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The Social Question as a Question of Consciousness
GA 189

15 March 1919, Dornach

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Siebenter Vortrag

Seventh Lecture

[ 1 ] Wenn Sie jetzt aufmerksam die Zeitentwickelung verfolgen, dann werden Sie finden, daß durch die ganze Menschheit im Grunde genommen ein gewisser Zug geht, der wenig geeignet ist, die Gedanken auf das hinzulenken, was die laut vernehmlichen Tatsachen, die sich in der Welt abspielen, selbst verlangen. Es besteht im allgemeinen eine gewisse Abneigung der Menschen gegen Gedanken, die nicht in altgewohnter Weise laufen. Aber vielleicht niemals lag es so nahe als gerade heute, zu fragen: Wie kommt es, daß die Menschen eigentlich so wenig eingehen wollen auf Gedanken, die sie nicht schon gedacht haben? — Sehen Sie, man erlebt ja heute, ich möchte sagen, durch die ganze Zeitentwickelung gehend, ein Grundphänomen. Ich habe schon öfter aufmerksam darauf gemacht, wie sich dieses Grundphänomen vor Jahren ausgesprochen hat. Man könnte eine nette Sammlung anlegen von Reden europäischer Staatsmänner aus dem Frühling und Frühsommer des Jahres 1914, und man würde in den Ausführungen dieser Reden so ziemlich das gleiche finden, was zum Beispiel in einer Rede des deutschen Reichstages von seiten des Staatssekretärs Jagow dazumal gesagt worden ist. Es lautete ungefähr so: Durch die Bemühungen der europäischen Kabinette ist es gelungen, solche befriedigenden Verhältnisse zwischen den Großmächten Europas herzustellen, daß der Friede für lange Zeiten hinaus in Europa gesichert ist. In verschiedenen Variationen konnte man bei diesen Lebenspraktikern — so nennen sich diese Leute — diese Rede immer wieder und wiederum finden. Das war dazumal. Und wenige Wochen nachher begann jener Weltbrand, der jetzt nur in eine Krisis eingetreten ist. Was erleben wir jetzt anderes innerhalb der Absichten, der Maßnahmen, der so recht der heutigen Zeit angehörigen Menschen? Ich habe in den letzten Tagen einiges mitgemacht von der sogenannten Berner «Völkerbunds-Konferenz». Die Leute haben dort auch Verschiedenes geredet. Unter diesem Verschiedenen war im Grunde genommen alles von demselben Kaliber gegenüber dem, was die vorstehenden Ereignisse sind, wie die Reden der europäischen Staatsmänner vom Frühling und Frühsommer des Jahres 1914. Diese Menschen reden in den altgewohnten Gedankengeleisen. Sie reden dasjenige, was sie seit Jahren zu reden gewohnt sind. Sie haben im Grunde genommen wirklich nichts, aber auch gar nichts aufgenommen von den aus den Tiefen des Weltendaseins heraus sprechenden Lehren der letzten viereinhalb Jahre.

[ 1 ] If you now follow current events closely, you will find that there is, in essence, a certain tendency running through all of humanity that is ill-suited to directing people’s thoughts toward what the clearly evident facts unfolding in the world themselves demand. In general, people have a certain aversion to thoughts that do not follow the familiar patterns of the past. But perhaps never before has it been as natural as it is today to ask: How is it that people are actually so reluctant to engage with thoughts they have not already considered? — You see, what we are experiencing today—and I would say throughout the course of history—is a fundamental phenomenon. I have often drawn attention to how this fundamental phenomenon manifested itself years ago. One could compile a fine collection of speeches by European statesmen from the spring and early summer of 1914, and one would find in the content of these speeches pretty much the same thing that was said, for example, in a speech delivered at the German Reichstag by State Secretary Jagow at that time. It went something like this: “Through the efforts of the European cabinets, it has been possible to establish such satisfactory relations among the great powers of Europe that peace in Europe is secured for a long time to come.” In various variations, one could find this speech time and again among these “practical men”—as these people call themselves. That was back then. And just a few weeks later, that global conflagration began, which has now only entered a crisis phase. What else are we witnessing now in the intentions and actions of people who are so very much of our time? In recent days, I have been following some of the proceedings of the so-called “League of Nations Conference” in Bern. People there also spoke on various topics. Among these various topics, everything was essentially of the same caliber—in relation to the events described above—as the speeches of European statesmen from the spring and early summer of 1914. These people speak along the same old familiar lines of thought. They say what they have been accustomed to saying for years. Essentially, they have taken in nothing—absolutely nothing—from the lessons of the past four and a half years, which speak from the depths of world existence.

[ 2 ] Es ist dies eine Tatsache, auf die gerade der Geisteswissenschafter in intensivstem Maße seine Aufmerksamkeit hinlenken sollte; denn über einen großen Teil des europäischen Kontinents geht diese Trostlosigkeit. Trotz der verschiedenen Variationen erscheint es einem doch immer wieder ganz typisch und nur im Extrem ausgedrückt, wenn aus starken, aber für die heutige Zeit verderblichen Untergründen heraus gerade von einer Weltanschauungsströmung geredet wird, die wegen der Gleichgültigkeit, der Interesselosigkeit der europäischen Bevölkerung in der nächsten Zeit große Aussichten haben wird, Eindruck über Eindruck zu machen, Eroberungen über Eroberungen zu machen. Als ich ein ganz kleiner Knabe noch war — es ist jetzt lange her —, da stand in meinen Religionsbüchern sehr dezidiert ausgedrückt das Folgende, um die Knaben zur Erkenntnis hinzuführen, was der Christus Jesus sei. Da stand: Der Christus Jesus war entweder ein Heuchler oder ein Narr — oder er war das, was er selber sagte, der Sohn des lebendigen Gottes. Da man nicht annehmen darf, daß der Christus ein Heuchler gewesen sei, da man auch nicht annehmen darf, daß er ein Narr gewesen sei, so kann nur das eine möglich sein, daß das wahr ist, was er sagte, daß er der Sohn des lebendigen Gottes sei. — Was so Jahrzehnte vor unserer Zeit in meinem damaligen Religionsbuche stand, ich hörte es neulich in einer Rede, die im Anschlusse an die Berner «Völkerbunds-Konferenz» von dem Grazer Universitätsprofessor Ude in Bern gehalten worden ist! Da konnte man wiederum die Worte hören: Der Jesus war entweder ein Heuchler oder ein Narr, oder er war, was er selber sagte, der Sohn des lebendigen Gottes. «Und da Sie nicht wagen werden» — so rief der Mann in die Menge hinein — «den Christus einen Narren oder einen Heuchler zu nennen, so kann er nur das gewesen sein, was er selber von sich sagte, der Sohn des lebendigen Gottes!» Das wurde alles mit jesuitischem Temperament in die Menge hineingeworfen, und es waren wohl wenige Leute dazumal im Saal, welche die heute einzig und allein bedeutungsvolle Frage gegenüber einer solchen Sache aufwarfen: Ist nicht dieses Sprüchlein durch Jahrhunderte wiederholt worden vor den Gläubigen, und ist nicht trotz dieses Sprüchleins das große Verderben über die Menschheit hereingebrochen? Sollte es heute noch ein Herz und einen Sinn geben, die sich nicht Gedanken darüber machten, wie sinnlos es ist, nach der großen Weltkatastrophe und mitten drinnen die Dinge, die so stark ihre Fruchtlosigkeit bewiesen haben, immer wieder und wiederum in die Menge hineinzuschreien. — Und ich hörte eine andere Rede desselben Grazer Universitätsprofessors über die soziale Frage, und diese Rede war vom Anfange bis zum Ende ohne jeden Hinweis darauf, was eigentlich geschehen soll, was geschehen muß, war lediglich eine Art Verurteilung mancher ja gewiß vorhandener Unsitten, die in der Gegenwart herrschen; allein auch da war nichts gelernt durch die traurigen Ereignisse der letzten viereinhalb Jahre!

