Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

The Social Question as a Question of Consciousness
GA 189

16 February 1919, Dornach

Translate the original German text into any language:

Zweiter Vortrag

Lecture II

[ 1 ] Was ich immer wieder betonen möchte und jetzt auch in Anknüpfung an das gestern im Zusammenhange mit unserem Aufruf Gesagte, ist, daß es mir als das Nächste in der heutigen Lebenslage der Menschheit darauf ankommt, in möglichst vielen Menschen richtiges soziales Verständnis hervorzurufen. Sie müssen nicht vergessen, daß die Lebensverhältnisse, wie sie sich in der neueren Zeit entwickelt haben, über einen großen Teil der zivilisierten Welt eine Art von Chaos hervorgebracht haben; ein Chaos, dem nur beizukommen sein wird von den Menschenseelen selbst aus. Äußere Mittel — seien sie nun gesetzgeberisch gedacht oder in Form einer bloß äußeren Ordnung des Wirtschaftslebens — werden, so wie die Lage nun einmal gekommen ist, nicht in durchgreifender Weise der Menschheit helfen können. Gewiß, es kann in einzelnen Territorien noch eine Weile gehen, aber es wäre heute falsch zu glauben, daß damit irgendwelche Verhältnisse vorliegen, die für Einzelterritorien auf die Dauer bleiben können inmitten der sozialen Welle, die sich als eine die ganze Menschheit umfassende entwickeln muß. Von anderswoher als aus dem sozialen Verständnis, aus den Begriffen der Menschenseelen gegenüber den sozialen Verhältnissen, von anderswoher kann keine Hilfe kommen.

[ 1 ] In connection with what I said yesterday about our Appeal, I should like to emphasise again that in man's present conditions of life everything depends upon arousing, in as many people as possible, a right social understanding. You must not forget that the way the relations in life have recently developed has brought a great part of the civilised world into a state of chaos such as is only occasioned by what arises out of human souls. As the situation is at present, external means cannot greatly help mankind, whether this is in the form of laws or in the form of outward administration of the economic life. In individual States it is possible, of course, that for a time things may go on, but it would be a mistake to think conditions in these individual States can permanently remain as they are in the midst of the developing social upheavals encompassing all mankind. Help can come only when an understanding of the social relations is cultivated in men's souls.

[ 2 ] Man kann das, was ich jetzt etwas komplizierter gesagt habe, ja auch einfacher sagen. Man kann sagen: es wird dasjenige, was jetzt in Unordnung hineinstrebt, nicht wieder in eine Ordnung streben, wenn die Menschen sich nicht geeignet erweisen, diese Ordnung zu machen. Und sie werden sich nur geeignet erweisen, diese Ordnung zu machen, wenn sie wirkliches soziales Verständnis erwerben, von dem die heutige Menschheit — man kann sagen, die heutige Menschheit aller Parteirichtungen — so weit als nur irgend möglich entfernt ist. Dieses soziale Verständnis zu verbreiten, das ist es, woran man zuerst denken muß. Die Tatsache ist von durchgreifender Wichtigkeit, daß es etwas ganz anderes ist, was in den Seelen der Millionen und aber Millionen Proletarier selbst lebt, als das, was in deren Führern lebt. Die Führer tragen in sich zum großen Teil die Erbschaft der bürgerlichen Lebensauffassung, die sie anwenden wollen — nur in einer etwas agitatorischen Form — auf die Lebensverhältnisse des Proletariats.

[ 2 ] What I have put in rather a complicated form can also be said more simply. We may say that what is now a striving for disorder will first take an orderly direction when men show themselves capable of producing order. They will be so only when they arrive at a real social understanding from which man today—of whatever party—stands very far removed. It is the most imperative task to spread this understanding. It is a fact of the utmost importance that what is agitating the souls of many millions of the proletariat is something very different from what lives in the souls of their leaders. The leaders have for the greater part inherited the bourgeois attitude to life, which they try to apply to the conditions of proletarian life adorned with a few flourishes of the agitator.

[ 3 ] Dies ist eine durchgreifende Tatsache. Und man trägt dieser Tatsache nur Rechnung, wenn man sich entschließt, zunächst auf soziales Verständnis hinzuwirken. Selbst wenn man sich gestehen muß, daß die äußeren Verhältnisse zunächst noch verworrener werden, als sie schon sind, so würde man doch von einer falschen Voraussetzung ausgehen, wenn man glauben wollte, daß man durch irgendwelches Pfuschen da oder dort etwas erreichen könne. Was den Menschen heute fehlt, das ist ja soziales Verständnis. Aus dem Grunde fehlt es den Menschen, weil die ganze Entwickelung des Denkens, die ganze Entwickelung des Fühlens und Wollens der Menschheit in der neueren Zeit es sich nicht hat angelegen sein lassen, soziales Verständnis wirklich herbeizuführen. Das soziale Verständnis ist auch bei vielen derjenigen Personen, in denen der soziale Impuls heute mächtig ist, außerordentlich gering.

[ 3 ] This is an essential fact with which we act in accordance only when deciding to work above all for social understanding. Even when external conditions of life have to be recognised as being in still greater confusion and error than formerly, nevertheless the assumption that something can be attained by muddling through would be false. What modern man lacks is social understanding. And this lack is due to the whole of human thinking, feeling and willing having developed in recent times without being applied to this understanding. It is remarkably limited even in the many people today whose social impulses are strong.

[ 4 ] Fassen Sie das nicht so auf, als ob es besonderer, weitgehender Kenntnisse, weitmaschiger Wissenschaft bedürfe, um soziales Verständnis zu entwickeln. Nicht daran liegt es, sondern es liegt daran, daß einfach die elementarsten Richtlinien nach dem sozialen Verständnis hin der heutigen Menschheit fehlen. Die Menschen denken an ganz andere Dinge, als an diejenigen, an die gedacht werden muß, wenn es sich um die Erwerbung des primitivsten sozialen Verständnisses handelt. Und auf dieses primitivste soziale Verständnis kommt es zunächst an. Es ist ganz richtig, wenn man heute vor allen Dingen seine Aufmerksamkeit darauf richtet, den Weg zu finden von den abstrakten, schwarmgeistigen Begriffen, bei denen sich viele Menschen heute beruhigen; die Menschen glauben, daß die heutige Zeit die Möglichkeit habe, von irgendeinem ethischen oder religiösen Standpunkte aus das, was das soziale Problem ist, zu ordnen. Das ist nicht der Fall. Man kann heute den Leuten noch so gute religiöse, ethische Lehren predigen; die können das Gemüt erwärmen und haben manche Wirkung — gerade in einem egoistischen Sinne. Es müssen die Begriffe fähig gemacht werden, einzugreifen in das soziale Getriebe der Menschen.

[ 4 ] Do not think that this social understanding needs some specially comprehensive and far-reaching knowledge for its development. That is not of any consequence; the point is that in contemporary mankind there is lacking even the elementary basis for such an understanding. People's thoughts are very different from those needed for grasping the most primitive social questions.—It is quite right today that attention should be given above all to finding a way to avoid the abstract sentimental concepts at present pacifying so many. It is widely believed that it is possible today to deal with the social problem from some kind of ethical or religious standpoint. This possibility does not exist. Today one cannot just preach religion or ethics, however excellent. This may just warm the feelings and, in an egoistic sense, have some effect. Concepts, however, must be made capable of gripping hold of the everyday affairs of human beings.

[ 5 ] Also auf die Erwerbung des Verständnisses kommt unendlich viel heute an. Ich sagte: die Menschen, in denen auch der soziale Impuls heute mächtig wogt und sprüht, haben vielfach primitive Begriffe. Nicht wahr, es gibt ja noch viele Menschen — auf der einen Seite den leitenden Kreisen angehörig, auf der anderen Seite der proletarischen Welt angehörig —, die sich vorstellen, daß eine einfache Umschichtung eine wirkliche Änderung bringen könne. Also zum Beispiel, wenn diejenigen, die bisher oben waren, die Minister und Staatssekretäre, herunterpurzeln und die anderen, die bisher in irgendwelchen Proletarierpositionen waren, hinaufsteigen, wenn also einfach eine Umschichtung stattfindet; daß dadurch die Dinge anders werden könnten, das wäre eine ganz irrtümliche Vorstellung. Es werden manche Leute ablehnen, daß sie eine solche Vorstellung haben. Und dennoch haben sie sie eigentlich. Sie sind nur umnebelt von allerlei Parteianschauungen, und dadurch kommt ihnen nicht zum Bewußtsein, daß sie eigentlich solche Vorstellungen haben, wie ich sie jetzt angedeutet habe. Worum es sich handelt, ist, daß in wirklich einfacher Weise die Menschen sich ein Verständnis erwerben für das, was ich Ihnen jetzt öfter hier und auch in öffentlichen Vorträgen vorgebracht habe; ein Verständnis erwerben für die notwendige Dreigliederung des sozialen Organismus; daß alle Einzelheiten in den sozialen Maßnahmen sich so entwickeln, daß Rechnung getragen werde der Notwendigkeit, die in dieser Dreigliederung liegt — darauf kommt es an. Ob man nun die Maßnahmen zu treffen hat mit Bezug auf, sagen wir, den Bau einer Eisenbahn, die einer Privatgesellschaft oder dem Staate übertragen werden soll, oder ob man zu entscheiden hat über die Art und Weise, wie man bei irgendeiner Gelegenheit Leistungen entlohnt — ich sage nicht Arbeitskräfte, sondern Leistungen —, bei allen diesen Dingen kommt es darauf an, daß man seinen Maßnahmen die Richtung gibt nach dieser Dreigliederung, nach der Verselbständigung des geistigen Lebens, des rechtlichen Lebens — dem Staate, dem eigentlichen politischen Leben — und des wirtschaftlichen Lebens.

[ 5 ] Infinitely much depends today on acquiring this understanding. I have said that men today in whom social impulses are flashing up have very often only primitive concepts. Many in leading circles as well as among the proletariat imagine that a simple reassortment of social levels can bring about real change;—for example, if those who were at the top, ministers and secretaries of State were to fall and those who were formerly proletarians were to rise, in effect, if there were a re-levelling. It would be quite a mistake to fancy that things could be changed thus. Many have this idea however much they may protest. Befogged by the outlook of some party or another they are unconscious of holding these views. It is a question, however, of coming quite simply to a clear understanding of the threefold social organism, often dealt with here and also in many public lectures. It is a question of every detail in social measures being so developed that they comply with the necessity inherent in the threefold order. Whether measures have to be taken to build a railway, either under a private company or the State, or a decision is to be made about the ways and means for paying an undertaking on some occasion (I am not speaking of labour-power but of undertakings) it is always a matter of carrying out the measures in the threefold direction, in accordance with the independence of the spiritual life, of the political life of rights and of the economic life.

