Mystery Truths and Christmas Impulses
Ancient Myths and Their Significance
GA 180
4 January 1918, Dornach
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Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse
Achter Vortrag
Achter Vortrag
[ 1 ] Die Zeit, die uns zur Verfügung steht, will ich benützen, um noch einiges geltend zu machen, das sich an unsere bisherigen Betrachtungen anschließen, aber sie doch im wesentlichen erweitern wird. Dazu ist notwendig, daß wir heute einleitungsweise einmal einen kleinen Rückblick auf ältere Weltanschauungen machen.
[ 1 ] Die Zeit, die uns zur Verfügung steht, will ich benützen, um noch einiges geltend zu machen, das sich an unsere bisherigen Betrachtungen anschließen, aber sie doch im wesentlichen erweitern wird. Dazu ist notwendig, daß wir heute einleitungsweise einmal einen kleinen Rückblick auf ältere Weltanschauungen machen.
[ 2 ] Ich habe dieses Mal im Laufe der öffentlichen Vorträge in der Schweiz öfter gesagt, daß jenes Wissen, jene Art des Denkens, welche gegenwärtig die Menschen beherrscht, die in den menschlichen Seelen Platz gegriffen hat, nicht geeignet ist, einzugreifen in das sozial-sittliche Leben, und daß eine Gesundung von den gegenwärtigen Verhältnissen erst dadurch eintreten kann, daß die Menschen wiederum die Möglichkeit finden, zu einem solchen Denken, zu einem solchen Begreifen der Welt zu kommen, durch welches das, was in der Seele lebt, wiederum eine unmittelbare Verbindung mit der Wirklichkeit hat.
[ 2 ] Ich habe dieses Mal im Laufe der öffentlichen Vorträge in der Schweiz öfter gesagt, daß jenes Wissen, jene Art des Denkens, welche gegenwärtig die Menschen beherrscht, die in den menschlichen Seelen Platz gegriffen hat, nicht geeignet ist, einzugreifen in das sozial-sittliche Leben, und daß eine Gesundung von den gegenwärtigen Verhältnissen erst dadurch eintreten kann, daß die Menschen wiederum die Möglichkeit finden, zu einem solchen Denken, zu einem solchen Begreifen der Welt zu kommen, durch welches das, was in der Seele lebt, wiederum eine unmittelbare Verbindung mit der Wirklichkeit hat.
[ 3 ] Ich sagte, daß dasjenige, was im geschichtlichen, im sozialen, im ethischen Leben waltet, von den Menschen mehr oder weniger verträumt, verschlafen wird, daß abstrakte Begriffe jedenfalls nicht geeignet sind, die Impulse zu ergreifen, die im sozialen Leben wirksam sein müssen. Ich sagte, in früheren Zeiten haben sich die Menschen aus älteren, wie wir oftmals sagen, aus atavistischen Erkenntnissen heraus durch den Mythus beholfen. Sie haben in mythischer Form zum Ausdruck gebracht dasjenige, was sie von der Welt dachten, was von den Weltengeheimnissen in ihre Anschauung hereinkam. Mythen, den Inhalt der Mythologie, kann man in der mannigfaltigsten Weise betrachten, und ich habe ja auf eine geradezu grandios materialistische Ausdeutung des Mythus durch Dupuis in diesen Betrachtungen hingewiesen.
[ 3 ] Ich sagte, daß dasjenige, was im geschichtlichen, im sozialen, im ethischen Leben waltet, von den Menschen mehr oder weniger verträumt, verschlafen wird, daß abstrakte Begriffe jedenfalls nicht geeignet sind, die Impulse zu ergreifen, die im sozialen Leben wirksam sein müssen. Ich sagte, in früheren Zeiten haben sich die Menschen aus älteren, wie wir oftmals sagen, aus atavistischen Erkenntnissen heraus durch den Mythus beholfen. Sie haben in mythischer Form zum Ausdruck gebracht dasjenige, was sie von der Welt dachten, was von den Weltengeheimnissen in ihre Anschauung hereinkam. Mythen, den Inhalt der Mythologie, kann man in der mannigfaltigsten Weise betrachten, und ich habe ja auf eine geradezu grandios materialistische Ausdeutung des Mythus durch Dupuis in diesen Betrachtungen hingewiesen.
[ 4 ] Wir haben an andern Orten wiederholt seit Jahren diesen oder jenen Mythus betrachtet. Aber gegenüber den Mythen sind viele Gesichtspunkte möglich, und wenn dies oder jenes über einen Mythus gesagt ist, so ist sein Inhalt noch längst nicht erschöpft. Es kann immer wieder und wiederum von verschiedenen andern Gesichtspunkten anderes in bezug auf den Mythus geltend gemacht werden. Es wäre sehr nützlich für die Menschen heute, wenn sie sich die Natur jenes Denkens klarmachen würden, welche der mythischen, der mythologischen Vorstellungsweise zugrunde lag. Denn die Begriffe, die man sich über die Entstehung der Mythen, über die Schöpfungen der Mythologien macht, die gehören ja eben in den Bereich der heute so häufigen oberflächlichen Urteile.
[ 4 ] Wir haben an andern Orten wiederholt seit Jahren diesen oder jenen Mythus betrachtet. Aber gegenüber den Mythen sind viele Gesichtspunkte möglich, und wenn dies oder jenes über einen Mythus gesagt ist, so ist sein Inhalt noch längst nicht erschöpft. Es kann immer wieder und wiederum von verschiedenen andern Gesichtspunkten anderes in bezug auf den Mythus geltend gemacht werden. Es wäre sehr nützlich für die Menschen heute, wenn sie sich die Natur jenes Denkens klarmachen würden, welche der mythischen, der mythologischen Vorstellungsweise zugrunde lag. Denn die Begriffe, die man sich über die Entstehung der Mythen, über die Schöpfungen der Mythologien macht, die gehören ja eben in den Bereich der heute so häufigen oberflächlichen Urteile.
[ 5 ] In den Mythen stecken tiefe Wahrheiten, die mit der Wirklichkeit mehr zusammenhängen als diejenigen Wahrheiten, welche durch die moderne Naturwissenschaft über diese oder jene Dinge ausgesprochen werden. Physiologische, biologische Wahrheiten über den Menschen stecken in den Mythen, und sie stecken so in den Mythen, daß beim Entstehen desjenigen, was im Mythus zum Ausdruck kommt, das Bewußtsein von der Zusammengehörigkeit des Menschen als Mikrokosmos mit dem Makrokosmos zugrunde liegt. Insbesondere kann man — und darauf möchte ich heute und morgen hinauskommen —, wenn man die Natur des mythischen Denkens ins Auge faßt, sich eine Vorstellung machen, wie tief oder eigentlich wie wenig tief man mit den gewöhnlichen heutigen Begriffen in der Wirklichkeit drinnensteckt. Da ist es nützlich, einmal sich zu erinnern, wie bei einander benachbarten Völkern der vorchristlichen Zeit Mythen ausgebildet worden sind. Einander benachbart und vielfach in ihrer Kultur voneinander abhängig sind ja die alten Ägypter, die Griechen und wiederum die Israeliten. Außerdem kann man sagen, daß ein großer Teil des Denkens, das heute noch immer in den Seelen waltet, zusammenhängt mit demjenigen, was in mythischer Form und in der Art ihres Wissens die Ägypter, die Griechen, die Israeliten zu ihren Erkenntnissen hatten.
[ 5 ] In den Mythen stecken tiefe Wahrheiten, die mit der Wirklichkeit mehr zusammenhängen als diejenigen Wahrheiten, welche durch die moderne Naturwissenschaft über diese oder jene Dinge ausgesprochen werden. Physiologische, biologische Wahrheiten über den Menschen stecken in den Mythen, und sie stecken so in den Mythen, daß beim Entstehen desjenigen, was im Mythus zum Ausdruck kommt, das Bewußtsein von der Zusammengehörigkeit des Menschen als Mikrokosmos mit dem Makrokosmos zugrunde liegt. Insbesondere kann man — und darauf möchte ich heute und morgen hinauskommen —, wenn man die Natur des mythischen Denkens ins Auge faßt, sich eine Vorstellung machen, wie tief oder eigentlich wie wenig tief man mit den gewöhnlichen heutigen Begriffen in der Wirklichkeit drinnensteckt. Da ist es nützlich, einmal sich zu erinnern, wie bei einander benachbarten Völkern der vorchristlichen Zeit Mythen ausgebildet worden sind. Einander benachbart und vielfach in ihrer Kultur voneinander abhängig sind ja die alten Ägypter, die Griechen und wiederum die Israeliten. Außerdem kann man sagen, daß ein großer Teil des Denkens, das heute noch immer in den Seelen waltet, zusammenhängt mit demjenigen, was in mythischer Form und in der Art ihres Wissens die Ägypter, die Griechen, die Israeliten zu ihren Erkenntnissen hatten.
[ 6 ] Der Mythus, auf den ich zunächst heute — aber wie gesagt wiederum von einem gewissen Gesichtspunkte aus — mit Bezug auf die Kultur der Ägypter hindeuten möchte, das ist der Osiris-Isismythus. Ich habe ja schon darauf aufmerksam gemacht, daß auch der Osiris-Isismythus von Dupuis als eine bloße Priesterlüge aufgefaßt wird, da eigentlich die Priester für sich nichts anderes gemeint hätten als gewisse astronomische, astrologisch-astronomische Vorgänge, und für das Volk einen solchen Mythus gezimmert hätten.
[ 6 ] Der Mythus, auf den ich zunächst heute — aber wie gesagt wiederum von einem gewissen Gesichtspunkte aus — mit Bezug auf die Kultur der Ägypter hindeuten möchte, das ist der Osiris-Isismythus. Ich habe ja schon darauf aufmerksam gemacht, daß auch der Osiris-Isismythus von Dupuis als eine bloße Priesterlüge aufgefaßt wird, da eigentlich die Priester für sich nichts anderes gemeint hätten als gewisse astronomische, astrologisch-astronomische Vorgänge, und für das Volk einen solchen Mythus gezimmert hätten.
[ 7 ] Bei den Griechen kann man ja in interessanter Weise betrachten, wie sie mit ihrem eigenen Leben zusammenhängend nicht nur eine Anzahl von Göttern haben, sondern wie sie ganze Göttergenerationen haben: die älteste Göttergeneration zusammenhängend mit Gäa und Uranos; die nächste Göttergeneration mit Kronos und Rhea, die Titanen, alles was mit ihnen verwandt ist; und die dritte Göttergeneration: die Nachkommen der Titanen, Zeus und der ganze ZeusGötterkreis. Wir werden sehen, wie die Ausbildung solcher Göttermythen besonderer Seelenartung entspringt.
[ 7 ] Bei den Griechen kann man ja in interessanter Weise betrachten, wie sie mit ihrem eigenen Leben zusammenhängend nicht nur eine Anzahl von Göttern haben, sondern wie sie ganze Göttergenerationen haben: die älteste Göttergeneration zusammenhängend mit Gäa und Uranos; die nächste Göttergeneration mit Kronos und Rhea, die Titanen, alles was mit ihnen verwandt ist; und die dritte Göttergeneration: die Nachkommen der Titanen, Zeus und der ganze ZeusGötterkreis. Wir werden sehen, wie die Ausbildung solcher Göttermythen besonderer Seelenartung entspringt.
