Historical Necessity and Freedom
The Influence of Fate from the World of the Dead
GA 179
16 December 1917, Dornach
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Historical Necessity and Freedom, tr. SOL
Sechster Vortrag
Sixth Lecture
[ 1 ] Bei all diesen Betrachtungen, die wir jetzt gepflogen haben, stand im Hintergrunde eine Frage, welche von der Gegenwart, die doch in ihren Grundansichten viel materialistischer gefärbt ist, als sie denkt, eben im Lichte des Materialismus angesehen wird. Diese Frage bezieht sich auf das Hervorgehen gewisser geschichtlicher Ereignisse. Man spricht von geschichtlicher Notwendigkeit, man spricht davon, daß dasjenige, was also zum Beispiel in diesem Jahre geschieht, geschichtlich in einer gewissen Weise die Wirkung sei von dem, was in vorangehenden Jahren geschehen ist.
[ 1 ] Behind all these considerations we have just examined lies a question that is viewed in the light of materialism by the present age—an age that, in its fundamental views, is far more materialistic than it realizes. This question concerns the origin of certain historical events. People speak of historical necessity; they say that what happens this year, for example, is in a certain sense the historical effect of what happened in previous years.
[ 2 ] Was ich hier als geschichtlich bezeichne, erstreckt sich selbstverständlich über alle Glieder des Geschehens, das aus dem menschlichen Handeln hervorgeht, also über das Soziale, das Moralische, das sonstige Kulturleben. Die materialistische Anschauung, die ja nicht bloß darin besteht, daß man auf dem Gebiete der Naturwissenschaft geistige Erscheinungen aus materiellen Grundlagen herleitet, sondern die noch in mancherlei anderem besteht, diese materialistische Anschauung möchte den Begriff der Freiheit eigentlich am liebsten ganz ausschalten. Und so möchte sie denn dasjenige, was im Laufe der Geschichte sich vollzieht, auch so auffassen, wie sie gewohnt worden ist, Naturwissenschaftliches anzuschauen, daß immer mit einer gewissen Notwendigkeit das Folgende wie eine Wirkung hervorgeht aus einer voranliegenden Ursache. Dann sagt man, indem man vielleicht glaubt, recht sachgemäß zu denken: Nun, irgendein Ereignis — auch ein solches Ereignis wie das, was jetzt so furchtbar katastrophal in unser Weltgeschehen hereingebrochen ist — sei eben eine Notwendigkeit.
[ 2 ] What I refer to here as “historical” naturally encompasses all aspects of events arising from human action—that is, the social, the moral, and other aspects of cultural life. The materialist view—which, after all, does not consist merely in deriving mental phenomena from material foundations in the realm of the natural sciences, but also encompasses many other aspects—would actually prefer to eliminate the concept of freedom entirely. And so it would like to interpret the events that unfold in the course of history in the same way it has become accustomed to viewing natural science—namely, that the subsequent always arises as an effect from a preceding cause with a certain inevitability. Then one says—perhaps believing one is thinking quite objectively: “Well, any event—even an event such as the one that has now so terribly and catastrophically burst into our world affairs—is simply a necessity.”
[ 3 ] In diesem Sinne, das heißt mit dem Begriff «naturwissenschaftliche Notwendigkeit», ist die Anschauung eine völlig unsinnige, wenn auch der Ausdruck: irgendein Ereignis sei eine Notwendigkeit, nach anderer Richtung hin seinen guten Sinn hat. Wenn Sie bedenken, was gestern wiederum vor unsere Seele getreten ist, die Kompliziertheit der menschlichen Natur, dann werden Sie auch gefühlsmäßig, nicht nur verstandesmäßig, einen Einblick gewinnen in die Tiefe der Weltenordnung überhaupt und werden allmählich sich abgewöhnen zu glauben, daß mit den abstrakten naturwissenschaftlichen Gesetzesvorstellungen irgendwie diese Wirklichkeit zu umfassen ist.
[ 3 ] In this sense—that is, in connection with the concept of “scientific necessity”—this view is completely nonsensical, even though the expression “a certain event is a necessity” makes perfect sense in a different context. If you reflect on what once again came before our souls yesterday—the complexity of human nature—then you will gain insight, not only intellectually but also emotionally, into the depth of the world order as a whole, and you will gradually wean yourself from the belief that this reality can somehow be encompassed by abstract scientific concepts of law.
[ 4 ] Ihr Blick wird sich dann auch auf gewisse Naturerscheinungen lenken, die, wenn man sie nur im rechten Lichte betrachten würde, den Menschen mancherlei lehren könnten, auf Naturerscheinungen, wie etwa die folgende. Im Meere entwickelt sich alljährlich eine große Anzahl von Lebenskeimen, die nicht zu Lebewesen werden. Lebenskeime werden abgelegt und gehen zugrunde. Nur ein kleiner Teil davon wird zu wirklichen Lebewesen. Das geschieht nun natürlich nicht bloß im weiten Meere, das geschieht in der ganzen Natur überhaupt. Lenken Sie nur den Blick darauf, wieviel eigentlich, wenn Sie nur ein Jahr betrachten, zum Leben vorbestimmt ist, indem die Lebenskeime, die Eier, in ihrer ersten Anlage abgelegt werden und nicht zur Entwickelung kommen. Wieviel zum Leben vorbestimmt ist, das nicht Leben wird! Müssen wir da nicht sagen: Alle diese Lebenskeime enthalten Ursachen, aus denen nicht Wirkungen werden? — In der Tat, wer die Natur nicht nach vorgefaßten theoretischen Meinungen betrachtet, namentlich nicht nach der allerbestimmtesten theoretischen Meinung: Alle Ursache hat ihre Wirkung und alle Wirkung hat ihre Ursache — wer die Natur unbefangen betrachtet, der wird finden, daß es Zahlloses in der Natur gibt, was bezeichnet werden muß in vollem Sinne des Wortes als Ursache, ohne daß daraus eine Wirkung wird in dem Sinne, wie sie es werden müßte, wenn die Ursache sich völlig ausleben würde. Wir sehen gleichsam an unzähligen Punkten immer wieder und wiederum das Leben gewissermaßen aufgehalten, nicht zu seinem Ziele gelangt.
[ 4 ] Your attention will then also turn to certain natural phenomena which, if only viewed in the right light, could teach people many things—phenomena such as the following. Every year, a large number of seeds of life develop in the sea that do not become living beings. Seeds of life are laid and perish. Only a small portion of them become actual living beings. This, of course, does not happen merely in the vast ocean; it happens throughout nature as a whole. Just consider how much, if you look at a single year, is actually destined for life—in that the seeds of life, the eggs, are laid in their initial form and do not come to fruition. How much is destined for life that never becomes life! Must we not say, then: All these seeds of life contain causes that do not become effects? — Indeed, anyone who observes nature without preconceived theoretical opinions—and especially without the most entrenched theoretical opinion of all: Every cause has its effect and every effect has its cause—whoever observes nature with an open mind will find that there are countless things in nature that must be designated, in the full sense of the word, as causes, without these resulting in an effect in the sense that they would if the cause were to run its course completely. We see, as it were, at countless points, time and again, life held back, so to speak, and not reaching its goal.
[ 5 ] Das ist etwas, was wir draußen in der materiellen Natur sehen können. Wenn nun der Geistesforscher sich frägt: Wie ist es entsprechend in der geistigen Welt? — da kommt er auf sehr Merkwürdiges. Er kommt auf etwas, was in einem gewissen Sinne genau entspricht dem Stehenbleiben des Lebens in der Natur, aber eben so, wie Geistiges Natürlichem entspricht. Und wir wissen aus zahllosen Betrachtungen, daß in sehr vielen Fragen, nicht in allen, das Geistige gerade dadurch zu charakterisieren ist, daß es in seinen Eigenschaften entgegengesetzt dem Natürlichen ist, gerade entgegengesetzt. So wie wir in den Fällen, von denen ich gesprochen habe, Naturursachen haben, die nicht zu ihren Wirkungen kommen, wo wir also gleichsam sehen: hier bricht der Prozeß ab und bricht dasjenige ab, was in ihm, wie man sagt, veranlagt ist und nicht zur Ausbildung gelangt — obwohl das Wort «veranlagt» wiederum zu den schlechtesten Worten gehört, die da sind, um die Wirklichkeit zu verstehen —, so sehen wir umgekehrt als Geistesforscher in der geistigen Welt Wirkungen auftauchen, Wirkungen entstehen, von denen ebensowenig gesagt werden kann, da sind Ursachen, wie von den eben charakterisierten Ursachen gesagt werden kann, da sind Wirkungen.
