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Past and Future Influences on Social Events
GA 190

23 March 1919, Dornach

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Past and Future Influences on Social Events, tr. SOL
  1. Vergangenheits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen

Dritter Vortrag

Third Lecture

[ 1 ] Wir wollen heute auf einige Tatsachen des übersinnlichen Lebens hindeuten, die von einer besonderen Seite her Ihnen belegen können, wie bedeutsam und immer bedeutsamer es wird für die Beurteilung desjenigen, was hier in der physischen Welt geschieht, hinzublicken auf die ja immer mit den physischen Vorgängen auf der Erde verbundenen übersinnlichen, überphysischen Vorgänge. Wir stehen tatsächlich am Ausgange, am Ende eines Zeitalters und am Anfange eines neuen Zeitalters, Sie wissen ja allerdings, daß von jeden Zeitalter dergleichen gesagt wird. Von diesem abgelaufenen und von dem jetzt beginnenden Zeitalter wird man das aber in einem ganz anderen Sinne sagen können als von irgendeinem früheren Zeitalter. Denn wir haben Ereignisse hinter uns, katastrophale Ereignisse, von denen die Menschheit sich immer mehr und mehr bewußt geworden ist, daß sie in dieser Intensität nicht da waren, seit man ein geschichtliches Leben verzeichnet. Das abgelaufene Zeitalter war ein solches, in dem die Menschen hier auf der Erde sich möglichst wenig um die übersinnliche Welt kümmerten. Sie müssen, wenn Sie eine solche Sache ganz ernst nehmen wollen, nur nicht verwechseln dasjenige, was man äußerlichen Kirchen- und Lippendienst nennen könnte mit einem wirklich Hinorientiertsein auf die übersinnliche Welt. Es ist wahrhaftig nicht besonders schwierig zu sehen, daß dasjenige; was die Leute schon seit Jahrhunderten ale eine gewisse Religiosität ansehen, mehr eine äußerliche Sache ist, daß es nicht ein wirkliches Hinorientiertsein auf die übersinnliche Welt ist. Die Menschen haben bis in unsere Tage herein mit einem gewissen Unbekümmertsein um die übersinnliche Welt gelebt. Und der Umschwung der Zeiten fordert heute von der Menschheit ein sich wieder Hinorientieren zu den übersinnlichen Welten. Die Menschen müssen lernen, zu diesen übersinnlichen Welten wiederum hinzublicken, aber in einer anderen Weise, als man sich das heute oftmals vorstellt. Die Menschen möchten bei dem gewöhnlichen bequemen Glauben bleiben, der nicht viel innerliche Anstrengungen kostet. Diejenigen, die bei diesem bequemen Glauben geblieben sind, die sind die größten Feinde des wahren gegenwärtigen Fortschrittes. Die Kirchen, die sich wehren gegen die neuen Wege zur Übersinnlichkeit, die sind in Wahrheit heute schon die Veranlasser, daß immer materialistischere und materialistischere Impulse in die Menschheit hereinkommen. Notwendig ist es heute, in ganz konkreter Art zu lernen, in die übersinnlichen Welten hineinzublicken. Wir stehen in dem Zeitalter, in dem zum Beispiel der große, gewaltige Umschwung sich vollziehen muß, daß die Menschen von Denkautomaten zu wirklich denkenden Menschen werden. Nicht wahr, es ist schrecklich, wenn man so etwas sagt, denn die Menschen der heutigen Zeit halten sich doch selbstverständlich für denkende Menschen, und wenn man von ihnen verlangt, daß sie erst denkende Menschen werden sollen, dann betrachten sie das mehr oder weniger als eine Beleidigung. Aber es ist dennoch so. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts kam immer mehr das über die Menschen, daß sie zu Denkautomaten geworden sind. Die Menschen überlassen sich gewissermaßen heute den Gedanken, sie beherrschen nicht die Gedanken. Denken Sie sich nur einmal, was das bedeuten würde, wenn Ihnen dasselbe passieren würde mit Bezug auf andere Glieder Ihres Organismus, was den meisten Menschen gegenwärtig passiert mit Bezug auf die Denkorgane. Fragen Sie sich, ob der heutige Mensch sehr geneigt sein kann — ich sagt willkürlich mit einem Gedanken abzuschließen? Die Gedanken brodeln heute den Menschen durch den Kopf. Sie können sich ihrer nicht erwehren, sie geben sich ihnen automatisch hin. Da steigt ein Gedanke auf, der andere geht fort, das zuckt und blitzt durch den Kopf, und die Menschen denken so, daß man eigentlich am besten sagen könnte, es denkt in den Menschen. Denken Sie sich, wenn dasselbe den Menschen passieren würde in bezug auf ihre Arme und Beine, wenn sie diese ebensowenig beherrschen würden, wie sie ihr Denken beherrschen. Denken Sie sich, ein Mensch würde sich heute auf den Straßen mit den Armen so benehmen, wie er sich mit dem Denkorgan benimmt! Sie können sich vorstellen, was alles an Gedanken durch den Kopf eines Menschen zuckt, wenn er über die Straße geht, und nun denken Sie sich, er würde fortwährend mit den Händen und Armen fuchteln wie mit sein kann —, willkürlich mit einem Gedanken zu beginnen, seinen Gedanken, oder gar mit den Beinen! Und dennoch, vor dieser Epoche stehen wir, vor welcher die Menschen lernen müssen, ebenso Gewalt zu haben über ihre Gedanken, das heißt, genauer gesprochen, über ihre Denkorgane, wie sie Gewalt haben über ihre Arme und Beine. In dieses Zeitalter tritt der Mensch ein. Eine gewisse innere Disziplin des Denkens ist dasjenige, was Platz greifen soll und wovon die Menschen heute noch recht weit entfernt sind.

