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The Rudolf Steiner Archive

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The Fundamental Social Demand of Our Time
In a Different Context
GA 186

15 December 1918, Dornach

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Zehnter Vortrag

Tenth Lecture

[ 1 ] Ich habe gestern einen Teil unserer Betrachtungen angeknüpft an einen Aufsatz von Berdjajew, der, wie Sie gesehen haben, von einem Vorurteile ausgeht, von dem unbedingten Glauben an die moderne Wissenschaft; der andererseits die merkwürdige Tatsache registriert — die nur zu begreifen ist aus dem Gegensatz von Verstandeslogik, die auch die naturwissenschaftliche Logik ist, und der Tatsachenlogik —, daß der Bolschewismus Avenarius, Mach und ähnliche Philosophen des Positivismus gewissermaßen zu seinen Amtsphilosophen gemacht hat. Es ist vielleicht notwendig, daß ich Ihnen ausdrücklich betone, daß der Aufsatz, von dem ich Ihnen gesprochen habe, schon 1908 geschrieben ist, und es ist sehr merkwürdig — und nur zu begreifen aus unseren geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus —, daß ein am meisten mit der Gegenwart übereinstimmendes Urteil, ganz gleichgültig wie man sonst sich zu den Dingen stellen mag, daß, richtiger gesagt, ein für die Gegenwart noch anwendbares Urteil bei diesem russischen Schriftsteller vorhanden ist. Es ist für Sie vielleicht auch wichtig, zu hören, daß eben Mach und Avenarius schon als Bolschewisten-Philosophen gewissermaßen zu einer Zeit galten, wo vielleichtich will niemandem im entferntesten nahetreten —, aber «vielleicht » ein großer Teil selbst von Ihnen noch nicht gewußt hat, was der Bolschewismus eigentlich ist. Denn ein großer Teil der west- und mitteleuropäischen Menschheit weiß überhaupt vom Bolschewismus erst seit recht kurzer Zeit, während er als solcher eine alte Erscheinung ist.

[ 1 ] Yesterday I continued some of our reflections based on an essay by Berdyaev, which, as you have seen, proceeds from a prejudice—an unconditional belief in modern science; which, on the other hand, notes the curious fact—one that can only be understood in light of the contrast between rational logic, which is also the logic of the natural sciences, and factual logic—that Bolshevism has, in a sense, made Avenarius, Mach, and similar philosophers of positivism its official philosophers. It may be necessary for me to emphasize to you explicitly that the essay I have mentioned to you was written as early as 1908, and it is very remarkable—and can only be understood from the perspective of our humanities—that this Russian writer offers a judgment that is most in line with the present, regardless of one’s general stance on these matters; or, to put it more accurately, a judgment that is still applicable to the present. It may also be important for you to hear that Mach and Avenarius were already regarded, in a sense, as Bolshevik philosophers at a time when—and I do not wish to offend anyone in the slightest—but “perhaps” a large portion of you yourselves did not yet know what Bolshevism actually is. For a large portion of the population of Western and Central Europe has only become aware of Bolshevism in a very recent time, whereas it is, in fact, an old phenomenon.

[ 2 ] Nun möchte ich einiges noch anknüpfen an die Betrachtungen, die wir jetzt im Laufe der Zeit gepflogen haben. Sie haben gesehen, daß es mir darauf ankam, Ihnen zu zeigen, wie geisteswissenschaftlich betrachtet die sozialen Impulse der Gegenwart zu beurteilen sind. Und wir mußten großen Wert darauf legen — nicht so, wie man das heute gemeiniglich aus der Abstraktion heraus tut —, daß man sich nicht lediglich dem Glauben hingebe, als ob man gleichmäßig über die ganze Welt hin über die sozialen Impulse denken könne. Gerade das wird alles Denken und Urteilen über die soziale Frage trüben und in die Irre führen, wenn man nicht Rücksicht darauf nimmt, daß über den zivilisierten Erdkreis hin die Menschengemeinschaften differenziert sind, so daß man also vermeiden muß den Fehler, in den man verfällt, wenn man sagt: In bezug auf die soziale Frage gilt das oder jenes, da muß die menschliche Gesellschaft so oder so geordnet werden. — Man muß die Frage vielmehr aufwerfen: Wie sind die Kräfte bei der Ostmenschheit, wie sind die Kräfte bei der Westmenschheit und wie bei der Menschheit, die in der Mitte drinnen ist, die zu den sozialen Forderungen führen. Und wir haben ja vom äußerlichen symptomatischen und auch vom inneren okkulten Standpunkt aus in der mannigfaltigsten Weise charakterisiert, wie diese Differenzierung zwischen der Westmenschheit, der Mittelmenschheit und der Ostmenschheit, zu welch letzterer wir namentlich auch den europäischen Osten, Rußland, rechnen, wie diese Differenzierung zu denken ist. Ohne die Kenntnis dieser Differenzierung ist überhaupt ein fruchtbares Vorstellen über die soziale Frage nicht möglich.

[ 2 ] Now I would like to add a few more points to the reflections we have been engaging in over the course of time. You have seen that my aim was to show you how the social impulses of the present day should be assessed from a spiritual-scientific perspective. And we had to place great emphasis—not in the way this is commonly done today from a purely abstract standpoint—on not simply succumbing to the belief that one can think about social impulses as if they were uniform across the entire world. It is precisely this that will cloud all thinking and judgment regarding the social question and lead us astray if we do not take into account that human communities are differentiated across the civilized world; thus, we must avoid the error into which one falls when one says: “With regard to the social question, this or that applies; human society must be organized in such and such a way.” — Rather, one must pose the question: What are the forces at work among Eastern humanity, what are the forces at work among Western humanity, and what are the forces at work among humanity in the middle—the forces that lead to social demands? And we have, after all, characterized in the most varied ways—from both the external, symptomatic, and the internal, occult points of view—how this differentiation between Western humanity, Middle humanity, and Eastern humanity—to which we specifically also count Eastern Europe and Russia—is to be understood. Without an understanding of this differentiation, it is simply not possible to form a fruitful conception of the social question.

[ 3 ] Nun fragen wir uns heute einmal: Welches ist denn — wir haben das ja schon öfter berührt, wir wollen heute einzelnes herausstellen — die Grund-Seelen-Eigenschaft gerade in dem Zeitalter, das im fünfzehnten Jahrhundert begonnen hat, und das, wie ich Ihnen gesagt habe, bis ins dritte Jahrtausend hinein währen wird, welches ist die Grundeigenschaft, die die menschliche Seele zur Entwickelung bringt? Diese Grundeigenschaft, die sich jetzt noch kaum in ihrer wahren Gestalt gezeigt hat, die jetzt in ihren Anfängen ist und sich immer weiter entwickeln wird, das ist die menschliche Intelligenz, die Intelligenz als Seeleneigenschaft. So daß der Mensch im Laufe dieses Zeitraums immer mehr und mehr berufen werden soll, aus dieser seiner Intelligenz heraus über alle Dinge, namentlich auch über die sozialen, wissenschaftlichen und religiösen Dinge zu urteilen, denn sie erschöpfen ja eigentlich den Umkreis des menschlichen Lebens: die religiösen, die wissenschaftlichen, die sozialen Impulse.

[ 3 ] Now let us ask ourselves today: What is—we have touched on this before, but today we want to highlight specific aspects—the fundamental soul quality, particularly in the era that began in the fifteenth century and which, as I have told you, will last well into the third millennium? What is the fundamental quality that drives the human soul toward development? This fundamental quality, which has scarcely revealed itself in its true form as yet, which is now in its infancy and will continue to develop further and further, is human intelligence—intelligence as a quality of the soul. Thus, over the course of this period, human beings are to be called upon more and more to judge all things—particularly social, scientific, and religious matters—based on this intelligence of theirs, for these impulses—the religious, the scientific, and the social—actually encompass the entire sphere of human life.

[ 4 ] Nun, vielleicht wird Ihnen diese Vorstellung des intelligenten Wesens, des menschlichen Wesens, die hier notwendig erweckt werden muß, leichter werden, wenn Sie sich klarmachen, daß man für den vierten nachatlantischen Zeitraum nicht in dem Sinne wie heute sprechen kann, daß der Mensch sich als Persönlichkeit ganz auf den Boden nur der Intelligenz stellen wollte. Ich habe das besonders in meinem Buch «Die Rätsel der Philosophie » mit Bezug auf das philosophische Nachdenken scharf hervorgehoben. In dem vierten nachatlantischen Zeitraum, der im fünfzehnten nachchristlichen Jahrhundert endete, war es nicht notwendig, daß die Menschen sich persönlich der Intelligenz bedienten. Mit den Wahrnehmungen der Umgebung, mit dem übrigen Lebenszusammenhang mit der Welt flossen auch, so wie die Farbe und die Töne durch die Wahrnehmung in den Menschen hereinkommen, die Begriffe, die Ideen, also das Intellektuelle, in den Menschen herein. Der Inhalt des Intellektuellen war zum Beispiel für die Griechen, war auch für die Römer Wahrnehmung.

[ 3 ] Now let us ask ourselves today: What is—we have touched on this before, but today we want to highlight specific aspects—the fundamental soul quality, particularly in the era that began in the fifteenth century and which, as I have told you, will last well into the third millennium? What is the fundamental quality that drives the human soul toward development? This fundamental quality, which has scarcely revealed itself in its true form as yet, which is now in its infancy and will continue to develop further and further, is human intelligence—intelligence as a quality of the soul. Thus, over the course of this period, human beings are to be called upon more and more to judge all things—particularly social, scientific, and religious matters—based on this intelligence of theirs, for these impulses—the religious, the scientific, and the social—actually encompass the entire sphere of human life.

[ 5 ] Für den Menschen seit dem fünfzehnten Jahrhundert kann das Intellektuelle nicht mehr Ergebnis der Wahrnehmung sein. Aus der Wahrnehmungswelt bleibt das Wahrnehmen der Begriffe weg. Der Mensch nimmt nicht mehr die Begriffe, die Ideen mit den Wahrnehmungen zugleich auf. Es ist nur ein Irrtum, wenn man meint, daß dieser große Umschwung um die Wende des fünfzehnten Jahrhunderts nicht eingetreten sei. Dieser Irrtum, der darauf beruht, nicht unterscheiden zu können, den sahen ja manche Menschen schon im äußeren Leben. Für den Europäer zum Beispiel stellt sich sehr leicht heraus, daß er alle Japaner, trotzdem sie ebenso unterschieden sind wie die Europäer, für absolut gleich ansieht. Er unterscheidet eben nicht. So unterscheidet die heutige Wissenschaft nicht zwischen den einzelnen Zeiträumen, glaubt, alles sei gleich. Aber das ist eben nicht der Fall; sondern es ist so, dal ein gewaltiger Umschwung stattgefunden hat, gerade um die Wende des fünfzehnten Jahrhunderts, wo die Menschen aufgehört haben, mit den Wahrnehmungen zugleich die Begriffe wahrzunehmen, wo sie angefangen haben, sich auch die Begriffe erarbeiten zu müssen. Der gegenwärtige Mensch muß sich aus seiner Persönlichkeit heraus die Begriffe erarbeiten. Das ist im Anfange, aber das wird immer weiter und weiter sich ausbilden. Und gerade mit Bezug auf diese Ausbildung der Intelligenz sind die Westmenschen, Mittelmenschen und Ostmenschen im höchsten Grade verschieden. Und da die heutigen theoretischen Forderungen des Proletariats, wie es ja natürlich ist im fünften nachatlantischen Zeitraum, im Zeitraum der Bewußtseinsseele, eben als intelligente Forderungen erhoben werden, so ist es wichtig, das Verhältnis des intelligenten Wesens der menschlichen Seele, wie es sich differenziert über die Erde hin, auch mit Bezug auf die sozialen Impulse ins Auge zu fassen.

[ 3 ] Now let us ask ourselves today: What is—we have touched on this before, but today we want to highlight specific aspects—the fundamental soul quality, particularly in the era that began in the fifteenth century and which, as I have told you, will last well into the third millennium? What is the fundamental quality that drives the human soul toward development? This fundamental quality, which has scarcely revealed itself in its true form as yet, which is now in its infancy and will continue to develop further and further, is human intelligence—intelligence as a quality of the soul. Thus, over the course of this period, human beings are to be called upon more and more to judge all things—particularly social, scientific, and religious matters—based on this intelligence of theirs, for these impulses—the religious, the scientific, and the social—actually encompass the entire sphere of human life.

[ 6 ] Sehen Sie, man unterschätzt die Bedeutung dieser Dinge aus dem Grunde, weil sie auch heute noch so vielfach nur im Unterbewußten wirken. Der Mensch mag nicht gerne unterscheiden mit seinem bequemen Denken im vollen Bewußtsein. Aber jeder Mensch hat ja einen innerlichen Menschen in sich, der nur bis zu einem gewissen Grade heraufleuchtet in das Bewußtsein. Der unterscheidet sehr scharf, der macht zum Beispiel einen scharfen Unterschied zwischen Westmenschen, Mittelmenschen und Ostmenschen, je nach dem Gesichtspunkte, ob der Mensch selber ein Westmensch, Mittelmensch oder Ostmensch ist. Nicht die einzelne Individualität ist dabei gemeint, sondern dasjenige im Menschen, was dem Volkstum angehört. Diesen Unterschied bitte ich Sie immer zu machen. Es hebt sich natürlich der einzelne aus dem Volkstum heraus. Gewiß, es gibt Menschen, in denen das Volkstum heute kaum wirkt, es sind solche, die sich systematisch bemühen, Menschen zu sein, ohne das Volkstümliche in sich wirken zu lassen; aber insofern das Volkstümliche wirkt, drückt es sich so aus, wie wir es verschiedentlich schon charakterisiert haben und wie wir es jetzt von gewissen Gesichtspunkten noch einmal mit Bezug auf die soziale Frage ins Auge fassen wollen.

[ 3 ] Now let us ask ourselves today: What is—we have touched on this before, but today we want to highlight specific aspects—the fundamental soul quality, particularly in the era that began in the fifteenth century and which, as I have told you, will last well into the third millennium? What is the fundamental quality that drives the human soul toward development? This fundamental quality, which has scarcely revealed itself in its true form as yet, which is now in its infancy and will continue to develop further and further, is human intelligence—intelligence as a quality of the soul. Thus, over the course of this period, human beings are to be called upon more and more to judge all things—particularly social, scientific, and religious matters—based on this intelligence of theirs, for these impulses—the religious, the scientific, and the social—actually encompass the entire sphere of human life.

[ 7 ] Wenn nämlich so etwas wie die soziale Frage eben auftaucht, auch wenn sonst etwas auftaucht, was von der Gemeinsamkeit, nicht von dem einzelnen Menschen abhängt, dann kommt immer das Volkstümliche schon in Betracht. Und es mag noch so sehr der Angehörige der britischen Nation oder der Angehörige des deutschen Volkes oder der Bewohner der russischen Erde — ich unterscheide ganz absichtlich in dieser Weise —, es mögen diese drei als Menschen meinetwillen ganz gleich urteilen, die englische, die deutsche, die russische Politik oder die soziale Strukturgestaltung, die können nicht gleich sein, die müssen differenziert sein, weil dabei das Gemeinsame in Betracht kommt. Also nicht so sehr das individuelle Verhältnis von Mensch zu Mensch ist es, was wir hier in Frage stellen, sondern dasjenige, was von Volk zu Volk wirkt und als Volkstum von einem andern Volkstum sich unterscheidet. Ich muß das immer scharf betonen, weil zum Teil gutwillig, zum Teil böswillig diese Dinge immer wieder und wieder mißverstanden werden.

