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The Social Question as a Question of Consciousness
GA 189

21 February 1919, Dornach

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Dritter Vortrag

Lecture III

[ 1 ] Es wird Ihnen durchsichtig sein, wie dasjenige, was von mir hier und sonst vorgebracht worden ist gerade über das soziale Problem der Gegenwart, doch durchaus fließt aus geisteswissenschaftlichen Untergründen und wie versucht worden ist, in den Aufruf, von dem ich Ihnen neulich hier gesprochen habe, hineinlaufen zu lassen, was aus der tieferen Einsicht der gegenwärtigen Weltenlage über das soziale Problem jetzt praktisch gedacht werden muß. Wir sollten eigentlich nicht müde werden, uns immer wieder und wiederum die Hauptsache vor die Seele zu führen. Und diese Hauptsache besteht heute darin, daß Mittel und Wege gefunden werden zur Aufklärung, zur Möglichkeit, Verständnis hervorzurufen für das, was als Tatenansätze, als Handlungen in die Menschheit hineinkommen muß, wenn in der richtigen Art gedacht wird über das Wesen des sozialen Organismus. Nicht wahr, Sie haben ja begriffen, daß das Denken und Empfinden und damit auch das Wollen der Menschheit radikal anders geworden ist seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, und daß die Gesamtgeschichte wird revidiert werden müssen, wenn sie fruchtbar gemacht werden soll für die Menschheit von dem Gesichtspunkte aus, der sich aus dieser radikalen Metamorphose der Seelenverfassung der Menschheit für den fünften nachatlantischen Zeitraum ergibt. Man muß sich klar sein darüber, daß gerade durch die Eigentümlichkeit der Entwickelung in diesem unserem fünften nachatlantischen Zeitraume bei den Menschen, die mit einem gewissen Wollen ausgestattet sind — ob wir dieses Wollen nun selbst für ein richtiges oder unrichtiges, für ein gutes oder schlechtes halten —, daß bei diesen Menschen das zugrunde liegende Denken bestimmte Formen annimmt. Und von diesem zugrunde liegenden Denken, das bestimmte Formen annimmt, ist ja im Grunde unsere ganze soziale Bewegung heute im wesentlichen gestaltet. Es liegen doch zugrunde die Gedanken der Menschen, die sie haben können gemäß dem Grundcharakter unseres Zeitalters.

[ 1 ] It will be apparent to you that what I have put forward here and elsewhere about the present social problems has its source in the foundations of Spiritual Science. And further, that there has been an endeavour to let flow into the Appeal I recently read out to you, the practical ideas which must arise from a deeper insight into the existing world situation. We should never tire of bringing before our souls ever and again the most important thing, and that is how ways and means may be found to call up the clearest possible understanding for what must enter into mankind, to promote deeds and actions, when there is right thinking about the essential nature of the social organism. You will have realised how radically different man's whole thinking, feeling and willing have become since the middle of the fifteenth century, and how the whole of our history, if it is to be made fruitful for mankind, must be revised from the standpoint of the fifth post-Atlantean epoch with its fundamental change in man's attitude of soul. The characteristics of the evolution during our fifth post-Atlantean epoch have had the result that in people endowed with a certain will – be it regarded as right or wrong, good or bad – that the thinking underlying these people's will, takes on a definite form. And from this thinking that has a definite form, in essentials the whole of our social movement is built. The social movement has its foundation in those thoughts that people are able to formulate in accordance with the fundamental character of our time.

[ 2 ] Nun erinnern Sie sich, daß es bei der Dreiteilung, von der wir jetzt öfter gesprochen haben, und die auch ausgedrückt ist in dem Ihnen zur Kenntnis gebrachten Aufruf, daß bei dieser Dreiteilung der eigentliche politische Staat, von dem die meisten Menschen heute glauben, er umfasse den gesamten sozialen Organismus, oder den die meisten Menschen heute mit dem sozialen Organismus verwechseln, gewissermaßen nur ein Departement, ein Glied des dreigeteilten sozialen Organismus ist. Wenn Sie in der rechten Weise einerseits verstehen, worauf die ganze Dreigliederung des sozialen Organismus hinausläuft, und wenn Sie auf der anderen Seite versuchen zu verstehen, wie sich die Einseitigkeit im modernen Leben herausgebildet hat, den sozialen Organismus ganz zu zentralisieren, gewissermaßen den Staat alles verschlingen zu lassen, dann haben Sie in dem Zusammenhalten dieser beiden Dinge ein Wichtiges für das Verständnis der Sache gegeben. Und von einem ernsten Gesichtspunkte aus heute die soziale Bewegung zu verstehen ist das Allernotwendigste für den gegenwärtigen Menschen. Mit Bezug auf das, was an Handlungen zu geschehen hat, werden, wie das heute der Fall ist, die Menschen noch lange im Unbestimmten tappen. Das kann gar nicht anders sein. Aber worauf gesehen werden muß, worauf hingearbeitet werden muß, das ist: soziales Verständnis zu verbreiten; zu verbreiten die Möglichkeit, den sozialen Organismus wirklich zu verstehen. Es ist gerade von diesem Gesichtspunkte aus außerordentlich interessant zu beobachten, welcher Art das Denken der gegenwärtigen Menschen ist, die nach einer gewissen Richtung hin ihr soziales Wollen betätigen. Nicht wahr, uns muß es mehr darauf ankommen, die Artung, die Formung, die Gestaltung des Denkens der Menschen zu beobachten, weniger auf den Inhalt zu sehen; denn wir haben bei verschiedensten Gelegenheiten betonen müssen: was schließlich die Menschen denken, darauf kommt es sehr, sehr viel weniger an, als wie die Menschen denken, wie das Denken orientiert ist. Schließlich ist es für das Einschneidende und Durchgreifende der gegenwärtigen Weltenbewegung gar nicht so sehr von Bedeutung, ob einer reaktionär im urältesten Sinne ist, ob er liberal, ob er demokratisch, sozialistisch oder bolschewistisch ist. Wenn man bloß auf dasjenige sieht, was die Leute sagen, so ist das gar nicht so besonders wichtig, sondern besonders wichtig ist, wie die Menschen denken, in welcher Art die Gedanken der Menschen sich formen. Darauf kommt es an. Denn Sie werden heute die Erfahrung machen können, daß Sie schließlich da oder dort eine Persönlichkeit entdekken, die radikal sozialistisch denkt dem Inhalte nach, dem Programm nach, die aber eigentlich gar nicht anders in ihren Gedankenformen ist, als diejenigen Menschen, die über ein großes Gebiet der Erde hin heute gestürzt worden sind.

[ 2 ] In the threefold division of which we have often spoken, and which is the subject of the Appeal, the actual political State is really but one department, one member, of the threefold organism, though most people believe it to embrace the whole social organism, confusing it indeed with the social organism. When on the one hand you understand what the threefold social organism amounts to, and on the other hand you try to grasp how in modern life there has been a one-sided tendency to centralise the social organism, to let the State swallow up everything, then putting together these two things you have something important for understanding the matter. And to understand the present social movement from a serious standpoint is today the most vital necessity for man. For a long time people will still be groping in uncertainty as to what is to happen. It cannot be otherwise. The way it must be regarded, however, the way it must be worked for, is by widening the understanding of the social organism, creating the possibility for it really to be understood. From this standpoint it is extraordinarily interesting to observe the kind of thinking of the men who, in some particular direction, are active in social matters. Things must depend more and more upon our observing the way, the form, the structure of men's thinking, and upon our paying less heed to the content. On the most various occasions we have had to emphasise that what people really think matters very much less than how they think, and how their thinking is directed. Finally, it is not of such great importance for what is penetrating and decisive in the present world movement whether anyone is a reactionary in the original sense or liberal, democratic, socialist or bolshevik. What people say is not very important, but what is important is how they think, in what way their thoughts are formed. We can see today how personalities arise whose thought content and programmes are thoroughly socialistic, but who in the form of their thought are not very different from those who, over a large area of the earth, have just been overthrown.

[ 3 ] Also wir müssen schon auf das Tiefere sehen, das sich geltend macht. Denn von den Programmen, die, wie ich neulich in Basel gesagt habe, heute wie Urteilsmumien unter uns herumwandeln, von diesen Programmen wird in der Zeitbewegung sehr, sehr wenig abhängen. Vieles wird davon abhängen, daß die Leute lernen, anders zu denken, die Gedanken anders zu formen, anders zu bilden. Gegenwärtig gibt es ja noch nichts, was wirklich das Denken der Menschen in eine andere Richtung hinlenkt, als das geisteswissenschaftliche Denken, das deshalb auch von den meisten für phantastisch angesehen wird. Dabei sind die Leute, die sagen, es sei phantastisch, eben selber Phantasten, wenn auch vielfach materialistische Phantasten; aber sie sind Phantasten, sie sind Theoretiker und können sich nicht auf die Wirklichkeit einlassen. Das aber, was sich gestaltet, das wird aus der Artung des Denkens heraus sich entwickeln. Gerade mit Bezug auf das, was damit angedeutet ist, möchte ich Ihnen heute einiges auseinandersetzen.

[ 3 ] We must therefore look deeper into what lies behind all this. For, as I recently said in Basle, as time goes on very little will depend upon the programmes that go around as if they had been mummified. Much will depend upon people learning to think differently, to form their thoughts differently. Up to now there is only anthroposophical thinking that can guide men's thinking today in another direction, and for this reason it is regarded by many as something fantastic. It is, however, the people who call it so who themselves are fantastic, even if materialistically fantastic, for all the same they are theorists who cannot face reality. But what is developing will come from the way in which men think. It is just this that I want to dwell upon today.

[ 4 ] Wer hinsieht auf die Art und Weise, wie sich nach und nach die Anschauungen innerhalb der proletarischen Bewegung gebildet haben, und wie sie sich bis heute gestaltet haben, der sieht innerhalb der proletarischen Welt alle möglichen Anschauungen. Uns soll heute die eine Tatsache besonders interessieren, daß ja neben den vielen anderen sozialistischen Proletariern, die so oder so denken, weitaus die größte Zahl unter diesen Proletariern sich ganz radikal zu dem ursprünglichen oder zu einem fortgebildeten Marxismus bekennt. Das ist ja das Eigentümliche, daß dieser Karl Marx — nachdem er die deutsche Dialektik Hegels in sich aufgenommen hatte, nachdem er den französischen sozialen Positivismus kennengelernt hatte, dann von London aus sich die soziale Welt, das soziale Werden betrachtet hatte — von da aus seine außerordentlich einschneidenden sozialistischen Theorien gebildet hat, die dann nach und nach die gesamte proletarische Welt ergriffen haben. Es war also eigentlich der marxistische Gedanke, der sich ausbreitete, der durch das Zündfeuer der Katastrophe der letzten Jahre sich so ausgewachsen hat, wie er heute schon ist, und der sich weiter auswachsen wird. Unter den Sozialisten selbst gibt es eine große Anzahl, die sich einfach so auf Karl Marx berufen, daß sie sagen, sie seien Marxisten. Nun, der eine behauptet, er stünde ganz auf orthodox-marxistischem Standpunkt, der andere behauptet, er vertrete einen fortgeschrittenen Marxismus und so weiter. Aber alles geht auf Marx zurück.

