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Mystery Truths and Christmas Impulses
Ancient Myths and Their Significance
GA 180

6 January 1918, Dornach

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Zehnter Vortrag

Lecture Three

[ 1 ] Wir haben versucht in diesen Tagen, einiges über den Entwickelungsgang der Menschheit zu verstehen. Wir haben gesucht, die tieferen Grundlagen solcher Mythen zu verfolgen, wie die Osiris-Isismythe eine ist; wir haben ferner versucht, uns von einem gewissen Gesichtspunkte aus wiederum in der griechischen Götterwelt zurechtzufinden. Und wir haben mit einigem die innere Bedeutung der Anschauungen gestreift, die vielleicht nicht klar zum Ausdrucke kommen, aber zugrunde liegen den Mythendichtungen Ägyptens und Griechenlands, und haben die Beziehungen dessen, was diesen Mythen zugrunde liegt, zu den alttestamentlichen Lehren, wenigstens andeutend ins Auge zu fassen versucht. Diese alttestamentlichen Lehren sind aus anderem Geiste entsprungen als die Götterlehren der Ägypter und der Griechen. Wir haben gesehen, daß die Götterlehren der Ägypter und der Griechen, so wie sie aufgebaut sind, herstammen aus gewissen alten geistigen Erfahrungen der Menschheit, aus einem gewissen Bewußtsein heraus, daß die Menschheit einmal atavistisches Hellsehen gehabt hat und durch das atavistische Hellsehen mit dem Geiste, der die Natur durchdringt, in einer so innigen Beziehung gestanden hat, wie später die Menschheit nur in Beziehung steht zwischen Geburt und Tod mit dem äußerlich Sinnenfälligen. Wir haben gesehen, daß für diese alte atavistische Erkenntnis die umfassende Anschauung von der Welt, welche innerliche Erfahrung war, mehr zu bedeuten hatte als dasjenige, was die bloß sinnenfällige Anschauung der Übergangsmenschheit, zu der wir auch noch gehören, in bezug auf Erkenntnis sein kann.

[ 1 ] We have been endeavouring in these lectures to understand something of the course of mankind's evolution; we have sought to follow up the deeper foundations of such Myths as the Osiris-Isis Myth; we have further sought to find our way again, from a certain aspect, in the world of the Greek Gods. We have lightly touched upon the inner meaning of the concepts which perhaps do not come to clear expression, but which underlie the poetic myths of Egypt and Greece, and have sought to study, at any rate to indicate, the connection between the basis of these myths and the Old Testament doctrines. These Old Testament doctrines have sprung from a different spirit from that of the mythology of the Egyptians and the Greeks. We have seen that the Egyptian and Grecian mythologies in the manner of their structure, are derived from certain ancient experiences of mankind. They are based on a certain consciousness that humanity once possessed atavistic clairvoyance, and through the atavistic clairvoyance had stood in the same inner relation to the spirit pervading Nature, as later on man is related between birth and death to the things of the senses. We have seen that for this old atavistic knowledge the far-reaching world-conception, which was an inner experience, signified more than the mere sense-perception knowledge of the transitional humanity to which we still belong.

[ 2 ] Alles, was sich gewissermaßen abgesetzt hat an Vorstellungen in der ägyptischen, in der griechischen Götterlehre, Götteranschauung besser gesagt, das ist mit dem moralischen Grundton eben als eigentliche Lehre im Alten Testamente zu finden. Ich sagte Ihnen ja vorgestern, als ich von einem wichtigen Unterschiede der ägyptischen, der griechischen Götterlehre und des Alten Testamentes sprach: Diejenigen geistig-göttlichen Wesenheiten, welche am Ausgangspunkt des Alten Testamentes stehen, die Elohim, Jahve, sie können nur gedacht werden als den Menschen mitschaffend; sie können nur so gedacht werden, daß durch ihre Taten dasjenige entstanden ist, was wir Erdenmenschheit nennen, und daß die gesamte Entwickelung der Erdenmenschheit erst nach der Grundtat der Elohim beziehungsweise Jahves, sich auf Erden vollzieht. Das ist bei der ägyptischen, bei der griechischen Götterlehre nicht so. Da sehen die Menschen zurück in alte Zeiten und sie sagen sich: Die Götter Osiris, Isis, Zeus, Apollo, Mars, Pallas, die jetzt mit der Lenkung der menschlichen Geschicke zusammenhängen, die sind entstanden aus andern Göttergenerationen heraus; aber die Menschen waren immer schon da. Die ägyptische, die griechische Götterlehre führte die Menschen zurück auf alte Zeiten, in denen noch nicht diejenigen Götter schaffend und herrschend waren, die eben von diesen Zeiten anerkannt werden. Die Menschen schrieben sich also in Ägypten und Griechenland ein höheres Alter zu, als das Herrschaftsalter ihrer entsprechenden Götter ist.

[ 2 ] All that had arisen as pictures in the Egyptian and the Greek mythology, or better to say, contemplation of the Gods, is to be found in the Old Testament as actual doctrine, with the key-note of morality. In fact, the day before yesterday, as I spoke of the important difference between the mythology of Egypt and Greece and the Old Testament, I told you that the divine spiritual Beings who stand at the beginning of the Old Testament, the Elohim, Jahve, can only be thought of as together creating mankind. We can only think of them as producing through their deeds what we call earthly humanity. In fact the whole evolution of earthly man is only accomplished according to the fundamental deed of the Elohim, of Jahve. I said that that is not the case in Egyptian or Greek mythology. There men looked back into ancient times and said to themselves: the Gods Osiris, Isis, Zeus, Apollo, Mars, Pallas, who are now connected with the guidance of human destiny, they have arisen from other generations of Gods, but men were already in existence. The Egyptian and the Greek mythology traced man back to older times in which those Gods were not yet creating and ruling who were recognized in their own times. Thus men in Egypt and Greece ascribed to themselves a greater antiquity than that of the Gods then in power.

[ 3 ] Das ist ein so fundamentaler, ein so bedeutsamer Unterschied, daß man ihn zunächst wohl ins Auge fassen muß. Wir werden im Laufe dieser Betrachtungen sehen, auf was für eine unendlich wichtige, bedeutsame Tatsache diese Anschauung hinzielt. Bei der alttestamentlichen Götterlehre liegt die Sache so, daß die verehrten Götter zu gleicher Zeit die für das Menschengeschlecht schöpferischen Götter sind. Nur dadurch, daß die alttestamentliche I.ehre das Göttliche zum Menschlich-Schöpferischen macht, nur dadurch ist es der alttestamentlichen Lehre möglich geworden, das moralische Element, den moralischen Impuls in die Götterordnung und dadurch in die ganze Menschenordnung, wir könnten sagen, in die Vorstellung mit aufzunehmen.

[ 3 ] This is so fundamental and significant a difference that one must bear it well in mind. In the course of these studies we shall see to what an infinitely important and significant fact this conception points. In the Old Testament doctrine the Gods who were revered were at the same time the Gods who created the human race. Only because the Old Testament doctrine makes the Divine the creator of man, only through this was it possible for the Old Testament doctrine to insert at the same time the moral element, moral impulse, into the divine order and hence into the whole ordering of mankind, into Providence, one might say.

[ 4 ] Es ist dies wichtig zum Verständnis der Weltanschauungen der Gegenwart. Denn die Weltanschauungen der Gegenwart stammen nicht in sehr eindeutiger Weise von irgendeinem einheitlichen Ursprung ab, sondern die Weltanschauungen der Gegenwart haben sehr verschiedene Ursprünge, und manches tragen wir in uns, an das wir glauben, zu dem wir uns bekennen als Menschen der Gegenwart, welches unmittelbar im griechischen Anschauen wurzelt. Manches tragen wir in uns, insbesondere die unmittelbare Gegenwart trägt vieles in sich, welches zurückweist auf die alttestamentliche Götterlehre. Das Suchen der Menschen, das Suchen vieler Menschen geht nach einem Sich-Zurechtfinden in diesen oftmals einander widersprechenden Vorstellungen und Begriffen durch den Impuls, der von dem Mysterium von Golgatha ausgeht. Das alles ist gewissermaßen noch Programm für uns, und wir werden es in dieser Zeit, die uns noch gegönnt ist zusammenzusein, auszubauen haben.

[ 4 ] This is important for an understanding of the present-day world conception. For the world concepts of today are not derived in any very definite way from a uniform source; they have very different origins, and we bear much within us in which we believe, which we profess as modern men, that is directly rooted in Greek ideas. We bear much within us, especially the immediate present bears much in it, that points back to the Old Testament. The search of many human beings to find their right way among these often contradictory concepts and ideas, comes through the impulse that proceeds from the Mystery of Golgotha. This all lies as yet in our programme and we shall have to build it up in the time we are still vouchsafed to be together.

