The Developmental-Historical Basis
of Social Judgment
GA 185a
9 November 1918, Dornach
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The Developmental-Historical Basis of Social Judgment, tr. SOL
Erster Vortrag
First Lecture
[ 1 ] Es ist ganz plausibel, Ihnen wahrscheinlich auch, daß in diesem Augenblicke mancherlei bedeutungsvoll in die europäische Entwickelung Eingreifendes sich vorbereitet, daß gewissermaßen entscheidende Wendungen bevorstehen. Das mag rechtfertigen, wenn wir heute episodisch und zugleich — das muß ich betonen, es ist gegenüber der Entwickelung in der Zeit auch durchaus nicht anders möglich — aphoristisch einiges rückblickend besprechen von demjenigen, was zusammenhängt mit der Herbeiführung der gegenwärtigen katastrophalen Ereignisse. Wir werden ja gewiß versuchen, weil sich das so geziemt innerhalb unserer anthroposophischen Bewegung, das, was ich gewissermaßen wie eine Summe von aphoristisch vorgebrachten geschichtlichen Bemerkungen werde zu sagen haben, zu benützen, um daran dann vielleicht schon morgen weitergehende geisteswissenschaftliche, geisteswissenschaftlich-geschichtliche Betrachtungen anzuknüpfen. Allein es wird nicht vorauszusetzen sein, daß jedem von Ihnen die Unterlagen für weitere Ausblicke, soferne sie aus geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus zu gewinnen sind, die tatsächlichen, äußerlich-sinnenfälligen Unterlagen, zur Verfügung stehen, und daher möchte ich heute ganz anspruchslos einiges von diesen tatsächlichen Unterlagen vor Ihnen hier besprechen. Es ist ja auch notwendig, daß sich ein Gefühl dafür entwickelt, daß die Menschheit allmählich kein innerliches Recht haben werde, schläfrig hinwegzugehen über die Zeitgeschichte und geschehen zu lassen, was eben geschieht, sondern die andere Empfindung muß sich in unserem Zeitalter der Entwickelung der Bewußtseinsseele geltend machen, daß ein jeder das Auge offen haben soll und mit wachem Bewußtsein die Ereignisse, die da geschehen, vorurteilslos wenigstens verfolgen soll. Es ist ja natürlich, daß nicht jeder an einen Platz gestellt ist, von dem aus er ein dahingehendes Wissen irgendwie verwerten kann. Aber keiner von uns kann wissen, wann er vielleicht im kleineren oder im größeren Maßstabe aufgerufen wird, dies oder jenes mitzuberaten, mitzubeeinflussen, zu dem ereben dann ein offenes, vorurteilsloses Wissen über die Ereignisse braucht.
[ 1 ] It is quite plausible—and you probably agree—that at this very moment, various developments of great significance for Europe are taking shape, and that, in a sense, decisive turning points are imminent. This may justify our discussing today, in a piecemeal and—I must emphasize, for given the passage of time, there is simply no other way—aphoristic manner, some of the events leading up to the current catastrophic occurrences. We will certainly attempt—as is fitting within our anthroposophical movement—to use what I will have to say, which is, in a sense, a collection of historical observations presented in aphoristic form, as a basis for linking to more in-depth spiritual-scientific and spiritual-historical reflections, perhaps as early as tomorrow. However, we cannot assume that each of you has access to the factual, outwardly perceptible material necessary for further insights—insofar as these are to be derived from spiritual-scientific foundations—and therefore I would like to discuss some of this factual material here with you today in a very unpretentious manner. It is, after all, necessary to develop a sense that humanity will gradually lose the inner right to pass sleepily by contemporary history and let whatever happens simply happen; rather, in our age of the development of the conscious soul, the opposite sentiment must prevail: that each person should keep their eyes open and, with an alert consciousness, at least without prejudice. It is, of course, natural that not everyone is in a position from which they can somehow make use of such knowledge. But none of us can know when we might be called upon, on a smaller or larger scale, to help deliberate on this or that, to help influence it—and for that very purpose, we need an open, unprejudiced knowledge of events.
[ 2 ] Nun wird ja allerdings vieles von dem, was gerade jüngste Ereignisse sind, in ihrem Zusammenhange mit der übrigen geschichtlichen Entwickelung, rasch veraltet sein; es wird manches von dem, was jüngste, bedeutungsvolle Ereignisse sind, für den weiteren Fortgang selbst der äußerlichen Menschheitsgeschichte der zivilisierten Welt in geringem Maße in Betracht kommen. Allein es wird in der Zukunft notwendig sein, daß man mit offenem Auge und wachem Bewußtsein sich dem gegenüberstellt, was geschieht. Daher wird es schon gut sein, um ein Gefühl, eine Empfindung zu bekommen, wie man sich so den Ereignissen gegenüberstellen soll, manches von den abgelaufenen Ereignissen zu verfolgen.
[ 2 ] Now, of course, much of what are currently recent events will quickly become outdated in their context with the rest of historical development; some of what are recent, significant events will be of little consequence for the further course of even the external history of humanity in the civilized world. Nevertheless, in the future it will be necessary to face what is happening with open eyes and an alert consciousness. Therefore, it will be beneficial to follow some of the events that have already taken place in order to gain a sense of how one should face such events.
[ 3 ] Einleitend nur möchte ich sagen: Ich habe im Laufe der Zeit, während welcher diese katastrophalen Ereignisse äußerlich sichtbar, deutlich sichtbar selbst für die Schläfrigen schon da sind in Form des sogenannten Krieges der letzten viereinhalb Jahre, ich habe manches Wort zu Ihnen gesprochen, da- oder dorthin gehend, dies oder jenes zu beleuchten. Und deswegen möchte ich eben einleitend bemerken, daß ich jetzt, wo entscheidende, wenn auch nicht etwa einen Abschluß herbeiführende — das würde ich durchaus nicht hervorrufen wollen, diesen Glauben, daß man etwa vor einem Abschluß stünde —, aber wo in gewissem Sinne für die Beurteilung der ganzen Sachlage entscheidende Tatsachen sich abspielen, jetzt in diesem Augenblicke möchte ich es ausdrücklich betonen, daß ich genau auf demselben Standpunkte stehe in bezug auf die Beleuchtung der Ereignisse, auf dem ich gestanden habe im Anfange des Hereinbrechens der sogenannten kriegerischen Katastrophe. Denn eine der bedeutsamsten Tatsachen, die die Menschheit im Laufe dieser letzten Jahre sich vor Augen führen konnte, ist diese, wie unendlich stark, wie unermeßlich stark es möglich war, das menschliche Urteil allseitig zu korrumpieren, dieses menschliche Urteil in falsche Bahnen zu führen, namentlich dadurch auch in falsche Bahnen zu führen, daß man stets von verschiedenen Seiten her bemüht war, die Beurteilungsmaximen, die Beurteilungsrichtungen aus falschen Ecken herauszuholen. Nicht wahr, es sind im Laufe dieser Jahre Urteile aus den verschiedensten Interessengebieten heraus gefällt worden. Jede sogenannte Nation hatte schließlich ihr Interessengebiet und urteilte mit mehr oder weniger, meistens mit weniger Wissen über die geschehenen Tatsachen. Und von maßgebenden Stellen, wenigstens von fragwürdig maßgebenden Stellen — aber man könnte sagen: wo waren denn andere in den letzten viereinhalb Jahren? — wurde diese falsche Richtung, in welcher diese Urteile sich bewegten, vielfach genährt und vielfach benützt, um das oder jenes zu erreichen.
[ 3 ] To begin with, I would just like to say: Over the course of time—during which these catastrophic events have been outwardly visible, clearly visible even to those who are asleep, in the form of the so-called war of the past four and a half years—I have spoken many words to you, touching on this or that, to shed light on one thing or another. And that is why I would like to note right at the outset that now, at a time when decisive events are unfolding—though not necessarily leading to a conclusion (I would certainly not wish to give rise to the belief that we are on the verge of a conclusion)— but at a time when, in a certain sense, facts decisive for the assessment of the entire situation are unfolding—at this very moment, I would like to emphasize explicitly that I stand on exactly the same position with regard to the analysis of events as I did at the very beginning of the outbreak of the so-called war catastrophe. For one of the most significant facts that humanity has been able to bring to light over the course of these last few years is this: how infinitely, how immeasurably powerful the forces were capable of corrupting human judgment on all sides, of leading this human judgment astray—namely, by constantly striving from various quarters to steer the principles of judgment, the directions of judgment from false perspectives. Isn’t it true that, over the course of these years, judgments have been made from the most diverse spheres of interest? Every so-called nation ultimately had its own sphere of interest and judged with more or less—mostly with less—knowledge of the facts that had occurred. And by authoritative bodies—or at least by bodies of questionable authority—though one might ask: where were the others over the past four and a half years?—this misguided direction in which these judgments were moving was frequently fueled and frequently exploited to achieve one goal or another.
[ 4 ] Vor allen Dingen hat ja immer von dem Ausbruche dieses sogenannten Krieges bis zum heutigen Tage von den verschiedensten Standpunkten aus, man könnte sagen, von den verschiedensten Interessen aus, die sogenannte Schuldfrage in diesen Ereignissen eine große Rolle gespielt. In dem, was die Menschen da oder dort geurteilt haben, hat diese sogenannte Schuldfrage eine bedeutende Rolle gespielt. Aber man kann nicht sagen, daß diese sogenannte Schuldfrage eine irgendwie günstige Rolle gespielt hat. Gerade diese Schuldfrage und die Art und Weise, wie diese Schuldfrage das öffentliche Urteil gelenkt hat, hat so ungeheuer korrumpierend auf das intellektuelle und moralische Urteilsvermögen der Menschen gewirkt. Und unendlich viel wird gutzumachen sein, und wird nur gutzumachen sein auf geisteswissenschaftlichem Wege, wenn die Korruption, die in bezug auf intellektuelle und moralische Urteilsverrenkung über die ganze zivilisierte Welt eingetreten ist, wiederum auch nur einigermaßen zurechtgerückt werden soll. Dabei kann man eines nicht unterlassen zu betonen. Unter den mancherlei Urteilen, die gefällt worden sind, sind ja solche, die in dem sogenannten guten Glauben, wenn auch nicht immer mit einem wirklichen Gewissen, mit einem wirklichen, der Verantwortung gegenüber dem Worte sich bewußten Gewissen, gefällt worden sind. Es sind solche, die in dem sogenannten guten Glauben gefällt worden sind auch auf Grundlage desjenigen, was man gerade gewußt hat, so daß auch keine Anklage erhoben werden soll gegenüber der einen oder der anderen Urteilsrichtung. Aber vor allen Dingen wird der Gang der Ereignisse selbst zunächst nicht entkorrumpierend auf das Urteil wirken. Der Gang der Ereignisse wird vielleicht eher die Urteile im ungünstigen Sinne beeinflussen können, und gerade einer anthroposophisch orientierten Geistesbewegung würde es angemessen sein, da manches einfach dadurch bei sich selber und bei anderen zu berichtigen, daß man das ganze Niveau des Urteiles, das ganze Niveau der Beurteilung wirklich herausrückt aus denjenigen Sphären, in denen die Urteile über die ganze Welt bisher gefällt worden sind und sie in ganz andere Beleuchtung rückt.
[ 4 ] Above all, from the outbreak of this so-called war to the present day, the so-called question of blame in these events has played a major role from a wide variety of perspectives—one might say, from a wide variety of interests. In the judgments people have made here and there, this so-called question of blame has played a significant role. But one cannot say that this so-called question of blame has played a favorable role in any way. It is precisely this question of blame—and the way in which it has steered public opinion—that has had such a tremendously corrupting effect on people’s intellectual and moral judgment. And there will be an infinite amount to make amends for—and it can only be made amends for through the humanities—if the corruption that has taken hold throughout the entire civilized world in terms of the distortion of intellectual and moral judgment is to be set right, even to some extent. In this regard, one thing must be emphasized. Among the various judgments that have been made, there are indeed those that were made in so-called good faith—albeit not always with a true conscience, that is, a conscience truly aware of its responsibility toward the Word. There are those that were made in so-called good faith, based on what was known at the time, so that no accusation should be leveled against one line of judgment or another. But above all, the course of events itself will not, at first, have a corrective effect on judgment. The course of events may rather influence judgments in an unfavorable direction, and it would be fitting, particularly for an anthroposophically oriented spiritual movement, to correct certain things—both in oneself and in others—simply by truly lifting the entire level of judgment, the entire level of assessment, out of those spheres in which judgments about the whole world have been made up to now, and placing them in an entirely different light.
[ 5 ] Da handelt es sich vor allen Dingen darum, daß ja ganz gewiß, durch den Gang der Ereignisse begünstigt, eine große Anzahl von Menschen jetzt denen recht geben wird, welche sagen können: Wir haben es ja immer gesagt, von seiten der europäischen Mittelmächte ist, ohne daß sie irgendwie provoziert waren, ein Krieg in Szene gesetzt worden. Den Mittelmächten muß man die Schuld beimessen. — Nun, das Urteil in diese Richtung lenken, hat gegenüber den wirklichen Tatsachen auch nicht den allergeringsten Sinn. Und wenn man von der unmittelbaren — ich rede jetzt von einer unmittelbaren — Schuldfrage ausgehen wollte, so würde man bei gerechter Beurteilung ganz gewiß nicht dazu kommen können, überhaupt die Frage von dem eben berührten Gesichtspunkte aus zu behandeln. Die Frage: Haben die Mittelmächte eine Schuld gehabt am Ausbruche dieses Krieges? — diese Frage hat eigentlich in Wirklichkeit gar keinen ernsthaften Sinn. Und wenn man sich dagegen wendet, so wendet man sich hauptsächlich deshalb dagegen, weil das Bringen des Urteils in diese Richtung doch keinen eigentlichen greifbaren Inhalt und Sinn hat.