[ 6 ] Sie können dann gewiß die Frage aufwerten: Wie soll das eine oder das andere geschehen? Das sind zum großen Teil falsch aufgeworfene Fragen in dem Stadium, in dem heute die Sache steht. Der Geist desjenigen, was in dieser Dreigliederung lebt, der läßt sich etwa in der folgenden Weise umschreiben. Nicht wahr, es gibt zum Beispiel, um etwas herauszugreifen, das beste Besteuerungssystem. Nun handelt es sich heute gar nicht darum, dieses beste Besteuerungssystem auszudenken, sondern es handelt sich darum, hinzuarbeiten auf die Dreigliederung. Und wenn diese Dreigliederung sich immer mehr und mehr verwirklicht, so wird durch die Tätigkeit dieser Dreigliederung des sozialen Organismus das beste Steuersystem entstehen. Es handelt sich darum, die Bedingungen herzustellen, unter denen die besten sozialen Einrichtungen entstehen können. Denn daß irgendeiner den Gedanken hat, das Beste auszuspintisieren, darum kann es sich gar nicht handeln, das hat gar keinen Wirklichkeitswert. Bedenken Sie doch nur einmal, Sie wären — irgendeiner von Ihnen — ein so großes Genie, wie es noch gar nicht dagewesen ist in der menschheitlichen Entwickelung, und dadurch, daß Sie ein so großes Genie wären, würden Sie in der Lage sein, das beste Steuersystem auszudenken. Wenn Sie da nun aber allein in der Welt stehen mit ihrem Gedanken des besten Steuersystems, und die anderen wollen das nicht, sie wollen vielleicht das falsche, aber sie wollen das Ihrige nicht — das ist es, worauf es ankommt. Nicht darauf kommt es an, das Beste zu denken, sondern dasjenige zu finden, auf Grund dessen die Menschheit in ihrer Gesamtheit das Beste tun wird. Nun, so können Sie allerdings sagen: Ja, aber irgendwo muf man doch anfangen. Man muß die Dreigliederung einrichten, auch wenn die Menschen sie nicht wollen!

[ 6 ] You can of course ask how this or the other should happen. But at the stage where the matter now stands those are for the most part the wrong kind of questions. The spirit living in the threefold order can perhaps be described like this, to take an example: What is the best system of taxation? Now today the important thing is not to think out a system of taxation but to work towards the threefold order. When this threefold membering of the social organism becomes more and more an actuality the best system of taxation will arise through this threefold activity. It is a matter of establishing the conditions under which the best social organisation can originate. Someone or other ruminating over what would be best is not of importance and is not in accordance with reality. But imagine that one of you were a genius, such a genius as has never before been seen in human evolution, and were therefore in a position to think out the best possible system of taxation. But what if you were to stand alone with your magnificently thought-out system and the others refused it, wanting perhaps something less good but anyhow not yours? You see it is not a matter of thinking out the best, but of finding what men as a whole would accept as a basis on which to do their best.

[ 7 ] Das ist etwas anderes, meine lieben Freunde; denn da handelt es sich nicht um etwas, was so wie irgendein Steuersystem die Menschen wollen können oder nicht wollen können, sondern da handelt es sich um etwas, was eigentlich im Grunde genommen alle Menschen wollen, wenn sie es nur verstehen. Das ist dasjenige, was Sie den Menschen, wenn Sie den richtigen Weg finden, wirklich zum Verständnis bringen können, weil die Menschen im Unterbewußten wollen, daß es sich eben realisieren soll in den nächsten Jahrzehnten des Lebens der Menschheit über die zivilisierte Welt hin. Das ist nicht ausgedacht, sondern das ist beobachtet, was die Menschen wollen. Und nicht deshalb weisen es heute noch zahlreiche Menschen zurück, weil sie es nicht wollen, sondern nur, weil sie voller Vorurteile noch sind und eigentlich gegen die Sache arbeiten, die sich durchaus realisieren will. Das andere ergibt sich als Konsequenz. Sie müssen auf das Primäre gehen. Das Primäre ist dasjenige, wofür — mag es nun kürzer oder länger dauern — Verständnis wird erweckt werden können, wenn nur erst einiges von dem, was heute noch dieses Verständnis hindert, beseitigt sein wird. Es sind ja natürlich noch immer gewisse Führerpersönlichkeiten da, die sich in den Weg stellen. Diese Führerpersönlichkeiten werden nicht zu überzeugen sein; die müssen erst selbst ihre Köpfe blutig schlagen an den Widerständen, die sich ihnen bieten werden. Und solche Widerstände wird es viele geben. Deshalb darf die Sache auch nicht, wenn sie heute nicht gleich auf den ersten Anhieb so geht, wie man es sich vorstellt, als eine vergebliche bezeichnet werden. Die Sache muß vorbereitet sein. Sie muß da sein, wenn im Leben das, was sich jetzt realisiert — falsch realisiert —, sich selbst ad absurdum geführt haben wird, wenn vieles von dem, was jetzt in die Welt tritt, ebensowenig mehr da sein wird, wie die deutschen Fürsten zum Beispiel jetzt noch da sind, die auch noch 1913 sich nicht träumen ließen, daß sie 1919 nicht mehr da sein würden. Wenn das weg ist, was jetzt die Leute oftmals noch bejubeln, dann muß wenigstens etwas da sein in den Köpfen, in den Herzen der Leute, auf das zurückgegriffen werden kann. Es muß vorbereitet werden, der Boden muß geschaffen werden. Das ist es, woran Sie bei diesen Dingen denken müssen, meine lieben Freunde. Sie werden, wenn Sie einmal genügend lange und genügend gründlich auf diese Dreigliederung in Geistesleben, in politisches Leben, in wirtschaftliches Leben eingedrungen sind, dann schon das Bedürfnis haben, weiter in den Sachen ein gewisses Verständnis sich zu entwickeln. Dieses Verständnis ist eben durchaus notwendig, sonst redet man über die Dinge so, daß man ja allen guten Willen in seine Rede hineinversetzen kann, aber es kann keine Realität daraus werden. Der soziale Organismus ist ebenso bestimmten Gesetzen unterworfen wie der natürliche menschliche Organismus. Handeln Sie gegen diese Gesetze des sozialen Organismus mit den allerschönsten Prinzipien, so können Sie nichts erreichen. Sie können höchstens die Menschen in eine Sackgasse hineinführen. — Das ist es, worauf es ankommt.

[ 7 ] It is true that you may say here: One must begin somewhere. The threefold State must be set up even though men appear unwilling to accept it. That is something different, for there it is not a matter of what men can wish for or not, such as a system of taxation, but of what fundamentally all men would want were they to understand it. If you find the right way you can make it intelligible to them, for subconsciously men want it to be realised during the coming decades throughout the civilised world. That is not merely thought-out, but seen to be what men are wanting. And it is not because they lack the desire that countless men reject it, but because being still full of prejudices, they work in opposition to this matter, which in future will be fully realised. The essential thing is to pay heed to what is primary. The primary is that for which, in a longer or shorter period, understanding can be awakened when once the hindrances to this understanding have been removed. Naturally there are always leading personalities who stand in the way. These personalities are not to be convinced; they must first break their heads against the obstacles they meet. And there will be many such obstacles. On this account if at first the affair does not go as one had imagined, it need not be labeled a failure. Things of this sort must be prepared for. Something must be there when what is now brought about in a mistaken way will have led to an absurd situation, when much that now appears in the world is no longer there—just as the German princes are no longer there, who in 1913 never dreamed they would have disappeared by 1919—when what so many people now applaud is gone, then something on which they can fall back must at least be there in people is heads and hearts. Preparation must be made, the ground must be ready. When once you have penetrated long and deeply enough into this threefold membering of the spiritual life, the economic life and the political life, then the need will arise in you to have a more fundamental understanding of all this. This understanding is absolutely essential, otherwise even when spoken with all possible goodwill what is said will have no connection with reality. The social organism is subject to definite laws in the same way as the natural human organism. You gain nothing by acting against these laws even on grounds of principle. You can at best lead men into a blind alley.

[ 8 ] Sagen Sie nun nicht: Ja, was ist dann die Freiheit des Menschen, wenn der Mensch hineingestellt sein soll in einen sozialen Organismus, der bestimmte Gesetze hat? — Die Frage ist nicht klug; denn dieselbe Frage könnten Sie auf einem anderen Gebiete so stellen: Kann denn der Mensch frei sein, wenn er täglich gezwungen ist zu essen? — Es steht ihm gar nicht frei, zu essen. Die Dinge, die in der Welt einer gewissen Gesetzmäßigkeit unterliegen, auch wenn der Mensch hineingestellt ist in diese Gesetzmäßigkeit, die haben schließlich mit dem Problem der Freiheit nicht das geringste zu tun, geradesowenig wie es mit dem Problem der Freiheit zu tun hat, daß wir nicht den Mond herunterfassen können. Aber etwas anderes hat zu tun mit dem, was notwendig ist als soziales Verständnis. Das ist, daß man sich in die Lage versetzt, auf das Fundamentale, auf das Primäre zurückzugehen und nicht von dem Sekundären oder Tertiären, von dem, was nur Folgeerscheinung ist, sein soziales Verständnis abhängig macht. Nicht wahr, man kann aus einer gewissen Lebenslage heraus sagen: innerhalb dieser Lebenslage braucht der Mensch im Minimum so und so viel an Werten — also sagen wir, an Geld, weil wir schon einmal die Werte in Geld umgesetzt haben —, um sein Leben versorgen zu können. Man kann von einem Existenzminimum reden in einer bestimmten Lebenslage. Aber man kann von diesem Existenzminimum so reden, daß man auf der einen Seite etwas scheinbar höchst Selbstverständliches und auf der anderen Seite einen völligen Unsinn sagt. Das will ich Ihnen an einem Beispiel versuchen, klarzumachen.

[ 8 ] Now do not say: Where is human freedom when man finds himself in a social organism with fixed laws? You might as well ask whether a man can be free when daily he has to eat. It does not make him free to refrain from eating. Things subject to certain laws—even men themselves—have nothing at all to do with the problem of freedom, just as little as our not being able to grasp the moon has to do with our freedom. To gain a social understanding it is advisable for us to be in the position to go back to fundamentals, to primaries, rather than let our understanding remain bogged in secondaries or tertiaries, which are subsequent phenomena. We may give this example from a certain condition of life—a man needs a definite minimum, let us say in money—since we have converted our values into money—in order to support life. This subsistence minimum can be spoken of as referring to some special condition of life. But we can so speak of it that we say something apparently extremely obvious on the one hand, on the other, what is complete nonsense. I will try to make this clear to you by an example.

[ 9 ] Wenn Sie die gegebenen Lebensverhältnisse auf irgendeinem Territorium nehmen, so können Sie vielleicht schon aus der Empfindung heraus, aus der instinktiven Empfindung heraus sagen: Derjenige, der einfach arbeitet, handarbeitet, der braucht so und so viel als Existenzminimum, sonst kann er nicht leben in dieser Gemeinschaft. Das kann ein scheinbar ganz selbstverständlicher Gedanke sein. Aber bedenken Sie, mag der Gedanke auch noch so selbstverständlich sein, wenn er aber so, wie Sie ihn ausdenken müssen, nach den Voraussetzungen, die ich eben angegeben habe, sich nicht verwirklichen läßt innerhalb des sozialen Organismus, in dem irgend jemand lebt; wenn ihn zu verwirklichen eine Unmöglichkeit ist — was dann? Das ist es, was Sie sich vor allen Dingen beantworten müssen: was dann, wenn das zu verwirklichen unmöglich ist?

