The Polarity of Duration and Development in Human Life
GA 184
14 September 1918, Dornach
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Die Polarität von Dauer und Entwicklung im Menschenleben
Fünfter Vortrag
Fünfter Vortrag
[ 1 ] Es sind mir in der Gegenwart Mystiker bekanntgeworden, welche versuchten, sich über das Wesen des Menschen in folgender Art aufzuklären. Ich will das Resultat, zu dem sie gekommen zu sein glauben, anführen. Sie sagen etwa so: Wenn man den Menschen, so wie er auf der Erde wandelt, betrachtet, ist sein ganzes Dasein eine Art Rätsel. Er ragt mit seinem Seelensein ganz gewaltig über dasjenige hinaus, was er imstande ist, in seinem gesamten Menschsein darzustellen, sich selber gewissermaßen zu offenbaren in dem Ausleben des Wechselverhältnisses zu andern Menschen. Daher müsse man annehmen — so meinen solche Mystiker —, daß der Mensch eigentlich seinem Wesen nach etwas ganz anderes sei, als was er hier in seinem Erdenwandel erscheint. Er müsse ein umfassendes kosmisches Wesen sein, das eigentlich seiner inneren Natur nach viel, viel mächtiger sei, als dasjenige, was sich hier auf Erden in einem darstelle; er müsse durch irgendwelche Gründe sich verscherzt haben das Leben im großen Kosmos und müsse hereingebannt sein in dieses Erdendasein — so sagte mir wörtlich zum Beispiel ein mystischer Anhänger dieser Richtung —, um hier die Bescheidenheit zu lernen, um hier zu lernen, sich zu bescheiden, um hier auch einmal sich klein zu fühlen, während er in Wahrheit ein großes, mächtiges kosmisches Wesen sei, das aber in irgendeiner Weise sich unwürdig gemacht habe, dieses kosmische Wesen auszuleben.
[ 1 ] Es sind mir in der Gegenwart Mystiker bekanntgeworden, welche versuchten, sich über das Wesen des Menschen in folgender Art aufzuklären. Ich will das Resultat, zu dem sie gekommen zu sein glauben, anführen. Sie sagen etwa so: Wenn man den Menschen, so wie er auf der Erde wandelt, betrachtet, ist sein ganzes Dasein eine Art Rätsel. Er ragt mit seinem Seelensein ganz gewaltig über dasjenige hinaus, was er imstande ist, in seinem gesamten Menschsein darzustellen, sich selber gewissermaßen zu offenbaren in dem Ausleben des Wechselverhältnisses zu andern Menschen. Daher müsse man annehmen — so meinen solche Mystiker —, daß der Mensch eigentlich seinem Wesen nach etwas ganz anderes sei, als was er hier in seinem Erdenwandel erscheint. Er müsse ein umfassendes kosmisches Wesen sein, das eigentlich seiner inneren Natur nach viel, viel mächtiger sei, als dasjenige, was sich hier auf Erden in einem darstelle; er müsse durch irgendwelche Gründe sich verscherzt haben das Leben im großen Kosmos und müsse hereingebannt sein in dieses Erdendasein — so sagte mir wörtlich zum Beispiel ein mystischer Anhänger dieser Richtung —, um hier die Bescheidenheit zu lernen, um hier zu lernen, sich zu bescheiden, um hier auch einmal sich klein zu fühlen, während er in Wahrheit ein großes, mächtiges kosmisches Wesen sei, das aber in irgendeiner Weise sich unwürdig gemacht habe, dieses kosmische Wesen auszuleben.
[ 2 ] Ich weiß, daß es sehr viele Menschen gibt, die über eine solche Idee bloß lachen. Aber derjenige, der von tieferen Gesichtspunkten aus das Leben versteht, weiß, daß auch solch eine mystische Idee schließlich der großen Schwierigkeit entspringt, das Lebensrätsel zu lösen, welche Schwierigkeit der Menschenseele immer schärfer und schärfer sich aufdrängt, gerade je mehr sich diese Menschenseele in die wahre Wirklichkeit zu vertiefen sucht. Ich will selbstverständlich nichts irgendwie Geartetes anführen für diese eben charakterisierte Idee einer heutigen mystischen Richtung. Ich wollte sie nur anführen als etwas, was eben auch in Menschenseelen als Begriff Platz gefunden hat. Man könnte ja ebensogut ein Dutzend anderer, mehr oder weniger philosophischer oder mystischer Lösungen des Menschenrätsels in abstracto anführen.
[ 2 ] Ich weiß, daß es sehr viele Menschen gibt, die über eine solche Idee bloß lachen. Aber derjenige, der von tieferen Gesichtspunkten aus das Leben versteht, weiß, daß auch solch eine mystische Idee schließlich der großen Schwierigkeit entspringt, das Lebensrätsel zu lösen, welche Schwierigkeit der Menschenseele immer schärfer und schärfer sich aufdrängt, gerade je mehr sich diese Menschenseele in die wahre Wirklichkeit zu vertiefen sucht. Ich will selbstverständlich nichts irgendwie Geartetes anführen für diese eben charakterisierte Idee einer heutigen mystischen Richtung. Ich wollte sie nur anführen als etwas, was eben auch in Menschenseelen als Begriff Platz gefunden hat. Man könnte ja ebensogut ein Dutzend anderer, mehr oder weniger philosophischer oder mystischer Lösungen des Menschenrätsels in abstracto anführen.
[ 3 ] Wenn man dann versucht, darauf zu kommen, was dem zugrunde liegt, daß die verschiedensten Menschen in solch verschiedener Weise, manchmal in recht ausgefallener Art sich klarzuwerden versuchen, was es eigentlich mit dem Menschen hier in seinem Erdensein für eine Bewandtnis habe, so kommt man zu Verschiedenem. Vor allen Dingen kommt man darauf, daß gerade mit Bezug auf die großen, realen Fragen des Daseins die Menschen eines für sich nicht erfüllen wollen, was sie im Kleinen ganz gewiß bei jeder möglichen täglichen Gelegenheit zugeben: Bei jeder möglichen täglichen Gelegenheit wird der Mensch zugeben, daß man durch seine Wünsche sich nicht die Wahrheit vernebeln soll, daß dasjenige, wovon man wünscht, es sei wahr, nicht maßgebend sein kann für die Objektivität der Wahrheit. Im gewöhnlichen Leben, im Kleinen, wird das der Mensch ohne weiteres zugeben; im Großen sehen wir gewissermaßen die Unmöglichkeit der Menschen, zu einer wirklichkeitsgemäßen Weltanschauung zu kommen, gerade darinnen, daß die Menschen nicht umhin können, ihre Wünsche geltend zu machen, wenn es sich um die Ergreifung der Wahrheit handelt. Und meistens spielen ja die große Rolle gerade solche Wünsche, die man unbewußte Wünsche nennen könnte, von denen der Mensch gar nicht zugibt, daß sie Wünsche in seiner Seele sind. Doch sind diese Wünsche in der Seele vorhanden; sie bleiben unterbewußt oder unbewußt. Und gerade das wäre die Aufgabe der geisteswissenschaftlichen Schulung, solche Wünsche, die unbewußt bleiben, sich zum Bewußtsein zu bringen, um sich über das illusionäre Leben hinauszuwinden und in die Sphäre der Wahrheit einzudringen.
[ 3 ] Wenn man dann versucht, darauf zu kommen, was dem zugrunde liegt, daß die verschiedensten Menschen in solch verschiedener Weise, manchmal in recht ausgefallener Art sich klarzuwerden versuchen, was es eigentlich mit dem Menschen hier in seinem Erdensein für eine Bewandtnis habe, so kommt man zu Verschiedenem. Vor allen Dingen kommt man darauf, daß gerade mit Bezug auf die großen, realen Fragen des Daseins die Menschen eines für sich nicht erfüllen wollen, was sie im Kleinen ganz gewiß bei jeder möglichen täglichen Gelegenheit zugeben: Bei jeder möglichen täglichen Gelegenheit wird der Mensch zugeben, daß man durch seine Wünsche sich nicht die Wahrheit vernebeln soll, daß dasjenige, wovon man wünscht, es sei wahr, nicht maßgebend sein kann für die Objektivität der Wahrheit. Im gewöhnlichen Leben, im Kleinen, wird das der Mensch ohne weiteres zugeben; im Großen sehen wir gewissermaßen die Unmöglichkeit der Menschen, zu einer wirklichkeitsgemäßen Weltanschauung zu kommen, gerade darinnen, daß die Menschen nicht umhin können, ihre Wünsche geltend zu machen, wenn es sich um die Ergreifung der Wahrheit handelt. Und meistens spielen ja die große Rolle gerade solche Wünsche, die man unbewußte Wünsche nennen könnte, von denen der Mensch gar nicht zugibt, daß sie Wünsche in seiner Seele sind. Doch sind diese Wünsche in der Seele vorhanden; sie bleiben unterbewußt oder unbewußt. Und gerade das wäre die Aufgabe der geisteswissenschaftlichen Schulung, solche Wünsche, die unbewußt bleiben, sich zum Bewußtsein zu bringen, um sich über das illusionäre Leben hinauszuwinden und in die Sphäre der Wahrheit einzudringen.
[ 4 ] Solche unbewußten Wünsche, sie spielen insbesondere dann eine Rolle, wenn im Inneren des Menschen die höchsten Lebenswahrheiten sich geltend machen sollen, die Lebenswahrheiten über das Wesen des menschlichen Lebens selbst, sagen wir jetzt dieses gewöhnlichen menschlichen Lebens, wie es in der physischen Welt verläuft zwischen Geburt und Tod. Eine wirkliche, sachgemäße, wirklichkeitsgemäße Betrachtung muß stets auf den ganzen Verlauf des Lebens sehen, wenn das Leben verstanden sein will. Und denken Sie sich den Fall, eine solche wirklichkeitsgemäße Betrachtung des Lebens gäbe ein Resultat, das der Mensch, wenn auch in unterbewußten Wünschen, ganz und gar nicht wünschte: Dann würde der Mensch alles tun, um durch scheinbare Logik über ein unbequemes Ergebnis hinwegzukommen.
[ 4 ] Solche unbewußten Wünsche, sie spielen insbesondere dann eine Rolle, wenn im Inneren des Menschen die höchsten Lebenswahrheiten sich geltend machen sollen, die Lebenswahrheiten über das Wesen des menschlichen Lebens selbst, sagen wir jetzt dieses gewöhnlichen menschlichen Lebens, wie es in der physischen Welt verläuft zwischen Geburt und Tod. Eine wirkliche, sachgemäße, wirklichkeitsgemäße Betrachtung muß stets auf den ganzen Verlauf des Lebens sehen, wenn das Leben verstanden sein will. Und denken Sie sich den Fall, eine solche wirklichkeitsgemäße Betrachtung des Lebens gäbe ein Resultat, das der Mensch, wenn auch in unterbewußten Wünschen, ganz und gar nicht wünschte: Dann würde der Mensch alles tun, um durch scheinbare Logik über ein unbequemes Ergebnis hinwegzukommen.
[ 5 ] Nicht wahr, es spricht ja im Grunde genommen zunächst, wenn man nur das Erdenleben betrachtet, nichts gerade dafür, daß die Wahrheit den menschlichen Wünschen entsprechen muß, auch wenn die Wünsche unbewußte sind. Es könnte immerhin so sein, daß die Wahrheit auch über das menschliche Leben ganz und gar nichts Angenehmes ist.
[ 5 ] Nicht wahr, es spricht ja im Grunde genommen zunächst, wenn man nur das Erdenleben betrachtet, nichts gerade dafür, daß die Wahrheit den menschlichen Wünschen entsprechen muß, auch wenn die Wünsche unbewußte sind. Es könnte immerhin so sein, daß die Wahrheit auch über das menschliche Leben ganz und gar nichts Angenehmes ist.
[ 6 ] Geisteswissenschaftliche Betrachtung zeigt, daß das nun wirklich so ist. Freilich, es läßt sich ein höherer Gesichtspunkt finden, von dem aus die Sache vielleicht wiederum anders erscheint. Aber für das Leben, das der Mensch gerne führen möchte auf dieser Erde, stellt sich die Sache bei wahrhaftiger Betrachtung schon so, daß gerade die Wahrheit über den Menschen so ist, daß die meisten Bequemlinge des Lebens ein leises Gruseln — wenn auch unterbewußtes Gruseln, Sie werden aber verstehen, was ich meine —, ein leises unbewußtes, manchmal sehr starkes unterbewußtes Gruseln empfinden. Es muß aber dann das ganze Menschenleben betrachtet werden.
