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Goetheanism
An Impulse for Transformation and a Concept of Resurrection
Human and Social Science
GA 188

26 January 1919, Dornach

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Migrations, Social Life, tr. Unknown
  1. Goetheanism, tr. SOL
  2. Der Goetheanismus

Neunter Vortrag

1. The Migration of People in the Past and the Present. The Social Homunculus.

[ 1 ] Öfter habe ich Gelegenheit genommen, bei diesen Betrachtungen darauf aufmerksam zu machen, wie gerade mit Bezug auf die wichtigsten Lebensfragen der Mensch der Gegenwart lernen kann von den einschneidenden, tiefgehenden, ja sintflutartigen Ereignissen unserer Gegenwart; wie allerdings dieses Lernen von den Ereignissen von den wenigsten Menschen der Gegenwart eigentlich schon als Methode gepflegt wird. Man meint meistens, man lerne dadurch von den Ereignissen, daß man die Ereignisse beurteilt und dann das Urteil, das man gefällt hat über die Ereignisse, als Erfahrung betrachtet. Das kann für den Menschen sehr befriedigend sein. Aber für dasjenige, was der Gegenwart so not tut, für soziales Wissen, ist es nicht nur ganz ungenügend, sondern auch ganz ungeeignet. Da handelt es sich darum, daß man nicht sein Urteil über die Ereignisse ausgießt, sondern wirklich von den Ereignissen lernt, die Ereignisse selber urteilen läßt. Und dieses werden Sie in den mannigfaltigsten Betrachtungen, die hier angestellt werden, gerade als die Methoden der Geisteswissenschaft empfinden, wenn diese Geisteswissenschaft angewendet wird auf äußeres physisches Geschehen, also zum Beispiel auf soziales Geschehen. Und da glaube ich, daß man insbesondere von einer ganz außerordentlich bedeutsamen Erscheinung der neueren Zeit mit Bezug auf das soziale Leben lernen kann. Angedeutet habe ich die Sache schon, ich möchte aber an die Spitze unserer heutigen Betrachtungen noch einmal das entsprechende Aperçu setzen.

[ 1 ] During these lectures I have often seized the occasion to point out to you that particularly in connection with the most important problems of life, modern men may learn something from the trenchant, penetrating, almost flood-like events of the present time, though this learning from events is a method practised by few people to-day. As a rule, they think that they can learn something from the events if they simply pass judgment on them, and then these judgments are locked upon as experiences. This can be very satisfactory for some people, but it does not suffice, indeed it is quite unsuited, for what we so sorely need at present, and that is an understanding of social life. The essential thing in such matters is to learn from the events themselves; we must allow the events themselves to develop our judgment, instead of pronouncing judgment over the events. Many explanations which I have given you can show you the true methods of spiritual science; and how spiritual science applies these methods to external physical events—for instance, to the events in social life. Here I think that particularly a significant event of modern times connected with social life may teach us something. I have already drawn attention to it, but let me open to-day's lecture by developing thoughts relating to it.

[ 2 ] Wenn man heute sich zu verständigen versucht über die soziale Frage mit einem Mitgliede der arbeitenden Menschenbevölkerung, auf die es in allen Dingen in den heutigen Angelegenheiten ankommt, und die auf der andern Seite vorzugsweise den inneren Impuls für ihre Anschauung bekommen hat aus dem Marxismus heraus, dann erfährt man immer, daß eine solche Persönlichkeit sehr wenig zunächst hält, in bezug auf soziale Arbeit und soziales Denken, von dem sogenannten guten Willen oder von den ethischen Grundsätzen. Sie werden immer wieder finden, daß eine solche Persönlichkeit sich in der folgenden Weise verhält. Nehmen wir an, Sie sagten, Sie sähen die Grundlage einer Lösung der sozialen Frage darinnen, daß vor allen Dingen die Menschen, die gewisse Führerstellungen haben, namentlich die Menschen der sogenannten Unternehmerklasse, soziale Empfindung bekommen, daß sie Empfindung dafür bekommen, wie ein menschenwürdiges Dasein für alle Menschen unbedingt geschaffen werden müsse. Von einem Heben des moralischen Empfindungsniveaus der bürgerlichen Menschenklassen, nehmen wir an, wollten Sie zu einer solchen Persönlichkeit der breiten Masse der Arbeiterbevölkerung sprechen. So wie die Dinge heute liegen, wird zunächst dieses Mitglied der breiten Masse der Arbeiterbevölkerung, wenn Sie solch eine Ansicht kundgeben, lächeln. Es wird sagen, Sie seien naiv, daran zu glauben, daß man durch Gefühle oder Gefühlsbetätigung die soziale Frage in irgendeiner Weise heute lösen könne. Auf all das, was aus dem Gefühle der führenden Unternehmermenschenklasse fließt, wird solch ein Mitglied der breiten Masse der Arbeiterbevölkerung sagen, kommt es gar nicht an. Denn diese Unternehmermenschenklasse mag sich einbilden was sie will mit Bezug auf ihre ethischen und moralischen Gefühle, so wie die Welt einmal heute eingerichtet ist, indem sie zerfällt in eine Unternehmerklasse und eine Arbeiterklasse, so muß der Unternehmer, er mag ein noch so guter Mensch sein, ausbeuten. Und von einer Hebung des sozialen Sinnes will der Mensch der Arbeiterbevölkerung nichts wissen, weil er sagt: Das hilft alles nichts, alles hängt davon ab, daß sich die Arbeiterklasse ihrer Klassenverhältnisse bewußt werde, daß diese arbeitende Bevölkerung selber von ihren Verhältnissen aus eine solche Umformung der sozialen Lage herbeiführe, daß die allgemeine Verelendung aufhöre beziehungsweise gemildert werde. Nicht auf eine Hebung des moralischen Empfindens kommt es an, sondern darauf, daß durch diejenige Menschenklasse, die vor allen Dingen durch die gegenwärtige wirtschaftliche Kapitalwirtschaftsordnung gedrückt wird, daß durch diese gedrückte, elende Menschenklasse im Kampfe eine andere, nichtkapitalistische Wirtschaftsordnung herbeigeführt werde, eine Veränderung der Zustände, Veränderung der Wirtschaftsordnung.

[ 2 ] Were we to discuss the social question with a member of the working class now constituting the majority of the population which counts most in the concerns of modern life, and which has, on the other hand, obtained the inner impulse for its views chiefly through Marxism—were we to speak with him on the social question, we would always find that in regard to social work and social thinking he would not attribute much importance to so-called good will, or to ethical principles. Again and again, you would come across the following attitude: Suppose you were to tell him that according to your views the foundation for a solution of the social problem lies therein that all the people who have certain leading positions, particularly those who belong to the class of the so-called employers, should begin to develop a feeling of social responsibility and feel that it is absolutely necessary to create for everyone an existence in keeping with human dignity. To a man of the working class you speak, for instance, of raising the moral level of the middle classes. When you voice this view to the working man, he will at first smile, and then he will tell you that it is very naive of you to believe that the social question can now be solved through feeling, or an activity engendered through feeling. A member of the greater mass of the working population will tell you: Everything that flows out of the feeling of the leading class of employers does not count at all. This class of employers may think what it likes in regard to ethical or moral feelings… but since the world is now divided into employers and employees, the employers must necessarily be the exploiters. A working man does not even listen to proposals that the feeling of social responsibility should be raised, for he argues: This is quite useless, for everything depends upon the following: The working class must become conscious of the prevailing conditions, so that the working class itself may bring about a change in the social conditions, a change which ends, or at least alleviates the general misery. The essential point is not that of increasing the sense of moral responsibility, but that the oppressed, miserable working class should bring about, in the present struggle, a new non-capitalistic economic order, a change in the prevailing conditions, a new economic order.

[ 3 ] Das heißt mit andern Worten, gar kein Vertrauen haben zu der Kraft des Gedankens, gar kein Vertrauen haben dazu, daß man durch ein richtiges Erfassen, durch eine richtige Auffassung des Lebens irgend etwas in der sozialen Lage des Lebens bessern könne. Man hat es neulich einmal als eine Wahrheit empfunden, als in einem Witzblatte die Abbildung eines Menschen erschien, welcher einen ziemlich langen Körper hatte und winzig kleine Beine; er war abgebildet als der einzige, der in Deutschland noch nicht regiere, denn alle andern regieren schon in irgendeinem Rat mit, der aber mit seinen kurzen Beinchen ist immer zurückgeblieben, und so war er der einzige Mensch, der in Deutschland noch nicht einem Rat angehört und nicht regiert. — Das kann man schon als eine Art von Wahrheit empfinden. Man könnte sich ganz gut vorstellen, daß zum Beispiel heute, sagen wir in einem der vielen Räte, die in den Mittelländern gebildet werden, folgendes passiere. Man kann sich vorstellen, daß wenn man in einem solchen Zirkel heute von dem spräche, was man aus der Einsicht in die Menschheitsentwickelung und dem Menschheitsbedürfnisse heraus als das Richtige ansehen muß, einem die Menschen, die da zuhören, sagten, wenn sie der arbeitenden Bevölkerung angehören: Was willst du uns denn da überhaupt erzählen? Du gehörst der Bourgeoisie an! Dadurch, daß du der Bourgeoisie angehörst, denkst du von vornherein so, daß dein Denken im Sinne der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung ist. Viel nützlicher für die Hebung der sozialen Lage ist es, wenn wir dich unschädlich machen auf irgendeine Art und du überhaupt nichts mehr zu sagen hast, als daß wir von dir irgend etwas hören sollen, was nützlich wäre für die Fortentwickelung der sozialen Lage.

[ 3 ] This means, in other words, that no trust should be put in the power of thought; we should not believe that a right comprehension, a right understanding of life can bring about a change in social conditions. One might well imagine the following taking place in one of the many “Councils” which are now being formed in central European countries. A comic paper recently published the picture of a man with a long body and with tiny little legs, stating that he was the only man in Germany who did not “govern”, for everybody else already belonged to some “Council”; but the man with the short legs had always remained behind, so that he was the only one in Germany ,who did not belong to a council and who did not govern! People felt that there was a great deal of truth in this picture. If we were to speak at one of these councils of what must now be considered as right, through an insight into the development of humanity and the needs of humanity, the listeners who belonged to the working classes would answer: “What are you talking about ? You belong to the middle class! Because you are a member of this middle class, your thoughts are a priori influenced by the modern economic order. If social conditions are to be improved, it is far better to incapacitate you in one way or the other, so that you have nothing more to say in the matter; this is better than listening to any proposals you can make for a useful development of social conditions!