[ 4 ] Your attention will then also turn to certain natural phenomena which, if only viewed in the right light, could teach people many things—phenomena such as the following. Every year, a large number of seeds of life develop in the sea that do not become living beings. Seeds of life are laid and perish. Only a small portion of them become actual living beings. This, of course, does not happen merely in the vast ocean; it happens throughout nature as a whole. Just consider how much, if you look at a single year, is actually destined for life—in that the seeds of life, the eggs, are laid in their initial form and do not come to fruition. How much is destined for life that never becomes life! Must we not say, then: All these seeds of life contain causes that do not become effects? — Indeed, anyone who observes nature without preconceived theoretical opinions—and especially without the most entrenched theoretical opinion of all: Every cause has its effect and every effect has its cause—whoever observes nature with an open mind will find that there are countless things in nature that must be designated, in the full sense of the word, as causes, without these resulting in an effect in the sense that they would if the cause were to run its course completely. We see, as it were, at countless points, time and again, life held back, so to speak, and not reaching its goal.
[ 6 ] Fragen wir jetzt einmal im Konkreten: Was gibt sich denn den Blicken des Geistesforschers kund, wenn er das Seelenauge auf solche aufgehaltene Lebensvorgänge richtet wie die charakterisierten? Das physische Auge sieht, daß da einfach Keimanlagen zugrunde gehen; aber das geistige, das Seelenauge sieht, daß da, wo solche Keimanlagen scheinbar nur — zugrunde gehen, Wesenhaftes entsteht auf einer früheren Stufe, auf einer noch nicht materiellen Stufe. Würde der Mensch verfolgen wollen, was in einem solchen Falle, wo gewissermaßen materielle Ursachen keine Wirkungen haben, wirklich geschieht, dann müßte er, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, kosmisch träumen. Der Mensch kann im gewöhnlichen Bewußtsein nur egoistisch träumen. Wenn er in der Nacht träumt, so träumt er in Gebundenheit an seinen eigenen Organismus; er ist im Traume nicht verbunden mit der Umgebung. Kann er verbunden sein mit der Umgebung und dieselben Kräfte entwickeln, die er sonst im Traume entwickelt, so ist er eben im imaginativen Vorstellen.
[ 6 ] Let us now ask a specific question: What is revealed to the spiritual researcher when he directs the eye of the soul toward such suspended life processes as those described? The physical eye sees that germ-like potentials are simply perishing; but the spiritual eye—the soul’s eye—sees that where such germ cells appear to be merely perishing, something essential arises at an earlier stage, at a stage that is not yet material. If a person were to wish to trace what really happens in such a case—where, so to speak, material causes have no effects—then he would have to, if I may use the expression, dream cosmically. In ordinary consciousness, a person can only dream egoistically. When he dreams at night, he dreams while bound to his own organism; in his dream, he is not connected to his surroundings. If he can be connected to his surroundings and develop the same forces that he otherwise develops in his dreams, then he is engaged in imaginative thinking.
[ 7 ] Was da aufgehalten wird im Naturprozeß, was nicht zu physischen Lebewesen wird, das wird zu etwas, was nun der imaginativen Vorstellung sehr wohl zum Bewußtsein kommen kann. Wesen entstehen aus solchen aufgehaltenen Lebenskeimen, die nur den imaginativen Vorstellungen zugänglich sind, Wesen, von denen man träumen könnte, wenn man nicht als Mensch träumte, sondern als ein Wesen aus der Hierarchie der Angeloi träumte. Die Angeloi träumen in der Tat, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, von jenen Wesen, die alljährlich zahlreich aufsteigen als elementarische Gestaltungen aus dem Meere, aus der Erde, die nichts anderes sind als Produkte der scheinbar zugrunde gegangenen Lebenskeime.
[ 7 ] Whatever is held back in the natural process—whatever does not become a physical living being—becomes something that can very well come to the awareness of the imaginative mind. Beings arise from such retained seeds of life, which are accessible only to the imagination—beings one might dream of if one were dreaming not as a human being but as a being from the hierarchy of the Angeloi. The Angeloi do indeed dream—if I may use that expression—of those beings that rise in great numbers every year as elemental forms from the sea and from the earth, beings that are nothing other than products of the life-germs that appear to have perished.
[ 8 ] Wenn Sie sich den Gedanken recht lebendig machen, da sehen Sie aus der Erde aufsteigen wie einen geistigen Duft elementarisches Leben, in das wir eingebettet sind, in dem wir drinnenstehen mit unserer Seele. Aber wir stehen in einer viel intensiveren Weise noch in diesem elementarischen Leben drinnen, denn wir sind beteiligt an dem Prozesse, von dem ich gesprochen habe. Wir sind gar sehr als Menschen daran beteiligt. Und die Tiere sind auch daran beteiligt. Wieso? Nun, es ist gar keine Verschiedenheit zwischen dem, was da geschieht, wenn im Meere so und so viel Fischeier abgelegt werden, die nicht Fische werden, sondern die nur zu einem elementarischen Dasein die Veranlassung geben, und dem, was dann geschieht, wenn wir auf einem Felde aus der Erde die Saat herauswachsen sehen, sagen wir die Weizensaat. Wie viele Weizenkörner wachsen da heraus, die alle als Ursachen vorbestimmt sind, selbst wiederum Weizenhalme zu bilden, und die es nicht werden, weil wir sie essen! Da sind wir es selbst in unserem in der Welt stehenden Prozesse, welche sich verbinden mit dem, was da als elementarisches Dasein sich entwickelt. Wir halten auch in den Weizenkörnern und in den andern Produkten, aus denen wir unser Leben nähren, den fortlaufenden, den fortgehenden Prozeß auf. Wir lassen nicht wirkliche Wesen daraus werden, sondern wir bewirken durch unser eigenes Dasein die Verwandlung desjenigen, was zu ganz anderem bestimmt ist, in elementarischen Prozessen, die nur durch Imaginationen erreichbar sind. Aber diese Wirklichkeit, die diesem imaginativen Leben zugrunde liegt, spielt sich dadurch ab, daß wir selbst hineingestellt sind in den Prozeß, daß wir daran teilnehmen. Aus den Weizenkörnern, aus den Roggenkörnern, aus allem übrigen, was wir in dieser Weise aus der Natur genießen, aus alledem entwickelt sich elementarisches Leben, und dieses elementarische Leben zieht durch uns. Dieses elementarische Leben nehmen wir auf, in diesem elementarischen Leben stehen wir drinnen.
[ 8 ] If you really bring this idea to life in your mind, you will see elemental life rising from the earth like a spiritual fragrance—a life in which we are embedded, in which we stand with our souls. But we are even more deeply immersed in this elemental life, for we are involved in the process I have been speaking of. We, as human beings, are very much involved in it. And the animals are involved in it as well. Why? Well, there is no difference at all between what happens when a certain number of fish eggs are laid in the sea—eggs that do not become fish but merely give rise to an elemental existence—and what happens when we see seeds, say wheat seeds, sprouting from the earth in a field. How many grains of wheat grow from them, all of which are predestined as causes to form wheat stalks themselves—and which do not become so because we eat them! It is we ourselves, in our own processes within the world, who are connected to what is developing there as an elemental existence. We also sustain the ongoing, unfolding process within the grains of wheat and the other products from which we nourish our lives. We do not allow them to become real beings, but through our own existence we bring about the transformation of that which is destined for something entirely different, in elemental processes that are accessible only through imagination. But this reality, which underlies this imaginative life, unfolds precisely because we ourselves are placed within the process, because we participate in it. From the grains of wheat, from the grains of rye, from everything else we enjoy in this way from nature—from all of this, elemental life develops, and this elemental life flows through us. We take in this elemental life; we stand within this elemental life.
[ 9 ] Da sehen Sie auf den Grund eines elementarischen Lebens. Da sehen Sie, wie wir gewissermaßen nur dadurch in der Welt da sein können, daß wir einen andern fortgehenden Prozeß aufhalten und ihn zur Vergeistigung bringen. Auch wenn wir essen, bringen wir einen Prozeß, der sonst rein materiell zu verlaufen bestimmt ist, zur Vergeistigung.
[ 9 ] There you see the very foundation of elemental life. There you see how, in a sense, we can only exist in the world by halting another ongoing process and bringing it to a state of spiritualization. Even when we eat, we transform a process that would otherwise be purely material into a spiritual one.
