nichts alle möglichen Reformgedanken fassen will, ist ebenso schädlich der Entwickelung in unserer heutigen Zeit wie der Materialismus selber. Ich habe gestern am Schluß darauf aufmerksam gemacht, wie das wahre Ich des Menschen, dasjenige Ich, das allerdings der Willensnatur angehört, über das sich daher für das gewöhnliche Bewußtsein Schlaf breitet, befruchtet werden muß dadurch, daß schon durch den öffentlichen Unterricht die Menschen hingeführt werden zum konkreten Begreifen der großen Zeitinteressen. Das kann man nicht anders machen in unserer Zeit, als indem man klarmacht, welche geistigen Kräfte und Wirksamkeiten hereingreifen in unser Geschehen. Nicht mit allgemeinen nebulosen Reden über den Geist ist es getan, sondern mit der Erkenntnis der konkreten geistigen Vorgänge, wie wir sie in diesen Betrachtungen geschildert haben, wo man per Jahrzahl darauf hinweist, wie da und dort diese gewissen Mächte und Kräfte aus der geistigen Welt hier in die physische hereingegriffen haben.
[ 16 ] The vanity that, based on spiritual nothingness, seeks to embrace all manner of reformist ideas is just as harmful to development in our present age as materialism itself. Yesterday, at the end, I pointed out how the true self of the human being—that self which indeed belongs to the nature of the will and is therefore veiled from ordinary consciousness—must be enriched by guiding people, through public education, toward a concrete understanding of the major issues of our time. In our time, this can be achieved only by making clear which spiritual forces and influences are at work in our events. It is not enough to speak in general, nebulous terms about the spirit; rather, it requires an understanding of the concrete spiritual processes, as we have described them in these reflections, where specific years are cited to show how, here and there, these particular powers and forces from the spiritual world have intervened here in the physical world.
[ 17 ] Dadurch aber kommt das zustande, was ich bezeichnen konnte im Gesamtwerden der Menschheit als das Zusammenarbeiten der sogenannten Toten mit den sogenannten Lebendigen. Denn im Wirklichen unseres Gefühls- und Willenslebens sind wir mit den Toten in einem Reich. Man kann ebensogut sagen, mit dem Wirklichen unseres Ich und unseres astralischen Leibes sind wir mit den Toten in einem Reich. Beides besagt dasselbe. Dadurch aber ist hingewiesen auf ein gemeinsames Gebiet, in das wir eingebettet sind, in dem die Toten und die Lebendigen zusammenarbeiten an demjenigen Gewebe, das man das soziale, das sittliche, das geschichtliche Menschenleben in seiner Ganzheit nennen kann, wozu auch diejenigen Lebensläufe gehören, die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt zugebracht werden.
[ 17 ] This, however, gives rise to what I might describe, in the overall development of humanity, as the collaboration of the so-called dead with the so-called living. For in the reality of our emotional and volitional life, we are in the same realm as the dead. One might just as well say that, in the reality of our “I” and our astral body, we are in the same realm as the dead. Both statements mean the same thing. This points to a shared realm in which we are embedded, where the dead and the living work together on that fabric which can be called social, moral, and historical human life in its entirety—a realm that also includes the life courses spent between death and a new birth.
[ 18 ] Wir haben darauf hingewiesen in diesen Betrachtungen, wie der sogenannte Tote zwischen dem Tod und einer neuen Geburt als unterstes Reich das tierische Reich hat, so wie wir das mineralische Reich als unterstes Reich haben. Wir haben auch in einer gewissen Weise darauf hingewiesen, wie der Tote zu arbeiten hat innerhalb des Wesens des tierischen Reiches, wie er aufzubauen hat aus den Gesetzen der Tierheit dasjenige, was wiederum der nächsten Inkarnation als Organisation zugrunde liegt. Wir haben darauf hingewiesen, wie als zweites Reich der Tote alle diejenigen Zusammenhänge erlebt, die hier in der physischen Welt karmisch begründet worden sind, und die sich in die geistige Welt hinein entsprechend verwandelt fortsetzen. Ein zweites Reich baut sich auf also für den Toten, das zusammengewoben ist aus all den karmischen Zusammenhängen, die er jemals in einer Inkarnation auf der Erde begründet hat. Dadurch dehnt sich aber allmählich alles, was der Mensch an Interesse entwickelt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, man kann sagen, in Konkretheit über die ganze Menschheit aus.
[ 18 ] In these reflections, we have pointed out how the so-called dead, between death and a new birth, have the animal kingdom as their lowest realm, just as we have the mineral kingdom as our lowest realm. We have also pointed out, in a certain sense, how the dead person must work within the essence of the animal kingdom, how they must build, from the laws of animality, that which in turn forms the basis of the organization for the next incarnation. We have pointed out how, as a second realm, the deceased experiences all those connections that were karmically established here in the physical world and that continue into the spiritual world in a correspondingly transformed form. A second realm thus unfolds for the deceased, woven together from all the karmic connections he has ever established in any incarnation on Earth. Through this, however, everything that a human being develops an interest in between death and a new birth gradually expands—one might say—in concrete terms to encompass all of humanity.
[ 19 ] Als drittes Reich, das der Mensch dann durchlebt, können wir auffassen das Reich der Angeloi. Und wir haben auch schon in einem gewissen Sinne darauf hingewiesen, welche Rolle die Angeloi spielen drüben in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Sie tragen gewissermaßen die Gedanken von der einen menschlichen Seele zur andern menschlichen Seele hin und bringen sie wieder zurück. Sie sind die Boten des gemeinschaftlichen Gedankenlebens. Die Angeloi sind im Grunde genommen von den Wesen der höheren Hierarchien diejenigen, über die der Tote das klarste Erleben hat; ein klares Erleben über die tierischen und ein klares Erleben über die menschlichen Zusammenhänge, das sein Karma begründet hat durch die Wesen der höheren Hierarchien. Die klarste Vorstellung hat er von jenen Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, die eigentlich die Träger der Gedanken beziehungsweise überhaupt der Seeleninhalte von einem Wesen zu dem andern sind, die auch dem Toten helfen beim Bearbeiten der Tierheit. Man könnte sagen — wenn man von den Angelegenheiten der Toten als von persönlichen Angelegenheiten spricht —, die Wesen aus der Hierarchie der Angeloi haben sich vorzugsweise zu bestreben, die persönlichen Angelegenheiten der Toten zu besorgen. Allgemeinere Angelegenheiten der Toten, die nicht persönliche sind, werden mehr besorgt von den Wesen aus dem Reich der Archangeloi und der Archai.
[ 19 ] We can understand the realm of the Angeloi as the third realm that human beings then experience. And we have already pointed out, in a certain sense, the role the Angeloi play in the life between death and a new birth. They carry, so to speak, the thoughts from one human soul to another and bring them back again. They are the messengers of the collective life of thought. The Angeloi are, in essence, the beings of the higher hierarchies of whom the deceased has the clearest experience; a clear experience of the animal aspects and a clear experience of the human connections that have shaped his karma through the beings of the higher hierarchies. He has the clearest conception of those beings from the hierarchy of the Angels, who are actually the bearers of thoughts—or rather, of the soul’s contents in general—from one being to another, and who also help the deceased in working through his animal nature. One could say—when speaking of the affairs of the dead as personal affairs—that the beings from the hierarchy of the Angeloi are primarily concerned with attending to the personal affairs of the dead. More general affairs of the dead, which are not personal, are handled more by the beings from the realm of the Archangeloi and the Archai.