[ 5 ] Wichtig ist vor allen Dingen, daß wir eines zugrunde legen können. Ich habe schon gestern darauf hingedeutet. Wir leben — das haben wir öfter erwähnt — seit dem 15. Jahrhundert im fünften nachatlantischen Zeitalter; und in einer gewissen Beziehung, sagte ich, müssen gewisse Impulse des dritten nachatlantischen Zeitalters, des ägyptisch-chaldäischen Zeitalters, wiederum aufgehen in dem fünften, geradeso wie in dem sechsten nachatlantischen Zeitalter gewisse Impulse des zweiten, des Zarathustrazeitalters, des urpersischen, aufleuchten werden, und wie im letzten nachatlantischen Zeitalter, im siebenten, gewisse Impulse des urindischen Zeitalters wieder aufleuchten werden. Das ist ein Gesetzmäßiges im menschlichen Entwickelungsgange, das in bedeutungsvoller Weise hinzielt auf dasjenige, was im wesentlichen der Menschheit geistig bevorsteht bis zu der neuen Katastrophe, die kommen muß, einer Naturkatastrophe ähnlich.

[ 5 ] It is above all important that we can lay one thing as a foundation; I have already referred to it yesterday. We have often related that we are living, since the 15th century, in the fifth Post-Atlantean epoch, and in a certain connection, I said, certain impulses of the third Post-Atlantean epoch, the Egypto-Chaldean must reappear in the fifth, just as in the sixth Post-Atlantean epoch, certain impulses of the second, the Zarathustra, the Old Persian epoch will light up, and as in the last Post-Atlantean epoch, the seventh, certain impulses of the original Indian epoch will light up again. That is a law in the course of human evolution which points in a significant manner to the essentials standing spiritually before mankind up to the new catastrophe that is to come—like a catastrophe of nature.

[ 6 ] Nun haben wir zum Teil schon gesehen, welch ungeheure Tiefe des menschlichen Bewußtseins in alten Zeiten sich darinnen ausdrückt, daß diese alten Zeiten die Osirismythe ausgebildet haben. Wir haben gesehen, daß dieses alte Zeitalter sagen wollte: Es lebte einst unter den Menschen eine Anschauung, wodurch der Mensch das Geistige in seiner Naturumgebung noch unmittelbar in seinen atavistischen Imaginationen erleben konnte. — Das war die Zeit, in der Osiris herrschte. Aber die neuen Anschauungen, die Typhonanschauungen, jene Anschauungen, die aus der Bilderschrift die Buchstabenschrift gemacht haben, jene Anschauungen, die aus den uralten heiligen Sprachen, welche die Menschen gemeinschaftlich gesprochen haben, die einzelnen Lautsprachen gebildet haben, diese typhonischen Anschauungen, diese Anschauungen Typhons, die haben dasjenige, was in der Menschheit als der Osirisimpuls lebte, getötet, so daß der Osiris seither als eine Wesenheit bei den Menschen nur dann ist, wenn sie zwischen dem Tod und einer neuen Geburt sind.

[ 6 ] Now we have seen in part what immense depth of human consciousness in ancient times is expressed in the fact that these ancient ages evolved the Osiris-myth. We have seen that this early age meant to say: there once lived a perception among men through which man could still directly experience the spiritual in his natural surroundings in his atavistic imaginations. That was the age in which Osiris ruled. But the new perceptions, the Typhon perceptions, those perceptions that have made the letter-script from the picture-script, those perceptions which from the primeval sacred language which men used to speak in common have formed the individually sounding languages, these perceptions of Typhon, they have slain what lived in humanity as the Osiris-impulse. So that since then Osiris is a Being at the side of men only when they are between death and a new birth.

[ 7 ] Wir haben dann im wesentlichen die Osiris-Isislegende verfolgt, haben gesehen, wie Osiris als ein uralter Herrscher Ägyptens betrachtet wird, der den Ägyptern die wesentlichsten ihrer Künste gebracht hat, der durch lange Zeiten hindurch in Ägypten geherrscht hat, der auch von Ägypten aus in andere Länder gezogen ist, und nicht durch das Schwert, sondern durch die Überredung die Wohltaten der in Ägypten gelehrten Künste nach andern Ländern gebracht hat. Während seiner Abwesenheit auf Reisen also, als er nach andern Ländern die Wohltat brachte, durch die er die Ägypter unterwies, führte in seinem eigenen Lande, in Ägypten, Typhon, sein böser Bruder, Neuerungen ein. Und als dann Osiris wieder zurückkam, wurde er trotz der Wachsamkeit seiner Gattin Isis von Typhon getötet. Isis suchte dann den Osiris überall. Durch Knaben — so erzählt die Legende — wurde ihr verraten, daß der Sarg fortgeschwommen sei. Sie entdeckte ihn dann in Byblos in Phönizien, sie brachte ihn zurück nach Ägypten. Typhon zerstückelte den Leichnam in vierzehn Stücke. Isis sammelte die Stücke; sie konnte jedem Stück durch Spezereien und andere Mittel wiederum das Aussehen des Osiris geben. Sie bewog dann die Priester, ein Drittel des Landes von ihr in Besitz zu nehmen und dafür, daß sie ein Drittel des Landes in Besitz nahmen, sollten sie auf der einen Seite das Grabmal des Osiris geheimhalten, auf der andern Seite den Osirisdienst einrichten, das heißt den Erinnerungsdienst an die alte Osiriszeit, daran, daß einstmals ein anderes Anschauen in der Menschheit vorhanden war. Es sollte diese Erinnerung fortan gefeiert werden. Umflossen war diese Erinnerung von allerlei Geheimnissen. Hingedeutet war auf die Zeit, in der Typhon den Osiris getötet hat, als die Zeit, in welcher die Sonne in den Novembertagen des Herbstes untergeht im siebzehnten Grade des Skorpion, und der Mond, auf der entgegengesetzten Seite, im Stier, in den Plejaden als Vollmond erschienen war.

[ 7 ] We have then followed the Osiris-Isis Legend in its essentials, have seen how Osiris was regarded as a primeval ruler of Egypt who brought the Egyptians the most important of their arts, who ruled in Egypt throughout long ages, who also traveled from Egypt into other lands, and not by the sword but by persuasion brought them the benefits of the arts taught in Egypt. During his absence upon journeys, as he conferred on other lands the benefits with which he had instructed the Egyptians, Typhon, his wicked brother, introduced innovations into his own land of Egypt. And then as Osiris returned he was slain by Typhon despite the watchfulness of his consort Isis. Then Isis sought everywhere for Osiris. Through boys—so says the legend—it was revealed to her that the coffin had been carried away by the sea; she discovered it then in Byblos in Phoenicia and brought it back to Egypt. Typhon cut up the corpse into fourteen pieces. Isis collected the pieces; with the use of spices and by other means she was able to give each piece the appearance of Osiris again. She then induced the priests to accept a third of the land from her, and by being in possession of a third of the land, on the one hand they should keep the grave of Osiris secret, on the other hand institute the Osiris cult—that is to say, a memorial service of the ancient Osiris-time, to keep in memory that there had once been a different perception in humanity. This remembrance was thenceforward to be preserved and all sorts of secrets surrounded it. The time in which Typhon had slain Osiris was indicated to be the time in the November days of autumn when the sun sets in the seventeenth degree of Scorpio, and opposite in Taurus the moon appears in the Pleiades as full-moon.

[ 8 ] Dann wurde erzählt, daß sich Osiris noch einmal von der Unterwelt, wo er fortan über die Toten herrscht, wo er der Totenrichter ist, begeben hat in die Oberwelt, um seinen Sohn Horus, den er mit Isis hatte, zu unterweisen. Es wird weiter von der Legende erzählt, daß Isis sich doch habe bewegen lassen, den Typhon freizugeben, den sie gefangengehalten hatte. Darüber erzürnte der von Osiris unterrichtete Sohn Horus so stark, daß er mit der Mutter, mit der Isis, in Streit kam und ihr die Krone entriß. Dann wird erzählt, daß er ihr entweder selber, in anderer Version auch, daß der Hermes ihr an Stelle der Krone Kuhhörner aufgesetzt hätte, mit denen sie seither abgebildet wird.

[ 8 ] Then it was related that Osiris once more betook himself from the Underworld, where he rules over the dead and judges them, to the Upperworld in order to instruct his son Horus, whom he had had by Isis. It is further related by the legend that Isis let herself be induced to set free Typhon, whom she had held imprisoned. Her son Horus, instructed by Osiris, grew so angry at this that he came in conflict with Isis his mother and seized the crown from her. Then it is related that either he himself, or, in other versions, Hermes, set cow-horns upon her head in place of the crown, and since then she has been portrayed with these.

[ 9 ] Nun, Sie sehen da Isis in der altägyptischen Mythe an der Seite des Osiris stehen. Und Isis war für die Anschauung der alten Ägypter nicht nur eine geheimnisvolle Gottheit, nicht nur ein geheimnisvolles Geisteswesen, das mit dem Weltenregiment in innigem Zusammenhange stand, sondern Isis war auch, ich möchte sagen, der Inbegriff alles Tiefen, das die Ägypter zu denken vermochten über die Urkräfte, die im Natürlichen und im Menschendasein wirkten. Wenn der Ägypter aufschauen sollte zu dem, was die großen Geheimnisse in seiner Umgebung sind, dann sollte er aufblicken zu Isis, welche ein Standbild hatte in dem Tempel zu Sais, das berühmt geworden ist. Unter diesem Standbilde stand bekanntlich die Inschrift, die ausdrücken sollte das Wesen der Isis: Ich bin das All, ich bin die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft; meinen Schleier hat noch kein Sterblicher gelüftet.

