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Historical Necessity and Freedom
The Influence of Fate from the World of the Dead
GA 179

15 December 1917, Dornach

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Historical Necessity and Freedom, tr. SOL
  1. Geschichtliche Notwendigkeit und Freiheit

Fünfter Vortrag

Fifth Lecture

[ 1 ] Wenn wir dasjenige durchdringen wollen, was den beiden in das Menschenleben eingreifenden Impulsen, der sogenannten Freiheit und der sogenannten Notwendigkeit, zugrunde liegt, dann müssen wir zu den mancherlei Voraussetzungen, die wir schon geschaffen haben, einige andere noch hinzufügen. Und das will ich heute tun, damit wir dann morgen in der Lage sind, gewissermaßen die Konklusion, den Schluß in bezug auf den Freiheits- und Notwendigkeitsbegriff im menschlichen, sozialen, sittlichen und geschichtlichen Wirken zu ziehen. Wenn man solche Dinge bespricht, dann kommt eigentlich immer mehr in Betracht, daß die Menschen, und namentlich die Menschen der Gegenwart danach streben, die höchsten, die wichtigsten, die bedeutsamsten Dinge mit den allereinfachsten Begriffen und Vorstellungen zu umfassen. Um eine Uhr zu begreifen — ich habe das öfters schon erwähnt —, dazu hält man mancherlei Kenntnisse für notwendig, und man wird nicht ohne einen Schimmer davon zu haben, wie Räder zusammenwirken oder dergleichen, aus dem Stegreif heraus den Gang einer Uhr im einzelnen erklären wollen. Ein Sachverständiger über Freiheit und Notwendigkeit will man eigentlich in jeder Lage des Lebens sein, ohne über diese Dinge etwas zugrunde Liegendes gelernt zu haben. Über die allerwichtigsten, allerwesentlichsten Dinge, die nur eingesehen werden können im ganzen Zusammenhange mit der Menschennatur, möchte man sich am liebsten nicht unterrichten und alles mögliche wie von selbst wissen und beurteilen. Das ist insbesondere so die Sehnsucht unserer Zeit. Wenn geltend gemacht wird, daß der Mensch eine komplizierte, eine mannigfaltigst zusammengesetzte Wesenheit ist, eine Wesenheit, die auf der einen Seite tief eintaucht in alles das, was mit dem physischen Plane zusammenhängt, auf der andern Seite wiederum seelisch tief eintaucht in all das, was mit den geistigen Welten zusammenhängt, dann wird gar leicht erwidert, daß solche Dinge trocken, verstandesmäßig seien, daß man die allerwichtigsten und wesentlichsten Dinge in einer ganz andern Weise auffassen müsse.

[ 1 ] If we wish to penetrate to the essence of what underlies the two impulses that intervene in human life—so-called freedom and so-called necessity—then we must add a few more premises to the various ones we have already established. And that is what I intend to do today, so that tomorrow we will be in a position, so to speak, to draw a conclusion regarding the concepts of freedom and necessity in human, social, moral, and historical activity. When discussing such matters, it becomes increasingly apparent that people—and especially people of the present—strive to grasp the highest, most important, and most significant things using the simplest possible concepts and ideas. To understand a clock—as I have often mentioned—one considers various kinds of knowledge necessary, and one would not attempt to explain the workings of a clock in detail off the cuff without having at least a glimmer of how the gears interact or the like. In fact, people want to be experts on freedom and necessity in every situation of life, without having learned anything fundamental about these matters. When it comes to the most important, the most essential things—which can only be understood within the broader context of human nature—people would prefer not to educate themselves but to know and judge everything as if it were self-evident. This, in particular, is the longing of our time. When it is argued that the human being is a complex, multifaceted entity—an entity that, on the one hand, delves deeply into everything connected with the physical plane and, on the other hand, delves deeply in a spiritual sense into everything connected with the spiritual worlds—it is all too easy to retort that such things are dry and intellectual, and that the most important and essential things must be understood in an entirely different way.

[ 2 ] Die Welt wird kennenlernen müssen — sie lernt es vielleicht doch gerade durch die gegenwärtigen katastrophalen Ereignisse schon ein wenig —, was alles im Menschen und in seinem Zusammenhange mit dem Gang der Weltenentwickelung Verborgenes liegt. Wir haben seit Jahren betont, daß wir dasjenige im Rohen unterscheiden können im Menschen, was man seine physische Natur nennt, seinen physischen Leib, seinen Ätherleib, den Bildekräfteleib, wie ich ihn nenne, seinen astralischen Leib, der schon Seelisches ist, und das eigentliche Ich.

[ 2 ] The world will have to come to know—and perhaps it is already learning this to some extent through the current catastrophic events—all that lies hidden within the human being and in his or her connection to the course of world development. For years we have emphasized that we can distinguish, in its raw form, what is called the physical nature of the human being: the physical body, the etheric body—which I call the body of formative forces—the astral body, which is already of a soul nature, and the true “I.”

[ 3 ] Wir haben nun in den letzten Zeiten von den verschiedensten Gesichtspunkten her betont, daß der Mensch, so wie er lebt vom Aufwachen bis zum Einschlafen, also im gewöhnlichen wachen Tagesbewußtsein, eigentlich in Wirklichkeit nur etwas weiß von den Eindrücken seiner Sinneswahrnehmungen und noch von seinen Vorstellungen, daß er aber den eigentlichen Inhalt seines Gefühlslebens verträumt, und den eigentlichen Inhalt seines Willenslebens verschläft. Traum und Schlaf dehnen sich herein in die gewöhnliche Welt des Wachens, und mehr bewußt als eines’ Traumes sind wir uns auch unseres Gefühlslebens nicht im gewöhnlichen Wachbewußtsein. Mehr bewußt als im traumlosen Schlafe ist sich der Mensch seines wirklichen Willensinhaltes nicht. Denn durch unsere Gefühle, durch unseren Willensinhalt tauchen wir in dieselbe Welt hinein — das haben wir in diesen Betrachtungen betont —, in welcher wir gemeinschaftlich mit den Toten unter den Wesenheiten der höheren Hierarchien, der Angeloi, Archangeloi, Archai und so weiter leben. Sobald wir in einem Gefühle leben — und wir leben ja fortwährend in Gefühlen —, lebt in der Sphäre, in dem Gebiete dieses Fühlens alles dasjenige mit, was im Reiche der Toten ist.

[ 3 ] We have recently emphasized from a wide variety of perspectives that, in the way a person lives from the moment they wake up until they fall asleep, that is, in ordinary waking consciousness, actually knows only a little about the impressions of his sensory perceptions and his ideas; but that he dreams away the actual content of his emotional life and sleeps through the actual content of his volitional life. Dreams and sleep encroach upon the ordinary world of wakefulness, and in our ordinary waking consciousness we are no more aware of our emotional life than we are of a dream. A person is no more aware of the true content of their will than they are in dreamless sleep. For through our feelings, through the content of our will, we plunge into the very same world—as we have emphasized in these reflections—in which we live together with the dead among the beings of the higher hierarchies: the Angeloi, Archangeloi, Archai, and so on. As soon as we live in a feeling—and we do, after all, live continually in feelings—everything that exists in the realm of the dead lives along with us in the sphere, in the realm of that feeling.