[ 8 ] Die griechische, die israelitische, die ägyptische Art, sich zum Weltenall zu verhalten, sind verschieden. Dennoch herrscht in alldem, wie wir gleich sehen werden, eine tiefe Verwandtschaft sowohl in bezug auf andere Gesichtspunkte, als auch in bezug auf den, den ich heute zugrunde legen will. Bei den Ägyptern muß man sagen, daß sie vor allen Dingen in der Zeit, in der die Osiris-Isismythe entstand als Repräsentanz für tiefere Wahrheiten, ein Wissen ausbildeten, das die Sehnsucht hatte, tiefere Grundlagen der menschlichen Seele zu erkennen. Die Ägypter wollten den Blick dabei richten auf dasjenige in der menschlichen Seele, welches nicht nur lebt zwischen Geburt und Tod, sondern welches durch Geburt und Tod durchgeht und auch ein Leben führt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Schon äußerlich betrachtet kann man an den Ägyptern sehen, wie sie den Seelenblick hinrichten — in der Bewahrung der Mumien, in ihrem eigentümlichen Totendienste — auf dasjenige in der Seele, was durch die Pforte des Todes durchgeht und in einer neuen Gestalt neue Schicksale erlebt, wenn der Mensch Bahnen wandelt, die jenseits des Todes liegen.
[ 8 ] Die griechische, die israelitische, die ägyptische Art, sich zum Weltenall zu verhalten, sind verschieden. Dennoch herrscht in alldem, wie wir gleich sehen werden, eine tiefe Verwandtschaft sowohl in bezug auf andere Gesichtspunkte, als auch in bezug auf den, den ich heute zugrunde legen will. Bei den Ägyptern muß man sagen, daß sie vor allen Dingen in der Zeit, in der die Osiris-Isismythe entstand als Repräsentanz für tiefere Wahrheiten, ein Wissen ausbildeten, das die Sehnsucht hatte, tiefere Grundlagen der menschlichen Seele zu erkennen. Die Ägypter wollten den Blick dabei richten auf dasjenige in der menschlichen Seele, welches nicht nur lebt zwischen Geburt und Tod, sondern welches durch Geburt und Tod durchgeht und auch ein Leben führt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Schon äußerlich betrachtet kann man an den Ägyptern sehen, wie sie den Seelenblick hinrichten — in der Bewahrung der Mumien, in ihrem eigentümlichen Totendienste — auf dasjenige in der Seele, was durch die Pforte des Todes durchgeht und in einer neuen Gestalt neue Schicksale erlebt, wenn der Mensch Bahnen wandelt, die jenseits des Todes liegen.
[ 9 ] Was ist das im Menschen, welches die Pforte des Todes durchschreitet und welches hereinkommt durch die Geburt in das irdische Dasein? Diese Frage lag mehr oder weniger unausgesprochen, unbewußt dem Sinnen und Trachten der Ägypter zugrunde. Denn dieses Ewig-Unvergängliche — ich habe es in anderer Form ja schon öfter ausgesprochen — ist dasjenige, das doch zusammengeknüpft ist im ägyptischen Bewußtsein mit dem Osirisnamen. Nun betrachten wir einmal, damit wir eine Grundlage haben, die Osirismythe mit Bezug auf ihre wichtigsten Gesichtspunkte; betrachten wir sie einmal so, wie sie aufbewahrt ist.
[ 9 ] Was ist das im Menschen, welches die Pforte des Todes durchschreitet und welches hereinkommt durch die Geburt in das irdische Dasein? Diese Frage lag mehr oder weniger unausgesprochen, unbewußt dem Sinnen und Trachten der Ägypter zugrunde. Denn dieses Ewig-Unvergängliche — ich habe es in anderer Form ja schon öfter ausgesprochen — ist dasjenige, das doch zusammengeknüpft ist im ägyptischen Bewußtsein mit dem Osirisnamen. Nun betrachten wir einmal, damit wir eine Grundlage haben, die Osirismythe mit Bezug auf ihre wichtigsten Gesichtspunkte; betrachten wir sie einmal so, wie sie aufbewahrt ist.
[ 10 ] Von Osiris wird erzählt, daß er einstmals in Ägypten geherrscht habe. Es wird erzählt, daß ihm die Ägypter vor allem die Abschaffung der Menschenfresserei verdanken; daß ihm dann die Ägypter verdanken den Pflug, den Ackerbau, die Zubereitung von Speisen aus dem Pflanzenreiche, den Städtebau, gewisse Rechtsbegriffe, Astronomie, Beredsamkeit, sogar die Schrift und dergleichen. Es wird dann erzählt, daß Osiris nicht nur unter den Ägyptern solche wohltätigen Künste und Einrichtungen einführte, sondern daß er auch Reisen unternahm in andere Länder und dort ähnliche wohltätige Künste verbreitete. Und zwar wird ausführlich bemerkt, Osiris verbreite sie nicht durch das Schwert, sondern durch die Überredung.
[ 10 ] Von Osiris wird erzählt, daß er einstmals in Ägypten geherrscht habe. Es wird erzählt, daß ihm die Ägypter vor allem die Abschaffung der Menschenfresserei verdanken; daß ihm dann die Ägypter verdanken den Pflug, den Ackerbau, die Zubereitung von Speisen aus dem Pflanzenreiche, den Städtebau, gewisse Rechtsbegriffe, Astronomie, Beredsamkeit, sogar die Schrift und dergleichen. Es wird dann erzählt, daß Osiris nicht nur unter den Ägyptern solche wohltätigen Künste und Einrichtungen einführte, sondern daß er auch Reisen unternahm in andere Länder und dort ähnliche wohltätige Künste verbreitete. Und zwar wird ausführlich bemerkt, Osiris verbreite sie nicht durch das Schwert, sondern durch die Überredung.
[ 11 ] Dann wird weiter erzählt, daß des Osiris Bruder Typhon gegenüber dem, was sich durch den Einfluß des Osiris durch Jahrhunderte wohltätig für die Ägypter erwiesen habe, Neuerungen einführen wollte. Typhon wollte allerlei Neuerungen einführen. Wir würden heute sagen: Nachdem die Einrichtungen, die von Osiris herrührten, jahrhundertelang bestanden haben, machte Typhon eine Revolution, während Osiris abwesend war, bei andern Völkern seine Einrichtungen verbreitete. — Es unterscheidet sich ja das ein wenig von dem letzten Beispiel der Revolution: da geschah dasjenige, was Neuerer taten, nicht, während der andere wohltätige Einrichtungen bei andern Nationen verbreitete. Aber eben, zwischen Osiris und Typhon spielte sich das Erwähnte ab.
[ 11 ] Dann wird weiter erzählt, daß des Osiris Bruder Typhon gegenüber dem, was sich durch den Einfluß des Osiris durch Jahrhunderte wohltätig für die Ägypter erwiesen habe, Neuerungen einführen wollte. Typhon wollte allerlei Neuerungen einführen. Wir würden heute sagen: Nachdem die Einrichtungen, die von Osiris herrührten, jahrhundertelang bestanden haben, machte Typhon eine Revolution, während Osiris abwesend war, bei andern Völkern seine Einrichtungen verbreitete. — Es unterscheidet sich ja das ein wenig von dem letzten Beispiel der Revolution: da geschah dasjenige, was Neuerer taten, nicht, während der andere wohltätige Einrichtungen bei andern Nationen verbreitete. Aber eben, zwischen Osiris und Typhon spielte sich das Erwähnte ab.
[ 12 ] Dann aber erzählt der Mythus weiter: Isis wachte zu Hause in Ägypten. Isis, die Gemahlin des Osiris, ließ nicht zu, daß die Neuerungen nun besonders durchgreifend sein konnten. Das hatte aber zur Folge, daß Typhon wütend wurde, und als Osiris zurückkam von seinen Wanderungen, da tötete ihn Typhon und brachte den Leichnam irgendwie auf die Seite. Isis mußte viel suchen nach dem Leichnam. Sie fand endlich den Leichnam in Phönizien, brachte ihn nach Hause, nach Ägypten. Typhon wurde noch wütender, riß den Leichnam in Stücke. Isis sammelte die Stücke, machte aus jedem einzelnen Stück des Leichnams durch Spezereien, durch allerlei andere Mittel wiederum ein Wesen, das die ganze Gestalt des Osiris hatte. Dann schenkte sie den Priestern des Landes ein Drittel des gesamten Gebietes von Ägypten, damit das Grabmal des Osiris geheimgehalten werde, sein Dienst aber um so mehr gepflegt würde.
[ 12 ] Dann aber erzählt der Mythus weiter: Isis wachte zu Hause in Ägypten. Isis, die Gemahlin des Osiris, ließ nicht zu, daß die Neuerungen nun besonders durchgreifend sein konnten. Das hatte aber zur Folge, daß Typhon wütend wurde, und als Osiris zurückkam von seinen Wanderungen, da tötete ihn Typhon und brachte den Leichnam irgendwie auf die Seite. Isis mußte viel suchen nach dem Leichnam. Sie fand endlich den Leichnam in Phönizien, brachte ihn nach Hause, nach Ägypten. Typhon wurde noch wütender, riß den Leichnam in Stücke. Isis sammelte die Stücke, machte aus jedem einzelnen Stück des Leichnams durch Spezereien, durch allerlei andere Mittel wiederum ein Wesen, das die ganze Gestalt des Osiris hatte. Dann schenkte sie den Priestern des Landes ein Drittel des gesamten Gebietes von Ägypten, damit das Grabmal des Osiris geheimgehalten werde, sein Dienst aber um so mehr gepflegt würde.
[ 13 ] Es wird das Merkwürdige an diesen Mythus geschlossen, daß nun Osiris aus der Unterwelt heraufkam, als schon sein Dienst eingeführt war in Ägypten, und daß er sich damit beschäftigte, den Horus, den Sohn, den Isis nachgeboren hatte, nachdem Osiris schon tot war, zu unterrichten. Dann wird erzählt, daß Isis die Unvorsichtigkeit hatte, den Typhon, den einzusperren ihr gelungen war, wiederum freizulassen. Darüber wurde Horus, ihr Sohn, wütend, riß ihr die Krone vom Haupte herab, setzte ihr Kuhhörner auf statt dessen, und Typhon wurde mit dem Beistande des Hermes — also dessen, was der römische Merkur dann ist, auch der griechische Hermes — in zwei Schlachten besiegt. Eine Art Horuskultur, die Kultur des Sohnes des Osiris und der Isis, griff Platz.
[ 13 ] Es wird das Merkwürdige an diesen Mythus geschlossen, daß nun Osiris aus der Unterwelt heraufkam, als schon sein Dienst eingeführt war in Ägypten, und daß er sich damit beschäftigte, den Horus, den Sohn, den Isis nachgeboren hatte, nachdem Osiris schon tot war, zu unterrichten. Dann wird erzählt, daß Isis die Unvorsichtigkeit hatte, den Typhon, den einzusperren ihr gelungen war, wiederum freizulassen. Darüber wurde Horus, ihr Sohn, wütend, riß ihr die Krone vom Haupte herab, setzte ihr Kuhhörner auf statt dessen, und Typhon wurde mit dem Beistande des Hermes — also dessen, was der römische Merkur dann ist, auch der griechische Hermes — in zwei Schlachten besiegt. Eine Art Horuskultur, die Kultur des Sohnes des Osiris und der Isis, griff Platz.
[ 14 ] Die Griechen haben durch diesen oder jenen Mittler gehört von dem, was die Ägypter sich erzählten über die Weltengeheimnisse. Es ist merkwürdig, in welcher Weise oft in Griechenland von demselben gesprochen wurde, von dem in Ägypten drüben, oder auch in Phönizien drüben, oder Lydien oder dergleichen gesprochen worden ist. Es flossen gewissermaßen ineinander — das ist sehr bezeichnend und bedeutsam — diese Göttervorstellungen. Wenn der Grieche den Osirisnamen hörte, dann konnte er sich etwas darunter vorstellen; dann identifizierte er dasjenige, was sich der Ägypter unter dem Osiris vorstellte, mit etwas, wovon er auch gewisse Vorstellungen hatte. Es war, trotzdem der Name ein anderer war, den Griechen nicht fremd dasjenige, was der Ägypter unter dem Osiris sich vorstellte. Das bitte ich Sie zu berücksichtigen. Das ist sehr bedeutsam.