[ 5 ] The main issue here is that, certainly aided by the course of events, a large number of people will now agree with those who can say: “We always said so—the European Central Powers staged a war without having been provoked in any way.” The Central Powers must be held responsible. — Well, steering the judgment in this direction makes absolutely no sense in light of the actual facts. And if one were to start from the question of immediate—I am speaking now of immediate—responsibility, a fair assessment would certainly not lead one to address the issue at all from the perspective just mentioned. The question: Were the Central Powers to blame for the outbreak of this war? — this question actually has no serious meaning whatsoever. And if one objects to it, one does so mainly because passing judgment in this direction has no real, tangible substance or meaning.
[ 6 ] Am wenigsten hat es einen Sinn gegenüber den Tatsachen, die eben durchaus einmal an die Öffentlichkeit kommen müssen, etwa davon zu sprechen, daß man von seiten der Mittelmächte aus einen Präventivkrieg führen wollte, daß ein sogenannter Präventivkrieg geführt werden sollte. Diese Anschauung, die also etwa darinnen bestünde, daß man auf seiten der Mittelmächte gesagt hätte: Der Krieg muß ja doch einmal kommen, dann würde er unter ungünstigeren Verhältnissen für uns kommen, also beginnen wir ihn lieber früher, denn wir sind dann in einem gewissen Vorteil —, diese Anschauung hat gegenüber den Tatsachen auch nicht den allergeringsten Sinn. Davon kann überhaupt gar keine Rede sein, daß man zu einem Urteil über die Sachlage kommt, wenn man das Urteil in diese Richtung lenkt. Es handelt sich wirklich bei einer solchen Sache darum, daß man den Tatsachen ganz vorurteilsfrei ins Auge schaut. Und da muß man — und ich tue es heute aphoristisch — eben natürlich auf Einzelheiten hinweisen, auf solche Einzelheiten, die symptomatisch gravierend sind. Natürlich kann ich nicht bis zu Adam und Eva zurückgehen. Dazu ist man ja immer, wenn man eine geschichtliche Darstellung gibt, durch die man etwas zum Ausdruck bringen will, gewissermaßen verführt. Allein ich kann nicht bis zu Adam und Eva zurückgehen. Ich will zunächst nur weniges sagen und meine Betrachtungen über eine kurze Zeitspanne ausdehnen.
[ 6 ] It makes the least sense, in light of the facts—which will inevitably come to light at some point—to speak, for example, of the Central Powers’ intention to wage a preventive war, or of the fact that a so-called preventive war was to be waged. This view—which would essentially mean that the Central Powers had said: “The war is bound to come eventually, and if it does, it will come under less favorable conditions for us, so we’d better start it sooner, since we’ll then have a certain advantage”—this view makes absolutely no sense in light of the facts. There can be no question whatsoever of reaching a judgment on the situation if one steers that judgment in this direction. In a matter such as this, it is truly a matter of looking at the facts entirely without prejudice. And there—and I am putting this aphoristically today—one must, of course, point out details, specifically those details that are symptomatically serious. Of course, I cannot go all the way back to Adam and Eve. One is always, in a sense, tempted to do so when giving a historical account intended to convey a certain point. But I cannot go all the way back to Adam and Eve. For now, I will say only a few things and limit my reflections to a short period of time.
[ 7 ] Da führt in eine Art Disposition unserer aphoristischen Betrachtungen das hinein, daß ja äußerlich der Ausgangspunkt, ich möchte sagen, der Grundstoß zu diesem sogenannten Kriege ausgegangen ist von dem in Österreich fabrizierten, nach Serbien geschickten Ultimatum. Man wird also vielleicht gut tun, an diesen Ausgangspunkt der sogenannten kriegerischen Ereignisse, die betrachtet werden, die geschichtlichen Symptome anzuknüpfen. Nun, gerade dieser Ausgangspunkt führt zurück bis in die siebziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts. Man kann dasjenige, was da zwischen dem gewesenen Österreich und Serbien sich abgespielt hat, nicht betrachten, ohne zurückzugehen bis zu der sogenannten Okkupation von Bosnien und der Herzegowina durch Österreich-Ungarn im Jahre 1878. Diese Okkupation von Bosnien und der Herzegowina durch Österreich-Ungarn im Jahre 1878, die bedeutet die Einleitung einer gewissen österreichischen Politik, welche eigentlich in ihrem weiteren Verlaufe dann zu dem, was man das österreichisch-serbische Ultimatum nennen kann, führt. Aus den Wirren, die in Europa entstanden waren durch den russisch-türkischen Krieg in den siebziger Jahren, war ja der sogenannte Berliner Kongreß hervorgegangen. Und dieser Berliner Kongreß hat neben anderen 'Taten, vorzugsweise auch unter dem Einflusse der damaligen englischen Politik, Osterreich das Mandat übertragen, Bosnien und die Herzegowina vorläufig zu okkupieren.
[ 7 ] This leads us to a sort of framework for our aphoristic reflections: outwardly, the starting point—I would say, the initial impetus—for this so-called war originated in the ultimatum fabricated in Austria and sent to Serbia. It might therefore be wise to trace the historical context back to this starting point of the so-called war-related events under consideration. Now, this very starting point leads all the way back to the 1870s. One cannot examine what took place between the former Austria and Serbia without going back to the so-called occupation of Bosnia and Herzegovina by Austria-Hungary in 1878. This occupation of Bosnia and Herzegovina by Austria-Hungary in 1878 marked the beginning of a certain Austrian policy, which, as it unfolded, ultimately led to what might be called the Austro-Serbian ultimatum. The so-called Congress of Berlin had emerged from the turmoil that had arisen in Europe as a result of the Russo-Turkish War of the 1870s. And this Congress of Berlin, among other “actions”—and primarily under the influence of British policy at the time—conferred upon Austria the mandate to provisionally occupy Bosnia and Herzegovina.
[ 8 ] Im Grunde genommen hängt vieles, was sich auf dem Balkan abgespielt hat, zusammen mit dieser Okkupation von Bosnien und der Herzegowina durch Österreich-Ungarn. Man muß daher die Frage aufwerfen: Wie ist es denn eigentlich gekommen, daß Österreich veranlaßt werden konnte, Bosnien und die Herzegowina zu okkupieren? — Es hat das sogar schon etwas mit den Ursachen zum Ausbruch des russisch-türkischen Krieges zu tun. Nach Südosten hin grenzen balkanslawische Völker an Osterreich-Ungarn an. Aber Österreich-Ungarn selbst hat gegen Südosten hin slawische Bevölkerung. Es hat die Südslawen, es hat die Kroaten, es hat die Slawonier, die sich, namentlich die letzteren, die Kroaten und Slawonier, sehr verwandt fühlen mit den Serben. In Bosnien und in der Herzegowina, die ja bis in die siebziger Jahre in einem etwas zweifelhaften, aber doch in einem Untertänigkeitsverhältnis zur Türkei standen, da ist slawische und türkische Bevölkerung durcheinander gewesen. Da entstanden Unruhen, die zunächst so sich ausnahmen vor der europäischen Welt, daß sie Unruhen sein sollten, welche sich gegen die Herrschaft der Türken richteten. Natürlich, ich müßte jetzt viel ausführlicher sein, wenn ich mehr tun wollte als skizzieren, aber ich will Ihnen nur einiges skizzieren. Nun ist schon interessant, sich darüber zu unterrichten, wie denn dazumal eigentlich diese Unruhen, deren letzte Niederwerfung eben in der Okkupation von Bosnien und der Herzegowina durch Österreich bestehen sollte, zustande gekommen sind. Denn gerade die Art, wie diese Unruhen zustande gekommen sind, ist zeitgeschichtlich von außerordentlich großer Bedeutung.
[ 8 ] Essentially, much of what has taken place in the Balkans is linked to this occupation of Bosnia and Herzegovina by Austria-Hungary. One must therefore ask: How did it actually come to pass that Austria was prompted to occupy Bosnia and Herzegovina? — This is even somewhat related to the causes of the outbreak of the Russo-Turkish War. To the southeast, the Balkan Slavic peoples border Austria-Hungary. But Austria-Hungary itself has a Slavic population to the southeast. It has the South Slavs, it has the Croats, it has the Slavonians, who—especially the latter, the Croats and Slavonians—feel a strong kinship with the Serbs. In Bosnia and Herzegovina—which, after all, until the 1870s were in a somewhat dubious, yet still subordinate relationship to Turkey—the Slavic and Turkish populations were intermingled. Unrest arose there that initially appeared to the European world to be directed against Turkish rule. Of course, I would have to go into much greater detail if I wanted to do more than just sketch out the situation, but I only want to outline a few points for you. Now, it is certainly interesting to learn how these disturbances—the final suppression of which was to consist precisely in the Austrian occupation of Bosnia and Herzegovina—actually came about at that time. For it is precisely the manner in which these disturbances arose that is of extraordinary historical significance.
[ 9 ] Hätte man dazumal die Herzegowsken und die Bewohner von Bosnien, die Bosniaken, für sich selbst ihrem Schicksal überlassen, es wären wahrscheinlich nicht gerade Unruhen ausgebrochen, die Europa besonders beunruhigt haben würden. Allein solche Dinge wurden ja unter dem alten Regime, das aber nicht etwa bloß das alte Regime an der Stelle ist, sondern das im Grunde das alte Regime über die ganze zivilisierte Welt war bis jetzt, solche Unruhen wurden unter dem alten Regime oftmals, man kann schon sagen, fabriziert. Gewiß, unter den Bosniaken und den Herzegowsken waren Beunruhigungen ausgebrochen; sie waren nicht zufrieden mit der türkischen Herrschaft. Aber das hätte, wenn man sie sich selbst überlassen hätte, eigentlich äußerlich Europa nicht in Aufruhr zu versetzen, in Unruhe zu führen gebraucht. Dasjenige, was aber geschehen ist, das geschah ganz gewiß auf Betreiben zahlreicher Versammlungen, die von Generalen und Untergeneralen der verschiedensten, namentlich auch slawischer Nationen, in Wien abgehalten worden waren. Denn diejenigen, die hauptsächlich an jenem Aufstande, der dem türkisch-russischen Kriege voranging in jenen fragwürdigen Provinzen, teilnahmen, das waren zumeist Leute aus dem benachbarten Österreich und Dalmatien, also Dalmatiner und dalmatinisch-österreichische Montenegriner, die nach Bosnien und der Herzegowina hingeschickt worden sind. Man hat die Dinge von Wien aus so gedreht, daß dalmatinische Bevölkerung, Beunruhigung hervorrufend, hinübergeschickt worden ist in das benachbarte Bosnien und die Herzegowina. Die nötige Munition und das Kriegsmaterial wurden auch durch die zahlreichen Pässe befördert. Die Regierung hat sich dazumal so benommen, daß sie, um vor Europa gerechtfertigt dazustehen, bei einem Paß Gendarmen aufgestellt hat, um irgendeinen Menschen, der mit ein bißchen Munition durch den Paß nach Bosnien hinüberkutschierte, abzufangen, zu der gleichen Zeit, zu der man Leute hinübergeschickt hat von Dalmatien und auch von Triest und durch andere Pässe mit Munition und Kriegsmaterial ruhig hat passieren lassen.
[ 9 ] If, back then, the Herzegovinians and the inhabitants of Bosnia—the Bosniaks—had been left to their own devices, unrest would probably not have broken out that would have particularly alarmed Europe. But such things were, after all, often—one might even say deliberately—fabricated under the old regime, which was not merely the old regime in that particular place, but which, in essence, had been the old regime throughout the entire civilized world until now. Certainly, unrest had broken out among the Bosniaks and the people of Herzegovina; they were dissatisfied with Turkish rule. But if they had been left to their own devices, this would not actually have been necessary to throw Europe into turmoil or cause unrest. What did happen, however, certainly occurred at the instigation of numerous meetings held in Vienna by generals and lieutenant generals from a wide variety of nations, notably Slavic ones. For those who took the leading part in that uprising—which preceded the Turkish-Russian War in those disputed provinces—were mostly people from neighboring Austria and Dalmatia, that is, Dalmatians and Dalmatian-Austrian Montenegrins, who had been sent to Bosnia and Herzegovina. From Vienna, matters were manipulated in such a way that the Dalmatian population—in order to stir up unrest—was sent over to neighboring Bosnia and Herzegovina. The necessary ammunition and military supplies were also transported through the numerous mountain passes. The government behaved at that time in such a way that, in order to appear justified in the eyes of Europe, it stationed gendarmes at one pass to intercept anyone who was driving through the pass to Bosnia with even a small amount of ammunition, while at the same time allowing people from Dalmatia and also from Trieste to pass unhindered through other passes with ammunition and military supplies.
[ 10 ] Dann sind die Unruhen inszeniert worden, und von Triest aus sind immer die entsprechenden Börsentelegramme nach Europa abgesendet worden über den Verlauf dieser furchtbaren Unruhen. Und als einmal die Journalisten der «Neuen Freien Presse» — Sie wissen ja, Journalisten wollen nicht nur große Persönlichkeiten, sondern auch Ereignisse interviewen — hinüberkamen, wurden ihnen die Ereignisse vorgeführt. Da wurden sie hingestellt an einen Platz, wo es möglich war, große aufständische Massen, so viel, als man doch nicht hingeschickt hatte, vorzuführen. Aber das hat man so eingerichtet, sehen Sie — ich zeichne im Grundriß (es wird gezeichnet) —: Da stehen die braven Journalisten, und da zogen die Insurgenten vorbei. Aber es waren die Einrichtungen so getroffen — wissen Sie, wie beim Theater: da gehen sie heraus und da wieder herein —, daß sie da dreimal vorbeigeführt wurden. So wurde ein solcher weltbewegender Aufstand inszeniert! Selbstverständlich — die Journalisten konnten ja auch die ungeheure Zahl angeben, die sie da gesehen haben —, was sollte das europäische Publikum, das ja nicht autoritäts-, aber zeitungsgläubig ist, was sollte das anderes tun als wissen, daß da ungeheure Insurgentenmengen sind und daß da irgend etwas geschehen müsse.
