The Social Question as a Question of Consciousness
GA 189
2 March 1919, Dornach
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The Social Question as a Question of Consciousness, tr. Unknown
Fünfter Vortrag
Lecture V
[ 1 ] Wir haben gestern versucht, wiederum von einer gewissen Seite her in die soziale Bewegung der Gegenwart einzudringen. Und was gestern den Gegenstand unserer Betrachtung bildete, war, daß man gerade in der Gegenwart, um überhaupt eine Bewegung innerhalb der Menschheit zu verstehen, sorgfältig darauf sehen muß, was bei Menschen, die in einer solchen Bewegung drinnenstehen, und auch bei den übrigen Zeitgenossen dieser Menschen einerseits an der Oberfläche der Seele im gewöhnlichen Bewußtsein vorgeht, und dem, was andererseits unten in der Tiefe der Seele, in den unterbewußten Regionen vorgeht. Und da haben wir drei Impulse der modernen proletarischen Bewegung ins Auge gefaßt. Wir haben ins Auge gefaßt zunächst die sogenannte materialistische Geschichtsauffassung. Dann haben wir uns angesehen dasjenige, was der Proletarier von seinen Führern gelernt hat. Was er versteht unter der Klassenkampf-Bewegung, die allem geschichtlichen Geschehen zugrunde liegen soll; und dann haben wir unser Augenmerk auf dasjenige gerichtet, was so tief einschneidend in die Proletarierseelen gewirkt hat; wir haben unser Augenmerk gewendet auf die sogenannte Mehrwerttheorie. Und wir haben gesehen, das sind die Dinge, die an der Oberfläche des Seelenlebens des modernen Proletariers liegen. In den Tiefen unten wühlt und west etwas ganz anderes. Während sich der moderne Proletarier täuscht dadurch, daß er sich sagt: alles geschichtliche Werden ist nur eine Spiegelung der rein wirtschaftlichen Vorgänge, die alles geistige Leben wie einen Rauch nach der Oberfläche schickt, lechzt eigentlich der Proletarier mit der ganzen modernen Menschheit nach einer gewissen geistigen Erkenntnis der Welt. Aber er weiß noch nichts davon, daß eigentlich die unterbewußten Tiefen seiner Seele nach geistiger Erkenntnis lechzen. Gerade das, was so in den unterbewußten Regionen des Seelenlebens vorgeht und sich an der Oberfläche maskiert durch etwas ganz anderes, das rumort dann oftmals in den allerwildesten Instinkten. Ebenso weiß der moderne Proletarier, wenn er das Wort Klassenkampf ausspricht, nicht, daß er dadurch nur zu maskieren versucht, was wiederum die Seelentiefen der modernen Menschheit wie eine tiefe Sehnsucht erfüllt: der Impuls nach Gedankenfreiheit. In sein Gegenteil verkehrt sich auf dem Wege vom Unterbewußten bis zum Bewußten das Streben nach Gedankenfreiheit. Das alleralleräußerste Leben in Autoritativem, dem Miterleben des bloßen Klassenbewußtseins, das hat zu seinem Untergrunde eigentlich das Streben nach Gedankenfreiheit. Und der wirkliche Sozialismus, nach dem unsere Zeit strebt in ihren Tiefen, der drückt sich eigentlich aus in dem, was im Grunde eine Art Gegenteil des Sozialismus ist, in dem Streben, egoistisch allen Mehrwert einzuheimsen.
[ 1 ] Yesterday from a certain standpoint we endeavoured to go deeply into the present social movement. The fact brought to light by the subject of our observations was that, to have any understanding of a movement promoted by mankind, careful distinction must be made between what goes on superficially in ordinary consciousness in the soul, and what on the other hand is working in the depths of the soul in the subconscious regions. We became aware of the three impulses behind the modern proletariat movement—first, the so-called materialistic interpretation of history; then what the proletariat have learnt from their leaders, what they understand as the class struggle that is at the basis of all that happens historically; and then we gave our attention to the theory of surplus value which has worked so incisively on the proletarian soul. These are the things at work today on the surface of their soul life. In its depths something very different is stirring and coming to life. Whereas the modern proletarian surrenders himself to illusion when he says that all that develops historically amply reflects purely economic processes, arising like smoke from the spiritual life, he is really yearning, with all present-day humanity, for definite spiritual knowledge of the world. But so far he is ignorant of this subconscious yearning of his soul for spiritual knowledge. What is going on in the subconscious depths of his life of soul and appears in a different guise on the surface, often just expresses itself in the most uncontrolled instincts. Similarly, when the modern proletarian utters the word class-struggle, he does not realise that this is only an attempt to disguise what is filling the soul of modern mankind as a deep yearning, namely, the impulse towards freedom of thought. On its way from the subconscious to the conscious, the striving for freedom of thought changes into its opposite. This striving for freedom of thought is the real basis of the very intensive life in the element of authority, in sheer class-consciousness. And true socialism, which is the fundamental aim of our times, is expressed also in its opposite—in the striving to put all surplus value to egoistic uses.
[ 2 ] Wer dieses Geheimnis, möchte ich sagen, der gegenwärtigen proletarischen Bewegung nicht versteht, der kommt den sozialen Impulsen der Gegenwart doch nicht nahe. Nachdem wir dies gestern vor unsere Seele geführt haben, wollen wir heute einige dazugehörige Wahrheiten uns einmal vor Augen führen.
[ 2 ] Whoever does not understand this secret of the existing proletarian movement cannot today discover the underlying social impulses. Having had all this before our souls yesterday, we will now consider a few of its relevant truths.
[ 3 ] Wer in dieser Art tiefer hineinschauen will in das, was eigentlich vorgeht, für den entsteht noch ein ganz besonderes Verhältnis zu weltgeschichtlichen Bewegungen, auch zu einer solchen in der Gegenwart. Der radikalste Ausdruck der gegenwärtigen sozialen Bewegung ist nun, wie Sie ja wissen, der Bolschewismus, der mehr eine soziale Methode ist, als inhaltlich etwas anderes als was auch sonst der radikale Sozialismus, wie er sich nennt, in sein Wollen aufgenommen hat. Wer Geschichte nicht theoretisch, sondern der Wirklichkeit gemäß betrachtet, der sieht vor allen Dingen darauf, zu verstehen, wie sich gewisse Strömungen im Weltenwerden der Menschheit auch gerade in ihren radikalsten Ausgestaltungen offenbaren, denn an den radikalen Ausgestaltungen kann man oftmals am besten Verständnis finden für das, was sich sonst da, wo der Radikalismus weniger herrscht, verbirgt, trotzdem es nicht weniger wirksam ist. Man muß schon, wenn man diese historische Schlußfolgerung, die die Geschichte selbst gezogen hat in den schreckenerregenden Tatsachen heute, wenn man diese historische Schlußfolgerung des Bolschewismus verstehen will, sich ein wenig umsehen auch im neueren Geistesleben.
[ 3 ] A very different attitude to a world historic movement arises in those who look more deeply into what is happening, from the attitude of those who observe merely what is on the surface. The present social movement is now finding its most radical expression in Bolshevism, which is more a social method, having for its content all that has been absorbed into the will of the most advanced so-called socialism. The student of history as reality rather then theory, endeavours above all to understand how certain streams in the cosmic development of man reveal themselves in their most extreme form. For in an extreme form it is often easier to recognise what, though no less active, is frequently hidden in the less extreme. If we are rightly to understand the historic consequences of Bolshevism, the horrifying deeds of which are already historic fact, we shall, in some measure, have to observe the more recent life of history.
[ 4 ] Sehen Sie, wenn man heute frägt: wer sind denn eigentlich Bolschewisten? — da wird man mit verschiedenen Namen antworten. Nicht wahr, sich überall darbietende Namen sind Lenin, Trotzki. Aber ich will Ihnen einen dritten Bolschewisten nennen, bei dessen Nennung Sie vielleicht ein wenig erstaunt sein werden, der aber doch, ich kann es nicht anders sagen, von einem Gesichtspunkte aus ein echter Bolschewik ist; das ist Johann Gottlieb Fichte. Ich habe Ihnen öfter von Johann Gottlieb Fichte gesprochen, Ihnen auch schon hier versucht, die Lebensgeschichte Johann Gottlieb Fichtes etwas tiefer darzustellen. Wir haben auch einiges von den Hauptgedanken Johann Gottlieb Fichtes uns vor die Seele geführt. Es wird nicht zu leugnen sein, daß Johann Gottlieb Fichte einer der energischsten Denker der neueren Zeit war. Es wird auch nicht zu leugnen sein, daß er ein Idealist im echtesten Sinne des Wortes war. Aber Johann Gottlieb Fichte hat seine sozialistische Anschauung auch ausgesprochen in einer kleinen kompendiösen Schrift, in seinem «Geschlossenen Handelsstaat». Inhaltlich genommen, wenn man darauf sieht, wie sich das in der Wirklichkeit gestalten würde, was Fichte da als eine Art Idealbild sozialer Zustände darstellt, kann man nur sagen: verwirklicht würde dieses soziale Ideal, das Fichte in seinem kompendiösen kleinen Büchelchen «Der geschlossene Handelsstaat» darstellt, verwirklicht würde es sich ausnehmen als Bolschewismus. Man möchte sogar sagen, manchmal erinnert einen das, was Trotzki schreibt, fast Satz für Satz wörtlich, so weit bei so auseinanderliegenden Dingen das der Fall sein kann, an das, was im «Geschlossenen Handelsstaat» bei Fichte steht.