[ 1 ] Today we would like to point out a few facts about the supersensible life that, from a particular perspective, can demonstrate to you how significant—and increasingly so—it is for assessing what happens here in the physical world to look toward the supersensible, superphysical processes that are, after all, always connected to the physical processes on Earth. We are indeed standing at the threshold, at the end of one age and at the beginning of a new one—though, as you know, this is said of every age. But regarding this past age and the one now beginning, one will be able to say this in a completely different sense than of any earlier age. For we have experienced events—catastrophic events—of which humanity has become increasingly aware: they have not occurred with such intensity since the beginning of recorded history. The past era was one in which people here on Earth paid as little attention as possible to the supersensible world. If you wish to take such a matter entirely seriously, you must simply not confuse what might be called outward lip service to the church with a genuine orientation toward the supersensible world. It is truly not particularly difficult to see that what people have regarded for centuries as a certain religiosity is more of an outward matter—that it is not a genuine orientation toward the supersensible world. Right up to the present day, people have lived with a certain indifference toward the supersensible world. And the turning point in our times now demands that humanity reorient itself toward the supersensible worlds. People must learn to look toward these supersensible worlds once again, but in a different way than is often imagined today. People would like to cling to their usual, comfortable beliefs, which require little inner effort. Those who have clung to these comfortable beliefs are the greatest enemies of true progress today. The churches that resist the new paths to the supersensible are, in truth, already the driving force behind the influx of increasingly materialistic impulses into humanity. What is necessary today is to learn, in a very concrete way, to look into the supersensible worlds. We are living in an age in which, for example, the great, momentous transformation must take place whereby people go from being “thinking machines” to truly thinking human beings. Isn’t it terrible to say such a thing? After all, people today naturally consider themselves to be thinking human beings, and when one demands that they first become thinking human beings, they regard it more or less as an insult. But it is nevertheless true. Since the middle of the 15th century, people have increasingly become mere “thinking machines.” People today, so to speak, surrender themselves to their thoughts; they do not control their thoughts. Just imagine for a moment what it would mean if the same thing were to happen to you with regard to other parts of your body as is currently happening to most people with regard to their thinking faculties. Ask yourself whether people today are very inclined—I say this arbitrarily—to bring a thought to a close? Thoughts are constantly bubbling through people’s minds today. They cannot resist them; they surrender to them automatically. One thought arises, another fades away; they flicker and flash through the mind, and people think in such a way that one could actually best say: it is the thoughts that think within them. Imagine if the same thing were to happen to people with regard to their arms and legs—if they had as little control over them as they do over their thinking. Just imagine if a person were to behave today on the streets with their arms the way they behave with their thinking organ! You can imagine all the thoughts that flash through a person’s mind as they cross the street, and now imagine if they were constantly waving their hands and arms about as they pleased—starting a thought at random, their own thoughts, or even with their legs! And yet, we stand on the threshold of an era in which people must learn to exercise just as much control over their thoughts—that is, more precisely, over their thinking organs—as they do over their arms and legs. Humanity is entering this age. A certain inner discipline of thought is what must take hold, and from which people today are still quite far removed.

