The Social Question as a Question of Consciousness
GA 189
21 February 1919, Dornach
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
The Social Question as a Question of Consciousness, tr. SOL
Dritter Vortrag
Third Lecture
[ 1 ] Es wird Ihnen durchsichtig sein, wie dasjenige, was von mir hier und sonst vorgebracht worden ist gerade über das soziale Problem der Gegenwart, doch durchaus fließt aus geisteswissenschaftlichen Untergründen und wie versucht worden ist, in den Aufruf, von dem ich Ihnen neulich hier gesprochen habe, hineinlaufen zu lassen, was aus der tieferen Einsicht der gegenwärtigen Weltenlage über das soziale Problem jetzt praktisch gedacht werden muß. Wir sollten eigentlich nicht müde werden, uns immer wieder und wiederum die Hauptsache vor die Seele zu führen. Und diese Hauptsache besteht heute darin, daß Mittel und Wege gefunden werden zur Aufklärung, zur Möglichkeit, Verständnis hervorzurufen für das, was als Tatenansätze, als Handlungen in die Menschheit hineinkommen muß, wenn in der richtigen Art gedacht wird über das Wesen des sozialen Organismus. Nicht wahr, Sie haben ja begriffen, daß das Denken und Empfinden und damit auch das Wollen der Menschheit radikal anders geworden ist seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, und daß die Gesamtgeschichte wird revidiert werden müssen, wenn sie fruchtbar gemacht werden soll für die Menschheit von dem Gesichtspunkte aus, der sich aus dieser radikalen Metamorphose der Seelenverfassung der Menschheit für den fünften nachatlantischen Zeitraum ergibt. Man muß sich klar sein darüber, daß gerade durch die Eigentümlichkeit der Entwickelung in diesem unserem fünften nachatlantischen Zeitraume bei den Menschen, die mit einem gewissen Wollen ausgestattet sind — ob wir dieses Wollen nun selbst für ein richtiges oder unrichtiges, für ein gutes oder schlechtes halten —, daß bei diesen Menschen das zugrunde liegende Denken bestimmte Formen annimmt. Und von diesem zugrunde liegenden Denken, das bestimmte Formen annimmt, ist ja im Grunde unsere ganze soziale Bewegung heute im wesentlichen gestaltet. Es liegen doch zugrunde die Gedanken der Menschen, die sie haben können gemäß dem Grundcharakter unseres Zeitalters.
[ 1 ] It will be clear to you how what I have presented here and elsewhere—particularly regarding the social problem of our time—stems entirely from the foundations of the spiritual sciences, and how an attempt has been made to incorporate into the appeal I spoke to you about here recently what must now be practically conceived regarding the social problem based on a deeper understanding of the current world situation. We should never grow weary of bringing the main point to mind again and again. And this main point today is that we must find ways and means to raise awareness—to foster understanding of what must take shape as initiatives and actions within humanity if we think correctly about the nature of the social organism. Surely you have realized that humanity’s thinking, feeling, and thus also its willing have changed radically since the middle of the 15th century, and that the entire course of history will have to be revised if it is to be made fruitful for humanity from the perspective that arises from this radical metamorphosis in the spiritual constitution of humanity for the fifth post-Atlantean epoch. One must be clear about the fact that, precisely because of the peculiar nature of development in this, our fifth post-Atlantean epoch, among people who are endowed with a certain will—whether we ourselves consider this will to be right or wrong, good or bad—the underlying thinking in these people takes on certain forms. And our entire social movement today is essentially shaped by this underlying thinking, which takes on specific forms. After all, it is based on the thoughts that people can have in accordance with the fundamental character of our age.
[ 2 ] Nun erinnern Sie sich, daß es bei der Dreiteilung, von der wir jetzt öfter gesprochen haben, und die auch ausgedrückt ist in dem Ihnen zur Kenntnis gebrachten Aufruf, daß bei dieser Dreiteilung der eigentliche politische Staat, von dem die meisten Menschen heute glauben, er umfasse den gesamten sozialen Organismus, oder den die meisten Menschen heute mit dem sozialen Organismus verwechseln, gewissermaßen nur ein Departement, ein Glied des dreigeteilten sozialen Organismus ist. Wenn Sie in der rechten Weise einerseits verstehen, worauf die ganze Dreigliederung des sozialen Organismus hinausläuft, und wenn Sie auf der anderen Seite versuchen zu verstehen, wie sich die Einseitigkeit im modernen Leben herausgebildet hat, den sozialen Organismus ganz zu zentralisieren, gewissermaßen den Staat alles verschlingen zu lassen, dann haben Sie in dem Zusammenhalten dieser beiden Dinge ein Wichtiges für das Verständnis der Sache gegeben. Und von einem ernsten Gesichtspunkte aus heute die soziale Bewegung zu verstehen ist das Allernotwendigste für den gegenwärtigen Menschen. Mit Bezug auf das, was an Handlungen zu geschehen hat, werden, wie das heute der Fall ist, die Menschen noch lange im Unbestimmten tappen. Das kann gar nicht anders sein. Aber worauf gesehen werden muß, worauf hingearbeitet werden muß, das ist: soziales Verständnis zu verbreiten; zu verbreiten die Möglichkeit, den sozialen Organismus wirklich zu verstehen. Es ist gerade von diesem Gesichtspunkte aus außerordentlich interessant zu beobachten, welcher Art das Denken der gegenwärtigen Menschen ist, die nach einer gewissen Richtung hin ihr soziales Wollen betätigen. Nicht wahr, uns muß es mehr darauf ankommen, die Artung, die Formung, die Gestaltung des Denkens der Menschen zu beobachten, weniger auf den Inhalt zu sehen; denn wir haben bei verschiedensten Gelegenheiten betonen müssen: was schließlich die Menschen denken, darauf kommt es sehr, sehr viel weniger an, als wie die Menschen denken, wie das Denken orientiert ist. Schließlich ist es für das Einschneidende und Durchgreifende der gegenwärtigen Weltenbewegung gar nicht so sehr von Bedeutung, ob einer reaktionär im urältesten Sinne ist, ob er liberal, ob er demokratisch, sozialistisch oder bolschewistisch ist. Wenn man bloß auf dasjenige sieht, was die Leute sagen, so ist das gar nicht so besonders wichtig, sondern besonders wichtig ist, wie die Menschen denken, in welcher Art die Gedanken der Menschen sich formen. Darauf kommt es an. Denn Sie werden heute die Erfahrung machen können, daß Sie schließlich da oder dort eine Persönlichkeit entdekken, die radikal sozialistisch denkt dem Inhalte nach, dem Programm nach, die aber eigentlich gar nicht anders in ihren Gedankenformen ist, als diejenigen Menschen, die über ein großes Gebiet der Erde hin heute gestürzt worden sind.
[ 2 ] Now, please recall that in the threefold social order—which we have discussed frequently and which is also expressed in the appeal brought to your attention—the actual political state, which most people today believe encompasses the entire social organism—or which most people today confuse with the social organism—is, so to speak, merely one department, one member of the threefold social organism. If, on the one hand, you understand correctly what the entire threefold structure of the social organism amounts to, and if, on the other hand, you try to understand how the one-sidedness in modern life has developed—the tendency to completely centralize the social organism, to let the state, as it were, swallow everything up—then, by bringing these two things together, you have provided something essential for understanding the matter. And understanding the social movement from a serious perspective today is the most essential thing for people of the present. With regard to what actions need to be taken, people will continue to grope in the dark for a long time to come, as is the case today. It cannot be any other way. But what we must focus on, what we must work toward, is this: to spread social understanding; to spread the possibility of truly understanding the social organism. It is precisely from this perspective that it is extraordinarily interesting to observe the nature of the thinking of contemporary people who direct their social will in a certain direction. Isn’t it true that we must focus more on observing the nature, the shaping, and the form of people’s thinking, and less on the content; for we have had to emphasize on various occasions: what people ultimately think matters far, far less than how they think, how their thinking is oriented. Ultimately, when it comes to the decisive and far-reaching nature of the current global movement, it is not at all that significant whether someone is reactionary in the most ancient sense, whether they are liberal, democratic, socialist, or Bolshevik. If one looks only at what people say, that is not particularly important; what is particularly important is how people think, the manner in which their thoughts take shape. That is what matters. For you will find today that here and there you discover a personality who thinks in a radically socialist way in terms of content and program, but whose thought patterns are actually no different from those of the people who have today been overthrown across a vast expanse of the earth.
[ 3 ] Also wir müssen schon auf das Tiefere sehen, das sich geltend macht. Denn von den Programmen, die, wie ich neulich in Basel gesagt habe, heute wie Urteilsmumien unter uns herumwandeln, von diesen Programmen wird in der Zeitbewegung sehr, sehr wenig abhängen. Vieles wird davon abhängen, daß die Leute lernen, anders zu denken, die Gedanken anders zu formen, anders zu bilden. Gegenwärtig gibt es ja noch nichts, was wirklich das Denken der Menschen in eine andere Richtung hinlenkt, als das geisteswissenschaftliche Denken, das deshalb auch von den meisten für phantastisch angesehen wird. Dabei sind die Leute, die sagen, es sei phantastisch, eben selber Phantasten, wenn auch vielfach materialistische Phantasten; aber sie sind Phantasten, sie sind Theoretiker und können sich nicht auf die Wirklichkeit einlassen. Das aber, was sich gestaltet, das wird aus der Artung des Denkens heraus sich entwickeln. Gerade mit Bezug auf das, was damit angedeutet ist, möchte ich Ihnen heute einiges auseinandersetzen.
[ 3 ] So we really have to look at the deeper forces that are making themselves felt. Because very, very little in the course of history will depend on the ideologies that, as I said recently in Basel, are wandering among us today like mummified judgments. Much will depend on people learning to think differently, to shape their thoughts differently, to form them differently. At present, there is still nothing that truly directs people’s thinking in a different direction other than spiritual scientific thinking, which is why most people regard it as fanciful. Yet the people who say it is fanciful are themselves fantasists—albeit often materialistic fantasists; but they are fantasists, they are theorists, and they cannot engage with reality. What is taking shape, however, will develop out of the very nature of thinking. It is precisely in relation to what this implies that I would like to discuss a few points with you today.
[ 4 ] Wer hinsieht auf die Art und Weise, wie sich nach und nach die Anschauungen innerhalb der proletarischen Bewegung gebildet haben, und wie sie sich bis heute gestaltet haben, der sieht innerhalb der proletarischen Welt alle möglichen Anschauungen. Uns soll heute die eine Tatsache besonders interessieren, daß ja neben den vielen anderen sozialistischen Proletariern, die so oder so denken, weitaus die größte Zahl unter diesen Proletariern sich ganz radikal zu dem ursprünglichen oder zu einem fortgebildeten Marxismus bekennt. Das ist ja das Eigentümliche, daß dieser Karl Marx — nachdem er die deutsche Dialektik Hegels in sich aufgenommen hatte, nachdem er den französischen sozialen Positivismus kennengelernt hatte, dann von London aus sich die soziale Welt, das soziale Werden betrachtet hatte — von da aus seine außerordentlich einschneidenden sozialistischen Theorien gebildet hat, die dann nach und nach die gesamte proletarische Welt ergriffen haben. Es war also eigentlich der marxistische Gedanke, der sich ausbreitete, der durch das Zündfeuer der Katastrophe der letzten Jahre sich so ausgewachsen hat, wie er heute schon ist, und der sich weiter auswachsen wird. Unter den Sozialisten selbst gibt es eine große Anzahl, die sich einfach so auf Karl Marx berufen, daß sie sagen, sie seien Marxisten. Nun, der eine behauptet, er stünde ganz auf orthodox-marxistischem Standpunkt, der andere behauptet, er vertrete einen fortgeschrittenen Marxismus und so weiter. Aber alles geht auf Marx zurück.