[ 10 ] Then the unrest was staged, and stock market telegrams detailing the course of these terrible disturbances were constantly sent from Trieste to Europe. And when the journalists from the *Neue Freie Presse*—you know, journalists don’t just want to interview prominent figures, but also cover events—came over, the events were staged for them. They were positioned in a spot where it was possible to showcase large, rebellious crowds—though not as many as had actually been sent there. But it was set up this way, you see—I’ll sketch it out (he sketches)—: There stand the good journalists, and there the insurgents marched past. But the arrangements were such—you know, like in the theater: they go out here and come back in there—that they were paraded past three times. That’s how such an earth-shattering uprising was staged! Of course—the journalists were also able to cite the enormous numbers they saw there—what else could the European public, which doesn’t trust authority but believes the newspapers, do but conclude that there were immense crowds of insurgents and that something must be happening there.
[ 11 ] Nun, die Dinge führten dann zu der kriegerischen Verwickelung, führten zum Berliner Kongreß. Da erhielt dann Österreich-Ungarn eben das Mandat, in diesen Provinzen, in denen alles so unruhig ist, in denen man immer befürchten muß, daß Unruhen ausbrechen, da Ordnung zu machen. Und es wurde ihm nicht die Annexion — es war schon die Zeit, in der man sich zu radikalen Entschlüssen nicht aufraffen konnte —, es wurde ihm die Okkupation übertragen. Das ist so eine halbe oder viertel Sache. Es war damit etwas eingeleitet, was sich in gewisser Beziehung in Mitteleuropa mit einer gewissen Notwendigkeit ergab aus den vorangehenden Differenzen, die zwischen der mitteleuropäischen Bevölkerung, der norddeutschen Bevölkerung und Österreich, den süddeutschen Staaten 1866 ausgebrochen waren, was dahin geführt hatte, daß bei der Berliner Politik ein gewisser Zug entstand, Österreich als Habsburgerreich mehr nach dem Osten, nach der Slawenseite abzuschieben. Und Sie dürfen glauben, daß ein Mann wie ich, der mitten drinnengestanden hat, gerade als die entscheidenden Empfindungen bei den Deutschen Österreichs sich über diese Ereignisse entwickelten, daß der schon über diese Sache in unbefangener Weise zu reden weiß, jetzt nach so viel Jahren, ich kann fast sagen Jahrzehnten. Es handelte sich darum, daß als Begleiterscheinungen dieses Hinüberschiebens des Habsburgerreiches nach dem slawischen Osten genommen werden mußte das An-die-Wand-Drücken der Deutschen Österreichs. Das lag natürlich im Sinne und Stile der Berliner Politik wiederum aus dem Grunde, weil es ja nicht zwei Reiche in Mitteleuropa mit entschieden deutscher Färbung geben kann; daher sollte Österreich eine mehr slawische Färbung bekommen.
[ 11 ] Well, events then led to the military conflict and culminated in the Congress of Berlin. There, Austria-Hungary was given the mandate to restore order in those provinces where the situation was so unstable—where one always had to fear that unrest might break out. And it was not annexation that was granted to it—it was already a time when people could not bring themselves to make radical decisions—but rather occupation. That is something of a half-measure or a quarter-measure. This marked the beginning of a process that, in a certain sense, arose in Central Europe as a matter of necessity from the preceding differences that had erupted in 1866 between the Central European population, the North German population, and Austria and the South German states—a process that had led to the emergence of a certain trend in Berlin’s policy to push Austria, as the Habsburg Empire, further eastward, toward the Slavic side. And you may believe that a man like me, who was right in the thick of it just as the decisive sentiments among the Germans of Austria were developing in response to these events, is now able to speak about this matter impartially, after so many years—I can almost say decades. The point was that, as a consequence of this shifting of the Habsburg Empire toward the Slavic East, the Germans of Austria had to be pushed against the wall. This, of course, was in keeping with the spirit and style of Berlin’s policy, again for the reason that there cannot be two empires in Central Europe with a distinctly German character; therefore, Austria was to take on a more Slavic character.
[ 12 ] Dadurch aber waren gewisse Vorbedingungen gegeben, die eigentlich, wenn sie in gesunde Bahnen gelenkt worden wären, doch geeignet gewesen wären, außerordentlich geeignet gewesen wären, aus dieser sogenannten Donaumonarchie ein europäisches Gebilde mit einer großartigen Mission zu machen. Man könnte sich nichts Schöneres denken, als wenn in diese Tendenz, die Habsburgermonarchie nach Osten hinüber so langsam abzuschieben, die österreichischen Deutschen ja an die Wand zu drücken — aber die würden sich ihre Aufgabe selber haben stellen können —, wenn da durch diesen Rahmen, der dadurch entstanden ist, zur rechten weltgeschichtlichen Stunde eine richtige Mission hineingegossen worden wäre. Das wäre, man kann wirklich schon sagen, nicht bloß für Europa, sondern für die ganze zivilisierte Welt von ungeheuerster Bedeutung gewesen. Denn es hatte gutes Material in diesem Gebiete von Europa. Man darf nämlich folgendes nicht außer acht lassen. Die Deutschen Österreichs selber, sie sind so veranlagt — ich habe schon neulich auf einige Charakterzüge hingewiesen —, daß ihnen jeder imperialistische Impuls so fern wie möglich liegt. Es ist eigentlich vielleicht nicht einmal zu viel gesagt, wenn man die Meinung hat, daß man abstimmen könnte, nicht bloß über das Wort, sondern über dasjenige, was Imperialismus als Impuls ist: man würde wahrhaftig sehr wenige Leute unter der wirklichen deutsch-österreichischen Bevölkerung finden, die eine Ahnung davon haben, daß man sich einer solchen Sache zuwenden könnte. Daher kam es auch, daß sich diese deutsch-österreichische Bevölkerung mit Händen und Füßen gesträubt hat gegen die Okkupation von Bosnien und der Herzegowina, die ja, wenn auch eine Art Talmi, aber doch eine Art Anfall für eine österreichisch-imperialistische Politik war, die eigentlich eine historische Unmöglichkeit war, weil Österreich nicht so geartet ist, daß es eine imperialistische Politik jemals aus seiner eigenen Wesenheit heraus hätte entfalten können. Diese deutsch-österreichische Bevölkerung lebte, wie schon neulich gesagt, korrumpiert durch den Klerikalismus, in vieler Beziehung eine Art Pflanzendasein. Aber aus diesem Pflanzendasein heraus besteht die Möglichkeit, daß sich gerade starke Individualitäten entwickeln. Und an Geistigkeit hat sich wahrhaftig in Individualitäten nicht wenig gerade aus diesen deutschen Gebieten Österreichs entwickelt, auch in der Zeit, in der von Deutschland aus Deutsch-Osterreich, weil man eben das Habsburgerreich mitslawisieren wollte, an die Wand gedrückt worden ist.
[ 12 ] This, however, created certain preconditions which—had they been steered in the right direction—would have been well-suited, indeed extraordinarily well-suited, to transforming this so-called Danube Monarchy into a European entity with a magnificent mission. One could not imagine anything more beautiful than if, within this trend of gradually pushing the Habsburg Monarchy eastward—effectively cornering the Austrian Germans, though they would have been able to set their own course—a true mission had been instilled into the framework thus created at the right moment in world history. That would have been—one can truly say—of immense significance not only for Europe but for the entire civilized world. For there was good material in this part of Europe. One must not, in fact, overlook the following: The Austrians of German descent themselves are so disposed—I have already pointed out some of their character traits recently—that any imperialist impulse is as far removed from them as possible. In fact, it is perhaps not even an exaggeration to suggest that one could hold a vote—not merely on the word itself, but on the very impulse that constitutes imperialism: one would truly find very few people among the actual German-Austrian population who have the slightest inkling that one could even turn to such a cause. That is also why this German-Austrian population resisted tooth and nail the occupation of Bosnia and Herzegovina, which, even if it was a sort of sham, was nonetheless a sort of outburst of Austrian-imperialist policy—a policy that was, in fact, a historical impossibility, because Austria is not of such a nature that it could ever have developed an imperialist policy out of its own essence. This German-Austrian population, as I mentioned recently, lived—corrupted by clericalism—in many respects a sort of vegetative existence. But it is precisely from this vegetative existence that the possibility arises for strong individualities to develop. And in terms of spiritual depth, a great deal has indeed developed in individualities from these very German regions of Austria, even during the period when German-Austria was pushed to the wall by Germany—precisely because the Habsburg Empire was to be Slavicized.
[ 13 ] Nun muß man nicht vergessen, daß allerdings innerhalb dieses Territoriums ein außerordentlich stark chauvinistisches Element ist, das den spezifischen Charakter des Chauvinistischen an sich trägt: das ist das magyarische Element, das seinen Chauvinismus in rücksichtslosester Weise immer zur Durchführung zu bringen gesucht und auch gewußt hat durchzuführen. Das ist von jeher eine sehr üble Beigabe gewesen, und wäre es auch gewesen, wenn der österreichische Rahmen mit einer Mission irgendwie angefüllt worden wäre. Aber dann kommen für Österreich in Betracht die verschiedenartigsten Slawen, die verschiedenartigste slawische Bevölkerung, und diese slawische Bevölkerung Österreichs, sie hat nicht im geringsten in der Zeit, welche in Betracht kommt für die Vorbereitung der gegenwärtigen katastrophalen Ereignisse, an denen sie gewiß einen sehr großen Anteil hat, irgendeine imperialistisch geartete Politik in ihren Anlagen gehabt. Ganz entfernt von jeder imperialistisch gearteten Politik war die slawische Bevölkerung, auch der polnische Teil der österreichisch-slawischen Bevölkerung. Und unvergeßlich wird mir immer bleiben jene Rede, welche 1879 Otto Hausner, der damalige polnische liberale Abgeordnete, gegen die Okkupation von Bosnien und der Herzegowina gehalten hat gerade vom Standpunkte der Verdammung einer imperialistischen Politik aus.
[ 13 ] Now, one must not forget that within this territory there is, in fact, an extraordinarily strong chauvinistic element that embodies the specific nature of chauvinism itself: this is the Magyar element, which has always sought to carry out its chauvinism in the most ruthless manner and has also known how to do so. This has always been a very troublesome element, and would have remained so even if the Austrian framework had been filled with some kind of mission. But then there are the most diverse Slavs in Austria, the most diverse Slavic population, and this Slavic population of Austria—during the period relevant to the preparation of the current catastrophic events, in which it certainly played a very large part—did not in the least possess any imperialist-style policies in its disposition. The Slavic population—including the Polish segment of the Austro-Slavic population—was entirely removed from any imperialist-style policy. And I will always remember that speech delivered in 1879 by Otto Hausner, the Polish liberal member of parliament at the time, against the occupation of Bosnia and Herzegovina, precisely from the standpoint of condemning imperialist policy.
[ 14 ] Dasjenige, was die Slawen in Österreich trieben, war eigentlich im wesentlichen immer allerdings nationale — das ist das Schlimme daran —, aber nationale Kulturpolitik. Sie wollten durch die Pflege der Nationalität, nicht in chauvinistischer Weise — das unterscheidet sie oder unterschied sie wenigstens immer von den Magyaren —, als Völker vorwärtskommen, als Völker dasjenige entwickeln, was in ihren Anlagen liegt. Hätte man alles das, was da in den Anlagen der verschiedenen Völker Österreichs ist und was durch den Rahmen Österreich eben eingeschlossen war, gewußt in eine Mission zu vereinigen, so hätte eben wirklich Großes und Bedeutsames daraus entstehen können. Denn die slawische Bevölkerung Österreichs war niemals, auch noch nicht im Beginn dieser kriegerischen Weltkatastrophe, geneigt, sich darauf einzulassen, mit der slawischen Bevölkerung Rußlands irgendeine Konföderation einzugehen. Die slawische Bevölkerung Österreichs, vielleicht mit Ausnahme der polnischen, die ihr eigenes geschlossenes Reich haben möchten, aber die andere slawische Bevölkerung Österreichs, war vor allen Dingen noch lange in diese Kriegszeit herein — diese Kriegszeit hat eben verschiedene Phasen, die man jetzt noch nicht berücksichtigt und unterscheidet — durchaus noch nicht irgendwie rußlandfreundlich gesinnt. Was die slawische Bevölkerung Österreichs, indem das zum Ausdrucke kam durch ihre Führer, wollte, das war gerade eine slawische Kulturpolitik der österreichisch-slawischen Völker, vielleicht mit einiger Ausdehnung über die Balkanslawen, aber in ausgesprochener Weise gerichtet gegen den Zarismus. Gewiß, einzelne Erscheinungen weichen davon ab, aber auf die kommt es im großen Ganzen nicht an; aber daher ist im Grunde genommen jene rasche und große Wendung der österreichischen Slawen zu Rußland hin erst geschehen mit dem Sturze des Zarismus. Der Sturz des Zarismus hat für Österreich ungeheuer entscheidend gewirkt, denn mit einem zaristischen Rußland wären die Slawen Österreichs niemals zu vereinigen gewesen, in ihren Sympathien meine ich, und darauf kam es ja an; denn die Tschechoslowaken-Frage wurde im ganzen Hergang der Ereignisse eine der allerwichtigsten.