[ 2 ] This is a fact to which the humanities scholar, in particular, should devote the most intense attention; for this desolation pervades a large part of the European continent. Despite the various variations, it nevertheless seems, time and again, quite typical—albeit expressed only in the extreme—when, arising from powerful but, for the present age, pernicious undercurrents, there is talk of a particular ideological movement that, due to the indifference and apathy of the European population, will have great prospects in the near future of making one impression after another, one conquest after another. When I was still a very young boy—it has been a long time now—the following was stated very decisively in my religion textbooks to guide the boys toward an understanding of who Jesus Christ was. It read: Jesus Christ was either a hypocrite or a fool—or he was what he himself claimed to be, the Son of the living God. Since one cannot assume that Christ was a hypocrite, nor can one assume that he was a fool, there can only be one possibility: that what he said is true—that he is the Son of the living God. — What was written in my old religion textbook decades before our time, I heard it recently in a speech given in Bern by Professor Ude of the University of Graz following the “League of Nations Conference” in Bern! Once again, one could hear the words: Jesus was either a hypocrite or a fool, or he was, as he himself claimed, the Son of the living God. “And since you will not dare”—the man called out to the crowd—“to call Christ a fool or a hypocrite, he can only have been what he himself claimed to be: the Son of the living God!” All of this was hurled into the crowd with Jesuitical fervor, and there were probably few people in the hall at that time who raised the only truly significant question regarding such a matter: Hasn’t this little saying been repeated for centuries before the faithful, and hasn’t great ruin befallen humanity despite this very saying? Could there still be a heart and a mind today that do not give thought to how senseless it is, after the great global catastrophe and in the midst of it all, to keep shouting into the crowd, over and over again, the very things that have so clearly proven their futility? — And I heard another speech by the same professor at the University of Graz on the social question, and this speech, from beginning to end, contained no indication whatsoever of what should actually happen, what must happen; it was merely a kind of condemnation of certain abuses—which certainly exist—that prevail in the present; yet even there, nothing had been learned from the tragic events of the last four and a half years!

[ 3 ] Es ist dies eigentlich aus dem Grunde ein besseres Beispiel als manche andere, weil unter den Reden, die in Bern gehalten wurden von allen Seiten, die des Grazer Professors Ude weitaus die besten waren; denn sie kamen wenigstens aus einer Weltanschauung heraus, wenn auch aus einer Weltanschauung, die, heute propagiert, gerade gefährlich werden muß. Die anderen entstammten der Ohnmacht, überhaupt sich noch zu irgendeiner Weltanschauung oder Lebensauffassung zu erheben. Immer wieder muß man betonen: die Gedanken der Menschen sind heute stumpf und kurz geworden. Sie sind nicht in der Lage, einzudringen in die Wirklichkeiten. Sie bewegen sich in Illusionen, sie bewegen sich lediglich an der Oberfläche der Dinge. Man kann heute nicht einsehen, was gerade diese Zeit von denjenigen fordert, die ein Wort mitreden wollen bei der so notwendigen Neugestaltung der Dinge.

[ 3 ] This is actually a better example than many others for the following reason: among the speeches delivered in Bern by people from all sides, those by Professor Ude of Graz were by far the best; for they at least stemmed from a worldview—albeit one that, if propagated today, would inevitably prove dangerous. The others stemmed from an inability to even rise to any worldview or philosophy of life at all. One must emphasize time and again: people’s thoughts today have become dull and shallow. They are incapable of penetrating reality. They move within illusions; they move merely on the surface of things. It is impossible today to grasp what this very era demands of those who wish to have a say in the so-necessary reshaping of things.

[ 4 ] Meine lieben Freunde, sagen wir uns das immer wieder und wieder: Wir haben durch die letzten vier Jahrhunderte als europäische Menschheit, mit ihrem amerikanischen Nachwuchs, ein Denken heraufgebracht, welches nur geeignet ist, das Leblose, das Tote zu begreifen. Wir haben ein Denken heraufgebracht, welches ganz und gar hingeordnet ist auf das Mathematisch-Technische. Wir sind unfähig geworden, Gedanken zu richten auf dasjenige, was in der Natur lebt. Wir begreifen nur das Tote. Dasjenige, was wir zu sagen wissen in unserer offiziellen Wissenschaft über den Organismus, das gilt bloß für den toten Organismus, das ist bloß an den Leichen gewonnen. Das aber wird heute, wo man sich in dieses Denken eingewöhnt hat, auch auf den sozialen Organismus angewendet. Das heißt aber nichts anderes, als: daß die Menschheit heute in weiten Kreisen unfähig ist, sich überhaupt Gedanken über den lebendigen sozialen Organismus zu machen. Höchstens finden die Menschen heute, daß diese Gedanken schwierig seien. Welche Gedanken finden die Menschen heute leicht? — Diejenigen, die ihnen durch den Katechismus meinetwillen seit Jahrhunderten eingepaukt worden sind, die in ihren ausgefahrenen Geleisen laufen, oder solche, welche die Kinder derjenigen Gedanken sind, die sich nur auf das Tote des lebendigen Organismus beziehen. Aber auf der anderen Seite ist es aber der Gegenwart nötig, den lebendigen sozialen Organismus zu begreifen.

[ 4 ] My dear friends, let us tell ourselves this again and again: Over the past four centuries, we as the European people—along with our American descendants—have developed a way of thinking that is suited only to understanding the lifeless and the dead. We have developed a way of thinking that is entirely oriented toward the mathematical and the technical. We have become incapable of directing our thoughts toward that which lives in nature. We comprehend only the dead. What we are able to say in our official science about the organism applies only to the dead organism; it has been derived solely from corpses. But today, now that we have become accustomed to this way of thinking, it is also applied to the social organism. This means nothing other than that, in broad circles, humanity today is incapable of even thinking about the living social organism at all. At most, people today find such thoughts difficult. What kinds of thoughts do people find easy today? — Those that have been drummed into them for centuries through catechism, those that run along well-worn tracks, or those that are the offspring of ideas that relate only to the dead aspects of the living organism. But on the other hand, it is necessary for the present age to comprehend the living social organism.