[ 20 ] Wenn Sie sich erinnern an den Vortragszyklus über «Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod und neuer Geburt», dann werden Sie in Ihr Gedächtnis zurückrufen, daß es zum Leben des sogenannten Toten gehört, abwechselnd gewissermaßen sein Wesen auszudehnen über die Welt und es wieder zusammenzuziehen in sein Inneres. Ich habe das dort tiefer begründet und geschildert. Das Leben des Toten verläuft so, daß gewissermaßen eine Art Abwechselung stattfindet zwischen Tag und Nacht. Aber diese Art ist so, daß aus dem Innern auftaucht reges Leben. Man weiß: Was da auftaucht, dieses rege Leben, das ist nur das Wiederauftauchen dessen, was man in dem andern Zustande, mit dem dieser abwechselt, durchlebt hat, indem man sein Wesen ausgedehnt hat über die Welt, indem man zusammengewachsen ist mit der Außenwelt. Wenn man daher mit einem Toten zusammenkommt, trifft man abwechselnde Zustände: Solche Zustände, wo er sein Wesen über die Welt ausdehnt, wo er gewissermaßen mit seinem eigenen Wesen in die Wesenhaftigkeit seiner Umgebung, in die Vorgänge seiner Umgebung hineinwächst. Da weiß er am wenigsten, da ist für ihn eine Art von Schlafzustand vorhanden, wenn er mit seinem Wesen in die geistige Welt um ihn hineinwächst. Wenn das wieder auftaucht aus seinem Innern, dann ist für ihn eine Art Wachzustand vorhanden, dann weiß er alles das. Denn sein Leben verfließt in der Zeit, nicht im Raume. Wie wir als Besitzer des wachen Tagesbewußtseins draußen im Raume dasjenige haben, was wir hereinnehmen in unser Bewußtsein und dann wiederum uns von ihm zurückziehen im Schlafe, so ist es beim Toten so, daß er von einem gewissen Zeitraume, den er durchlebt hat, die Erlebnisse hereinnimmt in den nächsten Zeitraum und sie dann sein Bewußtsein ausfüllen. Vergangene Zeit füllt sein Bewußtsein aus, wie unser Wachbewußtsein der Raum ausfüllt. Es ist ein völliges Leben in der Zeit. Und damit muß man sich bekanntmachen.
[ 20 ] If you recall the lecture series on “The Inner Nature of the Human Being and Life Between Death and Rebirth,” you will remember that part of the life of the so-called dead person involves, in a sense, alternately expanding their being out into the world and drawing it back into their inner self. I explained and described this in greater depth there. The life of the dead proceeds in such a way that, in a sense, a kind of alternation takes place between day and night. But this alternation is such that a vibrant life emerges from within. We know that what emerges there—this vibrant life—is merely the reemergence of what was experienced in the other state, with which this one alternates: the state in which one’s being was extended out into the world, in which one became one with the external world. When one therefore encounters a deceased person, one encounters alternating states: states in which the person extends their being out into the world, in which they, so to speak, grow with their own being into the essence of their surroundings, into the processes of their surroundings. It is then that they are least aware; a kind of sleep-like state prevails for them when they grow with their being into the spiritual world around them. When this emerges again from within them, a kind of waking state prevails for them, and they are aware of all this. For their life flows in time, not in space. Just as we, as possessors of waking daytime consciousness, have—out there in space—that which we take into our consciousness and then, in turn, withdraw from it during sleep, so it is with the dead: they take the experiences from a certain period of time they have lived through into the next period, and these experiences then fill their consciousness. Past time fills their consciousness, just as our waking consciousness fills space. It is a life entirely lived in time. And one must become acquainted with this.
[ 21 ] Durch dieses rhythmische Zeitleben, das der Tote führt, kommt er nun in eine ganz bestimmte Beziehung zu den Wesen aus der Hierarchie der Archangeloi und der Archai. Von diesen Wesenheiten, von den Archangeloi und den Archai, hat er nicht eine so klare Vorstellung wie von den Angeloi und von den Menschen und von der Tierheit, aber er hat vor allen Dingen immer die Vorstellung, daß diese Wesenheiten, die Archai und Archangeloi, diejenigen sind, welche mit ihm zusammenarbeiten in diesem Aufwachen, Einschlafen, Aufwachen, Einschlafen in diesem Rhythmus, der sich im Laufe der Zeit abspielt. Der Tote hat wenn er dazu kommt, ein Bewußtsein von dem zu entwickeln, was er im vorhergehenden Zeitabschnitt erlebt, aber nicht gewußt hat —, er hat immer das Bewußtsein, daß ein Wesen aus der Hierarchie der Archai ihn aufgeweckt hat; er hat immer das Bewußtsein, daß er in bezug auf dieses rhythmische Leben zusammenarbeitet mit den Archai und Archangeloi.
[ 21 ] Through this rhythmic existence in time that the deceased leads, he now enters into a very specific relationship with the beings from the hierarchy of the Archangeloi and the Archai. He does not have as clear a conception of these beings—the Archangels and the Archai—as he does of the Angels, human beings, and the animal kingdom; but above all, he always has the sense that these beings—the Archai and Archangels—are the ones who work together with him in this cycle of waking, sleeping, waking, and sleeping, which unfolds over the course of time. When the deceased is ready to develop an awareness of what he experienced but did not know during the preceding period—he is always aware that a being from the hierarchy of the Archai has awakened him; he is always aware that, with regard to this rhythmic life, he is working together with the Archai and Archangeloi.
[ 22 ] Halten wir recht gut fest, geradeso wie wir hier im Aufwachen gewahr werden: uns wird bewußt die äußere Welt, von der wir während des Schlafens nicht wissen, wie wir hier gewahr werden: diese äußere Welt geht in die Finsternis hinunter, wenn wir einschlafen — so lebt in der Seele des sogenannten Toten das Bewußtsein: Archai, Archangeloi, mit ihnen arbeite ich zusammen, auf daß ich durchgehen kann durch dieses Leben des Einschlafens, Aufwachens, Einschlafens, Aufwachens und so weiter. Man möchte sagen, der Tote verkehrt mit Archangeloi und Archai so, wie wir hier im Wachbewußtsein mit der physischen Umgebung, der Pflanzen- und mineralischen Welt verkehren. Der Mensch kann nicht zurückschauen in dieses Zusammenspielen, in das er hineinverwoben ist zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Warum nicht? Nun, man meint: Warum nicht? — aber gerade dieses Zurückschauen ist etwas, was der Mensch wird lernen müssen, nur kann er es freilich aus den materialistischen Vorstellungen der Gegenwart heraus schwierig lernen. Ich möchte Ihnen graphisch darstellen, warum da der Mensch nicht zurücksieht (Siehe Zeichnung).
[ 22 ] Let us hold fast to this, just as we become aware of it here upon waking: we become conscious of the outer world, of which we are unaware while sleeping; just as we perceive it here: this outer world descends into darkness when we fall asleep—so consciousness lives in the soul of the so-called dead: Archai, Archangeloi—I work together with them so that I may pass through this life of falling asleep, waking up, falling asleep, waking up, and so on. One might say that the dead person interacts with the Archangeloi and Archai just as we here, in waking consciousness, interact with our physical surroundings—the plant and mineral worlds. Human beings cannot look back upon this interplay in which they are woven between death and a new birth. Why not? Well, one might ask: Why not? — but it is precisely this looking back that human beings will have to learn; only, of course, it is difficult for them to learn this from the materialistic conceptions of the present. I would like to illustrate to you why human beings do not look back (see drawing).