[ 7 ] For whenever something like the “social question” arises—or indeed whenever anything else arises that depends on the community rather than on the individual—the “folk” element always comes into play. And no matter how much a member of the British nation, a member of the German people, or a resident of Russian soil—I am making this distinction quite deliberately—may, as human beings, judge English, German, and Russian politics or social structures in exactly the same way, they cannot be the same; they must be differentiated, because what is common comes into play. So it is not so much the individual relationship between one person and another that we are questioning here, but rather that which operates from one nation to another and, as a national character, differs from another national character. I must always emphasize this sharply, because—partly out of good will, partly out of malice—these things are misunderstood time and time again.

[ 8 ] Nehmen Sie zum Beispiel eines. Ich bitte, diese Dinge ganz «sine ira» aufzufassen, sie sind ja auch nicht als Kritik gemeint, sondern nur als Tatsachenangabe; ich bitte also, diese Dinge ganz ohne Sympathie und Antipathie aufzunehmen. Nehmen wir einen mitteleuropäischen Menschen, der sich ansieht das Leben des englisch sprechenden Volkstums auf der einen Seite, das Leben des russisch sprechenden Volkstums auf der andern Seite, wie sich diese ausleben in den Vorstellungsarten des Volkstums, also wieder nicht des einzelnen Menschen, sondern des Volkstums. Der Angehörige des mitteleuropäischen Volkstums wird vielleicht bewußt allerlei urteilen. Man redet natürlich heute nach der öffentlichen Meinung, was immer eine private Faulheit ist, dies oder jenes. Das mag sein, aber der innerliche Mensch, ich meine jetzt den innerlichen mitteleuropäischen, der wird, wenn er urteilt — was et sich gar nicht zum Bewußtsein zu bringen braucht —, wenn er nach Westen hinübersieht zu der englisch sprechenden Bevölkerung, wenn er das Volkstum ins Auge faßt in der Art, wie es sich politisch, sozial äußert, er wird das Urteil fällen: das ist Philistrosität. Und wenn er nach Rußland hinübersieht, wird er das Urteil fällen: das ist Boheme. Das ist natürlich etwas radikal ausgesprochen, aber so ist es. Gewiß, er selbst wird von links und rechts hören: Du magst uns Philister nennen, du magst uns Boheme nennen, aber du bist ein Pedant! Das mag sein, gewiß, das ist wiederum von dem andern Gesichtspunkte aus beurteilt. Aber diese Dinge sind mehr Realität, als man denkt, und diese Realitäten müssen aus den Untergründen des menschlichen Werdens herausgeholt werden.

[ 8 ] Take one example, for instance. I ask that you view these things entirely “sine ira”; they are not meant as criticism, but merely as a statement of fact; I therefore ask that you accept these things without any sympathy or antipathy. Let us take a Central European who observes, on the one hand, the life of the English-speaking people and, on the other hand, the life of the Russian-speaking people—how these are expressed in the modes of imagination of the people, that is, again, not of the individual but of the people as a whole. A member of the Central European people might consciously form all sorts of judgments. Of course, people today speak according to public opinion, which is always a form of personal laziness—this or that. That may be so, but the inner person— and I mean the inner Central European here—will, when he passes judgment—which he need not even bring to conscious awareness—when he looks westward toward the English-speaking population, when he takes in the culture in the way it expresses itself politically and socially, he will pass this judgment: that is philistinism. And when he looks over toward Russia, he will pass this judgment: that is bohemianism. That is, of course, a somewhat radical way of putting it, but that is how it is. Certainly, he himself will hear from both the left and the right: “You may call us philistines, you may call us bohemians, but you are a pedant!” That may be true; certainly, that is, in turn, judged from the other point of view. But these things are more real than one thinks, and these realities must be brought to light from the depths of human existence.

[ 9 ] Nun tritt das Eigentümliche ein, daß innerhalb der englisch sprechenden Bevölkerung die Intelligenz instinktiv ist. Sie wirkt instinktiv, es ist ein neuer Instinkt, der da heraufgekommen ist in der Menschheitsentwickelung, der Instinkt, intelligent zu denken. Dasjenige, was die Bewußtseinsseele gerade erziehen soll, die Intelligenz, das wird von der englisch sprechenden Bevölkerung instinktiv geübt. Das englische Volkstum ist für instinktives Üben der Intelligenz veranlagt.

[ 9 ] Now here is the peculiar thing: among the English-speaking population, intelligence is instinctive. It operates instinctively; it is a new instinct that has emerged in the course of human development—the instinct to think intelligently. That which the consciousness soul is specifically meant to cultivate—intellect—is practiced instinctively by the English-speaking population. The English national character is predisposed to the instinctive practice of intellect.

[ 10 ] Die russische Bevölkerung, die unterscheidet sich von der englisch sprechenden wie der Nordpol vom Südpol, oder — ich könnte sogar sagen — wie der Nordpol vom Äquator mit Bezug auf diesen Impuls des intelligenten Wesens. In Mitteleuropa — ich habe das auch schon angedeutet —, da hat man die Intelligenz nicht instinktiv, sondern man muß zu ihr erzogen werden; sie wird anerzogen. Das ist der große, gewaltige Unterschied. In England, in Amerika ist die Intelligenz instinktiv. Da hat sie alle Eigenschaften eines Instinktes. In Mitteleuropa wird einem von Intelligenz nichts angeboren, sondern sie muß anerzogen werden, sie muß im Werden des Menschen ergriffen werden. In Rußland — ich möchte mich da auf verschiedene literarische Kundgebungen stützen, damit Sie nicht glauben, ich konstruierte diese Dinge — ist die Sache so, daß man sozusagen darüber streitet, was die Intelligenz eigentlich ist. Nach den Angaben, welche einsichtige Russen machen, ist das etwas ganz anderes, was man dort Intelligenz nennt, als was man auch nur in Mitteleuropa, geschweige denn in England Intelligenz nennt. In Rußland ist nicht derjenige ein intelligenter Mensch, der dies oder jenes gelernt hat. Wen zählen wir hier zu den Intellektuellen? Diejenigen, die dies oder jenes gelernt haben, dies oder jenes sich angeeignet haben, sich dadurch geschult haben im Denken. Wie gesagt, in Westeuropa und Amerika ist das sogar angeboren. Aber wir werden uns doch nicht erlauben, einen Kaufmann oder einen Staatsbeamten oder einen Vertreter irgendeines liberalen Berufes nicht zur Intelligenz zu rechnen. Das tut aber der Russe. Der rechnet nicht ohne weiteres einen Kaufmann oder Staatsbeamten oder den Vertreter irgendeines liberalen Berufes zu den intelligenten Menschen, sondern ein intelligenter Mensch, der soll bei dem Russen ein Mensch sein, der aufgeweckt ist, der zu einem gewissen Selbstbewußtsein gekommen ist. Der Staatsbeamte, der viel gelernt hat, der auch über viele Dinge ein Urteil hat, der braucht kein aufgeweckter Mensch zu sein. Der Arbeiter, der nachdenkt über seinen Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Ordnung, der erweckt ist in bezug auf sein Nachdenken über sein Verhältnis zur Sozietät, der ist ein Intelligenter. Und es ist sehr bezeichnend, daß man ja sogar genötigt ist, das Wort Intelligenz in einem ganz anderen Sinne anzuwenden. Denn, sehen Sie, während im Westen die Intelligenz instinktiv ist, angeboren wird, in der Mitte anerzogen wird, oder wenigstens entwickelt wird, wird sie eigentlich im Osten wie etwas behandelt, was ganz gewiß nicht angeboren ist, nicht anerzogen, nicht entwickelt werden kann ohne weiteres, sondern was aus gewissen Tiefen der Seele heraus erweckt wird. Man wacht auf zur Intelligenz. Das bemerken ganz besonders manche Mitglieder der sogenannten Kadettenpartei, die da finden, daß dieses Glauben an das Aufgewecktwerden gerade der Grund ist, warum ein gewisser Hochmut, eine gewisse Selbstüberschätzung, trotz aller sonstigen demütigen Eigenschaften, bei der Intelligenz Rußlands beobachtet werden kann.

[ 10 ] The Russian population differs from the English-speaking one as much as the North Pole does from the South Pole, or—I might even say—as much as the North Pole does from the Equator with regard to this impulse of the intelligent being. In Central Europe—as I have already hinted—intelligence is not instinctive; rather, one must be educated to develop it; it is cultivated. That is the great, enormous difference. In England and America, intelligence is instinctive. There, it possesses all the characteristics of an instinct. In Central Europe, nothing regarding intelligence is innate; rather, it must be instilled, it must be grasped in the course of a person’s development. In Russia—and I would like to draw on various literary statements here so that you do not think I am making these things up—the situation is such that there is, so to speak, a debate over what intelligence actually is. According to the accounts given by discerning Russians, what is called “intellect” there is something entirely different from what is called “intellect” even in Central Europe, let alone in England. In Russia, an intelligent person is not someone who has learned this or that. Who do we count among the intellectuals here? Those who have studied this or that, who have acquired this or that, and who have thereby trained themselves to think. As I said, in Western Europe and America this is even considered innate. But we would not presume to exclude a merchant, a civil servant, or a member of any liberal profession from the intelligentsia. The Russians, however, do just that. They do not automatically count a merchant, a civil servant, or a member of any liberal profession among the intelligent; rather, for the Russians, an intelligent person is someone who is quick-witted and has attained a certain self-awareness. The civil servant who has studied extensively and who also has an opinion on many matters need not be a quick-witted person. The worker who reflects on his place within the social order—who is alert in his contemplation of his relationship to society—is an intelligent person. And it is very telling that one is even compelled to use the word “intelligence” in an entirely different sense. For, you see, while in the West intelligence is instinctive, innate, acquired through education, or at least developed, in the East it is actually treated as something that is certainly not innate, not acquired through education, and cannot be developed without further ado, but rather as something that is awakened from certain depths of the soul. One awakens to intelligence. This is particularly noted by some members of the so-called Cadet Party, who find that this belief in awakening is precisely the reason why a certain arrogance, a certain overestimation of one’s own abilities, can be observed among the Russian intelligentsia, despite all their other humble qualities.

[ 11 ] Diese Intelligenz in Rußland hat eine ganz besondere Stellung in der Menschheitsentwickelung. Wenn Sie sich nicht täuschen lassen, wenn Sie sich nicht Illusionen hingeben über die äußeren Symptome, sondern auf das Innere gehen, dann können Sie über diese russische Intelligenz, wenn sie Ihnen heute auch nach Ihren west- oder mitteleuropäischen Begriffen bei dem oder jenem Russen sehr gering erscheint, und wenn Sie sich nicht durch Symptome beeinflussen lassen, sondern auf die Gründe gehen, dann können Sie sich sagen: Sie wird bewahrt vor allem Instinktiven. Sie soll sich ja — das meint der Russe — nicht anfressen lassen von irgendeinem menschlichen Instinkt, man soll auch nicht glauben, daß mit dem, was man anerzieht als Intelligenz, schon irgend etwas Besonderes erreicht wird. Der Russe will natürlich unbewußt — die Intelligenz bewahren, bis der sechste nachatlantische Zeitraum, sein Zeitraum, kommt, damit er dann durch diese Intelligenz nicht hinuntergreift in die Instinkte, sondern die Intelligenz hinaufträgt dahin, wo das Geistselbst blühen wird. Während die englisch sprechende Bevölkerung die Intelligenz heruntersinken läßt in die Instinkte, will der Russe sie gerade davor bewahren. Er will diese Intelligenz ja nicht in die Instinkte hinunterlassen, er will sie pflegen, mag sie heute noch so gering sein, damit sie bewahrt bleibe für das kommende Zeitalter, wo das Geistselbst, das rein Spirituelle, mit dieser Intelligenz durchzogen werden kann.

[ 11 ] This intelligentsia in Russia occupies a very special place in the development of humanity. If you do not allow yourself to be deceived, if you do not succumb to illusions about outward appearances but look to the inner reality, then you can say of this Russian intelligentsia—even if, by your Western or Central European standards, it may seem very limited in this or that Russian today—and if you do not let yourself be influenced by outward appearances but look to the underlying reasons, then you can say to yourself: It is preserved from all that is instinctive. It is not meant—so the Russian believes—to be consumed by any human instinct, nor should one believe that anything special is achieved simply by what is cultivated as intelligence. The Russian naturally wants—unconsciously—to preserve the intellect until the sixth post-Atlantean epoch, his own epoch, arrives, so that he will then not descend through this intellect into the instincts, but rather carry the intellect upward to where the spiritual self will blossom. While the English-speaking population allows intelligence to sink down into the instincts, the Russian seeks precisely to preserve it from doing so. After all, he does not want to let this intelligence sink into the instincts; he wants to nurture it—no matter how meager it may be today—so that it may be preserved for the coming age, when the spiritual self, the purely spiritual, can be permeated by this intelligence.

[ 12 ] Wenn man die Sache so in ihren Gründen betrachtet, dann erscheint einem auch so etwas, was man sonst mit unbefangenem Urteil in Grund und Boden kritisieren muß, doch von einer gewissen Notwendigkeit der Menschheitsentwickelung gegeben. Wie gesagt, Russen selber, einsichtsvolle Russen, die diese Dinge charakterisieren, finden ganz richtig heraus, daß die russische Intelligenz zwei Untergründe hat, die liegen in ihrer Entwickelung. Diese russische Intelligenz hat die Konfiguration, den Charakter, den sie heute hat, dadurch erhalten, daß der sich zur Intelligenz entwickelnde Russe, der ein Aufgeweckter werden will, zunächst durch die Polizeigewalt unterdrückt war. Er mußte sich wehren bis zum Martyrium gegen die Polizeigewalt. Diese mag man, wie gesagt, verurteilen, aber man muß sich ein unbefangenes Urteil darüber bilden. Auf der einen Seite ist der spezifische Charakter dieser russischen Intelligenz, die gerade sich aufbewahren will für künftige spirituelle Impulse der Menschheit, vollständig bedingt durch die polizeiliche Unterdrückung, die da war bis zum Martyrium. Und auf der anderen Seite, ganz selbstverständlich — die russischen Schriftsteller heben das fortwährend hervor — ist diese russische Intelligenz, weil sie sich aufbewahren will für kommende Zeiten, heute etwas Weltfremdes, etwas, was mit dem Leben nicht leicht fertig wird, was auf ganz anderes hingerichtet ist als auf das, was in der Welt unmittelbar pulsiert. So daß man sagen kann: Auch in dieser Beziehung ist das russische Seelenleben der Gegensatz der englisch sprechenden Bevölkerung. Man kann sagen: Im Westen ist die Intelligenz von der Polizei protegiert, im Osten ist die Intelligenz von der Polizei perhorresziert. Dem einen kann das eine, dem andern kann das andere gefallen, aber es handelt sich um die Feststellung der Tatsachen. Also im Westen ist, wie gesagt, die Intelligenz protegiert. Der eigentümliche Charakter der Intelligenz soll einfließen in das äußere Leben, soll überall drinnen sein in der sozialen Struktur. Die Menschen sollen aus ihrer Intelligenz heraus teilnehmen an der sozialen Struktur und so weiter. In Rußland, gleichgültig, ob das der Zar oder der Lenin tut, wird die Intelligenz polizeilich unterdrückt und wird noch lange polizeilich unterdrückt werden. Vielleicht liegt gerade darinnen der Nerv ihrer Stärke, daß sie polizeilich unterdrückt wird. Man kann überhaupt mit Bezug auf dieses eine ziemlich schematische, aber doch gültige Zusammenstellung machen. Man kann sagen: In Rußland wird die Intelligenz verfolgt, in Mitteleuropa gezähmt, und im Westen ist die Intelligenz schon zahm geboren.