[ 9 ] Taking given conditions of life in any part of the world you may perhaps say with feeling that a manual worker needs so and so much as a subsistence minimum, otherwise he would be unable to live in the particular community. This can seem quite an obvious idea. But how is it then, in accordance with what has been assumed here, when this is not realisable within a certain social organism? The question that must first of all be answered is: What then if the realisation of this is impossible?

[ 10 ] Es ist das eben, wenn man so überlegt, wie ich es jetzt eben dargestellt habe, nicht ein primärer Gedanke. Man geht nicht an die fundamentalen Dinge zurück, sondern man knüpft an etwas Sekundäres an, an etwas, was bloß eine Folgeerscheinung ist. Man muß immer in der Lage sein, zu seinem sozialen Verständnis an die fundamentalen Dinge anzuknüpfen. So ist eine fundamentale Sache, daß man sich eine Ansicht verschaffen kann, eine lebenfördernde Ansicht, wie gerade nach den Lebensbedingungen des sozialen Organismus das Existenzminimum sein kann; und mit Leben-fördernd meine ich in diesem Falle eine solche Ansicht, daß eine mögliche soziale Lage und ein mögliches soziales Zusammenleben der Menschen daraus folgt. Das ist das Primäre. Und nun kommt man da allerdings auf gewisse Vorstellungen, die der heutigen Menschheit zum großen Teil recht unbequem sind, weil versäumt worden ist in den letzten Jahrhunderten, die primitive Schulbildung, die auf solche Dinge hingehen soll, nach solchen Dingen wirklich hinzuleiten. Es dürfte heute schon bald den Menschen klarwerden, daß man nicht bloß wissen soll, um ein halbwegs gebildeter Mensch zu sein, daß drei mal neun siebenundzwanzig ist, sondern daß man auch wissen sollte, was denn eigentlich zum Beispiel das Ding ist, das man «Grundrente» nennt. Nun frage ich Sie, wieviele Menschen heute eine deutliche Vorstellung haben von dem, was Grundrente ist. Ohne aber den sozialen Organismus in bezug auf solche Dinge zu überblicken, läßt sich überhaupt eine gedeihliche Fortentwickelung der Menschheit nicht herbeiführen.

[ 10 ] To reflect upon the matter thus is not the primary thinking I have represented. Thought out in the abstract, the subsistence minimum demanded does not lead us to fundamentals but ties us down to what is secondary, what appears as a mere consequence. To attain social understanding we have to be in a position to enter into fundamental things. It is fundamental to cultivate a practical view as to how there can be a subsistence minimum in accordance with conditions of life in the social organism. In this case I mean by ‘practical’ such a view that would result in humanly possible social conditions and social community life. This is the primary. And now one comes to certain conceptions very unpopular with a great part of present-day mankind, because the basic teaching that should work towards such things, and really guide them in this direction, has been neglected. Men need to realise that even to be half-educated one should not merely know that three times nine is twenty-seven; one should also know, for example, what it is that we call ground-rent. I ask you, how many people today have any clear idea of what ground-rent is? But without considering the social organism in connection with such things, no human progress can be made.

[ 11 ] Diese Dinge sind allmählich in große Verwirrung gekommen. Und die verworrenen Verhältnisse, die führen heute die Menschen zu ihren Vorstellungen, nicht dasjenige, was wahre Verhältnisse auf diesem Gebiete sind. Sehen Sie, die Grundrente, die man irgendwie bewerten kann nach der Produktivität, die auf irgendeinem Territorium ein Stück Boden hat, diese Grundrente, die ergibt nun, sagen wir, eine bestimmte Summe für ein staatlich begrenztes Territorium. Der Boden ist nach seiner Produktivität, das heißt, nach der Art oder nach dem Grade der rationellen Ausnützung gegenüber der Gesamtwirtschaft so und so viel wert. Für die Menschen ist es heute sehr schwierig, diesen einfachen Bodenwert in klaren Begriffen zu denken, weil sich im heutigen kapitalistischen Wirtschaftsleben der Kapitalzins oder das Kapital überhaupt konfundiert hat mit der Bodenrente, weil der wirkliche volkswirtschaftliche Wert der Bodenrente zu einem Truggebilde gemacht worden ist durch das Hypothekenrecht, durch das Pfandbriefwesen, durch das Obligationenwesen und dergleichen. Dadurch ist alles im Grunde genommen in unmögliche, unwahre Vorstellungen hineingetrieben worden. Es ist natürlich nicht möglich, im Handumdrehen wirklich eine Vorstellung von dem zu bekommen, was eigentlich Grundrente ist. Aber denken Sie einfach als Grundrente den volkswirtschaftlichen Wert des Grund und Bodens eines Territoriums, des Grund und Bodens als solchem, aber mit Bezug auf seine Produktivität. Nun besteht ein notwendiges Verhältnis zwischen dieser Grundrente und dem, was ich vorhin als Existenzminimum des Menschen angegeben habe. Nicht wahr, es gibt heute manche Sozialreformer und Sozialrevolutionäre, die träumen von einer Abschaffung der Grundrente überhaupt, die glauben, daß zum Beispiel die Grundrente abgeschafft ist, wenn man den gesamten Grund und Boden, wie sie sagen, verstaatlicht oder vergesellschaftet. Dadurch, daß man etwas in eine andere Form bringt, ist aber die Sache nicht abgeschafft. Ob nun die ganze Gemeinschaft den Grund und Boden besitzt, oder ob ihn so und so viele besitzen, das ändert gar nicht das Vorhandensein der Grundrente. Sie maskiert sich nur, sie nimmt andere Formen an. Grundrente so definiert, wie ich es vorhin definiert habe, ist eben immer da. Wenn Sie auf einem bestimmten Territorium die Grundrente nehmen, sie dividieren durch die Einwohnerzahl des betreffenden Territoriums, so bekommen Sie einen Quotienten heraus, und dieser Quotient ergibt das allein mögliche Existenzminimum. Das ist ein Gesetz, das, wie meinetwillen das Boyle-Mariottesche Gesetz in der Physik ein ganz bestimmtes Gesetz ist, das nicht anders sein kann. Das ist aber eine primäre Tatsache, das ist etwas Fundamentales, daß eigentlich niemand in Wirklichkeit mehr verdient in irgendeinem sozialen Organismus, als die gesamte Grundrente dividiert durch die Einwohnerzahl. Was sonst mehr verdient wird, wird verdient durch Koalitionen und durch Assoziationen, wodurch Verhältnisse geschaffen werden, durch die auf eine Persönlichkeit mehr Werte kommen als auf die andere Persönlichkeit. Aber wahrhaftig, in den mobilen Besitz eines einzigen Menschen übergehen kann gar nichts mehr als dasjenige, was ich jetzt bezeichnete. Und aus diesem Minimum, das überall wirklich existiert, wenn auch die realen Verhältnisse es zudecken, geht alles wirtschaftliche Leben, insofern dieses wirtschaftliche Leben sich bezieht auf dasjenige, was man als einzelner an mobilem Besitz hat, hervor. Von dieser fundamentalen Tatsache muß ausgegangen werden. Darauf kommt es an, daß man nicht von einer sekundären, sondern von dieser primären Tatsache ausgeht. Sie können diese primäre Tatsache vergleichen mit irgendeiner anderen primären Tatsache, sagen wir zum Beispiel mit der primären Tatsache, die auch für das Wirtschaftsleben eine solche ist, daß auf einem bestimmten Territorium nur eine bestimmte Menge eines Rohproduktes ist. Da könnten Sie es natürlich auch als wünschenswert bezeichnen, wenn dieses Rohprodukt mehr vorhanden wäre, und könnten ausrechnen, wieviel man dann mehr haben würde auf diesem Territorium. Aber das Rohprodukt können Sie nicht vermehren. Das ist eine primäre Tatsache. Ebenso ist es eine primäre Tatsache, daß in Wirklichkeit in einem sozialen Organismus niemand mehr verdient — man verdient nicht durch Arbeit, auch wenn man noch so viel arbeitet — als dasjenige, was dieser Quotient, den ich angeführt habe, ergibt. Alles übrige ist durch Koalitionen und so weiter unter den Menschen bewirkt.

[ 11 ] The wrong-headed conceptions men hold today are due to confusion in this sphere. Ground-rent, which can be reckoned according to the productivity of a piece of land in a certain district, yields a certain sum for a State-bounded area. The land takes its value according to its productivity, that is, in accordance with the way or the degree in which it is put to rational use in relation to the whole economy. It is very difficult today for anyone to gain a clear concept of this simple land value, since in the modern capitalistic economic life interest on capital, or capital in any form, has confused the whole picture of ground-rent, and the true concept of its economic value for the people has been blurred by phantoms in the form of mortgage law and the system of stocks and shares. Strictly speaking, everything has been forced into conceptions that are impossible and false. Naturally a true conception of ground-rent cannot be acquired in the twinkling of an eye. But think of it simply as the economic value of the land in some territory, with regard to its productivity. Now there exists a necessary relation between this ground-rent and subsistence what I have referred to as a subsistence minimum. There are many social reformers and social revolutionaries today who dream of the wholesale abolition of ground-rent, who believe, for example, that ground-rent will be done away with by all land being nationalised or communalised. Essentials, however, are never changed by a mere change of form. Whether a whole community owns the land or it is owned by a number of individuals makes no difference to the existence of ground-rent. It is simply obscured and takes on other forms. Ground-rent as I have defined it is always there. Take the ground-rent of a certain district and divide it up among the individual inhabitants, then you will get as quotient the only possible subsistence minimum. This is a law as definite and unalterable as a law of Physics. It is a primary fact, something fundamental, that in a social organism in reality no one deserves more than is yielded by the ground-rent being divided among the total population. What can be earned further arises through coalitions and associations in which conditions are established where one individual can acquire more value than another. But not a whit more can pass into the movable property of an individual man than what I have here indicated. From this minimum, which really exists everywhere even though the real conditions are obscured, arises all economic life in so far as it applies to an individual's movable property. It must have arisen from this basic fact. Hence it is that one starts not from something secondary but from this primary fact. This primary fact may be compared to any other, for example to a primary fact also valid for the economic life, that on a certain territory there is only a certain amount of raw product. Naturally you may think it desirable to have more of this raw product and to be able just to reckon how much more might be had from this land. But the raw product does not allow of any arbitrary increase; that is a primary fact. And it is a primary fact in the same way that, in a social organism, in reality nothing more can be earned through work—however hard this work may be—than can be yielded by the quotient I mentioned. As I said, all surplus is acquired through human coalition.

