The Social Question as a Question of Consciousness
GA 189
7 March 1919, Dornach
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The Social Question as a Question of Consciousness, tr. SOL
Sechster Vortrag
Sixth Lecture
[ 1 ] In dem Vortrag, den Kurt Eisner vor der Basler Studentenschaft vor kurzem gehalten hat, findet sich ein sehr merkwürdiger Satz. Er geht aus von der der heutigen Außenwelt gegenüber wirklich kuriosen Frage, ob denn dasjenige, was man jetzt als den gegenwärtigen Menschheitszustand erleben kann, eine Wirklichkeit ist, oder ob das nicht vielleicht ein bloßer Traum sei, ob nicht das, was die Menschheit jetzt erlebt, eigentlich nur eine Art von geträumter Wirklichkeit sei. Der Satz lautet ja, wie er ihn dort gehalten hat:
[ 1 ] In the lecture Kurt Eisner recently gave to the Basel student body, there is a very curious sentence. It begins with a question that is truly curious in light of today’s external world: whether what we currently experience as the present state of humanity is a reality, or whether it might perhaps be merely a dream—whether what humanity is now experiencing is actually just a kind of dreamed reality. The sentence, as he stated it there, reads:
[ 2 ] «Höre ich nicht, oder sehe ich doch klar, daß tief in unserem Leben jene Sehnsucht lebt und nach Leben drängt, die erkennt, daß unser Leben, wie wir's heute leben müssen, doch nur die deutliche Erfindung irgendeines bösen Geistes ist. Stellen Sie sich vor, verehrte Anwesende, einen großen Denker, der nichts von unserer Zeit wüßte, und der ungefähr vor 2000 Jahren gelebt und geträumt hätte, wie etwa in 2000 Jahren die Welt aussehen würde, er hätte nicht mit blühendster Phantasie wohl eine Welt sich ausdenken können wie die, in der wir zu leben verurteilt sind. Das Bestehende ist doch in Wahrheit die einzige Utopie in der Welt, und das, was wir wollen, was als Sehnsucht in unserem Geiste lebt, ist die tiefste und letzte Wirklichkeit, und alles andere ist schauderbar. Wir verwechseln nur Traum und Wachen. Diesen alten Traum unseres heutigen sozialen Daseins abzuschütteln, ist unsere Aufgabe. Ein Blick in den Krieg: läßt sich eine menschliche Vernunft denken, die dergleichen ersinnen könnte? Wenn dieser Krieg nicht das gewesen ist, was man wirklich nennt, so haben wir vielleicht geträumt und wir wachen nun. Wir sind eine Gesellschaft, in der die Menschen trotz Eisenbahn und trotz Dampf und elektrischen Funken doch nur einen kleinen Teil dieses Sternes erblicken, auf dem wir geboren sind.»
[ 2 ] “Am I not hearing this, or do I not clearly see that deep within our lives there dwells a longing that yearns for life—a longing that recognizes that our life, as we must live it today, is nothing more than the clear invention of some evil spirit? Imagine, ladies and gentlemen, a great thinker who knew nothing of our time, and who, having lived some 2,000 years ago, had dreamed of what the world might look like in, say, 2,000 years—even with the most vivid imagination, he could hardly have conceived of a world like the one in which we are condemned to live. In truth, the present reality is the only utopia in the world, and what we desire—what lives as a longing in our minds—is the deepest and ultimate reality; everything else is horrifying. We are merely confusing dreams with wakefulness. Our task is to shake off this old dream of our present social existence. A look at the war: is it possible to conceive of a human reason that could devise such a thing? If this war was not what is truly called a war, then perhaps we were dreaming and are now awake. We are a society in which, despite the railroad, steam, and electric sparks, people still see only a small part of this star on which we were born.”
[ 3 ] Das ist die Empfindung, der Kurt Eisner kurz vor seinem Tode in Basel Ausdruck gegeben hat. Also die Wirklichkeit nötigt heute den Menschen, sich zu fragen: Träumen wir oder wachen wir? Ist diese Wirklichkeit überhaupt eine wahre Wirklichkeit? Und es wäre eigentlich ganz gut, wenn die Menschen sich heute in ausgiebigerem Maße diese oder eine ähnliche Frage stellen könnten. Denn vor allen Dingen handelt es sich darum, daß man gegenüber dem, was einen in der äußeren Welt umgibt, in der Lage ist, nun überhaupt die Wirklichkeit, die wahre Wirklichkeit zu durchschauen. Wir haben es ja verschiedentlich betonen müssen, daß es heute darauf ankommt, dasjenige, was der Welt nötig ist, was vor allen Dingen unserem sozialen Leben nötig ist, nicht mehr nach den Denkgewohnheiten zu beurteilen, in die man sich im Laufe der letzten Jahrhunderte und bis heute hineingefunden hat. Denn diese Denkgewohnheiten haben eben gerade — wenn man den Zusammenhang wirklich erkennt, so sieht man das zu der heutigen Katastrophe geführt. Innerhalb dieser Denkgewohnheiten hat man sich oftmals so recht als Praktiker, als Lebenspraktiker empfunden. Und dennoch, man ist ausgegangen von den allerallerärgsten Abstraktionen und hat versucht, diese Abstraktionen in Wirklichkeit überzuführen. Aber gerade dadurch, daß nun die sozialen Zustände, das Zusammenleben der Menschen zum Ausdruck gebracht hat, was die Menschen aus ihren Denkgewohnheiten haben einfließen lassen in diese Wirklichkeit, dadurch ist diese Wirklichkeit allmählich ein unwirkliches, lebensunfähiges Gebilde geworden, in dem der Mensch heute zwar drinnensteht, und das er für seine Wirklichkeit hält, das aber keine wirklichen Kräfte hat, um lebensmöglich zu sein.
[ 3 ] This is the sentiment that Kurt Eisner expressed shortly before his death in Basel. So reality today compels people to ask themselves: Are we dreaming or are we awake? Is this reality even a true reality? And it would actually be quite good if people today could ask themselves this or a similar question to a greater extent. For above all, what matters is that, in the face of what surrounds us in the external world, we are now able to see through to reality—true reality. We have, after all, had to emphasize on various occasions that what matters today is no longer to judge what the world needs—and above all, what our social life needs—according to the habits of thought into which we have fallen over the course of the last few centuries and up to the present day. For it is precisely these habits of thought—if one truly recognizes the connection—that have led to today’s catastrophe. Within these patterns of thought, people have often regarded themselves as true practitioners, as practitioners of life. And yet, they have taken as their starting point the most exasperating abstractions and have attempted to translate these abstractions into reality. But precisely because social conditions—the way people live together—have come to express what people have allowed to flow into this reality from their habits of thought, this reality has gradually become an unreal, unviable construct in which people today find themselves and which they regard as their reality, but which lacks the real forces necessary to be viable.
[ 4 ] Das sind die Dinge, die man heute nicht scharf genug betonen kann, die sich heute eigentlich jeder, der den Tatsachen mit unbefangenem Blick ins Auge schaut, klar und deutlich sagen müßte. Diese Tatsachen, wenn sie sich auch zunächst in der äußeren, alltäglichen Welt abspielen, führen eine Sprache, die deutlich hinweist darauf, daß die Heilung der Zustände nur aus dem Impulse der geistigen Welt kommen kann. Denn das, was sich der geistigen Welt in den letzten Jahrhunderten entfremdet hat, was gewissermaßen gewirtschaftet hat ohne Rücksicht auf diese geistige Welt, das ist heute in eine Sackgasse hineingekommen, aus der es sich nicht wieder herausfinden wird. Und es ist nur eine Gedankenlosigkeit, wenn heute noch immer geglaubt wird, daß man mit denselben Mitteln weiterwirtschaften könne, mit denen in diese Katastrophe hineingetrieben worden ist. Was haben wir denn eigentlich erlebt? Wir haben erlebt, daß die Menschheit glaubte, einen Zustand herbeigeführt zu haben, der zu bezeichnen sei als Zustand höchster materieller Zivilisation. — Denken wir zurück, wie bequem wir es eigentlich hatten, bevor der August 1914 angebrochen ist. Denken wir, wie wir auf leichteste Weise von Land zu Land kommen konnten, wenn wir gerade innerhalb derjenigen Menschheitsströmung waren, die sich in irgendeiner Weise die äußeren Mittel dazu verschaffen konnte. Denken wir, wie leicht es war, sich bis an die entferntesten Orte der Welt über die Landesgrenzen hinüber telegraphisch, selbst telephonisch zu verständigen. Denken wir an alles dasjenige, was die Menschheit eben die moderne Zivilisation genannt hat. Und denken wir an das, was seit dem August 1914 für Europa aus dieser modernen Zivilisation geworden ist. Bedenken wir die Zustände, in denen wir heute leben. Ja, meine lieben Freunde, es gehört wahrhaftig nicht gerade sehr viel dazu, um einzusehen, daß das eine nicht ohne das andere ist, daß in dem, wie wir lebten — so «bequem», so «zivilisiert» es war bis zum August 1914 —, daß in dem die jetzigen Zustände drinnensteckten, so drinnensteckten, daß ich es dazumal in dem Wiener Vortrag, der vor dem Kriege gehalten ist, als das Wirken einer gesellschaftlichen Krebskrankheit, eines Karzinoms innerhalb der menschlichen Gesellschaft bezeichnet habe. Man muß einen gewissen Wert darauf legen, daß einen die Geisteswissenschaft dazu nötigte —, dazumal, wo es noch so «bequem», wo die Welt noch so «zivilisiert» war, wo alles nach dem Wunsche der Menschen ging, die einen solchen Wunsch entsprechend ihrer sozialen Lage entwickeln konnten —, wenn man die Tatsachen durchblickte, nichts anderes sagen zu können als: wir leben aber doch gewissermaßen nicht in einer gesunden, sondern in einer kranken Gesellschaft. Zur Heilung wurde ja dieser kranken Gesellschaft seit langem angeboten, was anthroposophische Denkungsart ist. Und es wird nichts anderes geben, um zur Heilung zu kommen, als eben einzusehen, daß alles andere mehr oder weniger Kurpfuscherei ist, was nicht zu dieser nach dem wirklichen Geistigen hingewandten Denkweise greifen will. Wir müssen wiederum Wirklichkeit hineingießen in das, was die Menschheit heute träumt. Woher soll sie kommen? Da, wo die Lebenspraktiker ihre Gedanken hernehmen, ist sie nicht vorhanden. Allein da ist Wirklichkeit vorhanden, wo der Geist geschaut wird. Von da müssen auch die Prinzipien, die Impulse geholt werden, die in die Sozietät hineinfließen können. Deshalb muß auf diesen Zusammenhang der Dinge immer hingewiesen werden.