[ 4 ] In answer to the question: Who are the Bolshevists?—various names would have to be given today. The names most often repeated are those of Lenin and Trotsky. I will, however, give you a third name which may perhaps astonish you. But from a certain point of view I can do no less than call Johann Gottlieb Fichte a genuine Bolshevist. I have often spoken to you of him 1See The Spirit of Fichte present in our Midst and tried to present his life history from a rather more profound standpoint, and we have also called up before our souls some of his leading thoughts. It cannot be denied that Fichte was one of the most forceful thinkers of recent times and, in the truest sense of the word, an idealist. He stated his views on socialism in a little book entitled Der geschlossene Handelsstaat (The Enclosed Commercial State). If what he there presents as a kind of ideal picture of social conditions is studied in its reality, it can only be said that, if realised, this social ideal set forth in Fichte's book could lead to nothing but Bolshevism. Trotsky is writings sentence for sentence, almost word for word, as far as this can be the case in such widely different things, are reminiscent of Fichte's Der geschlossene Handelsstaat.
[ 5 ] Nun ist allerdings Johann Gottlieb Fichte ein längst verstorbener Bolschewik. Aber ich möchte sagen: das ist es eben, was uns auffordert, der Sache etwas näher nachzugehen. Wir haben in Fichte vor allen Dingen zu sehen einen einsamen Denker, der zu hohen philosophischen Ideen gekommen ist, und der auch im Verlaufe seines Denkens nachgedacht hat, wie aus den mancherlei für ihn auch schreienden Ungerechtigkeiten seiner Gesellschaftsordnung sich ein gerechter sozialer Zustand ergeben könnte. Und da webt er aus seinem Seeleninneren heraus ein Bild der gesellschaftlichen Ordnung, das ungefähr in derselben Weise auf die Gliederung der Menschheit hingeht, wie es allerdings auf gewaltsame Weise der heutige russische Bolschewismus entfaltet und wie es seine Nachfolger entfalten werden. Es liegt sogar noch etwas anderes vor. Ich kann mir denken, daß viele Menschen, die von den mancherlei Ungerechtigkeiten berührt sind, welche innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung natürlich auch heute noch für sie währnehmbar sind, sich von den recht einfachen Anschauungen in Fichtes «Geschlossenem Handelsstaat» gefesselt fühlen. Ich brauche es Ihnen nicht darzustellen, denn Sie brauchen bloß dasjenige, was der Bolschewismus tut, mit den gebildeten Worten eines Philosophen dargestellt zu denken, dann haben Sie die Darstellung des «Geschlossenen Handelsstaats» bei Johann Gottlieb Fichte.
[ 5 ] Now Fichte is, it is true, a Bolshevist long since dead. This is a reason however to go further into the matter. In Fichte we have, above all, a solitary thinker who reached great heights in in his philosophic ideas. He reflected upon the crying injustices of the social order of his time, and how they could be swept away to give place to juster social conditions. And out of his own innermost soul arose a picture of a communal order that aimed at organising human beings in much the same forceful way as Russian Bolshevism organises them, and as its followers will continue to do. I can imagine that many people today, concerned about the injustices arising within the social order, feel themselves captivated by the very simple conceptions developed by Fichte in his book. I need not dwell upon this; it is enough to think that you have here, described in the cultured language of a philosopher, what Bolshevism is doing. You will then have an idea of Der geschlossene Handelsstaat by Johann Gottlieb Fichte. It is just these facts that can prove a justification of the threefold nature of the healthy social organism.
[ 6 ] Gerade aber diese Tatsache kann Ihnen von einem gewissen Gesichtspunkte erhärten, worin das Recht zu der Aufstellung jener Dreigliedrigkeit des gesunden sozialen Organismus liegt, von der ich Ihnen öfter gesprochen habe. Worauf geht denn eigentlich diese Dreigliedrigkeit? Ich habe in öffentlichen Vorträgen angedeutet, wie sich diese soziale Denkweise von anderen unterscheidet. Ich habe gesagt: wenn man heute auf das hinblickt, was sich zum Teil schon in diesem oder jenem Staatsgefüge verwirklicht hat, wenn man hinblickt auf das, nach dessen Verwirklichung auch sozialistisch denkende und gesinnte Köpfe streben, so hat man das Gefühl, daß das, was die Menschen auf der einen Seite als einen mittelalterlichen Aberglauben empfinden, auf der anderen Seite sich in ihren Seelen tief eingenistet hätte. Es ist, als ob die menschlichen Seelen ein gewisses Gelüste nach Aberglauben hätten, und wird ihnen der Aberglaube nach der einen Seite ausgetrieben, so wendet er sich nach der anderen Seite hin. Deshalb wird man sowohl gegenüber manchem Bestehenden im sozialen Leben, wie auch gegenüber dem, was gerade sozialistisch gesinnte Köpfe wollen, an die Szene im zweiten Teil von Goethes «Faust» erinnert, wo Wagner den Homunkulus herstellt. HHomunkulus soll eben aus Ingredienzien mechanisch nach nüchternen Verstandesgrundsätzen zusammengesetzt werden. Die Alchimisten, die man als abergläubische Leute ansieht, stellten sich vor, daß man das so ohne weiteres könne, und dadurch stellten sie die künstliche Herstellung eines Menschleins, des Homunkulus, in Gegensatz zu dem Gelegenheitgeben dazu, daß ein wirklicher menschlicher Organismus entsteht. Man kann einen wirklichen menschlichen Organismus nicht aus seinen Ingredienzien zusammenstellen, man muß die Bedingungen herbeiführen, so daß er dann gewissermaßen von selbst entstehen kann. Den alchimistischen Aberglauben auf naturwissenschaftlichem Gebiete vermeinen die Menschen überwunden zu haben. Der Aberglaube auf sozialem Gebiete ist blühend da. Sie versuchen aus allerlei Ingredienzien des menschlichen Wollens eine künstliche Gesellschaftsordnung herzustellen.
[ 6 ] Now what is the aim of this threefold order? In public lectures I have often pointed out how this particular way of thinking socially differs from other ways. I have said that seeing what has partly come into being already, in one or another of the forms of States, seeing what those who are socialistically minded aim at realising, we have the feeling that what people think of already as medieval superstition is nevertheless deeply rooted in their souls. It is as if in the human soul there were a certain hankering after superstition, and when superstition is driven out on the one side, it turns to the other side. Thus, many things existing in social life, as well as the aims of socialistic thinkers, recall the scene in the second part of Goethe's Faust where Wagner is producing Homunculus. Homunculus is supposed to be put together mechanically, out of certain ingredients in accordance with dry intellectual principles. The Alchemists, looked upon as superstitious, considered that this could not be done thus simply, and set this artificial creation of a manikin, of Homunculus, in contrast to the forming of a true human organism. A true human organism cannot be put together out of just so many ingredients; the necessary conditions must be forthcoming in which he can to a certain extent produce himself. It is thought that in scientific spheres alchemistic superstitions have been overcome. But in the social sphere superstition continues to flourish. And it endeavours to set up an artificial social order consisting in all manner of ingredients out of the human will.
[ 7 ] Diese Denkweise ist diametral entgegengesetzt derjenigen, die hier vertreten wird aus geisteswissenschaftlichen Unterlagen heraus. Diejenige Denkweise, die hier vertreten wird, sie strebt danach, allen sozialen Aberglauben abzustreifen und darauf auszugehen, praktisch die Frage zu beantworten: welche Bedingungen müssen hergestellt werden, damit nicht der eine oder der andere aus seiner besonderen Gescheitheit heraus irgendein sozialistisches Ideal verwirklichen könne, sondern daß die Menschen im sozialen Leben untereinander, im gegenseitigen Zusammenwirken die notwendige soziale Gestaltung herbeiführen.
[ 7 ] This way of thinking is diametrically opposed to the fundamentals of Spiritual Science represented here. The way of thinking we represent, aims at getting rid of all social superstition, so that in a practical way we can answer the following question: What conditions must be set up, not to enable some cleverly designed, socialistic ideal to be put into practice, but so that human beings in mutual cooperation should bring about the necessary shaping of the social life?