[ 4 ] Whoever pays heed to the ways in which the views of the proletarian movement have gradually been formed and developed up to now, must see how very various these views are. One fact should be of special interest to us today – that by far the greater number among the proletariat wholeheartedly profess Marxism in either its original or its more mature form. It is very characteristic how Karl Marx, having become acquainted with French social Positivism and then, from London, having studied the world of socialism and its development, built up on these foundations his extraordinarily arresting socialist theories which have gradually caught hold of the whole proletarian world. It is actually the Marxist thought that has spread abroad and has flamed up into the conflagration of this last catastrophe, as we have it today, and as it will continue to spread. Many even among the socialists refer to Karl Marx as if they themselves were Marxists. The one maintains that his standpoint is orthodox Marxism, another says that he represents advanced Marxism, and so on but everything goes back to Marx.

[ 5 ] Nun liegt ja ein Ausspruch von Karl Marx selbst vor, der auf gewisse Seiten dieser Sache recht tief blicken laßt. Karl Marx betonte einmal, als er über den Marxismus selber sprach, daß er, Karl Marx, jedenfalls kein Marxist sei. Das, meine lieben Freunde, sollte man insbesondere in der heutigen Zeit nicht aus dem Auge verlieren. Denn nur wenn man auf solche Dinge sieht, merkt man in der richtigen Weise, worauf es ankommt: eben darauf, wie sich die Gedanken formen, nicht was ausgesprochen wird. Die bequeme Art, auf Programme zu bauen, wird die Menschheit gerade in unserer schwerlebigen Zeit nicht haben können. Und ein Weg ist, wenn er auch noch so weit ist, der von Karl Marx zu Wladimir Lenin, der sich nun auch für einen wirklichen, echten Marxisten hält. Und wenn man heute über Lenin spricht, so spricht man ja nicht über eine einzelne Persönlichkeit, sondern über eine Bewegung, die man meinetwillen in Grund und Boden kritisieren kann selbstverständlich, die aber als Impuls schon weite, weite Kreise zieht, aber auch durch gewisse Methoden, die sie eingeschlagen hat, und von denen ihre Träger überzeugt sind, daß sie eigentlich der wahre Marxismus sind.

[ 5 ] Now a statement by Karl Marx himself throws great light on certain aspects of this matter. Speaking of Marxism he once emphasised that he himself was no Marxist. Particularly in these times one should not forget this statement. For it is only by paying dire heed to such things that one notices how everything depends not on what is said but on the way in which thoughts are formed. Especially in our hard times the easy way of just building programmes will never meet human needs. And there is a way, even if a long one, that leads from Marx to Lenin who now regards himself as a true Marxist. To speak of Lenin is not to speak of a single personality but of a movement, which, if you like, is fundamentally open to criticism but from which the impulse is spreading widely. This movement, however, is also extended through certain methods considered by its adherents as actually being true Marxism.

[ 6 ] Nun kommt man am leichtesten dem Problem, auf das ich hier deute, bei, wenn man gerade dies in den Mittelpunkt der Betrachtungen stellt, daß die Einseitigkeit Platz gegriffen hat, alles gewissermaßen dem Staate aufbuckeln zu wollen, während man es im sozialen Organismus mit einer Dreigliedrigkeit zu tun hat. Es ist schon interessant, die Gedankenformung, wie sie sich bei Karl Marx selbst vollzogen hat, zu verfolgen; einmal ganz abzusehen von dem, was Marx inhaltlich gesagt hat, mehr auf seine Gedankenformung zu sehen. Sehen Sie, wer zum Beispiel an Karl Marx herangeht und seine Schriften liest mit der Meinung, er werde jetzt durch die Lektüre eine Vorstellung empfangen, wie der soziale Organismus sich gestalten werde, der wird sich sehr bedeutsam täuschen. Solche Angaben, wie Sie sie den Mitteilungen der Geisteswissenschaft über den sozialen Organismus entnehmen, die hier und anderswo von mir gemacht worden sind, werden Sie bei Karl Marx vergeblich suchen. Darum handelte es sich ihm nach seiner Gedankenformung eigentlich nirgends. Wenn Sie die nationalökonomischen Ansichten über die soziale Gestaltung, soweit sie Karl Marx selber aufgeschrieben hat, verfolgen, so können Sie sich sagen: Karl Marx hat eigentlich über den sozialen Organismus keine anderen Gedanken als diejenigen, die schon da waren. Originelle Gedanken, wie die Welt werden soll, die macht sich Karl Marx nämlich nicht. Er verfolgt: Wie haben die Menschen gedacht, welche das moderne kapitalistische Zeitalter herbeigeführt haben, wie hat sich Lohnfrage, Kapitalfrage, Grundrentenfrage und so weiter ausgebildet unter der kapitalistischen Herrschaft? — Und er zergliedert die Nationalökonomie der kapitalistischen Herrschaft. Im Grunde genommen finden Sie wichtigste Vorstellungen, die Karl Marx dem Proletariiat überliefert hat, schon bei Ricardo und bei anderen, Was tut Karl Marx? Karl Marx sagt: In der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die sich allmählich in der neueren Zeit heraufgebildet hat, haben die Menschen Meinungen gehabt, aus denen heraus sich gebildet haben die modernen Lohnverhältnisse, die modernen Kapitalverhältnisse, die modernen Grundrentenverhältnisse und so weiter. Und jetzt versucht er weiter zu denken. Nicht daß er sagt, was an die Stelle dieser sozialen Gliederung, wie sie sich unter dem Kapitalismus herausgebildet hat, treten soll, er zeigt nur, daß sich unter dieser kapitalistischen Herrschaft als eine besondere Menschenklasse das Proletariat hat ergeben müssen. Das ist da, das ist eine Realität. Er zeigt nun, wohin die kapitalistische Herrschaft führt. Er zeigt, daß sie sich selbst ad absurdum führt, daß sie, wenn sie auf ihren Höhepunkt gekommen ist, in ihr Gegenteil umschlagen muß. Immer mehr und mehr sammeln sich Kapitalien in den Händen einzelner, bis sie übergehen auf den «einzelsten», der dann zu gleicher Zeit die Gemeinsamkeit ist; so sehr sich auch Marx und die Marxisten dagegen sträuben, das dem Worte nach anzuerkennen, sie gehen über auf die staatliche Ordnung, so daß der Staat eigentlich der einzige Großkapitalist wird. Aber er hat dann in seiner Vertretung alle am Staate teilnehmenden Menschen.

[ 6 ] Now the problem we have here is most easily approached when in the centre of our considerations we place the now prevalent one-sidedness that consists in handing over everything to the State, when in reality we have to do with a threefold organism of which the State is only one member. It is indeed interesting to follow up how Karl Marx formed his thoughts, and, quite apart from what he says with regard to their content, to look more at the thought structure. Whoever, for example, goes to his writings and reads them in the hope of finding some conception of how the social organism will be moulded, will be greatly disappointed. Statements such as those imparted by Spiritual Science about the social organism, in Karl Marx will be sought in vain. In the way he develops his thoughts there is nowhere a trace of anything of the kind. If in his writings you follow his national-economic views on the formation of the social order, you come to the conclusion that Karl Marx has thought out nothing new about the social organism. He has done no original thinking whatever about what the future of the world should be. He seeks to discover how those men thought who brought about the age of capitalism, and how the questions of wage, capital, ground-rent, and so on, were matured under the rule of capitalism. He pulls to pieces the national-economy of the capitalist rule. The most important ideas given by Karl Marx to the proletariat can already be found in Ricardo and elsewhere. Karl Marx says: In the capitalistic economic order, gradually built up in recent times, men have held the opinions from which have arisen the modern wage conditions, the modern capital conditions, the modern ground-rent conditions. And now he tries to think further. Not that he tells us what shall be put in place of this social membering that has arisen under capitalism; he only shows that under this capitalist system the proletariat necessarily developed as a special class of human beings. That is so; that is a reality. He then goes on to show whither the capitalist rule is leading. He proves that it is leading to an absurdity, that having reached its peak it is obliged to change into its opposite. Capital is increasingly gathered into the hands of the individual until it reaches what is most individual, which at the same time is the community. However Marx and Marxists strive against the recognition of the word, according to Marx capital passes over to the control of the State, so that the State becomes the one great capitalist. But this then includes in the representation of the people created by the State, all the human beings taking part in that State.

[ 7 ] Nun, gerade aus dieser Auseinandersetzung haben sich die verschiedensten sozialistischen Meinungen in der neueren Zeit gebildet. Karl Marx und sein Freund Engels haben ja lange Zeit gewirkt, haben viel im Laufe von Jahrzehnten dazu beigetragen, Gedanken, die sie ursprünglich geäußert haben, zu modifizieren, zu erweitern, zu begrenzen, wie das ja geschehen muß bei jemandem, der nicht stehenbleibt, sondern der sich selber, die Welt beobachtend, weiterentwickelt. Nun entstand auf Grundlage des Marxismus, weil die Gedanken von Karl Marx, wie ich Ihnen wiederholt gezeigt habe, eben dem Proletariat in die Seele hinein sprachen, eine große Bewegung, die für die verschiedenen Länder die verschiedensten Formen angenommen hat. Man kann schon sagen: Sozialismus, der sich auf Grundlage des Marxismus gebildet hat, hat eine andere Nuance in England, in Frankreich, er hat die radikalste Nuance in Deutschland bekommen, die dann auf Rußland übergegangen ist. Das ist alles richtig, daß er verschiedene Nuancen angenommen hat. Aber was eine ganz wesentliche Prinzipienfrage ist, das Verhältnis der proletarischen Welt zum Staate, das ist eigentlich mehr oder weniger in eine Art nebuloser Atmosphäre eingelaufen. Die Leute bildeten gerade dadurch viele Parteien innerhalb des Sozialismus, die sich bis aufs Messer bekämpften, weil sie in der einen oder in der anderen Weise gerade das Verhältnis des Proletariats zum Staate, wie er sich geschichtlich in dem Laufe der neueren Entwickelung gebildet hat, in der verschiedensten Art auffaßten. Nun spielen ja da die verschiedensten Strömungen hinein, die wir heute nicht berühren wollen. Allein den Weg wollen wir doch einmal kurz andeuten, der sich zieht von Karl Marx bis zu Lenin. Denn Lenin behauptet gerade, der echteste Marxist zu sein, der Karl Marx selbst am besten versteht, während zahlreiche andere Sozialisten, die sich auch Marxisten nennen, von Lenin als Abtrünnige, als Verräter bezeichnet werden, mit den verschiedensten Namen belegt werden; manche werden wegen ihres Verhaltens während des sogenannten Weltkrieges SozialChauvinisten genannt und dergleichen.