[ 14 ] Die Griechen haben durch diesen oder jenen Mittler gehört von dem, was die Ägypter sich erzählten über die Weltengeheimnisse. Es ist merkwürdig, in welcher Weise oft in Griechenland von demselben gesprochen wurde, von dem in Ägypten drüben, oder auch in Phönizien drüben, oder Lydien oder dergleichen gesprochen worden ist. Es flossen gewissermaßen ineinander — das ist sehr bezeichnend und bedeutsam — diese Göttervorstellungen. Wenn der Grieche den Osirisnamen hörte, dann konnte er sich etwas darunter vorstellen; dann identifizierte er dasjenige, was sich der Ägypter unter dem Osiris vorstellte, mit etwas, wovon er auch gewisse Vorstellungen hatte. Es war, trotzdem der Name ein anderer war, den Griechen nicht fremd dasjenige, was der Ägypter unter dem Osiris sich vorstellte. Das bitte ich Sie zu berücksichtigen. Das ist sehr bedeutsam.
[ 15 ] Die ganze Sache tritt noch einmal ein. Lesen Sie einmal die «Germania» von Tacitus. Da schildert Tacitus auch die Götter, die er hundert Jahre nach der Begründung des Christentums in nordischen Gegenden findet, und er schildert sie mit den römischen Namen. Er gibt also den Göttern, die er da findet, römische Namen. Trotzdem selbstverständlich die Götter, die Tacitus da antraf, mit ganz andern Namen belegt wurden, so erkannte er ihre Wesenheit und konnte ihnen die römischen Namen geben. Wir finden in der «Germania», daß er wußte: die Menschen nordwärts haben einen Gott, das ist derselbe Gott wie der Herkules und so weiter. Das ist sehr bedeutsam, und das zeigt auf etwas sehr Tiefes und Bedeutsames. Das zeigt, daß in diesen älteren Zeiten ein gewisses gemeinsames Bewußtsein über geistige Dinge vorhanden war. Der Grieche wußte sich bei Osiris etwas zu denken, unabhängig von dem Osirisnamen, weil er etwas Ähnliches hatte. Es war ihm nicht fremd dasjenige, was sich hinter dem Osirisnamen verbarg.
[ 15 ] Die ganze Sache tritt noch einmal ein. Lesen Sie einmal die «Germania» von Tacitus. Da schildert Tacitus auch die Götter, die er hundert Jahre nach der Begründung des Christentums in nordischen Gegenden findet, und er schildert sie mit den römischen Namen. Er gibt also den Göttern, die er da findet, römische Namen. Trotzdem selbstverständlich die Götter, die Tacitus da antraf, mit ganz andern Namen belegt wurden, so erkannte er ihre Wesenheit und konnte ihnen die römischen Namen geben. Wir finden in der «Germania», daß er wußte: die Menschen nordwärts haben einen Gott, das ist derselbe Gott wie der Herkules und so weiter. Das ist sehr bedeutsam, und das zeigt auf etwas sehr Tiefes und Bedeutsames. Das zeigt, daß in diesen älteren Zeiten ein gewisses gemeinsames Bewußtsein über geistige Dinge vorhanden war. Der Grieche wußte sich bei Osiris etwas zu denken, unabhängig von dem Osirisnamen, weil er etwas Ähnliches hatte. Es war ihm nicht fremd dasjenige, was sich hinter dem Osirisnamen verbarg.
[ 16 ] Das ist etwas, was man wohl ins Auge fassen muß, um zu erkennen, daß trotz der Verschiedenheit der einzelnen Mythen eine gewisse Seelengemeinschaft vorhanden war. Man möchte zuweilen, daß so viel Gemeinschaft als da, sagen wir, zwischen den Griechen und den Ägyptern vorhanden war, so daß die Griechen das verstanden, was die Ägypter ausdrückten, man möchte wünschen, daß unter den modernen Menschen so viel Verständnis vorhanden sein könnte! Ein Grieche würde niemals so viel Unsinn über ägyptische Vorstellungen gesprochen haben, wie der Herr Wilson über europäische Vorstellungen in einer Woche zu denken — wenn man das denken nennen kann — in der Lage ist!
[ 16 ] Das ist etwas, was man wohl ins Auge fassen muß, um zu erkennen, daß trotz der Verschiedenheit der einzelnen Mythen eine gewisse Seelengemeinschaft vorhanden war. Man möchte zuweilen, daß so viel Gemeinschaft als da, sagen wir, zwischen den Griechen und den Ägyptern vorhanden war, so daß die Griechen das verstanden, was die Ägypter ausdrückten, man möchte wünschen, daß unter den modernen Menschen so viel Verständnis vorhanden sein könnte! Ein Grieche würde niemals so viel Unsinn über ägyptische Vorstellungen gesprochen haben, wie der Herr Wilson über europäische Vorstellungen in einer Woche zu denken — wenn man das denken nennen kann — in der Lage ist!
[ 17 ] Die Griechen erzählten, daß Kronos mit Rhea auf eine nicht richtige Weise einen Sohn gezeugt habe. Also die Griechen sprechen von Kronos und Rhea — wir werden gleich nachher sehen, wie sie in die griechische Mythe hineingehören, Kronos und Rhea —, und dieser unrechtmäßige Sohn, der so erzeugt worden ist, das war der Osiris. Also denken Sie einmal: Die Griechen hören von den Ägyptern, daß die einen Osiris haben; und die Griechen ihrerseits erzählen über diesen Osiris, daß er ein Sohn sei von Kronos und Rhea, aber auf eine nicht richtige Weise gezeugt, so unrichtig gezeugt, daß der Helios, der Sonnengott, über die Sache so wütend wurde, daß er die Rhea deshalb unfruchtbar gemacht hat.
[ 17 ] Die Griechen erzählten, daß Kronos mit Rhea auf eine nicht richtige Weise einen Sohn gezeugt habe. Also die Griechen sprechen von Kronos und Rhea — wir werden gleich nachher sehen, wie sie in die griechische Mythe hineingehören, Kronos und Rhea —, und dieser unrechtmäßige Sohn, der so erzeugt worden ist, das war der Osiris. Also denken Sie einmal: Die Griechen hören von den Ägyptern, daß die einen Osiris haben; und die Griechen ihrerseits erzählen über diesen Osiris, daß er ein Sohn sei von Kronos und Rhea, aber auf eine nicht richtige Weise gezeugt, so unrichtig gezeugt, daß der Helios, der Sonnengott, über die Sache so wütend wurde, daß er die Rhea deshalb unfruchtbar gemacht hat.
[ 18 ] Also eine gewisse Verwandtschaft finden die Griechen zwischen ihren eigenen Göttervorstellungen und den ägyptischen Göttervorstellungen. Aber auf der andern Seite wiederum: was die Ägypter in gewissem Sinne als ihren höchsten Gottesbegriff doch auffassen, den Osirisbegriff, das verbinden die Griechen mit einer ungesetzlichen Entstehung, durch Kronos und Rhea, aus dem Titanengeschlecht also.
[ 18 ] Also eine gewisse Verwandtschaft finden die Griechen zwischen ihren eigenen Göttervorstellungen und den ägyptischen Göttervorstellungen. Aber auf der andern Seite wiederum: was die Ägypter in gewissem Sinne als ihren höchsten Gottesbegriff doch auffassen, den Osirisbegriff, das verbinden die Griechen mit einer ungesetzlichen Entstehung, durch Kronos und Rhea, aus dem Titanengeschlecht also.
[ 19 ] Äußerlich zunächst begreift man dieses — wir werden es viel tiefer noch zu begreifen haben —, wenn man sich klarmacht: Die Ägypter wollten das Ewige der Menschenseele kennenlernen, dasjenige, das durch Geburten und Tode geht. Aber um dieses Ewige im Leben kennenzulernen, richteten die Ägypter vor allen Dingen ihren Seelenblick nach dem Tode hin. Osiris ist den Menschen in Ägypten, durch welche die Griechen von Osiris erfahren haben, nicht mehr der Gott der Lebendigen, sondern der Gott der Toten, der Gott, der auf dem Weltenthrone sitzt und richtet, wenn der Mensch durch des Todes Pforte gegangen ist, der Gott also, den der Mensch nach dem Tode zu begrüßen hat. Gleichzeitig aber wußte der Ägypter: derselbe Gott, der die Menschen richtet nach dem Tode, er hat einmal über die Lebendigen geherrscht.
[ 19 ] Äußerlich zunächst begreift man dieses — wir werden es viel tiefer noch zu begreifen haben —, wenn man sich klarmacht: Die Ägypter wollten das Ewige der Menschenseele kennenlernen, dasjenige, das durch Geburten und Tode geht. Aber um dieses Ewige im Leben kennenzulernen, richteten die Ägypter vor allen Dingen ihren Seelenblick nach dem Tode hin. Osiris ist den Menschen in Ägypten, durch welche die Griechen von Osiris erfahren haben, nicht mehr der Gott der Lebendigen, sondern der Gott der Toten, der Gott, der auf dem Weltenthrone sitzt und richtet, wenn der Mensch durch des Todes Pforte gegangen ist, der Gott also, den der Mensch nach dem Tode zu begrüßen hat. Gleichzeitig aber wußte der Ägypter: derselbe Gott, der die Menschen richtet nach dem Tode, er hat einmal über die Lebendigen geherrscht.
[ 20 ] Schon wenn man diese Vorstellungen zusammennimmt, wird man nicht mehr geneigt sein, dem Dupuisschen Urteile zuzustimmen, daß es sich nur um Sternenvorgänge gehandelt hat. Diese Dupuis-Urteile haben viel Bestrickendes; aber bei einem intimeren Zuschauen erweisen sie sich doch als recht oberflächlich. Ich sagte, die Ägypter richteten sich vor allen Dingen — in der Zeit, als die Griechen von ihnen den Osirisbegriff bekamen — auf die menschliche Seele nach dem Tode hin. Das lag den Griechen fern. Gewiß, diese Griechen sprachen schon auch von der menschlichen Seele nach dem Tode. Aber indem sie von ihren Göttern sprachen, sprachen sie nicht eigentlich von Osirisnaturen, nicht von solchen Göttern, die vorzugsweise richten nach dem Tode. Das Geschlecht, dem Zeus angehört, das ist ein Göttergeschlecht für Lebende. Zu dem blickte der Mensch vorzugsweise hinauf, wenn er diejenige Welt seelisch ins Auge faßte, welcher der Mensch angehört zwischen der Geburt und dem Tode — ein Göttergeschlecht für Lebende: Zeus, Hera, Pallas Athene, Mars, Apollo und so weiter. Aber es waren eben diese Götter, man könnte sagen, das für die Griechen zunächst letzte Göttergeschlecht, denn die Griechen richteten ihren Blick auf drei hintereinanderliegende Göttergenerationen.
[ 20 ] Schon wenn man diese Vorstellungen zusammennimmt, wird man nicht mehr geneigt sein, dem Dupuisschen Urteile zuzustimmen, daß es sich nur um Sternenvorgänge gehandelt hat. Diese Dupuis-Urteile haben viel Bestrickendes; aber bei einem intimeren Zuschauen erweisen sie sich doch als recht oberflächlich. Ich sagte, die Ägypter richteten sich vor allen Dingen — in der Zeit, als die Griechen von ihnen den Osirisbegriff bekamen — auf die menschliche Seele nach dem Tode hin. Das lag den Griechen fern. Gewiß, diese Griechen sprachen schon auch von der menschlichen Seele nach dem Tode. Aber indem sie von ihren Göttern sprachen, sprachen sie nicht eigentlich von Osirisnaturen, nicht von solchen Göttern, die vorzugsweise richten nach dem Tode. Das Geschlecht, dem Zeus angehört, das ist ein Göttergeschlecht für Lebende. Zu dem blickte der Mensch vorzugsweise hinauf, wenn er diejenige Welt seelisch ins Auge faßte, welcher der Mensch angehört zwischen der Geburt und dem Tode — ein Göttergeschlecht für Lebende: Zeus, Hera, Pallas Athene, Mars, Apollo und so weiter. Aber es waren eben diese Götter, man könnte sagen, das für die Griechen zunächst letzte Göttergeschlecht, denn die Griechen richteten ihren Blick auf drei hintereinanderliegende Göttergenerationen.
