The Polarity of Duration and Development in Human Life
GA 184
6 September 1918, Dornach
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The Polarity of Duration and Development in Human Life, tr. SOL
Erster Vortrag
First Lecture
[ 1 ] Ich möchte gerne einiges von dem, was in den Betrachtungen, die wir in diesem Sommer hier schon angestellt haben, vorgebracht worden ist, vertiefen, und in den nächsten Tagen wollen wir einiges Geschichtliche und auch einiges Sachliche dazufügen. Heute möchte ich vorbereitend Sie auf einige geschichtliche Tatsachen hinweisen, und aus diesen geschichtlichen Tatsachen, vorzugsweise aus der Offenbarung gewisser geschichtlicher Persönlichkeiten, einige Folgerungen, die sich einer gründlicheren Betrachtung ergeben, Ihnen vorführen.
[ 1 ] I would like to delve deeper into some of the points raised in the reflections we have already shared here this summer, and over the next few days we will add some historical and factual information. Today, by way of preparation, I would like to draw your attention to some historical facts, and based on these historical facts—particularly the revelations of certain historical figures—I will present to you some conclusions that arise from a more thorough examination.
[ 2 ] Diejenigen, welche in die Mysterien eingeweiht sind, zu allen Zeiten eingeweiht waren, haben mit Recht immer einen Ausspruch getan. Es ist der, daß auf der einen Seite, wenn man die beiden Strömungen des Weltanschauungslebens, die wir angeführt haben, den Idealismus und den Materialismus, nicht im rechten Maße einzuschätzen weiß, man dann entweder in der Gefahr schwebt, durch eine Falltüre in ein Kellerloch der Weltanschauung zu fallen, oder aber bei den verschiedenen Wegen, die man einschlägt, um eine Weltanschauung zu gewinnen, in eine Sackgasse kommen kann. Das Kellerloch, in das man fallen kann durch eine Falltüre, die man leicht unbemerkt läßt im Weltanschauungsleben, dieses Kellerloch sehen die Mysterieneingeweihten aller Zeiten an als den Dualismus, der nicht die Brücke findet zwischen dem Ideellen, man könnte auch sagen, ideell gefärbten Spirituellen, und dem Materiellen, dem Stofflichen. Und die Sackgasse, in die man sich verirren kann beim Wandeln verschiedener Wege der Weltanschauungen, wenn man nicht zurechtkommt mit dem Ausgleich zwischen Idealismus und Materialismus, diese Sackgasse ist für Mysterieneingeweihte der Fatalismus. Deutlich neigt ja wiederum die neuere Zeit auf der einen Seite zur dualistischen Weltanschauung, auf der andern Seite zur fatalistischen Weltanschauung, wenn auch das eine oder das andere von den neuzeitlichen Weltanschauungen nicht eingestanden oder eigentlich nicht einmal eingesehen wird.
[ 2 ] Those who are initiated into the mysteries—and have been initiated throughout the ages—have always, and rightly so, made a certain statement. It is this: that, on the one hand, if one does not know how to assess the two currents of worldview—idealism and materialism, which we have mentioned—in the proper measure, one either runs the risk of falling through a trapdoor into the abyss of worldview, or, on the various paths one takes to arrive at a worldview, one may end up in a dead end. The pit into which one can fall through a trapdoor—one that is easily overlooked in the realm of worldview—is regarded by the initiates of the mysteries of all ages as dualism, which fails to find the bridge between the ideal—or, one might say, the spiritually colored ideal—and the material, the physical. And the dead end into which one can stray while traversing various paths of worldviews—if one cannot strike a balance between idealism and materialism—is, for initiates of the mysteries, fatalism. Indeed, modern times clearly tend, on the one hand, toward a dualistic worldview and, on the other, toward a fatalistic worldview—even if neither of these tendencies is acknowledged, or indeed even recognized, by modern worldviews.
[ 3 ] Nun möchte ich zuerst aus dem Leben in der Abenddämmerung des vierten nachatlantischen Zeitraums eine Persönlichkeit — zunächst skizzenhaft charakterisiert — mit Bezug auf das Weltanschauungsleben hinstellen, und dann andere Persönlichkeiten betrachten, die mehr charakteristisch sind für das Weltanschauungsleben unserer Epoche, der fünften nachatlantischen Epoche.
[ 3 ] Now I would first like to present a figure—initially characterized in broad strokes—from life during the twilight of the fourth post-Atlantean epoch, with reference to the life of worldview, and then consider other figures who are more characteristic of the life of worldview in our epoch, the fifth post-Atlantean epoch.
[ 4 ] Eine sehr, sehr charakteristische Persönlichkeit innerhalb des abendländischen Weltanschauungslebens ist Augustinus, der gelebt hat von 354 bis 430 der christlichen Zeitrechnung. Wir wollen mit einigen Gedanken des Augustinus gedenken aus dem Grunde, weil, wie Sie ja aus der Jahreszahl sehen, er in der Abenddämmerung lebte des vierten nachatlantischen Zeitraums, der im 15. Jahrhundert seinen Abschluß findet. Man kann schon deutlich bemerken, wie dieser Abschluß herannaht, vom 3., 4., 5., 6. nachchristlichen Jahrhundert angefangen. Nun ist Augustinus durchgegangen durch Eindrücke verschiedenster Weltanschauungen. Über diese Dinge haben wir ja schon gesprochen. Vor allen Dingen ist Augustinus durchgegangen durch den Manichäismus und durch den Skeptizismus. Er hat alle diejenigen Impulse in seine Seele aufgenommen, die man bekommt, wenn man auf der einen Seite in der Welt alles Ideale, Schöne, Gute sieht, alles dasjenige, was von Weisheit erfüllt ist, und dann auch alles dasjenige, was übel ist, was Böses ist. Und wir wissen ja, daß der Manichäismus dadurch zurechtzukommen sucht — es ist das grob ausgedrückt, aber es kann auch so ausgedrückt werden — mit diesen beiden Strömungen in der Weltenordnung, daß er gewissermaßen ewig dauernde Polarität annimmt, einen ewig dauernden Gegensatz des Lichtes, der Finsternis, des Guten, des Bösen, des Weisheitsvollen, des Übels.
[ 4 ] A very, very distinctive figure in the history of Western thought is Augustine, who lived from 354 to 430 of the Christian era. We wish to commemorate him with a few of his thoughts because, as you can see from the dates, he lived during the twilight of the fourth post-Atlantean epoch, which came to an end in the 15th century. One can already clearly see how this conclusion was approaching, beginning in the 3rd, 4th, 5th, and 6th centuries A.D. Now, Augustine was exposed to a wide variety of worldviews. We have, of course, already spoken about these things. Above all, Augustine was influenced by Manichaeism and skepticism. He absorbed into his soul all those impulses one receives when, on the one hand, one sees in the world everything that is ideal, beautiful, and good—everything that is filled with wisdom—and, on the other hand, everything that is evil and wicked. And we know, of course, that Manichaeism seeks to come to terms with these two currents in the world order—to put it crudely, but it can be expressed this way—by assuming, as it were, an eternal polarity, an eternal opposition between light and darkness, good and evil, wisdom and wickedness.
[ 5 ] Mit diesem Dualismus kommt der Manichäismus nur dadurch zurecht, in seiner Art zurecht, daß er gewisse alte, vorchristliche Grundbegriffe mit dieser seiner Annahme von der Polarität der Weltenerscheinungen verbindet, vor allen Dingen verbindet gewisse Vorstellungen, die sich nur begreifen lassen, wenn man weiß, daß in alten Zeiten von den Menschen im atavistischen Hellsehen die geistige Welt geschaut worden ist, so geschaut worden ist, daß die Schauungen in ihrem Inhalte ähnlich sind den Eindrücken, welche die sinnliche Wahrnehmungswelt macht. Dadurch, daß der Manichäismus solche Vorstellungen, ich möchte sagen, von einem sinnlichen Schein des Übersinnlichen in sich aufgenommen hat, macht er auf viele den Eindruck, als ob er das Geistige vermaterialisierte, als ob er das Geistige in sinnlichen Formen vorstellte. Es ist das ja ein Fehler, den auch noch neuere Weltanschauungen, den zum Beispiel, wie ich Ihnen auseinandergesetzt habe in diesen Tagen, auch die neuere Theosophie vielfach macht. Augustinus ist gerade vom Manichäismus mit dadurch abgekommen, daß er diese Versinnlichung, diese Vermaterialisierung des Spirituellen im Laufe geläuterteren Vorstellungslebens nicht mehr ertragen konnte. Das war einer der Gründe, die ihn abgebracht haben.
[ 5 ] Manichaeism can only come to terms with this dualism—in its own way—by linking certain ancient, pre-Christian fundamental concepts with its own assumption regarding the polarity of worldly phenomena; above all, it links certain ideas that can only be understood if one knows that in ancient times, people with atavistic clairvoyance perceived the spiritual world, and these visions were such that their content resembled the impressions made by the world of sensory perception. Because Manichaeism has incorporated such ideas—I would say, of a sensory appearance of the supersensible—it gives many people the impression that it materializes the spiritual, as if it were representing the spiritual in sensory forms. This is, in fact, a mistake that even more recent worldviews—such as, for example, as I have explained to you in recent days, modern theosophy—often make. Augustine strayed from Manichaeism precisely because, in the course of a more purified life of thought, he could no longer tolerate this sensualization, this materialization of the spiritual. That was one of the reasons that led him away from it.
[ 6 ] Dann ist Augustinus auch durchgegangen durch den Skeptizismus, der insoferne eine berechtigte Weltanschauung ist, als er den Menschen aufmerksam darauf macht, daß man durch die bloße Betrachtung dessen, was man aus der sinnlichen Welt und aus den Erfahrungen und Erlebnissen der sinnlichen Welt gewinnen kann, nichts erfahren kann über das Übersinnliche. Und wenn man dann zugleich der Anschauung ist, daß man das Übersinnliche als solches nicht erhalten kann, dann zweifelt man an der Erkenntnis der Wahrheit überhaupt. Auch durch diesen Zweifel an der Erkenntnis der Wahrheit überhaupt ist Augustinus durchgegangen. Er hat die stärksten Impulse dadurch erhalten.
[ 6 ] Augustine also went through a phase of skepticism, which is a legitimate worldview insofar as it draws people’s attention to the fact that one cannot learn anything about the supersensible merely by contemplating what can be gained from the sensory world and from the experiences and perceptions of that world. And if one then also holds the view that the supersensible cannot be grasped as such, one comes to doubt the possibility of knowing the truth at all. Augustine also went through this doubt regarding the possibility of knowing the truth at all. It was this that gave him his strongest impetus.