[ 4 ] Die Dinge sind eben schon durchaus auf die Spitze getrieben. Und weil die Dinge auf die Spitze getrieben sind, ist es notwendig, daß man sich auch die Möglichkeit erwirbt, klar zu sehen. Nun natürlich, klar sehen wollen ja heute die meisten Menschen nicht, am wenigsten diejenigen, die in Kongreßräten gewöhnlich zusammenkommen, denn die wollen nach ganz andern Dingen urteilen als nach Klarheit. Aber das, was auch jeder Proletarier heute, jeder Angehörige der breiten Masse der Arbeiterbevölkerung, wenn man ihn im richtigen Momente erfaßt — und darauf kommt es an, denn es kommt heute wirklich an auf die Erfassung des richtigen Momentes —, einsehen müßte, das ist, daß er jede Möglichkeit, durch den Gedanken eine soziale Besserung in der Entwickelung der Menschheit herbeizuführen, ableugnet. Nun kann man ihn fragen, wodurch er zu dieser Anschauung gekommen ist, wodurch er dazugekommen ist, daß nur durch die Änderung der Zustände eine Verbesserung der sozialen Lage herbeigeführt werden könne. — Da gibt es nur eine von den Tatsachen abzulesende Antwort. Die ganze ungeheure Wucht — und sie ist eine ungeheure Wucht der modernen sozialen arbeitermäßigen Bewegung ruht auf dem Gedanken von Karl Marx und seinen Anhängern. Es ist allerdings ein durchgreifender Gedanke. Der Gedanke, daß der Gedanke nichts wert ist, das ist ja marxistische Theorie. Aber ein Gedanke ist es, der eigentlich die gegenwärtige sozialistische Empfindungsweise hervorgerufen hat. Diese sozialistische Empfindungsweise, die gar nichts von der Impulsivität des Gedankens wissen will, ruht auf der Impulsivität von Gedanken.

[ 4 ] Things have already gone too far. Because of this, it is necessary to see things clearly. Of course, the majority of people does not wish to see things clearly to-day; least of all those who come together in councils, for they do not in any way desire to judge things clearly. Every proletarian, every member of the great mass of the working population, should be taught to see the following, and he will do so, if we approach him at the right moment (this is the essential point!): As a proletarian, he denies the possibility of any social improvement in human development through the means of thought. We may ask him how he arrived at the view that an improvement of social life can only be brought about only through A change in the conditions of social life. There is only one answer to this question; which the facts themselves reveal. You see, the whole tremendous impetus of the modern proletarian movement in social life is based upon the idea of Karl Marx and his followers, and it is a very vigorous idea, to be sure. The idea that thought is worthless is a Marxistic theory. Consequently this idea has produced the present socialistic way of feeling. But this socialistic feeling, which refuses to have anything to do with the impulse of thought, is nevertheless: based upon the impulse of thought.

[ 5 ] Ich habe einmal in einem Vortrage, der vor Proletariern gesprochen worden ist, gesagt: Derjenige, der sich in der Weltgeschichte umsieht und nach den wirklichen Kräften forscht, die in der Menschheitsentwickelung tätig sind, der findet, daß noch niemals, außer in einem einzigen Falle, ein wirklich wissenschaftlicher Impuls zu einem weltgeschichtlichen Impuls geworden ist. Forschen Sie überall, und forschen Sie nach den wirklichen Impulsen: Wissenschaftliche Impulse waren es nie, außer in einem einzigen Falle, wo durch Marxismus die proletarische Bewegung erneuert worden ist. Lassalle hat das richtig empfunden, als er seine große, eindringliche Rede über die Wissenschaft und die Arbeiter gehalten hat. Denn die einzige wirklich wissenschaftliche Bewegung als politische, soziale Bewegung, ist die moderne Arbeiterbewegung. Sie ist daher behaftet mit allen Fehlern, mit allen Aussichtslosigkeiten gerade der neuzeitlichen Wissenschaft, weil sie aus der neuzeitlichen Wissenschaft entsprungen ist. Aber sie geht ganz aus dem Gedanken hervor.

[ 5 ] In a lecture which I once delivered to proletarians I explained: Those who investigate world-history and the true forces which are active in the development of humanity, will find that with only one exception, a truly scientific impulse has never become a world-historical impulse. Investigate things everywhere and try to discover the real impulses, and you find that these impulses were never of a scientific kind; with one exception, the renewal of the proletarian movement through Marxism. Lassalle felt this truth, when he delivered his great incisive speech on science and the working class. For the only political, social movement having a scientific foundation, is the modern working class movement. It is encumbered with all the errors and the hopelessness of modern science, just because it sprang out of modern science. But it proceeds entirely from thought.

[ 6 ] Denken Sie sich diesen kolossalen Widerspruch, der so hereingestellt worden ist in das moderne Leben: Der Gedanke, daß der Gedanke nichts wert sei, der hat als Gedanke am allermeisten gewirkt in den letzten sechzig bis siebzig Jahren. Das kann man lernen von dem Verlaufe der letzten sechzig bis siebzig Jahre. Und das ist eine eindringliche Lehre, eindringlich deswegen, weil man sieht, daß es bei der Wirkung der Gedanken auf etwas ganz anderes ankommt als auf den Inhalt des Gedankens. Nicht wahr, ein Gedanke, der Gedanke von Karl Marx war ganz besonders wirksam. Aber wenn wir ihn seinem Inhalte nach prüfen, so ist es der, daß der Gedankeninhalt keine Bedeutung hat, sondern nur die wirtschaftlichen Zustände. Es ist etwas Ungeheures, wenn man Begabung hat, sich in diesen Gedankenwiderspruch zu vertiefen, in diesen lebendigen Gedankenwiderspruch der neueren Zeit, für das Verständnis der Gegenwart.

[ 6 ] Imagine this colossal contradiction which has found its place in modern life! During the past sixty or seventy years, the idea that thought is worthless has exercised the greatest influence of all: The course of development during the past sixty or seventy years shows this. It is a significant lesson, because it shows that the influence of thought is something quite different from the content of thought. An idea, the idea of Karl Marx, exercised a particularly strong influence. But if we examine this idea in regard to its content, we find that the content as such is quite unimportant; of importance are only the economic conditions. If we have the capacity to immerse ourselves in this contradiction, in this living contradiction of thought, we find something tremendous in it: If we can penetrate into this contradiction, we discover in it a truth of tremendous import for an understanding of the present time.

[ 7 ] Und doch ist es das, was gerade in der Gegenwart so notwendig ist, in sich aufzunehmen, daß der Inhalt von Theorien, der Inhalt von Programmen eigentlich gar keine Bedeutung hat, daß die Wirksamkeit des Gedankens auf etwas wesentlich anderem beruht: auf dem Verhältnis des betreffenden Gedankens zu der Verfassung der Menschen, die diesen Gedanken bekommen. Hätte Karl Marx seinen Gedanken, wie er ihn vom Jahre 1848 an, vom «Kommunistischen Manifest» an ausgesprochen, dann durchgeführt hat in seinem System der politischen Ökonomie und in seinem großen Werke «Das Kapital», nicht vom Jahre 1848 bis in die siebziger Jahre hinein ausgeführt, sondern vielleicht, sagen wir, im Jahre 1800 oder 1796, so wäre dieser Gedanke ganz unwirksam geblieben; niemand hätte sich für diesen Gedanken interessiert. Da haben Sie einen Schlüssel für eine wichtige Sache. Denken Sie sich die Werke von Karl Marx meinetwillen nur fünfzig Jahre früher in die Welt gesetzt, sie wären Makulatur geworden! Vom Jahre 1848 an, wo der allgemeine Lebensstand des Proletariats ein bestimmter geworden war, da sind diese Werke nicht Makulatur geworden, sondern da sind sie internationaler Impuls geworden, so daß sie nun fortleben im russischen Bolschewismus, fortleben in dem ganzen mitteleuropäischen Chaos, das schon da ist und noch immer größer werden wird, das die ganze Erde ergreifen wird.

[ 7 ] What must now be grasped at all costs is the fact that the content of theories, the content of programmes„ is really of no importance whatever, for the influence of thought is based upon something quite different: Upon the relationship of the corresponding thought to the state of mind of those who absorb this idea, etc. You see, if Karl Marx had not voiced his idea from 1848 onwards up to the seventies; had he not given expression to the ideas contained in the Communist Manifesto and developed in his system of political economy and in his great work Capital, just at that time, had he spoken of these things in 1800, or in 1796, his ideas would have exercised no influence whatever, nobody would have shown any interest in them. Here you,have a key for a most important fact. Imagine that Karl Marx's works had appeared, for instance, fifty years sooner—they would have been waste paper! But from 1848 onwards, when general conditions of the proletarians had reached a definite stage, his works did not become waste paper, but an international impulse, and now they continue to live in Russian Bolshevism and in the whole central European chaos, which has already begun and which will increase more and more, they continue to live in the chaos which will spread over the whole world.

[ 8 ] Solches wird Sie aufmerksam darauf machen, daß auf diese fünfzig Jahre des Früher- oder Später-Sagens einer Sache viel mehr ankommt als auf den Inhalt. Ein Inhalt hat nur eine Bedeutung als Inhalt in einer gewissen Zeit. Daher ist es auch nicht von mir irgendeine Liebhaberei, wenn ich auch zum Beispiel für anthroposophische Geisteswissenschaft sage: Jetzt muß sie gesagt werden, jetzt muß sie in die Herzen der Menschen hineinkommen, denn jetzt ist der Zeitpunkt, wo sie die Menschen aufnehmen sollen. — Hier handelt es sich um etwas anderes. Beim Marxismus war es etwas, was von selbst gezündet hat; bei der Geisteswissenschaft ist es etwas, was durch Freiheit von den Menschen aufgenommen werden muß. Wenn man dieses auf der einen Seite versteht, daß das Verständnis der Menschen wirklich auch etwas ist, was der Entwickelung unterworfen ist, dann wird man auch manches andere leichter begreifen, was, man darf schon sagen, so notwendig wie nur möglich ist, zu begreifen, was die Menschen eigentlich durchaus nicht einsehen wollen. Man trifft in einer Beziehung heute Ungeheuerliches, wenn man auf die Gedanken der Menschen stößt, wie sie jetzt im sogenannten Geistesleben sind, das aber kein wirkliches Geistesleben ist. Wer diese Sache nachprüfen will, kann ja überall die Stichproben machen. Man schlage zum Beispiel ein Heft einer in der Schweiz hier erscheinenden Zeitschrift auf, wo ein in dieser Zeitschrift oftmals auftretender Schriftsteller sich wieder einmal über eine bestimmte Zeitfrage ausläßt. Er kommt in diesem Aufsatz, wo er sich so ausläßt, darauf zu sprechen, was er eigentlich unter dem Volke versteht. Er redet von der Schuld der verschiedenen Persönlichkeiten am Kriege; er spricht davon, was ja auf der einen Seite viel Richtiges hat, wie führende Persönlichkeiten innerhalb der mitteleuropäischen Bevölkerung anzuklagen sind — daß man den Schuldbegriff nicht anwenden kann, das habe ich ja hier schon ausgeführt —; dann aber findet er es nötig zu sagen, was seiner Meinung nach eigentlich das Volk ist. Nun sehen wir, wie dieser Herr das Volk gewissermaßen definiert: Er rechnet zu diesem Volke neun Zehntel der Menschheit eines Gebietes, das zum Beispiel Deutschland, Österreich, England, Frankreich und so weiter umfaßt. Und von diesem Volke sagt et, es sei die Gesamtheit der ungebildeten, unfreien, in weitestem Sinne von Führern abhängigen, eben führerbedürftigen Persönlichkeiten.

