The Science of Human Development
GA 183
31 August 1918, Dornach
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The Science of Human Development, tr. SOL
Siebenter Vortrag
Seventh Lecture
[ 1 ] Ich habe in der letzten Zeit hier eine Reihe von wichtigen Tatsachen über den Menschen vorgebracht, die geisteswissenschaftlich erforscht werden können. Ich lege weniger Wert darauf, daß die Einzelheiten dieser Tatsachen aufgefaßt werden — denn ich habe mich ja über die Natur dieser Tatsachen öfter ausgesprochen —, als vielmehr darauf, daß ein gewisser Eindruck durch diese Tatsachen erweckt werde: der Eindruck über das Wesen desjenigen, was man die Täuschung der physischen Außenwelt nennen kann, auf daß Sie ein Gefühl davon erhalten, was eigentlich gemeint ist, wenn man davon spricht: Die Außenwelt, so wie wir sie um uns herum sehen — ich sage sehen, nicht haben —, ist Täuschung zunächst, und hinter ihr liegt die wahre, die wirkliche Welt. Und ich wollte ein gründlicheres Gefühl hervorrufen von dem, was gemeint ist, wenn man auf dem Boden der Geisteswissenschaft von der wirklichen Welt spricht. Also mehr um diese allgemeinen Gefühle handelt es sich. Und damit bin ich an demjenigen Punkte angelangt, wo wir gewissermaßen wiederum eine Möglichkeit haben, unsere geisteswissenschaftlichen Betrachtungen anzuknüpfen an wichtige, an bedeutsame Interessen im Geistesleben der Gegenwart, wobei ich natürlich an eine weitere Gegenwart denke, nicht bloß an die heutigen Tage, sondern an die Jahrhunderte, in denen wir leben.
[ 1 ] Recently, I have presented here a series of important facts about human beings that can be investigated through the spiritual sciences. I am less concerned with the details of these facts being understood—for I have, after all, spoken frequently about the nature of these facts—than with these facts evoking a certain impression: an impression of the essence of what might be called the illusion of the physical external world, so that you may gain a sense of what is actually meant when one speaks of: The external world, as we see it around us—I say “see,” not “have”—is, at first glance, an illusion, and behind it lies the true, the real world. And I wanted to evoke a deeper sense of what is meant when, on the basis of spiritual science, one speaks of the real world. So it is more a matter of these general impressions. And with that, I have arrived at the point where we have, so to speak, another opportunity to link our spiritual scientific considerations to important, significant interests in the spiritual life of the present—by which I naturally mean a broader present, not merely the present day, but the centuries in which we live.
[ 2 ] Unser Geistesleben ist in einem Zwiespalt begriffen, in einem Zwiespalt, den man in der verschiedensten Weise charakterisieren kann, den man so oder so definieren kann. Aber alle diese Definitionen müssen zuletzt wiederum zusammenlaufen in eine Art Empfindung für zwei Strömungen, die wir uns als Ideenströmungen bilden müssen aus der Geisteskultur der Gegenwart heraus, und die gewissermaßen sich nicht recht vereinigen lassen. Zwei Strömungen von Ideen sind vorhanden. Die eine, man kann sie im weitesten Sinne nennen die naturwissenschaftliche Strömung, wobei ich nicht etwa bloß das meine, was in den Kreisen der Naturforscher gedacht und behauptet wird, sondern jene naturwissenschaftliche Strömung, welche heute ja mehr oder weniger in der Empfindung der ganzen Menschheit lebt. Diese naturwissenschaftliche Strömung ist nach und nach eine populäre, eine weitverbreitete Anschauung geworden. Sie produziert Begriffe, die tief, tief sich eingewurzelt haben in das Seelenleben der Menschen der Gegenwart. Man kann am besten sehen, wie diese naturwissenschaftliche Weltanschauung sich eingewurzelt hat, wenn man bedenkt, daß sie da am tiefsten Wurzel gefaßt hat, wo man glaubt, an spirituelles Leben heranzudringen. Schließlich ist ja dasjenige, was man landläufig Spiritismus nennt und was von sehr vielen als theosophische Theorie vertreten wird, nichts anderes als ein Ausfluß materialistischer Weltanschauung. Dasjenige, was man zumeist an Begriffen hat über Ätherleib, Astralleib, dasjenige, was man experimentell produziert in spiritistischen Sitzungen, wird ganz und gar eingefangen in Begriffe, welche der naturwissenschaftlichen Weltanschauung entlehnt sind, was am besten solche Leute beweisen wie zum Beispiel du Prel, der glaubt, gerade auf die Geisteswelt loszugehen. Aber alles dasjenige, was er über die Geisteswelt sagt, denkt er in naturwissenschaftlichen Begriffen, das heißt in solchen Begriffen, in denen man bloß über die Natur denken sollte, nicht über den Geist, Ebenso ist es geradezu auffällig, wie materialistisch doch die Theorien der meisten Theosophen sind, wie sie sich geradezu bemühen, Vorstellungen wie Ätherleib oder selbst Astralleib an die naturwissenschaftlichen Begriffe, die man nur auf die Natur anwenden sollte, heranzurücken. Der Ätherleib wird sehr häufig vorgestellt als etwas ganz Materielles, als ein feiner Dunst oder dergleichen. Nun, ich habe mich ja über diese Dinge öfter ausgesprochen.
[ 2 ] Our spiritual life is caught in a conflict—a conflict that can be characterized in a wide variety of ways and defined in various ways. But ultimately, all these definitions must converge once again into a kind of sense of two currents—currents of ideas that we must form for ourselves out of the spiritual culture of the present—and which, in a sense, cannot quite be reconciled. There are two currents of ideas. One of them—which, in the broadest sense, can be called the scientific current—does not refer merely to what is thought and asserted in the circles of natural scientists, but rather to that scientific current which today, to a greater or lesser extent, lives in the consciousness of all humanity. This scientific current has gradually become a popular, widespread view. It produces concepts that have taken deep, deep root in the inner lives of people today. One can best see how this scientific worldview has taken root when one considers that it has taken root most deeply precisely where people believe they are approaching spiritual life. After all, what is commonly called spiritualism—and what is espoused by many as a theosophical theory—is nothing other than an outgrowth of a materialistic worldview. The concepts people generally have about the etheric body and the astral body—and what is experimentally produced in spiritualist séances—are entirely captured in terms borrowed from the scientific worldview, as best demonstrated by people such as du Prel, who believes he is venturing directly into the spiritual world. But everything he says about the spiritual world, he conceives in terms of natural science—that is, in terms that should be used only to think about nature, not about the spirit, Likewise, it is downright striking how materialistic the theories of most theosophists actually are, how they go out of their way to align concepts such as the etheric body or even the astral body with scientific terms that should only be applied to nature. The etheric body is very often conceived of as something entirely material, as a fine mist or the like. Well, I have, of course, spoken out on these matters on more than one occasion.
[ 3 ] Dies ist die eine, ich möchte sagen Begriffsmasse, die wir haben: die naturwissenschaftlichen Begriffe. Und weniger Wert — ich betone das noch einmal, damit ich nicht mißverstanden werde — ist darauf zu legen, daß diese naturwissenschaftlichen Begriffe in den Naturwissenschaften selbst sich finden, wo sie ja zum großen Teil berechtigt sind, sondern das Wichtige ist, daß sie sich eben einschleichen in die allgemeine Weltanschauung, und daß sie verwendet werden, um Spirituelles begreifen zu wollen, ja, daß manche geradezu in dem Wahne leben, sie sagten etwas Besonderes, wenn sie die Ähnlichkeit der Begriffe, die sie im Spirituellen haben, mit den naturwissenschaftlichen Begriffen hervorheben.
[ 3 ] This is the one—I would say—set of concepts that we have: the concepts of the natural sciences. And less importance—I emphasize this once again so that I am not misunderstood—should be attached to the fact that these scientific concepts are found within the natural sciences themselves, where they are, after all, largely justified; rather, what is important is that they creep into the general worldview and are used in an attempt to comprehend spiritual matters, indeed, that some people actually live under the delusion that they are saying something special when they emphasize the similarity between the concepts they use in the spiritual realm and those of the natural sciences.
[ 4 ] Die bedeutsame Tatsache, die wir da ins Auge fassen müssen, ist diese, daß diese naturwissenschaftlichen Begriffe nur eine gewisse Sphäre unserer Welt, eine gewisse Sphäre der Welt, in der wir leben, einfangen können in unser Verständnis, daß eine andere Welt außer unserem Verständnis bleiben muß, wenn wir nur naturwissenschaftliche Begriffe anwenden. Diese naturwissenschaftlichen Begriffe bilden also die eine Strömung.
[ 4 ] The significant fact we must bear in mind here is that these scientific concepts can capture only a certain sphere of our world—a certain sphere of the world in which we live—within our understanding; that another world must remain beyond our understanding if we apply only scientific concepts. These scientific concepts thus constitute one current.
