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The Developmental-Historical Basis
of Social Judgment
GA 185a

9 November 1918, Dornach

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Entwicklungsgeschichtliche Unterlagen zur Bildung eines sozialen Urteils
  1. The Developmental-Historical Basis of Social Judgment, tr. SOL

Erster Vortrag

Erster Vortrag

[ 1 ] Es ist ganz plausibel, Ihnen wahrscheinlich auch, daß in diesem Augenblicke mancherlei bedeutungsvoll in die europäische Entwickelung Eingreifendes sich vorbereitet, daß gewissermaßen entscheidende Wendungen bevorstehen. Das mag rechtfertigen, wenn wir heute episodisch und zugleich — das muß ich betonen, es ist gegenüber der Entwickelung in der Zeit auch durchaus nicht anders möglich — aphoristisch einiges rückblickend besprechen von demjenigen, was zusammenhängt mit der Herbeiführung der gegenwärtigen katastrophalen Ereignisse. Wir werden ja gewiß versuchen, weil sich das so geziemt innerhalb unserer anthroposophischen Bewegung, das, was ich gewissermaßen wie eine Summe von aphoristisch vorgebrachten geschichtlichen Bemerkungen werde zu sagen haben, zu benützen, um daran dann vielleicht schon morgen weitergehende geisteswissenschaftliche, geisteswissenschaftlich-geschichtliche Betrachtungen anzuknüpfen. Allein es wird nicht vorauszusetzen sein, daß jedem von Ihnen die Unterlagen für weitere Ausblicke, soferne sie aus geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus zu gewinnen sind, die tatsächlichen, äußerlich-sinnenfälligen Unterlagen, zur Verfügung stehen, und daher möchte ich heute ganz anspruchslos einiges von diesen tatsächlichen Unterlagen vor Ihnen hier besprechen. Es ist ja auch notwendig, daß sich ein Gefühl dafür entwickelt, daß die Menschheit allmählich kein innerliches Recht haben werde, schläfrig hinwegzugehen über die Zeitgeschichte und geschehen zu lassen, was eben geschieht, sondern die andere Empfindung muß sich in unserem Zeitalter der Entwickelung der Bewußtseinsseele geltend machen, daß ein jeder das Auge offen haben soll und mit wachem Bewußtsein die Ereignisse, die da geschehen, vorurteilslos wenigstens verfolgen soll. Es ist ja natürlich, daß nicht jeder an einen Platz gestellt ist, von dem aus er ein dahingehendes Wissen irgendwie verwerten kann. Aber keiner von uns kann wissen, wann er vielleicht im kleineren oder im größeren Maßstabe aufgerufen wird, dies oder jenes mitzuberaten, mitzubeeinflussen, zu dem ereben dann ein offenes, vorurteilsloses Wissen über die Ereignisse braucht.

[ 1 ] Es ist ganz plausibel, Ihnen wahrscheinlich auch, daß in diesem Augenblicke mancherlei bedeutungsvoll in die europäische Entwickelung Eingreifendes sich vorbereitet, daß gewissermaßen entscheidende Wendungen bevorstehen. Das mag rechtfertigen, wenn wir heute episodisch und zugleich — das muß ich betonen, es ist gegenüber der Entwickelung in der Zeit auch durchaus nicht anders möglich — aphoristisch einiges rückblickend besprechen von demjenigen, was zusammenhängt mit der Herbeiführung der gegenwärtigen katastrophalen Ereignisse. Wir werden ja gewiß versuchen, weil sich das so geziemt innerhalb unserer anthroposophischen Bewegung, das, was ich gewissermaßen wie eine Summe von aphoristisch vorgebrachten geschichtlichen Bemerkungen werde zu sagen haben, zu benützen, um daran dann vielleicht schon morgen weitergehende geisteswissenschaftliche, geisteswissenschaftlich-geschichtliche Betrachtungen anzuknüpfen. Allein es wird nicht vorauszusetzen sein, daß jedem von Ihnen die Unterlagen für weitere Ausblicke, soferne sie aus geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus zu gewinnen sind, die tatsächlichen, äußerlich-sinnenfälligen Unterlagen, zur Verfügung stehen, und daher möchte ich heute ganz anspruchslos einiges von diesen tatsächlichen Unterlagen vor Ihnen hier besprechen. Es ist ja auch notwendig, daß sich ein Gefühl dafür entwickelt, daß die Menschheit allmählich kein innerliches Recht haben werde, schläfrig hinwegzugehen über die Zeitgeschichte und geschehen zu lassen, was eben geschieht, sondern die andere Empfindung muß sich in unserem Zeitalter der Entwickelung der Bewußtseinsseele geltend machen, daß ein jeder das Auge offen haben soll und mit wachem Bewußtsein die Ereignisse, die da geschehen, vorurteilslos wenigstens verfolgen soll. Es ist ja natürlich, daß nicht jeder an einen Platz gestellt ist, von dem aus er ein dahingehendes Wissen irgendwie verwerten kann. Aber keiner von uns kann wissen, wann er vielleicht im kleineren oder im größeren Maßstabe aufgerufen wird, dies oder jenes mitzuberaten, mitzubeeinflussen, zu dem ereben dann ein offenes, vorurteilsloses Wissen über die Ereignisse braucht.

[ 2 ] Nun wird ja allerdings vieles von dem, was gerade jüngste Ereignisse sind, in ihrem Zusammenhange mit der übrigen geschichtlichen Entwickelung, rasch veraltet sein; es wird manches von dem, was jüngste, bedeutungsvolle Ereignisse sind, für den weiteren Fortgang selbst der äußerlichen Menschheitsgeschichte der zivilisierten Welt in geringem Maße in Betracht kommen. Allein es wird in der Zukunft notwendig sein, daß man mit offenem Auge und wachem Bewußtsein sich dem gegenüberstellt, was geschieht. Daher wird es schon gut sein, um ein Gefühl, eine Empfindung zu bekommen, wie man sich so den Ereignissen gegenüberstellen soll, manches von den abgelaufenen Ereignissen zu verfolgen.

[ 2 ] Nun wird ja allerdings vieles von dem, was gerade jüngste Ereignisse sind, in ihrem Zusammenhange mit der übrigen geschichtlichen Entwickelung, rasch veraltet sein; es wird manches von dem, was jüngste, bedeutungsvolle Ereignisse sind, für den weiteren Fortgang selbst der äußerlichen Menschheitsgeschichte der zivilisierten Welt in geringem Maße in Betracht kommen. Allein es wird in der Zukunft notwendig sein, daß man mit offenem Auge und wachem Bewußtsein sich dem gegenüberstellt, was geschieht. Daher wird es schon gut sein, um ein Gefühl, eine Empfindung zu bekommen, wie man sich so den Ereignissen gegenüberstellen soll, manches von den abgelaufenen Ereignissen zu verfolgen.

[ 3 ] Einleitend nur möchte ich sagen: Ich habe im Laufe der Zeit, während welcher diese katastrophalen Ereignisse äußerlich sichtbar, deutlich sichtbar selbst für die Schläfrigen schon da sind in Form des sogenannten Krieges der letzten viereinhalb Jahre, ich habe manches Wort zu Ihnen gesprochen, da- oder dorthin gehend, dies oder jenes zu beleuchten. Und deswegen möchte ich eben einleitend bemerken, daß ich jetzt, wo entscheidende, wenn auch nicht etwa einen Abschluß herbeiführende — das würde ich durchaus nicht hervorrufen wollen, diesen Glauben, daß man etwa vor einem Abschluß stünde —, aber wo in gewissem Sinne für die Beurteilung der ganzen Sachlage entscheidende Tatsachen sich abspielen, jetzt in diesem Augenblicke möchte ich es ausdrücklich betonen, daß ich genau auf demselben Standpunkte stehe in bezug auf die Beleuchtung der Ereignisse, auf dem ich gestanden habe im Anfange des Hereinbrechens der sogenannten kriegerischen Katastrophe. Denn eine der bedeutsamsten Tatsachen, die die Menschheit im Laufe dieser letzten Jahre sich vor Augen führen konnte, ist diese, wie unendlich stark, wie unermeßlich stark es möglich war, das menschliche Urteil allseitig zu korrumpieren, dieses menschliche Urteil in falsche Bahnen zu führen, namentlich dadurch auch in falsche Bahnen zu führen, daß man stets von verschiedenen Seiten her bemüht war, die Beurteilungsmaximen, die Beurteilungsrichtungen aus falschen Ecken herauszuholen. Nicht wahr, es sind im Laufe dieser Jahre Urteile aus den verschiedensten Interessengebieten heraus gefällt worden. Jede sogenannte Nation hatte schließlich ihr Interessengebiet und urteilte mit mehr oder weniger, meistens mit weniger Wissen über die geschehenen Tatsachen. Und von maßgebenden Stellen, wenigstens von fragwürdig maßgebenden Stellen — aber man könnte sagen: wo waren denn andere in den letzten viereinhalb Jahren? — wurde diese falsche Richtung, in welcher diese Urteile sich bewegten, vielfach genährt und vielfach benützt, um das oder jenes zu erreichen.

[ 3 ] Einleitend nur möchte ich sagen: Ich habe im Laufe der Zeit, während welcher diese katastrophalen Ereignisse äußerlich sichtbar, deutlich sichtbar selbst für die Schläfrigen schon da sind in Form des sogenannten Krieges der letzten viereinhalb Jahre, ich habe manches Wort zu Ihnen gesprochen, da- oder dorthin gehend, dies oder jenes zu beleuchten. Und deswegen möchte ich eben einleitend bemerken, daß ich jetzt, wo entscheidende, wenn auch nicht etwa einen Abschluß herbeiführende — das würde ich durchaus nicht hervorrufen wollen, diesen Glauben, daß man etwa vor einem Abschluß stünde —, aber wo in gewissem Sinne für die Beurteilung der ganzen Sachlage entscheidende Tatsachen sich abspielen, jetzt in diesem Augenblicke möchte ich es ausdrücklich betonen, daß ich genau auf demselben Standpunkte stehe in bezug auf die Beleuchtung der Ereignisse, auf dem ich gestanden habe im Anfange des Hereinbrechens der sogenannten kriegerischen Katastrophe. Denn eine der bedeutsamsten Tatsachen, die die Menschheit im Laufe dieser letzten Jahre sich vor Augen führen konnte, ist diese, wie unendlich stark, wie unermeßlich stark es möglich war, das menschliche Urteil allseitig zu korrumpieren, dieses menschliche Urteil in falsche Bahnen zu führen, namentlich dadurch auch in falsche Bahnen zu führen, daß man stets von verschiedenen Seiten her bemüht war, die Beurteilungsmaximen, die Beurteilungsrichtungen aus falschen Ecken herauszuholen. Nicht wahr, es sind im Laufe dieser Jahre Urteile aus den verschiedensten Interessengebieten heraus gefällt worden. Jede sogenannte Nation hatte schließlich ihr Interessengebiet und urteilte mit mehr oder weniger, meistens mit weniger Wissen über die geschehenen Tatsachen. Und von maßgebenden Stellen, wenigstens von fragwürdig maßgebenden Stellen — aber man könnte sagen: wo waren denn andere in den letzten viereinhalb Jahren? — wurde diese falsche Richtung, in welcher diese Urteile sich bewegten, vielfach genährt und vielfach benützt, um das oder jenes zu erreichen.

[ 4 ] Vor allen Dingen hat ja immer von dem Ausbruche dieses sogenannten Krieges bis zum heutigen Tage von den verschiedensten Standpunkten aus, man könnte sagen, von den verschiedensten Interessen aus, die sogenannte Schuldfrage in diesen Ereignissen eine große Rolle gespielt. In dem, was die Menschen da oder dort geurteilt haben, hat diese sogenannte Schuldfrage eine bedeutende Rolle gespielt. Aber man kann nicht sagen, daß diese sogenannte Schuldfrage eine irgendwie günstige Rolle gespielt hat. Gerade diese Schuldfrage und die Art und Weise, wie diese Schuldfrage das öffentliche Urteil gelenkt hat, hat so ungeheuer korrumpierend auf das intellektuelle und moralische Urteilsvermögen der Menschen gewirkt. Und unendlich viel wird gutzumachen sein, und wird nur gutzumachen sein auf geisteswissenschaftlichem Wege, wenn die Korruption, die in bezug auf intellektuelle und moralische Urteilsverrenkung über die ganze zivilisierte Welt eingetreten ist, wiederum auch nur einigermaßen zurechtgerückt werden soll. Dabei kann man eines nicht unterlassen zu betonen. Unter den mancherlei Urteilen, die gefällt worden sind, sind ja solche, die in dem sogenannten guten Glauben, wenn auch nicht immer mit einem wirklichen Gewissen, mit einem wirklichen, der Verantwortung gegenüber dem Worte sich bewußten Gewissen, gefällt worden sind. Es sind solche, die in dem sogenannten guten Glauben gefällt worden sind auch auf Grundlage desjenigen, was man gerade gewußt hat, so daß auch keine Anklage erhoben werden soll gegenüber der einen oder der anderen Urteilsrichtung. Aber vor allen Dingen wird der Gang der Ereignisse selbst zunächst nicht entkorrumpierend auf das Urteil wirken. Der Gang der Ereignisse wird vielleicht eher die Urteile im ungünstigen Sinne beeinflussen können, und gerade einer anthroposophisch orientierten Geistesbewegung würde es angemessen sein, da manches einfach dadurch bei sich selber und bei anderen zu berichtigen, daß man das ganze Niveau des Urteiles, das ganze Niveau der Beurteilung wirklich herausrückt aus denjenigen Sphären, in denen die Urteile über die ganze Welt bisher gefällt worden sind und sie in ganz andere Beleuchtung rückt.

[ 4 ] Vor allen Dingen hat ja immer von dem Ausbruche dieses sogenannten Krieges bis zum heutigen Tage von den verschiedensten Standpunkten aus, man könnte sagen, von den verschiedensten Interessen aus, die sogenannte Schuldfrage in diesen Ereignissen eine große Rolle gespielt. In dem, was die Menschen da oder dort geurteilt haben, hat diese sogenannte Schuldfrage eine bedeutende Rolle gespielt. Aber man kann nicht sagen, daß diese sogenannte Schuldfrage eine irgendwie günstige Rolle gespielt hat. Gerade diese Schuldfrage und die Art und Weise, wie diese Schuldfrage das öffentliche Urteil gelenkt hat, hat so ungeheuer korrumpierend auf das intellektuelle und moralische Urteilsvermögen der Menschen gewirkt. Und unendlich viel wird gutzumachen sein, und wird nur gutzumachen sein auf geisteswissenschaftlichem Wege, wenn die Korruption, die in bezug auf intellektuelle und moralische Urteilsverrenkung über die ganze zivilisierte Welt eingetreten ist, wiederum auch nur einigermaßen zurechtgerückt werden soll. Dabei kann man eines nicht unterlassen zu betonen. Unter den mancherlei Urteilen, die gefällt worden sind, sind ja solche, die in dem sogenannten guten Glauben, wenn auch nicht immer mit einem wirklichen Gewissen, mit einem wirklichen, der Verantwortung gegenüber dem Worte sich bewußten Gewissen, gefällt worden sind. Es sind solche, die in dem sogenannten guten Glauben gefällt worden sind auch auf Grundlage desjenigen, was man gerade gewußt hat, so daß auch keine Anklage erhoben werden soll gegenüber der einen oder der anderen Urteilsrichtung. Aber vor allen Dingen wird der Gang der Ereignisse selbst zunächst nicht entkorrumpierend auf das Urteil wirken. Der Gang der Ereignisse wird vielleicht eher die Urteile im ungünstigen Sinne beeinflussen können, und gerade einer anthroposophisch orientierten Geistesbewegung würde es angemessen sein, da manches einfach dadurch bei sich selber und bei anderen zu berichtigen, daß man das ganze Niveau des Urteiles, das ganze Niveau der Beurteilung wirklich herausrückt aus denjenigen Sphären, in denen die Urteile über die ganze Welt bisher gefällt worden sind und sie in ganz andere Beleuchtung rückt.

[ 5 ] Da handelt es sich vor allen Dingen darum, daß ja ganz gewiß, durch den Gang der Ereignisse begünstigt, eine große Anzahl von Menschen jetzt denen recht geben wird, welche sagen können: Wir haben es ja immer gesagt, von seiten der europäischen Mittelmächte ist, ohne daß sie irgendwie provoziert waren, ein Krieg in Szene gesetzt worden. Den Mittelmächten muß man die Schuld beimessen. — Nun, das Urteil in diese Richtung lenken, hat gegenüber den wirklichen Tatsachen auch nicht den allergeringsten Sinn. Und wenn man von der unmittelbaren — ich rede jetzt von einer unmittelbaren — Schuldfrage ausgehen wollte, so würde man bei gerechter Beurteilung ganz gewiß nicht dazu kommen können, überhaupt die Frage von dem eben berührten Gesichtspunkte aus zu behandeln. Die Frage: Haben die Mittelmächte eine Schuld gehabt am Ausbruche dieses Krieges? — diese Frage hat eigentlich in Wirklichkeit gar keinen ernsthaften Sinn. Und wenn man sich dagegen wendet, so wendet man sich hauptsächlich deshalb dagegen, weil das Bringen des Urteils in diese Richtung doch keinen eigentlichen greifbaren Inhalt und Sinn hat.