[ 12 ] Gegen eine solche Tatsache können die sozialen, können die politischen Einrichtungen handeln. Sie können dagegen verstoßen. Darum handelt es sich, daß man das ganze organisierende Denken in die Richtung bringt, in der die Tatsachen laufen. Darauf kommt es an. Zufriedenheit unter Menschen kann nur dadurch entstehen, daß solche Dinge eingesehen werden. Denn bringt man das ordnende, das in die Wirklichkeit sich umsetzende Denken in solche Richtungen, die die Natur des sozialen Organismus fordert, dann richtet sich das andere danach, dann kann es gar nicht eintreten, daß der eine sich benachteiligt glaubt gegenüber dem anderen. Das ist dasjenige, was als ein Gesetz dem sozialen, dem wirklichen Leben des sozialen Organismus zugrunde liegt. Aber in der richtigen Weise können Sie über solche Dinge nur denken — ich habe Ihnen dieses Beispiel von der Beziehung des Existenzminimums zu der Grundrente angegeben —, über solche Dinge können Sie nur Begriffe bekommen, die in die Wirklichkeit eingreifen, wenn Sie ausgehen von der Dreigliederung, die wir als das Fundamentale haben. Denn nur unter dem Einflusse dieser Dreigliederung ist es möglich, daß die Menschen solche Maßnahmen treffen, daß nun wirklich das Zusammenleben der Menschen über ein Territorium sich in der produktivsten Weise entwickelt. In der produktivsten Weise wird sich nämlich das Leben entwickeln, wenn es in der Richtung der Gesetzmäßigkeit verläuft, nicht gegen diese Gesetzmäßigkeit; also im Sinne des sozialen Organismus leben, das ist es, worauf es ankommt.

[ 12 ] The social and political administration can be in contradiction to these facts. Therefore it is necessary to bring all organising thought into the direction that facts take. Man can find satisfaction only when these things are thoroughly understood. Then the organising factor, the thinking that has taken on reality, is brought into line with what the nature of the social organism demands, and other thinking adjusts itself to it, so that it cannot happen that one thinking considers itself prejudiced by the other. That is what lies as a law at the basis of the true life of the social organism. Right thinking, realistic concepts on such matters can be gained—as I showed by the example of the relation of a subsistence minimum to ground-rent—only when you make your start on the basic principles of the threefold order. For only under its influence is it possible for men to create measures by which human life in common on any given territory can be developed really productively. Life will develop most productively when it goes in a direction that accords with law and not in the opposite direction. Thus it is a matter of living in tune with the social organism.

[ 13 ] Nun muß man allerdings sich folgendes klarmachen. Aus der äußeren Beobachtung des Lebens gewinnen Sie nicht die Einsicht in das Fundamentale der Dreigliederung, geradesowenig wie Ihnen — würden Sie noch so viele rechtwinklige Dreiecke betrachten — der pythagoräische Lehrsatz aufginge; aber wenn Sie ihn einmal haben, dann ist er überall anwendbar, wo ein rechtwinkliges Dreieck ist. So ist das mit diesen fundamentalen Gesetzen. Sie sind überall anwendbar, wenn man sie einmal in der richtigen Weise wirklichkeitsgemäß erfaßt hat. Und Sie, meine lieben Freunde, haben ja noch Gelegenheit, die Notwendigkeit dieser Dreigliederung aus den Fundamenten der Geisteswissenschaft heraus zu begreifen. Sie haben auch folgende Möglichkeit noch. Bedenken Sie, was als diese Dreigliederung angegeben wird. Wenn ich so sagen darf, das Leben der irdischen Geistigkeit: Kunst, Wissenschaft, Religion und, wie ich gesagt habe, auch Privat- und Strafrecht, das ist das eine Gebiet. Das zweite Gebiet ist das politische Zusammenleben der Menschen, das sich bezieht auf das Verhältnis von Mensch zu Mensch. Das dritte ist das wirtschaftliche Leben, das sich bezieht auf das Verhältnis des Menschen zu dem, was gewissermaßen untermenschlich ist, was der Mensch braucht, damit er sich erheben kann zu seiner eigentlichen Menschlichkeit. Diese drei Gebiete sind diejenigen, die angeführt werden, wenn von der Dreigliederung gesprochen wird. Gemäß diesen drei Gliedern soll der Mensch hineingestellt sein in den sozialen Organismus. Er muß so hineingestellt sein, denn diese drei Glieder haben alle drei einen ganz anderen Ursprung in der menschlichen Wesenheit als solcher.

[ 13 ] It is necessary to be quite clear about this—that you will never gain insight into the fundamentals of the Threefold Order by observing life externally, any more than observation of any number of right-angled triangles will give you the Pythagorean theorem. But once known it can be applied to any real right-angled triangle. It is the same with these fundamental laws. Once grasped correctly in accordance with reality, they can be of universal application. And in addition you have from the basis of Spiritual Science the opportunity to grasp the necessity of the Threefold Order. Consider what can be given through it—the life of earthly spirituality, if I may so call it, art, science, religion and also, as already mentioned, civil and criminal law; that is one sphere. The second is the political association of men and is concerned with man's relation to his fellows. And the third is the economic life, concerned with man's relation to the lower man, what man needs in order to raise himself to his true manhood. The Threefold Order has to do with these three spheres. Man should be established in the social organism in accordance with these three members; he must be so established. For the three members have each a quite distinct origin in regard to the human being as such.

[ 14 ] Alles was irdisches Geistesleben ist, das ist gewissermaßen der Nachklang desjenigen — was ich jetzt sage, gilt für unseren Zeitraum —, was der Mensch erlebt hat in dem Leben vor dem Heruntersteigen durch die Geburt ins physische Dasein. Da lebte der Mensch als geistige Individualität in geistigem Zusammenhange mit den höheren Hierarchien, in geistigem Zusammenhange mit den entkörperten Seelen, die eben in der geistigen Welt sind, die nicht augenblicklich auf Erden verkörpert sind. Dasjenige, was der Mensch hier als Geistesleben entwickelt — sei es, daß er religiös tätig ist oder religiöser Übung sich hingibt, in religiöser Gemeinschaft lebt; sei es, daß er künstlerisch tätig ist; sei es, daß er als Richter über einen, der irgendwie das Gesetz übertreten hat, oder der einem Menschen ein Unrecht zugefügt hat, zu urteilen hat —, das alles, was in diesem Geistesleben sich auslebt, rührt von den Kräften her, die sich der Mensch angeeignet hat in dem Zusammenleben in der geistigen Welt, bevor er heruntergestiegen ist durch die Geburt ins physische Dasein. Da müssen Sie unterscheiden zwischen dem Zusammenleben mit anderen Menschen gemäß dem Einzelschicksal, und dem Zusammenleben mit anderen Menschen gemäß dem, was ich jetzt eben charakterisiert habe. Wir Menschen im irdischen Dasein kommen mit dem einen oder mit dem anderen Menschen in individuelle Verhältnisse hinein. Die sind abhängig von unserem individuellen Karma; die führen zurück in frühere Erdenleben oder weisen hin auf spätere Erdenleben. Aber von diesen individuellen Beziehungen zwischen Mensch und Mensch müssen Sie andere unterscheiden. Das sind diejenigen, in die Sie kommen, wenn Sie zum Beispiel einer gewissen religiösen Gemeinschaft angehören. Da denken Sie oder fühlen Sie mit einer Anzahl von anderen Menschen innerhalb dieser religiösen Gemeinschaft gleich. Oder nehmen Sie an, ein Buch erscheine. Die Menschen lesen das Buch, nehmen gleiche Gedanken durch das Buch auf — das ist auch eine Gemeinschaft, die man hier eingeht. Und in solchem besteht 7a eigentlich das irdische Geistesleben, ob es sich nun auf Erziehung und Unterricht oder auf anderes bezieht, daß man zu Menschen in Beziehung tritt, mit Menschen Gemeinschaften entwickelt, um durch diese Gemeinschaft selber im Geiste weiterzukommen. Das alles aber ist ein Ausleben von Verhältnissen, in denen man in ganz anderer Form drinnensteckte, bevor man herunterstieg in das irdische Geistesleben. Das hat nichts zu tun mit dem individuellen Karma, sondern das hat zu tun mit dem, was sich vorbereitete in der in der geistigen Welt erlebten Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. $o daß man die Quelle für dasjenige, was ich im Speziellen bezeichnet habe als das geistige Gebiet, zu suchen hat in dem Leben schon, das der Mensch durchgemacht hat, bevor er sich anschickte, durch die Geburt ins irdische Dasein herunterzusteigen.

[ 14 ] All life of the spirit on earth—and what I now say counts for our own age—is a kind of echo of what man lived through in the life before his descent through birth into physical existence. In that life the human being lived as a spiritual individual in a spiritual relation to the higher hierarchies, with those disembodied souls who were in the spiritual world and not at the time incarnated on earth. What man develops here as spiritual life, be it in devotion to religious practice or life in a religious community, be it in activity in the arts, or as a judge passing sentence on those of his fellowmen found guilty, everything lived out in this spiritual life has its origin in the forces acquired by man when, before he entered physical existence through birth, he lived with the higher hierarchies in the spiritual worlds. Here you must distinguish between life lived in common with other men in accordance with individual destiny, and that lived with others in accordance with what I have just described. In earthly existence we come into individual relations with one or other of our fellow-men. These relations depend upon our individual karma, and either trace back to earlier lives on earth or point to those coming later. But among these individual relations between human beings you must distinguish those, for example, that arise from belonging to a certain religious community. For in a religious community you think or feel as a number of other men do. Or suppose a book is published. Men read the book, take up thoughts from the book, and thus enter into a community. Spiritual life on earth, whether having to do with the bringing-up of children, education, or anything else of the kind, consists in our coming into relation with people and developing a life in common with them, in order thereby oneself to make spiritual progress. All that, however, is experiencing relationships in which, before descending into spiritual life on earth, we were in a quite different form. It has nothing to do with individual karma but with what was prepared during life in the spiritual world in the time lived through between death and a new birth. Thus, one has to seek the source of what I have called the spiritual sphere, in the life passed through by man before he prepared to descend through birth into earthly existence.

[ 15 ] Dann gibt es etwas, was man durchmacht bloß dadurch, daß man hier auf der Erde lebt zwischen Geburt und Tod. In dieses Leben wächst man allmählich erst hinein. Tritt man durch die Geburt ins Dasein, ist man Kind, dann trägt man noch viel — wenn ich mich eines recht törichten Vergleiches bedienen darf, denn es ist ja nicht hart, was man trägt — von den Eierschalen der geistigen Welt. Das Kind ist sehr geistig, trotzdem es gerade den physischen Leib am meisten auszubilden hat. Aber in seiner Aura hat es viel Geistiges; was es mitbringt, ist sehr verwandt mit dem, was das irdische Geistesleben ist. Allmählich tritt man aber immer mehr und mehr ein in das Leben, das nur angehört der Zeit zwischen der Geburt und dem Tode. In diesem Leben, das zunächst auf nichts im Geistigen hinweist, da liegen die Quellen zu dem Leben des politischen Staates. Der politische Staat hat es nur zu tun mit demjenigen, was der Mensch durchlebt zwischen Geburt und Tod. Daher soll sich auch in das politische Staatsleben nichts hineinmischen, was etwas anderes angeht als das Verhältnis von Mensch zu Mensch, insofern wir Wesen sind zwischen Geburt und Tod. Mischt sich irgendetwas anderes hinein — breitet zum Beispiel der Staat seine Fittiche aus über das geistige Leben, über Kirche und Schule —, so unterliegt das dem Urteil, das an den Orten, wo man über solche Dinge urteilsfähig war, die Leute so fällten, daß sie gesagt haben: Mischt sich der Staat in irgend etwas hinein, was sich auf etwas anderes bezieht, als auf das öffentliche Rechtsleben zwischen Geburt und Tod, so herrscht der widerrechtliche Fürst dieser Welt. In all dasjenige, was Gegenstand staatlicher Organisation ist, gehört eben nichts anderes hinein als dasjenige, was sich auf das Leben zwischen Geburt und Tod bezieht.