[ 5 ] Die andere Strömung bilden gewisse Begriffe, die wir uns machen über Ideelles oder Ideales, und wohl auch heute, schon seit langer Zeit, über Moralisches. Nehmen Sie einen naturwissenschaftlichen Begriff wie den Begriff der Vererbung oder den Begriff der Entwickelung. Sie denken naturwissenschaftlich, wenn Sie diesen Begriff reinlich und sauber denken; Sie denken verworten, wenn Sie diese Begriffe von Vererbung und von Entwickelung, wie sie in der Naturwissenschaft üblich sind, auf Spirituelles ausdehnen. Nehmen Sie gewisse Begriffe, die man im Leben braucht, zum Beispiel den Begriff der inneren Freiheit unserer Seele, den Begriff des Wohlwollens, den Begriff der sittlichen Vollkommenheit, oder höhere Begriffe, den Begriff der Liebe und dergleichen, so haben Sie wiederum eine Strömung von Ideen, von Begriffen, die auch berechtigt sind, weil sie ja zum Leben gebraucht werden. Aber nur wenn man sich einer Selbsttäuschung hingibt, kann man sich von der Art, wie heute naturwissenschaftlich gedacht wird, zu der Art, wie heute ideal oder ideell oder moralisch gedacht wird, eine Brücke bauen. Denkt jemand rein naturwissenschaftlich, das heißt, sucht er sich ein naturwissenschaftliches Weltbild, so wie das heute das Ideal vieler Leute ist, so hat innerhalb einer Welt, welche diesem Weltbild entspricht, alles das keinen Platz, was unter Begriffe wie Wohlwollen, meinetwillen auch Glück, Liebe, innere Freiheit und so weiter gefaßt ist. Ein gewisses Ideal naturwissenschaftlicher Denkungsatt ist, alles, wie man sagt, unter den Kausalbegriff zu bringen, alles nach Ursachen und Wirkungen zusammenzudenken. Und eine sehr beliebte Verallgemeinerung ist ich habe das schon hier erwähnt — das Gesetz von der Erhaltung der Kraft und der Erhaltung des Stoffes. Bilden Sie sich eine Weltanschauung so, daß Sie dazu nur die Begriffe von Ursache und Wirkung im naturwissenschaftlichen Sinne verwenden oder von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes, so können Sie nur entweder weltanschaulich unehrlich sein, oder Sie müssen sagen: Innerhalb einer solchen Weltenordnung, in welcher nur das Kausalitätsgesetz, nur das Ursachengesetz gilt, oder in welcher das Gesetz von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft gilt, in einer solchen Welt ist alles, was Ideale sind, was Ideen sind, was moralische Begriffe sind, im Grunde genommen eigentlich nur Spaß. — Denn für eine Weltanschauung, welche etwa das Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes universell denkt, hat nichts anderes Sinn, als sich zu sagen: Nach diesem Gesetze von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes entwickelt sich unsere Weltenordnung. — Aus gewissen Ursachen heraus ist innerhalb dieser Weltenordnung auch das Menschengeschlecht hervorgegangen. Dieses Menschengeschlecht träumt von Wohlwollen, von Liebe, von innerer Freiheit, aber all das sind Begriffe, die sich die Menschen machen, und wenn einmal jener Zustand eingetreten sein wird in unserem Weltensystem, der eintreten muß nach naturwissenschaftlichen Vorstellungen, dann ist eigentlich ein allgemeines Grab da für alle solche Vorstellungen von Wohlwollen, innerer Freiheit, von Liebe und so weiter. Das sind Träume, welche die Menschen träumen, während sie eben der reinen naturgesetzlichen Ordnung gemäß ihr Dasein innerhalb der Erdenentwickelung vollenden, und es hat gar keinen Sinn, von etwas anderem zu sprechen in bezug auf die Geltung der Ideale und Ideen, als davon, daß sie Träume der Menschen sind, denn innerhalb einer solchen naturwissenschaftlichen Weltanschauung haben Ideen und Ideale keine Kraft, sich zu realisieren. Was sollen denn, wenn die Welt wirklich entsprechen würde der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, die Ideen und Ideale einmal machen, sobald der Zustand eingetreten ist, den man notwendig denken muß, wenn man nur mit naturwissenschaftlichen Begriffen denkt? Sie sind begraben, die Ideen und Ideale! Die Ideen und Ideale werden heute aber von den Menschen so gedacht — wenn sie das auch nicht zugeben —, daß sie keine innere Kraft haben, sich zu realisieren. Sie sind eben bloße Gedanken, die sich dadurch realisieren, daß die Menschen ihre Gefühle daran hängen, daß die Menschen sich gegeneinander so verhalten, wie es den Ideen entspricht. Aber sie haben keine innere Kraft, sich zu realisieren, diese Ideen, wie es der Magnetismus, wie es die Elektrizität oder die Wärme hat — die hat innere Kraft, sich zu realisieren! Die Ideen als solche — denken Sie also immer meinetwillen an die moralischen Ideen — haben nicht eine solche innere Kraft, sich zu realisieren innerhalb unserer Weltanschauung, wenn wir sie nur naturwissenschaftlich denken.
[ 5 ] The other current consists of certain concepts we form about the ideal or the spiritual, and—even today, as has been the case for a long time—about morality. Take a scientific concept such as the concept of heredity or the concept of development. You are thinking scientifically if you consider these concepts in a clear and precise manner; you are thinking incorrectly if you extend these concepts of heredity and development—as they are commonly used in science—to the spiritual realm. Take certain concepts that are necessary in life—for example, the concept of the inner freedom of our soul, the concept of benevolence, the concept of moral perfection, or higher concepts such as love and the like—and you have, once again, a stream of ideas and concepts that are also legitimate, because they are, after all, necessary for life. But only by indulging in self-deception can one build a bridge from the way scientific thinking is practiced today to the way idealistic, spiritual, or moral thinking is practiced today. If someone thinks purely in scientific terms—that is, if they seek a scientific worldview, as is the ideal for many people today—then within a world that corresponds to this worldview, there is no place for anything encompassed by concepts such as goodwill, or—for my part—happiness, love, inner freedom, and so on. A certain ideal of scientific thinking is to bring everything, as they say, under the concept of causality—to conceive of everything in terms of causes and effects. And a very popular generalization—as I have already mentioned here—is the law of conservation of energy and the law of conservation of matter. If you form a worldview in such a way that you use only the concepts of cause and effect in the scientific sense, or of the conservation of energy and matter, then you can either be ideologically dishonest, or you must say: Within such a world order, in which only the law of causality, only the law of cause and effect applies, or in which the law of conservation of matter and energy applies—in such a world, everything that constitutes ideals, ideas, and moral concepts is, at the very core, really just a joke. — For a worldview that conceives, for example, the law of conservation of energy and matter as universal, nothing else makes sense except to say: Our world order develops according to this law of conservation of energy and matter. — For certain reasons, the human race has also emerged within this world order. The human race dreams of goodwill, of love, of inner freedom, but all these are concepts that people invent for themselves; and once that state has come to pass in our world system—which, according to scientific concepts, must come to pass—then there will in fact be a common grave for all such notions of goodwill, inner freedom, love, and so on. These are dreams that people dream while they are completing their existence within Earth’s evolution in accordance with the pure order of natural laws, and it makes no sense at all to speak of anything else regarding the validity of ideals and ideas other than that they are human dreams, for within such a scientific worldview, ideas and ideals have no power to realize themselves. After all, if the world truly corresponded to the scientific worldview, what would ideas and ideals ever accomplish once the state of affairs has set in—a state one must necessarily conceive of if one thinks solely in scientific terms? The ideas and ideals are buried! But today people conceive of ideas and ideals—even if they do not admit it—as having no inner power to realize themselves. They are merely thoughts that are realized through people attaching their feelings to them, through people behaving toward one another in a way that corresponds to those ideas. But these ideas have no inner power to realize themselves, unlike magnetism, electricity, or heat—which do possess the inner power to realize themselves! Ideas as such—so for my sake, always think of moral ideas—do not possess such inner power to realize themselves within our worldview if we conceive of them solely in scientific terms.
[ 6 ] Gewiß, die wenigsten Menschen machen sich den Zwiespalt klar, der zwischen diesen zwei Strömungen unserer Gegenwart besteht, aber er ist da, und es ist die Tatsache, daß er im Unterbewußtsein der Menschen sein Spiel treibt, viel wichtiger, als daß man sich theoretisch darüber klar ist. Theoretisch klar ist sich nur eine Schichte der Menschen über das, was ich eben gesagt habe, und diese eine Schichte der Menschen, auf die sollte man wohl ein Auge haben im Leben der Gegenwart. Klar ausgesprochen, daß die Sache so ist, daß die ganze Welt nur naturwissenschaftlich geordnet ist und daß Ideen und Ideale nur eine Bedeutung haben deshalb, weil die Menschen nun einmal das Gefühl haben, sie müßten sich geradezu danach richten in ihrem gegenseitigen Verhalten, findet man diese Anschauung nur innerhalb der sozialistischen Theorie der Gegenwart. Die sozialistische Theorie der Gegenwart lehnt daher jede Geisteswissenschaft ab, betrachtet sogar die Spuren alter Geisteswissenschaft, die sich noch in der Jurisprudenz, in der Moral und der Theologie finden, als Vorurteile, die den Kinderjahren der Menschheitsentwickelung angehören, und sie will alles, was man Geisteswissenschaft nennen könnte, als Gesellschaftswissenschaft aufgefaßt wissen: sie will die sozialistische Gesellschaftswissenschaft bilden als bloß gültig für das gegenseitige Verhalten der Menschen. Die Welt ist naturwissenschaftlich geordnet, und außer der naturwissenschaftlichen Erklärung der Welt gibt es nur noch eine Gesellschaftswissenschaft. Das ist Grundüberzeugung jedes seiner selbst bewußten Sozialisten.
[ 6 ] Certainly, very few people are aware of the conflict that exists between these two currents of our present age, but it is there, and the fact that it plays out in people’s subconscious is far more important than having a theoretical understanding of it. Only a certain segment of the population is theoretically aware of what I have just said, and it is this segment that we should keep an eye on in contemporary life. To put it plainly: the view that the entire world is organized solely according to the natural sciences, and that ideas and ideals have meaning only because people feel they must align their mutual behavior with them, is found exclusively within contemporary socialist theory. Contemporary socialist theory therefore rejects all humanities; it even regards the traces of ancient humanities still found in jurisprudence, ethics, and theology as prejudices belonging to the early stages of human development, and it insists that everything that could be called the humanities be understood as social science: it seeks to establish socialist social science as applicable solely to the mutual behavior of human beings. The world is ordered according to the natural sciences, and apart from the natural-scientific explanation of the world, there is only social science. This is the fundamental conviction of every self-aware socialist.
[ 7 ] Man darf, wenn man solchen Dingen auf den Grund gehen will, nicht konfusen Begriffen sich hingeben. Ich weiß selbstverständlich, daß man kommen kann und sagen: Ja, so denken doch nicht die Sozialisten! — Aber darauf kommt es nicht an — das habe ich ja gerade in den ersten Tagen, in denen ich hier wieder vorgetragen habe, ausgeführt —, was Ideen für einen Inhalt haben, sondern durch was Ideen sich betätigen, wie sie eindringen, sich einleben. Und die sozialistische Idee lebt sich dadurch ein, daß sie ablehnt jedes Reden über irgendeinen geistigen Weltinhalt, daß sie behauptet, der Weltinhalt sei nur naturwissenschaftlich geordnet und Geisteswissenschaft sei durch bloße Gesellschaftswissenschaft zu ersetzen.
[ 7 ] If one wants to get to the bottom of such matters, one must not succumb to confusing concepts. I know, of course, that one might say: “But that’s not how socialists think!” — But that is not the point—as I explained precisely in the first few days when I was lecturing here again—what ideas contain, but rather through what ideas take effect, how they penetrate and take root. And the socialist idea takes root by rejecting any talk of a spiritual content of the world, by asserting that the content of the world is ordered solely by the natural sciences and that the humanities must be replaced by the social sciences alone.
[ 8 ] Nun fühlt der Mensch, daß bloße Ideen und Ideale, wenn sie so gedacht werden, wie sie in der Gegenwart gedacht werden, eben wirklich nicht mehr Kraft haben, als sich in das menschliche Gemütsleben hineinzufinden und sich dadurch zu realisieren, zu realisieren als ein Traum, den die Menschheit innerhalb der Erdenentwickelung träumt. Keine Idee, und wäre sie die schönste, die idealste, hat die Kraft, irgend etwas wachsen zu lassen, irgendwo Wärme zu erzeugen, einen Magneten zu bewegen oder dergleichen. Damit ist sie schon verurteilt, bloßer Traum zu sein, weil sie ja — solange man die Weltenordnung nur denkt als die Summe von elektrischen, magnetischen Kräften, von Lichtkräften, Wärmekräften und so weiter — in das Gefüge dieser Kräfte nicht eingreifen kann, insbesondere wenn man das Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes aufstellt, wonach Kraft und Stoff eine ewige Geltung haben sollen. Denn dann sind sie immer da, und dann können Ideen nirgends eingreifen, denn Kraft und Stoff haben dann ihre eigenen, ewigen Gesetze.