[ 10 ] Das Umgekehrte ist in der geistigen Welt vorhanden. Da ist die Sache so, daß nun Wirkungen da sind, welche nicht in demselben Sinne Ursachen haben wie die Bewegungen einer Billardkugel, die durch eine andere gestoßen wird, sondern welche gewissermaßen auftreten, ohne daß anzugeben ist: dies oder jenes ist ihre Ursache. Der Begriff von Ursache und Wirkung verliert eben, wenn wir den Blick auf solche Dinge wenden, seinen Sinn. In unser seelisch-geistiges Leben treten Wirkungen herein, Wirkungen aus der geistigen Welt, von denen nicht gesagt werden kann, daß sie verursacht seien. So wie wir nun den elementarischen Wirkungen, die gewissermaßen als Duft aufsteigen aus den geschilderten Prozessen, mit Begierde gegenüberstehen, mit jener Begierde, die aus unserer Lebensnotwendigkeit entspringt: wir wollen uns nähren, daher sind wir angewiesen, in jene elementarischen Prozesse, die geschildert worden sind, uns einzuspinnen —, so wie wir diesen Prozessen mit einer gewissen Begierde gegenüberstehen, so stehen wir, insofern wir Menschen des physischen Planes sind, eigentlich den geistigen Wirkungen, die in gewissem Sinne ursachenlos sind, mit Abneigung, mit Antipathie gegenüber. Wir haben das Bestreben, solche Wirkungen, die aus dem Geistigen kommen, insofern wir physische Menschen sind, nicht in uns hereinkommen zu lassen.
[ 10 ] The opposite is true in the spiritual world. There, the situation is such that there are effects which do not have causes in the same sense as the movements of a billiard ball struck by another, but which, so to speak, occur without it being possible to say: this or that is their cause. The concept of cause and effect simply loses its meaning when we turn our attention to such things. Effects enter our soul-spiritual life—effects from the spiritual world—of which it cannot be said that they are caused. Just as we now face the elemental effects—which, so to speak, rise like a fragrance from the processes described—with a longing, with that longing that springs from our vital necessity: we want to nourish ourselves, and so we are compelled to entangle ourselves in those elemental processes that have been described—just as we face these processes with a certain desire, so too, insofar as we are human beings of the physical plane, do we actually regard the spiritual influences—which are, in a certain sense, causeless—with aversion, with antipathy. As physical human beings, we strive not to allow such effects, which come from the spiritual realm, to enter within us.
[ 11 ] Fassen Sie diesen etwas subtilen Gedanken, dann werden Sie sehen: Wir sind gewissermaßen von einem geistigen Wollen umgeben, das in uns herein will, das in uns herein strebt, und dem wir zunächst nicht mit Begierde gegenüberstehen, das wir zunächst gar nicht die Geneigtheit haben, ohne weiteres in uns aufzunehmen. Es ist, wie wenn in der Luft um uns herum fortwährend Willensregungen schwebten, denen gegenüber wir uns abweisend verhalten. Das ist auch etwas, worauf das hellseherische Bewußtsein bald führt, wenn es zur Entwickelung gelangt ist: die Einsicht, wie gewissermaßen Bildhaftes in unserer Umgebung wandelt, wallt, und wie wir innere Widerstände haben, dieses Bildhafte in uns aufzunehmen.
[ 11 ] If you grasp this somewhat subtle idea, you will see: We are, in a sense, surrounded by a spiritual will that wants to enter us, that strives to enter us, and toward which we do not initially feel any desire; at first, we are not even inclined to accept it into ourselves without further thought. It is as if impulses of will were constantly floating in the air around us, toward which we behave dismissively. This is also something to which clairvoyant consciousness soon leads once it has developed: the insight into how, in a sense, image-like forms move and surge in our surroundings, and how we have inner resistance to taking these image-like forms into ourselves.
[ 12 ] Betrachten wir dieses Bildhafte als eine Wirklichkeit. So wahr jedes Jahr auf der Erde so und so viele Lebenskeime zugrunde gehen, so wahr lebt in der Welt, die uns als geistige Welt immer umgibt, Geistig-Bildhaftes, durch Imagination auch zu Erreichendes, dem wir aber durch unsere Menschenanlage leicht Widerstand entgegensetzen.
[ 12 ] Let us regard this imagery as a reality. Just as it is true that every year on Earth a certain number of seeds of life perish, so it is true that in the world that always surrounds us as the spiritual world, there exists a spiritual-imaginative realm—one that can be accessed through imagination, but to which we, due to our human nature, readily resist.
[ 13 ] Die Widerstände sind nun nicht in Abstraktheit bloß allgemein zu fassen, sondern diese Widerstände sind konkret differenziert zu fassen. Was sich im physischen Leben wie aufsteigendes elementarisches Leben jedes Jahr entwickelt, das entwickelt sich in andern Zeitperioden, geistig herabsteigend, zu einem solchen, das wir ablehnen — in andern Zeiträumen eben, und zwar nicht in ganz regelmäßigen Zeiträumen. Es gibt Zeiten, in denen gewissermaßen das geistige Leben vehement uns umspielt und vieles an uns heran will. Andere Zeiten gibt es, in denen gewissermaßen die Geistesluft um uns herum ärmer ist. Der Mensch kann sich nun mehr oder weniger empfangend verhalten, obwohl er im allgemeinen Abneigung hat, diese durch Imaginationen erreichbare bildhafte Wesenheit in sich aufzunehmen. Er kann sich aber doch empfänglich durch irgendwelche Vorbedingungen verhalten, von denen wir noch zu sprechen haben werden, oder er kann sich ganz ablehnend verhalten.
[ 13 ] These resistances should not be understood merely in abstract, general terms, but must be understood in concrete, differentiated terms. What develops in physical life each year as an ascending elemental life develops, in other periods—as a spiritual descent—into something we reject—in other periods, that is, and not in entirely regular intervals. There are times when, so to speak, spiritual life surrounds us vehemently and seeks to engage with us in many ways. There are other times, however, when the spiritual atmosphere around us is, so to speak, poorer. Human beings can then behave in a more or less receptive manner, even though they generally feel aversion to taking in this pictorial essence that is accessible through imagination. Yet they can still behave receptively due to certain preconditions—which we will discuss later—or they can behave in a completely rejecting manner.
[ 14 ] Nehmen wir an, es wäre in irgendeinem Zeitalter, ich möchte sagen, ein besonderer Andrang von solchen Wesenheiten, von Wesenheiten, die gewissermaßen geistig an den Menschen heran wollen, und der Mensch wäre abgeneigt, diese Wesenhaftigkeit in sich aufzunehmen. Was wird geschehen? Dann wird das geschehen, daß der Mensch, dadurch daß er ablehnt, solches ihm zukommendes Geistig-Wesenhaftes aufzunehmen, in sich selbst die Gelegenheit schafft — die Menschheit also in sich selbst die Gelegenheit schafft —, daß das Alte, das dürr geworden ist, trocken geworden ist, sich fortspinnt und, statt zu lebendiger Wirkung zu kommen, eine tote Wirkung hervorbringt: geradeso wie wenn eine Pflanze, die ihre Lebenszeit absolviert hat, nicht weggeschafft würde, sondern als verholzte Pflanze trocken und ausgedörrt noch weiter zum Schaden der Umgebung bestehen würde.
[ 14 ] Let us suppose that in some age—I would say—there were a particular influx of such beings, beings who, in a sense, wish to approach human beings spiritually, and that human beings were averse to receiving this spiritual essence into themselves. What will happen? What will happen is that by refusing to accept this spiritual essence that is offered to them, human beings—and thus humanity as a whole—will create within themselves the conditions for the old, which has withered and dried up, to persist and, instead of producing a living effect, to bring about a dead effect: just as if a plant that has completed its life cycle were not removed, but were to continue to exist—dry and withered—as a woody plant, to the detriment of its surroundings.
[ 15 ] Im geschichtlichen Werden nimmt sich das in der folgenden Weise aus: Wenn ein Zeitalter kommt — und ein solches Zeitalter war im wesentlichen der Beginn des 20. Jahrhunderts —, wo Geistig-Wesenhaftes gewissermaßen wartet, um an den Menschen heranzukommen, wo für den Menschen alle Aufforderung dazu besteht, die Seele zu öffnen für neue Offenbarungen und der Mensch diese Offenbarungen nicht aufnehmen will, abgeneigt ist für solche Offenbarungen, dann spinnt sich das Alte in ungehöriger Weise fort. Denn dieses Alte braucht Neubefruchtung auf dem Umwege durch den Menschen. Die wird nicht vollzogen. Unbefruchtetes spinnt sich dürr, trocken fort, und dann entstehen solche Ereignisse, wie das gegenwärtige katastrophale Ereignis ist.
[ 15 ] In the course of history, this takes the following form: When an age arrives—and such an age was essentially the beginning of the 20th century—in which the spiritual and essential is, so to speak, waiting to reach humanity, in which humanity is fully called upon to open its soul to new revelations, and yet humanity refuses to receive these revelations and is averse to them, then the old continues to spin out in an inappropriate way. For this old needs to be rejuvenated indirectly through human beings. This does not take place. The unfertilized continues to spin out barren and dry, and then events such as the present catastrophic event arise.