[ 4 ] These are the things that cannot be emphasized strongly enough today—things that anyone who looks at the facts with an unbiased eye should be able to state clearly and unambiguously. These facts, even though they initially unfold in the external, everyday world, speak a language that clearly indicates that the healing of these conditions can come only from an impulse from the spiritual world. For what has become estranged from the spiritual world over the past few centuries—what has, so to speak, operated without regard for this spiritual world—has now reached a dead end from which it will never find its way out. And it is sheer thoughtlessness to still believe today that we can continue to manage our affairs with the very same means that drove us into this catastrophe. What, after all, have we actually experienced? We have experienced that humanity believed it had brought about a state that could be described as one of the highest material civilization. — Let us think back to how comfortable our lives actually were before August 1914 began. Let us recall how easily we could travel from country to country, provided we were part of that current of humanity that could somehow secure the necessary means to do so. Let us think of how easy it was to communicate—even by telephone—across national borders to the most remote corners of the world via telegraph. Let us think of everything that humanity has come to call modern civilization. And let us think of what has become of this modern civilization for Europe since August 1914. Let us consider the conditions in which we live today. Yes, my dear friends, it truly does not take much to realize that one cannot exist without the other, that the way we lived—so “comfortable,” as “civilized” as it was until August 1914—that the current conditions were already embedded within it, so deeply embedded that I described it back then in the Vienna lecture given before the war as the workings of a social cancer, a carcinoma within human society. One must attach some significance to the fact that spiritual science compelled one—back then, when life was still so “comfortable,” when the world was still so “civilized,” when everything went according to the wishes of people who were able to develop such wishes in accordance with their social standing—when one saw through the facts, to say nothing other than: we do, in a sense, not live in a healthy society, but in a sick one. The anthroposophical way of thinking has long been offered to this sick society as a cure. And there will be no other way to achieve healing than to recognize that everything else—which refuses to embrace this way of thinking oriented toward the truly spiritual—is, to a greater or lesser extent, quackery. We must once again infuse reality into what humanity dreams of today. Where is it to come from? It is not to be found where those who focus on practical life draw their thoughts from. Reality exists only where the spirit is perceived. It is from there that the principles and impulses must be drawn that can flow into society. That is why this connection between things must always be pointed out.
[ 5 ] Ich habe Ihnen in dem Zusammenhange der Vorträge hier öfter auch den Namen Fritz Mauthner genannt. Er hat, indem er das Denken der Gegenwart abgeteilt hat in eine Reihe von Schlagworten, die er alphabetisch angeordnet hat, zwei Bände zusammengebracht, die er ein «Philosophisches Wörterbuch» nennt, in denen aber eigentlich in seiner Art und mit seiner Kritik, die manchmal eine ätzende, laugenhafte ist, das Denken der Gegenwart verzeichnet ist. Darin ist unter anderem auch vom Staate, von der res publica, die Rede. Fritz Mauthner ist aus seinen Anschauungen auch zu einer Art von Antwort gekommen auf die Frage: Was ist eigentlich der Staat? — Und er kommt zu keiner anderen Definition als: Der Staat ist ein notwendiges Übel. — Nicht wahr, seine Notwendigkeit ableugnen können die Leute nicht. Aber einigen Menschen ist doch schon aufgegangen, daß diejenige soziale Struktur, die wir heute den Staat nennen, eben schließlich zu dem geführt hat, in dem wir halt drin leben. Also nennen sie ihn ein notwendiges Übel, denn sein übler Charakter in seiner heutigen Gestalt steht den Leuten vor Augen. Es frägt sich aber nur, wie man zu einer positiven Vorstellung kommt gegenüber dieser negativen.
[ 5 ] I have also mentioned the name Fritz Mauthner to you several times in connection with the lectures here. By breaking down contemporary thought into a series of keywords arranged alphabetically, he has compiled two volumes that he calls a “Philosophical Dictionary,” but which in fact, in his own style and with his own criticism—which is at times caustic and corrosive—chronicle contemporary thought. Among other things, these works also discuss the state, the res publica. Based on his views, Fritz Mauthner has arrived at a kind of answer to the question: What, in fact, is the state? — And he arrives at no other definition than: The state is a necessary evil. — After all, people cannot deny its necessity. But some people have already realized that the very social structure we call the state today has ultimately led to the situation in which we now find ourselves. So they call it a necessary evil, because its evil nature in its present form is plain for everyone to see. The only question is, however, how one might arrive at a positive conception in contrast to this negative one.
[ 6 ] Nicht wahr, wenn einer etwas verneint, so muß eigentlich auf das Bejahende hingewiesen sein. Nun, wenn jemand sagt: der Staat ist ein notwendiges Übel, so handelt es sich eigentlich darum, auf das Positive hinzuweisen. Es wird ja da der Staat geradezu dargestellt wie das Gegenteil von etwas. Was ist denn also dieses Etwas, wovon er das Gegenteil sein soll? Da ergibt sich für den geisteswissenschaftlichen Zusammenhang etwas sehr Merkwürdiges. Nicht wahr, man versteht ja den Staat nur, wenn man die Rechtsstruktur, die sich im Staate ausbreitet und nach der Besitzverhältnisse, Arbeitsverhältnisse und so weiter geregelt werden, durchschaut und sich frägt: Womit läßt sich diese Rechtsstruktur denn eigentlich vergleichen?
[ 6 ] Isn’t it true that when someone denies something, they are actually pointing to its affirmation? Well, when someone says, “The state is a necessary evil,” they are actually pointing to the positive aspect. After all, the state is presented there as the very opposite of something. So what is this “something” of which the state is supposed to be the opposite? This raises something very curious in the context of the humanities. After all, one can only understand the state by seeing through the legal structure that pervades it—the structure that regulates property relations, labor relations, and so on—and asking: To what, exactly, can this legal structure be compared?
[ 7 ] Nun, meine lieben Freunde, Sie haben aus mancherlei Ausführungen aus meinen Büchern und Vorträgen Schilderungen der geistigen Welt kennengelernt, haben da die Beziehungen kennengelernt, die in der geistigen Welt, also in den Zeiten, die der Mensch durchlebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, stattfinden. Und die Frage ist: Wie verhalten sich diese Beziehungen, in denen Mensch zu Mensch ist zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, zu den Rechtsbeziehungen, die innerhalb der staatlichen Gemeinschaft auf dem physischen Plane hergestellt werden? — Sobald man diese Frage verständig aufwirft, bekommt man die Antwort: Das staatliche Gefüge ist das genaue Gegenteil; das staatliche Gefüge mit Bezug auf die menschlichen Beziehungen, die durch den Staat hergestellt werden, ist das genaue Gegenteil von dem, was die menschlichen Beziehungen in der geistigen Welt sind. — Das gibt Ihnen ja, meine lieben Freunde, eine wirkliche Vorstellung von dem Staate. Die Menschen, die nichts von der geistigen Welt kennen, sie können nämlich gar keine Vorstellung von dem Staate gewinnen, weil sie lauter negative Bestimmungen haben zwischen Mensch und Mensch. Die positiven Bestimmungen sind diejenigen, welche sich ergeben, wenn Seele sich zu Seele in Beziehung setzt in der geistigen Welt. Lesen Sie zu diesem Zwecke, der hier angedeutet wird, das Kapitel über die seelische Welt in meiner «Theosophie»; da werden Sie finden, daß eine gewisse Regelung der Beziehungen von Seele zu Seele stattfindet, die sich dann fortsetzt auch in dem, was man das Geisterland nennen kann, und Sie werden sehen, daß diese Beziehungen geregelt sind durch gewisse Kräfte, die von Seele zu Seele gehen, und die man ausdrücken kann durch das Zusammenwirken von Sympathie und Antipathie. Lesen Sie in diesem Kapitel in meiner «Theosophie», wie Sympathie und Antipathie ein gewisses Verhältnis zustande bringen zwischen Seele und Seele in der geistigen Welt, da werden Sie sehen, daß in der geistigen Welt alles auf Innerlichkeit beruht, nämlich auf dem, was von Seele zu Seele wirkt durch die Sympathie- und Antipathiekräfte. Das was da wirkt von Seele zu Seele durch die Antipathiekräfte, das wird zugedeckt durch die Leiblichkeit beim Menschen auf dem physischen Plan; und weil das zugedeckt wird, weil das eigentliche, wesenhafte Verhältnis von Seele zu Seele hier auf dem physischen Plan zugedeckt ist, muß das Äußerlichste gerade auf dem Staatsgebiete hier auf dem physischen Plane stattfinden: das Rechtsverhältnis. Während dasjenige, was geschildert werden muß von der eigentlichen Geisteswelt, die Entfaltung der innerlichsten Kräfte der Seele ist, ist das, was im Staate leben kann, allein das Alleräußerlichste in der Beziehung von Mensch zu Mensch. Und der Staat ist nicht gesund, wenn er ein anderes Verhältnis begründen will, als das alleräußerlichste Rechtsverhältnis. Deshalb muß von dem Staate alles ausgeschaltet werden, was nicht auf dem alleräußerlichsten Rechtsverhältnis zwischen Mensch und Mensch beruht. Und es muß dem eigentlichen Gebiete des Staates gegenüberstehen das geistige Gebiet, die Verwaltung der geistigen Kulturangelegenheiten, und es muß ihm auf der anderen Seite gegenüberstehen das reine Wirtschaften, der dritte Teil des sozialen Organismus. Während der eigentliche Staat das volle Gegenteil der geistigen Welt darstellt, so ist, wie ich Ihnen schon einmal von einem anderen Gesichtspunkte hier angedeutet habe, das geistige Leben eine Art Fortsetzung dessen, was wir in der wirklichen geistigen Welt durchgelebt haben, bevor wir durch die Geburt ins irdische Dasein heruntergestiegen sind. Was wir hier durchleben in Religion, in Schule, in Erziehung, in Kunst, in Wissenschaft und so weiter, neben anderem, was wir entwickeln in dieser Beziehung von Mensch zu Mensch, das ist die irdische Fortsetzung, aber nur als bloßer Abglanz, als bloße Spiegelung desjenigen, was wirkliches geistiges Leben vor der Geburt ist. Und was wir im Wirtschaftsleben haben, was wir in diesem gewöhnlich materiell genannten Leben haben, das ist die Ursache von mancherlei, was wir wiederum zu durchleben haben, wenn wir durch die Todespforte gegangen sind, also im nachtodlichen Leben. Aber der Staat hat keine Beziehung zu dem geistigen Leben. Er ist das volle Gegenteil des geistigen Lebens. Das muß der Mensch, der die Gegenwart verstehen will mit ihren schauderhaften Tatsachen durchschauen lernen. Der gegenwärtige Mensch muß verstehen lernen, wie notwendig es ist, die geistige Wirklichkeit wiederum ins Auge zu fassen, um zu einer Anschauung über die äußere Wirklichkeit zu kommen. Antipathie und Sympathie wirken zusammen in der geistigen Welt. Dasjenige, was in der geistigen Welt uns an Antipathien bleibt, wenn wir durch die Geburt ins irdische Dasein heruntersteigen, das, was noch weiter auszuleben ist wegen der Antipathien, die wir in der geistigen Welt uns erhalten haben, das lebt sich hier als geistige Kultur aus. Wir lernen als Menschen durch die Sprache uns verstehen und gewissermaßen dadurch ein geistiges Band von Mensch zu Mensch zu knüpfen, weil wir durch dieses Verstehen der Sprache gewisse Antipathien überwinden müssen, die uns geblieben sind aus der geistigen Welt. Wir lernen in gewissen Vorstellungen miteinander sprechen, gemeinsame Gedanken zu haben in einer gemeinsamen Kunst, in einem gemeinsamen Religionsbekenntnis, weil wir dadurch gewisse Antipathien überwinden, die wir in der geistigen Welt gegeneinander gehabt haben. Und wir lernen hier im Wirtschaftsleben aufeinander angewiesen sein, füreinander zu arbeiten, miteinander im Wirtschaftsleben Vorteile gegen Vorteile austauschen, weil wir dadurch die Grundlage legen für gewisse Sympathien, welche sich im nachtodlichen Leben zwischen den Seelen entspinnen sollen, zwischen denen nicht schon hier ein Anziehungsband da ist durch das gewöhnliche Karma.