[ 14 ] What the Slavs in Austria were engaged in was, in essence, always—and this is the worst part—a national cultural policy. By fostering their national identity—not in a chauvinistic way, which is what distinguishes them, or at least has always distinguished them, from the Magyars—they sought to advance as peoples and to develop, as peoples, what lies within their inherent nature. Had one been able to unite, within a single mission, all that lies within the inherent potential of Austria’s various peoples—and which was precisely encompassed by the framework of Austria—then something truly great and significant could indeed have emerged from it. For the Slavic population of Austria was never—not even at the outset of this war-torn global catastrophe—inclined to enter into any kind of confederation with the Slavic population of Russia. The Slavic population of Austria—perhaps with the exception of the Poles, who wished to have their own unified kingdom—but the rest of the Slavic population of Austria, above all else, was still, well into this time of war—this time of war has various phases that are not yet taken into account or distinguished—by no means sympathetic to Russia. What the Slavic population of Austria—as expressed through their leaders—wanted was precisely a Slavic cultural policy for the Austro-Slavic peoples, perhaps extending somewhat to the Balkan Slavs, but explicitly directed against Tsarism. Certainly, individual instances deviate from this, but on the whole they are of no consequence; and that is why, fundamentally speaking, that rapid and significant shift of the Austrian Slavs toward Russia only occurred with the fall of tsarism. The fall of tsarism had an immensely decisive effect on Austria, for with a tsarist Russia, the Slavs of Austria could never have been united—in their sympathies, I mean—and that was what mattered; for the Czechoslovak question became one of the most important issues in the entire course of events.
[ 15 ] Nun hat man in Österreich nicht verstanden, das alles zu sehen und in eine Mission zu vereinigen, und das war das tragische Geschick Österreichs. Man hat das eben durchaus nicht verstanden. Nun war selbstverständlich unter der slawischen Bevölkerung Österreichs eine große Gärung, die darauf hinzielte, dasjenige zu verwirklichen, was ich eben angedeutet habe: Befreiung der Slawen als Nation so, daß sie ihre Anlagen frei entwickeln können im Rahmen Österreichs. Das alles wurde statt in eine große Kulturmission, in Österreich unter dem Einflusse der habsburgischen Hausmachtpolitik und unter dem Klerikalismus leider gezwängt in eine Politik, welche Moriz Benedikt nicht mit Unrecht eine «ärarische Politik» genannt hat. Man kann sie auch nicht gut anders bezeichnen. Es ist eine Politik, welche so durcheinandergemischt ist aus schlampiger Soldatenorganisation, noch schlampigerem Bürokratismus, aus einem nicht ganz vollendeten, aber auch wiederum zu Schlampigkeit neigenden Pedantismus und so weiter.
[ 15 ] Now, in Austria, people failed to see all of this and to unite it into a single mission, and that was Austria’s tragic fate. They simply did not understand this at all. Of course, there was great unrest among the Slavic population of Austria, aimed at bringing about what I have just hinted at: the liberation of the Slavs as a nation, so that they could freely develop their potential within the framework of Austria. Instead of being channeled into a grand cultural mission, all of this was, under the influence of the Habsburgs’ power-base politics and clericalism, unfortunately forced into a policy that Moriz Benedikt—not without good reason—called an “Arian policy.” There is really no better way to describe it. It is a policy that is a jumbled mixture of sloppy military organization, even sloppier bureaucracy, a pedantry that is not quite perfected but which, in turn, also tends toward sloppiness, and so on.
[ 16 ] Das ist eben hauptsächlich dasjenige Element, von dem ich neulich einmal sagen konnte: es gehörte zu dem, was einen eigentlich nichts anging. Nun aber, wir dürfen nicht vergessen: Solche Gärungen, die dann keine territorialen Grenzen kennen, sind Material für kommende Ereignisse. Nicht wahr, wenn esirgendwo, sagen wir, beiden Tschechen, gärt, wenn man da etwas will, so können irgendwelche Großmächte gewissermaßen wettlaufen um die Sympathien einer solchen Volksgemeinschaft — auch um die realen Sympathien, die dann zu etwas führen. Großmächte, die gar nichts dort zu tun haben, die bemächtigen sich eines solchen Gebietes. Dadurch entstehen unnatürliche Verhältnisse in der Welt. Es sympathisieren dann also in dem Beispiel, das ich gewählt habe, die Tschechen mit einer Großmacht, von der sie sich eine Förderung in ihren Aspirationen versprechen, mit einer Großmacht, mit der sie sonst gar nicht weiter irgendwie Sympathien entwickeln konnten. Dadurch, mit diesen Vorbedingungen, die da gegeben werden, sind für diejenigen, die schlau sein konnten, für diejenigen, die die Politik im alten Sinne verstehen, zahlreiche Möglichkeiten gegeben zu Wühlereien, wenn man das oder jenes will. Es bildet sich Zündstoff für Konflikte, den man dann benützen kann. Nun, der langjährige österreichische Ministerpräsident Graf Taaffe, dem übertragen war, eine sogenannte Versöhnungspolitik der verschiedenen Völker Österreichs zu bewirken, hat den Grundcharakter seiner eigenen Politik selber bezeichnet: «fortwursteln». Ja, es ist vielleicht schwer zu übersetzen, «fortwursteln»; das heißt vielleicht also: so schlampig fortmachen, ohne daß man eine Idee sich bildet, wie es nun weitergehen soll. Man macht, macht, macht so, bis der Karren nicht mehr weitergeht. — «Fortwursteln» nannte der Graf Taaffe dasjenige, was der Kern seiner eigenen Politik war. Dann kamen andere, die den Grafen Taaffe ablösten, aber sie wurstelten auch fort. Sie betrachteten die Versöhnung immer so, daß sie einmal der einen Nationalität eine Universität bewilligten, ein andermal der anderen Nationalität irgendeinen Landesausschuß oder so etwas bewilligten, eine Bank gründeten oder dergleichen. Dadurch brachten sie die Nationalitäten erst recht durcheinander und entfremdeten sie einer wirklichen Mission, die sich hätte finden lassen, die auch verstanden worden wäre, wenn man sie nur wirklich gebracht hätte.
[ 16 ] That is precisely the element I recently described as something that was really none of one’s business. But now, we must not forget: Such unrest, which knows no territorial boundaries, is the fuel for future events. Isn’t it true that if unrest is brewing somewhere—let’s say, among both Czechs—and people there want something, then certain great powers may, so to speak, compete for the sympathies of such a community—including the genuine sympathies that then lead to something. Great powers that have absolutely no business there seize control of such a territory. This creates unnatural conditions in the world. So, in the example I’ve chosen, the Czechs then sympathize with a great power from which they expect support for their aspirations—a great power with which they otherwise could not have developed any sympathies at all. As a result of these preconditions that are in place, there are numerous opportunities for those who are shrewd—for those who understand politics in the traditional sense—to stir up trouble, depending on what they want to achieve. This creates fuel for conflicts that can then be exploited. Now, the long-serving Austrian Prime Minister Count Taaffe, who was tasked with implementing a so-called policy of reconciliation among the various peoples of Austria, described the fundamental nature of his own policy as “fortwursteln.” Yes, “fortwursteln” may be difficult to translate; perhaps it means something like: to carry on in a slapdash manner, without forming any idea of how things should proceed from here. One just keeps going, going, going, until the cart can go no further. — Count Taaffe called “fortwursteln” the very essence of his own policy. Then others came along who replaced Count Taaffe, but they, too, muddled along. They always viewed reconciliation in such a way that one time they would grant a university to one nationality, another time they would grant some kind of provincial committee or something similar to another nationality, or they would establish a bank or the like. In doing so, they only served to further confuse the nationalities and alienate them from a genuine mission that could have been found—one that would have been understood, had it only been truly pursued.
[ 17 ] Und so eigentlich ging es, bis das unselige Jahr 1914 herankam. Man kann nicht einmal sagen, daß diese Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand viel mehr war als ein äußerer Anlaß zu dem, was dann als sogenanntes Ultimatum von Österreich-Ungarn an Serbien gestellt worden ist. Denn man war schon längst nicht mehr in dem Stadium, in dem sich solche Ereignisse wie diejenigen, die nun hereingebrochen sind, direkt etwa dadurch entschieden, daß diese oder jene Gegensätze da waren. Diese oder jene Gegensätze wurden nur benützt, um weitaus andere Dinge zu erreichen. Nun, will man die Frage beantworten: Wollte innerhalb Österreichs irgend jemand den Krieg, der dann gekommen ist? — so würde man die Frage in ganz falsche Richtung lenken, wenn man das eine oder das andere Volk Österreichs anklagen wollte, oder auch, wenn man gar die österreichische Regierung anklagen wollte. Denn die österreichische Regierung 1914: ein weit über achtzig Jahre alter, nicht mehr denkfähiger Kaiser, dem es wirklich nicht darauf ankam, einen Krieg zu führen; ein bis zum Pathologischen unfähiger Außenminister, der Graf Berchtold, der wohl geeignet war, da oder dort hingeschoben zu werden, aber dem man ja nicht zumuten darf, daß er irgendwie den initiativen Gedanken hätte fassen können, irgendeinen Krieg zu entfesseln. Und diejenigen, die ihn als Kreaturen umgaben, gerade im engeren Amte, die waren schon sicher auch wenig dazu geeignet, den Krieg zu entfachen. Also wer innerhalb der österreichischen Regierung oder innerhalb der Hofburg von Wien die Schuld zu diesem Kriege sucht, der lenkt eigentlich die Frage in eine ganz falsche Richtung, denn solche Unfähigkeit beschließt keine Kriege. Ich sage das nicht aus einer Emotion heraus, ich sage es auch nicht, um etwas zu beurteilen, sondern als eine Zusammenfassung von Tatsachen.
[ 17 ] And that was essentially how things went until the ill-fated year of 1914 arrived. One cannot even say that the assassination of Archduke Franz Ferdinand was much more than an external trigger for what was then presented as the so-called ultimatum issued by Austria-Hungary to Serbia. For things had long since moved beyond the stage where events such as those that have now unfolded were directly determined by the existence of this or that conflict. These conflicts were merely exploited to achieve entirely different ends. Now, if one were to ask: Did anyone within Austria want the war that subsequently broke out? — one would be steering the question in entirely the wrong direction if one sought to accuse one or another of Austria’s peoples, or even if one sought to accuse the Austrian government itself. For the Austrian government in 1914 consisted of: an emperor well over eighty years old, no longer capable of rational thought, for whom waging war was truly of no concern; a Foreign Minister, Count Berchtold, who was pathologically incompetent—suitable, perhaps, for being shuffled from one post to another, but from whom one certainly cannot expect that he could have conceived the initiative to unleash any war whatsoever. And those who surrounded him as his minions, especially in his inner circle, were certainly also ill-suited to ignite a war. So anyone who looks for the blame for this war within the Austrian government or within the Hofburg in Vienna is actually steering the question in entirely the wrong direction, for such incompetence does not start wars. I am not saying this out of emotion, nor am I saying it to pass judgment, but rather as a summary of facts.
[ 18 ] Aber man darf das andere nicht vergessen. Man kann ja noch nach anderen Richtungen die Blicke lenken. Man muß sich klar darüber sein, daß ja im Hintergrunde von allem, was in den letzten Jahren geschehen ist, eine Kriegsmöglichkeit lag, eine Kriegsmöglichkeit, welche nach den verschiedensten Richtungen sich ausleben konnte. Und diese Kriegsmöglichkeit liegt, ich möchte sagen, in einer historischen Entwickelung selbst. Ich habe hier oft davon gesprochen. Sie liegt einfach darinnen, daß von der englischsprechenden Bevölkerung der Welt aus gewissen Voraussetzungen heraus die Weltherrschaft angestrebt wird. Dies ist eine Tatsache, die man als Tatsache hinnehmen muß. Aber nicht wahr, einer solchen Tatsache gegenüber verhalten sich nicht alle Menschen, die nicht dazu gehören zur Anstrebung dieser Weltherrschaft, ganz passiv, sondern sie haben allerlei Aspirationen, und dadurch kann so mancherlei geschehen. So daß einfach durch das Vorhandensein des englischen Imperialismus, der sich ja insbesondere im zwanzigsten Jahrhundert immer sichtbarer und sichtbarer herausgebildet hat, natürlich lauter Kriegsmöglichkeiten entstanden sind. Diese Kriegsmöglichkeiten waren für diejenigen Menschen, die Kriege brauchten, selbstverständlich immer etwas, was benützt werden konnte. Nun lagen die Dinge für Österreich so, daß allerdings in Wien und Österreich Finanzkreise waren, die eigentlich schon durch mehrere Jahre es gern gesehen hätten, wenn sie ihrer Wirtschaft durch einen Krieg hätten aufhelfen können, die interessiert waren an der Herbeiführung eines Krieges. Und man kann sagen: Es ist den Entente-Regierungen selbstverständlich ungeheuer leicht, zu beweisen, daß sie den Krieg nicht verursacht haben. Nichts leichter als das, aber es will nicht viel besagen, denn darum handelt es sich nicht. Die eigentlichen Kriegsveranlasser gerade in dieser Zeit waren eben auf keinem Boden die Regierenden, sondern solche Mächte, die dahinterstanden. Ich habe von bedeutsamen Mächten, die nun ganz dahinterstanden, vor einem Jahr hier hinlänglich gesprochen. Aber es waren dann wiederum da die vorgeschobenen Posten, und das waren im wesentlichen Finanzkreise und Unternehmer, Großunternehmerkreise.