[ 9 ] Now you see Isis in ancient Egyptian myths standing there at the side of Osiris. And for the feeling of the old Egyptians she was not only a mysterious deity, a mysterious spirit-being who stood in inner relation with the ordering of the world, but one could say that Isis was the epitome of all the deepest thoughts the Egyptians were able to form about the archetypal forces working in nature and in man. If the Egyptian was to look up to the great mysteries in his surroundings, then he must look up to Isis who had a statue in the temple at Sais which has become famous. Beneath this statue, as is well known, stood the inscription that should express the being of Isis: ‘I am the All, I am the Past, the Present and the Future; no mortal has yet lifted my veil.’

[ 10 ] Das war insbesondere im Spätzeitalter der ägyptischen Kultur ein Mittelpunktsgedanke dieser ägyptischen Kultur. Und im Anblicke der Geheimnisse der Isis erinnerte man sich an die andern Geheimnisse der alten Osiriszeit. Und mit der Isis in Zusammenhang, mit der Isis, vor deren Anblick der ägyptische Bekenner erschauerte, wenn er die Worte auf sich wirken ließ: Ich bin das All, ich bin die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft; meinen Schleier hat noch kein Sterblicher gelüftet —, wenn der Ägypter diese Worte auf sich wirken ließ, dann gedachte er wohl auch zu gleicher Zeit, daß Isis einmal verbunden war mit Osiris, als Osiris noch auf Erden wandelte. Der profane Mensch stellte sich die Sache legendenhaft vor. In den Mysterien sprachen die Priester davon, daß die alte Osiriszeit diejenige war, in welcher das alte Hellsehen den Menschen mit dem Geiste der Natur ringsherum verband.

[ 10 ] Especially in the later period of the Egyptian civilization that was a central thought. And in gazing at the mysteries of Isis, one remembered the other mysteries of the ancient Osiris age. And in connection with Isis, with the Isis at the sight of whom the pious Egyptian trembled when he let the words work upon him: ‘I am the All, I am the Past, the Present and the Future, no mortal has yet lifted my veil;’ when these words worked upon him the Egyptian remembered at the same time that Isis was once united with Osiris, when Osiris still wandered upon earth. The laity looked at it as legendary. In the mysteries the Priests explained that the ancient Osiris time was that in which the old clairvoyance united man with the spirit of nature all about him.

[ 11 ] Mit diesen Empfindungen und Gefühlen, die in der Seele, die im Herzen des Ägypters waren, muß man heute zur Orientierung für die Gegenwart die Osiris-Isislegende oder -mythe nun ins Auge fassen. Wir haben es zunächst in einigen Grundzügen getan. Und durch diese Grundzüge soll, möchte ich sagen, vor unserem Seelenblicke stehen dasjenige, was einmal herübergetönt hat aus alten Zeiten in neuere Zeiten, was durch das Mysterium von Golgatha zwar seinen Sinn verloren hat, aber heute wiederum enträtselt werden muß, gerade zum besseren Verständnisse des Mysteriums von Golgatha. Vor unserem Seelenblick muß stehen all das Geheimnisvolle, das zunächst nur geahnt werden kann, wenn der Ägypter die Worte empfand, die die Charakteristik der Isis abgaben: Ich bin das All, ich bin die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft; meinen Schleier hat noch kein Sterblicher gelüftet. — Denn wir wollen gegenüber dieser OsirisIsismythe eine andere Osiris-Isismythe stellen, eine ganz andere. Und indem diese erzählt wird, diese andere Osiris-Isismythe, muß im hohen Grade auf Ihre Vorurteilslosigkeit, auf Ihre Unbefangenheit, muß darauf gerechnet werden, daß Sie ja nicht mißverstehen diese andere Osiris-Isismythe. Sie ist keineswegs aus albernem Hochmut geboren, sie ist in Demut geboren; sie ist auch so geartet, daß sie vielleicht heute nur in höchst unvollkommener Weise erzählt werden kann. Aber ich werde versuchen, ihre Züge mit einigen Worten zu charakterisieren.

[ 11 ] For an understanding of the Osiris-Isis legend or myth at the present day, one must view it with the sensations and feelings which were in the soul, in the heart, of the Egyptian. We have done so in a few characteristic features to begin with. And through these characteristic features there is to stand before our soul's gaze that which once sounded over from ancient times into newer times, which lost its meaning through the Mystery of Golgotha, but must be again unriddled today—precisely for the better understanding of the Mystery of Golgotha. There must stand before our soul's gaze all the mystery that at first could only be divined when the Egyptian felt the words that gave the description of Isis: ‘I am the All, I am the Past, the Present and the Future; no mortal has yet lifted my veil.’ For, my dear friends, we will set opposite this Osiris-Isis myth another Osiris-Isis myth, quite another one. And in the relation of this other Osiris-Isis myth I must count upon your freedom from prejudice, your impartiality in the highest degree, in order that you do not misunderstand it. This other Osiris-Isis myth is in no way born out of foolish arrogance, it is born in humility; it is also of such a nature that perhaps it can only be related today in a most imperfect way. But I will try to characterize its features in a few words.

[ 12 ] Es ist zunächst — obwohl das nur vorläufig sein kann — jedem überlassen, wann er die Zeit ansetzen will, in der diese Osiris-Isismythe so erzählt wird, wie ich sie nur annähernd, oberflächlich, möchte ich sagen, banal heute erzählen kann. Aber wie gesagt, ich will mich bemühen, diese andere Osiris-Isismythe zu erzählen, mich dabei möglichst über manche Vorurteile hinwegsetzend und appellierend an Ihr vorurteilsloses Verständnis. Diese andere Osiris-Isismythe hat also etwa, ich sage etwa, folgenden Inhalt.

[ 12 ] It is in the first place left to each one—though that can only be provisionally—to fix the time when this Osiris-Isis myth was related in a way that I can only relate today approximately, superficially, even banally. But, as I said, I will try to relate this other Osiris-Isis myth disregarding as much as possible many prejudices and calling upon your unbiased understanding. This other Osiris-Isis myth then has somewhat—I say ‘somewhat’—the following contents.

[ 13 ] Es war in der Zeit der wissenschaftlichen Tiefgründigkeit, mitten im Lande Philisterium. Da wurde errichtet auf einem geisteseinsamen Hügel ein Bau, den man im Lande Philisterium sehr merkwürdig fand. — Ich möchte noch sagen: Der kommende Kommentator fügt da eine Anmerkung hinzu, daß mit dem Lande Philisterium nicht bloß etwa die allernächste Umgebung gemeint ist. — Wenn man in der Sprache Goethes reden wollte, so könnte man sagen, der Bau stellte dar ein «offenbares Geheimnis». Denn der Bau war niemandem verschlossen; der Bau war allen zugänglich, und es konnte ihn im Grunde genommen jeder bei günstiger Gelegenheit sehen. Aber die allergrößte Mehrzahl der Leute sah gar nichts. Die allergrößte Mehrzahl der Leute sah weder, was gebaut ist, noch was das Gebaute vorstellte. Die allergrößte Mehrzahl der Leute stand — um eben wieder im goetheschen Sinne zu reden — vor einem offenbaren Geheimnis, einem ganz offenbaren Geheimnis.

[ 13 ] ‘It was in the age of scientific profundity, in the midst of the land of Philisterium. Upon a hill in spiritual seclusion was erected a Building which was considered to be very remarkable in the land of Philisterium.’ (I should just like to say that the future commentator here adds a remark that by ‘the land of Philisterium’ not merely the very nearest environment is meant.) If one wanted to use the language of Goethe one could say that the Building represented an ‘open secret’. For the Building was closed to none, it was open to all, and in fact everyone could see it at convenient times. But for the greater number of people saw nothing at all. Far the greater number of people saw neither what was built nor what this represented. Far the greater number of people stood—to use Goethe's words again—before an ‘open secret’, a completely open secret.

[ 14 ] Als Mittelpunkt des Baues war ein Standbild gedacht. Dieses Standbild stellte dar eine Gruppe von Wesenheiten: den Menschheitsrepräsentanten, dann Luziferisches, Ahrimanisches. Die Menschen schauten sich dieses Standbild an und wußten in dem Zeitalter der wissenschaftlichen Tiefgründigkeit innerhalb des Landes Philisterium nicht, daß dieses Standbild im Grunde genommen nur der Schleier ist für ein unsichtbares Standbild. Aber das unsichtbare Standbild, das merkten die Leute nicht; denn dieses unsichtbare Standbild, das war die neue Isis, die Isis eines neuen Zeitalters.

[ 14 ] A statue was intended to be the central point of the Building. This statue presented a Group of beings: the Representative of Man, then—Luciferic and Ahrimanic figures. People looked at the statue and did not know in the age of scientific profundity in the land Philisterium that the Statue, in fact, was only the veil for an invisible statue. But the invisible statue was not noticed by people, for it was the new Isis, the Isis of a new age.

