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The Polarity of Duration and Development in Human Life
GA 184

14 September 1918, Dornach

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The Polarity of Duration and Development in Human Life, tr. SOL
  1. Die Polarität von Dauer und Entwicklung im Menschenleben

Fünfter Vortrag

Fifth Lecture

[ 1 ] Es sind mir in der Gegenwart Mystiker bekanntgeworden, welche versuchten, sich über das Wesen des Menschen in folgender Art aufzuklären. Ich will das Resultat, zu dem sie gekommen zu sein glauben, anführen. Sie sagen etwa so: Wenn man den Menschen, so wie er auf der Erde wandelt, betrachtet, ist sein ganzes Dasein eine Art Rätsel. Er ragt mit seinem Seelensein ganz gewaltig über dasjenige hinaus, was er imstande ist, in seinem gesamten Menschsein darzustellen, sich selber gewissermaßen zu offenbaren in dem Ausleben des Wechselverhältnisses zu andern Menschen. Daher müsse man annehmen — so meinen solche Mystiker —, daß der Mensch eigentlich seinem Wesen nach etwas ganz anderes sei, als was er hier in seinem Erdenwandel erscheint. Er müsse ein umfassendes kosmisches Wesen sein, das eigentlich seiner inneren Natur nach viel, viel mächtiger sei, als dasjenige, was sich hier auf Erden in einem darstelle; er müsse durch irgendwelche Gründe sich verscherzt haben das Leben im großen Kosmos und müsse hereingebannt sein in dieses Erdendasein — so sagte mir wörtlich zum Beispiel ein mystischer Anhänger dieser Richtung —, um hier die Bescheidenheit zu lernen, um hier zu lernen, sich zu bescheiden, um hier auch einmal sich klein zu fühlen, während er in Wahrheit ein großes, mächtiges kosmisches Wesen sei, das aber in irgendeiner Weise sich unwürdig gemacht habe, dieses kosmische Wesen auszuleben.

[ 1 ] I have recently become acquainted with some contemporary mystics who have attempted to shed light on the nature of human beings in the following way. I would like to present the conclusion they believe they have reached. They say something like this: When one observes human beings as they walk the earth, their entire existence is a kind of mystery. With his soul, he towers far above what he is capable of expressing in his entire human existence—of revealing himself, so to speak, through the interplay of relationships with other human beings. Therefore, according to these mystics, one must assume that human beings, in their very essence, are actually something entirely different from what they appear to be here in their earthly lives. He must be a comprehensive cosmic being who, by his inner nature, is actually far, far more powerful than what is manifested here on Earth; for some reason, he must have forfeited life in the great cosmos and must have been banished into this earthly existence —as a mystical follower of this school told me verbatim, for example—in order to learn humility here, to learn to be modest here, to feel small here for once, while in truth he is a great, powerful cosmic being who has, however, in some way rendered himself unworthy of living out this cosmic being.

[ 2 ] Ich weiß, daß es sehr viele Menschen gibt, die über eine solche Idee bloß lachen. Aber derjenige, der von tieferen Gesichtspunkten aus das Leben versteht, weiß, daß auch solch eine mystische Idee schließlich der großen Schwierigkeit entspringt, das Lebensrätsel zu lösen, welche Schwierigkeit der Menschenseele immer schärfer und schärfer sich aufdrängt, gerade je mehr sich diese Menschenseele in die wahre Wirklichkeit zu vertiefen sucht. Ich will selbstverständlich nichts irgendwie Geartetes anführen für diese eben charakterisierte Idee einer heutigen mystischen Richtung. Ich wollte sie nur anführen als etwas, was eben auch in Menschenseelen als Begriff Platz gefunden hat. Man könnte ja ebensogut ein Dutzend anderer, mehr oder weniger philosophischer oder mystischer Lösungen des Menschenrätsels in abstracto anführen.

[ 2 ] I know that there are many people who simply laugh at such an idea. But anyone who understands life from a deeper perspective knows that even such a mystical idea ultimately stems from the great difficulty of solving the riddle of life—a difficulty that imposes itself ever more acutely on the human soul, precisely the more that this human soul seeks to immerse itself in true reality. Of course, I do not intend to present any specific example in support of this idea of a contemporary mystical movement that I have just described. I merely wanted to mention it as something that has found a place as a concept within human souls. One could just as easily cite a dozen other, more or less philosophical or mystical solutions to the enigma of humanity in the abstract.

[ 3 ] Wenn man dann versucht, darauf zu kommen, was dem zugrunde liegt, daß die verschiedensten Menschen in solch verschiedener Weise, manchmal in recht ausgefallener Art sich klarzuwerden versuchen, was es eigentlich mit dem Menschen hier in seinem Erdensein für eine Bewandtnis habe, so kommt man zu Verschiedenem. Vor allen Dingen kommt man darauf, daß gerade mit Bezug auf die großen, realen Fragen des Daseins die Menschen eines für sich nicht erfüllen wollen, was sie im Kleinen ganz gewiß bei jeder möglichen täglichen Gelegenheit zugeben: Bei jeder möglichen täglichen Gelegenheit wird der Mensch zugeben, daß man durch seine Wünsche sich nicht die Wahrheit vernebeln soll, daß dasjenige, wovon man wünscht, es sei wahr, nicht maßgebend sein kann für die Objektivität der Wahrheit. Im gewöhnlichen Leben, im Kleinen, wird das der Mensch ohne weiteres zugeben; im Großen sehen wir gewissermaßen die Unmöglichkeit der Menschen, zu einer wirklichkeitsgemäßen Weltanschauung zu kommen, gerade darinnen, daß die Menschen nicht umhin können, ihre Wünsche geltend zu machen, wenn es sich um die Ergreifung der Wahrheit handelt. Und meistens spielen ja die große Rolle gerade solche Wünsche, die man unbewußte Wünsche nennen könnte, von denen der Mensch gar nicht zugibt, daß sie Wünsche in seiner Seele sind. Doch sind diese Wünsche in der Seele vorhanden; sie bleiben unterbewußt oder unbewußt. Und gerade das wäre die Aufgabe der geisteswissenschaftlichen Schulung, solche Wünsche, die unbewußt bleiben, sich zum Bewußtsein zu bringen, um sich über das illusionäre Leben hinauszuwinden und in die Sphäre der Wahrheit einzudringen.

[ 3 ] When one then tries to get to the bottom of what underlies the fact that such a wide variety of people, in such diverse ways—and sometimes in quite unusual ways—attempt to come to terms with what human existence here on Earth is really all about, one arrives at various conclusions. Above all, one realizes that, precisely with regard to the great, real questions of existence, people do not want to live up to something for themselves that they certainly admit to in small ways at every possible daily opportunity: At every possible moment in daily life, people will admit that one should not allow one’s desires to obscure the truth, that what one wishes to be true cannot be the determining factor for the objectivity of truth. In ordinary life, on a small scale, people will readily admit this; on a larger scale, however, we see, so to speak, the impossibility for people to arrive at a worldview that corresponds to reality, precisely in the fact that people cannot help but assert their desires when it comes to grasping the truth. And most often, it is precisely those desires—which one might call unconscious desires—that play the major role; desires that people do not even admit exist within their souls. Yet these desires are present in the soul; they remain subconscious or unconscious. And this, precisely, would be the task of spiritual scientific training: to bring such desires—which remain unconscious—into consciousness, in order to rise above the illusory life and penetrate into the sphere of truth.

[ 4 ] Solche unbewußten Wünsche, sie spielen insbesondere dann eine Rolle, wenn im Inneren des Menschen die höchsten Lebenswahrheiten sich geltend machen sollen, die Lebenswahrheiten über das Wesen des menschlichen Lebens selbst, sagen wir jetzt dieses gewöhnlichen menschlichen Lebens, wie es in der physischen Welt verläuft zwischen Geburt und Tod. Eine wirkliche, sachgemäße, wirklichkeitsgemäße Betrachtung muß stets auf den ganzen Verlauf des Lebens sehen, wenn das Leben verstanden sein will. Und denken Sie sich den Fall, eine solche wirklichkeitsgemäße Betrachtung des Lebens gäbe ein Resultat, das der Mensch, wenn auch in unterbewußten Wünschen, ganz und gar nicht wünschte: Dann würde der Mensch alles tun, um durch scheinbare Logik über ein unbequemes Ergebnis hinwegzukommen.

[ 4 ] Such unconscious desires play a role especially when the highest truths of life are to assert themselves within a person—the truths of life concerning the very nature of human life itself, let us say this ordinary human life as it unfolds in the physical world between birth and death. A genuine, appropriate, and realistic view must always take into account the entire course of life if life is to be understood. And imagine the case where such a realistic contemplation of life yielded a result that a person—even if only in subconscious desires—did not want at all: Then that person would do everything possible to use apparent logic to get around an uncomfortable outcome.

[ 5 ] Nicht wahr, es spricht ja im Grunde genommen zunächst, wenn man nur das Erdenleben betrachtet, nichts gerade dafür, daß die Wahrheit den menschlichen Wünschen entsprechen muß, auch wenn die Wünsche unbewußte sind. Es könnte immerhin so sein, daß die Wahrheit auch über das menschliche Leben ganz und gar nichts Angenehmes ist.

[ 5 ] Isn't it true that, when you consider earthly life alone, there is essentially nothing to suggest that the truth must correspond to human desires, even if those desires are unconscious? It could, after all, be the case that the truth about human life is not at all pleasant.

[ 6 ] Geisteswissenschaftliche Betrachtung zeigt, daß das nun wirklich so ist. Freilich, es läßt sich ein höherer Gesichtspunkt finden, von dem aus die Sache vielleicht wiederum anders erscheint. Aber für das Leben, das der Mensch gerne führen möchte auf dieser Erde, stellt sich die Sache bei wahrhaftiger Betrachtung schon so, daß gerade die Wahrheit über den Menschen so ist, daß die meisten Bequemlinge des Lebens ein leises Gruseln — wenn auch unterbewußtes Gruseln, Sie werden aber verstehen, was ich meine —, ein leises unbewußtes, manchmal sehr starkes unterbewußtes Gruseln empfinden. Es muß aber dann das ganze Menschenleben betrachtet werden.