[ 23 ] Nehmen Sie einmal an: Sie stehen mit Ihrem gesamten Sinnes- und Vorstellungsapparat der Welt gegenüber. Dadurch haben Sie Vorstellungen, Wahrnehmungsinhalte verschiedenster Art. Ich bezeichne das, was in einem Momente Bewußtsein ist, so, daß ich da verschiedene Ringe, kleine Kreise aufzeichne. Das ist in einem Momente im Bewußtsein. Jetzt wissen Sie, findet in anderer Art, als Psychologen heute meinen, aber es findet statt ein Erinnerungsprozeß, wenn Sie zurückschauen; und die Zeit, in die Sie zurückschauen können, indem Sie sich erinnern, die bezeichne ich mit dieser Linie, mit der aber eigentlich dieser Raum gemeint ist, der da blind ausläuft, hier wäre der Punkt im dritten, vierten oder fünften Jahre, bis zu dem man sich im Leben zurückerinnert. Da drinnen liegen also alle die Vorstellungen, die entstehen, wenn man sich an die Erlebnisse zurückerinnert, die man gehabt hat. Nehmen Sie an: Sie haben diese Vorstellungen, sagen wir mit dreiBig Jahren, so erinnern Sie sich, indem diese Vorstellungen vor Ihnen auftauchen, an etwas, das Sie vor zehn Jahren gehabt haben. Wenn Sie sich so recht lebhaft, bildhaft vorstellen, wie das eigentlich ist mit der Seele, so können Sie folgendes denken. Sie können sich sagen: Wenn wir so zurückschauen bis dahin, wo in der Kindheit dasjenige auftaucht, bis wohin wir uns erinnern, so ist das ein seelischer Sack, der ein Ende hat; er hat dort seinen Bogen, wo der Punkt liegt, bis zu dem wir uns in der Kindheit zurückerinnern. Das ist ein solcher Seelensack; das ist die Zeit, die überschaut wird. Stellen Sie sich solch einen seelischen Sack vor,in den Sie so zurück hineinblicken: hier ist die Grenze dieses Sackes, diese Grenze fällt in Wirklichkeit zusammen mit der Grenze zwischen Ätherleib und physischem Leib. Diese Grenze muß da sein, Sie können sich das sehr grob vorstellen: sonst würden nämlich die Vorgänge, welche die Erinnerung herbeiführen, immerfort da durchfallen. Sie würden sich an nichts erinnern können, die Seele wäre ein Sack, der keinen Boden hat, es würde alles durchfallen. Es muß also eine Grenze da sein, es muß ein wirklicher seelischer Sack vorliegen. Dieser seelische Sack aber hindert zu gleicher Zeit, auch dasjenige wahrzunehmen, was man so durchlebt hat, daß es außerhalb liegt. Sie sind sich selbst in Ihrem Seelenleben undurchsichtig, weil Sie Erinnerungen haben. Weil Sie das Vermögen der Erinnerung haben, sind Sie undurchsichtig.
[ 23 ] Suppose for a moment that you are facing the world with your entire sensory and imaginative apparatus. As a result, you have ideas and perceptual contents of the most varied kinds. I represent what is present in consciousness at a given moment by drawing various rings, small circles. That is what is present in consciousness at that moment. Now, as you know, a process of recollection takes place—albeit in a different way than psychologists today believe—when you look back; and the span of time you can look back on through memory—I denote this with this line, which actually represents the space that tapers off here; this point would correspond to the third, fourth, or fifth year, marking the furthest back one can recall in life. Within that span lie all the mental images that arise when one recalls the experiences one has had. Suppose you have these images—let’s say at the age of three—then, as these images appear before you, you are recalling something you experienced ten years ago. If you try to imagine quite vividly and pictorially what this is actually like for the soul, you can think of it this way. You can say to yourself: When we look back to the point in childhood where those memories emerge—as far as our recollection extends—it is like a “soul sack” that has an end; its arc ends at the point up to which we can recall our childhood. That is such a “soul sack”; that is the span of time we can survey. Imagine such a “sack” of the soul into which you look back: here is the boundary of this sack; in reality, this boundary coincides with the boundary between the etheric body and the physical body. This boundary must be there—you can picture it very roughly—otherwise the processes that bring about memory would constantly fall through it. You would not be able to remember anything; the soul would be a sack with no bottom, and everything would fall right through. So there must be a boundary; there must be a real “sack” of the soul. But this “sack” of the soul also prevents you from perceiving, at the same time, what you have experienced as lying outside of it. You are opaque to yourself in your soul life because you have memories. Because you have the capacity for memory, you are opaque.
[ 24 ] Sie sehen, das, was macht, daß wir ein ordentliches Bewußtsein für den physischen Plan haben, ist zu gleicher Zeit der Grund, daß wir nicht hineinsehen mit dem gewöhnlichen Bewußtsein in dieses Gebiet, welches hinter der Erinnerung liegen müßte. Hinter der Erinnerung liegt es nämlich in Wirklichkeit. Man kann sich aber bemühen, die Erinnerung nach und nach etwas umzugestalten. Man muß nur vorsichtig dabei sein. Man kann damit beginnen, daß man versucht, dasjenige, an das man sich erinnert, immer genauer und genauer meditativ ins Auge zu fassen, bis man das Gefühl hat: Es ist nicht nur etwas, was man so in der Erinnerung ergreift, sondern etwas, was eigentlich da stehen bleibt. Ein Mensch, der ein intensives, reges Geistesleben entwickelt, bekommt schon allmählich dieses Gefühl, daß die Erinnerung nicht etwas ist, das kommt und geht, kommt und vergeht, sondern daß der Inhalt der Erinnerung etwas ist, was stehen bleibt. Nun allerdings, in dieser Weise arbeiten, kann nur dazu führen, die Überzeugung hervorzurufen, daß dasjenige, was in der Erinnerung sonst auftaucht, stehen bleibt, daß es wirklich als Akasha-Chronik vorhanden bleibt, daß es nicht weggeht. Dasjenige, was wir sonst in der Erinnerung überblicken: es steht da in der Welt, es ist in Wirklichkeit da. Aber weiter kommt man durch diese Methode eigentlich nicht, denn diese Methode, sich nur an seine persönlichen Erlebnisse zu erinnern, die gut hervorgerufen wird, die Erkenntnis, daß der Erinnerungsgehalt stehen bleibt — diese Methode ist in einem höheren Sinne zu egoistisch, um weiterzuführen als nur bis zu dieser Überzeugung. Im Gegenteil, wenn Sie über einen gewissen Punkt hin gerade diese Fähigkeit ausbilden würden, hinzuschauen auf das Stehenbleibende Ihrer eigenen Erlebnisse, so werden Sie sich erst recht den Ausblick in die freie Geisteswelt verbauen. Denn statt daß der Sack der Erinnerungen da ist, steht dann nur Ihr eigenes Leben um so kompakter da und läßt Sie nicht durchblicken.
[ 24 ] You see, what enables us to have a clear awareness of the physical plane is, at the same time, the reason why we cannot perceive, with ordinary consciousness, this realm that must lie beyond memory. For in reality, it does lie beyond memory. However, one can make an effort to gradually reshape one’s memory. One must simply proceed with caution. One can begin by trying to contemplate what one remembers more and more precisely through meditation, until one has the feeling: It is not merely something one grasps in memory, but something that actually remains there. A person who develops an intense, active spiritual life gradually begins to feel that a memory is not something that comes and goes, comes and fades away, but that the content of the memory is something that remains. However, working in this way can only lead to the conviction that what otherwise appears in memory remains there, that it truly persists as the Akashic Records, that it does not go away. What we otherwise survey in memory: it is there in the world; it is actually there. But this method does not actually take you any further, for this method—of recalling only one’s personal experiences, which is easily evoked, along with the realization that the content of memory remains—is, in a higher sense, too egotistical to lead any further than this conviction. On the contrary, if you were to develop this very ability beyond a certain point—to focus on what remains of your own experiences—you would only block your view into the free world of the spirit. For instead of the storehouse of memories being there, only your own life would stand there all the more compactly, preventing you from seeing through it.