[ 4 ] Anyone who looks at the way in which views within the proletarian movement have gradually taken shape, and how they have developed to this day, will see all manner of views within the proletarian world. We should be particularly interested today in the fact that, alongside the many other socialist proletarians who think one way or another, by far the largest number among these proletarians profess a radical commitment to original or further-developed Marxism. What is remarkable is that this Karl Marx—after having assimilated Hegel’s German dialectic, after having become acquainted with French social positivism, and then having observed the social world and social development from London—developed from there his extraordinarily far-reaching socialist theories, which then gradually took hold of the entire proletarian world. So it was actually the Marxist idea that spread, that—fueled by the spark of the catastrophe of recent years—has grown to the extent it has today, and will continue to grow. Even among socialists themselves, there are a great many who simply invoke Karl Marx in such a way that they claim to be Marxists. Well, one claims to hold an entirely orthodox Marxist position, another claims to represent an advanced form of Marxism, and so on. But it all goes back to Marx.
[ 5 ] Nun liegt ja ein Ausspruch von Karl Marx selbst vor, der auf gewisse Seiten dieser Sache recht tief blicken laßt. Karl Marx betonte einmal, als er über den Marxismus selber sprach, daß er, Karl Marx, jedenfalls kein Marxist sei. Das, meine lieben Freunde, sollte man insbesondere in der heutigen Zeit nicht aus dem Auge verlieren. Denn nur wenn man auf solche Dinge sieht, merkt man in der richtigen Weise, worauf es ankommt: eben darauf, wie sich die Gedanken formen, nicht was ausgesprochen wird. Die bequeme Art, auf Programme zu bauen, wird die Menschheit gerade in unserer schwerlebigen Zeit nicht haben können. Und ein Weg ist, wenn er auch noch so weit ist, der von Karl Marx zu Wladimir Lenin, der sich nun auch für einen wirklichen, echten Marxisten hält. Und wenn man heute über Lenin spricht, so spricht man ja nicht über eine einzelne Persönlichkeit, sondern über eine Bewegung, die man meinetwillen in Grund und Boden kritisieren kann selbstverständlich, die aber als Impuls schon weite, weite Kreise zieht, aber auch durch gewisse Methoden, die sie eingeschlagen hat, und von denen ihre Träger überzeugt sind, daß sie eigentlich der wahre Marxismus sind.
[ 5 ] Now, there is a statement by Karl Marx himself that sheds quite a deep light on certain aspects of this matter. Karl Marx once emphasized, when speaking about Marxism itself, that he—Karl Marx—was certainly no Marxist. That, my dear friends, is something we should not lose sight of, especially in this day and age. For only by paying attention to such things can one truly grasp what matters: namely, how ideas take shape, not what is actually said. Especially in these difficult times, humanity cannot afford the easy way out of relying on programs. And one path—however long it may be—is that from Karl Marx to Vladimir Lenin, who now also considers himself a true, genuine Marxist. And when one speaks of Lenin today, one is not speaking of a single individual, but of a movement that—for all I care—can of course be criticized to the ground, but which, as an impulse, is already having a far-reaching impact, not only through certain methods it has adopted, but also because its adherents are convinced that these methods actually represent true Marxism.
[ 6 ] Nun kommt man am leichtesten dem Problem, auf das ich hier deute, bei, wenn man gerade dies in den Mittelpunkt der Betrachtungen stellt, daß die Einseitigkeit Platz gegriffen hat, alles gewissermaßen dem Staate aufbuckeln zu wollen, während man es im sozialen Organismus mit einer Dreigliedrigkeit zu tun hat. Es ist schon interessant, die Gedankenformung, wie sie sich bei Karl Marx selbst vollzogen hat, zu verfolgen; einmal ganz abzusehen von dem, was Marx inhaltlich gesagt hat, mehr auf seine Gedankenformung zu sehen. Sehen Sie, wer zum Beispiel an Karl Marx herangeht und seine Schriften liest mit der Meinung, er werde jetzt durch die Lektüre eine Vorstellung empfangen, wie der soziale Organismus sich gestalten werde, der wird sich sehr bedeutsam täuschen. Solche Angaben, wie Sie sie den Mitteilungen der Geisteswissenschaft über den sozialen Organismus entnehmen, die hier und anderswo von mir gemacht worden sind, werden Sie bei Karl Marx vergeblich suchen. Darum handelte es sich ihm nach seiner Gedankenformung eigentlich nirgends. Wenn Sie die nationalökonomischen Ansichten über die soziale Gestaltung, soweit sie Karl Marx selber aufgeschrieben hat, verfolgen, so können Sie sich sagen: Karl Marx hat eigentlich über den sozialen Organismus keine anderen Gedanken als diejenigen, die schon da waren. Originelle Gedanken, wie die Welt werden soll, die macht sich Karl Marx nämlich nicht. Er verfolgt: Wie haben die Menschen gedacht, welche das moderne kapitalistische Zeitalter herbeigeführt haben, wie hat sich Lohnfrage, Kapitalfrage, Grundrentenfrage und so weiter ausgebildet unter der kapitalistischen Herrschaft? — Und er zergliedert die Nationalökonomie der kapitalistischen Herrschaft. Im Grunde genommen finden Sie wichtigste Vorstellungen, die Karl Marx dem Proletariiat überliefert hat, schon bei Ricardo und bei anderen, Was tut Karl Marx? Karl Marx sagt: In der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die sich allmählich in der neueren Zeit heraufgebildet hat, haben die Menschen Meinungen gehabt, aus denen heraus sich gebildet haben die modernen Lohnverhältnisse, die modernen Kapitalverhältnisse, die modernen Grundrentenverhältnisse und so weiter. Und jetzt versucht er weiter zu denken. Nicht daß er sagt, was an die Stelle dieser sozialen Gliederung, wie sie sich unter dem Kapitalismus herausgebildet hat, treten soll, er zeigt nur, daß sich unter dieser kapitalistischen Herrschaft als eine besondere Menschenklasse das Proletariat hat ergeben müssen. Das ist da, das ist eine Realität. Er zeigt nun, wohin die kapitalistische Herrschaft führt. Er zeigt, daß sie sich selbst ad absurdum führt, daß sie, wenn sie auf ihren Höhepunkt gekommen ist, in ihr Gegenteil umschlagen muß. Immer mehr und mehr sammeln sich Kapitalien in den Händen einzelner, bis sie übergehen auf den «einzelsten», der dann zu gleicher Zeit die Gemeinsamkeit ist; so sehr sich auch Marx und die Marxisten dagegen sträuben, das dem Worte nach anzuerkennen, sie gehen über auf die staatliche Ordnung, so daß der Staat eigentlich der einzige Großkapitalist wird. Aber er hat dann in seiner Vertretung alle am Staate teilnehmenden Menschen.
[ 6 ] The easiest way to address the problem I am pointing out here is to focus precisely on the fact that a one-sided tendency has taken hold—namely, the desire to subordinate everything, as it were, to the state—even though the social organism is, in fact, tripartite. It is indeed interesting to trace the development of thought as it unfolded in Karl Marx himself; setting aside for the moment what Marx actually said in terms of content, and focusing more on the development of his thought. You see, anyone who, for example, approaches Karl Marx and reads his writings with the expectation that they will provide a vision of how the social organism will take shape will be sorely mistaken. You will search in vain in Karl Marx’s works for the kinds of insights regarding the social organism that you find in the contributions of spiritual science—insights I have presented here and elsewhere. That is because, according to his way of thinking, this was not really a concern of his at all. If you examine the economic views on social organization—insofar as Karl Marx himself wrote them down—you can conclude that Karl Marx actually had no thoughts about the social organism other than those that already existed. Karl Marx does not, in fact, formulate original ideas about how the world should be. He examines: How did the people who ushered in the modern capitalist era think? How did the issues of wages, capital, ground rent, and so on develop under capitalist rule? — And he dissects the political economy of capitalist rule. Essentially, the most important ideas that Karl Marx passed on to the proletariat can already be found in Ricardo and others. What does Karl Marx do? Karl Marx says: In the capitalist economic order, which has gradually taken shape in recent times, people held views from which modern wage relations, modern capital relations, modern ground rent relations, and so on, were formed. And now he tries to take this thinking further. He does not say what should replace this social structure, as it has developed under capitalism; he merely shows that, under this capitalist rule, the proletariat has emerged as a distinct class of people. It is there; it is a reality. He now shows where capitalist rule leads. He shows that it reduces itself to absurdity, that once it has reached its zenith, it must turn into its opposite. Capital accumulates more and more in the hands of individuals until it passes over to the “most individual,” who then simultaneously becomes the collective; no matter how much Marx and the Marxists resist acknowledging this in words, they merge into the state order, so that the state actually becomes the sole big capitalist. But it then has, as its representatives, all the people who participate in the state.
[ 7 ] Nun, gerade aus dieser Auseinandersetzung haben sich die verschiedensten sozialistischen Meinungen in der neueren Zeit gebildet. Karl Marx und sein Freund Engels haben ja lange Zeit gewirkt, haben viel im Laufe von Jahrzehnten dazu beigetragen, Gedanken, die sie ursprünglich geäußert haben, zu modifizieren, zu erweitern, zu begrenzen, wie das ja geschehen muß bei jemandem, der nicht stehenbleibt, sondern der sich selber, die Welt beobachtend, weiterentwickelt. Nun entstand auf Grundlage des Marxismus, weil die Gedanken von Karl Marx, wie ich Ihnen wiederholt gezeigt habe, eben dem Proletariat in die Seele hinein sprachen, eine große Bewegung, die für die verschiedenen Länder die verschiedensten Formen angenommen hat. Man kann schon sagen: Sozialismus, der sich auf Grundlage des Marxismus gebildet hat, hat eine andere Nuance in England, in Frankreich, er hat die radikalste Nuance in Deutschland bekommen, die dann auf Rußland übergegangen ist. Das ist alles richtig, daß er verschiedene Nuancen angenommen hat. Aber was eine ganz wesentliche Prinzipienfrage ist, das Verhältnis der proletarischen Welt zum Staate, das ist eigentlich mehr oder weniger in eine Art nebuloser Atmosphäre eingelaufen. Die Leute bildeten gerade dadurch viele Parteien innerhalb des Sozialismus, die sich bis aufs Messer bekämpften, weil sie in der einen oder in der anderen Weise gerade das Verhältnis des Proletariats zum Staate, wie er sich geschichtlich in dem Laufe der neueren Entwickelung gebildet hat, in der verschiedensten Art auffaßten. Nun spielen ja da die verschiedensten Strömungen hinein, die wir heute nicht berühren wollen. Allein den Weg wollen wir doch einmal kurz andeuten, der sich zieht von Karl Marx bis zu Lenin. Denn Lenin behauptet gerade, der echteste Marxist zu sein, der Karl Marx selbst am besten versteht, während zahlreiche andere Sozialisten, die sich auch Marxisten nennen, von Lenin als Abtrünnige, als Verräter bezeichnet werden, mit den verschiedensten Namen belegt werden; manche werden wegen ihres Verhaltens während des sogenannten Weltkrieges SozialChauvinisten genannt und dergleichen.