[ 15 ] Einige aus dem Lande der wissenschaftlichen Tiefgründigkeit hatten einmal gehört von diesem merkwürdigen Verhältnisse desjenigen, was offenbar war, zu dem, was als Isisbild verborgen war hinter dem Offenbaren. Und dann hatten sie in ihrer tiefgründigen, allegorisch-symbolischen Sprechweise die Behauptung aufgestellt: diese Zusammenstellung des Menschheitsrepräsentanten und Luzifer und Ahriman bedeutete die Isis. Mit diesem Worte «bedeutete» haben sie aber nicht nur das künstlerische Wollen ruiniert, aus dem die Sache hervorgegangen sein sollte — denn Künstlerisches bedeutet nicht nur etwas, sondern ist etwas —, sie haben auch die ganze Sachlage, die zugrunde liegt, vollständig verkannt. Denn es handelte sich gar nicht darum, daß die Gestalten etwas bedeuteten, sondern die Gestalten waren schon das, als was sie sich gaben. Und hinter den Gestalten war nicht eine abstrakte neue Isis, sondern eine wirkliche, reale neue Isis. Die Gestalten bedeuteten sie gar nicht, sondern die Gestalten waren eben für sich das, als was sie sich gaben. Aber sie hatten in sich die Eigentümlichkeit, daß hinter ihnen das reale Wesen, die neue Isis, war.

[ 15 ] Some few persons of the land of scientific profundity had once heard of this remarkable connection between what was visible and what, as Isis-image, was concealed behind what was open and evident. And then in their profound allegorical-symbolical manner of speech they had put forward the assertion that this combination of the Representative of Man with Lucifer and Ahriman signified Isis. With this word ‘signified’, however, they not only ruined the artistic intention from which the whole thing was supposed to proceed—for an artistic creation does not merely signify something, but is something—but they completely misunderstood all that underlay it. For it was not in the least the point that the figures signified something, but that they already were what they appeared to be. And behind the figures was not an abstract new Isis, but an actual, real new Isis. The figures ‘signified’ nothing at all, but they were in fact, in themselves, that which they made themselves out to be. But they possessed the peculiarity that behind them there was the real being, the new Isis.

[ 16 ] Einige, welche in besonderer Lage, in besonderen Augenblicken diese neue Isis doch gesehen hatten, haben gefunden, daß sie schläft. Und so kann man sagen: Das wirkliche tiefere Standbild, das sich hinter dem äußeren, offenbaren Standbilde verbirgt, ist die schlafende neue Isis, eine schlafende Gestalt, sichtbar, aber von wenigen gesehen. Manche wandten sich dann in besonderen Augenblicken zur Aufschrift, die deutlich dasteht, aber auch von wenigen in dem Ort, wo das Standbild in Vorbereitung steht, zunächst gelesen worden ist; und doch steht die Aufschrift deutlich da, ebenso deutlich, wie einstmals die Aufschrift auf dem verschleierten Bilde zu Sais gestanden hat. Die Aufschrift steht nämlich da: Ich bin der Mensch. Ich bin die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Meinen Schleier sollte jeder Sterbliche lüften.

[ 16 ] Some few who in special circumstances, in special moments, had nevertheless seen this new Isis, found that she is asleep. And so one can say: the real deeper-lying statue that conceals itself behind the external statue is the sleeping new Isis, a sleeping figure—visible—but seen by few. Many persons then turned in special moments to the inscription, which is plainly there at the spot where the statue stands in preparation, but which also has been read by few. And yet the inscription stands clearly there, just as clearly as the inscription once stood on the veiled form at Sais. In fact the inscription stands there: ‘I am Man, I am the Past, the Present and the Future. Every mortal should lift my veil.’

[ 17 ] Einstmals nahte sich der schlafenden Gestalt der neuen Isis zum ersten Male und dann immer wieder und wiederum eine andere Gestalt, wie ein Besucher. Und die schlafende Isis hielt diesen Besucher für ihren besonderen Wohltäter und liebte ihn. Und sie glaubte eines Tages an eine besondere Illusion, ebenso wie der Besucher eines Tages an eine besondere Illusion glaubte: die neue Isis bekam einen Sprossen — und sie hielt den Besucher, den sie für ihren Wohltäter hielt, für den Vater. Der hielt sich selber für den Vater, aber er war es nicht. Der geistige Besucher, der kein anderer war als der neue Typhon, er glaubte, daß er dadurch in der Welt einen besonderen Zuwachs seiner Macht erhalten könnte, daß er sich dieser neuen Isis bemächtige. So hatte die neue Isis einen Sprossen. Aber sie erkannte sein Wesen nicht, sie wußte nichts von der Wesenheit dieses neuen Sprossen. Und sie verschleppte ihn, sie trug ihn hinaus weit in die Lande, weil sie glaubte, daß sie das so tun müsse. Sie verschleppte den neuen Sprossen, und da sie ihn durch verschiedene Gegenden der Welt geschleppt hatte, verschleppt hatte, da zerfiel er wie durch die Gewalt der Welt selber in vierzehn Stücke.

[ 17 ] Another figure, as a visitor, once approached the sleeping figure of the new Isis, and then again and again. And the sleeping Isis considered this visitor her special benefactor and loved him. And one day she believed in a particular illusion, just as the visitor believed one day in a particular illusion: the new Isis had an offspring—and she considered the visitor whom she looked on as her benefactor, to be the father. He regarded himself as the father, but he was not. The spirit-visitor, who was none other than the new Typhon, believed that he could acquire a special increase of his power in the world if he took possession of this new Isis. So the new Isis had an offspring, but she did not know its nature, she knew nothing of the being of this new offspring. And she moved it about, she dragged it far off into other lands, because she believed that she must do so. She trailed the new offspring about, and since she had trailed and dragged it through various regions of the world it fell to pieces into fourteen parts through the very power of the world.

[ 18 ] So hatte die neue Isis ihren Sprossen hinausgetragen in die Welt, und die Welt hatte den Sprossen zerstückelt in vierzehn Stücke. Als dieses der Geistbesucher erfahren hatte, der neue Typhon, da hat er die vierzehn Stücke zusammengesucht, und mit all den Kenntnissen der naturwissenschaftlichen Tiefgründigkeit hat er aus diesen vierzehn Stücken wiederum eines gemacht, ein Wesen. Aber in diesem Wesen war nur mechanische Gesetzmäßigkeit, nur maschinenmäßige Gesetzmäßigkeit. So war ein Wesen entstanden mit dem Schein des Lebens, das aber maschinenmäßige Gesetzmäßigkeit hatte. Und dieses Wesen, weil es aus vierzehn Stücken entstanden ist, konnte sich wiederum vervierzehnfachen. Und Typhon konnte jedem Stück einen Abglanz seiner eigenen Wesenheit geben, so daß jedem der vierzehn Sprossen der neuen Isis ein Antlitz ward, das dem neuen Typhon glich.

[ 18 ] Thus the new Isis had carried her offspring into the world and the world had dismembered it in fourteen pieces. When the spirit-visitor, the new Typhon, had come to know of this, he gathered together the fourteen pieces, and with all the knowledge of natural scientific profundity he again made a being, a single whole, out of the fourteen pieces. But in this being there were only mechanical laws, the law of the machine. Thus a being had arisen with the appearance of life, but with the laws of the machine. And since this being had arisen out of fourteen pieces, it could reproduce itself again, fourteen-fold. And Typhon could give a reflection of his own being to each piece, so that each of the fourteen offspring of the new Isis had a countenance that resembled the new Typhon.

[ 19 ] Und Isis mußte ahnend all dies Wunderbare verfolgen; ahnend konnte sie all dieses Wunderbare schauen, was mit ihrem Sprossen vor sich gegangen war. Sie wußte: sie hat ihn selber verschleppt, sie hat selber das alles herbeigeführt. Aber es kam ein Tag, da konnte sie ihn in seiner wahren Gestalt, in seiner echten Gestalt von den Händen einer Reihe von Geistern, die Elementargeister der Natur waren, entgegennehmen, konnte ihn zurückerhalten von Elementargeistern der Natur.

[ 19 ] And Isis had to follow all this strange affair, half-divining it; half-divining she could see the whole miraculous change that had come to her offspring. She knew that she had herself dragged it about, that she had herself brought all this to pass. But there came a day when in its true, its genuine form she could accept it again from a group of spirits who were elemental spirits of nature, could receive it from nature elementals.

[ 20 ] Als sie ihren wahren Sprossen, der nur durch eine Illusion zum Sprossen des ’Typhon gestempelt worden war, zurückerhalten hatte, da ging ihr ein merkwürdiges hellseherisches Gesicht auf, da merkte sie plötzlich, daß sie noch die Kuhhörner vom alten Ägypten hatte, trotzdem sie eine neue Isis geworden war.

[ 20 ] As she received her true offspring which only through an illusion had been stamped into the offspring of Typhon, there dawned upon her a remarkable clairvoyant vision: she suddenly noticed that she still had the cow-horns of ancient Egypt, in spite of having become a new Isis.

[ 21 ] Und siehe da, als sie so hellsichtig geworden war, rief die Kraft ihrer Hellsichtigkeit — einige sagen den Typhon selbst, einige sagen den Merkur herbei. Und der war gezwungen, durch die Kraft der Hellsichtigkeit der neuen Isis, ihr eine Krone an dieselbe Stelle ihres Hauptes aufzusetzen, wo einstmals die alte Isis jene Krone gehabt hat, die ihr Horus herabgerissen hatte, an dieselbe Stelle also, wo sie die Kuhhörner bekommen hat. Aber diese Krone war aus eitlem Papier, beschrieben mit allerlei tiefgründiger Wissenschaftlichkeit, aber sie war aus Papier. Und sie hatte jetzt zwei Kronen auf dem Kopf: die Kuhhörner und die Krone aus Papier, mit aller Weisheit der wissenschaftlichen Tiefgründigkeit geziert.