[ 7 ] It is on this statement that the most varied socialistic ideas of recent times have been formed. Karl Marx and his friend Friedrich Engels worked for a long time limiting, modifying, elaborating, the original expression of these thoughts, as must happen with men who do not remain stationary but, in observing the world, develop themselves. And because Karl Marx' thoughts appealed deeply to the souls of the proletariat there now arose on the basis of Marxism a great movement which has taken the most varied forms in the different countries. The socialism that has developed on the foundation of Marxism is of one shade in England, another in France; it finds its most definite expression in Germany, and this has passed on to Russia. But the essential question of principle, the relation of the proletariat to the State, has become more or less nebulous. Thus the people have formed a number of parties within the framework of socialism, and these parties fight each other to the knife because they regard in such different ways this recent historic development, namely, the relation of the proletariat to the State. The most varied streams play their part here, upon which today we do not wish to touch. We will merely indicate the way that leads from Karl Marx to Lenin. For Lenin claims to be the most orthodox Marxist who best understands Marx, whereas numerous other socialists calling themselves Marxists are stigmatised by Lenin as deserters and traitors, and given many other names besides. Many, because of their attitude during the so-called world war, are given the name Social-Chauvinists, and so on.

[ 8 ] Wenn wir noch einmal zurückblicken auf Karl Marx, so muß uns die Gedankenformung interessieren, und Sie können ein Wesentliches schon entnehmen aus dem, was ich gesagt habe: es liegt kein positiver Gedanke vor, wie die Sache werden soll, es ist etwas Auflösendes in der Gedankenform. Karl Marx sagt einfach: Ihr kapitalistischen Denker habt es so gesagt und gemacht, daraus muß euer eigener Untergang folgen, dann wird das Proletariat oben sein. Was das Proletariiat macht, das weiß ich nicht, das wissen andere auch nicht, das wird sich schon zeigen. Das einzig Sichere ist, daß ihr euch durch eure eigenen Maßnahmen und durch das, was ihr aus der Welt gemacht habt, euren eigenen Untergang bereitet; wie es dann ist, wenn das Proletariat da ist, was das tun wird, das weiß ich nicht, das wissen andere nicht, das wird sich schon zeigen.

[ 8 ] As I have just said, an essential feature of Karl Marx' thought-structure is the lack of positive ideas on how the matter should develop, the lack in his thought of any solution. Marx only says: you capitalist thinkers have spoken and acted in such a way that it must bring about your undoing. Then the proletariat will be supreme. I do not know what they will do then, nor does anyone, but we shall soon see. What is certain is that you capitalist thinkers, by your own measures and by what you have made of the world, have prepared your own downfall. What will then happen if the proletariat are there, what they will do, neither I nor any of the rest of you know, but it will soon be seen.

[ 9 ] Wenn Sie diese Sache so nehmen, wie ich sie eben dargestellt habe, dann haben Sie die Gedankenform. Es wird einfach dasjenige, was in der Außenwelt ringsherum sich zeigt, aufgenommen, wird durchgedacht. Aber wenn man mit dem Gedanken zu Ende ist, dann vernichtet sich der Gedanke, dann kommt er zu nichts, dann läuft er gewissermaßen ins Nichts aus. Das ist es, was dem, der für solche Sachen Empfindungen hat, so stark auffällt. Wenn man Karl Marx studiert, so findet man immer: man geht von gewissen Gedanken aus; die sind aber eigentlich nicht seine Gedanken, sondern die sind die Gedanken der neueren Zeit. Und dann treibt man in etwas hinein, was eigentlich den Gedanken strudelt, was ihn verwirrt, und was ihn auslaufen läßt in das Zerstörerische, an das nichts angesetzt werden kann.

[ 9 ] If you take all this as I have just been picturing it, you will see the form of the thought. What is showing itself everywhere in the external world is simply being absorbed and thought-out. But when we have come to the end of the thought it nullifies itself, comes to nothing, fades away. This must come as a shock to anyone with feeling for such things. Studying Marxism one always finds that it is all the result of certain thoughts, not however Marx' thoughts but the thoughts of modern times. Then one is driven into an eddying confusion of thoughts leaning to what is destructive, leading to no firm ground.

[ 10 ] Außerordentlich interessant ist, wie diese bei Karl Marx schon einschlagende Gedankenform in höchster Potenz, man möchte sagen, bis zum Genialen potenziert bei Lenin sich zeigt. Lenin deutet Karl Marx so, daß Marx ein absoluter Gegner des Staates sei, daß er, Karl Marx, von dem Gedanken ausgegangen sei: wenn die Unterdrückung des Proletariats aufhören solle, so muß der Staat, wie er sich historisch herausgebildet hat, beseitigt werden, muß aufhören. Das ist interessant, weil gerade diejenigen, die Lenin als Gegner betrachtet, eigentlich dem Staate, wie er sich historisch herausgebildet hat, alles aufbuckeln möchten. So daß wir diese beiden Gegensätze in sozialen Kreisen heute drinnen haben: auf der einen Seite gerade die richtigen Staatsfanatiker, die alles verstaatlichen wollen, und auf der anderen Seite Lenin, den absoluten Gegner des Staates, der eigentlich das Heil der Menschheit nur sieht — nicht in der Abschaffung, das hält er für einen Unsinn, für eine Utopie —, aber in dem allmählichen Absterben des Staates. Und gerade, wenn man betrachtet, wie er da denkt, kommt man auf die Gedankenform, die in ihm lebt; das ist interessant.

[ 10 ] It is most interesting how this thought-structure, really striking even in Marx, in Lenin comes to its highest potency, one might almost say to the point of genius. Lenin points to Marx as if to an absolute opponent of the State, as if Marx had really started out with the idea that when once the suppression of the proletariat ceased, the State, as it has developed historically, would have to came to an end. This is interesting, because it is just those who regard Lenin as opponent who would like to throw everything on to this State in its historically developed form. So that in present-day socialist circles we have this contrast—on the one hand the strict fanatic of the State, wanting everything state-controlled, on the other hand Lenin, the absolute opponent of the State, who sees salvation for mankind not in the abolition—he would consider that a Utopia—but in the gradual dying away of the State. And just by observing how Lenin thought about this, we arrive at the form of the thought living in him.

[ 11 ] Lenin denkt so: Das Proletariat ist die einzige Klasse, die, nachdem die anderen sich selber ad absurdum geführt haben, sich zum Untergang reif gemacht haben, obenauf kommen kann. Diese proletarische Menschenklasse wird, so meint Lenin, dasjenige, was sich als Bourgeoisie-Staat herausgebildet hat, zur höchsten Vollkommenheit treiben. — Bitte, geben Sie acht auf die Gedankenform. — Also Lenin sagt nicht etwa, wie die Anarchisten: Schaffen wir den Staat ab; das fällt ihm gar nicht ein. Er ist ein Gegner des Anarchismus, sagt nicht: Schaffen wir den Staat ab; das würde er für den größten Unsinn halten, sondern er sagt: Wenn die Entwickelung so fortgeht, wie die Bourgeoisie sie eingeleitet hat, dann ist die Bourgeoisie reif zum Untergang. Das Proletariat wird sich der Staatsmaschinerie, wie er sagt, bemächtigen; was die Bourgeoisie als ein Werkzeug zur Unterdrükkung des Proletariats begründet hat als Staat, das wird das Proletariat vervollkommnen, wird also gerade den vollkommensten Staat machen. Aber was ist die Eigentümlichkeit des vollkommensten Staates? — fragt jetzt Lenin. Und er glaubt echter Marxist zu sein, wenn er sagt: Die Eigentümlichkeit des vollkommenen Staates, wenn er entsteht — und er wird entstehen durch das Proletariat, wird als letzte Konsequenz der Bourgeoisie entstehen —, die Eigentümlichkeit des vollkommenen Staates ist diese, daß er selber abstirbt. Der gegenwärtige Staat kann eben nur als ein von der Bourgeoisieklasse geschaffener Staat existieren, weil er unvollkommen ist; wenn ihn das Proletariat vollkommen ausgestaltet, zu Ende führt, was die Bourgeoisie angefangen hat, dann bekommt der Staat seine richtige Impulsivität, die darin besteht, daß er stirbt, daß er von selber aufhört.

[ 11 ] Lenin thinks thus: The proletariat is the only class that can come to the top when the others have arrived at what is absurd and are ripe for their downfall. This proletarian class will bring to its highest perfection what has developed as a bourgeois State.—Please give due heed to the form of the thoughts. For example, Lenin does not say as the anarchists do: Away with the State! That would not occur to him. He is opposed to Anarchism and would consider it pure madness to abolish the State. Rather would he say: Should evolution advance on the lines laid down by the bourgeoisie, then the bourgeoisie will soon come to an end. The proletariat will take over the machinery of the State, and will bring to perfection this State founded by the bourgeoisie as an instrument to suppress the proletariat; they will make of it the most perfect State. But, Lenin now asks, what are the characteristics are of the most perfect State? And he thinks himself a true Marxist in saying: What will be characteristic of the perfect State when it comes into being—and it will be brought into being by the proletariat, as the logical conclusion of what has been set up by the bourgeoisie—is that it will lead to its own decay. The present State can only exist as a State created by the bourgeois class, because it is imperfect; when the proletariat have brought to completion what the bourgeoisie began, then the State will have received an impulse in the right direction, that consists in its bringing about its own end.

[ 12 ] Das ist nur die charakteristischste Gedankenform in dem Denken von Lenin. Sie sehen das potenziert, was bei Marx schon zu finden ist: der Gedanke, der gebildet wird und dann ins Nichts abläuft. Nur daß Lenin ein sehr realistischer Denker ist, der aus dem geschichtlichen Hergang darauf kommt: der Staat muß gerade vervollkommnet werden; er stirbt gerade jetzt nicht, weil er unvollkommen ist; daraus hat er seine Lebenskraft. Wenn ihn das Proletariat vollkommen macht, dann hat es den Grund dazu gelegt, daß er allmählich abstirbt.

[ 12 ] That is the particular form of Lenin's thinking. Here you see in greater potency what is to be found already in Marx. The thought when developed comes to nothing. Lenin is, however, a very realistic thinker who, by reason of the historic course of events, has arrived at the conclusion that the State must be brought to fulfillment; so far it has not died because, not having come to full development, it has preserved its life-forces. When the proletariat have perfected it, the ground will have been prepared for its gradual disappearance.