[ 4 ] Nun kommt ein anderes dazu. Wir sprechen im gewöhnlichen wachen Bewußtseinsleben von unserem Ich. Aber von diesem Ich können wir eigentlich mit dem gewöhnlichen Wachbewußtsein nur in recht uneigentlichem Sinne sprechen. Denn welche Natur und Wesenheit hat eigentlich dieses Ich? Es kann nicht erkannt werden im gewöhnlichen Wachbewußtsein. Taucht das schauende Bewußtsein in das wahre Wesen des Ich ein, dann ist das wahre Ich des Menschen willensartiger Natur. Das, was der Mensch im gewöhnlichen Bewußtsein hat, ist nur die Vorstellung des Ich. Daher wird es dem naturforscherischen Psychologen leicht, dieses Ich überhaupt wegzuleugnen, obwohl andererseits dieses Wegleugnen ein wirklicher Unsinn ist. Solche Naturforscher und Psychologen sprechen davon, daß das Ich sich eigentlich nach und nach heranbilde, daß der Mensch im Verlauf seiner individuellen Entwickelung zu diesem Ich komme. Er kommt nicht zu dem Ich, sondern zu der Ich-Vorstellung auf diese Art. Und es ist leicht hinwegzuleugnen, weil es eben im gewöhnlichen Bewußtsein nur eine Vorstellung, ein Spiegelbild des wirklichen, wahren, echten Ich ist. Das echte Ich lebt in derselben Weltensphäre, in der die wahre Wirklichkeit unseres Willens lebt. Und das, was wir den astralischen Leib nennen, was wir als das eigentliche Seelenleben bezeichnen können, das wiederum lebt in derselben Sphäre, in der da lebt unser Gefühlsleben. Wenn Sie die beiden Dinge zusammennehmen, die wir so betrachtet haben, können Sie daraus wiederum ersehen, daß wir mit unserem Ich und mit unserem astralischen Leib untertauchen in dasselbe Gebiet, das wir mit den Toten gemeinschaftlich haben. In dem Augenblicke, wo wir hellseherisch in unser wahres Ich hinuntersteigen, sind wir ebenso unter den Ichen der Toten wie unter den Ichen der sogenannten Lebendigen.

[ 4 ] Now another aspect comes into play. In our ordinary waking consciousness, we speak of our “I.” But in ordinary waking consciousness, we can actually speak of this “I” only in a rather impropriate sense. For what is the true nature and essence of this “I”? It cannot be recognized in ordinary waking consciousness. When the contemplative consciousness delves into the true nature of the “I,” the true “I” of the human being is of a volitional nature. What the human being has in ordinary consciousness is merely the concept of the “I.” Therefore, it is easy for the natural-scientific psychologist to deny the existence of this “I” altogether, even though, on the other hand, this denial is utter nonsense. Such natural scientists and psychologists speak of the “self” as something that actually develops gradually, claiming that a person arrives at this “self” in the course of their individual development. In this way, they do not arrive at the “self,” but rather at the concept of the “self.” And it is easy to deny its existence because, in ordinary consciousness, it is merely a concept—a reflection of the real, true, authentic “self.” The genuine “I” lives in the same sphere of existence as the true reality of our will. And what we call the astral body—which we can describe as the actual life of the soul—in turn lives in the same sphere as our emotional life. If you take the two things we have considered together, you can see from this that with our “I” and our astral body we plunge into the same realm that we share with the dead. At the moment when we descend clairvoyantly into our true “I,” we are just as much among the “I’s” of the dead as among the “I’s” of the so-called living.

[ 5 ] So etwas muß man sich nur ganz klarmachen, um voll einzusehen, wie sehr der Mensch mit seinem gewöhnlichen Bewußtsein in der sogenannten Scheinwelt, oder wie man es mit einem orientalischen Ausdrucke nennt, in der Maja lebt. Wir leben wachbewußt in unserer Sinnes- und in unserer Vorstellungswelt. Aber die Sinnesimpulse, die geben uns nur den Teil der Welt, der als Natur sich ausbreitet. Und unsere Vorstellungswelt gibt uns auch nichts anderes als dasjenige in uns, was unserer Natur angemessen ist, aber zwischen der Geburt und dem Tode. Dasjenige, was unsere ewige Natur ist, das tritt im Grunde gar nicht aus der Welt heraus, die wir mit den Toten gemeinschaftlich haben. Das verbleibt im Grunde genommen in der Welt, in der die Toten auch sind, wenn wir durch die Verkörperung in das Leben des physischen Planes eintreten.

[ 5 ] One need only make this point very clear to oneself in order to fully realize how deeply human beings, with their ordinary consciousness, live in the so-called illusory world—or, as it is called in an Eastern expression, in Maya. We live with waking consciousness in our sensory world and in our world of imagination. But sensory impulses give us only that part of the world that unfolds as nature. And our world of imagination also gives us nothing other than that which is within us and appropriate to our nature—but only between birth and death. That which is our eternal nature does not, in essence, step out of the world that we share with the dead. It remains, in essence, in the world where the dead also are, even when we enter the life of the physical plane through incarnation.

[ 6 ] Um aber diese Dinge voll zu verstehen, haben wir nötig, gewisse Begriffe aufzunehmen, die — man kann schon nichts dafür, das sagen zu müssen, weil die Dinge eben so sind — nicht ganz leicht zu durchdenken sind, bei denen man sich, um sie zu durchdenken, Mühe geben muß. Solche Begriffe hat zunächst der Mensch im Verlaufe seines gewöhnlichen wachen Bewußtseins nicht. Der Mensch kennt im gewöhnlichen wachen Bewußtsein das, was räumlich ausgedehnt ist, was in der Zeit verläuft. Und er möchte eigentlich mit dem zufrieden sein, was räumlich ausgedehnt ist und was in der Zeit verläuft. Krankt ja sogar der Mensch vielfach daran, sich auch dasjenige, was in der geistigen Welt enthalten ist, möglichst räumlich zu denken, wenn auch nebulos, wenn auch dünn und nebelhaft, aber er möchte es doch irgendwie sich räumlich denken: räumlich herumfliegende Seelen und dergleichen möchte er sich denken. Man muß über die Begriffe von Raum und Zeit hinausgehen zu komplizierteren Begriffen, wenn man in diese Dinge wirklich eindringen will. Und da möchte ich Ihnen denn heute etwas andeuten, was wichtig ist zur Erfassung des menschlichen Gesamtlebens.

[ 6 ] But in order to fully understand these things, we need to grasp certain concepts that—and I can’t help but say this, because that’s just the way things are—are not entirely easy to think through; they require effort to fully comprehend. At first, a person does not have such concepts in the course of their ordinary waking consciousness. In ordinary waking consciousness, a person is familiar with what is spatially extended and what unfolds in time. And they would actually like to be content with what is spatially extended and what unfolds in time. In fact, people often suffer from the tendency to conceive of even what is contained in the spiritual world as spatial as possible—even if it is nebulous, even if it is thin and misty—but they still want to imagine it spatially in some way: they want to imagine souls flying around in space and the like. One must go beyond the concepts of space and time to more complex concepts if one truly wishes to penetrate these matters. And today I would like to hint at something that is important for understanding human life as a whole.