[ 8 ] Da findet man aber, daß tatsächlich dieser soziale Organismus ebenso wie der natürliche Organismus aus drei relativ in sich selbständigen Gliedern bestehen muß. Geradeso wie der menschliche Kopf, der hauptsächlich der Träger der Sinnesorgane ist, durch die Sinnesorgane in einem besonderen Verhältnis zur Außenwelt steht, wie er für sich zentralisiert ist, wie wiederum das rhythmische System, das Lungen- und Atmungssystem für sich zentralisiert ist, das Stoffwechselsystem für sich zentralisiert ist und diese drei in einer relativen Selbständigkeit zusammenwirken, so ist es eine fundamentale Notwendigkeit, daß der soziale Organismus dreigliedrig ist und diese drei Glieder relative Selbständigkeit haben. Nebeneinander wirken müssen der selbständig auf sich gestellte Geistesorganismus, der selbständig auf sich gestellte Organismus des politischen Staates im engeren Sinne und das selbständig auf sich gestellte Wirtschaftsleben — jede dieser Körperschaften mit eigener Gesetzgebung und Verwaltung, die sich aus ihren eigenen Verhältnissen und Kräften heraus ergeben müssen. Das scheint abstrakt zu sein, ist aber gerade dasjenige, was die Ge MAN samtmasse der Menschheit so gliedert, daß aus dem Zusammenwirken dieser Glieder sich ergeben muß, was den sozialen Organismus gesund macht. Also nicht darauf kommt es an, auszudenken, wie sich der soziale Organismus gestalten soll. Auf sozialem Gebiete geht nämlich unser Denken nicht so weit, daß wir eine Struktur des sozialen Organismus ohne weiteres angeben können. Eine Struktur des sozialen Organismus kann der einzelne Mensch von sich aus ebensowenig verwirklichen, wie der einzelne Mensch von sich aus, wenn er ohne Zusammenhang mit der Gesellschaft auf einer einsamen Insel aufwachsen würde, je die Sprache erlernen würde; so kann der einzelne Mensch niemals aus sich heraus etwas Soziales spinnen. Alles Soziale ersteht im Zusammenwirken, aber im geregelten, auf diese Dreigliedrigkeit aufgebauten, wirklichen harmonischen Zusammenwirken der Menschen. Erst wenn man diese Richtung, die auf die wirkliche praktische Gestaltung, das wirkliche praktische Leben geht, recht ins Auge faßt, erst dann versteht man, wie ein solcher Mensch wie Johann Gottlieb Fichte dazu gekommen ist, ein soziales System auszudenken, das eigentlich in seiner Verwirklichung Bolschewismus ist.
[ 8 ] One finds, however, that in actual fact this social organism like the natural organism must consist of three relatively independent members. Just as the human head, the chief bearer of the sense-organs, by reason of these organs stands in a special relation to the external world and is centred in itself; just as, too, the rhythmic system, the lungs and the breathing, and then again the digestive system are centred in themselves, as these three work together in relative independence; so it is fundamentally necessary for the social organism to be threefold, its three members being relatively independent. There must work side-by-side the independent spiritual organism, the independent organism of the political state in its narrow sense, and the independent economic life. Each of these bodies should have its own legislation and government, arising out of its own conditions and its own forces. This seems to be abstract, but this threefold order is just the element in which man can be so fused that from the working together of all the members a healthy social organism can result. It cannot be just a question of thinking out what for the social organism is to take. Our thinking, indeed, is not so advanced in the social sphere that a structure can be given straightway to the social organism. One individual by himself could as little bring about such a structure as a man growing up alone on a desert island without any human society could, out of himself, learn to speak. Everything social arises through cooperation, but a cooperation harmoniously regulated on this threefold basis. It is only by keeping in mind the direction leading to a really practical structure, a really practical life, that we understand how a men like Johann Gottlieb Fichte came to think out a social system which, put into practice, would actually be Bolshevism.
[ 9 ] Was ist denn Johann Gottlieb Fichte für eine Persönlichkeit? Fichte ist einer der charakteristischsten Denker der neueren Zeit. Er ist gewissermaßen der Mann, der das Denken, das sich ja, wie wir wissen, auch entwickelt hat, das nicht immer das gleiche war — lesen Sie das nach in meinen «Rätseln der Philosophie» —, der das Denken in der energischsten Weise und in seiner reinsten Gestaltung ausgebildet hat. Gerade an einer solchen Persönlichkeit wie Fichte kann man sehen, wozu das Denken wird, wenn der Mensch dieses Denken ganz nur aus sich, aus dem Ich heraus schöpfen will. Und wendet man dann dieses reine Denken, so wie es ist, auf die soziale Struktur an, dann kommt das Bild heraus, das Fichte im «Geschlossenen Handelsstaat» gegeben hat. Nur derjenige kommt dieser Sache bei, der sich sagt: solch ein Denken wie das Fichtesche ist gar nicht geeignet, die soziale Struktur zu finden. Das ganz nur aus dem Impulse des Ich heraus schöpfende Denken ist nicht in der Lage, die soziale Struktur zu finden, so wie der einzelne Mensch nicht die Sprache erfinden kann; sondern es kann die soziale Struktur nur gefunden werden, wenn man erst die Menschen in ein solches Verhältnis bringt, daß sie im gegenseitigen Verkehr und in ihrem Zusammenhange diese soziale Struktur finden. Man muß gewissermaßen halt machen vor gewissen Dingen, die sich auf die soziale Struktur beziehen, und muß den Weg nur so weit verfolgen, daß man zeigt: Seht ihr, so müssen die Menschen zueinander stehen, wenn in ihrem Zusammenwirken der soziale Organismus sich verwirklichen will. Das ist wirklichkeitsgemäßes Denken, das ist erfahrungsgemäßes Denken. Fichtes Denken ist aus dem reinen Ich herausgeborenes Denken. Und aus dem reinen Ich herausgeborenes Denken, wenn auch in etwas anderer Form, ist schließlich auch das bolschewistische Denken. Es ist im Grunde genommen gerade deshalb antisozial, weil es nur aus den Offenbarungen des Ich heraus geboren ist. Denn es ist ja diese Form gerade nicht im menschlichen Gemeinschaftsleben entstanden. Das Gemeinschaftsleben des Proletariats hat diese Form auf Autorität hin angenommen. Das Maßgebende sind die einzelnen Führer. Das ist es, worauf es ankommt.
[ 9 ] For what kind of personality is Fichte? Fichte is a characteristic modern thinker. He cultivated in the most energetic way and in its purest form the thinking that was evolving, as we know, though not always on the same level. (Read up this in my Rätseln der Philosophie; Riddles of Philosophy). It is just in a personality like Fichte that one can see in what direction thinking goes when a man wishes to draw it entirely out of himself, out of his ego. And if one applies this thinking to the social structure there arises the picture given in Fichte's Der geschlossene Handelsstaat. Only with deep insight can it be understood how thinking like Fichte's is not suitable for finding the right social structure. Thinking drawn entirely from the impulse of the ego is not able to find the social structure of the ego, any more than the single man can invent speech. The social structure is far more readily found when men are brought together into such a relation that this structure can be created through their mutual intercourse and cooperation. We must make a halt, so to speak, before certain things relating to the social structure; we must dare to follow the way only so far as we are shown: This is the relation in which men must stand if the social organism is to be realised through their combined efforts. That is thinking in terms of reality and experience! Fichte's thinking is born out of the pure ego and is ultimately, though in a different form, Bolshevistic thinking. It is an anti-social thinking because it is born out of the ego alone; its form does not originate in human association. The community life of the proletariat has accepted this anti-social form on the authority of an individual leader who has become its guiding principle.
[ 10 ] Nun muß man sich demgegenüber fragen: Wodurch gibt denn eigentlich dieses Gemeinschaftsleben gerade auf sozialem Gebiete mehr als das innere Leben des einzelnen Menschen? Nun, sehen Sie, da muß man sich schon recht klarmachen, worauf eigentlich so etwas, wie gerade die reinste Gestaltung des Denkens bei Fichte führt. Wer sich nicht philosophisch vorbereitet, sondern als gewöhnlicher Mensch, der gewohnt ist Zeitungen zu lesen, leichter faßliche Bücher zu lesen, vielleicht auch Universitätswissenschaft, wie sie heute besteht, zu verfolgen, wer sich als solcher gewöhnlicher Mensch an Fichtes Bücher heranmacht, der kann nicht mit, der findet das alles so, daß er sich an dem Gedanken wie aufgespießt fühlt — so energisch sind sie, aber so abstrakt entwickelt er sie. Es ist eben ein reines Gedankengespinst für die meisten Menschen, was Fichte da darbietet.
[ 10 ] The question now arises: How is it that this life in common gives more just in the social sphere than does the inner life of the individual man? Here we must be clear whither the purest form of thinking, as arising in Fichte, actually leads. The ordinary man with no grounding in philosophy, accustomed to reading the newspaper or light literature, and having perhaps some knowledge of science as taught today in the universities—this man coming to Fichte's works cannot cope with them. He feels himself overcome by the thoughts which are so forceful and so abstract in their development. To most people they seem just a web of thoughts.
[ 11 ] Woher kommt denn das? Es kommt gerade daher, daß dieses Denken ein reines Denken ist, ein Denken, das von aller Welterfahrung abgesehen nur herauswebt aus der Seele, was sich eben aus der Seele herausweben läßt. Wenn Sie Fichtes Wissenschaftslehre studieren, so schreiten Sie von Satz zu Satz in einer abstrakten Höhe vor, daß Sie oftmals gar nicht wissen, warum Sie denn eigentlich diese Gedanken hegen sollen, denn sie sagen Ihnen gar nichts. Sie können Fichtes Wissenschaftslehre durch viele Blätter lesen, und Sie erfahren: Das Ich setzt sich selbst. — Das ist zunächst auf vielen Blättern auseinandergesetzt. Das nächste: Das Ich setzt das Nichtich — wiederum auf vielen Blättern auseinandergesetzt. Das dritte: Das Ich setzt sich selbst begrenzt durch das Nichtich und das Nichtich als begrenzt durch das Ich. — Nun sind Sie schon fast durch die «Wissenschaftslehre» durch, in welcher diese Sätze nur in einer sehr stark in die Breite gehenden Deduktion auseinandergesetzt werden. Sie werden sagen: das interessiert mich gar nicht, denn schließlich sind das ja ganz ausgehöhlte Abstraktionen. Aber dennoch, wenn Sie wiederum das Fichtesche Leben und Streben so betrachten, wie ich es Ihnen einmal vor einiger Zeit hier dargestellt habe, dann bekommen Sie Respekt vor Fichte, dann bekommen Sie Respekt vor diesem Hinstreben zu dem reinen Denken.