[ 5 ] Da handelt es sich vor allen Dingen darum, daß ja ganz gewiß, durch den Gang der Ereignisse begünstigt, eine große Anzahl von Menschen jetzt denen recht geben wird, welche sagen können: Wir haben es ja immer gesagt, von seiten der europäischen Mittelmächte ist, ohne daß sie irgendwie provoziert waren, ein Krieg in Szene gesetzt worden. Den Mittelmächten muß man die Schuld beimessen. — Nun, das Urteil in diese Richtung lenken, hat gegenüber den wirklichen Tatsachen auch nicht den allergeringsten Sinn. Und wenn man von der unmittelbaren — ich rede jetzt von einer unmittelbaren — Schuldfrage ausgehen wollte, so würde man bei gerechter Beurteilung ganz gewiß nicht dazu kommen können, überhaupt die Frage von dem eben berührten Gesichtspunkte aus zu behandeln. Die Frage: Haben die Mittelmächte eine Schuld gehabt am Ausbruche dieses Krieges? — diese Frage hat eigentlich in Wirklichkeit gar keinen ernsthaften Sinn. Und wenn man sich dagegen wendet, so wendet man sich hauptsächlich deshalb dagegen, weil das Bringen des Urteils in diese Richtung doch keinen eigentlichen greifbaren Inhalt und Sinn hat.

[ 6 ] Am wenigsten hat es einen Sinn gegenüber den Tatsachen, die eben durchaus einmal an die Öffentlichkeit kommen müssen, etwa davon zu sprechen, daß man von seiten der Mittelmächte aus einen Präventivkrieg führen wollte, daß ein sogenannter Präventivkrieg geführt werden sollte. Diese Anschauung, die also etwa darinnen bestünde, daß man auf seiten der Mittelmächte gesagt hätte: Der Krieg muß ja doch einmal kommen, dann würde er unter ungünstigeren Verhältnissen für uns kommen, also beginnen wir ihn lieber früher, denn wir sind dann in einem gewissen Vorteil —, diese Anschauung hat gegenüber den Tatsachen auch nicht den allergeringsten Sinn. Davon kann überhaupt gar keine Rede sein, daß man zu einem Urteil über die Sachlage kommt, wenn man das Urteil in diese Richtung lenkt. Es handelt sich wirklich bei einer solchen Sache darum, daß man den Tatsachen ganz vorurteilsfrei ins Auge schaut. Und da muß man — und ich tue es heute aphoristisch — eben natürlich auf Einzelheiten hinweisen, auf solche Einzelheiten, die symptomatisch gravierend sind. Natürlich kann ich nicht bis zu Adam und Eva zurückgehen. Dazu ist man ja immer, wenn man eine geschichtliche Darstellung gibt, durch die man etwas zum Ausdruck bringen will, gewissermaßen verführt. Allein ich kann nicht bis zu Adam und Eva zurückgehen. Ich will zunächst nur weniges sagen und meine Betrachtungen über eine kurze Zeitspanne ausdehnen.

[ 6 ] Am wenigsten hat es einen Sinn gegenüber den Tatsachen, die eben durchaus einmal an die Öffentlichkeit kommen müssen, etwa davon zu sprechen, daß man von seiten der Mittelmächte aus einen Präventivkrieg führen wollte, daß ein sogenannter Präventivkrieg geführt werden sollte. Diese Anschauung, die also etwa darinnen bestünde, daß man auf seiten der Mittelmächte gesagt hätte: Der Krieg muß ja doch einmal kommen, dann würde er unter ungünstigeren Verhältnissen für uns kommen, also beginnen wir ihn lieber früher, denn wir sind dann in einem gewissen Vorteil —, diese Anschauung hat gegenüber den Tatsachen auch nicht den allergeringsten Sinn. Davon kann überhaupt gar keine Rede sein, daß man zu einem Urteil über die Sachlage kommt, wenn man das Urteil in diese Richtung lenkt. Es handelt sich wirklich bei einer solchen Sache darum, daß man den Tatsachen ganz vorurteilsfrei ins Auge schaut. Und da muß man — und ich tue es heute aphoristisch — eben natürlich auf Einzelheiten hinweisen, auf solche Einzelheiten, die symptomatisch gravierend sind. Natürlich kann ich nicht bis zu Adam und Eva zurückgehen. Dazu ist man ja immer, wenn man eine geschichtliche Darstellung gibt, durch die man etwas zum Ausdruck bringen will, gewissermaßen verführt. Allein ich kann nicht bis zu Adam und Eva zurückgehen. Ich will zunächst nur weniges sagen und meine Betrachtungen über eine kurze Zeitspanne ausdehnen.

[ 7 ] Da führt in eine Art Disposition unserer aphoristischen Betrachtungen das hinein, daß ja äußerlich der Ausgangspunkt, ich möchte sagen, der Grundstoß zu diesem sogenannten Kriege ausgegangen ist von dem in Österreich fabrizierten, nach Serbien geschickten Ultimatum. Man wird also vielleicht gut tun, an diesen Ausgangspunkt der sogenannten kriegerischen Ereignisse, die betrachtet werden, die geschichtlichen Symptome anzuknüpfen. Nun, gerade dieser Ausgangspunkt führt zurück bis in die siebziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts. Man kann dasjenige, was da zwischen dem gewesenen Österreich und Serbien sich abgespielt hat, nicht betrachten, ohne zurückzugehen bis zu der sogenannten Okkupation von Bosnien und der Herzegowina durch Österreich-Ungarn im Jahre 1878. Diese Okkupation von Bosnien und der Herzegowina durch Österreich-Ungarn im Jahre 1878, die bedeutet die Einleitung einer gewissen österreichischen Politik, welche eigentlich in ihrem weiteren Verlaufe dann zu dem, was man das österreichisch-serbische Ultimatum nennen kann, führt. Aus den Wirren, die in Europa entstanden waren durch den russisch-türkischen Krieg in den siebziger Jahren, war ja der sogenannte Berliner Kongreß hervorgegangen. Und dieser Berliner Kongreß hat neben anderen 'Taten, vorzugsweise auch unter dem Einflusse der damaligen englischen Politik, Osterreich das Mandat übertragen, Bosnien und die Herzegowina vorläufig zu okkupieren.

[ 7 ] Da führt in eine Art Disposition unserer aphoristischen Betrachtungen das hinein, daß ja äußerlich der Ausgangspunkt, ich möchte sagen, der Grundstoß zu diesem sogenannten Kriege ausgegangen ist von dem in Österreich fabrizierten, nach Serbien geschickten Ultimatum. Man wird also vielleicht gut tun, an diesen Ausgangspunkt der sogenannten kriegerischen Ereignisse, die betrachtet werden, die geschichtlichen Symptome anzuknüpfen. Nun, gerade dieser Ausgangspunkt führt zurück bis in die siebziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts. Man kann dasjenige, was da zwischen dem gewesenen Österreich und Serbien sich abgespielt hat, nicht betrachten, ohne zurückzugehen bis zu der sogenannten Okkupation von Bosnien und der Herzegowina durch Österreich-Ungarn im Jahre 1878. Diese Okkupation von Bosnien und der Herzegowina durch Österreich-Ungarn im Jahre 1878, die bedeutet die Einleitung einer gewissen österreichischen Politik, welche eigentlich in ihrem weiteren Verlaufe dann zu dem, was man das österreichisch-serbische Ultimatum nennen kann, führt. Aus den Wirren, die in Europa entstanden waren durch den russisch-türkischen Krieg in den siebziger Jahren, war ja der sogenannte Berliner Kongreß hervorgegangen. Und dieser Berliner Kongreß hat neben anderen 'Taten, vorzugsweise auch unter dem Einflusse der damaligen englischen Politik, Osterreich das Mandat übertragen, Bosnien und die Herzegowina vorläufig zu okkupieren.

[ 8 ] Im Grunde genommen hängt vieles, was sich auf dem Balkan abgespielt hat, zusammen mit dieser Okkupation von Bosnien und der Herzegowina durch Österreich-Ungarn. Man muß daher die Frage aufwerfen: Wie ist es denn eigentlich gekommen, daß Österreich veranlaßt werden konnte, Bosnien und die Herzegowina zu okkupieren? — Es hat das sogar schon etwas mit den Ursachen zum Ausbruch des russisch-türkischen Krieges zu tun. Nach Südosten hin grenzen balkanslawische Völker an Osterreich-Ungarn an. Aber Österreich-Ungarn selbst hat gegen Südosten hin slawische Bevölkerung. Es hat die Südslawen, es hat die Kroaten, es hat die Slawonier, die sich, namentlich die letzteren, die Kroaten und Slawonier, sehr verwandt fühlen mit den Serben. In Bosnien und in der Herzegowina, die ja bis in die siebziger Jahre in einem etwas zweifelhaften, aber doch in einem Untertänigkeitsverhältnis zur Türkei standen, da ist slawische und türkische Bevölkerung durcheinander gewesen. Da entstanden Unruhen, die zunächst so sich ausnahmen vor der europäischen Welt, daß sie Unruhen sein sollten, welche sich gegen die Herrschaft der Türken richteten. Natürlich, ich müßte jetzt viel ausführlicher sein, wenn ich mehr tun wollte als skizzieren, aber ich will Ihnen nur einiges skizzieren. Nun ist schon interessant, sich darüber zu unterrichten, wie denn dazumal eigentlich diese Unruhen, deren letzte Niederwerfung eben in der Okkupation von Bosnien und der Herzegowina durch Österreich bestehen sollte, zustande gekommen sind. Denn gerade die Art, wie diese Unruhen zustande gekommen sind, ist zeitgeschichtlich von außerordentlich großer Bedeutung.

[ 8 ] Im Grunde genommen hängt vieles, was sich auf dem Balkan abgespielt hat, zusammen mit dieser Okkupation von Bosnien und der Herzegowina durch Österreich-Ungarn. Man muß daher die Frage aufwerfen: Wie ist es denn eigentlich gekommen, daß Österreich veranlaßt werden konnte, Bosnien und die Herzegowina zu okkupieren? — Es hat das sogar schon etwas mit den Ursachen zum Ausbruch des russisch-türkischen Krieges zu tun. Nach Südosten hin grenzen balkanslawische Völker an Osterreich-Ungarn an. Aber Österreich-Ungarn selbst hat gegen Südosten hin slawische Bevölkerung. Es hat die Südslawen, es hat die Kroaten, es hat die Slawonier, die sich, namentlich die letzteren, die Kroaten und Slawonier, sehr verwandt fühlen mit den Serben. In Bosnien und in der Herzegowina, die ja bis in die siebziger Jahre in einem etwas zweifelhaften, aber doch in einem Untertänigkeitsverhältnis zur Türkei standen, da ist slawische und türkische Bevölkerung durcheinander gewesen. Da entstanden Unruhen, die zunächst so sich ausnahmen vor der europäischen Welt, daß sie Unruhen sein sollten, welche sich gegen die Herrschaft der Türken richteten. Natürlich, ich müßte jetzt viel ausführlicher sein, wenn ich mehr tun wollte als skizzieren, aber ich will Ihnen nur einiges skizzieren. Nun ist schon interessant, sich darüber zu unterrichten, wie denn dazumal eigentlich diese Unruhen, deren letzte Niederwerfung eben in der Okkupation von Bosnien und der Herzegowina durch Österreich bestehen sollte, zustande gekommen sind. Denn gerade die Art, wie diese Unruhen zustande gekommen sind, ist zeitgeschichtlich von außerordentlich großer Bedeutung.

[ 9 ] Hätte man dazumal die Herzegowsken und die Bewohner von Bosnien, die Bosniaken, für sich selbst ihrem Schicksal überlassen, es wären wahrscheinlich nicht gerade Unruhen ausgebrochen, die Europa besonders beunruhigt haben würden. Allein solche Dinge wurden ja unter dem alten Regime, das aber nicht etwa bloß das alte Regime an der Stelle ist, sondern das im Grunde das alte Regime über die ganze zivilisierte Welt war bis jetzt, solche Unruhen wurden unter dem alten Regime oftmals, man kann schon sagen, fabriziert. Gewiß, unter den Bosniaken und den Herzegowsken waren Beunruhigungen ausgebrochen; sie waren nicht zufrieden mit der türkischen Herrschaft. Aber das hätte, wenn man sie sich selbst überlassen hätte, eigentlich äußerlich Europa nicht in Aufruhr zu versetzen, in Unruhe zu führen gebraucht. Dasjenige, was aber geschehen ist, das geschah ganz gewiß auf Betreiben zahlreicher Versammlungen, die von Generalen und Untergeneralen der verschiedensten, namentlich auch slawischer Nationen, in Wien abgehalten worden waren. Denn diejenigen, die hauptsächlich an jenem Aufstande, der dem türkisch-russischen Kriege voranging in jenen fragwürdigen Provinzen, teilnahmen, das waren zumeist Leute aus dem benachbarten Österreich und Dalmatien, also Dalmatiner und dalmatinisch-österreichische Montenegriner, die nach Bosnien und der Herzegowina hingeschickt worden sind. Man hat die Dinge von Wien aus so gedreht, daß dalmatinische Bevölkerung, Beunruhigung hervorrufend, hinübergeschickt worden ist in das benachbarte Bosnien und die Herzegowina. Die nötige Munition und das Kriegsmaterial wurden auch durch die zahlreichen Pässe befördert. Die Regierung hat sich dazumal so benommen, daß sie, um vor Europa gerechtfertigt dazustehen, bei einem Paß Gendarmen aufgestellt hat, um irgendeinen Menschen, der mit ein bißchen Munition durch den Paß nach Bosnien hinüberkutschierte, abzufangen, zu der gleichen Zeit, zu der man Leute hinübergeschickt hat von Dalmatien und auch von Triest und durch andere Pässe mit Munition und Kriegsmaterial ruhig hat passieren lassen.

[ 9 ] Hätte man dazumal die Herzegowsken und die Bewohner von Bosnien, die Bosniaken, für sich selbst ihrem Schicksal überlassen, es wären wahrscheinlich nicht gerade Unruhen ausgebrochen, die Europa besonders beunruhigt haben würden. Allein solche Dinge wurden ja unter dem alten Regime, das aber nicht etwa bloß das alte Regime an der Stelle ist, sondern das im Grunde das alte Regime über die ganze zivilisierte Welt war bis jetzt, solche Unruhen wurden unter dem alten Regime oftmals, man kann schon sagen, fabriziert. Gewiß, unter den Bosniaken und den Herzegowsken waren Beunruhigungen ausgebrochen; sie waren nicht zufrieden mit der türkischen Herrschaft. Aber das hätte, wenn man sie sich selbst überlassen hätte, eigentlich äußerlich Europa nicht in Aufruhr zu versetzen, in Unruhe zu führen gebraucht. Dasjenige, was aber geschehen ist, das geschah ganz gewiß auf Betreiben zahlreicher Versammlungen, die von Generalen und Untergeneralen der verschiedensten, namentlich auch slawischer Nationen, in Wien abgehalten worden waren. Denn diejenigen, die hauptsächlich an jenem Aufstande, der dem türkisch-russischen Kriege voranging in jenen fragwürdigen Provinzen, teilnahmen, das waren zumeist Leute aus dem benachbarten Österreich und Dalmatien, also Dalmatiner und dalmatinisch-österreichische Montenegriner, die nach Bosnien und der Herzegowina hingeschickt worden sind. Man hat die Dinge von Wien aus so gedreht, daß dalmatinische Bevölkerung, Beunruhigung hervorrufend, hinübergeschickt worden ist in das benachbarte Bosnien und die Herzegowina. Die nötige Munition und das Kriegsmaterial wurden auch durch die zahlreichen Pässe befördert. Die Regierung hat sich dazumal so benommen, daß sie, um vor Europa gerechtfertigt dazustehen, bei einem Paß Gendarmen aufgestellt hat, um irgendeinen Menschen, der mit ein bißchen Munition durch den Paß nach Bosnien hinüberkutschierte, abzufangen, zu der gleichen Zeit, zu der man Leute hinübergeschickt hat von Dalmatien und auch von Triest und durch andere Pässe mit Munition und Kriegsmaterial ruhig hat passieren lassen.

[ 10 ] Dann sind die Unruhen inszeniert worden, und von Triest aus sind immer die entsprechenden Börsentelegramme nach Europa abgesendet worden über den Verlauf dieser furchtbaren Unruhen. Und als einmal die Journalisten der «Neuen Freien Presse» — Sie wissen ja, Journalisten wollen nicht nur große Persönlichkeiten, sondern auch Ereignisse interviewen — hinüberkamen, wurden ihnen die Ereignisse vorgeführt. Da wurden sie hingestellt an einen Platz, wo es möglich war, große aufständische Massen, so viel, als man doch nicht hingeschickt hatte, vorzuführen. Aber das hat man so eingerichtet, sehen Sie — ich zeichne im Grundriß (es wird gezeichnet) —: Da stehen die braven Journalisten, und da zogen die Insurgenten vorbei. Aber es waren die Einrichtungen so getroffen — wissen Sie, wie beim Theater: da gehen sie heraus und da wieder herein —, daß sie da dreimal vorbeigeführt wurden. So wurde ein solcher weltbewegender Aufstand inszeniert! Selbstverständlich — die Journalisten konnten ja auch die ungeheure Zahl angeben, die sie da gesehen haben —, was sollte das europäische Publikum, das ja nicht autoritäts-, aber zeitungsgläubig ist, was sollte das anderes tun als wissen, daß da ungeheure Insurgentenmengen sind und daß da irgend etwas geschehen müsse.