[ 8 ] Now, people feel that mere ideas and ideals—when conceived as they are today—truly have no more power than to find their way into the human emotional life and thereby realize themselves—to realize themselves as a dream that humanity dreams within the course of Earth’s evolution. No idea—no matter how beautiful or ideal—has the power to make anything grow, to generate heat anywhere, to move a magnet, or anything of the sort. This alone condemns it to being a mere dream, because—as long as one conceives of the order of the worlds merely as the sum of electrical and magnetic forces, forces of light, forces of heat, and so on—it cannot intervene in the fabric of these forces, especially when one posits the law of the conservation of force and matter, according to which force and matter are supposed to have eternal validity. For then they are always present, and ideas have no room to intervene, since force and matter then have their own eternal laws.
[ 9 ] Mit diesem Gesetze — das sage ich nur in Parenthese — von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes wird ja viel Unfug getrieben. So wie man in der Literatur heute von dem Gesetz der Erhaltung der Kraft und des Stoffes, namentlich von Kraft und Energie gesprochen findet, wird es auch häufig zurückgeführt auf Jz/ius Robert Mayer. Wer Julius Robert Mayers Schriften wirklich kennt, der weiß, daß es ebenso gescheit ist, das Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes auf Julius Robert Mayer zurückzuführen, so wie es heute in der Literatur geschieht, wie wenn man etwa die Schundliteratur auf die Erfindung der Buchdruckerkunst durch Gutenberg zurückführte. Denn das, was heute in Lehrbüchern und gebräuchlichen Handbüchern als Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes fungiert, das hat mit dem Gesetz von Julius Robert Mayer, den man für seine Tat ins Irrenhaus eingesperrt hat, nichts zu tun.
[ 9 ] With this law—and I say this only as an aside—of the conservation of force and matter, a great deal of nonsense is being peddled. Just as one finds references in today’s literature to the law of the conservation of force and matter—specifically, of force and energy—it is also frequently attributed to Julius Robert Mayer. Anyone who is truly familiar with Julius Robert Mayer’s writings knows that attributing the law of conservation of force and matter to Julius Robert Mayer—as is done in the literature today—is just as sensible as, say, attributing trashy literature to Gutenberg’s invention of the printing press. For what is presented today in textbooks and standard handbooks as the law of conservation of force and matter has nothing to do with the law of Julius Robert Mayer, who was locked up in an insane asylum for his work.
[ 10 ] Nun entsteht eigentlich für den, der Geisteswissenschaft ernst nimmt, aus alledem, was ich dargestellt habe, eben die Frage: Welches Verhältnis, welcher Bezug besteht zwischen dem, was nimmer vereinigt werden kann innerhalb der gegenwärtigen Weltanschauung: moralischem Idealismus und naturalistischem Anschauen der Welt? Diese Frage läßt sich nicht so ohne weiteres theoretisch beantworten. Die Gegenwart wünscht vielfach theoretische Antworten, und auch diejenigen, die zur Theosophie oder Anthroposophie kommen, wünschen manchmal am allermeisten theoretisch-dogmatische Antworten. Aber die Antworten, die auf dem Boden der Geisteswissenschaft gegeben werden sollen, müssen Antworten der Anschauung sein. In dieser Beziehung geht es nicht, daß man gerade die Vorliebe der Gegenwart für Dogmatismen auch wiederum in die Geisteswissenschaft hineinträgt. Die Geisteswissenschaft verlangt anderes. Die Geisteswissenschafter verlangen freilich vielfach, daß andere Dogmen aufgestellt würden, aber die Geisteswissenschaft kann ganz und gar nicht der Ansicht sein, daß bloß andere Dogmen aufgestellt werden, als sie schon aufgestellt sind, sondern daß anders gedacht und anders angeschaut werde, daß überhaupt gewisse Dinge unter ganz andern Gesichtspunkten gedacht werden. Dasjenige, was vielfach heute auch als Geisteswissenschaft, namentlich auch als Theosophie getrieben wird, das kann einem oftmals den Eindruck machen einer etwas veränderten Scholastik des Mittelalters. Ich will mich gar nicht gegen Scholastik wenden, denn die Scholastik hat Dinge in sich, die viel bedeutsamer sind als dasjenige, was philosophisch in der Gegenwart hervorgebracht wird. Aber der Hang vieler Menschen in der Gegenwart ist dahingehend, nur wiederum andere Dogmen zu haben, über Gott und Unsterblichkeit und weiß Gott was, eben anders zu denken, aber eben doch nur zu denken, nicht zu Anschauungen zu kommen, die aus ganz anderem Fond heraus sind als frühere Vorstellungen. Steht man recht auf dem Boden der Geisteswissenschaft, so sagt man sich: Zur Zeit der Scholastik ist über die Dreieinigkeit, über das Wesen des Menschen, über seine Unsterblichkeit, über das Christus-Problem genug spintisiert worden, wenn ich den Ausdruck jetzt gar nicht mit irgendeinem üblen Beigeschmack anwende. Denn der eigentliche Wert dieser Scholastik liegt nicht in den Dogmen, die sie aufgestellt hat, sondern in der Technik des Denkens, wie ich es einmal dargestellt habe in meiner Schrift «Philosophie und Anthroposophie», die jetzt in einer neuen Auflage wesentlich erweitert wiederum erscheinen wird; er liegt in der Art, über die Dinge zu denken. Aber dieses Denken, das eignet man sich heute eigentlich besser an, wenn man zu den Scholastikern geht, als wenn man zu den vielfach konfusen Ideen, die man in der neueren Zeit theologische oder philosophische nennt, sich hinwendet. Da ist genug theoretisiert worden im Mittelalter über diese Dinge. Da hat man zum Beispiel so theoretisch mit dem ChristusProblem gerungen. Wer das Wesen dieses Ringens kennt, der kann nicht viel Geschmack abgewinnen einem etwas veränderten Scholastizieren, wie es zum Beispiel in der Theosophie vielfach getrieben worden ist, wo man halt, statt daß man früher, nicht wahr, Dreieinigkeit, Unsterblichkeit oder anderes hatte, nun wiederum physischen Leib, Ätherleib, Astralleib hat. Es ist ein anderes Theoretisieren, aber es ist im Grunde genommen qualitativ dieselbe Sache. Derjenige, der recht eingehen mag auf diese Schule des Mittelalters, der weiß, daß das gewissermaßen eine erledigte Angelegenheit ist, so vordringen zu wollen, sagen wir, zu dem Mysterium von Golgatha. Da ist heute viel wichtiger, zum Beispiel nach der Gestalt des Christus Jesus zu dringen, was versucht wird von uns hier in der Mittelpunktsgruppe des Baues, wo gesucht wird, die Gestalt des Christus Jesus wirklich wiederum zu finden. Derjenige, der sich richtig für frühere Dogmen interessiert, wird sich heute viel mehr dafür interessieren, die Gestaltung des Christus aus dem geistigen Leben herauszuholen, weil heute die Zeit dazu da ist, dies zu tun. Im Mittelalter war die Zeit, scharfsinnig nachzudenken und scholastische Begriffe auszuspintisieren; heute — das habe ich ja vielfach charakterisiert — ist ein solcher Punkt der fünften nachatlantischen Zeit, wo hingelenkt werden muß die Anschauung der Menschen nach den geistigen Formen. Dasjenige, was früher als Gestaltung des Christus gesucht wurde, sind ja phantastische Gestaltungen. Ich habe über die Entwickelung der Christusgestalt ja öfter hier gesprochen. Mit den Mitteln der geistigen Anschauung wird sich die Gestalt des Christus wiederum finden lassen. So hat jede Zeit ihre besondere Aufgabe. Denn nicht darauf kommt es an, daß irgend etwas festgelegt wird, sondern darauf, daß die Menschheit in ihrer Entwickelung sucht und dadurch sich zu immer weiteren und weiteren Stufen ihrer Entwickelung durchringt.
[ 10 ] For anyone who takes spiritual science seriously, all that I have presented actually raises the question: What relationship, what connection exists between what can never be reconciled within the current worldview—moral idealism and a naturalistic view of the world? This question cannot be answered theoretically off the cuff. The present age often demands theoretical answers, and even those who turn to theosophy or anthroposophy sometimes desire, above all else, theoretical and dogmatic answers. But the answers that are to be given on the basis of spiritual science must be answers of insight. In this regard, it is not acceptable to carry the present age’s preference for dogmatism into spiritual science as well. Spiritual science demands something else. Spiritual scientists, of course, often demand that new dogmas be established, but spiritual science cannot in any way take the view that merely different dogmas should be established than those that already exist; rather, it requires that we think and perceive differently—that certain things be considered from entirely different perspectives. What is often practiced today as spiritual science—and particularly as theosophy—can frequently give the impression of a somewhat modified form of medieval scholasticism. I do not wish to speak out against scholasticism at all, for scholasticism contains elements that are far more significant than what is currently being produced philosophically. But the tendency of many people today is simply to adopt yet other dogmas—about God and immortality and who knows what else—to think differently, but still only to think, rather than to arrive at insights that spring from a foundation entirely different from earlier conceptions. If one stands firmly on the ground of spiritual science, one says to oneself: During the era of Scholasticism, enough was speculated—if I may use the term here without any negative connotation—about the Trinity, the nature of the human being, human immortality, and the problem of Christ. For the true value of Scholasticism lies not in the dogmas it established, but in the technique of thinking, as I once described in my work *Philosophy and Anthroposophy*, which is now to be republished in a new, substantially expanded edition; it lies in the way of thinking about things. But this way of thinking is actually better acquired today by turning to the Scholastics than by turning to the often confused ideas that are called theological or philosophical in modern times. There was enough theorizing about these things in the Middle Ages. For example, the “Christ problem” was grappled with in such a theoretical manner. Anyone who understands the nature of this struggle cannot find much appeal in a somewhat modified form of scholasticism, such as has often been practiced in theosophy, for example, where—instead of the Trinity, immortality, or other concepts of the past—one now has, in turn, the physical body, the etheric body, and the astral body. It is a different kind of theorizing, but it is, fundamentally speaking, qualitatively the same thing. Anyone who truly delves into this medieval school knows that, in a sense, it is a settled matter to seek to penetrate, let us say, the Mystery of Golgotha. Today it is far more important, for example, to penetrate to the figure of Christ Jesus—which is what we are attempting here in the Central Group of the Building, where we seek to truly rediscover the figure of Christ Jesus. Anyone who is genuinely interested in earlier dogmas will be far more interested today in drawing the figure of Christ out of spiritual life, because the time is now ripe to do so. The Middle Ages were a time for sharp-witted reflection and the elaboration of scholastic concepts; today—as I have often described—we are at a point in the fifth post-Atlantean epoch where people’s perception must be directed toward spiritual forms. What was once sought as the image of Christ were, after all, fantastical representations. I have spoken here often about the development of the Christ figure. Through the means of spiritual contemplation, the figure of the Christ will once again be found. Thus, every age has its own special task. For what matters is not that anything be fixed, but that humanity, in its development, seeks and thereby strives to reach ever higher and higher stages of its evolution.