[ 11 ] The reason is that it is pure thinking, woven out of the content of the soul alone, apart from all concrete experience. Studying Fichte's Wissenschaftlehre (Theory of Knowledge) you follow it sentence by sentence in the heights of abstraction, often with no idea why, as these thoughts mean nothing to you, you should be concerned with them at all. You can read pages of this and simply experience the following: The ego is asserting itself. To begin with many pages are taken up with an analysis of this. Next we come to: The I posits the not-I, which again takes up a number of pages. Thirdly, the ego establishes itself, its limits being the non-ego, and the non-ego being bounded by the ego.—So it goes on through the Wissenschaftlehre in which only these propositions with far-reaching deductions are set forth. You will say: I am not interested in all this, for ultimately it is just empty abstraction.—Nevertheless when you consider Fichte's life and endeavours, as I described them to you here a little time ago, you come to respect both him and his striving after pure thinking.
[ 12 ] Woher rührt denn dieser merkwürdige Widerspruch? Sehen Sie, dieser merkwürdige Widerspruch rührt davon her, daß es einmal in der Menschheitsentwickelung notwendig geworden ist, zu diesem reinen, nur von Gedanken erfüllten Denken hinzukommen. Das menschliche Denken ist ja sonst, namentlich in älteren Zeiten immer nur — wie ich es Ihnen auch gestern wiederum ausgeführt habe — von Bildern erfüllt gewesen. Die Leute, wie Fichte, Schelling und Hegel, sie haben einmal das gedacht, was nur reine Gedanken, bildlose Gedanken sind. So hätte der Grieche nie denken können, so hätte der Römer nicht denken können, so hätte man im ganzen Mittelalter nicht denken können, denn die Scholastik ist etwas ganz anderes trotz all ihrer Abstraktheit.
[ 12 ] Whence comes then this remarkable contradiction It arises from the necessity for man to arrive at a certain period of his evolution at this pure thinking, this thinking filled with pure thought. For in more ancient days human thinking was filled only with pictures. Men like Fichte, Schelling and Hegel have thought in thoughts alone, pictureless thoughts. The Greeks could never have thought in this way, nor the Romans, nor could men have thought thus in the middle ages, for in spite of all their abstractions, the thinking of the Scholastics was still quite different.
[ 13 ] Wozu ist denn in der neueren geschichtlichen Entwickelung solch ein abstraktes Denken aufgetreten? Nun, es ist deshalb aufgetreten, weil die Menschen sich einmal anstrengen mußten. Und es gehört eine starke innere Anstrengung dazu, um sich zum Beispiel im Fichteschen Sinne bis zu einer solchen Abstraktheit zu erheben, um solche Abstraktionen sich kraftvoll zu erringen, von denen der banausische, wirklichkeitssinnliche Mensch sagt, das tauge ja gar nichts, denn da sei alle Erfahrung ausgepreßt. Das ist auch durchaus der Fall. Aber zu solchen Abstraktionen mußte man eben einmal kommen. Der erste Schritt war zu solchen Abstraktionen. Sobald man aber die innere Stoßkraft des Seelenlebens noch ein Stück weiter entwickelt über diese Abstraktionen heraus, geht es in das spirituelle Leben hinein. Es gibt keinen gesunden Weg der neueren Mystik als durch das energische Denken durch. Daher mußte zunächst das energische Denken errungen werden. Der nächste Schritt ist, daß dann über dieses energische Denken hinaus zum wirklichen Erleben des Spirituellen gegangen wird. Natürlich geht das alles in der geschichtlichen Entwickelung langsam vor sich, aber der Weg der Menschheit geht doch darauf hin. Und diese Sehnsucht, die eigentlich heute alle Menschen beherrscht, aus der Abstraktion heraus zum spirituellen Leben zu kommen, diese Sehnsucht liegt geheimnisvoll auch der in der modernen proletarischen Bewegung verankerten Kraft zugrunde.
[ 13 ] Why then has abstract thinking arisen in modern historical evolution? It is because men have to make great inner effort! And it partakes of this effort when, in Fichte's sense, for example, an endeavour is made to rise to the abstract, and there is a real struggle to attain to such abstraction. This is said by the ordinary, practical men to be of no use because all experience has been eliminated. And that is indeed so. Such abstractions are, however, necessary as a stage in progress. And as soon as there is sufficiently strong impulse within the human life of soul to develop to a stage beyond these abstractions, then the soul rises into the spiritual life. In modern mysticism there is no sound path that does not lead through vigorous thinking. That must first be achieved. After vigorous thinking, the next step is to actual experience of the spiritual. In historical evolution this naturally takes a long time, but it is the path on which mankind has to travel. And this longing holding sway in present-day mankind, to get beyond the abstract to the spiritual life, lies secretly at the basis of the force in the modern proletarian movement.
[ 14 ] Der Proletarier sagt, nichts wirke von geistigen Kräften in der Geschichte; in der Geschichte wirken nur die wirtschaftlichen Kräfte. Die nimmt er mit der gröbsten Wahrnehmung auf, die betrachtet er als das allein geschichtlich Werdende. Das geistige Leben ist ein bloßer Überbau, eine Ideologie, ein Spiegelbild der äußeren wirtschaftlichen Vorgänge. — Nun ja, das stellt er sich so vor, weil der moderne Mensch, wenn er in sich blickt, die alten atavistischen Schauungen verloren hat; er erblickt in sich bloße Abstraktionen, bloße abstrakte Gedanken, in denen er keine Wirklichkeit finden kann; denn da müßte er den nächsten Schritt machen, den ich eben charakterisiert habe. Daher sucht ein jeder die Wirklichkeit, nach der er sich eigentlich aus seinem Inneren heraus sehnt, in der äußeren Welt. Und weil der Proletarier seit dem Kapitalismus eingespannt ist in das bloße Wirtschaftsleben, sucht er diese Wirklichkeit im Wirtschaftsleben.
[ 14 ] The proletarian fights against the activity of spiritual forces in history, where he considers economic forces alone should prevail. He clings to the most blatant external perception, and regards what he thus perceives as the only historic development. The life of the spirit is for him a mere superstructure, an ideology, a reflection of external economic processes. He pictures it thus because when modern man directs his gaze within, he can no longer discover the old atavistic visions; he sees merely abstractions, abstract thoughts, in which he can find no reality. For that, he would have to take the next step which I have already described. Thus each seeks in the external world that reality for which he inwardly yearns. Being tied, since capitalism arose, to the economic life alone, the proletarian seeks there his reality.
[ 15 ] Was wird der nächste Schritt sein, der naturgemäße, selbstverständliche Schritt? Der wird sein, daß man durchschauen wird, daß innerhalb der wirtschaftlichen Ordnung letzten Endes nichts wirklich Treibendes liegt. Als das Treibende in der Geschichte wird gerade im Gegensatz zu diesem geschichtlichen Materialismus die Kraft aus dem Inneren erwachsen, zum Spirituellen vorzudringen. Es ist nur die Karikatur des in den Tiefen der menschlichen Seele liegenden Sehnens, was im historischen Materialismus zum Vorschein kommt.
[ 15 ] And what will be the next obvious step? The next step will be to see that ultimately no real driving forces lie in the economic order. In exact contrast to this historical materialism, it is out of the inner life that, as historical impulse, the force will develop for pressing forward to the spiritual. What comes to appearance in historical materialism is only the caricature of the yearning in the deep recesses of man's soul.
[ 16 ] Und ebenso ist im Klassenbewußtsein die Kraft der einzelnen menschlichen Individualität da, die in sich selber einen Inhalt sucht, die sich darin äußert — weil sie sich selbst noch leer vorkommt, den Inhalt noch nicht gefunden hat —, daß sie sich an die ganze Klasse anlehnt, sich stark fühlt, wenn sie als Menschheit im Zusammenhang da ist.
[ 16 ] In the same way the force of each man's individuality is contained in class-consciousness, and this individuality looks within itself for a content it has so far been unable to find. Still finding emptiness there it leans on the class as a whole in order, as man, to feel the strength of a common bond.