[ 6 ] A spiritual-scientific perspective shows that this is indeed the case. Of course, one can find a higher point of view from which the matter might appear differently. But for the kind of life that people would like to lead on this earth, a truthful examination reveals that the truth about human beings is such that most of those who seek the easy life feel a slight shudder—albeit a subconscious one; but you will understand what I mean—a slight, unconscious, and at times very strong subconscious shudder. But then one must consider the whole of human life.

[ 7 ] Wir wissen, daß dieses ganze Menschenleben, genau und objektiv betrachtet, in verschiedene Perioden zerfällt. Sie können von diesen Perioden lesen in meinem kleinen Büchelchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft». Wir wissen, daß man den Menschen nur versteht, wenn man das Leben betrachtet zunächst von der Geburt bis zum Zahnwechsel, von dem Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, von der Geschlechtsreife bis zum Anfang der Zwanzigerjahre, sagen wir im Mittel bis zum einundzwanzigsten Jahre; dann wiederum bis zum achtundzwanzigsten Jahre. Man kann das Leben des Menschen so verstehen, wie man irgend etwas naturwissenschaftlich zu verstehen sucht, wenn man eingeht auf diese Periodizität des menschlichen Lebens von sieben zu sieben Jahren.

[ 7 ] We know that, viewed precisely and objectively, the entire human life can be divided into different periods. You can read about these periods in my little book *The Education of the Child from the Perspective of Spiritual Science*. We know that one can only understand a human being by first considering life from birth to the change of teeth, from the change of teeth to sexual maturity, from sexual maturity to the early twenties—let’s say, on average, up to the age of twenty-one—and then again up to the age of twenty-eight. One can understand human life in the same way one seeks to understand anything scientifically, by taking into account this seven-year cycle of human life.

[ 8 ] In jeder dieser Perioden spielt sich im menschlichen Leben Bedeutsames ab. Nach dem, was wir gestern wieder angeführt haben, wissen Sie, daß der Mensch dasteht im Leben, sich einordnend in den Kosmos — ich habe Sie an das Bild von der Magnetnadel gestern erinnert —, so daß zum Beispiel seine Hauptesformation weit, weit in urferne Vergangenheit, seine Extremitätenformation in ferne Zukunft weist, so wie die Magnetnadel mit einem Pol nach Norden, mit dem andern Pol nach Süden weist.

[ 8 ] Significant events take place in human life during each of these periods. Based on what we discussed again yesterday, you know that human beings stand in life, aligning themselves with the cosmos—I reminded you yesterday of the image of the magnetic needle—so that, for example, the formation of their head points far, far into the distant past, while the formation of their extremities points into the distant future, just as the magnetic needle points with one pole toward the north and the other toward the south.

[ 9 ] Diese Zuordnung zum Kosmos, sie ist aber anders in jeder einzelnen der menschlichen Hauptperioden. In jeder einzelnen der menschlichen Hauptperioden greifen andere Kräfte in die Menschheitsorganisation ein. In unseren ersten sieben Lebensjahren waltet im Grunde genommen ganz etwas anderes in uns, als in den zweiten sieben Lebensjahren. Alles das, was im siebenten Jahre ungefähr dadurch zum Ausdrucke kommt, daß sich, man möchte sagen, wie an einem Ufer das ganze Wachstum staut, indem es die bleibenden Zähne herausstaut, das alles, was da staut im Vorstoßen der bleibenden Zähne, das spielt aus den Kräften des Kosmos heraus in den ersten sieben Lebensjahren. Und wiederum ist etwas da, was der Mensch zurücknimmt in seiner Bildung. Dasjenige, was der Mensch zurücknimmt in seiner Bildung, indem er geschlechtsreif wird, das, womit er sich da, ich möchte sagen, tingiert, es bildet sich dadurch, daß gewisse Entwickelungskräfte, die durchaus im Kosmos begründet sind, sich in der zweiten Lebensepoche ausbilden und so weiter.

[ 9 ] This connection to the cosmos, however, is different in each of the major human periods. In each of the major human periods, different forces intervene in the organization of humanity. During the first seven years of our lives, something fundamentally different is at work within us than during the second seven years. Everything that finds expression around the seventh year—one might say, as if all growth were damming up along a shore, forcing out the permanent teeth—all that which dams up as the permanent teeth push through: this is brought about by the forces of the cosmos during the first seven years of life. And yet there is something else that a person takes back in the course of their development. That which a person takes back in their development as they reach sexual maturity—that with which they, I might say, “tint” themselves—is formed through the fact that certain developmental forces, which are thoroughly rooted in the cosmos, take shape during the second phase of life, and so on.

[ 10 ] Nun ist die Sache aber so, daß man sagen muß: Im ganzen Menschen stehen die verschiedenen Glieder doch in Wechselwirkung. Das Kind bis zum Zahnwechsel, es entwickelt auch eine gewisse psychische Tätigkeit; und diese psychische Tätigkeit ist gerade in diesen ersten Lebensjahren außerordentlich wichtig. Ich erinnere nur an den wahrhaftig weisen Ausspruch Jean Pauls, der gesagt hat, daß man im Beginne seines Lebens von seiner Amme zweifellos mehr für das Leben lernt, als von seinen sämtlichen Professoren in den akademischen Jahren. In diesem Ausspruch ist schon irgend etwas sehr Weises, etwas sehr Richtiges. Man muß nur die Dinge in der richtigen Weise einschätzen. Man lernt vieles in diesen ersten sieben Lebensjahren, nur bleibt das Erlernte gewissermaßen intellektuell und auch sonst in der Dumpfheit des Seelenlebens, das noch fast ein körperhaftes Leben ist, drunten. Aber lesen Sie nur einmal nach in meinem Büchelchen «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit», so werden Sie sehen, daß man dieses Leben, das da das Kind in den ersten sieben Lebensjahren entfaltet, auch anders bewerten kann, als man das gewöhnlich tut. In diesen ersten sieben Jahren waltet wirklich nicht getinge Weisheit im menschlichen Organismus. Wenn das Kind — wie der Bourgeoisausdruck lautet — «das Licht der Welt» erblickt hat, ist sein Gehirn noch ziemlich undifferenziert. Es differenziert sich erst im Laufe der Zeit, und dasjenige, was da an Gehirnstrukturen auftritt, das entspricht wahrhaftig, wenn man es studiert, den Einflüssen einer tieferen Weisheit als alles, was wir im späteren Leben, wenn wir Maschinen konstruieren oder irgend etwas wissenschaftlich treiben, an Weisheit aufbringen können. Wir können das natürlich nicht später in bewußter Weise, was wir unbewußt vollbringen, wenn wir eben erst, wie gesagt, das Licht der Welterblickt haben. Da waltet kosmische Vernunft in uns, jene kosmische Vernunft, von der wir auch sprechen mußten, als wir die Entwickelung der Sprache anführten. Wahrhaftig, eine hohe kosmische Vernunft waltet in dem Menschen in den ersten sieben Lebensjahren.

[ 10 ] The fact is, however, that one must say: In the whole human being, the various parts do indeed interact with one another. Even a child, up until the time of tooth replacement, develops a certain psychological activity; and this psychological activity is exceptionally important, especially in these first years of life. I need only recall the truly wise saying of Jean Paul, who remarked that at the beginning of one’s life, one undoubtedly learns more about life from one’s nurse than from all one’s professors combined during one’s academic years. There is indeed something very wise, something very true, in this saying. One simply has to assess things in the right way. One learns a great deal during these first seven years of life, but what is learned remains, so to speak, on an intellectual level and, in other respects, buried in the dullness of the soul’s life, which is still almost a physical existence. But if you just take a look at my little book *The Spiritual Guidance of the Individual and of Humanity*, you will see that this life, which the child unfolds during the first seven years, can be assessed differently than is usually the case. In these first seven years, there is truly no great wisdom at work in the human organism. When the child—as the bourgeois expression goes—has “seen the light of day,” its brain is still quite undifferentiated. It only becomes differentiated over time, and the brain structures that emerge there—when studied—truly correspond to the influences of a deeper wisdom than anything we can muster in later life, whether we are designing machines or engaging in any scientific endeavor. Of course, we cannot later do consciously what we accomplish unconsciously when, as I said, we have just “seen the light of the world.” Cosmic reason reigns within us—that cosmic reason we also had to speak of when we discussed the development of language. Truly, a high cosmic reason reigns within the human being during the first seven years of life.

[ 11 ] Diese kosmische Vernunft richtet sich dann in den zweiten sieben Lebensjahren darauf, den Menschen zu tingieren mit dem, was zur Sexualreife führt; da waltet sie, diese kosmische Intellektualität, in einem geringen Maße schon. Man möchte sagen: Dasjenige, was da bleibt, was nicht im Inneren verwendet wird, ja, das steigt halt in den Kopf herauf. Der bekommt so etwas ab — es ist ja meistens auch danach! Aber dasjenige, was da der Kopf abbekommt, das ist eigentlich etwas, was im Inneren des Menschen, im Unbewußten des Seelenlebens, erspart wird. Und dann geht es weiter in den siebenjährigen Perioden.

[ 11 ] During the second seven years of life, this cosmic reason then focuses on imbuing the human being with what leads to sexual maturity; it is already at work to a small degree during this time. One might say: That which remains there, that which is not utilized internally—well, that simply rises up into the head. The head gets a share of it—and it usually craves it, too! But what the head receives is actually something that is set aside within the human being, in the unconscious realm of the soul life. And then the process continues in seven-year periods.