[ 7 ] Fassen wir noch einmal ins Auge — wie gesagt, im Rohen —, daß wir diese vierfache Natur zunächst haben: den physischen Leib, den Bildekräfte- oder Ätherleib, den astralischen Leib und das Ich. Wenn man so vom Standpunkte des gewöhnlichen wachen Bewußtseins aus redet und frägt: Wie alt ist eigentlich ein Mensch, dieser bestimmte Mensch A, wie alt ist er? — Nun, da wird irgend jemand sein Alter angeben, sagen wir fünfunddreißig Jahre, und er glaubt, damit etwas Ernsthaftes gesagt zu haben. Er hat auch für den physischen Plan und das gewöhnliche Wachbewußtsein etwas Ernsthaftes damit gesagt, daß er fünfunddreißig Jahre alt sei. Aber für die geistige Welt, also für die Gesamtwesenheit des Menschen, ist damit nur teilweise etwas gesagt. Denn Sie können eigentlich, wenn Sie sagen, ich bin fünfunddreißig Jahre alt, dies nur für Ihren physischen Leib sagen. Sie müßten sagen: Mein physischer Leib ist fünfunddreißig Jahre alt — dann würde die Sache stimmen. Für den ätherischen oder Bildekräfteleib, für die andern Glieder der menschlichen Wesenheit haben Sie aber damit noch gar nichts gesagt. Denn daß Ihr Ich zum Beispiel auch fünfunddreißig Jahre alt sein soll, wenn Ihr physischer Leib fünfunddreißig Jahre alt ist, das ist eine bloße Illusion, das ist sogar eine reine Phantasterei. Denn sehen Sie, hier tritt auf der Begriff verschieden geschwinder, verschieden schneller Entwickelung der verschiedenen Glieder der menschlichen Natur.

[ 7 ] Let us once again consider—as I said, in broad terms—that we initially possess this fourfold nature: the physical body, the form-body or etheric body, the astral body, and the I. When one speaks from the standpoint of ordinary waking consciousness and asks: How old is a person, this particular person A, actually? How old is he? — Well, someone will state his age—let’s say thirty-five years—and believe he has said something serious. From the standpoint of the physical plane and ordinary waking consciousness, they have indeed said something meaningful by stating that they are thirty-five years old. But from the standpoint of the spiritual world—that is, from the standpoint of the human being’s total being—this statement is only partially accurate. For when you say, “I am thirty-five years old,” you can actually only say this with regard to your physical body. You would have to say: “My physical body is thirty-five years old”—then the statement would be correct. But as far as the etheric body—or body of formative forces—and the other members of the human being are concerned, you have not said anything at all with that statement. For the idea that your “I,” for example, is also thirty-five years old when your physical body is thirty-five years old is a mere illusion; it is even pure fantasy. For you see, here we encounter the concept of the different rates of development—the varying speeds of development—of the various members of the human nature.

[ 8 ] Das können Sie sich durch folgende Zahlen klarmachen. Der Mensch wird, sagen wir sieben Jahre alt; das heißt aber nichts anderes als: sein physischer Leib ist sieben Jahre alt geworden. Dann ist deshalb sein Ätherleib, sein Bildekräfteleib noch nicht sieben Jahre alt, sondern sein Bildekräfteleib macht nicht so schnell mit; der ist noch nicht so alt geworden. Man kommt auf diese Dinge nur deshalb nicht, weil man die Zeit sich eben so als einen einheitlich dahinlaufenden Strom vorstellt und man sich gar nicht denken kann, daß innerhalb der Zeit verschiedenes mit verschiedener Geschwindigkeit vorwärtsgeht. Dieser physische Leib, der sieben Jahre ist, der hat sich mit einer gewissen Geschwindigkeit entwickelt. Langsamer hat sich entwickelt der Ätherleib, noch langsamer der astralische Leib, und am langsamsten das Ich. Dieser Ätherleib ist erst fünf Jahre drei Monate alt, wenn der physische Leib sieben Jahre alt ist, weil er ein langsameres Tempo durchmacht. Der astralische Leib ist drei Jahre sechs Monate alt. Und das Ich ist ein Jahr neun Monate alt. So daß Sie sich sagen müssen, wenn ein Kind sieben Jahre alt ist, so ist sein Ich erst ein Jahr neun Monate alt. Es macht dieses Ich eine langsamere Entwickelung durch auf dem physischen Plane. Es geht dieses Ich auf dem physischen Plane ein langsameres Tempo, jenes langsamere Tempo, welches auch das Tempo ist, das man gemeinschaftlich mit den Toten durchleben kann. Warum faßt denn der Mensch dasjenige, was im Strom des Erlebens der Toten stattfindet, nicht auf? Weil er sich nicht angewöhnt, das langsamere Tempo einzuschlagen im Halten von Gedanken, im Halten von Gefühlen namentlich, in dem die Toten verharren.

[ 8 ] You can understand this by looking at the following figures. A person reaches, say, seven years of age; but this means nothing other than that their physical body has reached the age of seven. Therefore, their etheric body—their body of formative forces—is not yet seven years old; rather, their body of formative forces does not keep pace as quickly; it has not yet reached that age. The reason people do not consider these things is simply that they imagine time as a uniform, flowing stream and cannot conceive that different things within time proceed at different speeds. This physical body, which is seven years old, has developed at a certain rate. The etheric body has developed more slowly, the astral body even more slowly, and the I most slowly of all. This etheric body is only five years and three months old when the physical body is seven years old, because it progresses at a slower pace. The astral body is three years and six months old. And the “I” is one year and nine months old. So you must realize that when a child is seven years old, its “I” is only one year and nine months old. This “I” undergoes a slower development on the physical plane. On the physical plane, this “I” moves at a slower pace—that very pace which one can also experience in communion with the dead. Why, then, does a person fail to grasp what takes place in the stream of the dead’s experiences? Because they do not accustom themselves to adopting the slower pace in holding onto thoughts—and especially in holding onto feelings—at the pace at which the dead remain.

[ 9 ] Ist also ein Mensch achtundzwanzig Jahre alt seinem physischen Leibe nach, so ist sein Ich erst sieben Jahre alt. Sie können also nur den Anspruch darauf machen, daß Sie in bezug auf Ihr Ich, was das Eigentliche Ihrer Wesenheit ist, ein viel langsameres Tempo einhalten in der Entwickelung als in bezug auf den physischen Leib. Die Schwierigkeit besteht darinnen, daß man sonst Geschwindigkeiten nur als äußere Geschwindigkeiten auffaßt. Wenn die Dinge nebeneinander hinlaufen, so sagt man: Eines geht schneller und das andere geht langsamer — weil man die Zeit zum Vergleich hat. Aber hier ist die Geschwindigkeit in der Zeit verschieden. Ohne diese Einsicht aber, daß die verschiedenen Glieder der menschlichen Natur verschiedenes Tempo haben zu ihrer Entwickelung, ist es unmöglich, dasjenige einzusehen, was mit der eigentlichen tieferen Wesenheit des Menschen zusammenhängt.