[ 8 ] With this I wish to draw your attention to the fact that far more essential than the content of a truth is the circumstance whether it is uttered fifty years sooner or later. The content of an idea is only significant for a definite time and it is no mere fad on my part when I say, for instance, in regard to Anthroposophical spiritual science, now is the time to speak of it, now it must enter the hearts of men, for now is the right moment in which human beings should absorb it. But something else should be borne in mind: Marxism was kindled of its own accord; but spiritual science is something which must be taken up by people in freedom. If we bear in mind that human understanding is really something which is subject to evolution, it will be easier to understand many things which are,we can really say, not only possible, but also necessary to understand, and which people really do not wish to understand. In a certain connection, we discover tremendous things if we encounter the thoughts which now exist in the so-called spiritual life, which is, however, no real spiritual life! Those who can understand such things, will come across plenty of evidence. We may open, for instance, a certain number of a periodical published here in Switzerland, in which the, author, who frequently writes for this paper, discusses a topical problem. In the article in question he speaks of what he understands by “the people”. He speaks of various personalities and of their responsibility or guilt in regard to the outbreak of war; he discusses the fact—and in many ways he is right—that certain leading men of central Europe must be blamed for it. (I have often explained that here it is not possible to speak of guilt) Then he finds it necessary to explain what he really means by—“the people”. This is how he defines “the people”; They constitute nine tenths of civilised countries, such as Germany? Austria, England, France, etc. and he says that the people are the sum total of the uncultured unfree persons, who are in the widest sense dependent on leaders, and who therefore need leadership.

[ 9 ] Dieser Mann definiert also das Volk als die ungebildeten, unselbständigen, abhängigen, in weitestem Sinne führerbedürftigen Menschen. Nun, wenn man die meisten heutigen Persönlichkeiten, die der bürgerlichen oder einer noch höheren Menschenklasse angehören, auf Herz und Nieren, wie man sagt, prüfen würde, so würden sie wahrscheinlich auch, wenn sie sich aussprechen sollten, was sie unter dem Volke verstehen, ungefähr dasselbe antworten: Es ist die breite, ungebildete, unselbständige, abhängige, führerbedürftige Menschheit, neun Zehntel der Gesamtmenschheit. Nur ein Zehntel, müßte man demnach sagen, ist gebildet, ist selbständig, ist unabhängig, bedarf keines Führers. Dazu rechnen sich gewöhnlich diejenigen, die sich ein Urteil zutrauen über das, was eigentlich Volk ist.

[ 9 ] Consequently we may say that this writer defines “the people” as being the uncultured, unfree, dependent persons, who, in the widest sense, need a leader. But if we were to examine conscientiously the majority of those who belong to the middle classes, or even to the higher classes, they would also answer more or less the same, if they were asked for their opinion as to the meaning of the expression “the people”: The uncultured, unfree, dependent mass, needing guidance, and constituting nine tenths of the whole of humanity. If we now take the opposite view, we would have to say that only one tenth of humanity is cultured, free and independent, and that it doe's not require a leader! Those who think that they can express an opinion as to the true significance of “the people”, generally think that they belong to this one tenth.

[ 10 ] Gegenüber solchen Begriffen, die im eminentesten Sinne wichtig sind, wenn man sich ein soziales Urteil bilden will, ist es vor allen Dingen notwendig, sich in gültiger Weise die Frage vorzulegen, ob das ein wirklichkeitsgemäßer Begriff im weitesten Sinne des Wortes ist: neun Zehntel der Bevölkerung als ungebildete, unselbständige, abhängige, führerbedürftige Menge anzusehen. Das ist eine Frage, die jeder sich vorlegen muß, der sich ein selbständiges soziales Urteil aneignen will. Allerdings, wenn man sich über solche Fragen verständigen will, dann muß man schon die Intensität des Gedankens ein wenig sich heranbilden lassen durch das, was man an Hand der Geisteswissenschaft für diese Intensität des Gedankens gewinnen kann. Denn alles übrige, was heute dem Denken Intensität gibt, reicht nicht hin, das sieht man ja an all der Gedankenlosigkeit, die heute die Menge beherrscht. Ich weiß nicht, kann man es Zufall nennen — in Wirklichkeit gibt es ja nicht einen Zufall —, ich habe in den letzten Monaten ein Sprichwort immer wieder und wiederum zitiert gefunden, wenn so die Verhältnisse in der Öffentlichkeit besprochen wurden, bald von dem, bald von jenem. Dieses Sprichwort war: «Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber». — Die Leute finden es ganz selbstverständlich, dieses Sprichwort anzuwenden. Jeder findet es selbstverständlich, daß dieses Sprichwort einen Sinn hat. Ich finde nicht den geringsten Sinn dabei, denn ich glaube, daß das nicht die dümmsten, sondern gerade die gescheitesten Kälber wären, denn dann würden sie sich diejenigen als ihre Metzger wählen — da sie ja doch schon sterben müssen, und für anderes kommen ja diese Kälber nicht in Betracht —, die dieses Sterben am schmerzlosesten bewirken, während diejenigen, die sich nichts wählen, wahrscheinlich am schlechtesten wegkommen werden. Da wäre gerade das Gegenteil richtig: Nur die gescheitesten Kälber wählen sich ihre Metzger selber. Aber geradeso wie diese Dinge gedankenlos hingenommen werden, so werden auch wichtige Urteile, die geändert werden müssen, hingenommen; denn der Mensch will sich gern beim Überblicken des Lebens eigentlich die Gedankenarbeit, die Gedankenbetätigung ersparen, er will diese Gedankenkraft nicht anwenden.

[ 10 ] In the face of such a view, which is preeminently important for the development of a social judgment, it is above all necessary to face the question, as to whether it is justified, in the widest sense of the word, to accept the idea that nine tenths of the population consist of uncultured, unfree, dependent men who need a leader! This is the question which each one of us must face, if we wish to form an independent social judgment. Of course, if views are to be exchanged on such questions, it is necessary to build up that intensity of thinking which spiritual science can offer. F For everything else which intensifies thought to-day, does not suffice; this can be seen in the thoughtlessness which now rules the masses. There is a saying which I have come across again and again during the last months—I do not know if one can call it a coincidence, for in reality no such thing exists. I have found this saying quoted by one or other, whenever social conditions were discussed in public. It is the following: The stupidest calves choose their own butchers. People find it natural to quote this saying and everyone finds an obvious meaning in it. I do not find any meaning whatever in it, for I think that not the stupidest, but the cleverest calves would choose their own butcher, for in that case they would choose one who would kill them as, painlessly as possible, whereas those who do not choose their butcher would fare worst of all. The very opposite is true: Only the cleverest calves choose their own butcher. Important judgments which require changing, are accepted just as thoughtlessly as this saying. Or when a human being surveys life, he would gladly forego the activity of thought, he has no wish to apply power of thought!

[ 11 ] Schärfere Gedankentätigkeit, das ist es, was wir heute brauchen, um zu wirklichkeitsgemäßen Begriffen zu kommen. Mag bei dem sogenannten Fortgeschrittenen, wie man ihn im Sinne der heutigen Schulweisheit, der heutigen Aufklärung, des heutigen demokratischen Bewußtseins nennt, auch der Gedanke etwas noch so Verlockendes haben: die Ungebildeten, Unselbständigen, Abhängigen, Führerbedürftigen betragen neun Zehntel des gesamten Volkes- einen Wirklichkeitswert hat das nicht, und zwar aus folgendem Grunde.

[ 11 ] What we need to-day is a keener thought-activity, so that we may reach concepts which correspond to reality. An “advanced” modern thinker—“advanced”, in the meaning of modern academic wisdom, modern illumined thought, modern democratic consciousness may find the idea tempting that nine tenths of the whole of humanity constitute the uncultured, unfree dependent people who need a leader. Nevertheless this idea is quite worthless for the following reason:—

[ 12 ] Gehen wir aus von der historischen Tatsache, die sehr viel lehren kann in dieser Beziehung. Nicht wahr, das Christentum entstand in einer unbekannten Provinz des Römischen Reiches durch das Mysterium von Golgatha. Innerhalb des damaligen Römischen Reiches, das ja auch das Griechentum schon in sich aufgenommen hatte, lebte eine Bevölkerung, die in ihrem Schoße wahrhaftig eine tiefe, eine bedeutungsvolle Weisheit trug. Die Kirche hat furchtbare Anstrengungen machen müssen, um die alte Gnosis — ich habe das hier einmal auseinandergesetzt — ihren Spuren nach zu verwischen. Aber diese Gnosis war da. Höchstes Wissen war da. In der Tat, innerhalb des Schoßes des Römischen Reiches war in der Zeit der Entstehung des Christentums höchste Weisheit schon vorhanden. Das ist gar nicht in irgendeiner Weise abzuleugnen. Aber es war unmöglich, daß diese höchste Weisheit den historisch starken Impuls des Christentums in sich aufgenommen hätte. Der starke Impuls des Christentums — ich habe neulich erst davon gesprochen — ist aufgenommen worden von den nördlichen Barbaren, die diese Weisheit der südländischen Bevölkerung nicht hatten. Erst als die nördlichen Barbaren entgegenkamen der Welle des Christentums, lebte sich das Christentum so aus, wie es sich für den Rest der vierten nachatlantischen Zeit und auch noch für den Anfang der fünften nachatlantischen Zeit ausleben sollte. Erst heute ist ein anderes Verhältnis gekommen.

[ 12 ] Let us proceed from a historical fact which can teach us a great deal in this connection. Christianity arose, as you know, in an unknown province of the Roman Empire, through the Mystery of Golgotha. Within the Roman Empire of that time, which had already absorbed the Greek civilisation, there lived a population which really possessed a wisdom of deep significance. The Church had to make a tremendous effort in order to eliminate every trace of the ancient Gnosis. (I have already spoken of this) Gnostic wisdom existed at that time. A highest wisdom existed in those days. When Christianity first arose this highest wisdom existed within the Roman Empire. This can in no way be denied. Yet it was impossible for this highest wisdom to absorb the historically powerful impulse of Christianity. The strong impulse of Christianity (I have spoken of this recently) was absorbed by the barbarians of the North, who did not possess the wisdom of the southern populations. When the barbarians of the North encountered the strong wave of Christianity, then Christianity began to exercise the influence which it had to unfold for the remainder of the fourth post-Atlantean epoch and for the beginning of the fifth post-Atlantean epoch. New conditions have only arisen at the present time.

[ 13 ] Dasjenige, was man dabei berücksichtigen muß, ist, daß nicht die für ein gewisses Zeitalter höchst entwickelte, abstrakt gewordene Geistigkeit den historischen Impuls in seiner größten Stärke aufzunehmen vermag, sondern daß gerade die scheinbar zurückgebliebene, mehr mit der instinktiven menschlichen Natur zusammenhängende Wesenheit des Menschen den Impuls in der stärksten Weise aufnehmen kann. Es wird nicht viel mehr gesagt mit dem Urteil, das ich gerade vorhin angegeben habe über die neun Zehntel der ungebildeten, abhängigen, führerbedürftigen Menschheit, als daß sich diese Menschheit mit Bezug auf ihre Geistigkeit unterscheide von denjenigen, die sich als die führenden Menschen dünken. Aber diese sogenannten führenden Menschen, sie haben schon einen degenerierten Verstand, eine dekadente Intelligenz. In der neun Zehntel betragenden, sogenannten ungebildeten, abhängigen, führerbedürftigen Menschheit ist, wie man sagen könnte, eine Intelligenz noch latent verborgen, die ungeheuer viel empfänglicher ist für den starken geistigen Impuls, der heute aufgenommen werden soll, der ungeheuer viel stärker ist als derjenige, der bei der sogenannten Intelligenz mit der dekadenten Intelligenz zu finden ist. Dasjenige, was heute den Träger der geistigen Impulse trennt von der empfänglichen breiten Masse, das ist nicht diese breite Masse selbst, das sind nicht die Seelen der breiten Masse der Menschheit, sondern das sind die Führer, das ist die Führerschaft. Und diese Führerschaft auch der sozialistischesten Proletarier, diese Führerschaft, die ist selbst ganz mit dem dekadenten Verstande der Bourgeoisie getränkt, durchzogen. Das ist dasjenige, was vor allen Dingen notwendig ist: ein reinliches, sauberes Geständnis, daß für die wirklichen Impulse geistiger Entwickelung der Weg zu den sogenannten ungebildeten, abhängigen, führerbedürftigen, unselbständigen Menschen wirklich zu finden ist, wenn man nur Einsicht hat in die eigentümliche Wirkung dieser Intelligenz.