[ 16 ] Unter den mancherlei Ursachen, die man in der geistigen Welt finden kann, ist diese geradezu eine der hauptsächlichsten, daß die Entwickelung gegen das 20. Jahrhundert zu so gegangen ist, daß die Menschen sich gesträubt haben — aus Ursachen, die wir noch besprechen werden — gegen neue Offenbarung. Man könnte sagen: Die geistige Welt war voll von dem, was sich der Menschheit anbot an neuen geistigen Erkenntnissen, an neuen geistigen Impulsen, und die Menschheit hat es zurückgewiesen. Aus welchem Grunde? Gewiß, solche Dinge hängen auch mit Entwickelungsbedingungen der Menschheit zusammen. Wir wissen ja, es mußte die materialistische Zeit kommen, denn sie hat nach gewissen andern Seiten hin ihre guten Eigenschaften. Also diese materialistische Zeit kam, und eine Folge dieser materialistischen Zeit war die, daß die Menschen Begriffe ausbildeten, welche nur auf einen Teil der Menschennatur sich beziehen.
[ 16 ] Among the various causes that can be found in the spiritual world, one of the most significant is that, as the 20th century approached, developments had progressed to such an extent that people resisted—for reasons we will discuss later—new revelations. One could say: The spiritual world was full of what was offered to humanity in the way of new spiritual insights and new spiritual impulses, and humanity rejected it. For what reason? Certainly, such things are also connected with the conditions of humanity’s development. We know, after all, that the materialistic age had to come, for it has its positive qualities in certain other respects. So this materialistic age arrived, and one consequence of this materialistic age was that people developed concepts that relate only to a part of human nature.
[ 17 ] Denken Sie an dasjenige, was wir gestern besprochen haben. Wir haben gestern besprochen, daß dieser viergliedrige Mensch, der, im groben Sinne genommen, aus dem physischen, dem Äther- oder Bildekräfteleib, dem astralischen Leib und dem Ich besteht, eigentlich mit Bezug auf alle diese Teile, diese Glieder verschiedenes Alter hat. Wenn ein Mensch achtundzwanzig Jahre alt ist, dann ist er nur in bezug auf seinen physischen Leib, sagte ich gestern, achtundzwanzig Jahre alt, mit Bezug auf den sogenannten Ätherleib einundzwanzig Jahre, mit Bezug auf den astralischen Leib vierzehn Jahre, mit Bezug auf das Ich erst sieben Jahre. Sie können gut aus dem, was gestern besprochen worden ist, die Anschauung gewinnen: da steht ein Mensch mit achtundzwanzig Lebensjahren; aber das ist im uneigentlichen Sinne gesprochen: der Mensch mit diesen achtundzwanzig Lebensjahren ist nur als physischer Mensch achtundzwanzig Jahre alt. In diesem Menschen lebt zum Beispiel das Ich — wenn wir von dem andern absehen —, das langsamer lebt, das dann noch ein Kind von sieben Jahren ist, wenn der Mensch achtundzwanzig Jahre alt ist. Dieses Kind von sieben Jahren, wenn der Mensch seinem physischen Leibe nach achtundzwanzig Jahre alt ist, das steht in der Tat mit ganz andern Welten in Verbindung, als diejenige Welt ist, in der naturwissenschaftliche Notwendigkeit herrscht. Aber in dem materialistischen Zeitalter haben die Menschen sich gewöhnt, nur diejenigen Begriffe sich zu bilden, welche anwendbar sind auf das Verhältnis des physischen Leibes des Menschen zu der physischen Umgebung, und nach diesem wird alles beurteilt. Der Mensch ist als wirklicher Mensch, wie er drinnensteht in der Welt, eine komplizierte Wesenheit, so kompliziert, wie wir das gestern wieder besprochen haben und von vielen Betrachtungen her kennen. Was der Mensch über sich zu wissen glaubt, was er von sich aussagt, das ist für unser materialistisches Zeitalter eigentlich nur ein Viertel von dem, was sich auf den Menschen bezieht, nur dasjenige, was sich auf den physischen Leib bezieht. Nur für dieses Verhältnis des physischen Leibes zur Umgebung kann man von naturwissenschaftlicher Notwendigkeit sprechen. Wovon muß man sprechen, wenn wir von dem übrigen wieder absehen, in bezug auf das, was zum Beispiel in dem achtundzwanzigjährigen Menschen noch ein siebenjähriges Kind ist? Da muß man von etwas ganz anderem sprechen, von dem diese unendlich aufgeklärte Gegenwart, diese unendlich gescheite Gegenwart sich ganz abgewender hat. Da muß man sprechen, so sonderbar das den Menschen der Gegenwart klingt, von dem Wunder.
[ 17 ] Think about what we discussed yesterday. We discussed yesterday that this fourfold human being—who, broadly speaking, consists of the physical body, the etheric or formative body, the astral body, and the I—actually has different ages with respect to all these parts, these members. When a person is twenty-eight years old, I said yesterday, they are only twenty-eight years old with respect to their physical body; with respect to the so-called etheric body, they are twenty-one years old; with respect to the astral body, fourteen years old; and with respect to the “I,” only seven years old. You can easily gain an understanding of this from what was discussed yesterday: there stands a person who is twenty-eight years old; but this is speaking in a figurative sense: the person who is twenty-eight years old is only twenty-eight years old as a physical being. In this person, for example—if we disregard the other aspects—lives the “I,” which develops more slowly and is still a seven-year-old child when the person is twenty-eight years old. This seven-year-old child—when the person is twenty-eight years old in terms of his physical body—is in fact connected to worlds entirely different from the one in which scientific necessity reigns. But in this materialistic age, people have become accustomed to forming only those concepts that are applicable to the relationship between the human physical body and the physical environment, and everything is judged according to this. Human beings, as real human beings standing within the world, are complex entities—as complex as we discussed again yesterday and as we know from many perspectives. What human beings believe they know about themselves, what they say about themselves, is actually, in our materialistic age, only a quarter of what pertains to the human being—only that which pertains to the physical body. It is only in regard to this relationship between the physical body and its surroundings that one can speak of scientific necessity. What must we speak of when we set aside the rest—with regard to what, for example, is still a seven-year-old child within a twenty-eight-year-old person? There we must speak of something entirely different, something from which this infinitely enlightened present, this infinitely clever present, has turned its back entirely. There, as strange as it may sound to people today, one must speak of the miracle.
[ 18 ] Wunder in dem Sinne, wie vielfach Menschen sich Wunder vorstellen, Wunder, wie sich auch diejenigen Menschen vorstellen, die gern in spiritistische Sitzungen gehen, das sind Dinge, von denen die wahre Geisteswissenschaft nicht sprechen kann. Wunder liegen auf ganz andern Gebieten. Wunder liegen im geistigen Geschehen. Denn wie im äußeren, natürlichen Geschehen Notwendigkeit liegt, so liegen die Wunder auf dem Felde des geistigen Geschehens. Kein Mensch, der hereintritt aus der geistigen Welt in die physische Welt, der zur physischen Verkörperung schreitet, ist eine physische Notwendigkeit. Eine Notwendigkeit ist er, weil er diese Notwendigkeit sich selbst setzt, weil er aus der geistigen Welt heraus den überbewußten Beschluß faßt, sich mit irgendeiner Vererbungsströmung zu verbinden. Bei Vater und Mutter braucht nicht die Ursache zu liegen, liegt nur die Gelegenheit. Jedes Menschen Auftreten in der physischen Welt ist ein Wunder. Daß dies hereintritt in die physische Welt, was in unserem achtundzwanzigsten Jahre erst sieben Jahre alt ist, das ist immer ein wirkliches Wunder, gegenüber dem jedes Fragen in naturwissenschaftlicher Weise nach der Ursache ein ganz gewöhnlicher Unsinn ist. Dasjenige, was so langsam in uns lebt, daß es im achtundzwanzigsten Jahre erst sieben Jahre alt ist, aus der Vererbung herzuleiten, das ist ein Unding. Wollen wir wirklich eine Herleitung vornehmen, wollen wir fragen: Woraus stammt das, was da im achtundzwanzigsten Jahre erst sieben Jahre alt ist? — so kommen wir zurück in die geistige Welt, in jene Welt, die wir mit den sogenannten Toten gemeinschaftlich haben, in jene Welt, die wir mitbevölkert haben, bevor wir herabgestiegen sind zu unserem Körper. Geister, welche unbefangen denken konnten, vermochten sich schon Begriffe von solchen Sachen zu verschaffen, wenn auch in unserem materialistischen Zeitalter nur auf schwierige Weise.