[ 2 ] Wir sind ja seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in den fünften nachatlantischen Zeitraum eingetreten. Bevor dieser abläuft, müssen tatsächlich die Menschen lernen, ihr Denken so zu beherrschen wie ihre Arme und ihre Beine. Dann wird die eigentliche Aufgabe dieses fünften nachatlantischen Zeitraums für diejenigen Menschen erfüllt werden, die das können. Sie sehen, es handelt sich um Ernstes, wenn man dasjenige in Erwägung ziehen will, was gewissermaßen am Horizonte der Menschheitsentwickelung im heutigen Zeitalter heraufzieht. Nun wird aber mit dem, was ich eben angedeutet habe, mit diesem Beherrschen des Denkens etwas wesentlich anderes verknüpft sein. Die Menschen werden, je mehr sie das Denken zu beherrschen beginnen, desto mehr in die Lage kommen, wieder bildlich vorzustellen, Imaginationen zu haben. Und Imaginationen werden gebraucht von den Menschen, denn nur dadurch können sich in die heute vielfach wirkenden antisozialen Triebe die sozialen Triebe hineinentwickeln, daß die Menschen durch Imaginationen die Fähigkeit bekommen, sich so recht in die anderen Menschen, in ihre Mitmenschen hineinzuversetzen. Man kann sich nicht durch das bloße abstrakte Denken in die Mitmenschen hineinversetzen. Das abstrakte Denken macht eigensinnig, das abstrakte Denken bringt den Menschen dazu, bloß auf seine eigenen Meinungen zu hören. Und vor allen Dingen bringt das abstrakte Denken den Menschen dazu, überhaupt sich abzuschließen mehr oder weniger von jener Beweglichkeit, die man braucht, um mit der geistigen Welt leben zu können. Daß man heute nicht leicht mit der geistigen Welt leben kann, das können Sie an einer ganz bestimmten Erscheinung, die heute außerordentlich häufig ist, sehen.

[ 2 ] We have, after all, been in the fifth post-Atlantean epoch since the middle of the 15th century. Before this period comes to an end, people must indeed learn to master their thinking just as they master their arms and legs. Then the true task of this fifth post-Atlantean epoch will be fulfilled for those who are able to do so. You see, this is a serious matter when one considers what is, in a sense, looming on the horizon of human development in the present age. Now, however, what I have just hinted at—this mastery of thought—will be linked to something fundamentally different. The more people begin to master their thinking, the more they will be able to visualize again and have imaginative visions. And people need these imaginative visions, for it is only through them that social impulses can develop within the antisocial impulses that are so prevalent today—by enabling people, through these visions, to truly put themselves in the shoes of others, of their fellow human beings. One cannot empathize with fellow human beings through abstract thinking alone. Abstract thinking makes people stubborn; it leads them to listen only to their own opinions. And above all, abstract thinking causes people to shut themselves off, to a greater or lesser extent, from the flexibility needed to live in harmony with the spiritual world. The fact that it is not easy to live in harmony with the spiritual world today can be seen in a very specific phenomenon that is extraordinarily common today.