[ 7 ] Well, it is precisely from this debate that the wide variety of socialist views have emerged in recent times. Karl Marx and his friend Engels were active for a long time; over the course of decades, they contributed greatly to modifying, expanding, and refining the ideas they had originally expressed—as is inevitable for anyone who does not stand still but continues to develop by observing both themselves and the world. Now, on the basis of Marxism—because Karl Marx’s ideas, as I have repeatedly shown you, truly spoke to the very soul of the proletariat—a great movement arose that has taken on a wide variety of forms in different countries. One can certainly say: Socialism, which developed on the basis of Marxism, has a different nuance in England and France; it took on its most radical nuance in Germany, which then spread to Russia. It is all true that it has taken on various nuances. But what is a very fundamental question of principle—the relationship of the proletarian world to the state—has actually more or less become shrouded in a kind of nebulous atmosphere. Precisely because of this, people formed many parties within socialism that fought each other tooth and nail, because in one way or another they interpreted the relationship of the proletariat to the state—as it has historically taken shape in the course of recent developments—in a wide variety of ways. Now, of course, a wide variety of currents come into play here, which we do not wish to address today. But let us briefly outline the path that stretches from Karl Marx to Lenin. For Lenin specifically claims to be the truest Marxist, the one who best understands Karl Marx himself, while numerous other socialists, who also call themselves Marxists, are labeled by Lenin as renegades and traitors and given all sorts of names; some are called social-chauvinists because of their behavior during the so-called World War, and so on.
[ 8 ] Wenn wir noch einmal zurückblicken auf Karl Marx, so muß uns die Gedankenformung interessieren, und Sie können ein Wesentliches schon entnehmen aus dem, was ich gesagt habe: es liegt kein positiver Gedanke vor, wie die Sache werden soll, es ist etwas Auflösendes in der Gedankenform. Karl Marx sagt einfach: Ihr kapitalistischen Denker habt es so gesagt und gemacht, daraus muß euer eigener Untergang folgen, dann wird das Proletariat oben sein. Was das Proletariiat macht, das weiß ich nicht, das wissen andere auch nicht, das wird sich schon zeigen. Das einzig Sichere ist, daß ihr euch durch eure eigenen Maßnahmen und durch das, was ihr aus der Welt gemacht habt, euren eigenen Untergang bereitet; wie es dann ist, wenn das Proletariat da ist, was das tun wird, das weiß ich nicht, das wissen andere nicht, das wird sich schon zeigen.
[ 8 ] If we look back once more at Karl Marx, we must be interested in the structure of his thought, and you can already glean something essential from what I have said: there is no positive idea of how things should be; there is something subversive in the structure of his thought. Karl Marx simply says: You capitalist thinkers have said and done it this way; your own downfall must follow from this, and then the proletariat will rise to power. What the proletariat will do, I do not know; neither do others; that remains to be seen. The only certainty is that, through your own actions and what you have made of the world, you are bringing about your own downfall; as for what it will be like when the proletariat is in power, and what it will do—I do not know, nor do others; that remains to be seen.
[ 9 ] Wenn Sie diese Sache so nehmen, wie ich sie eben dargestellt habe, dann haben Sie die Gedankenform. Es wird einfach dasjenige, was in der Außenwelt ringsherum sich zeigt, aufgenommen, wird durchgedacht. Aber wenn man mit dem Gedanken zu Ende ist, dann vernichtet sich der Gedanke, dann kommt er zu nichts, dann läuft er gewissermaßen ins Nichts aus. Das ist es, was dem, der für solche Sachen Empfindungen hat, so stark auffällt. Wenn man Karl Marx studiert, so findet man immer: man geht von gewissen Gedanken aus; die sind aber eigentlich nicht seine Gedanken, sondern die sind die Gedanken der neueren Zeit. Und dann treibt man in etwas hinein, was eigentlich den Gedanken strudelt, was ihn verwirrt, und was ihn auslaufen läßt in das Zerstörerische, an das nichts angesetzt werden kann.
[ 9 ] If you take this matter as I have just described it, then you have the thought-form. It simply takes in what is manifesting in the external world all around and thinks it through. But once you’ve finished with the thought, the thought destroys itself; it comes to nothing; it fizzles out, so to speak. That is what strikes those who are sensitive to such things so strongly. When one studies Karl Marx, one always finds that he starts from certain ideas; but these are not actually his own ideas, rather they are the ideas of modern times. And then one is drawn into something that actually swirls the thought around, confuses it, and causes it to run its course into something destructive, to which nothing can be attached.
[ 10 ] Außerordentlich interessant ist, wie diese bei Karl Marx schon einschlagende Gedankenform in höchster Potenz, man möchte sagen, bis zum Genialen potenziert bei Lenin sich zeigt. Lenin deutet Karl Marx so, daß Marx ein absoluter Gegner des Staates sei, daß er, Karl Marx, von dem Gedanken ausgegangen sei: wenn die Unterdrückung des Proletariats aufhören solle, so muß der Staat, wie er sich historisch herausgebildet hat, beseitigt werden, muß aufhören. Das ist interessant, weil gerade diejenigen, die Lenin als Gegner betrachtet, eigentlich dem Staate, wie er sich historisch herausgebildet hat, alles aufbuckeln möchten. So daß wir diese beiden Gegensätze in sozialen Kreisen heute drinnen haben: auf der einen Seite gerade die richtigen Staatsfanatiker, die alles verstaatlichen wollen, und auf der anderen Seite Lenin, den absoluten Gegner des Staates, der eigentlich das Heil der Menschheit nur sieht — nicht in der Abschaffung, das hält er für einen Unsinn, für eine Utopie —, aber in dem allmählichen Absterben des Staates. Und gerade, wenn man betrachtet, wie er da denkt, kommt man auf die Gedankenform, die in ihm lebt; das ist interessant.
[ 10 ] It is extraordinarily interesting to see how this mode of thought—which was already taking shape in Karl Marx—manifests itself in Lenin to the highest degree, one might say elevated to the level of genius. Lenin interprets Karl Marx as an absolute opponent of the state, arguing that Marx proceeded from the idea that if the oppression of the proletariat is to end, then the state—as it has historically developed—must be abolished; it must cease to exist. This is interesting because precisely those whom Lenin regards as opponents actually want to kowtow to the state as it has historically developed. So we have these two opposites within social circles today: on the one hand, the very same state fanatics who want to nationalize everything, and on the other hand, Lenin, the absolute opponent of the state, who actually sees the salvation of humanity not in the abolition of the state—which he considers nonsense, a utopia—but in the gradual withering away of the state. And precisely when one considers how he thinks, one arrives at the form of thought that lives within him; that is interesting.
[ 11 ] Lenin denkt so: Das Proletariat ist die einzige Klasse, die, nachdem die anderen sich selber ad absurdum geführt haben, sich zum Untergang reif gemacht haben, obenauf kommen kann. Diese proletarische Menschenklasse wird, so meint Lenin, dasjenige, was sich als Bourgeoisie-Staat herausgebildet hat, zur höchsten Vollkommenheit treiben. — Bitte, geben Sie acht auf die Gedankenform. — Also Lenin sagt nicht etwa, wie die Anarchisten: Schaffen wir den Staat ab; das fällt ihm gar nicht ein. Er ist ein Gegner des Anarchismus, sagt nicht: Schaffen wir den Staat ab; das würde er für den größten Unsinn halten, sondern er sagt: Wenn die Entwickelung so fortgeht, wie die Bourgeoisie sie eingeleitet hat, dann ist die Bourgeoisie reif zum Untergang. Das Proletariat wird sich der Staatsmaschinerie, wie er sagt, bemächtigen; was die Bourgeoisie als ein Werkzeug zur Unterdrükkung des Proletariats begründet hat als Staat, das wird das Proletariat vervollkommnen, wird also gerade den vollkommensten Staat machen. Aber was ist die Eigentümlichkeit des vollkommensten Staates? — fragt jetzt Lenin. Und er glaubt echter Marxist zu sein, wenn er sagt: Die Eigentümlichkeit des vollkommenen Staates, wenn er entsteht — und er wird entstehen durch das Proletariat, wird als letzte Konsequenz der Bourgeoisie entstehen —, die Eigentümlichkeit des vollkommenen Staates ist diese, daß er selber abstirbt. Der gegenwärtige Staat kann eben nur als ein von der Bourgeoisieklasse geschaffener Staat existieren, weil er unvollkommen ist; wenn ihn das Proletariat vollkommen ausgestaltet, zu Ende führt, was die Bourgeoisie angefangen hat, dann bekommt der Staat seine richtige Impulsivität, die darin besteht, daß er stirbt, daß er von selber aufhört.
[ 11 ] Lenin reasons as follows: The proletariat is the only class that, after the others have reduced themselves to absurdity and brought about their own downfall, can rise to the top. This proletarian class, Lenin argues, will drive what has developed into the bourgeois state to its highest perfection. — Please pay close attention to the line of reasoning. — So Lenin does not say, as the anarchists do: “Let’s abolish the state”; that would never occur to him. He is an opponent of anarchism; he does not say, “Let’s abolish the state”—he would consider that utter nonsense—but rather he says: If development continues as the bourgeoisie has set it in motion, then the bourgeoisie is ripe for ruin. The proletariat will, as he says, seize the state apparatus; what the bourgeoisie established as a state—as a tool for the oppression of the proletariat—the proletariat will perfect, thus creating precisely the most perfect state. But what is the distinctive feature of the most perfect state?—Lenin now asks. And he believes himself to be a true Marxist when he says: The distinctive feature of the perfect state, when it comes into being—and it will come into being through the proletariat, will arise as the ultimate consequence of the bourgeoisie—the distinctive feature of the perfect state is that it will wither away. The present state can exist only as a state created by the bourgeoisie because it is imperfect; when the proletariat brings it to perfection, completing what the bourgeoisie began, then the state acquires its true dynamism, which consists in its dying, in its ceasing to exist of its own accord.
[ 12 ] Das ist nur die charakteristischste Gedankenform in dem Denken von Lenin. Sie sehen das potenziert, was bei Marx schon zu finden ist: der Gedanke, der gebildet wird und dann ins Nichts abläuft. Nur daß Lenin ein sehr realistischer Denker ist, der aus dem geschichtlichen Hergang darauf kommt: der Staat muß gerade vervollkommnet werden; er stirbt gerade jetzt nicht, weil er unvollkommen ist; daraus hat er seine Lebenskraft. Wenn ihn das Proletariat vollkommen macht, dann hat es den Grund dazu gelegt, daß er allmählich abstirbt.
[ 12 ] This is merely the most characteristic form of thought in Lenin’s thinking. You see, in an amplified form, what is already present in Marx: the idea that is formed and then fades into nothingness. Except that Lenin is a very realistic thinker who deduces from the course of history that the state must be perfected; it is not dying right now because it is imperfect; that is the source of its vitality. If the proletariat perfects it, then it will have laid the groundwork for its gradual demise.