[ 12 ] Nun studiert man heute gewöhnlich das ganze Menschenleben, das sogenannte normale Menschenleben nicht; denn um dieses normale Menschenleben zu studieren, ist eine gewisse Hingabe notwendig, erst an den wahren Menschen selbst, dann aber auch an die großen kosmischen Gesetzmäßigkeiten. Und so kurios es klingt, dasjenige, was in den ersten Kinderjahren, in den ersten sieben Jahren in dem Menschen waltet, man kann es nicht verstehen, selbstverständlich nicht als Kind, auch nicht als Jüngling oder Jungfrau, auch nicht, wenn man sich schon einbildet, das ganze Leben zu fassen, in den Zwanzigerjahren. Man kann es nicht verstehen. Man kann zu einigem Verständnis kommen von dem, was sich in der Kindheit abspielt, wenn man dieses Verständnis innerlich im Menschen, in innerlichem Erleben sucht, so etwa zwischen seinem sechsundfünfzigsten und dreiundsechzigsten Lebensjahre. Das höchste Alter, das Greisenalter, gibt uns erst die Möglichkeit, einen geringen Einblick zu bekommen in dasjenige, was in uns waltet in den ersten sieben Kinderjahren. Das ist eine unbequeme Sache; denn der Mensch will heute, wenn er kaum den jungen Dachsjahren entwachsen ist, ein Vollmensch sein. Und unbequem ist es heute, sich zu gestehen, daß es hier auf der Welt etwas gibt, sogar an einem selbst etwas gibt, wozu, um es zu verstehen, man die Wende der Fünfzigerjahre erreichen muß. Und wiederum, wenn es sich um Verständnis handelt, um innerlich-menschliches Verständnis, wie wir es zunächst als Mensch erringen können, so kann man von demjenigen, was in den Jahren, in denen sich die Geschlechtsreife ausbildet, also sich vom siebenten bis zum vierzehnten Lebensjahre in der Menschennatur abspielt, einiges verstehen lernen so zwischen dem neunundvierzigsten und sechsundfünfzigsten Jahre, im Beginn der Fünfzigerjahre.

[ 12 ] Today, however, people generally do not study the entire human life—what is called “normal” human life—because studying this normal human life requires a certain devotion: first to the true human being itself, and then also to the great cosmic laws. And as strange as it may sound, what prevails within a person during the first years of childhood—the first seven years—cannot be understood, certainly not as a child, nor as a young man or woman, nor even in one’s twenties, when one already imagines oneself capable of grasping the whole of life. It cannot be understood. One can gain some understanding of what takes place in childhood if one seeks this understanding inwardly within oneself, through inner experience, roughly between the ages of fifty-six and sixty-three. Only old age, the twilight of life, gives us the opportunity to gain a small insight into what reigns within us during the first seven years of childhood. This is an uncomfortable reality; for today, people want to be fully formed human beings even before they have barely outgrown their youthful years. And it is uncomfortable today to admit to oneself that there is something in this world—even something within oneself—that one must reach the age of fifty to understand. And yet, when it comes to understanding—to inner, human understanding, as we can first attain it as human beings—we can begin to understand certain aspects of what takes place in human nature during the years when sexual maturity develops, that is, from the seventh to the fourteenth year of life, between the ages of forty-nine and fifty-six, at the beginning of one’s fifties.

[ 13 ] Es wäre nun gut, wenn solche Wahrheiten Geltung gewännen, denn durch solche Wahrheiten würde man eben das Leben verstehen lernen, während die andern Wahrheiten, die man gewöhnlich über den Menschen aufstellt, solche sind, wie man sie wünscht. Man merkt das nur nicht, daß unbewußte Wünsche da sind. Und wiederum, dasjenige, was sich in uns abspielt von der Geschlechtsreife bis zum einundzwanzigsten Jahre, darüber bekommt man einigen innerlichen, erlebten Aufschluß, so daß man ein gewisses Urteil darüber haben kann, zwischen dem zweiundvierzigsten und neunundvierzigsten Lebensjahr, und wiederum, was sich in den Zwanzigerjahren bis zum achtundzwanzigsten Jahre abspielt, darüber kann man einigen Aufschluß bekommen zwischen dem fünfunddreißigsten und zweiundvierzigsten Lebensjahr. Das, was ich in bezug auf diese Dinge sage, das beruht auf wirklicher Lebensbeobachtung, die man machen muß, indem man sich in die geisteswissenschaftliche Beobachtung einarbeitet, und nicht jenen Firlefanz von Selbsterkenntnis treibt, der heute oftmals Selbsterkenntnis genannt wird, sondern wirkliche Selbsterkenntnis, das heißt, Menschenerkenntnis treibt. Und just nur in der Zeit vom achtundzwanzigsten bis fünfunddreißigsten Jahre ungefähr kann man etwas erleben, was man gleichzeitig, indem man es erlebt, auch verstehen kann; da ist ein gewisses Gleichgewicht zwischen Verstehen und Denken. In der ersten Hälfte des Lebens kann man Verschiedenes denken, kann man Verschiedenes vorstellen; um das verständnisvoll zu erleben, was man in der ersten Hälfte des Lebens vorstellen kann, muß man die zweite Hälfte des Lebens abwarten.

[ 13 ] It would be good if such truths were to gain acceptance, for through them one would learn to understand life itself, whereas the other truths that are usually posited about human beings are simply what people wish them to be. One simply does not realize that unconscious desires are at work here. And again, what takes place within us from puberty until the age of twenty-one, we gain some inner, experiential insight into this, so that we can form a certain judgment about it between the ages of forty-two and forty-nine; and likewise, regarding what takes place in one’s twenties up to the age of twenty-eight, we can gain some insight into this between the ages of thirty-five and forty-two. What I say about these things is based on genuine observation of life, which one must undertake by familiarizing oneself with spiritual scientific observation—and not by engaging in that nonsense of “self-knowledge” that is often called self-knowledge today, but rather by pursuing true self-knowledge, that is, knowledge of the human being. And it is precisely during the period from about the twenty-eighth to the thirty-fifth year of life that one can experience something which, at the very moment of experiencing it, one can also understand; there is a certain balance between understanding and thinking. In the first half of life, one can think about various things and imagine various things; to experience with understanding what one can imagine in the first half of life, one must wait for the second half of life.

[ 14 ] Es ist eine unbequeme Wahrheit, aber es ist so im Leben. Ich kann mir sogar Menschen denken, die sagen: Ja, wenn der Mensch in seiner ganzen inneren Gesetzmäßigkeit so abgezirkelt ist, wo bleibt denn da der freie Wille des Menschen? Wo bleibt die Freiheit? Wo bleibt das Bewußtsein vom Menschtum? — Gewiß, ich kann mir auch vorstellen, daß jemand sich unfrei empfindet aus dem Grunde, weil er nicht gleichzeitig in Europa und in Amerika sein kann, daß jemand sich unfrei empfindet, weil er den Mond nicht herablangen kann. Aber nach den menschlichen Wünschen richten sich eben die Tatsachen nicht, sondern auch da, wo es sich darum handelt, daß der Mensch über sich selber Aufschluß gewinne, auch da ist es notwendig, daß die Tatsachen ins Auge gefaßt werden. Diese Tatsachen liegen so: Wir leben nicht umsonst ein sich modifizierendes, ein sich metamorphosierendes Leben. Wir leben dieses Leben so, daß jede Lebensperiode im Verhältnis zu anderen ihren Sinn und ihre Bedeutung hat. Und dazu leben wir, wie wir sagen, das normale Leben, wenn uns ein solches gegönnt ist, bis in die Sechzigerjahre hinein — über das frühe Sterben werden wir auch von diesem Gesichtspunkte aus morgen noch reden —, daß sich uns in einer gewissen Weise erst in der zweiten Lebenshälfte aufklärt, was in der ersten Lebenshälfte in uns waltet. Der Mensch würde viel sicherer und richtiger sich in der Welt orientieren können, wenn diese Erkenntnis des Lebens etwas Platz greifen würde. Denn dann würde er auf einem wahren Lebensgrund bauen, während man heute vielfach, weil man sich nicht nach der Objektivität, sondern nach den Wünschen richtet, eben einfach daran festhält: Nun ja, bis in die Zwanzigerjahre muß man ja etwas lernen, aber nachher ist man ein fertiger Mensch, dann ist man reif zu einem jeglichen im Leben. Dadurch übersieht man ganz und gar die inneren Zusammenhalte des Lebens. Das Leben kennenzulernen, ist eben wirklich eine innere Aufgabe. Und man darf, gerade wenn es sich um diese intime Aufgabe handelt, nicht außer acht lassen, daß Wünsche schweigen müssen, und daß die Objektivität in Betracht gezogen werden muß.

[ 14 ] It is an uncomfortable truth, but that is how life is. I can even imagine people saying: Yes, if human beings are so precisely determined by their inner laws, where, then, is human free will? Where is freedom? Where is the awareness of our humanity? — Certainly, I can also imagine that someone might feel unfree simply because they cannot be in Europe and America at the same time, or that someone might feel unfree because they cannot reach down and grab the moon. But facts do not conform to human desires; rather, even when it comes to a person gaining insight into themselves, it is necessary to take these facts into account. These facts are as follows: We do not live a life of constant change and metamorphosis for no reason. We live this life in such a way that each period of life has its own meaning and significance in relation to the others. And to that end, we live—as we say—a normal life, if we are granted such a life, well into our sixties—we will also speak tomorrow from this perspective about early death—so that it is only in the second half of life, in a certain sense, that it becomes clear to us what was at work within us in the first half of life. People would be able to orient themselves in the world much more securely and correctly if this understanding of life were to take hold. For then one would build upon a true foundation of life, whereas today, because people often guide themselves not by objectivity but by their desires, they simply cling to the idea: Well, yes, one has to learn certain things until one’s twenties, but afterward one is a fully formed person, ready for anything life may bring. In doing so, one completely overlooks the inner cohesion of life. Getting to know life is truly an inner task. And especially when it comes to this intimate task, one must not overlook the fact that desires must be set aside and that objectivity must be taken into account.