[ 13 ] We should bear in mind the fact that the strongest impulse in history could not be absorbed by the most highly developed and abstract spirituality of a certain epoch; this impulse could instead be absorbed by men who were apparently retarded in their development and whose being was connected with the more instinctive part of human nature. The view which has just been mentioned in regard to nine tenths of humanity, constituting the uncultured, unfree mass in need of guidance, is not worth much more than the fact that as far as spirituality is concerned, these nine tenths of humanity differ from the people who believe to be the leaders. For these so-called leading men have a degenerated intellect, a degenerated understanding. The nine tenths of humanity constituting the so-called uncultured, dependent people in need of guidance, still possess, as it were, a latent kind of intelligence, which is far more able to absorb the strong historical impulse which must now be received. This impulse is far more powerful than the one to be found among the so-called “intelligentsia”, among the people with a decadent intelligence. What now separates the bearer of spiritual impulses from the masses which are able to receive these impulses, are not the masses themselves, not the souls of these great masses of humanity, but the leaders, the men who have the guidance. These leading men, even the leaders of socialistic proletarians, are completely permeated with the decadent intellect of the “bourgeoisie”. What is needed above everything else is a clear admission of the fact that the true impulses of spiritual development are accessible to the so-called uncultured, unfree, dependent people in need of guidance; these impulses can reach them, if we gain an insight into the characteristic form of intelligence of these people, and of the way in which it works.

[ 14 ] Phantastischer als dasjenige Bürgertum, welches die Phantasie heute so sehr verpönt, war eigentlich noch keine Menschenklasse. Denn das Phantastischste ist die heutige Praxis. Alles das, was heute lebenspraktisch sein will, ist es eigentlich bloß dadurch, daß es sich sozusagen gesetzlich die Möglichkeit verschafft hat, sich durchzudrücken, sich durchzudrängen, während der andere, der sich nicht die Möglichkeit verschafft hat, sich durchzudrängen, an sich noch so geschickt, noch so praktisch sein mag, er drückt sich eben nicht durch. Man muß eine Empfindung haben dafür, daß wirklich heute in den breiten Massen, die nicht geführt sind, sondern verführt durch ihre Führer, etwas nachgedrängt hat aus jener Zeit, die gewöhnlich in der Geschichte, wenn auch etwas unrichtig, als die Zeit der Völkerwanderung bezeichnet wird. Damals kamen gewissermaßen barbarische Völker herauf, die gerade dasjenige aufgenommen haben, was die entwickelten Völker nicht mehr aufnehmen konnten. Heute strebt nicht von irgendeinem Orte her, sondern von dem proletarischen Untergrunde der Menschheit strebt herauf eine Völkerwanderung. Das ist das Wichtige. Aber dieser Völkerwanderung muß entgegengekommen werden. Setzen Sie eine Hypothese. Denken Sie einmal: All das, was gewöhnlich in den Geschichtsbüchern durch die Völkerwanderung bezeichnet wird, all diese Wanderungen der Goten, der Hunnen, der Vandalen, der Sueven und so weiter, später der Mongolen, die gewöhnlich als Völkerwanderung geschildert werden, die hätten sich vollzogen, aber indem sich diese Völkerwanderungen vollzogen hätten in der Richtung von Osten nach Südwesten, wäre ihnen nicht entgegengekommen die Welle des Christentums. Nehmen wir an, diese Welle des Christentums wäre weggeblieben; denken Sie sich, wie anders die Welt geworden wäre! Sie können sich überhaupt die ganze spätere Zeit nur dadurch vorstellen, daß diese barbarischen Stämme herübergezogen sind aus dem Osten nach dem Südwesten und ihnen die christliche Welle entgegengekommen ist.

[ 14 ] No class of humanity has ever been so fantastic as the bourgeoisie which mocks at fantasy. Practical life to-day is truly fantastic! The practical things in life are “practical” only because they have been given the legal possibility to assert themselves, to enforce themselves, whereas people who do not have the chance to push themselves forward, cannot assert themselves, no matter how skilful and practical they may be. To-day we should really learn to feel that in the great masses which are not led, but misled by their leaders, there is something which asserts itself as a remnant from that time which is designated—but erroneously—as the migration of the people. At that time, certain barbarian tribes came to the fore, as it were, and they absorbed the very impulses which the more highly developed nations were no longer able to receive. During the present time we also have a migration of people; this migration, which is forcing its way to the surface, does not start from any definite place, but it comes from the whole sub-stratum, the proletarian sub-stratum of humanity. This is the essential point. It is necessary to, face this migration of people, to meet it. Let us take the following hypothesis. Suppose that everything which is described in history books as the migration of people had really taken place—all these migrations of the Goths, the Huns, and later on, of the Mongolians, the migrations of the Vandals, the Suevi, etc. Imagine that these tribes had not encountered the stream of Christianity, when they migrated from the East to the South-West. Imagine that this stream of Christianity had not come; think what a difference this would have made in the world! The whole subsequent epoch can only be thought of, if we bear in mind the fact that these barbarian tribes came over from the East to the South West, and that they encountered the stream of Christianity.

[ 15 ] Heute ist die Sache so, daß aus den Tiefen heraufkommt das proletarische Element. Und heute muß diesem proletarischen Element entgegenkommen von oben ein Geistiges, ein geisteswissenschaftliches Ergreifen der sozialen Verhältnisse, der Weltanschauung überhaupt. Und derjenige, der nicht glauben will, daß es nötig ist, daß dieser Völkerwanderung, die heute nur nicht in waagrechter, sondern einfach in senkrechter Richtung vor sich geht, entgegenkommt eine neue geistige Offenbarung, der stehenbleiben will bei der alten, für die waagrechte Richtung geeigneten geistigen Offenbarung, kurz, wer stehenbleiben will bei der römischen Form der Christentumsverbreitung, wer nicht sich finden will durch die Sprache der Geisteswissenschaft zu der Ergreifung der neuen Offenbarung des durch das Mysterium von Golgatha gegangenen Christus, der versäumt das Allerwichtigste, was für die Gegenwart notwendig ist, der versäumt so viel, wie in dem Beginne des Mittelalters versäumt worden wäre, wenn der barbarischen Welle, die vom Osten nach dem Südwesten sich wälzte, nicht die Welle der Christentumsverbreitung entgegengekommen wäre. Auch damals standen zwischen der Welle des Christentums und der Welle der Barbaren alle diejenigen Menschen, die gerade die Gebildeten waren des Griechenreiches und des Römerreiches. Heute stehen zwischen der Welle, die als geistige Welle nach unten entgegendringen soll der nach oben gehenden proletarischen Welle, ja alle diejenigen, die an den alten Begriffen festhalten wollen unter der Führung der sogenannten Intelligenz und namentlich der auf diesem Gebiete ganz unfruchtbaren Wissenschaft. Das aber, wozu man es bringen muß, das ist vor allen Dingen Vorurteilslosigkeit für solche Begriffe, wie wir sie gestern und vorgestern hier entwickelt haben, welche einem die Möglichkeit geben, ein soziales Urteil zu bilden. Ein soziales Urteil bekommt man nicht, wenn man nicht den sozialen Organismus versteht. Wissen Sie, was das ist, das herauskommt, wenn heute so ein richtiger Durchschnittsprofessor der Volkswirtschaftslehre, dem dann die andern folgen, oder so ein richtiger politischer Führer über Volks- und soziale Zusammenhänge und so weiter spricht, wissen Sie, was da herauskommt in bezug auf den sozialen Organismus? Der soziale Homunkulus! Das ist dasjenige, was man endlich einsehen sollte, daß alle die Leute, die versucht haben, den sozialen Organismus ohne die Erkenntnis der Dreigliedrigkeit in Gedanken zu fassen, mit Bezug auf den sozialen Organismus bloß den Homunkulus herbeigeführt haben, wie Goethe meint, daß durch die gewöhnliche sinnliche und verstandesmäßige Auffassung man auch nur zum Homunkulus, nicht zum Homo kommt.

[ 15 ] Today the proletarian element rises out of the depths. And this proletarian element must be met with a spiritual element which comes from above! You might say that a Spiritual-scientific influence should be exercised upon social conditions, upon the conception of the world. Those who do not wish to believe that a new spiritual revelation comes towards this migration of people, which now follows a vertical, and not a horizontal direction, those who remain by the old spiritual revelation suited to the horizontal direction, in short, those who prefer to remain by the Roman way of propagating Christianity and do not wish to become acquainted with the new revelation of Christ Who passed through the Mystery of Golgotha, those people lose a great deal; they lose as much as might have been lost in the Middle Ages if the barbarian stream, which rolled from the East to the South West had not encountered the spreading current of Christianity. Also at that time, the cultured men of Greece and of Rome stood between the current of Christianity and the barbarian stream. To-day all the people who cling to old ideas, under the guidance of the so-called intelligentsia, particularly under the guidance of modern science, which has proved so unfruitful in the social field, to-day all these people stand between,the spiritual stream which should flow down to the proletarian stream and this current which flows upwards. In such matters, we should chiefly strive to become unprejudiced in regard to ideas enabling us to develop a social judgment. But if we do not understand the social organism, we cannot develop a social judgment. Do you know what results when a modern professor of national economy, who is a guide to others, or when a real political leader speaks of social or of economic questions, etc.—do you know what results in such cases in regard to the social organism?—The social homunculus! This is a fact which we should really try to grasp; we must bear in mind that all those who wish to understand the social organism, without grasping the truth of the threefold structure, give rise, within the social organism; to the homunculus, to nothing but the homunculus! Goethe also believed that the ordinary understanding, based upon the senses and the intellect, could not reach the “homo”, but only the “homunculus”!