[ 7 ] Nun muß man, wenn man einsehen will, wodurch sich Augustinus eigentlich hineingestellt hat in die abendländische Weltanschauung, auf den Hauptpunkt seiner Anschauung hinweisen, jenen Hauptpunkt, von dem alles Licht ausstrahlt, das in Augustinus waltet, und der eben der Hauptpunkt seiner späteren, seiner letztgebildeten Weltanschauung gewesen ist. Das ist der Punkt, der in dieser Art charakterisiert werden kann: Augustinus kam darauf, daß Gewißheit, wahrhaftige Gewißheit, keiner Täuschung unterworfene Gewißheit eigentlich der Mensch nur erringen kann mit Bezug auf dasjenige, was er im Inneren seiner Seele erlebt. Alles übrige kann ungewiß sein. Ob die Dinge, die unseren Augen erscheinen, die unseren Ohren hörbar werden, die auf unsere andern Sinne einen Eindruck machen, ob diese Dinge wirklich so konstituiert sind, wie das nach der Aussage der Sinne angenommen werden muß, das kann man nicht wissen; man kann nicht einmal wissen, wie diese Welt eigentlich aussieht, wenn man die Sinne vor ihr verschließt. — So denken Persönlichkeiten, die im Sinne des Augustinus über die äußere, erfahrbare Welt denken. Sie denken sich, daß diese äußere erfahrbare Welt, wie sie dem Menschen vorliegt, keine unbedingte Gewißheit und keine wahrhaftige Gewißheit geben könne, daß man aus ihr nichts gewinnen könne, worauf man als auf einem festen Punkte einer Weltanschauung stehen könnte. Dagegen ist man bei dem, was man in seinem Inneren erlebt — ganz gleichgültig, wie man es erlebt —, unmittelbar dabei, man ist es selbst, der die Vorstellungen, die Gefühle im Inneren erlebt; man weiß sich im inneren Erleben drinnenstehend. Und so ergibt sich für einen solchen Denker wie Augustinus die durch das innere Erleben belegbare Tatsache: Mit Bezug auf dasjenige, was der Mensch in seinem Inneren erlebt als Wahrheit, kann er keiner Täuschung sich hingeben. Man kann der Meinung sein, daß alles übrige, was die Welt sagt, der Täuschung unterworfen sei, aber man kann unmöglich daran zweifeln, daß dasjenige wahrhaftig und wirklich von uns im Inneren erlebt wird, was wir eben als unsere Vorstellungen, als unsere Gefühle erleben. — Diese feste Grundlage für das Zugeben einer unbezweifelbaren Wahrheit, sie bildet einen der Ausgangspunkte der Augustinischen Weltanschauung.
[ 7 ] Now, if one wishes to understand how Augustine actually positioned himself within the Western worldview, one must point to the central tenet of his philosophy—that central tenet from which all the light that shines in Augustine radiates, and which was precisely the central tenet of his later, fully developed worldview. This is the point that can be characterized as follows: Augustine came to the conclusion that certainty—true certainty, certainty not subject to deception—can actually be attained by human beings only in relation to what they experience within their own souls. Everything else may be uncertain. Whether the things that appear to our eyes, that are audible to our ears, that make an impression on our other senses—whether these things are truly constituted as must be assumed according to the testimony of the senses—one cannot know; one cannot even know what this world actually looks like when one shuts one’s senses off from it. — This is how people think who, in the spirit of Augustine, reflect on the external, experiential world. They believe that this external, experiential world, as it presents itself to human beings, cannot provide any absolute certainty or true certainty; that nothing can be gained from it upon which one could stand as a firm foundation for a worldview. In contrast, with what one experiences within oneself—regardless of how one experiences it—one is immediately present; it is one’s own self that experiences the ideas and feelings within; one knows oneself to be immersed in that inner experience. And so, for a thinker such as Augustine, the fact verifiable through inner experience becomes clear: With regard to what a person experiences within as truth, they cannot succumb to any delusion. One may hold the view that everything else the world says is subject to deception, but one cannot possibly doubt that what we experience as our ideas and feelings is truly and genuinely experienced by us within. — This firm foundation for acknowledging an undeniable truth forms one of the starting points of the Augustinian worldview.
[ 8 ] Wiederaufgenommen hat diesen Punkt in ganz eklatanter Weise im fünften nachatlantischen Zeitraum Cartesius, der 1596 bis 1650 gelebt hat, also schon in der Morgendämmerung der fünften nachatlantischen Periode. In Cartesius’ bekanntem: Ich denke, also bin ich —, das da bleibt, wenn wir alles übrige bezweifeln, sieht auch Cartesius den Ausgangspunkt, und er ist eigentlich mit dieser Anschauung ganz auf dem Standpunkte des Augustinus.
[ 8 ] This point was taken up in a most striking way during the fifth post-Atlantic period by Cartesius, who lived from 1596 to 1650—that is, already at the dawn of the fifth post-Atlantic period. In Cartesius’s famous statement, “I think, therefore I am”—which remains true even if we doubt everything else—Cartesius also sees the starting point, and with this view he is actually entirely in line with Augustine’s position.
[ 9 ] Nun liegen die Sachen doch so, daß mit Bezug auf das Weltanschauungsleben man immer sagen muß: Wer in irgendeinem Zeitpunkte in der Menschheitsentwickelung drinnensteht, der kommt zu gewissen Anschauungen. Gewisse Perspektiven dieser Anschauungen sieht er dann nicht; diese sehen dann die Späteren. Man möchte sagen: Den Späteren ist es immer aufbewahrt, gründlicher, wahrer irgend etwas zu sehen, als derjenige sehen kann, der gewisse Dinge aussprechen muß in einem gewissen Zeitpunkte der Menschheitsentwickelung. — Und über diese Tatsache kommt man nicht hinweg. Und gut ist es, wenn insbesondere auf unserem anthroposophischen Standpunkte das der Fall ist, was ich öfter schon erwähnt habe, wenn auf unserem anthroposophischen Standpunkte bewußt und gründlich erkannt wird: Auch dasjenige Wissen, das man in der Gegenwart, und sei es auch ein noch so ausgeprägtes, über spirituelle Dinge erwerben kann, es darf nicht aufgefaßt werden wie eine Summe von absoluten Dogmen. Man muß sich klar sein darüber, daß Spätere in kommenden Zeiten auftreten werden, die gerade an dem, was wir heute vorzubringen in der Lage sind, Wahreres sehen werden, als wir selbst sehen können. Darauf beruht eigentlich die geistige Entwickelung der Menschheit. Und alles Hemmnis, alles Hindernis des geistigen Fortschrittes der Menschheit beruht schließlich darauf, daß die Menschen das nicht zugeben wollen, daß sie gern Wahrheiten überliefert haben möchten, die nicht die Wahrheiten eines bestimmten Zeitalters sind, sondern die absolute, zeitlose Dogmen sind.
[ 9 ] The fact is, however, that when it comes to worldview, one must always say: Whoever lives at a particular point in human development arrives at certain views. Certain perspectives of these views are not apparent to them at the time; these are seen by those who come later. One might say: It is always reserved for those who come later to see something more thoroughly and more truly than can be seen by the one who must articulate certain things at a certain point in human development. — And there is no getting around this fact. And it is good if, particularly from our anthroposophical standpoint—as I have often mentioned—it is consciously and thoroughly recognized that even the knowledge of spiritual matters that can be acquired in the present, no matter how well-developed it may be, must not be regarded as a collection of absolute dogmas. One must be clear about the fact that people in the future will arise who will see greater truth in precisely what we are able to present today than we ourselves can see. The spiritual development of humanity is actually based on this. And every obstacle, every hindrance to humanity’s spiritual progress ultimately stems from the fact that people are unwilling to admit this; they would like to have truths handed down that are not the truths of a particular age, but rather absolute, timeless dogmas.
[ 10 ] Wir können heute gerade wiederum von unserem Gesichtspunkte aus auf Augustinus zurückblicken, und wir werden uns sagen müssen: Steht man auf Augustinischem Standpunkte, dann wird man scharf hinzusehen haben darauf, daß er Ungewißheit über die Wahrheit in allen äußeren Offenbarungen annimmt, wahrhaftige Gewißheit in dem Erleben desjenigen, was wir in unserer Seele tragen. — Das setzt voraus, wenn jemand sich einer solchen Anschauung hingibt, daß er als Mensch einen gewissen Mut hat. Man brauchte vielleicht gar nicht das, was ich jetzt sage, so dezidiert zu erwähnen, wie ich es tun muß, wenn nicht gerade in unserer Zeit es charakteristisch wäre für das Weltanschauungsleben, daß eben gerade dieser Mut fehlt. Und dieser Mut, den ich hier meine, er äußert sich nach zwei Richtungen hin. Die eine Richtung ist diese, daß man kühnlich, wie Augustinus, sich gesteht: Wahrhaftige Gewißheit findest du nur mit Bezug auf dasjenige, was du im Inneren erlebst. — Dann muß der andere Pol dieses Mutes da sein, der eben gerade in der Gegenwart nicht da ist; man muß den Mut dann auch haben, sich zu gestehen: In der äußeren sinnlichen Offenbarung ist diese wahrhaftige Gewißheit über die Wirklichkeit nicht enthalten. — Es gehört schon ein innerlicher Denkermut dazu, der äußeren Wirklichkeit, die dem heutigen Materialismus zum Beispiel als absolut sicher gilt, die wahrhaftige Gewißheit in ihren Aussagen abzusprechen. Und es gehört auf der andern Seite ein gewisser Mut dazu, sich zu sagen: Wahrhaftige Gewißheit erfließt nur, wenn man so recht sich dessen bewußt wird, was man im Inneren erlebt.
[ 10 ] Today, once again, we can look back on Augustine from our own perspective, and we will have to say to ourselves: If one adopts Augustine’s standpoint, one must take careful note that he assumes uncertainty regarding the truth in all external revelations, and true certainty in the experience of what we carry within our souls. — This presupposes, if one is to embrace such a view, that one possesses a certain courage as a human being. Perhaps there would be no need to mention what I am now saying so emphatically, as I must, were it not for the fact that, particularly in our time, the lack of precisely this courage is characteristic of our worldview. And this courage, which I mean here, manifests itself in two directions. One direction is this: that one boldly admits to oneself, like Augustine: You find true certainty only in relation to what you experience within yourself. — Then there must be the other pole of this courage, which is precisely what is lacking in the present; one must also have the courage to admit to oneself: This true certainty about reality is not contained in external sensory perception. — It takes a certain inner intellectual courage to deny that external reality—which, for example, today’s materialism regards as absolutely certain—possesses true certainty in its assertions. And, on the other hand, it takes a certain courage to tell oneself: True certainty arises only when one becomes truly aware of what one experiences within.