[ 7 ] Well, my dear friends, through various passages in my books and lectures, you have become acquainted with descriptions of the spiritual world and have learned about the relationships that take place in the spiritual world—that is, during the periods a person experiences between death and a new birth. And the question is: How do these relationships—in which human beings relate to one another between death and a new birth—compare to the legal relationships established within the state community on the physical plane? — As soon as one raises this question thoughtfully, one receives the answer: The structure of the state is the exact opposite; the structure of the state, with regard to the human relationships established through the state, is the exact opposite of what human relationships are in the spiritual world. — This, my dear friends, gives you a true understanding of the state. People who know nothing of the spiritual world cannot, in fact, form any conception of the state at all, because they have nothing but negative relationships between one person and another. The positive relationships are those that arise when soul relates to soul in the spiritual world. To understand the point being made here, read the chapter on the spiritual world in my *Theosophy*; there you will find that a certain regulation of soul-to-soul relationships takes place, which then continues even in what might be called the spirit realm, and you will see that these relationships are governed by certain forces that flow from soul to soul, and which can be expressed through the interplay of sympathy and antipathy. Read in this chapter of my *Theosophy* how sympathy and antipathy bring about a certain relationship between soul and soul in the spiritual world; there you will see that in the spiritual world everything is based on inner life—namely, on what acts from soul to soul through the forces of sympathy and antipathy. What operates from soul to soul through the forces of antipathy is veiled by the physical body in human beings on the physical plane; and because this is veiled—because the actual, essential relationship from soul to soul is veiled here on the physical plane—the most external aspect must take place precisely within the realm of the state here on the physical plane: the legal relationship. While what must be described regarding the true spiritual world is the unfolding of the soul’s innermost forces, what can exist within the state is solely the outermost aspect of the relationship between human beings. And the state is not healthy if it seeks to establish any relationship other than the outermost legal relationship. Therefore, everything in the state that is not based on the outermost legal relationship between human beings must be eliminated. And the spiritual realm—the administration of spiritual and cultural affairs—must stand opposite the proper domain of the state, and on the other side, pure economic activity—the third part of the social organism—must stand opposite it. While the state proper represents the very opposite of the spiritual world, spiritual life—as I have already hinted at here from another perspective—is a kind of continuation of what we experienced in the true spiritual world before we descended into earthly existence through birth. What we experience here in religion, in school, in education, in art, in science, and so on—along with other things we develop in this regard from person to person—is the earthly continuation, but only as a mere reflection, a mere mirror image of what true spiritual life is before birth. And what we have in economic life—what we have in this life commonly referred to as “material”—is the cause of many things that we will in turn have to experience once we have passed through the gate of death, that is, in the afterlife. But the state has no connection to spiritual life. It is the very opposite of spiritual life. This is what a person who wishes to understand the present, with all its horrifying realities, must learn to see through. People today must learn to understand how necessary it is to turn their gaze once more toward spiritual reality in order to arrive at an understanding of external reality. Antipathy and sympathy interact in the spiritual world. Whatever remains of our antipathies in the spiritual world when we descend into earthly existence through birth—that which must still be lived out because of the antipathies we have retained from the spiritual world—manifests itself here as spiritual culture. As human beings, we learn to understand one another through language and, in a sense, to forge a spiritual bond from person to person, because through this understanding of language we must overcome certain antipathies that have remained with us from the spiritual world. We learn to speak to one another through certain ideas, to share common thoughts in a shared art, in a shared religious creed, because in doing so we overcome certain antipathies we had toward one another in the spiritual world. And here, in economic life, we learn to depend on one another, to work for one another, and to exchange benefits for benefits with one another, because in this way we lay the foundation for certain affinities that are to develop in the afterlife between souls who are not already bound here by a bond of attraction through ordinary karma.
[ 8 ] So müssen wir zu verknüpfen verstehen die hiesige irdische Welt mit der geistigen Welt. Und schließlich ist schon die am intensivsten wirkende Ursache unserer heutigen katastrophalen Zeit die Tatsache, daß der Mensch ganz außer Zusammenhang gekommen ist mit der wirklichen geistigen Welt, und daß ihm in einem hohen Grade die geistige Welt eigentlich zu einer Art Phrase geworden ist. Immer mehr und mehr wurde diese geistige Welt zu einer Art Phrase im Laufe der letzten vier Jahrhunderte innerhalb der leitenden Menschenklassen. Und immer mehr und mehr entwickelten sich in dumpfen Instinkten in den weiten Massen des Proletariats die unterbewußten, unbewußten Sehnsuchten nach etwas anderem, als ihm die sogenannte Bildung, Wissenschaft, Kunst, Religion und so weiter der leitenden Kreise bieten kann.
[ 8 ] We must therefore learn to connect this earthly world with the spiritual world. And finally, the most potent cause of our current catastrophic times is the fact that humanity has become completely disconnected from the true spiritual world, and that, to a large extent, the spiritual world has actually become a mere cliché for people. Over the course of the last four centuries, this spiritual world has increasingly become a mere cliché among the ruling classes. And more and more, the vast masses of the proletariat have developed, through dull instincts, subconscious and unconscious longings for something other than what the so-called education, science, art, religion, and so on offered by the ruling circles can provide.
[ 9 ] Daran wollen sich die Menschen so schwer gewöhnen, daß wir in bezug auf das Geistesleben nötig haben, nach und nach eine ganz neue Sprache zu verstehen. Die Menschen wollen im Grunde genommen, daß die alten Sprachen weiter geredet werden. Denn es werde schon gehen, so meinen sie, wenn man in der alten Sprache weiterspricht. Da hört man salbungsvolle Propheten in der Gegenwart ihre Anschauungen entwickeln. Ich habe Sie schon einmal auf eine solche Anschauung hier hingewiesen. Es wird da gesagt zum Beispiel von einem, auf den eigentlich viel gegeben wird in der Gegenwart: dieser Weltkrieg hätte gezeigt, daß die Menschen wohl in einer Art äußerer Organisation lebten, daß sie aber einander innerlich nicht nahe gekommen wären. Und so hätte sich innerhalb dieses Weltkrieges wiederum ein Rückfall in die alte Barbarei ergeben. Und dann werden zur Rettung aus dieser Barbarei eigentlich nur gewisse, man könnte sagen, Phrasengefühle entwickelt, die die Menschen darauf verweisen, sich wiederum zu einer Art von innerlichem geistigem Leben zurückzuwenden. Allein, meine lieben Freunde, darauf kommt es heute nicht an, daß man die Menschen ermahnt, sie sollen wieder gut christlich werden, sie sollen wieder lernen, ihre Mitmenschen zu lieben, sie sollen ein innerliches Band von Mensch zu Mensch finden. Heute kommt es viel mehr darauf an, daß eine Kraft des Geistes entwickelt werden könne, welche imstande ist, die äußeren Verhältnisse wirklich zu beherrschen, den äußeren Verhältnissen wirklich eine Struktur zu geben, so daß der soziale Organismus lebensfähig werde. Man kann eigentlich, wenn man ganz ehrlich ist, gar nicht sagen, daß die Menschen der Gegenwart hauptsächlich und in erster Linie daran kranken, daß sie nicht an den Geist glauben. Es sind ja noch genügend viele Menschen in der Gegenwart, die an den Geist glauben, und schließlich hat ja noch jedes Dörfchen seine Kirche, wo, denke ich, viel vom Geiste geredet wird. Und einen gewissen Respekt vor dem Geiste haben sogar diejenigen, die ihn bekämpfen. Ein gewisses Reden vom Geiste liegt den Menschen noch in den Denkgewohnheiten. Der Anzengrubersche Mensch, der da sagt: «So wahr ein Gott im Himmel ist, bin ich ein Atheist», ist gar nicht eine so große Seltenheit, wenn er auch nicht immer diese Worte ausspricht. Nicht darauf kommt es an, daß vom Geiste gesprochen werde, oder auch nicht einmal darauf, daß die Menschen an den Geist glauben, sondern darauf kommt es heute an, daß der Geist wirksam werde in allem materiellen Leben, daß eingesehen werde, daß die Materie nirgends ohne den Geist sein kann.
[ 9 ] People find it so difficult to get used to this that, when it comes to spiritual life, we need to gradually come to understand an entirely new language. Deep down, people want the old languages to continue to be spoken. For they believe that things will work out just fine if we keep speaking in the old language. And so one hears unctuous prophets of our time expounding their views. I have already pointed out such a view to you here once before. For example, one person—who is actually held in high regard today—says: this world war has shown that people may have lived within a kind of external organization, but that they had not come close to one another inwardly. And so, within the course of this world war, there was, it is claimed, a relapse into the old barbarism. And then, as a means of salvation from this barbarism, only certain—one might say—clichéd sentiments are developed, which urge people to turn back to a kind of inner spiritual life. However, my dear friends, what matters today is not that people be exhorted to become good Christians again, to learn once more to love their fellow human beings, or to find an inner bond from person to person. What matters far more today is that a spiritual force be developed which is capable of truly mastering external circumstances and truly giving them structure, so that the social organism becomes viable. If one is completely honest, one cannot really say that people today suffer mainly and first and foremost from a lack of belief in the spirit. After all, there are still plenty of people today who believe in the spirit, and ultimately every little village still has its church, where, I imagine, much is said about the spirit. And even those who fight against the spirit have a certain respect for it. A certain way of speaking about the Spirit is still ingrained in people’s habits of thought. The Anzengruber-type person who says, “As surely as there is a God in heaven, I am an atheist,” is not at all a rarity, even if he does not always utter these exact words. What matters is not whether people speak of the Spirit, or even whether they believe in the Spirit, but rather that the Spirit become active in all material life today, that it be recognized that matter cannot exist anywhere without the Spirit.
[ 10 ] Von dieser Einsicht ist man aber heute weiter entfernt, als man es je war. Der eine tut vornehm, verachtet das äußere materielle Leben, betrachtet es als ein notwendiges Übel und wendet sich dem innerlichen Leben zu, wird Theosoph vielleicht sogar, damit er neben dem äufßseren Leben sein inneres entwickeln könne, denn das äußere Leben ist geistlos, und man muß sich dem inneren, beschaulichen Leben hingeben. Ein anderer geht nicht gerade in dieser — das sozialistische Denken würde sagen — dekadentesten bürgerlichen Vorstellungsweise auf, denn es ist die letzte Ausgeburt der bürgerlichen Vorstellungsweise, die ich eben charakterisiert habe, aber er hat doch den Glauben: auf der einen Seite ist die materielle Wirklichkeit, in der lebt Kapital, menschliche Arbeitskraft, Kredit, Pfandbriefe, Obligationen, Geld überhaupt. Das ist die geistlose Wirklichkeit. Auf der anderen Seite ist dasjenige, was man aus dem innersten Herzen anstreben muß als die eigentliche Geistwirklichkeit.
[ 10 ] Today, however, we are further removed from this insight than we have ever been. One person acts all high and mighty, despises external, material life, regards it as a necessary evil, and turns to the inner life; perhaps even becomes a theosophist so that he can develop his inner life alongside his external one, for external life is spiritless, and one must devote oneself to the inner, contemplative life. Another does not exactly subscribe to this—as socialist thought would put it—most decadent bourgeois way of thinking, for it is the final outgrowth of the bourgeois way of thinking I have just characterized; yet he still holds the belief that, on the one hand, there is material reality, in which capital, human labor, credit, mortgage bonds, bonds, and money in general exist. That is the spiritless reality. On the other hand is that which one must strive for from the depths of one’s heart as the true spiritual reality.