[ 15 ] Nun stellt sich ein gewisser Ausgleich ein im Laufe der menschlichen Evolution. In früheren Zeiten war die Sache ganz anders, darüber habe ich schon vorgetragen: Sie erinnern sich, wie ich von der menschlichen Entwickelung von der atlantischen Zeit bis heute, von dem Immer-jünger-Werden der Menschheit gesprochen habe. Ein gewisser Ausgleich ist dadurch eingetreten, daß im Laufe der Evolution sich herausgestellt hat, daß das eine Element verwandt wurde mit dem andern. Wenn das nicht eingetreten wäre, dann müßte man im Leben einfach die Sache so halten: Wer erst in den Zwanzigerjahren ist, müßte gewisse Dinge, die sich auf Wahrheiten in dem Menschen beziehen, die man erst in den Vierzigerjahren so lebendig ergreifen kann, wie ich es jetzt charakterisiert habe, dem Vierzigjährigen glauben. So ist es nicht ganz, sondern im Laufe der Menschheitsentwickelung sind die Begriffe selbst, die Vorstellungen solche geworden, daß man eine gewisse empfindungsgemäße Überzeugung haben kann in dem einen Lebensalter von dem andern. Wenn man genügend Hingabe hat, um von den Vierzigjährigen und Fünfzigjährigen die Lebenserfahrungen sich sagen zu lassen, vorausgesetzt selbstverständlich, daß sie welche gemacht haben, heute machen die Menschen meistens keine, läßt man sich diese Lebenserfahrungen sagen, wenn man noch jünger ist, so ist man heute doch nicht auf bloßen Autoritätsglauben angewiesen, das ist schon durch die Entwickelung so geworden; sondern indem man dann denkt — man kann als junger Mensch nur denken —, liegt in der Art und in dem Charakter, welche die Gedanken angenommen haben, mehr als das, was bloß an den Glauben appelliert, es liegt darinnen schon eine gewisse Möglichkeit, auch einzusehen. Man müßte sonst sagen: In der Jugend denkt der Mensch, im Alter begreift er. Aber es liegt schon darin etwas, was einem mehr als eine Glaubensüberzeugung, eine bloße autoritative Überzeugung beibringen kann. Das gibt einen gewissen Ausgleich.

[ 15 ] Now, a certain balance has emerged in the course of human evolution. In earlier times, things were quite different; I have already spoken about this: You will recall how I spoke of human development from the Atlantean era to the present day, of humanity becoming ever younger. A certain balance has been achieved because, in the course of evolution, it has become apparent that one element is related to the other. If that had not happened, then one would simply have to approach life this way: Someone who is only in their twenties would have to believe the forty-year-old regarding certain matters pertaining to truths within the human being—truths that one can only grasp so vividly in one’s forties, as I have just described. It is not quite like that, but in the course of human development, the concepts themselves and the ideas have become such that one can have a certain intuitive conviction at one stage of life regarding another. If one has enough openness to let forty- and fifty-year-olds share their life experiences—assuming, of course, that they have had any; today, people usually do not—and if one allows oneself to hear these life experiences while still younger, then one is not, after all, reliant on mere belief in authority; this has already come about through human development; but by thinking—for as a young person one can only think—there is more in the nature and character that these thoughts have taken on than what merely appeals to faith; there is already a certain potential within them to truly understand. Otherwise, one would have to say: In youth, a person thinks; in old age, they understand. But there is already something in this that can teach one more than a matter of faith, more than a mere authoritative conviction. This provides a certain balance.

[ 16 ] Aber nehmen Sie das, was ich gesagt habe, als Lebenswahrheit auf. Wenn Sie das als Lebenswahrheit nehmen, so wird es Ihnen ein Licht werfen auf die Lebenspraxis. Denken Sie doch einmal, wenn das, was ich sagte, im Leben da ist, wenn es gedacht und gefühlt und empfunden wird von Menschen, wie sich das im Verhältnis der Menschen ausdrückt! Wie es gewissermaßen bindende Glieder schafft von Seele zu Seele! Der Mensch, der noch jung ist, sieht auf den alten in einer besonderen Weise hin, wenn er weiß: Der kann etwas erleben, was im Verhältnis zu ihm, der bloß denken kann, ein Begreifen des Gedachten ist. Man ist in einer ganz andern Weise interessiert für die Mitteilungen, die einem ein Mensch in einem andern Lebensalter machen kann, wenn man in einer solchen Weise das Leben versteht. Und man bewahrt sich wiederum sein Interesse, auch wenn man ein höheres Lebensalter errungen hat, für dasjenige, was als jüngere Leute, sogar als Kinder herumwimmelt. Sie erinnern sich, wie oft ich den Ausspruch getan habe: Der Weiseste kann von dem kleinen Kinde lernen! — Gewiß, gerade der Weiseste wird gern und liebevoll von dem kleinen Kinde lernen. Wenn er sich auch nicht gerade unterrichten lassen will über Moral oder sonstige Lebensanschauungen von dem kleinen Kinde, so würde er sich von dem Kinde unendlich viel Weisheit holen können gerade in bezug auf kosmische Geheimnisse, die sich in dem kleinen Kinde noch ganz anders ausleben als im späteren Menschen. Das Interesse, das von Seele zu Seele waltet, vergrößert sich ganz wesentlich, wenn solche Dinge nicht bloß abstrakte Theorien sind, sondern wenn solche Dinge Lebensweisheiten sind.

[ 16 ] But take what I have said as a truth of life. If you take it as a truth of life, it will shed light on how you live your life. Just think for a moment: if what I have said is present in life—if it is thought, felt, and experienced by people—how that will be expressed in human relationships! How it creates, so to speak, binding links from soul to soul! A young person looks upon an older person in a special way when they know: This person can experience something that, in relation to them—who can only think—is a grasping of the thought itself. One takes a completely different kind of interest in the insights that a person of a different age can share when one understands life in this way. And in turn, even when one has reached an advanced age, one retains an interest in what is teeming around us as younger people—even as children. You remember how often I have said: “The wisest person can learn from a small child!” — Certainly, it is precisely the wisest person who will gladly and lovingly learn from the little child. Even if he does not wish to be instructed by the little child on morality or other views of life, he could draw an infinite amount of wisdom from the child, particularly with regard to cosmic mysteries, which are experienced quite differently in the little child than in the adult. The connection that exists from soul to soul grows significantly stronger when such things are not merely abstract theories, but rather wisdom gained from life itself.

[ 17 ] Wirkliche Geisteswissenschaft hat schon einmal die Eigentümlichkeit, daß sie die Bande der Liebe, welche im wesentlichen auf den Banden des gegenseitigen Interesses beruhen müssen, das die Menschen aneinander haben, verstärkt, erhöht, erkraftet. Gewöhnliche Verstandesweisheit kann den Menschen trocken lassen, so trocken, wie mancher Gelehrte ist. Geisteswissenschaft, wirklich in ihrer Substanz erfaßt, kann den Menschen nicht trocken lassen, sondern wird unter allen Umständen die Menschen lieben lassen, will das gegenseitige menschliche Interesse erkraften und erhöhen.

[ 17 ] True spiritual science has the distinctive characteristic of strengthening, elevating, and invigorating the bonds of love, which must essentially be based on the bonds of mutual interest that people have for one another. Ordinary intellectual wisdom can leave people cold—as cold as many scholars are. Spiritual science, when truly grasped in its essence, cannot leave people cold; rather, it will, under all circumstances, lead people to love one another, seeking to strengthen and elevate mutual human interest.

[ 18 ] Ich habe heute vorgehabt, Ihnen eine kleine Anzahl von solchen Dingen zu sagen, die unangenehm für das Leben sind, aber die Wahrheiten sind, die Tatsachen sind, weil man geisteswissenschaftlich nicht weiterkommt, wenn man sich nicht daran gewöhnt, den Tatsachen, auch wenn sie unbequem sind, kühn ins Auge zu schauen.

[ 18 ] Today I intended to tell you a few things that are unpleasant in life, but which are truths and facts—because one cannot make progress in spiritual science unless one gets used to boldly facing the facts, even when they are uncomfortable.

[ 19 ] Eine andere Tatsache ist diese — es geht das schon aus den gestrigen Betrachtungen hervor —, daß der Intellekt, wie wir ihn erreichen können im gegenwärtigen Menschheitszyklus, überhaupt nur geeignet ist, Verständnis zu erwecken über einen gewissen Zeitraum hin. Ich beneide eigentlich nicht diejenigen Menschen, die leichten Herzens heute darangehen, den Äschylos, sogar den Homer, die Psalmen und so weiter zu übersetzen, wahrhaftig, ich beneide diese Menschen nicht! Daß in unserer heutigen Zeit der Glaube existieren kann, ein solches philiströses Geflunker wie die Übersetzungen der griechischen Dramen vom Herrn Wilamowitz gäbe wirklich den Äschylos oder so etwas wieder, das ist eben nur ein trauriges Zeichen der Gegenwart. Man kann nicht, sobald es irgendwie ins Große geht, beobachten; man hat oftmals auch nicht die Geduld, im Kleinen zu beobachten. Es würde gut sein, wenn man geradezu zur Übung versuchte, im Kleinen zu beobachten. Ich will Ihnen ein Beispiel von einer recht kindlichen, kleinen Sache anführen.