[ 11 ] Gewiß, es ist auch in unserer Zeit solches wiederum gesagt worden, und es gibt in unserer Zeit Menschen, die von ihren Mitmenschen, insofern diese zu einer Weltanschauung kommen wollen, diesen zweifach sich äußernden Mut fordern. Dennoch muß man heute über die Sache anders denken, wenn man erschöpfend denken will, und darin zeigt sich eben die ganze historische Stellung des Augustinus für den heutigen Menschen, daß man über diese Sache etwas anders denken muß. Heute muß man nämlich das wissen, was weder Augustinus noch Cartesius erwogen haben — ich habe es da, wo ich den Cartesius besprochen habe in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» ausgeführt —, heute muß man sagen: Der Glaube, daß man zu einem Befriedigenden des Weltanschauungslebens durch das Ergreifen des unmittelbaren Inneren des Menschen, so wie es heute von dem Menschen erlebt wird, kommen könne, dieser Glaube wird von jedem Schlafe widerlegt. Jedesmal, wenn der Mensch der heutigen Zeit in die Bewußtlosigkeit des Schlafes zurücksinkt, wird ihm zwar nicht dasjenige, wovon Augustinus spricht — die absolute wahrhaftige Gewißheit des inneren Erlebens —, aber die Wirklichkeit dieses inneren Erlebens wird ihm entrissen. Jedesmal vom Einschlafen bis zum Aufwachen ist die Wirklichkeit dieses wahrhaftigen Erlebens entflohen. Und der Mensch der heutigen Zeit, der in etwas anderer Art das Innere erlebt, als man es noch erlebt hat im vierten nachatlantischen Zeitraum, selbst in der Abenddämmerung zur Zeit des Augustinus, der muß sich sagen: Möge noch so scharf, noch so offenbar eine Gewißheit im Inneren erlebt werden, für das Leben nach dem Tode gibt das doch keine Gewißheit, aus dem einfachen Grunde, weil wir ja mit jedem Schlafe die Wirklichkeit hinuntersinken sehen in das Unbewußte, der heutige Mensch weiß nicht, ob nicht auch in das Unwirkliche. — Es darf also heute nicht mehr geschlossen werden, was man in seinem Inneren scheinbar absolut sicher erlebt, das könne nicht angefochten werden. Es kann theoretisch nicht angefochten werden, aber die Tatsache des Schlafes selber widerlegt es.
[ 11 ] Certainly, such things have been said again in our own time, and there are people today who demand this courage—which manifests itself in two ways—from their fellow human beings, insofar as the latter wish to arrive at a worldview. Nevertheless, one must think differently about this matter today if one wishes to think it through exhaustively, and it is precisely in this that the full historical significance of Augustine for people today becomes apparent: that one must think about this matter somewhat differently. For today one must know what neither Augustine nor Descartes considered—I have elaborated on this in my book *The Enigma of Man* where I discussed Descartes—and today one must say: The belief that one can attain a satisfying worldview by grasping the immediate inner life of the human being, as it is experienced by people today—this belief is refuted by every instance of sleep. Every time a person of our time sinks back into the unconsciousness of sleep, it is not what Augustine speaks of—the absolute, true certainty of inner experience—but the reality of this inner experience that is snatched away from them. Every time, from falling asleep until waking up, the reality of this true experience has slipped away. And modern-day people, who experience their inner life in a somewhat different way than it was experienced in the fourth post-Atlantean epoch—even in the twilight of Augustine’s time—must say to themselves: No matter how keenly or how clearly a certainty may be experienced within, it still offers no certainty regarding life after death, for the simple reason that with every sleep we see reality sink down into the unconscious; modern man does not know whether it does not also sink into the unreal. — Therefore, one can no longer conclude today that what one experiences inwardly as seemingly absolutely certain cannot be challenged. It cannot be challenged theoretically, but the very fact of sleep refutes it.
[ 12 ] Indem man den Blick auf das eben Gesagte hinwendet, erkennt man aber auch gleich, wie eigentlich Augustinus mit einem viel größeren Rechte als später Cartesius, der die Sache doch mehr oder weniger nur nachgesprochen hat, zu dieser Anschauung hat kommen können. Durch den ganzen vierten nachatlantischen Zeitraum, auch durch das Zeitalter des Augustinus hindurch, lebte in den Menschen noch etwas von Nachklängen des alten, atavistischen Hellsehens. Die Geschichte notifiziert das leider heute viel zu wenig, weiß eigentlich auch nicht viel davon. Aber zahlreich waren die Menschen den ganzen vierten nachatlantischen Zeitraum hindurch, die aus persönlicher Erfahrung wußten: Es gibt ein geistiges Leben — weil sie dieses geistige Leben eben schauten. Aber sie schauten es zumeist in diesem vierten Zeitraume — ungleich wie im dritten oder zweiten Zeitraume — dadurch, daß es in ihr Schlafleben hineinspielte. So daß man sagen kann: Für den vierten nachatlantischen Zeitraum war es bei den Menschen noch nicht so wie jetzt im fünften nachatlantischen Zeitraum, daß der Schlaf völlig bewußtlos verläuft. — Die Leute des vierten nachatlantischen Zeitraums wußten noch: Vom Einschlafen bis zum Aufwachen ist eine Zeit, in der in anderen Formen das wirkt, was sie als Vorstellungen, als Gefühle vom Aufwachen bis zum Einschlafen haben. Es tauchte gewissermaßen das wache Wahrheitsleben unter in das dämmerhaft bewußte Schlafesleben. Und man wußte: Was man als innere Wahrheit erlebt, das hat nicht nur Wahrheit, sondern auch Realität, hat auch Wirklichkeit. Denn man kannte die Augenblicke des Schlafeslebens, in denen sich zeigte, wie vorhanden ist als wirkliches, als reales, nicht bloß als abstraktes Leben dasjenige, was man im Inneren erfährt. Es kommt nicht darauf an, ob jemand heute noch beweisen kann oder nicht, daß Augustinus selbst aus eigener Erfahrung heraus hätte sagen können: Ich weiß, es dauert durch den Zeitraum vom Einschlafen bis zum Aufwachen dasjenige, was man innerlich zwar wahr, aber unwirklich erlebt. — Aber daß man eine solche Anschauung fassen konnte, daß man auf sie sich stellen konnte, das war in der Zeit des Augustinus durchaus möglich.
[ 12 ] However, if one considers what has just been said, one immediately recognizes that Augustine actually had a much greater right to arrive at this view than Descartes did later, who, after all, more or less merely echoed the idea. Throughout the entire fourth post-Atlantean epoch, including the age of Augustine, there still lived within people some echoes of the ancient, atavistic clairvoyance. Unfortunately, history today pays far too little attention to this and actually knows very little about it. But throughout the entire fourth post-Atlantean epoch, there were many people who knew from personal experience: There is a spiritual life—because they actually saw this spiritual life. But they saw it in this fourth epoch—unlike in the third or second epochs—primarily through its influence on their sleep life. So that one can say: During the fourth post-Atlantean epoch, sleep was not yet, as it is now in the fifth post-Atlantean epoch, a completely unconscious process. — People of the fourth post-Atlantean epoch still knew: From falling asleep to waking up is a time during which what they experience as thoughts and feelings from waking to falling asleep is active in other forms. In a sense, the waking life of truth was immersed in the twilight-like conscious life of sleep. And people knew: What one experiences as inner truth possesses not only truth but also reality; it is truly real. For they were familiar with those moments in the life of sleep that revealed how what one experiences inwardly exists as a real, tangible life—not merely as an abstract one. It does not matter whether anyone today can still prove—or not—that Augustine himself could have said, based on his own experience: “I know that what one experiences inwardly as true but unreal endures throughout the period from falling asleep to waking up.” —But that one could grasp such a view, that one could stand upon it, was entirely possible in Augustine’s time.
[ 13 ] Nun, wenn Sie dies, was ich jetzt mit Bezug auf das Subjektive des Menschen ausgeführt habe, verallgemeinern auf den ganzen Makrokosmos, so kommen Sie auf etwas anderes; Sie kommen dann auf dasjenige, aus dem dieses Subjektive in älterer Zeit, also noch im vierten nachatlantischen Zeitraum, eigentlich hervorgegangen ist, wodurch es möglich geworden ist. Man hat sich — sprechen wir jetzt von der vorchristlichen Zeit, namentlich das Mysterium von Golgatha ist die Grenze zwischen alten atavistischen Anschauungen und späteren neuen, die auch heute erst im Aufgange sind — in der vorchristlichen Zeit noch an gewisse lebendige Mysterienwahrheiten halten können. Die Mysterienwahrheiten, die ich damit meine, sind diejenigen, die sich beziehen auf das große Geheimnis der Geburt und des Todes. Das Geheimnis der Geburt und des Todes betrachten ja gewisse Mysterieneingeweihte als ein Geheimnis, welches, wie sie meinen, der profanen Welt nicht mitgeteilt werden solle, weil die Welt noch nicht dazu reif sei. Aber innerhalb der Mysterien war auch in der vorchristlichen Zeit eine gewisse Anschauung vorhanden über den Zusammenhang zwischen Geburt und Tod im großen Weltenleben, in das der Mensch ja auch mit seinem ganzen Wesen eingeschaltet ist. In dieser vorchristlichen Zeit hat man durch die Mysterien vorzugsweise den Blick hingewendet auf die Geburt, auf alles Geborenwerdende in der Welt. Wer die Weltanschauungen der alten Zeiten kennt, der weiß auch, daß die Betonung des Geborenwerdens, des Entstehens, des Sprießens und Sprossens diese alten Weltanschauungen ganz vorzugsweise beschäftigte. Und ich habe es ja öfter betont, welcher Gegensatz da eingetreten ist durch das Mysterium von Golgatha. Ich habe es in der folgenden Weise erwähnt: Man denke daran, wie sechshundert Jahre etwa vor dem Mysterium von Golgatha Buddha, der dasteht in der Menschheitsentwickelung wie der Abschluß der vorchristlichen Weltanschauung, zu seinen Anschauungen geführt wird dadurch, daß er unter anderem einen Leichnam sieht. Tod ist Leiden —, und wie ein Axiom gilt es dem Buddha: Das Leiden muß überwunden werden; es muß ein Mittel gefunden werden, sich vom Tode abwenden zu können. — Der Leichnam ist dasjenige, wovon sich Buddha abwendet, um zu dem zu kommen, was, zwar spiritualisiert, aber für ihn doch dasjenige ist, worinnen das sprossende, sprießende Leben erfühlt werden kann.
[ 13 ] Now, if you generalize what I have just explained regarding the subjective aspect of the human being to the entire macrocosm, you arrive at something else; you then arrive at that from which this subjectivity actually emerged in earlier times—that is, still during the fourth post-Atlantean epoch—and which made it possible. In pre-Christian times—let us speak now of the pre-Christian era; specifically, the Mystery of Golgotha marks the boundary between ancient, atavistic views and later, new ones that are only now beginning to emerge—people were still able to hold fast to certain living truths of the Mysteries. The truths of the mysteries to which I refer are those relating to the great mystery of birth and death. Certain initiates into the mysteries regard the mystery of birth and death as a secret which, in their view, should not be revealed to the profane world because the world is not yet ready for it. But even in pre-Christian times, within the mysteries, there existed a certain view of the connection between birth and death in the great life of the world, into which human beings are, after all, integrated with their entire being. In this pre-Christian era, the mysteries directed attention primarily toward birth, toward everything that comes into being in the world. Anyone familiar with the worldviews of ancient times knows that the emphasis on being born, on coming into being, on sprouting and growing, was a central concern of these ancient worldviews. And I have, of course, often emphasized the contrast that arose through the Mystery of Golgotha. I have mentioned it in the following way: Consider how, some six hundred years before the Mystery of Golgotha, Buddha—who stands in the development of humanity as the culmination of the pre-Christian worldview—was led to his insights, in part, by seeing a corpse. Death is suffering—and for the Buddha, it is an axiom: Suffering must be overcome; a means must be found to turn away from death. —The corpse is that from which the Buddha turns away in order to arrive at that which, though spiritualized, is nevertheless for him the very thing in which the sprouting, burgeoning life can be sensed.