[ 17 ] Und so sind alle die Impulse, die heute an der Oberfläche der sozialen Bewegung walten, im Geheimen hervorgehend aus der Quelle, die ich Ihnen eben bezeichnet habe. Und daher konnte in der Zeit, in der Fichte wirkte, die noch nicht reif war für geisteswissenschaftliches Streben, nichts anderes zum Vorschein kommen, als ein Denken, das eigentlich wartet auf das Entgegenkommen der spirituellen Welt und das für die äußere Wirklichkeit nichts taugt. Und das Denken, das eigentlich angewendet werden sollte auf die geistige Welt, das bewirkt — radikal, konsequent, gewalttätig angewendet auf die äußere sinnliche Wirklichkeit — nicht Aufbau dieser sinnlichen Wirklichkeit, sondern Zerstörung. Ich habe Ihnen öfter über die Funktionen des Bösen gesprochen. Ich habe Ihnen gesagt, welche Kräfte eigentlich in dem wirken, was wir hier das Böse im Menschen nennen. Ich sagte Ihnen: gehen wir nur einen Plan höher, von unserem Sinnesplan in den nächsten geistigen Plan hinein, dann bemerken wir durch die Anschauung dieses geistigen Planes, was eigentlich im Bösen wirkt. Denn würden die Kräfte, die in Dieben, Räubern, Mördern leben, nicht hier in der Sinneswelt ausgelebt, sondern würde der Mensch dasjenige, was er in der Sinneswelt unrechtmäßigerweise auslebt, metamorphosiert, umgewandelt auf dem höheren Plane ausleben, so wäre es da vollberechtigt. Dahin gehört es. Das Böse ist ein versetztes Gutes. Nur dadurch, daß die ahrimanischen Kräfte das, was in eine ganz andere Welt gehört, in unsere Welt hereindrücken, entsteht die Artung des Bösen. Und so entsteht ein zerstörerisches Denken — nicht ein Denken, das warten kann auf die Erfüllung von der spirituellen Welt —, wenn das soziale Ideal herausgesponnen wird aus dem eigenen menschlichen Inneren.
[ 17 ] Thus, all the impulses holding good on the surface of the social movement, secretly issue from the sources I have described. Therefore at the time Fichte was working, a time not then ripe for developing Spiritual Science, nothing more could appear than a thinking that awaited the approach of the spiritual world and had no power to serve external reality. For when thinking that really should be concerned with the spiritual world, is applied instead, powerfully, logically and fundamentally, to the external reality of the senses, it does not work upon this reality constructively but destructively. Now I have often spoken to you of the function of evil. I have told you what forces are really active in what we call the evil in man. I have said that, from a plane higher than that of the senses, from the spiritual plane that is nearest to ours, we can with the perception we then have see what is at work in evil. For the forces living in thieves, robbers, murderers, would not then be experienced in their unlawful aspect as here in the sense-world, but on the higher plane they would be metamorohosed, transformed, and thus fully within their rights. That is where evil belongs. Evil is misplaced good. Only because the ahrimanic powers force upon our world something belonging to a quite different world, does what we see as evil arise. And thus arises also destructive thinking, when social ideals are spun out of what is within man, and the pure thinking does not wait to be filled by the spiritual world.
[ 18 ] Sehen Sie, das gibt einem einen Einblick in den Unterschied zwischen all den zahlreichen Abstraktionen, die heute herrschen, und dem, was hier angestrebt wird in einer wirklichen praktischen Erfassung des sozialen Organismus. Denn in dem, was angeregt wird im menschlichen Zusammenleben, in dem, was die Menschen ausbilden im Zusammenleben, wenn nur das richtige Zusammenleben auf die Beine gebracht wird, in dem leben sich dann nicht abstrakte Gedanken aus. Abstrakte Gedanken leben sich aus, wenn der Mensch wirklich ehrlich einsam ist. Abstrakte Gedanken leben sich nicht aus, wenn die Menschen zusammen sind. Da leben sich verborgene, geheimnisvolle Imaginationen aus. Und diese geheimnisvollen Imaginationen geben erst dem sozialen Organismus eine entsprechende Struktur, wenn sie verwirklicht werden. Daher hängen im wesentlichen die Fortschritte, die in der neueren Geisteswissenschaft gemacht werden, zusammen mit den einzig heilsamen Impulsen für eine sozialistische Weltordnung. Und die Mängel und Schäden, das Ungesunde des gegenwärtigen sozialen Organismus besteht darin, daß er gerade in Fichtescher Weise dasjenige, was nur in der Erfahrung erfaßt werden kann, aus den bloßen inneren Forderungen herausweben will.
[ 18 ] This gives us a glimpse into the difference between all the prevalent ruling abstractions and what is striving for a really practical grasp of the social organism. For in what arises and is cultivated in man's community life, when rightly brought about , there does not live abstract thought. Abstract thought is not experienced when human beings are together. For then hidden, secret Imaginations are experienced. And only when these are actually realised do they give the appropriate form to the social organism. The progress to be made in modern Spiritual Science will be closely connected with the only impulses essential for a sound socialistic ordering of the world. And the deficiencies and defects, all that is unhealthy in the present social organism, consist in what can be the result of experience alone being, in the manner of Fichte, woven out of demands arising merely within man.
[ 19 ] Wenn man betrachtet, wie in der neueren Zeit danach gestrebt worden ist, den Staat immer mehr und mehr zu einem Einheitsstaat zu machen, bloß in sich zu zentralisieren, dann wird man sich klar darüber, daß das zu nichts anderem hat führen können als zu Erschütterungen und Störungen des sozialen Organismus. Und die Gründe für diese Erschütterungen und Störungen liegen eben durchaus tiefer, als derjenige meint, der diese moderne proletarische Bewegung nur als eine Lohn- oder Brotbewegung betrachtet. Denn nicht darauf kommt es an, selbst wenn eine Lohn- oder Brotbewegung heute notwendig sein sollte oder vorliegen würde, daß nach einer Änderung der Brotverhältnisse, der Brotversorgungsverhältnisse gestrebt wird, sondern darauf kommt es gerade heute in der sozialen Bewegung an, wie danach gestrebt wird. Und auf das Wie kommen Sie durch solche Betrachtungen, wie ich sie wiederum heute mit Ihnen anstelle.
[ 19 ] When we observe the direction of modern endeavour, to make the State more and more into a uniform State in which everything would be centralised, it becomes clear that this can lead to nothing but a shattering, a disturbance, of the social organism. And the reason for this lies far deeper than is thought by those who consider the modern proletarian movement to exist merely to be concerned with bread or wages. For even if a movement concerned with bread and wages should be necessary or were in actual practice today, what is important is not the endeavour to change the bread situation or its organisation, but the way in which this is striven for. And you arrive at that way through considerations such as today I have once again put forward.
[ 20 ] Betrachten Sie weiter dasjenige, worauf wir gestern am Schluß gekommen sind, die Frage des Mehrwerts. Wer die proletarische Bewegung miterlebt hat, weiß, wie tief es eingeschlagen hat, als sie von gewissen Führern in die proletarischen Seelen verpflanzt worden ist. Worauf beruht denn die sogenannte Mehrwertstheorie? Sie beruht wirklich auf dem, was ich auch vorgestern im öffentlichen Vortrage in Basel ausgesprochen habe: daß eigentlich eine reale Unwahrheit in dem Verhältnis des Arbeitgebers zu dem Arbeitnehmer heute herrscht, und weder der Arbeitgeber noch der Arbeitnehmer in der Oberfläche ihres Seelenlebens wissen, daß da eine Unwahrheit herrscht. Der Tatbestand wird maskiert. Aber wenn es auch nicht gewußt wird, es wirkt dennoch in der Seele als Tatsache, es wirkt als Empfindung, es wirkt aus unterbewußten Tiefen herauf.
[ 20 ] Think of the question of surplus value to which we came at the end of yesterday's lecture. Whoever has had experience of the proletarian movement knows what a deep effect this question has made, as it has been planted in the souls of proletarians by certain of the leaders. Now upon what does this theory of surplus value rest? It rests actually upon what I was describing in yesterday's public lecture in Basle, namely, that there is something false in the relations between employer and employee, of which neither employer nor employee is conscious. The facts of the matter are masked. But although unconsciously, it is working on the soul out of the subconscious depths as fact, it is working as feeling.
[ 21 ] Halten wir uns noch einmal die Hauptsache vor Augen. Der Arbeitnehmer ist heute zu dem Arbeitgeber in einem ganz bestimmten Verhältnisse, das der Arbeitnehmer als menschenunwürdig empfindet, wenn er auch manchmal in seiner bewußten Beschreibung ganz anderes vorbringt. Er empfindet es als menschenunwürdig in seiner Seele, weil es dazu führt, daß er seine Arbeitskraft wie eine andere Ware dem Unternehmer zu verkaufen hat. Und er empfindet in den geheimen Untergründen seiner Seele, daß eigentlich nichts vom Menschen verkauft werden darf. Und verkauft der Mensch seine Arbeitskraft, so geht der ganze Mensch eigentlich mit. Nun, darüber haben wir ja schon Betrachtungen angestellt.
[ 21 ] Let us observe the main point more closely. The employee stands today in a quite definite relation to the employer, a relation that, as a human being, he finds unworthy, although in a conscious description he might sometimes put it quite differently. In his soul he experiences it as unworthy because it leads to the sale to the employer of his labour power as a commodity. In the secret depths of his soul he feels that nothing human should be for sale. When a man sells his labour power the whole man is sold.