[ 19 ] Another fact—as is already evident from yesterday’s reflections—is that the intellect, as we can attain it in the present cycle of humanity, is only capable of fostering understanding over a certain period of time. I really do not envy those people who today set about with a light heart translating Aeschylus, even Homer, the Psalms, and so on; truly, I do not envy these people! That in our present age there can be a belief that such philistine drivel as Mr. Wilamowitz’s translations of the Greek dramas truly captures Aeschylus or the like is simply a sad sign of the times. One cannot observe things as soon as they take on a grand scale; often, one lacks the patience to observe the small details as well. It would be good if, just as an exercise, one tried to observe the small details. I’d like to give you an example of a rather childlike, small matter.

[ 20 ] Ich las neulich in diesen internationalen Heften, die hier in der Schweiz erscheinen, einen Aufsatz, worin sich der sozialistische Schriftsteller Kautsky über einen russischen Sozialisten besonders beklagte, weil dieser russische Sozialist ihn in der fürchterlichsten Weise zitiert hat, so daß geradezu das Gegenteil von dem, was in Kautskys Büchern steht, als die Kautskysche Meinung angeführt wird. Daß irgendeine absichtliche Entstellung des Kautskyschen Textes dabei vorlag, war nach der Natur der Sache und nach der Natur der Persönlichkeiten ziemlich ausgeschlossen. Ich las dann den Aufsatz des Betreffenden selber, mußte aber auch finden, es sei kurios, was da angeführt wurde als Kautskysche Meinung. Und noch während ich las, bildete ich mir eine Ansicht darüber, denn es interessierte mich, wie überhaupt so etwas möglich sein konnte; aber ich kam sehr bald, indem ich den Aufsatz las, darauf, was geschehen sein mußte, und das bestätigte sich mir auch nachher, weil sich der Betreffende entschuldigte; das aber sah ich erst später. Der Betreffende hat nicht das Kautskysche Buch in deutscher Sprache gelesen, sondern hat es in russischer Übersetzung gelesen, und hat, indem er seinen Aufsatz in Deutsch geschrieben hat, es wieder rückübersetzt. Das also war geschehen: Übersetzung aus dem Deutschen ins Russische und Rückübersetzung. Dabei ist das Gegenteil von dem, was in dem deutschen Buche stand, herausgekommen und zitiert worden!

[ 20 ] I recently read an essay in one of those international journals published here in Switzerland in which the socialist writer Kautsky complained in particular about a Russian socialist because that Russian socialist had quoted him in the most appalling manner, so that the very opposite of what is written in Kautsky’s books was presented as Kautsky’s opinion. Given the nature of the matter and the personalities involved, it was quite out of the question that there had been any deliberate distortion of Kautsky’s text. I then read the essay by the person in question myself, but I also found it curious what was presented there as Kautsky’s opinion. And even as I was reading, I formed an opinion on the matter, for I was interested in how such a thing could be possible at all; but very soon, as I read the essay, I realized what must have happened, and this was confirmed to me afterward when the person in question apologized—though I didn’t see that until later. The person in question had not read Kautsky’s book in German, but had read it in a Russian translation, and, having written his essay in German, had back-translated it. So this is what had happened: a translation from German into Russian and a back-translation. As a result, the opposite of what was written in the German book emerged and was cited!

[ 21 ] So viel ist nur notwendig, wenn eine Sache von einer Sprache in eine andere Sprache ganz ehrlich übersetzt wird, so viel nur ist notwendig, um Dinge ins Gegenteil zu verkehren! Dabei braucht es gar nicht mit unrichtigen Dingen zuzugehen, sondern im Grunde genommen nur mit den Grundsätzen, die heute gewöhnlich überhaupt im Übersetzen tätig sind. Es ist eine kleine, kindische Beobachtung, die ich angeführt habe. Aber wer Geduld hat, solche und ähnliche Dinge im Leben zu beobachten, der sollte es eigentlich schon nicht mehr unverständlich finden, wenn man ihm sagt: Den Homer mit dem, was uns heute zur Verfügung steht, so ohne weiteres zu verstehen, ist eine Unmöglichkeit; es ist auch nur ein eingebildetes Verständnis.

[ 21 ] That is all it takes when something is translated faithfully from one language to another; that is all it takes to turn things on their head! And this doesn’t even require resorting to inaccuracies, but essentially just the principles that are commonly applied in translation today. It is a small, childish observation that I have cited. But anyone who has the patience to observe such things and similar phenomena in life should really no longer find it incomprehensible when told: It is impossible to understand Homer readily with the means available to us today; any such understanding is merely an illusion.

[ 22 ] Nun, das ist die Außenseite der Sache. Es kommt aber eine wesentlich innere Seite der Sache. Die Seelenverfassung der Homerischen Zeit war eine so wesentlich andere als die Seelenverfassung des heutigen Menschen, daß der heutige Mensch von der Möglichkeit des Homer-Verständnisses auch dadurch weit abliegt. Denn die heutige Seelenverfassung ist so, daß sie wesentlich von der Intellektualität tingiert ist. Das war die Homerische Seelenverfassung nicht. Diese Tingierung kann der Mensch heute nicht ablegen, wenn er in der gewöhnlichen alltäglichen Seelenverfassung bleibt. Diese Seelenverfassung zwingt den Menschen stärker, als er glaubt, und stärker, als er sich dessen bewußt ist, in abstrakten Begriffen zu leben, in denen Homer ganz und gar nicht lebte. Aber es wird wiederum dem Menschen schwer, das mit seinen unterbewußten oder unbewußten Wünschen in Einklang zu bringen, so daß er sich sagt: Ja, mit dem Verständnis, das das Normalverständnis der Gegenwart ist, muß man darauf verzichten, so etwas zu verstehen, was der Zeit Homers oder auch nur der Zeit des Äschylos entstammt. — Dieses Verzichten des Menschen, das ist etwas, was gar sehr den unterbewußten Wünschen nicht entspricht. Da muß die Geisteswissenschaft eintreten, die nicht bei der gewöhnlichen Seelenverfassung bleibt, sondern die eine umfassende Seelenverfassung hervorruft, so daß man sich versetzen kann in Seelenverfassungen, die anderer Art sind als die Normalseelenverfassungen der Gegenwart. Mit den geisteswissenschaftlichen Mitteln kann man wiederum in dasjenige eindringen, was mit dem Gegenwartsverstande, mit der Gegenwartsseelenverfassung nicht zu erreichen ist. Dieser Verzicht, diese Resignation wäre von ungeheurer Wichtigkeit für den heutigen Menschen, sich zu sagen: Nur über eine gewisse Wegstrecke der Entwickelung der Menschheit reicht das Verständnis, das wir haben können. — Auch mit einem Blick in die Zukunft ist es nicht so ganz unwichtig, sich solche Dinge vorzuhalten.

[ 22 ] Well, that is the outward aspect of the matter. But there is also a much more inner aspect to it. The state of mind in Homeric times was so fundamentally different from that of modern humans that modern people are also far removed from the possibility of understanding Homer for this reason. For the modern state of mind is such that it is fundamentally tinged with intellectuality. That was not the case with the Homeric state of mind. People today cannot shed this influence if they remain in their ordinary, everyday state of mind. This state of mind compels people—more strongly than they realize and more strongly than they are aware of—to live in abstract concepts, in which Homer did not live at all. But it, in turn, becomes difficult for people to reconcile this with their subconscious or unconscious desires, so that they say to themselves: Yes, with the understanding that is the normal understanding of the present, one must give up on understanding anything that originates from the time of Homer or even just the time of Aeschylus. — This renunciation on the part of human beings is something that is very much at odds with their subconscious desires. This is where spiritual science must step in; it does not remain within the ordinary state of mind, but rather evokes a comprehensive state of mind, so that one can put oneself in states of mind that are of a different kind than the normal states of mind of the present. Through the methods of spiritual science, one can in turn penetrate into that which cannot be reached by contemporary understanding or the present state of mind. This renunciation, this resignation, would be of immense importance for people today—to tell themselves: The understanding we can possess extends only over a certain stage of human development. — Even when looking toward the future, it is not entirely unimportant to keep such things in mind.

[ 23 ] Sie können heute sich noch so deutlich ausdrücken, noch so klar schreiben oder sprechen, das Gesprochene festhalten, es wird gar nicht allzulange dauern — denn in der nächsten Zukunft gehen die Zeiten schneller, wenn ich mich des paradoxen Ausdrucks bedienen darf, als dies in der Vergangenheit war —, so wird es völlig unmöglich sein, in derselben Weise das, was wir heute sprechen oder schreiben, zu verstehen, wie wir es verstehen. Es ist wiederum nur über eine gewisse Spanne in die Zukunft hinein, daß unser Verständnis geeignet ist, das zu verstehen, was wir reden und schreiben. Der Historiker geht auf Urkunden zurück, will sich nur auf äußere Urkunden verlassen. Aber davon hängt es nicht ab, ob man etwas versteht oder nicht, ob Urkunden da sind oder nicht, sondern ob die Verständnismöglichkeit so weit reicht. Nun, für fernere Zeiten zurück reicht diese Verständnismöglichkeit erst recht nicht. Und wenn man dann die Resignation nicht hat, dann kommen Kant-Laplacesche Theorien oder dergleichen heraus. Darüber habe ich ja öfter schon gesprochen. Was ist schließlich so eine Kant-Laplacesche Theorie anderes als der ohnmächtige Versuch, mit dem Verstande der Gegenwart etwas auszudenken über den Weltenursprung, trotzdem sich unser Verständnis, unsere normale Seelenverfassung von diesem Weltenursprung so weit entfernt hat, daß, was man so mit dem gegenwärtigen Weltenverständnis ausdenkt über die Zeit, die sich decken soll mit der Kant-Laplaceschen Theorie, dem gar nicht mehr ähnlich schauen kann.