[ 18 ] But we must not forget the other side of the story. After all, we can still turn our attention in other directions. We must be clear that, underlying everything that has happened in recent years, there was the possibility of war—a possibility that could have played out in a wide variety of ways. And this possibility of war lies, I would say, in historical development itself. I have often spoken of this here. It simply lies in the fact that the English-speaking population of the world, based on certain premises, is striving for world domination. This is a fact that must be accepted as such. But isn’t it true that not all people who are not part of this quest for world domination react entirely passively to such a fact; rather, they have all sorts of aspirations, and as a result, all manner of things can happen. So that simply through the existence of English imperialism—which, after all, has become increasingly visible, especially in the twentieth century—numerous possibilities for war have naturally arisen. These possibilities of war were, of course, always something that could be exploited by those who needed wars. Now, the situation for Austria was such that there were indeed financial circles in Vienna and Austria that, for several years already, would have welcomed the opportunity to boost their economy through a war—circles that were interested in bringing about a war. And one can say: It is, of course, incredibly easy for the Entente governments to prove that they did not cause the war. Nothing could be easier, but that does not mean much, because that is not the point. The actual instigators of the war, particularly at that time, were by no means the ruling authorities, but rather the powers standing behind them. I spoke at length here a year ago about the significant powers that were now fully behind the scenes. But then, of course, there were the figureheads, and these were essentially financial circles and business leaders, particularly large industrialists.
[ 19 ] Nun konnten diese Großunternehmerkreise alle möglichen Differenzen und Disharmonien, die bestanden, benützen, um gewissermaßen die Weltgeschichte in ihrer Richtung zu lenken. Solche Konsortien gab es selbstverständlich auch in Wien. Die waren dort die eigentlich treibenden Mächte. Ich würde gar nicht einmal untersuchen mögen, welchen Ursprungs solche Konsortien sind. Solche Konsortien brauchen durchaus nicht einmal aus dem eigenen Land zu sein, sie können woanders her sein. Aber territorial waren jedenfalls solche Konsortien da. Das waren in einer gewissen Beziehung schon die schiebenden Mächte. Und da immer dasjenige, was in der slawischen Bevölkerung sowohl Österreichs wie des weiteren Ostens gärte, benützt werden konnte, und benützt werden konnte die ganze nicht vorhandene Mission Österreichs, so war es natürlich möglich, solche vorhandene Tendenzen auszunützen, wenn man etwas beitragen wollte zur Herbeiführung irgendeines Krieges. Es waren ganz gewiß unter denjenigen treibenden Mächten, welche es möglich gemacht haben, daß diese Kriegskatastrophe den Ausdruck gefunden hat, den sie gefunden hat, die Differenzierungen und Aspirationen der slawischen Völker Österreichs und des Ostens sehr, sehr stark daran beteiligt, aber im Grunde genommen auch nur als gebrauchte Objekte, als dasjenige, was man benützte.
[ 19 ] Now, these circles of big business were able to exploit all manner of differences and discord that existed in order to steer world history, so to speak, in their direction. Such consortia naturally existed in Vienna as well. They were, in fact, the driving forces there. I wouldn’t even want to investigate the origins of such consortia. Such consortia need not necessarily be from one’s own country; they can come from elsewhere. But territorially speaking, such consortia were certainly present. In a certain sense, they were already the driving forces. And since whatever was brewing among the Slavic population—both in Austria and further east—could be exploited, and since Austria’s entirely non-existent mission could be exploited as well, it was naturally possible to take advantage of such existing tendencies if one wished to contribute to bringing about some kind of war. Among the driving forces that made it possible for this war catastrophe to take the form it did, the differences and aspirations of the Slavic peoples of Austria and the East certainly played a very, very strong role; but, strictly speaking, they were merely objects to be used, things that were exploited.
[ 20 ] Wenn man die nächsten Stoßenden ins Auge fassen will, so sind es eigentlich im Grunde genommen Finanzmächte, Kapitalmächte, weniger im gewöhnlichen Sinne, als Großkapitalmächte, Gründerkapitalmächte und dergleichen. Das war es, was dahinterstand. Das war natürlich seit Jahrzehnten überhaupt das Herrschende in der gegenwärtigen Menschheit. Mehr als irgend jemand, der schläft, glauben kann, steht hinter den Ereignissen der letzten Jahrzehnte die internationale Finanzwelt, die Gründerwelt im großen. Nicht wahr, die Mächte, von denen ich hier gesprochen habe, die benützten wiederum die Finanzwelt, aber die Finanzwelt gab die nächsten Stöße. Und von dieser Finanzwelt ging auch das in Österreich aus, was schon jahrelang als Zündstoff vorhanden war. Da schob man. Es war überhaupt eine günstige Zeit heraufgekommen für die Möglichkeit, daß sich über ihre Gewinnchancen sehr klare, aber sonst sehr, sehr im Trüben fischende Finanzmächte irgend etwas arrangieren konnten. Es war eine günstige Zeit heraufgekommen. Und gerade in der Art und Weise, wie diese Katastrophe hereingebrochen ist, zeigt sich, daß für diese Mächte eine außerordentlich günstige Zeit hereingebrochen ist. Sie wußten auch diese günstige Zeit in der richtigen Weise auszunützen. Man muß eben nur daran denken, was es bedeutet, wenn man die Maschinerie ganzer Reiche in Bewegung setzen kann, um irgend etwas rein Geschäftliches zu erreichen. Solche Dinge sind lange vorbereitet worden in der neueren Zeit, und der Zeitpunkt war gerade eben beim Ausbruch unserer kriegerischen Katastrophe ganz besonders günstig. Es ist vieles mit heraufgewühlt worden, was in Untergründen der Völker saß, aber man kann sich eigentlich nichts denken, was teuflisch-geistvoller war als diese Ausnützung der Weltkonjunktur in den letzten Jahrzehnten durch internationale Finanzmächte.
[ 20 ] If one wants to consider the next major forces at play, they are essentially financial powers, capital powers—not so much in the conventional sense, but rather the powers of big capital, venture capital, and the like. That was what lay behind it all. Of course, this has been the dominant force in contemporary humanity for decades. More than anyone who is asleep could believe, the international financial world—the world of entrepreneurs on a grand scale—stands behind the events of the last few decades. Isn’t it true that the powers I have spoken of here, in turn, used the financial world, but it was the financial world that delivered the next blows? And it was from this financial world that the situation in Austria—which had been simmering as a powder keg for years—finally erupted. They pushed things forward. A favorable time had indeed arrived for financial powers—who were very clear about their profit opportunities but otherwise operated in a very, very murky environment—to arrange something for themselves. A favorable time had arrived. And precisely the way in which this catastrophe broke out shows that an extraordinarily favorable time had arrived for these powers. They also knew how to exploit this favorable time in the right way. One need only consider what it means to be able to set the machinery of entire empires in motion to achieve something purely business-related. Such things have long been in the making in recent times, and the timing was particularly favorable precisely at the outbreak of our war-torn catastrophe. Much has been stirred up that lay dormant in the depths of the nations, but one can hardly imagine anything more diabolically ingenious than this exploitation of the global economic situation in recent decades by international financial powers.
[ 21 ] Sehen Sie, die Macht der mitteleuropäischen Reiche und eigentlich auch des russischen Reiches — für England nicht die Macht des Reiches, wohl aber die Macht der Finanz — ist eigentlich nach und nach ohnmächtig geworden. Die Reiche bedeuteten eigentlich im Grunde genommen nichts Besonderes, nichts, was Entscheidungen im weltgeschichtlichen Fortgange herbeiführte. Entscheidungen im weltgeschichtlichen Fortgange führten herbei die Transaktionen der Großkapitalmächte, der internationalen Großkapitalmächte, die sich der Reiche als Instrumente bedienten. Und dazu war die Weltkonjunktur gerade, als das Jahr 1914 herannahte, eben außerordentlich günstig. Osterreich kam allmählich dahin, nur zu sein das Instrument finanzieller Konsortien. Aber auch Deutschland, das sogenannte Deutschland kam dahin, nur zu sein das Instrument finanzieller Konsortien. Das war dadurch herbeigeführt worden, daß in Österreich auf dem sogenannten Throne saß ein alter Herr, der eigentlich kaum noch fähig war, in seine Sinne aufzunehmen, was um ihn herum vorging, der nicht mehr wußte, was um ihn herum vorging, der bewogen werden konnte zu allem, was man ihm eben äußerlich plausibel machte; daß durch diese Verhältnisse, wie ich es Ihnen geschildert habe, durch dieses Fortwursteln, nach und nach überhaupt nur noch möglich geworden war, die absoluteste Unfähigkeit in die Ministerien hineinzubringen. Denn wenn man eine Menagerie von lauter Unfähigen haben wollte, so brauchte man sie nur zusammenzusetzen aus den verschiedenen österreichischen Ministerien der letzten Zeit. Das war ein gutes Feld, welches als Instrument benützt werden konnte. Denn man brauchte nur die Dinge so zu lenken, daß ein immerhin doch respektabler Heeresorganismus so verwendet wurde, daß sich ein Finanzkonsortium versprechen konnte, durch diese Verwendung eine entsprechende Welttransaktion zu machen. Hinter dem, was im Juli/August 1914 in Österreich geschehen ist, stehen eben durchaus Finanzmächte, die vielleicht gar nicht einmal ihren Ursprung in Österreich selber haben, denen aber dieses Österreich ein Instrument war, um gewisse Dinge zu erreichen. Den Grafen Berchtold konnte man wirklich schieben, wenn man ein richtiger Finanz-Schachmann war, wohin man wollte, wie eine Schachfigur. Das war das eine.
[ 21 ] You see, the power of the Central European empires—and, in fact, of the Russian Empire as well—not the empire’s power as such, but rather its financial power—has, in fact, gradually waned. The empires were, in essence, nothing special, nothing that brought about decisions in the course of world history. Decisions in the course of world history were brought about by the transactions of the major financial powers—the international major financial powers—which used the empires as instruments. And the global economic climate, just as the year 1914 was approaching, was exceptionally favorable for this. Austria gradually came to be nothing more than an instrument of financial consortia. But Germany, too—so-called Germany—came to be nothing more than an instrument of financial consortia. This was brought about by the fact that in Austria, on the so-called throne, sat an old man who was, in truth, scarcely capable of comprehending what was happening around him, who no longer knew what was happening around him, and who could be persuaded to do anything that was made to seem plausible to him from the outside; that, due to these circumstances—as I have described to you—and this muddling through, it had gradually become possible to bring only the most utterly incompetent individuals into the ministries. For if one wanted a menagerie of nothing but incompetents, one need only assemble them from the various Austrian ministries of recent times. That was fertile ground that could be used as a tool. For one need only steer events in such a way that a military organization—respectable, at any rate—was utilized in a manner that allowed a financial consortium to promise itself a corresponding global transaction through this utilization. Behind what happened in Austria in July/August 1914 stand financial powers that may not even have originated in Austria itself, but for whom Austria served as an instrument to achieve certain goals. If one was a true financial strategist, one could really maneuver Count Berchtold wherever one wanted, just like a chess piece. That was one thing.
[ 22 ] Das andere war doch, daß durch die unglückseligen Verhältnisse der letzten Jahrzehnte auch das Deutsche Reich allmählich übergegangen war in ein Instrument für finanzielle Operationen und auch industrielle Operationen. Das Fehlerhafteste, was man beim Aufwerfen von Schuld- oder anderen Fragen bei dieser Gelegenheit begehen kann, das ist, wenn man sich dem Glauben hingibt, daß eine deutsche Regierung eine mächtige Regierung war, irgend etwas von sich aus wollte. Sie wollte wirklich nichts Besonderes. Denn die meisten in Deutschland, im sogenannten Deutschland Regierenden, die könnte man zu den anderen, die ich eben genannt habe, dazusperren, und sie würden sich nicht so sehr unterscheiden von ihnen namentlich in bezug auf ihre politischen Qualitäten. Dazu kam ein anderer Umstand. Dazu kam der Umstand, daß gerade innerhalb des Deutschen Reiches eine große Bedeutung für die Einschläferung des allgemeinen Bewußtseins die Tatsache hatte, daß ein sehr unbedeutender, eigentlich seiner ganzen intellektuellen Qualität nach höchst unbedeutender Herrscher inszeniert wurde in einer Art — man darf das Wort, das ja heute vielfach gebraucht worden ist, wieder gebrauchen — Theaterpolitik. Und in nicht geringerem Maße als der alte Kaiser von Österreich ist der von vielen ganz zu Unrecht für bedeutend angesehene Kaiser, der Deutsche Kaiser, das geeignete Instrument gewesen innerhalb der von mir angedeuteten und charakterisierten Weltkonjunktur. Der größte Irrtum, dem sich die zivilisierte Menschheit hingegeben hat, ist der, daß auf dem Deutschen Kaiserthron — man kann staatsrechtlich nicht von einem Deutschen Kaiserthron sprechen, nun, aber Sie wissen, was ich meine — irgendein bedeutender, in Frage kommender Mensch gesessen hätte. Das ist ja eben durchaus nicht der Fall gewesen. So daß auch da die hier allerdings mehr dahinterstehende industrielle Welt, aber in Verbindung mit der Finanzwelt, die eigentlichen Schieber lieferte. Als drittes kommt natürlich in Betracht, daß nicht minder unbedeutend der Herrscher Rußlands war, der in ebensolcher Weise ein Instrument war und nun für alle möglichen nicht nur Finanz- und industriellen Mächte, sondern für manche anderen dunklen Mächte auch noch gebraucht werden konnte. Zu all dem kommt eben hinzu, daß hinter all diesem, was sich in der Weltkonjunktur ausspricht, die Expansion des Imperialismus der englischsprechenden Reiche stand. Das darf nicht übersehen werden. Denn in alle diese Gegensätze, die ich jetzt aufgezählt habe, spielen hinein die anderen Gegensätze, wie zum Beispiel jene europäische Sackgasse, die man als Elsaß-Lothringische Frage bezeichnen kann, und dergleichen. Das spielt so hinein in einer gewissen Weise. Aber dasjenige, was von allen Ecken heraus zu Kriegsursachen hat führen können, wenn man sie eben wollte, das ist die Umwandlung der so liberal, in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts so liberal gewordenen englischen Politik in den englischen Imperialismus des zwanzigsten Jahrhunderts.