[ 18 ] Miracles in the sense that people often imagine them—miracles as even those who enjoy attending spiritualist séances imagine them—are things that true spiritual science cannot speak of. Miracles lie in entirely different realms. Miracles lie in spiritual events. For just as necessity lies in external, natural events, so do miracles lie in the realm of spiritual events. No human being who enters the physical world from the spiritual world—who proceeds to physical incarnation—is a physical necessity. They are a necessity because they impose this necessity upon themselves, because they make the superconscious decision from within the spiritual world to connect with a particular hereditary current. The cause need not lie with the father and mother; only the opportunity lies there. Every human being’s appearance in the physical world is a miracle. That which enters the physical world—and which, by the time we are twenty-eight, is only seven years old—is always a true miracle; in the face of this, any scientific inquiry into its cause is sheer nonsense. To trace to heredity that which lives so slowly within us that it is only seven years old by the time we are twenty-eight is an absurdity. If we truly wish to trace its origin, if we ask: “Where does that which is only seven years old at the age of twenty-eight come from?”—then we return to the spiritual world, to that world we share with the so-called dead, to that world we inhabited before we descended into our physical bodies. Spirits who were able to think impartially were already capable of forming concepts of such things, even if, in our materialistic age, this is achieved only with great difficulty.
[ 19 ] Bedenken Sie, wieviel Goethe sich befaßt hat mit naturwissenschaftlichen Vorstellungen, wie er es geradezu zu musterhaft naturwissenschaftlichen Vorstellungen gebracht hat! In ihm lebte, wie Sie wissen, die fortdauernde Sehnsucht nach Italien, bevor er nach Italien gekommen ist. Und als er in Italien die großen Kunstwerke, die ihm eine Vorstellung von der griechischen künstlerischen Schöpfertätigkeit gegeben haben, gesehen hat, schrieb er an seine Freunde in Weimar: «Da ist die Notwendigkeit, da ist Gott.» Er sprach von einer andern Notwendigkeit, als die ist, von der die bloße Naturwissenschaft spricht. Von dieser Notwendigkeit hätte er gerade nach seinen naturwissenschaftlichen Vorstellungen früher schon eine Empfindung haben können; die Notwendigkeit, die hereinleuchtete aus der geistigen Welt und die identisch ist mit dem Wunder, die empfand er, als er in Italien der griechischen Kunstwerke ansichtig wurde.
[ 19 ] Consider how deeply Goethe engaged with scientific concepts, and how he arrived at what were, in fact, exemplary scientific ideas! As you know, he harbored a persistent longing for Italy even before he arrived there. And when he saw the great works of art in Italy—which gave him a sense of Greek artistic creativity—he wrote to his friends in Weimar: “There is necessity; there is God.” He spoke of a different kind of necessity than that of which mere natural science speaks. He could have sensed this necessity earlier, precisely in accordance with his scientific conceptions; but the necessity that shone forth from the spiritual world—and which is identical with the miracle—he sensed when he beheld the Greek works of art in Italy.
[ 20 ] Aber unsere Zeit ist aufgeklärt, die Menschen unserer Zeit sind sehr gescheit. Daher haben sie nicht nur den unberechtigten Wunderbegriff abgelehnt, sondern das Wunder überhaupt als solches auch aus der geistigen Welt verbannt. Aber das Wunder aus der geistigen Welt verbannen, das heißt nichts anderes, als alles das zu tun, um diese geistige Welt überhaupt nicht verstehen zu können. Denn aus der geistigen Welt treten die Dinge so heraus, daß wir nur Wirkungen sehen; wenn wir die Ursache suchen, so können wir sie nicht finden. Gerade dann, wenn man Geistesforscher ist, drängt sich einem das als eine unbedingte Wahrheit auf. Und weil die Gefühllosigkeit der Menschheit am Ende des 19. Jahrhunderts für die Verwunderung, für die Ehrfurcht desjenigen, was sich aus der Welt heraus offenbaren will, bis zu einem gewissen hohen Grade gestiegen war, so war eine Abneigung gegen die Offenbarung vorhanden. Denn in demselben Sinne, in dem sich die Ehrfurcht entwickelt gegenüber allem, was Welttiefe ist, in demselben Maße kommen diese Offenbarungen auch an den Menschen heran.
[ 20 ] But our age is enlightened; the people of our time are very intelligent. Therefore, they have not only rejected the unfounded concept of miracles, but have also banished miracles as such from the spiritual world. But to banish the miracle from the spiritual world means nothing other than doing everything possible to ensure that we cannot understand this spiritual world at all. For things emerge from the spiritual world in such a way that we see only effects; when we seek the cause, we cannot find it. Precisely when one is a spiritual researcher, this imposes itself as an absolute truth. And because humanity’s insensitivity at the end of the 19th century had risen to a certain high degree with regard to wonder and reverence for that which seeks to reveal itself from the world, there was a reluctance toward such revelation. For in the same way that reverence develops toward all that constitutes the depth of the world, to that same extent do these revelations also approach human beings.
[ 21 ] Dasjenige, was als Wunderwirkung eintreten kann in die Weltenordnung, das kann auch ausbleiben, das kann auch weg sein. Mit dieser Abstumpfung der Menschheit für das Wunder hängt das zusammen, was in dem Zeitalter, das gegen das 20. Jahrhundert heranrückte, unterlassen worden ist. Und wenn man von Ursachen sprechen will zu unseren katastrophalen Ereignissen, dann sind diese Ursachen nicht solche, welche die Menschen geschaffen haben, sondern es sind diese Ursachen Unterlassungssünden. Das ist das Wesentliche, worauf es ankommt.
[ 21 ] That which can occur as a miraculous event within the order of the worlds may also fail to occur; it may also be absent. This numbness of humanity toward miracles is connected to what was neglected in the era leading up to the 20th century. And if one wishes to speak of causes for our catastrophic events, then these causes are not ones that human beings have created, but rather they are sins of omission. That is the essential point.
[ 22 ] Ich habe in früheren Jahren in einem Vortrage, den ich öfter gehalten habe, aufmerksam gemacht, wie in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein ausgezeichneter Philosoph gelebt hat: Karl Christian Planck. Ich habe an vielen Orten Gelegenheit genommen, auf diesen Karl Christian Planck hinzuweisen, aus dem Grunde, weil er eine Schrift geschrieben hat, die er gewissermaßen als sein philosophisch-literarisches Testament hinterlassen hat. Und in dieser Schrift ist bis in große Einzelheiten, auch bis in geistige Einzelheiten die gegenwärtige Weltkatastrophe, man kann nicht einmal sagen, angedeutet, sondern im vorhinein geschildert. Das Buch war 1880 geschrieben. Warum konnte er das? Weil Planck eben zu denjenigen Geistern gehörte, die zur richtigen Zeit sahen, was geschieht. Wenn Sie irgendein Haus haben, das baufällig ist, so muß es zur rechten Zeit ausgebessert werden. Warten Sie, bis es nicht mehr ausgebessert werden kann, so fällt es zusammen, und es kommt die Katastrophe. Und unsere jetzige Katastrophe ist nichts anderes als ein Zusammenfallen. In Wirklichkeit betrachtet, ist es ein Zusammenfallen. Für das, was hätte geschehen sollen, waren die siebziger, achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts die richtige Zeit. Solche Geister wie Karl Christian Planck, die hingewiesen haben auf das, was da kommen muß, die sind ja bekanntlich niemals geeignet, im äußeren Leben führende Persönlichkeiten zu werden! Wenn es sich irgendwo darum handelt, zu einer führenden Persönlichkeit zu greifen, einen Staatsmann zu finden oder dergleichen, da greift man selbstverständlich nicht zu denjenigen, die im Sinne von Karl Christian Planck etwas wissen — die kann man doch nicht nehmen, nicht wahr —, sondern man greift zu andern, die sehr oft nicht die Möglichkeit finden, das baufällige Haus zu stützen. Aber man kann heute den historischen Nachweis liefern, wenn man nur in die Hintergründe des Lebens sieht — und Karl Christian Planck ist nicht der einzige, es gibt manche andere —, daß zur rechten Zeit manchen Leuten aus der geistigen Welt die Offenbarung gekommen ist, welchem Ereignisse dieMenschheit entgegengeht. Damals wäre auch noch die Zeit gewesen, diesem Ereignisse einen andern Lauf zu geben. Natürlich wurde Karl Christian Planck nicht gehört.