[ 25 ] Dagegen kann man eine andere Methode anwenden, die in ganz ausgezeichneter Weise, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, die Einschreibungen der Akasha-Chronik durchsichtig macht. Und sieht man einmal durch die stehengebliebenen Erinnerungen, dann sieht man sicher hinein in die geistige Welt, mit der man verbunden war zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Aber dazu muß man nicht nur dasjenige, was als erinnerungsgemäß stehen bleibt aus dem eigenen Leben, benützen — das wird immer kompakter und kompakter, da sieht man dann erst recht nicht durch. Es muß das durchsichtig werden. Und durchsichtig wäre es, wenn man immer stärker und stärker den Versuch macht, nicht so sehr an das sich zu erinnern, was man von seinem Gesichtspunkte aus erlebt hat, sondern an das sich immer mehr zu erinnern, was von außen an einen herangetreten ist. Statt an das, was man gelernt hat, erinnert man sich an den Lehrer, an die Art, wie der Lehrer gesprochen, wie der Lehrer gewirkt hat, was der Lehrer mit einem gemacht hat. Man erinnert sich daran, wie das Buch entstanden ist, aus dem man dies oder jenes gelernt hat. Man erinnert sich vorzugsweise an dasjenige, was von der Außenwelt herein an einem gearbeitet hat.
[ 25 ] In contrast, one can apply another method that, if I may use the expression, makes the records of the Akashic Records transparent in a most excellent way. And once one sees through the memories that have remained, one can certainly glimpse into the spiritual world with which one was connected between death and a new birth. But to do this, one must not rely solely on what remains as memories from one’s own life—for these become ever more compact, making it all the more difficult to see through them. That is what must become transparent. And it would be transparent if one were to make an ever-stronger effort not so much to remember what one experienced from one’s own perspective, but rather to remember more and more what approached one from the outside. Instead of what one has learned, one remembers the teacher—the way the teacher spoke, the way the teacher came across, what the teacher did with one. One remembers how the book from which one learned this or that came into being. One remembers, above all, what has worked on one from the outside world.
[ 26 ] Ein sehr schöner, wunderbarer Anfang, ja eine Anleitung zu solcher Erinnerung ist Goethes Schrift «Dichtung und Wahrheit», wo er schildert, wie er, Goethe, aus der Zeit heraus geformt wird; wie die verschiedenen Kräfte an ihm arbeiten. Daß Goethe so etwas gemacht hat in seinem Leben, daß er in einer solchen Weise eine Art Rückschau gehalten hat, nicht von dem Gesichtspunkte der eigenen Erlebnisse, sondern von dem Gesichtspunkte der andern und der Zeitereignisse, die an ihm gearbeitet haben, dem verdankt er, daß er solche tiefen Einblicke hat tun können in die geistige Welt, wie er getan hat. Das aber ist auch zu gleicher Zeit der Weg, um in weiterem Umfange mit der Zeit in Berührung zu kommen, die zwischen dem letzten Tode und dieser unserer Geburt verflossen ist.
[ 26 ] A very beautiful, wonderful starting point—indeed, a guide to such recollection—is Goethe’s work Poetry and Truth, in which he describes how he, Goethe, was shaped by his time; how various forces worked upon him. The fact that Goethe did something like this in his life—that he looked back in this way, not from the perspective of his own experiences, but from the perspective of others and the events of the time that shaped him—is what enabled him to gain such deep insights into the spiritual world as he did. But this is also, at the same time, the path to coming into contact, on a broader scale, with the time that has elapsed between the last death and our own birth.
[ 27 ] Also Sie sehen, von einem andern Gesichtspunkt aus weise ich Sie heute auf dasselbe hin, worauf ich Sie schon hingewiesen habe: Erweiterung der Interessen über das Persönliche hinaus, gerade Hinlenkung der Interessen und der Aufmerksamkeit auf dasjenige, was nicht wir sind, sondern was uns geformt hat, woraus wir entstanden sind. Ein Ideal ist es, hinzuschauen auf die Zeit und auf längere Vorzeit vor uns und all die Kräfte aufzusuchen, die diesen Kerl, der man geworden ist, aus sich heraus geformt haben.
[ 27 ] So you see, from a different perspective, I am pointing out to you today the very same thing I have already pointed out: broadening one’s interests beyond the personal, directing one’s interests and attention specifically toward that which is not us, but rather what has shaped us, from which we have emerged. One ideal is to look toward the present and the distant past before us and to seek out all the forces that have shaped the person we have become from within.
[ 28 ] Das allerdings bietet wenig Schwierigkeiten, wenn man es so schildert, aber es ist keine ganz leichte Aufgabe. Es ist auch eine Aufgabe, die, weil sie starke Selbstlosigkeit erfordert, großen Erfolg hat. Gerade diese Methode erweckt die Kräfte, mit seinem Ich in dieselbe Sphäre hineinzukommen, die die Toten mit den Lebendigen gemeinschaftlich haben. Weniger sich kennenzulernen, mehr seine Zeit kennenzulernen, das wird die Aufgabe eines öffentlichen Unterrichts in einer gar nicht zu fernen Zukunft sein, aber seine Zeit im Konkreten kennenzulernen, nicht so kennenzulernen, wie es jetzt in den Geschichtsbüchern steht; so, wie diese Zeit selbstverständlich sich entwickelt aus geistigen Impulsen heraus.
[ 28 ] That, however, presents few difficulties when described in this way, but it is not an entirely easy task. It is also a task that, because it requires a high degree of selflessness, is highly successful. It is precisely this method that awakens the powers needed to enter, with one’s own self, into the same sphere that the dead share with the living. To get to know one’s own time more—rather than oneself—will be the task of public education in the not-too-distant future; but to get to know one’s own time in concrete terms, not as it is currently presented in history books, but as this time naturally develops out of spiritual impulses.
[ 29 ] Also wieder werden wir auch auf diese Weise dazu geführt, die Interessen zu erweitern über eine Charakteristik unseres Zeitalters und seines Hervorgehens aus dem allgemeinen Weltengang. Warum hat denn Goethe so intensiv danach gestrebt, griechische Kunst kennenzulernen, seine Zeit durch und durch zu verstehen, sie abzumessen an der vorhergehenden Zeit? Warum läßt er seinen Faust bis in die griechische Zeit, bis in die Helena-Zeit zurückgehen, den Chiron aufsuchen, die Sphinxe aufsuchen? Weil er seine eigene Zeit, wie sie an ihm gearbeitet hat, so kennenlernen will, wie er sie nur kennenlernen kann, wenn er diese eigene Zeit an der früheren Zeit mißt. Aber Goethe läßt seinen Faust nicht sich hinsetzen und Pergamente entfalten, Urkunden der Staatsarchive entfalten, sondern er führt ihn zurück auf Seelenwegen in die Impulse, welche ihn selber geformt haben. Es steckt in ihm manches von dem, was den Menschen hinweist auf ein Zusammenkommen auf der einen Seite mit den Toten, auf der andern Seite — Sie können es jetzt sehen aus dem Zusammenhang der Toten und Archangeloi — mit den Zeitgeistern und den Erzengeln. Dadurch, daß der Mensch mit den Toten zusammenkommt, kommt er auch in Berührung mit den Erzengeln und den Zeitgeistern. Gerade in den Impulsen, auf die Goethe in seinem «Faust» hindeutet, liegt das, wodurch der Mensch seine Interessen erweitert über den Zeitgeist, liegt das, was im eminentesten Sinne unserer Zeit notwendig ist. Allerdings ist unserer Zeit notwendig, in anderer Art auf so etwas hinzuschauen, wie es zum Beispiel der «Faust» ist, als die Zeit bisher darauf hingeschaut hat. Die meisten derjenigen, die den «Faust» beurteilen, kommen kaum darauf, wo die Probleme liegen. Einige kommen darauf, die Fragen zu stellen. Die Antworten werden oft in der kuriosesten Weise gegeben.