[ 6 ] Geisteswissenschaftliche Betrachtung zeigt, daß das nun wirklich so ist. Freilich, es läßt sich ein höherer Gesichtspunkt finden, von dem aus die Sache vielleicht wiederum anders erscheint. Aber für das Leben, das der Mensch gerne führen möchte auf dieser Erde, stellt sich die Sache bei wahrhaftiger Betrachtung schon so, daß gerade die Wahrheit über den Menschen so ist, daß die meisten Bequemlinge des Lebens ein leises Gruseln — wenn auch unterbewußtes Gruseln, Sie werden aber verstehen, was ich meine —, ein leises unbewußtes, manchmal sehr starkes unterbewußtes Gruseln empfinden. Es muß aber dann das ganze Menschenleben betrachtet werden.
[ 7 ] Wir wissen, daß dieses ganze Menschenleben, genau und objektiv betrachtet, in verschiedene Perioden zerfällt. Sie können von diesen Perioden lesen in meinem kleinen Büchelchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft». Wir wissen, daß man den Menschen nur versteht, wenn man das Leben betrachtet zunächst von der Geburt bis zum Zahnwechsel, von dem Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, von der Geschlechtsreife bis zum Anfang der Zwanzigerjahre, sagen wir im Mittel bis zum einundzwanzigsten Jahre; dann wiederum bis zum achtundzwanzigsten Jahre. Man kann das Leben des Menschen so verstehen, wie man irgend etwas naturwissenschaftlich zu verstehen sucht, wenn man eingeht auf diese Periodizität des menschlichen Lebens von sieben zu sieben Jahren.
[ 7 ] Wir wissen, daß dieses ganze Menschenleben, genau und objektiv betrachtet, in verschiedene Perioden zerfällt. Sie können von diesen Perioden lesen in meinem kleinen Büchelchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft». Wir wissen, daß man den Menschen nur versteht, wenn man das Leben betrachtet zunächst von der Geburt bis zum Zahnwechsel, von dem Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, von der Geschlechtsreife bis zum Anfang der Zwanzigerjahre, sagen wir im Mittel bis zum einundzwanzigsten Jahre; dann wiederum bis zum achtundzwanzigsten Jahre. Man kann das Leben des Menschen so verstehen, wie man irgend etwas naturwissenschaftlich zu verstehen sucht, wenn man eingeht auf diese Periodizität des menschlichen Lebens von sieben zu sieben Jahren.
[ 8 ] In jeder dieser Perioden spielt sich im menschlichen Leben Bedeutsames ab. Nach dem, was wir gestern wieder angeführt haben, wissen Sie, daß der Mensch dasteht im Leben, sich einordnend in den Kosmos — ich habe Sie an das Bild von der Magnetnadel gestern erinnert —, so daß zum Beispiel seine Hauptesformation weit, weit in urferne Vergangenheit, seine Extremitätenformation in ferne Zukunft weist, so wie die Magnetnadel mit einem Pol nach Norden, mit dem andern Pol nach Süden weist.
[ 8 ] In jeder dieser Perioden spielt sich im menschlichen Leben Bedeutsames ab. Nach dem, was wir gestern wieder angeführt haben, wissen Sie, daß der Mensch dasteht im Leben, sich einordnend in den Kosmos — ich habe Sie an das Bild von der Magnetnadel gestern erinnert —, so daß zum Beispiel seine Hauptesformation weit, weit in urferne Vergangenheit, seine Extremitätenformation in ferne Zukunft weist, so wie die Magnetnadel mit einem Pol nach Norden, mit dem andern Pol nach Süden weist.
[ 9 ] Diese Zuordnung zum Kosmos, sie ist aber anders in jeder einzelnen der menschlichen Hauptperioden. In jeder einzelnen der menschlichen Hauptperioden greifen andere Kräfte in die Menschheitsorganisation ein. In unseren ersten sieben Lebensjahren waltet im Grunde genommen ganz etwas anderes in uns, als in den zweiten sieben Lebensjahren. Alles das, was im siebenten Jahre ungefähr dadurch zum Ausdrucke kommt, daß sich, man möchte sagen, wie an einem Ufer das ganze Wachstum staut, indem es die bleibenden Zähne herausstaut, das alles, was da staut im Vorstoßen der bleibenden Zähne, das spielt aus den Kräften des Kosmos heraus in den ersten sieben Lebensjahren. Und wiederum ist etwas da, was der Mensch zurücknimmt in seiner Bildung. Dasjenige, was der Mensch zurücknimmt in seiner Bildung, indem er geschlechtsreif wird, das, womit er sich da, ich möchte sagen, tingiert, es bildet sich dadurch, daß gewisse Entwickelungskräfte, die durchaus im Kosmos begründet sind, sich in der zweiten Lebensepoche ausbilden und so weiter.
[ 9 ] Diese Zuordnung zum Kosmos, sie ist aber anders in jeder einzelnen der menschlichen Hauptperioden. In jeder einzelnen der menschlichen Hauptperioden greifen andere Kräfte in die Menschheitsorganisation ein. In unseren ersten sieben Lebensjahren waltet im Grunde genommen ganz etwas anderes in uns, als in den zweiten sieben Lebensjahren. Alles das, was im siebenten Jahre ungefähr dadurch zum Ausdrucke kommt, daß sich, man möchte sagen, wie an einem Ufer das ganze Wachstum staut, indem es die bleibenden Zähne herausstaut, das alles, was da staut im Vorstoßen der bleibenden Zähne, das spielt aus den Kräften des Kosmos heraus in den ersten sieben Lebensjahren. Und wiederum ist etwas da, was der Mensch zurücknimmt in seiner Bildung. Dasjenige, was der Mensch zurücknimmt in seiner Bildung, indem er geschlechtsreif wird, das, womit er sich da, ich möchte sagen, tingiert, es bildet sich dadurch, daß gewisse Entwickelungskräfte, die durchaus im Kosmos begründet sind, sich in der zweiten Lebensepoche ausbilden und so weiter.
[ 10 ] Nun ist die Sache aber so, daß man sagen muß: Im ganzen Menschen stehen die verschiedenen Glieder doch in Wechselwirkung. Das Kind bis zum Zahnwechsel, es entwickelt auch eine gewisse psychische Tätigkeit; und diese psychische Tätigkeit ist gerade in diesen ersten Lebensjahren außerordentlich wichtig. Ich erinnere nur an den wahrhaftig weisen Ausspruch Jean Pauls, der gesagt hat, daß man im Beginne seines Lebens von seiner Amme zweifellos mehr für das Leben lernt, als von seinen sämtlichen Professoren in den akademischen Jahren. In diesem Ausspruch ist schon irgend etwas sehr Weises, etwas sehr Richtiges. Man muß nur die Dinge in der richtigen Weise einschätzen. Man lernt vieles in diesen ersten sieben Lebensjahren, nur bleibt das Erlernte gewissermaßen intellektuell und auch sonst in der Dumpfheit des Seelenlebens, das noch fast ein körperhaftes Leben ist, drunten. Aber lesen Sie nur einmal nach in meinem Büchelchen «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit», so werden Sie sehen, daß man dieses Leben, das da das Kind in den ersten sieben Lebensjahren entfaltet, auch anders bewerten kann, als man das gewöhnlich tut. In diesen ersten sieben Jahren waltet wirklich nicht getinge Weisheit im menschlichen Organismus. Wenn das Kind — wie der Bourgeoisausdruck lautet — «das Licht der Welt» erblickt hat, ist sein Gehirn noch ziemlich undifferenziert. Es differenziert sich erst im Laufe der Zeit, und dasjenige, was da an Gehirnstrukturen auftritt, das entspricht wahrhaftig, wenn man es studiert, den Einflüssen einer tieferen Weisheit als alles, was wir im späteren Leben, wenn wir Maschinen konstruieren oder irgend etwas wissenschaftlich treiben, an Weisheit aufbringen können. Wir können das natürlich nicht später in bewußter Weise, was wir unbewußt vollbringen, wenn wir eben erst, wie gesagt, das Licht der Welterblickt haben. Da waltet kosmische Vernunft in uns, jene kosmische Vernunft, von der wir auch sprechen mußten, als wir die Entwickelung der Sprache anführten. Wahrhaftig, eine hohe kosmische Vernunft waltet in dem Menschen in den ersten sieben Lebensjahren.
[ 10 ] Nun ist die Sache aber so, daß man sagen muß: Im ganzen Menschen stehen die verschiedenen Glieder doch in Wechselwirkung. Das Kind bis zum Zahnwechsel, es entwickelt auch eine gewisse psychische Tätigkeit; und diese psychische Tätigkeit ist gerade in diesen ersten Lebensjahren außerordentlich wichtig. Ich erinnere nur an den wahrhaftig weisen Ausspruch Jean Pauls, der gesagt hat, daß man im Beginne seines Lebens von seiner Amme zweifellos mehr für das Leben lernt, als von seinen sämtlichen Professoren in den akademischen Jahren. In diesem Ausspruch ist schon irgend etwas sehr Weises, etwas sehr Richtiges. Man muß nur die Dinge in der richtigen Weise einschätzen. Man lernt vieles in diesen ersten sieben Lebensjahren, nur bleibt das Erlernte gewissermaßen intellektuell und auch sonst in der Dumpfheit des Seelenlebens, das noch fast ein körperhaftes Leben ist, drunten. Aber lesen Sie nur einmal nach in meinem Büchelchen «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit», so werden Sie sehen, daß man dieses Leben, das da das Kind in den ersten sieben Lebensjahren entfaltet, auch anders bewerten kann, als man das gewöhnlich tut. In diesen ersten sieben Jahren waltet wirklich nicht getinge Weisheit im menschlichen Organismus. Wenn das Kind — wie der Bourgeoisausdruck lautet — «das Licht der Welt» erblickt hat, ist sein Gehirn noch ziemlich undifferenziert. Es differenziert sich erst im Laufe der Zeit, und dasjenige, was da an Gehirnstrukturen auftritt, das entspricht wahrhaftig, wenn man es studiert, den Einflüssen einer tieferen Weisheit als alles, was wir im späteren Leben, wenn wir Maschinen konstruieren oder irgend etwas wissenschaftlich treiben, an Weisheit aufbringen können. Wir können das natürlich nicht später in bewußter Weise, was wir unbewußt vollbringen, wenn wir eben erst, wie gesagt, das Licht der Welterblickt haben. Da waltet kosmische Vernunft in uns, jene kosmische Vernunft, von der wir auch sprechen mußten, als wir die Entwickelung der Sprache anführten. Wahrhaftig, eine hohe kosmische Vernunft waltet in dem Menschen in den ersten sieben Lebensjahren.
[ 11 ] Diese kosmische Vernunft richtet sich dann in den zweiten sieben Lebensjahren darauf, den Menschen zu tingieren mit dem, was zur Sexualreife führt; da waltet sie, diese kosmische Intellektualität, in einem geringen Maße schon. Man möchte sagen: Dasjenige, was da bleibt, was nicht im Inneren verwendet wird, ja, das steigt halt in den Kopf herauf. Der bekommt so etwas ab — es ist ja meistens auch danach! Aber dasjenige, was da der Kopf abbekommt, das ist eigentlich etwas, was im Inneren des Menschen, im Unbewußten des Seelenlebens, erspart wird. Und dann geht es weiter in den siebenjährigen Perioden.
[ 11 ] Diese kosmische Vernunft richtet sich dann in den zweiten sieben Lebensjahren darauf, den Menschen zu tingieren mit dem, was zur Sexualreife führt; da waltet sie, diese kosmische Intellektualität, in einem geringen Maße schon. Man möchte sagen: Dasjenige, was da bleibt, was nicht im Inneren verwendet wird, ja, das steigt halt in den Kopf herauf. Der bekommt so etwas ab — es ist ja meistens auch danach! Aber dasjenige, was da der Kopf abbekommt, das ist eigentlich etwas, was im Inneren des Menschen, im Unbewußten des Seelenlebens, erspart wird. Und dann geht es weiter in den siebenjährigen Perioden.