[ 21 ] Die älteste Göttergeneration schließt sich an Uranos und Gäa an, oder besser gesagt an Gäa und Uranos. Das war das älteste Götterpaar, mit allen Geschwistern und so weiter, die dazugehörten. Von diesem Götterpaar stammten die Titanen ab, zu denen auch Kronos und Rhea gehörten, vor allen Dingen aber auch Okeanos. Sie wissen, daß durch gewisse grausame Maßregeln — so wird erzählt im Mythus der Uranos den Zorn seiner Gattin Gäa hervorgerufen hat, so daß diese den Kronos, ihren Sohn, bewogen hat, den Vater auf dem Weltenthron unmöglich zu machen. Und wir sehen dann abgelöst diese ältere Götterherrschaft von der jüngeren, von Kronos und Rhea, mit alledem, was dazugehört. Sie wissen ja auch, daß der Kronos im griechischen Mythus — ich hebe einzelne Züge hervor, die wir besonders brauchen werden — die in mancher Beziehung etwas unsympathische Eigenschaft hatte, daß er seine Kinder alle verschlang, nachdem sie geboren waren, was der Mutter Rhea unangenehm war. Und Sie wissen auch, daß sie den Zeus dann bewahrt hat, und den Zeus wiederum herangezogen hat, seinerseits den Kronos zu stürzen, wie der Kronos den Uranos gestürzt hat, nur auf eine andere Weise; so daß dann das neue Göttergeschlecht kommt. Es ist besser, wenn ich es umgekehrt schreibe, also: Rhea-Kronos. Und dann haben wir Hera und Zeus mit allem, was dazugehört, mit allen Geschwistern, Kindern und so weiter.
[ 21 ] Die älteste Göttergeneration schließt sich an Uranos und Gäa an, oder besser gesagt an Gäa und Uranos. Das war das älteste Götterpaar, mit allen Geschwistern und so weiter, die dazugehörten. Von diesem Götterpaar stammten die Titanen ab, zu denen auch Kronos und Rhea gehörten, vor allen Dingen aber auch Okeanos. Sie wissen, daß durch gewisse grausame Maßregeln — so wird erzählt im Mythus der Uranos den Zorn seiner Gattin Gäa hervorgerufen hat, so daß diese den Kronos, ihren Sohn, bewogen hat, den Vater auf dem Weltenthron unmöglich zu machen. Und wir sehen dann abgelöst diese ältere Götterherrschaft von der jüngeren, von Kronos und Rhea, mit alledem, was dazugehört. Sie wissen ja auch, daß der Kronos im griechischen Mythus — ich hebe einzelne Züge hervor, die wir besonders brauchen werden — die in mancher Beziehung etwas unsympathische Eigenschaft hatte, daß er seine Kinder alle verschlang, nachdem sie geboren waren, was der Mutter Rhea unangenehm war. Und Sie wissen auch, daß sie den Zeus dann bewahrt hat, und den Zeus wiederum herangezogen hat, seinerseits den Kronos zu stürzen, wie der Kronos den Uranos gestürzt hat, nur auf eine andere Weise; so daß dann das neue Göttergeschlecht kommt. Es ist besser, wenn ich es umgekehrt schreibe, also: Rhea-Kronos. Und dann haben wir Hera und Zeus mit allem, was dazugehört, mit allen Geschwistern, Kindern und so weiter.
[ 22 ] Ein bedeutsamer Zug in der Mythe, den ich erwähnen muß, weil wir ihn brauchen werden, wenn wir die Mythe als Grundlage für allerlei Weltanschauungsvorstellungen betrachten wollen, ist der, daß Zeus, bevor er die Titanen besiegt und in den Tartaros gestürzt hat, ehe er das getan hat, die Göttin Metis, die Göttin der Klugheit bewogen hatte, ihm ein Brechmittel zu fabrizieren, wodurch die von Kronos sämtlich verschlungenen Kinder wiederum an den Tag befördert werden konnten, so daß sie also wieder da waren. Also dadurch konnte Zeus zu seinen Geschwistern wiederum kommen, nicht wahr, denn die waren ja in dem Leib des Kronos drinnen gewesen; nur Zeus selber war durch die Mutter Rhea gerettet worden.
[ 22 ] Ein bedeutsamer Zug in der Mythe, den ich erwähnen muß, weil wir ihn brauchen werden, wenn wir die Mythe als Grundlage für allerlei Weltanschauungsvorstellungen betrachten wollen, ist der, daß Zeus, bevor er die Titanen besiegt und in den Tartaros gestürzt hat, ehe er das getan hat, die Göttin Metis, die Göttin der Klugheit bewogen hatte, ihm ein Brechmittel zu fabrizieren, wodurch die von Kronos sämtlich verschlungenen Kinder wiederum an den Tag befördert werden konnten, so daß sie also wieder da waren. Also dadurch konnte Zeus zu seinen Geschwistern wiederum kommen, nicht wahr, denn die waren ja in dem Leib des Kronos drinnen gewesen; nur Zeus selber war durch die Mutter Rhea gerettet worden.
[ 23 ] Und so haben wir drei aufeinanderfolgende Göttergenerationen: Gäa-Uranos; Uranos durch die Gäa gestürzt, weil er grausam war, durch die Kinder Kronos und Rhea verdrängt; dann Kronos wiederum gestürzt durch Zeus, ebenfalls auf Anstiften der Rhea. In dem Zeuskreise haben wir diejenigen Götter, die uns da entgegentreten, wo die eigentliche griechische Geschichte an uns herantritt.
[ 23 ] Und so haben wir drei aufeinanderfolgende Göttergenerationen: Gäa-Uranos; Uranos durch die Gäa gestürzt, weil er grausam war, durch die Kinder Kronos und Rhea verdrängt; dann Kronos wiederum gestürzt durch Zeus, ebenfalls auf Anstiften der Rhea. In dem Zeuskreise haben wir diejenigen Götter, die uns da entgegentreten, wo die eigentliche griechische Geschichte an uns herantritt.
[ 24 ] Nun möchte ich Sie besonders aufmerksam machen auf einen sehr bedeutsamen Zug dieser griechischen Göttermythologie. Er wird wenig klar hervorgehoben, trotzdem er einer der wichtigsten Züge ist. Drei aufeinanderfolgende Göttergeschlechter: das sind also die Herrscher des Makrokosmos. Aber während Gäa und Uranos, Rhea und Kronos, Hera und Zeus regieren, ist überall nach der griechischen Vorstellung der Mensch schon da. Von dem Menschen ist schon durchaus die Rede. Als also Kronos mit der Rhea noch gar nicht regierte, sondern noch die Gäa mit dem Uranos, namentlich aber als der Kronos mit der Rhea regierte und der Zeus noch gar nicht im Besitze seines Brechmittels und dergleichen war, da waren schon nach Anschauung der Griechen die Menschen auf der Erde. Und sie lebten, wie die Griechen erzählten, sogar ein glücklicheres Leben als später. Die späteren Menschen sind die Nachkommen dieser früheren Menschen. So daß man also sagen muß, der Grieche hatte das Bewußtsein: oben regiert Zeus, aber wir Menschen stammen ab von andern Vorfahren, die noch nicht von Zeus regiert worden sind. Das ist ein wichtiger Zug der griechischen Götterlehre: daß der Grieche seinen Zeus, seine Hera, seine Pallas Athene verehrte, aber sich klar war, daß die nicht ihn geschaffen haben, was man im allgemeinen «schaffen» nennt, sondern daß die Menschen viel früher da waren, als die Herrschaft dieser Götter begonnen hat.
[ 24 ] Nun möchte ich Sie besonders aufmerksam machen auf einen sehr bedeutsamen Zug dieser griechischen Göttermythologie. Er wird wenig klar hervorgehoben, trotzdem er einer der wichtigsten Züge ist. Drei aufeinanderfolgende Göttergeschlechter: das sind also die Herrscher des Makrokosmos. Aber während Gäa und Uranos, Rhea und Kronos, Hera und Zeus regieren, ist überall nach der griechischen Vorstellung der Mensch schon da. Von dem Menschen ist schon durchaus die Rede. Als also Kronos mit der Rhea noch gar nicht regierte, sondern noch die Gäa mit dem Uranos, namentlich aber als der Kronos mit der Rhea regierte und der Zeus noch gar nicht im Besitze seines Brechmittels und dergleichen war, da waren schon nach Anschauung der Griechen die Menschen auf der Erde. Und sie lebten, wie die Griechen erzählten, sogar ein glücklicheres Leben als später. Die späteren Menschen sind die Nachkommen dieser früheren Menschen. So daß man also sagen muß, der Grieche hatte das Bewußtsein: oben regiert Zeus, aber wir Menschen stammen ab von andern Vorfahren, die noch nicht von Zeus regiert worden sind. Das ist ein wichtiger Zug der griechischen Götterlehre: daß der Grieche seinen Zeus, seine Hera, seine Pallas Athene verehrte, aber sich klar war, daß die nicht ihn geschaffen haben, was man im allgemeinen «schaffen» nennt, sondern daß die Menschen viel früher da waren, als die Herrschaft dieser Götter begonnen hat.
[ 25 ] Daß dies besonders wichtig ist für die griechischen Götter, kann Ihnen dann auffallen, wenn Sie die Sache vergleichen mit der jüdischen Götterlehre. Es ist natürlich ganz undenkbar, daß Sie denselben Zug auf die jüdische Götterlehre übertragen. Sie können sich unmöglich vorstellen, daß nach dem Alten Testament die Menschen auf Vorfahren hinweisen würden, die noch nicht unter der Herrschaft von Jahve und den Elohim gestanden hätten. Also das ist etwas, was in gewaltiger Weise verschieden ist in der griechischen Götterlehre. Der Grieche sieht hinauf zu seinen Göttern und weiß: die regieren zwar jetzt, aber die haben mit dem, was ich «Schaffen des Menschengeschlechts» nenne, zunächst nichts zu tun.
[ 25 ] Daß dies besonders wichtig ist für die griechischen Götter, kann Ihnen dann auffallen, wenn Sie die Sache vergleichen mit der jüdischen Götterlehre. Es ist natürlich ganz undenkbar, daß Sie denselben Zug auf die jüdische Götterlehre übertragen. Sie können sich unmöglich vorstellen, daß nach dem Alten Testament die Menschen auf Vorfahren hinweisen würden, die noch nicht unter der Herrschaft von Jahve und den Elohim gestanden hätten. Also das ist etwas, was in gewaltiger Weise verschieden ist in der griechischen Götterlehre. Der Grieche sieht hinauf zu seinen Göttern und weiß: die regieren zwar jetzt, aber die haben mit dem, was ich «Schaffen des Menschengeschlechts» nenne, zunächst nichts zu tun.