[ 9 ] So if a person is twenty-eight years old in terms of their physical body, their “I”—which is the very essence of their being—is only seven years old. You can therefore only claim that, with regard to your “I”—which is the very essence of your being—you develop at a much slower pace than you do with regard to your physical body. The difficulty lies in the fact that speeds are otherwise understood only as external speeds. When things move alongside one another, we say: one moves faster and the other moves slower—because we have time as a point of comparison. But here, the speed within time is different. Without this insight—that the various aspects of human nature have different paces of development—it is impossible to understand what pertains to the actual, deeper essence of the human being.

[ 10 ] Sie sehen aber daraus, wie man im gewöhnlichen Bewußtsein eigentlich ganz verschiedene Dinge, die in der menschlichen Natur sind, einfach zusammenwirft. Der Mensch hat diese viergliederige Wesenheit, und die vier Glieder dieser Wesenheit sind so voneinander verschieden, daß sie sogar verschiedenes Alter haben. Der Mensch aber gibt sich dadurch einer beträchtlichen Illusion hin, daß er alles auf seinen physischen Leib bezieht. Er sagt etwas, was schlechterdings vor der geistigen Welt gar keinen Sinn hat, wenn er behauptet, sein Ich sei achtundzwanzig Jahre alt, wenn er seinem physischen Leibe nach achtundzwanzig Jahre alt ist. Es hätte nur einen Sinn, wenn er dann sagen würde: Mein Ich ist sieben Jahre alt — wobei aber dann ein Jahr selbstverständlich viermal so lang ist.

[ 10 ] But you can see from this how, in ordinary consciousness, people simply lump together things that are actually quite different within human nature. Human beings have this fourfold being, and the four parts of this being are so different from one another that they even have different ages. Yet human beings succumb to a considerable illusion by relating everything to their physical body. They say something that makes absolutely no sense to the spiritual world when they claim that their “I” is twenty-eight years old simply because their physical body is twenty-eight years old. It would only make sense if he were to say: “My ‘I’ is seven years old”—though, of course, a year in this context would be four times as long.

[ 11 ] Man könnte die Sache auch so ausdrücken: die vier verschiedenen Glieder der menschlichen Wesenheit rechnen nach ganz verschiedenen Zeitmaßen. Das Ich rechnet einfach ein Jahr viermal so lang als der physische Leib. Und bildhaft könnten Sie sich das so vorstellen, wenn Sie es sich projizieren wollten auf den physischen Plan heraus. Während zum Beispiel ein Mensch normal wächst, achtundzwanzig Jahre alt wird, wachse ein Kind langsamer und sei nach achtundzwanzig Jahren ein siebenjähriges Kind. So zunächst erscheint die ganze Sache wie eine abstrakte Wahrheit, aber es ist im Menschen eine gründliche Wirklichkeit. Denn denken Sie doch, daß wir in unserem Ich dasjenige tragen, was wir unseren Verstand, unser selbstbewußtes Denken nennen. Wenn wir in unserem Ich unseren Verstand, unser selbstbewußtes Denken haben, dann sind unser Verstand und unser selbstbewußtes Denken eigentlich wesentlich jünger, als wir scheinbar unserem physischen Leibe nach sind. Das sind sie auch, das sind sie wirklich!

[ 11 ] One could also put it this way: the four different aspects of the human being operate according to entirely different measures of time. The “I” simply considers a year to be four times as long as the physical body does. And figuratively speaking, you could imagine it this way if you wanted to project it onto the physical plane. For example, while a person grows normally and reaches the age of twenty-eight, a child grows more slowly and, after twenty-eight years, is still a seven-year-old child. At first glance, the whole thing seems like an abstract truth, but it is a profound reality within the human being. For consider that within our “I” we carry what we call our intellect, our self-conscious thinking. If we have our intellect—our self-conscious thinking—within our “I,” then our intellect and our self-conscious thinking are actually much younger than we appear to be based on our physical bodies. And indeed they are—they truly are!

[ 12 ] Ja, da kommen Sie aber darauf, einzusehen: wenn ein solcher Mensch achtundzwanzig Jahre alt ist und den Eindruck eines achtundzwanzigjährig entwickelten Verstandes macht, so ist das, was sein Eigen ist von diesem Verstand, den er hat, nur ein Viertel. Es hilft nichts: wenn wir mit achtundzwanzig Jahren eine gewisse Summe von Verstand haben uns eigen ist nur ein Viertel davon, das andere gehört der allgemeinen Welt an; das andere gehört der Welt an, in die wir eingetaucht sind durch unseren astralischen Leib, durch unseren ÄÄtherleib, durch unseren physischen Leib. Aber von denen wissen wir ja unmittelbar nur durch Vorstellungen, durch Sinneswahrnehmungen etwas, also auch wiederum im Ich. Das heißt, wenn wir als Menschen uns entwickeln zwischen der Geburt und dem Tode, so sind wir eigentlich rechte Scheinwesen der Wirklichkeit. Wir machen den Eindruck von viermal so gescheiten Wesen, als wir in Wirklichkeit sind. Das ist wahr! Alles, was wir außer jenem Viertel haben, das verdanken wir dem, was da waltet im historischen, im sozialen, im moralischen Wirken jener Welt, die wir verträumen, die wir verschlafen. Träume, Schlafimpulse, die wir mit der Allgemeinheit gemein haben, brodeln herauf über den Horizont unseres Daseins und befruchten unser Verstandes- und Seelenviertel und machen es viermal so stark, als es in Wirklichkeit ist.

[ 12 ] Yes, but you’re beginning to see it: if such a person is twenty-eight years old and gives the impression of having the intellect of a twenty-eight-year-old, then only a quarter of that intellect actually belongs to him. It’s no use: even if we possess a certain amount of intellect at the age of twenty-eight, only a quarter of it belongs to us; the rest belongs to the general world—the world into which we are immersed through our astral body, our etheric body, and our physical body. But we are directly aware of these only through ideas and through sensory perceptions—and thus, once again, within the “I.” This means that as human beings develop between birth and death, we are actually mere illusions of reality. We give the impression of being four times as intelligent as we actually are. That is true! Everything we possess beyond that one-quarter, we owe to what prevails in the historical, social, and moral workings of that world which we dream away, which we sleep through. Dreams and sleep impulses, which we share with the general public, bubble up over the horizon of our existence and enrich the intellectual and soul quarters of our being, making them four times as strong as they actually are.

[ 13 ] Hier ist der Punkt, wo die Täuschung entsteht in bezug auf die Freiheit des Menschen. Der Mensch ist ein freies Wesen; das ist er schon. Aber nur der wahre Mensch ist ein freies Wesen — jenes Viertel, von dem ich eben gesprochen habe, das ist ein freies Wesen. Die andern drei Viertel, in die spielen andere Wesenheiten herein; die können nicht frei sein. Und dadurch entsteht die Täuschung in bezug auf die Freiheit, daß man immer frägt: Ist der Mensch frei oder ist er nicht frei? Frei ist der Mensch, wenn er diesen Begriff der Freiheit bezieht auf das eine Viertel seines Wesens in dem Sinne, wie ich das jetzt auseinandergeserzt habe. Will der Mensch diese Freiheit als einen eigenen Impuls haben, dann muß er allerdings dieses Viertel in entsprechend selbständiger Weise entwickeln. Im gewöhnlichen Leben kann dieses Viertel nicht zu seinem Rechte kommen, aus dem einfachen Grunde, weil es von den übrigen drei Vierteln überwältigt wird. In den übrigen drei Vierteln wirkt alles dasjenige, was der Mensch in sich trägt als seine Triebe, seine Begierden, seine Affekte, seine Leidenschaften. Die ertöten seine Freiheit, denn durch die Triebe, durch die Affekte, durch die Leidenschaften wirkt dasjenige hindurch, was an Impulsen in der Allgemeinheit ist.