[ 12 ] Nun studiert man heute gewöhnlich das ganze Menschenleben, das sogenannte normale Menschenleben nicht; denn um dieses normale Menschenleben zu studieren, ist eine gewisse Hingabe notwendig, erst an den wahren Menschen selbst, dann aber auch an die großen kosmischen Gesetzmäßigkeiten. Und so kurios es klingt, dasjenige, was in den ersten Kinderjahren, in den ersten sieben Jahren in dem Menschen waltet, man kann es nicht verstehen, selbstverständlich nicht als Kind, auch nicht als Jüngling oder Jungfrau, auch nicht, wenn man sich schon einbildet, das ganze Leben zu fassen, in den Zwanzigerjahren. Man kann es nicht verstehen. Man kann zu einigem Verständnis kommen von dem, was sich in der Kindheit abspielt, wenn man dieses Verständnis innerlich im Menschen, in innerlichem Erleben sucht, so etwa zwischen seinem sechsundfünfzigsten und dreiundsechzigsten Lebensjahre. Das höchste Alter, das Greisenalter, gibt uns erst die Möglichkeit, einen geringen Einblick zu bekommen in dasjenige, was in uns waltet in den ersten sieben Kinderjahren. Das ist eine unbequeme Sache; denn der Mensch will heute, wenn er kaum den jungen Dachsjahren entwachsen ist, ein Vollmensch sein. Und unbequem ist es heute, sich zu gestehen, daß es hier auf der Welt etwas gibt, sogar an einem selbst etwas gibt, wozu, um es zu verstehen, man die Wende der Fünfzigerjahre erreichen muß. Und wiederum, wenn es sich um Verständnis handelt, um innerlich-menschliches Verständnis, wie wir es zunächst als Mensch erringen können, so kann man von demjenigen, was in den Jahren, in denen sich die Geschlechtsreife ausbildet, also sich vom siebenten bis zum vierzehnten Lebensjahre in der Menschennatur abspielt, einiges verstehen lernen so zwischen dem neunundvierzigsten und sechsundfünfzigsten Jahre, im Beginn der Fünfzigerjahre.
[ 12 ] Nun studiert man heute gewöhnlich das ganze Menschenleben, das sogenannte normale Menschenleben nicht; denn um dieses normale Menschenleben zu studieren, ist eine gewisse Hingabe notwendig, erst an den wahren Menschen selbst, dann aber auch an die großen kosmischen Gesetzmäßigkeiten. Und so kurios es klingt, dasjenige, was in den ersten Kinderjahren, in den ersten sieben Jahren in dem Menschen waltet, man kann es nicht verstehen, selbstverständlich nicht als Kind, auch nicht als Jüngling oder Jungfrau, auch nicht, wenn man sich schon einbildet, das ganze Leben zu fassen, in den Zwanzigerjahren. Man kann es nicht verstehen. Man kann zu einigem Verständnis kommen von dem, was sich in der Kindheit abspielt, wenn man dieses Verständnis innerlich im Menschen, in innerlichem Erleben sucht, so etwa zwischen seinem sechsundfünfzigsten und dreiundsechzigsten Lebensjahre. Das höchste Alter, das Greisenalter, gibt uns erst die Möglichkeit, einen geringen Einblick zu bekommen in dasjenige, was in uns waltet in den ersten sieben Kinderjahren. Das ist eine unbequeme Sache; denn der Mensch will heute, wenn er kaum den jungen Dachsjahren entwachsen ist, ein Vollmensch sein. Und unbequem ist es heute, sich zu gestehen, daß es hier auf der Welt etwas gibt, sogar an einem selbst etwas gibt, wozu, um es zu verstehen, man die Wende der Fünfzigerjahre erreichen muß. Und wiederum, wenn es sich um Verständnis handelt, um innerlich-menschliches Verständnis, wie wir es zunächst als Mensch erringen können, so kann man von demjenigen, was in den Jahren, in denen sich die Geschlechtsreife ausbildet, also sich vom siebenten bis zum vierzehnten Lebensjahre in der Menschennatur abspielt, einiges verstehen lernen so zwischen dem neunundvierzigsten und sechsundfünfzigsten Jahre, im Beginn der Fünfzigerjahre.
[ 13 ] Es wäre nun gut, wenn solche Wahrheiten Geltung gewännen, denn durch solche Wahrheiten würde man eben das Leben verstehen lernen, während die andern Wahrheiten, die man gewöhnlich über den Menschen aufstellt, solche sind, wie man sie wünscht. Man merkt das nur nicht, daß unbewußte Wünsche da sind. Und wiederum, dasjenige, was sich in uns abspielt von der Geschlechtsreife bis zum einundzwanzigsten Jahre, darüber bekommt man einigen innerlichen, erlebten Aufschluß, so daß man ein gewisses Urteil darüber haben kann, zwischen dem zweiundvierzigsten und neunundvierzigsten Lebensjahr, und wiederum, was sich in den Zwanzigerjahren bis zum achtundzwanzigsten Jahre abspielt, darüber kann man einigen Aufschluß bekommen zwischen dem fünfunddreißigsten und zweiundvierzigsten Lebensjahr. Das, was ich in bezug auf diese Dinge sage, das beruht auf wirklicher Lebensbeobachtung, die man machen muß, indem man sich in die geisteswissenschaftliche Beobachtung einarbeitet, und nicht jenen Firlefanz von Selbsterkenntnis treibt, der heute oftmals Selbsterkenntnis genannt wird, sondern wirkliche Selbsterkenntnis, das heißt, Menschenerkenntnis treibt. Und just nur in der Zeit vom achtundzwanzigsten bis fünfunddreißigsten Jahre ungefähr kann man etwas erleben, was man gleichzeitig, indem man es erlebt, auch verstehen kann; da ist ein gewisses Gleichgewicht zwischen Verstehen und Denken. In der ersten Hälfte des Lebens kann man Verschiedenes denken, kann man Verschiedenes vorstellen; um das verständnisvoll zu erleben, was man in der ersten Hälfte des Lebens vorstellen kann, muß man die zweite Hälfte des Lebens abwarten.
[ 13 ] Es wäre nun gut, wenn solche Wahrheiten Geltung gewännen, denn durch solche Wahrheiten würde man eben das Leben verstehen lernen, während die andern Wahrheiten, die man gewöhnlich über den Menschen aufstellt, solche sind, wie man sie wünscht. Man merkt das nur nicht, daß unbewußte Wünsche da sind. Und wiederum, dasjenige, was sich in uns abspielt von der Geschlechtsreife bis zum einundzwanzigsten Jahre, darüber bekommt man einigen innerlichen, erlebten Aufschluß, so daß man ein gewisses Urteil darüber haben kann, zwischen dem zweiundvierzigsten und neunundvierzigsten Lebensjahr, und wiederum, was sich in den Zwanzigerjahren bis zum achtundzwanzigsten Jahre abspielt, darüber kann man einigen Aufschluß bekommen zwischen dem fünfunddreißigsten und zweiundvierzigsten Lebensjahr. Das, was ich in bezug auf diese Dinge sage, das beruht auf wirklicher Lebensbeobachtung, die man machen muß, indem man sich in die geisteswissenschaftliche Beobachtung einarbeitet, und nicht jenen Firlefanz von Selbsterkenntnis treibt, der heute oftmals Selbsterkenntnis genannt wird, sondern wirkliche Selbsterkenntnis, das heißt, Menschenerkenntnis treibt. Und just nur in der Zeit vom achtundzwanzigsten bis fünfunddreißigsten Jahre ungefähr kann man etwas erleben, was man gleichzeitig, indem man es erlebt, auch verstehen kann; da ist ein gewisses Gleichgewicht zwischen Verstehen und Denken. In der ersten Hälfte des Lebens kann man Verschiedenes denken, kann man Verschiedenes vorstellen; um das verständnisvoll zu erleben, was man in der ersten Hälfte des Lebens vorstellen kann, muß man die zweite Hälfte des Lebens abwarten.
[ 14 ] Es ist eine unbequeme Wahrheit, aber es ist so im Leben. Ich kann mir sogar Menschen denken, die sagen: Ja, wenn der Mensch in seiner ganzen inneren Gesetzmäßigkeit so abgezirkelt ist, wo bleibt denn da der freie Wille des Menschen? Wo bleibt die Freiheit? Wo bleibt das Bewußtsein vom Menschtum? — Gewiß, ich kann mir auch vorstellen, daß jemand sich unfrei empfindet aus dem Grunde, weil er nicht gleichzeitig in Europa und in Amerika sein kann, daß jemand sich unfrei empfindet, weil er den Mond nicht herablangen kann. Aber nach den menschlichen Wünschen richten sich eben die Tatsachen nicht, sondern auch da, wo es sich darum handelt, daß der Mensch über sich selber Aufschluß gewinne, auch da ist es notwendig, daß die Tatsachen ins Auge gefaßt werden. Diese Tatsachen liegen so: Wir leben nicht umsonst ein sich modifizierendes, ein sich metamorphosierendes Leben. Wir leben dieses Leben so, daß jede Lebensperiode im Verhältnis zu anderen ihren Sinn und ihre Bedeutung hat. Und dazu leben wir, wie wir sagen, das normale Leben, wenn uns ein solches gegönnt ist, bis in die Sechzigerjahre hinein — über das frühe Sterben werden wir auch von diesem Gesichtspunkte aus morgen noch reden —, daß sich uns in einer gewissen Weise erst in der zweiten Lebenshälfte aufklärt, was in der ersten Lebenshälfte in uns waltet. Der Mensch würde viel sicherer und richtiger sich in der Welt orientieren können, wenn diese Erkenntnis des Lebens etwas Platz greifen würde. Denn dann würde er auf einem wahren Lebensgrund bauen, während man heute vielfach, weil man sich nicht nach der Objektivität, sondern nach den Wünschen richtet, eben einfach daran festhält: Nun ja, bis in die Zwanzigerjahre muß man ja etwas lernen, aber nachher ist man ein fertiger Mensch, dann ist man reif zu einem jeglichen im Leben. Dadurch übersieht man ganz und gar die inneren Zusammenhalte des Lebens. Das Leben kennenzulernen, ist eben wirklich eine innere Aufgabe. Und man darf, gerade wenn es sich um diese intime Aufgabe handelt, nicht außer acht lassen, daß Wünsche schweigen müssen, und daß die Objektivität in Betracht gezogen werden muß.
[ 14 ] Es ist eine unbequeme Wahrheit, aber es ist so im Leben. Ich kann mir sogar Menschen denken, die sagen: Ja, wenn der Mensch in seiner ganzen inneren Gesetzmäßigkeit so abgezirkelt ist, wo bleibt denn da der freie Wille des Menschen? Wo bleibt die Freiheit? Wo bleibt das Bewußtsein vom Menschtum? — Gewiß, ich kann mir auch vorstellen, daß jemand sich unfrei empfindet aus dem Grunde, weil er nicht gleichzeitig in Europa und in Amerika sein kann, daß jemand sich unfrei empfindet, weil er den Mond nicht herablangen kann. Aber nach den menschlichen Wünschen richten sich eben die Tatsachen nicht, sondern auch da, wo es sich darum handelt, daß der Mensch über sich selber Aufschluß gewinne, auch da ist es notwendig, daß die Tatsachen ins Auge gefaßt werden. Diese Tatsachen liegen so: Wir leben nicht umsonst ein sich modifizierendes, ein sich metamorphosierendes Leben. Wir leben dieses Leben so, daß jede Lebensperiode im Verhältnis zu anderen ihren Sinn und ihre Bedeutung hat. Und dazu leben wir, wie wir sagen, das normale Leben, wenn uns ein solches gegönnt ist, bis in die Sechzigerjahre hinein — über das frühe Sterben werden wir auch von diesem Gesichtspunkte aus morgen noch reden —, daß sich uns in einer gewissen Weise erst in der zweiten Lebenshälfte aufklärt, was in der ersten Lebenshälfte in uns waltet. Der Mensch würde viel sicherer und richtiger sich in der Welt orientieren können, wenn diese Erkenntnis des Lebens etwas Platz greifen würde. Denn dann würde er auf einem wahren Lebensgrund bauen, während man heute vielfach, weil man sich nicht nach der Objektivität, sondern nach den Wünschen richtet, eben einfach daran festhält: Nun ja, bis in die Zwanzigerjahre muß man ja etwas lernen, aber nachher ist man ein fertiger Mensch, dann ist man reif zu einem jeglichen im Leben. Dadurch übersieht man ganz und gar die inneren Zusammenhalte des Lebens. Das Leben kennenzulernen, ist eben wirklich eine innere Aufgabe. Und man darf, gerade wenn es sich um diese intime Aufgabe handelt, nicht außer acht lassen, daß Wünsche schweigen müssen, und daß die Objektivität in Betracht gezogen werden muß.