[ 13 ] Sie sehen, aus der Wirklichkeit heraus wird eine Vorstellung geformt, und diese Vorstellung, die hat heute in einem großen Teile von Osteuropa die Tendenz, sich auszudehnen zur Realität. Sie ist nicht eine bloße Vorstellung, sie geht in Wirklichkeit über, sie geht darauf hinaus, daß gesagt wird: Ihr Bourgeois habt diesen modernen Staat entstehen lassen; ihr habt ihn nur benützt als ein Instrument zur Unterdrückung des Proletariats, ihr habt ihn unvollkommen gelassen, er ist der Staat der bevorzugten Klasse. Er dient euch dazu, die proletarische Klasse zu unterdrücken; dem verdankt er seine Lebensfähigkeit. Nun wird das Proletariat kommen, wird die Klassenherrschaft abschaffen, wird den Staat zum vollkommenen Wesen machen: dann stirbt er, dann kann er nicht leben. Und dann entsteht das, was entstehen soll, von dem kein Mensch, wie Lenin sagt, heute wissen kann, was es ist. Das soziale «Ignorabimus», das ist es, was aus diesem Sozialismus fließt. Das ist nun sehr interessant. Denn die Denkweise, die heute das soziale Vorstellen ergriffen hat, die ist aus der Naturwissenschaft heraus gebildet, und wie die Naturwissenschaft mit Recht von ihrem einseitigen Standpunkte zu dem Ignorabimus gekommen ist: «Wir können nichts wissen», so kommt das sozialistische Denken zu dem sozialistischen Ignorabimus.

[ 13 ] Thus you see a conception that has been formed out of reality, and this conception has the tendency to extend its reality over a great part of eastern Europe. It is no mere conception, it passes over into reality. The proletarian says: You bourgeois have made this State arise; you have used it as an instrument for suppressing the proletariat; it is the State of a privileged class. It serves you for the suppression of the proletarian classes and owes to this its ability to live. Now the proletariat will arise, will do away with class rule and bring the State to full maturity; then the State will no longer be able to live, then it will die.—And something will arise that should arise, but as Lenin says, no one can tell what. Social ignorabimus—this is what comes of this socialism. It is very interesting; for the way of thinking that has grasped the social conception today has developed out of science, and as science from its one-sided standpoint, has justly arrived at its ignorabimus, (we can know nothing) socialistic thinking, too, has come to the socialistic ignorabimus.

[ 14 ] Diesen Zusammenhang sollte man richtig einsehen, meine lieben Freunde. Ohne alles das, was von den naturwissenschaftlichen Weltanschauern auf den gut bürgerlichen Universitäten gelehrt worden ist, ohne das gäbe es keinen Sozialismus. Der Sozialismus ist ein Kind der Bourgeoisie. Auch der Bolschewismus ist ein Kind der Bourgeoisie. Das ist durchaus der tiefere Zusammenhang. Das muß man vor allen Dingen verstehen.

[ 14 ] This connection should be duly recognised. Without all that is being taught at the good bourgeois Universities about the scientific outlook on the world, there would be no socialism. Socialism is a child of the bourgeoisie; so too is bolshevism. There lies the deeper connection that must above all be understood.

[ 15 ] Nun kann man, wenn man sich diese Gedankenform erst klargemacht hat, auf einige wichtige Punkte gerade mit Bezug auf die Anschauungsweise eines solchen Mannes wie Lenin hindeuten. Er legt zum Beispiel ein besonderes Gewicht darauf, daß sich innerhalb des bourgeoisen Staates der Bürokratismus herausgebildet hat, die militärische Maschinerie, wie er sie nennt. Diese bürokratische, militärische Maschinerie ist entstanden, weil sie gebraucht wird von den leitenden Klassen zur Unterdrückung eben der unterdrückten Klassen. Daher ist der radikalste Flügel des Sozialismus, der Bolschewismus, sich darüber klar, daß das, was er will, nur verwirklicht werden kann durch das bewaffnete Proletariat. Ohne Waffen ist aussichtslos, was auf dieser Seite gewollt wird. Und es wird dieses durch historische Beispiele belegt. Die französischen Kommunen konnten gerade solange wirken, als diejenigen, die da obenaufgekommen waren, Waffen hatten. In dem Augenblick, wo sie entwaffnet waren, ging es nicht mehr. Das ist einer der Punkte, daß darauf gesehen werden muß, das Proletariat als bewaffnete Arbeitermacht zu haben. Nun, was soll dann geschehen, was soll durch dieses Proletariat, das als bewaffnete Arbeitermacht auftritt, geschehen? Es geschieht ja heute zum Teil schon. Es geschieht in einer Weise, von der man glauben könnte, daß manche Menschen darüber erwachen könnten aus dem tiefen sozialen Schlafe, den die Menschen so lange Zeit geträumt haben. Was soll geschehen? Aufhören soll vor allen Dingen der Staat als Klassenstaat. Dasjenige, was die Bourgeoisie begründet hat als Klassenstaat, soll übernommen werden von der bewaffneten Arbeiterschaft.

[ 15 ] Now that these forms of thought have been made clear, we are able to refer to important points in the kind of outlook of such a man as Lenin. He lays special weight, for example, on the fact that within the bourgeois State bureaucracy has developed—the military machine, as he calls it. This bureaucratic military machine has arisen because it is needed by the leading classes to suppress the proletarian classes. Bolshevism, the most advanced wing of socialism, is quite clear that it can only realise its aims through an armed proletariat. Without arms there would be no hope of this, as can be seen in the historic example of the French Commune, which could act only so long as those who were in power had arms. The moment they were disarmed they were powerless. That is one thing to be remembered—the organisation of the proletariat as an armed force. And then what should be done with than? To some extent it is happening even, now. It is supposed to teach us that many who have long been sleeping deeply should awake where social matters are concerned. And what should happen? Before all else, the State as a class government is to cease. What the bourgeoisie have founded as a class State is to be taken over by an armed labour force. Again it is interesting that in clear and plain terms those who have developed the form of modern socialistic thought, to a point amounting almost to genius, make evident what, through historical evolution, has been placed in the souls of the proletariat.

[ 16 ] Und nun ist es interessant, daß mit klaren und deutlichen Worten gerade bei solchen Menschen, die bis zu einer gewissen Genualität die Gedankenform des modernen sozialistischen Denkens ausgebildet haben, herauskommt, was eigentlich durch die Verhältnisse, durch die geschichtliche Entwickelung in den Proletarierseelen veranlagt worden ist. Lenin weist zum Beispiel darauf hin, daß an die Stelle der Beamten und militärischen Hierarchie eine Art Verwaltung treten müsse, die aber nur aus Gewählten besteht, und er weist darauf hin, daß so, wie die Verhältnisse heute liegen, man ja nichts anderes im Kopfe zu haben braucht, um die Dinge zu verwalten, die zu verwalten sind, als die heute eben übliche allgemeine Schulbildung. Und er gebraucht selber einen merkwürdigen Ausdruck, der viel sagt. Lenin sagt, daß das, was heute Staat genannt wird, so umgewandelt werden soll, daß eigentlich eine große Fabrik mit allgemeiner Buchhaltung entsteht. Um das zu bewirken und um Kontrolle und sonstiges auszuüben, kann man so ziemlich mit den vier Rechnungsarten, mit dem, was allgemeine Volksbildung sein kann, auskommen.

[ 16 ] Lenin shows, for example, that instead of officials and a military hierarchy there would have to be a kind of managing body composed only of elected members. He further shows that in the present condition of things all the education needed for this State management would be what is given in ordinary schools. Lenin himself uses a remarkable expression which says much. He says that what today is called the State should be transformed into a great factory with public book-keeping. To bring that about, to control it and so on, all that is needed would be the four rules of arithmetic, learnt at any ordinary school.

[ 17 ] Nun, meine lieben Freunde, man sollte über solche Dinge nicht einfach spotten, sondern man sollte sich klar darüber sein, daß ja auch diese Anschauung nichts anderes ist als die letzte Konsequenz der bourgeoisen Entwickelung. So wie sich einmal rein wirtschaftlich das moderne soziale Gebilde ergeben hat, muß man sagen, daß gerade die kapitalkräftigen Menschen, die Kapital-dirigierenden Menschen zumeist nichts anderes im Kopfe haben als was Lenin verlangt, daß es die späteren Arbeiteraufseher haben sollten.

[ 17 ] One should not just make fun of these things but see clearly how such an outlook is nothing but the final consequence of bourgeois evolution. Just as the modern social structure is given up entirely to economics, we have to own that capitalists, those who direct capital, mostly have no more in their heads than what Lenin asks of the modern overseer of labour.

[ 18 ] Würde die Möglichkeit vorliegen, daß der Proletarier, so wie er entstanden ist in der neueren Entwickelung, zu jemandem hinsehen könnte, an dessen besondere Fähigkeiten oder dergleichen er glauben könnte, zu dem er als zu einer gewissen berechtigen Autorität hinsehen könnte, dann würde sich die ganze Entwickelung anders ergeben haben. Aber er kann ja nicht zu solchen Menschen hinsehen. Er kann ja nur auf diejenigen hinsehen, die ihm im Grunde genommen an geistigen Qualitäten gleich sind, die nur das Kapital vor ihm voraus haben. Er findet keinen Unterschied zwischen sich und denjenigen, die dirigieren. Das tritt nur in streng theoretische Formeln gefaßt bei Lenin zutage.

[ 18 ] Had there been men to whom the proletarian, as he has recently evolved, could have looked, in whose special capabilities he could have believed, and to whom he could have looked up as to certain justified authority, everything would have taken a different form. But there is no one of the kind to whom he can turn. He can look only to those who, when all is said and done, are no different in spiritual qualities from himself, but have only been before him in acquiring capital. He finds no difference between himself and those who are directing. That becomes evident in Lenin's words in a very theoretical form.

[ 19 ] Also begreifen kann man gerade an den radikalen Formeln des Lenin, wie die Dinge sich ergeben haben. Nun wird Ihnen ja allen selbstverständlich die Frage, möchte ich sagen, auf der Zunge liegen: Ja, aber es kommt doch so viel Schreckliches heraus bei der Sache, es ist doch alles so furchtbar. — Dennoch, es handelt sich darum, daß man den Dingen ganz offen ins Auge schaut, daß man sich schon die Unbequemlichkeit macht, auf die Gedanken der Menschen einzugehen. Nicht wahr, wenn so einfach zeitungsmäßig geschildert wird, was da oder dort durch die radikalen Sozialisten geschieht, so kann man bürgerliche Entrüstung haben, die ja heute schon vielfach in bürgerliche Angstmeierei übergeht; aber der Drang, die Dinge zu verstehen, der ist ja heute noch nicht besonders groß.

[ 19 ] In Lenin's radical formulas it can be seen how things have gone. And this exclamation will undoubtedly be on the tip of your tongues: Yes, but such dreadful things come to light in all this, it is all horrible!—Nevertheless it is our duty to look squarely at the matter and to make a real effort to enter into men's thoughts. When what is happening here or there in the ranks of the more advanced socialists is reported, one may often meet with bourgeois indignation, which in many cases becomes bourgeois cowardice. For the urge to understand is not yet very great.