[ 13 ] This is the point where the deception arises regarding human freedom. Human beings are free beings; that much is true. But only the true human being is a free being—that one-quarter I just spoke of is a free being. The other three-quarters are influenced by other entities; they cannot be free. And this is how the illusion regarding freedom arises, leading people to constantly ask: Is the human being free, or is he not free? A human being is free when he applies this concept of freedom to that one-quarter of his being in the sense I have just explained. If a human being wishes to possess this freedom as his own impulse, then he must, of course, develop this one-quarter in a correspondingly independent manner. In ordinary life, this one-quarter cannot come into its own, for the simple reason that it is overwhelmed by the remaining three-quarters. In the remaining three-quarters, everything that a person carries within—their instincts, desires, emotions, and passions—is at work. These stifle their freedom, for it is through the instincts, emotions, and passions that the impulses common to all humanity exert their influence.

[ 14 ] Nun entsteht die Frage: Was wollen wir tun, um das eine Viertel von Seelenleben, das in uns Realität ist, wirklich zur Freiheit zu bringen? Wir müssen es in Beziehung setzen, dieses Viertel, zu dem, was unabhängig ist von dem übrigen Dreiviertel.

[ 14 ] This raises the question: What can we do to truly liberate that one-quarter of our inner life that is a reality within us? We must relate this one-quarter to that which is independent of the remaining three-quarters.

[ 15 ] Philosophisch habe ich eben versucht, diese Frage zu beantworten in meiner «Philosophie der Freiheit», indem ich damals zu zeigen bestrebt war, wie der Mensch nur dadurch in sich den Impuls der Freiheit realisieren kann, wenn er sein Handeln, sein Tun ganz unter den Einfluß des reinen Denkens stellt, wenn er dazu kommt, reine Gedankenimpulse zu seinen Handlungsimpulsen machen zu können, Impulse, die gar nicht herausentwickelt sind aus der äußeren Welt. Denn alles das, was aus der äußeren Welt entwickelt ist, läßt uns nicht Freiheit realisieren. Freiheit realisieren läßt uns nur dasjenige, was sich unabhängig von der äußeren Welt in unserem Denken als Antrieb unseres Handelns entwickelt.

[ 15 ] From a philosophical standpoint, I have just attempted to answer this question in my Philosophy of Freedom, by striving at the time to show how human beings can realize the impulse of freedom within themselves only if they place their actions and deeds entirely under the influence of pure thought, if they come to be able to make pure thought impulses the driving forces of their actions—impulses that are not derived at all from the external world. For everything that has developed from the external world does not allow us to realize freedom. Only that which develops in our thinking—independently of the external world—as the driving force of our actions allows us to realize freedom.

[ 16 ] Woher kommen solche Antriebe? Woher kommt das, was nicht aus der äußeren Welt kommt? Nun, es kommt aus der geistigen Welt. Der Mensch braucht sich nicht in jeder Lage seines Lebens hellseherisch bewußt zu sein, wie diese Impulse aus der geistigen Welt kommen, aber sie können in ihm doch da sein. Nur wird er sie notwendigerweise etwas anders auffassen müssen. Wenn wir uns im schauenden Bewußtsein zur ersten Stufe der geistigen Welt erheben, so ist das die imaginative Welt; die zweite Stufe ist die inspirierte Welt, wie Sie wissen; die dritte Stufe die intuitive Welt. Statt daß wir also die Impulse unseres Wollens, unseres Handelns aufsteigen lassen aus unserem physischen, aus unserem astralischen, aus unserem ätherischen Leib, können wir, wenn wir von dieser Seite her keine Impulse empfangen, sondern sie aus der geistigen Welt empfangen, sie nur entgegennehmen als Imaginationen, hinter denen Inspirationen, hinter denen Intuitionen stehen. Aber das braucht nicht bewußt als hellseherisches Bewußtsein erlebt zu werden: Jetzt will ich dieses, dahinter stehen Intuitionen, Inspirationen, Imaginationen —, sondern das Resultat davon tritt auf als ein Begriff, als ein reines Denken, sieht so aus, wie ein in der Phantasie geschaffener Begriff. Weil das so ist, weil ein solcher Begriff, der dem freien Handeln zugrunde liegt, für das gewöhnliche Bewußtsein wie ein aus der Phantasie heraus geschaffener Begriff erscheinen muß, nannte ich das, was dem freien Handeln zugrunde liegt, in meiner «Philosophie der Freiheit» die moralische Phantasie. Was ist also diese moralische Phantasie? Diese moralische Phantasie ist, ich möchte sagen, das Gegenteil eines Spiegelbildes. Dasjenige, was wir um uns herum als die äußere physische Wirklichkeit ausgebreitet haben, das ist ein Spiegelbild, da werden uns die Dinge zurückgespiegelt. Die moralische Phantasie ist das Tableau, durch das wir nicht durchsehen. Daher erscheinen uns die Dinge als Phantasie. Hinter ihnen stehen aber die eigentlichen Impulse: Imaginationen, Inspirationen, Intuitionen, die wirken (siehe Zeichnung S. 102). Wenn man nicht weiß, daß diese wirken, sondern nur das, was sie bewirken, ins Bewußtsein, ins gewöhnliche Bewußtsein hereinbekommt, so sieht es wie eine Phantasie aus. Und diese Ergebnisse der moralischen Phantasie, diese nicht aus Trieben, Leidenschaften, Affekten geholten Antriebe des Handelns, sie sind freie Antriebe.

[ 16 ] Where do such impulses come from? Where does that which does not come from the external world come from? Well, it comes from the spiritual world. A person does not need to be clairvoyantly aware in every situation of life of how these impulses come from the spiritual world, but they can still be present within him. However, they will necessarily have to be perceived somewhat differently. When we rise to the first level of the spiritual world through contemplative consciousness, we enter the world of imagination; the second level is the world of inspiration, as you know; the third level is the world of intuition. So instead of allowing the impulses of our will and our actions to rise from our physical, astral, and etheric bodies, we can—if we do not receive impulses from this side but rather receive them from the spiritual world—simply receive them as imaginations, behind which lie inspirations and intuitions. But this need not be consciously experienced as clairvoyant awareness—as in, “Now I want this, and behind it lie intuitions, inspirations, and imaginations”—rather, the result of this appears as a concept, as pure thought, looking just like a concept created in the imagination. Because this is the case—because such a concept, which underlies free action, must appear to ordinary consciousness as a concept created out of the imagination—I called what underlies free action “moral imagination” in my Philosophy of Freedom. What, then, is this moral imagination? This moral imagination is, I would say, the opposite of a mirror image. What we have spread out around us as external physical reality is a mirror image; there, things are reflected back to us. The moral imagination is the tableau through which we cannot see. Hence, things appear to us as fantasy. Behind them, however, lie the actual impulses: imaginations, inspirations, intuitions that are at work (see drawing on p. 102). If one is unaware that these are at work, but only perceives in consciousness—in ordinary consciousness—what they bring about, then it appears to be a fantasy. And these results of moral imagination—these impulses to act that are not derived from drives, passions, or emotions—are free impulses.