[ 11 ] Also darauf kommt es an, daß man gewissermaßen eine Brücke finden kann da, wo die moderne Weltanschauung eine Brücke eben nicht finden kann, sondern wo, wenn sie sich selbst richtig versteht, sie notwendigerweise zum Sozialismus, das heißt zur sozialistischen Theorie kommen muß — nicht zum Sozialismus in seiner Berechtigung; darüber habe ich ja auch schon öfter gesprochen. Diese Brücke kann man aber nur finden, wenn man den ehrlichen Willen hat, ebenso wie man in dasjenige eindringt, was zwischen der Geburt und dem Tode verläuft, auch in dasjenige einzudringen, was zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verläuft, wenn man also nicht bloß den Willen hat, gewissermaßen die Welt hier zu analysieren, sondern wenn man den Willen hat, sich wirklich auf das Geistige einzulassen. Man redet von dem Menschen und sagt: Der Mensch besteht aus physischem Leib, Ätherleib, astralischem Leib, Ich und so weiter. — Das ist gewiß berechtigt; aber es ist für den Menschen berechtigt, der hier zwischen der Geburt und dem Tode lebt. Das, was ich das vorige Mal und das vorvorige Mal hier ausgeführt habe, das kann Sie aber schon darauf hinweisen, daß man in einer ähnlichen Weise nun reden kann über den Menschen nach dem Tode, über den Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Wenn Sie schon fragen wollen: Aus was besteht der Mensch? — so können Sie nicht bloß fragen: Aus was besteht der Mensch hier auf Erden? — und antworten: Da besteht er aus physischem, Ätherleib, Astralleib und Ich —, sondern wir müssen jetzt auch die Frage aufwerfen: Aus was besteht der Mensch, wenn er nicht auf Erden ist, sondern in einer geistigen Welt zwischen Tod und neuer Geburt? Wie kann man da von den Gliedern der menschlichen Natur reden? — Da muß man in ebenso realer Weise von den Gliedern der menschlichen Natur reden können. Und man muß sich, wenn man ganz ehrlich bei einer solchen Sache mit sich zu Rate geht, eben bewußt werden, daß jedes Zeitalter seine besondere Aufgabe hat.
[ 11 ] So what matters is that one can, so to speak, find a bridge where the modern worldview cannot find one—but where, if it understands itself correctly, it must necessarily arrive at socialism, that is, at socialist theory—not at socialism in terms of its legitimacy; I have, after all, spoken about this on numerous occasions. But this bridge can only be found if one has the sincere will—just as one delves into what lies between birth and death—to also delve into what lies between death and a new birth; that is, if one has not merely the will to analyze the world here, so to speak, but the will to truly engage with the spiritual. People speak of the human being and say: The human being consists of a physical body, an etheric body, an astral body, the “I,” and so on. — That is certainly true; but it is true for the human being who lives here between birth and death. What I explained here last time and the time before that, however, can already point out to you that one can now speak in a similar way about the human being after death, about the human being between death and a new birth. If you wish to ask: “What does the human being consist of?”—you cannot merely ask: “What does the human being consist of here on Earth?”—and answer: “He consists of the physical body, the etheric body, the astral body, and the I”—but we must now also raise the question: “What does the human being consist of when he is not on Earth, but in a spiritual world between death and a new birth?” How can one speak of the components of human nature in that context? — One must be able to speak of the components of human nature in just as real a way there. And if one reflects honestly on such a matter, one must realize that every age has its own special task.
[ 12 ] Die Menschen werden sich nicht recht bewußt, daß eigentlich die Art, wie sie denken, vorstellen, selbst wie sie empfinden, ja, selbst wie sie die Außenwelt anschauen — erinnern Sie sich nur an gewisse Ausführungen, die ich in meinen «Rätseln der Philosophie» gemacht habe über den verhältnismäßig kurzen Zeitraum von sechshundert Jahren vor unserer Zeitrechnung bis zu uns —, eben nur jetzt so ist. Wir können nicht über das 8. Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha zurückgehen mit dem Denken und dem Empfinden und dem Anschauen, das wir jetzt haben. Ich habe Ihnen das genaue Jahr angegeben: 747 vor dem Mysterium von Golgatha ist die wahre Gründungszahl der Stadt Rom. Wenn man hinter dieses 8. vorchristliche Jahrhundert zurückgeht, dann ist die ganze Art des menschlichen Lebens eine andere als diejenige, die man jetzt als Seelenleben eben kennt. Da werden alle Arten, die Welt anzuschauen, anders. Da ist allerdings eine Grenzscheide, die man schon besser beobachten kann als die andere, die eigentlich auch gut zu beobachten ist, aber noch nicht für den Menschen der Gegenwart: die Grenzscheide, die im 15. Jahrhundert liegt. Das 15. Jahrhundert liegt den Menschen der Gegenwart zu nahe; da können sie sich nicht so recht in den großen Umschwung hineinversetzen, der da eingetreten ist. Im ganzen stellen sich die Menschen vor: gedacht und gesonnen hat man immer so wie jetzt, auch wenn man immer weiter zurückgeht; aber wie wenig weit geht man zurück! Nun ja, die Sache ist eben diese, daß, sobald man hinter das 8. vorchristliche Jahrhundert zurückgeht, man eine ganz andere Art zu denken hat. Und nun können wir die Frage aufwerfen: Warum hatte man denn da eine andere Art zu denken? Über diese andere Art zu denken machen sich die Menschen jetzt, wenn sie sich Vorstellungen machen, ziemlich törichte Vorstellungen, könnte man sagen. Wenn die Menschen der Gegenwart jetzt hören, wie, sagen wir, in den ägyptischen Mysterien — es waren dazumal die gesuchtesten — gelehrt worden ist, wenn sie etwas hören von der Art, wie da die Wahrheiten erörtert worden sind, da meinen sie: Nun ja, das entspricht eben der phantastischen Zeit von dazumal, da waren die Menschen noch nicht so gescheit wie jetzt, da haben sie sich noch kindische Vorstellungen gemacht; das Richtige, das haben wir jetzt! Es liegt besonders dem Menschen der Gegenwart nahe, so zu denken, denn er kann sich, weil er so furchtbar eingerutscht ist in diese Denkweise der Gegenwart, nicht irgend etwas anderes dabei denken. Nehmen wir an, ein Grieche, Pythagoras zum Beispiel, sei nach Ägypten gekommen und hätte dort gelernt, so wie heute irgend jemand nach einer berühmten Universität geht, um zu lernen. Aber was hat er gelernt? Ich will Ihnen etwas sagen, was der Pythagoras wirklich dort hat lernen können: Er hat dort gelernt, daß in ÜUrzeiten der Merkur mit dem Monde einmal Schach gespielt hat, und bei diesem Schachspiel hat der Merkurius gewonnen. Er hat nämlich dem Monde für jeden Tag zwanzig Minuten abgewonnen, und diese zwanzig Minuten, die sind dann von den Eingeweihten zusammengezählt worden. Wieviel machen sie aus, diese zwanzig Minuten in dreihundertsechzig "Tagen? Die machen nämlich gerade fünf Tage aus. Daher hat man nicht dreihundertsechzig Tage als das Jahr gerechnet, sondern dreihundertfünfundsechzig Tage. Diese fünf Tage sind dasjenige, was der Merkur dem Monde im Spiel abgewonnen hat, und was er dann den übrigen Planeten und dem ganzen Menschengeschlecht zu dreihundertsechzig Tagen im Jahr hinzugeschenkt hat.
[ 12 ] People are not fully aware that, in fact, the way they think, imagine, and even feel, yes, even the way they view the external world—just recall certain remarks I made in my *Riddles of Philosophy* regarding the relatively short period of six hundred years before our era up to the present—is only now as it is. We cannot go back beyond the 8th century before the Mystery of Golgotha with the thinking, feeling, and perception that we have now. I have given you the exact year: 747 before the Mystery of Golgotha is the true founding date of the city of Rome. If one goes back beyond this 8th century B.C., then the entire nature of human life is different from what we now know as soul life. There, all ways of viewing the world become different. There is, however, a dividing line that is easier to observe than the other one—which is actually also quite observable, but not yet for people of the present: the dividing line that lies in the 15th century. The 15th century is too close to people of the present; they cannot quite put themselves in the mindset of the great upheaval that occurred then. On the whole, people imagine that people have always thought and reasoned as they do now, even if one goes further and further back in time; but how little they actually go back! Well, the fact is that as soon as one goes back beyond the 8th century B.C., one encounters a completely different way of thinking. And now we can raise the question: Why did people have a different way of thinking back then? When people today try to imagine this different way of thinking, they come up with rather foolish ideas, one might say. When people today hear how, say, in the Egyptian mysteries—which were the most sought-after at the time—teachings were imparted, or when they hear something about the way truths were discussed there, they think: “Well, that just reflects the fanciful times of back then; people weren’t as smart back then as they are now, so they had childish ideas; we have the right understanding now!” It is particularly natural for people today to think this way, because they have become so deeply entrenched in this modern way of thinking that they cannot conceive of anything else. Let’s suppose a Greek—Pythagoras, for example—had come to Egypt and studied there, just as someone today might go to a famous university to study. But what did he learn? I’ll tell you something that Pythagoras was actually able to learn there: He learned there that in ancient times, Mercury once played chess with the Moon, and Mercury won that game of chess. For every day, he took twenty minutes from the Moon, and these twenty minutes were then added up by the initiates. How much do these twenty minutes amount to over three hundred sixty “days”? They amount to exactly five days. That is why the year was not calculated as three hundred sixty days, but as three hundred sixty-five days. These five days are what Mercury won from the Moon in the game, and what he then bestowed upon the other planets and all of humanity as an addition to the three hundred sixty days of the year.
[ 13 ] Nun, nicht wahr, wenn man sagt, so etwas habe der Pythagoras bei den weisen Ägyptern lernen können, dann lacht jeder Mensch in der Gegenwart, ganz selbstverständlich. Dennoch ist es nur eine andere Einkleidung für eine tiefe geistige Wahrheit — wir werden davon in diesen Tagen noch sprechen —, die die Gegenwart noch gar nicht wieder entdeckt hat, die aber eine Wahrheit ist.
[ 13 ] Well, isn’t it true that if one were to say that Pythagoras could have learned such a thing from the wise Egyptians, everyone today would laugh—quite naturally. Nevertheless, it is merely another way of expressing a profound spiritual truth—we will speak more about this in the coming days—which the present age has not yet rediscovered, but which is nonetheless a truth.