[ 29 ] Once again, then, we are led in this way to broaden our perspective on a defining characteristic of our age and its emergence from the general course of world history. Why, then, did Goethe strive so intensely to become acquainted with Greek art, to understand his own time through and through, and to measure it against the preceding era? Why does he have his Faust go back to the Greek era, to the time of Helen, to seek out Chiron and the Sphinx? Because he wants to understand his own era—how it has shaped him—in a way that is only possible by measuring his own era against earlier times. But Goethe does not have his Faust sit down and unroll parchments or documents from the state archives; rather, he leads him back along the paths of the soul to the impulses that shaped him personally. There is much within him that points humanity toward a coming together, on the one hand, with the dead, and on the other—as you can now see from the connection between the dead and the Archangels—with the spirits of the age and the Archangels. Through this coming together with the dead, humanity also comes into contact with the Archangels and the spirits of the age. It is precisely in the impulses to which Goethe alludes in his Faust that lies what enables human beings to expand their interests beyond the spirit of the age; it is precisely this that is necessary in the most eminent sense for our time. However, our time needs to look at works such as Faust in a different way than it has done so far. Most of those who evaluate Faust scarcely grasp where the problems lie. Some do manage to ask the questions. The answers are often given in the most curious ways.
[ 30 ] Nehmen Sie ein Beispiel, wo Goethe nun wirklich darauf hinweist: Denkt nach! Wird da immer nachgedacht? Goethe macht aber alles, um Deutlichkeit dafür hervorzurufen, daß über gewisse Dinge nachzudenken ist. Zum Beispiel: Sie wissen, die Erichtho redet über dasjenige, was Schauplatz der klassischen Walpurgisnacht ist; sie entfernt sich, die Luftfahrer, Homunkulus mit Faust und Mephistopheles erscheinen. Sie erinnern sich an die ersten Reden des Homunkulus, des Mephisto, des Faust. Nachdem Faust den Boden berührt hat und die Frage aufgeworfen hat: Wo ist sie? — sagt Homunkulus:
[ 30 ] Take an example where Goethe really does point this out: Think! Is there always reflection? Yet Goethe does everything he can to make it clear that certain things require reflection. For example: You know that Erichtho speaks about the scene that forms the setting for the classic Walpurgis Night; she departs, and the air travelers—the Homunculus, Faust, and Mephistopheles—appear. You recall the first lines spoken by the Homunculus, Mephisto, and Faust. After Faust has touched the ground and asked, “Where is she?”—the Homunculus says:
Wüßten’s nicht zu sagen,
Doch hier wahrscheinlich zu erfragen.
In Eile magst du, eh’ es tagt,
Von Flamm’ zu Flamme spürend gehen:
Wer zu den Müttern sich gewagt,
Hat weiter nichts zu überstehen.
I couldn’t say,
But you can probably ask here.
In a hurry, you may, before daybreak,
Go from flame to flame, feeling your way:
Whoever dares to approach the mothers,
Has nothing else to endure.
[ 31 ] Homunkulus sagt: «Wer zu den Müttern sich gewagt, hat weiter nichts zu überstehen...» Woher weiß denn der, daß der Faust bei den Müttern war? Das ist eine Frage, die ganz notwendig sich ergibt, denn blättern Sie zurück, so werden Sie sehen, daß nirgends eine Andeutung darüber ist, daß Homunkulus erfahren haben könnte als ein Wesen außer dem Faust, daß der Faust bei den Müttern war. Jetzt auf einmal piepst der Homunkulus davon, daß «wer zu den Müttern sich gewagt, hat weiter nichts zu überstehen». Sie sehen, Goethe gibt schon Rätsel auf. Mit zwingender Notwendigkeit geht daraus hervor, daß Homunkulus, wenn er überhaupt irgend etwas ist, dieses innerhalb des Bewußtseinsbereiches des Faust selber ist; denn nur dann kann er dasjenige, was innerhalb des Bewußtseinsbereiches des Faust ist, wissen, wenn er zum Bewußtseinsbereiche des Faust selber gehört.
[ 31 ] Homunculus says: “Whoever has dared to go to the Mothers has nothing left to endure...” How does he know that Faust was with the Mothers? This is a question that inevitably arises, for if you turn back the pages, you will see that there is nowhere any hint that Homunkulus—as a being separate from Faust—could have known that Faust was with the Mothers. Now, all of a sudden, Homunkulus blurts out that “whoever dares to approach the Mothers has nothing further to endure.” You see, Goethe is already presenting us with a riddle. It follows with absolute certainty that the Homunculus, if he is anything at all, exists within the realm of Faust’s own consciousness; for only then can he know that which lies within the realm of Faust’s consciousness, if he belongs to the realm of Faust’s own consciousness.
[ 32 ] Erinnern Sie sich an manche Auseinandersetzungen, die wir über den «Faust» gegeben haben, daß Homunkulus eigentlich nichts anderes ist als dasjenige, was als astralischer Leib bereitet werden muß, damit die Helena erscheinen kann. Aber dadurch ist er in einem andern Bewußtsein, ist sein Bewußtsein erweitert über den Astralleib. Dann haben Sie eine Verständnismöglichkeit des Wissens des Homunkulus, wenn er in den Bewußtseinsbereich des Faust selber hineinkommt. Deshalb läßt Goethe den Homunkulus werden, weil durch das Werden des Homunkulus das Bewußtsein des Faust gewissermaßen die Möglichkeit findet, aus sich herauszugehen, nicht nur in sich zu sein, sondern draußen zu sein. Und er ist auch da, wo der Homunkulus ist; der Homunkulus ist im Bewußtsein des Faust darinnen.
[ 32 ] Do you recall some of the discussions we’ve had about Faust, namely that the homunculus is actually nothing other than what must be prepared as the astral body so that Helena can appear? But as a result, he exists in a different state of consciousness; his consciousness is expanded beyond the astral body. You can then begin to understand the nature of the homunculus when he enters the realm of Faust’s own consciousness. That is why Goethe allows the homunculus to come into being: because through the homunculus’s coming into being, Faust’s consciousness, so to speak, finds the possibility of stepping outside of itself—not merely to be within itself, but to be outside. And he is also where the homunculus is; the homunculus is within Faust’s consciousness.
[ 33 ] Goethe nimmt in diesem Sinne Alchimie sehr ernst, wie Sie sehen. Solche Rätsel, die direkt mit Geheimnissen der geistigen Welt zusammenhängen, sind im «Faust» sehr viele. Man muß den «Faust» so auf sich wirken lassen, daß man gewahr wird, welche Tiefen geistiger Wirklichkeit eigentlich diesem «Faust» zugrunde liegen. Nur dadurch versteht man so jemanden wie Goethe, daß man sich klarmacht: Er hat auf der einen Seite getrachtet, das, was ihn gemacht hat, wirklich wie von außen anzusehen, wofür ein Beweis seine Darstellung in «Dichtung und Wahrheit» ist, und hat auf der andern Seite auch gewußt, das führt zurück sogar in weite perspektivische Zusammenhänge mit den Toten. Und Faust tritt in das Leben sehr weit zurückliegender Menschenentwickelung ein, tritt auch in das Leben weit zurückliegender geistiger Wesenheiten ein.