[ 20 ] Nun ist unbedingt nötig, um zu verstehen, was schon geschieht, und namentlich was noch geschehen wird, folgendes zu bedenken: Gerade Lenin, der sich für einen echten Marxisten hält, weist darauf hin, wie schon durch Marx eingeleitet worden ist eine bestimmte Anschauung über die Entwickelung der sozialen Ordnung in die neuere Zeit und in die Zukunft hinein. Eigentlich denken diese Leute, daß sich die soziale Neugestaltung in zwei Phasen vollziehen muß, nicht mit einem Anhub geschieht. Die erste Phase ist die, daß einfach das Proletariat in die bourgeoise Staatsform einrückt, von der Lenin meint, daß sie, wenn sie vollkommen sein wird, durch sich selber absterben werde. Das Proletariat wird einrücken, wird dasjenige zu Ende führen, was nach den Anschauungen und Impulsen des Proletariats aus dem bourgeoisen Staate werden kann. Schon von Marx selber ist ausgeführt worden, daß das ja noch nicht zu irgendwelchen wünschenswerten Zuständen führen kann. Wozu wird diese erste Phase der Sozialisierung im Sinne des Marx-Leninismus führen? Sie wird dazu führen, wenn man es banal darstellt — aber die Leute stellen es ja selbst so banal dar —, daß, wer nicht arbeitet, auch nicht essen kann; daß jeder eine bestimmte Arbeit zu verrichten hat und daß er dann durch diese Arbeit Anspruch haben wird auf die Artikel, die zu seinem Lebensunterhalt notwendig sind, sagen wir, aus den Staatsmaschinen und dergleichen. Aber die Leute sind sich klar darüber: dadurch wird nicht irgendeine Gleichheit unter den Menschen herbeigeführt, sondern dadurch wird die Ungleichheit nur fortgesetzt. Auch wird nicht etwa der Mensch dazu gebracht, das Erträgnis seiner Arbeit wirklich zu haben. Das betont Karl Marx, das betont auch Lenin. Es muß ja von der Gemeinsamkeit — also von dem Staat oder wie man es nennen will, was da übrigbleiben wird von der bourgeoisen Weltordnung — alles das abgezogen werden, was nötig ist für das Schulwesen, was nötig ist, um gewissen Unternehmungen auf die Sprünge zu helfen und so weiter. Der alte Lassallesche Gedanke auf das Recht des vollen Arbeitsbetrags, der muß natürlich im Sinne dieses Sozialismus fallengelassen werden. Aber auch da kommt keine Gleichheit heraus. Denn, nicht wahr, die Menschen als solche werden, selbst wenn sie gleiche Arbeit leisten, verschiedene Ansprüche an das Leben haben, durch die Lebensverhältnisse selbst. Das gibt natürlich dieser Sozialismus durchaus zu. Dadurch ist gleich wieder eine Ungleichheit bedingt. Kurz, es ist die Anschauung dieser Sozialisten, daß sich in die erste Phase der sozialistischen Ordnung einfach die bourgeoise Ordnung hinein fortsetzt, daß das Proletariat diese bourgeoise Ordnung besorgt.

[ 20 ] Now in any case the following must be understood, namely, what is in part already happening and what is still to happen. Lenin, who regards himself as a true Marxist, indicates how already through Marx a definite outlook on the recent and future evolution of the social ordering has been brought about. These people think that actually the new social formation must be accomplished in two phases. The first phase is when the proletariat take over the bourgeois State, which Lenin considers must, when matured, die a natural death. The proletariat will step in and bring to its end what, out of their own outlooks and impulses, they will have been able to make of the bourgeois State. According to Marx himself, it cannot at present lead to any desirable conditions. And in the sense of both Leninism and Marxism where will this first social stage lead? If we express it in a simple fashion, but as the people themselves would express it, it leads to this—that no man can eat who does not work, that everyone has special work to do and by virtue of this work has a claim to the articles essential to support life. The people are, however, quite clear that no possible equality between men would be promoted in this way, but that inequality would continue. Neither would a man receives thus the proceeds of his labour. Both Marx and Lenin have emphasised this. All that is necessary for schooling, for public services, and so on, must be withheld by the community, that is, by the State—or whatever we shall call what remains of the middle-class ordering of the world. According to this kind of socialism, Lasalle's old ideas of right to the full proceeds from labour will naturally have to go by the board. No equality results from this either, for conditions bring it about that even those who do the same work have different claims to make on life. This socialism naturally accepts that, but again inequality is immediately created. In short, these socialists take the view that in the first phase the socialist order simply continues the bourgeois order, only this bourgeois order is run by the proletariat.

[ 21 ] Sehr interessant ist, wie sich Lenin direkt über die Sache ausspricht; er sagt zum Beispiel an einer Stelle seines Werkes «Staat und Revolution», daß etwas eintreten würde wie bourgeoise Ordnung, bourgeoiser Staat ohne die Bourgeoisie. Da sehen Sie in diesem Worte, das Lenin selber gebraucht — der bourgeoise Staat wird da sein ohne die Bourgeoisie —, da sehen Sie, was ich immer betone und was ich für außerordentlich wichtig halte, daß die Leute, die heute sozialistisch denken, nur die Erbschaft der Bourgeoisie angetreten haben. Die Gedanken sind die bourgeoisen Gedanken. Denn ein so die Gedankenform bis zur Genialität fortbildender Mensch, wie Lenin, sagt, die nächste Phase ist diese: bourgeoiser Staat ohne die Bourgeoisie, die entweder totgeschlagen oder dienende Kaste sein wird. Da wird es keine Gleichheit geben, da wird nur das Proletariat oben sein; es wird, statt daß von Monarchen oder von sonstigen ähnlichen Gebilden ernannt und dekoriert wird, gewählt werden. Das Proletariat wird verwaltend und gesetzgebend zu gleicher Zeit. Aber es ist der bourgeoise Staat, nur ohne die Bourgeoisie. Jeder wird entlohnt nach seiner Arbeit, aber Ungleichheit gibt es da natürlich.

[ 21 ] How outspokenly Lenin expresses himself about it is of great interest. For example, in a passage of his work State and Revolution he says: Something like a bourgeois order, a bourgeois State will arise, but without the bourgeoisie. From these words of Lenin's, that a bourgeois State will be there without the bourgeoisie, you can see what I am always emphasising and what I regard as particularly important, that is, that those who today are thinking on socialistic lines are only taking over the heritage of the bourgeoisie. Their thoughts are bourgeois thoughts. A man who has such a genius for putting his thoughts into form as Lenin, says that the next phase will be a bourgeois State without the bourgeoisie, who will be either exterminated or made into a caste of servers. This will never bring equality, for it only means the proletariat coming to the fore and being elected instead of being nominated and decorated by something in the nature of a monarchy. The proletariat will govern and at the same time pass laws. It is still, however, the bourgeois State, but with no bourgeoisie.

[ 22 ] Das alles gibt keineswegs einen idealen Zustand. Wenn also jemand fragt: Was haben diese Leute gemacht aus der menschlichen gesellschaftlichen Ordnung? — dann wird einfach Lenin antworten: Wir haben euch ja als erste Phase nichts anderes versprochen, als daß wir dasjenige, was ihr als bourgeoisen Staat begründet habt, in seinen Konsequenzen ausführen; nur haben jetzt wir es auszuführen, als Proletarier werden wir es ausführen. Ihr habt es früher gemacht, jetzt machen wir es. Aber wir machen dasselbe, was ihr gemacht habt: bourgeoiser Staat, nur ohne die Bourgeoisie.

[ 22 ] This by no means produces an ideal condition. If anyone asks what these people will have made of the ordering of human society Lenin will simply answer: we have promised you nothing more than a first phase, in which we shall carry to its final conclusion what you founded as a bourgeois State; but it is we who now run it, we as proletarians. Formerly you did it, now it is for us to do. We, however, shall run this bourgeois State that you have made without the bourgeoisie. Everyone will earn according to his labour, but inequality will still remain.

[ 23 ] So sagt zum Beispiel Lenin: Dieser bourgeoise Staat ohne die Bourgeoisie, das wird zum Absterben des Staates führen. Der Staat wird dann völlig abgestorben sein können, wenn die Gesellschaft die Regel verwirklicht haben wird, die er als sein Ideal betrachtet, und wenn der enge bürgerliche Rechtshorizont aufgehört haben wird, der einen mit der Hartherzigkeit eines Shylock berechnen läßt, ob man am Ende nicht eine halbe Stunde länger gearbeitet oder etwas weniger bezahlt bekommen hat als der andere. Dieser enge Horizont wird erst am Ende der ersten Phase überschritten sein. Bis zum Ende der ersten Phase wird noch immer, und zwar dann natürlich gerade gesteigert, der bürgerliche Rechtsstaat sein, der einen mit der Hartherzigkeit eines Shylock berechnen läßt, ob man am Ende nicht eine halbe Stunde länger gearbeitet oder etwas weniger bezahlt bekommen hat als der andere. Dieser bürgerliche Shylock-Standpunkt, der wird sich also in die erste Phase des Sozialismus hereinerstrecken.

[ 23 ] Lenin says that the bourgeois State without the bourgeoisie will lead to the dying-out of the State. It will be completely extinct when the community has once realised the ordering considered as the ideal, and when an end will have been made of the narrow concept of justice held by the middle-class where, with the hard-heartedness of a Shylock, account is taken as to whether one man has worked a half-hour less or been paid more than another. This narrow outlook will be overcome only at the end of the first phase. Until then the Shylock attitude of the bourgeoisie State will persist and naturally become intensified. Thus it will prevail during the first phase of socialists.

[ 24 ] Da haben Sie das, was diese Leute zunächst einzig und allein versprechen: Ihr habt es gemacht, ihr habt es zunächst für eure Kaste gemacht; wir machen die Sache für das Proletariat. Von Demokratie zu reden ist Unsinn, denn die Demokratie würde doch nur dazu führen, daß die Minorität unterdrückt würde. Das Proletariat wird alles so machen, wie ihr es gemacht habt. Dadurch aber wird sie das, was ihr zu einem Scheinleben erweckt habt, zum Absterben bringen. Dann kommt erst die zweite Phase.

[ 24 ] Here you have all that these people promise to begin with: What you made for your caste we will use for the proletariat. It is nonsense to speak of democracy, for democracy would lead merely to the suppression of the minority. The proletariat will do the same as you have done. But by doing so it will bring to an end everything to which you gave a semblance of life. Then only can the second phase come.