[ 10 ] Dann sind die Unruhen inszeniert worden, und von Triest aus sind immer die entsprechenden Börsentelegramme nach Europa abgesendet worden über den Verlauf dieser furchtbaren Unruhen. Und als einmal die Journalisten der «Neuen Freien Presse» — Sie wissen ja, Journalisten wollen nicht nur große Persönlichkeiten, sondern auch Ereignisse interviewen — hinüberkamen, wurden ihnen die Ereignisse vorgeführt. Da wurden sie hingestellt an einen Platz, wo es möglich war, große aufständische Massen, so viel, als man doch nicht hingeschickt hatte, vorzuführen. Aber das hat man so eingerichtet, sehen Sie — ich zeichne im Grundriß (es wird gezeichnet) —: Da stehen die braven Journalisten, und da zogen die Insurgenten vorbei. Aber es waren die Einrichtungen so getroffen — wissen Sie, wie beim Theater: da gehen sie heraus und da wieder herein —, daß sie da dreimal vorbeigeführt wurden. So wurde ein solcher weltbewegender Aufstand inszeniert! Selbstverständlich — die Journalisten konnten ja auch die ungeheure Zahl angeben, die sie da gesehen haben —, was sollte das europäische Publikum, das ja nicht autoritäts-, aber zeitungsgläubig ist, was sollte das anderes tun als wissen, daß da ungeheure Insurgentenmengen sind und daß da irgend etwas geschehen müsse.

[ 11 ] Nun, die Dinge führten dann zu der kriegerischen Verwickelung, führten zum Berliner Kongreß. Da erhielt dann Österreich-Ungarn eben das Mandat, in diesen Provinzen, in denen alles so unruhig ist, in denen man immer befürchten muß, daß Unruhen ausbrechen, da Ordnung zu machen. Und es wurde ihm nicht die Annexion — es war schon die Zeit, in der man sich zu radikalen Entschlüssen nicht aufraffen konnte —, es wurde ihm die Okkupation übertragen. Das ist so eine halbe oder viertel Sache. Es war damit etwas eingeleitet, was sich in gewisser Beziehung in Mitteleuropa mit einer gewissen Notwendigkeit ergab aus den vorangehenden Differenzen, die zwischen der mitteleuropäischen Bevölkerung, der norddeutschen Bevölkerung und Österreich, den süddeutschen Staaten 1866 ausgebrochen waren, was dahin geführt hatte, daß bei der Berliner Politik ein gewisser Zug entstand, Österreich als Habsburgerreich mehr nach dem Osten, nach der Slawenseite abzuschieben. Und Sie dürfen glauben, daß ein Mann wie ich, der mitten drinnengestanden hat, gerade als die entscheidenden Empfindungen bei den Deutschen Österreichs sich über diese Ereignisse entwickelten, daß der schon über diese Sache in unbefangener Weise zu reden weiß, jetzt nach so viel Jahren, ich kann fast sagen Jahrzehnten. Es handelte sich darum, daß als Begleiterscheinungen dieses Hinüberschiebens des Habsburgerreiches nach dem slawischen Osten genommen werden mußte das An-die-Wand-Drücken der Deutschen Österreichs. Das lag natürlich im Sinne und Stile der Berliner Politik wiederum aus dem Grunde, weil es ja nicht zwei Reiche in Mitteleuropa mit entschieden deutscher Färbung geben kann; daher sollte Österreich eine mehr slawische Färbung bekommen.

[ 11 ] Nun, die Dinge führten dann zu der kriegerischen Verwickelung, führten zum Berliner Kongreß. Da erhielt dann Österreich-Ungarn eben das Mandat, in diesen Provinzen, in denen alles so unruhig ist, in denen man immer befürchten muß, daß Unruhen ausbrechen, da Ordnung zu machen. Und es wurde ihm nicht die Annexion — es war schon die Zeit, in der man sich zu radikalen Entschlüssen nicht aufraffen konnte —, es wurde ihm die Okkupation übertragen. Das ist so eine halbe oder viertel Sache. Es war damit etwas eingeleitet, was sich in gewisser Beziehung in Mitteleuropa mit einer gewissen Notwendigkeit ergab aus den vorangehenden Differenzen, die zwischen der mitteleuropäischen Bevölkerung, der norddeutschen Bevölkerung und Österreich, den süddeutschen Staaten 1866 ausgebrochen waren, was dahin geführt hatte, daß bei der Berliner Politik ein gewisser Zug entstand, Österreich als Habsburgerreich mehr nach dem Osten, nach der Slawenseite abzuschieben. Und Sie dürfen glauben, daß ein Mann wie ich, der mitten drinnengestanden hat, gerade als die entscheidenden Empfindungen bei den Deutschen Österreichs sich über diese Ereignisse entwickelten, daß der schon über diese Sache in unbefangener Weise zu reden weiß, jetzt nach so viel Jahren, ich kann fast sagen Jahrzehnten. Es handelte sich darum, daß als Begleiterscheinungen dieses Hinüberschiebens des Habsburgerreiches nach dem slawischen Osten genommen werden mußte das An-die-Wand-Drücken der Deutschen Österreichs. Das lag natürlich im Sinne und Stile der Berliner Politik wiederum aus dem Grunde, weil es ja nicht zwei Reiche in Mitteleuropa mit entschieden deutscher Färbung geben kann; daher sollte Österreich eine mehr slawische Färbung bekommen.

[ 12 ] Dadurch aber waren gewisse Vorbedingungen gegeben, die eigentlich, wenn sie in gesunde Bahnen gelenkt worden wären, doch geeignet gewesen wären, außerordentlich geeignet gewesen wären, aus dieser sogenannten Donaumonarchie ein europäisches Gebilde mit einer großartigen Mission zu machen. Man könnte sich nichts Schöneres denken, als wenn in diese Tendenz, die Habsburgermonarchie nach Osten hinüber so langsam abzuschieben, die österreichischen Deutschen ja an die Wand zu drücken — aber die würden sich ihre Aufgabe selber haben stellen können —, wenn da durch diesen Rahmen, der dadurch entstanden ist, zur rechten weltgeschichtlichen Stunde eine richtige Mission hineingegossen worden wäre. Das wäre, man kann wirklich schon sagen, nicht bloß für Europa, sondern für die ganze zivilisierte Welt von ungeheuerster Bedeutung gewesen. Denn es hatte gutes Material in diesem Gebiete von Europa. Man darf nämlich folgendes nicht außer acht lassen. Die Deutschen Österreichs selber, sie sind so veranlagt — ich habe schon neulich auf einige Charakterzüge hingewiesen —, daß ihnen jeder imperialistische Impuls so fern wie möglich liegt. Es ist eigentlich vielleicht nicht einmal zu viel gesagt, wenn man die Meinung hat, daß man abstimmen könnte, nicht bloß über das Wort, sondern über dasjenige, was Imperialismus als Impuls ist: man würde wahrhaftig sehr wenige Leute unter der wirklichen deutsch-österreichischen Bevölkerung finden, die eine Ahnung davon haben, daß man sich einer solchen Sache zuwenden könnte. Daher kam es auch, daß sich diese deutsch-österreichische Bevölkerung mit Händen und Füßen gesträubt hat gegen die Okkupation von Bosnien und der Herzegowina, die ja, wenn auch eine Art Talmi, aber doch eine Art Anfall für eine österreichisch-imperialistische Politik war, die eigentlich eine historische Unmöglichkeit war, weil Österreich nicht so geartet ist, daß es eine imperialistische Politik jemals aus seiner eigenen Wesenheit heraus hätte entfalten können. Diese deutsch-österreichische Bevölkerung lebte, wie schon neulich gesagt, korrumpiert durch den Klerikalismus, in vieler Beziehung eine Art Pflanzendasein. Aber aus diesem Pflanzendasein heraus besteht die Möglichkeit, daß sich gerade starke Individualitäten entwickeln. Und an Geistigkeit hat sich wahrhaftig in Individualitäten nicht wenig gerade aus diesen deutschen Gebieten Österreichs entwickelt, auch in der Zeit, in der von Deutschland aus Deutsch-Osterreich, weil man eben das Habsburgerreich mitslawisieren wollte, an die Wand gedrückt worden ist.

[ 12 ] Dadurch aber waren gewisse Vorbedingungen gegeben, die eigentlich, wenn sie in gesunde Bahnen gelenkt worden wären, doch geeignet gewesen wären, außerordentlich geeignet gewesen wären, aus dieser sogenannten Donaumonarchie ein europäisches Gebilde mit einer großartigen Mission zu machen. Man könnte sich nichts Schöneres denken, als wenn in diese Tendenz, die Habsburgermonarchie nach Osten hinüber so langsam abzuschieben, die österreichischen Deutschen ja an die Wand zu drücken — aber die würden sich ihre Aufgabe selber haben stellen können —, wenn da durch diesen Rahmen, der dadurch entstanden ist, zur rechten weltgeschichtlichen Stunde eine richtige Mission hineingegossen worden wäre. Das wäre, man kann wirklich schon sagen, nicht bloß für Europa, sondern für die ganze zivilisierte Welt von ungeheuerster Bedeutung gewesen. Denn es hatte gutes Material in diesem Gebiete von Europa. Man darf nämlich folgendes nicht außer acht lassen. Die Deutschen Österreichs selber, sie sind so veranlagt — ich habe schon neulich auf einige Charakterzüge hingewiesen —, daß ihnen jeder imperialistische Impuls so fern wie möglich liegt. Es ist eigentlich vielleicht nicht einmal zu viel gesagt, wenn man die Meinung hat, daß man abstimmen könnte, nicht bloß über das Wort, sondern über dasjenige, was Imperialismus als Impuls ist: man würde wahrhaftig sehr wenige Leute unter der wirklichen deutsch-österreichischen Bevölkerung finden, die eine Ahnung davon haben, daß man sich einer solchen Sache zuwenden könnte. Daher kam es auch, daß sich diese deutsch-österreichische Bevölkerung mit Händen und Füßen gesträubt hat gegen die Okkupation von Bosnien und der Herzegowina, die ja, wenn auch eine Art Talmi, aber doch eine Art Anfall für eine österreichisch-imperialistische Politik war, die eigentlich eine historische Unmöglichkeit war, weil Österreich nicht so geartet ist, daß es eine imperialistische Politik jemals aus seiner eigenen Wesenheit heraus hätte entfalten können. Diese deutsch-österreichische Bevölkerung lebte, wie schon neulich gesagt, korrumpiert durch den Klerikalismus, in vieler Beziehung eine Art Pflanzendasein. Aber aus diesem Pflanzendasein heraus besteht die Möglichkeit, daß sich gerade starke Individualitäten entwickeln. Und an Geistigkeit hat sich wahrhaftig in Individualitäten nicht wenig gerade aus diesen deutschen Gebieten Österreichs entwickelt, auch in der Zeit, in der von Deutschland aus Deutsch-Osterreich, weil man eben das Habsburgerreich mitslawisieren wollte, an die Wand gedrückt worden ist.

[ 13 ] Nun muß man nicht vergessen, daß allerdings innerhalb dieses Territoriums ein außerordentlich stark chauvinistisches Element ist, das den spezifischen Charakter des Chauvinistischen an sich trägt: das ist das magyarische Element, das seinen Chauvinismus in rücksichtslosester Weise immer zur Durchführung zu bringen gesucht und auch gewußt hat durchzuführen. Das ist von jeher eine sehr üble Beigabe gewesen, und wäre es auch gewesen, wenn der österreichische Rahmen mit einer Mission irgendwie angefüllt worden wäre. Aber dann kommen für Österreich in Betracht die verschiedenartigsten Slawen, die verschiedenartigste slawische Bevölkerung, und diese slawische Bevölkerung Österreichs, sie hat nicht im geringsten in der Zeit, welche in Betracht kommt für die Vorbereitung der gegenwärtigen katastrophalen Ereignisse, an denen sie gewiß einen sehr großen Anteil hat, irgendeine imperialistisch geartete Politik in ihren Anlagen gehabt. Ganz entfernt von jeder imperialistisch gearteten Politik war die slawische Bevölkerung, auch der polnische Teil der österreichisch-slawischen Bevölkerung. Und unvergeßlich wird mir immer bleiben jene Rede, welche 1879 Otto Hausner, der damalige polnische liberale Abgeordnete, gegen die Okkupation von Bosnien und der Herzegowina gehalten hat gerade vom Standpunkte der Verdammung einer imperialistischen Politik aus.

[ 13 ] Nun muß man nicht vergessen, daß allerdings innerhalb dieses Territoriums ein außerordentlich stark chauvinistisches Element ist, das den spezifischen Charakter des Chauvinistischen an sich trägt: das ist das magyarische Element, das seinen Chauvinismus in rücksichtslosester Weise immer zur Durchführung zu bringen gesucht und auch gewußt hat durchzuführen. Das ist von jeher eine sehr üble Beigabe gewesen, und wäre es auch gewesen, wenn der österreichische Rahmen mit einer Mission irgendwie angefüllt worden wäre. Aber dann kommen für Österreich in Betracht die verschiedenartigsten Slawen, die verschiedenartigste slawische Bevölkerung, und diese slawische Bevölkerung Österreichs, sie hat nicht im geringsten in der Zeit, welche in Betracht kommt für die Vorbereitung der gegenwärtigen katastrophalen Ereignisse, an denen sie gewiß einen sehr großen Anteil hat, irgendeine imperialistisch geartete Politik in ihren Anlagen gehabt. Ganz entfernt von jeder imperialistisch gearteten Politik war die slawische Bevölkerung, auch der polnische Teil der österreichisch-slawischen Bevölkerung. Und unvergeßlich wird mir immer bleiben jene Rede, welche 1879 Otto Hausner, der damalige polnische liberale Abgeordnete, gegen die Okkupation von Bosnien und der Herzegowina gehalten hat gerade vom Standpunkte der Verdammung einer imperialistischen Politik aus.

[ 14 ] Dasjenige, was die Slawen in Österreich trieben, war eigentlich im wesentlichen immer allerdings nationale — das ist das Schlimme daran —, aber nationale Kulturpolitik. Sie wollten durch die Pflege der Nationalität, nicht in chauvinistischer Weise — das unterscheidet sie oder unterschied sie wenigstens immer von den Magyaren —, als Völker vorwärtskommen, als Völker dasjenige entwickeln, was in ihren Anlagen liegt. Hätte man alles das, was da in den Anlagen der verschiedenen Völker Österreichs ist und was durch den Rahmen Österreich eben eingeschlossen war, gewußt in eine Mission zu vereinigen, so hätte eben wirklich Großes und Bedeutsames daraus entstehen können. Denn die slawische Bevölkerung Österreichs war niemals, auch noch nicht im Beginn dieser kriegerischen Weltkatastrophe, geneigt, sich darauf einzulassen, mit der slawischen Bevölkerung Rußlands irgendeine Konföderation einzugehen. Die slawische Bevölkerung Österreichs, vielleicht mit Ausnahme der polnischen, die ihr eigenes geschlossenes Reich haben möchten, aber die andere slawische Bevölkerung Österreichs, war vor allen Dingen noch lange in diese Kriegszeit herein — diese Kriegszeit hat eben verschiedene Phasen, die man jetzt noch nicht berücksichtigt und unterscheidet — durchaus noch nicht irgendwie rußlandfreundlich gesinnt. Was die slawische Bevölkerung Österreichs, indem das zum Ausdrucke kam durch ihre Führer, wollte, das war gerade eine slawische Kulturpolitik der österreichisch-slawischen Völker, vielleicht mit einiger Ausdehnung über die Balkanslawen, aber in ausgesprochener Weise gerichtet gegen den Zarismus. Gewiß, einzelne Erscheinungen weichen davon ab, aber auf die kommt es im großen Ganzen nicht an; aber daher ist im Grunde genommen jene rasche und große Wendung der österreichischen Slawen zu Rußland hin erst geschehen mit dem Sturze des Zarismus. Der Sturz des Zarismus hat für Österreich ungeheuer entscheidend gewirkt, denn mit einem zaristischen Rußland wären die Slawen Österreichs niemals zu vereinigen gewesen, in ihren Sympathien meine ich, und darauf kam es ja an; denn die Tschechoslowaken-Frage wurde im ganzen Hergang der Ereignisse eine der allerwichtigsten.