[ 33 ] As you can see, Goethe takes alchemy very seriously in this sense. There are many such riddles in Faust that are directly connected to the mysteries of the spiritual world. One must allow Faust to take effect on oneself in such a way that one becomes aware of the depths of spiritual reality that actually underlie this Faust. Only in this way can one understand someone like Goethe—by realizing that, on the one hand, he sought to view what had shaped him as if from the outside—as evidenced by his account in Poetry and Truth—and, on the other hand, he also knew that this leads back even to broad, perspective-rich connections with the dead. And Faust enters into the life of human development from a very distant past; he also enters into the life of spiritual beings from a distant past.
[ 34 ] Aber, wenn man ganz durchschauen will, was nötig ist in positivem Sinne für die Gegenwart, dann muß man in vieler Beziehung auch einen Blick und ein Gefühl für das Negative haben, muß das richtige Fühlen entwickeln für das Negative. Man muß einen Blick haben für alles das, was verhindert das als notwendig bezeichnete Zusammenkommen der lebenden Menschen im gemeinsamen Plane mit dem Wirken der Toten. Überall können Sie heute die Hindernisse entdecken. Sie finden sie auf Schritt und Tritt. Sie finden sie gerade dort, wo Bildung — verzeihen Sie, daß ich dieses häßliche Wort gebrauche — heute verbreitet wird.
[ 34 ] But if one wants to fully understand what is necessary—in a positive sense—for the present, then in many respects one must also have an eye and a sense for the negative; one must develop the right sensitivity toward the negative. One must have an eye for everything that prevents the necessary coming together of living human beings in a shared plan with the work of the dead. You can discover these obstacles everywhere today. You find them at every turn. You find them precisely where education—forgive me for using this ugly word—is being disseminated today.
[ 35 ] Wie fühlt sich ein Mensch heute geradezu gescheit, tief gescheit, aufgeklärt, wenn er dergleichen hinschreiben kann: «Swedenborg, um dessen finster rätselvolle Persönlichkeit auch Goethe mit ehrfürchtigem Tasten herumgewandert ist, hat mit den Engeln jenseits der Erde verkehrt. Erzählt hat er, daß diese überirdischen Geschöpfe, mit Gedanken streitend, sogar mit Gewändern bekleidet einhergehen. Das Ringen um Erkenntnis und Aufklärung sei ihnen nicht fremd, haben sie doch eine Druckerei eingerichtet, von der sie manchmal zu besonders glücklichen Menschen einige Blätter hinabschicken. Mit hebräischen Buchstaben sind die Zeitungen des Jenseits dann bedeckt. Ein Eigentümliches der ehrwürdigen biblischen Bilderzeichen wäre es, daß jeder Strich an ihnen, jede Kante, jede Biegung, einen geheimnisvollen Geisteswert verberge. Nur lernen müsse der Mensch, das Engelsgeschnörkel richtig zu lesen, damit er in die Wahrheit des Jenseits, in das abgekehrte, ewig besonnte Leben, in die beseligende Festlichkeit und das erheiternde Paradies des Jenseits eingeweiht werde. Swedenborg, dem es gelang, bei lebendigem Leibe manchmal für das irdische Leben abzusterben und vor dem körperlichen Tode schon den Aufschwung in das Jenseits zu vollführen, hat vieles von den Engeln erfragt und über sie berichtet. Jahrhunderte vor ihm haben Babylonier, Ägypter und Juden das gleiche Kundschafterhandwerk geübt. Menschenalter nach ihm, bis zum heutigen Tage noch, tun es die auf der Erde unzufriedenen Wesen, die sich über ihre Zukunft von Gott Rates holen wollen, die auf die Gesellschaft ihrer Toten nicht verzichten, und die endlich der Meinung sind, die Brücke, die von ihrem träumeumspielten Bett bis in die Bezirke des Unfaßbaren gebaut wird, sei ein fester, seraphisch zementierter, von Geistern durchaus gestählter und getragener Weg.»
[ 35 ] How can a person today feel truly wise, deeply wise, and enlightened when he can write something like this: “Swedenborg, whose dark and enigmatic personality even Goethe approached with reverent caution, communicated with the angels beyond Earth. He recounted that these supernatural beings, engaged in intellectual debate, even walk about clothed in robes. The struggle for knowledge and enlightenment is not foreign to them, for they have set up a printing press from which they sometimes send down a few sheets to particularly fortunate people. The newspapers of the afterlife are then covered with Hebrew letters. A peculiar feature of the venerable biblical symbols would be that every stroke in them, every edge, every curve, conceals a mysterious spiritual value. Humans must simply learn to read the angels’ flourishes correctly, so that they may be initiated into the truth of the afterlife—into that life turned away from the world, eternally bathed in sunlight, into the blissful festivity and the exhilarating paradise of the afterlife. Swedenborg, who sometimes succeeded in dying to earthly life while still alive and in making the ascent into the afterlife even before physical death, asked the angels many questions and reported on them. Centuries before him, Babylonians, Egyptians, and Jews practiced the same craft of exploration. Generations after him, right up to the present day, this is done by those on earth who are dissatisfied, who seek God’s counsel regarding their future, who cannot do without the company of their dead, and who ultimately believe that the bridge built from their dream-shrouded bed to the realms of the incomprehensible is a solid path, seraphically cemented, thoroughly fortified and sustained by spirits.”
[ 36 ] Und so setzt der betreffende, sich sehr gescheit haltende Mensch seine Betrachtungen fort, sich in einem billigen Spott über diejenigen ergehend, die da versuchen, die Brücke zu schlagen in das Jenseits; denn dieser sehr gescheite Mann hat das Buch eines andern sehr gescheit sich dünkenden Menschen gelesen und schreibt darüber: «Dieses Jenseits der Sinne, das von der Seele bewohnt wird, will das gewichtige Buch Max Dessoirs: «Vom Jenseits der Seele neu beschreiben, nachdem schon tausende von Grüblern diesen Weg ins Jenseits betreten haben. Diesmal redet also ein Philosoph, der sich um Menschenkenntnis mehr bemüht hat als um die Sonderung verwaister Gedankenrichtungen, ein Kunstfreund, der sich nicht gescheut hat, die Rätsel-umschattete Geburtssekunde eines Künstlerplanes auszudeuten, ein Mann endlich, der gelegentlich auch mit dem Messer in der Hand Knochen und Nerven des Menschen abgesucht hat, damit er sich in den zahlreichen irdischen Verstecken der Seele zurechtfindet.
[ 36 ] And so this particular man, who considers himself very clever, continues his reflections, indulging in cheap mockery of those who are attempting to build a bridge to the afterlife; for this very clever man has read the book of another man who also considers himself very clever, and writes about it: “This realm beyond the senses, inhabited by the soul, is what Max Dessoir’s weighty book On the Afterlife of the Soul seeks to describe anew, after thousands of thinkers have already set out on this path to the afterlife. This time, then, we hear from a philosopher who has devoted more effort to understanding human nature than to sifting through abandoned schools of thought, an art lover who has not shied away from interpreting the mystery-shrouded moment of an artist’s conception, and finally, a man who has occasionally probed human bones and nerves with a scalpel in hand so that he might find his way through the soul’s numerous earthly hiding places.
[ 37 ] Weil Dessoir so vielfältig gegen die Übereilung der Schwarmgeister und gegen die Kälte der hochmütigen Vernünftler geschützt ist, verdient sein seit mehr als dreißig Jahren vorbereitetes Urteil über Dinge des Jenseits auch bei jenen Achtung und Gehör, die ihm nicht auf seinem Wege folgen können» und so weiter.
[ 37 ] “Because Dessoir is so well protected against the rashness of the enthusiastic and the coldness of the haughty rationalists, his judgment on matters of the afterlife—which he has been preparing for more than thirty years—deserves respect and a hearing even from those who cannot follow him on his path,” and so on.