[ 21 ] And lo and behold, when she had thus become clairvoyant, the power of her clairvoyance summoned—some say Typhon himself, some say, Mercury. And he was obliged through the power of the clairvoyance of the new Isis to set a crown on her head in the place where once the old Isis had had the crown which Horus had seized from her, that is to say, on the spot where she developed the cow-horns. But this crown was merely of paper—covered with all sorts of writings of a profoundly scientific nature—still it was of paper. And she now had two crowns on her head, the cow-horns and the paper crown embellished with all the wisdom of scientific profundity.

[ 22 ] Durch die Kraft ihrer Hellsichtigkeit ging ihr eines Tages auf die tiefste Bedeutung, die das Zeitalter erreichen konnte, desjenigen, was im Johannes-Evangelium als der Logos bezeichnet wird; es ging ihr die Johanneische Bedeutung des Mysteriums von Golgatha auf. Durch diese Kraft ergriff die Macht der Kuhhörner die papierene Krone und wandelte sie in eine wirkliche Goldkrone aus echter Weisheit um.

[ 22 ] Through the strength of her clairvoyance there one day arose in her the deep meaning, as far as the age could reach, of that which is described in St. John's Gospel as the Logos. There arose in her the Johannine significance of the Mystery of Golgotha. Through this strength the power of the cow-horns grasped the paper crown and changed it into an actual golden crown of genuine substance.

[ 23 ] Das sind so die Züge, die angegeben werden können von dieser neuen Osiris-Isislegende. Ich will mich selbstverständlich nicht selber zum Kommentator, zum Erklärer dieser Osiris-Isislegende machen. Sie ist die andere Osiris-Isislegende. Aber sie soll eines vor unsere Seele stellen: Wenn auch heute das Können, das verbunden ist mit dem neuen Isis-Standbilde, nur erst ein schwaches, versuchendes und tastendes ist, es soll der Ausgangspunkt von etwas sein, das tief berechtigt ist in den Impulsen der neueren Zeit, das tief berechtigt ist in dem, was dieses Zeitalter soll und was dieses Zeitalter werden muß.

[ 23 ] These then are the main features, my dear friends, that can be given of the new Osiris-Isis Legend. I will not of course make myself the commentator who explains this Osiris-Isis Legend. It is the other Osiris-Isis Legend. But it must set one thing definitely before our souls: Even though the power of action which is bound up with the new Isis statue is at first only weak, exploring and attempting, it is to be the starting point of something that is deeply justified in the impulses of the modern age, deeply justified in what this age is meant to become and must become.

[ 24 ] Wir haben gerade in diesen Tagen davon gesprochen, wie das Wort gewissermaßen sich entfernt hat von dem unmittelbar seelischen Erlebnis, dem das Wort ursprünglich entquollen ist. Wir haben gesehen, wie wir im Zeitalter der’Abstraktionen leben, wo die Worte, die Vorstellungen der Menschen nur noch abstrakte Bedeutung haben, wo der Mensch der Wirklichkeit ferne steht. Die Kraft des Wortes, die Kraft des Logos muß aber wieder ergriffen werden. Die Kuhhörner der alten Isis müssen sich in eine ganz andere Gestalt verwandeln.

[ 24 ] In recent days we have spoken of how the Word has withdrawn, as it were, from the direct soul-experience from which it originally gushed forth as from a spring. We have seen how we live in the age of abstractions, where men's words and concepts have only an abstract meaning, where man stands far away from reality. The power of the Word, the power of the Logos, however, must be laid hold of again. The cow-horns of the ancient Isis must take on quite a different form.

[ 25 ] Solche Dinge kann man schwer mit den heutigen abstrakten Worten sagen. Für solche Dinge ist es besser, wenn Sie versuchen, sie in diesen Imaginationen, die Ihnen vorgeführt worden sind, vor Ihr Seelenauge zu führen und diese Imaginationen etwas zu verarbeiten als Imaginationen. Es ist sehr bedeutsam, daß die neue Isis durch die Kraft des Wortes, wie sie wieder errungen werden soll durch die Geisteswissenschaft, die Kuhhörner umwandelt, so daß selbst die papierene Krone, die mit der neuen, tiefgründigen Wissenschaftlichkeit beschrieben ist, daß selbst die papierene Krone eine echte Goldkrone wird.

[ 25 ] It is difficult to say such things with the modern abstract words. For such things it is better if you try to bring them before the eye of your soul in such Imaginations as have been brought before you, and to work over these Imaginations as Imaginations. It is very important for the new Isis, through the power of the Word which is to be regained through spiritual science, to transform the cow-horns, so that even the paper crown which is written upon in the new deeply profound scientific method, that even the paper crown will become a genuine golden crown.

[ 26 ] Eines Tages kam dann einmal jemand vor die vorläufige Gestalt des Standbildes der neuen Isis, und links oben war eine humoristisch gehaltene Figur angebracht, die in ihrer Weltenstimmung etwas hat zwischen Ernst, Ernst im Vorstellen über die Welt und, man könnte sagen, sogar Kichern über die Welt. Und siehe da, als einstmals jemand in einem besonders günstigen Augenblicke dieser Figur sich gegenüberstellte, da wurde sie lebendig und sagte ganz humorvoll: Die Menschheit hat die Sache nur vergessen, aber schon vor Jahrhunderten ist vor die neuere Menschheit hingestellt worden etwas über die Natur der neueren Menschheit, insoferne diese neuere Menschheit nur das abstrakte Wort, den abstrakten Begriff, die abstrakte Idee noch meistert und von der Wirklichkeit sehr weit entfernt ist; insofern diese neue Menschheit sich an Worte hält und immer frägt: Ist es ein Kürbis oder ist es eine Flasche? — wenn eben zufällig aus einem Kürbis eine Flasche gemacht worden ist, immer sich an Definitionen hält, immer bei den Worten stehenbleibt! Im 15., 16., 17. Jahrhundert — so sagte das kichernde Wesen —, da hat die Menschheit noch Selbsterkenntnis gehabt über dieses eigentümliche Verhältnis, die Worte in falschem Sinne zu nehmen, sie nicht auf ihre wahre Wirklichkeit zu beziehen, sondern sie in ihrem alleroberflächlichsten Sinne zu nehmen. In dem Zeitalter des Wilsonianismus hat aber die Menschheit selbst dasjenige schon vergessen, was einstmals zu ihrer guten Selbsterkenntnis im 15., 16., 17. Jahrhundert vor sie hingestellt worden ist.

[ 26 ] ‘So one day someone came before the provisional form of the statue of the new Isis, and up above at the left was placed a figure of humorous deportment, which in its world-mood had something between seriousness, a serious idea of the world and, one might say, even a chuckling about the world. And lo and behold! as once upon a time someone stood opposite this figure in a specially favourable moment, the figure became alive and said quite facetiously: Humanity has only forgotten the matter, but centuries ago something was placed before the new humanity about the nature of the new humanity, in so far as this new humanity is still only master of the abstract word, the abstract concept, the abstract idea and is far removed from the reality. This new humanity keeps well to words and always asks: Is it a pumpkin or is it a flask? ... when it happens that a flask has been made from a pumpkin ... always clings to definitions, always stops short at words! In the 15th, 16th, 17th centuries—so said the chuckling being—mankind still had self-knowledge about this peculiar situation of taking words in a false sense, not relating them to their true reality, but taking them in their most superficial sense. Today, however, men themselves have already forgotten what was put before them for the benefit of their self-knowledge, in the 15th, 16th, 17th centuries.’

[ 27 ] Und das Wesen kicherte weiter und sagte: Das, was die moderne Menschheit als ein eigentliches Rezept für ihren abstraktiven Geist entgegennehmen sollte, das ist abgebildet auf einem Leichenstein in Mölln im Lauenburgischen. Da steht nämlich ein Leichenstein, und auf diesem Leichenstein ist gezeichnet eine Eule, die einen Spiegel sich vorhält. Und es wird erzählt, daß Till Eulenspiegel, nachdem er mit allerlei Streichen die Welt durchzogen hat, dort begraben worden ist. Es wird erzählt, daß es diesen Till Eulenspiegel gegeben habe. Er wäre geboren worden im Jahre 1300, wäre nach Polen gezogen, wäre sogar nach Rom gekommen, hätte in Rom sogar mit den Hofnarren einen Wettstreit gehabt über allerlei Weisheitskram, und hat all die übrigen Till-Eulenspiegeleien begangen, die ja aus den Schriften über Till Eulenspiegel selber zu lesen sind.

[ 27 ] And the being went on chuckling and said: ‘What modern humanity should take as a real recipe for its abstract spirit is depicted on a tombstone in Mölln in the Lauenburg district. Because a tombstone stands there and on this tombstone is drawn an owl (Eule) which holds before itself a looking-glass (Spiegel). And it is related that Till Eulenspiegel, after he had wandered through the world with all sorts of buffoonery and pranks, was buried there. It is related that this Till Eulenspiegel existed, that he was born in the year 1300, went to Poland, even reached Rome and in Rome even had a wager with the Court-jesters over all sorts of odds and ends of wisdom, and committed all the other Till Eulenspiegelisms, which indeed are to be read in the literature about Till Eulenspiegel himself.’