[ 14 ] Dasjenige, was die Slawen in Österreich trieben, war eigentlich im wesentlichen immer allerdings nationale — das ist das Schlimme daran —, aber nationale Kulturpolitik. Sie wollten durch die Pflege der Nationalität, nicht in chauvinistischer Weise — das unterscheidet sie oder unterschied sie wenigstens immer von den Magyaren —, als Völker vorwärtskommen, als Völker dasjenige entwickeln, was in ihren Anlagen liegt. Hätte man alles das, was da in den Anlagen der verschiedenen Völker Österreichs ist und was durch den Rahmen Österreich eben eingeschlossen war, gewußt in eine Mission zu vereinigen, so hätte eben wirklich Großes und Bedeutsames daraus entstehen können. Denn die slawische Bevölkerung Österreichs war niemals, auch noch nicht im Beginn dieser kriegerischen Weltkatastrophe, geneigt, sich darauf einzulassen, mit der slawischen Bevölkerung Rußlands irgendeine Konföderation einzugehen. Die slawische Bevölkerung Österreichs, vielleicht mit Ausnahme der polnischen, die ihr eigenes geschlossenes Reich haben möchten, aber die andere slawische Bevölkerung Österreichs, war vor allen Dingen noch lange in diese Kriegszeit herein — diese Kriegszeit hat eben verschiedene Phasen, die man jetzt noch nicht berücksichtigt und unterscheidet — durchaus noch nicht irgendwie rußlandfreundlich gesinnt. Was die slawische Bevölkerung Österreichs, indem das zum Ausdrucke kam durch ihre Führer, wollte, das war gerade eine slawische Kulturpolitik der österreichisch-slawischen Völker, vielleicht mit einiger Ausdehnung über die Balkanslawen, aber in ausgesprochener Weise gerichtet gegen den Zarismus. Gewiß, einzelne Erscheinungen weichen davon ab, aber auf die kommt es im großen Ganzen nicht an; aber daher ist im Grunde genommen jene rasche und große Wendung der österreichischen Slawen zu Rußland hin erst geschehen mit dem Sturze des Zarismus. Der Sturz des Zarismus hat für Österreich ungeheuer entscheidend gewirkt, denn mit einem zaristischen Rußland wären die Slawen Österreichs niemals zu vereinigen gewesen, in ihren Sympathien meine ich, und darauf kam es ja an; denn die Tschechoslowaken-Frage wurde im ganzen Hergang der Ereignisse eine der allerwichtigsten.

[ 15 ] Nun hat man in Österreich nicht verstanden, das alles zu sehen und in eine Mission zu vereinigen, und das war das tragische Geschick Österreichs. Man hat das eben durchaus nicht verstanden. Nun war selbstverständlich unter der slawischen Bevölkerung Österreichs eine große Gärung, die darauf hinzielte, dasjenige zu verwirklichen, was ich eben angedeutet habe: Befreiung der Slawen als Nation so, daß sie ihre Anlagen frei entwickeln können im Rahmen Österreichs. Das alles wurde statt in eine große Kulturmission, in Österreich unter dem Einflusse der habsburgischen Hausmachtpolitik und unter dem Klerikalismus leider gezwängt in eine Politik, welche Moriz Benedikt nicht mit Unrecht eine «ärarische Politik» genannt hat. Man kann sie auch nicht gut anders bezeichnen. Es ist eine Politik, welche so durcheinandergemischt ist aus schlampiger Soldatenorganisation, noch schlampigerem Bürokratismus, aus einem nicht ganz vollendeten, aber auch wiederum zu Schlampigkeit neigenden Pedantismus und so weiter.

[ 15 ] Nun hat man in Österreich nicht verstanden, das alles zu sehen und in eine Mission zu vereinigen, und das war das tragische Geschick Österreichs. Man hat das eben durchaus nicht verstanden. Nun war selbstverständlich unter der slawischen Bevölkerung Österreichs eine große Gärung, die darauf hinzielte, dasjenige zu verwirklichen, was ich eben angedeutet habe: Befreiung der Slawen als Nation so, daß sie ihre Anlagen frei entwickeln können im Rahmen Österreichs. Das alles wurde statt in eine große Kulturmission, in Österreich unter dem Einflusse der habsburgischen Hausmachtpolitik und unter dem Klerikalismus leider gezwängt in eine Politik, welche Moriz Benedikt nicht mit Unrecht eine «ärarische Politik» genannt hat. Man kann sie auch nicht gut anders bezeichnen. Es ist eine Politik, welche so durcheinandergemischt ist aus schlampiger Soldatenorganisation, noch schlampigerem Bürokratismus, aus einem nicht ganz vollendeten, aber auch wiederum zu Schlampigkeit neigenden Pedantismus und so weiter.

[ 16 ] Das ist eben hauptsächlich dasjenige Element, von dem ich neulich einmal sagen konnte: es gehörte zu dem, was einen eigentlich nichts anging. Nun aber, wir dürfen nicht vergessen: Solche Gärungen, die dann keine territorialen Grenzen kennen, sind Material für kommende Ereignisse. Nicht wahr, wenn esirgendwo, sagen wir, beiden Tschechen, gärt, wenn man da etwas will, so können irgendwelche Großmächte gewissermaßen wettlaufen um die Sympathien einer solchen Volksgemeinschaft — auch um die realen Sympathien, die dann zu etwas führen. Großmächte, die gar nichts dort zu tun haben, die bemächtigen sich eines solchen Gebietes. Dadurch entstehen unnatürliche Verhältnisse in der Welt. Es sympathisieren dann also in dem Beispiel, das ich gewählt habe, die Tschechen mit einer Großmacht, von der sie sich eine Förderung in ihren Aspirationen versprechen, mit einer Großmacht, mit der sie sonst gar nicht weiter irgendwie Sympathien entwickeln konnten. Dadurch, mit diesen Vorbedingungen, die da gegeben werden, sind für diejenigen, die schlau sein konnten, für diejenigen, die die Politik im alten Sinne verstehen, zahlreiche Möglichkeiten gegeben zu Wühlereien, wenn man das oder jenes will. Es bildet sich Zündstoff für Konflikte, den man dann benützen kann. Nun, der langjährige österreichische Ministerpräsident Graf Taaffe, dem übertragen war, eine sogenannte Versöhnungspolitik der verschiedenen Völker Österreichs zu bewirken, hat den Grundcharakter seiner eigenen Politik selber bezeichnet: «fortwursteln». Ja, es ist vielleicht schwer zu übersetzen, «fortwursteln»; das heißt vielleicht also: so schlampig fortmachen, ohne daß man eine Idee sich bildet, wie es nun weitergehen soll. Man macht, macht, macht so, bis der Karren nicht mehr weitergeht. — «Fortwursteln» nannte der Graf Taaffe dasjenige, was der Kern seiner eigenen Politik war. Dann kamen andere, die den Grafen Taaffe ablösten, aber sie wurstelten auch fort. Sie betrachteten die Versöhnung immer so, daß sie einmal der einen Nationalität eine Universität bewilligten, ein andermal der anderen Nationalität irgendeinen Landesausschuß oder so etwas bewilligten, eine Bank gründeten oder dergleichen. Dadurch brachten sie die Nationalitäten erst recht durcheinander und entfremdeten sie einer wirklichen Mission, die sich hätte finden lassen, die auch verstanden worden wäre, wenn man sie nur wirklich gebracht hätte.

[ 16 ] Das ist eben hauptsächlich dasjenige Element, von dem ich neulich einmal sagen konnte: es gehörte zu dem, was einen eigentlich nichts anging. Nun aber, wir dürfen nicht vergessen: Solche Gärungen, die dann keine territorialen Grenzen kennen, sind Material für kommende Ereignisse. Nicht wahr, wenn esirgendwo, sagen wir, beiden Tschechen, gärt, wenn man da etwas will, so können irgendwelche Großmächte gewissermaßen wettlaufen um die Sympathien einer solchen Volksgemeinschaft — auch um die realen Sympathien, die dann zu etwas führen. Großmächte, die gar nichts dort zu tun haben, die bemächtigen sich eines solchen Gebietes. Dadurch entstehen unnatürliche Verhältnisse in der Welt. Es sympathisieren dann also in dem Beispiel, das ich gewählt habe, die Tschechen mit einer Großmacht, von der sie sich eine Förderung in ihren Aspirationen versprechen, mit einer Großmacht, mit der sie sonst gar nicht weiter irgendwie Sympathien entwickeln konnten. Dadurch, mit diesen Vorbedingungen, die da gegeben werden, sind für diejenigen, die schlau sein konnten, für diejenigen, die die Politik im alten Sinne verstehen, zahlreiche Möglichkeiten gegeben zu Wühlereien, wenn man das oder jenes will. Es bildet sich Zündstoff für Konflikte, den man dann benützen kann. Nun, der langjährige österreichische Ministerpräsident Graf Taaffe, dem übertragen war, eine sogenannte Versöhnungspolitik der verschiedenen Völker Österreichs zu bewirken, hat den Grundcharakter seiner eigenen Politik selber bezeichnet: «fortwursteln». Ja, es ist vielleicht schwer zu übersetzen, «fortwursteln»; das heißt vielleicht also: so schlampig fortmachen, ohne daß man eine Idee sich bildet, wie es nun weitergehen soll. Man macht, macht, macht so, bis der Karren nicht mehr weitergeht. — «Fortwursteln» nannte der Graf Taaffe dasjenige, was der Kern seiner eigenen Politik war. Dann kamen andere, die den Grafen Taaffe ablösten, aber sie wurstelten auch fort. Sie betrachteten die Versöhnung immer so, daß sie einmal der einen Nationalität eine Universität bewilligten, ein andermal der anderen Nationalität irgendeinen Landesausschuß oder so etwas bewilligten, eine Bank gründeten oder dergleichen. Dadurch brachten sie die Nationalitäten erst recht durcheinander und entfremdeten sie einer wirklichen Mission, die sich hätte finden lassen, die auch verstanden worden wäre, wenn man sie nur wirklich gebracht hätte.

[ 17 ] Und so eigentlich ging es, bis das unselige Jahr 1914 herankam. Man kann nicht einmal sagen, daß diese Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand viel mehr war als ein äußerer Anlaß zu dem, was dann als sogenanntes Ultimatum von Österreich-Ungarn an Serbien gestellt worden ist. Denn man war schon längst nicht mehr in dem Stadium, in dem sich solche Ereignisse wie diejenigen, die nun hereingebrochen sind, direkt etwa dadurch entschieden, daß diese oder jene Gegensätze da waren. Diese oder jene Gegensätze wurden nur benützt, um weitaus andere Dinge zu erreichen. Nun, will man die Frage beantworten: Wollte innerhalb Österreichs irgend jemand den Krieg, der dann gekommen ist? — so würde man die Frage in ganz falsche Richtung lenken, wenn man das eine oder das andere Volk Österreichs anklagen wollte, oder auch, wenn man gar die österreichische Regierung anklagen wollte. Denn die österreichische Regierung 1914: ein weit über achtzig Jahre alter, nicht mehr denkfähiger Kaiser, dem es wirklich nicht darauf ankam, einen Krieg zu führen; ein bis zum Pathologischen unfähiger Außenminister, der Graf Berchtold, der wohl geeignet war, da oder dort hingeschoben zu werden, aber dem man ja nicht zumuten darf, daß er irgendwie den initiativen Gedanken hätte fassen können, irgendeinen Krieg zu entfesseln. Und diejenigen, die ihn als Kreaturen umgaben, gerade im engeren Amte, die waren schon sicher auch wenig dazu geeignet, den Krieg zu entfachen. Also wer innerhalb der österreichischen Regierung oder innerhalb der Hofburg von Wien die Schuld zu diesem Kriege sucht, der lenkt eigentlich die Frage in eine ganz falsche Richtung, denn solche Unfähigkeit beschließt keine Kriege. Ich sage das nicht aus einer Emotion heraus, ich sage es auch nicht, um etwas zu beurteilen, sondern als eine Zusammenfassung von Tatsachen.

[ 17 ] Und so eigentlich ging es, bis das unselige Jahr 1914 herankam. Man kann nicht einmal sagen, daß diese Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand viel mehr war als ein äußerer Anlaß zu dem, was dann als sogenanntes Ultimatum von Österreich-Ungarn an Serbien gestellt worden ist. Denn man war schon längst nicht mehr in dem Stadium, in dem sich solche Ereignisse wie diejenigen, die nun hereingebrochen sind, direkt etwa dadurch entschieden, daß diese oder jene Gegensätze da waren. Diese oder jene Gegensätze wurden nur benützt, um weitaus andere Dinge zu erreichen. Nun, will man die Frage beantworten: Wollte innerhalb Österreichs irgend jemand den Krieg, der dann gekommen ist? — so würde man die Frage in ganz falsche Richtung lenken, wenn man das eine oder das andere Volk Österreichs anklagen wollte, oder auch, wenn man gar die österreichische Regierung anklagen wollte. Denn die österreichische Regierung 1914: ein weit über achtzig Jahre alter, nicht mehr denkfähiger Kaiser, dem es wirklich nicht darauf ankam, einen Krieg zu führen; ein bis zum Pathologischen unfähiger Außenminister, der Graf Berchtold, der wohl geeignet war, da oder dort hingeschoben zu werden, aber dem man ja nicht zumuten darf, daß er irgendwie den initiativen Gedanken hätte fassen können, irgendeinen Krieg zu entfesseln. Und diejenigen, die ihn als Kreaturen umgaben, gerade im engeren Amte, die waren schon sicher auch wenig dazu geeignet, den Krieg zu entfachen. Also wer innerhalb der österreichischen Regierung oder innerhalb der Hofburg von Wien die Schuld zu diesem Kriege sucht, der lenkt eigentlich die Frage in eine ganz falsche Richtung, denn solche Unfähigkeit beschließt keine Kriege. Ich sage das nicht aus einer Emotion heraus, ich sage es auch nicht, um etwas zu beurteilen, sondern als eine Zusammenfassung von Tatsachen.

[ 18 ] Aber man darf das andere nicht vergessen. Man kann ja noch nach anderen Richtungen die Blicke lenken. Man muß sich klar darüber sein, daß ja im Hintergrunde von allem, was in den letzten Jahren geschehen ist, eine Kriegsmöglichkeit lag, eine Kriegsmöglichkeit, welche nach den verschiedensten Richtungen sich ausleben konnte. Und diese Kriegsmöglichkeit liegt, ich möchte sagen, in einer historischen Entwickelung selbst. Ich habe hier oft davon gesprochen. Sie liegt einfach darinnen, daß von der englischsprechenden Bevölkerung der Welt aus gewissen Voraussetzungen heraus die Weltherrschaft angestrebt wird. Dies ist eine Tatsache, die man als Tatsache hinnehmen muß. Aber nicht wahr, einer solchen Tatsache gegenüber verhalten sich nicht alle Menschen, die nicht dazu gehören zur Anstrebung dieser Weltherrschaft, ganz passiv, sondern sie haben allerlei Aspirationen, und dadurch kann so mancherlei geschehen. So daß einfach durch das Vorhandensein des englischen Imperialismus, der sich ja insbesondere im zwanzigsten Jahrhundert immer sichtbarer und sichtbarer herausgebildet hat, natürlich lauter Kriegsmöglichkeiten entstanden sind. Diese Kriegsmöglichkeiten waren für diejenigen Menschen, die Kriege brauchten, selbstverständlich immer etwas, was benützt werden konnte. Nun lagen die Dinge für Österreich so, daß allerdings in Wien und Österreich Finanzkreise waren, die eigentlich schon durch mehrere Jahre es gern gesehen hätten, wenn sie ihrer Wirtschaft durch einen Krieg hätten aufhelfen können, die interessiert waren an der Herbeiführung eines Krieges. Und man kann sagen: Es ist den Entente-Regierungen selbstverständlich ungeheuer leicht, zu beweisen, daß sie den Krieg nicht verursacht haben. Nichts leichter als das, aber es will nicht viel besagen, denn darum handelt es sich nicht. Die eigentlichen Kriegsveranlasser gerade in dieser Zeit waren eben auf keinem Boden die Regierenden, sondern solche Mächte, die dahinterstanden. Ich habe von bedeutsamen Mächten, die nun ganz dahinterstanden, vor einem Jahr hier hinlänglich gesprochen. Aber es waren dann wiederum da die vorgeschobenen Posten, und das waren im wesentlichen Finanzkreise und Unternehmer, Großunternehmerkreise.