[ 16 ] Denn sehen Sie, mit Bezug auf den sozialen Organismus können die meisten Menschen heute überhaupt noch nicht denken, weil ihnen die Leitmotive dieses Denkens fehlen. Ich habe es ja schon einmal erwähnt: Die Menschen gehen auf diesen Gebieten aus von der sonderbaren, grotesken Idee, daß ein einzelner Staat oder ein einzelnes Volksgebiet ein Organismus für sich sei. Sie wollen geradezu Volksorganismen errichten. Das ist an sich ein Unsinn. Ich habe es einmal ausgeführt: Wenn man etwas vergleichen will in bezug auf das Zusammenleben der Menschen über die Erde hin, so darf man nur die ganze Erde wie einen Organismus ansehen; ein einzelnes staatliches oder volksmäßiges Gebiet kann nur ein Glied sein im Organismus. Will man den Begriff des Organismus gebrauchen, so muß das ein abgeschlossener Organismus sein. Derjenige, welcher Nationalökonomie, Volkswirtschaftslehre, Sozialismus begründen will auf dem Gebiete eines einzelnen Landes, der gleicht einem Menschen, der, sagen wir, die Anatomie des ganzen Menschen aus der bloßen Hand oder dem Bein oder dem Magen begründen möchte. Darauf kommt es in viel höherem Maße an, als sich die Menschen heute vorstellen. Denn diese Dreigliederung, die ich Ihnen angeführt habe, die gibt “nicht solche abstrakten Zusammenfassungen, wie sie die heutigen Menschen gewohnt sind, sondern die gibt gerade ein lebendiges Hineinstellen in das volkswirtschaftliche Getriebe, in das soziale Getriebe. Wer bloß gelernt hat die Anatomie des Magens, der wird nicht verstehen die Anatomie des Kopfes, des Halses. Wer aber die Anatomie des Menschen kennt, der wird, wenn es darauf ankommt, auch den Magen richtig beurteilen können, den Kopf richtig beurteilen, den Hals richtig beurteilen können. So ist es: Wer den sozialen Organismus in seinen inneren Lebensbedingungen — und das ist etwas, das ausgehen muß von dieser Dreigliederung — kennt, der weiß sich in die richtigen Verhältnisse zu setzen, ob er nun die sozialen Verhältnisse in Rußland oder England oder in Deutschland oder irgendwo sonst zu beurteilen hat.

[ 16 ] You see, in regard to the social organism, the great majority of men is to-day absolutely unable to think; the leading motifs for real thought are lacking. I have already explained to you that in the social sphere people set out from the strange and grotesque idea that a single state or national territory is a complete organism. Indeed, they even aim at setting up national organisms, complete in themselves! But this is nonsense! I have already told you that if anything on earth which is connected with social life is to be compared with an organism, then it is only possible to look upon the whole earth as an organism; and a single state, or national territory, can only be a part of this organism of the earth. If we wish to apply this idea of an organism, it can only be applied to a complete whole. Those who wish to establish political economy upon the foundation of one single nation, resemble someone who seeks to establish the anatomy of the whole human being by studying only the hand, or a leg, or the stomach. This should be borne in mind, for it is far more important than people generally believe. The threefold structure which I have explained to you, does not give any abstract resume and none of the recapitulations to which people are accustomed to—day, but it places itself livingly within the economic structure, within the social structure. Those who only study the anatomy of the stomach, cannot understand the anatomy of the head or of the throat. But those who study the anatomy of the whole human being, are also able to form a right idea of the stomach, of the head, or of the throat. Those who know the inner life—conditions of the social organism (and this knowledge can only proceed from the above-mentioned threefold structure) are indeed able to identify themselves with the real conditions, and they are able to have an insight into them, whether they have to judge the social conditions in Russia, England, Germany, or in any other country.

[ 17 ] Heute machen Sie die sonderbar betrübliche Entdeckung, daß die Menschen über die Länder reden, als wenn diese Länder für sich da wären. Sie denken, sie können irgendwelche Sozialisierungen oder dergleichen bewirken mit Bezug auf einzelne abgetrennte Gebiete. Das ist dasjenige, was darstellt einen der Grundirrtümer unserer Zeit, und was in der Praxis wirklich zu dem allergrößten Unheil führen kann. Heute ist es nur unheilsam zu glauben, daß man auf einem gewissen beschränkten Territorium irgend etwas machen kann, ohne Rücksicht zu nehmen darauf, daß seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Erde ein Gesamtorganismus in sozialer Beziehung ist. Mit der Wirklichkeit muß eben einfach gerechnet werden, sonst kommt man auf keine Weise irgendwie weiter.

[ 17 ] To-day we come across the strange and distressing circumstance that people speak of the different nations as if they were separate countries, and they believe that social reforms, etc. can be brought about in single, separate regions. This constitutes one of the fundamental errors of our time and it may lead to the greatest mischief in practical life. It can only cause harm to believe that it is possible to do something within a certain limited territory, without taking into consideration that from a social standpoint the earth is an organism which is complete in itself, ever since the middle of the nineteenth century. It is absolutely necessary to reckon with reality, otherwise we cannot progress in any way.

[ 18 ] Sie sehen daraus, daß es sich vor allen Dingen darum handelt, sich Vorurteilslosigkeit zu erwerben, wirklich gewachsen zu werden durch Vorurteilslosigkeit dem Urteil, das man den Dingen selbst überlassen kann. Denn nur durch Vorurteilslosigkeit kann man von den Dingen lernen. Ein Ausspruch, der Ihnen immer wieder und wiederum entgegentreten wird, wenn so über die sozialen Verhältnisse gesprochen wird, wie hier gesprochen wird, das ist der, daß man sich ja kaum vorstellen kann, wie der volkswirtschaftliche Wert getrennt werden soll von der menschlichen Arbeit. Am wenigsten können sich das heute die gelehrten Volkswirtschafter denken. Würden die Leute ein klein wenig von der Geschichte lernen, so würden sie sich sagen: Plato und Aristoteles haben sich noch nicht denken können, daß unter den volkswirtschaftlichen Werten nicht der Sklave sei; Plato und Aristoteles betrachteten noch als volkswirtschaftlich notwendig das Vorhandensein einer ziemlich großen Sklavenbevölkerung. Nun, heute betrachtet kein vernünftiger Mensch das Vorhandensein einer Sklavenbevölkerung im Sinne des alten Griechen- und Römerreiches als eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit. Aber die Menschen betrachten es heute noch als eine Notwendigkeit, daß menschliche Arbeitskraft in demselben Sinne eine Ware sein soll wie irgendein anderes Gut.

[ 18 ] You will see from this that the essential thing is to acquire an unprejudiced attitude, for such an unprejudiced attitude alone enables us to develop judgments out of the things themselves. For we can only judge things rightly, if we have no prejudices. When social conditions are discussed in the way in which we discuss them here; you will hear over and over again that it is hardly conceivable not to separate economic values from human labour. That this is possible, can't be grasped least of all by the learned political economists of to-day. If these men were willing to learn something from history, they would say to themselves: Plato and Aristotle were as yet unable to think that slaves are not connected with economic values. Plato and Aristotle still considered the existence of a fairly large slave population as an economic necessity. But to-day no sensible person looks upon the existence of a slave population as an economic necessity, in the meaning of ancient Greece and Rome. Yet people still consider that human labour should be a merchandise, that it should be treated as goods.

[ 19 ] Nun, suchen wir dahin zu wirken, daß die hier angeführte Dreigliederung sich allmählich realisiert. Sie kann sich nur langsam realisieren. Nicht auf Umsturz plötzlicher Art wird hier hingearbeitet, sondern auf Richtunggeben, auf Treffen von Maßnahmen im einzelnen im Sinne dieser Richtung. Und alles kann heute schon so eingerichtet werden in allen Einzelheiten, was einrichtungsbedürftig ist, daß diese Richtlinien wirklich eingehalten werden, wenn man nicht stupider Programmensch ist, sondern wenn man ein lebendiger Wirklichkeitsmensch ist, der sich hineinbegeben will in die Tatsachen selbst, in die lebendige Bewegung der Tatsachen, und das sollte eben heute der Mensch, darauf kommt es eben an. Wirkt man im Sinne jener Richtung, die allmählich die Dreigliederung einführt, indem man die drei Glieder trennt, die so zusammengeschmolzen sind in der letzten Entwickelung und dadurch einen kranken sozialen Organismus hervorgebracht haben, der sich in der letzten krankhaften Katastrophe ausgelebt hat, versucht man dasjenige, was sich so zusammengeschmolzen hat, auseinanderzutreiben in die drei Glieder, wie ich sie immer charakterisiere hier: dann kommt man zu einer gesunden, wirklichkeitsgemäßen Entwickelung. Und dann realisiert sich schon von selber die allmähliche Abtrennung des volkswirtschaftlichen Wertbegriffes von dem menschlichen Arbeitsbegriff. Geradeso wie der Sklave aufgehört hat, eine Ware zu sein, geradeso wird die menschliche Arbeitskraft aufhören, eine Ware zu sein. Nicht dadurch, daß man Gesetze macht, in denen man verbietet, die menschliche Arbeitskraft als Ware zu betrachten, sondern dadurch, daß man das wirkliche Auseinandergehen der geistigen, der wirtschaftlichen und der staatlichen Verrichtungen betreibt. Dadurch wird das Gut, das allein als Ware volkswirtschaftlichen Wert darstellt, gelöst von dem, was heute kristallisiert ist in der Ware: die aufgewendete menschliche Arbeitskraft.

[ 19 ] You see, when we strive after the gradual realisation of the above-mentioned threefold structure (it can only be realised little by little; we do not aim at sudden reforms or revolutions, but merely indicate a new direction; single measures in keeping with this new direction can be introduced, indeed, everything which calls for reform to-day can be in all details in such a way as to follow these guiding lines, this new direction; this can be done if one does not stupidly adhere to programmes, but to real life and if one moves, in the direction of real facts. This is the essential point)—we divide into three the parts which have merged together during the last phase of human development, thus producing a diseased social organism—indeed, the last catastrophe (the first world war) has clearly revealed this diseased condition. A sound course of development, in keeping with reality, can be reached if we strive to separate into three parts that which has melted together into a whole. This will lead of its own accord to the separation of human labour from economic values. Even as the slave has ceased to be merchandise, so human labour will cease to be merchandise. But this will not be brought about by laws forbidding that “human labour should be merchandise”, but by keeping asunder the spiritual; the economic and the state concerns. This alone will separate goods representing an economic value, or merchandise as such, from that which has now become crystallised within the merchandise, the human labour employed in it.

[ 20 ] In bezug darauf ist es geradezu furchtbar, welchen Begriffsverwirrungen man bei Menschen begegnet, die heute oft reden und mitreden wollen bei der notwendigen Neugestaltung der Verhältnisse. Dafür lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel anführen. Da ist die breite Masse der sogenannten Marxisten, die sind sich klar darüber: Wenn ich ein Gut heute erwerbe, eine Ware erwerbe, so ist in dieser Ware aufgespeichert die menschliche Arbeitskraft, durch die diese Ware erzeugt worden ist. Ich muß mitbezahlen die menschliche Arbeitskraft, die dadrinnen ist, indem ich die Ware bezahle. — Ja, unter den heutigen Verhältnissen ist es natürlich so; aber darum handelt es sich ja gerade, daß man abtrennt im realen Prozeß, nicht bloß im Begriff, die Arbeitskraft von der eigentlichen Ware. Dazu ist es natürlich notwendig, daß man über diese Dinge sich wirklich klare Begriffe aneignet.

[ 20 ] In this connection it is really terrible to come across the mistaken and confused thoughts of people who have something to say, or wish to have a say, in the reorganisation, in the necessary reorganisation of social conditions. Let me give you an example: You have the great mass of the so-called Marxists; these men have a clear idea of the fact that human labour is stored in goods which we purchase, in any merchandise which we purchase; human labour has produced this merchandise. In paying for the goods, I must also pay for the human labour contained in it. This is of course the case under modern conditions, but it is essential to separate human labour from the true goods, to separate it not only in thoughts, but in the real process. But this entails that we should really develop clear thoughts in regard to these matters.