[ 22 ] Nun könnte eigentlich die Frage so gestellt werden, und sie wird gewöhnlich gerade vom sozialistischen Denken so gewendet: Wie kommt man dazu, in der richtigen Weise die Arbeitskraft zu vergüten? Die sozialen Ideale, die laufen zumeist darauf hinaus, der menschlichen Arbeitskraft, der handwerklichen Arbeitskraft ihre volle Vergütung zuzuwenden. Nun liegt aber ein ganz anderer Tatbestand vor. Für den, der die Volkswirtschaft durchschaut, ist nämlich klar, daß die menschliche Arbeitskraft überhaupt nicht gegen etwas anderes ausgetauscht werden kann, denn menschliche Arbeitskraft ist nicht mit irgendeiner Ware oder einem Warenrepräsentanten wie dem Gelde irgendwie zu vertauschen. Das ist kein realer Vorgang, sondern nur ein, wenn auch verwirklichter, phantastischer Vorgang. Daß der Handwerker arbeitet und dann Geld für die Aufwendung seiner Arbeitskraft bekommt, ist kein wirklicher Vorgang, sondern die Sache ist maskiert, die Sache ist eine reale Unwahrheit. Was da vorgeht, ist etwas ganz anderes. Man stellte die Sache so in den sozialen Organismus hinein, als wenn der Arbeiter seine Arbeitskraft zu Markte brächte und der Unternehmer ihm diese Arbeitskraft abkaufte mit dem Lohn. So ist es aber gar nicht. Auf dem Wirtschaftsgebiete kann man überhaupt nichts anderes tun, als Ware gegen Ware austauschen allerdings Ware dann im allerweitesten Sinne genommen. Alles Wirtschaftsleben besteht in Wirklichkeit nur im Austausch von Waren. Was ist nun eine Ware vor der Wirklichkeit gedacht? — Ein Grundstück ist als solches noch keine Ware. Die Kohle, die unter der Erde sich befindet, ist als solche noch keine Ware. Eine Ware ist nur das, was in Zusammenhang gekommen ist mit menschlicher Tätigkeit, entweder seinem inneren Wesen nach durch menschliche Tätigkeit verändert oder durch menschliche Tätigkeit von einem Orte zum andern gebracht worden ist. Wenn Sie diese zwei Eigenschaften nehmen, so finden Sie alles, was sich irgendwie unter den Begriff der Ware unterbringen läßt. Man hat viel gestritten über die Natur der Ware. Aber wer Einsicht hat in den volkswirtschaftlichen Zusammenhang, der weiß, daß vor der Wirklichkeit nur diese Definition der Ware einen Wert hat.
[ 22 ] The question could be put differently, and in the usual socialistic way of thinking it is put thus: How is man to be refunded in the right way for his labour power? The socialistic ideals run mostly on the lines of making adequate refund for power expended on manual labour. But the facts are quite otherwise. A human study of folk-economy makes it clear that no form of human labour power can be exchanged for anything else—neither goods nor anything representing goods, such as money, are interchangeable with labour power. Even when transformed into reality it is no real process but only a thing of the imagination that the manual worker should give his work, and then, in exchange, receive money for what he expends in labour power. That is absolutely false and the true process is masked; something quite different happens. In the present social organism the worker brings his labour power to market and the employer, the contractor, buys it with wages. But it is not really thus. In the economic life there can only be exchange of one commodity with another, commodities, that is, in the widest sense; and in reality the whole of economic life consists in the exchange of commodities. What is a commodity, if we think of its reality? A piece of ground is not a commodity; coal, when under the earth is not a commodity. A commodity is the result of human activity alone, something transformed by human activity or something men has moved from one place to another. Under those two headings you find everything that can be brought into the concept ‘commodity’. The nature of a commodity has been the subject of much argument. A close study of economic connections generally shows that in reality only this definition will hold water.
[ 23 ] Nun haben sich im modernen sozialen Organismus zahlreiche Verquickungen, Zusammenschmelzungen der Warenzirkulation mit anderem herausgestellt, und das hat diesen modernen sozialen Organismus zu seinen revolutionären Konvulsionen getrieben. Man glaubt heute und das ist auch eine realisierte Phantastik — nicht nur Ware gegen Ware zu tauschen, sondern man glaubt auch Ware gegen menschliche Arbeitskraft wie im Lohnverhältnisse zu tauschen; und fernerhin glaubt man Ware oder deren Repräsentanten, das Geld, zu tauschen gegen dasjenige, was, solange es vom Menschen nicht verändert ist, nicht Ware sein kann, Grund und Boden zum Beispiel. Denn der Grund und Boden ist als solcher kein Objekt des Wirtschaftsprozesses. Auf dem Grund und Boden werden Objekte des Wirtschaftsprozesses gewonnen durch menschliche Tätigkeit, aber der Grund und Boden ist als solcher kein Objekt des Wirtschaftsprozesses. Was im Wirtschaftsprozeß, im sozialen Organismus überhaupt für den Boden in Betracht kommt, das ist, daß der eine oder andere ein Recht hat, ausschließlich diesen Boden zu benützen und zu bearbeiten. Dieses Recht auf den Boden ist es, was wirklich eine reale Bedeutung für den sozialen Organismus hat. Der Boden selber ist nicht Ware, sondern Waren entstehen auf ihm. Und was da eingreift, ist das Recht, das der Besitzer hat auf den Grund und Boden. Wenn Sie also käuflich, das heißt durch Tausch, ein Grundstück erwerben, so erwerben Sie in Wirklichkeit ein Recht, das heißt, Sie tauschen eine Sache gegen ein Recht, wie es ja schließlich auch beim Kaufe von Patenten der Fall ist.
[ 23 ] Now in the modern social organism there has been an element of confusion in the circulation and interchange of commodities, which has driven the social organism to its present revolutionary convulsions. It is fantastic today to believe it possible not only to exchange commodities for commodities but also commodities for labour power, as in the matter of wages. It is fantastic too when we believe it possible to exchange commodities, or the money representing them, for what cannot be a commodity—ground, land, for example, that has not been changed by man. For land, as such, is not an object belonging to the economic process. Upon the land things of the economic process are attained by human activity, but land, as such, cannot be counted as belonging to this process. With regard to the significance of the land in the social organism, we see that one man or another has exclusive right to use and work this land. It is this right to land that has a real significance for the social organism. Land itself is not a commodity but commodities come from the land. And here enters the right the possessor has to the land. If you acquire a piece of land by sale, that is, by exchange, what you really acquire is a right, you exchange something for a right, such as is the case for example in buying a patent.
[ 24 ] Da greift man tief hinein in jene Verquickung, die so Unseliges bewirkt hat, in jene Verquickung des reinen politischen Rechtsstaates mit dem Wirtschaftsleben, wofür es keine andere Heilung gibt, als die Auseinandertrennung. Das Wirtschaftsleben muß man für sich walten lassen in der reinen Warenproduktion, Warenzirkulation, Warenkonsumtion, in einem assoziativen Leben, in dem sich Produktion, Konsumtion, die einzelnen Berufsinteressen, die die Menschen zusammenschließen, in ein entsprechendes Verhältnis stellen. Aber innerhalb dieser Assoziationen und assoziativen Gruppen wird nur gewirtschaftet, so wie im menschlichen Verdauungssystem eben nur die Verdauung vor sich geht; und dann wird diese Verdauung auf der anderen Seite ergriffen von dem selbständigen Lungen-Herzsystem, das für sich mit der Außenwelt in Beziehung steht; was im Verdauungsprozeß lebt, wird weiter in Empfang genommen von dem, was selbständiger Atmungs-Herzprozeß ist. So muß als selbständig, aus einer besonderen Quelle her das, was im Wirtschaftsleben als Recht verankert ist, festgestellt werden. Das heißt, es muß alles das, was sich auf politische Verhältnisse bezieht, die sich im Rechtsleben und anderem ausdrücken, neben dem Wirtschaftsleben eine relative Selbständigkeit haben.
[ 24 ] There one gets a good idea of the process of fusion that has had such unfortunate results. The fusion of the purely political rights-State with the economic life. For this there can be no cure other than separation. The economic life must be left to the independent management of its own production, circulation, consumption of commodities, in a life of association in which production, consumption, and individual professional interests link men together and place them in proper relation. But in these associations and groups there would be only mutual economic activity, just as the human metabolic system is concerned only with the digestion. Digestion is then taken up from another aide by the independent system of lung and heart, which for its part is connected with the external world. So, too, must be established from a special source what is implanted in the economic life as rights. This means that everything relating to political conditions should have a relatively independent existence alongside the economic life.
[ 25 ] Sehen Sie, wenn man das durchschaut, merkt man auch die Unwahrheit, die in dem Verhältnisse zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer liegt und die sich so darstellt, als wenn die Arbeitskraft wirklich vergütet würde. Sie wird nämlich zunächst gar nicht unmittelbar vergütet, sondern nur mittelbar. Was vorliegt, ist ein gewisses scheinbares, aber zur Gewalt, zur wirtschaftlichen Gewalt gewordenes Recht, durch das der Arbeitgeber den Arbeiter an die Maschine oder in die Fabrik hineinzwingt — nicht ganz offenbar, aber eigentlich im geheimen hineinzwingt. Was nun getauscht wird, ist in Wirklichkeit nicht Arbeitskraft und Ware oder Warenrepräsentant, das heißt Geld, sondern was getauscht wird, sind die Leistungen: die hervorgebrachte Ware des Arbeiters, das, was er hervorbringt. So daß da gegen einen kleinen Teil dieser Waren, die der Unternehmer ihm gibt, wirklich getauscht wird Ware gegen Ware. Und da stellt sich erst die Unwahrheit dar, als ob Ware gegen Arbeitskraft getauscht würde. Und das Geheimnis davon empfindet der moderne Proletarier als menschenunwürdig, indem er sich sagt: Du produzierst so und so viel an Ware, und davon gibt dir der Unternehmer nur so und so viel ab.