[ 28 ] Die Gelehrten — und die Menschen, die Gelehrte sind, sind ja heute sehr gelehrt, nehmen alles außerordentlich tief und bedeutsam —, die haben selbstverständlich gefunden, sie haben verschiedenes gefunden, zum Beispiel, daß es keinen Homer gegeben hat. Die Gelehrten haben natürlich auch gefunden, daß es keinen Till Eulenspiegel gegeben hat. Einer der Hauptgründe, warum unter dem Leichenstein im Lauenburgischen, auf dem sich die Eule mit dem Spiegel befindet, nicht die wirklichen Gebeine des wirklichen Till Eulenspiegel liegen sollen, der nur der Repräsentant seines Zeitalters gewesen wäre, einer der hauptsächlichsten Gründe war der, daß man einen andern Leichenstein gefunden hat in Belgien, worauf auch eine Eule mit einem Spiegel war. Nun haben die Gelehrten selbstverständlich gesagt — denn das ist ja logisch, nicht wahr, und logisch sind sie alle; wie ist es nur bei Shakespeare: Ehrenwerte Menschen sind sie alle, alle, alle, logisch sind sie alle — sie haben gesagt: Wenn sich dieselbe Signatur in Lauenburg und in Belgien befindet, so hat es natürlich keinen Eulenspiegel gegeben.

[ 28 ] Learned men—and the men who are scholars, are indeed very learned today and take everything with extraordinary gravity and significance—these have naturally discovered—they have discovered various things: for example, that there was no Homer, etc.—the scholars have naturally also discovered that there never was a Till Eulenspiegel. One of the chief reasons why the actual bones of the actual Till Eulenspiegel, who was only the representative of his age, are not supposed to lie beneath the tombstone in Lauenburg, on which is depicted the owl with the looking-glass, was because another tombstone had been found in Belgium upon which there was likewise an Owl with a mirror. Now the learned men naturally have said—for that is logical is it not, and logical are they all—how does it go in Shakespeare—for they are all honourable men—all, all, all!—logical are they all! They have said: if the same sign is found in Lauenburg and Belgium then naturally no Eulenspiegel existed at all.

[ 29 ] Sonst nimmt man im Leben, wenn man ein zweites Mal das findet, was man ein erstes Mal gefunden hat, dies oftmals als Bekräftigung aber logisch ist es, nicht wahr, in diesen Dingen die Sache so zu nehmen: Na, sagen wir, wenn ich einen Franken habe, dann habe ich einen Franken. Ich glaube es. Solange ich nur weiß, daß ich einen Franken habe, glaube ich es! Da kriege ich aber einen andern dazu, nun habe ich zwei. Nun glaube ich, daß ich gar keinen mehr habe! — Das ist dieselbe Logik. Diese Logik findet sich nämlich in unserer Wissenschaft. Wenn ich sie Ihnen hererzählen würde, wo überall sie findet sich sehr häufig!

[ 29 ] Generally in life if one finds a second time what one has found a first time, one takes this as a reinforcement—but it is logical, is it not, in these things to take matters so. Well, we say, if I have one franc, then I have one franc. I believe it. So long as I only know that I have a franc, I believe it! But then I get another and I now have two. Now I believe that I have not one at all!—that is the same logic. This is the logic in fact that is to be found in our science—if I were to recount to you how everywhere it is to be found wry frequently!

[ 30 ] Aber worinnen besteht denn eigentlich das Wesentlichste der Eulenspiegel-Streiche? Lesen Sie in dem Buche nach. Das Wesentliche der Till-Eulenspiegel-Streiche besteht nämlich immer darinnen, daß dem Eulenspiegel irgend etwas aufgetragen wird. Er nimmt die Sache bloß nach dem Worte und führt sie dann natürlich verkehrt aus. Denn selbstverständlich, wenn — in etwas übertragenem Sinne sei das gesprochen —, wenn man zum Beispiel sagen würde zu dem Eulenspiegel, den ich jetzt bloß als repräsentative Figur nehme: Bring mir einen Doktor —, da würde er das bloße Wort nehmen, und er würde einen Menschen bringen, der von einer Universität graduiert ist als Doktor, aber er würde vielleicht einen Menschen bringen, der — verzeihen Sie das harte Wort — ganz blitzdumm ist; er hat die Sache nur dem Wortlaute nach genommen. Alle Streiche des Till Eulenspiegel sind so, daß er die Sache dem Wortlaute nach nimmt. Damit aber ist Till Eulenspiegel geradezu der Repräsentant des gegenwärtigen Zeitalters. Die Eulenspiegelei ist ein Grundton in unserer gegenwärtigen Zeit. Die Worte sind heute weit entfernt von ihrer Ursprungsstelle, die Begriffe sind oftmals noch weiter entfernt von ihrer Ursprungsstelle, und die Menschen merken das nicht, weil sie sich eulenspiegelartig verhalten zu demjenigen, was nun einmal die Kultur heraufgetragen hat. Daher konnte es ja kommen, daß Fritz Mauthner in einem philosophischen Wörterbuch alle philosophischen Begriffe, an die er herankommen kann, vornimmt, und von allen diesen philosophischen Begriffen einen überzeugt, daß sie eigentlich bloße Worte sind, daß sie gar nicht mehr in Verbindung stehen mit irgendeiner Wirklichkeit. Die Menschheit weiß gar nicht, wie weit sie sich mit dem, was sie heute Ideen und oftmals sogar Ideale nennt, von der Realität entfernt. Mit andern Worten, die Menschheit weiß gar nicht, wie sie Eulenspiegel zu ihrem Schutzheiligen gemacht hat, wie Eulenspiegel noch immer die Länder durchwandelt.

[ 30 ] But what is the essential point of the Eulenspiegel-buffoonery? Read it up in the book: the essential thing of the Till Eulenspiegel-buffoonery always consists in the fact that Eulenspiegel is given some sort of commission, and that he takes it purely literally and naturally carries it out in the wrong way. For obviously if, for instance—to exaggerate somewhat—one were to say to Eulenspiegel (whom I now take as a representative figure) ‘Bring me a doctor,’ he would take the word literally and would bring a man who had graduated as doctor from a University. But he would perhaps bring a man who was—excuse the strong language—a perfect fool, he only went by the sound of the word. All the fooleries of Till Eulenspiegel are like this, he only goes by the wording. But this makes Till Eulenspiegel precisely the representative of the present age. Eulenspiegelism is a keynote in our modern times. Words today are far removed from their original source, ideas are often still farther removed, and people do not notice it, but behave in an Eulenspiegel way to what civilization happens to serve up. It was therefore possible for Fritz Mauthner in a philosophical dictionary to take all the philosophical concepts that he could find and convince one that all these philosophical concepts are actually merely words, that they no longer have a connection with any kind of actuality. People have no notion how far they are removed from reality in what today they call ideas, and even ‘ideals’. In other words: mankind does not know at all how it has made Eulenspiegel into its patron saint, how Eulenspiegel is still wandering through the different lands.

[ 31 ] Eines der Grundübel unserer Zeit ruht eben darinnen, daß die gegenwärtige Menschheit die Pallas Athene flieht, das ist die Göttin der Weisheit, und sich an das Symbolum hält: an die Eule. Und zwar ahnt die Menschheit nichts mehr davon, aber wahr ist es doch: Dasjenige, was uns als Grundlage der äußeren Erkenntnis entgegentritt, ist nur ein Spiegelbild — das haben wir ja oftmals ausgeführt —, aber in einem Spiegel sieht man das, was man ist! Und so sieht die Eule will sagen die moderne wissenschaftliche Tiefgründigkeit — in dem Spiegel, in der Weltenmaja, eben nur ihr eigenes Eulengesicht.

[ 31 ] One of the fundamental evils indeed, of our time, rests on the fact that modern humanity flees from Pallas Athene, that is, from the Goddess of Wisdom, and clings to the symbol, the owl (Eule). And mankind no longer has the least idea of it—but it is true, as I have often shown, that the foundation of external knowledge is only a reflection—but, my dear friends, in a mirror one sees that which one is! And so the owl ... I mean the modern scientific profundity, sees in the glass, in the world-maya illusion just simply its own face.

[ 32 ] Solche Sachen kicherte das Wesen links oben über dem modernen Isis-Standbilde, und noch manches andere, das gegenwärtig aus einer gewissen Courtoisie gegenüber der Menschheit verschwiegen wird. Aber ein Gefühl sollte hervorgerufen werden, daß mit der Eigenart dieser Darstellung der Menschengeheimnisse durch die Wesenhaftigkeit des Luziferischen, Ahrimanischen, im Zusammenhange mit der Repräsentanz der Menschheit selbst, ein Bewußtseinszustand in der Menschheit erregt werden soll, der gerade diejenigen Impulse in der Seele weckt, die notwendig sind für das kommende Zeitalter.