[ 11 ] Nun, man könnte noch viele Variationen über diese eigentümliche Auffassung des Verhältnisses von materiellem Leben zu geistigem Leben, wie es in der Gegenwart herrscht, anführen, denn die Menschen haben schon im allgemeinen das Gefühl, wenn man zum Geist geht, muß man sich eigentlich von der äußeren materiellen Wirklichkeit abkehren. Schließlich hängt ja damit auch zusammen, daß wir in der Gegenwart so viele gebrochene Existenzen, so viele Menschen haben, die mit dem äußeren Leben unzufrieden sind. Meine lieben Freunde, ich rede wahrhaftig nicht pro domo, denn ich bin eigentlich nur durch mein Karma gerade zu dem gemacht worden, als was ich wirke. Und wäre ich durch mein Karma zu etwas anderem gemacht worden, so würde ich das auch zu verstehen wissen. Ich rede nicht pro domo. Aber trotzdem darf ich sagen: es gibt nichts Uninteressantes im Leben, wenn nur ein gesunder sozialer Organismus da ist, in welchen der Mensch in der richtigen Weise gerade seinem Karma gemäß hineingestellt ist. Im Grunde genommen hat kein Mensch in der Welt Veranlassung dazu, irgendeine Strömung in der Welt als minderwertiger zu betrachten als eine andere. Aber herbeigeführt werden muß die Gesundung des sozialen Organismus, so daß der letzte Arbeiter ebenso mit einem geistigen Leben zusammenhängt, wie derjenige, der nun zufällig im geistigen Leben sich selbst beschäftigen kann. Denn das ist der größte Schaden in dem sozialen Leben der Gegenwart, daß es abgeschlossene Kreise gibt, innerhalb welcher sich besondere Interessen entwickeln, die den anderen eigentlich nicht zugänglich sind. Fühlen Sie doch nur, wie sich in der neueren Zeit immer mehr und mehr herausgebildet hat das Abgeschlossensein in Religion, in Kunst und in allem anderen innerhalb der bürgerlichen Kreise, und wie außerhalb dieses Abgeschlossenen die proletarischen Kreise stehen, denen man ja «Volksveranstaltungen» macht, «Volkshäuser» begründet, «Volkskunst» gibt und so weiter. Aber was man damit gibt, ist ja aus den Empfindungen der bürgerlichen Klasse heraus entstanden. Wenn es der Proletarier empfangen soll, so empfängt er es durch eine Lebenslüge; denn nur dasjenige kann ja gemeinsames Geistesleben sein, was aus gemeinsamem Erleben hervorgegangen ist. Das ist kein gemeinsames Erleben, wenn der eine im Tag acht Stunden — Sie sehen, ich nehme sogar den Achtstundentag schon als verwirklicht an —, acht Stunden an der Maschine steht, und der andere die Möglichkeit hat, ein soziales Leben innerhalb einer gewissen Klasse auszubauen, und dann nach den acht Stunden dem, der an der Maschine steht, das so wie Brocken hinwirft, was aber seiner innersten Struktur, seinem innersten Gefüge nach eigentlich nur verstanden werden kann von dem, der den bisher leitenden Klassen angehört.
[ 11 ] Well, one could cite many more variations on this peculiar view of the relationship between material life and spiritual life, as it prevails today, for people generally have the feeling that when one turns to the spirit, one must actually turn away from external material reality. After all, this is also connected to the fact that we have so many broken lives today—so many people who are dissatisfied with their external lives. My dear friends, I am truly not speaking in my own defense, for I have actually been shaped by my karma into precisely the person I am today. And if my karma had shaped me into something else, I would understand that as well. I am not speaking on my own behalf. But nevertheless, I may say: there is nothing uninteresting in life, provided there is a healthy social organism in which each person is placed in the right way, precisely in accordance with their karma. Fundamentally, no one in the world has any reason to regard any current in the world as inferior to another. But the healing of the social organism must be brought about, so that the lowliest worker is just as connected to a spiritual life as the one who, by chance, is able to engage in spiritual life. For this is the greatest harm in contemporary social life: that there are closed circles within which particular interests develop that are actually inaccessible to others. Just consider how, in recent times, this sense of exclusivity has become increasingly pronounced in religion, art, and everything else within bourgeois circles, and how, outside this exclusivity, stand the proletarian circles—for whom “public events” are organized, “community centers” are established, “folk art” is provided, and so on. But what is offered in this way has, after all, arisen from the sensibilities of the bourgeois class. If the proletarian is to receive it, he receives it through a lie about life; for only that which has emerged from a shared experience can truly be a shared spiritual life. It is not a shared experience when one person stands at the machine for eight hours a day—you see, I’m even assuming the eight-hour day has already been realized— spends eight hours at the machine, while the other has the opportunity to develop a social life within a certain class, and then, after the eight hours, throws at the one standing at the machine something like scraps—which, however, in its innermost structure and composition, can actually only be understood by those who belong to the classes that have been in power until now.
[ 12 ] Innerhalb der leitenden Kreise hat man heute die Möglichkeit, aus gewissen Bildungsgrundlagen, Erziehungsgrundlagen heraus doch dem Menschen — sagen wir, um ein konkretes Beispiel zu wählen — über die Sixtinische Madonna zu sprechen. Ja, meine lieben Freunde, ich habe Arbeiter herumgeführt in Galerien, ich habe sehen können, welch eine Lüge es ist, dem heutigen Proletarier irgend etwas vorzuführen, was, sagen wir ähnlich ist den Empfindungen, die der heutige Bürgerliche gegenüber der Sixtinischen Madonna haben kann. Das ist ja nicht möglich. Versucht man es doch, so setzt man nichts anderes als eine Lebenslüge in Szene, denn es gibt ja kein gemeinsames Leben zwischen den Klassen. Und wo kein gemeinsames Leben zwischen den Klassen da ist, kann man auch nicht in einer Sprache sprechen, die beide wirklich verstehen. Die bisher leitenden Kreise haben das Schicksal gehabt, durch die bisherige Menschheitsentwickelung auch zum Beispiel in der Kunst etwas zu bekommen, was in ihren Lebensempfindungen wurzeln kann. Durch die Art und Weise, wie bisher die Menschheit gelebt hat, ist so etwas wie die Sixtinische Madonna eine Gabe für die leitenden Kreise geworden. Für die nichtleitenden Kreise ist sie zunächst unverständlich. Da muß erst die Sprache gesucht werden, die beiden gemeinschaftlich sein kann, das heißt, es muß erst angestrebt werden, ein wirklich allgemein-menschliches Bildungsleben zu finden. Und von diesem allgemein-menschlichen Bildungswesen sind unsere Schulen, unsere Universitäten weit entfernt.
[ 12 ] Within leadership circles today, it is possible—based on certain educational and upbringing foundations—to speak to people about, say, the Sistine Madonna, to choose a concrete example. Yes, my dear friends, I have guided workers through art galleries, and I have seen what a lie it is to try to present to today’s proletarian anything that, let’s say, resembles the feelings that today’s bourgeois might have toward the Sistine Madonna. That is simply not possible. If one tries to do so, one is merely staging nothing but a lie about life, for there is, after all, no shared life between the classes. And where there is no shared life between the classes, one cannot speak in a language that both truly understand. The ruling circles of the past have had the good fortune, through the course of human development to date—including, for example, in art—to receive something that can take root in their sensibilities. Because of the way humanity has lived up to now, something like the Sistine Madonna has become a gift to the ruling circles. For those outside the ruling circles, it is initially incomprehensible. First, a language must be sought that can be shared by both; that is, the goal must be to find a truly universal human educational life. And our schools and universities are far removed from this universal human educational system.
[ 13 ] Damit wird es nicht getan sein, daß verwirklicht werde, was man so oft anstrebt: die allgemeine Volksschule. In einer allgemeinen Volksschule wird man ganz anderes lehren müssen, nämlich so, wie es nur von dem als ein Glied des gesunden sozialen Organismus abgegliederten freien Geistesleben herkommen kann. Man wird ganz anders lehren müssen, als man heute lehrt. Denn im tiefsten Innern versteht ja der Proletarier nicht, was heute in der Volksschule gelehrt wird.
[ 13 ] This will not be enough to achieve what is so often strived for: the universal elementary school. In a universal elementary school, one will have to teach in a completely different way—namely, in a way that can only stem from a free spiritual life that is separated from the healthy social organism. Teaching will have to be done in a completely different way than it is today. For deep down, the proletarian does not understand what is taught in elementary school today.
[ 14 ] Nun werden Sie einen Widerspruch finden in dem, was ich rede. Den können Sie auch mit Recht finden. Sie können sagen: Ja, aber in der Volksschule sind ja noch alle gleich, warum sollte das Proletarierkind weniger verstehen von dem, was gelehrt wird, als das bürgerliche Kind? — Das bürgerliche Kind versteht nämlich in Wirklichkeit auch nichts; denn unser ganzes Volksschulwesen ist so ungesund, daß eigentlich alles das nicht verstanden wird, was in der Volksschule gelehrt wird. Und nur einige, nämlich den leitenden Kreisen Angehörige, die das Geld haben, um auf höhere Schulen hinaufzukommen, bei denen werfen dann diese höheren Schulen einen Schatten zurück auf die Volksschule, und dadurch versteht man etwas von dem, was man früher gelernt hat. Und diejenigen, die keine Gelegenheit haben, Schatten zurückzuwerfen auf das, was man früher gelernt hat, die haben eben gar keine Möglichkeit, überhaupt die Schulbildung, die heute als eine geträumte Wirklichkeit unter uns lebt, irgendwie aufzunehmen.
[ 14 ] Now you will find a contradiction in what I am saying. And you are quite right to do so. You might say: Yes, but in elementary school everyone is still equal—why should a working-class child understand less of what is taught than a middle-class child? — In reality, the middle-class child doesn’t understand anything either; for our entire elementary school system is so dysfunctional that, in fact, nothing that is taught in elementary school is actually understood. And only a few—namely, those belonging to the ruling circles who have the money to attend higher schools—it is for them that these higher schools cast a shadow back onto elementary school, and through this, one comes to understand something of what one learned earlier. And those who have no opportunity to cast a shadow back onto what they learned earlier simply have no way at all to absorb the school education that exists among us today as a dreamlike reality.
[ 15 ] Das ist es, was man sich als den Ernst der Zeit, als den Ernst der Situation vor Augen halten sollte. Und ist es denn nicht mit Händen zu greifen, daß nur ein neues Geistesleben dem Abhilfe schaffen kann? Denn versuchen Sie doch nur einmal, auf dem einen oder auf dem anderen Gebiete ehrlich zu sein. Nehmen Sie zum Beispiel dasjenige, was im Verlaufe der letzten Jahrzehnte sich abgespielt hat auf dem Gebiete der Kunst und des Verständnisses der Kunst. Ja, versuchen Sie einmal, sich geistig vor Augen zu führen, wie über Kunst geredet worden ist: was Künstler gesagt haben, wie gemalt, wie gebildhauert werden muß und dergleichen, was Kritiker dann als ihre Auffassung gegenüber diesen Malern und Bildhauern geltend gemacht haben. Verfolgen Sie das alles, und versuchen Sie es einmal klarzumachen dem Proletarier, der acht Stunden an der Maschine steht, und der das Ganze nun auch anhören soll. Das ist Quark für ihn, ist überhaupt nichts für ihn. Nur das ist real, daß er ein Leben sieht, das die anderen untereinander treiben, von dem er in antisozialer Weise ausgeschlossen ist, von dem er daher auch nicht die Vorstellung gewinnen kann, daß es zu einem menschenwürdigen Dasein gehört; von dem er nur die Vorstellung gewinnen kann: das ist alles Luxus.