[ 18 ] Aber man darf das andere nicht vergessen. Man kann ja noch nach anderen Richtungen die Blicke lenken. Man muß sich klar darüber sein, daß ja im Hintergrunde von allem, was in den letzten Jahren geschehen ist, eine Kriegsmöglichkeit lag, eine Kriegsmöglichkeit, welche nach den verschiedensten Richtungen sich ausleben konnte. Und diese Kriegsmöglichkeit liegt, ich möchte sagen, in einer historischen Entwickelung selbst. Ich habe hier oft davon gesprochen. Sie liegt einfach darinnen, daß von der englischsprechenden Bevölkerung der Welt aus gewissen Voraussetzungen heraus die Weltherrschaft angestrebt wird. Dies ist eine Tatsache, die man als Tatsache hinnehmen muß. Aber nicht wahr, einer solchen Tatsache gegenüber verhalten sich nicht alle Menschen, die nicht dazu gehören zur Anstrebung dieser Weltherrschaft, ganz passiv, sondern sie haben allerlei Aspirationen, und dadurch kann so mancherlei geschehen. So daß einfach durch das Vorhandensein des englischen Imperialismus, der sich ja insbesondere im zwanzigsten Jahrhundert immer sichtbarer und sichtbarer herausgebildet hat, natürlich lauter Kriegsmöglichkeiten entstanden sind. Diese Kriegsmöglichkeiten waren für diejenigen Menschen, die Kriege brauchten, selbstverständlich immer etwas, was benützt werden konnte. Nun lagen die Dinge für Österreich so, daß allerdings in Wien und Österreich Finanzkreise waren, die eigentlich schon durch mehrere Jahre es gern gesehen hätten, wenn sie ihrer Wirtschaft durch einen Krieg hätten aufhelfen können, die interessiert waren an der Herbeiführung eines Krieges. Und man kann sagen: Es ist den Entente-Regierungen selbstverständlich ungeheuer leicht, zu beweisen, daß sie den Krieg nicht verursacht haben. Nichts leichter als das, aber es will nicht viel besagen, denn darum handelt es sich nicht. Die eigentlichen Kriegsveranlasser gerade in dieser Zeit waren eben auf keinem Boden die Regierenden, sondern solche Mächte, die dahinterstanden. Ich habe von bedeutsamen Mächten, die nun ganz dahinterstanden, vor einem Jahr hier hinlänglich gesprochen. Aber es waren dann wiederum da die vorgeschobenen Posten, und das waren im wesentlichen Finanzkreise und Unternehmer, Großunternehmerkreise.

[ 19 ] Nun konnten diese Großunternehmerkreise alle möglichen Differenzen und Disharmonien, die bestanden, benützen, um gewissermaßen die Weltgeschichte in ihrer Richtung zu lenken. Solche Konsortien gab es selbstverständlich auch in Wien. Die waren dort die eigentlich treibenden Mächte. Ich würde gar nicht einmal untersuchen mögen, welchen Ursprungs solche Konsortien sind. Solche Konsortien brauchen durchaus nicht einmal aus dem eigenen Land zu sein, sie können woanders her sein. Aber territorial waren jedenfalls solche Konsortien da. Das waren in einer gewissen Beziehung schon die schiebenden Mächte. Und da immer dasjenige, was in der slawischen Bevölkerung sowohl Österreichs wie des weiteren Ostens gärte, benützt werden konnte, und benützt werden konnte die ganze nicht vorhandene Mission Österreichs, so war es natürlich möglich, solche vorhandene Tendenzen auszunützen, wenn man etwas beitragen wollte zur Herbeiführung irgendeines Krieges. Es waren ganz gewiß unter denjenigen treibenden Mächten, welche es möglich gemacht haben, daß diese Kriegskatastrophe den Ausdruck gefunden hat, den sie gefunden hat, die Differenzierungen und Aspirationen der slawischen Völker Österreichs und des Ostens sehr, sehr stark daran beteiligt, aber im Grunde genommen auch nur als gebrauchte Objekte, als dasjenige, was man benützte.

[ 19 ] Nun konnten diese Großunternehmerkreise alle möglichen Differenzen und Disharmonien, die bestanden, benützen, um gewissermaßen die Weltgeschichte in ihrer Richtung zu lenken. Solche Konsortien gab es selbstverständlich auch in Wien. Die waren dort die eigentlich treibenden Mächte. Ich würde gar nicht einmal untersuchen mögen, welchen Ursprungs solche Konsortien sind. Solche Konsortien brauchen durchaus nicht einmal aus dem eigenen Land zu sein, sie können woanders her sein. Aber territorial waren jedenfalls solche Konsortien da. Das waren in einer gewissen Beziehung schon die schiebenden Mächte. Und da immer dasjenige, was in der slawischen Bevölkerung sowohl Österreichs wie des weiteren Ostens gärte, benützt werden konnte, und benützt werden konnte die ganze nicht vorhandene Mission Österreichs, so war es natürlich möglich, solche vorhandene Tendenzen auszunützen, wenn man etwas beitragen wollte zur Herbeiführung irgendeines Krieges. Es waren ganz gewiß unter denjenigen treibenden Mächten, welche es möglich gemacht haben, daß diese Kriegskatastrophe den Ausdruck gefunden hat, den sie gefunden hat, die Differenzierungen und Aspirationen der slawischen Völker Österreichs und des Ostens sehr, sehr stark daran beteiligt, aber im Grunde genommen auch nur als gebrauchte Objekte, als dasjenige, was man benützte.

[ 20 ] Wenn man die nächsten Stoßenden ins Auge fassen will, so sind es eigentlich im Grunde genommen Finanzmächte, Kapitalmächte, weniger im gewöhnlichen Sinne, als Großkapitalmächte, Gründerkapitalmächte und dergleichen. Das war es, was dahinterstand. Das war natürlich seit Jahrzehnten überhaupt das Herrschende in der gegenwärtigen Menschheit. Mehr als irgend jemand, der schläft, glauben kann, steht hinter den Ereignissen der letzten Jahrzehnte die internationale Finanzwelt, die Gründerwelt im großen. Nicht wahr, die Mächte, von denen ich hier gesprochen habe, die benützten wiederum die Finanzwelt, aber die Finanzwelt gab die nächsten Stöße. Und von dieser Finanzwelt ging auch das in Österreich aus, was schon jahrelang als Zündstoff vorhanden war. Da schob man. Es war überhaupt eine günstige Zeit heraufgekommen für die Möglichkeit, daß sich über ihre Gewinnchancen sehr klare, aber sonst sehr, sehr im Trüben fischende Finanzmächte irgend etwas arrangieren konnten. Es war eine günstige Zeit heraufgekommen. Und gerade in der Art und Weise, wie diese Katastrophe hereingebrochen ist, zeigt sich, daß für diese Mächte eine außerordentlich günstige Zeit hereingebrochen ist. Sie wußten auch diese günstige Zeit in der richtigen Weise auszunützen. Man muß eben nur daran denken, was es bedeutet, wenn man die Maschinerie ganzer Reiche in Bewegung setzen kann, um irgend etwas rein Geschäftliches zu erreichen. Solche Dinge sind lange vorbereitet worden in der neueren Zeit, und der Zeitpunkt war gerade eben beim Ausbruch unserer kriegerischen Katastrophe ganz besonders günstig. Es ist vieles mit heraufgewühlt worden, was in Untergründen der Völker saß, aber man kann sich eigentlich nichts denken, was teuflisch-geistvoller war als diese Ausnützung der Weltkonjunktur in den letzten Jahrzehnten durch internationale Finanzmächte.

[ 20 ] Wenn man die nächsten Stoßenden ins Auge fassen will, so sind es eigentlich im Grunde genommen Finanzmächte, Kapitalmächte, weniger im gewöhnlichen Sinne, als Großkapitalmächte, Gründerkapitalmächte und dergleichen. Das war es, was dahinterstand. Das war natürlich seit Jahrzehnten überhaupt das Herrschende in der gegenwärtigen Menschheit. Mehr als irgend jemand, der schläft, glauben kann, steht hinter den Ereignissen der letzten Jahrzehnte die internationale Finanzwelt, die Gründerwelt im großen. Nicht wahr, die Mächte, von denen ich hier gesprochen habe, die benützten wiederum die Finanzwelt, aber die Finanzwelt gab die nächsten Stöße. Und von dieser Finanzwelt ging auch das in Österreich aus, was schon jahrelang als Zündstoff vorhanden war. Da schob man. Es war überhaupt eine günstige Zeit heraufgekommen für die Möglichkeit, daß sich über ihre Gewinnchancen sehr klare, aber sonst sehr, sehr im Trüben fischende Finanzmächte irgend etwas arrangieren konnten. Es war eine günstige Zeit heraufgekommen. Und gerade in der Art und Weise, wie diese Katastrophe hereingebrochen ist, zeigt sich, daß für diese Mächte eine außerordentlich günstige Zeit hereingebrochen ist. Sie wußten auch diese günstige Zeit in der richtigen Weise auszunützen. Man muß eben nur daran denken, was es bedeutet, wenn man die Maschinerie ganzer Reiche in Bewegung setzen kann, um irgend etwas rein Geschäftliches zu erreichen. Solche Dinge sind lange vorbereitet worden in der neueren Zeit, und der Zeitpunkt war gerade eben beim Ausbruch unserer kriegerischen Katastrophe ganz besonders günstig. Es ist vieles mit heraufgewühlt worden, was in Untergründen der Völker saß, aber man kann sich eigentlich nichts denken, was teuflisch-geistvoller war als diese Ausnützung der Weltkonjunktur in den letzten Jahrzehnten durch internationale Finanzmächte.

[ 21 ] Sehen Sie, die Macht der mitteleuropäischen Reiche und eigentlich auch des russischen Reiches — für England nicht die Macht des Reiches, wohl aber die Macht der Finanz — ist eigentlich nach und nach ohnmächtig geworden. Die Reiche bedeuteten eigentlich im Grunde genommen nichts Besonderes, nichts, was Entscheidungen im weltgeschichtlichen Fortgange herbeiführte. Entscheidungen im weltgeschichtlichen Fortgange führten herbei die Transaktionen der Großkapitalmächte, der internationalen Großkapitalmächte, die sich der Reiche als Instrumente bedienten. Und dazu war die Weltkonjunktur gerade, als das Jahr 1914 herannahte, eben außerordentlich günstig. Osterreich kam allmählich dahin, nur zu sein das Instrument finanzieller Konsortien. Aber auch Deutschland, das sogenannte Deutschland kam dahin, nur zu sein das Instrument finanzieller Konsortien. Das war dadurch herbeigeführt worden, daß in Österreich auf dem sogenannten Throne saß ein alter Herr, der eigentlich kaum noch fähig war, in seine Sinne aufzunehmen, was um ihn herum vorging, der nicht mehr wußte, was um ihn herum vorging, der bewogen werden konnte zu allem, was man ihm eben äußerlich plausibel machte; daß durch diese Verhältnisse, wie ich es Ihnen geschildert habe, durch dieses Fortwursteln, nach und nach überhaupt nur noch möglich geworden war, die absoluteste Unfähigkeit in die Ministerien hineinzubringen. Denn wenn man eine Menagerie von lauter Unfähigen haben wollte, so brauchte man sie nur zusammenzusetzen aus den verschiedenen österreichischen Ministerien der letzten Zeit. Das war ein gutes Feld, welches als Instrument benützt werden konnte. Denn man brauchte nur die Dinge so zu lenken, daß ein immerhin doch respektabler Heeresorganismus so verwendet wurde, daß sich ein Finanzkonsortium versprechen konnte, durch diese Verwendung eine entsprechende Welttransaktion zu machen. Hinter dem, was im Juli/August 1914 in Österreich geschehen ist, stehen eben durchaus Finanzmächte, die vielleicht gar nicht einmal ihren Ursprung in Österreich selber haben, denen aber dieses Österreich ein Instrument war, um gewisse Dinge zu erreichen. Den Grafen Berchtold konnte man wirklich schieben, wenn man ein richtiger Finanz-Schachmann war, wohin man wollte, wie eine Schachfigur. Das war das eine.

[ 21 ] Sehen Sie, die Macht der mitteleuropäischen Reiche und eigentlich auch des russischen Reiches — für England nicht die Macht des Reiches, wohl aber die Macht der Finanz — ist eigentlich nach und nach ohnmächtig geworden. Die Reiche bedeuteten eigentlich im Grunde genommen nichts Besonderes, nichts, was Entscheidungen im weltgeschichtlichen Fortgange herbeiführte. Entscheidungen im weltgeschichtlichen Fortgange führten herbei die Transaktionen der Großkapitalmächte, der internationalen Großkapitalmächte, die sich der Reiche als Instrumente bedienten. Und dazu war die Weltkonjunktur gerade, als das Jahr 1914 herannahte, eben außerordentlich günstig. Osterreich kam allmählich dahin, nur zu sein das Instrument finanzieller Konsortien. Aber auch Deutschland, das sogenannte Deutschland kam dahin, nur zu sein das Instrument finanzieller Konsortien. Das war dadurch herbeigeführt worden, daß in Österreich auf dem sogenannten Throne saß ein alter Herr, der eigentlich kaum noch fähig war, in seine Sinne aufzunehmen, was um ihn herum vorging, der nicht mehr wußte, was um ihn herum vorging, der bewogen werden konnte zu allem, was man ihm eben äußerlich plausibel machte; daß durch diese Verhältnisse, wie ich es Ihnen geschildert habe, durch dieses Fortwursteln, nach und nach überhaupt nur noch möglich geworden war, die absoluteste Unfähigkeit in die Ministerien hineinzubringen. Denn wenn man eine Menagerie von lauter Unfähigen haben wollte, so brauchte man sie nur zusammenzusetzen aus den verschiedenen österreichischen Ministerien der letzten Zeit. Das war ein gutes Feld, welches als Instrument benützt werden konnte. Denn man brauchte nur die Dinge so zu lenken, daß ein immerhin doch respektabler Heeresorganismus so verwendet wurde, daß sich ein Finanzkonsortium versprechen konnte, durch diese Verwendung eine entsprechende Welttransaktion zu machen. Hinter dem, was im Juli/August 1914 in Österreich geschehen ist, stehen eben durchaus Finanzmächte, die vielleicht gar nicht einmal ihren Ursprung in Österreich selber haben, denen aber dieses Österreich ein Instrument war, um gewisse Dinge zu erreichen. Den Grafen Berchtold konnte man wirklich schieben, wenn man ein richtiger Finanz-Schachmann war, wohin man wollte, wie eine Schachfigur. Das war das eine.

[ 22 ] Das andere war doch, daß durch die unglückseligen Verhältnisse der letzten Jahrzehnte auch das Deutsche Reich allmählich übergegangen war in ein Instrument für finanzielle Operationen und auch industrielle Operationen. Das Fehlerhafteste, was man beim Aufwerfen von Schuld- oder anderen Fragen bei dieser Gelegenheit begehen kann, das ist, wenn man sich dem Glauben hingibt, daß eine deutsche Regierung eine mächtige Regierung war, irgend etwas von sich aus wollte. Sie wollte wirklich nichts Besonderes. Denn die meisten in Deutschland, im sogenannten Deutschland Regierenden, die könnte man zu den anderen, die ich eben genannt habe, dazusperren, und sie würden sich nicht so sehr unterscheiden von ihnen namentlich in bezug auf ihre politischen Qualitäten. Dazu kam ein anderer Umstand. Dazu kam der Umstand, daß gerade innerhalb des Deutschen Reiches eine große Bedeutung für die Einschläferung des allgemeinen Bewußtseins die Tatsache hatte, daß ein sehr unbedeutender, eigentlich seiner ganzen intellektuellen Qualität nach höchst unbedeutender Herrscher inszeniert wurde in einer Art — man darf das Wort, das ja heute vielfach gebraucht worden ist, wieder gebrauchen — Theaterpolitik. Und in nicht geringerem Maße als der alte Kaiser von Österreich ist der von vielen ganz zu Unrecht für bedeutend angesehene Kaiser, der Deutsche Kaiser, das geeignete Instrument gewesen innerhalb der von mir angedeuteten und charakterisierten Weltkonjunktur. Der größte Irrtum, dem sich die zivilisierte Menschheit hingegeben hat, ist der, daß auf dem Deutschen Kaiserthron — man kann staatsrechtlich nicht von einem Deutschen Kaiserthron sprechen, nun, aber Sie wissen, was ich meine — irgendein bedeutender, in Frage kommender Mensch gesessen hätte. Das ist ja eben durchaus nicht der Fall gewesen. So daß auch da die hier allerdings mehr dahinterstehende industrielle Welt, aber in Verbindung mit der Finanzwelt, die eigentlichen Schieber lieferte. Als drittes kommt natürlich in Betracht, daß nicht minder unbedeutend der Herrscher Rußlands war, der in ebensolcher Weise ein Instrument war und nun für alle möglichen nicht nur Finanz- und industriellen Mächte, sondern für manche anderen dunklen Mächte auch noch gebraucht werden konnte. Zu all dem kommt eben hinzu, daß hinter all diesem, was sich in der Weltkonjunktur ausspricht, die Expansion des Imperialismus der englischsprechenden Reiche stand. Das darf nicht übersehen werden. Denn in alle diese Gegensätze, die ich jetzt aufgezählt habe, spielen hinein die anderen Gegensätze, wie zum Beispiel jene europäische Sackgasse, die man als Elsaß-Lothringische Frage bezeichnen kann, und dergleichen. Das spielt so hinein in einer gewissen Weise. Aber dasjenige, was von allen Ecken heraus zu Kriegsursachen hat führen können, wenn man sie eben wollte, das ist die Umwandlung der so liberal, in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts so liberal gewordenen englischen Politik in den englischen Imperialismus des zwanzigsten Jahrhunderts.