[ 22 ] In previous years, in a lecture I have given on several occasions, I drew attention to an outstanding philosopher who lived in the mid-19th century: Karl Christian Planck. I have taken the opportunity in many places to draw attention to this Karl Christian Planck, for the reason that he wrote a work that he left behind, so to speak, as his philosophical and literary testament. And in this work, the current global catastrophe is described—not merely hinted at, but depicted in advance—in great detail, including spiritual details. The book was written in 1880. How was he able to do that? Because Planck was one of those minds who, at the right time, saw what was happening. If you have a house that is dilapidated, it must be repaired at the right time. If you wait until it can no longer be repaired, it will collapse, and catastrophe will ensue. And our current catastrophe is nothing other than a collapse. Viewed objectively, it is a collapse. The 1870s and 1880s of the last century were the right time for what should have happened. As is well known, minds like Karl Christian Planck, who pointed out what was bound to come, are never suited to becoming leading figures in public life! When it comes to selecting a leader, finding a statesman, or the like, one naturally does not turn to those who, in the spirit of Karl Christian Planck, possess such knowledge—one simply cannot choose them, can one?—but rather to others who very often lack the ability to prop up the crumbling house. But today one can provide historical proof—if one only looks into the background of life—and Karl Christian Planck is not the only one; there are many others—that at the right time, some people from the spiritual world received a revelation regarding the events toward which humanity was heading. Back then, there would still have been time to set these events on a different course. Of course, Karl Christian Planck was not heard.
[ 23 ] Aber werden denn jetzt die Menschen gehört, die von dem reden, was eben, wenn es wirksam sein soll, Jahre vor dem ausgesprochen werden muß, bevor der Zusammenbruch eintritt? Man muß leider sagen: Die Art und Weise, wie die Menschheit dieses katastrophale Ereignis bis jetzt durchlebt, läßt deutlich erkennen, daß, wenn dieses katastrophale Ereignis noch vier Jahre andauert, die Menschen sich daran gewöhnt haben werden und es hinnehmen werden — nun, wie eben das normale Leben; denn bis zu einem hohen Grade ist diese Gewöhnung schon fortgeschritten. Wer aber die Zeichen der Zeit versteht, der frägt heute: Was muß geschehen? — weil, wenn etwas nicht geschieht, nach Jahrzehnten dasjenige sich zeigt, was da kommen muß, weil etwas nicht zur rechten Zeit geschehen ist.
[ 23 ] But are the people who speak of this—which, if it is to be effective, must be announced years before the collapse occurs—being heard now? Unfortunately, one must say: The way humanity has been living through this catastrophic event so far makes it clear that, if this catastrophic event continues for another four years, people will have grown accustomed to it and will accept it—just as they do normal life; for this habituation has already progressed to a high degree. But those who understand the signs of the times are asking today: What must happen? — because if something does not happen, decades later what is bound to come will manifest itself, precisely because something did not happen at the right time.
[ 24 ] Aber aus der umliegenden physischen Welt heraus kann das nicht gefunden werden, was nach den heutigen Zeitbedingungen geschehen soll. Heute muß man schon, wenn man das Richtige hören will, diejenigen hören, die aus der geistigen Welt heraus sprechen können. Natürlich, für unbedeutendere Dinge vollziehen sich die Dinge rascher. Man kann sagen: In fünf Jahren werden vielleicht die Menschen einsehen, daß sie auf manches hätten hören sollen, was sie heute schon hätten wissen können, wenn sie hingehört hätten. Doch sie sind nicht geneigt, diese Dinge zu hören, weil sie nur geneigt sind, auf das zu hören, wofür sich schon die Anzeichen in der äußeren physischen Welt zeigen. Aber die physische Welt ist für das geschichtliche Werden unbedeutend. Sie zeigt nicht dasjenige, was Anstoß, Impuls sein soll zum Geschehen. Was Anstoß, Impuls sein soll zum Geschehen im sozialen, im sittlichen Leben, das muß aus der geistigen Welt stammen.
[ 24 ] But what is to happen under today’s circumstances cannot be found in the surrounding physical world. Today, if one wants to hear the truth, one must listen to those who can speak from the spiritual world. Of course, for less significant matters, things unfold more quickly. One might say: In five years, people may come to realize that they should have heeded certain things they could have known today if only they had listened. Yet they are not inclined to hear these things, because they are only inclined to listen to what is already showing signs in the outer physical world. But the physical world is insignificant for historical development. It does not reveal what is meant to be the impetus, the impulse for events. What is meant to be the impetus, the impulse for events in social and moral life must originate in the spiritual world.
[ 25 ] Nun, für ein größtes Ereignis im Verlaufe der Menschheitsentwickelung soll gerade die Menschheit in unserem Zeitalter erzogen werden: an Freiheit auch in der historischen Entwickelung zu glauben. An einem bestimmten Punkte des geistigen Lebens soll die Menschheit der Gegenwart mit aller Gewalt darauf gestoßen werden, an Freiheit — und identisch damit ist dann das Wunder — zu glauben. Und dieser Punkt ist in der Auffassung des Christus-Impulses, in der Auffassung des Mysteriums von Golgatha gelegen. Wie die Menschheit zum Mysterium von Golgatha stand, das war ganz anders in früheren Zeiten und war immer mehr anders, je weiter wir zurückgehen in der geschichtlichen Entwickelung. Wir haben öfters davon gesprochen. Heute gibt es nicht in den Menschen — gerade nicht in den im Sinne des Zeitgeistes fortgeschrittensten Menschen — die Möglichkeit, das Ereignis von Golgatha als historisches Ereignis wie andere historische Ereignisse hinzustellen. Ich brauche für Sie das, was hier als Voraussetzung in Betracht kommt, nur anzudeuten: Sie wissen, die Evangelien sind als historische Dokumente in ihrer Bedeutung erschüttert. Nicht in demselben Sinne, wie wir die Dokumente über Sokrates oder Plato oder über Alkibiades oder Cäsar als historische Dokumente nehmen, können wir nach dem, wie heute geschichtlich geforscht wird, die Evangelien als Dokumente ansehen, ebensowenig die andern Dokumente, die im Neuen Testament über das Ereignis von Golgatha vereinigt sind. So wie der Mensch heute über geschichtliches Forschen denkt, so entzieht sich diesem geschichtlichen Forschen die Möglichkeit, die Evangelien als historische Dokumente zu betrachten und aus den Evangelien das Ereignis von Golgatha als ein historisches anzusehen, als ein historisch beweisbares, meine ich, als ein in dem Sinne historisch beweisbares, wie man andere historische Geschehnisse und Tatsachen geschichtlich belegt und geschichtlich beweist. Man kann nicht in demselben Sinne über den Christus Jesus als eine historische Persönlichkeit sprechen, wie man über Karl den Großen nach dem, was man heute historische Quellen nennt, als eine historische Persönlichkeit sprechen kann.
[ 25 ] Now, in preparation for the greatest event in the course of human development, humanity in our age is to be educated to believe in freedom—even within the course of historical development. At a certain point in spiritual life, present-day humanity is to be impelled with all its might to believe in freedom—and the miracle is identical with this. And this point lies in the understanding of the Christ impulse, in the understanding of the Mystery of Golgotha. Humanity’s attitude toward the Mystery of Golgotha was quite different in earlier times, and became increasingly different the further back we go in historical development. We have spoken of this often. Today, people—especially those who are most advanced in the sense of the spirit of the age—are unable to regard the event of Golgotha as a historical event in the same way as other historical events. I need only hint at what is required here as a prerequisite: You know that the significance of the Gospels as historical documents has been shaken. We cannot regard the Gospels—or the other documents in the New Testament that pertain to the event at Golgotha—as historical documents in the same sense that we treat the documents concerning Socrates, Plato, Alcibiades, or Caesar, given the way historical research is conducted today. Given the way people today think about historical research, this research is unable to regard the Gospels as historical documents or to view the event at Golgotha, as described in the Gospels, as a historical event—that is, as one that is historically provable, I mean, provable in the same sense that other historical events and facts are historically documented and proven. One cannot speak of Christ Jesus as a historical figure in the same sense that one can speak of Charlemagne as a historical figure based on what are today called historical sources.
[ 26 ] Für den, der die Dinge durchschaut, ist heute der Zeitpunkt herangekommen, wo der aufrichtige, Wahrheit-durchdringende Menschensinn sich sagen muß: Was man für historische Quellen hielt in bezug auf das Mysterium von Golgatha, ist durch die Gestalt, welche die Geschichtsforschung angenommen hat, erschüttert. Und man muß schon so etwas wie ein Stumpfling sein, wie zum Beispiel Adolf Harnack, der berühmte Theologe, um sich immer wieder und wiederum hinzustellen und von dem, was man, wie er sagt, auf einer Quartseite zusammenstellen kann über den Christus Jesus, zu behaupten: darinnen seien doch historische Dokumente im Sinne der heutigen Geschichte gegeben. Es sind natürlich in diesen Dingen, die auf dieser Quartseite stehen, ebensowenig historische Dokumente gegeben, wie in den Evangelien nach Harnack selber — historische Dokumente gegeben sind. Aber solches Unterfangen wie das Harnacksche, dem hunderte und hunderte von andern gegenüberstehen, hängt eben zusammen mit der ganzen Unwahrhaftigkeit unserer Zeit in solchen Dingen, die niemals bis zu den radikalen Folgerungen gehen will, welche aber eben einfach die richtigen Folgerungen sind.