[ 15 ] This is what we should keep in mind as the gravity of the times, as the gravity of the situation. And isn’t it obvious that only a new spiritual life can remedy this? Just try, for once, to be honest in one area or another. Take, for example, what has unfolded over the past few decades in the realm of art and the understanding of art. Yes, just try to mentally picture how people have talked about art: what artists have said, how one must paint, how one must sculpt, and the like—and what critics have then asserted as their views regarding these painters and sculptors. Follow all of this, and try to explain it to the proletarian who stands at the machine for eight hours a day and is now supposed to listen to all of this as well. To him, it’s nonsense; it means absolutely nothing to him. The only reality for him is that he sees a life that the others lead among themselves—a life from which he is excluded in an antisocial manner, and of which he therefore cannot even conceive that it is part of a dignified existence; from which he can only conclude: that is all luxury.
[ 16 ] Nun nehmen Sie das im Konkreten, meine lieben Freunde! Es ist nicht als ob ich die Dinge verurteile, ich will nur charakterisieren. Und die Dinge sind alle zu verstehen. Aber bedenken Sie, was diese gute bürgerliche Gesellschaftsordnung, die sich bis zum Jahre 1914 so bequem entwickelt hat, für Blüten getrieben hat. Ich habe es noch erlebt in den achtziger Jahren, wo zum Beispiel die Wiener Jünglinge alle nachgemacht haben dasjenige, was damals, von Paris ausgehend, als neue Kunstrichtung galt. Diese Jünglinge haben Verse über Verse gemacht, haben alles mögliche dazu getan, um möglichst dunkle Ringe um die Augen zu haben, sind sinnend auf der Straße herumgegangen, haben die Vorzüge der Decadence gepriesen, haben erklärt, daß sie überhaupt nur in einem Zimmer schlafen wollen, in dem der Duft der Tuberose alles durchströmt. Und dann hat man aus diesen Untergründen heraus besprochen, wie nun ein Vers wirklich gestaltet sein muß. Ich will das nicht verurteilen, was da zum Ausdruck gekommen ist; es ist da eben auch eine Seite der Menschheit zum Ausdruck gekommen, es ist ein extremer Fall. Aber zum Schlusse hat man es eben so getrieben, daß nur etwas herausgekommen ist, was einem großen Teil der neueren Menschheit nicht anders erscheinen konnte als ein luxuriöses Geistesgetriebe; was diesem Teil der Menschheit jedenfalls nicht als eine Notwendigkeit zu einem menschenwürdigen Dasein erscheinen konnte. Und schließlich hängt doch im Leben alles ab von dem, was in den Menschenseelen pulsiert, von der Art wie die Menschenseelen in dem Leben drinnen sich bewegen können. Es war schon ein soziales Karzinom, das in furchtbarer Weise zum Ausbruche gekommen ist.
[ 16 ] Now take this in concrete terms, my dear friends! It’s not that I’m condemning these things; I merely want to describe them. And these things can all be understood. But consider what this good bourgeois social order—which had developed so comfortably up until 1914—has produced. I still remember the 1880s, when, for example, the young men of Vienna were all imitating what was then considered a new artistic movement originating in Paris. These young men wrote verse after verse, did everything they could to have the darkest possible circles under their eyes, wandered pensively through the streets, extolled the virtues of Decadence, and declared that they would sleep only in a room where the scent of tuberose permeated everything. And then, from these underground circles, they discussed how a verse should truly be crafted. I do not wish to condemn what was expressed there; it was simply one aspect of humanity coming to the fore—an extreme case. But in the end, they went so far that what emerged could only appear to a large part of modern humanity as nothing more than a luxurious intellectual contrivance; something that, in any case, could not appear to this part of humanity as a necessity for a dignified existence. And ultimately, everything in life depends on what pulsates within human souls, on the way human souls are able to move within life. It was indeed a social carcinoma that erupted in a terrible way.
[ 17 ] Aus diesen Dingen muß gesehen werden, daß nun die Tatsachen soweit gediehen sind, daß wir eben nicht mit den alten Vorstellungen weiter reden dürfen, daß wir eine neue Sprache lernen müssen. Und ist es da nicht mit Händen zu greifen, meine lieben Freunde, daß nun etwas Allgemein-Menschliches angestrebt werden muß. Es wird nicht gleich verstanden werden, inwiefern es etwas Allgemein-Menschliches ist; aber mit unserem Bau wurde eben etwas Allgemein-Menschliches angestrebt. Da sollte nichts drinnen sein, was nur den Bürgerlichen interessieren oder wovon der Proletarier nichts verstehen kann. Wenn auch gerade höchste geistige Anforderungen gestellt werden, so ist das, was angestrebt worden ist, ganz allgemein menschlich; gewiß ist vieles daran unvollkommen und das Bürgerliche strömt einem ja aus mancherlei noch zu; aber im Ganzen, in der Hauptsache — ich meine selbstverständlich jetzt nicht die Menschen — ist das, was in der Sache angestrebt worden ist, ganz allgemein menschlich; es ist, wenn es auch aus dem Geistigen herausgeholte Formen sind, etwas, was jeder Mensch verstehen kann.
[ 17 ] From these things, it must be seen that the facts have now progressed to such an extent that we simply cannot continue to speak in terms of the old concepts; we must learn a new language. And is it not obvious, my dear friends, that we must now strive for something universally human? It will not be immediately understood to what extent this is something universally human; but with our building, we were indeed striving for something universally human. There should be nothing in it that interests only the bourgeoisie or that the proletariat cannot understand. Even if the highest intellectual demands are made, what has been strived for is entirely universally human; certainly, much of it is imperfect, and bourgeois elements still seep in from various quarters; but on the whole, in essence—and of course I am not referring to the people themselves—what was sought in this endeavor is entirely universal to humanity; even though the forms are drawn from the spiritual realm, it is something that every human being can understand.
[ 18 ] Von dem Lebensgesichtspunkte aus kann es verstanden werden. Gewiß, man muß heute noch in verschiedener Weise zu dem einen oder zu dem anderen reden, weil die Menschen von verschiedenen Lebensgesichtspunkten her kommen. Aber möglich ist es, auch dem allereinfachsten, primitivsten Gemüte heute dasjenige beizubringen, was aus unseren Formen und den sonstigen Dingen unseres Baues sprechen soll. Und so müßte auf jedem Lebensgebiete nun wirklich der Versuch gemacht werden, herauszukommen aus dem Alten und eine neue Sprache zu sprechen, einzusehen, wie es eben gerade die alten Vorstellungsarten waren, die uns in diese Katastrophe hineingeführt haben.
[ 18 ] It can be understood from the perspective of life. Certainly, even today we must speak to one person or another in different ways, because people come from different perspectives on life. But it is possible, even for the simplest, most primitive mind today, to convey what our architectural forms and other elements of our buildings are meant to express. And so, in every sphere of life, we must now truly make the effort to break away from the old and speak a new language—to recognize that it was precisely these old ways of thinking that led us into this catastrophe.
[ 19 ] Sehen Sie, da wird heute gesagt: man schaue sich das moderne sozialistische Streben an — es jagt ja heute manchen Leuten einen rechten Schrecken ein — und vergleiche dieses sozialistische Streben zum Beispiel mit dem Geiste der Bergpredigt, wo die Mühseligen und Beladenen nicht durch den Klassenkampf, sondern durch die Liebe eine neue Weltordnung heraufführen wollten. Ich führe Ihnen nicht ausgedachte Redensarten an, sondern nur solche Dinge, die heute von sehr bekannten Moralpaukern gepredigt werden, und die in den letzten Wochen unzählige Male gesagt worden sind. Die Dinge sind alle aus dem Leben herausgegriffen. Sie hätten es erst vor ein paar Tagen in Bern hören können, wie jemand wiederum gesagt hat: man kehre zurück zu dem reinen Geiste des Christentums, zu dem Geiste der Bergpredigt; der stecke nicht im modernen Klassenkampf. Leider, so wurde gesagt, sei der christliche Geist bisher nur im Privatleben geltend gewesen; er müsse einziehen in das Leben der Staaten. Das Leben, das äußere öffentliche Leben müsse durchchristet werden. Da kommen dann die Menschen und sagen: Das ist mal vom Geiste gesprochen; da wird endlich gesagt, wie der Weg sein muß, damit sich die moderne Menschheit loslöst von dem unseligen Materialismus und sich wiederum zurückwendet zu dem Geiste der Liebe. — Aber, meine lieben Freunde, die Tatsache liegt nur vor, daß die Leute durch fast zweitausend Jahre so geredet haben und das nichts geholfen hat, und daß sie endlich merken könnten, daß heute eine andere Sprache notwendig ist.
[ 19 ] You see, people say today: one should look at modern socialist aspirations—which, after all, strike fear into the hearts of many people today—and compare these socialist aspirations, for example, with the spirit of the Sermon on the Mount, where the weary and the burdened sought to bring about a new world order not through class struggle, but through love. I am not quoting made-up phrases, but only things that are preached today by very well-known moralists and that have been said countless times in recent weeks. These things are all taken from real life. You could have heard it just a few days ago in Bern, when someone said once again: “Let us return to the pure spirit of Christianity, to the spirit of the Sermon on the Mount; that spirit is not to be found in modern class struggle.” Unfortunately, it was said, the Christian spirit has so far been relevant only in private life; it must find its way into the life of nations. Life—external, public life—must be permeated by Christianity. Then people come along and say: “Now that’s speaking of the spirit; at last someone is saying what the path must be for modern humanity to break free from wretched materialism and turn back to the spirit of love.” — But, my dear friends, the fact is simply that people have been talking this way for nearly two thousand years and it hasn’t helped at all, and that they might finally realize that a different language is necessary today.
[ 20 ] Man merkt aber heute noch oftmals gar nicht, worin der Unterschied liegt zwischen den zwei Sprachen. Man merkt noch gar nicht, daß es etwa radikal anderes ist, jenes Geistesleben zu vertreten, das unmittelbar eingreifen will in die materiellste Wirklichkeit, weil es überzeugt davon ist, daß Materie nur als Materie, also als etwas Verächtliches genommen, überhaupt keine Wirklichkeit ist, denn in aller Wirklichkeit lebt ja Geist. Und wo scheinbar nur Materie lebt, da sieht man den Geist einfach nicht. Daher muß man sich auch klar darüber sein, daß es heute drängt, solchen Geist zu entwickeln, der eben die Wirklichkeit meistert, der in das materielle Leben eben untertauchen kann, der nicht nur zu sagen versteht: vertieft euch im Innern, ihr werdet den Gott im Innern finden, ihr werdet den Quell der Liebe in euch entwickeln können, ihr werdet den Weg dann finden von der heutigen sozialen Ordnung zu einer solchen, in welcher der Mensch innerlich dem Menschen nahe steht! Nein, es handelt sich heute darum, solchen Geist, solche Sprache, solche Christen zu finden, die nicht bloß von ethischen Dingen und von religiösen Dingen reden, sondern die so stark im Geiste sind, daß der Geist die alleralltäglichsten Dinge zu umfassen imstande ist, daß vom Geiste aus gesagt werden kann, was nun geschehen soll, um den Weg heraus zu finden, den heilenden Weg aus den Verheerungen des Kapitalismus, aus den Bedrückungen der menschlichen Arbeitskraft und so weiter.