[ 25 ] Those who are observant see what unreality lies in the relation between employer and employee, where their relation is represented as though labour power could really be refunded. Labour power is not immediately but only immediately funded, what appears being a certain apparent right which has become economically powerful, by which, not manifestly but fundamentally, the employer is able to drive the worker to the machine or into the factory. What is here exchanged is in reality not labour power for commodities or for the money representing them, but for something performed. Commodities produced by the worker are bartered for other commodities or money. For the commodities given him by the employer the worker barters the goods he produces. Here, clearly revealed, we have the unreality of goods apparently being bartered for labour power. This is what the modern proletarian secretly feels to be beneath his dignity as a man, and makes him say: You produce an amount of goods of which the employer gives you back only a certain proportion.
[ 26 ] Das rechtmäßige Verhältnis zwischen dem Arbeitnehmer und dem Unternehmer kann nämlich gar nicht in der Sphäre des Wirtschaftsprozesses hergestellt werden, sondern nur in der Sphäre des politischen Staates als ein Rechtsverhältnis. Darauf kommt es an. Steht der Mensch auf der einen Seite auf dem Boden des Wirtschaftslebens und auf der anderen Seite auf dem Boden des selbständigen Rechtslebens, dann wird dieses Wirtschaftsleben von zwei Seiten her bestimmt. Auf der einen Seite ist das Wirtschaftsleben abhängig von den von der Menschentätigkeit unabhängigen Naturfaktoren. Ich habe Ihnen angeführt in den öffentlichen Basler Vorträgen, wie zum Beispiel je nach dem Erträgnis, das eine bestimmte Bodengegend in bezug auf Weizen. hat, andere menschliche Arbeitskraft angewendet werden muß, als wo ein anderes Erträgnis, eine andere Ertragsfähigkeit vorliegt. Das sind die Naturgrundlagen. Die grenzen auf der einen Seite an das Wirtschaftsleben an. Auf der anderen Seite muß zum Beispiel mit Bezug auf die Arbeitskraft aus dem Rechtsleben fließen, was als ein Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich herausstellen soll.
[ 26 ] The correct relation between contractor or employer and the worker cannot be brought about in the sphere of economic processes, but only in the sphere of the political State as a relation of rights. That is what it really comes to. If on the one side man stands on the ground of economic life, on the other side on the ground of an independent life of rights, then the economic life will be determined by the two sides; on the one hand by the life of rights, on the other hand it will depend on the natural independent factors of human activity. At Basle, in public lectures, I have pointed out that on a certain piece of ground in order to produce wheat, for example, more labour has to be expended than in other places where the rate of productivity is higher. That is the working of natural causes on which, on the one side, border on the economic life. On the other side, what should be the relation between employee and employee must flow from the life of rights into the economic life.
[ 27 ] Nun werden Leute, die die Dinge bloß an der Oberfläche sehen, sagen: Ja, aber das ist ja heute schon der Fall, denn es wird der Arbeitsvertrag geschlossen. — Ja, meine lieben Freunde, was nützt das, wenn der Arbeitsvertrag geschlossen wird über etwas, was eigentlich ein kaschiertes Lügenverhältnis ist. Der Arbeitsvertrag wird nämlich gerade über das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer in bezug auf die Arbeitskraft und ihre Entlohnung geschlossen. Erst dann wird das richtige Verhältnis hergestellt werden, wenn der Vertrag nicht geschlossen wird über die Entlohnung, sondern wenn der Vertrag ganz sichtbar geschlossen wird über die Art und Weise, wie der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer die Leistung, die geschieht, teilen. Dann wird der Arbeiter — und darauf kommt viel mehr an als auf alles, was die Leute heute glauben — einsehen, daß ohne Mehrwerterzeugung gar nicht auszukommen ist. Aber er muß darauf schauen können, wie der Mehrwert entsteht. Er darf nicht in ein Lügenverhältnis hineingebaut werden. Dann wird er einsehen, daß es ohne Mehrwerterzeugung überhaupt keine geistige Kultur, daß es auch keinen Rechtsstaat geben kann, denn das fließt alles aus dem Mehrwert. Aber wenn der soziale Organismus gesund ist, ergibt sich das alles aus dem dreigliedrigen sozialen Organismus.
[ 27 ] How people who take a superficial view of things will say; yes, but today that is already the case, for a contract is drawn up.—How does it help if a Trade Union decides about something that is recognisably a false relation? For the decision is made about the relative position between worker and employer in respect to labour power and its earnings. The right relation will come about only when the decision is not concerned about payment but about the way in which employer and employed share in the results produced. Then the worker will see—and more depends on this than is thought at present—that without the production of surplus value no subsistence will be forthcoming. But he must perceive how surplus value arises. He must not be implicated in a false relationship. Then the worker will see that without the creation of surplus value there can be no spiritual culture at all, and no rights State, for all this comes out of surplus value. When the social organism is healthy, however, all this comes into being as a result of its threefold ordering.
[ 28 ] Nun kann man natürlich über diese Anschauung nicht stundenlang, sondern wochenlang sprechen, und wir haben es ja fast schon getan; aber wir kommen natürlich immer wieder zu neuen Einzelheiten, die uns die Sache verständlicher machen sollen, denn jede einzelne konkrete Frage läßt sich ahnen, die entstehen wird und deren Beantwortung im praktischen Leben durch die Dreigliederung versucht werden wird.
[ 28 ] One can naturally speak not for merely hours but for weeks on end about all this, and this is what we have already nearly done. And of course we continually come upon fresh details that help to make the matter clearer; for every individual concrete question that will arise makes itself felt, the solution of which will be sought in practical life through the threefold social organism.
[ 29 ] Sehen Sie, da muß vor allen Dingen so etwas bedacht werden, wie das Folgende: Im Wirtschaftsleben werden Waren ausgetauscht; an das Wirtschaftsleben ist angegliedert das Leben des politischen Staates im engeren Sinne. Der begrenzt die Arbeitszeit im menschlichen Zusammenleben, im Rechtsleben. So daß, während das Wirtschaftsleben auf der einen Seite von der Naturgrundlage abhängig ist, es auf der anderen Seite von dem abhängig ist, was durch das Rechtsleben festgestellt wird, also zum Beispiel Arbeitszeit, Verhältnis der Arbeit zum einzelnen Menschen, zu seiner Stärke, zu seiner Schwäche, seinem Lebensalter. Es kann nicht einen Maximal-Arbeitstag oder so etwas geben, sondern es kann in Wirklichkeit nur eine Begrenzung nach oben und nach unten geben. Das alles sind Bedingungen, die dem Wirtschaftsleben von seiner anderen Grenze aus ebenso zufließen, wie die Naturgrundlagen von der entgegengesetzten Seite herfließen.
[ 29 ] The following above all must be kept in mind. In the economic life commodities are exchanged; with this life is closely allied that of the political State that controls the labour power in man's common life, in his life of rights. So that whereas this economic life is, on the one hand, dependent upon natural elements, on the other hand it depends on what is settled by the State, for instance, the hours of work, work in relation to the individual man—to his strength, weakness, age, and so on. There can be no set maximum for working hours, or anything of that kind; in reality there can be merely a higher or lower limit. These are conditions flowing into the economic life from the side of the rights State, just as the natural elements come to meet it from the other side.
[ 30 ] Wird einmal der soziale Organismus in dieser Weise gesunden, dann wird zum Beispiel das ganz Ungeheuerliche verschwinden, das heute vielfach da ist, daß sich die Entlohnung aus dem Wirtschaftsleben selbst heraus ergibt; so daß, wenn besonders gute Konjunktur da ist, der Lohn steigt, wenn schlechte da ist, er vermindert werden kann. Das wird sich verwandeln in das Entgegengesetzte. Die gute Konjunktur wird entstehen können unter dem Einfluß des Arbeitslohnes und umgekehrt.
[ 30 ] Once the social organism is put on this healthy basis, the evil will disappear that arises from the connection of wages with the economic life. The fact that wages rise in good times and fall in a crisis will be changed into its opposite. The good and bad times will be influenced by what is paid for labour.
[ 31 ] Besonders ersichtlich kann das auch sein bei der Grundrente, die heute vielfach abhängig ist von dem Preise der Waren, die auf dem Grund und Boden erzeugt werden, von dem Marktpreis der Waren. Das gesunde Verhältnis ist nur das Umgekehrte: Wenn das Recht, das sich in der Grundrente zum Ausdruck bringt, wiederum den Marktpreis beeinflußt. Vielfach stellen sich unter dieser Dreigliederung gerade die umgekehrten Verhältnisse ein, die heute da sind und die unsere revolutionären Konvulsionen verursacht haben. Denn das ganze Leben wird in einer anderen Weise verlaufen.
[ 31 ] This can be seen especially clearly where ground-rent is concerned, which today largely depends upon the price of the goods produced on the land, upon market prices. The opposite would be healthier, namely, for the rights expressed in ground-rent on their part to influence market prices. Under the threefold order much will be the exact opposite of the existing conditions that have caused the present revolutionary upheavals. The whole of life will run a different course.