[ 26 ] Das war durchaus nicht möglich innerhalb der alttestamentlichen Vorstellungen. Da hatten diejenigen, zu denen man als zu Göttern aufsah, in der Hauptsache wohl mehr mit der Schöpfung des Menschen zu tun. Bei den Dingen, die man so im Weltengange betrachtet, da ist es schon wichtig, daß solche Sachen ins Auge gefaßt werden. Und nicht darauf kommt es an, daß man sich bloß Vorstellungen macht, sondern darauf, daß man die Vorstellungen, die einem die Wirklichkeit vermitteln, ins Auge zu fassen vermag; die besonders charakteristischen, die besonders tragenden Vorstellungen, die muß man ins Auge fassen. Und damit haben wir sogleich einen wichtigen Zug der griechischen Götterlehre ins Auge gefaßt. Sie wollen wir zunächst einmal vor unserer Seele hinstellen. Wenn der Grieche also zu seinen Göttern hinaufsah, so waren sie ihm nicht diejenigen, von denen er das Bewußtsein hatte: sie haben mich erschaffen. Denn die Menschen waren eben, wie gesagt, schon früher da, bevor diese Götter ihr Regiment angetreten haben. Also dasjenige, was diese Götter konnten, das war für den Griechen gewiß etwas recht Respektables, aber sie konnten für ihn nicht ein Menschengeschlecht auf einem Planeten hervorbringen. Das lag im griechischen Bewußtsein: diese Götter konnten nicht ein Menschengeschlecht hervorbringen.
[ 26 ] Das war durchaus nicht möglich innerhalb der alttestamentlichen Vorstellungen. Da hatten diejenigen, zu denen man als zu Göttern aufsah, in der Hauptsache wohl mehr mit der Schöpfung des Menschen zu tun. Bei den Dingen, die man so im Weltengange betrachtet, da ist es schon wichtig, daß solche Sachen ins Auge gefaßt werden. Und nicht darauf kommt es an, daß man sich bloß Vorstellungen macht, sondern darauf, daß man die Vorstellungen, die einem die Wirklichkeit vermitteln, ins Auge zu fassen vermag; die besonders charakteristischen, die besonders tragenden Vorstellungen, die muß man ins Auge fassen. Und damit haben wir sogleich einen wichtigen Zug der griechischen Götterlehre ins Auge gefaßt. Sie wollen wir zunächst einmal vor unserer Seele hinstellen. Wenn der Grieche also zu seinen Göttern hinaufsah, so waren sie ihm nicht diejenigen, von denen er das Bewußtsein hatte: sie haben mich erschaffen. Denn die Menschen waren eben, wie gesagt, schon früher da, bevor diese Götter ihr Regiment angetreten haben. Also dasjenige, was diese Götter konnten, das war für den Griechen gewiß etwas recht Respektables, aber sie konnten für ihn nicht ein Menschengeschlecht auf einem Planeten hervorbringen. Das lag im griechischen Bewußtsein: diese Götter konnten nicht ein Menschengeschlecht hervorbringen.
[ 27 ] Nun, was waren denn für dieses griechische Bewußtsein eigentlich die Götter dieses Zeuskreises, diese olympischen Götter? Wenn man auch nur geschichtlich sich eine Vorstellung davon machen will, was diese Götter waren — ich meine jetzt im griechischen Bewußtsein, wir haben ja natürlich verschiedenes über diese Götter gesagt, aber wir wollen uns jetzt einmal in dieses griechische Bewußtsein versetzen —, was waren denn da diese Götter? Nun, sie waren nicht Wesen, die unter gewöhnlichen Umständen unter den Menschen herumspazierten. Sie wohnten ja auf dem Olymp, sie wohnten auf den Wolken und dergleichen. Sie machten nur manchmal sympathische oder auch unsympathische Besuche. Besonders Zeus, wie Sie wissen, machte manchmal sympathische oder unsympathische Besuche innerhalb der Menschenwelt. Sie waren in gewisser Beziehung nützlich; aber sie verrichteten auch Dinge, über die sich der moderne Mensch, der etwas philiströser ist als die Griechen, wahrscheinlich dadurch Recht verschaffen würde, daß er solch einem Zeus — einen Ehescheidungsprozeß an den Hals hinge oder so etwas. Jedenfalls, nicht wahr, waren diese Götter mit den Menschen in einem halb göttlichen, halb menschlichen Verhältnisse, und solche Wesen, so dachte man, sind nicht im Fleische verwirklicht. Wenn Zeus seine Dinge verrichten wollte, nicht wahr, dann nahm er ja allerlei Gestalten an: Schwan, goldener Regen oder dergleichen; also sie waren im gewöhnlichen Leben nicht im Fleische inkarniert, diese Götter.
[ 27 ] Nun, was waren denn für dieses griechische Bewußtsein eigentlich die Götter dieses Zeuskreises, diese olympischen Götter? Wenn man auch nur geschichtlich sich eine Vorstellung davon machen will, was diese Götter waren — ich meine jetzt im griechischen Bewußtsein, wir haben ja natürlich verschiedenes über diese Götter gesagt, aber wir wollen uns jetzt einmal in dieses griechische Bewußtsein versetzen —, was waren denn da diese Götter? Nun, sie waren nicht Wesen, die unter gewöhnlichen Umständen unter den Menschen herumspazierten. Sie wohnten ja auf dem Olymp, sie wohnten auf den Wolken und dergleichen. Sie machten nur manchmal sympathische oder auch unsympathische Besuche. Besonders Zeus, wie Sie wissen, machte manchmal sympathische oder unsympathische Besuche innerhalb der Menschenwelt. Sie waren in gewisser Beziehung nützlich; aber sie verrichteten auch Dinge, über die sich der moderne Mensch, der etwas philiströser ist als die Griechen, wahrscheinlich dadurch Recht verschaffen würde, daß er solch einem Zeus — einen Ehescheidungsprozeß an den Hals hinge oder so etwas. Jedenfalls, nicht wahr, waren diese Götter mit den Menschen in einem halb göttlichen, halb menschlichen Verhältnisse, und solche Wesen, so dachte man, sind nicht im Fleische verwirklicht. Wenn Zeus seine Dinge verrichten wollte, nicht wahr, dann nahm er ja allerlei Gestalten an: Schwan, goldener Regen oder dergleichen; also sie waren im gewöhnlichen Leben nicht im Fleische inkarniert, diese Götter.
[ 28 ] Aber wenn man wiederum tiefer schaut auf der andern Seite, dann ist es doch so, daß die Griechen das Bewußtsein hatten: Diese Götter hängen zusammen mit Menschen, die in der Vorzeit gelebt haben. Viel mehr als auf den Zusammenhang mit den Sternen, den Dupuis meint, schauten die Griechen doch auch hinauf zu Menschen der Vorzeit und brachten — ich bitte, jetzt genau zuzuhören, wie ich den Satz forme, denn darauf kommt es an —, und brachten die Vorstellung von dem Wesen des Zeus in Verbindung mit irgendwelchen alten Herrschern oder dergleichen, einer längst vergangenen Zeit. Also bitte, ich habe nicht gesagt, daß die Griechen die Vorstellung hatten, das, was sie sich unter dem Zeus vorstellten, das wäre ein alter Herrscher gewesen; sondern ich sage: Das, was man sich als den Zeus vorstellte, brachte man in Verbindung mit einem alten Herrscher, der einmal in längst vergangenen Zeiten gelebt hat. Denn die Art der Verbindung für den Zeus und auch für andere Götter, war eine ziemlich komplizierte.
[ 28 ] Aber wenn man wiederum tiefer schaut auf der andern Seite, dann ist es doch so, daß die Griechen das Bewußtsein hatten: Diese Götter hängen zusammen mit Menschen, die in der Vorzeit gelebt haben. Viel mehr als auf den Zusammenhang mit den Sternen, den Dupuis meint, schauten die Griechen doch auch hinauf zu Menschen der Vorzeit und brachten — ich bitte, jetzt genau zuzuhören, wie ich den Satz forme, denn darauf kommt es an —, und brachten die Vorstellung von dem Wesen des Zeus in Verbindung mit irgendwelchen alten Herrschern oder dergleichen, einer längst vergangenen Zeit. Also bitte, ich habe nicht gesagt, daß die Griechen die Vorstellung hatten, das, was sie sich unter dem Zeus vorstellten, das wäre ein alter Herrscher gewesen; sondern ich sage: Das, was man sich als den Zeus vorstellte, brachte man in Verbindung mit einem alten Herrscher, der einmal in längst vergangenen Zeiten gelebt hat. Denn die Art der Verbindung für den Zeus und auch für andere Götter, war eine ziemlich komplizierte.
[ 29 ] Wir wollen einmal die Worte etwas pressen, damit wir uns Vorstellungen bilden können über das, was da eigentlich zugrunde liegt. Nehmen wir also an, irgendeinmal habe in Thrazien, in einem der Gebiete des nördlicheren Griechenland, eine Persönlichkeit auf dem physischen Plane gelebt, an welche die Zeusvorstellung anknüpft. Nun, da war der Grieche, schon der ganz gewöhnliche Grieche, sich durchaus klar: Ich verehre nicht etwa diesen Vorfahren, ich verehre auch nicht die einzelne Individualität, die in diesem Vorfahren gewohnt hat, aber ich verehre doch etwas, was mit diesem alten Vorfahren, diesem alten König in Thrazien oder Epirus, irgendwo, etwas zu tun hat. — Der Grieche hatte nämlich die Vorstellung, es gab einmal einen solchen König, in dessen ganzem Wesen nicht nur dessen eigene Individualität gelebt hat, sondern die Individualität eines übersinnlichen Wesens; die hat sich ausgedrückt, hat sich auf der Erde dargelebt dadurch, daß sie einmal in einen Menschen gefahren ist. Also damit war der Zeusbegriff nicht verirdischt, aber er war in Zusammenhang gebracht mit einem alten Herrscher, der einmal das Gewand, oder sagen wir die Behausung, abgegeben hatte für dieses Zeuswesen.
[ 29 ] Wir wollen einmal die Worte etwas pressen, damit wir uns Vorstellungen bilden können über das, was da eigentlich zugrunde liegt. Nehmen wir also an, irgendeinmal habe in Thrazien, in einem der Gebiete des nördlicheren Griechenland, eine Persönlichkeit auf dem physischen Plane gelebt, an welche die Zeusvorstellung anknüpft. Nun, da war der Grieche, schon der ganz gewöhnliche Grieche, sich durchaus klar: Ich verehre nicht etwa diesen Vorfahren, ich verehre auch nicht die einzelne Individualität, die in diesem Vorfahren gewohnt hat, aber ich verehre doch etwas, was mit diesem alten Vorfahren, diesem alten König in Thrazien oder Epirus, irgendwo, etwas zu tun hat. — Der Grieche hatte nämlich die Vorstellung, es gab einmal einen solchen König, in dessen ganzem Wesen nicht nur dessen eigene Individualität gelebt hat, sondern die Individualität eines übersinnlichen Wesens; die hat sich ausgedrückt, hat sich auf der Erde dargelebt dadurch, daß sie einmal in einen Menschen gefahren ist. Also damit war der Zeusbegriff nicht verirdischt, aber er war in Zusammenhang gebracht mit einem alten Herrscher, der einmal das Gewand, oder sagen wir die Behausung, abgegeben hatte für dieses Zeuswesen.
[ 30 ] Es unterschied der Grieche also wesentlich dasjenige, was er sich von Zeus vorstellte, von der Menschenindividualität, die in dem Körper gelebt hat, auf welche die Zeusvorstellung bezogen wurde. Aber gewissermaßen den Ausgangspunkt nahm die Zeusherrschaft, die Zeus-Götterherrschaft dadurch, daß der Zeus zunächst heruntergestiegen ist, in einem Menschen gewohnt hat, von da aus seine Angriffspunkte gefunden hat, um im Menschenwesen weiter zu wirken — jetzt nicht mehr wie ein gewöhnlicher Mensch, sondern eben als «Olympier». Und so ist es auch bei den andern griechischen Göttern.