[ 15 ] Then there comes what is experienced simply by living on earth between birth and death. We grow into this life by degrees. When as an infant we enter into this existence through birth, we still bear—if I may make a foolish comparison—much of the egg-shell of the spiritual world around us, though it is not hard. The child is very spiritual in spite of its main task being the development of its physical body. In its aura there is much of the spiritual; what it brings with it is very nearly akin to the spiritual life on earth. Gradually, however, it enters more and more deeply into the life that belongs entirely to the time between birth and death. Now the sources of the life of the political state are found in this life not chiefly concerned with the spiritual. The political state has to do only with what man experiences between birth and death. Therefore nothing should be involved in it save what concerns us as beings between birth and death in our mutual relations as man to man. If the state involved itself in anything other than what concerns the public life of rights between birth and death, if it spread its wings over Church and School, for example, well—in the places where there were people with a faculty for judging such things it used to be said: “There the Prince of this world holds his unjust sway!” Nothing belongs to all that is the object of state-organisation except what has to do with the life between birth and death.

[ 16 ] Das dritte Glied ist dasjenige, was ich als das wirtschaftliche bezeichnet habe. Dieses wirtschaftliche Leben, welches wir führen müssen dadurch, daß wir essende und trinkende Menschen sein müssen, daß wir uns kleiden müssen und so weiter, dieses wirtschaftliche Leben zwingt uns Menschen, daß wir in das Untermenschliche hinuntertauchen. Das fesselt uns Menschen an etwas, was eigentlich unter dem Niveau unseres Vollmenschentums steht. Indem wir uns beschäftigen müssen mit dem Wirtschaftsleben, indem wir untertauchen müssen in das Wirtschaftsleben, leben wir etwas aus, was sozial betrachtet mehr in sich hat, als man gewöhnlich meint. Indem man im Wirtschaftsleben drinnensteht und das Wirtschaftsleben treibt, kann man nicht dem Geistigen, kann man nicht einmal dem Rechte leben, sondern man muß untertauchen in ein Untermenschliches. Aber gerade dadurch, daß man in ein Untermenschliches untertaucht, entwickelt sich etwas in uns, was nur dadurch Gelegenheit hat, sich zu entwikkeln. Während wir das wirtschaftliche Leben organisieren, während wir im wirtschaftlichen Leben betätigt sind und die höheren Gedanken schweigen müssen, auch das Verhältnis von Mensch zu Mensch nur hereinspielt aus einem anderen Gebiete, arbeitet sich in unserem Unterbewußtsein dasjenige aus, was wir dann durch die Pforte des Todes durchtragen in die geistige Welt hinein. Während wir im irdischen Geistesleben den Nachklang dessen ausleben, was wir geistig durchlebt haben, bevor wir auf die Erde heruntergestiegen sind, während wir im Rechtsleben des politischen Staates nur ausleben, was zwischen Geburt und Tod liegt, lebt sich, während wir im Wirtschaftsleben stehen, wo wir nicht untertauchen können mit unserem höheren Menschen, etwas aus, bereitet sich etwas vor, was auch geistig ist, was wir durchtragen durch die Pforte des Todes. So sehr die Menschen möchten, daß das Wirtschaftsleben nur für die Erde da sei, es ist es nicht, sondern gerade deshalb, weil wir untertauchen in das Wirtschaftsleben, bereitet sich für uns als Menschen etwas vor, was wiederum auf die übersinnliche Welt Beziehung hat. Daher sollte niemand darauf verfallen, die Organisierung des Wirtschaftslebens für sehr gering zu halten. Gerade dieses äußere materielle Leben hat einen gewissen Bezug auf das nachtodliche Leben, so sonderbar und paradox das erscheint. So daß tatsächlich die drei Gebiete für den Kenner des Menschen auseinanderfallen: Das rein geistige Gebiet weist auf das vorgeburtliche Leben; das politische Staatsgebiet weist auf das Leben zwischen Geburt und Tod; und das Wirtschaftsleben weist auf das Leben nach dem Tode. Wir entwickeln die Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben wahrhaftig nicht umsonst. In all dem, was sich auf dem Grunde des Wirtschaftslebens an Brüderlichkeit entwickelt, liegen Antezedenzien, Vorbedingungen für das Leben, das wir entwickeln nach dem Tode. Ich deute Ihnen dadurch nur skizzenhaft zunächst an — wir wollen davon später weitersprechen —, wie sich auch aus der dreifachen Gliederung der Menschennatur in dieser Beziehung gerade für den Geisteswissenschafter Lichter ergeben, welche eben das soziale Leben notwendig in drei voneinander verschiedene Gebiete gliedern. Das ist das Eigentümliche der Geisteswissenschaft: läßt man sich auf sie ein, so wird sie unmittelbar praktisch. Sie beleuchtet das Leben um uns herum, und in der heutigen Zeit haben die Menschen keine andere Möglichkeit, das Leben wirklich in seinen realen Verhältnissen zu beleuchten, als auf das Geisteswissenschaftliche irgendwie einzugehen. Daher wäre es wünschenswert, daß gerade von denjenigen, die sich für diese geisteswissenschaftliche Bewegung interessieren, Verständnis ausstrahlen würde auf die anderen; denn der Geisteswissenschafter hat es verhältnismäßig leichter, diese Dinge zu durchschauen. Er kennt so etwas wie vorgeburtliches und nachtodliches Leben von einem geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus, und ihm ergibt sich die Notwendigkeit der Dreigliederung des Lebens von diesem Gesichtspunkte aus. Man kann die Notwendigkeit der Dreigliederung schon heute einsehen. Aber gründlicher, umfassender wird man einen Einblick in sie gewinnen, wenn man auch noch so etwas hat, wie die geisteswissenschaftlichen Fundamente, von denen ich hier gesprochen habe.

[ 16 ] The third member is the economic. This economic life, which we are obliged to lead because we eat and drink, clothe ourselves and so on, forces us as human beings to descend into the subhuman. It chains us to something beneath the level of our full humanity. By having to concern ourselves with life economically, by having to dive down into economic life, we experience something which, when observed socially, has more in it than is usually thought. In so far as we stand in the economic life we cannot live in the spiritual nor in the life of rights, but must plunge below the human level. But just by this plunging into the subhuman we take into ourselves something that thus has an opportunity to develop. Whereas in the economic life we are active and higher thoughts must be silent and even the human mutual relations play in only from another sphere, there is worked in our subconscious then what we then carry with us into the spiritual world through the gate of death. Whereas in the spiritual life on earth we experience the echo of what we lived through before our descent to earth, and in the life of rights of the political state experience only what lies between birth and death, in the economic life, into which we cannot enter with our higher self, something is being prepared that is also spiritual and carried by us through the gate of death. People would like the economic life to exist only for the earth. But this is not so. Just through our plunging down into the economic life something is prepared for us as human beings that is again connected with the supersensible world. Therefore no one should think of holding the economic life too lightly. However strange and paradoxical it may seem, this external materialistic life has a certain connection with the life after death. So that in actual fact, for anyone who knows man, the three spheres fall asunder—the purely spiritual sphere points to life before birth; the political sphere of the State points to life between birth and death; the economic life points to life after death. It is not in vain that we cultivate fraternity in the economic life. In all that we develop as brotherliness in the economic sphere lie the foundations and preliminary conditions of life after death. I am giving you only a first brief indication of how the threefold membering of the nature of the human being gives the spiritual scientist in these three distinct spheres the differentiation necessary for social life. It is a particular characteristic of Spiritual Science that, when we come to deal with it, we find it directly practical. It sheds light on the life around us, and at the present time men have no other possibility of getting light on the real relationships of life than by in some way accepting spiritual knowledge. Thus it is desirable that those who are interested in the Anthroposophical Movement should let the light of their understanding ray out to others; for the Anthroposophist it is relatively easier to penetrate these things with insight. He knows something of life both before and after birth, for example, from the standpoint of Spiritual Science, and this shows him the necessity for the threefoldness in life from this point of view. This necessity can indeed be seen today. But we shall gain a deeper, more comprehensive insight if we have the anthroposophical basis of which I have been speaking here.

[ 17 ] Sehen Sie, wieviel ist im Laufe der letzten Jahrhunderte in schwarmgeistiger Art gesprochen worden, indem man von einer allgemeinen Sittenlehre und dergleichen gesprochen hat, indem man das Religiöse möglichst getrennt hat von dem äußeren, alltäglichen Leben. Wir stehen jetzt einmal in diesem Zeitpunkt, wo wir Begriffe auszubilden haben, welche untertauchen können in das alltägliche Leben, welche nicht bloß reichen bis zu der Verheißung der Erlösung, bis zu der Forderung der Notwendigkeit: «Kindlein, liebet einander!» — sie tun es ja doch nicht, wenn sie es nicht müssen oder wenn nicht erwas anderes vorliegt! Die Begriffe, die wir in diesen Regionen entwickeln, müssen auch wirklich Trag- und Stoßkraft genug haben, um das heute so kompliziert gewordene Wirtschaftsleben wirklich zu verstehen. Also einfach durch die Erkenntnis der Menschennatur ist die Notwendigkeit der Dreigliederung des gesunden sozialen Organismus gegeben.

[ 17 ] In the course of the last centuries how much has been spoken in a sentimental way, when men have held forth, for instance, about universal moral teaching and the like, and religion has been kept as far as possible apart from external daily life. We are now at a point of time when we have to develop concepts that can penetrate right into daily life and do not just extend to the promise of salvation or to the demand “Children love one another”. They do not do it in any case when they do not have to or when other business is on hand. The concepts we develop must have sufficient driving force to enable us really to understand our present-day complicated economic life. Thus, simply through knowledge of the nature of man we are shown the necessity for the sound social organism to be threefold.