[ 14 ] Sie könnten fragen: Warum ist dazumal ganz anders gerechnet worden? — Vergleichen Sie den Vortrag eines solchen ägyptischen Weisen, der also dem krassen Fuchs Pythagoras vorträgt: Der Merkur hat im Schachspiel für jeden Tag dem Monde zwanzig Minuten abgewonnen — mit einem Vortrag über moderne Astronomie, der in einem Hörsaal gehalten wird, so werden Sie besser auf den Unterschied aufmerksam werden. Fragt man sich aber: Warum ist ein solcher Unterschied? — dann muß man etwas tiefer hineingehen in das ganze Wesen der menschlichen Entwickelung. Denn wenn man hinter das 8. vorchristliche Jahrhundert zurückgeht — Pythagoras gehört zwar nicht dieser frühen Zeit an, aber in Ägypten haben sich die Reste einer Weisheit, die eben weit vor dem 8. vorchristlichen Jahrhundert begründet worden ist, erhalten, da konnte man sie sich noch einprägen —, wenn in diesen alten Zeiten so gelehrt worden ist, so hat das schon seinen tiefen Grund. Es war das ganze Verhältnis des Menschen zur Welt anders angesehen worden, mußte anders in der damaligen Zeit angesehen werden.
[ 14 ] You might ask: Why were calculations done so differently back then? — Compare the lecture of such an Egyptian sage, who thus addresses that sly fox Pythagoras: In the game of chess, Mercury has gained twenty minutes from the Moon for each day—with a lecture on modern astronomy held in a lecture hall, you will become more aware of the difference. But if one asks: Why is there such a difference?—then one must delve a little deeper into the very nature of human development. For if one goes back beyond the 8th century BCE—Pythagoras does not, admittedly, belong to this early period, but in Egypt the remnants of a wisdom that had been established long before the 8th century BCE have been preserved, and people could still commit it to memory—if such teachings were given in those ancient times, there is a profound reason for it. The entire relationship of human beings to the world had been viewed differently; it had to be viewed differently in those times.
[ 15 ] Ich möchte darauf hinweisen, daß ja noch verschiedene Reste alter Anschauung immer wieder und wieder atavistisch erneuert worden sind, wobei ich unter dem Wort «atavistisch» nicht irgend etwas Abfälliges meine und verstehe. Wer zum Beispiel ein Werk liest, wie Jakob Böhmes «De signatura rerum», der wird, wenn er ehrlich ist, eigentlich auch heute sagen: er kann nichts damit anfangen. Denn da werden ganz merkwürdige Auseinandersetzungen gegeben, die entweder von einem höheren Gesichtspunkte aus beurteilt werden müssen — dann bekommen sie einen Sinn —, oder aber die vom Standpunkte des modern denkenden Menschen als unvernünftiges Zeug eines Laien, der ein bißchen spintisiert hat, eigentlich abgelehnt werden müßten. All das tolle Gerede, das vielfach getrieben wird von unreifen theosophischen Kreisen über Jakob Böhme, ist eigentlich von Übel. Dennoch erinnert dieser Jakob Böhme von einem höheren Standpunkte aus in seinem ganzen Geistesgefüge, in der Art, wie er sich namentlich zur Analyse von gewissen Worten verhält, wenn er zum Beispiel Worte wie Sulfur zerlegt und in den zerlegten Teilen etwas sucht — wir wollen nicht auf das Materielle dabei sehen, sondern auf die Art, wie er da etwa in seinem Werke «De signatura rerum» vorgeht —, er erinnert viel mehr als irgendeine von den abstrakten Wissenschaften, die es ja nur heute in der Öffentlichkeit gibt, an einen gewissen konkreten Zusammenhang des Menschen mit der gesamten geistigen Welt. Er steht, dieser Jakob Böhme, viel mehr in dieser geistigen Welt darinnen. Und dieses Darinnenstehen in der geistigen Welt, das ist das Charakteristische für solche Denker, die vor dem 8. vorchristlichen Jahrhundert, vor unserer Zeitrechnung eben Denker waren. Sie dachten nicht mit der individuellen Einzelvernunft, mit der wir heute denken. Wir denken ja alle mit derindividuellen Einzelvernunft; die dachten mehr noch mit der kosmischen Vernunft, mit der schöpferischen Vernunft, mit der Vernunft, die man, ich möchte sagen, in einzelnen ihrer Schöpfungen noch erlauschen muß, wenn man auf sie kommen will.
[ 15 ] I would like to point out that various remnants of old ways of thinking have been repeatedly revived in an atavistic manner; by the term “atavistic,” I do not mean or imply anything derogatory. Anyone who reads a work such as Jakob Böhme’s *De signatura rerum*, for example, will—if they are honest—admit even today that they cannot make sense of it. For there are some very strange discussions presented there that must either be judged from a higher perspective—in which case they make sense—or, from the standpoint of the modern-thinking person, should actually be rejected as the irrational ramblings of a layperson who has been daydreaming a bit. All the wild talk about Jakob Böhme, often peddled by immature theosophical circles, is actually harmful. Nevertheless, viewed from a higher perspective, this Jakob Böhme—in the entire structure of his thought, in the way he approaches the analysis of certain words, for example when he breaks down words like “sulfur” and seeks something in the resulting parts—we do not wish to focus on the material aspect here, but rather on the way he proceeds, for instance, in his work *De signatura rerum*— he reminds us far more than any of the abstract sciences—which, after all, have only recently entered the public sphere—of a certain concrete connection between human beings and the entire spiritual world. This Jakob Böhme stands much more firmly within that spiritual world. And this immersion in the spiritual world is the defining characteristic of such thinkers who, before the 8th century B.C., before our era, were indeed thinkers. They did not think with the individual, private reason with which we think today. We all think with individual, personal reason; they thought even more with cosmic reason, with creative reason, with the kind of reason that, I would say, one must still listen for in some of their creations if one wishes to discover it.
[ 16 ] Heute gibt es eigentlich nur noch ein Gebiet, in dem man ein klein wenig merken kann, wie ins Menschenleben noch so etwas wie die schöpferische Vernunft sich hereinergießt und hereinwirkt. Man kann noch auf einem Gebiet etwas bemerken von einem Sich-Realisieren von Ideellem; aber, ich möchte sagen, es ist nur noch ein Schatten davon da, und dieser Schatten wird zumeist auch nicht berücksichtigt. Es existieren heute eine ganze Anzahl von naturalistischen anthropologischen Theorien über die Entstehung der Sprache, wie sie sich entwickelt haben soll. Sie wissen, es gibt — ich habe das öfter erwähnt zwei hauptsächliche Theorien. Man nennt die eine die WauwauTheorie, die andere die Bimbam-Theorie. Die Wauwau-Theorie ist mehr von kontinentalen Gelehrten vertreten, die Bimbam-Theorie ist von Max Müller vertreten. Die Wauwau-Theorie beruht darauf, daß Menschen von primitivsten Zuständen ausgegangen sind und da ihre inneren organischen Erlebnisse so herausgebellt haben wie der Hund, wenn er «wauwau» macht, und durch eine entsprechende Entwickelung — alles entwickelt sich ja, nicht wahr, vom Primitiven bis zum Vollkommenen — ist das Wauwau des Hundes, das heute noch beim Menschen auf seiner primitiven Stufe zu bemerken ist, zur menschlichen Sprache geworden. Wenn man alles in der Entwickelung verfolgt vom Wauwau bis zum heutigen Sprechen, so ähnlich, nicht wahr, wie es die Deszendenztheorie macht, Darwin oder Haeckel, beginnend mit der einfachsten Monere, also von der einfachsten Weise, von der unartikuliertesten Weise bis zu der heutigen Sprache, dann ist das eben die Wauwau-Theorie. Eine andere Theorie besagt, daß man ein gewisses Gefühl entwickeln kann der Verwandtschaft mit den Tönen der Glocke: Bimbam; man hätte jedesmal einen bestimmten inneren Klang, den man imitiert. Danach würde man mit dem Wauwau mehr eine Evolutionstheorie verfolgen, mit der BimbamTheorie mehr eine Anpassungstheorie, eine Anpassung des Menschen an die innere Natur der materiellen Worte. Dann kann man ja auch geistreich die Dinge verbinden, die Bimbam-Theorie mit der WauwauTheorie, das ist dann etwas Vollkommeneres, dann hat man Entwickelung mit Anpassung verbunden. Nun ja, diese Dinge sind heute mehr oder weniger gang und gäbe. Es gibt auch solche, die über diese beiden Theorien lachen und die andere Theorien haben; aber im Prinzip sind sie eben auch nicht viel anders.
[ 16 ] Today, there is really only one area left in which one can still perceive, even if only a little, how something like creative reason still flows into and influences human life. In one area, one can still perceive something of the realization of the ideal; but, I would say, only a shadow of it remains, and for the most part, this shadow is not even taken into account. Today there are a number of naturalistic anthropological theories regarding the origin of language and how it is said to have developed. As you know—I have mentioned this before—there are two main theories. One is called the “Wauwau” theory, the other the “Bimbam” theory. The “Wauwau” theory is advocated more by continental scholars, while the “Bimbam” theory is advocated by Max Müller. The “Wauwau” theory is based on the idea that humans started from the most primitive states, and since their inner organic experiences barked out just like a dog when it says “wauwau,” and through a corresponding development—everything develops, isn’t that right, from the primitive to the perfect—the dog’s “wauwau,” which can still be observed today in humans at their primitive stage, has become human language. If one traces everything in its development from “woof-woof” to modern speech—much like the theory of descent does, as proposed by Darwin or Haeckel, beginning with the simplest monera, that is, from the simplest form, the most inarticulate form, all the way to modern language—then that is precisely the “woof-woof” theory. Another theory holds that one can develop a certain sense of kinship with the sounds of a bell: “bimbam”; each time, one would have a specific inner sound that one imitates. According to this, the “woof-woof” theory would be more in line with a theory of evolution, while the “bimbam” theory would be more in line with a theory of adaptation—an adaptation of humans to the inner nature of material words. Then one can also ingeniously combine the two—the “Bimbam” theory with the “Wauwau” theory—which results in something more complete, as it unites evolution with adaptation. Well, these ideas are more or less commonplace today. There are also those who laugh at these two theories and have other theories of their own; but in principle, they aren’t much different either.