[ 5 ] Gehen wir von einer konkreten Sache aus. Das sozialistische Denken der Gegenwart richtet sich in weitem Umfange — ich habe Ihnen das nach allen Seiten hin charakterisiert — gegen den Kapitalismus. Es fordert der Sozialismus die Vergesellschaftung des gesamten Privatkapitals an Produktionsmitteln. Über diese Sozialisierung wurde ja schon in reichlichem Maße in der, man nennt sie, glaube ich, «Nationalversammlung», in Weimar geredet. Die Art und Weise, wie heute über den Kapitalismus geredet wird, stammt so recht aus dem toten Denken der letzten Jahrhunderte, welches groß geworden ist innerhalb der rein naturwissenschaftlich-materialistischen Weltanschauung. Was liegt denn da eigentlich vor? — Es liegt vor, meine lieben Freunde, daß im Grunde genommen der Kapitalismus zu einem furchtbaren Bedrücker der großen Menschenmasse geworden ist; es liegt vor, daß man wenig wird einwenden können gegen all das, was von seiten der proletarischen Menschenbevölkerung gegen das Bedrückende des Kapitalismus in geistiger, in rechtlicher, in wirtschaftlicher Beziehung gesagt worden ist und weiterhin gesagt wird. Aber welche Konsequenz ziehen sozialistisch gestimmte Denker aus dieser ja unleugbaren Tatsache? — Sie ziehen die Konsequenz: Also muß der Kapitalismus abgeschafft werden, er ist ja ein Bedrücker, er ist etwas Furchtbares, er hat sich als eine Geißel der neueren Menschheit erwiesen, er muß abgeschafft werden. Was erscheint begreiflicher, was erscheint fruchtbarer für gewöhnliche Agitationen — die sich jetzt aber in furchtbaren Tatsachen durch Europa ausleben — als diese Forderung nach der Abschaffung des Kapitalismus. Für denjenigen, der sich nicht an das tote Denken der letzten vier Jahrhunderte allein wendet, sondern der in der Lage ist, sich zu wenden an das lebendige Denken, das wir vor allen Dingen für unsere Geisteswissenschaft brauchen, für den ist diese Rede, man müsse den Kapitalismus abschaffen, weil er ein Bedrücker, eine Geißel ist, geradeso logisch, geradeso durch die Tatsachenlogik begründet, wie wenn jemand sagen würde: Wir atmen fortwährend Sauerstoff ein und die tötende Kohlensäure aus, der Sauerstoff verwandelt sich in uns ja doch in Kohlensäure, warum atmen wir ihn denn erst ein? Er wird ja in uns doch zum todbringenden Gift. Zweifellos wird der Sauerstoff in uns zum todbringenden Gift, aber um des Lebens willen müssen wir ihn einatmen, denn der Lebensprozeß des menschlichen und tierischen Leibes ist nicht denkbar ohne die Sauerstoffatmung. Ebensowenig ist ein soziales Leben denkbar ohne die fortwährende Bildung von Kapital, namentlich ohne die fortwährende Bildung heute von produzierten Produktionsmitteln, und das ist ja im Grunde genommen, in Wirklichkeit das Kapital. Es gibt keinen sozialen Organismus, der nicht angewiesen wäre auf die Mitarbeiterschaft der individuellen menschlichen Fähigkeiten. Würde im weitesten Umkreise begriffen, was der soziale Organismus für Forderungen hat, so würde der Arbeiter sagen: Es handelt sich darum, daß ich Vertrauen habe zu dem Leiter der Unternehmungen; denn ohne daß er die Unternehmungen leitet, kann ich ja meine Arbeit nicht leisten, das ist ja ganz selbstverständlich. Aber wenn es Leiter von Unternehmen gibt, so ist die notwendige Folge, daß sich Kapital ansammelt. Es gibt keine Möglichkeit, der Ansammlung von Kapital zu entgehen. Frägt also ein in einer gewissen Weise es gut meinendes, aber falsch orientiertes sozialistisches Denken danach: Wie vernichtet man den Kapitalismus? — so ist diese Frage gleichbedeutend mit der: Wie vernichtet man den sozialen Organismus überhaupt, wie treiben wir in den Tod des sozialen Lebens hinein?

[ 5 ] Let’s take a specific example. Contemporary socialist thought is, to a large extent—as I have described to you from every angle—directed against capitalism. Socialism calls for the socialization of all private capital in the means of production. This socialization was, after all, discussed at great length in what I believe is called the “National Assembly” in Weimar. The way people talk about capitalism today stems directly from the outdated thinking of the past centuries, which flourished within a purely scientific-materialist worldview. What is actually at stake here? — The fact is, my dear friends, that capitalism has essentially become a terrible oppressor of the masses; the fact is that one can find little to object to in all that has been said—and continues to be said—by the proletarian population against the oppressive nature of capitalism in intellectual, legal, and economic terms. But what conclusion do socialist-minded thinkers draw from this undeniable fact? — They draw the conclusion: Capitalism must therefore be abolished; it is, after all, an oppressor, it is something terrible, it has proven to be a scourge of modern humanity—it must be abolished. What could be more understandable, what could be more fruitful for ordinary agitation—which is now, however, playing out in terrible realities across Europe—than this demand for the abolition of capitalism? For those who do not turn solely to the dead thinking of the last four centuries, but who are able to turn to the living thinking that we need above all for our spiritual science, for them this argument— that capitalism must be abolished because it is an oppressor, a scourge, just as logical, just as grounded in the logic of facts, as if someone were to say: We constantly inhale oxygen and exhale deadly carbon dioxide; since oxygen is transformed into carbon dioxide within us anyway, why do we even inhale it in the first place? It does, after all, become a deadly poison within us. Undoubtedly, oxygen turns into a deadly poison within us, but for the sake of life we must breathe it in, for the life processes of the human and animal body are inconceivable without oxygen respiration. Nor is social life conceivable without the continuous accumulation of capital—namely, without the continuous production today of the means of production—and that, after all, is essentially what capital is. There is no social organism that does not depend on the contribution of individual human abilities. If the demands of the social organism were understood in the broadest sense, the worker would say: The point is that I have confidence in the manager of the enterprise; for without him managing the enterprise, I cannot perform my work—that goes without saying. But if there are managers of enterprises, the necessary consequence is that capital accumulates. There is no way to escape the accumulation of capital. So if a socialist line of thought—which is, in a certain sense, well-meaning but misguided—asks: “How do we destroy capitalism?”—then this question is tantamount to asking: “How do we destroy the social organism altogether? How do we drive social life to its death?”

[ 6 ] Es ist ganz zweifellos für jeden, der die Dinge durchschauen kann, daß bei der allervernünftigsten sozialen Ordnung sich Kapitalien ansammeln, und es ist ebenso zweifellos, daß man nicht darüber nachdenken kann: wie verhindert man die Ansammlung von Kapitalien, wie verhindert man sie im Keime? Wie macht man es, daß keine Kapitalien sich ansammeln? — Aber sehen Sie, diese Gegenüberstellung, die ist den Menschen heute zu schwer. An solche Gedanken möchten die Menschen heute nicht heran. Sie möchten alles leicht haben gerade mit Bezug auf das Denken. Aber die Zeit gestattet nicht, daß wir es uns gerade mit Bezug auf das Denken heute leicht machen. Was nämlich immer vergessen wird, das ist, daß alles Lebendige im Werden ist, daß zum Begreifen alles Lebendigen die Zeit mitgehört, daß das Lebendige einmal so, einmal so ist. Es ist nicht schwierig bei einiger Bedachtsamkeit sich klarzumachen, daß zum Begreifen des Lebendigen in seiner Konkretheit die Zeit gehört. Denn der menschliche Organismus ist ein Lebendiges. Nehmen Sie den menschlichen Organismus — ich will sagen, Ihren Organismus — in der Zeit um halb zwei Uhr herum; Sie sind ja alle fleißige Leute, die nicht lange in der Kantine bleiben, und wenn Sie aus der Kantine kommen und eben gegessen haben, so sind Sie, wenigstens wäre es wünschenswert normal, dann voll gesättigt, Sie haben keinen Hunger. Ihr Organismus ist ganz gewiß ein konkreter, menschlicher Organismus. Sie definieren ihn, indem Sie ihn in seiner Konkretheit um dreiviertel zwei Uhr am Nachmittag nehmen, wenn Sie eben aus der Kantine kommen: ein menschlicher Organismus ist ein Lebewesen, das keinen Hunger hat. Aber um halb ein Uhr, wenn Sie zur Kantine gehen, ist es anders, da haben Sie alle Hunger. Da könnten Sie wiederum definieren: ein menschlicher Organismus ist das, was Hunger hat. — Was da vorliegt, ist, daß Sie das Konkrete, Lebendige in zwei verschiedenen Zeitpunkten anschauen, und daß das, was in zwei verschiedenen Zeitpunkten notwendig ist für das Gedeihen dieses Organismus, gerade entgegengesetzte Zustände sind, daß im Organismus etwas herbeigeführt werden muß, was so verarbeitet wird, daß sein Gegenteil eintritt. So ist es im natürlichen Lebendigen, so ist es aber auch im sozialen Lebendigen, meine lieben Freunde. Man kann im sozialen Lebendigen niemals verhindern, daß als Begleitereignis, als selbstverständliches Begleitereignis des Arbeitens der individuellen menschlichen Fähigkeiten Kapital entstehe, daß das Eigentum, das private Eigentum an Produktionsmitteln sich herausbilde. Wenn jemand sich einem Produktionszweige leitend widmet, und er auch ganz gerecht die erzeugten Produkte teilt mit dem handwerklich Mitarbeitenden, es würde der soziale Organismus gar nicht bestehen können, wenn nicht als Begleiterscheinung Kapital auftreten würde, Kapital, was der einzelne besitzt, ebenso wie er das besitzt, was er für seinen eigenen Gebrauch benötigt, was er so produziert, daß er es eintauschen will für seinen eigenen Gebrauch.