[ 30 ] Es unterschied der Grieche also wesentlich dasjenige, was er sich von Zeus vorstellte, von der Menschenindividualität, die in dem Körper gelebt hat, auf welche die Zeusvorstellung bezogen wurde. Aber gewissermaßen den Ausgangspunkt nahm die Zeusherrschaft, die Zeus-Götterherrschaft dadurch, daß der Zeus zunächst heruntergestiegen ist, in einem Menschen gewohnt hat, von da aus seine Angriffspunkte gefunden hat, um im Menschenwesen weiter zu wirken — jetzt nicht mehr wie ein gewöhnlicher Mensch, sondern eben als «Olympier». Und so ist es auch bei den andern griechischen Göttern.
[ 31 ] Warum hat sich denn der Grieche eine solche Vorstellung gemacht, die Vorstellung: Da hat es einmal einen Herrscher gegeben, der war gewissermaßen von Zeus besessen; jetzt gibt es aber keinen Herrscher mehr, der von Zeus besessen sein kann, sondern der Zeus regiert nur noch als übersinnliches Wesen. Warum hat sich der Grieche diese Vorstellung gebildet? Weil der Grieche wußte, daß die Menschenentwickelung fortgeschritten war, daß sie sich geändert hat; mit andern Worten, weil der Grieche wußte, daß es alte Zeiten gegeben hat, wo in besonders hervorragendem Maße die Menschen Imaginationen haben konnten, und als sie diese Imaginationen haben konnten, da konnten sie solche Wesen wie den Zeus aufnehmen, da konnte er im Menschenleibe wohnen. Dann ging die Zeit vorüber, in der die Menschen auf Erden Imaginationen in besonders hervorragendem Maße haben konnten. Es blieb ja natürlich immer ein gewisses Hellsehen für einige. Aber das Maßgebende der Imaginationen, das verging. Die Wesen, die noch reale Imaginationen haben können, die können für das Leben, das der Mensch kennt zwischen Geburt und Tod, nur im Übersinnlichen walten.
[ 31 ] Warum hat sich denn der Grieche eine solche Vorstellung gemacht, die Vorstellung: Da hat es einmal einen Herrscher gegeben, der war gewissermaßen von Zeus besessen; jetzt gibt es aber keinen Herrscher mehr, der von Zeus besessen sein kann, sondern der Zeus regiert nur noch als übersinnliches Wesen. Warum hat sich der Grieche diese Vorstellung gebildet? Weil der Grieche wußte, daß die Menschenentwickelung fortgeschritten war, daß sie sich geändert hat; mit andern Worten, weil der Grieche wußte, daß es alte Zeiten gegeben hat, wo in besonders hervorragendem Maße die Menschen Imaginationen haben konnten, und als sie diese Imaginationen haben konnten, da konnten sie solche Wesen wie den Zeus aufnehmen, da konnte er im Menschenleibe wohnen. Dann ging die Zeit vorüber, in der die Menschen auf Erden Imaginationen in besonders hervorragendem Maße haben konnten. Es blieb ja natürlich immer ein gewisses Hellsehen für einige. Aber das Maßgebende der Imaginationen, das verging. Die Wesen, die noch reale Imaginationen haben können, die können für das Leben, das der Mensch kennt zwischen Geburt und Tod, nur im Übersinnlichen walten.
[ 32 ] Das ist das Wesentliche, was die Griechen von ihren Göttern sich vorstellten: es waren Wesen, die imaginieren konnten. Aber die Zeit ist vorbei, wo solche Wesen, die imaginieren können, in Menschenleiber hineingehen können; denn die Menschenleiber sind nicht mehr geeignet zum Imaginieren. So sagten sich die Griechen: Wir werden beherrscht von einem Wesensgeschlechte, welches imaginieren kann, während wir nicht mehr imaginieren können. — Der Grieche hatte eine ganz unsentimentale Vorstellung von seinen Göttern. Es wäre ja auch schwer geworden, dem Zeus gegenüber sentimental zu sein. Der Grieche sagte sich doch im stillen, nun, ich werde die Sache jetzt wieder etwas pressen, man muß aber die Dinge manchmal etwas retuschieren, wenn man ganz deutlich werden will: Wir Menschen machen eine richtige Entwickelung durch; wir haben die Entwickelung durchmachen müssen von atavistischem Hellsehen in Intuition, in Inspiration, in Imagination. Jetzt müssen wir das gewöhnliche gegenständliche Denken haben. Aber die Götter, die haben sich darauf nicht eingelassen, die sind bei ihrem Imaginieren geblieben; sonst müßten sie Menschen werden, müßten im Fleische hier herumwandeln. Das hat denen nicht gepaßt — so etwa dachten doch die Griechen in ihrer unsentimentalen Art, sich zu den Göttern zu verhalten —, zum gegenständlichen Denken überzugehen, daher sind sie nicht heruntergestiegen auf die Erde, sondern sind beim Imaginieren geblieben. Aber dadurch beherrschen sie uns; denn sie haben gewissermaßen mehr Macht, weil das imaginative Vorstellen mächtiger ist, wenn es ausgenützt wird, als das gegenständliche Vorstellen.
[ 32 ] Das ist das Wesentliche, was die Griechen von ihren Göttern sich vorstellten: es waren Wesen, die imaginieren konnten. Aber die Zeit ist vorbei, wo solche Wesen, die imaginieren können, in Menschenleiber hineingehen können; denn die Menschenleiber sind nicht mehr geeignet zum Imaginieren. So sagten sich die Griechen: Wir werden beherrscht von einem Wesensgeschlechte, welches imaginieren kann, während wir nicht mehr imaginieren können. — Der Grieche hatte eine ganz unsentimentale Vorstellung von seinen Göttern. Es wäre ja auch schwer geworden, dem Zeus gegenüber sentimental zu sein. Der Grieche sagte sich doch im stillen, nun, ich werde die Sache jetzt wieder etwas pressen, man muß aber die Dinge manchmal etwas retuschieren, wenn man ganz deutlich werden will: Wir Menschen machen eine richtige Entwickelung durch; wir haben die Entwickelung durchmachen müssen von atavistischem Hellsehen in Intuition, in Inspiration, in Imagination. Jetzt müssen wir das gewöhnliche gegenständliche Denken haben. Aber die Götter, die haben sich darauf nicht eingelassen, die sind bei ihrem Imaginieren geblieben; sonst müßten sie Menschen werden, müßten im Fleische hier herumwandeln. Das hat denen nicht gepaßt — so etwa dachten doch die Griechen in ihrer unsentimentalen Art, sich zu den Göttern zu verhalten —, zum gegenständlichen Denken überzugehen, daher sind sie nicht heruntergestiegen auf die Erde, sondern sind beim Imaginieren geblieben. Aber dadurch beherrschen sie uns; denn sie haben gewissermaßen mehr Macht, weil das imaginative Vorstellen mächtiger ist, wenn es ausgenützt wird, als das gegenständliche Vorstellen.
[ 33 ] Daraus aber ersehen Sie, daß die Griechen zurückblickten auf eine Zeit, wo das Vorstellen, das Anschauen, das Wahrnehmen des Menschen anders war, und daß dieses Zurückblicken zusammenhing mit den griechischen Göttervorstellungen. So blickten sie zurück auf Zeus, Hera, und sagten: Die beherrschen uns jetzt; früher waren wir auch so, aber wir haben uns weitergebildet, sind schwächer geworden. Daher können die über uns herrschen; die sind so geblieben, wie es dazumal war. — Einen gewissen luziferischen Charakter, würden wir heute sagen, gaben die Griechen damit ihren Göttern. Und diejenigen Wesen, welche beim Imaginieren stehengeblieben waren — das bildete sich im griechischen Bewußtsein heraus —, das waren wiederum die Nachkommen derjenigen Wesen, die nun gar beim Inspirieren stehengeblieben sind. Hera und Zeus sind beim Imaginieren, Rhea und Kronos beim Inspirieren stehengeblieben, Gäa und Uranos beim Intuitieren.
[ 33 ] Daraus aber ersehen Sie, daß die Griechen zurückblickten auf eine Zeit, wo das Vorstellen, das Anschauen, das Wahrnehmen des Menschen anders war, und daß dieses Zurückblicken zusammenhing mit den griechischen Göttervorstellungen. So blickten sie zurück auf Zeus, Hera, und sagten: Die beherrschen uns jetzt; früher waren wir auch so, aber wir haben uns weitergebildet, sind schwächer geworden. Daher können die über uns herrschen; die sind so geblieben, wie es dazumal war. — Einen gewissen luziferischen Charakter, würden wir heute sagen, gaben die Griechen damit ihren Göttern. Und diejenigen Wesen, welche beim Imaginieren stehengeblieben waren — das bildete sich im griechischen Bewußtsein heraus —, das waren wiederum die Nachkommen derjenigen Wesen, die nun gar beim Inspirieren stehengeblieben sind. Hera und Zeus sind beim Imaginieren, Rhea und Kronos beim Inspirieren stehengeblieben, Gäa und Uranos beim Intuitieren.
[ 34 ] Der Grieche hat auf seine eigene Seele geschaut, und mit der Entwickelung der Menschheit und ihren Bewußtseinszuständen brachte er seine Göttergenerationen in Zusammenhang. Das fühlte er, das empfand er. Die ältesten Götter, Gäa und Uranos waren solche Wesen, deren ganzes inneres Verhältnis zur Welt dadurch geordnet war, daß sie intuitierten. Sie wollten beim Intuitieren bleiben; dagegen haben sich die Inspirierenden gewendet. Und wiederum die Inspirierenden wollten beim Inspirieren bleiben; dagegen haben sich die Imaginierenden gewendet. Es sind also die Intuitierenden untergegangen durch die Inspirierenden, die Inspirierenden durch die Imaginierenden. Wir leben als Menschen, über uns die Imaginierenden. Nun, Sie wissen ja, daß der Grieche im Prometheusmythus schon das Gelüste hatte, auch gegen die Imaginierenden irgendwelche Mittel zu finden.
[ 34 ] Der Grieche hat auf seine eigene Seele geschaut, und mit der Entwickelung der Menschheit und ihren Bewußtseinszuständen brachte er seine Göttergenerationen in Zusammenhang. Das fühlte er, das empfand er. Die ältesten Götter, Gäa und Uranos waren solche Wesen, deren ganzes inneres Verhältnis zur Welt dadurch geordnet war, daß sie intuitierten. Sie wollten beim Intuitieren bleiben; dagegen haben sich die Inspirierenden gewendet. Und wiederum die Inspirierenden wollten beim Inspirieren bleiben; dagegen haben sich die Imaginierenden gewendet. Es sind also die Intuitierenden untergegangen durch die Inspirierenden, die Inspirierenden durch die Imaginierenden. Wir leben als Menschen, über uns die Imaginierenden. Nun, Sie wissen ja, daß der Grieche im Prometheusmythus schon das Gelüste hatte, auch gegen die Imaginierenden irgendwelche Mittel zu finden.
Mensch =
Gäa — Uranos = Intuition
Rhea — Kronos = Inspiration
Hera — Zeus = Imagination
Mensch =
Gäa — Uranos = Intuition
Rhea — Kronos = Inspiration
Hera — Zeus = Imagination
[ 35 ] So stuften die Griechen ihre Götter ab, daß die Griechen in der Abstufung ihrer Götter zeigten, wie sie zurückblickten auf frühere Bewußtseinszustände derjenigen Wesenheit, die sich als Menschheit zu gleicher Zeit entwickelt hat. Die Griechen zeigten, daß sie das mit diesem Zurückblicken auf die Götter verbanden. Denken Sie, wie tief bedeutsam dieses für das Verständnis des griechischen Bewußtseins ist! So sah der Grieche, indem er auf seine Göttergenerationen zurücksah, zurück auf Vergangenes im geistigen Leben. Er brachte die alten intuitierenden Wesen mit Gäa, der Erde, und Uranos, dem Himmel, in Zusammenhang; er brachte die inspirierenden Götter mit Rhea und Kronos in Zusammenhang. Gäa und Uranos merkt man noch an, was sie sind, Rhea und Kronos, sie werden als Titanen geschildert. Was sind sie eigentlich?