[ 23 ] No matter how clearly you express yourself today, no matter how clearly you write or speak, or how faithfully you record what is said, it won’t be long—for in the near future, time will pass more quickly, if I may use this paradoxical expression, than it did in the past—before it becomes completely impossible to understand what we say or write today in the same way that we understand it now. It is, again, only over a certain span into the future that our capacity for understanding is sufficient to grasp what we say and write. The historian relies on historical documents, wishing to depend solely on external records. But whether one understands something or not does not depend on whether such documents exist or not, but rather on whether the capacity for understanding extends that far. Now, this capacity for understanding certainly does not extend back to more distant times. And if one lacks the willingness to accept this, then Kant-Laplacean theories or the like emerge. I have, after all, spoken about this on several occasions. What, after all, is such a Kant-Laplacean theory other than a futile attempt to use the intellect of the present to conceive of the origin of the world, even though our understanding—our normal state of mind—has drifted so far from the origin of the world that what we conceive of regarding time based on our current understanding of the world—which is supposed to correspond to the Kant-Laplacean theory—can no longer resemble it at all.

[ 24 ] Dieses Wissen, daß es nötig ist, zu andern Erkenntnisarten zu greifen, wenn man über eine gewisse Zeit und Wegstrecke hinweggeht, das ist es, was Geisteswissenschaft auch erzeugen muß. Über ein gewisses Zeitalter zurück kann der Mensch nichts erkennen, wenn er nicht zu geisteswissenschaftlicher Forschung greift, wenn er nicht versucht, mit anderen Sinnen als mit denen, an die der Intellekt gebunden ist, das Dasein zu verstehen. Nun, wenn man dies ins Auge faßt, was ich eben sagte, wird man wohl einsehen, wie eng umrissen der Horizont des Gegenwartsmenschen sein muß, wenn er nicht zu anderen Stufen des Forschens, zu anderen Stufen des Erkennens seine Zuflucht nehmen will für diejenigen Dinge, zu denen die gewöhnliche Intellektualität, die heute eigentlich das Tonangebende ist, nicht hinreicht, um diese Dinge zu erkennen. Wir wissen, man kann aufsteigen zur imaginativen, zur inspirierten, zur intuitiven Erkenntnis. Diese Erkenntnisarten führen dann in andere Wegstrecken hinein; sie erst können dasjenige ergänzen, was nur wie eine Insel des Daseins überschaut werden kann, wenn man sich auf die Gegenwartsseelenverfassung verläßt.

[ 24 ] This awareness—that it is necessary to draw upon other forms of knowledge when one goes beyond a certain period of time and a certain distance—is precisely what spiritual science must also bring about. Human beings cannot gain insight into a period of time that lies beyond a certain point in the past unless they turn to spiritual scientific research, unless they attempt to understand existence using senses other than those to which the intellect is bound. Now, if one considers what I have just said, one will surely realize how narrowly defined the horizon of modern humanity must be if it does not wish to take refuge in other levels of research, in other levels of cognition, for those things that ordinary intellectuality—which actually sets the tone today—cannot reach in order to comprehend them. We know that one can ascend to imaginative, inspired, and intuitive knowledge. These forms of knowledge then lead into other paths; they alone can supplement what can only be viewed as an island of existence when one relies on the present state of the soul.

[ 25 ] Dasjenige, was die Gegenwartsseelenverfassung umfaßt, ist eigentlich an das menschliche Ich gebunden; das können Sie ja nachlesen in meiner «Theosophie», «Geheimwissenschaft im Umriß» und so weiter. Aber der Mensch trägt in sich auch andere Glieder seiner Wesenheit, wir wissen: den astralischen Leib, den ätherischen Leib, den physischen Leib. Aber seine gewöhnliche heutige Seelenverfassung reicht nicht hinab in den astralischen Leib, nicht in den ätherischen Leib, nicht in den physischen Leib. Denn das, was der Anatom von außen erkennt, das ist ja die Außenseite. Das innere Erkennen reicht nicht über das Ich hinaus, geschweige denn etwa über den physischen Leib. Man muß dazu kommen, den Menschen von innen aus verständnisvoll zu verfolgen, und schon jene Lebenserkenntnis, von der ich im Anfang der heutigen Betrachtungen gesprochen habe, ist ein Anfang dieser Innenerkenntnis, schon das, was man in der zweiten Lebenshälfte begreifen kann, ist ein Anfang, wenn auch ein schwacher Anfang; zum besseren Anfang muß man eben zur Geisteswissenschaft aufsteigen. Wenn man den Menschen innerlich ergreift, so steigt man vom bloßen Intellekt zum Wollen hinunter. Gestern habe ich erwähnt: Das Subjekt des Wollens, der eigentlich Wollende in uns, er bewahrt das kosmische Gedächtnis auf. Man muß also in den Menschen hinuntersteigen. Dasjenige, was der Mensch, wenn er den Willen dazu hätte, bei Entwickelung von normaler Lebensweisheit in der zweiten Lebenshälfte entwickeln könnte, wäre ein Anfang zu diesem Hinuntersteigen. Es würde allerdings nicht über viel, aber es würde über dasjenige aufklären, was der Mensch zum Leben braucht. Steigt er aber dann hinunter mit der entwickelten höheren Erkenntnis, dann eröffnet sich ihm durch das Hineinsteigen in sein eigenes Wesen das Gedächtnis des Kosmos. Dann kommt allerdings etwas anderes heraus als die Kant-Laplacesche Theorie, zum Beispiel nämlich, was wir gerade in unserer Physis an uns tragen. Sie wissen, es ist seiner Anlage nach unser Ältestes, geht bis in die vierte zurückliegende Erdeninkarnation zurück. Steigt man da hinunter, so lernt man erkennen, wie diese vierte zurückliegende Erdeninkarnation der Saturnzeit war. Aber man kann lernen aus der gewöhnlichen Lebensweisheit, die sich in der zweiten Lebenshälfte eröffnet, was man zu tun hat, um tiefer und tiefer noch in das Wesen des Menschen hineinzusteigen, der ein Abbild ist der Welt, und dadurch, daß er dieses Abbild, sich selbst, etkennen lernt, die Welt erkennen lernt.

[ 25 ] What constitutes the present state of the soul is actually bound up with the human “I”; you can read about this in my *Theosophy*, *Outline of Esoteric Science*, and so on. But human beings also carry within themselves other aspects of their being—as we know: the astral body, the etheric body, and the physical body. Yet their ordinary, present-day state of soul does not extend down into the astral body, nor into the etheric body, nor into the physical body. For what the anatomist perceives from the outside is, after all, merely the outer surface. Inner insight does not extend beyond the “I,” let alone beyond the physical body. One must learn to observe the human being with understanding from within, and even that insight into life of which I spoke at the beginning of today’s reflections is a beginning of this inner insight; even what one can grasp in the second half of life is a beginning, albeit a faint one; for a better beginning, one must ascend to spiritual science. When one grasps the human being inwardly, one descends from the mere intellect toward the will. Yesterday I mentioned: The subject of the will—the true willer within us—preserves the cosmic memory. One must therefore descend into the human being. What a person, if they had the will to do so, could develop through the cultivation of normal life wisdom in the second half of life would be a beginning of this descent. It would not, admittedly, shed light on much, but it would shed light on what a person needs for life. If, however, a person then descends with this developed higher knowledge, the memory of the cosmos opens up to them through this descent into their own being. What emerges, however, is something different from the Kant-Laplacean theory—namely, what we carry within our physical bodies right now. You know that, in its structure, this is our oldest aspect, dating back to our fourth past earthly incarnation. If one descends into it, one learns to recognize what this fourth past earthly incarnation of the Saturn era was like. But one can learn from the ordinary wisdom of life that unfolds in the second half of life what one must do to delve ever deeper into the essence of the human being, who is a reflection of the world, and thereby, by coming to know this reflection—that is, oneself—to come to know the world.

[ 26 ] Unterbewußte oder unbewußte Wünsche sind es zumeist, die den Menschen beherrschen, wenn er leichten Herzens oder in voller Bequemlichkeit so etwas ausdenkt, wovon er sich eigentlich sagen müßte, daß es seinem Ausdenken nicht zugänglich ist, wie etwa die KantLaplacesche Theorie oder ähnliches. Und damit berühren wir wiederum — wir müssen uns, ich möchte sagen, in Kreisen unseren Aufgaben nähern — dasjenige, was den Menschen der Gegenwart hindert, die Brücke zu bauen zwischen der Idealität und der Realität, was uns ja jetzt sehr beschäftigt.

[ 26 ] It is mostly subconscious or unconscious desires that control a person when, with a light heart or in complete comfort, he conceives of something that he should actually recognize as beyond his capacity to conceive—such as the Kant-Laplace theory or the like. And with that we touch once again—we must, I would say, approach our tasks in a circular fashion—on what prevents people today from building the bridge between the ideal and reality, a matter that is now very much on our minds.

[ 27 ] Über diese Dinge hinwegzukommen, waren die nach Weltanschauung suchenden Menschen der verschiedensten Zeiten bemüht. Aber es ist schwierig, über diese Dinge vollständig zur Klarheit zu kommen, eben deswegen, weil es unbequem ist, weil man sich nicht gerne den wirklichen Tatsachen nähert. In unserer Zeit ist es ja üblich geworden, ich möchte sagen, überall die Hälfte der Sache anzuerkennen, die andere Hälfte nicht. Dafür ein geradezu klassisches Beispiel: Karl Marx sagt einmal, die Philosophen hätten sich bisher nur bemüht, mit ihren Begriffen die Welt zu interpretieren; es käme aber darauf an, die Welt zu verändern, man müsse wirklich Gedanken finden, durch welche die Welt verändert wird. — Das erste ist absolut richtig. Die Philosophen haben sich bemüht, insoferne sie Philosophen sind, die Welt zu interpretieren, und wenn sie ein bißchen gescheit waren, so haben sie gar nicht geglaubt, daß sie etwas anderes können, als die Welt interpretieren. Nur just das Urbild alles philosophischen Philisteriums, der Wilhelm Traugott Krug, der von 1809 bis 1834 in Leipzig gewirkt hat und von der Fundamentalphilosophie an bis zu den höchsten Stufen der Philosophie eine Menge Bücher geschrieben hat, hat von den Hegel-Philosophen verlangt, sie sollen nicht nur Begriffe, sondern auch einmal die Entwickelung der Schreibfeder deduzieren — worüber Hegel sehr fuchtig geworden ist. Aber auch auf diesem Gebiete ist die Resignation notwendig, die da sagt: Gewiß, wir Menschen sind berufen, als ganze Menschen die Welt zu verändern, insoferne die Welt aus Menschenleben besteht. Aber dasjenige Denken, was das Denken der Gegenwart ist, ist eben nicht befähigt, diese Veränderung hervorzurufen. Da muß man die Resignation haben, sich zu sagen: Dieses Denken, das der Mensch der Gegenwart hat, das so glorios ausreicht, das wirklich ganz geeignet ist, die Natur zu verstehen, dieses Denken ist völlig ungeeignet, da etwas zu erreichen, wo es sich darum handelt, daß wirken soll das Wollen.