[ 14 ] Und wenn wir sechshundert Jahre nach dem Mysterium von Golgatha an andern Orten bei gewissen Menschen Umschau halten, dann sehen wir, wie der Anblick des Leichnams des Christus am Kreuze nicht dasjenige wird, wovon man sich abwendet, sondern dasjenige, wozu man sich hinwendet, dasjenige, worauf man mit seinem ganzen Herzen blickt als das Symbolum, welches die Weltenrätsel, insoferne sie sich auf den Menschen und sein Werden beziehen, enthüllen soll.
[ 14 ] And if, six hundred years after the Mystery of Golgotha, we look around at certain people in other places, we see how the sight of Christ’s body on the cross does not become something from which one turns away, but rather something toward which one turns, something upon which one gazes with one’s whole heart as the symbol that is meant to reveal the mysteries of the world, insofar as they relate to human beings and their development.
[ 15 ] Es ist das ein wunderbarer Zusammenhang innerhalb dieser zwölf Jahrhunderte: Sechshundert Jahre vor dem Mysterium von Golgatha gibt die Abwendung von einem Leichnam dasjenige, was Aufstieg sein soll in der Weltanschauung; sechshundert Jahre nach dem Mysterium von Golgatha ist ausgebildet das Symbolum, das Bildnis des Kruzifixus, die Hinwendung zum Tode, die Hinwendung zum Leichnam, um daraus die Kraft zu schöpfen, zu einer Weltanschauung zu kommen, die auch auf das menschliche Werden Licht wirft. Unter den vielen Dingen, welche den gewaltigen Umschwung, der im Erdenwerden eingetreten ist durch das Mysterium von Golgatha, charakterisieren, ist dieses Buddha-Symbolum: die Abwendung von dem Leichnam, und das Christus-Symbolum: die Hinwendung zu dem Leichnam, der als der Leichnam des höchsten auf der Erde erschienenen Wesens gilt.
[ 15 ] There is a wonderful connection within these twelve centuries: Six hundred years before the Mystery of Golgotha, the turning away from a corpse gave rise to what was to become the concept of ascension in the worldview; six hundred years after the Mystery of Golgotha, the symbol—the image of the crucifix—is formed: the turning toward death, the turning toward the corpse, in order to draw strength from it and arrive at a worldview that also sheds light on human development. Among the many things that characterize the tremendous transformation that has taken place in earthly existence through the Mystery of Golgotha are this Buddha symbol—the turning away from the corpse—and the Christ symbol—the turning toward the corpse, which is regarded as the corpse of the highest being to have appeared on Earth.
[ 16 ] Es war eben wirklich so, daß in einer gewissen Beziehung die alten Mysterien das Rätsel der Geburten in den Mittelpunkt der Weltanschauungen gerückt haben. Aber damit haben die Mysterien, da sie ja Mysterienwissen und nicht bloß triviale Anschauungen vermitteln wollten, zu gleicher Zeit ein tiefes kosmologisches Geheimnis vor die Seele hingestellt:Sie haben den Blick auf dasjenige gewendet, was mit dem Leben der Geburten im Weltenlaufe zusammenhängt. Und man kommt nicht darauf, das Leben der Geburten im Weltenlaufe zu verstehen, wenn man nicht zurückgeht auf das alte Mondenrätsel. Wir wissen ja, die Verkörperung der Erde, bevor sie Erde geworden ist, war der alte Mond. Und in verschiedenen Erscheinungen, die mit unserem jetzigen Monde, mit dem Nachzügler des alten Mondes, zusammenhängen — Sie können das in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» nachlesen —, hat man Nachwirkungen dessen zu sehen, was in der alten Mondenzeit, in derjenigen Zeit, die dem Erdenwerden vorangegangen ist, geschehen ist.
[ 16 ] It was indeed the case that, in a certain sense, the ancient mysteries placed the mystery of birth at the center of their worldviews. But in doing so, since the mysteries sought to impart mystical knowledge and not merely trivial views, they simultaneously presented the soul with a profound cosmological mystery: they directed our gaze toward that which is connected with the life of births in the course of the world. And one cannot come to understand the life of births in the course of the world unless one goes back to the ancient mystery of the Moon. We know, after all, that the embodiment of the Earth, before it became the Earth, was the ancient Moon. And in various phenomena connected with our present Moon—the remnant of the ancient Moon—you can read about this in my *Outline of Esoteric Science*—one can observe the aftereffects of what took place during the ancient Moon era, the time that preceded the Earth’s formation.
[ 17 ] Nun gäbe es im Erdenwerden keine Geburten, durch alle Reiche der Natur hindurch gäbe es keine Geburten im Erdenwerden, wenn nicht die Gesetzmäßigkeit des alten Mondes waltete beziehungsweise seines Nachzüglers, welcher der Trabant unserer Erde ist. Alles Geborenwerden durch die Reiche der Natur und des Menschen hindurch hängt mit der Wirksamkeit des Mondes zusammen. Damit hängt auch zusammen, daß die Eingeweihten der alten Hebräer den Jahve als eine Mondgottheit betrachteten, Jahve als den Hervorbringenden, den die Hervorbringungen ordnenden Gott, als eine Mondgottheit ansahen. Dies sah man klar ein, daß kosmologisch allem Geborenwerden durch die Reiche hindurch zugrunde liegen die Mondengesetze. Und so konnte man auch gewissermaßen symbolisch ein tiefes Geheimnis der Kosmologie aussprechen, indem man sagte: Indem das Mondenlicht auf die Erde fällt, rührt von alldem, was durch dieses Mondenlicht dargestellt wird, alles sprießende, sprossende, alles geborenwerdende Leben her. — Man hat sich in den höchsten Mysterien in vorchristlichen Zeiten nicht gewendet an das Sonnenleben, man hat sich gewendet an das vom Monde reflektierte Sonnenleben, indem man von dem Geheimnis der Geburten gesprochen hat. Die eigentümliche Nuance, die über die vorchristlichen Weltanschauungen in ihren Tiefen ausgegossen ist, sie rührt schon einmal davon her, daß man in den alten Mysterien das Mondengeheimnis kannte.
[ 17 ] Now, there would be no births in the process of becoming earthly; throughout all the realms of nature, there would be no births in the process of becoming earthly, were it not for the law of the ancient Moon—or rather, its laggard, which is the Earth’s satellite. All acts of birth throughout the realms of nature and humanity are connected to the influence of the Moon. This is also why the initiates of the ancient Hebrews regarded Yahweh as a lunar deity—they viewed Yahweh as the God who brings forth and orders all that is brought forth, as a lunar deity. It was clearly understood that, cosmologically speaking, the laws of the Moon underlie all birth throughout the realms. And so, in a sense, a profound mystery of cosmology could be symbolically expressed by saying: As the moonlight falls upon the Earth, from all that is represented by this moonlight springs forth all sprouting, budding, and nascent life. — In the highest mysteries of pre-Christian times, people did not turn to the life of the Sun; rather, they turned to the life of the Sun reflected by the Moon when speaking of the mystery of births. The distinctive nuance that pervades the depths of pre-Christian worldviews stems, first and foremost, from the fact that the ancient mysteries were familiar with the mystery of the moon.
[ 18 ] Nur wie etwas ganz Verhülltes, wie etwas, das für die Menschen, die nicht gut vorbereitet sind, wenig erträglich ist, hat man das Sonnengeheimnis betrachtet, weil man wußte, daß es eine Täuschung, eine Maja ist, wenn man meint, durch den Strahl der Sonne, der auf die Erde fällt, werden hervorgelockt die sprießenden, sprossenden Wesen der verschiedenen Reiche. Man wußte, von dem Sonnenleben hängt nicht das Geborenwerden ab, sondern umgekehrt, das Versengtwerden, das Abnehmen des Lebens, das Hinsterben des Lebens. Das war das Mysteriengeheimnis, daß der Mond geboren werden läßt die Wesen und die Sonne sie sterben läßt. Wie hoch man also sonst auch aus andern Gründen das Sonnenleben verehrte in den alten vorchristlichen Mysterien, man verehrte das Sonnenleben als den Grund des Todes. Daß die Wesen sterben müssen, das ist nicht zuzuschreiben jener Sonne, die wir kennen aus der «Geheimwissenschaft» als die zweite Verkörperung der Erde, ist aber wohl zuzuschreiben der gegenwärtigen, uns so herrlich am Horizonte erscheinenden Sonne.
[ 18 ] The mystery of the sun was regarded as something entirely veiled, as something that is scarcely bearable for people who are not well prepared, because it was known that it is an illusion, a Maya, to believe that the sprouting, budding beings of the various kingdoms are drawn forth by the sun’s rays falling upon the earth. It was known that birth does not depend on the life of the sun, but rather the opposite: withering, the waning of life, the dying away of life. That was the mystery: that the moon brings beings into being and the sun causes them to die. So however highly the life of the sun was otherwise revered for other reasons in the ancient pre-Christian mysteries, it was revered as the cause of death. The fact that beings must die is not to be attributed to that sun which we know from “Esoteric Science” as the second incarnation of the Earth, but it is certainly to be attributed to the present sun, which appears so magnificently to us on the horizon.
[ 19 ] Nun ja, der Untergang des Lebens, das Gegenteil der Geburten, hängt mit dem Sonnenleben zusammen. Dafür aber auch etwas anderes, etwas, was noch nicht so wichtig war in der vorchristlichen Zeit, was aber in der nachchristlichen Zeit ganz besonders wichtig geworden ist: Alles bewußte Leben hängt mit dem Sonnenleben zusammen. Und dasjenige bewußte Leben, durch das der Mensch gerade im Verlaufe seines Erdenwerdens geht, jenes Bewußtsein, das insbesondere aufleuchtet im fünften nachatlantischen Zeitraum, dem wir selbst angehören, das hängt ganz intensiv mit dem Sonnenleben zusammen. Wir müssen nur dieses Sonnenleben so geistig betrachten, wie wir das in den verflossenen Vorträgen dieses Sommers schon getan haben. Ist die Sonne zwar der Schöpfer des Todes, des versengenden Lebens im Kosmos und auch für den Menschen, so ist doch die Sonne zu gleicher Zeit die Schöpferin des bewußten Lebens. Dieses bewußte Leben war in den vorchristlichen Zeiten nicht so wichtig, weil es ersetzt war durch das atavistisch-hellseherische Leben, das noch eine Mondenerbschaft war. Für die nachchristliche Zeit ist wichtig geworden, wichtiger als das Leben, das Bewußtsein; denn nur dadurch kann das Ziel des Erdenwerdens erfüllt werden, daß dieses Bewußtsein in entsprechender Weise von den Menschen erlangt wird. Sie müssen es schon entgegennehmen, dieses Bewußtsein, von dem Geber desselben, von dem aber auch das Todesleben, nicht das Leben der Geburten, kommt.