[ 6 ] It is beyond doubt to anyone who can see through things that capital accumulates even under the most rational social order, and it is equally beyond doubt that one cannot help but wonder: How does one prevent the accumulation of capital? How does one nip it in the bud? How does one ensure that no capital accumulates? — But you see, this dilemma is too difficult for people today. People today do not want to grapple with such thoughts. They want everything to be easy, especially when it comes to thinking. But the times do not allow us to take the easy way out, especially when it comes to thinking. For what is always forgotten is that everything living is in a state of becoming, that time is an integral part of understanding everything living, that the living is one way at one moment and another way the next. With a little reflection, it is not difficult to realize that time is essential to understanding the living in its concreteness. For the human organism is a living being. Take the human organism—I mean, your own organism—at around half past one; you are all hardworking people who don’t linger long in the cafeteria, and when you come out of the cafeteria having just eaten, you are—at least, as would be desirable under normal circumstances—fully satiated; you are not hungry. Your organism is most certainly a concrete, human organism. You define it by taking it in its concreteness at a quarter to two in the afternoon, when you’ve just come out of the cafeteria: a human organism is a living being that isn’t hungry. But at half past twelve, when you’re heading to the cafeteria, it’s different—you’re all hungry then. There, you could define it again: a human organism is that which is hungry. — What we have here is that you are observing the concrete, living entity at two different points in time, and that what is necessary for the flourishing of this organism at these two different points in time are precisely opposite states—that something must be brought about within the organism which is processed in such a way that its opposite occurs. This is true of the natural living world, but it is also true of the social living world, my dear friends. In the social living world, one can never prevent capital from arising as a concomitant event—as a natural consequence of the application of individual human abilities—nor can one prevent private ownership of the means of production from developing. If someone devotes himself to managing a branch of production, and he also shares the products created quite fairly with the craftspeople working alongside him, the social organism could not survive at all unless capital were to arise as a concomitant phenomenon—capital that the individual possesses, just as he possesses what he needs for his own use, what he produces in order to exchange it for his own use.

[ 7 ] Aber ebensowenig wie man das Essen verbieten kann — weil man, wenn man gegessen hat, doch wieder hungrig wird —, wie man nachdenken kann, ob man eigentlich nicht essen soll, ebensowenig kann man darüber nachdenken, wie sich überhaupt kein Kapital bilde in irgendeinem Zeitpunkt, sondern man kann nur darüber nachdenken, wie dieses Kapital sich wiederum verwandeln muß in einem anderen Zeitpunkte, was aus ihm werden muß. Sie können nicht, ohne den sozialen Organismus in seiner Lebensfähigkeit zu untergraben, die Kapitalbildung verhindern wollen, Sie können nur wollen, daß das, was sich als Kapital bildet, nichts Schädliches werde innerhalb des gesunden sozialen Organismus.

[ 7 ] But just as one cannot forbid eating—because once one has eaten, one becomes hungry again—and just as one cannot ponder whether one should actually refrain from eating, so too one cannot ponder how capital might not form at all at any given point in time; rather, one can only ponder how this capital must in turn be transformed at another point in time, and what must become of it. You cannot seek to prevent the formation of capital without undermining the vitality of the social organism; you can only seek to ensure that what forms as capital does not become harmful within the healthy social organism.

[ 8 ] Dieses, was in solcher Art gefordert werden muß für die Gesundung des sozialen Organismus, ist nur im dreigliedrigen sozialen Organismus möglich. Denn nur im dreigliedrigen sozialen Organismus kann ebenso wie im menschlichen natürlichen Organismus das eine Glied im entgegengesetzten Sinne arbeiten, als das andere Glied. Es liegt im individuellen Interesse, daß ein Glied ist im sozialen Organismus, in dem die individuellen menschlichen Fähigkeiten zum Ausdrucke kommen; aber es liegt in jedermanns Interesse, daß diese individuellen menschlichen Fähigkeiten nicht im Laufe der Zeit zum Schaden des Organismus sich umgestalten. Innerhalb des wirtschaftlichen Kreislaufes wird sich immer Kapital bilden. Lassen Sie es im wirtschaftlichen Kreislauf drinnen, so führt es zu unbegrenzter Besitzanhäufung. Sie können nicht als ein Wirtschaftliches belassen, was durch die individuellen menschlichen Fähigkeiten als Kapital sich ansammelt — Sie müssen es überleiten in die Rechtssphäre. Denn in dem Augenblicke, wo der Mensch für das von ihm allein oder in Gemeinschaft Erzeugte mehr erwirbt, als er verbraucht, in dem Augenblicke also, wo er Kapital ansammelt, in dem Augenblicke ist sein Besitz wahrhaftig ebensowenig eine Ware, wie die menschliche Arbeitskraft eine Ware ist. Besitz ist ein Recht. Denn Besitz ist nichts anderes, als das ausschließliche Recht, eine Sache — sagen wir, Grund und Boden oder ein Haus oder dergleichen — mit Hinwegweisung aller anderen zu benützen, über irgendeine Sache zu verfügen mit Hinwegweisung aller anderen. Alle anderen Definitionen des Besitzes sind unfruchtbar für das Verstehen des sozialen Organismus. Das heißt, in dem Augenblicke, wo der Mensch Besitz erwirbt, ist der Besitz etwas, was innerhalb des rein politischen Staates, innerhalb des Rechtsstaates zu verwalten ist. Aber der Staat darf das nicht erwerben, sonst würde er selbst Wirtschafter. Er hat es nur überzuleiten in den geistigen Organismus, wo die individuellen Fähigkeiten der Menschen verwaltet werden. Heute wird ein solcher Prozeß nur vollzogen mit den Gütern, die die «schofelsten» für die heutige Zeit sind. Für diese schofelsten Güter gilt das allerdings, was ich jetzt ausgeführt habe. Für die wertvollen Güter gilt es nicht. — Wenn heute einer etwas geistig produziert — sagen wir, ein sehr bedeutendes Gedicht, ein bedeutendes Werk als Schriftsteller, als Künstler —, so kann er ja für dreißig Jahre nach seinem Tode das Erträgnis seinen Nachkommen vererben. Dann geht die Sache als freies Gut nicht auf seine Nachkommen über, sondern auf die allgemeine Menschheit. Man kann dreißig Jahre nach dem Tode einen Schriftsteller in beliebiger Weise nachdrucken. Das entspringt einem ganz gesunden Gedanken; dem Gedanken, daß der Mensch auch das, was er in seinen individuellen Fähigkeiten hat, der Sozietät verdankt. Geradesowenig wie man auf einer einsamen Insel sprechen lernen kann, wie man sprechen nur im Zusammenhang mit den Menschen lernen kann, so hat man seine individuellen Fähigkeiten auch nur innerhalb der Sozietät — gewiß auf Grundlage desjenigen, was im Karma liegt, aber das muß entwickelt werden durch die Sozietät. Man schuldet es in einer gewissen Weise der Sozietät. Es muß wiederum an die Sozietät zurückfallen und man hat es nur eine Zeitlang zu verwalten, weil es für den sozialen Organismus besser ist, wenn man es verwaltet: Man kennt das, was man hervorgebracht hat, selber am besten, man kann es daher zunächst auch am besten verwalten. Diese schofelsten Güter für die heutige Menschheit, nämlich die geistigen, die werden also in einer gewissen Weise unter Berücksichtigung des Zeitbegriffes sozial taxiert.