[ 32 ] Over such matters as these the being at the left above the modern Isis Statue chuckles and sniggers, and over many other matters which, out of a certain courtesy towards mankind, shall not be mentioned at the moment. But, a feeling should be called forth that with the peculiarity of this presentation of human mysteries through the real existence of the Luciferic, Ahrimanic, in connection with the Representative of humanity itself, a state of consciousness is to be roused in mankind which wakes those very impulses in the soul which are necessary for the coming age.

[ 33 ] «Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort.» Aber das Wort, es ist zur Phrase geworden, das Wort, es hat sich entfernt von seinem Anfang. Das Wort, es klingt und tönt, aber es wird nicht gesucht seine Verbindung mit der Wirklichkeit; es ist nicht das Bestreben in den Menschen, die Grundkräfte desjenigen, was um sie herum vorgeht, wirklich zu erforschen. Und man kann diese Grundkräfte im Sinne des gegenwärtigen Zeitalters auch nur dann erforschen, wenn man darauf kommt, daß mit den mikrokosmischen Kräften des Menschen die Wesenheit, die wir als luziferische und ahrimanische bezeichnen, wirklich verbunden ist. Man kann heute die Wirklichkeit nur verstehen für den Menschen, der zwischen Geburt und Tod lebt, wenn man sich einige Begriffe machen kann von derjenigen Wirklichkeit, die wir jetzt auch öfter betrachtet haben, die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt für den Menschen liegt. Denn die eine Wirklichkeit ist nur der Pol der andern Wirklichkeit, der umgekehrte Pol der andern Wirklichkeit.

[ 33 ] ‘In the Primal Beginning was the Word, and the Word was with God, and the Word was a God.’ But the word has become phrase, it has withdrawn from its beginning. The word sounds and resounds, but its connection with reality is not sought for; there is no endeavour among men to investigate the primary forces of what goes on around them. And one can only investigate these fundamental forces, in the sense of the present age, if one realizes that the essentiality which we call Luciferic and Ahrimanic, is really bound up with the microcosmic forces of man. And one can only understand reality today for the man living between birth and death, if one can form a few ideas of the other reality, which indeed we have often studied, that lies for man between death and a new birth. For the one reality is only the pole of the other reality, the inverted pole of the other reality.

[ 34 ] Wir haben darauf hingewiesen, wie in alten Zeiten die Menschen, wenn sie in das Reifezeitalter eingetreten sind, nicht nur eine Veränderung erfahren haben, wie sie noch heute im physischen Reifezeitalter eine Veränderung ihrer Stimme oder ihrer sonstigen Leibesorganisation erfahren, sondern auch eine Veränderung ihrer Seele erfahren haben. Wir haben darauf hingewiesen, wie die alte Osiris-Isismythe gerade mit dem Hinschwinden der Veränderung der Seele zusammenhing. Was da aufgetreten ist in der Menschheit durch jene Kräfteessenzen, von denen wir gestern gesprochen haben, das muß in anderer Form wiederkommen, indem die Menschen in einer neuen Gestalt die Kraft des Wortes erleben, die Kraft des Gedankens, die Kraft der Idee; jetzt nicht so, als wie wenn durch Naturkräfte aus der innersten Leibesorganisation — gleich wie beim Stimmverändern der Knaben — etwas heraufsteigt, was den Menschen ausziert mit der Kraft der animalischen Organisation und auf seinem Haupte unsichtbar als Kuhhörner fungiert, sondern es muß dasjenige, was gemeint ist mit dem Mysterium von Golgatha, was gemeint ist mit der wahren Kraft des Wortes, bewußt von den Menschen ergriffen werden. Ein neues Element muß einziehen in das menschliche Bewußtsein. Grundverschieden ist dieses neue Element von den Elementen, die man heute noch gerne bezeichnet. Aber dieses neue Element hat seine Bedeutung für das soziale Leben, es hat seine Bedeutung für die Menschheitspädagogik, wenn Pädagogik oder Erziehungsiehre aus dem traurigen Zustand hinauskommen sollen, in dem sie sich heute befinden.

[ 34 ] We have spoken of how in ancient times, when human beings entered on the age of maturity, they not only experienced a change such as still occurs today in the change of voice or some other part of the bodily organism, but they also underwent an alteration of the soul. We have indicated how the ancient Osiris-Isis myth was in fact connected with the vanishing of the alteration of the soul. What then arose in humanity through those essences and forces of which we spoke yesterday, must come again differently, inasmuch as men experience the force of the word, the force of the thought, the force of the idea in a new form. It must not now be as if something arises through the forces of nature from the depths of the bodily organization—as in the change of voice in the boy—something which embellishes man with the power of the animal organization and functions invisibly upon his head as cow-horns. No, there must be a conscious grasping by man of what is meant by the Mystery of Golgotha, by the true power of the Word. A new element must draw into the human consciousness. This new element is radically different from the elements which people still enjoy describing today. This new element, however, has its significance for the social life, for the pedagogy of humanity, when pedagogy, or the theory of Education, comes out of the tragic state in which it exists today.

[ 35 ] Wovon redet die tiefgründige Eulenspiegelei — will sagen, naturwissenschaftliche Tiefgründigkeit —, wovon redet sie hauptsächlich, wenn sie vom Menschen redet? Wovon redet selbst ein großer Teil der neueren Dichtung? Sie redet von dem physischen Ursprunge des Menschen im Zusammenhange mit physischen Entitäten der Abstammung. Im Grunde genommen ist ja die sogenannte moderne, die vielgerühmte moderne Entwickelungslehre nichts anderes als eine Anschauung, die in den Mittelpunkt rückt die physische Abstammungslehre. Denn der Begriff der Vererbung spielt die allergrößte Rolle in dieser Entwickelungslehre. Es ist eine Einseitigkeit. Die Menschen sind sehr zufrieden mit solcher Einseitigkeit, denn die Menschen glauben heute, daß man dabei sehr gelchrt sein kann. Man kann es auch mit ganz willkürlichen, scheinbar aus tiefer Logik, aber in Wirklichkeit aus Luftigkeit geholten Ausdeutungen von Dingen.

[ 35 ] What does the deeply profound Eulenspiegelism—I should say ‘natural scientific profundity’—speak of principally when it speaks of man? Of what does even a great part of modern fiction speak? It speaks of the physical origin of man in connection with physical beings of the line of descent. Fundamentally the so-called modern, the much renowned modern theory of evolution is nothing but a conception placing the doctrine of physical descent in the centre. For the idea of heredity plays far the greatest role in the theory of evolution. It is a onesidedness. Men are thoroughly satisfied with such onesidedness, for people think nowadays that in this way one can be very learned. So one can, with quite arbitrary explanations of things, drawn apparently from deep logic, but in reality from misty vagueness.

[ 36 ] Wir haben gestern ein Beispiel gesehen, wie ganze Literaturen geschrieben werden, weil die Menschen den Zusammenhang einer Vorstellung mit dem ursprünglichen Erlebnis, aus dem die Vorstellung hervorgegangen ist, verloren haben: das Kreuzessymbolum. Eine ganze Literatur ist darüber geschrieben worden, auf alles mögliche ist das Kreuz bezogen worden. Worauf es zu beziehen ist, wir haben es gestern gesehen. Mit manchem andern werden die Dinge geradeso gemacht, und die Menschen kommen sich tiefsinnig vor, wenn sie solche Dinge machen.

[ 36 ] Yesterday we saw an example of how whole literatures are written because men have lost the connection of a concept with the original experience from which the concept proceeded: the Cross-symbol. A whole literature has been written about it, the cross has been related to everything imaginable. We saw yesterday to what it must be related. The same has been done in regard to many other things and people think themselves very profound when they do it.

[ 37 ] Ich erinnere Sie an eines, denken Sie nur einmal, wie unendlich bedeutend kommen sich heute manche Menschen vor, wenn sie glauben, in einer ähnlichen Weise zu sprechen, wie heute hier gesprochen worden ist. Es gibt genügend Leute, die sagen, die sogar sehr häufig das Wort brauchen — ach, man kann es, mit Respekt zu vermelden, in den Zeitungen alle Augenblicke lesen: Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig. — Damit meint man, etwas sehr Tiefsinniges gesagt zu haben. Aber man sollte nach dem Ursprunge eines solchen Wortes fragen. Er führt zurück in diejenigen Zeiten, in denen man lebendige Vorstellungen gehabt hat, die eben noch mit den Erfahrungen, mit den Erlebnissen zusammenhängen. Wenn man heute redet, da ist wenig Zusammenhang, insbesondere zwischen dem Worte und seiner Ursprungsstätte. Wollen Sie noch rechten Zusammenhang haben zwischen Wort und Sätzen und Ursprungsstätten, dann rate ich Ihnen, lesen Sie das Büchelchen, in dem «Schweizerdeutsche Sprichwörter» gesammelt sind; denn in diesen volkstümlichen Sprichwörtern findet man noch ein urtümliches Zusammenklingen desjenigen, was gesagt wird, mit dem unmittelbaren Erlebnis. Der Buchstabe, mit ihm ist nämlich dasjenige gemeint, was als Buchstabenschrift gekommen ist gegenüber dem Alten, welches in der gestern geschilderten Weise das imaginative Leben aus dem Geiste herausgeholt hat. Dieser alte Geist machte lebendig, und die Lebendigkeit hatte in jener Entwickelungsepoche des Menschen das imaginative atavistische Hellsehen zur Folge. Aber ein Bewußtsein war vorhanden, daß diese Epoche von einer andern abgelöst werden muß, daß der Buchstabe kommen muß, der die alte Lebendigkeit tötet.