[ 17 ] Geistig betrachtet, geistig angeschaut kann gar keine Rede davon sein, daß die Sprachentwickelung eine solche ist, wie sie eben charakterisiert worden ist, sondern schon rein äußerlich zeigt das Gefüge der Sprache, daß im Sprachbilden, im Entstehen der Sprache wirkliche Vernunft waltet. Und zwar ist es interessant, gerade an der Sprache das Walten der Vernunft festzuhalten, aus dem einfachen Grunde, weil am anschaulichsten noch in der Sprache ein ideelles Moment lebt, also dasjenige, was in der einen Strömung heute angeschaut wird, und weil die Sprache nicht bloß an das Gemüt des Menschen sich wendet, sondern ihre eigene Gesetzmäßigkeit hat, also das Ideelle in einer gewissen Weise sich in ihr schon realisiert, wenn auch gegenüber natürlichen Gesetzen schattenhaft. Nehmen Sie zum Beispiel ein Wort — ich will Sie nur auf ein paar sehr elementare Fälle aufmerksam machen —, wo Sie sehen können, wie innere Vernunft im Sprachentstehen waltet; nehmen Sie ein Wort wie: Oratio, die Rede. Es ist nun merkwürdig, wenn man solch ein Wort nimmt wie Oratio, die Rede, und dann beobachtet, was aus diesem Worte wird im Leben des Menschen nach dem Tode, so stellt sich eine merkwürdige Ähnlichkeit ein mit dem, was als werdende Vernunft in der Entwickelung der Sprache gewirkt hat. Das gibt gewisse Sicherheiten, die man heute auf einem andern Weg kaum gewinnen kann. Auf einem andern Wege kann man höchstens Hypothesen gewinnen. Der Tote wird selten, wenigstens nachdem eine bestimmte Zeit seit dem Tode verflossen ist, das Wort Oratio noch verstehen; er wird es nicht mehr verstehen, er verliert das Verständnis dafür. Dagegen wird er immer noch verstehen eine Anschauung, eine Imagination, welche zurückführt auf das, was man ausdrücken kann durch die Worte: Os, Oris, Mund, und: Ratio, Vernunft. Der Tote löst das Wort Oratio auf in Os und Ratio. Und in der Entwickelung hat sich der umgekehrte Vorgang wirklich abgespielt: Das Wort Oratio ist wirklich entstanden durch eine Synthesis ursprünglicher Wörter, Os und Ratio. Oratio ist kein so ursprüngliches Wort wie Os, Oris und Ratio, sondern Oratio ist aus Os und Ratio gebildet.
[ 17 ] From a spiritual perspective, when viewed spiritually, there can be no question that the development of language is as it has just been characterized; rather, even from a purely external standpoint, the structure of language shows that true reason reigns in the formation of language, in its emergence. And indeed, it is particularly interesting to observe the reign of reason in language, for the simple reason that an ideal element lives most vividly in language—that is, the very element that is currently being contemplated in a particular current of thought— and because language does not merely address the human mind, but has its own laws—that is, the ideal is already realized in it in a certain way, even if only as a shadow compared to natural laws. Take, for example, a word—I simply want to draw your attention to a few very elementary cases—where you can see how inner reason governs the formation of language; take a word like *Oratio*, meaning “speech.” It is remarkable that when one takes a word such as *Oratio*, meaning “speech,” and then observes what becomes of this word in human life after death, a remarkable similarity emerges with what has been at work as emerging reason in the development of language. This provides a certain certainty that can hardly be attained today by any other means. By other means, one can at best arrive at hypotheses. The dead person will rarely—at least after a certain time has elapsed since death—still understand the word *Oratio*; they will no longer understand it; they lose their understanding of it. On the other hand, they will still understand a perception, an imagination, which leads back to what can be expressed by the words: *Os*, *Oris*, “mouth,” and *Ratio*, “reason.” The dead person breaks down the word *Oratio* into *Os* and *Ratio*. And in the course of development, the reverse process has indeed taken place: the word *Oratio* actually arose through a synthesis of the original words, *Os* and *Ratio*. *Oratio* is not as original a word as *Os*, *Oris*, and *Ratio*; rather, *Oratio* is formed from *Os* and *Ratio*.
[ 18 ] Ein paar solcher elementarer Dinge möchte ich Ihnen anführen. Diese Dinge können am anschaulichsten noch an der lateinischen Sprache studiert werden, weil sie da am deutlichsten noch zutage treten, es sind aber die Gesetze, die dabei gefunden werden können, auch für andere Sprachen von Bedeutung. Nehmen Sie zum Beispiel drei ursprüngliche Worte: Ne ego otior; das würde heißen, wenn man es als Wort nimmt: Ich bin nicht müßig. Ego otior: Ich bin müßig; ne ego otior: Ich bin nicht müßig. Diese drei Worte setzen sich durch die waltende kosmische Vernunft zusammen in Negotior, das heißt: Handel treiben. Da haben Sie drei Worte in eins zusammengefügt, und Sie sehen vernunftmäßig den Aufbau der Worte. Sie sehen Vernunft walten in der Entwickelung der Sprache.
[ 18 ] I would like to cite a few such elementary examples for you. These phenomena can be studied most clearly in the Latin language, because they are most evident there; however, the rules that can be derived from them are also significant for other languages. Take, for example, three original words: *Ne ego otior*; taken as a single word, this would mean: “I am not idle.” Ego otior: I am idle; ne ego otior: I am not idle. Through the prevailing cosmic reason, these three words combine to form “negotior,” which means “to trade.” Here you have three words fused into one, and you can see the logical structure of the words. You see reason at work in the development of language.
[ 19 ] Ich würde, wie gesagt, dieses nicht so strikte behaupten, wenn nicht die merkwürdige Tatsache eintreten würde, daß der Tote das, was hier in der Welt zusammengefügt worden ist, wiederum auflöst. Der Tote löst wiederum so etwas wie das Negotior auf in: Ne ego otior, und er versteht nur diese drei Worte beziehungsweise Anschauungen, die er sich aus dieser Trinität zusammenfügt, und er vergißt dasjenige, was dutch die Zusammenfügung entstanden ist.
[ 19 ] As I said, I would not assert this so strictly were it not for the curious fact that the dead person once again dissolves what has been brought together here in the world. The dead person dissolves, in turn, something like the “Negotior” into “Ne ego otior,” and understands only these three words—or rather, these three perspectives—which he assembles from this trinity, while forgetting that which arose through the act of assembly.
[ 20 ] Ein anderes naheliegendes Beispiel ist: Unus, der eine, und Alterque, der andere; das ist zusammengezogen in das lateinische Wort Uterque, jeder von beiden. Wir könnten recht froh sein, wenn wir in den modernen Sprachen ein solches Wort hätten wie Uterque, das jenen Begriff gibt; der Franzose kann es höchstens ausdrücken, indem er bei dem oberen bleibt: I’un ct l’autre; er hat nicht einen einzigen Begriff, um das auszudrücken. Aber Uterque drückt das viel präziser aus.
[ 20 ] Another obvious example is: *Unus*, the one, and *Alterque*, the other; these are combined in the Latin word *Uterque*, meaning “each of the two.” We would be quite happy if we had a word in modern languages like *Uterque* that conveys that concept; the French can at best express it by sticking to the former: *I’un ct l’autre*; they do not have a single term to express it. But *Uterque* expresses it much more precisely.
[ 21 ] Nehmen Sie einen Fall, damit Sie sehen, welches Prinzip ich eigentlich meine. Sie alle kennen selbstverständlich das Wort «se», das französische Wort «se»: sich. Sie kennen das Wort «hors»: außer sich, heraus, könnte man auch sagen, und «tirer» — ich behalte davon nur das «tir» bei —, «tir»: ziehen, sich wegziehen. Wenn Sie diese drei Dinge dann nach demselben Prinzip zusammensetzen, so bekommen Sie hier das «sortir», weggehen, was nichts anderes ist als eine Zusammenfügung von «se hors tir»; «tir» ist der Rest des Wortes «tirer». Da sehen Sie noch in einer modernen Sprache diese selbe waltende Vernunft darinnen. Oder nehmen Sie ein Beispiel, wo die Sache etwas dadurch kaschiert ist, daß verschiedene Sprachstufen wirken: «coeur, das Herz; «rage», das ist das Lebendige, das sich Belebende, der Enthusiasmus, der vom Herzen ausgeht; zusammengesetzt: «courage». Das sind nicht irgendwelche Erfindungen, sondern das sind reale Geschehnisse, die wirklich da waren. So sind die Worte gebildet.
[ 21 ] Let’s take an example so you can see exactly which principle I’m referring to. Of course, you’re all familiar with the word “se,” the French word “se”: oneself. You know the word “hors”: out of oneself, out, one might also say, and “tirer”—I’ll just keep the “tir” from that— “tir”: to pull, to pull oneself away. If you then combine these three elements according to the same principle, you get “sortir,” to go away, which is nothing other than a combination of “se hors tir”; “tir” is what remains of the word “tirer.” There you can still see this same prevailing rationality at work in a modern language. Or take an example where the matter is somewhat obscured by the interplay of different linguistic levels: “coeur,” the heart; “rage,” which is the living, the invigorating, the enthusiasm that emanates from the heart; combined: “courage.” These are not mere inventions, but real events that actually took place. This is how words are formed.
[ 22 ] Aber die Möglichkeit, so Worte zu bilden, sie ist heute nicht mehr da. Heute hat sich der Mensch herausgestellt aus dem lebendigen Zusammenhang mit der kosmischen Vernunft, und daher kann höchstens noch in ganz sporadischen Fällen eine Möglichkeit vorhanden sein, sich heranzuwagen an die Sprache, um irgendwelche Worte aus der Sprache herauszuholen, die, wie man sagt, im Geiste der Sprache sind. Aber je weiter man zurückgeht, und namentlich je weiter man zurückgeht hinter das 8. vorchristliche Jahrhundert, auch bei der griechischen, bei der lateinischen Sprache, desto mehr ist im lebendigen Leben das Prinzip tätig, daß in dieser Weise gerade Sprachentwickelung wirkt. Und dabei bleibt immer das Bedeutsame, daß man wie auf ein Eurythmisches auf dieses hinzuweisen hat dadurch, daß man beim Toten entdeckt: Er zieht die Worte wieder auseinander, er zerlegt sie wieder in ihre Teile. Er hat mehr Empfindung, der Tote, für diese Teile der Worte, als für die ganzen Worte. Denken Sie sich konsequent die Sache durchentwickelt, so würden Sie die Worte überhaupt auseinanderkriegen in die Laute, und wenn Sie die Laute wiederum umsetzen, jetzt nicht in Luftbewegungen, sondern in Bewegungen des ganzen Menschen, dann haben Sie die Eurythmie. Die Eurythmie ist daher etwas, was der Tote in der Tat sehr gut verstehen kann, wenn sie vollkommen betrieben wird. Und Sie sehen, daß sich solche Dinge, wie auch die Eurythmie, nicht äußerlich beurteilen lassen, sondern daß man ihre ganze Stellung im Gesamtgefüge der menschlichen Entwickelung nur einsehen kann, wenn man auch einzugehen vermag auf diese Gesamtentwickelung des Menschen.
[ 22 ] But the possibility of forming words in this way no longer exists today. Today, human beings have severed their living connection with cosmic reason, and therefore there may still be a possibility—at most in very sporadic cases—of venturing into language to extract certain words from it that, as one says, are in the spirit of the language. But the further back one goes—and especially the further back one goes beyond the 8th century B.C., even in the case of Greek and Latin—the more active this principle is in living reality, showing that language development operates precisely in this way. And what remains significant here is that one must point to this as something eurythmic by observing in the dead: He pulls the words apart again; he breaks them down into their parts once more. The dead person has a greater sense of these parts of the words than of the whole words. If you think this through to its logical conclusion, you would break the words down entirely into sounds, and if you then translate those sounds—not into air movements, but into movements of the whole human being—you have eurythmy. Eurythmy is therefore something that the dead can indeed understand very well when it is practiced perfectly. And you see that such things, including eurythmy, cannot be judged from the outside, but that one can only grasp their entire place within the overall structure of human development if one is also able to engage with this overall development of the human being.