[ 8 ] What is required in this way for the healing of the social organism is possible only within a threefold social organism. For only within a threefold social organism can one member function in a manner opposite to that of another member, just as in the human natural organism. It is in the individual’s interest that there be a section within the social organism in which individual human abilities can find expression; but it is in everyone’s interest that these individual human abilities do not, over time, transform in a way that harms the organism. Capital will always accumulate within the economic cycle. If you leave it within the economic cycle, it leads to unlimited accumulation of wealth. You cannot leave what accumulates as capital through individual human abilities within the economic sphere—you must transfer it into the legal sphere. For at the moment when a person acquires more from what he has produced—whether alone or in community—than he consumes, that is, at the moment when he accumulates capital, at that very moment his property is truly no more a commodity than human labor power is a commodity. Property is a right. For property is nothing other than the exclusive right to use a thing—say, land or a house or the like—to the exclusion of all others, to dispose of any thing to the exclusion of all others. All other definitions of property are unhelpful for understanding the social organism. That is to say, at the very moment a person acquires property, that property is something to be administered within the purely political state, within the constitutional state. But the state must not acquire it; otherwise, it would itself become an economic manager. It must merely transfer it to the spiritual organism, where people’s individual abilities are managed. Today, such a process is carried out only with the goods that are the “most trivial” for the present age. What I have just explained certainly applies to these most trivial goods. It does not apply to valuable goods. — If someone today produces something of an intellectual nature—say, a very significant poem, a significant work as a writer or artist—then they can, of course, bequeath the proceeds to their descendants for thirty years after their death. After that, the work, as a free good, does not pass to their descendants but to humanity at large. Thirty years after a writer’s death, his works may be reprinted in any manner. This stems from a perfectly sound idea: the idea that human beings owe even their individual abilities to society. Just as one cannot learn to speak on a desert island—since one can only learn to speak in the context of other people—so too does one possess one’s individual abilities only within society—certainly based on what lies in one’s karma, but this must be developed through society. In a certain sense, one owes this to society. It must in turn revert to society, and one is entrusted with managing it only for a time, because it is better for the social organism if one manages it: One knows best what one has produced oneself, and can therefore initially manage it best. These most precious goods for humanity today—namely, the spiritual ones—are thus, in a certain sense, socially valued with due regard for the concept of time.

[ 9 ] Wütend sollen einige kapitalistisch aussehende Zuhörer neulich in Bern geworden sein bei meinem Vortrage — so wurde mir berichtet —, als ich sagte: Warum sollte denn zum Beispiel ein Gesetz unmöglich sein, das den Kapitalbesitzer verpflichtete, so und so viele Jahre nach seinem Tode sein Kapital zur freien Verwaltung einer Korporation, der geistigen Organisation, des geistigen Teiles des sozialen Organismus zuzuweisen? Gewiß, man kann sich verschiedene Arten, ein konkretes Recht festzusetzen, ausdenken. Aber wenn heute die Menschen zurückkommen wollten auf das, was in der alten hebräischen Zeit rechtens war: nach einer bestimmten Zeit die Güterverteilung neu vorzunehmen — so würden die Menschen das heute als etwas Unerhörtes ansehen. Aber was ist die Folge davon, daß die Menschen das für etwas Unerhörtes ansehen? Die Folge davon ist, daß diese Menschheit in den letzten viereinhalb Jahren zehn Millionen Menschen getötet hat, achtzehn Millionen Menschen zu Krüppeln gemacht hat und sich anschickt, weiteres nach dieser Richtung zu tun. — Besonnenheit in solchen Dingen, das ist es denn doch, um was es sich heute vor allen Dingen handelt, meine lieben Freunde. Es ist tatsächlich nichts Unbedeutendes, wenn verlangt wird, daß zum Begreifen des sozialen Organismus der Zeitbegriff herangezogen wird. Man denkt ja den sozialen Organismus ganz zeitlos, wenn man sagt: das oder jenes soll schon im Entstehungszustand, im Status nascens, mit dem Kapital geschehen. Man muß das Kapital entstehen lassen, man muß es auch eine Weile verwaltet sein lassen von denen, welche es haben entstehen lassen; man muß aber wieder die Möglichkeit haben, durch einen gesund, das heißt dreigliedrig funktionierenden sozialen Organismus, es in die wirkliche Allgemeinheit der Menschen übergehen zu lassen.

[ 9 ] I was told that some capitalist-looking members of the audience in Bern recently became angry during my lecture when I said: Why, for example, should it be impossible to have a law that obligates the capital owner to allocate his capital, a certain number of years after his death, to the free administration of a corporation—that is, the spiritual organization, the spiritual part of the social organism? Certainly, one can conceive of various ways to establish a concrete law. But if people today wanted to return to what was lawful in ancient Hebrew times—redistributing property after a certain period of time—people today would regard that as something unheard of. But what is the consequence of people regarding this as something unheard of? The consequence is that, over the past four and a half years, humanity has killed ten million people, maimed eighteen million, and is preparing to do more along these lines. — Prudence in such matters—that, after all, is what matters most of all today, my dear friends. It is indeed no trivial matter when it is demanded that the concept of time be applied to understanding the social organism. People tend to think of the social organism as entirely timeless when they say: this or that should already be done with capital in its nascent state, in its status nascens. One must allow capital to come into being; one must also allow it to be managed for a while by those who brought it into being; but one must again have the possibility, through a healthy—that is, a threefold—social organism, of allowing it to pass into the true community of humanity.

[ 10 ] Sie können nicht sagen: warum sollte denn nicht ein eingliedriger sozialer Organismus das alles auch können. Das glauben nämlich heute noch die Menschen, daß der das auch kann. Es ist aber doch recht schlecht mit der Menschenpsyche gerechnet, wenn man dieses glaubt. Bedenken Sie nur, was es bedeutet — denn man muß mit der menschlichen Seele rechnen —, wenn vor einen Richter ein nah oder ein entfernter Verwandter gestellt wird. Er hat seine besonderen Gefühle als naher oder entfernter Verwandter, aber wenn er zu richten hat, wird er nicht nach diesem Gefühl richten, sondern nach dem Gesetze selbstverständlich. Er wird aus einer anderen Quelle heraus urteilen. Das in umfassender Weise psychologisch durchdacht gibt Ihnen Ausblicke auf die Notwendigkeit, daß die Menschen das, was im sozialen Organismus zusammenfließt, aus drei verschiedenen Richtungen her beurteilen, von drei Quellen her verwalten. Unsere Zeit fordert es nun einmal, daß man sich auf solche Dinge einläßt. Denn unsere Zeit ist die Zeit des Bewußtseinszeitalters. Und dieses Bewußtseinszeitalter will konkrete Ideen für den Menschen als Richtimpulse seines Handelns haben.

[ 10 ] You cannot say: Why shouldn’t a single-member social organism be able to do all of that as well? People still believe today that it can. But believing this shows a rather poor understanding of the human psyche. Just consider what it means—for one must take the human soul into account—when a close or distant relative is brought before a judge. He has his particular feelings as a close or distant relative, but when he has to judge, he will not judge according to those feelings, but according to the law, of course. He will judge from a different source. Thinking this through thoroughly from a psychological perspective gives you insight into the necessity for people to assess what converges within the social organism from three different directions and to manage it from three different sources. Our times simply demand that we engage with such matters. For our times are the times of the Age of Consciousness. And this Age of Consciousness seeks concrete ideas to serve as guiding impulses for human action.

[ 11 ] Viele Menschen fordern heute, man solle sich nicht an den Verstand und das abstrakte Denken halten, denn sie kennen nur das abstrakte Denken, sondern man solle aus dem Gemüte heraus urteilen, man solle sich vor allen Dingen in den Grundsätzen, welche das Leben von Mensch zu Mensch betreffen, an einen gewissen Glauben halten, denn das Denken sei doch nur für die eigentlichen Dinge der Wissenschaft. — Das ist aus dem Grunde eine bedenkliche Rede, weil gerade in unserer Zeit die Menschen gerade für das allerabstrakteste Denken intensiv veranlagt sind. Die Menschen wollen ja nur die geradlinigsten Begriffe festhalten. Und wenn sie sie einmal festgehalten haben, so kleben sie mit ungeheuerer Zähigkeit an diesen geradlinigen Begriffen. Dieses abstrakte Denken ist vorzugsweise das Denken, das zu seinem Organe nur den menschlichen Kopf hat, das am meisten an das physische Organ, an den menschlichen Kopf gebundene Denken. Früher, zur Zeit des atavistischen Hellsehens kam in dieses Denken von der übrigen menschlichen Organisation ein nach dem Geiste gerichtetes Denken hinein. Diese Zeit des atavistischen Hellsehens ist vorüber. Bewußt müssen sich die Menschen nunmehr zu Imaginationen aufschwingen, bewußt das spirituelle Leben erfassen. Denn ohne auf das spirituelle Leben einzugehen, bleiben heute die Gedanken der Menschen leer. Woher rührt das?