[ 12 ] When one considers the matter from its very foundations, even something that one would otherwise have to criticize thoroughly with an unbiased judgment appears to be a necessity for the development of humanity. As I said, Russians themselves—insightful Russians who characterize these things—correctly identify that the Russian intelligentsia has two underlying currents in its development. This Russian intelligentsia has acquired the configuration and character it possesses today because the Russian who was developing into a member of the intelligentsia—who wanted to become an enlightened individual—was initially suppressed by police violence. He had to defend himself against that police violence, even to the point of martyrdom. One may, as I said, condemn this, but one must form an impartial judgment about it. On the one hand, the specific character of this Russian intelligentsia—which seeks precisely to preserve itself for humanity’s future spiritual impulses—is entirely conditioned by the police repression that persisted to the point of martyrdom. And on the other hand—as Russian writers constantly emphasize—this Russian intelligentsia, precisely because it seeks to preserve itself for times to come, is today something out of touch with the world, something that does not easily cope with life, something oriented toward something entirely different from what is immediately pulsating in the world. So one can say: In this respect, too, the Russian spiritual life is the antithesis of that of the English-speaking population. One might say: In the West, the intelligentsia is protected by the police; in the East, the intelligentsia is reviled by the police. One might prefer one approach, another the other, but this is a statement of fact. So in the West, as I said, the intelligentsia is protected. The distinctive character of the intelligentsia is supposed to permeate public life; it is supposed to be woven throughout the social structure. People are supposed to participate in the social structure through their intellectual capacity, and so on. In Russia, regardless of whether it is the Tsar or Lenin doing so, the intelligentsia is suppressed by the police and will continue to be suppressed by the police for a long time to come. Perhaps the very fact that it is suppressed by the police is the source of its strength. One can make a rather schematic, yet valid, generalization regarding this. One might say: In Russia, the intelligentsia is persecuted; in Central Europe, it is tamed; and in the West, the intelligentsia is born tame.

[ 13 ] Wenn man diese Einteilung, diese Gliederung macht, so trifft man, trotzdem die Worte sonderbar klingen, eigentlich durchaus das Richtige. In England und Amerika wird mit Bezug auf den Verfassungsstaat, mit Bezug auf die äußere Politik, auch mit Bezug auf die soziale Struktur die Intelligenz schon zahm geboren, In Mitteleuropa wird sie gezähmt. Im Osten möchte sie gern frei herumlaufen, wird aber verfolgt.

[ 13 ] If one makes this distinction, this classification, then—even though the words sound strange—one is actually quite right. In England and America, with regard to the constitutional state, foreign policy, and even social structure, the intelligentsia is born tame; in Central Europe, it is tamed. In the East, it would like to roam freely, but is persecuted.

[ 14 ] Das sind die Dinge, die durchaus ins Auge gefaßt werden müssen, wenn man Wirklichkeit sehen will, wenn man sich nicht in einer chaotischen Weise auf die Dinge bloß einlassen will, die einen dann aber auf keine Weise zu irgendeiner Einsicht kommen läßt. Nun handelt es sich darum, daß ja auf der einen Seite die Menschen in dieser Weise, gerade mit Bezug auf die Intelligenz, differenziert sind, insofern das Volkstum in den Menschen wirkt. Sie sind so differenziert, wie ich es verschiedentlich angedeutet habe, wie ich es heute wiederum von einem gewissen Gesichtspunkte aus andeute. Aber auf der anderen Seite muß im Zeitalter der Bewußtseinsseele zugleich diese Differenzierung durchschaut werden, und man muß die Möglichkeit haben, über sie hinauszukommen.

[ 14 ] These are the things that must certainly be taken into account if one wants to see reality, if one does not want to merely engage with things in a chaotic way that then prevents one from gaining any insight whatsoever. Now the point is that, on the one hand, people are differentiated in this way—precisely with regard to intelligence—insofar as national character is at work within them. They are differentiated in the way I have indicated on various occasions, and as I am indicating again today from a certain point of view. But on the other hand, in the age of the conscious soul, this differentiation must at the same time be seen through, and one must have the possibility of transcending it.

[ 15 ] Man kommt auf zweierlei Weise praktisch über diese Differenzierung im Leben hinaus. Erstens dadurch, daß man sie kennenlernt. Wenn man nur deklamiert von ganz allgemeinen abstrakten Standpunkten aus, dies oder jenes sei der richtige soziale Standpunkt, ohne eine Erkenntnis der Differenziertheit innerhalb der Menschheit, so ist das gar nichts wert, so redet man nur an der Wirklichkeit vorbei. Also die Einsicht in diese Verhältnisse ist das eine, worauf es ankommt. Das andere ist, daß man aber doch in der Lage ist, sich in einer gewissen Weise mit seinem ganzen menschlichen Erleben wiederum hinauszubringen über diese Dinge und mit der Differenzierung zu rechnen, wenn man praktisch sein will; daß man nicht glaubt, die Menschen seien über den ganzen Erdkreis gleich, und man könne die soziale Frage über den ganzen Erdkreis gleich lösen. Man muß wissen, daß man die soziale Frage auf verschiedene Art lösen muß, weil sie sich selber in verschiedener Weise lösen will, aus den Impulsen der Volkstümer heraus.

[ 15 ] There are two practical ways to transcend this differentiation in life. First, by coming to understand it. If one merely proclaims, from very general and abstract vantage points, that this or that is the correct social standpoint, without any understanding of the nuances within humanity, then that is worth nothing at all; one is merely talking past reality. So insight into these circumstances is the one thing that matters. The other is that one must nevertheless be able, in a certain way, to rise above these things through one’s entire human experience and take this differentiation into account if one wants to be practical; that one does not believe people are the same across the entire globe, and that the social question can be solved in the same way across the entire globe. One must realize that the social question must be solved in different ways, because it demands to be solved in different ways, arising from the impulses of the various peoples.

[ 16 ] Dies aber ist ja nur möglich unter einer solchen Voraussetzung, wie sie hier von der Geisteswissenschaft gemacht wird. Denn wie wollen Sie, wenn Sie irgendein mehr oder weniger chaotisches oder auch harmonisch zusammenhängendes soziales Ideal haben, dieses auf alle Menschen anwenden? Das können Sie ja nur einseitig anwenden. Sie können die allerschönsten, am besten zu beweisenden Ideen haben, Sie werden nichts anderes glauben können, als daß Sie die Menschen über die ganze Erde mit diesen schönen Ideen zu beglücken vermögen. Das ist eben geradezu das Unglück unserer Zeit, daß man zumeist so etwas will. Wer glaubt oder denkt denn heute anders, wenn er sich vor die Menschen hinstellt und von sozialen oder politischen Ideen spricht, als daß über die ganze Erde hin die Verhältnisse so und so geordnet werden können, und mit den Ideen, die ich ausdenke, mit denen kann die ganze Menschheit beglückt werden. — So denken doch die Menschen heute. Und aus den Voraussetzungen unserer Denkgewohnheiten ist überhaupt kaum anders zu denken, meine lieben Freunde.

[ 16 ] But this is only possible under the conditions set forth here by spiritual science. For how can you, if you have any social ideal—whether more or less chaotic or harmoniously coherent—apply it to all people? You can only apply it one-sidedly. You may have the most beautiful ideas, the ones easiest to prove, but you will be unable to believe anything other than that you can make people all over the world happy with these beautiful ideas. That is precisely the misfortune of our time—that people mostly want something like that. Who today, when standing before people and speaking of social or political ideas, believes or thinks anything other than that conditions across the entire earth can be organized in such and such a way, and that with the ideas I conceive, all of humanity can be made happy? — That is how people think today. And given the premises of our habitual ways of thinking, it is hardly possible to think any differently at all, my dear friends.

[ 17 ] Nehmen Sie aber das aus der Geisteswissenschaft herausgeholte Soziale, das ich Ihnen hier vor einiger Zeit vorgebracht habe. Da werden Sie sehen, daß das allerdings mit den Denkgewohnheiten unserer Zeit bricht, daß das einen ganz anderen Charakter hat. Ich habe Ihnen gesagt: Es handelt sich ja nicht darum, irgendein einheitliches soziales Ideal zu haben, sondern zu erforschen: Was will sich verwirklichen in der Realität? — Da habe ich Sie auf eine Dreigliederung desjenigen Lebens hingewiesen, was bisher chaotisch zusammengefaßt wurde im eingliedrigen Staate. Heute sehen Sie überall ez Kabinett, ein Parlament, und das gilt für die Leute als Ideal, alles chaotisch in einem Parlament zusammenzufassen. Ich habe Ihnen gesagt, daß die Wirklichkeit dahin strebt, das, was da zusammengefaßt ist in einem, auseinanderzuhalten. Das geistige Leben mit Einschluß des Juristischen — aber eben nicht Verwaltungsjustiz, sondern Zivil- und Strafjustiz —, bildet das eine Glied, das ökonomische Leben ein zweites Glied. Und dasjenige Leben, was die beiden reguliert, das bildet ein drittes, wo verwaltet wird, wo der Sicherheitsdienst geleistet wird und so weiter. Diese drei stehen einander gegenüber, wie sich heute Staaten gegenüberstehen. Sie verkehren durch Vertreter miteinander, ordnen ihre gegenseitigen Verhältnisse, aber sie sind in sich, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, souverän.

[ 17 ] But consider the social aspect derived from the spiritual sciences, which I presented to you here some time ago. You will see that it does indeed break with the habits of thought of our time, that it has an entirely different character. I have told you: It is not a matter of having some kind of uniform social ideal, but of investigating: What is seeking to realize itself in reality? — I pointed out to you a threefold division of that aspect of life which has hitherto been chaotically lumped together in the unitary state. Today you see a cabinet and a parliament everywhere, and people regard it as an ideal to lump everything together chaotically in a single parliament. I have told you that reality strives to separate what is currently lumped together into one. Spiritual life, including the legal sphere—but not administrative justice, rather civil and criminal justice—forms one element; economic life forms a second element. And the sphere that regulates these two forms a third, where administration takes place, where security services are provided, and so on. These three stand in relation to one another just as states stand in relation to one another today. They interact with one another through representatives, regulate their mutual relations, but they are, if I may use the expression, sovereign in themselves.

[ 18 ] Man kann das, was ich da sage, in Grund und Boden rezensieren, kritisieren, aber dann kritisiert man nicht eine Anschauung, sondern etwas, was sich im Laufe der nächsten vierzig bis fünfzig Jahre verwirklichen will. Diese Dreigliederung gibt Ihnen einzig und allein die Möglichkeit, nun wiederum mit der Differenzierung der Menschheit zu rechnen. Denn wenn Sie nur ein Eingliedriges haben, so müssen Sie ja das der ganzen Menschheit aufdrängen, wie wenn Sie einem kleinen, einem mittleren Menschen und einem Riesen denselben Rock anziehen wollen — wobei die Größe hier nur zur Verdeutlichung genommen wird, es sollen nicht Völker etwa damit als klein oder groß bezeichnet werden. Aber indem sie diese Dreigliedrigkeit haben, da haben Sie die Möglichkeit, etwas Universelles drinnen zu haben. Da wird der Westen sich so gestalten mit Bezug auf seine soziale Struktur, daß bei ihm überwiegt das, was Verwaltung, Verfassung, überhaupt Regulierung des öffentlichen Lebens ist, Sicherheitsdienst im umfassendsten Sinne und so weiter. Die anderen beiden sind untergeordnete Momente, sind von diesem abhängig. Und wiederum für andere Gebiete ist es anders. Da ist das eine von den dreien überwiegend, die andern beiden sind wiederum mehr oder weniger abhängig. Dadurch also, daß Sie eine Dreigliedrigkeit haben, haben Sie die Möglichkeit, auch in Ihrer Ansicht die Wirklichkeitsdifferenzierung zu finden. Was nur ein Einheitliches ist, das müssen Sie über die ganze Erde ausbreiten; was aber in sich dreigliedrig ist, von dem können Sie sagen: Im Westen ist die Eins vorherrschend, in den Mittelländern ist die Zwei vorherrschend, und im Osten ist die Drei vorherrschend. Dadurch differenziert sich dasjenige, was Sie als Ideal der sozialen Struktur finden, über die ganze Erde hin. Darin liegt der Grundunterschied der Anschauung, die hier aus der Geisteswissenschaft heraus vertreten wird, von anderen Anschauungen.

[ 18 ] You can thoroughly review and criticize what I am saying here, but in doing so, you are not criticizing a point of view; rather, you are criticizing something that is set to become a reality over the next forty to fifty years. This threefold division is the only thing that gives you the possibility of once again taking into account the diversity of humanity. For if you have only a single-fold structure, you must impose it on all of humanity, as if you were trying to put the same coat on a small person, a person of average height, and a giant—though the size here is used merely for illustration; it is not meant to label peoples as small or large. But by having this threefold structure, you have the possibility of incorporating something universal within it. The West will thus shape itself, in terms of its social structure, in such a way that what predominates there is administration, the constitution, the regulation of public life in general, security services in the broadest sense, and so on. The other two are subordinate elements, dependent on this one. And again, for other regions, the situation is different. In those areas, one of the three is predominant, while the other two are, in turn, more or less dependent on it. Thus, by having this threefold structure, you have the opportunity to find a differentiation of reality in your own perspective as well. What is merely one unified entity must be spread across the entire earth; but of that which is threefold in itself, you can say: In the West, the One is predominant; in the central regions, the Two is predominant; and in the East, the Three is predominant. As a result, what you find to be the ideal of social structure differentiates itself across the entire Earth. Herein lies the fundamental difference between the view advocated here from the perspective of spiritual science and other views.

[ 19 ] Die Anschauung, die aus der Geisteswissenschaft heraus vertreten wird, ist von vornherein auf die Wirklichkeit anwendbar, weil sie in sich selber sich differenzieren läßt und dann differenziert auf die Wirklichkeit angewendet werden kann. Das ist der Unterschied einer abstrakten Anschauung von einer konkreten: eine abstrakte Anschauung ist eine Summe von Begriffen, bei der man glaubt, glücklich zu sein oder die Menschen beglücken zu können; eine konkrete Anschauung ist eine solche, bei der man weiß, sie ist in sich selber so, daß sich einmal das eine auswachsen kann, dann das andere oder das dritte. Dann ist das eine oder das zweite oder dritte auf andere äußere Verhältnisse anwendbar. Das ist es, was den Unterschied einer Wirklichkeitsanschauung von allem Dogmatismus bedeutet. Aber Dogmatismus schwört auf Dogmen. Dogmen aber können sich nur geltend machen, wenn sie die Wirklichkeit tyrannisieren. Eine Wirklichkeitsanschauung ist so, wie die Wirklichkeit selbst, in sich lebendig. So wie der menschliche oder ein anderer Organismus in sich beweglich und lebendig ist, nicht ein abgeschlossenes Festes gibt, so ist eine Wirklichkeitsanschauung in sich selber lebendig, wächst sich nach der einen oder nach der anderen Seite hin aus.

[ 19 ] The perspective advocated by spiritual science is applicable to reality from the outset, because it can be differentiated within itself and then applied to reality in a differentiated manner. This is the difference between an abstract conception and a concrete one: an abstract conception is a sum of concepts in which one believes one is happy or can make others happy; a concrete conception is one in which one knows that it is, in and of itself, such that one aspect can develop, then another, or a third. Then the first, second, or third can be applied to other external circumstances. This is what distinguishes a view of reality from all dogmatism. But dogmatism swears by dogmas. Dogmas, however, can only assert themselves if they tyrannize reality. A view of reality is, like reality itself, alive in and of itself. Just as a human or any other organism is dynamic and alive within itself—not a closed, fixed entity—so too is a view of reality alive in and of itself, growing in one direction or another.