[ 27 ] People throughout history who were searching for a worldview have strived to move beyond these issues. But it is difficult to gain complete clarity on these matters, precisely because it is uncomfortable—because people are reluctant to confront the real facts. In our time, it has become common—I would say—to acknowledge half of the truth everywhere, but not the other half. Here is a classic example: Karl Marx once said that philosophers had so far only endeavored to interpret the world through their concepts; what matters, however, is to change the world—one must truly find ideas through which the world is changed. — The first part is absolutely correct. Philosophers have striven, insofar as they are philosophers, to interpret the world, and if they were even a little sensible, they did not believe at all that they could do anything other than interpret the world. Only the very archetype of all philosophical philistinism, Wilhelm Traugott Krug—who was active in Leipzig from 1809 to 1834 and wrote a great many books ranging from fundamental philosophy to the highest levels of philosophy—demanded of the Hegelian philosophers that not only to deduce concepts but also, for once, the development of the quill—which made Hegel very indignant. But even in this realm, resignation is necessary—the kind that says: Certainly, we humans are called upon, as whole human beings, to change the world, insofar as the world consists of human lives. But the kind of thinking that characterizes the present is simply not capable of bringing about this change. Here one must have the resignation to say to oneself: This thinking, which the person of the present possesses, which is so gloriously sufficient, which is truly well-suited to understanding nature—this thinking is completely unsuited to achieving anything where the point is that the will should act.

[ 28 ] Das ist aber eine unbequeme Wahrheit. Denn wenn man das durchschaut, sagt man nicht mehr: Die Philosophen haben sich bisher bemüht, die Welt zu interpretieren, es kommt aber darauf an, die Welt zu verändern — und hat den geheimen Glauben, daß man durch irgendeine Dialektik etwas dazu beitragen könne; sondern man sagt sich: Die Philosophen haben eben deshalb, weil die Philosophen die Dinge anführen können, nur zum Interpretieren ausgereicht. Bei der Natur genügt es, wenn wir sie bloß interpretieren, denn die Natur ist man möchte sagen: Gott sei Dank — ohne uns da, und wir können uns damit begnügen, sie zu interpretieren. Das soziale, das politische Leben, das ist nicht so ohne uns da, und da können wir uns nicht begnügen, es bloß aufzufassen mit solchen Begriffen, die nur geeignet sind, das Leben zu interpretieren und es nicht zu gestalten. Da ist es schon notwendig, daß man von dem bloßen Theoretisieren, das ja zumeist in Halluzinationen besteht, wie ich gestern ausgeführt habe, und das so richtig das Steckenpferd der Gegenwart ist, aufsteigt zum Leben der Wirklichkeit. Und das Leben der Wirklichkeit in den Tatsachen fordert, daß man nicht so geradlinig es nehme, dieses Leben, wie man gewohnt ist, es zu nehmen. Gewiß, Vorstellungen, die ein Mensch dem andern übermittelt, führen zu etwas; aber sie führen nicht immer zu dem gleichen. Absolute Wahrheiten gibt es ebensowenig wie absolute Tatsachen, und absolute Tatsachen ebensowenig wie absolute Wahrheiten, Alles ist relativ. Und wie eine Sache, die ich ausspreche, wirkt, darüber entscheidet nicht bloß, ob ich die Sache für wahr halte oder nicht, sondern darüber entscheidet, wie die Menschen in einem bestimmten Zeitalter sind, wie sie darauf, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, reagieren. Ich will Ihnen einen bedeutsamen Fall anführen, der sehr wichtig zu beachten ist.

[ 28 ] But that is an inconvenient truth. For once one sees through this, one no longer says: “Philosophers have so far endeavored to interpret the world, but what matters is to change the world”—and harbors the secret belief that one can contribute to this through some kind of dialectic; rather, one says to oneself: “Philosophers, precisely because they are capable of setting things in motion, have been sufficient only for interpretation.” With nature, it is enough for us merely to interpret it, for nature—one might say, thank God—exists without us, and we can be content to interpret it. Social and political life, however, does not exist without us, and there we cannot be content merely to grasp it with concepts that are only suited to interpreting life and not to shaping it. It is therefore necessary to rise from mere theorizing—which, as I explained yesterday, consists mostly of hallucinations and is truly the hobbyhorse of the present—to the life of reality. And the life of reality, as manifested in facts, demands that we not take this life as straightforwardly as we are accustomed to doing. Certainly, ideas that one person conveys to another lead to something; but they do not always lead to the same thing. There are just as few absolute truths as there are absolute facts, and just as few absolute facts as there are absolute truths; everything is relative. And the effect of something I say is determined not merely by whether I consider it true or not, but by what people are like in a particular era—how they react to it, if I may use that expression. I would like to cite a significant case that is very important to consider.

[ 29 ] Wenn man ungefähr vor das 14. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung zurückgeht, so konnte man vor jenem Jahrhundert den Leuten Mystik vortragen. Dazumal hatten mystische Begriffe noch die Stoßkraft, daß sie auf Leute erzieherisch, impulsierend wirkten. Die orientalische Bevölkerung Asiens, die indische, japanische, chinesische, die hat diese Eigenschaften noch vielfach aufbewahrt, weil ältere Eigenschaften von gewissen Gliedern der Menschheit in späteren Zeiten bewahrt werden. Man kann in der Gegenwart noch manches studieren, was bei den europäischen Bevölkerungen in früheren Zeiten auch der Fall war; aber die ganze Seelenverfassung der Menschheit hat sich geändert. Und wer heute zum Beispiel Mystik tradiert, Mystik vorträgt, der muß sich darüber klar sein, daß immer mehr und mehr das Zeitalter heranrückt, wo man, indem man Mystik, richtige Mystik — Meister Eckhartsche, Taulersche Mystik und dergleichen — den Leuten übermittelt, man durch die Art, wie sie darauf reagieren, dasjenige ihnen beibringt, was Luzifer aus dem Menschen nur so herauslockt, was sie zu Zank und Streit bringt. Und es kann durchaus sein, daß man durch nichts besser irgendeine Sekte präparieren kann für Zank und Streit, für Uneinigkeit, für gegenseitiges Geschimpfe, als wenn man ihr mystisch fromme Reden hält. Nun, geradlinig verstanden, scheint das geradezu eine Unmöglichkeit; aber es ist eine Tatsachenwahrheit. Es ist eine Tatsachenwahrheit, denn es kommt nicht allein auf den Inhalt dessen an, was man sagt, sondern auf die Art und Weise, wie der Mensch reagiert auf die Dinge. Und man muß die Welt kennen. Und man muß vor allen Dingen nicht nach seinen Wünschen seine Anschauungen einrichten.

[ 29 ] If one goes back to around the 14th century of the Christian era, it was possible to present mysticism to people before that century. At that time, mystical concepts still had the power to educate and inspire people. The Eastern peoples of Asia—the Indians, the Japanese, and the Chinese—have largely retained these qualities, because certain characteristics of earlier stages of human development are preserved by specific groups of people in later times. One can still study many things today that were also the case among European populations in earlier times; but the entire spiritual constitution of humanity has changed. And anyone who today, for example, passes on mysticism or presents it to others must be aware that the age is drawing ever closer in which, by conveying mysticism—true mysticism — the mysticism of Meister Eckhart, Tauler, and the like — one, through the way people react to it, ends up teaching them precisely what Lucifer draws out of them, what leads them to quarrels and strife. And it may well be that there is no better way to set any sect up for quarrels and strife, for discord, for mutual recriminations, than by delivering mystical, pious sermons to them. Now, taken at face value, this seems downright impossible; but it is a factual truth. It is a factual truth because what matters is not only the content of what is said, but also the way in which people react to things. And one must know the world. And above all, one must not shape one’s views according to one’s own desires.