[ 22 ] Das andere war doch, daß durch die unglückseligen Verhältnisse der letzten Jahrzehnte auch das Deutsche Reich allmählich übergegangen war in ein Instrument für finanzielle Operationen und auch industrielle Operationen. Das Fehlerhafteste, was man beim Aufwerfen von Schuld- oder anderen Fragen bei dieser Gelegenheit begehen kann, das ist, wenn man sich dem Glauben hingibt, daß eine deutsche Regierung eine mächtige Regierung war, irgend etwas von sich aus wollte. Sie wollte wirklich nichts Besonderes. Denn die meisten in Deutschland, im sogenannten Deutschland Regierenden, die könnte man zu den anderen, die ich eben genannt habe, dazusperren, und sie würden sich nicht so sehr unterscheiden von ihnen namentlich in bezug auf ihre politischen Qualitäten. Dazu kam ein anderer Umstand. Dazu kam der Umstand, daß gerade innerhalb des Deutschen Reiches eine große Bedeutung für die Einschläferung des allgemeinen Bewußtseins die Tatsache hatte, daß ein sehr unbedeutender, eigentlich seiner ganzen intellektuellen Qualität nach höchst unbedeutender Herrscher inszeniert wurde in einer Art — man darf das Wort, das ja heute vielfach gebraucht worden ist, wieder gebrauchen — Theaterpolitik. Und in nicht geringerem Maße als der alte Kaiser von Österreich ist der von vielen ganz zu Unrecht für bedeutend angesehene Kaiser, der Deutsche Kaiser, das geeignete Instrument gewesen innerhalb der von mir angedeuteten und charakterisierten Weltkonjunktur. Der größte Irrtum, dem sich die zivilisierte Menschheit hingegeben hat, ist der, daß auf dem Deutschen Kaiserthron — man kann staatsrechtlich nicht von einem Deutschen Kaiserthron sprechen, nun, aber Sie wissen, was ich meine — irgendein bedeutender, in Frage kommender Mensch gesessen hätte. Das ist ja eben durchaus nicht der Fall gewesen. So daß auch da die hier allerdings mehr dahinterstehende industrielle Welt, aber in Verbindung mit der Finanzwelt, die eigentlichen Schieber lieferte. Als drittes kommt natürlich in Betracht, daß nicht minder unbedeutend der Herrscher Rußlands war, der in ebensolcher Weise ein Instrument war und nun für alle möglichen nicht nur Finanz- und industriellen Mächte, sondern für manche anderen dunklen Mächte auch noch gebraucht werden konnte. Zu all dem kommt eben hinzu, daß hinter all diesem, was sich in der Weltkonjunktur ausspricht, die Expansion des Imperialismus der englischsprechenden Reiche stand. Das darf nicht übersehen werden. Denn in alle diese Gegensätze, die ich jetzt aufgezählt habe, spielen hinein die anderen Gegensätze, wie zum Beispiel jene europäische Sackgasse, die man als Elsaß-Lothringische Frage bezeichnen kann, und dergleichen. Das spielt so hinein in einer gewissen Weise. Aber dasjenige, was von allen Ecken heraus zu Kriegsursachen hat führen können, wenn man sie eben wollte, das ist die Umwandlung der so liberal, in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts so liberal gewordenen englischen Politik in den englischen Imperialismus des zwanzigsten Jahrhunderts.

[ 23 ] Nun erzeugte natürlich das alles alle möglichen, ich möchte sagen, Pulverfässer, in die man nur den Zündfunken hineinzutun brauchte. Es erzeugte auch jene eigentümlichen Ideen, mit denen die finanziellen Schachfigurenschieber so hauptsächlich rechnen. Sehen Sie, man darf eben nicht außer acht lassen: Als gewissen Finanzleuten in Österreich die Idee immer mehr und mehr kam, ein Krieg wäre für uns gut —, da dachten sie vor allen Dingen daran: Wir können erreichen, was wir erreichen wollen an geschäftlichen Transaktionen und ihren Folgen, und dem, was dann weiter daraus folgen wird, wenn wir einen Balkankrieg führen. — Es gab, indem der Balkankrieg in Aussicht genommen worden ist, natürlich zwei bedeutsame Eventualitäten. Die eine Eventualität war diese: Wie konnte ein solcher Finanzmann in Wien, dem der Krieg zum Beispiel ganz angenehm war, wie mochte der spekulieren? — Er sagte sich: Ist es wahrscheinlich, daß wir, wenn wir Österreich benützen als unser Instrument, von Rußland angegriffen werden? Ist das wahrscheinlich? Es ist ebenso wahrscheinlich, wie es unwahrscheinlich ist. Es muß nicht sein. Man riskiert etwas, aber es ist nicht unsinnig, dieses Risiko einzugehen, denn es ist nicht unter allen Umständen unmöglich, daß wir von Rußland sogar in Ruhe gelassen werden, wenn wir zum Beispiel in Serbien einfallen. — Das war die eine Sache, die man sich überlegen mußte. Da sagte sich der Betreffende: Ganz sicher ist es nicht, daß das zaristische Rußland uns angreifen wird, denn die Sache liegt so, daß eine gewisse Solidarität dynastischer Interessen besteht, und, wenn nicht irgendwelche Mächte in Rußland eingreifen, die man vielleicht schon weniger in Rechnung ziehen kann, so ist es nicht ganz unwahrscheinlich, daß der Zar aus dynastischer Solidarität mit dem Kaiser von Österreich, mit der österreichischen Dynastie, zwar mobilisiert, riesig auftritt, aber nur, damit er sagen kann, er sei der Schützer der Slawen. Losschlagen wird er doch nicht. Er wird es vielleicht allerdings darauf ankommen lassen, daß er durch seine Mobilisation verhindert, daß die Österreicher gar zu weit gehen. — Aber Sie wissen ja auch, es ist 1914 viel die Rede gewesen von einem Privatbrief, den der österreichische Kaiser geschrieben, oder der durch den österreichischen Kaiser — wie sagt man?, zu dem der österreichische Kaiser geschrieben wurde, kann man auch nicht sagen, aber Sie werden vielleicht aus dem verstehen, was ich meine —, nicht wahr, es ist viel die Rede gewesen von einem solchen Privatbriefe, der da geschrieben wurde an den russischen Zaren. Der liegt in der Linie von solchen Betrachtungen. Nun, das war freilich die Erwägung eines solchen Finanzmannes.

[ 23 ] Nun erzeugte natürlich das alles alle möglichen, ich möchte sagen, Pulverfässer, in die man nur den Zündfunken hineinzutun brauchte. Es erzeugte auch jene eigentümlichen Ideen, mit denen die finanziellen Schachfigurenschieber so hauptsächlich rechnen. Sehen Sie, man darf eben nicht außer acht lassen: Als gewissen Finanzleuten in Österreich die Idee immer mehr und mehr kam, ein Krieg wäre für uns gut —, da dachten sie vor allen Dingen daran: Wir können erreichen, was wir erreichen wollen an geschäftlichen Transaktionen und ihren Folgen, und dem, was dann weiter daraus folgen wird, wenn wir einen Balkankrieg führen. — Es gab, indem der Balkankrieg in Aussicht genommen worden ist, natürlich zwei bedeutsame Eventualitäten. Die eine Eventualität war diese: Wie konnte ein solcher Finanzmann in Wien, dem der Krieg zum Beispiel ganz angenehm war, wie mochte der spekulieren? — Er sagte sich: Ist es wahrscheinlich, daß wir, wenn wir Österreich benützen als unser Instrument, von Rußland angegriffen werden? Ist das wahrscheinlich? Es ist ebenso wahrscheinlich, wie es unwahrscheinlich ist. Es muß nicht sein. Man riskiert etwas, aber es ist nicht unsinnig, dieses Risiko einzugehen, denn es ist nicht unter allen Umständen unmöglich, daß wir von Rußland sogar in Ruhe gelassen werden, wenn wir zum Beispiel in Serbien einfallen. — Das war die eine Sache, die man sich überlegen mußte. Da sagte sich der Betreffende: Ganz sicher ist es nicht, daß das zaristische Rußland uns angreifen wird, denn die Sache liegt so, daß eine gewisse Solidarität dynastischer Interessen besteht, und, wenn nicht irgendwelche Mächte in Rußland eingreifen, die man vielleicht schon weniger in Rechnung ziehen kann, so ist es nicht ganz unwahrscheinlich, daß der Zar aus dynastischer Solidarität mit dem Kaiser von Österreich, mit der österreichischen Dynastie, zwar mobilisiert, riesig auftritt, aber nur, damit er sagen kann, er sei der Schützer der Slawen. Losschlagen wird er doch nicht. Er wird es vielleicht allerdings darauf ankommen lassen, daß er durch seine Mobilisation verhindert, daß die Österreicher gar zu weit gehen. — Aber Sie wissen ja auch, es ist 1914 viel die Rede gewesen von einem Privatbrief, den der österreichische Kaiser geschrieben, oder der durch den österreichischen Kaiser — wie sagt man?, zu dem der österreichische Kaiser geschrieben wurde, kann man auch nicht sagen, aber Sie werden vielleicht aus dem verstehen, was ich meine —, nicht wahr, es ist viel die Rede gewesen von einem solchen Privatbriefe, der da geschrieben wurde an den russischen Zaren. Der liegt in der Linie von solchen Betrachtungen. Nun, das war freilich die Erwägung eines solchen Finanzmannes.

[ 24 ] Dann sagte sich ein solcher Finanzmann: Ja, also muß man alles versuchen, um das, was sein kann, zu ermöglichen, das Regierungs-, das Reichsinstrument zu benützen. — Aber nun, nicht wahr, große Fähigkeiten hat ja der Graf Berchtold sicher nicht gehabt, aber sicher eine heillose Angst. Indem er so geschoben worden ist, hat er sicher eine heillose Angst gehabt. Und nun entstand dasjenige, was rein äußerlich angesehen — man muß natürlich immer die tieferliegenden Motive bei so etwas auch in Erwägung ziehen, die historischen Motive, aber man muß sich schon einmal äußerlich über diese Dinge Klarheit verschaffen — verhängnisvoll wurde; das geschah. Nicht wahr, da muß ich auf die andere üble Sache hinweisen, die sich auch solch ein Finanzmann überlegen mußte. Der mußte sagen: Ja, was wird aber nun mit diesem Deutschen Reich, mit dem wir verbündet sind? Riskieren, daß dieses Deutsche Reich den Bündnisfall verwirklicht, wird ja eigentlich für Österreich verhängnisvoll. Denn wenn das Deutsche Reich den Bündnisfall zu verwirklichen strebt, so ist ja ein Weltkrieg da. Dann wird man erdrückt, dann riskiert man zu viel. — Es lag ganz gewiß den Finanzkreisen viel näher, die Sache nicht in irgendeine Konfundierung mit dem Deutschen Reich zu bringen. Aber eben, von der Intention der Finanzleute bis zu dem, was der Graf Berchtold tun sollte, der es mit der Angst zu tun kriegte, da liegt ein gewisser Weg. Und die anderen Leute, die mit dem Grafen Berchtold zu tun hatten, die hatten ja natürlich nicht minder solche Angst, nicht wahr. Nun, da liegt ein gewisser Weg, und im Verfolg dieses Weges kam das zustande, daß in Berlin angefragt wurde, ob man eventuell, wenn Rußland angreifen würde, den Bündnisfall als gegeben ansehen würde. Man frug wohl gerade bei derjenigen Persönlichkeit an, die immer in den Händen des deutschen und internationalen Industrialismus und der internationalen und deutschen Finanzkreise war, man frug bei dem Kaiser an. Nun ist eine Eigentümlichkeit dieses Kaisers gewesen, zu reden ohne zu denken, so hinzuschmettern, renommistisch hinzuschmettern. Und auch da lag natürlich die Intention von Industriellen und von Finanzleuten hinter der Sache.

[ 24 ] Dann sagte sich ein solcher Finanzmann: Ja, also muß man alles versuchen, um das, was sein kann, zu ermöglichen, das Regierungs-, das Reichsinstrument zu benützen. — Aber nun, nicht wahr, große Fähigkeiten hat ja der Graf Berchtold sicher nicht gehabt, aber sicher eine heillose Angst. Indem er so geschoben worden ist, hat er sicher eine heillose Angst gehabt. Und nun entstand dasjenige, was rein äußerlich angesehen — man muß natürlich immer die tieferliegenden Motive bei so etwas auch in Erwägung ziehen, die historischen Motive, aber man muß sich schon einmal äußerlich über diese Dinge Klarheit verschaffen — verhängnisvoll wurde; das geschah. Nicht wahr, da muß ich auf die andere üble Sache hinweisen, die sich auch solch ein Finanzmann überlegen mußte. Der mußte sagen: Ja, was wird aber nun mit diesem Deutschen Reich, mit dem wir verbündet sind? Riskieren, daß dieses Deutsche Reich den Bündnisfall verwirklicht, wird ja eigentlich für Österreich verhängnisvoll. Denn wenn das Deutsche Reich den Bündnisfall zu verwirklichen strebt, so ist ja ein Weltkrieg da. Dann wird man erdrückt, dann riskiert man zu viel. — Es lag ganz gewiß den Finanzkreisen viel näher, die Sache nicht in irgendeine Konfundierung mit dem Deutschen Reich zu bringen. Aber eben, von der Intention der Finanzleute bis zu dem, was der Graf Berchtold tun sollte, der es mit der Angst zu tun kriegte, da liegt ein gewisser Weg. Und die anderen Leute, die mit dem Grafen Berchtold zu tun hatten, die hatten ja natürlich nicht minder solche Angst, nicht wahr. Nun, da liegt ein gewisser Weg, und im Verfolg dieses Weges kam das zustande, daß in Berlin angefragt wurde, ob man eventuell, wenn Rußland angreifen würde, den Bündnisfall als gegeben ansehen würde. Man frug wohl gerade bei derjenigen Persönlichkeit an, die immer in den Händen des deutschen und internationalen Industrialismus und der internationalen und deutschen Finanzkreise war, man frug bei dem Kaiser an. Nun ist eine Eigentümlichkeit dieses Kaisers gewesen, zu reden ohne zu denken, so hinzuschmettern, renommistisch hinzuschmettern. Und auch da lag natürlich die Intention von Industriellen und von Finanzleuten hinter der Sache.

[ 25 ] Durch diese ganze Konstellation kam das zustande, daß, selbstverständlich in unverbindlicher Weise, denn es war kein Regierungsakt, der Kaiser großtat, er werde sich diesmal nicht kleinmachen lassen, und er werde, wenn irgendwie Rußland mobilisieren sollte, ganz gewiß mobilisieren und so weiter. Nun muß man nicht vergessen, daß gerade diese Persönlichkeit sehr leicht zum Instrument von anderen Kreisen gemacht werden konnte, denn es gab ganze Kreise in der Umgebung gerade dieser Persönlichkeit, die sich ständig damit befaßten, diese Persönlichkeit bei guter Laune zu erhalten, sie abzulenken von dem, was sie tun sollte.

[ 25 ] Durch diese ganze Konstellation kam das zustande, daß, selbstverständlich in unverbindlicher Weise, denn es war kein Regierungsakt, der Kaiser großtat, er werde sich diesmal nicht kleinmachen lassen, und er werde, wenn irgendwie Rußland mobilisieren sollte, ganz gewiß mobilisieren und so weiter. Nun muß man nicht vergessen, daß gerade diese Persönlichkeit sehr leicht zum Instrument von anderen Kreisen gemacht werden konnte, denn es gab ganze Kreise in der Umgebung gerade dieser Persönlichkeit, die sich ständig damit befaßten, diese Persönlichkeit bei guter Laune zu erhalten, sie abzulenken von dem, was sie tun sollte.

[ 26 ] Nicht wahr, wer verständig war innerhalb des deutschen Volkes, gab nie etwas auf die Worte dieser Persönlichkeit. Das Ausland hat dem deutschen Volke gerade mit dem Urteil über dieses Reichshaupt, gleichgültig ob manche entzückt waren vom deutschen Kaiser, oder ob manche ihn später, namentlich während der Kriegszeit, für einen Teufel hielten — zu beidem war er viel zu unbedeutend, ist er viel zu unbedeutend —, das Ausland hat dem deutschen Volke mit allen diesen Urteilen das allergrößte Unrecht getan, wird vermutlich auch weiter das allergrößte Unrecht tun. Denn selbst die treu ergebene Umgebung, jene Umgebung, die insbesondere gewöhnt ist an den nicht ganz graden Rücken, diese treue Umgebung bezeugte in ihrem Verhalten am allerbesten, wie die Dinge da eigentlich liegen. Da braucht man sich nur zu erinnern an die Palastrevolution in Berlin vom Jahre 1908. Diese Palastrevolution in Berlin vom Jahre 1908, die ja außerordentlich viel mit diesem Weltkonflikte zu tun hat, wenn man die äußeren historischen Ereignisse ins Auge faßt, die drückt eigentlich, ich möchte sagen, alles aus, was an dieser Stelle der Betrachtung gerade ins Auge zu fallen hat. Es ist das, was ich meine, die berühmte Daily-Telegraf-Angelegenheit. Da nahm sich ein englischer Journalist des Daily Telegraf vor, den Kaiser Wilhelm zu interviewen. Vielleicht war das dem Kaiser Wilhelm etwas langweilig, und da hat er denn dem Journalisten gesagt: ach, er habe ja schon so viel über sein Verhältnis zu England geredet. — Er hat ihm dann einiges gesagt und riet ihm dann, das andere auch zusammenzustellen, was er sonst schon über England gesagt habe. Und da stellte denn der Journalist ein ausführliches Interview zusammen.