[ 13 ] Sie sehen, aus der Wirklichkeit heraus wird eine Vorstellung geformt, und diese Vorstellung, die hat heute in einem großen Teile von Osteuropa die Tendenz, sich auszudehnen zur Realität. Sie ist nicht eine bloße Vorstellung, sie geht in Wirklichkeit über, sie geht darauf hinaus, daß gesagt wird: Ihr Bourgeois habt diesen modernen Staat entstehen lassen; ihr habt ihn nur benützt als ein Instrument zur Unterdrückung des Proletariats, ihr habt ihn unvollkommen gelassen, er ist der Staat der bevorzugten Klasse. Er dient euch dazu, die proletarische Klasse zu unterdrücken; dem verdankt er seine Lebensfähigkeit. Nun wird das Proletariat kommen, wird die Klassenherrschaft abschaffen, wird den Staat zum vollkommenen Wesen machen: dann stirbt er, dann kann er nicht leben. Und dann entsteht das, was entstehen soll, von dem kein Mensch, wie Lenin sagt, heute wissen kann, was es ist. Das soziale «Ignorabimus», das ist es, was aus diesem Sozialismus fließt. Das ist nun sehr interessant. Denn die Denkweise, die heute das soziale Vorstellen ergriffen hat, die ist aus der Naturwissenschaft heraus gebildet, und wie die Naturwissenschaft mit Recht von ihrem einseitigen Standpunkte zu dem Ignorabimus gekommen ist: «Wir können nichts wissen», so kommt das sozialistische Denken zu dem sozialistischen Ignorabimus.
[ 13 ] You see, an idea is formed out of reality, and this idea, in much of Eastern Europe today, tends to expand into reality. It is not merely an idea; it becomes reality; it amounts to saying: You bourgeois have brought this modern state into being; you have used it only as an instrument for the oppression of the proletariat; you have left it imperfect; it is the state of the privileged class. It serves you to oppress the proletarian class; that is what gives it its viability. Now the proletariat will come, will abolish class rule, will make the state a perfect entity: then it will die; then it cannot survive. And then what is meant to emerge will emerge—something of which, as Lenin says, no one today can know what it is. The social “Ignorabimus”—that is what flows from this socialism. This is very interesting. For the mode of thinking that has taken hold of social imagination today is derived from the natural sciences, and just as the natural sciences have rightly arrived at “Ignorabimus”—“We can know nothing”—from their one-sided standpoint, so too does socialist thinking arrive at the socialist “Ignorabimus.”
[ 14 ] Diesen Zusammenhang sollte man richtig einsehen, meine lieben Freunde. Ohne alles das, was von den naturwissenschaftlichen Weltanschauern auf den gut bürgerlichen Universitäten gelehrt worden ist, ohne das gäbe es keinen Sozialismus. Der Sozialismus ist ein Kind der Bourgeoisie. Auch der Bolschewismus ist ein Kind der Bourgeoisie. Das ist durchaus der tiefere Zusammenhang. Das muß man vor allen Dingen verstehen.
[ 14 ] We must truly understand this connection, my dear friends. Without everything that has been taught by the scientific worldviews at the respectable middle-class universities, without that, there would be no socialism. Socialism is a child of the bourgeoisie. Bolshevism, too, is a child of the bourgeoisie. That is indeed the deeper connection. This is what must be understood above all else.
[ 15 ] Nun kann man, wenn man sich diese Gedankenform erst klargemacht hat, auf einige wichtige Punkte gerade mit Bezug auf die Anschauungsweise eines solchen Mannes wie Lenin hindeuten. Er legt zum Beispiel ein besonderes Gewicht darauf, daß sich innerhalb des bourgeoisen Staates der Bürokratismus herausgebildet hat, die militärische Maschinerie, wie er sie nennt. Diese bürokratische, militärische Maschinerie ist entstanden, weil sie gebraucht wird von den leitenden Klassen zur Unterdrückung eben der unterdrückten Klassen. Daher ist der radikalste Flügel des Sozialismus, der Bolschewismus, sich darüber klar, daß das, was er will, nur verwirklicht werden kann durch das bewaffnete Proletariat. Ohne Waffen ist aussichtslos, was auf dieser Seite gewollt wird. Und es wird dieses durch historische Beispiele belegt. Die französischen Kommunen konnten gerade solange wirken, als diejenigen, die da obenaufgekommen waren, Waffen hatten. In dem Augenblick, wo sie entwaffnet waren, ging es nicht mehr. Das ist einer der Punkte, daß darauf gesehen werden muß, das Proletariat als bewaffnete Arbeitermacht zu haben. Nun, was soll dann geschehen, was soll durch dieses Proletariat, das als bewaffnete Arbeitermacht auftritt, geschehen? Es geschieht ja heute zum Teil schon. Es geschieht in einer Weise, von der man glauben könnte, daß manche Menschen darüber erwachen könnten aus dem tiefen sozialen Schlafe, den die Menschen so lange Zeit geträumt haben. Was soll geschehen? Aufhören soll vor allen Dingen der Staat als Klassenstaat. Dasjenige, was die Bourgeoisie begründet hat als Klassenstaat, soll übernommen werden von der bewaffneten Arbeiterschaft.
[ 15 ] Now, once one has grasped this line of thought, one can point out a few important points specifically regarding the perspective of a man like Lenin. For example, he places particular emphasis on the fact that bureaucratism—the “military machinery,” as he calls it—has developed within the bourgeois state. This bureaucratic, military machinery has arisen because it is needed by the ruling classes to oppress the very classes they subjugate. Therefore, the most radical wing of socialism—Bolshevism—is well aware that what it seeks can only be realized through the armed proletariat. Without weapons, what this side seeks is hopeless. And this is substantiated by historical examples. The French Communes were able to function only as long as those who had risen to power there were armed. The moment they were disarmed, it was no longer possible. This is one of the points that must be kept in mind: the proletariat must be an armed workers’ force. Now, what should happen then? What should be accomplished by this proletariat, acting as an armed workers’ force? It is already happening to some extent today. It is happening in a way that might lead one to believe that some people could be roused from the deep social slumber in which humanity has been immersed for so long. What should happen? Above all, the state as a class state must cease to exist. What the bourgeoisie established as a class state must be taken over by the armed working class.
[ 16 ] Und nun ist es interessant, daß mit klaren und deutlichen Worten gerade bei solchen Menschen, die bis zu einer gewissen Genualität die Gedankenform des modernen sozialistischen Denkens ausgebildet haben, herauskommt, was eigentlich durch die Verhältnisse, durch die geschichtliche Entwickelung in den Proletarierseelen veranlagt worden ist. Lenin weist zum Beispiel darauf hin, daß an die Stelle der Beamten und militärischen Hierarchie eine Art Verwaltung treten müsse, die aber nur aus Gewählten besteht, und er weist darauf hin, daß so, wie die Verhältnisse heute liegen, man ja nichts anderes im Kopfe zu haben braucht, um die Dinge zu verwalten, die zu verwalten sind, als die heute eben übliche allgemeine Schulbildung. Und er gebraucht selber einen merkwürdigen Ausdruck, der viel sagt. Lenin sagt, daß das, was heute Staat genannt wird, so umgewandelt werden soll, daß eigentlich eine große Fabrik mit allgemeiner Buchhaltung entsteht. Um das zu bewirken und um Kontrolle und sonstiges auszuüben, kann man so ziemlich mit den vier Rechnungsarten, mit dem, was allgemeine Volksbildung sein kann, auskommen.
[ 16 ] And now it is interesting that, in clear and unambiguous terms, it is precisely among those people who have developed, to a certain degree, the mindset of modern socialist thought that what has actually been instilled in the souls of the proletariat by circumstances and by historical development comes to the surface. Lenin points out, for example, that the bureaucracy and military hierarchy must be replaced by a form of administration consisting solely of elected officials, and he notes that, given the current state of affairs, one needs nothing more than the general school education that is common today to manage the matters that need to be managed. And he himself uses a remarkable expression that speaks volumes. Lenin says that what is called the state today should be transformed in such a way that it essentially becomes a large factory with a general accounting system. To achieve this and to exercise control and other functions, one can get by quite well with the four basic types of arithmetic—that is, with what general public education can provide.
[ 17 ] Nun, meine lieben Freunde, man sollte über solche Dinge nicht einfach spotten, sondern man sollte sich klar darüber sein, daß ja auch diese Anschauung nichts anderes ist als die letzte Konsequenz der bourgeoisen Entwickelung. So wie sich einmal rein wirtschaftlich das moderne soziale Gebilde ergeben hat, muß man sagen, daß gerade die kapitalkräftigen Menschen, die Kapital-dirigierenden Menschen zumeist nichts anderes im Kopfe haben als was Lenin verlangt, daß es die späteren Arbeiteraufseher haben sollten.
[ 17 ] Well, my dear friends, one should not simply scoff at such things, but should realize that this view, too, is nothing other than the ultimate consequence of bourgeois development. Just as the modern social structure has emerged from a purely economic perspective, it must be said that it is precisely those with capital—those who direct capital—who, for the most part, have nothing else in mind but what Lenin demands that future labor overseers should have.
[ 18 ] Würde die Möglichkeit vorliegen, daß der Proletarier, so wie er entstanden ist in der neueren Entwickelung, zu jemandem hinsehen könnte, an dessen besondere Fähigkeiten oder dergleichen er glauben könnte, zu dem er als zu einer gewissen berechtigen Autorität hinsehen könnte, dann würde sich die ganze Entwickelung anders ergeben haben. Aber er kann ja nicht zu solchen Menschen hinsehen. Er kann ja nur auf diejenigen hinsehen, die ihm im Grunde genommen an geistigen Qualitäten gleich sind, die nur das Kapital vor ihm voraus haben. Er findet keinen Unterschied zwischen sich und denjenigen, die dirigieren. Das tritt nur in streng theoretische Formeln gefaßt bei Lenin zutage.
[ 18 ] If it were possible for the proletarian—as he has emerged in recent history—to look up to someone whose special abilities or the like he could believe in, to whom he could look as to a certain legitimate authority, then the entire course of history would have unfolded differently. But he cannot look up to such people. He can only look up to those who are, in essence, his intellectual equals—those who merely have a head start on him in terms of capital. He finds no difference between himself and those in charge. This becomes apparent in Lenin’s work, albeit expressed in strictly theoretical terms.
[ 19 ] Also begreifen kann man gerade an den radikalen Formeln des Lenin, wie die Dinge sich ergeben haben. Nun wird Ihnen ja allen selbstverständlich die Frage, möchte ich sagen, auf der Zunge liegen: Ja, aber es kommt doch so viel Schreckliches heraus bei der Sache, es ist doch alles so furchtbar. — Dennoch, es handelt sich darum, daß man den Dingen ganz offen ins Auge schaut, daß man sich schon die Unbequemlichkeit macht, auf die Gedanken der Menschen einzugehen. Nicht wahr, wenn so einfach zeitungsmäßig geschildert wird, was da oder dort durch die radikalen Sozialisten geschieht, so kann man bürgerliche Entrüstung haben, die ja heute schon vielfach in bürgerliche Angstmeierei übergeht; aber der Drang, die Dinge zu verstehen, der ist ja heute noch nicht besonders groß.
[ 19 ] So it is precisely from Lenin’s radical formulations that one can understand how things turned out. Now, of course, I imagine the question is on all of your lips: Yes, but so many terrible things come out of this; it’s all so awful. — Nevertheless, the point is to look things squarely in the face, to go to the trouble of engaging with people’s thoughts. Isn’t it true that when what the radical socialists are doing here and there is described in such simplistic, tabloid terms, one can feel bourgeois indignation—which today often turns into bourgeois fearmongering—but the urge to understand these things isn’t particularly strong yet.