[ 20 ] Wenn Sie diesen Unterschied der Wirklichkeitsanschauung vom Dogmatismus ins Auge fassen, dann ist das ein außerordentlich Wichtiges für jene Umänderung der Denkgewohnheiten in Ihrer Seele, die heute den Menschen so notwendig ist und von der die Menschen heute noch so entfernt sind — viel mehr eigentlich, als sie es wissen. Und das, was ich Ihnen sage, das hängt wiederum im tiefsten Innern mit anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft zusammen.

[ 20 ] If you take this difference in the view of reality—the shift away from dogmatism—to heart, it is of extraordinary importance for that transformation of your soul’s habits of thought that is so necessary for people today and from which people are still so far removed—much more so, in fact, than they realize. And what I am telling you is, in turn, deeply connected in its innermost essence to anthroposophically oriented spiritual science.

[ 21 ] Sehen Sie, für die gewöhnliche Wissenschaft, wie sie heute allein üblich ist, ist der Mensch eine Einheit. Der heutige Anatom, der heutige Physiologe betrachtet das Gehirn, die Sinnesorgane, Nerven, Leber, Milz, Herz; für ihn sind es alles Organe, die er in einen einheitlichen Organismus einordnet. Sie wissen, das tun wir nicht. Wir unterscheiden den Kopfmenschen, respektive Nerven-Sinnesmenschen, von dem Brustmenschen, respektive Atmungs-Blutzirkulationsmenschen, und den Stoffwechselmenschen oder auch Extremitätenmenschen oder auch Muskelmenschen. Wir unterscheiden, wie Sie wissen, einen dreigliedrigen Menschen, und dieser dreigliedrige Mensch, der lebt in der Welt. Und weil wir nicht abstrakt an dem eingliedrigen Menschen festhalten in anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft, so ist es auch so, daß der anthroposophisch orientierte Geisteswissenschafter diejenige soziale Ordnung findet, in die sich der Mensch als dreigliedriges Wesen hineinschließt. Denn das ist der Leitfaden, diese anthroposophische Gliederung des Menschen. Diese drei Glieder sind ja mehr oder weniger auch nur die äußeren am Menschen selbst befindlichen Symbole seines Wesens, denn der Mensch wurzelt ja in allen Welten. Aber wenn wir diese Dreigliedrigkeit betrachten, so ist sie uns ein Leitfaden, um wiederum die Differenziertheit der Menschen über die Erde hin ins Auge zu fassen.

[ 21 ] You see, for conventional science—as it is practiced exclusively today—the human being is a single entity. Today’s anatomist and physiologist examine the brain, the sensory organs, the nerves, the liver, the spleen, and the heart; to them, these are all organs that they classify as part of a unified organism. As you know, we do not do that. We distinguish the head human—or the nervous-sensory human—from the chest human—or the respiratory-circulatory human—and the metabolic human, also known as the extremity human or the muscular human. As you know, we distinguish a threefold human, and this threefold human lives in the world. And because we do not cling abstractly to the one-fold human being in anthroposophically oriented spiritual science, it is also the case that the anthroposophically oriented spiritual scientist finds the social order into which the human being, as a threefold being, is integrated. For that is the guiding principle: this anthroposophical division of the human being. These three members are, after all, more or less merely the external symbols of the human being’s essence found on the human being itself, for the human being is rooted in all worlds. But when we consider this threefold structure, it serves as a guiding principle for us to grasp the diversity of human beings across the Earth.

[ 22 ] Ich bitte, wenn ich mich über diese Sache ausspreche, sie wiederum «sine ira» zu betrachten, denn ich charakterisiere; weder kritisiere ich, noch sage ich irgend etwas, um nach der einen Seite hin abträglich oder nach der anderen Seite hin zuträglich zu wirken. Fangen wir beim russischen Menschen, beim osteuropäischen Menschen an. Man kann ihn gar nicht studieren, wenn man nur die heutige Anatomie, Physiologie oder Psychologie und nicht jenen dreigliedrigen Menschen ins Auge faßt, den ich in meinem Buche «Von Seelenrätseln » wenigstens skizzenhaft angedeutet habe. Denn faßt man das, was heutige — ich bitte zu berücksichtigen: heutige! — russische Seelen-, überhaupt russische Volks-Eigentümlichkeit ist, ins Auge, so kann man sagen: In Rußland ist — die Russen mögen mir das verzeihen, aber es ist wahr — der Kopfmensch zu Hause. Ich sage: Die Russen mögen mir das verzeihen, denn sie glauben das selber nicht; aber sie irren sich eben. Sie werden vielleicht sagen: In Rußland ist der Herzensmensch zu Hause und gerade der Kopf tritt mehr zurück. Das ist nur dann möglich zu behaupten, wenn Sie Geisteswissenschaft nicht ordentlich studieren. Denn deshalb erscheint die russische Kopfkultur vorzugsweise als eine Herzenskultur, weil, wenn ich mich trivial ausdrücken darf, der Russe das Herz im Kopfe hat, das heißt, das Herz wirkt so stark, daß es nach dem Kopfe hin wirkt; daß es die ganze Intelligenz durchkreuzt, daß es alles durchsetzt. Aber die Wirkung des Herzens auf den Kopf, auf die Begriffe, auf die Ideen, das konfiguriert die ganze osteuropäische Kultur.

[ 22 ] I ask that, when I speak about this matter, you consider it “sine ira,” for I am merely characterizing; I am neither criticizing nor saying anything intended to be detrimental to one side or beneficial to the other. Let us begin with the Russian people, with the people of Eastern Europe. One cannot study them at all if one considers only modern anatomy, physiology, or psychology, and not that threefold human being whom I have at least sketched out in my book *On the Mysteries of the Soul*. For if one considers what constitutes the characteristic of the Russian soul today—and I ask you to note: today!—and of the Russian people in general, one can say: In Russia—and may the Russians forgive me for this, but it is true—the “head-oriented” person is at home. I say: May the Russians forgive me for this, for they do not believe it themselves; but they are simply mistaken. They may say: In Russia, the person of the heart is at home, and it is precisely the head that takes a back seat. It is only possible to claim this if you have not properly studied the science of the spirit. For the reason Russian intellectual culture appears primarily as a culture of the heart is that—if I may put it simply—the Russian has the heart in the head; that is, the heart exerts such a strong influence that it acts upon the head; that it permeates the entire intellect, that it permeates everything. But the influence of the heart on the mind, on concepts, and on ideas—that is what shapes the entire culture of Eastern Europe.

[ 23 ] Und mögen es mir die Mitteleuropäer wiederum nicht übelnehmen, aber so ist es: die haben als Wesentliches — und das charakterisiert die ganze mitteleuropäische Kultur —, daß ihnen der Kopf fortwährend in die Brust fällt, und der Unterleib oder die Extremitäten fortwährend nach dem Herzen heraufgezogen werden. Das ist das Wesentliche beim mitteleuropäischen Menschen; deshalb kommt er so furchtbar schwer zurecht, weil er weder an dem einen noch an dem anderen Ende eigentlich ist. Ich habe Ihnen das dargestellt dadurch, daß ich Ihnen gesagt habe: Beim Hüter der Schwelle kommt der mitteleuropäische Mensch dazu, das Schwanken, den Zweifel, die Unsicherheit namentlich zu erleben.

[ 23 ] And I hope the Central Europeans won’t hold it against me, but that’s the way it is: their essential characteristic—and this defines the entire Central European culture—is that their heads are constantly sinking into their chests, while their lower bodies or extremities are constantly being pulled up toward their hearts. That is the defining feature of the Central European; that is why he has such a terribly hard time getting by, because he is not really at either end. I have illustrated this to you by saying: In *The Keeper of the Threshold*, the Central European comes to experience wavering, doubt, and uncertainty in a very concrete way.

[ 24 ] Und die Westeuropäer mögen es mir wiederum nicht übelnehmen, denn — Sie ahnen schon, was nun übrig bleibt — ihre Kultur ist vorzugsweise eine Unterleibskultur, eine Muskelkultur, weil das gerade das Eigentümliche ist, daß alles, was von der Muskelkultur ausgeht — im Volkstum, nicht im einzelnen Menschen —, stark auch in den Kopf hineinwirkt. Daher das Instinktive der Intelligenz, daher auch dort die Ursprungsstätte der Muskelkultur im modernen Lebenssinn, des Sportes und so weiter. Sie können das alles, was ich sage, auch im äußeren Leben überall finden, wenn Sie nur wollen, wenn Sie nur wirklich und unbefangen auf die Verhältnisse hinschauen wollen. Einen Leitfaden dazu gibt Ihnen nur anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Es ist beim Russen so, daß bei ihm das Herz in den Kopf heraufraucht, bei der englisch sprechenden Bevölkerung so, daß der Unterleib in den Kopf heraufraucht, daß aber der Kopf auch wiederum zurückwirkt auf den Unterleib und ihn dirigiert. Das ist sehr wichtig, daß man diese Dinge ins Auge faßt. Man braucht sie ja nicht immer so radikal zu sagen, wie wir sie unter uns sagen, aber wir verstehen uns ja, denn wir sind unter uns vielleicht ja doch bis zu einem gewissen Grade wohlwollend und wissen diese Dinge in objektiver Weise zu nehmen, nicht mit Sympathie und Antipathie.

[ 24 ] And Western Europeans, for their part, should not hold it against me, for—you can already guess what remains—their culture is primarily a culture of the lower abdomen, a culture of the muscles, because the distinctive feature is that everything that emanates from this culture of the muscles—in the folk tradition, not in the individual—also has a powerful effect on the mind. Hence the instinctive aspect of intelligence, and hence also the source of physical culture in the modern sense of life—in sports and so on. You can find everything I am saying everywhere in external life, if you only want to, if you are willing to look at the circumstances truly and impartially. Only anthroposophically oriented spiritual science provides you with a guide to this. With Russians, the heart rises up into the head; with the English-speaking population, the lower abdomen rises up into the head—but the head, in turn, also acts back upon the lower abdomen and directs it. It is very important to take these things into account. Of course, one does not always need to express these things as radically as we do among ourselves, but we understand one another, for among ourselves we are perhaps, to a certain extent, well-disposed toward one another and know how to view these matters objectively, without sympathy or antipathy.

[ 25 ] Aber Sie sehen, man muß den dreigliedrigen Menschen ins Auge fassen, man muß wirklich wissen, daß der Mensch ein dreigliedriges Wesen, ein Wesen nach dem Muster der Trinität ist, wenn man die Differenzierungen auch physiologisch, psychologisch studieren will. Und das ist ja das Wesentliche, daß nicht nur so, wie es der Pastor auch sagt, die Menschen Interesse aneinander haben, daß ein Mensch sich für den andern interessiert, sondern daß wirkliches Interesse von Mensch zu Mensch herrscht. Das kann aber nur auf der Einsicht beruhen. Das bleibt ein leeres Abstraktum, wenn Sie sagen: Ich liebe alle Menschen. Verständnisvolles Eingehen auf den Menschen ist notwendig, also auch auf Menschengemeinschaften, wenn man ein Urteil haben will über Menschengemeinschaften und über die soziale Struktur von Menschengemeinschaften. Das kann man aber nur aus der dreigliedrigen Menschennatur heraus. Wenn man nicht weiß — nun mißverstehen Sie das nicht —, was der hervorstechendste Körperteil bei einer Menschengemeinschaft ist, so kann man den Menschen doch nicht erkennen. Man muß irgendwie einen Leitfaden haben, um Einsicht zu gewinnen, sonst wirft man doch alles durcheinander. Das ist es, worauf es ankommt. Deshalb ist anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft etwas, was mit der Wirklichkeit rechnet. Sie ist deshalb auch etwas, was den Menschen vielfach unangenehm ist. Denn die Menschen wollen aus gewissen Vorurteilen heraus gar nicht, daß sie durchschaut werden. Das ist sogar den Menschen im Privatleben fürchterlich unangenehm, wenn sie durchschaut werden, und man kann fast sagen: Von zehn Menschen werden mindestens neun Feinde, wenn man sie wirklich durchschaut; sie werden es schon in irgendeiner Weise; vielleicht mancher im Unbewußten, aber sie werden es. Das ist den Menschen unangenehm, durchschaut zu werden, wenn es auch in dem Lichte geschieht, wie es hier mitgeteilt ist so, daß es gerade zur Erhöhung der Menschenliebe dienen soll. Die abstrakte Menschenliebe ist eben die Liebe, die der Ofen — ich habe den Vergleich öfter gebraucht — mit seinem Wärmen entwickeln soll. Wenn man ihm zuredet: Du bist ein Ofen, also ist es deine Ofenpflicht, das Zimmer zu wärmen — und man nicht heizt, ist alles moralische Zureden nichts nütze. So auch alle Sonntagnachmittagspredigten. Wenn man den Menschen noch so sehr Liebe und Liebe und Liebe predigt und man nicht das Heizmaterial liefert, dasjenige, wodurch Menschen und Menschengemeinschaften erkannt werden, ist alles Predigen wertlos.

[ 25 ] But you see, one must take the threefold human being into account; one must truly understand that the human being is a threefold being, a being modeled on the Trinity, if one wishes to study these distinctions physiologically and psychologically as well. And that is indeed the essential point: not merely, as the pastor also says, that people take an interest in one another—that one person is interested in another—but that genuine interest prevails from person to person. This, however, can only be based on insight. It remains an empty abstraction when you say, “I love all people.” It is necessary to approach people with understanding—and thus also human communities—if one wishes to form a judgment about human communities and their social structure. But this is possible only on the basis of the threefold nature of the human being. If one does not know—now please do not misunderstand this—what the most prominent physical aspect of a human community is, then one cannot truly understand human beings. One must have some kind of guiding principle to gain insight; otherwise, everything gets mixed up. That is what matters. That is why anthroposophically oriented spiritual science is something that takes reality into account. It is therefore also something that is often unpleasant for people. For, out of certain prejudices, people do not want to be seen through at all. It is even terribly unpleasant for people in their private lives to be seen through, and one could almost say: Out of ten people, at least nine become enemies when one truly sees through them; they do so in one way or another—perhaps some unconsciously, but they do. It is unpleasant for people to be seen through, even when it happens in the light described here—namely, in a way that is intended precisely to foster love for humanity. Abstract love for humanity is precisely the love that the stove—I have used this comparison often—is meant to generate through its warmth. If you reason with it: “You are a stove, so it is your duty as a stove to heat the room”—and yet one does not heat it, all moral exhortation is of no use. The same applies to all Sunday afternoon sermons. No matter how much one preaches love, love, and love to people, if one does not provide the fuel—that which enables people and human communities to be recognized—all preaching is worthless.

[ 26 ] Sie sehen, in welchem Sinne wir anthroposophische Geisteswissenschaft als Heizmaterial gerade für das richtige Interesse vom Menschen am Menschen, für die richtige Entwickelung der Menschenliebe auffassen können. Selbst die wichtigen geschichtlichen Tatsachen — ich habe sie als Symptomatologie vor einiger Zeit hier vor Ihnen entwickelt —, die den heutigen sozialen Impulsen zugrunde liegen, sind nur vom Gesichtspunkte einer Wirklichkeitsanschauung aus in die menschliche Einsicht hereinzubringen.

[ 26 ] You can see in what sense we can regard anthroposophical spiritual science as fuel precisely for a genuine interest in one human being by another, and for the proper development of love for humanity. Even the important historical facts—which I outlined here before you some time ago as a symptomatology—that underlie today’s social impulses can only be brought into human understanding from the perspective of a view of reality.