[ 19 ] Well, the end of life—the opposite of birth—is connected to the life of the Sun. But there is also something else: something that was not yet so important in pre-Christian times, but which has become particularly important in post-Christian times. All conscious life is connected to the life of the Sun. And that conscious life through which human beings are currently passing in the course of their earthly existence—that consciousness which shines forth particularly brightly in the fifth post-Atlantean epoch, to which we ourselves belong—is very closely connected to the life of the Sun. We need only contemplate this life of the Sun spiritually, just as we have already done in the previous lectures this summer. Although the Sun is indeed the creator of death and of the scorching life in the cosmos—and for human beings as well—it is at the same time the creator of conscious life. This conscious life was not so important in pre-Christian times because it was replaced by the atavistic, clairvoyant life, which was still a legacy of the Moon. In the post-Christian era, consciousness has become important—more important than life itself; for the goal of becoming human on Earth can only be fulfilled if this consciousness is attained by human beings in the appropriate manner. They must receive this consciousness from the Giver of it—the same Giver from whom the life of death, not the life of birth, also comes.
[ 20 ] Daher tritt durch das Mysterium von Golgatha in die Erdenentwickelung ein, gewissermaßen als diejenige Macht, welche für diese Erdenentwickelung nun das Wichtigste geworden ist, der Sonnensohn, der Christus, der durch den Leib des Jesus von Nazareth gegangen ist. Das hängt also zusammen mit tiefen kosmischen Geheimnissen. Versuchet zu erkennen — so etwa sagten die alten Mysterieneingeweihten zu ihren Schülern — aus eurem Schlafleben, in das die Mondenkräfte hineinspielen, auch wenn ihr wach seid — wir wissen ja, daß der Mensch auch wachend zum Teil schläft —, das Mondenleben, das in dieses Schlafesleben so hineinspielt, wie in das Dunkel der Nacht der silberne Mondenschein hineinspielt. — Die christlichen Eingeweihten haben dagegen zu ihren Schülern zu sagen: Versuchet zu erkennen, daß aus dem wachen Leben das Bewußtsein herausleuchtet dadurch, daß in dieses wache Leben hineinspielen die Sonnenkräfte, so wie vom Morgen bis zum Abend die Sonne draußen im Erdenleben leuchtet.
[ 20 ] Thus, through the Mystery of Golgotha, the Son of the Sun—Christ, who passed through the body of Jesus of Nazareth—enters into the evolution of the Earth, as it were, as the power that has now become the most important factor in this evolution. This is therefore connected with profound cosmic mysteries. Try to recognize—as the ancient initiates of the mysteries would say to their students—from your life of sleep, into which the lunar forces play a part even when you are awake—for we know that even when awake, a person is partly asleep— the lunar life that permeates this sleep life just as the silver moonlight permeates the darkness of the night. — The Christian initiates, on the other hand, have this to say to their students: Try to recognize that consciousness shines forth from waking life because the forces of the Sun play a role in this waking life, just as the Sun shines outside in earthly life from morning until evening.
[ 21 ] Dieser Umschwung hat sich vollzogen durch das Mysterium von Golgatha. Und während in den vorchristlichen Zeiten das Wichtigste war, den Ursprung des Lebens zu erkennen, ist nunmehr das Wichtigste geworden, den Ursprung des Bewußtseins zu erkennen. Nur dadurch, daß man die angedeutete kosmologische Weisheit zu verbinden versteht mit dem, was man als wahrhaftige Gewißheit in seiner Seele erlebt — das heißt, nur dadurch, daß man Geisteswissenschaft durch das Innere erfaßt —, nur dadurch kommt man dazu, innerhalb desjenigen, was sonst in diesem Inneren nicht die Wirklichkeit verbürgt, die geistige Wirklichkeit verbürgt zu erhalten.
[ 21 ] This turning point was brought about by the Mystery of Golgotha. And while in pre-Christian times the most important thing was to recognize the origin of life, the most important thing has now become recognizing the origin of consciousness. Only by learning to connect the cosmological wisdom alluded to with what one experiences as true certainty in one’s soul—that is, only by grasping spiritual science through one’s inner being—only in this way can one come to find, within that which otherwise does not guarantee reality in this inner realm, a guarantee of spiritual reality.
[ 22 ] Mit den Mitteln, die Augustinus hatte, mit den Mitteln, die dann diejenigen haben, die auf Augustinischen Grundsätzen stehen, kann man nicht weit kommen, weil jeder Schlaf die wahrhaftige Gewißheit des innerlich Erlebten widerlegt. Erst wenn zu diesem innerlich Erlebten hinzu seine Wirklichkeit erlebt wird, dann kommt man zu einem wirklichen, festen Stehen auf dem Boden dieses inneren Erlebens.
[ 22 ] With the means available to Augustine, and with the means available to those who adhere to Augustinian principles, one cannot get very far, because every instance of sleep refutes the true certainty of what is experienced inwardly. Only when the reality of this inner experience is experienced alongside the experience itself does one arrive at a true, firm footing on the ground of this inner experience.
[ 23 ] Das, was wir heute denken, das, was wir heute fühlen in unserem gegenwärtigen Erdenleben, es hat in diesem gegenwärtigen Erdenleben noch keine Wirklichkeit — das erkennen heute schon einige naturwissenschaftlich denkende Menschen an —, das ist unwirklich gegenüber der Gegenwart. Und das Eigentümliche ist gerade das: Was wir am intimsten erleben, dasjenige, in dem uns geradezu die Wahrheit unbezweifelbar aufleuchtet, ist kein Wirkliches in der Gegenwart, aber es ist dieses der eigentliche tragende Keim unseres nächsten Erdenlebens. Wir dürfen von dem, wovon Augustinus spricht und für das es bei ihm keine Bürgschaft gibt, wir dürfen von diesem sprechen wie von dem Keim für das nächste Erdenleben. Wir dürfen sagen: Es ist gewiß wahr, daß die Wahrheit in unserem Inneren aufleuchtet, aber sie leuchtet auf als Schein. Heute ist sie noch Schein, aber im nächsten Erdenleben wird das, was jetzt Schein ist und als Schein Keim ist, zur Frucht, die gerade das nächste Erdenleben so belebt, wie der Keim der Pflanze in diesem Jahr die sichtbare Pflanze im nächsten Jahr belebt. — Nur dann, wenn man die Zeit überwindet, dann findet man in dem, was innerlich erlebt werden kann, eine Wirklichkeit. Wir würden nimmermehr diejenigen Menschen sein, die wir sein sollen, wenn die innerlich erlebte Wahrheit jetzt gegenwärtig eine solche Wirklichkeit wäre wie die äußere Welt. Wir würden nimmermehr frei werden können. Von Freiheit könnte gar nicht die Rede sein. Wir würden aber auch keine Persönlichkeit sein können; wir würden eingespannt sein in die Naturordnung. Dasjenige, was in uns geschähe, würde notwendig geschehen. Wir sind eine Persönlichkeit, und namentlich eine freie Persönlichkeit nur dadurch, daß auf den Wogen des notwendigen Geschehens sich wie ein Wunder heraushebt der Schein dessen, was wir in unserem Inneren erleben, und was erst in unserem nächsten Erdenleben eine solche äußere Wirklichkeit wird wie diejenige, die wir in unserer Umgebung sehen.
[ 23 ] What we think today, what we feel today in our present earthly life, has no reality yet in this present earthly life—as some people with a scientific mindset already recognize today—and is therefore unreal in relation to the present. And this is precisely what is so peculiar: what we experience most intimately—that in which the truth shines forth for us beyond all doubt—is not real in the present, yet it is the very seed that will sustain our next earthly life. We may speak of what Augustine refers to—and for which he offers no guarantee—as the seed for our next earthly life. We may say: It is certainly true that truth shines forth within us, but it shines forth as an illusion. Today it is still an illusion, but in the next earthly life, what is now an illusion—and as an illusion, a seed—will become the fruit that animates the next earthly life just as the seed of a plant this year animates the visible plant next year. — Only when one transcends time does one find reality in what can be experienced inwardly. We would never be the people we are meant to be if the truth experienced inwardly were now as real as the outer world. We would never be able to become free. There could be no question of freedom at all. Nor, however, could we be a personality; we would be bound within the order of nature. Whatever happened within us would happen out of necessity. We are a personality—and specifically a free personality—only because, like a miracle, the appearance of what we experience within ourselves rises above the waves of necessary events, and only in our next earthly life will this become an external reality like the one we see in our surroundings.
[ 24 ] Das ist das Trügerische der Zeit, dem sich alle Phantasie heute noch hingibt: man zieht nicht in Erwägung, daß dasjenige, was als unwirklich innerlich aufleuchtet in einem Erdenleben, Realität wird im nächsten Erdenleben. Nun, gerade über diesen Punkt reden wir dann morgen und übermorgen weiter.
[ 24 ] That is the deceptive nature of time, to which all imagination still succumbs today: one does not consider that what shines forth inwardly as unreal in one earthly life becomes reality in the next. Well, we will continue discussing this very point tomorrow and the day after tomorrow.
[ 25 ] Aber wir sehen, wie wir von dem Gesichtspunkte, den wir heute uns erobern können, den Augustinischen Standpunkt überschauen können, wie wir gewissermaßen das sehen können an Augustinus, was er noch nicht sehen konnte. So steht vielleicht gerade für uns ganz besonders signifikant Augustinus in der Abenddämmerung des vierten nachatlantischen Zeitraums drinnen, indem er mit besonderer Präzision hinweist auf die eine Strömung im Weltengeschehen, auf die ideelle, und in der ideellen Strömung im Weltengeschehen versucht, einen festen Punkt zu finden. Das versuchte Augustinus. Wir wollen heute nur die historische Tatsache einmal hinstellen.
[ 25 ] But we see how, from the perspective we are able to gain today, we can look down upon the Augustinian standpoint; how, in a sense, we can see in Augustine what he himself was not yet able to see. Thus, perhaps it is particularly significant for us that Augustine stands within the twilight of the fourth post-Atlantean epoch, pointing with special precision to the one current in world history—the ideal current—and attempting to find a fixed point within that ideal current. That is what Augustine attempted. Today we simply want to present this historical fact.
[ 26 ] Noch nicht war zu seiner Zeit den Leuten aufgegangen der ungeheure Umschwung, der mit Bezug auf das Mysterium der Geburten und des Todes eingetreten war; denn erst aus diesem Mysterium des Todes kann dann herausquillen die wirkliche Befestigung der absoluten Gewißheit der im Inneren der Menschenseele erlebten Wahrheit.
[ 26 ] In his time, people had not yet realized the immense shift that had taken place with regard to the mystery of birth and death; for it is only from this mystery of death that the true consolidation of the absolute certainty of the truth experienced within the human soul can spring forth.