[ 20 ] Nun ist unbedingt nötig, um zu verstehen, was schon geschieht, und namentlich was noch geschehen wird, folgendes zu bedenken: Gerade Lenin, der sich für einen echten Marxisten hält, weist darauf hin, wie schon durch Marx eingeleitet worden ist eine bestimmte Anschauung über die Entwickelung der sozialen Ordnung in die neuere Zeit und in die Zukunft hinein. Eigentlich denken diese Leute, daß sich die soziale Neugestaltung in zwei Phasen vollziehen muß, nicht mit einem Anhub geschieht. Die erste Phase ist die, daß einfach das Proletariat in die bourgeoise Staatsform einrückt, von der Lenin meint, daß sie, wenn sie vollkommen sein wird, durch sich selber absterben werde. Das Proletariat wird einrücken, wird dasjenige zu Ende führen, was nach den Anschauungen und Impulsen des Proletariats aus dem bourgeoisen Staate werden kann. Schon von Marx selber ist ausgeführt worden, daß das ja noch nicht zu irgendwelchen wünschenswerten Zuständen führen kann. Wozu wird diese erste Phase der Sozialisierung im Sinne des Marx-Leninismus führen? Sie wird dazu führen, wenn man es banal darstellt — aber die Leute stellen es ja selbst so banal dar —, daß, wer nicht arbeitet, auch nicht essen kann; daß jeder eine bestimmte Arbeit zu verrichten hat und daß er dann durch diese Arbeit Anspruch haben wird auf die Artikel, die zu seinem Lebensunterhalt notwendig sind, sagen wir, aus den Staatsmaschinen und dergleichen. Aber die Leute sind sich klar darüber: dadurch wird nicht irgendeine Gleichheit unter den Menschen herbeigeführt, sondern dadurch wird die Ungleichheit nur fortgesetzt. Auch wird nicht etwa der Mensch dazu gebracht, das Erträgnis seiner Arbeit wirklich zu haben. Das betont Karl Marx, das betont auch Lenin. Es muß ja von der Gemeinsamkeit — also von dem Staat oder wie man es nennen will, was da übrigbleiben wird von der bourgeoisen Weltordnung — alles das abgezogen werden, was nötig ist für das Schulwesen, was nötig ist, um gewissen Unternehmungen auf die Sprünge zu helfen und so weiter. Der alte Lassallesche Gedanke auf das Recht des vollen Arbeitsbetrags, der muß natürlich im Sinne dieses Sozialismus fallengelassen werden. Aber auch da kommt keine Gleichheit heraus. Denn, nicht wahr, die Menschen als solche werden, selbst wenn sie gleiche Arbeit leisten, verschiedene Ansprüche an das Leben haben, durch die Lebensverhältnisse selbst. Das gibt natürlich dieser Sozialismus durchaus zu. Dadurch ist gleich wieder eine Ungleichheit bedingt. Kurz, es ist die Anschauung dieser Sozialisten, daß sich in die erste Phase der sozialistischen Ordnung einfach die bourgeoise Ordnung hinein fortsetzt, daß das Proletariat diese bourgeoise Ordnung besorgt.
[ 20 ] Now, in order to understand what is already happening—and, in particular, what is yet to come—it is absolutely necessary to consider the following: Lenin himself, who considers himself a true Marxist, points out—as Marx had already begun to do—a certain conception of the development of the social order into the modern era and into the future. In fact, these people believe that social transformation must take place in two phases, not all at once. The first phase is simply the proletariat’s entry into the bourgeois form of government, which Lenin believes will, once perfected, wither away of its own accord. The proletariat will enter this system and bring to completion what, according to the proletariat’s own views and impulses, the bourgeois state can become. Marx himself has already pointed out that this cannot yet lead to any desirable conditions. What will this first phase of socialization in the Marxist-Leninist sense lead to? It will lead—to put it simply, though people themselves often put it this simply—to the fact that those who do not work will not be able to eat; that everyone must perform a specific task; and that through this work, they will be entitled to the necessities of life—let’s say, from the state apparatus and the like. But people are well aware of this: this does not bring about any kind of equality among people; rather, it merely perpetuates inequality. Nor does it actually enable people to truly possess the fruits of their labor. Karl Marx emphasizes this, and so does Lenin. After all, everything necessary for the education system, for helping certain enterprises get off the ground, and so on, must be deducted from the common fund—that is, from the state, or whatever one wishes to call what will remain of the bourgeois world order. The old Lassallean idea of the right to the full product of one’s labor must, of course, be abandoned in the context of this socialism. But even there, no equality emerges. For, after all, people as such—even if they perform equal work—will have different demands on life, due to their living conditions themselves. This socialism, of course, fully acknowledges this. This immediately gives rise to inequality once again. In short, it is the view of these socialists that the bourgeois order simply continues into the first phase of the socialist order, and that the proletariat maintains this bourgeois order.
[ 21 ] Sehr interessant ist, wie sich Lenin direkt über die Sache ausspricht; er sagt zum Beispiel an einer Stelle seines Werkes «Staat und Revolution», daß etwas eintreten würde wie bourgeoise Ordnung, bourgeoiser Staat ohne die Bourgeoisie. Da sehen Sie in diesem Worte, das Lenin selber gebraucht — der bourgeoise Staat wird da sein ohne die Bourgeoisie —, da sehen Sie, was ich immer betone und was ich für außerordentlich wichtig halte, daß die Leute, die heute sozialistisch denken, nur die Erbschaft der Bourgeoisie angetreten haben. Die Gedanken sind die bourgeoisen Gedanken. Denn ein so die Gedankenform bis zur Genialität fortbildender Mensch, wie Lenin, sagt, die nächste Phase ist diese: bourgeoiser Staat ohne die Bourgeoisie, die entweder totgeschlagen oder dienende Kaste sein wird. Da wird es keine Gleichheit geben, da wird nur das Proletariat oben sein; es wird, statt daß von Monarchen oder von sonstigen ähnlichen Gebilden ernannt und dekoriert wird, gewählt werden. Das Proletariat wird verwaltend und gesetzgebend zu gleicher Zeit. Aber es ist der bourgeoise Staat, nur ohne die Bourgeoisie. Jeder wird entlohnt nach seiner Arbeit, aber Ungleichheit gibt es da natürlich.
[ 21 ] It is very interesting to see how Lenin speaks directly about this matter; for example, at one point in his work *State and Revolution*, he says that something like a bourgeois order, a bourgeois state, would come into being without the bourgeoisie. There, in these very words that Lenin himself uses—the bourgeois state will exist without the bourgeoisie—you see what I always emphasize and what I consider extraordinarily important: that people who think socialist today have merely inherited the legacy of the bourgeoisie. The ideas are bourgeois ideas. For a man like Lenin, who developed this form of thought to the point of genius, says that the next phase is this: a bourgeois state without the bourgeoisie, which will either be crushed or reduced to a servile caste. There will be no equality there; only the proletariat will be in power; instead of being appointed and decorated by monarchs or other similar entities, it will be elected. The proletariat will be both the governing and the law-making body. But it is the bourgeois state, only without the bourgeoisie. Everyone will be paid according to their work, but inequality naturally exists there.
[ 22 ] Das alles gibt keineswegs einen idealen Zustand. Wenn also jemand fragt: Was haben diese Leute gemacht aus der menschlichen gesellschaftlichen Ordnung? — dann wird einfach Lenin antworten: Wir haben euch ja als erste Phase nichts anderes versprochen, als daß wir dasjenige, was ihr als bourgeoisen Staat begründet habt, in seinen Konsequenzen ausführen; nur haben jetzt wir es auszuführen, als Proletarier werden wir es ausführen. Ihr habt es früher gemacht, jetzt machen wir es. Aber wir machen dasselbe, was ihr gemacht habt: bourgeoiser Staat, nur ohne die Bourgeoisie.
[ 22 ] All of this by no means constitutes an ideal state of affairs. So if someone asks, “What have these people done to the human social order?”—Lenin will simply reply: “We promised you nothing else in the first phase than that we would carry through to its logical conclusion what you established as the bourgeois state; only now it is up to us to carry it through, and as proletarians we will carry it through. You did it before; now we are doing it. But we are doing the same thing you did: a bourgeois state, only without the bourgeoisie.”
[ 23 ] So sagt zum Beispiel Lenin: Dieser bourgeoise Staat ohne die Bourgeoisie, das wird zum Absterben des Staates führen. Der Staat wird dann völlig abgestorben sein können, wenn die Gesellschaft die Regel verwirklicht haben wird, die er als sein Ideal betrachtet, und wenn der enge bürgerliche Rechtshorizont aufgehört haben wird, der einen mit der Hartherzigkeit eines Shylock berechnen läßt, ob man am Ende nicht eine halbe Stunde länger gearbeitet oder etwas weniger bezahlt bekommen hat als der andere. Dieser enge Horizont wird erst am Ende der ersten Phase überschritten sein. Bis zum Ende der ersten Phase wird noch immer, und zwar dann natürlich gerade gesteigert, der bürgerliche Rechtsstaat sein, der einen mit der Hartherzigkeit eines Shylock berechnen läßt, ob man am Ende nicht eine halbe Stunde länger gearbeitet oder etwas weniger bezahlt bekommen hat als der andere. Dieser bürgerliche Shylock-Standpunkt, der wird sich also in die erste Phase des Sozialismus hereinerstrecken.
[ 23 ] For example, Lenin says: “This bourgeois state without the bourgeoisie will lead to the withering away of the state.” The state will be able to wither away completely when society has realized the rule it regards as its ideal, and when the narrow bourgeois legal horizon—which, with the hard-heartedness of a Shylock, makes one calculate whether one ended up working half an hour longer or was paid slightly less than another—has ceased to exist. This narrow horizon will not be transcended until the end of the first phase. Until the end of the first phase, the bourgeois constitutional state—which compels one, with the hard-heartedness of a Shylock, to calculate whether one has ultimately worked half an hour longer or been paid slightly less than another—will still exist, and will, of course, be intensified at that point. This bourgeois Shylock perspective will thus extend into the first phase of socialism.
[ 24 ] Da haben Sie das, was diese Leute zunächst einzig und allein versprechen: Ihr habt es gemacht, ihr habt es zunächst für eure Kaste gemacht; wir machen die Sache für das Proletariat. Von Demokratie zu reden ist Unsinn, denn die Demokratie würde doch nur dazu führen, daß die Minorität unterdrückt würde. Das Proletariat wird alles so machen, wie ihr es gemacht habt. Dadurch aber wird sie das, was ihr zu einem Scheinleben erweckt habt, zum Absterben bringen. Dann kommt erst die zweite Phase.
[ 24 ] There you have it—that is the only thing these people promise at first: You did it; you did it, at first, for your own caste; we are doing it for the proletariat. Talking about democracy is nonsense, because democracy would only lead to the oppression of the minority. The proletariat will do everything just as you did. But in doing so, it will bring about the demise of what you have brought to a semblance of life. Only then will the second phase begin.