[ 20 ] Even today, however, people often do not even realize what the difference is between the two languages. People still do not realize that it is something radically different to advocate a spiritual life that seeks to intervene directly in the most material reality, because it is convinced that matter, taken merely as matter—that is, as something contemptible—is not reality at all, for spirit lives in all reality. And where only matter seems to exist, one simply does not see the spirit. Therefore, one must also be clear that there is an urgent need today to develop a spirit that masters reality, that can immerse itself in material life, that does not merely say: “Delve into your inner self; you will find God within; you will be able to develop the source of love within yourselves,” and you will then find the path from today’s social order to one in which people are inwardly close to one another!” No, what matters today is to find such a spirit, such a language, such Christians who do not merely speak of ethical and religious matters, but who are so strong in spirit that the spirit is capable of embracing even the most mundane things, so that from the spirit it can be said what must now be done to find the way out—the healing path—from the devastation of capitalism, from the oppression of the human workforce, and so on.
[ 21 ] Es liegt einmal die Sache so, daß die Menschen mit ihrem Empfinden wahrnehmen, was hemmend, was krankmachend ist im sozialen Organismus, daß sie aber nicht bis zu den Grundlagen sehen. Daß heute das Geld viel Schäden hervorruft, sieht man ja im Kleinen und im Großen. Im Kleinen, in seiner nächsten Nähe sieht es mancher, der es nicht hat, das Geld. Es ist eben die Zeit gekommen, wo die alte Gelassenheit aufgehört hat, die sich noch ein wenig über die Dinge hinweggesetzt hat mit dem Sprichwort: Der eine hat das Portemonnaie, der andere hat das Geld; es ist die Zeit gekommen, wo man solche Dinge, die in diesem Sprichworte leben, nicht mehr wahr haben will. Daß manche Schäden des Geldwesens vorhanden sind, merken die Leute, wenn sie auch jetzt selten noch über die Grenze kommen nicht wahr, es ist ja tiefer Friede eingetreten, aber die Leute können jetzt weniger über die Grenze, als sie während des Krieges gekonnt haben — sie merken: da draußen, da bedeutet eine Mark so und so viel, hier bedeutet sie so wenig. An die Geldfrage schließt sich die Währungsfrage, die Valutafrage an. Also die Leute merken im Kleinen und im Großen, daß mit dem Gelde irgend etwas los ist, was schon mit den gewöhnlichsten Menschenzuständen zusammenhängt. Sie denken nach, wie man den Schäden, die heute eingetreten sind, abhelfen könnte. Aber die Leute merken nicht, daß es heute notwendig geworden ist, von den gewöhnlichen äußeren Gedanken, die sich an die Verhältnisse selbst anschließen, zu den Urgedanken vorzudringen.
[ 21 ] The fact is that people perceive, through their intuition, what is inhibiting and what is harmful to the social organism, but they do not see down to the very foundations. That money causes a great deal of harm today is evident on both a small and a large scale. On a small scale, in their immediate surroundings, some people who don’t have money see it. The time has simply come when the old equanimity—which used to brush things aside a little with the saying, “One has the wallet, the other has the money”—has ceased; the time has come when people no longer want to accept such things as embodied in that saying. People are noticing that there are certain flaws in the monetary system, even though they rarely cross the border these days—isn’t that right? After all, a deep peace has set in, but people can cross the border less often now than they could during the war—they realize: out there, a mark is worth so much, but here it’s worth so little. The question of money is followed by the question of currency, the question of foreign exchange. So people realize, on both a small and a large scale, that something is amiss with money, something that is connected to the most ordinary human conditions. They reflect on how the problems that have arisen today might be remedied. But people do not realize that it has now become necessary to move beyond the ordinary external thoughts associated with the circumstances themselves and penetrate to the primordial thoughts.
[ 22 ] Allen menschlichen Einrichtungen liegen gewisse Urgedanken zugrunde. Und führt das menschliche Leben dazu, daß sich die Einrichtungen nach und nach von diesen Urgedanken entfernen können, so ziehen sich diese Urgedanken zurück in das menschliche Innere und werden Empfindungen, werden Instinkte, die sich dann in einer Weise äußern, in der man die Urgedanken nicht gleich erkennt. Was heute als soziale Forderungen auftritt, ist die Reaktion der Urgedanken auf die heutigen menschlichen Verhältnisse. Und die Menschen, die sich ihre Gedanken bloß nach den heutigen Verhältnissen bilden, sind die ärgsten Schwarmgeister. Denn all die proletarischen Forderungen sind nichts anderes als maskierte Empfindungen, die in den Urgedanken wurzeln. Und zu solchen Urgedanken gehört die Trennung des geistigen Lebens, des politischen Staatslebens und des wirtschaftlichen Lebens, wie es hier vertreten worden ist. Danach streben eigentlich die Instinkte hin. Und nicht eher werden sie ruhen, bis nicht wenigstens die Richtung nach diesen Urgedanken wiederum genommen wird in der Zeit, in der wir in dieser schweren Krisis leben, da wir uns so weit von den Urgedanken entfernt haben.
[ 22 ] All human institutions are based on certain primordial ideas. And if human life leads to a situation in which these institutions can gradually drift away from these primordial ideas, then these primordial ideas retreat into the human psyche and become feelings, become instincts, which then manifest themselves in ways that do not immediately reveal the primordial ideas. What appears today as social demands is the reaction of these primordial ideas to contemporary human conditions. And those who form their thoughts solely on the basis of present-day conditions are the worst kind of herd mentality. For all proletarian demands are nothing other than disguised feelings rooted in these primordial ideas. And among such primordial thoughts is the separation of spiritual life, political life, and economic life, as has been argued here. This is what the instincts are actually striving for. And they will not rest until, at the very least, we once again turn toward these primordial thoughts in this time of severe crisis, now that we have strayed so far from them.
[ 23 ] Alles andere wird Quacksalberei sein, auch mit Bezug auf die alleräußerlichsten, materiellsten Fragen. Denn heute frägt mancher sogar von Lehrkanzeln herab: Was ist denn eigentlich Geld? — Über diese Frage wird ungeheuer viel diskutiert: Ist Geld eine Ware oder ist Geld ein bloßes Wertzeichen? Der eine ist der Meinung, daß das Geld auch eine Ware unter anderen Waren ist, die auf dem Wirtschaftsmarkte ausgetauscht werden; daß man nur eine bequeme Ware gewählt hat, damit man über gewisse sonstige Konflikte des heutigen Wirtschaftslebens hinwegkommt. Denn denken Sie einmal, Sie seien Tischler. Es gäbe kein Geld und Sie seien Tischler. Sie müssen essen, Sie müssen Gemüse haben, Käse haben, Butter haben; aber Sie sind Tischler, Sie verfertigen Tische und Stühle. Nun müssen Sie sich mit Ihren Tischen und Stühlen, wenn es kein Geld gibt, irgendwo auf den Markt begeben und müssen versuchen, einen Stuhl zum Beispiel loszukrie 129 gen, damit Ihnen der eine für den Stuhl eine nötige Menge von Nahrungsmitteln gibt. Einen Tisch müssen Sie loskriegen, damit Ihnen ein anderer einen Anzug gibt. Denken Sie sich nur, was das heißen würde! — Aber eigentlich tut man doch nichts anderes als dieses. Es ist nur maskiert dadurch, daß eine allgemein gangbare Ware, das Geld, da ist, in das man alles übrige eintauschen kann, und daß dann die anderen Waren warten können, bis die Menschen sie brauchen.
[ 23 ] Anything else would be quackery, even with regard to the most external, most material questions. For today, some people even ask—from the pulpit, no less—“What, exactly, is money?”—There is an enormous amount of debate surrounding this question: Is money a commodity, or is it merely a token of value? Some believe that money is simply a commodity among other commodities traded on the economic market; that it was merely chosen as a convenient commodity to help overcome certain other conflicts in today’s economic life. Just imagine, for a moment, that you are a carpenter. Suppose there were no money, and you were a carpenter. You have to eat; you need vegetables, cheese, and butter; but you’re a carpenter—you make tables and chairs. Now, if there were no money, you’d have to take your tables and chairs to the market somewhere and try to get rid of a chair, for example, so that someone would give you a necessary amount of food in exchange for it. You have to trade a table so that someone else will give you a suit. Just imagine what that would mean! — But actually, people do nothing other than this. It’s just masked by the fact that there is a universally accepted commodity—money—into which everything else can be exchanged, and that the other commodities can wait until people need them.
[ 24 ] Nun aber scheint es so, als ob das Geld nur eine Zwischenware wäre. Daher sind manche Nationalökonomen der Ansicht: das Geld ist eine Ware. Wenn aber Papiergeld vorhanden ist, so ist es eben nur als Ersatz für die Ware da. Denn die Ware, auf die es ankommt, das ist eigentlich das Gold; und die Staaten seien schon einmal genötigt worden, die Goldwährung einzuführen, da der führende Wirtschaftsstaat der Gegenwart, England, das Gold als alleinige Wertware, Ausgleichsware gewählt hat und die anderen Staaten folgen müßten. Es ist nun eben so, daß diese Mittelware da ist, und der Tischler nicht mit seinen Stühlen zu Markte zu gehen braucht, sondern demjenigen verkauft, der sie gerade will, Geld dafür bekommt und sich dafür sein Gemüse und seinen Käse kaufen kann.
[ 24 ] Now, however, it seems as though money is merely an intermediate commodity. For this reason, some economists hold the view that money is a commodity. But when paper money exists, it is merely a substitute for the commodity. For the commodity that really matters is gold; and states have already been compelled to introduce the gold standard, since the leading economic power of the present day, England, has chosen gold as the sole measure of value and medium of exchange, and the other states have had to follow suit. The fact is that this medium of exchange exists, and the carpenter does not need to take his chairs to market, but instead sells them to whoever wants them at that moment, receives money in return, and can use that money to buy his vegetables and cheese.
[ 25 ] Ja aber, sagen die anderen, darin besteht gar nicht das Wesen des Geldes, denn das sei ganz gleichgültig — und die Praxis hat das auch bis zu einem gewissen Grade gezeigt —, ob man nun das Stückchen Gold, das im Vergleich mit anderen Waren so und so viel Wert ist, wirklich hat, oder ob es gar nicht da ist, sondern nur irgendein Ersatzmittel, auf dem der Stempel ist, daß es so und so viel gilt. Unser modernes Papiergeld ist ja etwas, was einen solchen Stempel trägt: es gilt so und so viel. Und es gibt heute durchaus Nationalökonomen, die betrachten es als etwas höchst Unnötiges, daß für das Papiergeld in den Banken der entsprechende Goldwert liegt. Es gibt ja auch, wie Sie vielleicht wissen, einzelne Staaten, die bloße Papierwährung haben, die keinen Goldschatz für die Papierwährung haben. Die können auch damit in einer gewissen Weise unter den heutigen Verhältnissen Wirtschaft treiben.
[ 25 ] “Yes, but,” say the others, “that is not the essence of money at all, for it is entirely irrelevant—and practice has shown this to a certain extent—whether one actually possesses the piece of gold that is worth such-and-such an amount in comparison with other goods, or whether it is not there at all, but rather some substitute bearing a stamp indicating that it is worth such-and-such an amount.” Our modern paper money is, after all, something that bears such a stamp: it is worth so much. And there are certainly economists today who consider it highly unnecessary for banks to hold the corresponding gold value to back up paper money. As you may know, there are also individual countries that have purely paper currency and no gold reserves to back it. Under current conditions, they are still able to conduct economic activity to a certain extent.