[ 11 ] Many people today argue that one should not rely on reason and abstract thought—since they know only abstract thought—but rather judge from the heart; above all, they say, one should adhere to a certain faith when it comes to the principles governing human relationships, since thinking is, after all, reserved only for the actual matters of science. — This is, for that very reason, a troubling statement, because especially in our time, people are intensely predisposed toward the most abstract forms of thinking. People want to hold on to only the most straightforward concepts. And once they have grasped them, they cling to these straightforward concepts with tremendous tenacity. This abstract thinking is, above all, the kind of thinking that has only the human head as its organ—the kind of thinking most closely bound to the physical organ, the human head. In the past, during the era of atavistic clairvoyance, a form of thinking oriented toward the spirit flowed into this mode of thinking from the rest of the human organism. That era of atavistic clairvoyance is over. People must now consciously rise to the level of imagination and consciously grasp spiritual life. For without engaging with spiritual life, people’s thoughts today remain empty. Where does this come from?

[ 12 ] Sie wissen ja aus den Auseinandersetzungen, die wir in der letzten Zeit gepflogen haben, daß das, was heute Kopf ist bei jedem Menschen, eigentlich der übrige Organismus, außer dem Kopfe, aus der früheren Inkarnation ist. Ich habe Ihnen das öfter auseinandergesetzt. Die Formationskräfte des Kopfes, natürlich nicht die physische Substanz, aber die Formationskräfte des menschlichen Hauptes, die ja auch in ihrer Rundung dem Kosmos gleichgebildet sind, gehen hinüber in den Kosmos. Was an Kräften unser Leben durchdauert zwischen Tod und neuer Geburt und in der nächsten Inkarnation zum Kopfe wird — dem sich dann aus dem Leibe der Mutter, befruchter vom Vater, der übrige Organismus angliedert —, das ist der übrige Leib der vorhergehenden Inkarnation. Den Kopf verlieren wir in bezug auf seine Kräfte, indem wir durch den Tod gehen; den übrigen Leib in bezug auf seine Kräfte wandeln wir um zu unserem Haupte, zu unserem Kopf in der nächsten Inkarnation. Die große Masse der heutigen Menschen war in der vorigen Inkarnation so auf die Erde hingestellt, daß sie Verächter waren — wie man es damals meinte, im rechten christlichen Sinne —, Verächter des irdischen Jammertales. Diese Verachtung ist ein Gefühl. Das ist an den übrigen Organismus, nicht an den Kopf gebunden. Aber indem diese Menschen sich heute reinkarnieren, wird dasjenige, was in der vorigen Inkarnation ein scheinbar sehr erhabenes christliches Gefühl war, indem es nunmehr das Organ des Kopfes ausbildet und reinkarniert, in sein Gegenteil umgewandelt, es wird zur Sehnsucht nach der Materie, zur Sehnsucht nach dem materiellen Leben. Die heutigen Menschen sind angelangt an einem Wendepunkt der Entwickelung, von dem man sagen muß: in ihr Haupt ist möglichst wenig hineingekommen aus der früheren Inkarnation. Und gerade deshalb muß etwas Neues in die Menschen hinein, etwas, was jetzige Offenbarung ist, was jetzt aus der geistigen Welt den Menschen neu geoffenbart wird. Heute ist es nicht möglich, sich bloß auf die Evangelien zu berufen. Heute ist es notwendig, auf dasjenige hinzuhören, was heute der Menschheit an Geistigem gesagt wird. Teilnehmen an dem toten Denken, das nicht den lebendigen Organismus begreifen kann, tut zum Beispiel auch die katholische Kirche. Nicht müde wurden gerade die Redner dieser katholischen Kirche jetzt auch wiederum in Bern in dem Bekenntnis zu Christus, dem Sohn des lebendigen Gottes. Aber, meine lieben Freunde, was nützt es, sich zu Christus, dem Sohn des lebendigen Gottes zu bekennen, wenn man diesen Christus nur erfaßt mit einem toten Denken, das heißt, wenn er in den eigenen Gedanken zum toten Ideal wird? Wir haben heute nicht nötig, uns zu berufen auf Christus, den Sohn des lebendigen Gottes, sondern wir haben nötig, uns zu berufen auf Christus, den lebendigen Sohn des Gottes. Das heißt auf den Christus, der jetzt lebendig wirkt, indem er neue Offenbarungen der Menschheit zukommen läßt.

[ 12 ] As you know from the discussions we have had recently, what is today the head in every human being is actually the rest of the organism—excluding the head—from a previous incarnation. I have explained this to you on several occasions. The formative forces of the head—not, of course, the physical substance, but the formative forces of the human head, which, in their roundness, are modeled after the cosmos—pass over into the cosmos. The forces that endure through our life between death and rebirth and become the head in the next incarnation—to which the rest of the organism, formed from the mother’s body and fertilized by the father, is then attached—these are the remaining body parts from the previous incarnation. We lose the head in terms of its forces when we pass through death; we transform the rest of the body, in terms of its forces, into our head in the next incarnation. The vast majority of people today were positioned on Earth in their previous incarnation in such a way that they were despisers—as was understood at the time, in the true Christian sense—of this earthly vale of tears. This contempt is a feeling. It is bound to the rest of the organism, not to the head. But as these people reincarnate today, what was in their previous incarnation an apparently very sublime Christian feeling—now that it forms and reincarnates through the organ of the head—is transformed into its opposite; it becomes a longing for matter, a longing for material life. People today have reached a turning point in their development, about which one must say: as little as possible from the previous incarnation has entered their minds. And precisely for this reason, something new must enter into people—something that is a present-day revelation, something that is now being revealed anew to humanity from the spiritual world. Today it is not possible to rely solely on the Gospels. Today it is necessary to listen to what is being said to humanity in spiritual terms today. The Catholic Church, for example, also participates in this dead way of thinking that cannot comprehend the living organism. The speakers of this Catholic Church, in particular, have not grown weary of professing their faith in Christ, the Son of the living God, even now once again in Bern. But, my dear friends, what good is it to profess faith in Christ, the Son of the living God, if one grasps this Christ only with dead thinking—that is, if he becomes a dead ideal in one’s own thoughts? Today we do not need to call upon Christ, the Son of the living God; rather, we need to call upon Christ, the living Son of God. That is, upon the Christ who is now actively at work, bestowing new revelations upon humanity.

[ 13 ] In diesem Sinne will gerade Geisteswissenschaft dasjenige, was jetzt herein will als neue Offenbarung unmittelbar aus den spirituellen Welten, zum Impuls allen Denkens machen. Das aber würde den Menschen Gedanken geben, die in die Wirklichkeit untertauchen können. Diese Gedanken würden allerdings in vieler Beziehung entgegengesetzt sein denjenigen, die heute die Menschen beherrschen. Sehen Sie, meine lieben Freunde, an die kühnsten Gedanken, die der Wirklichkeit möglichst fremd sind, möchten sich die Menschen heute halten. Und haben sie einen solchen Gedanken, dann klammern sie sich wunderbar daran, merken nicht, welche Wirklichkeiten walten und den Gedanken unter Umständen modifizieren. Ich will Ihnen ein eklatantes Beispiel vorführen.

[ 13 ] In this sense, spiritual science seeks to make that which is now emerging as a new revelation directly from the spiritual worlds the driving force behind all thought. But that would give people thoughts capable of penetrating reality. These thoughts, however, would in many respects be opposed to those that dominate people today. You see, my dear friends, people today tend to cling to the boldest thoughts—those that are as far removed from reality as possible. And once they have such a thought, they cling to it tenaciously, unaware of the realities at work that may, under certain circumstances, modify that thought. I will give you a striking example.