[ 25 ] Auf diese zweite Phase des Sozialismus weist auch Karl Marx schon hin, weist Lenin wieder hin, aber in einer sehr merkwürdigen Weise; und ich halte es für außerordentlich wichtig, daß das ins Auge gefaßt wird. Also stellen Sie sich vor: Marx in der Gestalt des Lenin — sie werden die bourgeoise Ordnung bis zu ihren letzten Konsequenzen treiben; dann wird das absterben, was Staat ist, und dann werden die Menschen die Gewohnheit haben, keinen Rechtsstaat mehr zu brauchen, überhaupt keinen Staat mehr zu brauchen; der Staat wird aufhören. Es wird ganz unnötig sein nach und nach, daß man einen Staat braucht, denn all das, was der Staat zu tun hat, wird nicht nötig sein zu tun. Denn die Zeit, wo jeder nach dem Grundsatze entlohnt wird: Wer nicht arbeitet, darf auch nicht essen —, diese Zeit wird ja eben aufhören. Sie ist die erste Phase des Sozialismus. Dann wird die Zeit kommen, wo jeder nach seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen wird leben können, nicht nach seiner Arbeit. Und das wird die höhere Stufe sein, zu der all das, was jetzt zunächst angestrebt wird, nur der Übergang ist. Da wird man nicht mehr fragen, ob einer eine halbe Stunde länger oder kürzer gearbeitet hat. Da erst wird die Zeit gekommen sein, wo man die Gleichwertigkeit geistiger und künstlerischer Arbeit in der richtigen Weise taxieren wird. Da wird jeder an seinen Posten gestellt sein durch die naturgemäße soziale Ordnung und jeder nach seinen Fähigkeiten nicht nur arbeiten können, sondern wollen, weil die Menschen sich durch das Zivilisiertsein in der ersten Phase gewöhnt haben, die Arbeit nicht als etwas zu betrachten, was sie aus Notwendigkeit tun, sondern sie werden sich dazu drängen. Und damit wird es sich ergeben, daß jeder nach seinen Bedürfnissen auch seinen Lebensunterhalt finden wird. Da wird man nicht mehr nach der bürgerlichen Rechtsordnung eine Shylock-Rechtsordnung haben und fragen, ob einer eine halbe Stunde länger oder kürzer gearbeitet har, sondern man wird einsehen, daß der eine, der eine bestimmte Arbeit hat, auch vielleicht zwei Stunden kürzer arbeitet, daß jeder nach seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen leben und arbeiten kann. Das ist die höhere Ordnung. Alles was die Übergänge bilden muß, weil nun einmal der bourgeoise Staat bis zu seinem Ende entwickelt werden muß, damit er abstirbt, alles das führt dann zu dem, worüber man auf der einen Seite sagt: «Ignorabimus» — wir wissen es alle nicht —, wovon man aber andererseits doch sagt, es wird sich als eine zweite, höhere Phase des Sozialismus entwickeln.
[ 25 ] Karl Marx also points to this second phase of socialism, as does Lenin—but in a very peculiar way; and I consider it extraordinarily important that this be taken into account. So imagine: Marx in the form of Lenin—they will drive the bourgeois order to its ultimate consequences; then the state will wither away, and then people will have grown accustomed to no longer needing a constitutional state, to no longer needing a state at all; the state will cease to exist. It will gradually become completely unnecessary to have a state, because everything the state is supposed to do will no longer need to be done. For the time when everyone is remunerated according to the principle: “He who does not work shall not eat”—that time will indeed come to an end. It is the first phase of socialism. Then the time will come when everyone will be able to live according to their abilities and needs, not according to their work. And that will be the higher stage, toward which everything that is currently being strived for is merely a transition. Then people will no longer ask whether someone has worked half an hour longer or shorter. Only then will the time have come when the equal value of intellectual and artistic work will be properly recognized. Then everyone will be assigned to their post by the natural social order, and everyone will not only be able to work according to their abilities but will also want to, because, having become civilized in the first phase, people will have grown accustomed to viewing work not as something they do out of necessity, but will instead strive to do it. And thus it will follow that everyone will also find their livelihood according to their needs. People will no longer have a Shylock-like legal system based on bourgeois law and ask whether someone has worked half an hour longer or shorter; rather, they will realize that the person who has a specific job may also work two hours less, and that everyone can live and work according to their abilities and needs. That is the higher order. Everything that must constitute the transitional stages—because the bourgeois state must, after all, be developed to its very end so that it may die out—all of this will then lead to what, on the one hand, is described as “Ignorabimus”—we do not know it—but which, on the other hand, is said to develop into a second, higher phase of socialism.
[ 26 ] Aber interessant ist, was gerade Lenin über diese höhere Phase des Sozialismus sagt. Ignoranz nennt er es, wenn man behauptet, sich vorstellen zu können, die Menschen, wie sie heute sind, könnten dazu gebracht werden, in einer sozialen Ordnung zu leben, wo jeder nach seinen Fähigkeiten und seinen Bedürfnissen sich ausleben kann — Ignoranz. Denn keinem Sozialisten kann es in den Sinn kommen, zu versprechen, daß die höhere Entwickelungsphase des Kommunismus eintreten muß. Die Voraussicht der großen Sozialisten auf ein solches Zeitalter setzt auch eine Produktivität der Arbeit und einen Menschenschlag voraus, der von dem heutigen weit entfernt ist — von diesem heutigen Menschen, der imstande ist, mir nichts dir nichts Magazine, Wäscheläden zu plündern und das Blaue vom Himmel zu verlangen. Das ist das außerordentlich Interessante und Bedeutungsvolle — erste Phase: Sozialisierung mit den heutigen Menschen; letzte Konsequenz der bourgeoisen Weltordnung: ein Staat, der durch seine eigenen Qualitäten abstirbt; höhere Phase mit Menschen, die ganz anders geworden sind als heute, mit einem neuen Menschenschlag.
[ 26 ] But what Lenin says about this higher phase of socialism is particularly interesting. He calls it ignorance when people claim to be able to imagine that human beings, as they are today, could be brought to live in a social order where everyone can fulfill themselves according to their abilities and needs—ignorance. For it would never occur to any socialist to promise that the higher stage of communism is bound to come about. The great socialists’ foresight regarding such an age also presupposes a level of labor productivity and a type of people far removed from those of today—from these people of today who are capable of looting department stores and clothing shops without a second thought and demanding the moon. That is what is extraordinarily interesting and significant—the first phase: socialization with the people of today; the ultimate consequence of the bourgeois world order: a state that dies out due to its own qualities; a higher phase with people who have become entirely different from those of today, with a new breed of people.
[ 27 ] Sehen Sie, das ist das abstrakte Ideal: die bourgeoise Ordnung zu ihrem sich selbst ad absurdum führenden Ende zu bringen; den Staat zum Absterben zu bringen; durch diesen Prozeß einen neuen Menschenschlag zu züchten, dessen Menschen gewohnt sein werden, nach ihren Fähigkeiten zu arbeiten und daher nach ihren Bedürfnissen leben zu können; wo es unmöglich sein wird, daß irgendeiner stiehlt, weil,.geradeso wie wenn heute irgendwo eine Dame beschimpft wird, die anständigen Leute sich dagegen auflehnen, dann die Anständigen sich von selber auflehnen werden. Man wird nicht nötig haben, daß da eine militärische oder bürokratische Kaste eingreife — aber ein anderer Menschenschlag. Und auf welchem Glauben beruht das, meine lieben Freunde? Das beruht auf dem Aberglauben gegenüber der wirtschaftlichen Ordnung. Das muß man bedenken. Auf der einen Seite hat der Kapitalismus eine wirtschaftliche Ordnung erzeugt, der kein Geistesleben gegenübersteht, sondern nur eine Ideologie. Diesen Zustand will der Sozialismus bis zur Spitze treiben: Alles weg, außer Wirtschaftsleben! Aber er meint, daß das einen anderen Menschenschlag hervorbringen werde.
[ 27 ] You see, this is the abstract ideal: to bring the bourgeois order to its self-defeating conclusion; to bring about the withering away of the state; through this process to foster a new breed of people, whose members will be accustomed to working according to their abilities and will therefore be able to live according to their needs; where it will be impossible for anyone to steal, because—just as when a lady is insulted somewhere today, decent people rise up against it—the decent people will rise up of their own accord. There will be no need for a military or bureaucratic caste to intervene—but rather a different kind of people. And on what belief is this based, my dear friends? It is based on superstition regarding the economic order. One must bear this in mind. On the one hand, capitalism has created an economic order that is not counterbalanced by any spiritual life, but only by an ideology. Socialism wants to take this situation to its extreme: everything gone, except economic life! But it believes that this will bring forth a different kind of people.
[ 28 ] Sehen Sie, es ist außerordentlich wichtig, daß man sich diesen Aberglauben gegenüber dem Wirtschaftsleben klarmacht, daß man sich davon überzeugt, wie heute eine ungeheure Anzahl von Menschen einfach glaubt, wenn das wirtschaftliche Leben in ihrem Sinne eingerichtet werde, dann entsteht nicht nur eine wünschenswerte soziale Ordnung, sondern es wird dadurch sogar ein neuer Menschenschlag, der erst in eine wünschenswerte soziale Ordnung hineinpaßt, gezüchtet.
[ 28 ] You see, it is of the utmost importance to recognize this superstition regarding economic life, to realize how a vast number of people today simply believe that if economic life is organized according to their wishes, not only will a desirable social order emerge, but a new breed of human beings will even be bred—one that fits only into such a desirable social order.
[ 29 ] Das alles ist die moderne Form des Aberglaubens, der sich nicht auf den Standpunkt stellen kann, daß hinter all der äußeren ökonomischen und materiellen Wirklichkeit das Geistige mit seinen Impulsen waltet und vom Menschen als Geistiges aufgenommen werden muß, die Verkennung des Geistigen. Soll die Menschheit gesunden, dann ist das nur auf geistigem Wege möglich, dann ist das nur dadurch möglich, daß die Menschen geistige Impulse als geistige Erkenntnis und als soziales Denken und soziales Fühlen, das auf geisteswissenschaftlichen Grundlagen gebaut ist, in sich aufnehmen. Durch wirtschaftliche Evolutionen wird niemals der neue Mensch erzeugt, einzig und allein von innen heraus. Dann aber muß das geistige Leben frei auf sich selber gestellt sein. Ein solches Geistesleben, wie es sich im Laufe der letzten Jahrhunderte herausgebildet hat, das früher gefesselt war von dem rein kameralistischen Staate, jetzt von dem Wirtschaftsstaate, wird niemals imstande sein, den neuen Menschen wirklich zu gebären. Deshalb muß auf der einen Seite die Freiheit des Geisteslebens angestrebt werden dadurch, daß das geistige Leben sein Departement für sich hat. Dann muß auf der anderen Seite angestrebt werden, daß der Mensch das Wirtschaftsleben rein als Wirtschaftsleben führt, daß der Staat, der es nur zu tun hat mit dem Verhältnisse von Mensch zu Mensch, nicht Wirtschafter ist. Denn das Wirtschaftsleben geht darauf aus, alles was in sein Gebiet drängt, zu verbrauchen. Insofern der Mensch selber im Wirtschaftsleben drinnensteht, wird er verbraucht, und er muß sich fortwährend vor dem Verbrauchtwerden retten. Das wird er, wenn er ein entsprechendes Verhältnis von Mensch zu Mensch aufrichtet. Und das ist dann im regulierenden eigentlichen Staate verwirklicht.
[ 29 ] All of this is a modern form of superstition—a failure to recognize that behind all external economic and material reality, the spiritual realm, with its impulses, reigns supreme and must be received by human beings as something spiritual—a failure to recognize the spiritual. If humanity is to be healed, this is possible only through spiritual means; it is possible only if people take spiritual impulses into themselves as spiritual knowledge and as social thinking and social feeling built upon the foundations of spiritual science. Economic evolution will never bring forth the new human being; this can come solely from within. But then spiritual life must be left to develop freely on its own. Such a spiritual life, as it has developed over the course of the last few centuries—which was formerly bound by the purely cameralistic state and is now bound by the economic state—will never be capable of truly giving birth to the new human being. Therefore, on the one hand, the freedom of spiritual life must be sought by ensuring that spiritual life has its own sphere. On the other hand, we must strive to ensure that people conduct economic life purely as economic life, and that the state—which is concerned only with relationships between people—is not an economic actor. For economic life is aimed at consuming everything that intrudes into its sphere. To the extent that human beings are themselves caught up in economic life, they are consumed, and they must continually save themselves from being consumed. They do so by establishing an appropriate relationship between human beings. And this is then realized in the regulatory state proper.