[ 3 ] Sehen Sie, es ging zum Beispiel jetzt unser «Aufruf» durch die Welt. Er ist ja von einer Anzahl von Menschen — das ist augenscheinlich — verstanden worden. Überall in der Welt haben sich da oder dort Menschen gefunden, die ihn verstanden haben. Aber eine ganze Anzahl anderer Menschen hat ihn eingestandenermaßen nicht verstehen können. Man kann sich sogar schwer vorstellen, was das heißt, man versteht den Aufruf nicht, denn es steht nichts drinnen, was nicht eigentlich jeder Mensch von vornherein verstehen könnte. Dennoch finden ihn viele unverständlich. Woher kommt dies? Das kommt daher, daß heute die wirkliche Geistesbildung auf einen außerordentlichen Tiefstand gekommen ist, weil die Leute in dem Augenblicke, wo Gedanken an sie anklingen, die ihren Gedankenautomatismus unterbrechen, nicht mehr mitkönnen. Die Menschen sind heute gewöhnt, den einmal in Schwung gekommenen Gedanken automatisch zu folgen. Beobachten Sie nur so recht die typischen Leute der Gegenwart, Sie werden ihnen goldene Dinge erzählen können — wenn dann die Leute selber etwas sagen sollen, rollt wiederum dasjenige ab, was sie seit Kindheit zu sagen gewohnt sind. Neue Gedanken in die Köpfe der Menschen zu setzen, das wird heute außerordentlich schwer. Wer ein klein wenig Lebenserfahrung hat, der weiß in der Regel immer, was man zu dem einen oder zu dem anderen, das heute in der Welt auftritt, von seiten der meisten Leute sagen wird. So automatisch sind die Urteile, so automatisch sind die Gedanken der Menschen geworden. Der Gedankenautomatismus ist dasjenige, was am meisten störend eingreift in das, was heute durch die Entwickelungskräfte von den Menschen gefordert wird. Formeln mögen die Leute gern haben, Eingewöhntes mögen sie gern haben. Je weiter man westwärts kommt, um so mehr hört man, wenn irgendein Satz geprägt ist: Ja, das kann man nicht sagen! — Wie häufig sagen die Leute, wenn irgend etwas Deutsches zum Beispiel ins Holländische oder ins Englische oder ins Französische zu übersetzen ist: Das ist nicht englisch, das ist nicht holländisch, das ist nicht französisch! — Umgekehrt kann man das nicht sagen. Im Deutschen ist alles möglich. Da kann man das Prädikat an den Anfang, in die Mitte, ans Ende setzen — immer ist es deutsch. Man kann den Ausdruck, eine Redeweise sei nicht deutsch, fast gar nicht gebrauchen in dem Sinne, wie man sagt, irgend etwas sei nicht holländisch, nicht englisch, nicht französisch und so weiter. Gewiß, es gibt auch da gewisse Denkgewohnheiten, die sich dann in der Satzfolge ausdrücken; aber man kann ebensogut eine andere Satzfolge gebrauchen, als diejenige, die in der Grammatik steht. Es ist eigentlich in dieser Beziehung nichts falsch, und es ist nur eine Philistrosität, eine Spießerei, wenn vielfach da auch von Falschem und Unrichtigem gesprochen wird. Es drückt sich in der Sprache oftmals der Automatismus des Denkens sehr klar aus. Auf solche Nuancen des Lebens müßten eigentlich die Menschen heute aufmerksam sein, denn solche Nuancen sind zum Verständnis unserer Zeit außerordentlich wichtig. Also indem der Automatismus des Denkens aufhört und die Beweglichkeit des Denkens wieder Platz greift, wird auch die Möglichkeit zu Imaginationen in den Menschenseelen erweckt werden.