[ 27 ] Wenn wir das alles ins Auge fassen, was wir über die Differenzierung der westlichen, der mittleren und der östlichen Welt schon gesagt haben, und was noch reicher dann in Ihre Seelen einfließt, wenn Sie auf diese Welten nun wirklich verständnisvoll hinschauen, dann fragt man sich ja wohl auch: Woher rührt es denn noch außer dem schon Gesagten, daß zum Beispiel die russische Intelligenz sich aufbewahren kann für folgende Zeiten? — Es bedarf einer größeren Kraft, die Intelligenz gewissermaßen zu bewahren vor dem Ansturm der Instinkte, als es Kraft bedarf, die angeborene, die instinktive Intelligenz zu üben. Es bedarf einer größeren Kraft. Auch das ist durch gewisse, wenn ich so sagen darf, Einrichtungen in der Entwickelung der abendländischen Menschheit erreicht. Nehmen Sie nur den einen Umstand, daß Rußland in vieler Beziehung zurückgehalten worden ist von den Strömungen des Kulturlebens, die im Westen sich abgespielt haben. Ich habe Ihnen von einem anderen Gesichtspunkte dieses Zurückstauen früherer Zeitkultur nach dem Osten hin charakterisiert. Nehmen Sie, wie im neunten Jahrhunderte die Kirchenspaltung eintritt, die dann im zehnten Jahrhundert vollendet ist; wie eine frühere Gestaltung des Christentums nach Osten zurückgeschoben wird, da stationär, konservativ bleibt, so daß man sagen kann: Ein gewisser Zustand, der über das ganze Christentum verbreitet war in den ersten Jahrhunderten, ist nach Osten geschoben worden, also stationär geblieben. Der Westen hat mittlerweile sein Christentum weiterentwickelt. Es ist also etwas nach Osten zurückgeschoben worden. Das ist das eine. Auf der anderen Seite ist vorgeschoben worden in den Osten hinein, von seinem Osten aus wiederum, das Tatarentum, also dasjenige, was aus Asien herüberkam. Das alles ist aber nur der Ausdruck dafür, daß auf russischer Erde frühere Menschenkräfte zurückgestaut worden sind und dajenige in sich aufgenommen haben als Menschenkräfte, was von Asien herüberkam in einem jugendlicheren, darf ich sagen, Zustand als die westeuropäische Menschheit.

[ 27 ] When we consider everything we have already said about the distinctions between the Western, Central, and Eastern worlds—and what will flow even more richly into your souls as you now truly look upon these worlds with understanding—then one naturally asks: Apart from what has already been said, what else accounts for the fact that, for example, the Russian intelligentsia is able to preserve itself for future times? — It takes greater strength to preserve the intellect, so to speak, from the onslaught of instincts than it does to exercise the innate, instinctive intellect. It takes greater strength. This, too, has been achieved through certain—if I may say so—institutions in the development of Western humanity. Consider, for instance, the fact that Russia has in many respects been held back from the currents of cultural life that have unfolded in the West. I have previously described to you, from a different perspective, this backflow of earlier cultural life toward the East. Consider, for example, how the schism in the Church occurred in the ninth century and was then completed in the tenth; how an earlier form of Christianity was pushed back toward the East, where it remained static and conservative, so that one can say: A certain state of affairs that was widespread throughout all of Christianity in the first centuries was pushed toward the East, and thus remained static. Meanwhile, the West has continued to develop its form of Christianity. So something has been pushed back toward the East. That is one aspect. On the other hand, Tatar culture—that is, what came over from Asia—has advanced into the East, starting from its own eastern border. All of this, however, is merely an expression of the fact that on Russian soil, earlier human forces were held back and absorbed into themselves as human forces what came over from Asia in a more youthful—if I may say so—state than that of Western European humanity.

[ 28 ] Nehmen Sie, um da etwas ins Auge zu fassen, die mitteleuropäische Kultur in ihrer Abhängigkeit vom Protestantismus. Diese Abhängigkeit ist größer, als man gewöhnlich denkt. Im Grunde genommen ist die ganze mitteleuropäische Kultur konfiguriert von dem Impuls des Protestantismus, nicht von diesem oder jenem Bekenntnis, aber von dem Impuls des Protestantismus, denn der Protestantismus ist ja für den höher Betrachtenden auch nur ein Symptom. Das Wesentliche ist der geistige Impuls, der im Protestantismus wirkte. Die ganze Wissenschaft, wie siein Mitteleuropa getrieben wird, die Form, die sie erhält, ist eigentlich vom Protestantismus beeinflußt, und ohne den Protestantismus ist diese mitteleuropäische Kultur nicht denkbar. Was an einer Stelle besonders hervorragend auftritt — geradeso, wie ich es Ihnen vorhin mit der Anwendung der sozialen Aufgaben der Anthroposophie gezeigt habe, die man sogar differenziert anwenden soll —, das ist an anderer Stelle in anderer Weise, in anderen Verhältnissen zum Leben vorhanden. In Mitteleuropa ist der Protestantismus so gewesen, daß er vorzugsweise, ich möchte sagen, in Schwung gebracht hat das Sich-Stützen des Menschen auf sein intelligentes Wesen. Die mitteleuropäische Intelligenz, die anerzogen werden muß, die hängt schon zusammen mit dem Protestantismus. Sogar die katholische Aktion, die gegen den Protestantismus sich erhoben hat, ist, wenn man sie richtig betrachtet, protestantisch, wenn sie nicht gerade vom Jesuitismus ausgeht, der bewußt zurückgehalten hat, was durch den Protestantismus gekommen ist. Aber der Impuls, der durch den Protestantismus wirkt, wirkt, ich möchte sagen, in seiner Reinkultur in Mitteleuropa. Wie wirkte er in Westeuropa? Studieren Sie die geschichtlichen Verhältnisse an der Hand historischer Symptomatologie, dann werden Sie finden: In Westeuropa und in Amerika wirkt der Protestantismus so, daß er dem angeborenen intelligenten Instinkt wie eine Selbstverständlichkeit entspricht, der sich sogar mehr im politischen Leben als im religiösen Leben auslebt. Er wirkt ganz selbstverständlich. Er ist da etwas, was alles durchdringt, er hat nicht eine besondere Beschaffenheit nötig, wenn auch da und dort natürlich reformatorische Herzen erglühten; er hat nicht nötig, eine so erschütternde Reformation herbeizurufen, wie das in Mitteleuropa der Fall war. Er ist im Westen selbstverständlich da. Er ist so, daß man sagen könnte: Der moderne Westmensch wird schon als Protestant geboren; der mitteleuropäische Mensch diskutiert als Protestant. Gerade der Prötestantismus ruft die Diskussionen über die intelligenten Dinge hervor. Da ist es nicht angeboren. Der Russe lehnt den Protestantismus als Russe ab. Er will ihn nicht haben, er kann ihn auch als Russe nicht haben. Russentum und Protestantismus sind unverträglich miteinander.

[ 28 ] To illustrate this point, consider Central European culture and its dependence on Protestantism. This dependence is greater than is commonly thought. Essentially, the entire Central European culture is shaped by the impulse of Protestantism—not by this or that denomination, but by the impulse of Protestantism itself, for to the discerning observer, Protestantism is, after all, merely a symptom. What is essential is the spiritual impulse that was at work in Protestantism. All of science, as it is pursued in Central Europe, and the form it takes, is in fact influenced by Protestantism, and without Protestantism, this Central European culture is inconceivable. What appears particularly prominent in one area—just as I showed you earlier with regard to the application of the social tasks of anthroposophy, which should even be applied in a differentiated manner—is present in another area in a different way, in different relationships to life. In Central Europe, Protestantism has, so to speak, primarily spurred people to rely on their intellectual nature. The Central European intellect, which must be cultivated, is already intrinsically linked to Protestantism. Even Catholic Action, which arose in opposition to Protestantism, is—if viewed correctly—Protestant in nature, unless it stems directly from Jesuitism, which has consciously held back what came through Protestantism. But the impulse that works through Protestantism operates, I would say, in its purest form in Central Europe. How did it operate in Western Europe? If you study the historical circumstances through the lens of historical symptomatology, you will find that in Western Europe and in America, Protestantism operates in such a way that it corresponds to the innate intelligent instinct as a matter of course, an instinct that finds its expression even more in political life than in religious life. It operates quite naturally. It is something that permeates everything; it does not require any particular character, even though here and there, of course, reformist hearts were set ablaze; it does not need to bring about such a seismic Reformation as was the case in Central Europe. In the West, it is simply a given. It is such that one could say: The modern Westerner is born a Protestant; the Central European engages in discussion as a Protestant. It is precisely Protestantism that sparks discussions about intellectual matters. There, it is not innate. The Russian rejects Protestantism as a Russian. He does not want it, nor can he have it as a Russian. Russianness and Protestantism are incompatible with one another.

[ 29 ] Dieses, was ich sage, das drückt sich nicht etwa bloß dadurch aus, daß man auf das religiöse Bekenntnis sieht, sondern in der Aufnahme jeglichen Kulturimpulses drückt sich das aus. Sie können zum Beispiel den Marxismus in den Westländern verfolgen. Er wird so aufgenommen in den Westländern, daß er von vornherein ein Protest ist gegen die alten Besitzesverhältnisse und so weiter. In den Mittelländern muß viel diskutiert werden über diese Dinge, gezankt, gezweifelt, auch viel unnützes Zeug muß da geredet werden. Das entspricht dem Charakter der Mittelländer. In Osteuropa nimmt der Marxismus überhaupt sonderbare Formen an, in Osteuropa muß man ihn erst vollständig umsetzen. Und wenn Sie den Marxismus in Osteuropa nehmen, so ist er eigentlich ganz durchsetzt und gefärbt von russischer Orthodoxie. Er trägt, nicht in seinen Ideen, aber in der Art und Weise, wie sich der Russe selbst zum Marxismus stellt, das Gepräge des orthodoxen Glaubens.

[ 29 ] What I am saying is not expressed merely by looking at religious creeds, but rather through the assimilation of every cultural impulse. You can, for example, observe Marxism in the Western countries. It is received in the Western countries in such a way that, from the outset, it is a protest against the old property relations and so on. In the Central European countries, there must be much discussion about these things—quarrels, doubts, and a great deal of useless talk as well. This corresponds to the character of the Central European countries. In Eastern Europe, Marxism takes on strange forms altogether; in Eastern Europe, it must first be fully implemented. And if you look at Marxism in Eastern Europe, it is actually thoroughly permeated and colored by Russian Orthodoxy. It bears the stamp of the Orthodox faith—not in its ideas, but in the way Russians themselves relate to Marxism.

[ 30 ] Das soll nur darauf aufmerksam machen, wie es notwendig ist, über die Außendinge hinweg und auf das Innere zu sehen. Sie werden viel gewinnen, wenn Sie sich den mannigfaltigen Dingen des Lebens gegenüber daran gewöhnen, sich zu sagen: So wie wir die Worte heute gebrauchen, so sind sie schon zum großen Teile abgebrauchte Münzen. Was man heute nach dem Sprachgebrauch über die Dinge denkt, das ist eigentlich niemals recht der Wirklichkeit entsprechend. Man muß überall tiefer in die Dinge hineinsehen. Ich möchte sagen: Protestantismus, definiert so, wie das gewöhnlich nach den heutigen Denkgewohnheiten geschieht, sagt eigentlich gar nichts Wirklichkeitsgemäßes mehr. Man muß den Protestantismus so auffassen, daß man auch sagen kann: So, wie der Protestantismus auftritt im Marxismus oder meinetwillen in der Politik oder selbst in der Wissenschaft, hat man das, was der Wirklichkeit entspricht. So radikal notwendig ist es, daß heute angestrebt wird, über das bloße Wortscheingebilde, über das Begriffsscheingebilde hinaus zur lebendigen Erfassung der Wirklichkeit zu streben. Davon hängt alles ab, und davon hängt vor allen Dingen ab die richtige Auffassung des wichtigsten Impulses der Gegenwart, des sozialen Impulses. Auch hängt davon ab die richtige Beurteilung der Zeitverhältnisse. Gerade weil die Menschen gar nicht gewöhnt sind, auf das Wirkliche zu sehen, weil die Menschen ganz fern sind von wirklichkeitsgemäßen Vorstellungen, werden ja die Zeitverhältnisse so schief beurteilt. Sie fragen immer nach Schuld oder Unschuld an den letzten kriegerischen Katastrophen, obwohl diese Frage als solche nicht den allergeringsten Sinn hat. Deshalb habe ich Ihnen ja vor längerer Zeit schon hier vorgetragen, wie die Dinge eigentlich in den Weltimpulsen lagen. Gerade so, wie jene Karte heute eigentlich an der Realisierung ist, die ich vor Ihnen hier aufgezeichnet habe, so sind auch die anderen Dinge an der Realisierung. Sie realisieren sich, sie werden sich auch genau so realisieren, wie sie hier besprochen worden sind. Man muß Sinn haben für dasjenige, was wirklich ist, und nicht an Worthülsen hängen. Worthülsen müssen ja oftmals zur Charakteristik gebraucht werden, aber man darf nicht hängen bleiben an ihnen. So muß man, wenn man die Wirklichkeit sieht, auch vom Wirklichkeitsstandpunkte aus verstehen das heutige, von der Entente und den Amerikanern gebildete Urteil, das über die Mittelländer gefällt wird. Ich habe ja schon gesagt: Ich habe von vielen Seiten gehört, als diese Kriegskatastrophe begann, daß man das, was die Mittelländer getan haben, in Grund und Boden kritisiert hat. Das, was jetzt wahrhaftig genug an Gewaltpolitik und so weiter geschieht, wird von denen, die dazumal kritisiert haben, heute viel weniger kritisiert, obwohl genügend Veranlassung zu einer ähnlichen herben Kritik vorhanden wäre. Ich habe, glaube ich, niemals irgendwelche Persönlichkeiten in Schutz genommen, sondern Verhältnisse charakterisiert. Daher habe ich auch gar keine Aufgabe, Persönlichkeiten, deren maskenloses Dasein sich im Laufe der letzten Zeit enthüllt hat, irgendwie zu verteidigen. Aber, ob nun die restlose Vergötterung des Wilsonianismus zum Beispiel und alles dessen, was drum und dran hängt, weniger in dem Hang der Menschen zu irgendeinem Götzendienst liegt als dasjenige, was in den Mittelländern als Ludendorfferei entwickelt worden ist und was ja in die soziale Psychiatrie gehört, das ist doch etwas, was eben sehr sorgfältig entschieden werden muß, worüber nicht so obenhin gesprochen werden kann.

[ 30 ] This is simply meant to draw attention to how necessary it is to look beyond external things and toward the inner reality. You will gain a great deal if, when faced with the manifold aspects of life, you get into the habit of telling yourself: The way we use words today, they are, for the most part, already worn-out coins. What people think about things today, based on current linguistic usage, actually never quite corresponds to reality. One must look deeper into things everywhere. I would like to say: Protestantism, defined as it usually is according to today’s habits of thought, no longer says anything that corresponds to reality. One must understand Protestantism in such a way that one can also say: The way Protestantism appears in Marxism—or, for that matter, in politics or even in science—is what corresponds to reality. It is so radically necessary today to strive beyond mere verbal constructs and conceptual constructs toward a living grasp of reality. Everything depends on this, and above all, the correct understanding of the most important impulse of the present—the social impulse—depends on it. The correct assessment of contemporary conditions also depends on it. Precisely because people are not at all accustomed to looking at what is real—because people are so far removed from conceptions that correspond to reality—is why current circumstances are judged so skewed. You are always asking about guilt or innocence regarding the recent war-related catastrophes, even though this question, as such, makes not the slightest sense. That is why I explained to you here some time ago how things actually stood in terms of the world impulses. Just as that map I sketched out for you here is now actually coming to fruition, so too are the other things coming to fruition. They are unfolding, and they will unfold exactly as they have been discussed here. One must have a sense of what is truly real and not cling to empty phrases. Empty phrases are often necessary for description, but one must not get stuck on them. Thus, when one sees reality, one must also understand—from the standpoint of reality—the judgment currently being passed by the Entente and the Americans against the Central Powers. As I have already said: I heard from many quarters, when this war catastrophe began, that what the Central Powers had done was roundly criticized. What is now truly happening in terms of a policy of force and so on is criticized far less today by those who criticized it back then, even though there would be ample cause for similarly harsh criticism. I believe I have never defended any specific individuals, but rather characterized circumstances. Therefore, I have no business whatsoever in defending individuals whose true nature has been laid bare in recent times. But whether, for example, the complete idolization of Wilsonianism and everything associated with it stems less from people’s tendency toward some form of idolatry than from what has developed in the Central Powers as “Ludendorffism”—which, after all, belongs in the realm of social psychiatry—is something that must be decided very carefully and cannot be discussed in passing.