[ 15 ] Nun stellt sich ein gewisser Ausgleich ein im Laufe der menschlichen Evolution. In früheren Zeiten war die Sache ganz anders, darüber habe ich schon vorgetragen: Sie erinnern sich, wie ich von der menschlichen Entwickelung von der atlantischen Zeit bis heute, von dem Immer-jünger-Werden der Menschheit gesprochen habe. Ein gewisser Ausgleich ist dadurch eingetreten, daß im Laufe der Evolution sich herausgestellt hat, daß das eine Element verwandt wurde mit dem andern. Wenn das nicht eingetreten wäre, dann müßte man im Leben einfach die Sache so halten: Wer erst in den Zwanzigerjahren ist, müßte gewisse Dinge, die sich auf Wahrheiten in dem Menschen beziehen, die man erst in den Vierzigerjahren so lebendig ergreifen kann, wie ich es jetzt charakterisiert habe, dem Vierzigjährigen glauben. So ist es nicht ganz, sondern im Laufe der Menschheitsentwickelung sind die Begriffe selbst, die Vorstellungen solche geworden, daß man eine gewisse empfindungsgemäße Überzeugung haben kann in dem einen Lebensalter von dem andern. Wenn man genügend Hingabe hat, um von den Vierzigjährigen und Fünfzigjährigen die Lebenserfahrungen sich sagen zu lassen, vorausgesetzt selbstverständlich, daß sie welche gemacht haben, heute machen die Menschen meistens keine, läßt man sich diese Lebenserfahrungen sagen, wenn man noch jünger ist, so ist man heute doch nicht auf bloßen Autoritätsglauben angewiesen, das ist schon durch die Entwickelung so geworden; sondern indem man dann denkt — man kann als junger Mensch nur denken —, liegt in der Art und in dem Charakter, welche die Gedanken angenommen haben, mehr als das, was bloß an den Glauben appelliert, es liegt darinnen schon eine gewisse Möglichkeit, auch einzusehen. Man müßte sonst sagen: In der Jugend denkt der Mensch, im Alter begreift er. Aber es liegt schon darin etwas, was einem mehr als eine Glaubensüberzeugung, eine bloße autoritative Überzeugung beibringen kann. Das gibt einen gewissen Ausgleich.
[ 15 ] Nun stellt sich ein gewisser Ausgleich ein im Laufe der menschlichen Evolution. In früheren Zeiten war die Sache ganz anders, darüber habe ich schon vorgetragen: Sie erinnern sich, wie ich von der menschlichen Entwickelung von der atlantischen Zeit bis heute, von dem Immer-jünger-Werden der Menschheit gesprochen habe. Ein gewisser Ausgleich ist dadurch eingetreten, daß im Laufe der Evolution sich herausgestellt hat, daß das eine Element verwandt wurde mit dem andern. Wenn das nicht eingetreten wäre, dann müßte man im Leben einfach die Sache so halten: Wer erst in den Zwanzigerjahren ist, müßte gewisse Dinge, die sich auf Wahrheiten in dem Menschen beziehen, die man erst in den Vierzigerjahren so lebendig ergreifen kann, wie ich es jetzt charakterisiert habe, dem Vierzigjährigen glauben. So ist es nicht ganz, sondern im Laufe der Menschheitsentwickelung sind die Begriffe selbst, die Vorstellungen solche geworden, daß man eine gewisse empfindungsgemäße Überzeugung haben kann in dem einen Lebensalter von dem andern. Wenn man genügend Hingabe hat, um von den Vierzigjährigen und Fünfzigjährigen die Lebenserfahrungen sich sagen zu lassen, vorausgesetzt selbstverständlich, daß sie welche gemacht haben, heute machen die Menschen meistens keine, läßt man sich diese Lebenserfahrungen sagen, wenn man noch jünger ist, so ist man heute doch nicht auf bloßen Autoritätsglauben angewiesen, das ist schon durch die Entwickelung so geworden; sondern indem man dann denkt — man kann als junger Mensch nur denken —, liegt in der Art und in dem Charakter, welche die Gedanken angenommen haben, mehr als das, was bloß an den Glauben appelliert, es liegt darinnen schon eine gewisse Möglichkeit, auch einzusehen. Man müßte sonst sagen: In der Jugend denkt der Mensch, im Alter begreift er. Aber es liegt schon darin etwas, was einem mehr als eine Glaubensüberzeugung, eine bloße autoritative Überzeugung beibringen kann. Das gibt einen gewissen Ausgleich.
[ 16 ] Aber nehmen Sie das, was ich gesagt habe, als Lebenswahrheit auf. Wenn Sie das als Lebenswahrheit nehmen, so wird es Ihnen ein Licht werfen auf die Lebenspraxis. Denken Sie doch einmal, wenn das, was ich sagte, im Leben da ist, wenn es gedacht und gefühlt und empfunden wird von Menschen, wie sich das im Verhältnis der Menschen ausdrückt! Wie es gewissermaßen bindende Glieder schafft von Seele zu Seele! Der Mensch, der noch jung ist, sieht auf den alten in einer besonderen Weise hin, wenn er weiß: Der kann etwas erleben, was im Verhältnis zu ihm, der bloß denken kann, ein Begreifen des Gedachten ist. Man ist in einer ganz andern Weise interessiert für die Mitteilungen, die einem ein Mensch in einem andern Lebensalter machen kann, wenn man in einer solchen Weise das Leben versteht. Und man bewahrt sich wiederum sein Interesse, auch wenn man ein höheres Lebensalter errungen hat, für dasjenige, was als jüngere Leute, sogar als Kinder herumwimmelt. Sie erinnern sich, wie oft ich den Ausspruch getan habe: Der Weiseste kann von dem kleinen Kinde lernen! — Gewiß, gerade der Weiseste wird gern und liebevoll von dem kleinen Kinde lernen. Wenn er sich auch nicht gerade unterrichten lassen will über Moral oder sonstige Lebensanschauungen von dem kleinen Kinde, so würde er sich von dem Kinde unendlich viel Weisheit holen können gerade in bezug auf kosmische Geheimnisse, die sich in dem kleinen Kinde noch ganz anders ausleben als im späteren Menschen. Das Interesse, das von Seele zu Seele waltet, vergrößert sich ganz wesentlich, wenn solche Dinge nicht bloß abstrakte Theorien sind, sondern wenn solche Dinge Lebensweisheiten sind.
[ 16 ] Aber nehmen Sie das, was ich gesagt habe, als Lebenswahrheit auf. Wenn Sie das als Lebenswahrheit nehmen, so wird es Ihnen ein Licht werfen auf die Lebenspraxis. Denken Sie doch einmal, wenn das, was ich sagte, im Leben da ist, wenn es gedacht und gefühlt und empfunden wird von Menschen, wie sich das im Verhältnis der Menschen ausdrückt! Wie es gewissermaßen bindende Glieder schafft von Seele zu Seele! Der Mensch, der noch jung ist, sieht auf den alten in einer besonderen Weise hin, wenn er weiß: Der kann etwas erleben, was im Verhältnis zu ihm, der bloß denken kann, ein Begreifen des Gedachten ist. Man ist in einer ganz andern Weise interessiert für die Mitteilungen, die einem ein Mensch in einem andern Lebensalter machen kann, wenn man in einer solchen Weise das Leben versteht. Und man bewahrt sich wiederum sein Interesse, auch wenn man ein höheres Lebensalter errungen hat, für dasjenige, was als jüngere Leute, sogar als Kinder herumwimmelt. Sie erinnern sich, wie oft ich den Ausspruch getan habe: Der Weiseste kann von dem kleinen Kinde lernen! — Gewiß, gerade der Weiseste wird gern und liebevoll von dem kleinen Kinde lernen. Wenn er sich auch nicht gerade unterrichten lassen will über Moral oder sonstige Lebensanschauungen von dem kleinen Kinde, so würde er sich von dem Kinde unendlich viel Weisheit holen können gerade in bezug auf kosmische Geheimnisse, die sich in dem kleinen Kinde noch ganz anders ausleben als im späteren Menschen. Das Interesse, das von Seele zu Seele waltet, vergrößert sich ganz wesentlich, wenn solche Dinge nicht bloß abstrakte Theorien sind, sondern wenn solche Dinge Lebensweisheiten sind.
[ 17 ] Wirkliche Geisteswissenschaft hat schon einmal die Eigentümlichkeit, daß sie die Bande der Liebe, welche im wesentlichen auf den Banden des gegenseitigen Interesses beruhen müssen, das die Menschen aneinander haben, verstärkt, erhöht, erkraftet. Gewöhnliche Verstandesweisheit kann den Menschen trocken lassen, so trocken, wie mancher Gelehrte ist. Geisteswissenschaft, wirklich in ihrer Substanz erfaßt, kann den Menschen nicht trocken lassen, sondern wird unter allen Umständen die Menschen lieben lassen, will das gegenseitige menschliche Interesse erkraften und erhöhen.
[ 17 ] Wirkliche Geisteswissenschaft hat schon einmal die Eigentümlichkeit, daß sie die Bande der Liebe, welche im wesentlichen auf den Banden des gegenseitigen Interesses beruhen müssen, das die Menschen aneinander haben, verstärkt, erhöht, erkraftet. Gewöhnliche Verstandesweisheit kann den Menschen trocken lassen, so trocken, wie mancher Gelehrte ist. Geisteswissenschaft, wirklich in ihrer Substanz erfaßt, kann den Menschen nicht trocken lassen, sondern wird unter allen Umständen die Menschen lieben lassen, will das gegenseitige menschliche Interesse erkraften und erhöhen.
[ 18 ] Ich habe heute vorgehabt, Ihnen eine kleine Anzahl von solchen Dingen zu sagen, die unangenehm für das Leben sind, aber die Wahrheiten sind, die Tatsachen sind, weil man geisteswissenschaftlich nicht weiterkommt, wenn man sich nicht daran gewöhnt, den Tatsachen, auch wenn sie unbequem sind, kühn ins Auge zu schauen.
[ 18 ] Ich habe heute vorgehabt, Ihnen eine kleine Anzahl von solchen Dingen zu sagen, die unangenehm für das Leben sind, aber die Wahrheiten sind, die Tatsachen sind, weil man geisteswissenschaftlich nicht weiterkommt, wenn man sich nicht daran gewöhnt, den Tatsachen, auch wenn sie unbequem sind, kühn ins Auge zu schauen.
[ 19 ] Eine andere Tatsache ist diese — es geht das schon aus den gestrigen Betrachtungen hervor —, daß der Intellekt, wie wir ihn erreichen können im gegenwärtigen Menschheitszyklus, überhaupt nur geeignet ist, Verständnis zu erwecken über einen gewissen Zeitraum hin. Ich beneide eigentlich nicht diejenigen Menschen, die leichten Herzens heute darangehen, den Äschylos, sogar den Homer, die Psalmen und so weiter zu übersetzen, wahrhaftig, ich beneide diese Menschen nicht! Daß in unserer heutigen Zeit der Glaube existieren kann, ein solches philiströses Geflunker wie die Übersetzungen der griechischen Dramen vom Herrn Wilamowitz gäbe wirklich den Äschylos oder so etwas wieder, das ist eben nur ein trauriges Zeichen der Gegenwart. Man kann nicht, sobald es irgendwie ins Große geht, beobachten; man hat oftmals auch nicht die Geduld, im Kleinen zu beobachten. Es würde gut sein, wenn man geradezu zur Übung versuchte, im Kleinen zu beobachten. Ich will Ihnen ein Beispiel von einer recht kindlichen, kleinen Sache anführen.