[ 22 ] The other point was that, due to the unfortunate circumstances of the past decades, the German Empire, too, had gradually become an instrument for financial and industrial operations. The gravest mistake one can make when raising questions of debt or other issues on this occasion is to succumb to the belief that a German government—a powerful government—wanted anything of its own accord. It really wanted nothing in particular. For most of those in Germany—the so-called rulers of Germany—could be lumped in with the others I just mentioned, and they would not differ all that much from them, particularly with regard to their political qualities. Added to this was another circumstance. Added to this was the fact that, particularly within the German Empire, the fact that a very insignificant ruler—in fact, one who was, in terms of his entire intellectual capacity, highly insignificant—was staged in a sort of—one may use the word again, since it has been used so often today—“theatrical politics” played a major role in lulling the general consciousness to sleep. And no less so than the old Emperor of Austria, the German Emperor—who is quite wrongly regarded by many as significant—served as the ideal instrument within the global context I have outlined and characterized. The greatest error to which civilized humanity has succumbed is the belief that the German imperial throne—one cannot speak of a “German imperial throne” in terms of constitutional law, but you know what I mean—was occupied by any significant, suitable individual. That was certainly not the case. So even there, the industrial world—which, admittedly, was more in the background here—but in conjunction with the financial world, provided the actual manipulators. Thirdly, of course, one must consider that no less insignificant was the ruler of Russia, who was an instrument in exactly the same way and could now be used not only by all manner of financial and industrial powers, but also by certain other shadowy powers. Added to all this is the fact that behind all these developments, as reflected in the global economic situation, lay the expansion of imperialism by the English-speaking empires. This must not be overlooked. For all these contradictions I have just listed are intertwined with other contradictions, such as the European impasse that can be described as the Alsace-Lorraine question, and the like. These factors play a role in a certain way. But what could have led to the causes of war from all sides—if one so desired—is the transformation of British politics, which had become so liberal in the mid-nineteenth century, into twentieth-century British imperialism.
[ 23 ] Nun erzeugte natürlich das alles alle möglichen, ich möchte sagen, Pulverfässer, in die man nur den Zündfunken hineinzutun brauchte. Es erzeugte auch jene eigentümlichen Ideen, mit denen die finanziellen Schachfigurenschieber so hauptsächlich rechnen. Sehen Sie, man darf eben nicht außer acht lassen: Als gewissen Finanzleuten in Österreich die Idee immer mehr und mehr kam, ein Krieg wäre für uns gut —, da dachten sie vor allen Dingen daran: Wir können erreichen, was wir erreichen wollen an geschäftlichen Transaktionen und ihren Folgen, und dem, was dann weiter daraus folgen wird, wenn wir einen Balkankrieg führen. — Es gab, indem der Balkankrieg in Aussicht genommen worden ist, natürlich zwei bedeutsame Eventualitäten. Die eine Eventualität war diese: Wie konnte ein solcher Finanzmann in Wien, dem der Krieg zum Beispiel ganz angenehm war, wie mochte der spekulieren? — Er sagte sich: Ist es wahrscheinlich, daß wir, wenn wir Österreich benützen als unser Instrument, von Rußland angegriffen werden? Ist das wahrscheinlich? Es ist ebenso wahrscheinlich, wie es unwahrscheinlich ist. Es muß nicht sein. Man riskiert etwas, aber es ist nicht unsinnig, dieses Risiko einzugehen, denn es ist nicht unter allen Umständen unmöglich, daß wir von Rußland sogar in Ruhe gelassen werden, wenn wir zum Beispiel in Serbien einfallen. — Das war die eine Sache, die man sich überlegen mußte. Da sagte sich der Betreffende: Ganz sicher ist es nicht, daß das zaristische Rußland uns angreifen wird, denn die Sache liegt so, daß eine gewisse Solidarität dynastischer Interessen besteht, und, wenn nicht irgendwelche Mächte in Rußland eingreifen, die man vielleicht schon weniger in Rechnung ziehen kann, so ist es nicht ganz unwahrscheinlich, daß der Zar aus dynastischer Solidarität mit dem Kaiser von Österreich, mit der österreichischen Dynastie, zwar mobilisiert, riesig auftritt, aber nur, damit er sagen kann, er sei der Schützer der Slawen. Losschlagen wird er doch nicht. Er wird es vielleicht allerdings darauf ankommen lassen, daß er durch seine Mobilisation verhindert, daß die Österreicher gar zu weit gehen. — Aber Sie wissen ja auch, es ist 1914 viel die Rede gewesen von einem Privatbrief, den der österreichische Kaiser geschrieben, oder der durch den österreichischen Kaiser — wie sagt man?, zu dem der österreichische Kaiser geschrieben wurde, kann man auch nicht sagen, aber Sie werden vielleicht aus dem verstehen, was ich meine —, nicht wahr, es ist viel die Rede gewesen von einem solchen Privatbriefe, der da geschrieben wurde an den russischen Zaren. Der liegt in der Linie von solchen Betrachtungen. Nun, das war freilich die Erwägung eines solchen Finanzmannes.
[ 23 ] Naturally, all of this created all sorts of—I would say—powder kegs that just needed a spark to ignite them. It also gave rise to those peculiar ideas that the financial puppet-masters rely on so heavily. You see, one must not overlook the fact that as certain financiers in Austria became increasingly convinced that a war would be good for us—they thought above all else: We can achieve whatever we want in terms of business transactions and their consequences, as well as what will follow from them, if we wage a Balkan War. — Naturally, once the prospect of a Balkan War had been raised, there were two significant possibilities. One possibility was this: How might such a financier in Vienna—for whom the war was, for example, quite welcome—speculate? — He asked himself: Is it likely that, if we use Austria as our instrument, we will be attacked by Russia? Is that likely? It is just as likely as it is unlikely. It doesn’t have to happen. One takes a risk, but it is not unreasonable to take that risk, for it is not impossible under all circumstances that Russia might even leave us alone if, for example, we invade Serbia. — That was one thing that had to be considered. So the person in question said to himself: It is not entirely certain that Tsarist Russia will attack us, for the fact is that there is a certain solidarity of dynastic interests, and—unless some forces in Russia intervene, which one might perhaps take less into account—it is not entirely unlikely that the Tsar, out of dynastic solidarity with the Emperor of Austria and the Austrian dynasty, will indeed mobilize, put on a grand show, but only so that he can claim to be the protector of the Slavs. He certainly won’t launch an attack. He may, however, take the risk that his mobilization will prevent the Austrians from going too far. — But you know, too, that in 1914 there was a lot of talk about a private letter that the Austrian Emperor wrote—or rather, one that was written through the Austrian Emperor—how does one put it?—to whom the Austrian Emperor wrote; one can’t really say for sure, but you’ll perhaps understand what I mean—isn’t that right? There was a lot of talk about such a private letter that was written to the Russian Tsar. That fits in line with such considerations. Well, that was, of course, the assessment of a financier like that.
[ 24 ] Dann sagte sich ein solcher Finanzmann: Ja, also muß man alles versuchen, um das, was sein kann, zu ermöglichen, das Regierungs-, das Reichsinstrument zu benützen. — Aber nun, nicht wahr, große Fähigkeiten hat ja der Graf Berchtold sicher nicht gehabt, aber sicher eine heillose Angst. Indem er so geschoben worden ist, hat er sicher eine heillose Angst gehabt. Und nun entstand dasjenige, was rein äußerlich angesehen — man muß natürlich immer die tieferliegenden Motive bei so etwas auch in Erwägung ziehen, die historischen Motive, aber man muß sich schon einmal äußerlich über diese Dinge Klarheit verschaffen — verhängnisvoll wurde; das geschah. Nicht wahr, da muß ich auf die andere üble Sache hinweisen, die sich auch solch ein Finanzmann überlegen mußte. Der mußte sagen: Ja, was wird aber nun mit diesem Deutschen Reich, mit dem wir verbündet sind? Riskieren, daß dieses Deutsche Reich den Bündnisfall verwirklicht, wird ja eigentlich für Österreich verhängnisvoll. Denn wenn das Deutsche Reich den Bündnisfall zu verwirklichen strebt, so ist ja ein Weltkrieg da. Dann wird man erdrückt, dann riskiert man zu viel. — Es lag ganz gewiß den Finanzkreisen viel näher, die Sache nicht in irgendeine Konfundierung mit dem Deutschen Reich zu bringen. Aber eben, von der Intention der Finanzleute bis zu dem, was der Graf Berchtold tun sollte, der es mit der Angst zu tun kriegte, da liegt ein gewisser Weg. Und die anderen Leute, die mit dem Grafen Berchtold zu tun hatten, die hatten ja natürlich nicht minder solche Angst, nicht wahr. Nun, da liegt ein gewisser Weg, und im Verfolg dieses Weges kam das zustande, daß in Berlin angefragt wurde, ob man eventuell, wenn Rußland angreifen würde, den Bündnisfall als gegeben ansehen würde. Man frug wohl gerade bei derjenigen Persönlichkeit an, die immer in den Händen des deutschen und internationalen Industrialismus und der internationalen und deutschen Finanzkreise war, man frug bei dem Kaiser an. Nun ist eine Eigentümlichkeit dieses Kaisers gewesen, zu reden ohne zu denken, so hinzuschmettern, renommistisch hinzuschmettern. Und auch da lag natürlich die Intention von Industriellen und von Finanzleuten hinter der Sache.
[ 24 ] Then such a financier said to himself: “Yes, well, one must try everything to make what is possible a reality—to use the instruments of government, the instruments of the empire.” — But then again, Count Berchtold certainly didn’t possess great abilities, but he certainly had a terrible fear. Having been pushed into this situation, he must have been absolutely terrified. And so what emerged—viewed purely from the outside (though one must, of course, always take into account the deeper motives in such matters, the historical motives; but one must first gain clarity on these things from an external perspective)—proved disastrous; that is what happened. Don’t you think I must point out the other unfortunate matter that such a financier also had to consider? He had to ask himself: “But what will become of the German Empire, with which we are allied? Risking that the German Empire invokes the alliance clause would actually be disastrous for Austria. For if the German Empire seeks to invoke the alliance clause, then a world war will ensue. Then we’ll be crushed; then we’ll be risking too much.” — It was certainly much more in the interest of financial circles not to let the matter become entangled in any way with the German Empire. But still, there is a certain distance between the intentions of the financiers and what Count Berchtold—who was overcome by fear—was supposed to do. And the other people who had dealings with Count Berchtold were, of course, no less afraid, were they? Well, there is a certain path, and in following that path, it came about that an inquiry was made in Berlin as to whether, should Russia attack, the alliance clause would be considered to have been triggered. They apparently inquired specifically of the very figure who had always been in the hands of German and international industrialism and of international and German financial circles—they inquired of the Kaiser. Now, a peculiarity of this Kaiser was that he spoke without thinking, blurting things out in a bombastic, self-aggrandizing manner. And there, too, of course, the intentions of industrialists and financiers lay behind the matter.
[ 25 ] Durch diese ganze Konstellation kam das zustande, daß, selbstverständlich in unverbindlicher Weise, denn es war kein Regierungsakt, der Kaiser großtat, er werde sich diesmal nicht kleinmachen lassen, und er werde, wenn irgendwie Rußland mobilisieren sollte, ganz gewiß mobilisieren und so weiter. Nun muß man nicht vergessen, daß gerade diese Persönlichkeit sehr leicht zum Instrument von anderen Kreisen gemacht werden konnte, denn es gab ganze Kreise in der Umgebung gerade dieser Persönlichkeit, die sich ständig damit befaßten, diese Persönlichkeit bei guter Laune zu erhalten, sie abzulenken von dem, was sie tun sollte.
[ 25 ] This whole situation led to the Emperor declaring—in a non-binding manner, of course, since it was not an act of government—that he would not allow himself to be pushed around this time, and that if Russia were to mobilize in any way, he would most certainly mobilize as well, and so on. Now, one must not forget that this particular figure could very easily be turned into a tool by other circles, for there were entire circles in the entourage of this very figure who were constantly preoccupied with keeping him in good spirits and distracting him from what he was supposed to be doing.
[ 26 ] Nicht wahr, wer verständig war innerhalb des deutschen Volkes, gab nie etwas auf die Worte dieser Persönlichkeit. Das Ausland hat dem deutschen Volke gerade mit dem Urteil über dieses Reichshaupt, gleichgültig ob manche entzückt waren vom deutschen Kaiser, oder ob manche ihn später, namentlich während der Kriegszeit, für einen Teufel hielten — zu beidem war er viel zu unbedeutend, ist er viel zu unbedeutend —, das Ausland hat dem deutschen Volke mit allen diesen Urteilen das allergrößte Unrecht getan, wird vermutlich auch weiter das allergrößte Unrecht tun. Denn selbst die treu ergebene Umgebung, jene Umgebung, die insbesondere gewöhnt ist an den nicht ganz graden Rücken, diese treue Umgebung bezeugte in ihrem Verhalten am allerbesten, wie die Dinge da eigentlich liegen. Da braucht man sich nur zu erinnern an die Palastrevolution in Berlin vom Jahre 1908. Diese Palastrevolution in Berlin vom Jahre 1908, die ja außerordentlich viel mit diesem Weltkonflikte zu tun hat, wenn man die äußeren historischen Ereignisse ins Auge faßt, die drückt eigentlich, ich möchte sagen, alles aus, was an dieser Stelle der Betrachtung gerade ins Auge zu fallen hat. Es ist das, was ich meine, die berühmte Daily-Telegraf-Angelegenheit. Da nahm sich ein englischer Journalist des Daily Telegraf vor, den Kaiser Wilhelm zu interviewen. Vielleicht war das dem Kaiser Wilhelm etwas langweilig, und da hat er denn dem Journalisten gesagt: ach, er habe ja schon so viel über sein Verhältnis zu England geredet. — Er hat ihm dann einiges gesagt und riet ihm dann, das andere auch zusammenzustellen, was er sonst schon über England gesagt habe. Und da stellte denn der Journalist ein ausführliches Interview zusammen.