[ 23 ] Es ließe sich noch viel mehr sagen über das, was Eurythmie eigentlich will, aber dazu wird sich später noch Gelegenheit bieten. Ich wollte damit zunächst einmal Sie auf ein wenn auch schattenhaftes Gebiet hinweisen, wo noch in den älteren Zeiten im lebendigen Wirken der Menschen selber ein Hereinspielen des Idealen in das Reale war. Ich sagte heute im Eingange: In der heutigen Weltanschauung finden wir nicht mehr die Möglichkeit, eine Brücke zu bauen zwischen dem Ideellen, Idealen, Moralischen und zwischen dem, was inder Natur lebt. Es fehlt die Brücke. Das ist auch dem heutigen Entwickelungszyklus des Menschen ganz natürlich, daß diese Brücke fehlt. Das Ideelle schafft nicht mehr. Ich wollte Ihnen im menschlichen Gebiet selbst ein Beispiel zeigen, wenn auch, wie gesagt, ein schattenhaftes, wo in dem Menschen selbst noch ein Ideelles schafft. Denn in dem Zusammensetzen solcher Worte, da wirkte nicht Verabredung der Menschen oder die Überlegung einer einzelnen menschlichen Individualität oder Persönlichkeit, sondern da wirkte Vernunft, ohne daß der Mensch so richtig dabei war. Heute wollen die Menschen ja bei allem dabei sein, was sie machen: Nun, wenn so etwas Schönes, Großes, Bedeutsames gemacht werden sollte wie das hier — da sollten Sie sehen, was mit der heutigen Weisheit der Menschen herauskäme, wenn heute Sprache gebildet werden sollte! Aber gerade in den Zeiten, in denen der Mensch noch nicht so bei sich war, sind diese großartigen, weisen, bedeutsamen Dinge in der Menschheit geschehen, und sie sind so geschehen, daß in diesem Geschehen noch ein nahes Zusammensein von Ideellem und von Realem ineinanderwirkte, nämlich ideellem, also vernünftigem Werden, und realem Bewegen der Luft durch die menschlichen Atmungsorgane. Heute können wir nicht zwischen der moralischen Idee und meinetwillen der elektrischen Kraft eine Brücke bauen; aber hier ist eine Brücke gebaut zwischen etwas Geschehendem und etwas Vernünftigem. Das führt uns natürlich nicht dazu — ich werde das morgen weiter ausführen —, dieselbe Brücke zu bauen; sie muß heute in ganz anderer Weise gebaut werden. Aber Sie können daraus sehen, daß die Menschheit zu dem heutigen Zustande vorgeschritten ist von einem andern Zustande: von einem Drinnenstehen in einem lebendigen Weben, das nahe war dem, was in einer gewissen Weise umgekehrt post mortem, also nach dem Tode der Menschen sich vollzieht. Der Mensch muß heute nach dem Tode, um sein Fortkommen zu finden zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, das wieder auseinandernehmen, was durch Kräfte — wir werden morgen noch davon sprechen — so zusammengefügt worden ist, daß man dieses Zusammenfügen noch deutlich sehen kann, wenn man in die älteren Stufen des Sprachbildens zurückgeht.
[ 23 ] Much more could be said about what eurythmy actually aims to achieve, but there will be an opportunity to do so later. For now, I simply wanted to draw your attention to a realm—albeit a shadowy one—where, in earlier times, the living activity of human beings themselves involved the interplay of the ideal with the real. As I said at the beginning today: In today’s worldview, we no longer find the possibility of building a bridge between the ideal, the moral, and that which lives in nature. The bridge is missing. It is also entirely natural for humanity’s current cycle of development that this bridge is missing. The ideal no longer creates. I wanted to show you an example from the human realm itself—albeit, as I said, a faint one—where the ideal still creates within the human being. For in the composition of such words, it was not human agreement or the deliberation of a single human individuality or personality that was at work, but rather reason, without the human being being truly present in the process. Today, people want to be fully involved in everything they do: Well, if something as beautiful, grand, and significant as this were to be created—then you would see what would come of it with the wisdom of people today, if language were to be formed today! But it was precisely in those times when human beings were not yet so self-absorbed that these magnificent, wise, and significant things came to pass in humanity, and they came to pass in such a way that, within this process, there was still a close interplay between the ideal and the real—namely, ideal, that is, rational becoming, and the real movement of air through the human respiratory organs. Today we cannot build a bridge between the moral idea and—for the sake of argument—electric power; but here a bridge has been built between something that is happening and something rational. This does not, of course, lead us—as I will elaborate further tomorrow—to build the same bridge; today it must be built in an entirely different way. But you can see from this that humanity has progressed to its present state from a different state: from standing within a living weaving that was close to what, in a certain sense, takes place in reverse post mortem—that is, after the death of human beings. Today, in order to find a way forward between death and a new birth, human beings must, after death, take apart what has been joined together by forces—we will speak of this tomorrow—in such a way that this joining can still be clearly seen when one goes back to the earlier stages of language formation.
[ 24 ] Das sind wichtige Dinge, Dinge, die man wirklich ins Auge fassen muß, wenn man den Blick darauf wendet: Wie soll sich — wir haben ja darüber oft gesprochen, daß dies von uns ins Auge gefaßt werden muß — in das ganze Gefüge des gegenwärtigen Geisteslebens hineinstellen dasjenige, was auf dem Boden der Geisteswissenschaft gefunden werden kann? — Und wenn man immer wieder spricht von der Wichtigkeit dieses Hineinstellens der Geisteswissenschaft in die ganze Entwickelung, so muß man schon auch auf diesem Gebiete konkret denken. In diesen Vorträgen möchte ich jetzt einiges beitragen zu diesem konkreten Denken. Wenn es einmal sein könnte, daß Geisteswissenschaft getragen würde von einer gewissen Bewegung in der Gegenwart, von einer Menschenbewegung, dann würde auf allen Gebieten diese Geisteswissenschaft befruchtend wirken können. Aber es müßte natürlich vor allen Dingen der Wille vorhanden sein, auf solche Subtilitäten auch einzugehen, wie sie hier oftmals betont werden. Denn auf diese Subtilitäten, die sich immer beziehen auf das Verhältnis unserer Geisteswissenschaft zur gegenwärtigen Geisteskultur, müssen wir das begründen, was wir nennen können unser eigenes UnsHineinstellen in die Geistesbewegung der Gegenwart mit der Geisteswissenschaft. Es ist wirklich so, daß die traurigen, katastrophalen Ereignisse der Gegenwart den Menschen aufmerksam machen sollten, daß alte Weltanschauungen Bankrott gemacht haben. An der Geisteswissenschaft allein nicht, aber an ihrer Beziehung zu diesen alten Weltanschauungen könnte man sehen, was zu geschehen hat, damit wir aus dem Bankrott der gegenwärtigen Zeit hinauskommen.
[ 24 ] These are important matters—matters that one really must take into account when considering them: How should—we have, after all, often spoken of the need for us to take this into account—what can be found on the basis of spiritual science be integrated into the entire structure of contemporary spiritual life? — And when we speak again and again of the importance of integrating spiritual science into the entire course of development, we must also think concretely in this area. In these lectures, I would now like to contribute something to this concrete thinking. If it were possible for spiritual science to be carried by a certain movement in the present, by a human movement, then this spiritual science could have a fruitful effect in all areas. But, of course, above all else, there would have to be a willingness to engage with such subtleties as are often emphasized here. For it is upon these subtleties—which always pertain to the relationship of our spiritual science to contemporary spiritual culture—that we must ground what we might call our own integration into the spiritual movement of the present with spiritual science. It is truly the case that the sad, catastrophic events of the present should make people aware that old worldviews have gone bankrupt. Not in spiritual science alone, but in its relationship to these old worldviews, one could see what must happen so that we may emerge from the bankruptcy of the present age.
[ 25 ] Dazu wäre freilich notwendig, daß man endlich einginge auf die Intentionen, welche ich ja oftmals gerade als diejenigen der geisteswissenschaftlichen Bewegung ausgesprochen habe. Es wäre wirklich notwendig, einzusehen, welches die Gründe sind, warum zum Beispiel auf der einen Seite es innerhalb gewisser Kreise so fruchtbar geworden ist, hier am Bau zu wirken, und warum andere Bestrebungen der Anthroposophischen Gesellschaft gewissermaßen ebenso unfruchtbar geblieben sind; warum, wenn man absieht von dem, was sie wirklich geleistet hat, nämlich daß sie den Dornacher Bau in die Welt setzt, die Gesellschaft doch vielfach versagt. Ein solches Leisten auf der einen Seite bedingt immer, wenn es nicht oftmals das Gegenteil wachrufen soll, daß manches andere geschieht. Es wäre notwendig, daß auch auf andern Gebieten die Anthroposophische Gesellschaft nicht versagte, wie sie vollständig versagt hat in den Jahren, in denen sie besteht. Dieses Versagen, das brauchte man nicht immer wieder und wiederum zu betonen, wenn viel stärker die Meinung verbreitet wäre, daß man nachdenken muß, warum die Anthroposophische Gesellschaft in bezug auf so vieles andere versagt. Wenn man gründlicher nachdenken würde, so würde man erkennen, worauf es zum Beispiel beruht, daß draußen in der Welt immer wieder und wiederum die Meinung sich verbreitet, ich führte die Anthroposophische Gesellschaft nur so am Gängelbande und gäbe alles an; während es kaum eine Gesellschaft in der Welt gibt, wo weniger dasjenige geschieht, was ein sogenannter Führer will, als in der Anthroposophischen Gesellschaft! Es geschieht ja in der Regel das Gegenteil von dem, was ich eigentlich beabsichtige. Also, nicht wahr, gerade an der Anthroposophischen Gesellschaft kann es sich zeigen, wie im Praktischen eine Wirklichkeit weit ab ist auch von ihren sogenannten Idealen. Aber man muß dann auch den Willen haben, sich auf den Boden der Wirklichkeit zu stellen. In einer Gesellschaft gibt es selbstverständlich Persönliches; aber man muß dieses Persönliche auch als Persönliches auffassen. Wenn irgendwo in einem Zweige sich die Leute streiten aus rein persönlichen Gründen, so soll man da nicht aus Weiß Schwarz machen, oder aus Schwarz Weiß machen, sondern man soll ruhig zugestehen: Wir haben persönliche Gründe, wir mögen den und den nicht aus persönlichen Gründen. — Dann ist man bei der Wahrheit; man braucht ja nicht die Wirklichkeit in Ideale zu verkehren. So wäre es notwendig, daß, während auf der einen Seite mein Bestreben dahin geht, alles Geisteswissenschaftliche aus dem Sektiererischen herauszuheben, alles Sektiererische abzustreifen, die Anthroposophische Gesellschaft immer mehr und mehr in das Sektiererische hineinplumpst und eine gewisse Liebe gerade für das Sektiererische hat. Wenn irgendwo das Bestreben besteht, aus dem Sektiererischen herauszukommen, so haßt man gerade hier dieses Herauskommenwollen aus dem Sektiererischen.