[ 3 ] You see, for example, our “Call” has now spread throughout the world. It has, of course, been understood by a number of people—that much is obvious. All over the world, here and there, people have come forward who have understood it. But a whole number of other people have admittedly been unable to understand it. It’s even hard to imagine what it means not to understand the appeal, because there’s nothing in it that every person couldn’t actually understand from the outset. Yet many find it incomprehensible. Why is this? It is because today, true intellectual development has reached an extraordinarily low point, since people can no longer keep up the moment thoughts arise that interrupt their automatic thought patterns. People today are accustomed to automatically following a thought once it has gained momentum. Just observe the typical people of our time closely, and you’ll be able to tell them wonderful things—but when it comes time for them to say something themselves, what rolls off their tongues is what they’ve been accustomed to saying since childhood. Planting new thoughts in people’s minds has become extraordinarily difficult today. Anyone with even a little life experience generally always knows what most people will say about this or that event occurring in the world today. That’s how automatic people’s judgments have become—and how automatic their thoughts have become. This automatic thinking is what most disrupts what is demanded of people today by the forces of evolution. People like to have set phrases; they like what they’re used to. The further west you go, the more often you hear, whenever a certain phrase is used: “Yes, you can’t say that!” — How often do people say, for example, when something German is to be translated into Dutch, English, or French: “That’s not English, that’s not Dutch, that’s not French!” — You can’t say that the other way around. In German, anything is possible. You can put the predicate at the beginning, in the middle, or at the end—it’s always German. You can hardly ever use the expression “that’s not German” in the same sense that you’d say something isn’t Dutch, isn’t English, isn’t French, and so on. Certainly, there are certain habits of thought that are reflected in sentence structure; but one can just as easily use a different sentence structure than the one prescribed by grammar. In this regard, there is actually nothing wrong with it, and it is merely philistinism, narrow-mindedness, even though people often speak of it as wrong or incorrect. The automatism of thought is often expressed very clearly in language. People today should actually be attentive to such nuances of life, for such nuances are extraordinarily important for understanding our time. Thus, as the automatism of thought ceases and the flexibility of thought regains its place, the possibility for imagination will also be awakened in the human soul.

[ 4 ] Es wird nun noch eines bekämpft werden müssen, und das ist die Ungebildetheit unseres Zeitalters. Die Ungebildetheit unseres Zeitalters ist nämlich eine außerordentlich große. Die Menschen verstehen alles mögliche nicht, einfach weil es in ihren Denkautomatismus nicht hineinpaßt. Prediger werden gewöhnlich so allgemein verständlich geFunden, weil sie im Grunde genommen nichts anderes sagen, als was in den Denkautomatismen der Zuhörer unzählige Male abgeschnurrt ist. Die Leute finden das ganz besonders schön, wenn sie so im Inneren denken können: Ach, was der sagt, das habe ich ja auch schon immer innerlich gesagt — habe ich es nicht gesagt? — Wie oft hört man heute gerade diese Redensart und wie treffend findet man dasjenige, von dem man sagen kann: Habe ich das nicht selbst gesagt? — Es ist wohl kaum notwendig, das zu hören, was man schon selbst gesagt hat. Es ist eine ziemliche Verschwendung des Lebens, wenn man sich immer anhören will, was man schon selbst gesagt hat. So bequem hat man es allerdings beim Anhören des Geisteswissenschaftlichen nicht. Die meisten Menschen können sich nicht sagen, daß sie das schon selbst gesagt haben. Und weil es in den Denkautomatismus nicht hineinpaßt, finden es die Leute heute so schwer verständlich. Die ungebildetsten Leute sind heute oftmals gerade in denjenigen Kreisen, wo man sie am wenigsten suchen würde. Die Spezialisierung der Wissenschaft hat es dahin gebracht, daß gerade die Wissenschafter ein bestimmtes Feld beackern. Da bohren sie sich hinein mit ihrem Denkautomatismus, und im übrigen sind sie oftmals die ungebildetsten Leute. Wir haben heute Univer sitätsprofessoren, die eigentlich das Allereinfachste nicht verstehen können, die wirklich die ungebildetsten Leute sind, über deren Ungebildetheit man sich nur deshalb täuscht, weil sie so oftmals sagen: So etwas ist zu wenig populär für das Volk! — Man hört solche Dinge auch auf anderen Gebieten. Wie oft kann man zum Beispiel von Theaterdirektoren unserer Großstädte hören: Man muß Allgemeinverständlicheresgeben, sonst verstehen die Leute nicht. — Meistens liegt dem zugrunde, daß die Theaterdirektoren selbst Besseres nicht verstehen, während die Leute, die ins Theater gehen, eigentlich froh wären, wenn man ihnen etwas anderes bieten würde. Man muß schon ein wenig auf die Untergründe sehen, wenn man unsere Zeit gerade in dem verstehen will, worinnen es notwendig ist, diese Zeit etwas weiterzuführen.