[ 35 ] So stuften die Griechen ihre Götter ab, daß die Griechen in der Abstufung ihrer Götter zeigten, wie sie zurückblickten auf frühere Bewußtseinszustände derjenigen Wesenheit, die sich als Menschheit zu gleicher Zeit entwickelt hat. Die Griechen zeigten, daß sie das mit diesem Zurückblicken auf die Götter verbanden. Denken Sie, wie tief bedeutsam dieses für das Verständnis des griechischen Bewußtseins ist! So sah der Grieche, indem er auf seine Göttergenerationen zurücksah, zurück auf Vergangenes im geistigen Leben. Er brachte die alten intuitierenden Wesen mit Gäa, der Erde, und Uranos, dem Himmel, in Zusammenhang; er brachte die inspirierenden Götter mit Rhea und Kronos in Zusammenhang. Gäa und Uranos merkt man noch an, was sie sind, Rhea und Kronos, sie werden als Titanen geschildert. Was sind sie eigentlich?
[ 36 ] Nun, von dem, was da zugrunde liegt, ist der Menschheit seit ein paar Jahrhunderten fast alles Bewußtsein geschwunden. Aber ich erinnere Sie daran: Sie werden dies ja wissen, daß vor ein paar Jahrhunderten — Sie können das noch bei Jakob Böhme und Paracelsus finden, es geht bis Saint-Martin — das Menschenwesen noch in Zusammenhang gebracht worden ist mit drei grundlegenden Elementen.
[ 36 ] Nun, von dem, was da zugrunde liegt, ist der Menschheit seit ein paar Jahrhunderten fast alles Bewußtsein geschwunden. Aber ich erinnere Sie daran: Sie werden dies ja wissen, daß vor ein paar Jahrhunderten — Sie können das noch bei Jakob Böhme und Paracelsus finden, es geht bis Saint-Martin — das Menschenwesen noch in Zusammenhang gebracht worden ist mit drei grundlegenden Elementen.
[ 37 ] Bei Jakob Böhme heißt es noch: Sal — das Salz, Mercur — das Quecksilber, Sulfur — der Schwefel. Im Mittelalter sagte man: Sal — Mercur — Sulfur. Man meinte nicht dasselbe, aber was man meinte, hatte etwas zu tun mit dem, worauf der Grieche deutete, wenn er sagte: UranosGäa, beziehungsweise Gäa-Uranos, Rhea-Kronos, Hera-Zeus. Denn sehen Sie, der Kronos hat den Uranos entfernt von der Weltenherrschaft. Die Gäa ist, würden wirsagen, so gut wie Witwe geworden. Was ist sie denn da geworden? Da ist sie erst das geworden, was Erde ist, aber nicht die gewöhnliche Erde, die wir draußen finden, sondern diejenige Erde, die der Mensch in sich trägt: das Salz. Könnte der Mensch — das wußten die mittelalterlichen Naturforscher — sich in bewußter Weise seines in ihm befindlichen Salzes bedienen, dann würde er intuitieren können. Also der Prozeß war noch ein lebendiger in der alten Gäa-Uranoszeit, der in die Tiefe der menschlichen Natur hinuntergegangen ist.
[ 37 ] Bei Jakob Böhme heißt es noch: Sal — das Salz, Mercur — das Quecksilber, Sulfur — der Schwefel. Im Mittelalter sagte man: Sal — Mercur — Sulfur. Man meinte nicht dasselbe, aber was man meinte, hatte etwas zu tun mit dem, worauf der Grieche deutete, wenn er sagte: UranosGäa, beziehungsweise Gäa-Uranos, Rhea-Kronos, Hera-Zeus. Denn sehen Sie, der Kronos hat den Uranos entfernt von der Weltenherrschaft. Die Gäa ist, würden wirsagen, so gut wie Witwe geworden. Was ist sie denn da geworden? Da ist sie erst das geworden, was Erde ist, aber nicht die gewöhnliche Erde, die wir draußen finden, sondern diejenige Erde, die der Mensch in sich trägt: das Salz. Könnte der Mensch — das wußten die mittelalterlichen Naturforscher — sich in bewußter Weise seines in ihm befindlichen Salzes bedienen, dann würde er intuitieren können. Also der Prozeß war noch ein lebendiger in der alten Gäa-Uranoszeit, der in die Tiefe der menschlichen Natur hinuntergegangen ist.
[ 38 ] Ein jüngerer Prozeß, der aber auch schon in die Tiefe der menschlichen Natur hinuntergegangen ist, ist der, den man bezeichnen könnte als Rhea-Kronosprozeß. Die Griechen sagten: Die Gewalt der Rhea hat sich einmal ausgebreitet, und «Kronos» waren die Kräfte, die der Rhea gegenüberstanden. Kronos ist gestürzt worden. Was ist geblieben? Nun, so wie von Uranos-Gäa das tote Salz geblieben ist, so ist von Kronos-Rhea das Flüssige, das Merkur geblieben; das im Menschen Flüssige, das Tropfenform annehmen kann, das ist zurückgeblieben. Aber der Mensch kann sich dessen auch nicht bewußterweise bedienen; es ist in die unbewußten Tiefen heruntergegangen.
[ 38 ] Ein jüngerer Prozeß, der aber auch schon in die Tiefe der menschlichen Natur hinuntergegangen ist, ist der, den man bezeichnen könnte als Rhea-Kronosprozeß. Die Griechen sagten: Die Gewalt der Rhea hat sich einmal ausgebreitet, und «Kronos» waren die Kräfte, die der Rhea gegenüberstanden. Kronos ist gestürzt worden. Was ist geblieben? Nun, so wie von Uranos-Gäa das tote Salz geblieben ist, so ist von Kronos-Rhea das Flüssige, das Merkur geblieben; das im Menschen Flüssige, das Tropfenform annehmen kann, das ist zurückgeblieben. Aber der Mensch kann sich dessen auch nicht bewußterweise bedienen; es ist in die unbewußten Tiefen heruntergegangen.
[ 39 ] Heute ist das natürlich längst vorbei, und in der Griechenzeit selber war es schon vorbei; denn die Griechen sagten sich ja: Auf der Erde war die Zeuszeit in grauer Vorzeit, aber dazumal konnte sich der Mensch des in ihm befindlichen Schwefels bedienen. Würde der Mensch bewußt sich seines Salzes bedienen können, würde er intuitieren in atavistischer Weise. Könnte er sich seines Merkur, seines Flüssigen bedienen in bewußter Weise, würde er inspirieren; er würde imaginieren, wenn er sich seines Schwefels bedienen könnte — nicht in jenem übertragenen Sinne, sondern in wirklichem Sinne, wie es noch die mittelalterlichen Alchimisten verstanden, wenn sie von dem «philosophischen Schwefel» sprachen. Heute gibt es auch einen philosophischen Schwefel: Philosophieprofessoren, die fabrizieren ihn im reichlichsten Maße, aber das haben die Alchimisten nicht darunter verstanden, sondern sie haben verstanden ein Imaginieren, ein atavistisches Imaginieren, welches zusammenhing mit dem Gebrauche dieses im Menschen tätigen Schwefels. Die Menschen, so wollten die Griechen sagen — und ihre Mysterienpriester sagten es auch, denn die Mysterien von Sal, Mercur und Schwefel sind alt —, die Menschen, wollten die Griechen sagen, sie haben durch ihre Entwickelung überwunden den Atavismus, sich atavistisch des Schwefels zu bedienen. Aber Zeus und seine Geschwister haben sich ins Übersinnliche zurückgezogen und bedienen sich der Vorgänge des Schwefels. Daher kann Zeus seineBlitze schleudern. Könnte der Mensch ebenso wie ZeusBlitze schleudern, das heißt, könnte er den Schwefel durch Imagination in Realitäten umsetzen, könnte der Mensch innerlich bewußt Blitze schleudern, dann würde er atavistisch imaginieren. Das wollten die Griechen sagen, wenn sie von Zeus sprachen, daß er Blitze schleudern kann.
[ 39 ] Heute ist das natürlich längst vorbei, und in der Griechenzeit selber war es schon vorbei; denn die Griechen sagten sich ja: Auf der Erde war die Zeuszeit in grauer Vorzeit, aber dazumal konnte sich der Mensch des in ihm befindlichen Schwefels bedienen. Würde der Mensch bewußt sich seines Salzes bedienen können, würde er intuitieren in atavistischer Weise. Könnte er sich seines Merkur, seines Flüssigen bedienen in bewußter Weise, würde er inspirieren; er würde imaginieren, wenn er sich seines Schwefels bedienen könnte — nicht in jenem übertragenen Sinne, sondern in wirklichem Sinne, wie es noch die mittelalterlichen Alchimisten verstanden, wenn sie von dem «philosophischen Schwefel» sprachen. Heute gibt es auch einen philosophischen Schwefel: Philosophieprofessoren, die fabrizieren ihn im reichlichsten Maße, aber das haben die Alchimisten nicht darunter verstanden, sondern sie haben verstanden ein Imaginieren, ein atavistisches Imaginieren, welches zusammenhing mit dem Gebrauche dieses im Menschen tätigen Schwefels. Die Menschen, so wollten die Griechen sagen — und ihre Mysterienpriester sagten es auch, denn die Mysterien von Sal, Mercur und Schwefel sind alt —, die Menschen, wollten die Griechen sagen, sie haben durch ihre Entwickelung überwunden den Atavismus, sich atavistisch des Schwefels zu bedienen. Aber Zeus und seine Geschwister haben sich ins Übersinnliche zurückgezogen und bedienen sich der Vorgänge des Schwefels. Daher kann Zeus seineBlitze schleudern. Könnte der Mensch ebenso wie ZeusBlitze schleudern, das heißt, könnte er den Schwefel durch Imagination in Realitäten umsetzen, könnte der Mensch innerlich bewußt Blitze schleudern, dann würde er atavistisch imaginieren. Das wollten die Griechen sagen, wenn sie von Zeus sprachen, daß er Blitze schleudern kann.
[ 40 ] Nicht wahr, noch Saint-Martin, könnte man sagen, hat ja gewußt, daß mit dem Schwefel der Alchimisten etwas anderes gemeint ist als der gewöhnliche irdische Schwefel, von dem man höchstens sagen könnte — verzeihen Sie den harten Ausdruck —, er ist das Exkrement desjenigen, was noch Saint-Martin und die älteren unter dem wirklichen Schwefel verstanden, den sie auch den «philosophischen Schwefel» nannten. Und Saint-Martin spricht noch davon, wie das Blitzen und Donnern wirklich zusammenhängt mit den Vorgängen des makrokosmischen, oder man könnte sagen, des kosmischen Schwefels.
[ 40 ] Nicht wahr, noch Saint-Martin, könnte man sagen, hat ja gewußt, daß mit dem Schwefel der Alchimisten etwas anderes gemeint ist als der gewöhnliche irdische Schwefel, von dem man höchstens sagen könnte — verzeihen Sie den harten Ausdruck —, er ist das Exkrement desjenigen, was noch Saint-Martin und die älteren unter dem wirklichen Schwefel verstanden, den sie auch den «philosophischen Schwefel» nannten. Und Saint-Martin spricht noch davon, wie das Blitzen und Donnern wirklich zusammenhängt mit den Vorgängen des makrokosmischen, oder man könnte sagen, des kosmischen Schwefels.