[ 26 ] Jedenfalls sehen Sie daraus — und wir müssen ja auf unserem Gebiete diese Sache auf die Basis eines rein menschlichen Standpunktes stellen —, daß es heute gescheite Menschen gibt, die das Geld als eine Ware betrachten; und andere gescheite Menschen, die es als eine bloße Abstempelung, als bloße Marke betrachten. Was ist es denn nun eigentlich’? — Unter den heutigen Verhältnissen ist es beides. Darauf kommt es eben an, daß man einsieht, daß es unter den heutigen Verhältnissen beides ist, daß heute auf der einen Seite namentlich im internationalen Verkehr in vielfacher Weise das Geld nur den Charakter einer Ware hat, denn das andere sind alles Überschreibungen von Guthaben. Was wirklich als Deckung gilt im Ernste, das sind eigentlich die Goldwarenaustausche, die von Staat zu Staat gepflegt werden. Und alles übrige beruht nur darauf, daß man das Vertrauen hat: wenn so und so viel Papier oder Wechsel oder so etwas von einem Staat zum andern geliefert wird, so hat derjenige, der diesen Wechsel, dieses Papier liefert, wirklich auch den Goldbestand; daß also die Ware da ist, die Ware Gold, die dann behandelt wird wie eine andere Ware. Nicht wahr, Sie geben einem Kaufmann Kredit, gleichgültig ob er Gold hat oder Fische oder irgend etwas anderes, wenn er nur eine Deckung durch irgend etwas Reales hat. Also es ist namentlich im internationalen Verkehr das Geld Ware.
[ 26 ] In any case, you can see from this—and in our field we must, after all, approach this matter from a purely human standpoint—that there are intelligent people today who regard money as a commodity; and other intelligent people who regard it as a mere stamp, a mere token. So what is it, really? — Under today’s conditions, it is both. The point is precisely this: one must recognize that under today’s conditions it is both; that today, on the one hand—particularly in international transactions—money in many ways has only the character of a commodity, for the rest is merely the transfer of credit balances. What truly serves as serious backing are, in fact, the exchanges of gold commodities conducted between states. And everything else is based solely on trust: if a certain amount of paper, bills of exchange, or the like is delivered from one state to another, then the party delivering these bills or this paper actually possesses the gold reserves; that is, the commodity—gold—is present and is then treated like any other commodity. Isn’t that right? You extend credit to a merchant, regardless of whether he has gold or fish or anything else, as long as he has some real asset to back it up. So, particularly in international trade, money is a commodity.
[ 27 ] Aber der Staat hat sich hineingemischt. Der Staat hat das Geld allmählich zu etwas bloß Taxiertem, zu etwas bloß Abgestempeltem gemacht. Das eine wirkt mit dem anderen zusammen, und die Schäden, die da sind, rühren lediglich davon her. Die einzig mögliche Heilung besteht darin, daß Sie die ganze Verwaltung des Geldes dahin abschieben, was wir als das dritte Glied des gesunden sozialen Organismus betrachtet haben: die gesamte Geldverwaltung abschieben in den Wirtschaftsorganismus, loslösen alle Geldverwaltung vom Staatsorganismus — dann wird das Geld Ware und wird auf dem Warenmarkte seinen Warenwert haben müssen. Es würde nicht mehr jene kuriose Abhängigkeit stattfinden, die heute besteht und die ein merkwürdiges Verhältnis darstellt zwischen Währung und Lohn. Das Kuriose ist heute, daß die Währung sinkt, wenn der Lohn steigt, und der Arbeiter oftmals gar nichts hat, wenn man ihm noch so viel Lohn gibt, weil er sich für diesen Lohn nichts anderes kaufen kann, als er sich früher kaufen konnte um seinen viel geringeren Lohn. Wenn die Löhne sich steigern und zugleich die Lebensmittelpreise steigen, das heißt, die Währung eine ganz andere wird, dann helfen alle übrigen Verhältnisse nichts. Dem kann nur Abhilfe geschaffen werden, wenn Sie die Verwaltung auch dieses Wirtschaftsgutes, des Geldes, loslösen vom politischen Staate und wenn das Geld, das da ist, um eben Vergleiche des einen mit dem andern hervorzurufen, auch von dem dritten, von dem Wirtschaftsgliede des gesunden sozialen Organismus verwaltet werden kann.
[ 27 ] But the state has interfered. The state has gradually turned money into something merely assessed, into something merely stamped. The two factors interact, and the damage that has occurred stems solely from this. The only possible remedy is to transfer the entire administration of money to what we have regarded as the third link in a healthy social organism: to transfer the entire administration of money to the economic organism, to detach all monetary administration from the state apparatus—then money will become a commodity and will have to have its commodity value on the commodity market. There would no longer be that curious dependency that exists today and which represents a strange relationship between currency and wages. What is peculiar today is that the value of the currency falls when wages rise, and the worker often has nothing at all, no matter how much wages he is paid, because he cannot buy anything more with those wages than he could buy before with his much lower wages. When wages rise and food prices rise at the same time—that is, when the currency becomes something entirely different—then all other circumstances are of no help. This can only be remedied if you separate the administration of this economic good—money—from the political state, and if the money, which exists precisely to facilitate comparisons between one thing and another, can also be administered by a third party—the economic component of a healthy social organism.
[ 28 ] So lösen sich wirklich mit der Grundlösung in die Dreigliedrigkeit die Spezialprobleme in einer gesunden Weise mit. Deshalb muß heute zu den Urgedanken zurückgehen, wer überhaupt daran denken will, für den sozialen Organismus gesunde Gedanken zu entwickeln. Heute fragen die Verwalter der Staaten: Was sollen wir gegenüber der in das Chaos hineingekommenen Währung tun? — Die einzige Antwort, die ihnen gegeben werden muß, ist diese: Um Gotteswillen laßt die Hände davon, insofern ihr Verwalter des politischen Staates seid und tretet die Verwaltung von Währung und Geld an den Wirtschaftsorganismus ab. Da können einzig und allein die gesunden Grundlagen geschaffen werden für diese Angelegenheiten. Man muß wirklich zurückgehen können auf das, was heute die Dinge gesund macht. Wir hatten ja vor der Kriegskatastrophe die sonderbare Tatsache — weil von Staat zu Staat ein Zustand da war, auf den die politischen Taxationen, die innerstaatlich galten, keinen Einfluß hatten —, daß von Staat zu Staat Verhältnisse wirkten, die sich notwendig zum Beispiel im Wirtschaftsleben durch das Wirtschaftsleben selbst ergaben. Von Staat zu Staat, also international wirkten sie. Innerhalb der einzelnen Staaten wirkten sie nicht, weil da der Staat seine Struktur über das Wirtschaftsleben ausdehnte. Das brachte die Konflikte hervor, die nur aus der Welt geschafft werden können, wenn wir die Dreigliedrigkeit wirklich anstreben. Dann werden jederzeit die Tatsachen des einen Gliedes in der sozialen Organisation die Tatsachen des anderen Gliedes korrigieren, wenn diese korrigiert werden sollen. Es ist gar nicht anders möglich, als heute zu den Urgedanken zurückzugehen — zu dieser praktischen Trinität: Geistesleben, Wirtschaftsleben, Staatsleben. Denn nur die Menschen, die in eine solche gesellschaftliche Organisation hineingestellt sein werden, werden die Fragen, die heute zu lösen sind, von dem einen oder von dem andern Gesichtspunkte her lösen können. Nur wenn in dem einen Gliede gewirtschaftet wird, in dem andern demokratisch Recht gesprochen, respektive Recht festgesetzt wird, in dem dritten alle geistigen Verhältnisse geordnet werden, nur dann kann eine Gesundung des sozialen Organismus herbeigeführt werden. Aber geradeso wie im menschlichen Organismus die drei Glieder zusammenwirken: das Kopfsystem mit dem Herz-Lungensystem, mit dem Stoffwechselsystem, so wirken natürlich auch im gesunden sozialen Organismus die drei Glieder zusammen. Das eine wirkt in das andere hinüber. So wie Sie eine Magenindisposition im Kopfe verspüren, einfach weil der Kopf vom Magen nicht ordentlich versorgt wird, obwohl die drei Systeme getrennt sind, so wirkt auch im sozialen Organismus, wenn er ganz gesund ist, das eine Glied, sagen wir das Wirtschaftsglied hinüber in das Rechtsglied, in das geistige Glied. Gerade dann wirken sie in der richtigen Weise zusammen, wenn sie in sich relativ selbständig sind. Aber dieses richtige Zusammenwirken ohne Indisposition stellt sich eben nur dann heraus, wenn die drei Glieder selbständig sind und jedes nach seinen Gesetzen verwaltet wird.
[ 28 ] Thus, with the fundamental solution of the threefold social order, the specific problems are truly resolved in a healthy way. That is why anyone who wishes to develop healthy ideas for the social organism must return today to the original ideas. Today, the administrators of states ask: What should we do about the currency that has fallen into chaos? — The only answer that must be given to them is this: For heaven’s sake, keep your hands off it, insofar as you are administrators of the political state, and hand over the administration of currency and money to the economic organism. Only there can the sound foundations for these matters be laid. One must truly be able to go back to what makes things sound today. Before the catastrophe of the war, we had the peculiar fact—because there existed a situation from state to state over which the political taxes applicable within each state had no influence—that relationships operated from state to state which necessarily arose, for example in economic life, through economic life itself. They operated from state to state—that is, internationally. They did not operate within individual states, because there the state extended its structure over economic life. This gave rise to conflicts that can only be resolved if we truly strive for the threefold social order. Then, at any time, the realities of one member of the social organization will correct the realities of another member, if corrections are needed. There is simply no other way but to return today to the original ideas—to this practical trinity: spiritual life, economic life, and political life. For only those people who are placed within such a social organization will be able to solve the problems that must be resolved today from one perspective or another. Only when economic activity takes place in one segment, justice is administered or established democratically in another, and all spiritual matters are ordered in the third—only then can a restoration of the social organism be brought about. But just as the three systems in the human organism—the nervous system, the cardiovascular system, and the metabolic system—interact, so too do the three systems naturally interact in a healthy social organism. One influences the other. Just as you feel a stomach ailment in your head simply because the head is not being properly nourished by the stomach—even though the three systems are separate—so too, in a fully healthy social organism, one component—let us say the economic component—influences the legal component and the spiritual component. They interact in the right way precisely when they are relatively independent of one another. But this proper interaction without disruption arises only when the three sections are independent and each is administered according to its own laws.
[ 29 ] Wie ragt zum Beispiel das Geistesleben in das Wirtschaftsleben mit seinem Wirken hinein? Was ist denn im Wirtschaftsleben vom Geist eigentlich so recht wirtschaftlich vorhanden? Wissen Sie, was da ist? Das ist nämlich gerade das Kapital. Das Kapital ist der Geist des Wirtschaftslebens. Und ein großer Teil der Schäden unserer heutigen Zeit beruht darauf, daß die Kapitalverwaltung, die Kapitalfruktifizierung dem Geistesleben entzogen ist. Darum handelt es sich gerade, daß das Verhältnis, sagen wir, des körperlich Arbeitenden zu dem mit Hilfe des Kapitals Organisierenden, ebenso behandelt werden kann im gesunden sozialen Organismus als ein bloßes, auf gegenseitigem Verständnis ruhendes Vertrauensverhältnis, wie zum Beispiel die Wahl der freien Schule. Im gesunden sozialen Organismus kann gar nicht jene Abschließung zwischen dem Unternehmer und dem Arbeiter weiter bestehen. Heute steht der Arbeiter an der Maschine und weiß nichts, als was an der Maschine vorgeht. Daher treibt er natürlich seine Allotria außerhalb der Fabrik. Und der Unternehmer wiederum hat sein eigenes Leben — ich habe es Ihnen vorhin geschildert —, wie es sich herausgebildet hat, daß die Jünglinge mit tiefen Rändern unter den Augen herumliefen und Tuberosen am Bette hatten, wenn sie schliefen. Der Unternehmer führt das losgelöste Geistesleben — losgelöst eben für andere, nicht für ihn. Aber ein gewisses Geistesleben muß vordringen, das nicht körperlich Arbeitende und geistig Arbeitende trennt — dann ist der Kapitalismus auf eine soziale Grundlage gestellt, allerdings nicht wie die Schwarmgeister der Gegenwart meinen, sondern dadurch, daß nun wirklich eine Möglichkeit geschaffen werde, daß jeder einzelne Arbeiter in einem Geisteszusammenhang steht mit all denen, die seine Arbeit organisieren und wiederum das Produkt seiner Arbeit in den sozialen Organismus oder sogar in die ganze Welt überleiten.