[ 32 ] Was ist vor allen Dingen zu beachten in dem Verhältnisse zwischen dem Wirtschaftsleben und dem politischen Staat im engen Sinne? Unter den Dingen, die da zu beachten sind, werden Sie ja selbst leicht darauf kommen, daß da etwas in Betracht kommt, was manchmal als etwas Unangenehmes empfunden wird, das Steuerzahlen. Bei diesem Steuerzahlen handelt es sich nur darum, daß man wirklich klar durchschauen kann, wie aus dem Mehrwert heraus die Steuer erfließen muß, indem man im demokratischen politischen Zusammenleben die Lebensbedingung des politischen Organismus immer ebenso vor Augen hat, wie man das Wirtschaftsleben vor Augen hat, indem man kauft und verkauft und so aus dem menschlichen Bedürfnisse heraus deutlich die Realität dieses Wirtschaftsverhältnisses wahrnimmt. Aber das wird wiederum etwas im Gefolge haben, was heute geradezu entgegengesetzt vorhanden ist zu der Art, wie es der gesunde soziale Organismus haben wird. Ich sage nicht, daß man es mit der Steuergesetzgebung anders machen soll; unter den heutigen Verhältnissen läßt sich vieles nicht anders machen oder nur, wenn die Fehler auf eine andere Seite gelegt werden. Aber unter dem Einfluß des dreigliedrigen gesunden Organismus wird vor allen Dingen über Einzelnes im sozialen Leben sich eine ganz andere Anschauung herausbilden. Man wird einsehen, daß es für das soziale Leben als solches, für das Leben des Menschen im sozialen Organismus bedeutungslos ist, wenn der Mensch Geld einnimmt. Denn indem der Mensch Geld einnimmt, sondert er sich aus dem sozialen Organismus heraus, und dem sozialen Organismus kann das höchst gleichgültig sein. Es hat nämlich gar keine Bedeutung für seine Funktionen, was der Mensch einnimmt, sondern der Mensch wird erst ein soziales Wesen, indem er ausgibt. Beim Ausgeben erst fängt der Mensch an in sozialer Weise zu wirken. Und da handelt es sich darum, daß gerade beim Ausgeben — ich denke nicht an indirekte Steuern, sondern an Ausgabensteuern, was davon ganz verschieden ist —, daß gerade beim Ausgeben das Steuerzahlen einsetzen muß. Natürlich kann ich Ihnen das nicht in Einzelheiten auseinandersetzen, obwohl das in Einzelheiten ausgearbeitet werden kann, weil es viel zu weit gehende volkswirtschaftliche Kenntnisse voraussetzt, um es in einem Vortrag auseinanderzusetzen. Aber einiges davon kann doch, ich möchte sagen, mitteilend angedeutet werden.
[ 32 ] Now what is it that above all calls for our attention in the mutual relation of the economic life and the political State, in their narrower sense? Let us take as an example what is sometimes felt to be extremely unpleasant—the payment of taxes. In this connection we have simply to make ourselves clear that taxes must come out of surplus value; while in the common democratic political life we must always bear in mind the living conditions of the political organism, just as we do those of the economic life when, in buying and selling, we perceive clearly through human needs the realities of the economic conditions. Here, too, the opposite will result to what exists today. I do not say that the legislation with regard to taxes should be altered; there is much today that does not allow of change, for then what is at fault might just be shifted to another quarter. So many things in social life will be regarded differently under the influence of the sound threefold organism. It will be seen that for the social life as such, for the life of men in the social organism, getting money has no significance. Man separates himself from the social organism in money-getting which is a matter of indifference to it. In the functioning of the social organism, what money man gathers in has no significance; he becomes a social being only when he gives out. It is in his giving-out that a men begins to act in a social way. The point is—and here I am not thinking of indirect taxes but of direct taxes which are a quite different matter that it is in connection with paying-out that the rate of taxation should be settled. Although it could be worked out, naturally I cannot give details here, because for a lecture it would mean going too deeply into the science of economics. Nevertheless some indication of it can be given.
[ 33 ] In dem gesunden, von den übrigen Gliedern des sozialen Organismus abgegliederten Wirtschaftsleben zeigt sich natürlich, daß zum Beispiel in einem Gebiete, das für den sozialen Organismus in Betracht kommt, geographisch, durch die Naturgrundlage der Weizen teurer erzeugt werden muß als in dem andern. Und da kann es sich herausstellen, daß durch das bloße Assoziationsleben der Ausgleich nicht geschaffen wird. Aber man kann dann durch das Rechtsleben die Sache völlig korrigieren, indem einfach in einem solchen Falle das würde sich ja von selbst ergeben — diejenigen, die den Weizen billiger kaufen, das heißt, weniger ausgeben, eine höhere Besteuerung zu zahlen haben, als die, die den Weizen teuer kaufen, also mehr ausgeben müssen.
[ 33 ] In a healthy economic life of the social organism, separate from the other members, it is clear that for geographical reasons, because of natural conditions, wheat in a certain territory, for instance, must be dearer to produce than elsewhere. And it can be shown that no adjustment will be created through mere Associations. But the matter can be properly adjusted by the Rights-State in such a case and this would arise out of its very nature by those who buy wheat more cheaply, namely, those who pay out less being more highly taxed than those who give out more when buying the wheat.
[ 34 ] Sie können, wenn der Rechtsstaat eben das Recht im Wirtschaftsleben in der richtigen Weise reguliert, wenn nicht die Rechte nur verwirklichte Interessen des Wirtschaftslebens sind, wenn nicht in dem Reichstag der Bund der Landwirte sitzt, sondern bloß diejenigen, die von Mensch zu Mensch über das Recht zu befinden haben, dann können Sie eine vollständige Regulierung im Wirtschaftsleben herbeiführen. Ich deute das abstrakt im allgemeinen an; in allen Einzelheiten wäre das auszuführen. So ist es bei dem Steuerverhältnis zwischen dem Wirtschaftsleben und dem Rechtsleben.
[ 34 ] If the rights in the economic life are well regulated by the Rights-State, if the rights are not merely economic interests brought to realisation, if members of the agricultural Unions have no seat in Parliament but only those are there who consider rights as between man and man, then there will come about a satisfactory ordering of the economic life. I have shown this in an abstract generalisation but it could be gone into in detail. The tax position is a question to be regulated between the economic life and that of rights.
[ 35 ] Das Verhältnis aber zwischen dem Wirtschaftsleben, Rechtsleben auf der einen Seite und dem Geistesleben auf der anderen Seite, das ist ein solches, das sich überhaupt nur auf vertrauendes Verständnis begründen kann. Wie die Steuerabgabe allerdings eine zwangsmäßige sein muß, auch im gesunden sozialen Organismus, so kann auf der anderen Seite die Abgabe für das geistige Leben nur eine freiwillige sein, denn das geistige Leben muß völlig auf den Geist der Menschheit gestellt werden. Es muß völlig emanzipiert werden von allem anderen. Dann wirkt es wiederum gerade in der tiefsten, intensivsten Weise auf dieses andere zurück.
[ 35 ] The regulation, however, between these two spheres, on the one hand, and on the other the cultural, spiritual life, is such that it can be established only on mutual trust and understanding. As the payment of taxes must be compulsory even in a healthy social organism, what on the other hand is given to the spiritual life can be a matter of free will alone; for the spiritual life must be built wholly upon the spirit of man and be completely emancipated from anything else. Then it will react on everything else in the deepest, most intensive way.
[ 36 ] Das sind wiederum solche Skizzen, die ich Ihnen geben kann von der Art und Weise, wie der soziale Organismus, wenn er gesund ist, funktionieren muß. Diese Dreigliederung ist nichts Erfundenes, diese Dreigliederung ist einfach das, was man beobachten kann, wenn man die tieferen Kräfte in der Menschheitsentwickelung, die gerade heute in Wirksamkeit getreten sind und die sich in den nächsten zehn, zwanzig, dreißig Jahren verwirklichen werden, mag man auch dies oder jenes oder etwas anderes wollen. Es kann sich nur um das Wie handeln. Diese Kräfte sind beobachtet, und sie sind in die Form der Anschauung gebracht. So aber muß man überhaupt leben mit Bezug auf das geschichtliche Leben, daß man gewahr wird, was sich in der Geschichte verwirklichen will. Das stört nicht die Freiheit, denn die Freiheit bezieht sich auf etwas ganz anderes. Die Freiheit wird dadurch ebensowenig gestört, wie sie gestört wird dadurch, daß man nicht auf den Mond hinaufgreifen kann, trotzdem man es vielleicht wollte und dergleichen. Die Freiheit realisiert sich nach den Notwendigkeiten, die sowohl in dem natürlichen wie in dem geschichtlichen Werdeprozeß liegen.
[ 36 ] Such is the outline I can give you of the way in which the healthy social organism must function. This Threefold Order is not an invention, it is simply what can be observed if one recognises the underlying forces active today in human evolution. These forces can be brought into action in the next ten, twenty, thirty years if only various people exert their will in various directions. It is a question of the way. The forces have been observed and have been given a perceptible form. It is in this way we must live in regard to historical life. Freedom, in its quite different relations, will be as little disturbed by this as by the fact that one cannot grasp the moon, for example, however much we wish to do so. Freedom is realised according to the necessities lying in the natural as well as in the historic processes of evolution.