[ 21 ] Nun läßt sich das leicht widerlegen, daß in der Ware aufgespeicherte Arbeitskraft als volkswirtschaftlicher Wert drinnen liegt. Einer, der eben nicht Marxist ist, der die Sache wiederum von einem andern Gesichtspunkte betrachtet, sagt, es sei unrichtig, daß die Volkswirtschaft getrieben würde zu einem Zusammenkleben von Arbeitskraft und Ware; es sei gerade umgekehrt. Ware, fertige Ware, die man hat, die sei eigentlich da heute in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, um Arbeit zu ersparen. — Und in der Tat, gewissermaßen kaufkräftige Ware ist schon da, um Arbeitskraft zu ersparen. Denken Sie einmal, Sie seien Maler; Sie malen ein Bild, das zehntausend Franken wert ist, für zehntausend Franken unter den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen verkauft werden kann. Da können Sie für diese zehntausend Franken unter den heutigen Verhältnissen so und so viel Leute für sich arbeiten lassen. Dadurch, daß Sie den Wertgegenstand dieses Bildes haben, dadurch können Sie so und so viel Leute für sich arbeiten lassen. Denken Sie, wenn Sie das Bild nicht verkaufen würden und Sie würden alles das selber tun müssen, was Sie andere für sich arbeiten lassen, dadurch, daß Sie das Bild um zehntausend Franken verkaufen, was Sie da alles arbeiten müßten! Sie müßten sich Ihre Schuhe machen und nicht nur Ihre Kleider, sondern sogar den Stoff für die Kleider müßten Sie sich selber weben und dergleichen; Sie müßten sich erst die Rohstoffe verschaffen und das alles, der wirtschaftliche Prozeß ist ja ein ungeheuer komplizierter. Aber damit hat es nichts zu tun, meint irgendein volkswirtschaftlicher Denker, daß Arbeit kristallisiert ist in der Ware, sondern damit, daß man gerade dadurch, daß man verkaufsfähige Ware hat, Arbeit erspart. Also der volkswirtschaftliche Wert eines Gutes beruhe gerade darauf, wieviel Arbeit man dadurch erspare; nicht wieviel Arbeit auf dieses Gut verwendet worden ist, sondern wieviel Arbeit erspart werde.

[ 21 ] Now it is easy to argue that manufactured goods do not contain human labour as an economic value. A non-Marxist, for instance, would say: It is not right to state that in political economy human labour and manufactured goods have been fused. Non-Marxists, who consider things from another angle, say that in the capitalistic economic structure manufactured goods exist in order to save labour. In fact, there are some goods with a certain purchasing power, which can save labour. Let us suppose, for instance, that you are a painter and that you have painted a picture which is worth £500.00 and that under present conditions you can actually sell this picture for £500.00. This sum enables you to employ so and so many people to work for you. Because you possess an object of value in this picture, you can make so and so many people work for you. Suppose that you do not sell the picture, and that you would have to do the work which others would have done for you, if you had sold your picture for £500! In that case, you would hare to make your own shoes, your own clothes, and even weave the material for your clothes, etc. But first of all, you would have to get the raw material ,for your work, and so forth, for the economic process is an extremely complicated one. Nevertheless, some economists think that it is not at all a question of labour being stored in goods, but a question of being able to save labour through goods which can be sold. According to these economists, the economic value of a merchandise is therefore based upon the fact of how much labour can be saved through it, and not upon the quantity of labour which was needed to produce it.

[ 22 ] So gibt es also heute zwei Parteien, von denen die eine behauptet, der volkswirtschaftliche Wert bestehe in dem, wieviel Arbeit hineingemacht worden ist in dieses Gut. Nun, da kann man bei einem Bild wirklich nicht vergleichen die Arbeit, die da hineinverwoben worden ist, mit der Arbeit, die erspart wurde dadurch, daß man das Bild nach jenem Werte, den das Bild in der volkswirtschaftlichen Zirkulation hat, verkauft. Unter Umständen kann ein begabter Maler ein solches Bild, sagen wir, in einem Monat verkaufsfertig zustande bringen. Dann ist seine Arbeitskraft das, was hineinkristallisiert ist in einem Monat. Aber darauf kommt es viel weniger an, als auf die Arbeit, die er dadurch erspart. Dadurch wird er ja dann zum Kapitalisten, daß er Arbeit erspart; dadurch wird gerade die kapitalistische Wirtschaftsordnung hervorgerufen, daß er so und so viel Leute beschäftigen kann durch die Arbeit, die er erspart durch sein Gut.

[ 22 ] We therefore have two sides to-day; one declares that the economic value consists in the amount of labour which has been put into the goods. Take the case of the picture; there, the work put into it can really not be compared with the work which has been saved through the fact that the picture was sold in accordance with the value which it possesses in the economic structure, in the circulation of goods. Under given circumstances, a gifted painter may produce a picture ready for sale in about a month's time—is it not so? His “labour” is, in that case, what he “crystallizes” into the picture in one month's time. This is, however, far less important than the work which he thus saves for himself. He becomes a capitalist through the fact that he saves labour; a capitalistic economic structure arises through the very fact that he can now employ so and so many people to work for him, by saving work through the sale of his picture.

[ 23 ] Sie haben da zwei entgegengesetzte Definitionen. Die eine Definition: Der volkswirtschaftliche Wert eines Gutes oder einer Ware besteht darin, wieviel Arbeitskraft verwendet worden ist, um diese Ware herzustellen. Die andere Definition: Der volkswirtschaftliche Wert einer Ware besteht darin, wieviel Arbeit man erspart dadurch, daß man dieses Gut oder diese Ware hat. Zwei ganz entgegengesetzte Definitionen, die aber entgegengesetzt sind in bezug auf ihre Wirklichkeitsbedeutung. Denn es wäre ganz verschieden, wenn wirklich bewertet würde irgendein Gut nach der Herstellungsarbeit oder nach der ersparten Arbeit. Im volkswirtschaftlichen Zirkulationsprozeß findet nämlich weder das eine noch das andere statt. Sie brauchen sich nur eines, wenn ich das Beispiel weiter ausführen soll, vorzustellen: Denken Sie sich, dieses Bild, von dem ich rede, das also nach den Vorstellungen, die man in einem bestimmten Zeitalter, also sagen wit, in der Gegenwart hat, für zehntausend Franken dem Maler abgekauft wird, denken Sie sich, dieses Bild sei noch beim Maler. Da ist es also zehntausend Franken wert. Nehmen wir an, es sei aber nun gekauft, es sei jetzt im Salon des Herrn Mendelssohn, der kein Maler ist; da hängt es drinnen, da sehen es nur wenige Leute an. Definieren Sie nun den volkswirtschaftlichen Wert dieses Bildes, der besteht in der Summe der aufgewendeten Arbeit. Sie sehen, das können Sie nicht anwenden, weder auf Lenbach, noch auf den Herrn Mendelssohn, denn für beide besteht der volkswirtschaftliche Wert nicht darinnen. Also für Lenbach oder irgendeinen Maler der Gegenwart besteht unmittelbar der Wert freilich in der Arbeit, die er erspart; aber für den Herrn Mendelssohn schon nicht mehr, denn er erspart nichts. Also wenn Sie volkswirtschaftlich die Sache ansehen wollen, können Sie, wenn Sie einseitig sind, anwenden diesen Begriff auf den Maler, der das Bild produziert; da können Sie diese Definition geben. Wenn Sie definieren wollen mit Bezug auf den, der das Bild gekauft hat und es sich ins Zimmer hängt, dann existiert schon in der Wirklichkeit nicht mehr diese volkswirtschaftliche Definition des Wertes. Das ist es, was so ungeheuer wichtig ist, daß die Menschen heute geneigt sind, leicht zu definieren, wenn sie irgendwo etwas abgeguckt haben von den Verhältnissen. Da definieren sie gleich. Dann ist es gar kein Wunder, daß der eine diese Ansicht hat, der andere jene. Selbstverständlich, derjenige, der sich die volkswirtschaftliche Definition eines Bildes aus dem Atelier von Lenbach entnimmt, kommt zu einer ganz andern Ansicht als der, der sich die volkswirtschaftliche Definition eines Bildes aus dem Salon des Herrn Mendelssohn entnimmt. Dann können die Leute auch streiten.

[ 23 ] Here you have two opposed definitions. One definition is that the economic value of a merchandise or of goods consists in the labour employed for the production of these goods. The other definition is that the economic value of goods consists in the labour saved through having these goods. These two definitions are diametrically opposed; they are opposed in regard to their real significance. For it would be an entirely different matter if the goods were really valued according to the labour employed for their production, or according to the labour saved through having them. But in the process of economic circulation goods are valued neither in the one nor in the other way. Let me elaborate my example: Bear in mind the following: Suppose that the picture of which I have spoken, valued at £500 in accordance with prevailing ideas, still hangs in the painter's studio. He sells it, and it now hangs in the drawing room of Herr Mendelssohn, who is not a painter. There it hangs, and only a few people see it. Now, if you wish to define the economic value of the picture, you will say that it consists in the amount of labour, employed to paint it. Yet this definition does not hold good, either in regard to the painter—let us say, Lenbach—or in regard to the buyer, Herr Mendelssohn. As far as they are concerned, the economic value of the picture is not based upon this fact. For Lenbach, or any other modern painter, the immediate value of the picture of course consists in the work which he saves through it; yet this is not true, as far as Herr Mendelssohn is concerned, for he does not save any work through it. The definition of labour saved may therefore be applied, from an economic aspect, to the painter who has produced the picture; you may apply this definition to him, if you think in a one-sided manner. But from the aspect of the person who buys the picture and hangs it up in his drawing room, the above definition no longer holds good; the political-economic definition of the picture's value cannot be applied, if we bear in mind real facts. You see, what is so important to bear in mind is the fact that to-day people are so easily inclined to define things; when they think to have discovered something in the existing conditions, they immediately look out for a definition. Under such circumstances it is not at surprising that one side should have one view and one side another. It is natural that someone who draws the economic definition of a picture from Lenbach's studio, has quite a different opinion from someone who draws the economic definition of the picture from the drawing room of Herr Mendelssohn. This of course gives rise to disputes.

[ 24 ] Und so sind alle die Streite, die auf sozialen Gebieten heute vorkommen, weil die Menschen nicht bis zu den ursprünglichen Impulsen zurückgehen. Dazu gehört allerdings Wirklichkeitssinn, den nur die Schulung der Geisteswissenschaft gibt. Sie können heute Hunderte von Definitionen auf volkswirtschaftlichem Gebiete finden, und Sie werden nur Herzschmerz bekommen über die Wirklichkeitsfremdheit dieser Definitionen, über das furchtbar Wirklichkeitsfremde dieser Definitionen, die Sie immer beweisen können, weil sie immer wiederum auf ein gewisses Gebiet passen. Sie können sagen: Der volkswirtschaftliche Wert besteht in der Arbeit, die man erspart —, wenn Sie just vom Gesichtspunkt des geistigen Arbeiters reden sollen. Sie können auch sagen: Der volkswirtschaftliche Wert besteht in der aufgewendeten Arbeit —, wenn Sie vom Standpunkt des proletarischen Handarbeiters sprechen wollen.

[ 24 ] This is the character of every dispute which now exists in social spheres; differences arise because people do not go back to the original impulses. This calls for sense of reality, which can only be acquired through a spiritual-scientific training. To-day you may come across hundreds of definitions in the political-economic sphere, but they will only make your heart ache, because they are so very unreal. These definitions fall far short of the reality, though it is possible to “prove” them over and over again, for they always fit into a certain sphere. If you only consider the aspect of the spiritual worker, you may say that the economic value of something consists in the amount of labour saved. But if you only bear in mind the aspect of the proletarian workman, you may say that the economic value of something consists in the labour employed for its production.