[ 29 ] How, for example, does spiritual life permeate economic life through its influence? What aspect of the spirit is actually present in economic life in a truly economic sense? Do you know what it is? It is, in fact, capital. Capital is the spirit of economic life. And a large part of the problems of our time stems from the fact that the management of capital—the generation of returns on capital—has been severed from spiritual life. This is precisely the point: that the relationship, let’s say, between the manual laborer and the one who organizes with the help of capital can be treated in a healthy social organism as a simple relationship of trust based on mutual understanding—just like, for example, the choice of a free school. In a healthy social organism, that separation between the entrepreneur and the worker simply cannot continue to exist. Today, the worker stands at the machine and knows nothing beyond what is happening at the machine. Therefore, he naturally pursues his frivolities outside the factory. And the entrepreneur, in turn, has his own life—as I described to you earlier—which has developed to the point where young men walked around with dark circles under their eyes and had tuberoses by their beds when they slept. The entrepreneur leads this detached spiritual life—detached, that is, from others, not from himself. But a certain spiritual life must take hold that does not separate physical labor from mental labor—then capitalism is placed on a social foundation, though not as the fanciful minds of the present believe, but by the fact that a real possibility is now created for every individual worker to be in a spiritual connection with all those who organize his work and, in turn, channel the product of his labor into the social organism or even into the whole world.
[ 30 ] Es muß als eine Notwendigkeit angesehen werden, daß ebenso wie an der Maschine gearbeitet wird, ebenso regelmäßig in Besprechungsstunden zwischen dem Unternehmer und dem Arbeiter die geschäftlichen Verhältnisse besprochen werden, so daß der Arbeiter fortdauernd ganz genau den Überblick hat über dasjenige, was geschieht — das ist es, was für die Zukunft angestrebt werden muß — und daß der Unternehmer wiederum jederzeit genötigt ist, sich völlig zu decouvrieren vor dem Arbeiter und mit ihm alle Einzelheiten zu besprechen, so daß ein gemeinsames Geistesleben die Fabrik, die Unternehmung umschließt. Darauf kommt es an. Denn ist es erst möglich, daß sich jenes Verhältnis herausstellt, auf Grund dessen der Arbeiter sich sagt: Ja, der ist ja ebenso notwendig wie ich, denn was soll meine Arbeit im gesellschaftlichen Organismus, wenn der nicht da ist? Der stellt meine Arbeit an den richtigen Platz. — Aber der Unternehmer wird auch genötigt sein, diese Arbeit wirklich an den richtigen Platz zu stellen und ihm das seinige zukommen zu lassen, denn alles wird durchschaubar sein.
[ 30 ] It must be regarded as essential that, just as work is carried out on the machine, business matters be discussed just as regularly during meetings between the employer and the worker, so that the worker always has a very clear overview of what is happening —that is what we must strive for in the future—and that the employer, in turn, is compelled at all times to be completely open with the worker and to discuss all details with him, so that a shared intellectual life permeates the factory and the enterprise. That is what matters. For only when that relationship emerges—on the basis of which the worker says to himself: “Yes, he is just as necessary as I am, for what purpose would my work serve in the social organism if he weren’t there? He puts my work in its proper place”—but the entrepreneur will also be compelled to truly place this work in its proper place and to give the worker his due, for everything will be transparent.
[ 31 ] Da sehen Sie, meine lieben Freunde, wie in das Wirken des Kapitalismus hinein das geistige Leben spielen muß. Und alles andere ist heute eine bloße Rederei, eine bloße Schwarmgeisterei. Ein gesundes Verhältnis zwischen der Arbeit und dem Kapital kann nicht in sozialistisch-bürokratischer Weise herbeigeführt werden, sondern lediglich dadurch, daß durch ein gemeinsames Geistesleben derjenige, der die individuellen Fähigkeiten dazu hat, auf diesem Gebiete, also kapitalistisch, auch wirklich produzieren kann, seine individuellen Fähigkeiten für den gesunden sozialen Organismus fruktifizieren kann und ihm freies Verständnis entgegenkommen wird von demjenigen, der körperlich arbeiten wird. Verständnis wird entstehen können für die Initiative der individuellen Fähigkeiten, die im freien Geistesleben von vornherein sozialisiert sind, die nur heute antisozial wirken, weil wir in unnatürlichen Verhältnissen drinnen sind. Auf der freien Initiative der individuellen Fähigkeiten und auf dem freien Verständnis, das den Leistungen der individuellen Fähigkeiten entgegenkommt, muß die Sozialisierung beruhen; eine andere gibt es nicht. Alles andere ist Kurpfuscherei. Schon aus den Symptomen, die sich im sozialen Organismus zeigen, könnte man die Wahrheit dessen entnehmen, was ich gesagt habe.
[ 31 ] There you see, my dear friends, how spiritual life must play a role in the workings of capitalism. And everything else today is mere rhetoric, mere fanciful idealism. A healthy relationship between labor and capital cannot be brought about in a socialist-bureaucratic manner, but only by means of a shared spiritual life—one in which those who possess the individual abilities to do so can truly produce in this sphere, that is, in a capitalist manner; can put their individual abilities to fruitful use for the healthy social organism; and will be met with free understanding by those who perform physical labor. Understanding will be able to arise for the initiative of individual abilities, which are socialized from the outset in a free intellectual life, but which appear antisocial today only because we are caught up in unnatural conditions. Socialization must be based on the free initiative of individual abilities and on the free understanding that meets the achievements of those individual abilities; there is no other way. Everything else is quackery. One could deduce the truth of what I have said simply from the symptoms manifesting themselves in the social organism.
[ 32 ] Meine lieben Freunde, bedenken Sie, daß es in der Welt zwei Dinge gibt, über deren Wert man im alleralltäglichsten Leben der verschiedensten Ansichten sein kann und ist. Das eine ist ein Stück Brot, das andere ist die Behauptung einer Weltanschauung. Von einem Stück Brot wird jeder behaupten, daß es wahrhaftig dem Menschen entspricht, wenn er Hunger hat; da diskutiert man nicht darüber, sondern man will das Brot haben. Um ein Stück einer Weltanschauung, da wird heute viel gestritten; das findet der eine wahr, der andere falsch. Und wenn sie noch so wahr ist, kann sie sich nicht Geltung verschaffen. Über den Geist kann man streiten; über die Dinge des Wirtschaftslebens kann man nicht streiten. Worauf beruht denn das? — Das beruht nur darauf, daß der Geist wirklich zu einer Ideologie geworden ist, daß er nicht als eine Wirklichkeit wirkt, sondern nur als ein Anhängsel zum Wirtschaftsleben und zum Staatsleben wirkt. Wird er auf sich selber gestellt, ist er dadurch genötigt, seine eigene Wirklichkeit der Welt darzubieten und sich zu offenbaren, dann wird Wirklichkeit aus ihm sprühen. Allerdings wird er dann auch nicht bloß in die müßigen Redereien und Phrasen der Moralpauker hineingehen, nicht bloß in die Reden derjenigen hineingehen, die den Leuten erzählen, ihr sollt gut christlich sein und so weiter, und allerlei Tugenden aufstellen, die aber vor der äußeren materiellen Wirklichkeit stehenbleiben, weil sie nur das als Geist achten, was eben frei ist von der materiellen Wirklichkeit. Die Brücke muß geschlagen werden von dieser abstrakten Form des Geistes zu dem Geiste, der ja nun wirklich auch Geist ist: der zum Beispiel im Kapital wirkt, denn das Kapital organisiert die Arbeit. Aber diese Organisierung muß dann tatsächlich von der geistigen Verwaltung ausgehen.
[ 32 ] My dear friends, consider that there are two things in the world about whose value people can—and do—hold a wide variety of views in the most everyday of circumstances. One is a piece of bread; the other is the assertion of a worldview. Everyone will agree that a piece of bread truly meets a person’s needs when they are hungry; there is no debate about that—one simply wants the bread. But when it comes to a particular worldview, there is much debate today; one person finds it true, another false. And no matter how true it may be, it cannot assert itself. One can argue about the spirit; one cannot argue about the matters of economic life. On what does this rest? — It rests solely on the fact that the spirit has truly become an ideology, that it does not function as a reality, but only as an appendage to economic life and political life. If it is left to its own devices, it is thereby compelled to present its own reality to the world and to reveal itself; then reality will burst forth from it. However, it will then not merely enter into the idle chatter and platitudes of moralists, nor merely into the speeches of those who tell people they should be good Christians and so on, and who set forth all manner of virtues that nevertheless stop short of external material reality, because they regard as spirit only that which is free from material reality. A bridge must be built from this abstract form of the spirit to the spirit that is, in fact, truly spirit: the spirit that operates, for example, in capital, since capital organizes labor. But this organization must then actually stem from spiritual administration.
[ 33 ] So haben Sie auf der einen Seite das Praktische, daß die Geldverwaltung dem Wirtschaftsleben überlassen werden muß, auf der andern Seite, daß die Organisierung der Arbeit durch das Kapital dem Geistesleben unterstellt wird. Da sehen Sie das Zusammenwirken von Dingen, die äußerlich eines sind; denn natürlich wird das Kapital in der Fabrik in Geld repräsentiert. Aber das Verhältnis zwischen Arbeiter und Arbeitgeber, dieses ganze Vertrauensverhältnis, die Tatsache namentlich, daß an einer bestimmten Stelle ein Arbeitgeber steht, das wird von der geistigen Welt heraus organisiert. Was aber eine bestimmte Ware wert ist im Vergleiche zum Geld, das wird vom Wirtschaftsleben aus organisiert; und die Dinge fließen zusammen, wie im menschlichen Organismus die Ergebnisse der drei Systeme zusammenfließen, damit der Organismus gesund ist.
[ 33 ] So, on the one hand, you have the practical reality that the management of money must be left to economic life; on the other hand, the organization of labor by capital is subject to spiritual life. Here you see the interplay of things that outwardly appear to be one and the same; for, of course, capital in the factory is represented by money. But the relationship between worker and employer—this entire relationship of trust, and specifically the fact that an employer occupies a certain position—is organized from within the spiritual world. What a particular commodity is worth in relation to money, however, is organized by economic life; and these elements converge, just as the results of the three systems converge within the human organism to ensure its health.
[ 34 ] So können Sie in die konkreten Dinge hineingehen, in die Dinge des alleralltäglichsten Lebens, und Sie werden sehen, daß dasjenige, auf was hier aufmerksam gemacht wird, wirklich Urgedanken sind, aber reale Urgedanken, die der Gesundung des sozialen Organismus zugrunde liegen müssen.
[ 34 ] In this way, you can delve into the concrete details—the details of everyday life—and you will see that what is being highlighted here are truly fundamental ideas, but real fundamental ideas that must underlie the healing of the social organism.