[ 30 ] Ich kann da immer wieder an jenes Gespräch erinnern, das ich einmal in einer süddeutschen Stadt hatte mit zwei katholischen Priestern, die in meinem Vortrage waren, welchen ich dazumal über Bibel und Weisheit gehalten habe. Die zwei katholischen Priester konnten eigentlich nichts Rechtes einwenden. Der Vortrag enthielt gerade Dinge, wo sie nichts Rechtes haben einwenden können. Nun können aber Priester, auch wenn sie nichts einwenden können, so etwas natürlich nicht gelten lassen; sie müssen also etwas einwenden. Da sagten sie: Ja, dem Inhalte nach könnten wir ja das, was Sie gesagt haben, ungefähr auch sagen. Aber das, was wir sagen, sagen wir so, daß es jeder Mensch verstehen kann; Sie sagen es doch nur für eine gewisse Anzahl von Menschen, die eine gewisse Bildung haben, und dasjenige, was man vorbringt für die Menschen, das muß für alle verständlich sein. — Darauf sagte ich ihnen: Ja, sehen Sie, wovon Sie glauben, daß es allen Menschen verständlich ist, und was ich darüber glaube, darauf kommt es nicht an. Auf unsere theoretischen Anschauungen über dieses, was die Menschen verstehen, kommt es nicht an, sondern auf das Studium der Wirklichkeit kommt es an. Und da können Sie ja selber leicht eine Wirklichkeitsprobe machen. Ich frage Sie: Wenn Sie nun diese Methoden anwenden und heute in Ihrer Kirche das vorbringen in der Art, wie Sie glauben, daß es allen Menschen verständlich ist — gehen alle Menschen zu Ihnen in die Kirche, oder bleiben heute nicht schon manche draußen? Daß manche draußen bleiben, das ist viel wichtiger, als daß Sie glauben, Sie reden für alle Menschen. Denn das ist die Wirklichkeit, daß da schon einzelne draußen bleiben. Daß Sie glauben, Sie reden für alle Menschen, das ist Ihr Glaube. Und für diejenigen, die nicht mehr zu Ihnen in die Kirche gehen, für die rede ich, weil ich die Meinung habe, daß man sich der Wirklichkeit zu fügen hat, und daß man zu denen auch reden kann, die nicht mehr in die Kirche gehen, und die doch den Weg in die geistigen Welten zu suchen berechtigt sind. — Da ist an einem trivialen Beispiel der Unterschied beleuchtet, wie man wirklichkeitsgemäß denkt, sich seine Ansichten von der Wirklichkeit diktieren läßt, und wie die meisten Menschen das, was sie eben gerade sich ausspintisieren und ausdenken und auswünschen, zu wissen glauben und dann darauf schwören. Der Wirklichkeitsforscher ist sogar jederzeit bereit, irgend etwas, was er für richtig hält, wieder abzulegen, und wenn die Tatsachen ihn belehren, zu einer andern Gedankenrichtung zu kommen, weil die Wirklichkeit nicht so geradlinig ist, wie die Menschen sie wünschen.

[ 30 ] I am constantly reminded of that conversation I once had in a city in southern Germany with two Catholic priests who were in the audience for a lecture I gave at the time on the Bible and wisdom. The two Catholic priests couldn’t really raise any valid objections. The lecture dealt precisely with topics on which they couldn’t really raise any valid objections. But priests, even if they can’t raise any objections, naturally cannot accept such a thing; so they have to object to something. So they said: “Yes, in terms of content, we could say more or less the same thing you said.” But what we say, we say in a way that everyone can understand; you, however, are speaking only to a certain group of people who have a certain level of education, and whatever is presented to people must be understandable to everyone.” — To that I replied: “Yes, you see, whether you believe something is understandable to everyone or I believe it is—that is not the point.” What matters is not our theoretical views on what people understand, but rather the study of reality. And you can easily test this for yourself. I ask you: If you were to apply these methods and present this in your church today in the way you believe everyone can understand—would everyone come to your church, or aren’t some already staying outside today? The fact that some are staying outside is far more important than your belief that you speak for everyone. For that is the reality: some are already staying outside. That you believe you are speaking for everyone—that is your belief. And I speak on behalf of those who no longer attend your church, because I believe that one must accept reality, and that one can also speak to those who no longer attend church but who are nonetheless entitled to seek the path to the spiritual worlds. — This trivial example illustrates the difference between thinking in accordance with reality, allowing one’s views of reality to be dictated by it, and how most people believe they know whatever they happen to be spinning out of their imagination, conjuring up, and wishing for—and then swear by it. The researcher of reality is even prepared at any time to set aside anything he considers correct and, when the facts teach him otherwise, to adopt a different line of thought, because reality is not as straightforward as people would like it to be.

[ 31 ] Und so kann es also durchaus sein und wird immer mehr und mehr der Fall sein — das ist die Tendenz der Entwickelung der menschlichen Natur —, daß man, während man die frömmste Mystik, die innigste Mystik einer Sekte beibringen will, die Menschen dieser Sekte immer zänkischer und zänkischer werden. Aber ebensowenig geht es, einseitig naturwissenschaftliche Anschauungen den Menschen beizubringen. Um naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, braucht man viel Scharfsinn, und Sie wissen: Ich bin durchaus nicht geneigt, irgendwie jemandem nachzustehen in der vollen Anerkennung der naturwissenschaftlichen Wahrheiten. Aber die Tatsache besteht auch: Wenn man der Welt nur naturwissenschaftliche Wahrheiten oder naturwissenschaftlich geartete Wahrheiten beibringen würde, so würde dieser Scharfsinn, der dazu aufgewendet wird, naturwissenschaftliche Wahrheiten zu finden, wesentlich dazu beitragen, die Menschen zur Unfreiheit zu verdammen. So wie einseitige Mystik immer mehr und mehr in Zank und Streit führen würde, würde einseitige Naturwissenschaft im Sinne der heutigen Zeit die Menschen zur innerlichen Unfreiheit, zur innerlichen Gebundenheit bringen. Sie sehen also, es ist vollständig erwogen, wenn die Geisteswissenschaft sich bemüht, weder einseitig mystisch zu sein, noch einseitig naturwissenschaftlich zu sein, sondern ohne Unterschätzung oder Überschätzung des einzelnen einem jeden gerecht wird, aber von der Dualität zur Trinität vorschreitet. Nicht das Entweder-Oder, sondern das Sowohlals-Auch, Beleuchtung des einen durch das andere, das ist dasjenige, wozu die Geisteswissenschaft von selber führt. Es ist zum Beispiel auch immer vom Übel, wenn ein rein naturwissenschaftlich gesinnter Mensch über die Mystik schimpft; denn das, was er sagt, wird in der Regel dummes Zeug sein. Aber es ist ebenso in der Regel dummes Zeug, wenn ein rein mystischer Mensch, der nichts weiß von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, über die Naturwissenschaft schimpft. Über die Mystik schimpfen — wenn ich so variieren will —, sollte sich eigentlich nur ein Mystiker gestatten, und über Naturwissenschaft schimpfen da und dort, sollte sich nur einer gestatten, der Naturwissenschaft kennt. Dann werden seine Dinge schon so sein, wie er sagt, da sie richtig abgewogen werden. Aber immer wird es vom Übel sein, wenn über Naturwissenschaft abgesprochen wird von einem, der nichts davon versteht und der vielleicht glaubt, ein großer Mystiker zu sein, oder wenn ein Naturforscher von Mystik nichts versteht und über die Mystik aburteilt. Auf geisteswissenschaftlichem Boden ist oft und oft gesagt worden: Gewisse Wahrheiten müssen den Menschen paradox anmuten, weil sie so sehr dem Bequemlichkeitsstandpunkt des gewöhnlichen Lebens widersprechen.

[ 31 ] And so it may well be—and will increasingly be the case—for this is the trend in the development of human nature—that while one seeks to instill the most devout and heartfelt mysticism of a sect, the members of that sect become more and more quarrelsome. But it is equally impossible to teach people one-sided scientific views. To gain scientific insights, one needs a great deal of acumen, and you know: I am by no means inclined to fall short of anyone in my full recognition of scientific truths. But the fact also remains: If one were to teach the world only scientific truths or truths of a scientific nature, then the acumen expended on discovering scientific truths would contribute significantly to condemning people to a state of bondage. Just as one-sided mysticism would lead more and more to strife and conflict, one-sided natural science, as understood today, would lead people to inner bondage and inner constraint. So you see, it is entirely well-considered when spiritual science strives neither to be one-sidedly mystical nor one-sidedly scientific, but does justice to each individual without underestimating or overestimating them, while progressing from duality to trinity. Not “either/or,” but “both/and”—the illumination of one through the other—that is what spiritual science leads to of its own accord. For example, it is always harmful when a person with a purely scientific mindset rails against mysticism; for what he says will, as a rule, be nonsense. But it is just as much nonsense, as a rule, when a purely mystical person, who knows nothing of scientific findings, rails against the natural sciences. To rail against mysticism—if I may put it that way—should really be permitted only to a mystic, and to rail against the natural sciences here and there should be permitted only to one who knows the natural sciences. Then his views will indeed be as he says, since they will be properly weighed. But it will always be a bad thing when someone who understands nothing about science—and who perhaps believes himself to be a great mystic—passes judgment on science, or when a natural scientist, who understands nothing of mysticism, passes judgment on it. In the realm of the humanities, it has been said time and again: Certain truths must seem paradoxical to people because they contradict so strongly the comfortable perspective of ordinary life.

[ 32 ] Nun, ich habe Ihnen heute eine ganze Reihe von Dingen vorgeführt, die gewissermaßen unaufgelöst an Ihre Seele herangeschlagen haben. Ich habe Ihnen vorgeführt einiges von Lebenstatsachen, die eingestanden werden müssen, wenn man auch die Dinge anders haben möchte. Mancher, der sich heute für einen großen Menschen hält, der vieles vermag, hat keine Ahnung von diesen Lebenswahrheiten. Aber das ist gerade dasjenige, was den Katastrophen unserer Zeit zugrunde liegt, daß unsere Zeit so notwendig hat, dieses Leben kennenzulernen und dieses Leben nicht kennenlernen will.

[ 32 ] Well, today I have presented you with a whole series of things that, in a sense, have struck your soul without being resolved. I have presented you with some facts of life that must be acknowledged, even if one would prefer things to be different. Many who consider themselves great people today, capable of many things, have no idea about these truths of life. But that is precisely what underlies the catastrophes of our time: that our age so desperately needs to get to know this life, yet refuses to do so.

[ 33 ] Von einigem, was zur Auflösung manchen Widerspruches, der mit Recht heute an Ihre Seelen herangeschlagen hat, führen soll, wollen wir dann morgen reden.

[ 33 ] Tomorrow we will discuss some of the things that should help resolve certain contradictions that have rightly stirred your souls today.