[ 4 ] There is one more thing that must be fought against, and that is the ignorance of our age. For the lack of education in our age is, in fact, extraordinarily great. People do not understand all sorts of things simply because they do not fit into their automatic patterns of thought. Preachers are usually found to be so generally understandable because, when it comes down to it, they say nothing other than what has been repeated countless times in the listeners’ automatic patterns of thought. People find this particularly appealing when they can think to themselves: “Oh, what he’s saying—I’ve always thought that myself—haven’t I said so?” How often do we hear precisely this kind of remark today, and how apt it seems when we can say, “Haven’t I said that myself?” It is hardly necessary to hear what one has already said oneself. It’s quite a waste of life to always want to hear what you’ve already said yourself. However, it’s not quite so comfortable when listening to spiritual science. Most people can’t tell themselves that they’ve already said it themselves. And because it doesn’t fit into their automatic patterns of thought, people today find it so difficult to understand. Today, the most uneducated people are often found precisely in those circles where one would least expect to find them. The specialization of science has led to a situation where scientists, of all people, plow away at a specific field. They burrow into it with their automatic thinking, and yet they are often the most uneducated people of all. Today we have university professors who are actually incapable of understanding the simplest of things, who are truly the most uneducated people—and we are deceived about their lack of education only because they so often say: “Such things are not popular enough for the people!”—One hears such things in other fields as well. How often, for example, do we hear theater directors in our major cities say: “We have to put on plays that are more accessible to the general public, otherwise people won’t understand.” — Most of the time, this stems from the fact that the theater directors themselves don’t understand anything better, while the people who go to the theater would actually be happy if they were offered something different. One really has to look a little deeper into the underlying issues if one wants to understand our time precisely in terms of what is necessary to carry this era forward a bit further.

[ 5 ] Alle diese Dinge sind wichtig für die Gewinnung eines Urteils darüber, was beitragen kann, damit die Menschen zu den für das soziale Leben so notwendigen Imaginationen kommen. Werden allmählich diese Imaginationen in den Menschenseelen auftreten, dann werden diese Menschenseelen in eine Stimmung kommen, welche es unerträglich finden wird, das geistige Leben, Erziehungswesen, Schulwesen, Universitätswesen abhängig zu wissen von der staatlichen Ordnung oder von der Wirtschaftsordnung.

[ 5 ] All of these things are important for forming a judgment about what can help people develop the imaginations that are so necessary for social life. If these imaginations gradually arise in people’s souls, then those souls will enter a state of mind in which they will find it unbearable to know that spiritual life, the education system, the school system, and the university system are dependent on the state order or the economic order.