[ 18 ] Das müßte heute als die allererste Grundlage zu einem Neuaufbau möglichst vielen Menschen eben klarwerden. Dies bloße Reden vom Geiste, auf das ich schon gestern hingewiesen habe, das ist heute vielleicht schädlicher als der Materialismus, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts angefangen hat und sich bis heute weiter verbreitet hat. Denn das bloße Reden vom Geiste, das bloße Hinseufzen zum Geiste, das bloße Anbeten des Geistes, das ist heute nicht mehr unserer Epoche entsprechend. Unserer Epoche entsprechend ist es, daß wir den Geist realisieren, daß wir dem Geiste die Möglichkeit geben, unter uns zu leben. Es genügt heute nicht, daß die Menschen an den Christus glauben, sondern es ist heute notwendig, daß die Menschen den Christus in ihrem Handeln, in ihrem Wirken verwirklichen. Darauf kommt es an. Denn wenn die Menschen in dieser Beziehung auf diesem Gebiete gesundes Denken und Empfinden entwickeln, dann fließt dieses gesunde Denken und Empfinden auch in anderes ein.

[ 18 ] It must become clear to as many people as possible today that this is the very foundation-stone of a new structure just to prate about the spirit is, as I was saying yesterday, perhaps more harmful just now than the materialism which, beginning in the middle of the nineteenth century, has up to now continued to spread. For mere talk of the spirit, mere sighing after the spirit, mere worship of the spirit, no longer meet the needs of our epoch. In our epoch it is fitting that we realise the spirit, that we give the spirit the possibility of living in our midst. Today it does not suffice just to believe in the Christ; it is essential that men should now manifest the Christ in their deeds, in their work. This is the important thing. If man develops sound thinking and perceiving in this sphere, these sound thoughts and perceptions will flow into another sphere as well.

[ 19 ] Vergessen Sie niemals, so etwas wie das Folgende zu beachten: Ein großer Teil der heutigen offiziellen Vertreter dieses oder jenes christlichen Bekenntnisses redet von dem Christus. Ich habe diese Tatsache von anderen Gesichtspunkten auch schon hier berührt, allein wir müssen von verschiedenen Gesichtspunkten immer wiederum auf diese Dinge zurückkommen. Die Leute reden von dem Christus, wenn man sie aber fragt: warum ist das der Christus, was sie als den Christus bezeichnen, da können sie eigentlich nur eine scheinbare Antwort geben und bewegen sich eigentlich in einer inneren Lüge. Eine große Anzahl der heutigen Theologen redet, weil die Evangelien allmählich mehr oder weniger zerzaust worden sind von der sogenannten Forschung, redet von dem Christus — allein, wenn man sie fragen würde: Wodurch unterscheidet sich das, was Sie in Ihren Begriffen haben als das Christus-Wesen von dem Jahve-Gotte, von dem einfachen Gotte, der die Welt durchwest und durchwellt? — sie würden keine Antwort geben können. Der große Theologe Harnack in Berlin hat ein Buch geschrieben über «Das Wesen des Christentums», aber das, was er da als das Wesen des Christus schildert, das ist der alttestamentliche Jahve, denn der hat gerade diese Eigenschaften. Und deshalb ist es eine innere Lüge, den Jahve als den Christus zu bezeichnen. Und so ist es bei Hunderten und aber Hunderten, bei Tausenden von denjenigen, die heute das Christentum predigen, daß sie eigentlich nur den Gott im allgemeinen predigen, den Gott, von dem man sagen kann «Ex deo nascimur». Den Christus hat man erst gefunden, wenn man eine Art innerer Wiedergeburt erlebt hat. Von dem Gotte, auf den man hinweist, wenn man sagt: «Ex deo nascimur», muß man reden, wenn man einfach gesund ist in seinem ganzen Menschenwesen. Atheist sein heißt in Wirklichkeit krank sein. Aber von dem Christus kann man nur reden, wenn man eine Art Wiedergeburt des seelischen Lebens erlebt hat — was nicht einfach dadurch da ist, daß man als Mensch geboren ist —, wenn man eine solche Wiedergeburt des seelischen Lebens gerade im Sinne des gegenwärtigen Menschheitszyklus erlebt hat.

[ 19 ] Consider how a great many of the present official representatives of one or other of the Christian faiths speak today of Christ. But if asked: Why is He whom you call Christ, the Christ? they can give only a fictitious answer, what is indeed an inner lie. Many modern theologians talk of Christ, but were you to ask them: How does your concept of the Christ-being differ from your concept of the Jahve-God, the one God, weaving and creating throughout the universe? they would have no answer to give. The great theologian Harnack, in Berlin, has written a book on The Being of Christianity. What he describes as the Being of Christianity is the Jehovah of the Old Testament, with all Jehovah's characteristics. It is inwardly a lie to describe Jehovah as Christ. And it is thus with hundreds, nay thousands, of those preaching Christianity today; they are simply preaching God in general, the God of Whom we can say ex Deo nascimur. Christ is discovered only when one has experienced a kind of new birth. We need only be healthy human beings to have to recognise the God of Whom we say ex Deo nascimur; for to be an atheist is in reality to be ill. But one can speak of the Christ only when in the life of soul one has experienced a kind of re-birth, in the way this happens in the present cycle of human evolution. For this, it is not enough that man is simply born as a human being.

[ 20 ] Man kann das, wenn man sich sagt: Heute ist der Mensch einmal so, wie er geboren wird, notwendig mit Vorurteilen behaftet. Wir werden gar nicht anders geboren, als daß wir mit Vorurteilen behaftet sind. Das ist das Wesen des heutigen Menschen. Und bleibt der Mensch so, wie er heute geboren ist, dann trägt er die Vorurteile durch das ganze Leben hindurch. Er lebt einseitig. Man kann sich heute nur retten, wenn man innere Toleranz hat, wenn man einzugehen vermag auf die Meinungen — selbst wenn man sie für Irrtümer hält — anderer Menschen. Wenn man Verständnis, innigstes Verständnis hat für die Meinungen anderer Seelen, auch wenn man sie für Irrtümer hält, wenn man liebevoll dasjenige, was der andere denkt und fühlt, ebenso aufnehmen kann, wie dasjenige, was man selbst denkt und fühlt — eignet man sich diese Fähigkeit, diese innere Toleranz an, dann kommt man allmählich über die uns heute in unserem Menschheitszyklus angeborenen Vorurteile hinaus. Und man lernt sich sagen: Was du verstanden hast in einem der geringsten meiner Brüder, das hast du von mir verstanden — denn der Christus hat nicht nur in der Zeit gesprochen zu den Menschen, als das Christentum entstanden ist, der Christus hat sein Wort wahr gemacht: «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzeiten.» Und er offenbart sich auch immer. Nicht nur hat er einmal gesagt: «Was ihr einem der geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan», sondern heute sagt er zu dem Menschen: Was du in einem der geringsten deiner Brüder mit innerer Toleranz. verstehst, auch wenn es ein Irrtum ist, das hast du von mir verstanden, und ich werde dich die Vorurteile überwinden lassen, wenn du diese deine Vorurteile abschleifst an dem toleranten Aufnehmen desjenigen, was der andere denkt und fühlt. — Das ist das eine. Das ist mit Bezug auf das Denken der Weg, zu dem Christus zu kommen: daß der Christus einzieht, daß wir nicht nur Gedanken über den Christus haben, sondern daß der Christus in unseren Gedanken lebt. Nur auf diese Weise wird er in unseren Gedanken leben, wie ich es jetzt eben geschildert habe.

[ 20 ] Man as he is born today is necessarily full of prejudices; that is the nature of present-day man. And if we remain as we are born we carry these prejudices with us through life; we live in one-sidedness. We can save ourselves only by having inner tolerance, by being able to enter into the opinions of others even when we think them wrong. If we can bring a deep understanding for the opinions of other souls even when considering them mistaken, if we can take what the other thinks and feels in the same way as we take what we think and feel ourself, if we adopt this faculty of inner tolerance, we may overcome these prejudices due to the human cycle in which we were born. We then learn to say: What you have understood in this the least of my brethren, you have understood of me. For Christ did not speak to men in this way only at the time when Christianity began, but has made good His word “Lo, I am with you always even unto the end of earthly time”. He still continues to reveal Himself. Once He said: “Inasmuch as ye have done it unto one of the least of these my brethren ye have done it unto Me”. Today He tells men: What you understand with inward tolerance in the least of your brothers, even when he is mistaken, you have understood of Me, and I will let you overcome your prejudices when you convert those prejudices into tolerant reception of what others think and feel.—That is one thing; that, in regard to thinking, is the way to come to Christ. Then Christ can so permeate us that we not only have thoughts about Him but Christ can live in our thoughts. This, however, is only achieved in the way I have just described.

[ 21 ] Das zweite hat Bezug auf den Willen. In der Jugend ist der Mensch zuweilen idealistisch. Es ist angeborener Idealismus. Den haben wir einfach dadurch, daß wir als Menschen geboren sind. Heute genügt er nicht in unserem Menschheitszyklus, dieser Menschheitsidealismus. Heute brauchen wir noch einen anderen Idealismus, einen solchen, den wir uns selbst anerziehen, den wir nicht einfach dadurch, daß wir Menschen sind, haben — zu dem wir uns hinbändigen. Solch einen Idealismus brauchen wir. Wir brauchen einen Idealismus, den wir uns selber erworben haben. Das ist dann der Idealismus, der auch nicht mit den Jugendjahren verschwindet, sondern der durch das ganze Leben uns jung und idealistisch erhält. Eignen wir uns einen solchen Idealismus an, den wir uns selber anerziehen, dann liegt in einem solchen Idealismus auf Grund eines jetzt nicht logischen, sondern Wirklichkeitsgesetzes, daß wir die Stoßkraft aufbringen, nicht bloß als einzelne egoistische Menschen zu handeln, sondern uns hineinzustellen in den sozialen Organismus, um in diesem sozialen Organismus drinnen zu handeln. Keiner, der sich heute nicht herbeiläßt oder der nicht erzogen wird zum selbsterworbenen Idealismus, wird wirkliches soziales Verständnis erwerben.

[ 21 ] And secondly, in regard to the will. In youth the human being is sometimes idealistic. This is an inherent idealism and we have it simply by being born as human beings. Today, in this era, this idealism belonging to mankind is not enough. We now need a quite different kind—an idealism to which we educate ourselves; we do not have it simply by becoming human beings but by making an effort. It is this kind of idealism we need. We need the idealism we have ourselves acquired. It then becomes the idealism that will not vanish with youth, it will keep us young and idealistic throughout our life. If through training we make an idealism our own, then, on the basis not of logical law but of the law of reality, we bring to bear the driving force to place ourselves actively into the social organism in accordance with the very purport of this organism, instead of acting egoistically as an individual man. No one today who does not train himself to this self-acquired idealism will gain a true social understanding.