[ 25 ] To do this, of course, it would be necessary to finally address the intentions that I have often explicitly stated as being precisely those of the spiritual science movement. It would truly be necessary to understand the reasons why, for example, on the one hand, working on this building has become so fruitful within certain circles, and why other endeavors of the Anthroposophical Society have, in a sense, remained just as fruitless; why, apart from what it has actually accomplished—namely, bringing the Dornach building into being—the Society has nevertheless failed in many respects. Such an achievement on the one hand always implies—unless it is meant to evoke the opposite—that certain other things must happen. It would be necessary for the Anthroposophical Society not to fail in other areas as well, as it has completely failed in the years since its founding. There would be no need to emphasize this failure again and again if the view were much more widely held that one must reflect on why the Anthroposophical Society fails in so many other respects. If one were to reflect more deeply, one would recognize, for example, why the opinion keeps spreading out in the world time and again that I merely lead the Anthroposophical Society by the nose and dictate everything; whereas there is hardly any society in the world where what a so-called leader wants happens less than in the Anthroposophical Society! As a rule, the opposite of what I actually intend happens. So, isn’t it true that the Anthroposophical Society, of all places, can demonstrate how, in practice, reality is far removed even from its so-called ideals? But one must then also have the will to stand on the ground of reality. Of course, there are personal factors in any society; but one must also recognize these personal factors as such. If, somewhere in a branch, people are arguing for purely personal reasons, one should not turn white into black or black into white, but should calmly admit: We have personal reasons; we dislike so-and-so for personal reasons. — Then one is close to the truth; after all, there is no need to distort reality into ideals. Thus, while on the one hand my endeavor is directed toward lifting everything in spiritual science out of sectarianism and stripping away all that is sectarian, the Anthroposophical Society is slipping further and further into sectarianism and harbors a certain fondness precisely for that sectarianism. If there is an effort anywhere to break free from sectarianism, it is precisely here that this desire to break free from sectarianism is met with hostility.
[ 26 ] Ich möchte natürlich nicht irgend jemanden tadeln, möchte auch nicht undankbar sein gegen die schönen Bestrebungen, die da und dort überall sind, ich erkenne alles voll an, aber es ist notwendig, daß man über manche Dinge ein wenig nachdenkt, sonst werden sich immer wieder und wiederum die Dinge finden, von denen mir auch in diesen Tagen wiederum erzählt worden ist. Nicht wahr, es ist auch da das Persönliche mit der Sache schon innig verquickt. Wenn jetzt in einem Lande wiederum irgendein Unheil auftaucht, so ist wiederum die Konstitution gerade der Anthroposophischen Gesellschaft so, daß, ich möchte sagen, die Gesellschaft die Sensation hat, sich wiederum ein bißchen zu zanken, und aus diesem ganzen Zank kommt ja das heraus, daß ich selbst persönlich in der wüstesten Weise beschimpft werde. Ja, wenn sich das immer wieder und wieder wiederholt, so kommen wir nicht weiter. Wenn ich immer in der wüstesten Weise beschimpft werde, weil die andern zanken und ich ausgespielt werde, wenn es immer wiederum darauf hinauskommt, daß ich ausgespielt werde, so kann ich natürlich nicht mehr die anthroposophische Bewegung in der Welt halten. Es wäre möglich, in positiver Weise bloß zu wirken, wenn man sich mehr auf das Positive verlegen wollte, das ich ja genügend immer wieder andeute. Es wäre möglich, solche Dinge hintanzuhalten, die zumeist auf furchtbar inferioren Dingen beruhen. Aber man hat in vielen Kreisen viel mehr Lust, zu zanken, viel mehr Lust, namentlich auch zum Dogmenstreit, aus dem sich dann oftmals persönliche Zänkereien herausentwickeln. Und dann wird es so, daß das Schimpfen sich gewöhnlich auf mich ablenkt — was mich ja persönlich höchst kühl läßt, aber die Bewegung kann nicht weiterbestehen, wenn es so weitergehen soll. Es ist nicht so, daß ich in diesem Fall tadle, was die Freunde in einem solchen Falle getan haben, aber ich mache darauf aufmerksam, daß sie etwas anderes nicht getan haben, was mir nicht zukommt, gerade in plumper Weise anzudeuten, wodurch aber in viel sicherer Weise verhindert würde dasjenige, was fortwährend geschieht, als auf die Weise, wie es fortwährend versucht wird. Heute steht es schon so, daß man sagen kann: Wir haben Zyklen nur abgegeben an Mitglieder der Gesellschaft, und ich weiß, wie ich selber oftmals sonderbar von dem oder jenem aus der Gesellschaft angesprochen werde, wenn ich viel liberaler bin, als fernerstehende Mitglieder oftmals in der Abgabe von Zyklen sein wollen. Ja, schlimmer hätte es dem, was durch die Zyklen in die Welt gesetzt worden ist, durch Außenstehende niemals ergehen können, als es durch Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft geschehen ist! Das muß man auch in Betracht ziehen. Wir sind heute schon durchaus so weit, daß die Zyklen in einer Weise mißbraucht werden durch Mitglieder, durch abgefallene Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, daß es eigentlich sehr bald nahe daran sein kann, daß man sagt: Wir machen gar keine Grenze mehr, wir verkaufen die Zyklen an jeden, der sie haben will. — Es kann nicht viel schlechter werden.
[ 26 ] Of course, I don’t want to criticize anyone, nor do I want to be ungrateful for the admirable efforts that can be found here and there; I fully acknowledge all of that. But it is necessary to reflect a little on certain things; otherwise, the same issues will keep cropping up again and again—issues that have been brought to my attention once more in recent days. Isn’t it true that, here too, the personal is already intimately intertwined with the matter at hand? Whenever some calamity arises in a country, the very nature of the Anthroposophical Society is such that—I would say—the Society gets a kick out of squabbling a bit, and out of all this squabbling comes the fact that I myself am personally reviled in the most vile manner. Yes, if this keeps repeating itself over and over again, we won’t make any progress. If I am constantly being vilified in the most vicious manner because others are squabbling and I am being made a scapegoat—if it always comes down to me being made a scapegoat—then, of course, I can no longer sustain the anthroposophical movement in the world. It would be possible to work in a positive way if people were more inclined to focus on the positive—which I have, after all, pointed out time and again. It would be possible to set aside such things, which are mostly based on terribly inferior matters. But in many circles, people are far more inclined to quarrel, far more inclined—especially—to dogmatic disputes, from which personal squabbles then often develop. And then it turns out that the abuse is usually directed at me—which, personally, leaves me quite unmoved, but the movement cannot continue if things are to go on this way. It is not that I am criticizing what my friends have done in this instance, but I am pointing out that they have failed to do something else—which is not my place to suggest in a crude manner—yet which would prevent what is constantly happening far more reliably than the approach that is constantly being attempted. Today the situation has already reached the point where one can say: We have distributed *Cycles* only to members of the Society, and I know how I myself am often strangely approached by this or that member of the Society when I am much more liberal than members from outside the Society often wish to be in the distribution of *Cycles*. Indeed, what has been brought into the world through the cycles could never have fared worse at the hands of outsiders than it has at the hands of members of the Anthroposophical Society! This must also be taken into account. We have already reached the point today where the cycles are being misused by members—by members who have fallen away from the Anthroposophical Society—to such an extent that it may very soon come to the point where people say: We won’t set any limits at all; we’ll sell the cycles to anyone who wants them. — It can’t get much worse.
[ 27 ] Ich sage nicht, daß es morgen schon geschehen soll, aber ich deute nur an, daß die Gesellschaft so gar nicht als Gesellschaft wirkt — immer außer dem Bau und außer einzelnen Kreisen —, daß sie gar nicht eigentlich das macht, was sonst eine Gesellschaft macht. Damit ist die Gesellschaft gar keine Hilfe; sie ist gar nicht dasjenige, was eine Bewegung ergeben würde.
[ 27 ] I’m not saying that it should happen as early as tomorrow, but I’m merely suggesting that society doesn’t function as a society at all—always outside the institution and outside individual circles—that it doesn’t actually do what a society would otherwise do. Thus, society is of no help at all; it is not at all the kind of thing that would give rise to a movement.
[ 28 ] Hier ist es so klar, daß ich niemanden persönlich meinen kann, daß ich ganz unbefangen dieses hier besprechen kann, aus dem einfachen Grunde, weil hier ja gerade die Stätte ist, wo eben fruchtbar aus der Gesellschaft heraus geschafft wird, nämlich am Bau. Der ist schon eine wirkliche Sache, die aus der Gesellschaft heraus entstanden ist. Und würden andere Dinge, die viel billiger sein könnten als der Bau, aus einem solchen Gesellschaftsgeiste heraus arbeiten, wie die Arbeiter an unserem Bau, dann würde aus der Anthroposophischen Gesellschaft ungeheuer Segensreiches ersprießen können. Aber man muß dann das Weiße weiß und das Schwarze schwarz nennen. Man muß wirklich auch sagen, da wo persönliche Dinge vorliegen: das sind persönliche Dinge — und sie nicht in einen hohen Idealismus heraufschrauben; sonst wird man eben nachdenken müssen, was an die Stelle der Anthroposophischen Gesellschaft gesetzt werden muß. Eine Gesellschaft würde dann ja nicht an die Stelle gesetzt werden können, denn es würde ja wiederum dieselbe Misere sein! Nicht wahr, es kann nicht die Gesellschaft bloß ein Mittel sein, daß man sich herumbalgen sollte mit allen möglichen inferioren Persönlichkeiten. Aber sie ist ein Mittel geworden, das einen zwingt, immer wieder Rücksicht zu nehmen auf alles mögliche inferiore Zeug.
[ 28 ] It is so clear here that I cannot be referring to anyone in particular, so I can discuss this quite impartially, for the simple reason that this is precisely the place where fruitful work is being done within the Society—namely, on the building site. This is truly something that has emerged from within the Society. And if other projects—which could be much less costly than the building—were to be carried out in the same spirit of the Society as the workers on our building site, then something immensely beneficial could spring forth from the Anthroposophical Society. But then one must call white white and black black. One must also truly say, when personal matters are involved: these are personal matters—and not elevate them to a lofty idealism; otherwise, one will simply have to consider what should take the place of the Anthroposophical Society. A society could not then be put in its place, for it would simply be the same misery all over again! Isn’t that right? The Society cannot merely be a means for people to bicker with all sorts of inferior personalities. But it has become a means that forces one to constantly take all sorts of inferior stuff into consideration.
[ 29 ] Nun, ich will Sie heute nicht länger langweilen mit der Sache, sondern ich wollte sie nur, nachdem die Zeit abgelaufen war, noch anfügen. Ich habe den Vortrag vorher zu Ende geführt; solche Sachen sage ich nur, wenn die Vortragszeit abgelaufen ist, hinterher als Ansatz.
[ 29 ] Well, I don’t want to bore you any longer with this today; I just wanted to add it after the allotted time had run out. I had already finished the lecture; I only mention things like this after the lecture time is up, as a postscript.