[ 31 ] Aber von einem anderen Gesichtspunkte aus habe ich Ihnen einmal hier gesagt: Wenn ein Mensch über den andern schimpft, Böses sagt, so ist nicht immer, ja sogar in den seltensten Fällen der Grund dazu in dem Menschen, über den Böses gesagt wird. Der mag auch böse sein; aber dieses, die Bösheit in ihm, ist für den objektiven Betrachter der Wirklichkeit der allergeringste Grund des Schimpfens. Der Grund des Schimpfens ist zumeist das Schimpfbedürfnis. Und dieses Schimpfbedürfnis sucht sich ein Objekt, das will sich entladen. Das sucht auch seine Ideen in eine solche Strömung zu bringen, daß diese Ideen wie berechtigt aus der Seele des schimpfenden Menschen hervorzugehen scheinen. So ist es oftmals im Verkehr der einzelnen Menschen miteinander. Aber im Großen, in der Welt, ist es auch nicht anders. Man muß dann nur darauf hinsehen, daß ja auch tiefere Gründe vorhanden sind. Sehen Sie, es ist durchaus begreiflich und selbstverständlich, daß die Leute in Ententeländern und in amerikanischen Gebieten jetzt nicht nur einzelne Machthaber, sondern auch die Bevölkerung der Mittelländer in Grund und Boden bohren und alles mögliche nach dieser Richtung hin sagen. Man kann das begreifen, denn, wie würde sich denn die Politik der Ententeländer in den jetzigen Wochen ausnehmen, wenn die Leute dort sagen würden: Diese Leute in den Mittelländern sind ja gar nicht so schlimm; es sind doch im Grunde genommen Menschen, die nur ihre besseren Seiten zu entwickeln brauchen, dann ist es ganz gut mit ihnen. — Ja, wenn sie das sagen würden, dann würde das wenig stimmen mit der Politik, die sie treiben. Man muß dasjenige sagen in der Welt, was einen rechtfertigt. Man muß wissen, wie die Dinge aus der Wirklichkeit hervorgehen. Das ist eine tiefere Anschauung. Es ist ganz selbstverständlich, daß die gesamte öffentliche Meinung der Ententeländer nicht deshalb so ist, weil es wahr ist, sondern um das eigene Verhalten zu rechtfertigen, geradeso, wie oftmals, wenn einer über den andern schimpft, er nicht deshalb schimpft, weil der Angeschimpfte so oder so ist, sondern weil er ein Schimpfbedürfnis hat, weil er es entladen will. Es handelt sich wirklich darum, die Dinge anders anzusehen, als man gewohnt ist, sie anzusehen. Das ist es, worauf es ankommt. Geisteswissenschaft im innersten Grund seiner Seele zu erfassen, ist noch in vieler Beziehung etwas ganz anderes, als was sich selbst viele, die sich der anthroposophischen Bewegung zurechnen, vorstellen.

[ 31 ] But from another point of view, I once told you here: When one person speaks ill of another, the reason for it is not always—indeed, in the rarest of cases—to be found in the person about whom the evil is spoken. That person may indeed be evil; but this—the evil within them—is, for the objective observer of reality, the very least reason for the slander. The reason for the slander is, for the most part, the need to slander. And this need to rail seeks out an object; it wants to vent itself. It also seeks to frame its ideas in such a way that these ideas appear to arise, as if justified, from the soul of the person railing. This is often the case in the interactions between individuals. But on a larger scale, in the world, it is no different. One must simply bear in mind that deeper reasons also exist. You see, it is entirely understandable and only natural that people in the Entente countries and in American territories are now tearing not only individual leaders but also the populations of the Central Powers to shreds and saying all sorts of things along these lines. One can understand this, for what would the policy of the Entente countries look like in these current weeks if the people there were to say: “These people in the Central Powers aren’t really that bad; after all, they’re basically human beings who just need to develop their better sides, and then they’ll be just fine.” — Yes, if they were to say that, it wouldn’t really align with the policies they’re pursuing. In this world, one must say what justifies one’s actions. One must understand how things arise from reality. That is a deeper perspective. It goes without saying that the overall public opinion in the Entente countries is not what it is because it is true, but rather to justify their own behavior—just as, often, when one person rails against another, they do so not because the person being railed against is this way or that, but because they have a need to rail, because they want to vent it. It is really a matter of looking at things differently than one is accustomed to looking at them. That is what matters. To grasp spiritual science in the innermost depths of one’s soul is, in many respects, something quite different from what even many who count themselves among the anthroposophical movement imagine.

[ 32 ] Äußerlich, abstrakt betrachtet — und jetzt kommen wir auf ein anderes Kapitel — könnte man glauben, daß der Sozialismus der Gegenwart, die sozialen Forderungen der Gegenwart, aus sozialen Impulsen hervorgehen. Ich habe Ihnen neulich charakterisiert, wie der Mensch hin- und herpendelt zwischen sozialen und antisozialen Trieben oder Instinkten. Der abstrakt Denkende wird es als etwas ganz Selbstverständliches betrachten, daß der soziale Proletarier in der Gegenwart aus dem Sozialen geboren ist, denn es schickt sich so, nicht wahr, daß man das Soziale aus dem Sozialen definiert. Aber das ist ja nicht wahr. Wer den proletarischen Sozialismus der Gegenwart seiner Wirklichkeit gemäß betrachtet, der weiß, daß der Sozialismus, wie er heute als Marxismus auftritt, eine antisoziale Erscheinung ist. Er geht aus den antisozialen Impulsen hervor. Das ist der Unterschied zwischen abstrakten Definitionen, zwischen abstraktem Denken und wirklichkeitsgemäßem Denken. Was treibt die Menschen, die nach dieser hier gemeinten Richtung hin heute den Sozialismus verwirklichen wollen? Treiben sie etwa soziale Instinkte? Nein, antisoziale Instinkte! Ich habe es gestern sogar aus äußeren Hinweisen gezeigt, aus der Konfiguration der Grundformel: «Proletarier aller Länder, vereinigt euch!» Das heißt: Fühlet den Haß zu den anderen Klassen, damit ihr das Band der Vereinigung fühlt! — Da haben Sie einen der antisozialen Impulse. Man könnte unendlich viele der antisozialen Impulse aufführen, wenn man die Sozialpsychologie der Gegenwart studiert. Das ist der Unterschied zwischen derjenigen Denkweise, die sich heraufentwickelt, heraufentwickeln muß, und die durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gefördert werden soll, und dem, was heute landläufigen Denkgewohnheiten entspricht.

[ 32 ] Outwardly, viewed abstractly—and now we come to a different chapter—one might believe that contemporary socialism, the social demands of the present, arise from social impulses. I recently described to you how human beings oscillate between social and antisocial drives or instincts. The abstract thinker will regard it as entirely self-evident that the social proletarian of the present is born of the social, for it is only natural, is it not, to define the social in terms of the social. But that is not true. Anyone who considers contemporary proletarian socialism in accordance with its reality knows that socialism, as it appears today in the form of Marxism, is an antisocial phenomenon. It arises from antisocial impulses. That is the difference between abstract definitions, between abstract thinking and thinking in accordance with reality. What drives the people who today want to realize socialism in the sense intended here? Are they driven by social instincts, perhaps? No, antisocial instincts! I even demonstrated this yesterday using external evidence, from the structure of the basic formula: “Workers of all countries, unite!” That is to say: Feel hatred toward the other classes, so that you may feel the bond of unity! — There you have one of the antisocial impulses. One could list an infinite number of such antisocial impulses by studying contemporary social psychology. This is the difference between the way of thinking that is emerging—that must emerge—and that is to be fostered by anthroposophically oriented spiritual science, and what corresponds to today’s common habits of thought.

[ 33 ] Deshalb findet auch das, was als anthroposophischer Standpunkt gegenüber der sozialen Frage geltend gemacht werden muß, heute noch so viel Widerstand, weil die Leute nicht wirklichkeitsgemäß denken können, weil die Leute vor allen Dingen nicht differenziert denken können und oftmals sogar glauben, wenn jemand differenziert denken kann, so widerspricht er sich selber.

[ 33 ] That is why the anthroposophical perspective on social issues still meets with so much resistance today: because people are unable to think realistically, because, above all, they are unable to think critically, and because they often even believe that if someone is capable of critical thinking, that person must be contradicting themselves.

[ 34 ] Wichtige Fragen der Gegenwart sind nur zu lösen durch wirklichkeitsgemäßes Denken. Ich will Ihnen eine solche Frage, die sich anknüpft an das, was wir schon besprochen haben, sagen. Ich habe gesagt: Das, was in den proletarischen Köpfen besonders spukt, was einen treibenden Motor bildet, das ist, daß an die Stelle des alten Sklaventums die Versklaverei der Arbeit getreten ist, indem Arbeit in der heutigen sozialen Struktur Ware ist. Ich habe Ihnen gestern scharf betont, daß gerade darin die Aufgabe des sozialen Denkens besteht, die Ware loszulösen von der Arbeitskraft. Die dreigliedrige soziale Struktur, von der ich gesprochen habe, enthält schon denjenigen Impuls, der die Ware von der menschlichen Arbeit loslöst. Denn was durch diese Dreigliederung bewirkt wird, sind nicht logische Konsequenzen, sondern sind eben Wirklichkeitskonsequenzen, die auch der Anschauungswirklichkeit entsprechen.

[ 34 ] Important contemporary issues can only be resolved through realistic thinking. I would like to present you with one such issue, which ties in with what we have already discussed. I have said: What particularly haunts the minds of the proletariat—what serves as a driving force—is that the old form of slavery has been replaced by the enslavement of labor, in that labor is a commodity in today’s social structure. I emphasized strongly to you yesterday that the very task of social thinking consists in separating the commodity from labor power. The threefold social structure I have spoken of already contains the very impulse that detaches the commodity from human labor. For what this threefold division brings about are not logical consequences, but rather consequences of reality that also correspond to perceptual reality.

[ 35 ] Nun schließt sich an diese Frage eine andere an, die gewissermaßen brennend ist. Sie wissen, eine der Grundforderungen des proletarischen Materialismus, der marxistisch gefärbt ist, ist die der Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Die Produktionsmittel sollen in den Gemeinbesitz übergehen. Das würde ja nur der Anfang des Gemeinbesitzes überhaupt sein, auch des Grund und Bodens und so weiter. Und Sie wissen ja auch aus dem, was ich Ihnen vorgeführt habe als das Programm der russischen Räte-Republik, daß es zu dem Programm gehört, die Produktionsmittel und Grund und Boden zu verstaatlichen, besser gesagt, zu vergesellschaften. Das weist Sie schon hin auf die denkbar wichtigste soziale Unterfrage der Gegenwart. Die kann man so formulieren: Soll das soziale Eingreifen in die gegenwärtige Kultur, oder auch in das gegenwärtige Chaos, wenn wir auf die Mittelländer und Ostländer sehen, so geschehen, daß die Tendenz sich herausbildet, daß gegen die Zukunft hin möglichst immer mehr einzelne Menschen Eigentümer werden, Besitzer werden, oder soll es sich so entwickeln, daß die Gemeinschaft Besitzer wird? — Sie verstehen, was ich meine. — Soll es so werden, daß möglichst der einzelne Mensch einen Besitz, ein Eigentum hat, oder soll, um die Ungerechtigkeit zu vermeiden, dasjenige, was Besitz werden kann, Grund und Boden, Produktionsmittel und so weiter, Gemeinbesitz werden? Das ist eine sehr wichtige soziale Unterfrage. Die Tendenz des proletarischen Denkens strebt heute darauf hin, die Dinge zum Gemeinbesitz zu machen. Aber, es ist mit Bezug auf die wichtigsten sozialen Impulse kein Unterschied, ob ein einzelner oder eine Assoziation oder die Gesamtheit Besitzer ist. Die Gesamtheit — für den, der die Wirklichkeit studieren kann, bezeugt sich dieses — wird kein anderer, kein minder schlimmer Unternehmer sein gegenüber dem einzelnen, als es der einzelne Unternehmer ist. Das liegt einfach wie ein Naturgesetz in der Natur der Tatsachen, und das sieht man nur nicht ein; deshalb geht man in die Irre. Denn die Frage ist diese: Sollen alle Menschen Besitzer werden? — Das würde dann sein, wenn man nicht gemeinschaftlichen Besitz hätte — ich kann die Technik weiter nicht ausführen, sie ist aber vollständig durchführbar —, sondern wenn die einzelnen Individualitäten nach der Opportunität, die auf irgendeinem Territorium herrscht, wenn jeder in gerechter Weise Besitzer wäre. Sollen alle Besitzer werden, oder sollen, wie es das heutige proletarische Denken will, alle Proletarier werden? Das ist die Alternative. Das heutige proletarische Denken will alle zu Proletariern machen und nur die Gesamtheit zum Unternehmer. Was sich da ergibt, wenn man die Wirklichkeit erfassen kann, das ist das Gegenteil. Denn niemals ist es möglich, die Dreigliedrigkeit der sozialen Struktur zu erreichen, wenn man alle Menschen zu Proletariern macht. Was erreicht werden muß als Tendenz der dreigliedrigen Struktur, ist die Freiheit des einzelnen Menschen in leiblicher, seelischer und geistiger Beziehung. Das ist nicht zu erreichen, wenn alle Menschen Proletarier werden; aber sie ist für jeden Menschen zu erreichen, wenn alle eine Grundlage des Besitzes haben.

[ 35 ] This question is followed by another that is, so to speak, a burning issue. As you know, one of the fundamental demands of proletarian materialism, which is Marxist in nature, is the socialization of the means of production. The means of production are to become common property. That would, of course, be only the beginning of public ownership in general—including land and so on. And you also know from what I have presented to you as the program of the Russian Soviet Republic that part of that program is to nationalize—or rather, to socialize—the means of production and land. This already points you toward what is arguably the most important social sub-question of our time. It can be formulated as follows: Should social intervention in the current culture—or even in the current chaos, when we look at the Central and Eastern European countries—take place in such a way that a trend emerges whereby, looking toward the future, as many individual people as possible become owners, or should it develop in such a way that the community becomes the owner? — You understand what I mean. — Should it be the case that, as far as possible, the individual possesses property, or, in order to avoid injustice, should that which can become property—land, means of production, and so on—become communal property? This is a very important social sub-question. The tendency of proletarian thought today is to make these things communal property. But, with regard to the most important social impulses, it makes no difference whether an individual, an association, or the collective is the owner. The collective—as anyone who can study reality will see—will be no different, no less of a harmful entrepreneur toward the individual than the individual entrepreneur is. This is simply a fact of nature, like a law of nature, and people just fail to recognize it; and that is why people are led astray. For the question is this: Should all people become owners?—That would be the case not if there were communal ownership—I cannot elaborate further on the technical details, but it is entirely feasible—but if individual persons, according to the opportunities prevailing in any given territory, were all to become owners in a just manner. Should everyone become a property owner, or should everyone, as today’s proletarian thinking demands, become a proletarian? That is the alternative. Today’s proletarian thinking seeks to turn everyone into proletarians and only the collective into entrepreneurs. What emerges when one grasps reality is the exact opposite. For it is never possible to achieve the threefold social structure if all people are made into proletarians. What must be achieved as the aim of the threefold structure is the freedom of the individual in physical, soul, and spiritual terms. This cannot be achieved if all people become proletarians; but it is attainable for every individual if all have a basis for ownership.