[ 25 ] Auf diese zweite Phase des Sozialismus weist auch Karl Marx schon hin, weist Lenin wieder hin, aber in einer sehr merkwürdigen Weise; und ich halte es für außerordentlich wichtig, daß das ins Auge gefaßt wird. Also stellen Sie sich vor: Marx in der Gestalt des Lenin — sie werden die bourgeoise Ordnung bis zu ihren letzten Konsequenzen treiben; dann wird das absterben, was Staat ist, und dann werden die Menschen die Gewohnheit haben, keinen Rechtsstaat mehr zu brauchen, überhaupt keinen Staat mehr zu brauchen; der Staat wird aufhören. Es wird ganz unnötig sein nach und nach, daß man einen Staat braucht, denn all das, was der Staat zu tun hat, wird nicht nötig sein zu tun. Denn die Zeit, wo jeder nach dem Grundsatze entlohnt wird: Wer nicht arbeitet, darf auch nicht essen —, diese Zeit wird ja eben aufhören. Sie ist die erste Phase des Sozialismus. Dann wird die Zeit kommen, wo jeder nach seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen wird leben können, nicht nach seiner Arbeit. Und das wird die höhere Stufe sein, zu der all das, was jetzt zunächst angestrebt wird, nur der Übergang ist. Da wird man nicht mehr fragen, ob einer eine halbe Stunde länger oder kürzer gearbeitet hat. Da erst wird die Zeit gekommen sein, wo man die Gleichwertigkeit geistiger und künstlerischer Arbeit in der richtigen Weise taxieren wird. Da wird jeder an seinen Posten gestellt sein durch die naturgemäße soziale Ordnung und jeder nach seinen Fähigkeiten nicht nur arbeiten können, sondern wollen, weil die Menschen sich durch das Zivilisiertsein in der ersten Phase gewöhnt haben, die Arbeit nicht als etwas zu betrachten, was sie aus Notwendigkeit tun, sondern sie werden sich dazu drängen. Und damit wird es sich ergeben, daß jeder nach seinen Bedürfnissen auch seinen Lebensunterhalt finden wird. Da wird man nicht mehr nach der bürgerlichen Rechtsordnung eine Shylock-Rechtsordnung haben und fragen, ob einer eine halbe Stunde länger oder kürzer gearbeitet har, sondern man wird einsehen, daß der eine, der eine bestimmte Arbeit hat, auch vielleicht zwei Stunden kürzer arbeitet, daß jeder nach seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen leben und arbeiten kann. Das ist die höhere Ordnung. Alles was die Übergänge bilden muß, weil nun einmal der bourgeoise Staat bis zu seinem Ende entwickelt werden muß, damit er abstirbt, alles das führt dann zu dem, worüber man auf der einen Seite sagt: «Ignorabimus» — wir wissen es alle nicht —, wovon man aber andererseits doch sagt, es wird sich als eine zweite, höhere Phase des Sozialismus entwickeln.

[ 25 ] Karl Marx already alluded to this second phase; Lenin has done so also but in a remarkable way. I consider it most important to bear this in mind. Marx in the person of Lenin says: We will drive the bourgeois order to its logical conclusion, then what is now the State will die out and the people will have became used to no longer needing a constitutional State, or any form of State; it will just cease. Everything the State has to do will have ceased to be necessary. The age will then be past in which wages are paid in accordance with the principle that whoever does not work may not eat. That is just the first phase of socialism. The time will then come when everyone will be able to live according to his capacities and his needs, and not according to the work he does. That will be the higher stage to which everything now striven for is merely a preparation. When it is no longer asked exactly how long a man has worked, the time will have come when the value of spiritual work and the work of the artist will be rightly assessed; each man will find his right place in the social order, that is in accordance with Nature, each out of his own capacities will not only be able but also willing to work. For through the civilising influence of the first phase men will have become accustomed to regard work not as a mere necessity but as something they feel the urge to do. Thus everyone will receive his livelihood according to his needs. The middle-class ordering of rights in the spirit of Shylock will no longer be needed, nor the question whether a half hour more or less has been worked; it will be seen that whoever has a certain piece of work to do may perhaps need to work two whole hours less. In short, everyone will work according to his capacities and be maintained according to his needs. That is the higher order. The intermediate stages needed at present—because the bourgeois State in order to perish must go on developing—lead to conditions in which people on the one hand say: Ignorabimus, we do not know, and on the other hand affirm that these conditions would bring about a second higher stage of socialism.

[ 26 ] Aber interessant ist, was gerade Lenin über diese höhere Phase des Sozialismus sagt. Ignoranz nennt er es, wenn man behauptet, sich vorstellen zu können, die Menschen, wie sie heute sind, könnten dazu gebracht werden, in einer sozialen Ordnung zu leben, wo jeder nach seinen Fähigkeiten und seinen Bedürfnissen sich ausleben kann — Ignoranz. Denn keinem Sozialisten kann es in den Sinn kommen, zu versprechen, daß die höhere Entwickelungsphase des Kommunismus eintreten muß. Die Voraussicht der großen Sozialisten auf ein solches Zeitalter setzt auch eine Produktivität der Arbeit und einen Menschenschlag voraus, der von dem heutigen weit entfernt ist — von diesem heutigen Menschen, der imstande ist, mir nichts dir nichts Magazine, Wäscheläden zu plündern und das Blaue vom Himmel zu verlangen. Das ist das außerordentlich Interessante und Bedeutungsvolle — erste Phase: Sozialisierung mit den heutigen Menschen; letzte Konsequenz der bourgeoisen Weltordnung: ein Staat, der durch seine eigenen Qualitäten abstirbt; höhere Phase mit Menschen, die ganz anders geworden sind als heute, mit einem neuen Menschenschlag.

[ 26 ] What Lenin says about this higher phase of socialism is most interesting. He calls it ignorance to maintain the possibility of people, as they are today, being able to realise a social order in which everyone could live according to his capacities and needs. For it does not occur to anyone who is a socialist to promise that the more highly developed phase of communism is bound to come about. Those times foreseen by the great socialists presuppose a productivity and a race of men far removed from those of today, far removed from present-day man who is calmly capable of stealing underclothing and who cries for the moon. This is extraordinarily significant. We have a first phase—socialism with present-day man, and the logical end of the bourgeois world-order, of the State that dies by reason of its inherent qualities. We have a higher phase with people who will have become quite different from what they are today, in effect a new race.

[ 27 ] Sehen Sie, das ist das abstrakte Ideal: die bourgeoise Ordnung zu ihrem sich selbst ad absurdum führenden Ende zu bringen; den Staat zum Absterben zu bringen; durch diesen Prozeß einen neuen Menschenschlag zu züchten, dessen Menschen gewohnt sein werden, nach ihren Fähigkeiten zu arbeiten und daher nach ihren Bedürfnissen leben zu können; wo es unmöglich sein wird, daß irgendeiner stiehlt, weil,.geradeso wie wenn heute irgendwo eine Dame beschimpft wird, die anständigen Leute sich dagegen auflehnen, dann die Anständigen sich von selber auflehnen werden. Man wird nicht nötig haben, daß da eine militärische oder bürokratische Kaste eingreife — aber ein anderer Menschenschlag. Und auf welchem Glauben beruht das, meine lieben Freunde? Das beruht auf dem Aberglauben gegenüber der wirtschaftlichen Ordnung. Das muß man bedenken. Auf der einen Seite hat der Kapitalismus eine wirtschaftliche Ordnung erzeugt, der kein Geistesleben gegenübersteht, sondern nur eine Ideologie. Diesen Zustand will der Sozialismus bis zur Spitze treiben: Alles weg, außer Wirtschaftsleben! Aber er meint, daß das einen anderen Menschenschlag hervorbringen werde.

[ 27 ] You see here the ideal in abstraction. First the bourgeois order will come to an end by developing into what is absurd. The State will thus be brought to an end, and through this process a new human race will be bred, the members of which will be accustomed to work according to their capacities and live according to their needs. Then it will be impossible for anyone to steal because, just as today the respectable rebel when some lady is insulted, then, the respectable will rebel of themselves. No military or bureaucratic caste will he needed to interfere, and so on and so forth. And upon what is this belief based? On the superstitious belief in the economic order! Capitalism, for its part, has produced an economic order with only an ideology and no spiritual life as counterbalance. This state of things the socialists want to carry to extremes. Away with everything except the economic life! Then they think this will produce a different race of men.

[ 28 ] Sehen Sie, es ist außerordentlich wichtig, daß man sich diesen Aberglauben gegenüber dem Wirtschaftsleben klarmacht, daß man sich davon überzeugt, wie heute eine ungeheure Anzahl von Menschen einfach glaubt, wenn das wirtschaftliche Leben in ihrem Sinne eingerichtet werde, dann entsteht nicht nur eine wünschenswerte soziale Ordnung, sondern es wird dadurch sogar ein neuer Menschenschlag, der erst in eine wünschenswerte soziale Ordnung hineinpaßt, gezüchtet.

[ 28 ] It is most important to be alive to this superstition where the economic life is concerned. For today, in accordance with all this, a tremendous number of people imagine that when the economic life, in their sense, will have been set up, not only a desirable social order will arise but even a new human race will be bred—a race fitted for this desirable social order.

[ 29 ] Das alles ist die moderne Form des Aberglaubens, der sich nicht auf den Standpunkt stellen kann, daß hinter all der äußeren ökonomischen und materiellen Wirklichkeit das Geistige mit seinen Impulsen waltet und vom Menschen als Geistiges aufgenommen werden muß, die Verkennung des Geistigen. Soll die Menschheit gesunden, dann ist das nur auf geistigem Wege möglich, dann ist das nur dadurch möglich, daß die Menschen geistige Impulse als geistige Erkenntnis und als soziales Denken und soziales Fühlen, das auf geisteswissenschaftlichen Grundlagen gebaut ist, in sich aufnehmen. Durch wirtschaftliche Evolutionen wird niemals der neue Mensch erzeugt, einzig und allein von innen heraus. Dann aber muß das geistige Leben frei auf sich selber gestellt sein. Ein solches Geistesleben, wie es sich im Laufe der letzten Jahrhunderte herausgebildet hat, das früher gefesselt war von dem rein kameralistischen Staate, jetzt von dem Wirtschaftsstaate, wird niemals imstande sein, den neuen Menschen wirklich zu gebären. Deshalb muß auf der einen Seite die Freiheit des Geisteslebens angestrebt werden dadurch, daß das geistige Leben sein Departement für sich hat. Dann muß auf der anderen Seite angestrebt werden, daß der Mensch das Wirtschaftsleben rein als Wirtschaftsleben führt, daß der Staat, der es nur zu tun hat mit dem Verhältnisse von Mensch zu Mensch, nicht Wirtschafter ist. Denn das Wirtschaftsleben geht darauf aus, alles was in sein Gebiet drängt, zu verbrauchen. Insofern der Mensch selber im Wirtschaftsleben drinnensteht, wird er verbraucht, und er muß sich fortwährend vor dem Verbrauchtwerden retten. Das wird er, wenn er ein entsprechendes Verhältnis von Mensch zu Mensch aufrichtet. Und das ist dann im regulierenden eigentlichen Staate verwirklicht.

[ 29 ] All this is the modern form of superstition, which is unable to accept the standpoint that behind all external economic and materialistic actuality there lies the spiritual with its impulses. And men must receive this as something spiritual. What I have been referring to is a misunderstanding of the spiritual. If mankind is to be healed, this is possible only by spiritual means, by men receiving into themselves spiritual impulses as spiritual knowledge, as social thinking and social feeling established on the foundations of Spiritual Science. The new man will never be brought forth through economic evolution, but entirely from within outwards. For that, the spiritual life must be free and independent. A spiritual life as developed during recent centuries, formerly chained to the financial State as now to the economic, will never be able really to create the new man. For this reason, on the one hand freedom in the life of spirit must be striven for by giving this spiritual life its own department. On the other hand there must be an effort to guide the economic life purely as such, so that the State, which has to do only with the relation of man to man, should not be concerned with economy. For the economic life will use up anything that presses into its sphere. In so far as man stands within the economic life he too will be used, and he must continually be rescuing himself from this fate. He will be able to do so when he sets up an appropriate relation between man and man, and that is brought about in a rightly organised State.