[ 6 ] Eine Zeit wird kommen, wo die Imaginationen bei den einzelnen Menschen so stark sein werden, daß diese Menschen sich innerhalb eines Geisteslebens, das nach staatlichen oder nach wirtschaftlichen Verhältnissen geordnet ist, fühlen werden wie ein Mensch, der gefesselt und in eine Bahn eingespannt ist, so daß er sich nur in einer Richtung bewegen kann. Die Menschen, welche Imaginationen entwickeln, werden sich in der Bildung gefesselt empfinden, welche vom Staatsund Wirtschaftsleben abhängig ist und heute als das Ideal angesehen wird. Die Entwickelungskräfte der Zeit sind in dieser Beziehung stark sprechend, meine lieben Freunde. Wenn die heutigen Verhältnisse fortgingen, würde nach und nach eine starke Diskrepanz, ein Nichtzusammenstimmen eintreten zwischen dem, was die Menschen fordern durch die äußere Verfassung ihrer Seelen an freiem Geistesleben, und demjenigen, was da sein würde, wenn alle Bildung eingeschnürt wäre in staatliche Verhältnisse. Es sind vielleicht nur karikaturhafte Vorläufer, wenn jetzt in einzelnen Städten Mittel- und Osteuropas die Schulknaben und Schulmädchen die Erzieher und Erzieherinnen herausexpedieren und aus ihren eigenen Reihen die Vorstände wählen, aber es ist eine Stimmung, die nicht zu übersehen ist, die eben dahin geht, abzuwerfen dasjenige, was nicht eine Fortsetzung haben darf. Es ist solch ein Wetterleuchten einer neuen Zeit, das man nicht bloß verurteilen darf, das man schon in seinen Impulsen ein wenig richtig auffassen sollte. Das ist das eine. Die Menschen werden immer mehr und mehr darauf angewiesen sein, ein freies Geistesleben zu haben. Warum? Weil wir im fünften nachatlantischen Zeitalter einer sinnlich-übersinnlichen Einrichtung der Welt entgegengehen, in der diejenigen Geister der höheren Hierarchien, die wir als Angeloi bezeichnen, tiefer heruntersteigen als vorher, in eine viel innigere Gemeinschaft mit den Menschen treten, als das vorher der Fall war. Die Beziehungen zwischen der sinnlichen und der übersinnlichen Welt sollen vom jetzigen Zeitalter an intimer werden. Die Menschen sollen nicht nur den Regen empfangen aus den Wolken, sondern sie sollen von höheren Regionen auch die Eingebungen der immer mehr sich unter die Menschenseelen mischenden Engel wahrnehmen lernen.

[ 6 ] A time will come when people’s imaginations will be so strong that, within a spiritual life organized according to political or economic conditions, they will feel like a person who is bound and confined to a single track, so that they can move only in one direction. People who develop their imaginations will feel constrained by an education system that is dependent on political and economic life and is regarded today as the ideal. The forces of development in our time speak volumes in this regard, my dear friends. If current conditions were to continue, a strong discrepancy—a lack of harmony—would gradually arise between what people demand, based on the outer constitution of their souls, in terms of a free spiritual life, and what would exist if all education were constrained by state conditions. It may be nothing more than a caricatured precursor when, in certain cities of Central and Eastern Europe, schoolboys and schoolgirls are now sending their teachers packing and electing school boards from among their own ranks, but it is a mood that cannot be overlooked—one that is moving precisely toward casting off that which must not be allowed to continue. It is such a flash of lightning heralding a new era that one must not merely condemn it, but should already begin to grasp its impulses correctly. That is one thing. People will become increasingly dependent on having a free spiritual life. Why? Because in the fifth post-Atlantean epoch, we are moving toward a sensory-super-sensory structure of the world in which those spirits of the higher hierarchies—whom we call Angeloi—descend more deeply than before, entering into a much more intimate communion with human beings than was previously the case. The relationship between the sensory and the supersensory worlds is to become more intimate from this age onward. People are not only to receive rain from the clouds, but they are also to learn to perceive, from higher regions, the inspirations of the angels who are increasingly mingling with human souls.