[ 27 ] Wir werden nun einen großen Sprung machen, um eine andere Persönlichkeit so zu charakterisieren, wie wir für die Abenddämmerung des vierten nachatlantischen Zeitraums das charakterisierten, was sich in der Persönlichkeit des Augustinus offenbarte. Wir wollen ebenso charakteristische Persönlichkeiten des fünften nachatlantischen Zeitraums nach einer gewissen Richtung hin schildern. Zwei will ich herauswählen. Eine dieser Persönlichkeiten, von der ausgehend sich nach einer gewissen Richtung hin dasjenige charakterisieren läßt, was im fünften nachatlantischen Zeitraum für die Menschheit herauskommt, ist der Graf Saint-Simon, der gelebt hat von 1760 bis 1825. Eine andere Persönlichkeit ist der Schüler von Saint-Simon, Auguste Comte, der gelebt hat von 1798 bis 1857. Haben wir in Augustinus eine Persönlichkeit, welche mit allen Mitteln, die ihr von seiten ihrer Erkenntnis zur Verfügung stehen, das Christentum zu befestigen versucht, so haben wir auf der andern Seite sowohl in Saint-Simon wie in Auguste Comte Persönlichkeiten, welche an dem Christentum im Grunde vollständig irre geworden sind. Wir werden uns am leichtesten eine Vorstellung machen von dem, was in Auguste Comte, in gewissem Sinne auch in Saint-Simon lebte, wenn wir, wenigstens schematisch, einige der Hauptgedanken von Auguste Comte uns einmal vorführen.
[ 27 ] We will now take a big leap to characterize another personality in the same way that we characterized what was revealed in the personality of Augustine at the twilight of the fourth post-Atlantean epoch. We will likewise describe characteristic personalities of the fifth post-Atlantean epoch from a certain perspective. I would like to single out two. One of these figures, from whom we can characterize in a certain direction what emerges for humanity in the fifth post-Atlantean epoch, is Count Saint-Simon, who lived from 1760 to 1825. Another figure is Saint-Simon’s disciple, Auguste Comte, who lived from 1798 to 1857. While in Augustine we have a figure who, using every means available to him through his insight, sought to strengthen Christianity, on the other hand we have, in both Saint-Simon and Auguste Comte, figures who, at the core, have completely lost their way with regard to Christianity. The easiest way to gain an understanding of what drove Auguste Comte—and, in a certain sense, Saint-Simon as well—is to outline, at least schematically, some of Auguste Comte’s main ideas.
[ 28 ] Auguste Comte ist im hohen Grade ein Repräsentant für ein gewisses Weltanschauungsleben in unserer Zeit, und nur der Umstand, daß man sich so wenig kümmert um die Art, wie sich die verschiedenen Weltanschauungsimpulse in das Leben der Menschen einfügen, bewirkt, daß man so jemanden wie Auguste Comte auch so studiert wie eine Rarität des geschichtlichen Lebens. Man weiß eben nicht, daß im Grunde genommen, wenn auch vielleicht nicht überall, zahlreiche Menschen von Auguste Comte etwas schülerhaft beeinflußt sind — darauf kommt es aber nicht an —, und in der wesentlichen Grundrichtung ihres Denkens mit Auguste Comte übereinstimmen. So daß man sagen kann: Auguste Comte ist der Repräsentant für einen großen Teil des Weltanschauungslebens der Gegenwart.
[ 28 ] Auguste Comte is, to a high degree, a representative of a certain worldview in our time, and it is only because so little attention is paid to the way in which various ideological impulses are integrated into people’s lives that someone like Auguste Comte is studied as if he were a historical curiosity. People simply do not realize that, fundamentally—though perhaps not everywhere—numerous people are influenced by Auguste Comte in a somewhat disciple-like manner—though that is not the point—and that they agree with Auguste Comte in the essential direction of their thinking. Thus, one can say: Auguste Comte is the representative of a large part of contemporary worldview life.
[ 29 ] Auguste Comte sagt: Die Menschheit hat sich entwickelt. Sie hat sich entwickelt durch drei Stadien hindurch. Beim dritten Stadium ist sie jetzt angelangt. Wenn man durch diese drei Stadien hindurch das Seelenleben der Menschen beobachtet, so findet man, daß in dem ersten Stadium die Vorstellungen der Menschen vorzugsweise hinneigten zur Dämonologie. Das erste Stadium der Entwickelung also im Auguste Comteschen Sinne wäre das Dämonologische. Die Menschen haben sich vorgestellt, daß hinter den Erscheinungen der Natur, welche sinnenfällig sind, geistige Wesen tätig, wirksam sind, die so vorzustellen sind, wie eben im trivialen Leben Geister vorgestellt werden. Überall werden Dämonen gewittert, große und kleine Dämonen gewittert. Das war das erste Stadium.
[ 29 ] Auguste Comte says: Humanity has evolved. It has evolved through three stages. It has now reached the third stage. If one observes the inner life of human beings as they pass through these three stages, one finds that in the first stage, people’s ideas were predominantly inclined toward demonology. The first stage of development, then, in Auguste Comte’s sense, would be the demonological stage. People imagined that behind the phenomena of nature—which are perceptible to the senses—spiritual beings were active and at work, to be conceived of in the same way that ghosts are conceived of in everyday life. Demons were sensed everywhere—demons both great and small. That was the first stage.
[ 30 ] Dann sind die Menschen übergegangen, als sie sich schon etwas weiter entwickelt hatten, von dem Standpunkt der Dämonologie zu dem Standpunkt der Metaphysik. Während sie sich zuerst Dämonen, Elementarwesen oder dergleichen vorgestellt haben hinter allen Erscheinungen, stellten sie sich dann in abstrakten Begriffen faßbare Gründe vor. Metaphysisch wurden die Menschen, nachdem sie nicht mehr Dämonengläubige sein wollten. Das zweite Stadium ist also das der Metaphysik: man denkt gewisse Begriffe aus und verbindet diese Begriffe mit seinem eigenen Leben, so daß man meint, durch solche Begriffe könne man an die Urgründe der Dinge herankommen.
[ 30 ] Then, once they had developed somewhat further, people moved from the perspective of demonology to that of metaphysics. Whereas they had initially imagined demons, elemental beings, or the like behind all phenomena, they then began to conceive of comprehensible reasons in abstract terms. People became metaphysical after they no longer wished to be believers in demons. The second stage is thus that of metaphysics: one develops certain concepts and connects these concepts to one’s own life, so that one believes that through such concepts one can approach the fundamental causes of things.
[ 31 ] Über dieses Stadium ist die Menschheit nun auch hinausgeschritten. Sie ist nun in das dritte Stadium eingetreten, von dem Auguste Comte, ganz auch im Sinne seines Lehrers Saint-Simon, annimmt, daß der Mensch nicht mehr zu Dämonen hinschaut, wenn er sich über die Urgründe der Welt unterrichten will, auch nicht zu metaphysischen Begriffen, sondern lediglich zu dem, was die sinnenfällige Wirklichkeit der positivistischen Wissenschaft gibt. Das dritte Zeitalter ist also das der positivistischen Wissenschaft. Was man durch die äußere wissenschaftliche Erfahrung geoffenbart bekommen kann, das soll der Mensch betrachten als dasjenige, was ihn aufklärt für eine Weltanschauung. Er soll über sich selber sich so aufklären wollen, daß diese Aufklärung in demselben Sinne gehalten ist, wie die mathematische Aufklärung über die Raumordnungen aufklärt, wie die Physik über die Kräfteordnungen, die Chemie über die Stoffordnungen, die Biologie über die Lebensordnungen aufklärt. Alles dasjenige, was so durch die einzelnen Wissenschaften, deren Zusammenklang Auguste Comte in seinem großen Werke über die positive Philosophie ausführlich im einzelnen darzustellen versuchte, alles das, was so durch die einzelnen positiven Wissenschaften erfahren werden kann, betrachtete Auguste Comte als dasjenige, was einzig und allein des Menschen im dritten Stadium würdig ist. Das Christentum selber betrachtet er noch, zwar als die höchste Ausbildung, aber doch nur als die letzte Phase der Dämonologie. Die Metaphysik ist dann aufgetreten; sie gab den Menschen eine Summe von abstrakten Begriffen. Zu etwas wirklich Realem, das den Menschen auch ein menschenwürdiges Dasein auf der Erde hier geben könne, bringt es erst die positive Wissenschaft; so meint Auguste Comte. Daher will auch Auguste Comte eine Kirche begründen auf Grundlage der positivistischen Wissenschaft, die Menschen in solche sozialen Strukturen bringen, die auf Grundlage der positivistischen Wissenschaft gefaßt sind.
[ 31 ] Humanity has now moved beyond this stage as well. It has now entered the third stage, in which Auguste Comte—entirely in line with the views of his teacher Saint-Simon—assumes that man no longer looks to demons when he wishes to learn about the fundamental principles of the world, nor to metaphysical concepts, but solely to what the sensory reality of positivist science provides. The third age is thus that of positivist science. What can be revealed through external scientific experience, humanity should regard as that which enlightens it toward a worldview. One should seek to enlighten oneself in such a way that this enlightenment is understood in the same sense as mathematical enlightenment regarding spatial orders, as physics regarding orders of forces, as chemistry regarding orders of matter, and as biology regarding orders of life. Everything that can be experienced in this way through the individual sciences—whose harmony Auguste Comte attempted to describe in detail in his great work on positive philosophy—everything that can be experienced in this way through the individual positive sciences, Auguste Comte regarded as the only thing worthy of human beings in the third stage. He still regards Christianity itself—admittedly as the highest form of development—but nevertheless only as the final phase of demonology. Metaphysics then emerged; it provided humanity with a body of abstract concepts. Only positive science, according to Auguste Comte, leads to something truly real that can also provide humans with a dignified existence here on Earth. For this reason, Auguste Comte also sought to establish a church based on positivist science, one that would bring people into social structures conceived on the basis of positivist science.
[ 32 ] Es ist sehr merkwürdig, zu welchen Dingen Auguste Comte — ich will heute nur einige charakteristische Züge hervorheben — eigentlich zuletzt gekommen ist. Er hat sich ja mit der Gründung einer Kirche, der positivistischen Kirche, viel beschäftigt. Und diese positivistische Kirche — wenn Sie einzelne Dinge daraus entnehmen, so werden Sie ja gleich den Geist kennenlernen — sollte auch eine Art Kalender einführen. Eine große Anzahl von Jahrestagen sollte zum Beispiel dem Andenken von solchen Leuten wie Newton oder Galilei gewidmet sein, den Trägern der positivistischen Wissenschaften; diese Tage des Jahres, die diesen Leuten gewidmet sind, sollten verwendet werden zum Verehren dieser Leute. Andere Tage sollten verwendet werden zum Verlästern solcher Leute wie Julian des Abtrünnigen oder Napoleons. Auch das sollte geregelt sein. Aber das Leben sollte überhaupt im weitgehendsten Maße durchaus nach den Grundsätzen der positivistischen Wissenschaft geregelt sein.
[ 32 ] It is very curious to see what conclusions Auguste Comte—I want to highlight just a few characteristic features today—actually arrived at in the end. He was, after all, very involved in founding a church, the positivist church. And this positivist church—if you look at some of its specific aspects, you’ll immediately grasp its spirit—was also supposed to introduce a kind of calendar. A large number of anniversaries, for example, were to be dedicated to the memory of people like Newton or Galileo, the champions of the positivist sciences; these days of the year, dedicated to these individuals, were to be used to honor them. Other days should be used to denounce figures such as Julian the Apostate or Napoleon. That, too, should be regulated. But life in general should, to the greatest extent possible, be governed entirely by the principles of positivist science.