[ 22 ] Das «Ex deo nascimur» erwerben wir uns dadurch, daß wir geboren werden. Der Weg zu Christus geht auf der einen Seite durch übersinnliche Gedanken, auf der anderen Seite durch den Willen. Durch den Gedanken, indem wir von vornherein überzeugt sind: wir werden heute geboren als vorurteilsvolle Menschen, wir müssen uns die Vorurteile durch das tolerante Abschleifen unserer Vorurteile an den Meinungen anderer erwerben. In bezug auf den Willensweg müssen wir sagen: unser Wille erhält heute nur das richtige soziale Feuer, wenn wir selbsterworbenen Idealismus haben, Idealismus, den wir in uns hineingetrieben haben durch eigene Tätigkeit. Das gibt Wiedergeburt. Und was wir so gefunden haben, indem wir es uns als Mensch erworben haben, das führt erst zum Christus. Nicht der Gott, dem gegenüber wir sagen: «Ex deo nascimur», darf als Christus bezeichnet werden, denn das ist eine innere Unwahrheit. Den Gott konnte auch das Alte Testament haben. Der Gott, der zu uns spricht, wenn wir uns als Menschen während unseres Lebens nach diesen zwei Richtungen, die ich bezeichnet habe, umgewandelt haben, der Gott wird von uns deutlich als ein anderer empfunden als der bloße Vatergott — das ist der Christus. — Von diesem Christus spricht die moderne Theologie eigentlich sehr wenig. Dieser Christus muß als ein sozialer Impuls in die Menschheit hineinkommen. Von dem Christus sprechen heute viele Menschen so, daß ihre Rede nichts weiter ist als eine innere Lüge.

[ 22 ] The ex Deo nascimur is innate. The way to Christ is found on the one hand through supersensible thought, on the other hand through the will. It comes through the thought by our being convinced beforehand that nowadays we are born as men full of prejudice and must overcame our prejudice by tolerantly listening to the opinions of others, thus gaining right judgment. Where the way of the will is concerned, this will only be fired socially in the right way today when we have this self-acquired idealism, the idealism we drive into ourselves through our own activity. That is re-birth. And what we have found when we as men have gained it for ourselves leads us to the Christ. Not the God of Whom we say Ex Deo nascimur may we describe as Christ, for that is inwardly untrue. That God was known in the Old Testament. When we as men shall have transformed ourselves in life in the two directions mentioned, we shall clearly see the distinction between the God Who is pure Father and the God Who will then speak to us. For this God is the Christ.

[ 23 ] Nun sind solche Dinge ja nicht so einzusehen, wie man heute spintisierend die Dinge einsehen will, daß sich so logisch Glied an Glied gliedert. Ich habe Ihnen neulich einmal gesagt: Es gibt ein Wirklichkeitsverständnis, das ein anderes Verständnis ist als ein bloß äußeres, logisches. Aber wenn der Mensch so etwas in sich entwickelt, wie ich es jetzt als eine Wiedergeburt bezeichnet habe, dann wird heute sein Denken in die Christus-Nähe gebracht, und er lernt so denken und empfinden, wie er denken und empfinden muß, wenn er sich heute zum Heile der Menschheit in die menschliche Gesellschaft hineinstellen soll. Er lernt nämlich dann auch über andere Sachen richtig zu denken und zu empfinden, wenn er über dieses Fundamentale richtig denkt und empfindet. Davon ist aber gerade das geistige Leben der neueren Menschheit furchtbar weit abgekommen. Und der Grund ist vielfach der, daß dieses geistige Leben der neueren Menschheit aufgesogen worden ist von dem politischen Staatsleben. Befreit werden muß das geistige Leben der Menschheit von dem politischen Staatsleben, damit es wieder fruchtbar und impulsiv werden kann für die menschliche Entwickelung. Sonst werden alle Gedanken verrenkt, und nach den verrenkten Gedanken falsche Wirklichkeiten geschaffen.

[ 23 ] Modern Theology actually speaks very little about this Christ. This Christ must enter men as a social impulse. What many people say today of Christ is intrinsically untrue. Now such things are not to be looked into as people today subtly present them, taking them logically, point by point. As I once told you recently, there is an understanding in accordance with reality different from one that is merely external and logical. But when man has developed in himself what I have called a re-birth, then human thinking will be brought near Christ, and we shall learn to think and feel as we must think and feel if, for the benefit and salvation of man, we are to place ourselves into human society. We shall also learn to think and feel rightly in other matters by thinking and feeling rightly on these fundamental things. From this, however, the spiritual life of modern mankind has travelled terribly far. And the reason is that this spiritual life has been absorbed by the political State. Man's spiritual life must be freed from the political State to become fruitful and full of impulse for human evolution. Otherwise all thinking will be dislocated and from this dislocation false realities will be created.

[ 24 ] Ich habe schon einmal angeführt, wie Wilson die Freiheit definiert. Gewiß, es ist nicht besonders bedeutsam, wie heute ein Staatsmann die Freiheit definiert, wenn man auf Philosophie hält. Aber es ist bedeutsam als Symptom, was da lebt in einem Menschen, wenn er diese oder jene Gedanken über die Freiheit hat. Wilson sagt: Dasjenige, was sich innerhalb gewisser Verhältnisse so anpaßt, daß es sich frei bewegen kann, von dem sagen wir, es ist frei. Also in einer Maschine, wenn sich ein Korb frei bewegen kann, wenn er nicht da und dort anstößt, sondern sich frei bewegen kann, sagen wir, der Korb läuft frei; oder ein Schiff, das so konstruiert ist, daß es mit der Windrichtung läuft, bewegt sich frei vorwärts. Würde es gegen die Windrichtung laufen, würde es gefesselt sein, würde es nicht frei sein. So ist auch der Mensch frei, wenn er an die Verhältnisse angepaßt ist im sozialen Mechanismus. — Da kann man ja dann nur von sozialem Mechanismus sprechen.

[ 24 ] I have already referred to Wilson's definition of freedom. For anyone who has some understanding of philosophy it is not very important how a statesman of the day defines freedom. It is important, however, as symptom of what lives in a men when he has thoughts about freedom. Now Wilson says: We call free what adapts itself to certain conditions so that it can still move freely. Thus we say when in a machine the piston can move freely, when it does not knock against anything but can move without impediment—we say the piston runs free. Or a ship moves forward freely which is so built that it runs before the wind. If it run against the wind it is hampered and not free. So man is free when he fits in with the conditions of the social mechanism. There, then one can only speak of the social mechanism.

[ 25 ] Es hat nicht so sehr eine Bedeutung, daß solche Gedanken in einem Kopfe leben und realisiert werden, sondern daß das, was realisiert ist, in solchen Gedanken sich auslebt. Daran erkennt man, ob es gesund ist, oder ob es wider das Gesunde läuft. Der Gedanke ist ganz verrenkt. Und warum? Sie brauchen sich jetzt nur einmal mit den Empfindungen, die Sie sich aus der Geisteswissenschaft nehmen, das Folgende zu überlegen: Wenn Sie angepaßt sind — Sie können ganz gut angepaßt sein an die äußeren Lebensverhältnisse, Ihr Leben läuft im Sinne dieser Anpassung an die Verhältnisse, nirgends stoßen Sie an —, so sind Sie frei; wie ein Schiff, das mit dem Winde läuft, sind Sie frei. — Aber so steht der Mensch nicht in der ganzen Welt darinnen, er steht etwas anders in dieser Welt drinnen. Wenn nämlich das Schiff in der Windrichtung läuft, so läuft es frei — aber es muß auch einmal stehenbleiben können. Das ist gerade das, was für den Menschen sehr wichtig ist, daß er sich auch einmal umdrehen kann, um sich gegen die Windrichtung zu stellen, damit er nicht nur den Verhältnissen angepaßt ist, sondern seinem eigenen Inneren angepaßt werden kann. Man kann sich nichts toller Unrichtiges denken, als die Definition der Freiheit, die Wilson versuchte; denn sie widerspricht der Menschnatur, sie sagt das Gegenteil von dem, was der wirklichen Freiheit des Menschen zugrunde liegt. Wenn man den Menschen mit einem Schiff vergleichen will, das frei im Winde läuft, so muß man ihn vergleichen mit einem solchen Schiff, das, wenn es genug gelaufen ist, sich auch umdrehen kann, sich gegen den Wind stellen kann, damit es nun nicht weiter zu laufen braucht. Denn wenn der Mensch immer und immer den äußeren Verhältnissen nachlaufen muß, dann ist er natürlich frei für die Verhältnisse, aber er ist nicht für sich frei. Man hat den Menschen ganz verloren in der heutigen Weltbetrachtung und Lebensauffassung. Man kann gar nicht mehr auf den Menschen bauen. Der Mensch ist herausgefallen aus der Welt- und Lebensauffassung. Er muß wieder hineingestellt werden in die Welt.

[ 25 ] It is not very important that thoughts such as these live in a head and are realised; the importance lies in what is realised being experienced in such thoughts. Then one knows whether this is sound or the opposite of sound. The thinking is quite dislocated; and why? Now you need only reflect on the following with the experience you have gained from Spiritual Science: when you fit into the external conditions of your life, when your life is running according to this adapting oneself to conditions without impediment, then you are free, free as a ship is free when running with the wind. But man does not stand thus in the whole world: For if indeed the ship running before the wind does run freely, it must, however, sometimes also be able to stop. And that is just what is very important for man—that he can sometimes turn round and take his stand against the wind, so that he not only fits in with circumstances but can also adapt himself to what is within him. One cannot think of anything more foolish, more absurd, than Wilson's definition of freedom, for it is opposed to human nature and the very reverse of what lies at the basis of true freedom. If we compare a man with a ship running freely before the wind, we must also compare him with a ship that having run in a certain direction and not needing to go further, can turn to face the wind. For if a man has to proceed only in accordance with external conditions, he is naturally free in them but not in himself. We have completely lost sight of the human being today in our observation of the world and of life. He has dropped out of our considerations concerning life and the world. But he must once more be given a place in the world.

[ 26 ] Das, was ich jetzt gesagt habe, hat seine sehr, sehr ernsten Seiten; es ist nur symptomatisch erfaßt, aber es hat sehr ernste Seiten. Denn der Mensch steht heute im sozialen Organismus so drinnen, daß er eigentlich nur läuft wie das Schiff mit dem Winde, und die kapitalistische Wirtschaftsordnung, die hat es insbesondere über den Proletarier verhängt, daß er nur mit dem Winde laufen kann und sich niemals einstellen kann, auch stehenzubleiben und gegen den Wind sich zu stellen, damit er Ruhe haben kann. Ich habe im öffentlichen Vortrag in Basel gesagt: innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsordnung braucht der Kapitalist bloß die Arbeitskraft des Arbeiters. In dem gesunden sozialen Organismus muß die Sache so veranlagt sein, daß der Kapitalist auch die Ruhe des Arbeiters braucht, daß er angewiesen ist auf die Ruhe. Das abstrakt-kapitalistische Kapital braucht nur die Arbeitskraft — dasjenige Kapital, das durch die Dreigliederung zurückgegeben wird der rein menschlichen Stoßkraft, das wird auch die Ruhe des Arbeiters brauchen, das wird die Ruhe aller Menschen brauchen. Denn das wird sich sozial hineinstellen müssen in den sozialen Organismus, wird wissen, wie es von dem sozialen Organismus getragen wird und ihn wieder tragen muß,

[ 26 ] This has its exceedingly serious side; here it is seen only as a symptom but it has a most serious side. For today the human being is placed into the social organism in such a way that really he is only running with the wind, and the capitalist ordering of economy has particularly destined the proletariat only to run with the wind, never to be able, as a rest, to stop and face the wind. In a public lecture in Basle I said that within the capitalist economic system the capitalist uses only the labour of the workers; in a healthy social organism the capitalist must use the workers' leisure also. Abstract capitalistic capital needs only labour-power. Capital that, under the threefold order, will give back to men their purely human driving force will also use the leisure of the workers, the leisure indeed of all mankind. For that, capital must be placed into the social organism, it will know how it is to be sustained by the social organism and how it must in return sustain the organism.