[ 19 ] Eine andere Tatsache ist diese — es geht das schon aus den gestrigen Betrachtungen hervor —, daß der Intellekt, wie wir ihn erreichen können im gegenwärtigen Menschheitszyklus, überhaupt nur geeignet ist, Verständnis zu erwecken über einen gewissen Zeitraum hin. Ich beneide eigentlich nicht diejenigen Menschen, die leichten Herzens heute darangehen, den Äschylos, sogar den Homer, die Psalmen und so weiter zu übersetzen, wahrhaftig, ich beneide diese Menschen nicht! Daß in unserer heutigen Zeit der Glaube existieren kann, ein solches philiströses Geflunker wie die Übersetzungen der griechischen Dramen vom Herrn Wilamowitz gäbe wirklich den Äschylos oder so etwas wieder, das ist eben nur ein trauriges Zeichen der Gegenwart. Man kann nicht, sobald es irgendwie ins Große geht, beobachten; man hat oftmals auch nicht die Geduld, im Kleinen zu beobachten. Es würde gut sein, wenn man geradezu zur Übung versuchte, im Kleinen zu beobachten. Ich will Ihnen ein Beispiel von einer recht kindlichen, kleinen Sache anführen.
[ 20 ] Ich las neulich in diesen internationalen Heften, die hier in der Schweiz erscheinen, einen Aufsatz, worin sich der sozialistische Schriftsteller Kautsky über einen russischen Sozialisten besonders beklagte, weil dieser russische Sozialist ihn in der fürchterlichsten Weise zitiert hat, so daß geradezu das Gegenteil von dem, was in Kautskys Büchern steht, als die Kautskysche Meinung angeführt wird. Daß irgendeine absichtliche Entstellung des Kautskyschen Textes dabei vorlag, war nach der Natur der Sache und nach der Natur der Persönlichkeiten ziemlich ausgeschlossen. Ich las dann den Aufsatz des Betreffenden selber, mußte aber auch finden, es sei kurios, was da angeführt wurde als Kautskysche Meinung. Und noch während ich las, bildete ich mir eine Ansicht darüber, denn es interessierte mich, wie überhaupt so etwas möglich sein konnte; aber ich kam sehr bald, indem ich den Aufsatz las, darauf, was geschehen sein mußte, und das bestätigte sich mir auch nachher, weil sich der Betreffende entschuldigte; das aber sah ich erst später. Der Betreffende hat nicht das Kautskysche Buch in deutscher Sprache gelesen, sondern hat es in russischer Übersetzung gelesen, und hat, indem er seinen Aufsatz in Deutsch geschrieben hat, es wieder rückübersetzt. Das also war geschehen: Übersetzung aus dem Deutschen ins Russische und Rückübersetzung. Dabei ist das Gegenteil von dem, was in dem deutschen Buche stand, herausgekommen und zitiert worden!
[ 20 ] Ich las neulich in diesen internationalen Heften, die hier in der Schweiz erscheinen, einen Aufsatz, worin sich der sozialistische Schriftsteller Kautsky über einen russischen Sozialisten besonders beklagte, weil dieser russische Sozialist ihn in der fürchterlichsten Weise zitiert hat, so daß geradezu das Gegenteil von dem, was in Kautskys Büchern steht, als die Kautskysche Meinung angeführt wird. Daß irgendeine absichtliche Entstellung des Kautskyschen Textes dabei vorlag, war nach der Natur der Sache und nach der Natur der Persönlichkeiten ziemlich ausgeschlossen. Ich las dann den Aufsatz des Betreffenden selber, mußte aber auch finden, es sei kurios, was da angeführt wurde als Kautskysche Meinung. Und noch während ich las, bildete ich mir eine Ansicht darüber, denn es interessierte mich, wie überhaupt so etwas möglich sein konnte; aber ich kam sehr bald, indem ich den Aufsatz las, darauf, was geschehen sein mußte, und das bestätigte sich mir auch nachher, weil sich der Betreffende entschuldigte; das aber sah ich erst später. Der Betreffende hat nicht das Kautskysche Buch in deutscher Sprache gelesen, sondern hat es in russischer Übersetzung gelesen, und hat, indem er seinen Aufsatz in Deutsch geschrieben hat, es wieder rückübersetzt. Das also war geschehen: Übersetzung aus dem Deutschen ins Russische und Rückübersetzung. Dabei ist das Gegenteil von dem, was in dem deutschen Buche stand, herausgekommen und zitiert worden!
[ 21 ] So viel ist nur notwendig, wenn eine Sache von einer Sprache in eine andere Sprache ganz ehrlich übersetzt wird, so viel nur ist notwendig, um Dinge ins Gegenteil zu verkehren! Dabei braucht es gar nicht mit unrichtigen Dingen zuzugehen, sondern im Grunde genommen nur mit den Grundsätzen, die heute gewöhnlich überhaupt im Übersetzen tätig sind. Es ist eine kleine, kindische Beobachtung, die ich angeführt habe. Aber wer Geduld hat, solche und ähnliche Dinge im Leben zu beobachten, der sollte es eigentlich schon nicht mehr unverständlich finden, wenn man ihm sagt: Den Homer mit dem, was uns heute zur Verfügung steht, so ohne weiteres zu verstehen, ist eine Unmöglichkeit; es ist auch nur ein eingebildetes Verständnis.
[ 21 ] So viel ist nur notwendig, wenn eine Sache von einer Sprache in eine andere Sprache ganz ehrlich übersetzt wird, so viel nur ist notwendig, um Dinge ins Gegenteil zu verkehren! Dabei braucht es gar nicht mit unrichtigen Dingen zuzugehen, sondern im Grunde genommen nur mit den Grundsätzen, die heute gewöhnlich überhaupt im Übersetzen tätig sind. Es ist eine kleine, kindische Beobachtung, die ich angeführt habe. Aber wer Geduld hat, solche und ähnliche Dinge im Leben zu beobachten, der sollte es eigentlich schon nicht mehr unverständlich finden, wenn man ihm sagt: Den Homer mit dem, was uns heute zur Verfügung steht, so ohne weiteres zu verstehen, ist eine Unmöglichkeit; es ist auch nur ein eingebildetes Verständnis.
[ 22 ] Nun, das ist die Außenseite der Sache. Es kommt aber eine wesentlich innere Seite der Sache. Die Seelenverfassung der Homerischen Zeit war eine so wesentlich andere als die Seelenverfassung des heutigen Menschen, daß der heutige Mensch von der Möglichkeit des Homer-Verständnisses auch dadurch weit abliegt. Denn die heutige Seelenverfassung ist so, daß sie wesentlich von der Intellektualität tingiert ist. Das war die Homerische Seelenverfassung nicht. Diese Tingierung kann der Mensch heute nicht ablegen, wenn er in der gewöhnlichen alltäglichen Seelenverfassung bleibt. Diese Seelenverfassung zwingt den Menschen stärker, als er glaubt, und stärker, als er sich dessen bewußt ist, in abstrakten Begriffen zu leben, in denen Homer ganz und gar nicht lebte. Aber es wird wiederum dem Menschen schwer, das mit seinen unterbewußten oder unbewußten Wünschen in Einklang zu bringen, so daß er sich sagt: Ja, mit dem Verständnis, das das Normalverständnis der Gegenwart ist, muß man darauf verzichten, so etwas zu verstehen, was der Zeit Homers oder auch nur der Zeit des Äschylos entstammt. — Dieses Verzichten des Menschen, das ist etwas, was gar sehr den unterbewußten Wünschen nicht entspricht. Da muß die Geisteswissenschaft eintreten, die nicht bei der gewöhnlichen Seelenverfassung bleibt, sondern die eine umfassende Seelenverfassung hervorruft, so daß man sich versetzen kann in Seelenverfassungen, die anderer Art sind als die Normalseelenverfassungen der Gegenwart. Mit den geisteswissenschaftlichen Mitteln kann man wiederum in dasjenige eindringen, was mit dem Gegenwartsverstande, mit der Gegenwartsseelenverfassung nicht zu erreichen ist. Dieser Verzicht, diese Resignation wäre von ungeheurer Wichtigkeit für den heutigen Menschen, sich zu sagen: Nur über eine gewisse Wegstrecke der Entwickelung der Menschheit reicht das Verständnis, das wir haben können. — Auch mit einem Blick in die Zukunft ist es nicht so ganz unwichtig, sich solche Dinge vorzuhalten.
[ 22 ] Nun, das ist die Außenseite der Sache. Es kommt aber eine wesentlich innere Seite der Sache. Die Seelenverfassung der Homerischen Zeit war eine so wesentlich andere als die Seelenverfassung des heutigen Menschen, daß der heutige Mensch von der Möglichkeit des Homer-Verständnisses auch dadurch weit abliegt. Denn die heutige Seelenverfassung ist so, daß sie wesentlich von der Intellektualität tingiert ist. Das war die Homerische Seelenverfassung nicht. Diese Tingierung kann der Mensch heute nicht ablegen, wenn er in der gewöhnlichen alltäglichen Seelenverfassung bleibt. Diese Seelenverfassung zwingt den Menschen stärker, als er glaubt, und stärker, als er sich dessen bewußt ist, in abstrakten Begriffen zu leben, in denen Homer ganz und gar nicht lebte. Aber es wird wiederum dem Menschen schwer, das mit seinen unterbewußten oder unbewußten Wünschen in Einklang zu bringen, so daß er sich sagt: Ja, mit dem Verständnis, das das Normalverständnis der Gegenwart ist, muß man darauf verzichten, so etwas zu verstehen, was der Zeit Homers oder auch nur der Zeit des Äschylos entstammt. — Dieses Verzichten des Menschen, das ist etwas, was gar sehr den unterbewußten Wünschen nicht entspricht. Da muß die Geisteswissenschaft eintreten, die nicht bei der gewöhnlichen Seelenverfassung bleibt, sondern die eine umfassende Seelenverfassung hervorruft, so daß man sich versetzen kann in Seelenverfassungen, die anderer Art sind als die Normalseelenverfassungen der Gegenwart. Mit den geisteswissenschaftlichen Mitteln kann man wiederum in dasjenige eindringen, was mit dem Gegenwartsverstande, mit der Gegenwartsseelenverfassung nicht zu erreichen ist. Dieser Verzicht, diese Resignation wäre von ungeheurer Wichtigkeit für den heutigen Menschen, sich zu sagen: Nur über eine gewisse Wegstrecke der Entwickelung der Menschheit reicht das Verständnis, das wir haben können. — Auch mit einem Blick in die Zukunft ist es nicht so ganz unwichtig, sich solche Dinge vorzuhalten.
[ 23 ] Sie können heute sich noch so deutlich ausdrücken, noch so klar schreiben oder sprechen, das Gesprochene festhalten, es wird gar nicht allzulange dauern — denn in der nächsten Zukunft gehen die Zeiten schneller, wenn ich mich des paradoxen Ausdrucks bedienen darf, als dies in der Vergangenheit war —, so wird es völlig unmöglich sein, in derselben Weise das, was wir heute sprechen oder schreiben, zu verstehen, wie wir es verstehen. Es ist wiederum nur über eine gewisse Spanne in die Zukunft hinein, daß unser Verständnis geeignet ist, das zu verstehen, was wir reden und schreiben. Der Historiker geht auf Urkunden zurück, will sich nur auf äußere Urkunden verlassen. Aber davon hängt es nicht ab, ob man etwas versteht oder nicht, ob Urkunden da sind oder nicht, sondern ob die Verständnismöglichkeit so weit reicht. Nun, für fernere Zeiten zurück reicht diese Verständnismöglichkeit erst recht nicht. Und wenn man dann die Resignation nicht hat, dann kommen Kant-Laplacesche Theorien oder dergleichen heraus. Darüber habe ich ja öfter schon gesprochen. Was ist schließlich so eine Kant-Laplacesche Theorie anderes als der ohnmächtige Versuch, mit dem Verstande der Gegenwart etwas auszudenken über den Weltenursprung, trotzdem sich unser Verständnis, unsere normale Seelenverfassung von diesem Weltenursprung so weit entfernt hat, daß, was man so mit dem gegenwärtigen Weltenverständnis ausdenkt über die Zeit, die sich decken soll mit der Kant-Laplaceschen Theorie, dem gar nicht mehr ähnlich schauen kann.