[ 38 ] Jenes besagte Individuum Max Dessoir mußte ich besprechen in dem zweiten Kapitel meines Buches: «Von Seelenrätseln», denn dieser Universitätsprofessor hatte die Frechheit, die Anthroposophie als solche zu besprechen. Ich mußte mich der Aufgabe unterziehen, nachzuweisen, daß die ganze Art, wie Max Dessoir arbeitet, die gewissenloseste, oberflächlichste Art ist, die sich nur denken läßt. Dieser Mann hat die Stirne, auf fast ausschließlich blödsinnig geformte Zitate hin, die er aus wenigen meiner Bücher ausschreibt und immer so ausschreibt, daß sie in der blödsinnigsten Weise entstellt sind, ein abfälliges Urteil zu fällen. Man muß schon die Tatsache in dieser Form hinstellen, wenn man jenen Skandal in Wirklichkeit sehen will, der möglich ist innerhalb desjenigen, was sich heute vielfach Wissenschaft nennt. Ich habe das Individuum Dessoir in meinem Leben nur einmal gesehen; es war im Anfang der neunziger Jahre. Damals hat er mir eine sehr gescheite Bemerkung gemacht. Meine «Philosophie der Freiheit» war damals noch nicht geschrieben. Max Dessoir sagte dazumal — es war bei einem Goethe-Diner in Weimar: «Ja, Sie haben allerdings einen Fehler, Sie beschäftigen sich mit zu vielerlei Wissenschaften.» Das war der große Fehler, daß man versuchte, nicht einseitig zu sein!
[ 38 ] I had to discuss that very individual, Max Dessoir, in the second chapter of my book, On the Mysteries of the Soul, because this university professor had the audacity to discuss anthroposophy as such. I had to undertake the task of demonstrating that Max Dessoir’s entire approach is the most unscrupulous and superficial one imaginable. This man has the audacity to pass a disparaging judgment based almost exclusively on nonsensically distorted quotations that he extracts from a few of my books—and always in such a way that they are distorted in the most absurd manner. One must present the fact in this light if one is to truly see the scandal that is possible within what is often called “science” today. I have seen Dessoir only once in my life; it was in the early 1890s. At that time, he made a very astute remark to me. My Philosophy of Freedom had not yet been written. Max Dessoir said at the time—it was at a Goethe dinner in Weimar: “Yes, you do indeed have one flaw: you concern yourself with too many different sciences.” That was the great mistake—trying not to be one-sided!
[ 39 ] Unter den andern Blödsinnigkeiten, die Max Dessoir in seinem Buche begeht, ist zum Beispiel auch diese, daß er jetzt von meiner «Philosophie der Freiheit» als von meinem «Erstling» spricht. Der ist zehn Jahre ungefähr nach meinem wirklichen Erstling geschrieben; eine zehnjährige Schriftstellerlaufbahn liegt vor der «Philosophie der Freiheit». Das alles und vieles andere ist ganz gleich erlogen in dem Dessoir-Buch. Wie viele Leute werden die notwendig gewordenen, sachlichen Auseinandersetzungen, die zeigen, welche Windbeutelei Dessoirs Wissenschaft ist, wie viele Leute werden diese sachlichen Auseinandersetzungen in meinem Buche «Von Seelenrätseln» lesen! Wie vieles Journalistengeschmeiß von der Sorte von Max Hochdorf in Zürich findet sich aber zusammen, um das unsinnige Buch Max Dessoirs «Vom Jenseits der Seele» hinauszuposaunen in der Art, daß man sagt, «Dieses Jenseits der Sinne, das von der Seele bewohnt wird, will das gewichtige Buch Max Dessoirs: «Vom Jenseits der Seele neu beschreiben, nachdem schon Tausende von Grüblern diesen Weg ins Jenseits betreten haben» und so weiter,
[ 39 ] Among the other absurdities Max Dessoir commits in his book is, for example, that he now refers to my Philosophy of Freedom as my “debut work.” It was written about ten years after my actual debut work; a ten-year writing career preceded the Philosophy of Freedom. All of this and much more is just as false in Dessoir’s book. How many people will read the necessary, objective rebuttals in my book On the Mysteries of the Soul—rebuttals that expose Dessoir’s scholarship as mere hot air! Yet how much journalistic rabble of the sort found in Max Hochdorf in Zurich is gathering to trumpet Max Dessoir’s nonsensical book On the Afterlife of the Soul in such a way that they say, “This realm beyond the senses, inhabited by the soul, is what Max Dessoir’s weighty book seeks to: ‘redescribe the realm beyond the senses, inhabited by the soul, after thousands of thinkers have already embarked on this path to the beyond’ and so on,
[ 40 ] Auf solche Dinge ist es notwendig den Blick zu richten. Es ist ja sattsam bekannt, daß dasjenige, was auf dem Boden der anthroposoPhisch orientierten Geisteswissenschaft versucht wird, in beispiellosester Weise da und dort entstellt wird; zuweilen von Leuten, die sehr gut wissen, daß das Gegenteil von dem wahr ist, was sie sagen. Allein das sind zum großen Teil arme Hascherln, die innerhalb der Gesellschaft ihre persönlichen Interessen nicht befriedigen konnten, die sie befriedigen zu können glaubten, und mit denen man ja Mitleid haben kann, über die man nicht weiter zu reden braucht. Und die wissen selbst am besten, wie es mit der objektiven Wahrheit dessen steht, was sie sagen. Aber solches Gift, wie das von Max Dessoir verbreitete, das ist allerdings ernster zu nehmen, und ich mußte schon das Meinige tun, um gewissermaßen Satz für Satz die ganze philosophische Nichtswürdigkeit der Dessoirschen Auseinandersetzungen klarzulegen. Ehe nicht in weitesten Kreisen ein gesundes Urteil über solche angebliche Wissenschaftelei herrscht wie die einesMax Dessoir — und solche Max Dessoirs gibt es sehr viele — und so lange nicht ein gesundes Urteil herrscht über solche Schleppenträger der Max Dessoirei, wie zum Beispiel dieser Artikelschreiber ist, der sich natürlich dann nicht entwehren kann, seinen Artikel zu schließen mit den Worten: «Weil eben der Weg in das Jenseits so vollkommen versperrt ist» — natürlich, für das verbaute Gehirn dieses Herrn Max Dessoir ist der Weg in das Jenseits versperrt! — «haben die Menschen in den Jahrtausenden immer wieder versucht, die Schranken zu sprengen. «Magische Idealisten» nennt Dessoir diese Kämpfer um das verzweifelt feste und doch nicht greifbare Geisterreich. Er führt sie alle heran, diese Gesundbeter, Zahlenapostel, ägyptischen Zauberer, Negerheiligen, Anthroposophen, Neubuddhisten, Kabbalisten und Chasidim. Er ist ein höchst fesselnder Geschichtschreiber all der dem Wunder unterworfenen, all der dem Wunder trotzdem aufsässigen Geschlechter. Es verbrüdert sich eine eigentümliche Gesellschaft, wenn man alle Männer, die Weisen und die Narren, aufzählt, die sich um den reinen Geist versammeln wollten. Cagliostro und Kant, Hegel und auch der moderne Hexenmeister Svengali begegnen da einander, wenn sie sich lustwandelnd auf dem Wege ins Jenseits verlieren.»