[ 33 ] Wer das Leben heute kennt, der weiß, daß die Menschen gewiß in keiner großen Anzahl mit solchen Idealen, wie sie Auguste Comte gehabt hat, Ernst machen wollen. Aber das ist ja doch nur aus Feigheit; denn in Wahrheit denken die Menschen schon so, wie Auguste Comte gedacht hat. Wenn man studiert, welches Bild die positivistische Kirche des Auguste Comte gibt, so bekommt man tatsächlich den Eindruck: Die Struktur dieser Kirche stimmt ganz genau mit der Struktur der katholischen Kirche überein, nur fehlt der positivistischen Kirche des Auguste Comte der Christus. Und das ist das Merkwürdige. Das ist dasjenige, was man sich geradezu vor die Seele stellen soll als das Charakteristische: Auguste Comte sucht eine katholische Kirche ohne Christentum. Dazu ist er gekommen, indem er diese drei Stufen: das Dämonologische, das Metaphysische und das Positivistische, in seine Seele aufgenommen hat. Man könnte sagen: Er hat alle Einkleidung des Christentums, wie sie in der Geschichte sich bis zu ihm ergeben hat, als etwas sehr Gutes betrachtet; aber den Christus selbst wollte er aus dieser Kirche beseitigen. Das ist doch im Grunde das Wesentliche, worauf es bei Auguste Comte ankommt: eine katholische Kirche ohne den Christus.
[ 33 ] Anyone familiar with life today knows that very few people are willing to take ideals such as those held by Auguste Comte seriously. But that is really only out of cowardice; for in truth, people already think just as Auguste Comte did. If one studies the picture presented by Auguste Comte’s positivist church, one actually gets the impression that the structure of this church corresponds exactly to that of the Catholic Church—only the positivist church of Auguste Comte lacks Christ. And that is the strange thing. That is precisely what one should hold before one’s soul as its defining characteristic: Auguste Comte seeks a Catholic Church without Christianity. He arrived at this by incorporating these three stages—the demonological, the metaphysical, and the positivist—into his soul. One could say: He regarded all the forms of Christianity, as they had developed throughout history up to his time, as something very good; but he wanted to remove Christ himself from this church. That is, after all, the essential point at the heart of Auguste Comte’s thought: a Catholic Church without Christ.
[ 34 ] Das ist außerordentlich charakteristisch für die Morgendämmerung der fünften nachatlantischen Zeit. Denn so wie Auguste Comte denkt, so mußte ein Geist denken, der den Romanismus ganz und gar in seiner Seele aufgenommen hatte, aus diesem Romanismus heraus dachte, aber zu gleicher Zeit völlig dachte im Sinne der fünften nachatlantischen Zeit mit ihrem antispirituellen Charakter. So sind Auguste Comte und sein Lehrer Saint-Simon im höchsten Grade charakteristisch für die Morgendämmerung des fünften nachatlantischen Zeitraums. Aber in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum wird sich viel entscheiden. Daher treten auch die andern Nuancierungen, die noch möglich sind, auf. Ich will heute, wie gesagt, einige historische Lichtblicke vor Ihnen eröffnen; wir werden dann darauf weiterbauen.
[ 34 ] This is exceptionally characteristic of the dawn of the fifth post-Atlantic era. For just as Auguste Comte thinks, so must have thought a mind that had fully absorbed Romanism into its soul, that thought from within this Romanism, but at the same time thought entirely in the spirit of the fifth post-Atlantean epoch with its anti-spiritual character. Thus, Auguste Comte and his teacher Saint-Simon are highly characteristic of the dawn of the fifth post-Atlantean epoch. But much will be decided in this fifth post-Atlantean epoch. That is why the other nuances that are still possible also come into play. As I said, I want to present a few historical glimmers of hope to you today; we will then build on them further.
[ 35 ] Einen merkwürdigen Gegensatz zu Auguste Comte bildet Schelling, der da lebte von 1775 bis 1854. Auch er ist gewissermaßen charakteristisch für die Morgendämmerung des fünften nachatlantischen Zeitraums. Ich kann Ihnen ja von Schellings mannigfaltig in sich gegliederter Weltanschauung, über die wir von diesem oder jenem Gesichtspunkte schon öfter gesprochen haben, selbstverständlich nicht einmal schematisch heute sprechen; aber auf einiges Charakteristische möchte ich Sie hinweisen.
[ 35 ] Schelling, who lived from 1775 to 1854, stands in striking contrast to Auguste Comte. He, too, is in a sense characteristic of the dawn of the fifth post-Atlantic period. Of course, I cannot even give you a schematic overview today of Schelling’s multifaceted and internally structured worldview—which we have already discussed on several occasions from various perspectives—but I would like to draw your attention to a few characteristic features.
[ 36 ] Gesagt habe ich: Augustinus steht in der Abenddämmerung des vierten nachatlantischen Zeitraums auf dem Punkte, die eine Strömung, die ideelle, so zu betrachten, daß sich ihm aus ihr ein fester Punkt ergeben soll, auf dem er stehen kann. Nun kommen wir in den fünften nachatlantischen Zeitraum herein: In der Morgendämmerung haben wir solche Geister wie Saint-Simon und Auguste Comte, die in der anderen, in der rein natürlichen, materiellen Ordnung den festen Punkt suchen der positivistischen Wissenschaft. Da haben wir die beiden Richtungen: Augustinus auf der einen Seite, Auguste Comte auf der andern Seite stehend. Schelling suchte hinter dem, was man in der Welt sehen kann mit den gewöhnlichen Mitteln des fünften nachatlantischen Zeitraums, zuerst abstrakt-philosophisch, mit ungeheurer Energie nach einer Brücke zwischen dem Idealen und dem Realen, dem Idealen und Materialen — Sie finden die wesentlichen Punkte in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» dargestellt —; er suchte mit ungeheurer Energie nach einer Überbrückung dieser Gegensätze. Er kam zuerst nur zu allerlei abstrakten Gedanken in dieser Überbrükkung. Indem er zuerst namentlich auf denselben Grundlagen gebaut hat, auf denen Johann Gottlieb Fichte baute, kam er etwas weiter und versuchte, etwas in der Welt als ein Sein zu erfassen, das ideal und real zu gleicher Zeit ist. Dann kam eine Zeit in Schellings Leben, in der ihm unmöglich schien, mit den Mitteln der Abstraktionen, zu denen es dieser fünfte nachatlantische Zeitraum im Laufe der Zeit gebracht hatte, zu einer solchen Brücke zu kommen. Unmöglich erschien ihm dieses. Er sagte sich eines Tages: Die Menschen haben ja doch eigentlich nur auf dem Boden der neuzeitlichen Gelehrsamkeit solche Begriffe gewonnen, mit denen man die äußere Naturordnung begreifen kann. Aber für das, was hinter dieser äußeren Naturordnung ist, der Sphäre, wo man die Brücke zwischen Idealem und Realem bauen kann, dafür haben wir keine Begriffe. — Und sehr interessant ist es, daß Schelling eines Tages das Geständnis gemacht hat: es käme ihm vor, wie wenn die gelehrten Leute der letzten Jahrhunderte einen stillen Vertrag geschlossen hätten, der dahin ginge, alles Tiefere aus der Weltanschauung auszuschalten, das nach dem wirklichen, wahrhaftigen Leben führen will. Daher müsse man zu den ungelehrten Leuten gehen. Das war auch die Zeit, in der sich Schelling auf Jakob Böhme eingelassen hat, so daß er dann aus Jakob Böhme jene spirituelle Vertiefung fand, die ihn zu seiner letzten, zu seiner theosophischen Periode in seinem Leben führte, aus welcher hervorgegangen ist die schöne Schrift über die Freiheit des Menschen, die schöne Schrift über die Gottheiten von Samothrake, über die Kabirengottheiten; dann die «Philosophie der Mythologie» und die «Philosophie der Offenbarung».
[ 36 ] I said: In the twilight of the fourth post-Atlantean epoch, Augustine stands at the point of viewing a current—the ideal one—in such a way that it should provide him with a firm foundation upon which to stand. Now we are entering the fifth post-Atlantean epoch: At dawn, we have figures such as Saint-Simon and Auguste Comte, who seek the firm foundation of positivist science in the other, purely natural, material order. There we have the two directions: Augustine on one side, Auguste Comte on the other. Schelling sought, beyond what can be seen in the world using the ordinary means of the fifth post-Atlantean epoch—at first in an abstract-philosophical way and with tremendous energy—a bridge between the ideal and the real, the ideal and the material—you will find the essential points outlined in my book *The Riddle of Man*—; he sought with immense energy to bridge these opposites. At first, he arrived only at all sorts of abstract ideas regarding this bridging. By initially building, in particular, on the same foundations upon which Johann Gottlieb Fichte had built, he made some progress and attempted to grasp something in the world as a being that is both ideal and real at the same time. Then came a time in Schelling’s life when it seemed impossible to him to build such a bridge using the means of abstraction that this fifth post-Atlantean epoch had developed over time. This seemed impossible to him. One day he said to himself: People have, after all, really only gained, on the basis of modern scholarship, those concepts with which one can comprehend the external order of nature. But for what lies beyond this external order of nature—the sphere where one can build the bridge between the ideal and the real—we have no concepts. — And it is very interesting that Schelling once made the following confession: it seemed to him as if the scholars of the past centuries had concluded a silent pact to eliminate from their worldview everything deeper that seeks to lead to real, true life. Therefore, he argued, one must turn to the uneducated people. This was also the period when Schelling engaged with Jakob Böhme, so that he then found in Jakob Böhme that spiritual depth which led him to his final, theosophical period in his life—from which emerged the beautiful treatise on human freedom, the beautiful treatise on the deities of Samothrace, and on the Kabir deities; then the *Philosophy of Mythology* and the *Philosophy of Revelation*.
[ 37 ] Was Schelling namentlich in dieser letzten Periode seines Lebens ganz besonders gesucht hat, das war, das Eingreifen des Mysteriums von Golgatha in die Menschheitsgeschichte zu begreifen. Das hat er ganz besonders gesucht. Und es ist ihm dabei aufgegangen, daß man mit den Begriffen, die der neueren Gelehrsamkeit zur Verfügung stehen, nicht dazu kommen kann, jenes Leben zu verstehen, in welchem das Mysterium von Golgatha fließt, also auch nicht das wahre Menschenleben zu verstehen. Dadurch kam Schelling — und das ist der Zug, den ich bei ihm jetzt besonders hervorheben möchte, wir werden in den nächsten Tagen weiter auf diesen Dingen bauen — zu einer Anschauung, die nun der seines Zeitgenossen Auguste Comte völlig entgegengesetzt war. Und das ist das Merkwürdige: Wir können sagen, Auguste Comte sucht einen Katholizismus, ich möchte besser sagen eine katholische Kirche, ohne Christentum; Schelling sucht aus seinen Anschauungen heraus ein Christentum ohne Kirche. Ein Christentum ohne Kirche: Schelling sucht gewissermaßen das ganze moderne Leben zu verchristen, zu durchchristen, so daß alles, was der Mensch denken und fühlen und wollen kann, durchpulst wäre von dem Christus-Impuls. Ein abgesondertes kirchliches Leben für das Christentum sucht er nicht, namentlich nicht nach dem Muster, wie es schon war in der historischen Entwickelung, obwohl er dieses Leben sorgfältig betrachtet. So haben wir die zwei Extreme: den Auguste Comteschen Gedanken einer Kirche ohne Christus, den Schellingschen Gedanken des Christus ohne Kirche.