[ 30 ] Wenn man solche Dinge unbefangen betrachtet, wie die sind, die wir heute wiederum betrachtet haben, so sieht man: gerade das ist das Wesentliche in den Impulsen, die sich durch die moderne soziale Bewegung heraufgebildet haben, daß sie erfüllt sind von einem Denken, das eigentlich ins Nichts hineingeht. Denken Sie doch nur einmal, wenn jemand als beste Erziehungsmaxime nach derselben Gedankenform das Folgende aufstellen würde und sagte: Ich will die vollkommenste Ausgestaltung der heutigen Erziehungsmethode ersinnen; dann gestalte ich sie so aus, daß man den Menschen dahin erzieht, daß er möglichst viel aufnimmt vom Todesprinzip, daß er, wenn er erzogen ist, möglichst anfängt zu sterben. Das wäre ein Gedanke, der sich als real erfaßter Gedanke in sich selbst vernichtet. Aber nun der Leninsche Gedanke vom Staat: Gerade wenn der Staat vollkommen ist, rüstet er sich zum Absterben. Sie sehen schon daraus: über nichts kann eigentlich das moderne Denken zu einer produktiven, fruchtbaren Vorstellung kommen. Auf dem Gebiete des geistigen Lebens nicht, weil das geistige Leben zu einer bloßen Ideologie geworden ist, bloße Gedanken umfaßt oder Naturgesetze, die auch nur Gedanken sind, und weil dieses Geistesleben außerdem gefesselt ist von dem Wirtschaftsleben oder von dem politischen Leben. Das hat ja insbesondere diese Kriegskatastrophe gezeigt. Denken Sie sich doch, wieviel von diesem geistigen Leben abhängig war. Da hat sich die Fesselung in der furchtbarsten Weise gezeigt, überall, über die ganze Erde hin. — Dann auf dem Gebiete des Staatslebens sahen Sie es ja: Die Sozialisten, die die Halbgedanken der Bürgerlichen zu Ende denken, denken einen Staat aus, der gerade die Eigentümlichkeit hat, daß er sich selber zum Absterben bringt. Und auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens geben sich alle dem Aberglauben hin, als ob dieses Wirtschaftsleben, das uns in Wirklichkeit verbraucht und gegen dessen Verbrauchen wir gerade die beiden anderen Departemente haben müssen —, daß dieses Wirtschaftsleben den neuen Menschenschlag hervorbringen werde.

[ 30 ] Unbiased observation of things as they are today, enables us to say that what is fundamental in the impulses developed by the modern social movement is that these impulses are full of a thinking that leads to nothing. Just picture this to yourselves! Anyone properly applying this kind of thought would argue in the following way: I want to think out the most perfect form of modern educational method. I come to see that human beings must be so instructed that they absorb as much as possible of the principle of death, so that when they come to maturity they may begin at once to die. That thought if really grasped would nullify itself. But take Lenin's thoughts about the State—as soon as it is matured it prepares to die. Thus you see that modern thinking can arrive at nothing productive, nothing fruitful, nothing for the spiritual life. For the spiritual life has become a mere ideology, only surrounded by thoughts, or natural laws which are themselves just thoughts, and because of this, because the spiritual life is at the mercy of the economic life or of the political life, it has become unfruitful. This has been made particularly evident by the war catastrophe. Just consider how much depended upon this spiritual life. And everywhere on earth, in the most dreadful way, its fetters have been shown. And now consider the sphere of the life of the State. The socialists, thinking to their logical conclusion the half-thoughts of the middle-class, think out a State with the peculiar characteristic of bringing about its own death. And in the sphere of economic life everyone indulges in the worn-out superstition that this economic life—that in reality consumes life, for which reason the other two departments are necessary to help the economy too to keep its place—that this economic life will bring forth a new human race.

[ 31 ] Auf keinem Gebiete ist es dem modernen Denken gelungen, zu etwas zu kommen, was lebensfähige Zustände herbeiführen kann. So daß man sagen kann: was auf dem Boden der Geisteswissenschaft auf diesem Gebiete gewollt wird, das ist eben gerade, aus todeswürdigen lebenswürdige Zustände herauszugestalten. Aber dann handelt es sich wirklich nicht darum, daß, wie das jetzt in der Gegenwart viele hoffen und wie es sich da oder dort auch schon vollzieht, daß diejenigen, die vorhin unten gewesen sind, jetzt oben sind, und jene unten sind, die vorhin oben gewesen sind. Die jetzt unten sind, haben früher oben reaktionär oder bourgeois gedacht, die jetzt oben sind, denken sozialistisch. Aber die Gedankenformen sind im Grunde ganz dieselben. Denn nicht darauf kommt es an, was einer denkt, sondern wie einer denkt. Und sobald man dies versteht, hat man schon den Grundimpuls zum Verstehen gerade dieser Dreiteilung des sozialen Organismus, die eben auf die Wirklichkeit geht, darauf, was sich als die Gesundheit des sozialen Organismus herausentwickeln muß.

[ 31 ] In no sphere has modern thinking succeeded in arriving at anything capable of producing conditions for a prosperous life. But what is sought on the grounds of Spiritual Science in this domain is to shape conditions worthy of life out of those deserving death. Then, however, it will not be enough—as many hope and as here and there it has already been done—that those who were formerly the underlings should now be supreme, and those formerly supreme the underlings. Those now underlings, when at the top thought in reactionary terms, bourgeois terms; those now supreme think socialistically. But the form of the thoughts is fragmentally the same. For it is not a question of what one thinks but of how one thinks. Once this is understood it gives the initial impulse towards understanding the threefold nature of the social organism, which enters right into reality and has to do with all that must develop as a healthy social organism.

[ 32 ] Wir dürfen uns wirklich auf unserem Gebiete sagen: es ist aus dem geisteswissenschaftlichen Erkennen das Wichtigste für die Zeit herauszuholen, und wir müssen uns hüten, diese tief, tief ernste und bedeutungsvolle Seite unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung zu verkennen. Wir verkennen sie aber, meine lieben Freunde, wenn wir uns überwältigen lassen, gerade auf dem Gebiete des anthroposophisch orientierten Geisteswissens in irgendwelche Sektiererei zu verfallen. Es sollte schon jeder mit sich zu Rate gehen mit Bezug auf die Frage: wieviel steckt in mir noch Sektiererisches? Denn die moderne Menschheitsbewegung geht darauf aus, alles Sektiererische aus dieser Menschheitsentwickelung auszutreiben, nicht sektiererisch zu sein, nicht abstrakt zu sein, sondern menschenfreundlich zu sein, weite Gesichtspunkte zu gewinnen, nicht enge, sektiererische Gesichtspunkte zu gewinnen. Insofern von einer gewissen Seite her diese unsere Bewegung aus der theosophischen herausgewachsen ist, stecken in ihr die Keime eben zu sektiererischem Treiben. Aber diese Keime müssen erstickt werden. Das Sektiererische muß ausgetrieben werden. Und die weiten Horizonte sind uns vor allen Dingen nötig, das unbefangene Hinblicken auf die Wirklichkeit.

[ 32 ] The most important thing for these times must be produced out of anthroposophical knowledge, and we must guard ourselves from misunderstanding this most deeply serious and significant side of our Anthroposophical Movement. But we do misunderstand it when we allow ourselves, especially in this sphere of Anthroposophy, to be carried away by any kind of sectarianism. Everyone should take counsel with himself concerning the question: How much sectarianism is there still in me? For the modern human movement must aim at driving out everything sectarian, at not being sectarian, at not being abstract but interested in humanity, at not having a narrow but a broad outlook. In so far as, from a certain side, our Movement has grown out of the Theosophical Movement, it retains the seeds of sectarianism. These seeds must be crushed. What is sectarian must be cast out. Above everything there is need for wide horizons and an unprejudiced contemplation of reality.

[ 33 ] Neulich habe ich gesagt: Wer Coupons abschneidet, soll sich klar sein, daß in diesen abgeschnittenen Coupons menschliche Arbeitskraft steckt, und insofern menschliche Arbeitskraft versklavt ist in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, nimmt er mindestens Teil an der Versklavung. Darauf darf nicht erwidert werden: Das ist entsetzlich! — oder dergleichen; denn diese Erwiderung: Das ist entsetzlich! — ist die furchtbarste Theorie, ist etwas, was einen sehr leicht gerade zu dem heutigen modernen sektiererischen Treiben verleiten kann. Ich habe dieselbe Sache oftmals in anderer Form gesagt. Da hören die Leute von Luzifer und Ahriman und sagen sich: um Gotteswillen, ja weit, weit weg — ich habe nichts zu tun mit Luzifer und Ahriman; ich habe nichts mit ihnen zu tun, ich bin nur beim guten Gotte! — Um so tiefer verfallen die Leute dem Luzifer und Ahriman, wenn sie so auf die abstrakte Weise herankommen. Man muß schon die Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit haben, zu wissen, daß man drinnensteckt in dem gegenwärtigen sozialen Prozeß und daß man nicht bloß durch irgendwelche Selbsttäuschung herauskommen kann, sondern daß man sein Möglichstes tun soll, damit der soziale Prozeß zur Gesundung kommt im Ganzen. Der Einzelne kann sich nicht helfen, so wie heute die Menschheit entwickelt ist, sondern er muß das Seinige dazu tun, um der armen Menschheit mitzuhelfen. Nicht darauf kommt es an, daß wir uns heute sagen: ich will ein guter Mensch sein, uns hinsetzen, Gedanken aussenden, die alle Menschen lieben und so weiter, sondern darauf kommt es an, meine lieben Freunde, daß wir uns in diesem sozialen Prozesse drinnenstehend verstehen, daß wir das Talent entwickeln, auch schlecht zu sein mit der schlechten Menschheit, nicht weil es gut ist, schlecht zu sein, sondern weil eine soziale Ordnung, die überwunden werden muß, die zu etwas anderem gebracht werden muß, eben dazu zwingt, so zu leben. Nicht von der Illusion sollen wir leben wollen, wie brav, wie gut wir sind und uns die Finger ablecken, wie wir selber besser sind als die anderen; sondern wissen, wie wir drinnenstehen, das sollen wir, uns keinen Illusionen hingeben. Denn je weniger wir uns den Illusionen hingeben, desto mehr wird der Elan in uns Platz greifen, mitzuarbeiten an dem, was zur Gesundung des sozialen Organismus führt, die Fähigkeiten uns zu erobern, aufzuwachen gegenüber dem Schlafzustand, der die heutigen Menschen so tief befangen hat. Und da kann nichts anderes helfen, als die Möglichkeit, die energischeren Gedanken, die eindringlicheren Gedanken zu fassen, die in der Geisteswissenschaft gegeben sind, gegenüber den schwachen, lässigen, gelähmten Gedanken, die heute in der offiziellen Wissenschaft, im offiziellen Wissenschaftsbetrieb vorhanden sind.