[ 41 ] Heute schlängelt sich ja so manche physikalisch-naturwissenschaftliche Erklärung in die Wissenschaft hinein, welche — auch ein Schwefel ist, aber nicht gerade ein «philosophischer Schwefel». Denken Sie doch, heute sind die ganz gescheiten Leute natürlich darüber hinaus, von diesen Schwefelvorgängen im Kosmos zu sprechen, wenn Blitz und Donner entstehen; denn Blitz und Donner entstehen, so wie Sie es in den elementaren Physiklehrbüchern lesen können, durch so etwas wie Reibungsvorgänge in den Wolken, nicht wahr. Was rechtes Vernünftiges kann man sich ja nicht vorstellen bei dem, was über Blitz und Donner da gesagt wird; denn die nassen Wolken in ihrer gegenseitigen Wirkung sollen diese Elektrizität, die ja durch Blitz und Donner zutage tritt, erzeugen. Wenn man nun aber ein elektrisches Experiment macht in der Schulstube, so trocknet man sorgfältig alle Apparate, denn wenn nur ein bißchen Nässe ist, so entsteht nichts Elektrisches. Aber die Wolken sind scheinbar da oben nicht naß! Der Herr Lehrer kann nicht einmal mit einer nassen, ja nicht einmal mit einer nicht ganz trockenen Elektrisiermaschine etwas anfangen; aber gleichzeitig erklärt er, daß die nassen Wolken da mit der Entstehung der Elektrizität zusammenhängen sollen. Ja, solche Dinge mischen sich da schon hinein. Aber ich wollte nur sagen, daß bei Saint-Martin noch ein Bewußtsein davon vorhanden ist, daß dieses Element, von dem die Griechen träumten, wenn sie von Hera und Zeus sprachen, etwas zu tun hat mit Blitz und Donner.
[ 41 ] Heute schlängelt sich ja so manche physikalisch-naturwissenschaftliche Erklärung in die Wissenschaft hinein, welche — auch ein Schwefel ist, aber nicht gerade ein «philosophischer Schwefel». Denken Sie doch, heute sind die ganz gescheiten Leute natürlich darüber hinaus, von diesen Schwefelvorgängen im Kosmos zu sprechen, wenn Blitz und Donner entstehen; denn Blitz und Donner entstehen, so wie Sie es in den elementaren Physiklehrbüchern lesen können, durch so etwas wie Reibungsvorgänge in den Wolken, nicht wahr. Was rechtes Vernünftiges kann man sich ja nicht vorstellen bei dem, was über Blitz und Donner da gesagt wird; denn die nassen Wolken in ihrer gegenseitigen Wirkung sollen diese Elektrizität, die ja durch Blitz und Donner zutage tritt, erzeugen. Wenn man nun aber ein elektrisches Experiment macht in der Schulstube, so trocknet man sorgfältig alle Apparate, denn wenn nur ein bißchen Nässe ist, so entsteht nichts Elektrisches. Aber die Wolken sind scheinbar da oben nicht naß! Der Herr Lehrer kann nicht einmal mit einer nassen, ja nicht einmal mit einer nicht ganz trockenen Elektrisiermaschine etwas anfangen; aber gleichzeitig erklärt er, daß die nassen Wolken da mit der Entstehung der Elektrizität zusammenhängen sollen. Ja, solche Dinge mischen sich da schon hinein. Aber ich wollte nur sagen, daß bei Saint-Martin noch ein Bewußtsein davon vorhanden ist, daß dieses Element, von dem die Griechen träumten, wenn sie von Hera und Zeus sprachen, etwas zu tun hat mit Blitz und Donner.
[ 42 ] Die Dinge liegen so, daß selbst schon oberflächliche Vorstellungen uns darauf hinweisen können, daß gewisse Naturprozesse, die Salz-, Merkur-, Schwefelprozesse, aber im alten Sinne aufgefaßt, zusammenhängen mit demjenigen, was die Griechen in ihrer Götterlehre hatten. Halten wir das zunächst fest. Wir müssen solche grundlegenden Begriffe haben, damit wir dann auf unsere Zeit in entsprechender Weise übergehen können.
[ 42 ] Die Dinge liegen so, daß selbst schon oberflächliche Vorstellungen uns darauf hinweisen können, daß gewisse Naturprozesse, die Salz-, Merkur-, Schwefelprozesse, aber im alten Sinne aufgefaßt, zusammenhängen mit demjenigen, was die Griechen in ihrer Götterlehre hatten. Halten wir das zunächst fest. Wir müssen solche grundlegenden Begriffe haben, damit wir dann auf unsere Zeit in entsprechender Weise übergehen können.
[ 43 ] Also die Griechen sahen zurück auf Göttergeschlechter, aber auf untergegangene Verhältnisse, die in älteren Zeiten auch dem Menschen wahrnehmbar waren. Dasjenige, was in ihren Göttern lebte, brachten sie in Zusammenhang mit dem, was wir Naturprozesse nennen. Es war also die Mythologie zugleich eine Art Naturwissenschaft. Und je mehr man die Mythologie kennenlernt, desto tiefere Naturwissenschaft wird man darin finden, nur eine andere Naturwissenschaft, die zu gleicher Zeit Seelenwissenschaft ist. So hatten die Griechen gedacht, und ebenso die Ägypter mit ihrem Osiris, der ein mal geherrscht hat und der nun in der Unterwelt ist.
[ 43 ] Also die Griechen sahen zurück auf Göttergeschlechter, aber auf untergegangene Verhältnisse, die in älteren Zeiten auch dem Menschen wahrnehmbar waren. Dasjenige, was in ihren Göttern lebte, brachten sie in Zusammenhang mit dem, was wir Naturprozesse nennen. Es war also die Mythologie zugleich eine Art Naturwissenschaft. Und je mehr man die Mythologie kennenlernt, desto tiefere Naturwissenschaft wird man darin finden, nur eine andere Naturwissenschaft, die zu gleicher Zeit Seelenwissenschaft ist. So hatten die Griechen gedacht, und ebenso die Ägypter mit ihrem Osiris, der ein mal geherrscht hat und der nun in der Unterwelt ist.
[ 44 ] Merken Sie, wie verschieden die Dinge sind, und daß sie doch auf einen gewissermaßen gleichen Typus zurückgehen? Wenn die Griechen auf ältere Zeiten zurückweisen, wo so ein Wesen wie der Zeus, der jetzt nur noch überirdisch — «jetzt» bezieht sich auf die griechische Zeit — leben kann, auch in einem Menschen sich verkörpern konnte, so konnten die Ägypter auch hinweisen auf eine ältere Zeit, wo Osiris oder Osirisse — auf die Zahl kommt es dabei nicht an — geherrscht haben, wo sie in den Menschen hineingestiegen waren, wo sie da waren. Aber die Zeit ist dahin; jetzt kann man nicht mehr auf einen Menschen auf dem physischen Plan schauen — das «jetzt» bezieht sich wiederum auf die ägyptische Osiriskultur —, sondern man muß in die Welt schauen, die der Mensch betritt, wenn er durch die Pforte des Todes geht, wenn man überhaupt an den Osiris denken will. Osirisse sind nicht mehr auf der Welt, wo die Menschen leben, sondern der Mensch begegnet ihnen nach dem Tode. Also auch der Ägypter blickte zurück auf eine alte Zeit im Sinne der Veränderung des menschlichen Bewußtseins, wenn er unterschied zwischen dem Osiris, der einmal auf Erden wandeln konnte, und dem Osiris, der jetzt nicht mehr auf der Erde wandeln kann, der nur dem Totenreiche angehört.
[ 44 ] Merken Sie, wie verschieden die Dinge sind, und daß sie doch auf einen gewissermaßen gleichen Typus zurückgehen? Wenn die Griechen auf ältere Zeiten zurückweisen, wo so ein Wesen wie der Zeus, der jetzt nur noch überirdisch — «jetzt» bezieht sich auf die griechische Zeit — leben kann, auch in einem Menschen sich verkörpern konnte, so konnten die Ägypter auch hinweisen auf eine ältere Zeit, wo Osiris oder Osirisse — auf die Zahl kommt es dabei nicht an — geherrscht haben, wo sie in den Menschen hineingestiegen waren, wo sie da waren. Aber die Zeit ist dahin; jetzt kann man nicht mehr auf einen Menschen auf dem physischen Plan schauen — das «jetzt» bezieht sich wiederum auf die ägyptische Osiriskultur —, sondern man muß in die Welt schauen, die der Mensch betritt, wenn er durch die Pforte des Todes geht, wenn man überhaupt an den Osiris denken will. Osirisse sind nicht mehr auf der Welt, wo die Menschen leben, sondern der Mensch begegnet ihnen nach dem Tode. Also auch der Ägypter blickte zurück auf eine alte Zeit im Sinne der Veränderung des menschlichen Bewußtseins, wenn er unterschied zwischen dem Osiris, der einmal auf Erden wandeln konnte, und dem Osiris, der jetzt nicht mehr auf der Erde wandeln kann, der nur dem Totenreiche angehört.
[ 45 ] Wenn wir uns heute beschränken auf die zwei Mythologien und morgen, bevor wir auf die Konklusionen eingehen, kurz streifen werden die alttestamentliche Mythologie, so merken wir es heraus aus der Art und Weise, wie die Griechen, wie die Ägypter zu ihren Göttern standen, daß sich in diesem Bewußtsein zugleich ausdrückte die Erinnerung an die alten atavistischen Hellseherzeiten. Diese sind dahin, sie sind nicht mehr da. Mit den Schicksalen, die der Mensch mit seinen Göttern zusammen erlebt hat, sei es mit Zeus oder Kronos in Griechenland, sei es mit Osiris in Ägypten, schilderte der Mensch für sich zugleich das, was er wußte: Wenn ich weiter zurückblicke, da stand ich als Mensch in einer anderen Weise mit dem Makrokosmos in Beziehung als jetzt. Das hat sich geändert.
[ 45 ] Wenn wir uns heute beschränken auf die zwei Mythologien und morgen, bevor wir auf die Konklusionen eingehen, kurz streifen werden die alttestamentliche Mythologie, so merken wir es heraus aus der Art und Weise, wie die Griechen, wie die Ägypter zu ihren Göttern standen, daß sich in diesem Bewußtsein zugleich ausdrückte die Erinnerung an die alten atavistischen Hellseherzeiten. Diese sind dahin, sie sind nicht mehr da. Mit den Schicksalen, die der Mensch mit seinen Göttern zusammen erlebt hat, sei es mit Zeus oder Kronos in Griechenland, sei es mit Osiris in Ägypten, schilderte der Mensch für sich zugleich das, was er wußte: Wenn ich weiter zurückblicke, da stand ich als Mensch in einer anderen Weise mit dem Makrokosmos in Beziehung als jetzt. Das hat sich geändert.
[ 46 ] In dieser Art und Weise zurückzublicken auf die früheren Zeiten, wo die Götter unter den Menschen wandelten, das hatte etwas Tatsächliches für diese alten Völker, weil sie wußten: der Mensch stand in dieser alten Zeit in einer andern Weise als Mikrokosmos zum Makrokosmos als jetzt. Untergegangen ist das alte atavistische Hellsehen im wesentlichen im vierten nachatlantischen Zeitraum. Das wollte man sagen durch die griechische Mythologie, das wollte man entsprechend auch sagen durch die Osirismythologie der Ägypter.
[ 46 ] In dieser Art und Weise zurückzublicken auf die früheren Zeiten, wo die Götter unter den Menschen wandelten, das hatte etwas Tatsächliches für diese alten Völker, weil sie wußten: der Mensch stand in dieser alten Zeit in einer andern Weise als Mikrokosmos zum Makrokosmos als jetzt. Untergegangen ist das alte atavistische Hellsehen im wesentlichen im vierten nachatlantischen Zeitraum. Das wollte man sagen durch die griechische Mythologie, das wollte man entsprechend auch sagen durch die Osirismythologie der Ägypter.