[ 36 ] Was zweitens erreicht werden muß, ist eine solche Regulierung der Verhältnisse, daß vor dem Gesetze oder vor der Verfassung, überhaupt vor der Regierung alle gleich sind. Freiheit auf dem geistigen Wege, Gleichheit meinetwillen im Staate, wenn man das eine Drittel weiter so nennen will, Brüderlichkeit in bezug auf das Leben in der Ökonomie. Ich kenne sehr geistvolle Bücher, die mit Recht hervorheben, daß die drei Ideen «Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit» einander widersprechen. Nun, Gleichheit widerspricht der Freiheit ganz entschieden; das haben 1848, und auch schon früher, geistvolle Schriftsteller ausgesprochen; das ist ganz richtig. Wenn man alles durcheinanderwirft, widersprechen sich die Dinge. Freiheit auf dem geistigen, juristischen Gebiete, der Religion, des Unterrichts, der Jurisprudenz; Gleichheit in der Verwaltung, in der Regierung, in dem Sicherheitsdienst; Brüderlichkeit auf ökonomischem Gebiete. — Auf ökonomischem Gebiete ist das Eigentum, das nur in entsprechender Weise für die Zukunft ausgebildet werden muß; auf dem Gebiete des Sicherheitsdienstes und der Verwaltung das Recht, und auf dem Gebiete des geistigen und juristischen Lebens die Freiheit. Wenn die Dinge nach der Trinität verteilt sind, widersprechen sie einander nicht. Denn dasjenige, was sich in Gedanken widerspricht, das ist deshalb wirklichkeitsgemäß, weil es in der Wirklichkeit auf Verschiedenes verteilt ist. Der Gedanke, der krebst nach Widersprüchen; die Wirklichkeit lebt aber nach Widersprüchen. Nun kann man die Wirklichkeit nicht erfassen, wenn man die Widersprüche nicht erfassen kann, wenn man in seinen Gedanken den Widersprüchen nicht nachkommt. Sie sehen aus alledem, daß die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, tatsächlich etwas zu sagen hat bei den wichtigsten Fragen der Gegenwart. Das werden vielleicht doch einige von Ihnen begreifen, daß diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft einiges zu sagen hat und daß die Art, wie man über sie denken sollte, im Grunde beeinflußt werden sollte von dem Bewußtsein, wie sie zu den wichtigsten Forderungen der Zeit steht.

[ 36 ] Secondly, what must be achieved is a regulation of conditions such that all are equal before the law, before the constitution, and indeed before the government. Freedom on the spiritual path; equality, as far as I am concerned, within the state—if one wishes to continue calling that one-third by that name; and fraternity with regard to economic life. I know of some very insightful books that rightly emphasize that the three ideas of “liberty, equality, and fraternity” contradict one another. Well, equality quite decisively contradicts liberty; insightful writers expressed this in 1848, and even earlier; that is entirely correct. If one mixes everything up, these things contradict one another. Freedom in the intellectual and legal spheres, in religion, education, and jurisprudence; equality in administration, government, and law enforcement; fraternity in the economic sphere. — In the economic sphere, it is property, which merely needs to be developed appropriately for the future; in the sphere of security services and administration, it is the law; and in the sphere of intellectual and legal life, it is freedom. When things are distributed according to this trinity, they do not contradict one another. For that which contradicts itself in thought is true to reality precisely because it is distributed among different aspects in reality. Thought craves contradictions; reality, however, lives by contradictions. Now one cannot grasp reality if one cannot grasp the contradictions, if one does not follow the contradictions in one’s thoughts. From all this you can see that spiritual science, as understood here, does indeed have something to say about the most important questions of our time. Perhaps some of you will come to understand that this anthroposophically oriented spiritual science has something to contribute, and that the way one should think about it should, in essence, be influenced by an awareness of its stance toward the most important demands of our time.

[ 37 ] Das ist ja etwas, was auch innig zusammenhängt mit der ganzen Art, wie ich mir zum Beispiel persönlich vorstellen muß, daß im Geistesleben der Gegenwart diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, oder ihr Träger, die anthroposophisch orientierte Geistesbewegung, stehen soll. Das ist natürlich nicht mit einem Schlage von unseren Zeitgenossen zu erreichen, daß man da richtig sieht. Glauben Sie nicht — und derjenige, der mich kennt, der wird das ganz gewiß nicht glauben —, daß es aus einer Albernheit heraus ist oder aus einer persönlichen Eitelkeit, wenn ich diese Dinge charakterisiere. Aus der Notwendigkeit der Tatsachen heraus bin ich immer wieder gezwungen, nach der einen oder anderen Richtung hin zu charakterisieren. Es ist wirklich so, und ich habe Ihnen ja das bei verschiedenen Anlässen gezeigt, daß ich das, was ich selber kann und will, gar nicht geneigt bin, zu überschätzen. Ich kenne die Grenzen und weiß manches, wovon vielleicht der eine oder andere nicht ahnt, daß ich es weiß. Aber gerade für diejenigen, die mich nach dieser Richtung ein wenig beurteilen können, darf ich vielleicht doch sagen, daß ich eines — wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, er ist nicht ganz richtig gebraucht, aber es gibt keinen andern —, daß ich eines «herbeiwünschen» möchte: Das ist eine gewisse Unterscheidung zwischen so etwas, wie es hier gewollt wird, und denjenigen Dingen, mit denen das, was hier gewollt wird, sehr häufig verwechselt wird. Wieviele gibt es heute noch, die da oder dort diese oder jene okkulte oder sich okkult nennende Gesellschaft sehen und sich nicht einlassen auf eine durch den gesunden Menschenverstand herbeigeführte Unterscheidung dessen, was hier gefunden werden kann! Denn, mag es noch so unvollkommen sein, die Bemühung liegt doch hier vor, wirklich mit dem Bewußtsein der Zeit zu rechnen. Sehen Sie sich dagegen all das Zeug an, was vielfach auch als okkulte oder ähnliche Bewegungen aufgefaßt wird, wie das mit dem Bewußtsein der Zeit rechnet. Alle diese Nieder- und Hochgrad-Maurer, auch alle die verschiedensten Religionsgemeinschaften, an ihnen ist ja gerade das Antiquierte, daß sie nicht imstande sind, mit dem Bewußtsein der Zeit wirklich zu rechnen. Wo redet man denn aus den Untergründen heraus, die in diesen Dingen zu finden sind? Wo redet man denn in einer wirklich modern eingreifenden Weise, so daß es der Wirklichkeit angepaßt ist, über die brennenden Fragen der Gegenwart? Aus den Ritualien und Vorschriften der einen oder der anderen Maurerei oder Konfessionsgemeinschaft werden Sie diese Dinge nicht herausfinden können. Da möchte man, daß ein Unterscheidungsvermögen Platz griffe!

[ 37 ] This is, after all, something that is also intimately connected with the whole way in which I, for example, must personally conceive of the place that this anthroposophically oriented spiritual science—or its bearer, the anthroposophically oriented spiritual movement—should occupy in contemporary spiritual life. Of course, it cannot be achieved overnight for our contemporaries to see this clearly. Do not believe—and anyone who knows me will certainly not believe this—that I characterize these things out of foolishness or personal vanity. Out of the necessity of the facts, I am repeatedly compelled to characterize them in one direction or another. It is truly the case—and I have shown you this on various occasions—that I am not at all inclined to overestimate what I myself am capable of and what I intend to do. I know my limits and am aware of certain things that perhaps one or the other does not suspect I know. But precisely for those who are able to judge me a little in this regard, I may perhaps say that there is one thing—if I may use the expression; it is not used quite correctly, but there is no other—that I would like to “wish for”: That is a certain distinction between what is intended here and those things with which what is intended here is very often confused. How many people are there today who, here and there, see this or that occult society—or one that calls itself occult—and refuse to engage in a distinction, guided by common sense, between what can be found here! For, however imperfect it may be, the effort is nevertheless present here to truly take the consciousness of the times into account. Consider, by contrast, all that stuff that is often regarded as occult or similar movements—how it takes the consciousness of the times into account. All these low- and high-degree Freemasons, as well as all the various religious communities—what is so antiquated about them is precisely that they are incapable of truly reckoning with the consciousness of the times. Where, then, does one speak from the depths that lie within these matters? Where, then, is there a truly modern and incisive discourse—one adapted to reality—on the burning issues of the present? You will not be able to find these things in the rituals and precepts of one Masonic order or another, or of any religious denomination. One would wish that a discerning judgment would take hold!

[ 38 ] Gewiß, es ist erschwert, das gebe ich zu, aus dem Grunde, weil aus den historischen Verhältnissen, wie ich sie Ihnen geschildert habe, diese Gesellschaft, um die es sich hier handelt, im Anfang konfundiert wurde mit der Theosophischen oder mit allerlei anderen Gesellschaften. In äußerer Beziehung mag es ein Fehler gewesen sein; karmisch ist es gerechtfertigt. Gescheiter wäre es gewesen, wenn diese Anthroposophische Gesellschaft sich, ganz auf sich selbst stehend, ohne irgendeine Beziehung zu anderen Gesellschaften begründet hätte. Gewiß, äußerlich gefaßt, wäre es gescheiter gewesen, denn das ganze philiströse Bourgeoistum der Theosophischen Gesellschaft, das antiquierte Zeug, all das wäre nicht eingeflossen. In die Anthroposophie ist es ja nicht eingeflossen, aber vielfach in den gesellschaftlichen Betrieb. Es könnte, wenn Anthroposophie in der richtigen Weise in unserer Gesellschaft lebte, wie sie es eben nicht tut, es könnte diese Gesellschaft schon, in einem gewissen Sinne wenigstens, das eine Drittel unserer sozialen Struktur, wie sie aus der Anthroposophie selbst folgt, das geistige Drittel, selbst mit Einschluß des Juristischen, musterhaft charakterisieren. Denn was als Recht von Individuum zu Individuum eigentlich unter Anthroposophen herrschen sollte, das sollte eine selbstverständliche Sache sein. Ich empfinde es immer als den schärfsten Bruch mit dem, was sich unter uns entwickeln soll, wenn der eine über den andern so spricht, daß er nach außen irgendwie klagen geht. Da soll sich auch das Rechtsbewußtsein, soweit es eben in dem einen Drittel der sozialen Struktur gemeint ist, entwickeln. Aber es ist eben noch weithin, bis daß eine solche anthroposophische Gesellschaft wirklich das enthält, was sie enthalten könnte, nach den anthroposophischen Impulsen, wie sie eigentlich gemeint sind. Dann muß erst noch das Ohr sich für innere Wahrheit entwickeln, dieses Ohr für innere Wahrheit, das heute die wenigsten Menschen haben. Weil diese Unterscheidung, die eigentlich von außen kommen sollte, von außen nicht kommt, deshalb ist es schon notwendig, das eine oder das andere Mal von diesem oder jenem Gesichtspunkte auf das Unterscheidende hinzuweisen. Ich möchte insbesondere mit Bezug auf gewisse Dinge heute dieses sagen: Dadurch unterscheidet sich das, was durch mich selbst in dieser anthroposophischen Bewegung lebt, von anderem, daß durchaus immer von mir gearbeitet wurde nach jenem Grundsatz, den ich bereits beim Erscheinen meiner « Theosophie» in der Vorrede ausgesprochen habe, daß ich nichts anderes mitteile als das, was ich aus persönlicher Erfahrung mitteilen kann. Hier wird nichts anderes mitgeteilt von mir, als wofür ich aus persönlicher Erfahrung einstehen kann. Hier wird nicht in irgendeinem Sinne, wie es sonst da oder dort gemacht wird, die Berufung auf Autoritäten gepflogen.

[ 38 ] Certainly, it is difficult—I admit that—because, due to the historical circumstances I have described to you, this society in question was initially confused with the Theosophical Society or with all sorts of other societies. Externally speaking, it may have been a mistake; karmically, it is justified. It would have been wiser if this Anthroposophical Society had been founded entirely on its own, without any connection to other societies. Certainly, from an external standpoint, it would have been wiser, for the entire philistine bourgeois mentality of the Theosophical Society—that antiquated stuff—would not have found its way in. It did not, after all, find its way into Anthroposophy itself, but it did, in many ways, influence the Society’s operations. If Anthroposophy were to live in our society in the right way—which it does not—this Society could, at least in a certain sense, exemplify that one-third of our social structure that follows directly from Anthroposophy itself—the spiritual third, including the legal aspect. For what should actually prevail among anthroposophists as a matter of justice from individual to individual should be a matter of course. I always perceive it as the sharpest rupture with what is meant to develop among us when one person speaks of another in such a way that he or she goes out to complain to others. This is also where the sense of justice—insofar as it is intended within that one third of the social structure—should develop. But there is still a long way to go before such an anthroposophical society truly embodies what it could embody, in accordance with the anthroposophical impulses as they are actually intended. Then the ear for inner truth must still develop—this ear for inner truth that very few people possess today. Because this discernment, which should actually come from outside, does not come from outside, it is therefore necessary, now and then, to point out the discerning factor from this or that perspective. I would like to say this today, particularly with regard to certain matters: What distinguishes what lives through me in this anthroposophical movement from other things is that I have always worked strictly according to the principle I already expressed in the preface to my *Theosophy*—that I communicate nothing other than what I can communicate from personal experience. Here I communicate nothing other than what I can vouch for from personal experience. Here, unlike what is often done elsewhere, there is no appeal to authorities in any sense.

[ 39 ] Das hat das andere im Gefolge, daß ich sagen darf, daß die geistige Strömung, die durch die anthroposophische Bewegung geleitet wird, von keiner andern Strömung abhängig ist, sondern allein von der Geistigkeit abhängt, die durch die Gegenwart fließt, einzig und allein davon. Daher bin ich — ich bitte Sie, das in allem Ernste aufzufassen nicht verpflichtet, niemandem gegenüber verpflichtet, irgend etwas, wovon ich selber finde, daß es gesagt werden soll in der Gegenwart, zu verschweigen. Ein Gebot des Verschweigens gibt es bei demjenigen nicht, der niemandem gegenüber mit Bezug auf sein geistiges Gut verpflichtet ist. Das gibt schon eine Grundlage für die Unterscheidung dieser Bewegung von anderen Bewegungen. Denn, wer jemals behaupten sollte, daß dasjenige, was innerhalb der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft verkündet wird, anders verkündet wird als im Sinne dieses in meiner «Theosophie» stehenden Wortes — daß ich rein persönlich dafür eintrete —, der mag meinetwillen die Verhältnisse nicht kennen und oftmals nicht dagewesen sein, sondern sie von außen ansehen, er verkündet aber die Unwahrheit, aus Böswilligkeit oder nicht aus Böswilligkeit. Wer aber oftmals bei uns war und anderes sagt, etwa irgendeine Vergangenheit oder einen Zusammenhang dieser geistigen Bewegung mit einer anderen konstatiert, wenn er die Verhältnisse hier kennt, der lügt. Das ist es, um was es sich handelt: Entweder wird er aus Unkenntnis der Verhältnisse die Unwahrheit sagen, oder es wird bei Kenntnis der Verhältnisse gelogen. So ist auch alle Gegnerschaft gegen diese Bewegung aufzufassen.