[ 23 ] Sie können heute sich noch so deutlich ausdrücken, noch so klar schreiben oder sprechen, das Gesprochene festhalten, es wird gar nicht allzulange dauern — denn in der nächsten Zukunft gehen die Zeiten schneller, wenn ich mich des paradoxen Ausdrucks bedienen darf, als dies in der Vergangenheit war —, so wird es völlig unmöglich sein, in derselben Weise das, was wir heute sprechen oder schreiben, zu verstehen, wie wir es verstehen. Es ist wiederum nur über eine gewisse Spanne in die Zukunft hinein, daß unser Verständnis geeignet ist, das zu verstehen, was wir reden und schreiben. Der Historiker geht auf Urkunden zurück, will sich nur auf äußere Urkunden verlassen. Aber davon hängt es nicht ab, ob man etwas versteht oder nicht, ob Urkunden da sind oder nicht, sondern ob die Verständnismöglichkeit so weit reicht. Nun, für fernere Zeiten zurück reicht diese Verständnismöglichkeit erst recht nicht. Und wenn man dann die Resignation nicht hat, dann kommen Kant-Laplacesche Theorien oder dergleichen heraus. Darüber habe ich ja öfter schon gesprochen. Was ist schließlich so eine Kant-Laplacesche Theorie anderes als der ohnmächtige Versuch, mit dem Verstande der Gegenwart etwas auszudenken über den Weltenursprung, trotzdem sich unser Verständnis, unsere normale Seelenverfassung von diesem Weltenursprung so weit entfernt hat, daß, was man so mit dem gegenwärtigen Weltenverständnis ausdenkt über die Zeit, die sich decken soll mit der Kant-Laplaceschen Theorie, dem gar nicht mehr ähnlich schauen kann.
[ 24 ] Dieses Wissen, daß es nötig ist, zu andern Erkenntnisarten zu greifen, wenn man über eine gewisse Zeit und Wegstrecke hinweggeht, das ist es, was Geisteswissenschaft auch erzeugen muß. Über ein gewisses Zeitalter zurück kann der Mensch nichts erkennen, wenn er nicht zu geisteswissenschaftlicher Forschung greift, wenn er nicht versucht, mit anderen Sinnen als mit denen, an die der Intellekt gebunden ist, das Dasein zu verstehen. Nun, wenn man dies ins Auge faßt, was ich eben sagte, wird man wohl einsehen, wie eng umrissen der Horizont des Gegenwartsmenschen sein muß, wenn er nicht zu anderen Stufen des Forschens, zu anderen Stufen des Erkennens seine Zuflucht nehmen will für diejenigen Dinge, zu denen die gewöhnliche Intellektualität, die heute eigentlich das Tonangebende ist, nicht hinreicht, um diese Dinge zu erkennen. Wir wissen, man kann aufsteigen zur imaginativen, zur inspirierten, zur intuitiven Erkenntnis. Diese Erkenntnisarten führen dann in andere Wegstrecken hinein; sie erst können dasjenige ergänzen, was nur wie eine Insel des Daseins überschaut werden kann, wenn man sich auf die Gegenwartsseelenverfassung verläßt.
[ 24 ] Dieses Wissen, daß es nötig ist, zu andern Erkenntnisarten zu greifen, wenn man über eine gewisse Zeit und Wegstrecke hinweggeht, das ist es, was Geisteswissenschaft auch erzeugen muß. Über ein gewisses Zeitalter zurück kann der Mensch nichts erkennen, wenn er nicht zu geisteswissenschaftlicher Forschung greift, wenn er nicht versucht, mit anderen Sinnen als mit denen, an die der Intellekt gebunden ist, das Dasein zu verstehen. Nun, wenn man dies ins Auge faßt, was ich eben sagte, wird man wohl einsehen, wie eng umrissen der Horizont des Gegenwartsmenschen sein muß, wenn er nicht zu anderen Stufen des Forschens, zu anderen Stufen des Erkennens seine Zuflucht nehmen will für diejenigen Dinge, zu denen die gewöhnliche Intellektualität, die heute eigentlich das Tonangebende ist, nicht hinreicht, um diese Dinge zu erkennen. Wir wissen, man kann aufsteigen zur imaginativen, zur inspirierten, zur intuitiven Erkenntnis. Diese Erkenntnisarten führen dann in andere Wegstrecken hinein; sie erst können dasjenige ergänzen, was nur wie eine Insel des Daseins überschaut werden kann, wenn man sich auf die Gegenwartsseelenverfassung verläßt.
[ 25 ] Dasjenige, was die Gegenwartsseelenverfassung umfaßt, ist eigentlich an das menschliche Ich gebunden; das können Sie ja nachlesen in meiner «Theosophie», «Geheimwissenschaft im Umriß» und so weiter. Aber der Mensch trägt in sich auch andere Glieder seiner Wesenheit, wir wissen: den astralischen Leib, den ätherischen Leib, den physischen Leib. Aber seine gewöhnliche heutige Seelenverfassung reicht nicht hinab in den astralischen Leib, nicht in den ätherischen Leib, nicht in den physischen Leib. Denn das, was der Anatom von außen erkennt, das ist ja die Außenseite. Das innere Erkennen reicht nicht über das Ich hinaus, geschweige denn etwa über den physischen Leib. Man muß dazu kommen, den Menschen von innen aus verständnisvoll zu verfolgen, und schon jene Lebenserkenntnis, von der ich im Anfang der heutigen Betrachtungen gesprochen habe, ist ein Anfang dieser Innenerkenntnis, schon das, was man in der zweiten Lebenshälfte begreifen kann, ist ein Anfang, wenn auch ein schwacher Anfang; zum besseren Anfang muß man eben zur Geisteswissenschaft aufsteigen. Wenn man den Menschen innerlich ergreift, so steigt man vom bloßen Intellekt zum Wollen hinunter. Gestern habe ich erwähnt: Das Subjekt des Wollens, der eigentlich Wollende in uns, er bewahrt das kosmische Gedächtnis auf. Man muß also in den Menschen hinuntersteigen. Dasjenige, was der Mensch, wenn er den Willen dazu hätte, bei Entwickelung von normaler Lebensweisheit in der zweiten Lebenshälfte entwickeln könnte, wäre ein Anfang zu diesem Hinuntersteigen. Es würde allerdings nicht über viel, aber es würde über dasjenige aufklären, was der Mensch zum Leben braucht. Steigt er aber dann hinunter mit der entwickelten höheren Erkenntnis, dann eröffnet sich ihm durch das Hineinsteigen in sein eigenes Wesen das Gedächtnis des Kosmos. Dann kommt allerdings etwas anderes heraus als die Kant-Laplacesche Theorie, zum Beispiel nämlich, was wir gerade in unserer Physis an uns tragen. Sie wissen, es ist seiner Anlage nach unser Ältestes, geht bis in die vierte zurückliegende Erdeninkarnation zurück. Steigt man da hinunter, so lernt man erkennen, wie diese vierte zurückliegende Erdeninkarnation der Saturnzeit war. Aber man kann lernen aus der gewöhnlichen Lebensweisheit, die sich in der zweiten Lebenshälfte eröffnet, was man zu tun hat, um tiefer und tiefer noch in das Wesen des Menschen hineinzusteigen, der ein Abbild ist der Welt, und dadurch, daß er dieses Abbild, sich selbst, etkennen lernt, die Welt erkennen lernt.
[ 25 ] Dasjenige, was die Gegenwartsseelenverfassung umfaßt, ist eigentlich an das menschliche Ich gebunden; das können Sie ja nachlesen in meiner «Theosophie», «Geheimwissenschaft im Umriß» und so weiter. Aber der Mensch trägt in sich auch andere Glieder seiner Wesenheit, wir wissen: den astralischen Leib, den ätherischen Leib, den physischen Leib. Aber seine gewöhnliche heutige Seelenverfassung reicht nicht hinab in den astralischen Leib, nicht in den ätherischen Leib, nicht in den physischen Leib. Denn das, was der Anatom von außen erkennt, das ist ja die Außenseite. Das innere Erkennen reicht nicht über das Ich hinaus, geschweige denn etwa über den physischen Leib. Man muß dazu kommen, den Menschen von innen aus verständnisvoll zu verfolgen, und schon jene Lebenserkenntnis, von der ich im Anfang der heutigen Betrachtungen gesprochen habe, ist ein Anfang dieser Innenerkenntnis, schon das, was man in der zweiten Lebenshälfte begreifen kann, ist ein Anfang, wenn auch ein schwacher Anfang; zum besseren Anfang muß man eben zur Geisteswissenschaft aufsteigen. Wenn man den Menschen innerlich ergreift, so steigt man vom bloßen Intellekt zum Wollen hinunter. Gestern habe ich erwähnt: Das Subjekt des Wollens, der eigentlich Wollende in uns, er bewahrt das kosmische Gedächtnis auf. Man muß also in den Menschen hinuntersteigen. Dasjenige, was der Mensch, wenn er den Willen dazu hätte, bei Entwickelung von normaler Lebensweisheit in der zweiten Lebenshälfte entwickeln könnte, wäre ein Anfang zu diesem Hinuntersteigen. Es würde allerdings nicht über viel, aber es würde über dasjenige aufklären, was der Mensch zum Leben braucht. Steigt er aber dann hinunter mit der entwickelten höheren Erkenntnis, dann eröffnet sich ihm durch das Hineinsteigen in sein eigenes Wesen das Gedächtnis des Kosmos. Dann kommt allerdings etwas anderes heraus als die Kant-Laplacesche Theorie, zum Beispiel nämlich, was wir gerade in unserer Physis an uns tragen. Sie wissen, es ist seiner Anlage nach unser Ältestes, geht bis in die vierte zurückliegende Erdeninkarnation zurück. Steigt man da hinunter, so lernt man erkennen, wie diese vierte zurückliegende Erdeninkarnation der Saturnzeit war. Aber man kann lernen aus der gewöhnlichen Lebensweisheit, die sich in der zweiten Lebenshälfte eröffnet, was man zu tun hat, um tiefer und tiefer noch in das Wesen des Menschen hineinzusteigen, der ein Abbild ist der Welt, und dadurch, daß er dieses Abbild, sich selbst, etkennen lernt, die Welt erkennen lernt.
[ 26 ] Unterbewußte oder unbewußte Wünsche sind es zumeist, die den Menschen beherrschen, wenn er leichten Herzens oder in voller Bequemlichkeit so etwas ausdenkt, wovon er sich eigentlich sagen müßte, daß es seinem Ausdenken nicht zugänglich ist, wie etwa die KantLaplacesche Theorie oder ähnliches. Und damit berühren wir wiederum — wir müssen uns, ich möchte sagen, in Kreisen unseren Aufgaben nähern — dasjenige, was den Menschen der Gegenwart hindert, die Brücke zu bauen zwischen der Idealität und der Realität, was uns ja jetzt sehr beschäftigt.
[ 26 ] Unterbewußte oder unbewußte Wünsche sind es zumeist, die den Menschen beherrschen, wenn er leichten Herzens oder in voller Bequemlichkeit so etwas ausdenkt, wovon er sich eigentlich sagen müßte, daß es seinem Ausdenken nicht zugänglich ist, wie etwa die KantLaplacesche Theorie oder ähnliches. Und damit berühren wir wiederum — wir müssen uns, ich möchte sagen, in Kreisen unseren Aufgaben nähern — dasjenige, was den Menschen der Gegenwart hindert, die Brücke zu bauen zwischen der Idealität und der Realität, was uns ja jetzt sehr beschäftigt.
[ 27 ] Über diese Dinge hinwegzukommen, waren die nach Weltanschauung suchenden Menschen der verschiedensten Zeiten bemüht. Aber es ist schwierig, über diese Dinge vollständig zur Klarheit zu kommen, eben deswegen, weil es unbequem ist, weil man sich nicht gerne den wirklichen Tatsachen nähert. In unserer Zeit ist es ja üblich geworden, ich möchte sagen, überall die Hälfte der Sache anzuerkennen, die andere Hälfte nicht. Dafür ein geradezu klassisches Beispiel: Karl Marx sagt einmal, die Philosophen hätten sich bisher nur bemüht, mit ihren Begriffen die Welt zu interpretieren; es käme aber darauf an, die Welt zu verändern, man müsse wirklich Gedanken finden, durch welche die Welt verändert wird. — Das erste ist absolut richtig. Die Philosophen haben sich bemüht, insoferne sie Philosophen sind, die Welt zu interpretieren, und wenn sie ein bißchen gescheit waren, so haben sie gar nicht geglaubt, daß sie etwas anderes können, als die Welt interpretieren. Nur just das Urbild alles philosophischen Philisteriums, der Wilhelm Traugott Krug, der von 1809 bis 1834 in Leipzig gewirkt hat und von der Fundamentalphilosophie an bis zu den höchsten Stufen der Philosophie eine Menge Bücher geschrieben hat, hat von den Hegel-Philosophen verlangt, sie sollen nicht nur Begriffe, sondern auch einmal die Entwickelung der Schreibfeder deduzieren — worüber Hegel sehr fuchtig geworden ist. Aber auch auf diesem Gebiete ist die Resignation notwendig, die da sagt: Gewiß, wir Menschen sind berufen, als ganze Menschen die Welt zu verändern, insoferne die Welt aus Menschenleben besteht. Aber dasjenige Denken, was das Denken der Gegenwart ist, ist eben nicht befähigt, diese Veränderung hervorzurufen. Da muß man die Resignation haben, sich zu sagen: Dieses Denken, das der Mensch der Gegenwart hat, das so glorios ausreicht, das wirklich ganz geeignet ist, die Natur zu verstehen, dieses Denken ist völlig ungeeignet, da etwas zu erreichen, wo es sich darum handelt, daß wirken soll das Wollen.