[ 27 ] Wer gesund denkt und dem geistigen Gebiete angehört, der weiß ganz gut, was das einzelne, das individuelle Leben ist; das ist eine Sache für sich, das ist keine Sache für den sozialen Organismus; er hat als solcher ein Einzelleben. Aber insofern der Mensch ein soziales Leben hat, hat er dasjenige, was er geistig ist, aus der menschlichen Gemeinschaft heraus, muß es ihr wieder zurückgeben und wird das Bedürfnis haben, es ihr wieder zurückzugeben.

[ 27 ] Not translated

[ 28 ] Das ist es, worauf es ankommt, daß man ebenso den seine Arbeitskraft ersparenden Proletarier braucht, um ihn an dem geistigen Leben teilnehmen zu lassen; daß man den Willen hat, dem Arbeiter so viel Ruhe zu geben, so viel ersparen zu lassen von seiner Arbeitskraft, daß er herankommt, um an dem geistigen Leben teilzunehmen. Darauf kommt es an. Während die bürgerliche Wirtschaftsordnung es allmählich dahin gebracht hat, daß eine tiefe Kluft entstanden ist, wie ich schon gestern angedeutet habe: die bürgerliche Wirtschaftsordnung produziert ein Geistiges, das nur für diese bürgerliche Wirtschaftsordnung gilt, und das gar keinen Zusammenhang hat mit dem proletarischen Leben. Dazu kann man sagen: der Kapitalismus hat es dahin gebracht, nur auf die Arbeitskraft angewiesen zu sein und nicht auf die Ruhe des Proletariers. Solche Dinge scheinen heute noch abstrakt zu sein. Sie werden es nicht mehr sein dürfen. Denn von dem richtigen Verständnis dieser Dinge hängt die heilsame Entwickelung der menschlichen Gegenwart und Zukunft ab.

[ 28 ] It is a question of the proletariat being able to save their labour-power so as to be capable of taking part in the spiritual life; and it is a question of the will being there to allow the worker sufficient leisure, to leave him sufficient labour-power, that of himself he can join in this spiritual life. The bourgeois economic order has allowed a deep cleft gradually to arise. What it produces spiritually is valid only for this bourgeois order and is out of touch with proletarian life. Capitalism has brought things to the point where only labour-power is considered and not the leisure of the proletariat. Today these matters still seem abstract. It should be so no longer, for upon understanding these things rightly depends the sound human evolution both of the present and the future.

[ 29 ] Nun, ich habe Ihnen heute wiederum einige Andeutungen gemacht gerade über eine Beziehung mancher geisteswissenschaftlicher Fundamentalsätze zu dem sozialen Leben. Man möchte so gern, daß gerade eine geistige Bewegung, wie es die unsrige ist, auch in sich selbst als ein kleiner sozialer Organismus gesundete an dem Durchdringen von praktischen Lebensbegriffen mit geisteswissenschaftlichen, geistig wissenschaftlichen Begriffen, damit jenes schrecklich Bürgerliche, was sich herausgebildet hat zum Unheil der Menschheit, diese Abtrennung des wirtschaftlichen, materiellen Lebens von dem geistigen Leben, damit diese ungesunde Abtrennung aufhöre. Gliedern muß sich der soziale Organismus, damit es nicht mehr Menschen gibt, die auf der einen Seite ihre Coupons abschneiden und in dem Couponabschneiden nichts anderes als Sklavenhalter sind, weil für die Coupons, die sie abschneiden, so und so viel Leute ohne Zusammenhang mit ihnen schwere Arbeit verrichten müssen, und die nachher in die Kirche gehen und zu Gott beten um ihre Erlösung, oder auf die theoretischen Versammlungen gehen, um da über alle möglichen schönen Dinge zu reden; die sich gar keine Begriffe darüber machen, welcher Unsinn darin liegt, ein abstraktes Geistesleben zu führen, einen Zusammenhang mit einem Gott zu suchen, während man auf der anderen Seite durch das Abschneiden der Coupons einfach teilnimmt am Sklavenhalten, an der Ausnützung der Arbeitskraft. In ungesunder Weise trennen Sie die Dinge, wenn Sie nicht darauf eingehen, sie in gesunder Weise zu trennen. Das ist es, worum es sich handelt, was versäumt worden ist und korrigiert werden muß: diese abstrakte Trennung, diese Installierung einer Kluft zwischen einer in Wolkenkuckucksheim schwebenden Religiosität und Ethik und dem äußeren Leben, das man gedankenlos nach der Struktur, die heute der ungesunde soziale Organismus eingenommen hat, einfach weiter treibt. Es kommt darauf an, daß man diese Dinge in der Weise durchschaut und daß man vor allen Dingen durchschaut, daß das Unglück der heutigen Zeit aus dieser bürgerlichen Trennung des Abstrakten und des Konkreten gekommen ist. Man kann schon den Anfang machen gerade in einer solchen Bewegung, wie die unsrige ist, eine Art gesunden : kleinen sozialen Organismus hervorzurufen, wenn man sich bestrebt, alles dasjenige, was gerade in einer solchen Bewegung als krankhafte Bildungen sich geltend macht, das Sektiererwesen, auszutreiben. Unter nichts hat man mehr zu leiden gehabt in dieser anthroposophisch orientierten Geistesbewegung, als daran, daß immer wieder und wieder da und dort die Tendenzen zum Sektiererwesen, zu Sektenbildungen auftauchen; ohne daß die Leute es merken, streben sie nach irgendeiner Sektiererei. Das Gegenteil von irgendwelcher Sektenbildung muß anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sein. Dann wird sie auch den unbewußten und unterbewußten Forderungen der Gegenwart entgegenkommen, die wahrhaftig nicht darauf hinauslaufen, neue Sekten zu bilden, sondern etwas auszubilden, was aus dem ganzen Menschen für alle Menschen, und aus allen Menschen für den ganzen Menschen sich entwickelt.

[ 29 ] Now I have once again given a few indications as to the relation to social life of some of the fundamental tenets of Anthroposophy. It would be very desirable if such a spiritual movement as ours should, as a little social organism in itself, cease this unhealthy separation—developed to man's hurt by appalling bourgeois concepts—of the economic life from the spiritual, and should seek health by permeating the concepts of practical life with the concepts of Spiritual Science. The social organism must so organise its different members that there will no longer be men who cut off coupons and in this coupon-cutting become nothing less than slave-drivers, since for the coupons they cut off, a number of people, with whom they have no connection, have to perform hard work. Afterwards the coupon-cutters go to Church and pray God to be saved, or they go to a meeting and talk theoretically about all sorts of beautiful things; but they have no conception of the foolishness of living such an abstract spiritual life that they can seek, on the one hand, a connection with a God, and on the other hand share in slave ownership and the exploitation of labour by this coupon-cutting. They separate these things in a way that is not salutary by not attempting to discover the salutary. This is what is in question, what has been neglected and what must be changed: this separation between the religion and ethics that float in a cloud-cuckoo-land, and the external life thoughtlessly pursued in the form given it today by an unsound social organism. Above all it must be recognised that the misfortunes of the present-day have come about through this separation by the bourgeoisie of the abstract from the concrete. If efforts are made to drive out all that shows itself in an unsound and sectarian form, it is in just such a movement as ours that there can be a first setting-up of a kind of small social organism that is sound. In our Anthroposophical Movement there is nothing from which we have had to suffer more than the repeated appearance of a tendency towards sectarianism. Without noticing it people strive towards some kind of separation. But Anthroposophy must be the reverse of sectarian. It will then meet the subconscious and unconscious contemporary demands which truly do not run to creating sects, but cultivate something that develops out of the whole man for all men and out of all men for the whole man.

[ 30 ] Denken Sie nur einmal darüber nach, wie Sie über das innerlich Sektiererische in Ihrer eigenen Seele hinauskommen, meine lieben Freunde. Sektiererisches lebt heute wie ein Atavismus, wie eine ungesunde Erbschaft in zahlreichen Seelen. Und dieses Sektiererische beruht auf dem Unwillen, in die Verhältnisse des äußeren Lebens dasjenige hineinzutragen, was wirkliches Geistesleben ist. Nur durch solche sektiererische Schwarmgeistigkeit konnte es geschehen, daß also zum Beispiel diesem Aufruf, von dem ich Ihnen gestern gesprochen habe und den ich Ihnen vorgelesen habe, vorgeworfen wurde: gerade von dieser Seite hätte man erwartet, daß auf den Geist hingewiesen werde. Das ist mir allerdings immer passiert, daß ich niemals in dem Sinne solcher Schwarmgeister auf den Geist habe hinweisen können. Als im Anfange der neunziger Jahre von Amerika herüber sich die Adler-Unoldsche ethische Bewegung verbreitete, da habe ich mich mit aller Kraft dagegen gewendet, weil ja eine Bewegung für ethische Kultur hätte gegründet werden sollen, die auf gar nichts basierte und mit gar nichts im Leben zusammenhing, als eben nur damit, daß man ethische Grundsätze verbreiten wollte. Lebensverständnis, Verständnis des Lebens aus dem Fundamentalen dieses Lebens heraus, das ist es, was der heutigen Menschheit not tut, nicht Phrasen-Dreschen, man solle die Dinge so oder so machen. Und mit Bezug auf den sozialen Organismus ist die Dreigliederung dasjenige, über das zunächst als über etwas Fundamentales nachgedacht, nachgeforscht, nachgesonnen werden muß, was eigentlich eingehen müßte in die menschlichen Gemüter, so daß sie es so beherrschen, wie man das Einmaleins beherrscht.

[ 30 ] Just consider how you, in your own souls, can get away from sectarianism. In countless souls today sectarianism lives like something atavistic, an unhealthy inheritance, because the will does not exist to carry the true life of the spirit into the conditions of external life. Only through such sectarian sentimentality could it happen that the Appeal of which I spoke yesterday should meet with the reproach that it was just from this direction that mention of the spiritual had been expected! But I have never been able to refer to the spiritual in the sense of these enthusiasts. When, in the beginning of the nineties, there spread in America the Adler-Unold Ethical Movement, I opposed it with all my might, because a movement for ethical culture was to be founded based on nothing, and connected with nothing in life, but a desire to give out ethical maxims. The understanding of life, life in its fundamentals, is what contemporary men need, not the fashioning of phrases as to how things should be done. In regard to the social organism, the threefold order is above all something to be studied fundamentally, investigated and given consideration, something to be taken deeply to heart, so that it may be mastered in the same way as the multiplication table is mastered.