[ 39 ] This leads to the following: I may say that the spiritual current channeled through the anthroposophical movement is not dependent on any other current, but depends solely on the spirituality that flows through the present—and on that alone. Therefore—and I ask you to take this in all seriousness—I am under no obligation to anyone to withhold anything that I myself feel should be said at the present time. There is no imperative of silence for one who is under no obligation to anyone with regard to his spiritual heritage. This in itself provides a basis for distinguishing this movement from other movements. For anyone who should ever claim that what is proclaimed within anthroposophically oriented spiritual science is proclaimed differently than in the sense of this statement in my *Theosophy*—which I personally advocate—may, for all I care, be unfamiliar with the circumstances and may often not have been present, but rather view them from the outside; but they are proclaiming a falsehood, whether out of malice or not. But anyone who has been with us often and says otherwise—for example, by asserting some past connection or link between this spiritual movement and another—is lying if they are familiar with the circumstances here. That is what this is all about: Either they will speak untruths out of ignorance of the circumstances, or they will lie despite knowing the circumstances. This is also how all opposition to this movement must be understood.

[ 40 ] Deshalb muß ich immer wieder betonen: Ich habe nur dasjenige zu verschweigen, von dem ich weiß, daß es der gegenwärtigen Menschheit wegen ihrer Unreife noch nicht mitgeteilt werden kann. Aber ich habe nichts aus irgendeinem Grunde zu verschweigen, weil jemandem gegenüber ein Gelöbnis oder dergleichen abgelegt wäre. Niemals ist in diese Bewegung etwas eingeflossen, was von einer anderen Seite gekommen wäre. Diese Bewegung war geistig nie abhängig von einer anderen; die Zusammenhänge waren nur äußere. Vielleicht werden die Zeiten kommen, wo Sie auch einsehen werden, daß es gut ist, wenn Sie sich daran erinnern, daß ich manchmal Dinge vorhersage, die erst nachher in ihrem richtigen Zusammenhange eingesehen werden. Es wird Ihnen vielleicht einmal, wenn Sie den guten Willen dazu haben, gut dienen können, daß Sie sich erinnern, in welchem Sinne das Geistesgut gepflegt wird, das durch die anthroposophische Bewegung fließen soll.

[ 40 ] That is why I must emphasize again and again: I have only to keep secret that which I know cannot yet be revealed to present-day humanity because of its immaturity. But I have nothing to keep secret for any reason whatsoever because I have made a vow or the like to anyone. Nothing has ever found its way into this movement that came from another source. Spiritually, this movement has never been dependent on another; the connections were merely external. Perhaps the time will come when you, too, will realize that it is good to remember that I sometimes predict things that are only understood in their proper context later on. It may one day serve you well—if you have the goodwill to do so—to remember the spirit in which the spiritual heritage is to be nurtured, the heritage that is meant to flow through the anthroposophical movement.

[ 41 ] Aber auch einen Probierstein hat jeder, der diese anthroposophische Bewegung von anderen Bewegungen unterscheiden will. Der Probierstein, der heute da ist für eine solche Bewegung, ist ein Dreifaches. Erstens, daß sich eine solche Bewegung den wissenschaftlichen und intellektuellen Anforderungen der Gegenwart gewachsen zeigt. Nehmen Sie die von mir gepflegte Literatur durch, Sie werden, mag das einzelne unvollkommen sein, durchaus die Bemühung sehen, daß hier eine Bewegung geschaffen werden soll, die nicht aus Altem, Antiquiertem heraus schafft, sondern die mit den wissenschaftlichen Mitteln der Gegenwart durchaus vertraut ist und in vollem Einklang mit dem wissenschaftlichen Bewußtsein der Gegenwart wirkt. Das ist das eine.

[ 41 ] But anyone who wishes to distinguish this anthroposophical movement from other movements also has a touchstone. The touchstone that exists today for such a movement is threefold. First, that such a movement proves itself capable of meeting the scientific and intellectual demands of the present. If you review the literature I have produced, you will—even if individual works may be imperfect—certainly see the effort to create a movement that does not draw upon the old and antiquated, but is thoroughly familiar with the scientific methods of the present and operates in full harmony with contemporary scientific consciousness. That is the first point.

[ 42 ] Das zweite ist, daß eine solche Bewegung in wirklich lebensvoller Weise etwas über die Lebensfragen der Gegenwart zu sagen hat, also zum Beispiel über die soziale Frage. Was andere Bewegungen nach dieser Richtung zu sagen haben, versuchen Sie es zu vergleichen in seiner Antiguiertheit, in seiner Wirklichkeitsfremdheit, mit dem, was diese Bewegung dazu zu sagen hat.

[ 42 ] The second point is that such a movement has something to say—in a truly vibrant way—about the vital issues of our time, such as the social question. Try to compare what other movements of this kind have to say—in terms of how outdated and out of touch with reality they are—with what this movement has to say on the matter.

[ 43 ] Das dritte, der dritte Teil des Probiersteines ist, daß eine solche Bewegung die verschiedenen Religionsbedürfnisse bewußt über sich aufzuklären vermag, in dem Sinne aufzuklären vermag, daß sie Aufklärung über die religiösen Bedürfnisse mit einer vollständigen Wirklichkeitsvertrautheit verbindet. Dadurch schon können Sie diese Bewegung unterscheiden von all denjenigen Bewegungen, die imGrunde genommen es doch nur bis zur Sonntagnachmittagspredigt bringen, die es dahin bringen, den Leuten Moralpauken und dergleichen zu halten, gegenüber den konkreten, in der gegenwärtigen sozialen Struktur wirkenden Begriffen aber weltfremd sind. Eine heutige Wirklichkeitswissenschaft muß über Arbeit, über Kapital, über Kreditverhältnisse, über Bodenverhältnisse, über alle diese Dinge, die mit dem heutigen Leben zusammenhängen, über die Gestaltung des sozialen Lebens so reden können, wie sie zu reden versteht über das Verhältnis des Menschen zum göttlichen Wesen, über das Verhältnis des Menschen zur Nächstenliebe und so weiter. Das ist, was die Menschheit so lange versäumt hat: den Anschluß zu finden von oben herunter bis in die unmittelbarsten konkreten Gestaltungen und Prozesse des Lebens. Das ist, was Theologie und Theosophie in unserer Zeit versäumten in ihren verschiedenen Gestaltungen, was auch eine okkulte Richtung versäumte. Sie reden sozusagen von oben herunter bis dahin, wo sie den Leuten sagen können: Seid gute Menschen, und dergleichen ähnliches. Aber sie sind unfruchtbar, sie sind steril, wenn es darauf ankommt, die brennenden konkreten Fragen der Gegenwart wirklich zu erfassen. Die äußere Wissenschaft wiederum redet, aber auch wirklichkeitsfremd, von den Dingen, die das unmittelbare Leben betreffen. Ich habe Ihnen gestern gezeigt, wie fremd die Menschen diesem Leben gegenüberstehen. Wie viele Menschen wissen denn heute überhaupt, was zum Beispiel Kapital ist; was es in Realität ist? — Gewiß, sie wissen, wenn sie soundso viel Geld im Schrank haben, so ist das ein Kapital. Aber das heißt nicht: Wissen, was Kapital ist. Wissen, was Kapital ist, heißt wissen, wie die Regulierung in der sozialen Struktur mit Bezug auf gewisse Dinge und Prozesse ist. Geradeso, wie man für den einzelnen Menschen anthroposophisch die Beziehungen kennen muß, die da herrschen im Blutkreislauf, der rhythmisch das menschliche Leben reguliert, so muß man wissen, was im sozialen Leben in der verschiedensten Weise pulsiert. Aber die gegenwärtige Physiologie ist noch nicht einmal imstande, materialistisch die wichtigsten Fragen zu lösen; die können erst gelöst werden, wenn anthroposophische Einsicht in den dreigliedrigen Menschen erlangt wird.

[ 43 ] The third—the third part of the touchstone—is that such a movement is capable of consciously enlightening people about their various religious needs, in the sense that it combines enlightenment about religious needs with a complete familiarity with reality. This alone allows you to distinguish this movement from all those movements that, when it comes down to it, only ever make it as far as the Sunday afternoon sermon—movements that end up lecturing people on morality and the like, yet remain out of touch with the concrete concepts at work in the present social structure. A modern science of reality must be able to speak about labor, capital, credit relations, land relations—all these things connected with contemporary life—and about the shaping of social life in the same way that it knows how to speak about the relationship of human beings to the divine, about the relationship of human beings to love of one’s neighbor, and so on. This is what humanity has long failed to do: to establish a connection from above all the way down to the most immediate, concrete forms and processes of life. This is what theology and theosophy have failed to do in our time in their various forms, and what an occult movement has also failed to do. They speak, so to speak, from above down to the point where they can tell people: “Be good people,” and the like. But they are fruitless, they are sterile, when it comes to truly grasping the burning, concrete questions of the present. External science, in turn, speaks—but also in a way that is detached from reality—about the things that concern immediate life. Yesterday I showed you how alienated people are from this life. How many people today even know, for example, what capital is—what it actually is? —Certainly, they know that if they have so-and-so much money in their closet, that is capital. But that does not mean they know what capital is. To know what capital is means to understand how regulation functions within the social structure with regard to certain things and processes. Just as, from an anthroposophical perspective, one must understand the relationships that govern the blood circulation—which rhythmically regulates human life—so too must one understand what pulsates in social life in the most diverse ways. But contemporary physiology is not even capable of solving the most important questions from a materialistic standpoint; these can only be solved once an anthroposophical understanding of the threefold human being is attained.

[ 44 ] Was weiß heutige Wissenschaft zum Beispiel von einem außerordentlich Wichtigen: Worauf rein materialistisch das Vorstellen beruht, worauf rein materialistisch der Wille beruht nach einer gewissen Richtung hin? — Solche Dinge spreche ich heute aus, weil ich dreißig bis fünfunddreißig Jahre meines Lebens über diese Dinge Forschung getrieben habe, wie ich mit Bezug auf einen anderen Punkt bereits gesagt habe. Die Vorstellung beruht darauf, daß der Mensch in sich im Verlaufe des Blutkreislaufes zum Beispiel innerlich Kohlensäure hat, die noch nicht ausgeatmet ist. Wenn innerlich Kohlensäure zirkuliert, die noch nicht ausgeatmet ist, so ist das das materielle Gegenstück, das materielle Korrelat des Gedankens. Wenn im Menschen Sauerstoff ist, der noch nicht zur Kohlensäure verarbeitet wurde, Sauerstoff, der auf dem Umwege zur Verarbeitung in Kohlensäure, zur Umlagerung in Kohlensäure ist, so ist das, nach einer gewissen Richtung hin, das materielle Korrelat für den Willen. Wo im Menschen Sauerstoff pulsiert, der noch nicht ganz verarbeitet ist und Funktionen hat, da ist materiell der. Wille betätigt. Wo im Innern des menschlichen Leibes schon Kohlensäure ist, die noch nicht ganz so bearbeitet wurde, daß sie ausgestoßen oder ausgeatmet wird, da ist die materielle Grundlage für eine Gedankenform. Aber wie diese beiden Pole, der Gedankenpol, der auch der Kohlensäurepol genannt werden kann, und der Willenspol, der der Sauerstoffpol genannt werden kann, wie diese Pole reguliert werden — das gibt nur eine Wirklichkeitswissenschaft. Nirgends finden Sie solch eine Wahrheit, wie ich sie Ihnen jetzt ausgesprochen habe, in heutigen Büchern. Weil man aber nicht das Denken mit Bezug auf eine solche Wirklichkeit schult, schult man das Denken auch nicht mit Bezug auf das, was notwendig ist für den heutigen Menschen in bezug auf die soziale Struktur. Das aber muß eintreten, das ist der Gegenwart notwendig, und das wird eintreten müssen, daß hinzugerechnet wird zu unserer sozialen Frage das geistig-seelische Sich-Hineinstellen des Menschen in die soziale Struktur.

[ 44 ] What does modern science know, for example, about something of extraordinary importance: What, from a purely materialistic standpoint, is the basis of imagination, and what is the basis of the will directed toward a certain goal? — I am speaking about such things today because I have spent thirty to thirty-five years of my life researching these matters, as I have already mentioned in connection with another point. Imagination is based on the fact that, for example, in the course of blood circulation, a person has carbon dioxide within them that has not yet been exhaled. When carbon dioxide that has not yet been exhaled circulates internally, this is the material counterpart, the material correlate, of thought. When there is oxygen within a person that has not yet been converted into carbon dioxide—oxygen that is on its way, via a detour, to being converted into carbon dioxide—this is, in a certain sense, the material correlate of the will. Where oxygen pulses within a person that has not yet been fully processed and still performs functions, there the will is materially active. Where there is already carbon dioxide within the human body that has not yet been processed to the point of being expelled or exhaled, there lies the material foundation for a thought-form. But how these two poles—the thought pole, which can also be called the carbon dioxide pole, and the will pole, which can be called the oxygen pole—are regulated—this can only be revealed by a science of reality. Nowhere will you find such a truth as I have just expressed to you in today’s books. But because thinking is not trained with reference to such a reality, it is also not trained with reference to what is necessary for people today in relation to the social structure. Yet this must come to pass; it is necessary for the present, and it will have to come to pass—that the spiritual-soul aspect of human beings’ engagement with the social structure be taken into account in our consideration of social issues.

[ 45 ] Das ist versäumt worden. Denken Sie sich nur, wie es anders würde, wenn in diesem oder jenem Etablissement der einzelne Arbeiter auch geistig-seelisch hineingestellt würde in den ganzen Prozeß, den die von ihm erzeugte Ware in der Welt durchmacht, wenn er verstünde, wie er in der sozialen Struktur drinnensteht dadurch, daß er gerade diese Ware erzeugt. Das aber kann nur sein, wenn wirklich solches Interesse von Mensch zu Mensch waltet, daß nach und nach kein erwachsener wahrer Mensch mehr da ist, der nicht die wichtigsten sozialen Begriffe in einer wirklichkeitsgemäßen Weise beherrschen kann. Es muß die Zeit kommen, das ist eine soziale Forderung, in der man als Mensch einfach ebensogut weiß, was Kapital, was Kredit, was Bargeld, was ein Scheck ist in bezug auf den nationalökonomischen Effekt — und man kann es wissen, es ist nicht so schwierig, es muß nur erst selbst von denen, die es lehren sollen, richtig angepackt werden —, wie man heute weiß, daß man die Suppe nicht mit der Gabel ißt, sondern mit dem Löffel. Nicht wahr, wer die Suppe mit der Gabel ißt, der würde einen Unsinn begehen; aber ebenso begeht derjenige einen Unsinn, der die anderen Dinge nicht weiß. Das muß allgemeine öffentliche Meinung werden.

[ 45 ] This has been neglected. Just imagine how different things would be if, in this or that workplace, the individual worker were also mentally and emotionally integrated into the entire process that the goods he produces undergo in the world—if he understood how he is embedded in the social structure precisely because he produces these goods. But this can only happen if such interest truly prevails from person to person that, little by little, there will no longer be a single mature, genuine human being who cannot grasp the most important social concepts in a way that corresponds to reality. The time must come—this is a social imperative—when, as human beings, we simply know just as well what capital, credit, cash, and a check are in terms of their economic impact—and we can know this; it is not that difficult, it just needs to be properly addressed first by those who are supposed to teach it—just as we know today that soup is not eaten with a fork but with a spoon. Isn’t it true that anyone who eats soup with a fork would be committing a folly; but likewise, anyone who does not know these other things is committing a folly. This must become general public opinion.

[ 46 ] Dann wird der wichtigste Impuls der Gegenwart, der soziale Impuls, auf eine ganz andere Grundlage gestellt werden.

[ 46 ] Then the most important impulse of the present—the social impulse—will be placed on an entirely different foundation.