[ 27 ] Über diese Dinge hinwegzukommen, waren die nach Weltanschauung suchenden Menschen der verschiedensten Zeiten bemüht. Aber es ist schwierig, über diese Dinge vollständig zur Klarheit zu kommen, eben deswegen, weil es unbequem ist, weil man sich nicht gerne den wirklichen Tatsachen nähert. In unserer Zeit ist es ja üblich geworden, ich möchte sagen, überall die Hälfte der Sache anzuerkennen, die andere Hälfte nicht. Dafür ein geradezu klassisches Beispiel: Karl Marx sagt einmal, die Philosophen hätten sich bisher nur bemüht, mit ihren Begriffen die Welt zu interpretieren; es käme aber darauf an, die Welt zu verändern, man müsse wirklich Gedanken finden, durch welche die Welt verändert wird. — Das erste ist absolut richtig. Die Philosophen haben sich bemüht, insoferne sie Philosophen sind, die Welt zu interpretieren, und wenn sie ein bißchen gescheit waren, so haben sie gar nicht geglaubt, daß sie etwas anderes können, als die Welt interpretieren. Nur just das Urbild alles philosophischen Philisteriums, der Wilhelm Traugott Krug, der von 1809 bis 1834 in Leipzig gewirkt hat und von der Fundamentalphilosophie an bis zu den höchsten Stufen der Philosophie eine Menge Bücher geschrieben hat, hat von den Hegel-Philosophen verlangt, sie sollen nicht nur Begriffe, sondern auch einmal die Entwickelung der Schreibfeder deduzieren — worüber Hegel sehr fuchtig geworden ist. Aber auch auf diesem Gebiete ist die Resignation notwendig, die da sagt: Gewiß, wir Menschen sind berufen, als ganze Menschen die Welt zu verändern, insoferne die Welt aus Menschenleben besteht. Aber dasjenige Denken, was das Denken der Gegenwart ist, ist eben nicht befähigt, diese Veränderung hervorzurufen. Da muß man die Resignation haben, sich zu sagen: Dieses Denken, das der Mensch der Gegenwart hat, das so glorios ausreicht, das wirklich ganz geeignet ist, die Natur zu verstehen, dieses Denken ist völlig ungeeignet, da etwas zu erreichen, wo es sich darum handelt, daß wirken soll das Wollen.
[ 28 ] Das ist aber eine unbequeme Wahrheit. Denn wenn man das durchschaut, sagt man nicht mehr: Die Philosophen haben sich bisher bemüht, die Welt zu interpretieren, es kommt aber darauf an, die Welt zu verändern — und hat den geheimen Glauben, daß man durch irgendeine Dialektik etwas dazu beitragen könne; sondern man sagt sich: Die Philosophen haben eben deshalb, weil die Philosophen die Dinge anführen können, nur zum Interpretieren ausgereicht. Bei der Natur genügt es, wenn wir sie bloß interpretieren, denn die Natur ist man möchte sagen: Gott sei Dank — ohne uns da, und wir können uns damit begnügen, sie zu interpretieren. Das soziale, das politische Leben, das ist nicht so ohne uns da, und da können wir uns nicht begnügen, es bloß aufzufassen mit solchen Begriffen, die nur geeignet sind, das Leben zu interpretieren und es nicht zu gestalten. Da ist es schon notwendig, daß man von dem bloßen Theoretisieren, das ja zumeist in Halluzinationen besteht, wie ich gestern ausgeführt habe, und das so richtig das Steckenpferd der Gegenwart ist, aufsteigt zum Leben der Wirklichkeit. Und das Leben der Wirklichkeit in den Tatsachen fordert, daß man nicht so geradlinig es nehme, dieses Leben, wie man gewohnt ist, es zu nehmen. Gewiß, Vorstellungen, die ein Mensch dem andern übermittelt, führen zu etwas; aber sie führen nicht immer zu dem gleichen. Absolute Wahrheiten gibt es ebensowenig wie absolute Tatsachen, und absolute Tatsachen ebensowenig wie absolute Wahrheiten, Alles ist relativ. Und wie eine Sache, die ich ausspreche, wirkt, darüber entscheidet nicht bloß, ob ich die Sache für wahr halte oder nicht, sondern darüber entscheidet, wie die Menschen in einem bestimmten Zeitalter sind, wie sie darauf, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, reagieren. Ich will Ihnen einen bedeutsamen Fall anführen, der sehr wichtig zu beachten ist.
[ 28 ] Das ist aber eine unbequeme Wahrheit. Denn wenn man das durchschaut, sagt man nicht mehr: Die Philosophen haben sich bisher bemüht, die Welt zu interpretieren, es kommt aber darauf an, die Welt zu verändern — und hat den geheimen Glauben, daß man durch irgendeine Dialektik etwas dazu beitragen könne; sondern man sagt sich: Die Philosophen haben eben deshalb, weil die Philosophen die Dinge anführen können, nur zum Interpretieren ausgereicht. Bei der Natur genügt es, wenn wir sie bloß interpretieren, denn die Natur ist man möchte sagen: Gott sei Dank — ohne uns da, und wir können uns damit begnügen, sie zu interpretieren. Das soziale, das politische Leben, das ist nicht so ohne uns da, und da können wir uns nicht begnügen, es bloß aufzufassen mit solchen Begriffen, die nur geeignet sind, das Leben zu interpretieren und es nicht zu gestalten. Da ist es schon notwendig, daß man von dem bloßen Theoretisieren, das ja zumeist in Halluzinationen besteht, wie ich gestern ausgeführt habe, und das so richtig das Steckenpferd der Gegenwart ist, aufsteigt zum Leben der Wirklichkeit. Und das Leben der Wirklichkeit in den Tatsachen fordert, daß man nicht so geradlinig es nehme, dieses Leben, wie man gewohnt ist, es zu nehmen. Gewiß, Vorstellungen, die ein Mensch dem andern übermittelt, führen zu etwas; aber sie führen nicht immer zu dem gleichen. Absolute Wahrheiten gibt es ebensowenig wie absolute Tatsachen, und absolute Tatsachen ebensowenig wie absolute Wahrheiten, Alles ist relativ. Und wie eine Sache, die ich ausspreche, wirkt, darüber entscheidet nicht bloß, ob ich die Sache für wahr halte oder nicht, sondern darüber entscheidet, wie die Menschen in einem bestimmten Zeitalter sind, wie sie darauf, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, reagieren. Ich will Ihnen einen bedeutsamen Fall anführen, der sehr wichtig zu beachten ist.
[ 29 ] Wenn man ungefähr vor das 14. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung zurückgeht, so konnte man vor jenem Jahrhundert den Leuten Mystik vortragen. Dazumal hatten mystische Begriffe noch die Stoßkraft, daß sie auf Leute erzieherisch, impulsierend wirkten. Die orientalische Bevölkerung Asiens, die indische, japanische, chinesische, die hat diese Eigenschaften noch vielfach aufbewahrt, weil ältere Eigenschaften von gewissen Gliedern der Menschheit in späteren Zeiten bewahrt werden. Man kann in der Gegenwart noch manches studieren, was bei den europäischen Bevölkerungen in früheren Zeiten auch der Fall war; aber die ganze Seelenverfassung der Menschheit hat sich geändert. Und wer heute zum Beispiel Mystik tradiert, Mystik vorträgt, der muß sich darüber klar sein, daß immer mehr und mehr das Zeitalter heranrückt, wo man, indem man Mystik, richtige Mystik — Meister Eckhartsche, Taulersche Mystik und dergleichen — den Leuten übermittelt, man durch die Art, wie sie darauf reagieren, dasjenige ihnen beibringt, was Luzifer aus dem Menschen nur so herauslockt, was sie zu Zank und Streit bringt. Und es kann durchaus sein, daß man durch nichts besser irgendeine Sekte präparieren kann für Zank und Streit, für Uneinigkeit, für gegenseitiges Geschimpfe, als wenn man ihr mystisch fromme Reden hält. Nun, geradlinig verstanden, scheint das geradezu eine Unmöglichkeit; aber es ist eine Tatsachenwahrheit. Es ist eine Tatsachenwahrheit, denn es kommt nicht allein auf den Inhalt dessen an, was man sagt, sondern auf die Art und Weise, wie der Mensch reagiert auf die Dinge. Und man muß die Welt kennen. Und man muß vor allen Dingen nicht nach seinen Wünschen seine Anschauungen einrichten.
[ 29 ] Wenn man ungefähr vor das 14. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung zurückgeht, so konnte man vor jenem Jahrhundert den Leuten Mystik vortragen. Dazumal hatten mystische Begriffe noch die Stoßkraft, daß sie auf Leute erzieherisch, impulsierend wirkten. Die orientalische Bevölkerung Asiens, die indische, japanische, chinesische, die hat diese Eigenschaften noch vielfach aufbewahrt, weil ältere Eigenschaften von gewissen Gliedern der Menschheit in späteren Zeiten bewahrt werden. Man kann in der Gegenwart noch manches studieren, was bei den europäischen Bevölkerungen in früheren Zeiten auch der Fall war; aber die ganze Seelenverfassung der Menschheit hat sich geändert. Und wer heute zum Beispiel Mystik tradiert, Mystik vorträgt, der muß sich darüber klar sein, daß immer mehr und mehr das Zeitalter heranrückt, wo man, indem man Mystik, richtige Mystik — Meister Eckhartsche, Taulersche Mystik und dergleichen — den Leuten übermittelt, man durch die Art, wie sie darauf reagieren, dasjenige ihnen beibringt, was Luzifer aus dem Menschen nur so herauslockt, was sie zu Zank und Streit bringt. Und es kann durchaus sein, daß man durch nichts besser irgendeine Sekte präparieren kann für Zank und Streit, für Uneinigkeit, für gegenseitiges Geschimpfe, als wenn man ihr mystisch fromme Reden hält. Nun, geradlinig verstanden, scheint das geradezu eine Unmöglichkeit; aber es ist eine Tatsachenwahrheit. Es ist eine Tatsachenwahrheit, denn es kommt nicht allein auf den Inhalt dessen an, was man sagt, sondern auf die Art und Weise, wie der Mensch reagiert auf die Dinge. Und man muß die Welt kennen. Und man muß vor allen Dingen nicht nach seinen Wünschen seine Anschauungen einrichten.