[ 26 ] Nicht wahr, wer verständig war innerhalb des deutschen Volkes, gab nie etwas auf die Worte dieser Persönlichkeit. Das Ausland hat dem deutschen Volke gerade mit dem Urteil über dieses Reichshaupt, gleichgültig ob manche entzückt waren vom deutschen Kaiser, oder ob manche ihn später, namentlich während der Kriegszeit, für einen Teufel hielten — zu beidem war er viel zu unbedeutend, ist er viel zu unbedeutend —, das Ausland hat dem deutschen Volke mit allen diesen Urteilen das allergrößte Unrecht getan, wird vermutlich auch weiter das allergrößte Unrecht tun. Denn selbst die treu ergebene Umgebung, jene Umgebung, die insbesondere gewöhnt ist an den nicht ganz graden Rücken, diese treue Umgebung bezeugte in ihrem Verhalten am allerbesten, wie die Dinge da eigentlich liegen. Da braucht man sich nur zu erinnern an die Palastrevolution in Berlin vom Jahre 1908. Diese Palastrevolution in Berlin vom Jahre 1908, die ja außerordentlich viel mit diesem Weltkonflikte zu tun hat, wenn man die äußeren historischen Ereignisse ins Auge faßt, die drückt eigentlich, ich möchte sagen, alles aus, was an dieser Stelle der Betrachtung gerade ins Auge zu fallen hat. Es ist das, was ich meine, die berühmte Daily-Telegraf-Angelegenheit. Da nahm sich ein englischer Journalist des Daily Telegraf vor, den Kaiser Wilhelm zu interviewen. Vielleicht war das dem Kaiser Wilhelm etwas langweilig, und da hat er denn dem Journalisten gesagt: ach, er habe ja schon so viel über sein Verhältnis zu England geredet. — Er hat ihm dann einiges gesagt und riet ihm dann, das andere auch zusammenzustellen, was er sonst schon über England gesagt habe. Und da stellte denn der Journalist ein ausführliches Interview zusammen.

[ 27 ] Dieses Interview, das ist ein Prachtstück einer Politik. In diesem Interview — ich kann es nur dem Sinne nach, es würde sonst zu ausführlich werden, ein bißchen charakterisieren — wurde gesagt: Ihr Engländer seid eigentlich alle verrückte Hühner, denn ihr beurteilt mich und meine Politik ganz falsch. Wenn ihr die Wahrheit erhalten wolltet, so müßtet ihr doch einsehen, daß es in ganz Deutschland nur einen einzigen wirklichen Freund der Engländer gibt, und das bin ich; sonst seid ihr im übrigen Deutschland eigentlich die verhaßtesten Menschen. Und ihr sollt nur ja nicht glauben, daß ich irgend etwas jemals gegen die englische Politik getan habe. Denn man bedenke nur das eine: Als der Burenkrieg losging, da schaute ich mir die Situation etwas an bei den Buren, dann nahm ich einen Stift und skizzierte rasch den Feldzug, den die Engländer machen mußten gegen die Buren, um ihn möglichst glücklich fertig zu bringen. Dann übergab ich die Karte, die ich entworfen hatte, meinem Generalstab. Er arbeitete sie weiter aus; ihr könnt sie wirklich noch in euren Archiven drüben finden. Ich habe auch wirklich bemerken können, wie der Krieg der Engländer gegen die Buren nach dieser von mir ausgeführten Karte geführt worden ist und verlaufen ist. Im übrigen sollt ihr durchaus nicht glauben, daß ich irgendwie jemals etwas gegen die englische Politik gemacht habe, denn mir sind angeboten worden Bündnisse von Frankreich und von Rußland; die haben mir den Auftrag gegeben, ja nicht darüber zu reden, aber ich habe es gleich meiner Großmutter gesagt, und daraus sieht man, wie ich die Engländer eigentlich liebe, und wie ich wirklich der einzige Freund Englands bin. Nur mir habt ihr es zu verdanken, daß dieses Bündnis zwischen Frankreich und Deutschland und Rußland nicht zustandegekommen ist. Und wenn ihr glaubt, daß ich gegen euch eine Flotte baue, irrt ihr euch; meine Flotte soll dazu dienen, den Interessen Japans im Stillen Ozean entgegenzutreten. — Nun, also dieses ganze Interview wurde von dem englischen Journalisten zusammengeschrieben und Wilhelm II. gezeigt, der es sehr gut fand. Er schickte es dem Fürsten Bülow, der dazumal sein sogenannter Reichskanzler war. Fürst Bülow war gerade zur Sommerfrische in Norderney und sagte: Ach ja, das ist ein dickes Interview von S.M.; der kann doch nicht verlangen, daß ich mir meine Sommerfrische mit dem Lesen seiner überflüssigen Ausführungen verderbe. Was $.M. sagt, damit brauche ich mich nicht erst zu beschäftigen. — Er gab es einem Unterbeamten, ohne besondere Weisung. Und die Sache kam eben bald zutage, da der englische Journalist das wirklich im Daily Telegraf veröffentlichte. Und nun war die Geschichte fertig, nicht wahr, ein Prachtstück einer deutschen Politik. Es kam dann dazu, daß sich selbst die Konservativen gegen S. M. auflehnten, und daß es dazumal sehr nahe an der Abdankung war. Aber er hat sich dann bereit erklärt, nicht mehr zu reden, was so ausgedrückt wurde, daß er ferner für die Kontinuität der Politik sorgen würde. Es ist nur eine andere Ausdrucksweise dafür gewesen. Nun ja, das dauerte drei Monate, dann fing er wieder an zu reden; es war die alte Geschichte. Das nur zur Charakteristik. Aber nun darf man nicht vergessen: Durch alle diese Dinge war eine Situation herbeigeführt worden, die man im wesentlichen so charakterisieren kann, daß durch mitteleuropäische Finanzkonsortien, die die Geschichte sehr gut kennenlernten, Machinationen gemacht worden waren, zu denen als Instrumente Österreich und Deutschland benützt werden sollten. Diese Machinationen — es waren ganz gewöhnliche geschäftliche Machinationen —, die konkurrierten mit englischen geschäftlichen Kombinationen. Da war der Gegensatz gegeben. Dieser Gegensatz war da. Es ist ganz selbstverständlich: In England konnte niemand begreifen, daß mitteleuropäische Finanzkonsortien Transaktionen machen wollen, Unternehmungen machen wollen, die doch nur England gebühren. Nicht wahr, das ist ganz selbstverständlich, das kann dort niemand begreifen! Das versteht man auch selbst, daß es niemand begreifen kann.

[ 27 ] Dieses Interview, das ist ein Prachtstück einer Politik. In diesem Interview — ich kann es nur dem Sinne nach, es würde sonst zu ausführlich werden, ein bißchen charakterisieren — wurde gesagt: Ihr Engländer seid eigentlich alle verrückte Hühner, denn ihr beurteilt mich und meine Politik ganz falsch. Wenn ihr die Wahrheit erhalten wolltet, so müßtet ihr doch einsehen, daß es in ganz Deutschland nur einen einzigen wirklichen Freund der Engländer gibt, und das bin ich; sonst seid ihr im übrigen Deutschland eigentlich die verhaßtesten Menschen. Und ihr sollt nur ja nicht glauben, daß ich irgend etwas jemals gegen die englische Politik getan habe. Denn man bedenke nur das eine: Als der Burenkrieg losging, da schaute ich mir die Situation etwas an bei den Buren, dann nahm ich einen Stift und skizzierte rasch den Feldzug, den die Engländer machen mußten gegen die Buren, um ihn möglichst glücklich fertig zu bringen. Dann übergab ich die Karte, die ich entworfen hatte, meinem Generalstab. Er arbeitete sie weiter aus; ihr könnt sie wirklich noch in euren Archiven drüben finden. Ich habe auch wirklich bemerken können, wie der Krieg der Engländer gegen die Buren nach dieser von mir ausgeführten Karte geführt worden ist und verlaufen ist. Im übrigen sollt ihr durchaus nicht glauben, daß ich irgendwie jemals etwas gegen die englische Politik gemacht habe, denn mir sind angeboten worden Bündnisse von Frankreich und von Rußland; die haben mir den Auftrag gegeben, ja nicht darüber zu reden, aber ich habe es gleich meiner Großmutter gesagt, und daraus sieht man, wie ich die Engländer eigentlich liebe, und wie ich wirklich der einzige Freund Englands bin. Nur mir habt ihr es zu verdanken, daß dieses Bündnis zwischen Frankreich und Deutschland und Rußland nicht zustandegekommen ist. Und wenn ihr glaubt, daß ich gegen euch eine Flotte baue, irrt ihr euch; meine Flotte soll dazu dienen, den Interessen Japans im Stillen Ozean entgegenzutreten. — Nun, also dieses ganze Interview wurde von dem englischen Journalisten zusammengeschrieben und Wilhelm II. gezeigt, der es sehr gut fand. Er schickte es dem Fürsten Bülow, der dazumal sein sogenannter Reichskanzler war. Fürst Bülow war gerade zur Sommerfrische in Norderney und sagte: Ach ja, das ist ein dickes Interview von S.M.; der kann doch nicht verlangen, daß ich mir meine Sommerfrische mit dem Lesen seiner überflüssigen Ausführungen verderbe. Was $.M. sagt, damit brauche ich mich nicht erst zu beschäftigen. — Er gab es einem Unterbeamten, ohne besondere Weisung. Und die Sache kam eben bald zutage, da der englische Journalist das wirklich im Daily Telegraf veröffentlichte. Und nun war die Geschichte fertig, nicht wahr, ein Prachtstück einer deutschen Politik. Es kam dann dazu, daß sich selbst die Konservativen gegen S. M. auflehnten, und daß es dazumal sehr nahe an der Abdankung war. Aber er hat sich dann bereit erklärt, nicht mehr zu reden, was so ausgedrückt wurde, daß er ferner für die Kontinuität der Politik sorgen würde. Es ist nur eine andere Ausdrucksweise dafür gewesen. Nun ja, das dauerte drei Monate, dann fing er wieder an zu reden; es war die alte Geschichte. Das nur zur Charakteristik. Aber nun darf man nicht vergessen: Durch alle diese Dinge war eine Situation herbeigeführt worden, die man im wesentlichen so charakterisieren kann, daß durch mitteleuropäische Finanzkonsortien, die die Geschichte sehr gut kennenlernten, Machinationen gemacht worden waren, zu denen als Instrumente Österreich und Deutschland benützt werden sollten. Diese Machinationen — es waren ganz gewöhnliche geschäftliche Machinationen —, die konkurrierten mit englischen geschäftlichen Kombinationen. Da war der Gegensatz gegeben. Dieser Gegensatz war da. Es ist ganz selbstverständlich: In England konnte niemand begreifen, daß mitteleuropäische Finanzkonsortien Transaktionen machen wollen, Unternehmungen machen wollen, die doch nur England gebühren. Nicht wahr, das ist ganz selbstverständlich, das kann dort niemand begreifen! Das versteht man auch selbst, daß es niemand begreifen kann.

[ 28 ] Durch alle diese Dinge war es aber zu der russischen Mobilisation gekommen, von der man nicht recht wissen konnte, was da gewollt wurde. Wie hätte man auch wissen sollen, was da gewollt wurde! Der Zar hat es ganz gewiß nicht gewußt, was gewollt wird; andere wollten das, andere wollten jenes. Die Dinge gingen durcheinander.

[ 28 ] Durch alle diese Dinge war es aber zu der russischen Mobilisation gekommen, von der man nicht recht wissen konnte, was da gewollt wurde. Wie hätte man auch wissen sollen, was da gewollt wurde! Der Zar hat es ganz gewiß nicht gewußt, was gewollt wird; andere wollten das, andere wollten jenes. Die Dinge gingen durcheinander.

[ 29 ] Nun darf man nicht vergessen: In Berlin eine Regierung, die eigentlich überhaupt nicht vorhanden war, die ganz und gar bar jeder Einsicht war in den Gang der Verhältnisse, die so schlechte Politik seit Jahren getrieben hat, als es nur irgendwie möglich ist, und die gerade in dem Jahre 1914 an dem Punkt angekommen war, daß sie überhaupt nicht regierte, daß sie geschehen ließ, was da kam. — Eine furchtbare Situation war da; eine ganz furchtbare Situation war da. Eigentlich war nun die ganze Last der Ereignisse abgeladen auf die deutsche Heeresleitung. Das darf man nicht vergessen: Die ganze Last der Ereignisse und ganze Verantwortung der Ereignisse war abgeladen auf die deutsche Heeresleitung. — Denn was auch immer geredet wird von irgendwelchen Konferenzvorschlägen und dergleichen, die von seiten der Ententemächte gemacht worden sind, das alles ist ja Unsinn, das hätte niemals zu irgend etwas führen können, weil dasjenige, zu dem es hätte führen können, natürlich niemals von seiten der Mittelmächte in ihrer damaligen Verfassung hätte angenommen werden können. Man kann selbstverständlich sehr leicht aus dem Verlauf dieser Konferenzvorschläge und so weiter beweisen, daß die Ententeregierungen unschuldig sind an dem Kriegsausbruch. Aber mit diesem Beweis ist nicht das Allergeringste getan. Das ist eine 'Trivialität, mit der man hausieren gehen kann, alles Mögliche behaupten kann, aber man bringt damit all die Fragen, um die es sich handelt, in absolut falsche Richtungen.

[ 29 ] Nun darf man nicht vergessen: In Berlin eine Regierung, die eigentlich überhaupt nicht vorhanden war, die ganz und gar bar jeder Einsicht war in den Gang der Verhältnisse, die so schlechte Politik seit Jahren getrieben hat, als es nur irgendwie möglich ist, und die gerade in dem Jahre 1914 an dem Punkt angekommen war, daß sie überhaupt nicht regierte, daß sie geschehen ließ, was da kam. — Eine furchtbare Situation war da; eine ganz furchtbare Situation war da. Eigentlich war nun die ganze Last der Ereignisse abgeladen auf die deutsche Heeresleitung. Das darf man nicht vergessen: Die ganze Last der Ereignisse und ganze Verantwortung der Ereignisse war abgeladen auf die deutsche Heeresleitung. — Denn was auch immer geredet wird von irgendwelchen Konferenzvorschlägen und dergleichen, die von seiten der Ententemächte gemacht worden sind, das alles ist ja Unsinn, das hätte niemals zu irgend etwas führen können, weil dasjenige, zu dem es hätte führen können, natürlich niemals von seiten der Mittelmächte in ihrer damaligen Verfassung hätte angenommen werden können. Man kann selbstverständlich sehr leicht aus dem Verlauf dieser Konferenzvorschläge und so weiter beweisen, daß die Ententeregierungen unschuldig sind an dem Kriegsausbruch. Aber mit diesem Beweis ist nicht das Allergeringste getan. Das ist eine 'Trivialität, mit der man hausieren gehen kann, alles Mögliche behaupten kann, aber man bringt damit all die Fragen, um die es sich handelt, in absolut falsche Richtungen.

[ 30 ] Man muß ganz genau, von Stunde zu Stunde, kennen, was in den letzten Tagen des Juli 1914 und vielleicht noch in den ersten Tagen des August in Berlin geschah. Und es wird schon einmal Gelegenheit kommen, vor der Welt zu sprechen über dasjenige, was von Stunde zu Stunde in Berlin geschah, und man wird sehen, daß dasjenige, was da geschehen ist, unter gar keinem anderen Impuls geschehen ist als unter dem: Was soll getan werden in dieser furchtbaren Situation, die heraufgekommen ist? — Wäre eine Regierung dagewesen, die die Dinge überschaut hätte, so wären selbstverständlich die Verhältnisse ganz anders gekommen. Wäre ein Monarch dagewesen, der das geringste getan hätte, der auch nur im allergeringsten teilgenommen hätte an dem Entschlusse, der sich nicht ganz ferngehalten hätte von jeglicher Initiative, obwohl er dabei war, so wären natürlich alle Dinge anders gekommen. Aber alles schaltete sich von selber aus, was nicht Heeresleitung war, die natürlich die einzige Verpflichtung haben konnte, eben ihre Pflicht zu tun. So daß dasjenige, was gemacht worden ist, wenn normale Verhältnisse dagewesen wären, niemals hätte so aussehen können wie irgendeine Kriegserklärung.

[ 30 ] Man muß ganz genau, von Stunde zu Stunde, kennen, was in den letzten Tagen des Juli 1914 und vielleicht noch in den ersten Tagen des August in Berlin geschah. Und es wird schon einmal Gelegenheit kommen, vor der Welt zu sprechen über dasjenige, was von Stunde zu Stunde in Berlin geschah, und man wird sehen, daß dasjenige, was da geschehen ist, unter gar keinem anderen Impuls geschehen ist als unter dem: Was soll getan werden in dieser furchtbaren Situation, die heraufgekommen ist? — Wäre eine Regierung dagewesen, die die Dinge überschaut hätte, so wären selbstverständlich die Verhältnisse ganz anders gekommen. Wäre ein Monarch dagewesen, der das geringste getan hätte, der auch nur im allergeringsten teilgenommen hätte an dem Entschlusse, der sich nicht ganz ferngehalten hätte von jeglicher Initiative, obwohl er dabei war, so wären natürlich alle Dinge anders gekommen. Aber alles schaltete sich von selber aus, was nicht Heeresleitung war, die natürlich die einzige Verpflichtung haben konnte, eben ihre Pflicht zu tun. So daß dasjenige, was gemacht worden ist, wenn normale Verhältnisse dagewesen wären, niemals hätte so aussehen können wie irgendeine Kriegserklärung.