[ 17 ] Wie soll man aber zu ihnen kommen? Würde man sich ohne weiteres zum hellseherischen Bewußtsein erheben, dann würde man durch das Hellsehen bewußt dazu kommen. Aber das braucht man gar nicht. Moralische Phantasie kann auch der Mensch entwickeln, der nicht hellseherisch ist. Alles dasjenige, was den wirklichen Fortschritt der Menschheit bedeutet hat, ist immer aus moralischer Phantasie hervorgegangen, insoferne dieser Fortschritt auf ethischem Gebiete lag. Es handelt sich nur darum, daß der Mensch zuerst ein Gefühl entwickelt, und dann ein gesteigertes Gefühl — wir werden gleich deutlicher hören, was unter diesem gesteigerten Gefühl zu verstehen ist —, daß er hier auf dieser Erde da ist, um Dinge zu tun, welche nicht bloß seine Persönlichkeit, seine Individualität angehen, sondern um Dinge zu tun, durch die dasjenige verwirklicht wird, was die Zeitgeister wollen.

[ 17 ] But how does one arrive at them? If one were to rise to clairvoyant consciousness without further ado, one would arrive at them consciously through clairvoyance. But that is not at all necessary. Even a person who is not clairvoyant can develop moral imagination. Everything that has signified true progress for humanity has always sprung from moral imagination, insofar as this progress lay in the ethical realm. It is simply a matter of the human being first developing a feeling, and then an intensified feeling—we will hear more clearly in a moment what is meant by this intensified feeling—that they are here on this earth to do things that concern not merely their personality or individuality, but to do things through which what the spirit of the times desires is realized.

[ 18 ] Es scheint zunächst, als ob etwas ganz Besonderes dahinter stecke, wenn man sagt, der Mensch soll dasjenige realisieren, was die Zeitgeister wollen. Es wird eine Zeit kommen, wo man dies aber viel besser verstehen wird als in der Gegenwart. Und es wird eine Zeit kommen, wo man anderes zu Inhalten des menschlichen Lehrens machen wird, als es die Gegenwart macht, wo selbst den Allergebildetsten nur Begriffe beigebracht werden, die auf die Natur gehen. Denn was beigebracht wird den Leuten mit Bezug auf das ethische, mit Bezug auf das soziale Leben, das sind zumeist wesenlose, schemenhafte Abstraktionen, das sind äußerste Abstraktionen.

[ 18 ] At first glance, it seems as though there is something quite special behind the idea that human beings should realize what the spirit of the times desires. A time will come, however, when this will be understood much better than it is today. And a time will come when the content of human education will be different from what it is today, when even the most highly educated are taught only concepts related to nature. For what is taught to people with regard to ethics and social life consists mostly of insubstantial, shadowy abstractions—extreme abstractions.

[ 19 ] In dieser Beziehung haben wir dasjenige noch nicht erreicht, was frühere Zeiten hatten. Nur kann sich der Mensch jetzt sehr schwer in frühere Zeiten hineindenken. Frühere Zeiten hatten Mythen — Mythen, die mit dem lebendigen Leben des Volkes zusammenhingen, Mythen, die in Dichtung, in Kunst, in alles mögliche hineinwirkten. Und womit beschäftigten sich diese Mythen? Man redete im Griechischen von Odipus, von Herkules, von andern Heroen, denen man nachstrebte, die etwas getan hatten, was die Einleitung von Taten war, in deren Fußstapfen man treten wollte. Jeder einzelne wollte in ihre Fußstapfen treten. Nach rückwärts leitete der Faden des Vorstellens, der Faden des Denkens, der Faden des Empfindens. Man fühlte sich eins mit längst Verstorbenen. Dasjenige, was von den Verstorbenen als ein Impuls ausgegangen ist, das wurde erzählt im Mythus, und im Durchleben des Mythus, im Sich-Einswissen mit den Impulsen des Mythus lebten diese Menschen.

[ 19 ] In this regard, we have not yet attained what earlier times had. It is just that it is very difficult for people today to imagine what life was like in earlier times. Earlier times had myths—myths that were intertwined with the living reality of the people, myths that permeated poetry, art, and all manner of things. And what were these myths about? In Greek mythology, people spoke of Oedipus, of Hercules, and of other heroes whom they aspired to emulate—heroes who had accomplished deeds that served as the starting point for further actions, and whose footsteps people sought to follow. Every individual wanted to follow in their footsteps. The thread of imagination, the thread of thought, the thread of feeling led backward. People felt at one with those long since deceased. That which had emanated from the dead as an impulse was recounted in myth, and these people lived by experiencing the myth and identifying with the impulses of the myth.

[ 20 ] Etwas Ähnliches muß wieder geschaffen werden, wird geschaffen werden, wenn die Impulse der Geisteswissenschaft richtig verstanden werden. Nur werden allerdings die Seelenblicke der Zukunft weniger nach rückwärts als nach vorwärts gerichtet sein. Aber was Inhalt des öffentlichen Unterrichts werden muß, das ist das, was den Menschen zusammenbindet mit dem Werden der Zeit, und damit mit den Impulsen vor allem des Zeitgeistes, des entsprechenden Wesens aus der Hierarchie der Archai, von dem ich in einer früheren Betrachtung gesagt habe, daß ihm ebenso die sogenannten Toten gegenüberstehen wie die Lebendigen. Lernen wird man im öffentlichen Unterricht in der Zukunft, was der Inhalt eines solchen Zeitalters ist wie desjenigen, das mit dem 15. Jahrhundert begonnen und zugleich das griechisch-lateinische Zeitalter abgeschlossen hat; lernen wird man, was das allgemeine Weltenall in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum eigentlich will. Die Impulse dieses fünften nachatlantischen Zeitraums wird man aufnehmen. Man wird wissen: das muß sich realisieren zwischen dem 15. Jahrhundert und einem Jahrhundert in einem folgenden Jahrtausend. Und man wird wissen: man gehört seinem Zeitalter so an, daß durch einen hindurchströmen die Impulse dieses bestehenden Zeitalters. Die Kinder schon werden es in der Zukunft lernen, wie sie Blumen benennen, wie sie Sterne benennen lernen — das tun sie ja heute wieder weniger, aber das ist wenigstens etwas Außerlich-Reales —, so werden sie lernen, die wirklichen geistigen Impulse des Zeitalters aufzunehmen. Dazu müssen sie allerdings erst erzogen werden, dazu muß erst aufhören, dasjenige Geschichte zu heißen, was jetzt als Geschichte erzählt wird. Statt all der Dinge, von denen heute die Geschichte erzählt, wird man in einer nicht zu fernen Zukunft von den geistigen Impulsen, die hinter dem geschichtlichen Werden stehen und die von den Menschen geträumt werden, sprechen. Denn diese geistigen Impulse sind dasjenige, was den Menschen aufruft zur Freiheit und ihn frei macht, weil es ihn erhebt zu der Welt, aus der die Intuitionen, Inspirationen, Imaginationen kommen. Denn dasjenige, was äußerlich auf dem physischen Plane geschieht, was äußerlich Geschichte ist — ich habe das selbst in öffentlichen Vorträgen auseinandergesetzt —, das hat schon seine Bedeutung verloren, wenn es vorüber ist; das hat in Wirklichkeit nicht die Bedeutung, daß man sagen kann: Das Vorhergehende ist immer die Ursache des Nachfolgenden. — Es gibt nichts Unsinnigeres, als Geschichte etwa so zu erzählen, daß man die Taten Napoleons im Beginn des 19. Jahrhunderts erzählt und dann glaubt, dasjenige, was später geschehen ist, nachdem Napoleon verbannt worden ist, sei die Folge desjenigen, was Napoleon zu seiner Zeit getan hat. Nichts Unsinnigeres gibt es als das! Denn das, was man von Napoleon erzählen kann, bedeutet für die Wirklichkeit genau dasselbe, was es für das Leben eines Menschen bedeutet, wenn ich drei Tage nach seinem Tode seinen Leichnam beschreibe. Dasjenige, was jetzt Geschichte genannt wird, ist gegenüber der Wirklichkeit des geschichtlichen Werdens Kadavergeschehen, wenn auch die Erzählung dieses Kadavergeschehens im Bewußtsein mancher Menschen außerordentlich viel bedeutet.