[ 30 ] Ich kann da immer wieder an jenes Gespräch erinnern, das ich einmal in einer süddeutschen Stadt hatte mit zwei katholischen Priestern, die in meinem Vortrage waren, welchen ich dazumal über Bibel und Weisheit gehalten habe. Die zwei katholischen Priester konnten eigentlich nichts Rechtes einwenden. Der Vortrag enthielt gerade Dinge, wo sie nichts Rechtes haben einwenden können. Nun können aber Priester, auch wenn sie nichts einwenden können, so etwas natürlich nicht gelten lassen; sie müssen also etwas einwenden. Da sagten sie: Ja, dem Inhalte nach könnten wir ja das, was Sie gesagt haben, ungefähr auch sagen. Aber das, was wir sagen, sagen wir so, daß es jeder Mensch verstehen kann; Sie sagen es doch nur für eine gewisse Anzahl von Menschen, die eine gewisse Bildung haben, und dasjenige, was man vorbringt für die Menschen, das muß für alle verständlich sein. — Darauf sagte ich ihnen: Ja, sehen Sie, wovon Sie glauben, daß es allen Menschen verständlich ist, und was ich darüber glaube, darauf kommt es nicht an. Auf unsere theoretischen Anschauungen über dieses, was die Menschen verstehen, kommt es nicht an, sondern auf das Studium der Wirklichkeit kommt es an. Und da können Sie ja selber leicht eine Wirklichkeitsprobe machen. Ich frage Sie: Wenn Sie nun diese Methoden anwenden und heute in Ihrer Kirche das vorbringen in der Art, wie Sie glauben, daß es allen Menschen verständlich ist — gehen alle Menschen zu Ihnen in die Kirche, oder bleiben heute nicht schon manche draußen? Daß manche draußen bleiben, das ist viel wichtiger, als daß Sie glauben, Sie reden für alle Menschen. Denn das ist die Wirklichkeit, daß da schon einzelne draußen bleiben. Daß Sie glauben, Sie reden für alle Menschen, das ist Ihr Glaube. Und für diejenigen, die nicht mehr zu Ihnen in die Kirche gehen, für die rede ich, weil ich die Meinung habe, daß man sich der Wirklichkeit zu fügen hat, und daß man zu denen auch reden kann, die nicht mehr in die Kirche gehen, und die doch den Weg in die geistigen Welten zu suchen berechtigt sind. — Da ist an einem trivialen Beispiel der Unterschied beleuchtet, wie man wirklichkeitsgemäß denkt, sich seine Ansichten von der Wirklichkeit diktieren läßt, und wie die meisten Menschen das, was sie eben gerade sich ausspintisieren und ausdenken und auswünschen, zu wissen glauben und dann darauf schwören. Der Wirklichkeitsforscher ist sogar jederzeit bereit, irgend etwas, was er für richtig hält, wieder abzulegen, und wenn die Tatsachen ihn belehren, zu einer andern Gedankenrichtung zu kommen, weil die Wirklichkeit nicht so geradlinig ist, wie die Menschen sie wünschen.
[ 30 ] Ich kann da immer wieder an jenes Gespräch erinnern, das ich einmal in einer süddeutschen Stadt hatte mit zwei katholischen Priestern, die in meinem Vortrage waren, welchen ich dazumal über Bibel und Weisheit gehalten habe. Die zwei katholischen Priester konnten eigentlich nichts Rechtes einwenden. Der Vortrag enthielt gerade Dinge, wo sie nichts Rechtes haben einwenden können. Nun können aber Priester, auch wenn sie nichts einwenden können, so etwas natürlich nicht gelten lassen; sie müssen also etwas einwenden. Da sagten sie: Ja, dem Inhalte nach könnten wir ja das, was Sie gesagt haben, ungefähr auch sagen. Aber das, was wir sagen, sagen wir so, daß es jeder Mensch verstehen kann; Sie sagen es doch nur für eine gewisse Anzahl von Menschen, die eine gewisse Bildung haben, und dasjenige, was man vorbringt für die Menschen, das muß für alle verständlich sein. — Darauf sagte ich ihnen: Ja, sehen Sie, wovon Sie glauben, daß es allen Menschen verständlich ist, und was ich darüber glaube, darauf kommt es nicht an. Auf unsere theoretischen Anschauungen über dieses, was die Menschen verstehen, kommt es nicht an, sondern auf das Studium der Wirklichkeit kommt es an. Und da können Sie ja selber leicht eine Wirklichkeitsprobe machen. Ich frage Sie: Wenn Sie nun diese Methoden anwenden und heute in Ihrer Kirche das vorbringen in der Art, wie Sie glauben, daß es allen Menschen verständlich ist — gehen alle Menschen zu Ihnen in die Kirche, oder bleiben heute nicht schon manche draußen? Daß manche draußen bleiben, das ist viel wichtiger, als daß Sie glauben, Sie reden für alle Menschen. Denn das ist die Wirklichkeit, daß da schon einzelne draußen bleiben. Daß Sie glauben, Sie reden für alle Menschen, das ist Ihr Glaube. Und für diejenigen, die nicht mehr zu Ihnen in die Kirche gehen, für die rede ich, weil ich die Meinung habe, daß man sich der Wirklichkeit zu fügen hat, und daß man zu denen auch reden kann, die nicht mehr in die Kirche gehen, und die doch den Weg in die geistigen Welten zu suchen berechtigt sind. — Da ist an einem trivialen Beispiel der Unterschied beleuchtet, wie man wirklichkeitsgemäß denkt, sich seine Ansichten von der Wirklichkeit diktieren läßt, und wie die meisten Menschen das, was sie eben gerade sich ausspintisieren und ausdenken und auswünschen, zu wissen glauben und dann darauf schwören. Der Wirklichkeitsforscher ist sogar jederzeit bereit, irgend etwas, was er für richtig hält, wieder abzulegen, und wenn die Tatsachen ihn belehren, zu einer andern Gedankenrichtung zu kommen, weil die Wirklichkeit nicht so geradlinig ist, wie die Menschen sie wünschen.
[ 31 ] Und so kann es also durchaus sein und wird immer mehr und mehr der Fall sein — das ist die Tendenz der Entwickelung der menschlichen Natur —, daß man, während man die frömmste Mystik, die innigste Mystik einer Sekte beibringen will, die Menschen dieser Sekte immer zänkischer und zänkischer werden. Aber ebensowenig geht es, einseitig naturwissenschaftliche Anschauungen den Menschen beizubringen. Um naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, braucht man viel Scharfsinn, und Sie wissen: Ich bin durchaus nicht geneigt, irgendwie jemandem nachzustehen in der vollen Anerkennung der naturwissenschaftlichen Wahrheiten. Aber die Tatsache besteht auch: Wenn man der Welt nur naturwissenschaftliche Wahrheiten oder naturwissenschaftlich geartete Wahrheiten beibringen würde, so würde dieser Scharfsinn, der dazu aufgewendet wird, naturwissenschaftliche Wahrheiten zu finden, wesentlich dazu beitragen, die Menschen zur Unfreiheit zu verdammen. So wie einseitige Mystik immer mehr und mehr in Zank und Streit führen würde, würde einseitige Naturwissenschaft im Sinne der heutigen Zeit die Menschen zur innerlichen Unfreiheit, zur innerlichen Gebundenheit bringen. Sie sehen also, es ist vollständig erwogen, wenn die Geisteswissenschaft sich bemüht, weder einseitig mystisch zu sein, noch einseitig naturwissenschaftlich zu sein, sondern ohne Unterschätzung oder Überschätzung des einzelnen einem jeden gerecht wird, aber von der Dualität zur Trinität vorschreitet. Nicht das Entweder-Oder, sondern das Sowohlals-Auch, Beleuchtung des einen durch das andere, das ist dasjenige, wozu die Geisteswissenschaft von selber führt. Es ist zum Beispiel auch immer vom Übel, wenn ein rein naturwissenschaftlich gesinnter Mensch über die Mystik schimpft; denn das, was er sagt, wird in der Regel dummes Zeug sein. Aber es ist ebenso in der Regel dummes Zeug, wenn ein rein mystischer Mensch, der nichts weiß von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, über die Naturwissenschaft schimpft. Über die Mystik schimpfen — wenn ich so variieren will —, sollte sich eigentlich nur ein Mystiker gestatten, und über Naturwissenschaft schimpfen da und dort, sollte sich nur einer gestatten, der Naturwissenschaft kennt. Dann werden seine Dinge schon so sein, wie er sagt, da sie richtig abgewogen werden. Aber immer wird es vom Übel sein, wenn über Naturwissenschaft abgesprochen wird von einem, der nichts davon versteht und der vielleicht glaubt, ein großer Mystiker zu sein, oder wenn ein Naturforscher von Mystik nichts versteht und über die Mystik aburteilt. Auf geisteswissenschaftlichem Boden ist oft und oft gesagt worden: Gewisse Wahrheiten müssen den Menschen paradox anmuten, weil sie so sehr dem Bequemlichkeitsstandpunkt des gewöhnlichen Lebens widersprechen.
[ 31 ] Und so kann es also durchaus sein und wird immer mehr und mehr der Fall sein — das ist die Tendenz der Entwickelung der menschlichen Natur —, daß man, während man die frömmste Mystik, die innigste Mystik einer Sekte beibringen will, die Menschen dieser Sekte immer zänkischer und zänkischer werden. Aber ebensowenig geht es, einseitig naturwissenschaftliche Anschauungen den Menschen beizubringen. Um naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, braucht man viel Scharfsinn, und Sie wissen: Ich bin durchaus nicht geneigt, irgendwie jemandem nachzustehen in der vollen Anerkennung der naturwissenschaftlichen Wahrheiten. Aber die Tatsache besteht auch: Wenn man der Welt nur naturwissenschaftliche Wahrheiten oder naturwissenschaftlich geartete Wahrheiten beibringen würde, so würde dieser Scharfsinn, der dazu aufgewendet wird, naturwissenschaftliche Wahrheiten zu finden, wesentlich dazu beitragen, die Menschen zur Unfreiheit zu verdammen. So wie einseitige Mystik immer mehr und mehr in Zank und Streit führen würde, würde einseitige Naturwissenschaft im Sinne der heutigen Zeit die Menschen zur innerlichen Unfreiheit, zur innerlichen Gebundenheit bringen. Sie sehen also, es ist vollständig erwogen, wenn die Geisteswissenschaft sich bemüht, weder einseitig mystisch zu sein, noch einseitig naturwissenschaftlich zu sein, sondern ohne Unterschätzung oder Überschätzung des einzelnen einem jeden gerecht wird, aber von der Dualität zur Trinität vorschreitet. Nicht das Entweder-Oder, sondern das Sowohlals-Auch, Beleuchtung des einen durch das andere, das ist dasjenige, wozu die Geisteswissenschaft von selber führt. Es ist zum Beispiel auch immer vom Übel, wenn ein rein naturwissenschaftlich gesinnter Mensch über die Mystik schimpft; denn das, was er sagt, wird in der Regel dummes Zeug sein. Aber es ist ebenso in der Regel dummes Zeug, wenn ein rein mystischer Mensch, der nichts weiß von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, über die Naturwissenschaft schimpft. Über die Mystik schimpfen — wenn ich so variieren will —, sollte sich eigentlich nur ein Mystiker gestatten, und über Naturwissenschaft schimpfen da und dort, sollte sich nur einer gestatten, der Naturwissenschaft kennt. Dann werden seine Dinge schon so sein, wie er sagt, da sie richtig abgewogen werden. Aber immer wird es vom Übel sein, wenn über Naturwissenschaft abgesprochen wird von einem, der nichts davon versteht und der vielleicht glaubt, ein großer Mystiker zu sein, oder wenn ein Naturforscher von Mystik nichts versteht und über die Mystik aburteilt. Auf geisteswissenschaftlichem Boden ist oft und oft gesagt worden: Gewisse Wahrheiten müssen den Menschen paradox anmuten, weil sie so sehr dem Bequemlichkeitsstandpunkt des gewöhnlichen Lebens widersprechen.
[ 32 ] Nun, ich habe Ihnen heute eine ganze Reihe von Dingen vorgeführt, die gewissermaßen unaufgelöst an Ihre Seele herangeschlagen haben. Ich habe Ihnen vorgeführt einiges von Lebenstatsachen, die eingestanden werden müssen, wenn man auch die Dinge anders haben möchte. Mancher, der sich heute für einen großen Menschen hält, der vieles vermag, hat keine Ahnung von diesen Lebenswahrheiten. Aber das ist gerade dasjenige, was den Katastrophen unserer Zeit zugrunde liegt, daß unsere Zeit so notwendig hat, dieses Leben kennenzulernen und dieses Leben nicht kennenlernen will.
[ 32 ] Nun, ich habe Ihnen heute eine ganze Reihe von Dingen vorgeführt, die gewissermaßen unaufgelöst an Ihre Seele herangeschlagen haben. Ich habe Ihnen vorgeführt einiges von Lebenstatsachen, die eingestanden werden müssen, wenn man auch die Dinge anders haben möchte. Mancher, der sich heute für einen großen Menschen hält, der vieles vermag, hat keine Ahnung von diesen Lebenswahrheiten. Aber das ist gerade dasjenige, was den Katastrophen unserer Zeit zugrunde liegt, daß unsere Zeit so notwendig hat, dieses Leben kennenzulernen und dieses Leben nicht kennenlernen will.
[ 33 ] Von einigem, was zur Auflösung manchen Widerspruches, der mit Recht heute an Ihre Seelen herangeschlagen hat, führen soll, wollen wir dann morgen reden.
[ 33 ] Von einigem, was zur Auflösung manchen Widerspruches, der mit Recht heute an Ihre Seelen herangeschlagen hat, führen soll, wollen wir dann morgen reden.