[ 31 ] Es ist in der letzten Zeit vielfach die Sache so ausgesprochen worden — aber es gibt sehr wenige Menschen, eigentlich wirklich furchtbar wenige Menschen, die die Verhältnisse genau kennen —, daß man in Berlin in den Krieg mehr hineingerutscht ist, als daß man ihn gewollt hat. Man ist auch wirklich mehr hineingerutscht. Man darf auch nicht vergessen, daß es in einer gewissen Beziehung ganz selbstverständlich war, daß die Heeresleitung in dem Augenblicke, wo die ganze Verantwortung auf ihr lastete, sich sagte: Jede Stunde verloren bedeutet Ungeheures verloren. — Man muß in Betracht ziehen, daß das deutsche Heer in dieser Zeit, in der man den Mittelmächten zumutete, einen Präventivkrieg haben führen zu wollen, was doch wirklich ein bloßer Unsinn ist, noch keineswegs in einer Verfassung war, daß ein Sachverständiger großes Zutrauen haben konnte, daß es durchkommen werde bei dem, was doch hereinbrechen mußte. Denn man wußte: In dem Augenblicke, wo der Bündnisfall geltend gemacht wird, geht alles übrige automatisch. — Es ist ja auch gegangen und es war ganz selbstverständlich, daß es automatisch ging. Aber man darf nicht vergessen, daß gerade derjenige, der die Verhältnisse genau kannte, keine Stunde zu verlieren gedachte, zu verlieren denken durfte, aus dem einfachen Grunde, weil man ganz und gar nicht glauben konnte, daß dieses Heer nach dem, was in den verschiedenen vorangegangenen Jahren geschehen war, irgendwie gewachsen sein könnte der furchtbarsten Weltkoalition, die man heraufbeschwor, selbstverständlich, wenn man sich zum Kriege entschloß. Man darf nicht vergessen: Bereits Ende September hatte dieses Heer keine Munition mehr! — Zwei Tage vor der Kriegserklärung an Rußland war noch beim Kriegsministerium vom Auswärtigen Amt eine dringende Anforderung eingelaufen, die Munitionsbestellungen geringer zu machen. Das sind ja alles schließlich nicht Dinge, die man tut, wenn man sich einen Präventivkrieg vornimmt, nicht wahr. Und solche Dinge könnte man zu Hunderten und Tausenden aufzählen, wenn man nicht ohnedies wüßte, daß niemand dachte an einen Präventivkrieg.

[ 31 ] Es ist in der letzten Zeit vielfach die Sache so ausgesprochen worden — aber es gibt sehr wenige Menschen, eigentlich wirklich furchtbar wenige Menschen, die die Verhältnisse genau kennen —, daß man in Berlin in den Krieg mehr hineingerutscht ist, als daß man ihn gewollt hat. Man ist auch wirklich mehr hineingerutscht. Man darf auch nicht vergessen, daß es in einer gewissen Beziehung ganz selbstverständlich war, daß die Heeresleitung in dem Augenblicke, wo die ganze Verantwortung auf ihr lastete, sich sagte: Jede Stunde verloren bedeutet Ungeheures verloren. — Man muß in Betracht ziehen, daß das deutsche Heer in dieser Zeit, in der man den Mittelmächten zumutete, einen Präventivkrieg haben führen zu wollen, was doch wirklich ein bloßer Unsinn ist, noch keineswegs in einer Verfassung war, daß ein Sachverständiger großes Zutrauen haben konnte, daß es durchkommen werde bei dem, was doch hereinbrechen mußte. Denn man wußte: In dem Augenblicke, wo der Bündnisfall geltend gemacht wird, geht alles übrige automatisch. — Es ist ja auch gegangen und es war ganz selbstverständlich, daß es automatisch ging. Aber man darf nicht vergessen, daß gerade derjenige, der die Verhältnisse genau kannte, keine Stunde zu verlieren gedachte, zu verlieren denken durfte, aus dem einfachen Grunde, weil man ganz und gar nicht glauben konnte, daß dieses Heer nach dem, was in den verschiedenen vorangegangenen Jahren geschehen war, irgendwie gewachsen sein könnte der furchtbarsten Weltkoalition, die man heraufbeschwor, selbstverständlich, wenn man sich zum Kriege entschloß. Man darf nicht vergessen: Bereits Ende September hatte dieses Heer keine Munition mehr! — Zwei Tage vor der Kriegserklärung an Rußland war noch beim Kriegsministerium vom Auswärtigen Amt eine dringende Anforderung eingelaufen, die Munitionsbestellungen geringer zu machen. Das sind ja alles schließlich nicht Dinge, die man tut, wenn man sich einen Präventivkrieg vornimmt, nicht wahr. Und solche Dinge könnte man zu Hunderten und Tausenden aufzählen, wenn man nicht ohnedies wüßte, daß niemand dachte an einen Präventivkrieg.

[ 32 ] Aber es kommt in Betracht, indem man es so für selbstverständlich fand in dieser furchtbaren Situation des mobilisierten Russischen Reiches mit dem verbündeten Frankreich, daß dieses deutsche Heer ja ein zweifelhaftes Instrument war. Denn man darf nicht vergessen: Durch viele Jahre ist unter der Agide des Generals von Schlieffen die Schulung dieses Heeres in der unglaublichsten Weise getrieben worden. DieSache wurde erst als Unfug verbessert, als Moltke Generalstabschef geworden ist. Denn dieses Heer wurde so gedrillt, daß der Kaiser stets auf den großen Manövern unter dem General Schlieffen Abteilungen führte, ohne einen Schimmer von irgend etwas in der Kriegführung oder dergleichen zu haben. Die ganzen Anordnungen wurden so getroffen, daß selbstverständlich Majestät siegte. Also man soll sich nur vorstellen, wie man ein Heer schulen konnte, wenn man jene Theatercoups machen mußte, daß jeder, der auf der Abteilung war, auf der nicht Majestät war, notwendigerweise die Sache so anordnen mußte, daß er eine Niederlage kriegte, damit Majestät siegen konnte. Solche Dinge lassen sich in kurzer Zeit nicht verbessern, sondern das bedarf dann erst wiederum langer Arbeit. Das aber erzeugt selbstverständlich die Stimmung, daß man zugreifen muß, wenn man darauf angewiesen ist, ja etwas zu tun, wo die berufenen Instanzen gar nichts tun. So daß dasjenige, was in Berlin im Juli 1914 geschah, auch in den ersten Augusttagen des Jahres 1914 geschah, nicht im entferntesten dasjenige ist, was man etwa, wie Harden meint, als Schulfall eines Präventivkrieges ansehen kann, sondern es ist im eminentesten Sinne das, was man nennen muß: Es geschieht etwas durch Menschen, die unter ungeheuer schwierigen Verhältnissen in unmögliche Situationen hineingedrängt worden sind. Man mag verurteilen, wie man will: da in der Kriegführung der Erfolg entscheidet, wenn man siegt, so entscheidet selbstverständlich auch der Mißerfolg wenn man geschlagen wird, wenn man mit irgendeiner militärischen Sache nicht dasjenige erreicht, was man sich verspricht. Es ist ganz selbstverständlich, daß von dem Augenblicke an — ich sage das ganz unbefangen, indem ich vielleicht auch mich der Gefahr aussetze, daß solch ein Urteil merkwürdig befunden wird —, wo durch den Einfall in Belgien nichts erreicht werden konnte, wo er durch die Tage der Marne-Schlacht kaputt gemacht worden ist, dieser Einfall ein Unrecht war. Das mag jemand von irgendeinem philiströsen Standpunkte aus so oder so finden, aber das ist niemals anders beurteilt worden. Und wenn jetzt von seiten Amerikas und der Entente — nun Friede wird es ja nicht sein, aber so etwas, man müßte einen neuen Namen finden für die Dinge — geschlossen wird, so wird man sehen, daß es sich auch nicht um andere Gesichtspunkte handelt, als um die Gesichtspunkte, um die es sich im Verlaufe der Menschheitsentwickelung immer gehandelt hat, wenn solche Dinge in Betracht kamen, wo Machtfragen und dergleichen entschieden. Das andere korrumpiert gerade das Urteil in fürchterlichster Weise. Aber man muß eben nicht vergessen, daß historisch nachzuweisen ist, was ich hier öfter betont habe, und das wird einmal historisch nachgewiesen werden müssen, und es kann historisch nachgewiesen werden, und ich darf mich vielleicht nicht davor scheuen, zu sagen, daß unter den vielen Dingen, um die ich mich bemüht habe in den letzten Jahren, dieses mit darunter war, daß vor der Welt eine schlichte Darstellung desjenigen, was am 28., 29., 30., 31. Juli und 1. August in Berlin geschehen ist, ohne Urteil, eine schlichte Darstellung der wirklichen Ereignisse, gegeben werde. Ich habe es nicht erreicht. Aber es wäre viel erreicht worden, wenn diese schlichte Darstellung wirklich gegeben worden wäre.

[ 32 ] Aber es kommt in Betracht, indem man es so für selbstverständlich fand in dieser furchtbaren Situation des mobilisierten Russischen Reiches mit dem verbündeten Frankreich, daß dieses deutsche Heer ja ein zweifelhaftes Instrument war. Denn man darf nicht vergessen: Durch viele Jahre ist unter der Agide des Generals von Schlieffen die Schulung dieses Heeres in der unglaublichsten Weise getrieben worden. DieSache wurde erst als Unfug verbessert, als Moltke Generalstabschef geworden ist. Denn dieses Heer wurde so gedrillt, daß der Kaiser stets auf den großen Manövern unter dem General Schlieffen Abteilungen führte, ohne einen Schimmer von irgend etwas in der Kriegführung oder dergleichen zu haben. Die ganzen Anordnungen wurden so getroffen, daß selbstverständlich Majestät siegte. Also man soll sich nur vorstellen, wie man ein Heer schulen konnte, wenn man jene Theatercoups machen mußte, daß jeder, der auf der Abteilung war, auf der nicht Majestät war, notwendigerweise die Sache so anordnen mußte, daß er eine Niederlage kriegte, damit Majestät siegen konnte. Solche Dinge lassen sich in kurzer Zeit nicht verbessern, sondern das bedarf dann erst wiederum langer Arbeit. Das aber erzeugt selbstverständlich die Stimmung, daß man zugreifen muß, wenn man darauf angewiesen ist, ja etwas zu tun, wo die berufenen Instanzen gar nichts tun. So daß dasjenige, was in Berlin im Juli 1914 geschah, auch in den ersten Augusttagen des Jahres 1914 geschah, nicht im entferntesten dasjenige ist, was man etwa, wie Harden meint, als Schulfall eines Präventivkrieges ansehen kann, sondern es ist im eminentesten Sinne das, was man nennen muß: Es geschieht etwas durch Menschen, die unter ungeheuer schwierigen Verhältnissen in unmögliche Situationen hineingedrängt worden sind. Man mag verurteilen, wie man will: da in der Kriegführung der Erfolg entscheidet, wenn man siegt, so entscheidet selbstverständlich auch der Mißerfolg wenn man geschlagen wird, wenn man mit irgendeiner militärischen Sache nicht dasjenige erreicht, was man sich verspricht. Es ist ganz selbstverständlich, daß von dem Augenblicke an — ich sage das ganz unbefangen, indem ich vielleicht auch mich der Gefahr aussetze, daß solch ein Urteil merkwürdig befunden wird —, wo durch den Einfall in Belgien nichts erreicht werden konnte, wo er durch die Tage der Marne-Schlacht kaputt gemacht worden ist, dieser Einfall ein Unrecht war. Das mag jemand von irgendeinem philiströsen Standpunkte aus so oder so finden, aber das ist niemals anders beurteilt worden. Und wenn jetzt von seiten Amerikas und der Entente — nun Friede wird es ja nicht sein, aber so etwas, man müßte einen neuen Namen finden für die Dinge — geschlossen wird, so wird man sehen, daß es sich auch nicht um andere Gesichtspunkte handelt, als um die Gesichtspunkte, um die es sich im Verlaufe der Menschheitsentwickelung immer gehandelt hat, wenn solche Dinge in Betracht kamen, wo Machtfragen und dergleichen entschieden. Das andere korrumpiert gerade das Urteil in fürchterlichster Weise. Aber man muß eben nicht vergessen, daß historisch nachzuweisen ist, was ich hier öfter betont habe, und das wird einmal historisch nachgewiesen werden müssen, und es kann historisch nachgewiesen werden, und ich darf mich vielleicht nicht davor scheuen, zu sagen, daß unter den vielen Dingen, um die ich mich bemüht habe in den letzten Jahren, dieses mit darunter war, daß vor der Welt eine schlichte Darstellung desjenigen, was am 28., 29., 30., 31. Juli und 1. August in Berlin geschehen ist, ohne Urteil, eine schlichte Darstellung der wirklichen Ereignisse, gegeben werde. Ich habe es nicht erreicht. Aber es wäre viel erreicht worden, wenn diese schlichte Darstellung wirklich gegeben worden wäre.

[ 33 ] Man kann mit solchen Beweismitteln, wie ich sie hier schon gezeigt habe, bis zur fast unanfechtbaren Gewißheit, aber mit dieser schlichten Darstellung würde man bis zur vollen Gewißheit zeigen können, bis zu absolutester Gewißheit, daß, wenn die englische Regierung ernsthaftig gewollt hätte, der Einfall in Belgien vermieden worden wäre. Bitte, nicht in irgendeiner anderen Form, als wie ich das sage! Ich habe mich immer gehütet, dies in anderer Weise auszusprechen. Ich sage nicht, daß die englische Regierung in bezug auf diese Frage etwas anderes getan hat, und ich sage vor allen Dingen nicht damit irgend etwas über das Verhältnis von Deutschland zum Einfall in Belgien. Aber das ist es, was strikte vor der Welt bewiesen werden kann, daß, wenn die englische Regierung gewollt hätte, wenn vor allen Dingen der ja nicht gerade dem Grafen Berchtold gleiche, aber auch schon recht sehr törichte Sir Grey, Lord Grey, gewollt hätte, der Einfall in Belgien unterblieben wäre. Das ist etwas, was schlankweg durch eine schlichte Darstellung der Ereignisse bewiesen werden kann.

[ 33 ] Man kann mit solchen Beweismitteln, wie ich sie hier schon gezeigt habe, bis zur fast unanfechtbaren Gewißheit, aber mit dieser schlichten Darstellung würde man bis zur vollen Gewißheit zeigen können, bis zu absolutester Gewißheit, daß, wenn die englische Regierung ernsthaftig gewollt hätte, der Einfall in Belgien vermieden worden wäre. Bitte, nicht in irgendeiner anderen Form, als wie ich das sage! Ich habe mich immer gehütet, dies in anderer Weise auszusprechen. Ich sage nicht, daß die englische Regierung in bezug auf diese Frage etwas anderes getan hat, und ich sage vor allen Dingen nicht damit irgend etwas über das Verhältnis von Deutschland zum Einfall in Belgien. Aber das ist es, was strikte vor der Welt bewiesen werden kann, daß, wenn die englische Regierung gewollt hätte, wenn vor allen Dingen der ja nicht gerade dem Grafen Berchtold gleiche, aber auch schon recht sehr törichte Sir Grey, Lord Grey, gewollt hätte, der Einfall in Belgien unterblieben wäre. Das ist etwas, was schlankweg durch eine schlichte Darstellung der Ereignisse bewiesen werden kann.

[ 34 ] Es stumpft dies natürlich nicht ab, was man sich als Ansicht über diesen Einfall in Belgien bilden kann, aber es richtet vielleicht doch die Frage nach der anderen Richtung hin: Warum wurde es nicht verhindert, da es hätte verhindert werden können? — Denn gerade nach diesem Augenblicke, da es in Berlin klar wurde, daß von England aus der Einfall in Belgien nicht verhindert wird, von da ab beginnen alle Ereignisse eigentlich einen irrationalen Charakter anzunehmen. Von da ab kann man gar nicht mehr mit irgendeiner Ratio die Erscheinungen verfolgen.

[ 34 ] Es stumpft dies natürlich nicht ab, was man sich als Ansicht über diesen Einfall in Belgien bilden kann, aber es richtet vielleicht doch die Frage nach der anderen Richtung hin: Warum wurde es nicht verhindert, da es hätte verhindert werden können? — Denn gerade nach diesem Augenblicke, da es in Berlin klar wurde, daß von England aus der Einfall in Belgien nicht verhindert wird, von da ab beginnen alle Ereignisse eigentlich einen irrationalen Charakter anzunehmen. Von da ab kann man gar nicht mehr mit irgendeiner Ratio die Erscheinungen verfolgen.

[ 35 ] Das sind einige Aphorismen, Die Zeit ist spät geworden; wir werden morgen weiterreden.

[ 35 ] Das sind einige Aphorismen, Die Zeit ist spät geworden; wir werden morgen weiterreden.