[ 37 ] What Schelling sought above all else, particularly during this final period of his life, was to comprehend the intervention of the Mystery of Golgotha into human history. That is what he sought above all else. And in doing so, he realized that the concepts available to modern scholarship are insufficient to understand the life through which the Mystery of Golgotha flows—and thus also insufficient to understand true human life. As a result, Schelling—and this is the aspect I would now like to emphasize in particular; we will build further on these ideas in the coming days—arrived at a view that was completely opposed to that of his contemporary Auguste Comte. And this is the remarkable thing: We can say that Auguste Comte seeks a Catholicism—or rather, I would say, a Catholic Church—without Christianity; Schelling, based on his own views, seeks a Christianity without a church. A Christianity without a church: Schelling seeks, so to speak, to Christianize the whole of modern life, to permeate it with the Christian spirit, so that everything a human being can think, feel, and will would be pulsing with the Christ impulse. He does not seek a separate ecclesiastical life for Christianity, especially not along the lines of what has already existed in historical development, although he carefully examines this life. Thus we have the two extremes: Auguste Comte’s idea of a church without Christ, and Schelling’s idea of Christ without a church.
[ 38 ] Ich wollte diese historischen Ausblicke vor Ihre Seele hinstellen, um eben auf diesen Dingen aufbauen zu können. Denn wir sehen einen Geist, Augustinus, der den festen Punkt sucht im Idealismus, einen Geist, Auguste Comte, der den festen Punkt sucht im Realismus, eine Persönlichkeit wie Schelling, welche die Brücke schlagen will. Das alles sind Tendenzen, die der Entwickelung vorangehen, in der wir selbst eben stehen.
[ 38 ] I wanted to present these historical perspectives to your soul so that we might build upon precisely these things. For we see a mind—Augustine—who seeks a firm foundation in idealism; a mind—Auguste Comte—who seeks a firm foundation in realism; and a figure like Schelling, who seeks to bridge the gap. These are all tendencies that precede the development in which we ourselves now find ourselves.
[ 39 ] Nun kann man folgendes sagen: Man kann überblicken dasjenige, was sich da zugetragen hat durch viele Jahrhunderte hindurch, was sich zugetragen hat im Weltanschauungsleben, und man kann dann seinen Blick werfen auf die Art, wie sich die Vorstellungen der Menschen im weitesten Umkreise ausbilden. Da kommt einem gerade durch das Studium von Auguste Comte ein sehr wichtiges Aperçu, aber Auguste Comte konnte dieses Aperçu nicht rein fassen, weil er ja ganz in seinen positivistischen Vorurteilen drinnensteckte. Aber etwas, was für uns ein wichtiger Ausgangspunkt der nächsten Tage werden kann, ergibt sich gerade, wenn man den ganzen Zusammenhang — ich möchte sagen Augustinus, Auguste Comte, Schelling — ins Auge faßt: ein Aperçu, das ich an den Schluß dieser Betrachtungen heute hinstellen will, weil ich möchte, daß es zunächst einmal in Ihre Seelen sich hineinsetzt. Wir werden dann in den nächsten Tagen zu reden haben von dem, was in bedeutsamer Weise mit diesem Aperçu zusammenhängt. Weil nun dieses Aperçu sich gerade ergibt aus einer Betrachtung dessen, was ich vorausgesetzt habe, stelle ich es aphoristisch hin, ohne im einzelnen die Begründung geben zu können, warum man dieses, nicht bei Auguste Comte, aber bei andern stehende Aperçu gerade findet, wenn man sich vom Standpunkte des Späteren, wie ich es heute angedeutet habe, einläßt auf einen in diesem Fall nicht viel Späteren, desjenigen, der im Anfange des 20. Jahrhunderts über jemanden denkt, der am Ende des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dachte. Aber es ist heute schon wichtig — was ich immer wieder und wiederum betont und auch diesmal scharf charakterisiert habe —, daß man das Weltanschauungsleben nicht nur in abstracto so für sich betrachtet, sondern so, wie es sich eingliedert in das gesamte Leben der Menschheit. Nur dadurch kommt man zu einem Wirklichkeitsstandpunkt, daß man diese Eingliederung in das Gesamtleben der Menschheit ins Auge faßt.
[ 39 ] Now one can say the following: One can survey what has taken place over many centuries, what has occurred in the realm of worldviews, and one can then turn one’s gaze to the way in which people’s ideas take shape in the broadest sense. It is precisely through the study of Auguste Comte that one gains a very important insight, but Auguste Comte was unable to grasp this insight clearly because he was, after all, completely entrenched in his positivist prejudices. But something that can become an important starting point for us in the coming days emerges precisely when one takes in the entire context—I would say Augustine, Auguste Comte, Schelling—as a whole: an insight that I would like to place at the end of today’s reflections, because I want it to take root in your souls first and foremost. We will then have to discuss in the coming days what is significantly connected to this insight. Since this insight arises precisely from a consideration of what I have presupposed, I present it aphoristically, without being able to provide a detailed justification as to why one finds this insight—which is not found in Auguste Comte, but in the works of others—when, from the standpoint of the later thinker—as I have indicated today—one engages with a thinker who, in this case, is not much later: the one who, at the beginning of the 20th century, reflects on someone who thought at the end of the 18th and in the first half of the 19th century. But it is already important today—as I have emphasized time and again and have also sharply characterized this time—that one should not view the life of worldview merely in the abstract, but rather as it is integrated into the entire life of humanity. Only by taking this integration into the total life of humanity into account can one arrive at a realistic standpoint.
[ 40 ] Nun sind sich gerade Saint-Simon und Auguste Comte klar darüber, daß sie zu ihrem Positivismus nur kommen konnten in der modernen Zeit, daß der Positivismus unmöglich gewesen wäre in einer früheren Zeit. Auguste Comte besonders empfindet es stark: Wie ich denke — so sagt er sich ungefähr —, so kann man nur in unserem Zeitalter denken. — Das ist etwas, was als etwas ungeheuer Wichtiges dasteht in der modernen Bewegung, und das hängt zusammen eben mit jenem Aperçu, das ich meine. Wenn man gerade zugrunde legt das, was Auguste Comte als Ausgangspunkt für seine Dreigliederung betrachtet, so kann man auch ganz in seinem Sinne sagen, diese Dreigliederung sei Theologie, Metaphysik und das, was er — ob nun recht oder unrecht, das ist gleichgültig — positivistische Wissenschaft nennt.
[ 40 ] Now, Saint-Simon and Auguste Comte, in particular, are well aware that they could only have arrived at their positivism in the modern era, and that positivism would have been impossible in an earlier time. Auguste Comte feels this particularly strongly: “The way I think,” he tells himself, roughly speaking, “is a way of thinking that is possible only in our age.” — This is something that stands out as immensely important in the modern movement, and it is connected precisely to that insight I am referring to. If one takes as a basis precisely what Auguste Comte regards as the starting point for his threefold division, then one can also say, entirely in his spirit, that this threefold division consists of theology, metaphysics, and what he—whether rightly or wrongly, it does not matter—calls positivist science.
[ 41 ] Nun ist das Eigentümliche, daß man fragen kann: Wer wird am leichtesten Gläubiger von einer dieser Richtungen? Ich bitte, mich in bezug auf dasjenige, was ich jetzt mit Bezug auf dieses Aperçu sagen werde, ja nicht mißzuverstehen, ja nicht irgendwie dies als einseitig radikales Dogma aufzufassen, und auch nicht es so aufzufassen, als ob es für die Gegenwart grobklotzig beobachtet werden könnte mit apodiktischer Gewißheit; sondern es muß betrachtet werden der ganze Entwickelungsgang der Menschheit, wenn man das ins Auge fassen will, was ich jetzt aussprechen will. Aber man kann dann nicht fragen: Wer wird Gläubiger?, sondern: Wer wird am leichtesten Gläubiger einer dieser Richtungen? — Und da ergibt sich durch eine sorgfältige Beobachtung, so sehr auch die Tatsachen zu widersprechen scheinen: Am leichtesten wird Gläubiger der Theologie — nicht Träger der Theologie, nicht Theologe, sondern Gläubiger — ich spreche nicht von der Religion, sondern von der Theologie —, der Soldat! Am leichtesten wird Gläubiger der Metaphysik der Beamte, insbesondere der juristische, und am leichtesten wird Gläubiger der positivistischen Wissenschaft der Industrielle.
[ 41 ] Now, the peculiar thing is that one might ask: Who is most likely to become a believer in one of these movements? Please do not misunderstand me regarding what I am about to say in connection with this insight; please do not interpret this in any way as a one-sided, radical dogma, nor should you take it to mean that it can be observed with apodictic certainty in the present day; rather, one must consider the entire course of human development if one is to grasp what I am about to say. But then one cannot ask, “Who becomes a believer?” but rather, “Who most easily becomes a believer in one of these schools of thought?” — And careful observation reveals, however much the facts may seem to contradict it: The one who most easily becomes a believer in theology—not a proponent of theology, not a theologian, but a believer—I am not speaking of religion, but of theology—is the soldier! The one who most easily becomes a believer in metaphysics is the civil servant, especially the legal one, and the one who most easily becomes a believer in positivist science is the industrialist.
[ 42 ] Es ist wichtig, wenn man das Leben beurteilen will, nicht im Abstrakten stehenzubleiben, sondern wirklich unbefangen auf das Leben hinzublicken. Dann aber muß man sich solche Fragen aufwerfen.
[ 42 ] If one wants to evaluate life, it is important not to remain stuck in the abstract, but to look at life with true objectivity. But then one must ask oneself such questions.
[ 43 ] Ich möchte das nur eben heute am Schlusse als ein Aperçu behandelt wissen, das sich gerade dann ergibt, wenn man sich auf Auguste Comte intimer einläßt, weil er sich dessen bewußt ist: Nur für Industrielle ist er vollständig verständlich, und nur im industriellen Zeitalter konnte er eigentlich auftreten mit seinen Anschauungen. Das aber hängt damit zusammen, daß der Industrielle am leichtesten Gläubiger der positivistischen Wissenschaft wird, der Soldat am leichtesten Gläubiger nicht etwa bloß der christlichen, sondern jeder Theologie wird, der Beamte am leichtesten der Gläubige wird der Metaphysik.
[ 43 ] I would just like to touch on this briefly at the end today as an insight that emerges precisely when one engages more deeply with Auguste Comte, because he is aware of it: He is fully comprehensible only to industrialists, and it was only in the industrial age that he could actually emerge with his views. But this is connected to the fact that the industrialist most readily becomes a believer in positivist science, the soldier most readily becomes a believer not merely in Christian theology but in any theology, and the civil servant most readily becomes a believer in metaphysics.