[ 25 ] Ich habe Ihnen ein anderes Beispiel aus der Volkswirtschaft angegeben. Es gibt, wie ich Ihnen sagte, auf dem Gebiete der Volkswirtschaft die sogenannten Nominalisten und Metallisten in bezug auf die Theorie des Geldes. Ja, die streiten sich furchtbar herum. Die einen betrachten das Geld so, daß es als Ware gilt, daß es das wert ist, was es als Gold oder Silber wert ist, die andern nur als Zeichen für einen vorhandenen Wert. Die einen, die Nominalisten, die andern, die Metallisten, die streiten sich auf Tod und Leben, definieren und streiten sich. Ja, die Leute wissen alle nichts von der Wirklichkeit. Das Geld wird nämlich so, daß der Nominalismus richtig ist, wenn man in der Zeit lebt, in welcher ein starker Rückgang in der Produktion ist; wenn Not da ist, dann wird der Nominalismus richtig. Wenn Überfluß da ist, wird der Metallismus richtig. Es ist eben beides richtig vor der Wirklichkeit, das eine Mal das, das andere Mal jenes. Niemals sind die Begriffe so, wie sich die Menschen sie einseitig bilden, jemals heilsam anzuwenden auf eine Totalität. Bei der Totalität handelt es sich immer darum, daß man das Vollständige zusammenbringt, daß man nicht einseitig definiert, und daß man einen Sinn dafür hat, wo man packen kann in der Wirklichkeit dasjenige, was Aufschluß gibt.

[ 25 ] I have now given you another example from the field of political economy? In this field, we have—in regard to the theory of money—the so-called nominalists and the metallists. On the subject of money, they have the most terrible disputes, for the latter look upon money as goods, and attribute to it the value which it has as gold or silver; the former only consider money as a symbol for an existing value. The nominalists, on the one hand, and the metallists, on the other, wage a war to the knife on this subject of money; they try to define it and they quarrel over it. But these people have no idea whatever of reality. As far as money is concerned, nominalism is right at a time when the production of goods is very weak; nominalism is justified when there is a crisis. But metellism is right, when there is superfluity. From the aspect of reality, both are right—at one time this, and at the other time that direction. You see, if we take ideas in the one-sided manner in which people generally take them, we can never apply them to a totality in a healthy way. When we regard a totality, a whole, it is essential to collect all the facts; we should not apply one-sided definitions, and we should develop a feeling which shows us where we can take hold of the facts, throwing light upon reality.

[ 26 ] Nun kann die Frage auftauchen: Wo entsteht der volkswirtschaftliche Wert? Er entsteht nicht bei dem Hineinkristallisieren der Arbeit in die Ware, nicht bei dem Ersparen der Arbeit durch die Ware; da entsteht überall nicht der volkswirtschaftliche Wert. Der volkswirtschaftliche Wert ist ein Spannungszustand. Nicht wahr, wenn Sie hier einen elektrischen Konduktor haben (es wird gezeichnet), der sich hier entladen kann, und hier die Elektrizität aufgefangen wird, so entsteht zwischen den zweien, zwischen Entlader und dem, worauf die Entladung übergeht, ein Spannungszustand. Es strebt mit einer gewissen Stärke hinüber, um sich zu entladen. Wenn die Spannung nicht groß genug ist, findet keine Entladung statt. Wenn die Spannung groß genug ist, findet eine Entladung statt.

[ 26 ] Now the following question might be raised: Where does the economic value arise? It does not arise where human labour accumulates, or becomes crystallised in the goods; it does not arise where labour can be saved through goods; the economic value does not arise in any of these fields. The economic value is a condition of tension. If here, at this point, you have an electric conductor (a drawing is made), discharging electricity, and if the electric current is intercepted here at this point, we have a tension between the two, between the discharging apparatus and the apparatus which collects the discharge. There is no discharge if the tension is too weak, for a discharge can only take place if the tension is strong enough.

[ 27 ] In ähnlicher Weise ist auch der volkswirtschaftliche Wert eine Art Spannungszustand, ein solcher volkswirtschaftlicher Wert, den man beschreiben kann, indem man sagt: Auf der einen Seite steht das Gut, die Ware, in ihren Qualitäten und außerdem mit Bezug auf den Ort, an dem sie konsumiert werden kann; also auf der einen Seite steht die Ware an einem bestimmten Ort und in bestimmter Zeit. Auf der andern Seite steht das menschliche Bedürfnis, was dasselbe ist wie künstliches oder natürliches Interesse. Dieser Spannungszustand gibt den wahren volkswirtschaftlichen Wert, nichts anderes. Der Arbeitsbegriff ist da gar nicht darinnen. Der muß sich in einer andern Weise assoziieren mit dem Warenzirkulationsprozeß im sozialen Organismus. Das, was drinnen ist in der Erzeugung des volkswirtschaftlichen Wertes, das ist die eigentümliche Spannung, die wie die Spannung zwischen einem elektrischen Konduktor und einem Empfänger besteht, zwischen dem Vorhandensein einer bestimmt qualifizierten Ware an einem bestimmten Orte und einer bestimmten Zeit, und dem menschlichen Bedürfnis, das nach dieser Ware da ist. Das bestimmt allein den volkswirtschaftlichen Wert. Die Mühe, die Herr Lenbach aufwenden muß, um durch sein Talent das Bild in einer bestimmten Zeit fertigzukriegen, und die Arbeit, die er sich durch das Bild erspart, bestimmen nur den Privatbesitzeswert des Herrn Lenbach. So ist es aber auch bei aller andern Arbeit und ihrem Verhältnis zur Ware. Das bestimmt alles nicht den volkswirtschaftlichen Wert. Aber der volkswirtschaftliche Wert in jedem Moment ist gegeben durch das Verlangen, das Bedürfnis auf der einen Seite, und die bestimmt qualifizierte Ware an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit auf der andern Seite. Das macht den konkreten volkswirtschaftlichen Wert einer Ware aus. Dieses können Sie überall anwenden. Nur kommen Sie dadurch aus dem bloßen volkswirtschaftlichen Organismus eben gerade hinaus, und hier kommen Sie gerade hinein in die soziale Dreiteilung. Denn Sie haben auf der einen Seite das Gut, die Ware, die Sie hinführt nach der Wirtschaft, die niemals durch die bloße Zirkulation geschaffen werden kann, sondern nach Grund und Boden, nach der andern Naturgrundlage. Diese Naturgrundlage muß da sein. Die kann nicht dem Staate aufgebuckelt werden. Die muß auf der einen Seite da sein. Auf der andern Seite haben Sie das Bedürfnis. Dies führt Sie aber nach dem Geistigen hin, das führt in die geistige Welt des Menschen ein; denn wie verschieden sind die Bedürfnisse unkultivierter Barbaren und kultivierter Menschen! Da spielen in das rein volkswirtschaftliche Wesen zwei andere Elemente hinein. Das ist das Wichtige, das ist dasjenige, worauf es ankommt: daß da zwei andere Elemente hineinspielen. So daß wir den sozialen Organismus geradeso haben wie den menschlichen Organismus, der auf der einen Seite die Brust, den Kopf hat, in den die geistige Welt hineinspielt, und auf der andern Seite hat den Nahrungsorganismus, wo die physische Seite hineinspielt. Dadurch ist der Mensch ein dreigliedriges Wesen. Aber auch der soziale Organismus ist ein dreigliedriger, indem auf der einen Seite alles dasjenige hineinspielt, was die Bedürfnisse selbst erzeugt, die niemals durch den volkswirtschaftlichen Prozeß erzeugt werden dürfen als solche, und auf der andern Seite dasjenige, was die Natur erzeugt. Das führt zur Dreigliedrigkeit. In der Mitte ist dasjenige, was beide verbindet.

[ 27 ] Similarly, the economic value must be sought within a kind of tension, and we can describe this economic value by saying: On the one hand, we have the goods, the wares; then we must consider their different qualities and also the place where they can be consumed. We therefore have, on the one hand, the goods. On the other hand, we have the human requirements, and this is the same as the artificial or natural interest which people have in the goods. We have therefore, on the other hand, the goods in a certain place at a certain time. This tension, and nothing else, gives rise to the true economic value. The true economic value does not contain the idea of human labour. Within the social organism, labour should be associated with the circulation of goods in quite a different way. The peculiar tension, which resembles the tension existing between an electric accumulator and an electric receiver, is that which produces the true economic value. This tension arises through the existence of definitely qualified goods at a definite place and time and the demand for these goods. This alone determines the real economic value. Lenbach's efforts in producing a picture within a certain time, through his gift as a painter, and the labour which he could save for himself, through this picture as an object of value, can only determine the picture's value as Lenbach's private property. This applies to every other kind of labour in regard to goods. All this does not determine the economic value. The economic value at any given moment is determined, on the one hand, by the demand, or the requirement, and on the other hand, by the definite, qualified goods which exist at a given time. This constitutes the true economic value of a merchandise, and this value can always be applied. But this leads us away from the mere political-economic organism, and leads us instead into the social three partition. For, on the one hand, we have the goods, the wares, leading us into the economic sphere, which can, however, never come into being through the mere circulation of goods, but which depends upon the soil and ground, upon other foundations of Nature This foundation of Nature must exist. It cannot be saddled on to the state. It must exist, on the one side. On the other side, we have the demand, the requirement. This leads us into the spiritual sphere; it leads us into the spiritual world of man, for consider how different are the demands of uncivilised barbarians and of civilised men! Here we have two entirely different elements which penetrate into the political-economic life. The essential point which must be borne in mind, the chief thing which we must consider, is that there are other elements which penetrate into the political-economic life. The social organism thus resembles the human organism which consists, on the one hand, of the chest and of the head into the head penetrates the spiritual world. On the other hand, it consists of that part of the body which takes in nourishment, and the physical world penetrates into this part. But also the social organism is threefold, for on the one hand, we find that it is influenced by all that which gives rise to demands, to requirements, which must never be produced by the economic process itself; and on the other hand, it is influenced by that which Nature produces. This leads us to a threefold structure, for in the middle lies that which unites these two spheres.