[ 14 ] In Bern drüben redeten, wie die Staatsmänner vom Frühling und Frühsommer 1914 von dem Weltfrieden geredet haben, so jetzt die verschiedenen, wie man sagt «international» denkenden Menschen von dem kommenden Völkerbund. Sie wissen, der Gedanke des Völkerbundes ist entstanden aus dem Kopfe Woodrow Wilsons heraus. In jener Rede vom Januar 1917 hat Wilson diesen Gedanken vom Völkerbund geäußert. Er hat ihn hingestellt als das, was erstrebt werden müsse, damit die Menschen in der Zukunft nicht wiederum zu so furchtbaren, grauenvollen Katastrophen kommen wie diejenigen, in die die Menschen der Gegenwart hineingetrieben worden sind. Er hat das Streben nach diesem Völkerbund als etwas absolut Notwendiges bezeichnet. Er hat zu gleicher Zeit gesagt, und das ist das Wichtige: Die Verwirklichung dieses Völkerbundes ist an eine bestimmte Voraussetzung geknüpft; ohne daß diese Voraussetzung erfüllt werde, könne von der Begründung eines solchen Völkerbundes überhaupt nicht gesprochen werden. Die notwendige Voraussetzung zur Begründung eines solchen Völkerbundes ist aber, daß dieser Krieg ausgehe ohne den Sieg der einen Partei über die andere. Denn niemals könne in einer Welt ein Völkerbund verwirklicht werden, wenn auf der einen Seite ein entscheidender Sieg, auf der anderen Seite eine entscheidende Niederlage sei.

[ 14 ] Over in Bern, just as statesmen spoke of world peace in the spring and early summer of 1914, so now various people—who are said to think “internationally”—are speaking of the coming League of Nations. As you know, the idea of the League of Nations originated in the mind of Woodrow Wilson. In that speech in January 1917, Wilson articulated this idea of the League of Nations. He presented it as something that must be strived for so that people in the future would not again be driven into such terrible, horrific catastrophes as those into which the people of the present have been driven. He described the pursuit of this League of Nations as absolutely necessary. At the same time, he said—and this is the crucial point—that the realization of this League of Nations is contingent upon a specific prerequisite; without this prerequisite being met, there can be no question whatsoever of establishing such a League of Nations. The necessary prerequisite for the establishment of such a League of Nations, however, is that this war end without the victory of one side over the other. For a League of Nations could never be realized in a world where there is a decisive victory on one side and a decisive defeat on the other.

[ 15 ] Nun, das ist die Voraussetzung, ohne die Wilson nicht vom Völkerbund sprechen wollte. Dasjenige, was sich erfüllt hat, ist das genaue Gegenteil von dem, was Wilson als die Voraussetzung zum Völkerbund bezeichnet hat. Dennoch werden die Menschen den Völkerbund heute so, wie Wilson im Januar 1917 über ihn als eine Hypothese gesprochen hat, begründen. Das heißt eben gerade in seinem Denken der Wirklichkeit ganz fernstehen, sich anklammern an einen Gedanken und gar nicht die Möglichkeit haben, mit diesem Gedanken in die Wirklichkeit unterzutauchen, die Wirklichkeit zu erfassen, einzubeschließen in seine Gedanken diese Wirklichkeit. Das aber ist das Allernotwendigste für die Gegenwart. Den Leuten fällt gar nicht ein, daß sie nicht bei ihren Gedanken stehenbleiben dürfen, sondern daß sie vor allen Dingen heute nötig haben, von diesen Gedanken aus in die Wirklichkeit hineinzuschauen.

[ 15 ] Well, that is the prerequisite without which Wilson would not have spoken of the League of Nations. What has come to pass is the exact opposite of what Wilson described as the prerequisite for the League of Nations. Nevertheless, people today will justify the League of Nations in the very way Wilson spoke of it as a hypothesis in January 1917. This means, precisely in his way of thinking, being completely detached from reality, clinging to an idea, and having no possibility whatsoever of immersing oneself in reality with that idea, of grasping reality, or of incorporating that reality into one’s thoughts. But that is what is most essential for the present. It does not even occur to people that they must not remain stuck in their thoughts, but that what they need above all else today is to look into reality from the vantage point of these thoughts.

[ 16 ] Ein Beispiel von einem gutmeinenden Menschen konnte man jetzt wiederum in Bern erleben an dem Pazifisten Schücking. Sehen Sie, die Leute redeten von dem Völkerbund mit all seinen Einrichtungen. Kurioserweise fielen sogar die Worte, daß man, wie die einzelnen Staaten Parlamente haben, so einen Überstaat und Überparlamente anstreben müsse. Schücking sagte zum Beispiel: Ja, da werde eingewendet, daß die verschiedenen Staaten doch Individualitäten seien und sich nicht so einer einheitlichen, zentralistischen, überstaatlichen Leitung fügen werden. Dem widerspreche doch zum Beispiel, was die Nationalversammlung in Weimar tue. Da seien gerade die kleinen Territorialfürstentümer auch Individualitäten, aber es sei doch ein Sinn dafür vorhanden, das Ganze zusammenzufassen. — Es ist ein naheliegender Gedanke, man könnte sagen, ein selbstverständlicher Gedanke für die Abstraktlinge, denn was könnte richtiger sein als das, was man im Kleinen kann mit den vielen kleinen Fürstentümern — sie nämlich zusammenzufassen durch die Nationalversammlung —, nun auch im Großen mit dem Überstaat machen zu können! Wer aber real, konkret denkt, wer gleich mit seinen Gedanken in die Wirklichkeit geht, der sagt: Wodurch ist das möglich geworden in Weimar? Durch die deutsche Revolution! Sonst wäre gar keine Rede gewesen, daß das möglich geworden wäre. Also: laßt erst eine Weltrevolution kommen, dann wird ein Überparlament nach dem Muster der Weimarer Nationalversammlung möglich sein! Das ist der reale Gedanke, der überall an die Wirklichkeiten anknüpft, der sich nicht trennt von der Wirklichkeit, der sich krank fühlen würde, wenn er nicht an die Wirklichkeit anknüpfen würde.

[ 16 ] Another example of a well-meaning person could now be seen in Bern in the person of the pacifist Schücking. You see, people were talking about the League of Nations with all its institutions. Curiously enough, there were even suggestions that, just as individual states have parliaments, we should strive for a supranational state and supranational parliaments. Schücking said, for example: “Yes, it is objected that the various states are, after all, individual entities and will not submit to such a uniform, centralist, supranational leadership. But this is contradicted, for example, by what the National Assembly in Weimar is doing. There, the small territorial principalities are also individual entities, yet there is still a sense of the need to bring the whole together.” — It is an obvious thought—one might say, a self-evident thought for those who think in abstract terms—for what could be more correct than to do on a large scale with the supranational state what can be done on a small scale with the many small principalities—namely, to bring them together through the National Assembly! But anyone who thinks realistically and concretely, anyone whose thoughts immediately turn to reality, will say: How did this become possible in Weimar? Through the German Revolution! Otherwise, there would have been no question of it ever becoming possible. So: let a world revolution come first, and then a supranational parliament modeled on the Weimar National Assembly will be possible! That is the realistic idea—one that is grounded in reality everywhere, that does not detach itself from reality, and that would feel sick if it were not grounded in reality.