[ 33 ] I said recently that those who cut off coupons must clearly realise that in the cut-off coupons there lies the labour power of men, and that in so far as human labour power is enslaved by the capitalist economic order, the cutter of coupons is taking part in this enslavement. The answer to this should not be “How shocking”, or anything of that kind, for “how shocking” is dreadfully theoretic and something that can easily land one in modern sectarian tendencies. I have often put this in another way—people hear of Lucifer and Ahriman and say to themselves: keep well out of the way; have nothing to do with Lucifer and Ahriman; I'll stand fast by God:—To deal with the matter in this abstract manner is to be only the more deeply drawn into the toils of Lucifer and Ahriman. We must have the sincerity and honesty to acknowledge that we are part of the present social process, from which we do not escape by deceiving ourselves. We should instead do our utmost to make it more healthy. At the present stage of mankind's development, the individual cannot help all this; but he can play his part in cooperating with his unfortunate fellowmen. Today it is not a matter of saying: be a good fellow, nor of sitting down to send out thoughts of universal love, and so on. The important thing is that being within this social process, we should come to an understanding with ourselves, and develop the capacity of even being bad with the bad—not that it is a good thing to be bad, but because a social order that is due to be overthrown forces the individual to live thus. We should not wish to live in the illusion that we are good and splendid, priding ourselves that we are better than others, but we should recognise that we are part of the social order and not be deceived about it. The less we give way to illusion, the greater will be the impulse to work for what will lead to the salvation of the social organism, to strive to acquire capacities, and to awake from the deep sleep of present-day humanity. Nothing can help here save the possible recourse to the energetic and penetrating thinking given by Spiritual Science, which may be contrasted with the feeble, lazy and half-hearted thinking of present-day official science.

[ 34 ] Ich muß daran denken, wie ich vor vielleicht heute achtzehn, neunzehn Jahren im Berliner Gewerkschaftshause einmal davon gesprochen habe, wie die heutige, die Wissenschaft der Gegenwart, eine bourgeoise Wissenschaft ist und wie die Entwickelung darauf hinauslaufen muß, gerade die Gedanken, gerade die Wissenschaft zu befreien von dem bourgeoisen Elemente. Ja, das verstehen die Führer des Proletariats heute durchaus nicht, denn die sind davon überzeugt, daß die bürgerliche Wissenschaft, die sie übernommen haben, etwas Absolutes ist. Was wahr ist, ist wahr. Darüber denken die Sozialisten auch nicht nach, wie das zusammenhängt mit der bourgeoisen Entwickelung. Sie reden von den Impulsen, von den Emotionen des Proletariats, aber sie denken ganz bourgeois, ganz bürgerlich. — Nun werden gewiß viele von Ihnen selber sagen: Ja, aber was wahr ist, ist doch eben wahr. — Ja, meine lieben Freunde, gewiß, eine gewisse Summe, sagen wir, von chemischen, von physikalischen Wahrheiten, von mathematischen Wahrheiten ist freilich wahr. Es kann nicht auf bürgerliche Weise wahr sein und auf proletarische Weise wahr sein. Ganz gewiß ist der pythagoräische Lehrsatz nicht auf bourgeoise Weise wahr oder auf proletarische Weise wahr und so weiter, ganz selbstverständlich. Darum handelt es sich aber nicht, sondern darum handelt es sich, daß die Wahrheiten ein gewisses Feld umschließen.

[ 34 ] This makes me think of how, eighteen or nineteen years ago, speaking at the Working Men's Club at Berlin, I said that science today is a bourgeois science and that it must evolve by freeing thinking, freeing knowledge, from the bourgeois element. The leaders of the proletariat today do not understand this, being convinced the bourgeois science they have adopted is something absolute—that what is true is true. Socialists do not consider how it all is connected with bourgeois development. They talk of the impulses, the emotions, of the proletariat, but their thinking is entirely bourgeois. Certainly many of you will say at this point: All the same, what is true is true! Indeed a certain amount of the truths, let us say, of chemistry, physics, mathematics, is of course true and these truths cannot be true either in a bourgeois sense or a proletarian sense. The theorem of Pythagoras is most certainly not true in a bourgeois sense or in a proletarian sense, but simply true. This however is not the point, the point is that the truths enclose a certain field.

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[ 35 ] Bleibt man bei diesem Felde stehen, so kann das, was darin ist, ja gewiß wahr sein, aber es sind Wahrheiten, die gerade just den bürgerlichen Kreisen nützlich und bequem und angemessen sind, während außerhalb (siehe Zeichnung) manches andere liegt, was man auch wissen kann, was einfach unberücksichtigt bleibt von der Bourgeoisie. Also darauf kommt es nicht an, daß die chemischen, die mathematischen Wahrheiten wahr sind, sondern daß es außer diesen Wahrheiten auch noch andere gibt, die erst das richtige Licht auf diese werfen, daß dadurch eine ganz andere Nuance herauskommt und die Wissenschaft auf einen breiteren wissenschaftlichen Horizont, der eben kein bourgeoiser sein kann, gestellt wird. Nicht ob die Sachen wahr sind oder nicht, sondern was man von der Wahrheit haben will, das ist es, worum es sich handelt. Und selbst auf die Qualität der Wahrheit färbt die Sache ab. Gewiß, die Chemieprofessoren werden an den Universitäten nicht sonderliche Sprünge machen können, weil im Laboratorium der Chemieprofessor derjenige ist, der die Dinge kennt, der weiß, daß er selber am wenigsten denkt: da denken die Methoden und so weiter; die werden nicht sonderliche Sprünge machen können. Aber sobald dasselbe Denken herübergeht in die Geschichte, in die Literaturgeschichte, in dasjenige, was überhaupt die Menschen heraushebt aus dem wirtschaftlichen Leben und erst in eine menschenwürdige Sphäre bringt, da geht es dann gleich los. Und die Geschichte ist nichts anderes, so wie sie dasteht, als eine bürgerliche Fable convenue; ebenso die Philosophie und andere Wissenschaften. Nur ahnen das die Leute nicht, nehmen es als objektive Wissenschaft hin.

[ 35 ] If one remains in this field what is contained within it can certainly be truths, but they are truths that are useful, convenient and suitable just for middle-class circles, whereas outside are many other truths which can also be known but remain unnoticed by the bourgeoisie. Thus, the point is not that the truths of chemistry and mathematics are true but that there exist besides other truths able to throw on the former the right light, and then a quite different shade of meaning is revealed. Then knowledge is given a wider scientific horizon than is possible for the bourgeoisie to give. It is not whether these matters are true or not but how much truth man wants. And the whole affair is coloured by the quality of the truth. Certainly the Professors of Chemistry at the Universities will not be able to make any remarkable sudden transitions, for in the laboratory it is he who has the knowledge about things and he knows that he is the last to do the thinking, that is done by the method. But as soon as this same thinking passes over into history, or into the history of literature, into all that men rescue from the economic life and bring into a sphere worthy of human beings, it immediately becomes free. History as we now have it is nothing but a middle-class fiction, as are philosophy and the other sciences. People, however, have no idea of this and accept it all as objective knowledge.

[ 36 ] Da kann nur gesundendes Leben Platz greifen, wenn der wissenschaftliche Betrieb seiner Selbstverwaltung zurückgegeben wird, kurz, wenn jene Dreigliedrigkeit eintritt, von der ich nun öfter gesprochen habe.

[ 36 ] A healthy life can only take root when scientific research is given back its autonomy, in short, when the threefold order of which I have so often spoken is established.

[ 37 ] Ich muß noch eine kleine Korrektur anbringen. Ich sagte neulich, als ich darauf aufmerksam machte, daß sich in Stuttgart für unseren Aufruf das deutsche Komitee gebildet hat, daß die Herren Dr. Boos, Molt und Kühn dieses Komitee bilden; ich wurde aufmerksam gemacht, daß in Stuttgart auch Dr. Unger, unser Freund, in wesentlicher Weise mitwirkt, und daß das nicht vergessen werden darf.

[ 37 ] I have here to add a small correction. Recently, in drawing your attention to the German Committee formed for our Appeal, I mentioned that Dr. Boos, Herr Molt and Herr Kühn had formed it. I have been notified that in Stuttgart our friend Dr. Unger is working with it in an essential way. This ought not to be forgotten.

[ 38 ] Nun, meine lieben Freunde, habe ich heute gerade versucht, aus der Zeitgeschichte heraus Ihnen wiederum die Dinge zu beleuchten. Es liegt mir wirklich sehr auf dem Herzen, daß unsere Freunde gerade vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus immer tiefer und tiefer versuchen einzudringen in das soziale Problem. Sie haben die Grundlagen dazu, um es zu verstehen, und auf das Verständnis kommt es zunächst an. Wer in die heutige Zeitgeschichte hineinschaut, ich habe das schon betont, der denkt nicht daran, daß man durch solch einen Aufruf und alles, was sich daranschließt, auf einen Erfolg von heute auf morgen rechnen kann. Die in Zürich gehaltenen Vorträge werden ja, erweitert und durch konkrete einzelne Fragen ergänzt, demnächst als Buch erscheinen, so daß man dasjenige, was im Aufrufe in ein paar lapidaren Sätzen enthalten ist, in aller Ausführlichkeit haben wird. — Was da kommt, das ist, daß sich die Bewegungen, die heute Raubbau treiben, wirklich erst ad absurdum führen, sich erst bis zur völligen Ratlosigkeit und bis zum Unglück entwickeln müssen. Aber man muß in der rechten Zeit etwas schaffen, worauf dann zurückgegriffen werden kann, wenn das Alte sich selbst ad absurdum geführt hat. Deshalb ist es so unendlich notwendig, daß die Impulse, die einmal in Ihre Herzen gelegt sind, nicht wiederum fallengelassen werden, sondern daß Sie auch Ihrerseits — jeder, wo er nur kann mitwirken an dem, was notwendig zu geschehen hat.

[ 38 ] Today I have been trying to throw light for you on things of contemporary history. I have it very much at heart that our friends should try to go more deeply into the social problem, from the standpoint of Spiritual Science. You have the basis for an understanding of this social problem, and this understanding is what is of most importance. Whoever looks into present-day history will not imagine that we can hope for success in the Appeal and all connected with it, in the course of a few days. The lectures given in Zurich, extended and supplemented by certain definite questions, will shortly appear in book-form, so that the details of what is in the Appeal can be had in a few concise sentences. The next thing will be for the movements today devouring the social organism to be brought to the point of absurdity. These must first develop, however, into complete helplessness and calamity. But, at the right time, something must be ready which can be grasped when what is old has reached this point. Therefore it is so infinitely important that when once these impulses are taken to your hearts they should not be allowed to cool, but that each of you should help, as far as he is able, to bring about what must of necessity happen.