[ 37 ] I will remind you of one case, my dear friends. Just think how infinitely important many men think themselves nowadays when they believe that they are speaking as we have spoken here today! There are a fair number of people who say—in fact they very frequently use the words—Oh, one can read it any moment in the papers (with respect be it spoken)—‘the Letter kills, but the Spirit gives life’. And with this, one thinks one has said something most profound. But one should inquire about the origin of such a saying. It goes back to those times when one had living concepts which indeed still had a connection with what had been undergone and experienced. When one talks today there is little connection—especially between the word and its place of origin. If you want to have a right connection between words and sentences and their origins, then I advise you to read the little book in which ‘Swiss-German Proverbs’ have now been collected. For one still finds in these popular proverbs an original harmonizing of what is said with the direct experience. The letter ... by this is meant, as you know, the letter-script in contradistinction to the ancient kind which the Imaginative life drew out of the spirit, as we described yesterday. This ancient spirit gave life, and the livingness in that epoch of human evolution resulted in the Imaginative atavistic clairvoyance. But there was a consciousness that this epoch must in turn be succeeded by another, that the letter must come which kills the ancient livingness.

[ 38 ] Und jetzt bringen Sie das in Zusammenhang mit alldem, was ich gesagt habe über das eigentliche Wesen des Bewußtseins im Zusammenhang mit dem Tode. Da ist es der Buchstabe, der tötet, der aber auch das Bewußtsein bringt, das nur wieder überwunden werden muß durch ein anderes Bewußtsein. Nicht das Wegwerfende ist gemeint, das die heutige Journalistentorheit in dem Spruch hat: Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig —, sondern der Satz hängt zusammen mit Entwickelungsimpulsen der Menschheit. Er besagt ungefähr: In alten Zeiten, in imaginativen Zeiten, in den Osiriszeiten, erhielt der Geist die Menschenseele in dumpfer Lebendigkeit; der Buchstabe rief in späteren Zeiten das Bewußtsein hervor. Das ist die Interpretation des Satzes, das bedeutete er ursprünglich. Und so wie in diesem Falle sind die Menschen heute in vielen Fällen sehr, sehr mit Einsichten zur Hand, mit willkürlichen Deutungen, weil sie keinen Zusammenhang haben damit.

[ 38 ] And now bring that into connection with all that I have said about the actual nature of consciousness in connection with death. For it is the letter that kills but that also brings the consciousness which must be overcome again through another consciousness. The sort of disdainful rejection that modern journalistic folly attaches to the proverb ‘the letter kills but the spirit gives life’ is not what is meant, but the sentence is connected with impulses of man's evolution. It implies approximately: In ancient times, Imaginative times, Osiris times, the spirit kept the human soul in a state of dulled livingness, in later times the letter called forth consciousness. That is the interpretation of the sentence, that is what it originally meant. And in many instances. Just as in this one, men today are very ready with opinions, with arbitrary explanations, because they do not connect anything with them.

[ 39 ] Das begründet nicht, daß die Dinge falsch sind, welche die moderne tiefgründige Wissenschaftlichkeit über den Vererbungsbegriff findet, sondern daß der andere Pol hinzukommen muß, wenn man von der Vererbung spricht. Weist man auf seine Kindheit und von seiner Kindheit auf seine Geburt zurück, frägt man sich: Was trage ich in mir? — dann ist die Antwort: Was Eltern und Voreltern in sich getragen haben und auf mich übertragen haben! — Es gibt aber auch noch ein anderes Hinschauen auf den Menschen, das nur der Gegenwartsmensch noch nicht übt, das der Zukunftsmensch üben muß, das in den Mittelpunkt der Pädagogik, der Erzichungskunst treten muß: das ist nicht das Zurückblicken auf das Jünger-gewesen-Sein, sondern das richtige Hinblicken auf die Tatsache, daß man mit jedem Tag älter wird im Leben. Im Grunde versteht die neuere Menschheit nur, daß man einmal jung gewesen ist. Sie versteht nicht — in Wirklichkeit nicht — realistisch aufzufassen, daß man mit jedem Tage älter wird. Denn sie weiß nicht das Wort, das hinzutreten muß zu dem Worte der Vererbung, wenn man gegenüber dem Jünger-gewesen-Sein das Älterwerden stellt. Sieht man auf seine Kindheit, so spricht man von dem, was man ererbt hat. Ebenso kann man, wenn man auf sein Älterwerden blickt, von dem andern Pol sprechen, kann wie von der Pforte der Geburt, so von der Pforte des Todes sprechen. Da entsteht die eine Frage: Was haben wir gewonnen durch die Voreltern, indem wir durch das Tor der Geburt eingetreten sind in dieses Leben? — Da entsteht die andere Frage: Was verlieren wir vielleicht, was wird in uns anders dadurch, daß wir den kommenden Zeiten entgegengehen, daß wir mit jedem Tag älter werden? Wie wird es, wenn wir bewußt erleben das Mit-jedem-Tag-Älterwerden?

[ 39 ] This does not prove that it is false what the modern profound scientific method has to say about the idea of heredity, it is only that the other pole must be added when one speaks of heredity. If man points to his childhood, and back from childhood to birth, if he asks himself ‘What do I carry within me?’—then the answer is: what parents and ancestors have carried within them and transmitted to me! There is, however, another way of looking at the human being which present-day man does not as yet practise, which the man of the future must practise, and which must be put in the centre of pedagogy, the art of Education. This is not the looking back at having been younger, but the right consideration of the fact that with every day in life one becomes older. As a matter of fact modern mankind only understands that one has once been young. It does not really understand how to grasp realistically that one gets older with every day. For they do not know the word that must be added to the word heredity when one sets the becoming-older opposite the having-been-young. If one looks to one's childhood one speaks of what one has inherited; in the same way, when one looks towards the getting-older one can speak of the other pole; as of the Gate of Birth, so one can speak of the Gate of Death. There arises the one question: What have we gained through our forefathers by entering this life through the Gate of Birth? There arises the other question: What perhaps do we lose, what becomes different in us through the fact that we are approaching coming times, that we get older with every day? What is it like when we consciously experience the becoming-older-with-every day?

[ 40 ] Das aber ist eine Anforderung an unser Zeitalter. Lernen muß die Menschheit, bewußt mit jedem Tag älter zu werden. Denn lernt man bewußt mit jedem Tag das Älterwerden, dann bedeutet das wirkliche Wissen: ein Zusammentreten mit geistigen Wesenheiten, wie es ein Herkommen von physischen Wesenheiten bedeutet, daß man geboren ist und vererbte Eigenschaften hat. Doch, wie diese Dinge zusammenhängen, davon werde ich das nächste Mal sprechen, von jenem wichtigen inneren Impuls, der an die Menschenseele herantreten muß, wenn die Menschenseele das finden soll, was sie für die Zukunft so notwendig hat, was allein eine ganze, volle Ergänzung dessen sein kann, was die Naturwissenschaft auf der einen Seite bringt.

[ 40 ] That, however, is a demand on our age. Humanity must learn to become older consciously with every day. For if man learns consciously to become older with every day, then this really means a meeting with spiritual beings, just as it means a descent from physical beings, that one is born and possesses inherited qualities. I will speak next of how these things are connected: of that important inner impulse which must draw near the human soul, if the soul is to find what is so necessary for the future, what alone can round out and complete the one-sided teachings of Natural Science.

[ 41 ] Dann werden Sie sehen, warum an die Seite der alten Osiris-Isismythe die neue Isismythe treten kann, und warum für den Menschen der Gegenwart beide zusammen notwendig sind; warum hinzugefügt werden muß zu den Worten, die vom alten Ägypten herüberklingen vom Standbilde zu Sais: Ich bin das All, ich bin die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft; meinen Schleier hat noch kein Sterblicher gelüftet —, warum hineintönen muß in diese Worte ein anderes, warum heute diese Worte nicht mehr einseitig nur an die menschliche Seele heranklingen dürfen, sondern dazu klingen müssen die Worte: Ich bin der Mensch. Ich bin die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Meinen Schleier sollte jeder Sterbliche lüften.

[ 41 ] Then you will see why the new Isis Myth can stand beside the old Osiris-Isis Myth, why both together are necessary for the men of today; why other words must be combined with the words which resound from the Statue of Isis at Sais in ancient Egypt: ‘I am the All; I am the Past, the Present, the Future; no mortal has lifted my veil’ ... Other words must sound into these; they may no longer echo one-sidedly into the human soul today but in addition must resound the words: ‘I am Man, I am the Past, the Present and the Future. Every mortal should lift my veil.’

[ 42 ] Ich habe Ihnen heute mehr Rätsel vor die Seele gestellt als Lösungen. Wir werden aber davon weiter sprechen, und die Rätsel werden sich in mannigfaltiger Weise dann schon lösen.

[ 42 ] Today I have set before you more riddles than solutions. We will, however, speak of them further and the riddles will then be solved in manifold ways.