[ 40 ] It is necessary to focus our attention on such matters. It is, after all, well known that what is being attempted within the field of anthroposophically oriented spiritual science is being distorted here and there in the most unprecedented ways; sometimes by people who know very well that the opposite of what they say is true. But for the most part, these are just poor wretches who were unable to satisfy their personal interests within society—interests they believed they could satisfy—and for whom one can certainly feel pity, though there is no need to dwell on them further. And they themselves know best what the objective truth is regarding what they say. But poison such as that spread by Max Dessoir must certainly be taken more seriously, and I had to do my part to expose, so to speak, sentence by sentence, the utter philosophical worthlessness of Dessoir’s arguments. Until a sound judgment prevails in the widest circles regarding such so-called scholarship as that of a Max Dessoir—and there are many such Max Dessoirs—and until a sound judgment prevails regarding such followers of Max Dessoirism, such as this article’s author, who naturally cannot help but conclude his article with the words: “Precisely because the path to the afterlife is so completely blocked”—of course, for the closed mind of this Mr. Max Dessoir, the path to the afterlife is blocked!—“people have tried time and again over the millennia to break through these barriers.” Dessoir calls these fighters for the desperately solid yet intangible spirit realm “magical idealists.” He brings them all into the picture: these faith healers, apostles of numbers, Egyptian magicians, African saints, anthroposophists, New Buddhists, Kabbalists, and Hasidim. He is a highly captivating chronicler of all those generations subject to the miraculous, yet all those who nevertheless rebelled against it. A peculiar society comes together when one lists all the men—the wise and the fools—who sought to gather around the pure spirit. Cagliostro and Kant, Hegel, and even the modern sorcerer Svengali encounter one another there as they lose themselves on a leisurely stroll along the path to the afterlife.”
[ 41 ] Zu verhindern, daß es Menschen gibt, die in dieser Weise schreiben, ist natürlich nicht möglich, aber in weitesten Kreisen muß ein gesundes Urteil Platz greifen, welches verhindert, daß dasjenige, was auf diesem Wege in die Offentlichkeit kommt, autoritativ hingenommen wird. Denn selbstverständlich, Gedankenformen von dieser Art, herumsprühend in unserem sozialen Organismus, verhindern jede Möglichkeit eines heilsamen Fortschrittes der Menschheit. Für sich selber kann man sich, wenn man wissenschaftlichen Unrat wie den Max Dessoirschen hat angreifen müssen, die Hände waschen und kann sich damit befriedigt erklären. Aber dieser wissenschaftliche Unrat fließt und fließt, und es sind heute der Wege allzu viele, auf denen dieser Unrat fließen kann. Man muß schon manchmal ein Beispiel annageln. Es mußte in diesem Falle wiederum geschehen, weil Sie sich ja ausrechnen können, in wie viele Menschenköpfe nun wiederum einmal unter andern auch ein Urteil über die Anthroposophie hineingetrichtert wird, wenn ein solches Feuilleton wie das vom 14. Dezember 1917 in der «Neuen Zürcher Zeitung» erscheint, von einem Menschen, der als ein ganz gescheiter auf einem ebensolchen gescheiten, nämlich auf Max Dessoir, fußt!
[ 41 ] It is, of course, impossible to prevent people from writing in this manner, but sound judgment must prevail in the broadest circles to ensure that what is made public in this way is not accepted as authoritative. For it goes without saying that thought patterns of this kind, spreading like wildfire throughout our social organism, prevent any possibility of wholesome progress for humanity. For one’s own part, when one has had to grapple with scientific rubbish such as that of Max Dessoir, one can wash one’s hands of it and consider oneself satisfied. But this scientific rubbish flows and flows, and today there are far too many channels through which it can flow. Sometimes one simply has to make an example of someone. It had to be done again in this case, because you can well imagine how many people’s minds—among other things—will once again be filled with a judgment about anthroposophy when a feature article such as the one published on December 14, 1917, in the Neue Zürcher Zeitung, written by someone who, being quite clever himself, relies on someone just as clever—namely, Max Dessoir!
[ 42 ] Diese Dinge muß man als kulturhistorische Fakta ins Auge fassen, muß ihre kulturhistorische Bedeutung ins Auge fassen. Gewiß, es ist nur eine geringfügige Möglichkeit leider heute noch vorhanden, so etwas wie dieses Kapitel, das ich geschrieben habe: «Max Dessoir über Anthroposophie», unter die Menschen zu bringen. Denn auch in der Anthroposophischen Gesellschaft ist ja nur ein kleiner Kreis, der seine Aufgabe wirklich versteht: die Aufgabe, die Menschheit aufzuklären über die Art und Weise, wie heute oftmals Wissenschaft gemacht wird, aufzuklären in der richtigen und rechtmäßigen Weise. Und das, was heute als Wissenschaft gemacht wird, das ist aber nur ein Symptom für allgemeines Denken. Denn so, wie es in der Wissenschaft bestellt ist — wofür Max Dessoir ein schreiendes Beispiel ist mit all seinen Trabanten —, so ist es auch auf andern Gebieten bestellt. Und wenn Sie die Frage aufwerfen: Was hat in die heutige Katastrophe an tieferen Kräften hineingeführt? — bleiben Sie immer an der Oberflächenansicht, wenn Sie nicht auf diese tieferen Gründe eingehen, auf dasjenige, was in der Verrenktheit, in der gesuchten Verrenktheit und in der gesuchten Oberflächlichkeit, Scharlatanerie liegt, eine Scharlatanerie, die sich dadurch zu erhalten sucht, daß sie ernste Geistigkeit gerade der Scharlatanerie zuschreibt. Das muß in gesundem Sinne in seiner wahren Gestalt durchschaut werden. Ich führe das Beispiel von Max Dessoir nur aus dem Grunde an, weil es eben gerade naheliegt. Aber es ist ein Beispiel für vieles, was als Negatives in unserer Zeit existiert. Will einer in der Menschheit ein Herz haben für das Positive des Zusammenwachsens mit der geistigen Welt, dann muß er auch ein Herz haben zum Abweis, zum starken, herzhaften Abweis, wo es nur sein kann, des Unechten, des Oberflächlichen, des Nichtsnutzigen.
[ 42 ] One must view these things as cultural-historical facts and recognize their cultural-historical significance. Admittedly, there is, unfortunately, only a slim chance today of bringing something like this chapter I have written—“Max Dessoir on Anthroposophy”—to the attention of the public. For even within the Anthroposophical Society, there is only a small circle that truly understands its task: the task of enlightening humanity about the way in which science is often practiced today—enlightening them in the correct and proper manner. And what is practiced as science today is merely a symptom of general thinking. For just as things stand in science—of which Max Dessoir, with all his followers, is a glaring example—so too is it in other fields. And if you ask the question: What deeper forces have led to today’s catastrophe? —you will always remain at the surface level unless you address these deeper causes, namely what lies in the contortion, the contrived contortion, and the contrived superficiality—a charlatanism that seeks to sustain itself by attributing genuine spirituality precisely to charlatanism. This must be seen through in its true form, in a healthy sense. I cite the example of Max Dessoir only because it is so obvious. But it is an example of much of what exists as negative in our time. If anyone in humanity wishes to have a heart for the positive aspect of growing together with the spiritual world, then they must also have a heart for the rejection—the strong, wholehearted rejection, wherever possible—of what is inauthentic, superficial, and useless.
[ 43 ] Erleben wir es ja geradezu in unseren Tagen, daß oftmals diejenigen, die auch im öffentlichen Leben am schlimmsten hingestellt werden, gerade die Anständigsten sind. Es gibt nicht die Notwendigkeit, mit Pessimismus nach diesen Dingen zu blicken, aber es gibt die Notwendigkeit, in seiner eigenen Seele Kräfte aufzusuchen, die ein gesundes Urteil über diese Dinge in dieser Seele erzeugen und heranzüchten.
[ 43 ] We are seeing this firsthand in our own time: often, those who are portrayed in the worst light in public life are, in fact, the most decent people. There is no need to view these matters with pessimism, but there is a need to seek out within one’s own soul the forces that generate and nurture sound judgment regarding these matters.