[ 26 ] For those who see through things, the time has now come when a sincere, truth-seeking human sensibility must ask itself: What was once considered historical evidence regarding the Mystery of Golgotha has been shaken by the direction historical research has taken. And one must indeed be something of a dullard—like, for example, Adolf Harnack, the famous theologian—to stand there time and again and claim that what, as he says, can be compiled on a single quarto page about Jesus Christ contains historical documents in the sense of modern history. Of course, there are just as few historical documents in these matters—which fit on that quarter-page—as there are, according to Harnack himself, in the Gospels. But an undertaking such as Harnack’s—which is opposed by hundreds and hundreds of others—is precisely linked to the general dishonesty of our time in such matters, a time that never wants to draw the radical conclusions that are, in fact, simply the correct ones.
[ 27 ] Die Folgerung, die ja gezogen werden muß, ist diese, daß der Mensch nach dem, was vorliegt, sich heute gestehen muß: sucht er auf äußerlich historische Weise den Christus Jesus, so kann er ihn nicht finden. Finden muß er ihn auf dem Wege der Geisteserforschung. Da findet er ihn aber sicher. Da findet er das historische Ereignis von Golgatha. Warum? Weil das historische Ereignis von Golgatha ein solches war, das durch Freiheit in der Menschheitsentwickelung aufgetreten ist, durch eine Freiheit in noch viel höherem Sinne als andere historische Ereignisse, und weil dieses freie Ereignis gerade in unserem Zeitraum an den Menschen so herantreten soll, daß nichts ihn zwingt, seine Geltung anzunehmen, sondern er diese Geltung aus innerer Freiheit annehmen muß. Wofür ein historischer Beweis schon da ist, für dessen Annahme ist man nicht frei. Wofür ein äußerer historischer Beweis nicht da ist, das nimmt man an aus geistigen Gründen, und auf dem geistigen Boden ist man frei. Christ wird man durch Freiheit. Und das ist gerade dasjenige, was notwendig ist dem heutigen Zeitalter zu verstehen, daß man Christ in Wirklichkeit nur sein kann aus voller Freiheit, nicht einmal gezwungen durch historische Dokumente. In unserem Zeitalter soll das Christentum jene Wahrheit gewinnen — das ist vorbestimmt dieser Zeit —, wodurch es zu dem großen Impuls des menschlichen Verständnisses für die Freiheit wird. Das gehört zu den Fundamentalwahrheiten in unserer Zeit, daß dies eingesehen wird, daß eingesehen wird, daß die Beweise für das Christentum in der geistigen Welt gesucht werden müssen.
[ 27 ] The conclusion that must be drawn is this: based on the evidence at hand, people today must admit that if they seek Jesus Christ in an outwardly historical way, they cannot find him. One must find him through spiritual exploration. There, however, one will certainly find him. There one finds the historical event of Golgotha. Why? Because the historical event of Golgotha was one that arose through freedom in the development of humanity—through a freedom in a much higher sense than other historical events—and because this free event is meant to approach humanity precisely in our time in such a way that nothing compels a person to accept its validity, but rather they must accept this validity out of inner freedom. Where historical proof already exists, one is not free to choose whether to accept it. Where external historical proof is lacking, one accepts it for spiritual reasons, and on spiritual ground one is free. One becomes a Christian through freedom. And this is precisely what is necessary for our age to understand: that one can truly be a Christian only out of complete freedom, not even compelled by historical documents. In our age, Christianity is destined to attain that truth—which is predestined for this time—through which it becomes the great impetus of human understanding for freedom. It is one of the fundamental truths of our time that this be recognized—that it be recognized that the evidence for Christianity must be sought in the spiritual world.
[ 28 ] Wird diese Einsicht so intensiv in der menschlichen Natur, wie sie werden soll, so wird sie auch andere Einsichten erzeugen, wird manches andere noch hervorbringen. Was sie zunächst hervorbringen sollte, das ist, daß der Mensch überhaupt lerne, sich die Frage zu beantworten: Wie mache ich mich empfänglicher für das, was mich nicht aus der physischen Welt heraus zwingt, es anzuerkennen, sondern wogegen ich zunächst vielleicht sogar eine Abneigung, eine Antipathie habe? Was macht mich geneigter dazu?
[ 28 ] If this insight becomes as deeply ingrained in human nature as it should, it will also give rise to other insights and bring about many other things. What it should bring about first and foremost is that human beings learn, in general, to answer the question: How can I make myself more receptive to that which the physical world does not compel me to acknowledge, but toward which I may initially even feel an aversion or antipathy? What makes me more inclined toward it?
[ 29 ] Wirklich nicht aus persönlicher Eitelkeit und Albernheit, sondern weil ich eben nur ein konkretes Exempel dabei statuieren will, muß ich bei einer solchen Gelegenheit immer wieder darauf aufmerksam machen, daß ich meine schriftstellerische Laufbahn damit begonnen habe, indem ich nicht meine Meinungen zunächst vertreten habe, sondern alles dasjenige, was ich vertreten habe, in Anknüpfung an Goetheschen Geist publizierte, im bewußten Zurückblicken zu einem Geiste, der schon 1832 in das geistige Reich der sogenannten Toten hinaufgestiegen ist. Aber lesen Sie das, was ich so in Anknüpfung an Goethe in den Zeiten, die meiner «Philosophie der Freiheit» vorangegangen sind, geschrieben habe! Die sogenannten Goethe-Forscher sehen es zumeist daraufhin an, ob es Goethesche Ansichten wiedergibt. Goethesche Ansichten sind diesen Leuten dann gegeben, wenn man ein literarischer Wiederkäuer ist, das heißt, wenn man das, was Goethe in seiner Inkarnation gesagt hat bis 1832, wiederkaut. Ich war immer der Ansicht, daß dasjenige, was Goethe gesagt hat, wirklich nicht von dem oder jenem Schulmeister und auch nicht von mir wiedergesagt zu werden braucht, denn Goethe hat, was er hat sagen wollen, schon selber besser gesagt. Es ist immer besser, wenn die Goetheschen Werke gelesen werden, als die Ansichten der Schulmeister, und wären es selbst so ausgezeichnete Schulmeister und Magister, wie zum Beispiel Lewes mit seiner berühmten Goethe-Biographie ist. Was ich versuchte zu schreiben, ist dasjenige, was auf der Inspiration des nicht mehr auf der Erde weilenden Goethe beruhte: die Fortbildung seiner Ansichten auf einem gewissen Gebiete nach seinem Tode, was geschrieben werden konnte aus einem gewissen Gefühl lebendiger Verbindung mit sogenannten verstorbenen Seelen.
[ 29 ] Truly not out of personal vanity or foolishness, but simply because I wish to set a concrete example here, I must take such an opportunity to point out time and again that I began my literary career not by initially expressing my own opinions, but by publishing everything I stood for, in connection with Goethe’s spirit, consciously looking back to a spirit who had already ascended to the spiritual realm of the so-called dead as early as 1832. But read what I wrote in connection with Goethe in the period preceding my Philosophy of Freedom! Most so-called Goethe scholars judge a text solely by whether it reflects Goethe’s views. To these people, one is considered to have grasped Goethe’s views only if one is a literary ruminator—that is, if one regurgitates what Goethe said during his earthly life up to 1832. I have always been of the opinion that what Goethe said really does not need to be repeated by this or that schoolmaster—nor by me—because Goethe himself has already expressed what he wanted to say far better than anyone else. It is always better to read Goethe’s works than the views of schoolmasters, even if they are such outstanding schoolmasters and professors as, for example, Lewes with his famous biography of Goethe. What I attempted to write was based on inspiration from Goethe, who is no longer on earth: the further development of his views in a certain field after his death, which could be written from a certain sense of living connection with so-called departed souls.