[ 28 ] Sie brauchen nur folgendes sich zu überlegen, so werden Sie die ungeheure Fruchtbarkeit, die soziale Fruchtbarkeit desjenigen, was hier ausgesprochen ist, schon merken. Nach dem, was ich hier eben schon ausgesprochen habe, darf niemals das Bedürfnis durch einen sozialen Eigenprozeß, durch einen wirtschaftlichen Eigenprozeß erzeugt werden, sondern das Bedürfnis muß gerade von außen herein entwickelt werden durch einen andern, sei es durch einen ethischen oder einen andern Kulturprozeß. In ungesunden Zeiten werden Bedürfnisse rein volkswirtschaftlich entwickelt, und darüber sind die ungesund denkenden Menschen eigentlich froh. Sie haben in der Zeit, die gerade zu unserer sozialen Katastrophe geführt hat, in der Zeit, wo das soziale Karzinom, die soziale Krebskrankheit sich allmählich heraufgesteigert hat, an allen Ecken und Enden sehen können, wie das Bedürfnis, das nicht aus der sozialen Struktur selber kommen, sondern das von anderen Kulturaufgaben der Menschheit her hineinkommen sollte in die soziale Struktur, wie das durch den sozialen Prozeß selbst erzeugt werden sollte. Eine Zeitlang las man immer wieder: Kocht mit Maggi gute Suppen! — Nun, das Bedürfnis nach Maggi wäre ganz gewiß nicht entstanden ohne diese Reklame! Diese Reklame ist aus der reinen Volkswirtschaft heraus. Das ist kein Bedürfnis, das sich auf wirkliche Weise ergeben hat. So Bedürfnisse erzeugen, so ein künstliches Interesse für ein bestimmtes Produkt erzeugen, das ist geradeso unheilsam und muß zur Krankheit des sozialen Organismus führen, als wenn Sie als Arzt zum Beispiel den Knaben, der etwas lernen soll, nicht durch moralische Mittel zum Fleiß anfeuern wollten, sondern wenn Sie ihm ein Pülverchen gäben, damit er durch dieses Pülverchen vielleicht da oder dort eine Aufrüttelung erlebe und durch seinen Magen fleißiger werde. Solche sozialen Pfuschereien, die dadurch zustande gekommen sind, daß man alles aufgebuckelt hat einem sogenannten Monon, einem sozialen Homunkulus, das ist es, was unsere katastrophale Gegenwart herbeigeführt hat. Denn es darf eben nicht der soziale Organismus selber auf der einen Seite die Bedürfnisse erzeugen, und auf der andern Seite darf er auch nicht Ware erzeugen, die nur dem sozialen Organismus als solchem dienen soll. Der soziale Organismus muß die Ware geliefert bekommen von der Naturgrundlage. Er muß die Bedürfnisse geliefert bekommen auf der andern Seite von der Menschheitsentwickelung selbst.

[ 28 ] In order to perceive the immense fruitfulness, the social fruitfulness of the above thought, it suffices to consider the following fact:—According to the explanations given above, an isolated process, an economic process, should never give rise to demands, but demands should instead come from outside, through some other cultural process, through an ethical process, or something similar. During unsound times, demands arise through purely economic processes, and people who cannot think soundly rejoice over this. During the time which led to our present social catastrophe, during the time in which the social cancerous growth, the present social cancer, gradually began to develop, people tried in every way to produce demands for goods through processes which did not come from the social structure itself, but which entered it from outside, which came from some other cultural task of humanity, from social processes which were called into being artificially. You could, for instance, read over and over again the following advertisement: “Cook good soups with Maggi!”—Well, the demand for “Maggi” would certainly not have arisen, had it not been advertised! Advertising has come out of the purely economic sphere. It does not give rise to real demands. To produce demands in such a way as to arouse an artificial interest in certain goods, is unsound and a source of illness to the social organism. It is just the same as if a physician were to induce a boy to learn more diligently by giving him a stimulating powder, so that his stomach makes him more diligent, instead of his being stimulated to study by moral forces. This social bungling, these social tricks, which arise by saddling everything on to a so-called “monon”, on to a social homunculus, have led to the catastrophes of the present time. For the social organism itself, should never produce, on the one hand, demands, and on the other goods. The goods must be supplied to the social organism by the foundation of Nature. And the course of human development itself, must supply to the social organism the demands for goods. A social problem should never become, for instance, a problem of population, for this would imply a misunderstanding of the connections which exist between the human being and political economy. This would mean that in our time we do not know the difference between a pig and a human being, as I explained to you yesterday, at the end of my lecture, and it would lead to our making a social problem out of the problem of population.

[ 29 ] Daher darf auch niemals eine soziale Frage werden die Frage der Bevölkerung. Und das bedeutet eben die Verkennung des richtigen Verhältnisses zwischen Mensch und Volkswirtschaft, auf die ich gestern hingedeutet habe. Das bedeutet, daß man in unserer Zeit nicht weiß den Unterschied zwischen Schwein und Mensch, wie ich gestern am Schluß angedeutet habe, das bedeutet eben, daß man das Bevölkerungsproblem zu einem sozialen Problem macht. Ob wünschenswert ist eine starke Vermehrung der Menschen oder ein Erhalten der Bevölkerung auf einem bestimmten Niveau der Bevölkerungszahl, das darf niemals von volkswirtschaftlichen Erwägungen abhängen, sondern da müssen andere, ethische, spirituelle Erwägungen mitsprechen. Bei Erörterung dieser Frage muß ganz besonders bedacht werden, daß, wenn man künstlich durch Volkswirtschaft hinarbeitet auf eine bedeutende Vermehrung der Bevölkerung, daß man dann Seelen, die vielleicht sich erst nach vier oder fünf Jahrzehnten haben verkörpern wollen, zwingt, daß sie jetzt schon herunterkommen, um in um so schlechterem Zustande auf diese Weise herunterzukommen. So daß eine Bevölkerungszunahme unter Umständen einen Zwang bedeutet, den Sie auf die Seelen ausüben, die dann in um so schlechterer Verfassung in die Körperinkarnation hinein müssen. Dadurch kommt dann das moralische Sumpfniveau unter Umständen. Die Frage der Bevölkerungszunahme oder Stabilität oder selbst die der Bevölkerungsabnahme, die darf niemals eine volkswirtschaftliche Frage, sondern muß eine Frage der ethischen, der moralischen, kurz, überhaupt der geistigen und sogar der spirituellen Lebens- und Weltanschauung sein. Alle diese Dinge kommen nur in eine gesunde Sphäre hinein, wenn sie geisteswissenschaftlich erfaßt werden. Daher werden Sie begreifen die Notwendigkeit einer geisteswissenschaftlichen Fundierung alles sozialen Denkens. Wenn Sie sich wirklich befassen möchten mit all dem scheusäligen Zeug, was über die soziale Frage gegenwärtig geredet, geschrieben wird, dann würden Sie, indem Sie sehen, welche Unfruchtbarkeit eben in all diesen Dingen steckt, schon dadurch getrieben werden, endlich jenes scharfe Denken anwenden zu wollen, das zu diesen Dingen notwendig ist.

[ 29 ] Political-economic reasons should never determine whether an increase in the population is desirable, or whether it is to kept upon a certain level; other reasons, of an ethical, spiritual kind, should be called in for this. When considering such a problem, we should particularly bear in mind that if a considerable increase in population is obtained through artificial means, we force the souls who would only have incarnated after four or five centuries, to come down prematurely, and consequently, in a deteriorated condition. Under certain conditions, an increase in the population implies a coercion for souls who are thus forced to incarnate in a physical body under unfavourable conditions. This would give rise to moral corruption. The problem of increase, stability, or decrease in the population, should never be a political-economic problem, but a moral-ethical one in short, a problem connected with a spiritual conception of the world with a spiritual conception of life. All these things can only follow a sound course of development if they are grasped in a spiritual-scientific manner. You will therefore recognise the necessity of giving a spiritual-scientific foundation to all the thoughts which are connected with social problems. If you really wish to study the horrible things which are now said and written in connection with the social problem you would see that the unfruitfulness contained in all these calls for the application of that sharp, clear way of thinking which these questions entail.

[ 30 ] Geradeso wie sich die Nachfolger von Plato und Aristoteles entschließen mußten zu sagen: Der Mensch als Sklave darf nicht Ware sein —, so müssen sich eben die Nachfolger der heutigen Menschheit sagen lernen: Auf keinen Fall darf die Arbeitskraft Ware sein —, sondern durch andere Impulse muß der Mensch zum Dienen, zum Arbeiten für seine Mitmenschen getrieben werden, nicht durch den Wert desjenigen, was er erzeugt. Der volkswirtschaftliche Wert desjenigen, was erzeugt wird, wird niemals geregelt werden dürfen nach der aufgewendeten oder ersparten Arbeit, sondern lediglich nach dem berechtigten Entspannungsverhältnis der Ware und solchen menschlichen Bedürfnissen. Da entscheidet also weder aufgespeicherte noch ersparte Arbeitskraft; denn man steht nicht durch seine Arbeit im volkswirtschaftlichen Prozesse, man arbeitet nicht für Ersparung der Arbeit, sondern man arbeitet lediglich Ware fertig, damit sie in ein bestimmtes Spannungsverhältnis zum entsprechenden Bedürfnisse trete. Das entsprechende Bedürfnis kann bestimmen, daß eine Ware, auf die sehr viele Arbeit aufgewendet wird, unter Umständen billig sein muß, das Bedürfnis kann bestimmen im gesunden volkswirtschaftlichen Prozesse, daß eine Arbeit, auf die wenig Arbeit aufgewendet werden muß, vielleicht sogar teurer ist; die aufgewendete Arbeit kann nicht entscheidend sein. Das ergibt sich aus der heutigen Auseinandersetzung. Daher ergibt sich für den, der diese Dinge durchschaut, die radikale Forderung, den Impuls zum menschlichen Arbeiten von ganz anderer Seite her zu holen als von dem volkswirtschaftlichen Wert der Ware, der eben bestimmt wird durch das angedeutete Spannungsverhältnis.

[ 30 ] Even as the blind follower's of Plato and of Aristotle had to come to the point of saying: “Man, as a slave, cannot be considered as goods”, so the followers of modern humanity must learn to say: “In no case can human labour be considered as goods”, for other impulses, not the value of products, should induce men to serve and to work for their fellows. The economic value of goods produced by labour should never be fixed in accordance with the labour accumulated within the goods, nor by the labour saved through the goods, but only in accordance with the justified tension which exists between the goods and human demands. Neither the labour accumulated in the goods, nor the labour saved through them, constitutes the decisive factor, for our labour does not place us within an economic process, we do not work in order to save labour, but we produce goods in order that there may be a certain tension between the goods produced and the corresponding demand . The corresponding demand may determine that goods which entailed a great amount of work must, under certain conditions, be sold cheaply—and, within a sound economic process, the demand may determine that a product involving little work obtains a higher price. Consequently the work involved can never be the decisive factor. This is evident from the explanations given above. Those who have an insight into such things, consequently recognise the radical necessity of not seeking the impulses which give rise to human labour in the economic value of goods, but on quite a different direction, which is determined by the above-mentioned state of tension.

[ 31 ] Der allein, der diese Dinge durchschaut, kann dann entscheiden über die zwei wichtigen heute sozial vorliegenden Fragen: Arbeitszwang, Zwang zur Arbeit, wie die Bolschewisten es wollen, oder Recht auf Arbeit, wie man es auch nenne. Derjenige aber, der nicht in solchen Tiefen schürft, auf welche wir heute hingedeutet haben, der wird immer nur konfuses, törichtes Zeug reden, gleichgültig ob er auf irgendeinem Posten oder zu irgendeinem Zwecke von Arbeitsrecht oder Arbeitszwang redet. Nur wenn man im Tiefen schürft, hat man ein Recht, über solche Fragen zu sprechen. Und es ist heute eine ernste Frage, sich ein Recht zu erwerben, bei diesen Dingen mitsprechen zu dürfen. Davon dann das nächste Mal weiter.

[ 31 ] Only those who have an insight into such things can arrive at a decision in connection with the two important social problems which face us at the present time: compulsory labour, which is the aim of the Bolshevists, and the right to work, or any other name which we may give to it. Those who do not penetrate to the depths indicated to-day, will always talk in a confused way, no matter whether they speak officially, of compulsory labour, or the right to work, or whether they simply follow certain aims. Only those who penetrate to the depths of reality have a right to speak of such questions. Indeed, it is a serious matter to-day to acquire the right to have a say in such things. In my next lecture I shall continue to speak on this subject.