[ 17 ] Es ist so schwer, meine lieben Freunde, den Leuten heute klarzumachen, daß eben ein neues Denken notwendig ist, ein ganz neues, wirklichkeitsfreundliches Denken, und daß die Gesundung unserer Zustände von der menschlichen Neigung für dieses wirklichkeitsbefreundete Denken abhängt. Aber in die Wirklichkeit untertauchen kann kein Denken, das nichts wissen will von der geistigen Welt, denn in aller Wirklichkeit lebt eben die geistige Welt. Und wenn man nichts wissen will von der geistigen Welt, dann kann man heute schon am allerwenigsten in die Wirklichkeit untertauchen, und in der Zukunft wird man es erst recht nicht können. Daher ist schon mit eine Hauptfrage für die Gesundung der heutigen Welt die Hinwendung der Menschheit zur geisteswissenschaftlichen Erkenntnis. Das muß natürlich doch die Grundlage bilden — und das könnte die Grundlage bilden, kann leicht die Grundlage bilden. Sagen Sie nicht immer die oberflächlichen, geschwätzigen Worte, es sei schwer, diese Geisteswissenschaft in die Wirklichkeit überzuführen, weil die Menschen Geisteswissenschaft nicht annehmen wollen. Schaffen Sie die staatliche Oberaufsicht über Universitäten, Gymnasien, Volksschulen ab — und in zehn Jahren ist an die Stelle der heutigen, Menschenseelen ertötenden und verderbenden Wissenschaft die Geisteswissenschaft getreten, wenigstens in ihren notwendigen, elementaren Grundlagen! Denn was heute aus dem emanzipierten Drittel des gesunden sozialen Organismus, aus der geistigen Organisation heraus erwachsen kann, das wird anders ausschauen als dasjenige, was überwacht worden ist von jenem Staate, der nur seine Geistlichen ausbilden wollte, das heißt nur eine Staatstheologie duldete, oder der nur seine Juristen ausbilden wollte, daher eben nur seine Staatsjuristen gelten ließ; von der Medizin gar nicht zu reden, wo es blödsinnig und lächerlich ist, daß eine andere Medizin gelten soll drüben und herüben über die Grenzen von Staat zu Staat, daß nicht dasselbe Wissen heilsam sein soll für die Menschen hier und dort und so weiter.

[ 17 ] It is so difficult, my dear friends, to make people today understand that a new way of thinking is necessary—a completely new way of thinking that is in tune with reality—and that the recovery of our circumstances depends on humanity’s inclination toward this reality-oriented way of thinking. But no way of thinking that wants nothing to do with the spiritual world can immerse itself in reality, for the spiritual world is alive in all of reality. And if one wants nothing to do with the spiritual world, then one can least of all immerse oneself in reality today, and in the future one will be even less able to do so. Therefore, one of the key issues for the recovery of today’s world is humanity’s turning toward spiritual scientific knowledge. This must, of course, form the foundation—and it could form the foundation; it can easily form the foundation. Do not keep repeating the superficial, empty words that it is difficult to translate this spiritual science into reality because people do not want to accept spiritual science. Abolish state oversight of universities, high schools, and elementary schools—and in ten years, spiritual science will have taken the place of today’s science, which kills and corrupts human souls, at least in its necessary, elementary foundations! For what can grow today out of the emancipated third of the healthy social organism, out of the spiritual organization, will look different from that which has been supervised by a state that sought only to train its clergy—that is, tolerated only a state theology—or that sought only to train its lawyers, and therefore recognized only its state lawyers; not to mention medicine, where it is absurd and ridiculous that a different form of medicine should be valid on one side of the border and on the other, from state to state, that the same knowledge should not be healing for people here and there, and so on.

[ 18 ] Ich habe Ihnen öfter betont, für das sozialistische Denken ist alles geistige Leben eine Ideologie. Welches ist denn der tiefere Grund, daß alles geistige Leben für das sozialistische Denken der proletarischen Masse heute eine Ideologie ist? — Weil ja alles Wissen getragen werden soll von einem Äußeren, von dem politischen Staate, weil es nur der Schatten des politischen Staates ist! Es ist ja eine Ideologie. Denn soll das geistige Leben nicht Ideologie sein, so muß es aus seinen eigenen Kräften fortwährend seine Wirklichkeit beweisen, das heißt, es muß eben emanzipiert, auf sich selbst gestellt sein. Das geistige Leben hat seine Wirklichkeit fortwährend zu beweisen, darf nicht eine äußere Stütze haben. Nur ein solches geistiges Leben, das keine äußere Stütze hat, das sich lediglich auf die menschlichen Fähigkeiten gestellt sieht, das sich lediglich aus sich selbst verwaltet, wird in gesunder Weise auch seine Zweigströmungen in den Kapitalismus hineinsenden. Denn die Verwaltung durch Kapitalismus ist auch keine andere als die durch menschliche Fähigkeiten. Machen Sie das geistige Leben an seinem Ursprunge gesund, so wird das geistige Leben auch da gesund, wo es in den Kapitalismus einmündet und das Wirtschaftsleben zu leiten hat. So hängen die Dinge zusammen, und mit diesem Zusammenhang muß man sich bekanntmachen. Meiden muß man, meine lieben Freunde, all das Denken der heutigen Abstraktlinge, das wirklichkeitsfremde Denken, das einem auf Schritt und Tritt überall entgegenkommt und das unsere heutigen Zustände hervorgerufen hat, von dem unsere heutigen Zustände die Folge sind. Man sieht es heute nur noch nicht ein.

[ 18 ] I have often emphasized to you that, for socialist thought, all intellectual life is an ideology. What, then, is the deeper reason that all intellectual life is an ideology for the socialist thought of the proletarian masses today? — Because all knowledge is supposed to be supported by an external force—the political state—since it is merely the shadow of the political state! It is, after all, an ideology. For if intellectual life is not to be an ideology, it must continually prove its reality through its own powers; that is to say, it must be emancipated and rely on itself. Intellectual life must continually prove its reality; it must not rely on external support. Only such an intellectual life—one that has no external support, that relies solely on human capabilities, and that governs itself entirely from within—will in a healthy way also send its offshoots into capitalism. For governance through capitalism is nothing other than governance through human capabilities. If you make spiritual life healthy at its source, then spiritual life will also be healthy where it flows into capitalism and is called upon to guide economic life. This is how things are interconnected, and one must familiarize oneself with this connection. My dear friends, we must avoid all the thinking of today’s abstract thinkers—that thinking divorced from reality, which confronts us at every turn and which has brought about our present circumstances, of which our present circumstances are the consequence. People simply do not recognize this yet.

[ 19 ] Heute fragen die Menschen: Wie muß der Überstaat sein? — und sie denken nach, wie der bisherige Staat war; was er getan hat, das soll auch der Überstaat tun. Aber liegt es nicht viel näher, zu fragen, was dieser Staat unterlassen soll? Nachdem die Staaten zur europäischen Katastrophe geführt haben, liegt es viel näher, zu fragen, was sie unterlassen sollen. Unterlassen sollen sie, sich einzumischen in das geistige Leben, unterlassen sollen sie, Wirtschafter zu sein. Beschränken sollen sie sich auf das bloße politische Gebiet. Heute kann man nicht fragen: Wie wird ein Völkerbund begründet? — und sich zum Muster für dieses Begründen nehmen, was die Staaten getan haben oder tun sollen, sondern es ist besser und heute zeitgemäßer zu fragen, was die Staaten unterlassen sollen.

[ 19 ] Today, people ask: What should the supranational state be like? — and they reflect on what the state has been like so far; whatever it has done, the supranational state should do as well. But isn’t it much more natural to ask what this state should refrain from doing? Since the states have led to the European catastrophe, it is much more natural to ask what they should refrain from doing. They should refrain from interfering in intellectual life; they should refrain from acting as economic managers. They should limit themselves to the purely political sphere. Today, one cannot ask, “How is a League of Nations to be established?”—and take as a model for this establishment what the states have done or should do; rather, it is better and more in keeping with the times to ask what the states should refrain from doing.

[ 20 ] Wenig noch sind die Menschen geneigt, auf diese Dinge wirklich einzugehen. Aber das Schicksal der Menschheit unserer Zeit wird davon abhängen, ob man auf diese Dinge eingeht. Ich habe Ihnen heute, ich möchte sagen, einleitungsweise über diese Dinge gesprochen. Ich werde morgen darüber weitersprechen.

[ 20 ] People are still not very inclined to truly engage with these issues. But the fate of humanity in our time will depend on whether we engage with them. Today, I have spoken to you—I would say, by way of introduction—about these issues. I will continue discussing them tomorrow.