[ 30 ] Wenn man solche Dinge unbefangen betrachtet, wie die sind, die wir heute wiederum betrachtet haben, so sieht man: gerade das ist das Wesentliche in den Impulsen, die sich durch die moderne soziale Bewegung heraufgebildet haben, daß sie erfüllt sind von einem Denken, das eigentlich ins Nichts hineingeht. Denken Sie doch nur einmal, wenn jemand als beste Erziehungsmaxime nach derselben Gedankenform das Folgende aufstellen würde und sagte: Ich will die vollkommenste Ausgestaltung der heutigen Erziehungsmethode ersinnen; dann gestalte ich sie so aus, daß man den Menschen dahin erzieht, daß er möglichst viel aufnimmt vom Todesprinzip, daß er, wenn er erzogen ist, möglichst anfängt zu sterben. Das wäre ein Gedanke, der sich als real erfaßter Gedanke in sich selbst vernichtet. Aber nun der Leninsche Gedanke vom Staat: Gerade wenn der Staat vollkommen ist, rüstet er sich zum Absterben. Sie sehen schon daraus: über nichts kann eigentlich das moderne Denken zu einer produktiven, fruchtbaren Vorstellung kommen. Auf dem Gebiete des geistigen Lebens nicht, weil das geistige Leben zu einer bloßen Ideologie geworden ist, bloße Gedanken umfaßt oder Naturgesetze, die auch nur Gedanken sind, und weil dieses Geistesleben außerdem gefesselt ist von dem Wirtschaftsleben oder von dem politischen Leben. Das hat ja insbesondere diese Kriegskatastrophe gezeigt. Denken Sie sich doch, wieviel von diesem geistigen Leben abhängig war. Da hat sich die Fesselung in der furchtbarsten Weise gezeigt, überall, über die ganze Erde hin. — Dann auf dem Gebiete des Staatslebens sahen Sie es ja: Die Sozialisten, die die Halbgedanken der Bürgerlichen zu Ende denken, denken einen Staat aus, der gerade die Eigentümlichkeit hat, daß er sich selber zum Absterben bringt. Und auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens geben sich alle dem Aberglauben hin, als ob dieses Wirtschaftsleben, das uns in Wirklichkeit verbraucht und gegen dessen Verbrauchen wir gerade die beiden anderen Departemente haben müssen —, daß dieses Wirtschaftsleben den neuen Menschenschlag hervorbringen werde.
[ 30 ] If one looks at such things impartially, as we have done again today, one sees that the very essence of the impulses that have emerged through the modern social movement is that they are imbued with a way of thinking that actually leads into nothingness. Just imagine, for a moment, if someone were to propose the following as the best educational maxim, following the same line of thought, and say: “I want to devise the most perfect form of today’s educational method; I will shape it in such a way that people are educated to absorb as much as possible of the principle of death, so that, once educated, they begin to die as much as possible.” That would be a thought that, as a thought grasped as real, destroys itself. But now consider Lenin’s idea of the state: precisely when the state is perfect, it prepares to wither away. You can already see from this that modern thinking cannot actually arrive at a productive, fruitful conception of anything. Not in the realm of intellectual life, because intellectual life has become a mere ideology, encompassing mere thoughts or laws of nature that are also merely thoughts, and because this intellectual life is, moreover, shackled by economic life or political life. This was demonstrated particularly by the catastrophe of the war. Just imagine how much depended on this spiritual life. There, this bondage manifested itself in the most terrible way, everywhere, across the entire earth. — Then, in the realm of political life, you saw it yourselves: the socialists, who carry the bourgeoisie’s half-formed ideas to their logical conclusion, conceive of a state that has the very characteristic of bringing about its own demise. And in the realm of economic life, everyone succumbs to the superstition that this economic life—which in reality consumes us and against whose consumption we must have precisely the other two spheres—will bring forth a new breed of humanity.
[ 31 ] Auf keinem Gebiete ist es dem modernen Denken gelungen, zu etwas zu kommen, was lebensfähige Zustände herbeiführen kann. So daß man sagen kann: was auf dem Boden der Geisteswissenschaft auf diesem Gebiete gewollt wird, das ist eben gerade, aus todeswürdigen lebenswürdige Zustände herauszugestalten. Aber dann handelt es sich wirklich nicht darum, daß, wie das jetzt in der Gegenwart viele hoffen und wie es sich da oder dort auch schon vollzieht, daß diejenigen, die vorhin unten gewesen sind, jetzt oben sind, und jene unten sind, die vorhin oben gewesen sind. Die jetzt unten sind, haben früher oben reaktionär oder bourgeois gedacht, die jetzt oben sind, denken sozialistisch. Aber die Gedankenformen sind im Grunde ganz dieselben. Denn nicht darauf kommt es an, was einer denkt, sondern wie einer denkt. Und sobald man dies versteht, hat man schon den Grundimpuls zum Verstehen gerade dieser Dreiteilung des sozialen Organismus, die eben auf die Wirklichkeit geht, darauf, was sich als die Gesundheit des sozialen Organismus herausentwickeln muß.
[ 31 ] In no field has modern thinking succeeded in achieving anything that can bring about viable conditions. So one can say: what is sought in this field on the basis of spiritual science is precisely to transform conditions that are unworthy of life into ones that are worthy of life. But this is certainly not a matter of—as many hope today and as is already happening here and there—those who were previously at the bottom now being at the top, and those who were previously at the top now being at the bottom. Those who are now at the bottom used to think in reactionary or bourgeois terms when they were at the top; those who are now at the top think in socialist terms. But the forms of thought are, at their core, exactly the same. For what matters is not what one thinks, but how one thinks. And as soon as one understands this, one already has the fundamental impulse to understand precisely this threefold division of the social organism—which is rooted in reality—and what must develop as the health of the social organism.
[ 32 ] Wir dürfen uns wirklich auf unserem Gebiete sagen: es ist aus dem geisteswissenschaftlichen Erkennen das Wichtigste für die Zeit herauszuholen, und wir müssen uns hüten, diese tief, tief ernste und bedeutungsvolle Seite unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung zu verkennen. Wir verkennen sie aber, meine lieben Freunde, wenn wir uns überwältigen lassen, gerade auf dem Gebiete des anthroposophisch orientierten Geisteswissens in irgendwelche Sektiererei zu verfallen. Es sollte schon jeder mit sich zu Rate gehen mit Bezug auf die Frage: wieviel steckt in mir noch Sektiererisches? Denn die moderne Menschheitsbewegung geht darauf aus, alles Sektiererische aus dieser Menschheitsentwickelung auszutreiben, nicht sektiererisch zu sein, nicht abstrakt zu sein, sondern menschenfreundlich zu sein, weite Gesichtspunkte zu gewinnen, nicht enge, sektiererische Gesichtspunkte zu gewinnen. Insofern von einer gewissen Seite her diese unsere Bewegung aus der theosophischen herausgewachsen ist, stecken in ihr die Keime eben zu sektiererischem Treiben. Aber diese Keime müssen erstickt werden. Das Sektiererische muß ausgetrieben werden. Und die weiten Horizonte sind uns vor allen Dingen nötig, das unbefangene Hinblicken auf die Wirklichkeit.
[ 32 ] In our field, we can truly say: it is our task to draw out what is most important for our time from spiritual scientific knowledge, and we must be careful not to misunderstand this deeply, deeply serious and significant aspect of our spiritual scientific movement. But we misunderstand it, my dear friends, when we allow ourselves to be swept away—precisely in the realm of anthroposophically oriented spiritual knowledge—into falling into any kind of sectarianism. Everyone should take a good look within themselves regarding the question: How much of a sectarian mindset still remains within me? For the modern human movement is aimed at driving out all sectarianism from human development—not to be sectarian, not to be abstract, but to be philanthropic, to gain broad perspectives, not narrow, sectarian ones. Insofar as, from a certain perspective, our movement has grown out of the Theosophical Society, it contains the seeds of sectarianism. But these seeds must be stifled. Sectarianism must be eradicated. And above all, we need broad horizons—an unbiased view of reality.
[ 33 ] Neulich habe ich gesagt: Wer Coupons abschneidet, soll sich klar sein, daß in diesen abgeschnittenen Coupons menschliche Arbeitskraft steckt, und insofern menschliche Arbeitskraft versklavt ist in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, nimmt er mindestens Teil an der Versklavung. Darauf darf nicht erwidert werden: Das ist entsetzlich! — oder dergleichen; denn diese Erwiderung: Das ist entsetzlich! — ist die furchtbarste Theorie, ist etwas, was einen sehr leicht gerade zu dem heutigen modernen sektiererischen Treiben verleiten kann. Ich habe dieselbe Sache oftmals in anderer Form gesagt. Da hören die Leute von Luzifer und Ahriman und sagen sich: um Gotteswillen, ja weit, weit weg — ich habe nichts zu tun mit Luzifer und Ahriman; ich habe nichts mit ihnen zu tun, ich bin nur beim guten Gotte! — Um so tiefer verfallen die Leute dem Luzifer und Ahriman, wenn sie so auf die abstrakte Weise herankommen. Man muß schon die Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit haben, zu wissen, daß man drinnensteckt in dem gegenwärtigen sozialen Prozeß und daß man nicht bloß durch irgendwelche Selbsttäuschung herauskommen kann, sondern daß man sein Möglichstes tun soll, damit der soziale Prozeß zur Gesundung kommt im Ganzen. Der Einzelne kann sich nicht helfen, so wie heute die Menschheit entwickelt ist, sondern er muß das Seinige dazu tun, um der armen Menschheit mitzuhelfen. Nicht darauf kommt es an, daß wir uns heute sagen: ich will ein guter Mensch sein, uns hinsetzen, Gedanken aussenden, die alle Menschen lieben und so weiter, sondern darauf kommt es an, meine lieben Freunde, daß wir uns in diesem sozialen Prozesse drinnenstehend verstehen, daß wir das Talent entwickeln, auch schlecht zu sein mit der schlechten Menschheit, nicht weil es gut ist, schlecht zu sein, sondern weil eine soziale Ordnung, die überwunden werden muß, die zu etwas anderem gebracht werden muß, eben dazu zwingt, so zu leben. Nicht von der Illusion sollen wir leben wollen, wie brav, wie gut wir sind und uns die Finger ablecken, wie wir selber besser sind als die anderen; sondern wissen, wie wir drinnenstehen, das sollen wir, uns keinen Illusionen hingeben. Denn je weniger wir uns den Illusionen hingeben, desto mehr wird der Elan in uns Platz greifen, mitzuarbeiten an dem, was zur Gesundung des sozialen Organismus führt, die Fähigkeiten uns zu erobern, aufzuwachen gegenüber dem Schlafzustand, der die heutigen Menschen so tief befangen hat. Und da kann nichts anderes helfen, als die Möglichkeit, die energischeren Gedanken, die eindringlicheren Gedanken zu fassen, die in der Geisteswissenschaft gegeben sind, gegenüber den schwachen, lässigen, gelähmten Gedanken, die heute in der offiziellen Wissenschaft, im offiziellen Wissenschaftsbetrieb vorhanden sind.