[ 20 ] Something similar must be created again—and will be created—if the impulses of spiritual science are properly understood. However, the spiritual vision of the future will be directed less toward the past and more toward the future. But what must become the content of public education is that which connects human beings to the unfolding of time, and thus to the impulses of, above all, the spirit of the age—the corresponding being from the hierarchy of the Archai—about whom I said in an earlier reflection that the so-called dead stand opposite him just as much as the living do. In the public education of the future, one will learn what constitutes the essence of an age such as the one that began with the 15th century and simultaneously brought the Greco-Latin era to a close; one will learn what the universal cosmos actually intends in this fifth post-Atlantean epoch. One will absorb the impulses of this fifth post-Atlantean epoch. People will know: this must come to pass between the 15th century and a century in a subsequent millennium. And people will know: one belongs to one’s age in such a way that the impulses of this present age flow through one. Just as children in the future will learn to name flowers and stars—something they do less often today, though at least that is something external and real—so will they learn to absorb the true spiritual impulses of the age. To do this, however, they must first be educated; and to achieve this, what is now told as “history” must first cease to be called history. Instead of all the things that history tells us about today, in the not-too-distant future people will speak of the spiritual impulses that lie behind historical development and that are dreamed of by human beings. For these spiritual impulses are what call human beings to freedom and set them free, because they elevate them to the world from which intuitions, inspirations, and imaginations arise. For what happens externally on the physical plane—what is history in the external sense—as I have explained in public lectures—has already lost its significance once it is over; in reality, it does not mean that one can say: What came before is always the cause of what follows. — There is nothing more nonsensical than recounting history in such a way that one describes Napoleon’s deeds at the beginning of the 19th century and then believes that what happened later, after Napoleon was exiled, was the consequence of what Napoleon did in his time. There is nothing more nonsensical than that! For what one can say about Napoleon means, in reality, exactly the same thing as it does in the life of a human being when I describe his corpse three days after his death. What is now called history is, in relation to the reality of historical becoming, a cadaverous event—even if the narration of this cadaverous event means an extraordinary great deal in the consciousness of some people.

[ 21 ] Was äußerlich geschehen ist, wird erst eine Wirklichkeit, wenn es aufgezeigt wird in seinem Hervorsprießen aus den geistigen Impulsen. Dann wird man vielfach sehen, daß das, was ein Mensch tut, sagen wir in irgendeinem bestimmten Jahrzehnt eines Jahrhunderts, die Folge von etwas ist, was er erfahren hat, bevor er zu seiner eigenen Erdeninkarnation gegangen ist, gar nicht die Folge von dem, was vor Jahrzehnten im Verlauf des physischen Erlebens auf der Erde sich zugetragen hat und so weiter. Gerade mit Bezug auf das geschichtliche, mit Bezug auf das soziale und sittliche Leben wird die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft vertiefend, befruchtend wirken müssen, namentlich auf dem Gebiete der Geschichte. Dieses Wissen der geistigen Impulse, das, zu den Forderungen unserer Zeit erhoben, etwas ähnliches sein wird, wie für die alten Zeiten das Drinnenstehen im lebendigen Mythus es war, das wird die Menschen erfüllen mit solchen Impulsen für ihr Tun und Handeln, die sie frei machen. Diese Dinge müssen zuerst verstanden werden, dann werden sie, wenn sich das Verständnis immer mehr und mehr ausbreitet, schon eingreifen in das wirkliche Leben.

[ 21 ] What has happened externally only becomes a reality when it is shown to have sprung from spiritual impulses. Then it will become apparent in many cases that what a person does—say, in a particular decade of a century—is the result of something they experienced before they entered their own earthly incarnation, and not at all the result of what took place decades earlier in the course of physical experience on Earth, and so on. Precisely with regard to history, and with regard to social and moral life, anthroposophically oriented spiritual science will have to exert a deepening, enriching influence, particularly in the field of history. This knowledge of spiritual impulses—which, when raised to meet the demands of our time, will be something akin to what immersion in the living myth was for ancient times—will fill people with impulses for their actions and deeds that set them free. These things must first be understood; then, as understanding spreads more and more, they will already begin to take effect in real life.

[ 22 ] Aber noch ein anderes geht Ihnen ja gerade aus diesen Betrachtungen hervor. Es geht Ihnen daraus hervor, daß die Gefühlsimpulse, die Willensimpulse, mit denen wir in derselben Lebenssphäre drinnenstehen, in der auch die sogenannten Toten drinnenstehen, dann eine höhere, eine intensivere Wirklichkeit sind als dasjenige,was wir mit dem wachen Bewußtsein als Vorstellungen und als Sinnesempfindungen kennen. Daher kann das, was jetzt eben so gefordert worden ist, daß es auch ein Gegenstand der öffentlichen Belehrung werden muß, nur recht fruchtbar werden, wenn es nicht nur mit dem Verstande aufgefaßt wird, sondern wenn es übergeht in die Impulse des Fühlens, in die Impulse des Wollens.

[ 22 ] But there is yet another point that becomes clear to you precisely from these considerations. It becomes clear to you that the emotional impulses and the volitional impulses with which we exist in the same sphere of life as the so-called dead are a higher, more intense reality than what we know through our waking consciousness as ideas and sensory perceptions. Therefore, what has just been called for—that this must also become a subject of public education—can only bear fruit if it is not merely grasped by the intellect, but if it passes into the impulses of feeling and the impulses of will.

[ 23 ] Das kann nur geschehen, wenn in Geisteswissenschaft eine reale Wirklichkeit gesehen wird, und nicht eine bloße Lehre. Es wird leicht in Geisteswissenschaft eine bloße Lehre gesehen, eine Theorie. Aber Geisteswissenschaft ist nicht eine bloße Lehre, ist nicht eine bloße Theorie, Geisteswissenschaft ist ein lebendiges Wort. Denn was als Geisteswissenschaft verkündet wird, ist die Offenbarung aus den Welten, die wir gemeinschaftlich haben mit den höheren Hierarchien und mit der Welt der sogenannten Toten. Diese Welt selbst spricht zu uns durch Geisteswissenschaft. Und der, welcher wirklich Geisteswissenschaft versteht, der weiß, daß in der Geisteswissenschaft forttönt das, was Seelenmusik der geistigen Welt ist. Dasjenige, was herausgelesen wird aber jetzt nicht aus toten Buchstaben, sondern aus wirklichem Geschehen der geistigen Welt —, es kann schon unser Gefühl durchdringen mit lebendigem Leben, wenn wir Geisteswissenschaft in diesem Sinne als etwas auffassen, was aus der geistigen Welt zu uns hereinspricht.