[ 30 ] Ich erwähne dies als ein Exempel, wirklich nicht aus alberner Eitelkeit, sondern weil es zusammenhängt mit der Frage: Was sollen die Menschen tun, um sich empfänglicher zu machen für dasjenige, was aus der geistigen Welt heraus kommt? Verbinden müssen sich die Menschen mit den Toten. Den Weg müssen sie finden in diejenigen Welten, worinnen die Toten leben, aber in einer vernünftigen, verständigen Weise, in einer wirklich entsprechenden Weise, nicht nach spiritistischer Weise. Die Toten reden weiter nach ihrem Tode. Und das, was sie reden, was sie impulsieren, es lebt, wie wir gesehen haben, zwar nicht in unseren Sinneserfahrungen, nicht in unserem Vorstellen, wohl aber in unserem Gefühl und in der Realität unserer Willensimpulse. Da lebt es drinnen.
[ 30 ] I mention this as an example, not out of silly vanity, but because it relates to the question: What should people do to make themselves more receptive to what comes from the spiritual world? People must connect with the dead. They must find their way into those worlds where the dead live, but in a reasonable, sensible way—in a truly appropriate way—not in a spiritualist manner. The dead continue to speak after their death. And what they say, what they inspire—as we have seen—does not live in our sensory experiences or in our imagination, but it does live in our feelings and in the reality of our volitional impulses. That is where it lives.
[ 31 ] Dann müssen wir aber auch das in uns finden, was uns geneigt macht, an die geistige Welt überhaupt heranzutreten. Mit dem Unglauben an ein Herantreten an die geistige Welt ist verbunden die Antipathie gegen die Imaginationen, die herein wollen aus der geistigen Welt, die unser Handeln auch im sozialen Menschengeschehen, im moralischen, im ethischen Menschengeschehen impulsieren wollen, und die doch einzig und allein den Menschen frei machen können.
[ 31 ] But then we must also find within ourselves what inclines us to approach the spiritual world in the first place. Linked to the disbelief in approaching the spiritual world is an aversion to the imaginings that seek to enter from the spiritual world—imaginings that also seek to inspire our actions in social, moral, and ethical human life, and which alone can truly set human beings free.
[ 32 ] Zwei Dinge sind in unserer Zeit notwendig: einzusehen, daß das Bekenntnis zum Mysterium von Golgatha eine freie Tat der menschlichen Seele sein muß und dieses ganz zu durchdringen. Und auf der andern Seite: real, nicht bloß abstrakt, nicht bloß in einem abstrakten Glauben, sondern real die Brücke zu suchen zu den Toten. Auch gegen das letztere spricht viel in unserer Zeit. DieMenschen sehen nicht gleich ganz ein, was alles dagegen spricht. Was stellen sich die Menschen heute für das soziale Geschehen als ein Ideal vor? Sie stellen sich vor: Wir sind gescheit, denn wir sind geboren, wir sind in die Schule gegangen, wir sind also gescheite Wesen, gescheite Menschen, daher wissen wir ohne weiteres, was im sozialen Leben zu geschehen hat. Wir bilden Versammlungen, Gemeinderäte, Staatsräte, Parlamente, wie man es nennt, da bespricht man selbstverständlich dasjenige, was zu geschehen hat im sozialen Leben, denn wir sind gescheit, und wenn sich so gescheite Leute, wie es die Menschen der Gegenwart sind, zusammensetzen, so wird immer das Richtige herauskommen.
[ 32 ] Two things are necessary in our time: to recognize that the commitment to the mystery of Golgotha must be a free act of the human soul, and to fully internalize this. And on the other hand: to seek, in a real way—not merely abstractly, not merely through abstract faith—but in a real way, a bridge to the dead. There is also much in our time that speaks against the latter. People do not immediately fully grasp all that speaks against it. What do people today envision as an ideal for social life? They imagine: We are intelligent, because we were born, we went to school; we are therefore intelligent beings, intelligent people, and so we know without further ado what must happen in social life. We form assemblies, municipal councils, state councils, parliaments—whatever you call them—and there, of course, we discuss what needs to happen in social life, because we are intelligent, and when such intelligent people as those of the present day come together, the right outcome will always result.
[ 33 ] Das ist das Ideal. Aber das geht von einer Voraussetzung aus, die nicht richtig ist. Es geht von der Voraussetzung aus, daß man ohne weiteres wisse, was das Richtige ist. Wissen Sie, was das Richtige ist? Wissen Sie, wer es weiß, was das Richtige ist im Jahre 1917? Nicht diejenigen, die jetzt in den Zwanzigerjahren sind und sich in den Parlamenten am liebsten so zum Reden bloß zusammensetzen und darüber urteilen, was das Richtige sei für 1917, sondern das wissen die am besten, die längst gestorben sind! Bei denen sollte man fragen, wie man sich zu verhalten hat! Hier liegt ein gut Teil von dem, was die Frage beantwortet: Wie kann unser soziales Leben aufgebessert werden? — Wenn wir lernen, die Toten zu befragen.
[ 33 ] That is the ideal. But it is based on a premise that is not correct. It assumes that one knows without a doubt what is right. Do you know what is right? Do you know who knows what was right in 1917? Not those who are now in their twenties and who prefer to sit around in parliaments just talking and passing judgment on what was right for 1917—no, those who have long since died know best! We should ask them how we should behave! Herein lies a good part of the answer to the question: How can our social life be improved? — If we learn to consult the dead.
[ 34 ] Bis zu seinem Lebensende weiß man in der Regel hier als physischer Mensch alles doch nur so weit, als es einem selber persönlich frommt. Recht reif wird das Wissen erst, wenn man gestorben ist. Dann wird es erst so reif, daß es richtig anwendbar ist auf das soziale Leben. Aber man darf nicht glauben, daß nun die Toten wie mit physischen Händen unmittelbar eingreifen sollen, so ungefähr wie Menschen, die hier im physischen Leib leben. Die Toten können besser wissen als die Lebendigen, was sozial zu geschehen hat, aber sie müssen gehört werden von den Menschen, und die ausführenden Organe müssen die hier im Physischen lebenden Menschen sein. Lernen müssen vor allen Dingen die Menschen in der Gegenwart, solche ausführenden Organe zu sein. Aber von solchen — wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, er ist so unangenehm — von solchen «Parlamenten», wo sich die Menschen bestreben werden, die Toten mitreden zu lassen, wird man noch lange nicht hören. Es wird jedoch auf gewissen Gebieten nicht Heil kommen, wenn man nicht die Toten wird mitreden lassen wollen, wenn nicht auch von dieser Seite her das soziale Leben spiritualisiert werden kann. Bevor man sich dem Glauben hingibt, daß die hier auf der Erde errungene, durch die Geburt, Welt und Schulung errungene Weisheit reif für soziale Impulse ist, sollte man sich vertiefen in das, was wirklich reif geworden ist für soziale Impulse: diejenige Weisheit, die schon den physischen Leib abgelegt hat, und die, wenn wir sie wirklich durchforschen, uns erst bedeutsame Perspektiven eröffnet.
[ 34 ] As a physical human being here on earth, one generally knows things only to the extent that they personally benefit oneself. Knowledge only truly matures after one has died. Only then does it become mature enough to be properly applied to social life. But one must not believe that the dead are now to intervene directly, as if with physical hands, much like people living here in physical bodies. The dead may know better than the living what needs to happen socially, but they must be heard by people, and the agents carrying out these actions must be the people living here in the physical world. Above all, people in the present must learn to be such implementing bodies. But we will not be hearing about such—if I may use the term, though it is so unpleasant—such “parliaments,” where people will strive to let the dead have a say, for a long time to come. However, in certain areas, there will be no salvation unless we are willing to let the dead have a say, unless social life can also be spiritualized from this perspective. Before one succumbs to the belief that the wisdom attained here on earth—through birth, the world, and education—is ripe for social impulses, one should delve into what has truly become ripe for social impulses: that wisdom which has already shed the physical body and which, if we truly explore it, opens up meaningful perspectives for us.
[ 35 ] Bedenken Sie, wie das Gefühlsleben vertieft wird, das ganze menschliche Gemüt eine Vertiefung erfährt, wenn das, was ich jetzt als Ideen ausgesprochen habe, eben Gefühl und Empfindung wird; wenn an die Stelle des alten Mythos, der den Gegenwartsmenschen verband mit den Vorfahren, dasjenige Band tritt, das ich angedeutet habe: ein konkretes geistiges Leben, das unsere geistige Atmosphäre wiederum anfüllen wird; und wenn, was so durch die Geisteswissenschaft als Ideen erfaßt werden kann, übergeht in Gemüt und Empfindung und die Menschen wahrhaftig drinnen leben wollen.
[ 35 ] Consider how emotional life is deepened, how the entire human mind undergoes a deepening, when what I have now expressed as ideas becomes, in fact, feeling and sensation; when the old myth that connected modern humans with their ancestors is replaced by the bond I have hinted at: a concrete spiritual life that will once again fill our spiritual atmosphere; and when what can be grasped as ideas through spiritual science passes into the soul and sensibility, and people truly wish to live within it.