[ 33 ] I said the other day: Anyone who cuts out coupons should be aware that human labor is embodied in those coupons, and to the extent that human labor is enslaved within the capitalist economic system, that person is at the very least participating in that enslavement. One must not respond to this by saying, “That’s appalling!”—or anything of the sort; for this response—“That’s appalling!”—is the most dreadful theory, something that can very easily lead one right into today’s modern sectarian activities. I have said the same thing many times in a different form. People hear about Lucifer and Ahriman and say to themselves: “For heaven’s sake, yes, far, far away—I have nothing to do with Lucifer and Ahriman; I have nothing to do with them, I am only with the good God!”—The more people approach the matter in this abstract way, the deeper they fall prey to Lucifer and Ahriman. One must have the sincerity and honesty to recognize that one is caught up in the current social process and that one cannot extricate oneself from it merely through self-deception, but must do one’s utmost to ensure that the social process as a whole can recover. The individual cannot help himself, given the state of humanity today; rather, he must do his part to help poor humanity. What matters is not that we say to ourselves today, “I want to be a good person,” sit down, send out thoughts that all people love, and so on; rather, what matters, my dear friends, is that we understand ourselves as being part of this social process, that we develop the ability to be bad alongside a bad humanity—not because it is good to to be bad, but because a social order that must be overcome—that must be transformed into something else—compels us to live this way. We should not want to live under the illusion of how well-behaved or good we are, nor should we gloat over how we ourselves are better than others; rather, we must know where we stand—that is what we must do—and not give in to illusions. For the less we succumb to illusions, the more the impulse within us will take hold to contribute to what leads to the healing of the social organism—to master our abilities and awaken from the state of slumber that has so deeply gripped people today. And nothing else can help here but the ability to grasp the more energetic, more compelling thoughts found in spiritual science, as opposed to the weak, lackadaisical, paralyzed thoughts that prevail today in official science and the official scientific establishment.
[ 34 ] Ich muß daran denken, wie ich vor vielleicht heute achtzehn, neunzehn Jahren im Berliner Gewerkschaftshause einmal davon gesprochen habe, wie die heutige, die Wissenschaft der Gegenwart, eine bourgeoise Wissenschaft ist und wie die Entwickelung darauf hinauslaufen muß, gerade die Gedanken, gerade die Wissenschaft zu befreien von dem bourgeoisen Elemente. Ja, das verstehen die Führer des Proletariats heute durchaus nicht, denn die sind davon überzeugt, daß die bürgerliche Wissenschaft, die sie übernommen haben, etwas Absolutes ist. Was wahr ist, ist wahr. Darüber denken die Sozialisten auch nicht nach, wie das zusammenhängt mit der bourgeoisen Entwickelung. Sie reden von den Impulsen, von den Emotionen des Proletariats, aber sie denken ganz bourgeois, ganz bürgerlich. — Nun werden gewiß viele von Ihnen selber sagen: Ja, aber was wahr ist, ist doch eben wahr. — Ja, meine lieben Freunde, gewiß, eine gewisse Summe, sagen wir, von chemischen, von physikalischen Wahrheiten, von mathematischen Wahrheiten ist freilich wahr. Es kann nicht auf bürgerliche Weise wahr sein und auf proletarische Weise wahr sein. Ganz gewiß ist der pythagoräische Lehrsatz nicht auf bourgeoise Weise wahr oder auf proletarische Weise wahr und so weiter, ganz selbstverständlich. Darum handelt es sich aber nicht, sondern darum handelt es sich, daß die Wahrheiten ein gewisses Feld umschließen.
[ 34 ] I am reminded of how, perhaps eighteen or nineteen years ago today, I once spoke at the Berlin Trade Union House about how today’s science—the science of the present—is a bourgeois science, and how its development must ultimately lead to the liberation of thought itself, of science itself, from bourgeois elements. Yes, the leaders of the proletariat today do not understand this at all, for they are convinced that the bourgeois science they have adopted is something absolute. What is true is true. Nor do the socialists reflect on how this relates to bourgeois development. They speak of the impulses and emotions of the proletariat, but they think in a thoroughly bourgeois, thoroughly middle-class way. — Now, many of you will surely say: Yes, but what is true is simply true. — Yes, my dear friends, certainly, a certain body of, let’s say, chemical, physical, and mathematical truths is, of course, true. It cannot be true in a bourgeois way and true in a proletarian way. Certainly, the Pythagorean theorem is not true in a bourgeois way or true in a proletarian way, and so on—that goes without saying. But that is not the point; the point is that these truths encompass a certain field.


[ 35 ] Bleibt man bei diesem Felde stehen, so kann das, was darin ist, ja gewiß wahr sein, aber es sind Wahrheiten, die gerade just den bürgerlichen Kreisen nützlich und bequem und angemessen sind, während außerhalb (siehe Zeichnung) manches andere liegt, was man auch wissen kann, was einfach unberücksichtigt bleibt von der Bourgeoisie. Also darauf kommt es nicht an, daß die chemischen, die mathematischen Wahrheiten wahr sind, sondern daß es außer diesen Wahrheiten auch noch andere gibt, die erst das richtige Licht auf diese werfen, daß dadurch eine ganz andere Nuance herauskommt und die Wissenschaft auf einen breiteren wissenschaftlichen Horizont, der eben kein bourgeoiser sein kann, gestellt wird. Nicht ob die Sachen wahr sind oder nicht, sondern was man von der Wahrheit haben will, das ist es, worum es sich handelt. Und selbst auf die Qualität der Wahrheit färbt die Sache ab. Gewiß, die Chemieprofessoren werden an den Universitäten nicht sonderliche Sprünge machen können, weil im Laboratorium der Chemieprofessor derjenige ist, der die Dinge kennt, der weiß, daß er selber am wenigsten denkt: da denken die Methoden und so weiter; die werden nicht sonderliche Sprünge machen können. Aber sobald dasselbe Denken herübergeht in die Geschichte, in die Literaturgeschichte, in dasjenige, was überhaupt die Menschen heraushebt aus dem wirtschaftlichen Leben und erst in eine menschenwürdige Sphäre bringt, da geht es dann gleich los. Und die Geschichte ist nichts anderes, so wie sie dasteht, als eine bürgerliche Fable convenue; ebenso die Philosophie und andere Wissenschaften. Nur ahnen das die Leute nicht, nehmen es als objektive Wissenschaft hin.
[ 35 ] If one confines oneself to this field, what is contained within it may certainly be true, but these are truths that are precisely useful, convenient, and appropriate for bourgeois circles, whereas outside of it (see illustration) there are many other things that one can also know, but which are simply ignored by the bourgeoisie. So what matters is not that the chemical and mathematical truths are true, but that, in addition to these truths, there are others that shed the proper light on them, thereby revealing an entirely different nuance and placing science on a broader scientific horizon—one that simply cannot be bourgeois. It is not whether things are true or not, but what one wants to gain from the truth—that is what matters. And this even affects the very nature of truth itself. Certainly, chemistry professors at universities will not be able to make any great leaps, because in the laboratory, the chemistry professor is the one who knows the facts, who knows that he himself thinks the least: there, the methods and so on do the thinking; they won’t be able to make any great leaps. But as soon as that same way of thinking crosses over into history, into literary history, into that which sets people apart from economic life in the first place and brings them into a sphere worthy of human dignity, that’s when things really take off. And history, as it stands, is nothing more than a bourgeois fable convenue; the same goes for philosophy and other sciences. People simply don’t suspect this; they accept it as objective science.
[ 36 ] Da kann nur gesundendes Leben Platz greifen, wenn der wissenschaftliche Betrieb seiner Selbstverwaltung zurückgegeben wird, kurz, wenn jene Dreigliedrigkeit eintritt, von der ich nun öfter gesprochen habe.
[ 36 ] A healthy way of life can only take root if scientific activity is returned to self-governance—in short, if that threefold structure I have spoken of so often is put into practice.
[ 37 ] Ich muß noch eine kleine Korrektur anbringen. Ich sagte neulich, als ich darauf aufmerksam machte, daß sich in Stuttgart für unseren Aufruf das deutsche Komitee gebildet hat, daß die Herren Dr. Boos, Molt und Kühn dieses Komitee bilden; ich wurde aufmerksam gemacht, daß in Stuttgart auch Dr. Unger, unser Freund, in wesentlicher Weise mitwirkt, und daß das nicht vergessen werden darf.
[ 37 ] I need to make one small correction. I said the other day, when I mentioned that the German committee had been formed in Stuttgart in response to our appeal, that Dr. Boos, Molt, and Kühn make up this committee; it was brought to my attention that Dr. Unger, our friend, is also playing a significant role in Stuttgart, and that this must not be forgotten.
[ 38 ] Nun, meine lieben Freunde, habe ich heute gerade versucht, aus der Zeitgeschichte heraus Ihnen wiederum die Dinge zu beleuchten. Es liegt mir wirklich sehr auf dem Herzen, daß unsere Freunde gerade vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus immer tiefer und tiefer versuchen einzudringen in das soziale Problem. Sie haben die Grundlagen dazu, um es zu verstehen, und auf das Verständnis kommt es zunächst an. Wer in die heutige Zeitgeschichte hineinschaut, ich habe das schon betont, der denkt nicht daran, daß man durch solch einen Aufruf und alles, was sich daranschließt, auf einen Erfolg von heute auf morgen rechnen kann. Die in Zürich gehaltenen Vorträge werden ja, erweitert und durch konkrete einzelne Fragen ergänzt, demnächst als Buch erscheinen, so daß man dasjenige, was im Aufrufe in ein paar lapidaren Sätzen enthalten ist, in aller Ausführlichkeit haben wird. — Was da kommt, das ist, daß sich die Bewegungen, die heute Raubbau treiben, wirklich erst ad absurdum führen, sich erst bis zur völligen Ratlosigkeit und bis zum Unglück entwickeln müssen. Aber man muß in der rechten Zeit etwas schaffen, worauf dann zurückgegriffen werden kann, wenn das Alte sich selbst ad absurdum geführt hat. Deshalb ist es so unendlich notwendig, daß die Impulse, die einmal in Ihre Herzen gelegt sind, nicht wiederum fallengelassen werden, sondern daß Sie auch Ihrerseits — jeder, wo er nur kann mitwirken an dem, was notwendig zu geschehen hat.
[ 38 ] Well, my dear friends, today I have once again tried to shed light on these matters for you from the perspective of contemporary history. It is truly very close to my heart that our friends, particularly from the standpoint of the spiritual sciences, strive to delve ever deeper and deeper into the social problem. You have the foundation to understand this, and understanding is what matters most at first. Anyone who looks at contemporary history—as I have already emphasized—does not expect that such a call, and everything that follows from it, will lead to success overnight. The lectures given in Zurich—expanded and supplemented with specific individual questions—will soon be published as a book, so that what is contained in the appeal in a few concise sentences will be presented in full detail. — What is to come is that the movements that are currently engaging in exploitative practices must first truly drive themselves to absurdity, must first develop to the point of complete helplessness and misfortune. But we must create something at the right time that can then be drawn upon once the old order has reduced itself to absurdity. That is why it is so infinitely necessary that the impulses once planted in your hearts not be abandoned again, but that you, for your part—each of you, wherever you can—contribute to what must happen.