[ 26 ] Isn’t it true that anyone of sound judgment among the German people never paid any attention to the words of this figure? Foreign countries have done the German people a great injustice precisely with their judgment of this head of state—regardless of whether some were enchanted by the German Emperor or whether others later, particularly during the war, considered him a devil—he was far too insignificant for either, and remains far too insignificant— foreign countries have done the German people the greatest injustice with all these judgments, and will presumably continue to do them the greatest injustice. For even his most loyal entourage—that entourage which is particularly accustomed to his less-than-straight spine—this loyal entourage demonstrated most clearly through its behavior how things actually stand. One need only recall the palace revolution in Berlin in 1908. This palace revolution in Berlin in 1908, which, of course, has an extraordinary connection to this world conflict when one considers the external historical events, actually, I would say, expresses everything that should immediately catch the eye at this point in our discussion. It is what I mean by the famous Daily Telegraph affair. An English journalist from the Daily Telegraph set out to interview Kaiser Wilhelm. Perhaps Kaiser Wilhelm found this a bit tedious, so he told the journalist: “Oh, I’ve already talked so much about my relationship with England.” — He then told him a few things and advised him to compile the other remarks he had already made about England. And so the journalist put together a detailed interview.
[ 27 ] Dieses Interview, das ist ein Prachtstück einer Politik. In diesem Interview — ich kann es nur dem Sinne nach, es würde sonst zu ausführlich werden, ein bißchen charakterisieren — wurde gesagt: Ihr Engländer seid eigentlich alle verrückte Hühner, denn ihr beurteilt mich und meine Politik ganz falsch. Wenn ihr die Wahrheit erhalten wolltet, so müßtet ihr doch einsehen, daß es in ganz Deutschland nur einen einzigen wirklichen Freund der Engländer gibt, und das bin ich; sonst seid ihr im übrigen Deutschland eigentlich die verhaßtesten Menschen. Und ihr sollt nur ja nicht glauben, daß ich irgend etwas jemals gegen die englische Politik getan habe. Denn man bedenke nur das eine: Als der Burenkrieg losging, da schaute ich mir die Situation etwas an bei den Buren, dann nahm ich einen Stift und skizzierte rasch den Feldzug, den die Engländer machen mußten gegen die Buren, um ihn möglichst glücklich fertig zu bringen. Dann übergab ich die Karte, die ich entworfen hatte, meinem Generalstab. Er arbeitete sie weiter aus; ihr könnt sie wirklich noch in euren Archiven drüben finden. Ich habe auch wirklich bemerken können, wie der Krieg der Engländer gegen die Buren nach dieser von mir ausgeführten Karte geführt worden ist und verlaufen ist. Im übrigen sollt ihr durchaus nicht glauben, daß ich irgendwie jemals etwas gegen die englische Politik gemacht habe, denn mir sind angeboten worden Bündnisse von Frankreich und von Rußland; die haben mir den Auftrag gegeben, ja nicht darüber zu reden, aber ich habe es gleich meiner Großmutter gesagt, und daraus sieht man, wie ich die Engländer eigentlich liebe, und wie ich wirklich der einzige Freund Englands bin. Nur mir habt ihr es zu verdanken, daß dieses Bündnis zwischen Frankreich und Deutschland und Rußland nicht zustandegekommen ist. Und wenn ihr glaubt, daß ich gegen euch eine Flotte baue, irrt ihr euch; meine Flotte soll dazu dienen, den Interessen Japans im Stillen Ozean entgegenzutreten. — Nun, also dieses ganze Interview wurde von dem englischen Journalisten zusammengeschrieben und Wilhelm II. gezeigt, der es sehr gut fand. Er schickte es dem Fürsten Bülow, der dazumal sein sogenannter Reichskanzler war. Fürst Bülow war gerade zur Sommerfrische in Norderney und sagte: Ach ja, das ist ein dickes Interview von S.M.; der kann doch nicht verlangen, daß ich mir meine Sommerfrische mit dem Lesen seiner überflüssigen Ausführungen verderbe. Was $.M. sagt, damit brauche ich mich nicht erst zu beschäftigen. — Er gab es einem Unterbeamten, ohne besondere Weisung. Und die Sache kam eben bald zutage, da der englische Journalist das wirklich im Daily Telegraf veröffentlichte. Und nun war die Geschichte fertig, nicht wahr, ein Prachtstück einer deutschen Politik. Es kam dann dazu, daß sich selbst die Konservativen gegen S. M. auflehnten, und daß es dazumal sehr nahe an der Abdankung war. Aber er hat sich dann bereit erklärt, nicht mehr zu reden, was so ausgedrückt wurde, daß er ferner für die Kontinuität der Politik sorgen würde. Es ist nur eine andere Ausdrucksweise dafür gewesen. Nun ja, das dauerte drei Monate, dann fing er wieder an zu reden; es war die alte Geschichte. Das nur zur Charakteristik. Aber nun darf man nicht vergessen: Durch alle diese Dinge war eine Situation herbeigeführt worden, die man im wesentlichen so charakterisieren kann, daß durch mitteleuropäische Finanzkonsortien, die die Geschichte sehr gut kennenlernten, Machinationen gemacht worden waren, zu denen als Instrumente Österreich und Deutschland benützt werden sollten. Diese Machinationen — es waren ganz gewöhnliche geschäftliche Machinationen —, die konkurrierten mit englischen geschäftlichen Kombinationen. Da war der Gegensatz gegeben. Dieser Gegensatz war da. Es ist ganz selbstverständlich: In England konnte niemand begreifen, daß mitteleuropäische Finanzkonsortien Transaktionen machen wollen, Unternehmungen machen wollen, die doch nur England gebühren. Nicht wahr, das ist ganz selbstverständlich, das kann dort niemand begreifen! Das versteht man auch selbst, daß es niemand begreifen kann.
[ 27 ] This interview is a political gem. In this interview—I can only summarize it briefly, as otherwise it would become too lengthy—it was said: “You English are actually all a bunch of crazy chickens, because you’re completely misjudging me and my policies.” If you wanted to know the truth, you’d have to realize that there’s only one true friend of the English in all of Germany, and that’s me; otherwise, you’re actually the most hated people in the rest of Germany. And you mustn’t for a moment believe that I’ve ever done anything against English policy. For just consider this one thing: When the Boer War broke out, I took a closer look at the situation among the Boers, then I took a pen and quickly sketched out the campaign the English would have to wage against the Boers in order to bring it to a successful conclusion. Then I handed over the map I had drawn to my General Staff. They worked it out in more detail; you can actually still find it in your archives over there. I have also been able to observe how the British war against the Boers was conducted and unfolded according to this map I drew. Incidentally, you must by no means believe that I have ever in any way acted against British policy, for I was offered alliances by France and Russia; they instructed me not to speak of it, but I told my grandmother right away, and from this you can see how much I actually love the British, and how I am truly England’s only friend. It is thanks to me alone that this alliance between France, Germany, and Russia did not come to pass. And if you believe that I am building a fleet against you, you are mistaken; my fleet is intended to counter Japan’s interests in the Pacific Ocean. — Well, this entire interview was transcribed by the English journalist and shown to Wilhelm II, who thought it was very good. He sent it to Prince Bülow, who was his so-called Imperial Chancellor at the time. Prince Bülow was on his summer retreat in Norderney and said: “Oh yes, that’s a lengthy interview with His Majesty; surely he can’t expect me to spoil my summer retreat by reading his superfluous remarks. I don’t need to concern myself with what His Majesty says.” — He handed it to a junior official without any specific instructions. And the matter soon came to light, since the English journalist actually published it in the Daily Telegraph. And now the story was complete, wasn’t it—a masterpiece of German politics. It then came to pass that even the conservatives rebelled against His Majesty, and that at the time, abdication was a very real possibility. But he then agreed to stop speaking out—which was phrased as his commitment to ensuring the continuity of policy. It was simply another way of putting it. Well, that lasted three months, then he started speaking out again; it was the same old story. Just to illustrate his character. But now we must not forget: All these events had brought about a situation that can essentially be characterized as follows: Central European financial consortia, which had become very familiar with the situation, had engaged in machinations in which Austria and Germany were to be used as instruments. These machinations—they were quite ordinary business machinations—competed with English business schemes. There was a conflict. This conflict existed. It goes without saying: In England, no one could understand that Central European financial consortia would want to carry out transactions and undertake ventures that rightfully belonged only to England. Isn’t that so? It goes without saying—no one there can understand that! One understands this oneself, that no one can grasp it.
[ 28 ] Durch alle diese Dinge war es aber zu der russischen Mobilisation gekommen, von der man nicht recht wissen konnte, was da gewollt wurde. Wie hätte man auch wissen sollen, was da gewollt wurde! Der Zar hat es ganz gewiß nicht gewußt, was gewollt wird; andere wollten das, andere wollten jenes. Die Dinge gingen durcheinander.
[ 28 ] All these events, however, had led to the Russian mobilization, and it was impossible to know exactly what was intended. How could anyone have known what was intended! The Tsar certainly did not know what was intended; some wanted one thing, others wanted another. Things were in disarray.
[ 29 ] Nun darf man nicht vergessen: In Berlin eine Regierung, die eigentlich überhaupt nicht vorhanden war, die ganz und gar bar jeder Einsicht war in den Gang der Verhältnisse, die so schlechte Politik seit Jahren getrieben hat, als es nur irgendwie möglich ist, und die gerade in dem Jahre 1914 an dem Punkt angekommen war, daß sie überhaupt nicht regierte, daß sie geschehen ließ, was da kam. — Eine furchtbare Situation war da; eine ganz furchtbare Situation war da. Eigentlich war nun die ganze Last der Ereignisse abgeladen auf die deutsche Heeresleitung. Das darf man nicht vergessen: Die ganze Last der Ereignisse und ganze Verantwortung der Ereignisse war abgeladen auf die deutsche Heeresleitung. — Denn was auch immer geredet wird von irgendwelchen Konferenzvorschlägen und dergleichen, die von seiten der Ententemächte gemacht worden sind, das alles ist ja Unsinn, das hätte niemals zu irgend etwas führen können, weil dasjenige, zu dem es hätte führen können, natürlich niemals von seiten der Mittelmächte in ihrer damaligen Verfassung hätte angenommen werden können. Man kann selbstverständlich sehr leicht aus dem Verlauf dieser Konferenzvorschläge und so weiter beweisen, daß die Ententeregierungen unschuldig sind an dem Kriegsausbruch. Aber mit diesem Beweis ist nicht das Allergeringste getan. Das ist eine 'Trivialität, mit der man hausieren gehen kann, alles Mögliche behaupten kann, aber man bringt damit all die Fragen, um die es sich handelt, in absolut falsche Richtungen.
[ 29 ] Now, we must not forget: In Berlin, there was a government that didn’t really exist at all, that was completely devoid of any understanding of the course of events, that had been pursuing the worst possible policies for years, and that, particularly in 1914, had reached the point where it was no longer governing at all—where it simply let whatever happened, happen. — It was a terrible situation; a truly terrible situation. In fact, the entire burden of events had now been shifted onto the German Army High Command. We must not forget this: the entire burden of events and the full responsibility for them had been shifted onto the German Army High Command. — For whatever may be said about any conference proposals and the like that were made by the Entente powers, all of that is nonsense; it could never have led to anything, because what it might have led to could, of course, never have been accepted by the Central Powers in their state at that time. Of course, one can very easily prove from the course of these conference proposals and so on that the Entente governments are not to blame for the outbreak of the war. But this proof accomplishes absolutely nothing. It is a ‘triviality’ that one can peddle, using it to claim all sorts of things, but in doing so, one steers all the issues at hand in completely the wrong direction.
[ 30 ] Man muß ganz genau, von Stunde zu Stunde, kennen, was in den letzten Tagen des Juli 1914 und vielleicht noch in den ersten Tagen des August in Berlin geschah. Und es wird schon einmal Gelegenheit kommen, vor der Welt zu sprechen über dasjenige, was von Stunde zu Stunde in Berlin geschah, und man wird sehen, daß dasjenige, was da geschehen ist, unter gar keinem anderen Impuls geschehen ist als unter dem: Was soll getan werden in dieser furchtbaren Situation, die heraufgekommen ist? — Wäre eine Regierung dagewesen, die die Dinge überschaut hätte, so wären selbstverständlich die Verhältnisse ganz anders gekommen. Wäre ein Monarch dagewesen, der das geringste getan hätte, der auch nur im allergeringsten teilgenommen hätte an dem Entschlusse, der sich nicht ganz ferngehalten hätte von jeglicher Initiative, obwohl er dabei war, so wären natürlich alle Dinge anders gekommen. Aber alles schaltete sich von selber aus, was nicht Heeresleitung war, die natürlich die einzige Verpflichtung haben konnte, eben ihre Pflicht zu tun. So daß dasjenige, was gemacht worden ist, wenn normale Verhältnisse dagewesen wären, niemals hätte so aussehen können wie irgendeine Kriegserklärung.
[ 30 ] One must know exactly, hour by hour, what happened in Berlin during the last days of July 1914 and perhaps even during the first days of August. And the time will come to speak before the world about what happened hour by hour in Berlin, and it will become clear that what happened there was driven by no other impulse than this: What must be done in this terrible situation that has arisen? — Had there been a government that had kept an eye on things, the situation would, of course, have turned out quite differently. Had there been a monarch who had done even the slightest thing, who had taken even the slightest part in the decision, who had not kept himself entirely aloof from any initiative even though he was present, then, naturally, everything would have turned out differently. But everything other than the military command—which, of course, could have had no other obligation than to simply do its duty—simply shut itself down. So that what was done could never, under normal circumstances, have looked anything like a declaration of war.