[ 23 ] This can only happen if spiritual science is seen as a real reality, and not merely a doctrine. It is easy to view spiritual science as merely a doctrine, a theory. But spiritual science is not merely a doctrine; it is not merely a theory; spiritual science is a living word. For what is proclaimed as spiritual science is the revelation from the worlds we share with the higher hierarchies and with the world of the so-called dead. This world itself speaks to us through spiritual science. And whoever truly understands spiritual science knows that what resounds within it is the music of the soul from the spiritual world. That which is now read not from dead letters but from actual events in the spiritual world—it can already permeate our feelings with living life, if we understand spiritual science in this sense as something that speaks to us from the spiritual world.

[ 24 ] Ich habe betont, wie das der Fall ist, als ich besprach, wie seit dem Jahre 1879 auf der einen Seite die Gelegenheit gegeben ist, daß in der Art, wie es früher nicht vorhanden war, Geistesleben herunterfließe auf den physischen Plan, auf der andern Seite allerdings es seine Gegner findet in den Geistern der Finsternis, von denen wir gesprochen haben. Und gerade mit Bezug auf dieses Einleben des geisteswissenschaftlichen Inhaltes in Gefühl und Wille muß gewissermaßen noch alles, alles geschehen. Und dieses kann nur geschehen, wenn gewisse Dinge, mit Bezug auf welche die Menschen gegenwärtig geradezu in einer Kultursackgasse angelangt sind, sich gründlich ändern.

[ 24 ] I emphasized how this is the case when I discussed how, since the year 1879, on the one hand there has been an opportunity for spiritual life to flow down onto the physical plane in a way that did not exist before, while on the other hand, of course, it encounters opposition from the spirits of darkness of whom we have spoken. And precisely with regard to this integration of spiritual-scientific content into feeling and will, everything—absolutely everything—still has to happen, so to speak. And this can only happen if certain things—with regard to which people have currently reached a veritable cultural impasse—change fundamentally.

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[ 25 ] Und durchdringen muß man sich damit: Auf der einen Seite schreitet die Entwickelung so fort, daß allerdings die Ereignisse der Geschichte sich vergleichen lassen mit einem Baum, der wächst; aber wenn sich die Blätter bis zu seiner äußeren Peripherie entwickelt haben, wächst er nicht weiter, da beginnt das Absterben. So ist es mit den geschichtlichen Ereignissen. Bleiben wir bei dem Bilde, das ich in diesen Betrachtungen schon früher gebraucht habe: Es gibt eine ganz bestimmte Summe von geschichtlichen Ereignissen, die haben ihre Wurzeln im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts — davon werde ich dann morgen deutlicher sprechen —, dazu kommen andere Einflüsse im Lauf des 19. Jahrhunderts und so weiter. Und sehen Sie, diese historischen Ereignisse, die breiten sich aus und erreichen äußerste Grenzen (Siehe Zeichnung). Aber jene Grenzen sind nicht so wie bei einem Baum oder bei einer Pflanze, wo es an der Peripherie einfach nicht weiterwächst, sondern es muß eine neue Wurzel geschichtlicher Ereignisse beginnen. Wir leben im eminentesten Sinne seit Jahrzehnten schon in einer Zeit, in der solche neuen geschichtlichen Ereignisse aus unmittelbaren Intuitionen heraus beginnen müssen (rechte Hälfte der Zeichnung). Nur ist es im geschichtlichen Leben der Menschen so, daß auch über diese Dinge leicht Illusionen sich ausbreiten. Sie können ja eine Pflanze, die durch ihr inneres Gesetz bis zu einer gewissen Peripherie wächst, naturgemäß wachsend ansehen nur bis zu dieser Peripherie. Jetzt aber könnten Sie eine Illusion hervorrufen: Sie könnten Drähte anbringen, Papierblätter an die Drähte anhängen und könnten sich der Illusion hingeben, daß dann die Pflanze bis dahin gehe.

[ 25 ] And one must come to terms with this: On the one hand, development proceeds in such a way that historical events can indeed be compared to a growing tree; but once the leaves have developed all the way to its outer periphery, it stops growing—that is when the process of withering begins. So it is with historical events. Let us stick with the image I have used earlier in these reflections: There is a very specific set of historical events that have their roots in the last third of the 18th century—I will speak more clearly about this tomorrow—to which are added other influences in the course of the 19th century, and so on. And you see, these historical events spread out and reach their outer limits (see drawing). But those limits are not like those of a tree or a plant, where growth simply stops at the periphery; rather, a new root of historical events must take hold. In the truest sense, we have been living for decades now in an age in which such new historical events must arise from immediate intuitions (right half of the drawing). However, in the historical life of human beings, illusions can easily take hold even regarding these matters. After all, you can observe a plant—which, by its inner law, grows only up to a certain point—growing naturally only up to that point. But now you could create an illusion: you could attach wires, hang sheets of paper from the wires, and give in to the illusion that the plant extends that far.

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[ 26 ] Solche Drähte gibt es allerdings bei geschichtlichen Ereignissen! Während längst ein anderer Duktus des geschichtlichen Ereignisses da sein sollte, gibt es solche Drähte. Nur sind im geschichtlichen Werden diese Drähte die menschlichen Vorurteile, die menschlichen Bequemlichkeiten, die das, was längst abgestorben ist, eben in toten Drähten fortsetzen. Dann setzen sich gewisse Leute an das Ende dieser toten Drähte, und die Menschen, die sich dann an das Ende dieser toten Drähte setzen, das heißt, an die äußersten Ranken der menschlichen Vorurteile, die werden oftmals auch als historische Persönlichkeiten aufgefaßt, ja oftmals als die richtigen historischen Persönlichkeiten. Und man ahnt gar nicht, inwiefern diese Persönlichkeiten an solchen Drähten menschlicher Vorurteile sitzen! Ein wenig sich ein Urteil zu bilden, wieviel Persönlichkeiten, die in der Gegenwart als «große» angesehen werden, an solchen Drähten menschlicher Vorurteile pendeln, das gehört schon zu den wichtigen Aufgaben der Gegenwart.

[ 26 ] Such threads do exist, however, in historical events! Even though a different course of historical events should have long since taken hold, such threads still exist. It’s just that, in the unfolding of history, these threads are human prejudices and human comforts that perpetuate what has long since died in the form of dead threads. Then certain people attach themselves to the ends of these dead threads, and the people who attach themselves to the ends of these dead threads—that is, to the outermost tendrils of human prejudices—are often regarded as historical figures, indeed often as the true historical figures. And one has no idea to what extent these figures are attached to such threads of human prejudice! Forming even a slight judgment as to how many figures who are regarded as “great” in the present are dangling from such strands of human prejudice is indeed one of the important tasks of our time.