[ 31 ] Es ist in der letzten Zeit vielfach die Sache so ausgesprochen worden — aber es gibt sehr wenige Menschen, eigentlich wirklich furchtbar wenige Menschen, die die Verhältnisse genau kennen —, daß man in Berlin in den Krieg mehr hineingerutscht ist, als daß man ihn gewollt hat. Man ist auch wirklich mehr hineingerutscht. Man darf auch nicht vergessen, daß es in einer gewissen Beziehung ganz selbstverständlich war, daß die Heeresleitung in dem Augenblicke, wo die ganze Verantwortung auf ihr lastete, sich sagte: Jede Stunde verloren bedeutet Ungeheures verloren. — Man muß in Betracht ziehen, daß das deutsche Heer in dieser Zeit, in der man den Mittelmächten zumutete, einen Präventivkrieg haben führen zu wollen, was doch wirklich ein bloßer Unsinn ist, noch keineswegs in einer Verfassung war, daß ein Sachverständiger großes Zutrauen haben konnte, daß es durchkommen werde bei dem, was doch hereinbrechen mußte. Denn man wußte: In dem Augenblicke, wo der Bündnisfall geltend gemacht wird, geht alles übrige automatisch. — Es ist ja auch gegangen und es war ganz selbstverständlich, daß es automatisch ging. Aber man darf nicht vergessen, daß gerade derjenige, der die Verhältnisse genau kannte, keine Stunde zu verlieren gedachte, zu verlieren denken durfte, aus dem einfachen Grunde, weil man ganz und gar nicht glauben konnte, daß dieses Heer nach dem, was in den verschiedenen vorangegangenen Jahren geschehen war, irgendwie gewachsen sein könnte der furchtbarsten Weltkoalition, die man heraufbeschwor, selbstverständlich, wenn man sich zum Kriege entschloß. Man darf nicht vergessen: Bereits Ende September hatte dieses Heer keine Munition mehr! — Zwei Tage vor der Kriegserklärung an Rußland war noch beim Kriegsministerium vom Auswärtigen Amt eine dringende Anforderung eingelaufen, die Munitionsbestellungen geringer zu machen. Das sind ja alles schließlich nicht Dinge, die man tut, wenn man sich einen Präventivkrieg vornimmt, nicht wahr. Und solche Dinge könnte man zu Hunderten und Tausenden aufzählen, wenn man nicht ohnedies wüßte, daß niemand dachte an einen Präventivkrieg.
[ 31 ] It has often been said recently—though there are very few people, in fact an incredibly small number of people, who truly understand the circumstances—that Berlin slipped into the war more than it actually sought it. It is true that we did slip into it. Nor should one forget that, in a certain sense, it was only natural that the Army High Command, at the very moment when the full weight of responsibility rested upon it, told itself: Every hour lost means an immense loss. — One must take into account that at that time—when the Central Powers were expected to want to wage a preventive war, which is really utter nonsense—the German Army was by no means in a state that would allow an expert to have much confidence that it would survive what was bound to happen. For it was known: the moment the alliance clause was invoked, everything else would follow automatically. — And indeed it did, and it was entirely natural that it happened automatically. But one must not forget that precisely those who knew the situation well did not intend to lose a single hour—nor could they afford to—for the simple reason that it was utterly impossible to believe that this army, given what had happened in the preceding years, could in any way stand up to the most formidable global coalition that would inevitably be summoned, naturally, once the decision to go to war was made. One must not forget: By the end of September, this army had already run out of ammunition! — Two days before the declaration of war on Russia, the Ministry of War had received an urgent request from the Foreign Office to reduce ammunition orders. After all, these are not the kinds of things one does when planning a preemptive war, are they? And one could list hundreds and thousands of such examples, were it not for the fact that we already know that no one was thinking of a preemptive war.
[ 32 ] Aber es kommt in Betracht, indem man es so für selbstverständlich fand in dieser furchtbaren Situation des mobilisierten Russischen Reiches mit dem verbündeten Frankreich, daß dieses deutsche Heer ja ein zweifelhaftes Instrument war. Denn man darf nicht vergessen: Durch viele Jahre ist unter der Agide des Generals von Schlieffen die Schulung dieses Heeres in der unglaublichsten Weise getrieben worden. DieSache wurde erst als Unfug verbessert, als Moltke Generalstabschef geworden ist. Denn dieses Heer wurde so gedrillt, daß der Kaiser stets auf den großen Manövern unter dem General Schlieffen Abteilungen führte, ohne einen Schimmer von irgend etwas in der Kriegführung oder dergleichen zu haben. Die ganzen Anordnungen wurden so getroffen, daß selbstverständlich Majestät siegte. Also man soll sich nur vorstellen, wie man ein Heer schulen konnte, wenn man jene Theatercoups machen mußte, daß jeder, der auf der Abteilung war, auf der nicht Majestät war, notwendigerweise die Sache so anordnen mußte, daß er eine Niederlage kriegte, damit Majestät siegen konnte. Solche Dinge lassen sich in kurzer Zeit nicht verbessern, sondern das bedarf dann erst wiederum langer Arbeit. Das aber erzeugt selbstverständlich die Stimmung, daß man zugreifen muß, wenn man darauf angewiesen ist, ja etwas zu tun, wo die berufenen Instanzen gar nichts tun. So daß dasjenige, was in Berlin im Juli 1914 geschah, auch in den ersten Augusttagen des Jahres 1914 geschah, nicht im entferntesten dasjenige ist, was man etwa, wie Harden meint, als Schulfall eines Präventivkrieges ansehen kann, sondern es ist im eminentesten Sinne das, was man nennen muß: Es geschieht etwas durch Menschen, die unter ungeheuer schwierigen Verhältnissen in unmögliche Situationen hineingedrängt worden sind. Man mag verurteilen, wie man will: da in der Kriegführung der Erfolg entscheidet, wenn man siegt, so entscheidet selbstverständlich auch der Mißerfolg wenn man geschlagen wird, wenn man mit irgendeiner militärischen Sache nicht dasjenige erreicht, was man sich verspricht. Es ist ganz selbstverständlich, daß von dem Augenblicke an — ich sage das ganz unbefangen, indem ich vielleicht auch mich der Gefahr aussetze, daß solch ein Urteil merkwürdig befunden wird —, wo durch den Einfall in Belgien nichts erreicht werden konnte, wo er durch die Tage der Marne-Schlacht kaputt gemacht worden ist, dieser Einfall ein Unrecht war. Das mag jemand von irgendeinem philiströsen Standpunkte aus so oder so finden, aber das ist niemals anders beurteilt worden. Und wenn jetzt von seiten Amerikas und der Entente — nun Friede wird es ja nicht sein, aber so etwas, man müßte einen neuen Namen finden für die Dinge — geschlossen wird, so wird man sehen, daß es sich auch nicht um andere Gesichtspunkte handelt, als um die Gesichtspunkte, um die es sich im Verlaufe der Menschheitsentwickelung immer gehandelt hat, wenn solche Dinge in Betracht kamen, wo Machtfragen und dergleichen entschieden. Das andere korrumpiert gerade das Urteil in fürchterlichster Weise. Aber man muß eben nicht vergessen, daß historisch nachzuweisen ist, was ich hier öfter betont habe, und das wird einmal historisch nachgewiesen werden müssen, und es kann historisch nachgewiesen werden, und ich darf mich vielleicht nicht davor scheuen, zu sagen, daß unter den vielen Dingen, um die ich mich bemüht habe in den letzten Jahren, dieses mit darunter war, daß vor der Welt eine schlichte Darstellung desjenigen, was am 28., 29., 30., 31. Juli und 1. August in Berlin geschehen ist, ohne Urteil, eine schlichte Darstellung der wirklichen Ereignisse, gegeben werde. Ich habe es nicht erreicht. Aber es wäre viel erreicht worden, wenn diese schlichte Darstellung wirklich gegeben worden wäre.
[ 32 ] But one must consider that, given how much it was taken for granted in this dire situation—with the mobilized Russian Empire and its ally France—that this German army was, after all, a dubious instrument. For one must not forget: For many years, under the leadership of General von Schlieffen, the training of this army had been conducted in the most unbelievable manner. The situation was only rectified—as nonsense—when Moltke became Chief of the General Staff. For this army was drilled in such a way that, during the large-scale maneuvers under General Schlieffen, the Emperor would always lead units without having the slightest clue about warfare or anything of the sort. All the arrangements were made in such a way that, of course, His Majesty would emerge victorious. So just imagine how an army could be trained when such theatrical stunts had to be performed that anyone in a unit where His Majesty was not present was necessarily forced to arrange matters in such a way that he would suffer a defeat, so that His Majesty could win. Such things cannot be improved in a short time; rather, they require, once again, a great deal of work. But this, of course, creates the sentiment that one must take matters into one’s own hands when one is compelled to do something where the competent authorities are doing nothing at all. So what happened in Berlin in July 1914—and again in the first days of August 1914—is not in the remotest sense what one might, as Harden suggests, regard as a textbook case of a preventive war; rather, it is, in the most eminent sense, what one must call: Something happens at the hands of people who have been forced into impossible situations under immensely difficult circumstances. One may condemn it as one wishes: since success is decisive in warfare—when one wins—failure is, of course, also decisive when one is defeated, when one fails to achieve what one had hoped for in any military endeavor. It goes without saying that from the moment—and I say this quite impartially, even though I may be running the risk that such a judgment will be considered strange—when nothing could be achieved by the invasion of Belgium, when it was ruined by the days of the Battle of the Marne, that invasion was a mistake. One might view this one way or another from some philistine standpoint, but it has never been judged otherwise. And if an agreement is now reached on the part of America and the Entente—well, it won’t exactly be peace, but something like that; one would have to find a new name for such things—then it will become clear that the considerations at stake are none other than those that have always been at the heart of human development whenever such matters were taken into account, where questions of power and the like were decided. The other perspective corrupts judgment in the most terrible way. But one must not forget that what I have often emphasized here can be historically proven—and it will one day have to be historically proven, and it can be historically proven— and perhaps I should not shy away from saying that among the many things I have striven for in recent years, this was one of them: that a straightforward account of what took place in Berlin on July 28, 29, 30, July 31, and August 1 in Berlin—without passing judgment—a simple account of the actual events. I have not achieved this. But much would have been accomplished if this simple account had truly been provided.
[ 33 ] Man kann mit solchen Beweismitteln, wie ich sie hier schon gezeigt habe, bis zur fast unanfechtbaren Gewißheit, aber mit dieser schlichten Darstellung würde man bis zur vollen Gewißheit zeigen können, bis zu absolutester Gewißheit, daß, wenn die englische Regierung ernsthaftig gewollt hätte, der Einfall in Belgien vermieden worden wäre. Bitte, nicht in irgendeiner anderen Form, als wie ich das sage! Ich habe mich immer gehütet, dies in anderer Weise auszusprechen. Ich sage nicht, daß die englische Regierung in bezug auf diese Frage etwas anderes getan hat, und ich sage vor allen Dingen nicht damit irgend etwas über das Verhältnis von Deutschland zum Einfall in Belgien. Aber das ist es, was strikte vor der Welt bewiesen werden kann, daß, wenn die englische Regierung gewollt hätte, wenn vor allen Dingen der ja nicht gerade dem Grafen Berchtold gleiche, aber auch schon recht sehr törichte Sir Grey, Lord Grey, gewollt hätte, der Einfall in Belgien unterblieben wäre. Das ist etwas, was schlankweg durch eine schlichte Darstellung der Ereignisse bewiesen werden kann.
[ 33 ] With evidence such as I have already presented here, one can demonstrate this with near-indisputable certainty; but with this simple presentation, one could demonstrate with complete certainty—with the most absolute certainty—that if the English government had seriously intended to do so, the invasion of Belgium would have been avoided. Please, do not interpret this in any way other than how I am stating it! I have always been careful not to express this in any other way. I am not saying that the British government acted differently with regard to this matter, and above all, I am not saying anything about Germany’s role in the invasion of Belgium. But this is what can be strictly proven to the world: that if the British government had wanted to—and above all if Sir Grey, Lord Grey, who is not exactly like Count Berchtold but is nonetheless quite foolish, had wanted to—the invasion of Belgium would not have taken place. This is something that can be proven quite simply by a straightforward account of the events.
[ 34 ] Es stumpft dies natürlich nicht ab, was man sich als Ansicht über diesen Einfall in Belgien bilden kann, aber es richtet vielleicht doch die Frage nach der anderen Richtung hin: Warum wurde es nicht verhindert, da es hätte verhindert werden können? — Denn gerade nach diesem Augenblicke, da es in Berlin klar wurde, daß von England aus der Einfall in Belgien nicht verhindert wird, von da ab beginnen alle Ereignisse eigentlich einen irrationalen Charakter anzunehmen. Von da ab kann man gar nicht mehr mit irgendeiner Ratio die Erscheinungen verfolgen.
[ 34 ] Of course, this does not diminish the view one might form regarding this invasion of Belgium, but it may nevertheless shift the focus of the question in another direction: Why was it not prevented, since it could have been prevented? — For it was precisely after this moment—when it became clear in Berlin that England would not prevent the invasion of Belgium—that all events actually began to take on an irrational character. From that point on, it was no longer possible to follow the events with any kind of rationality.
[ 35 ] Das sind einige Aphorismen, Die Zeit ist spät geworden; wir werden morgen weiterreden.
[ 35 ] Those are a few aphorisms. It’s getting late; we’ll continue our conversation tomorrow.