[ 7 ] Dadurch wird das Geistesleben, das befreit wird, in der Tat zu einem solchen, das durch die Gedankenfreiheit aufnehmen wird dasjenige, was als Einflüsse einer übersinnlichen Welt herunterkommt. Ein auf sich selbst gebautes Geistesleben zu begründen, das emanzipiert ist vom Staats- und Wirtschaftsleben, ist nicht ein äußeres Programm, das ist etwas, was im Zusammenhang mit den die Menschheit fortentwikkelnden inneren Kräften des Menschenlebens erlernt werden muß. Deshalb kann man sagen: Wenn man eine solche soziale Orientierung fordert, wie sie durch unsere Dreigliederung angestrebt wird, so fordert man nicht etwas im Sinne eines Programms, sondern etwas, was gefordert wird durch die Offenbarungen der geistigen Welt, die immer deutlicher und deutlicher zu den Menschen sprechen werden, und die zugleich sagen werden, wie die Menschheit in ihr Verderben, in krankhafte Zustände sich hineinlebt, wenn sie dasjenige nicht hören will, was aus übersinnlichen Welten heraus sich zum Heil, zur Gesundung der Menschheit offenbart. Und außer dem, daß sich die Engel in dieser Weise in intimere Gemeinschaft mit den Menschen einlassen — in Mitteldeutschland nennt man dieses Sich-Einlassen von Vornehmeren mit Leuten aus dem Volke «sich gemein machen», also die Engel werden sich gemein machen in der Zukunft —, auch die Erzengel werden dies tun. Das wird noch andere Impulse geben; wenn die auch viel leiser sprechen werden, wenn die sprechen werden wie leise Inspirationen, so werden sie doch kommen, diese Inspirationen. Und diese Inspirationen werden in der Zukunft die innere Substanz der Zukunftsstaaten begründen, die auf der einen Seite aus sich herausgestellt haben das Geistesleben, auf der anderen Seite das Wirtschaftsleben, die also wirkliche, auf sich gestellte Rechtsstaaten sind. Die Staaten, welche zum Beispiel begründet wurden im dritten nachatlantischen, im ägyptisch-chaldäischen Zeitalter, die kann man theokratische nennen, wie man auch den alten hebräischen Staat eine Theokratie nennen kann. Aber diese Theokratien sind allmählich verschwunden. Theokratien sollen aber wiederum auf die Erde kommen. Im irdischen Rechtsleben soll man das Walten der Erzengel fühlen. Wir haben ja gesagt, das Gegenteil vom übersinnlichen Leben des Menschen präge sich gerade im Rechtsleben aus. Aber in dieses Rechtsleben, das so, wie es auf der Erde lebt, das Ungeistigste ist, soll sich die Führung und Leitung der mit dem Menschen wieder intimer werdenden Erzengel, der Archangeloi, mischen.

[ 7 ] As a result, the spiritual life that is liberated will indeed become one that, through freedom of thought, will receive what comes down as influences from a supersensible world. Establishing a spiritual life grounded in itself, one that is emancipated from political and economic life, is not an external program; it is something that must be learned in connection with the inner forces of human life that continue to develop humanity. Therefore, one can say: When one calls for a social orientation such as that sought by our threefold social order, one is not calling for something in the sense of a program, but rather for something demanded by the revelations of the spiritual world, which will speak ever more clearly to humanity and which will at the same time reveal how humanity is leading itself into ruin and pathological states if it refuses to heed what is revealed from the supersensible worlds for the salvation and healing of humanity. And besides the fact that the angels will enter into closer communion with human beings in this way—in Central Germany, this mingling of the nobility with the common people is called “making themselves common,” so the angels will make themselves common in the future—the archangels will do the same. This will provide further impulses; even if they speak much more softly, even if they speak like gentle inspirations, these inspirations will still come. And in the future, these inspirations will form the inner substance of the future states, which have established spiritual life on the one hand and economic life on the other—states that are thus true, self-governing constitutional states. The states that were founded, for example, in the third post-Atlantean, Egyptian-Chaldean era, can be called theocratic, just as the ancient Hebrew state can be called a theocracy. But these theocracies have gradually disappeared. Theocracies, however, are to return to the Earth. In earthly legal life, one should feel the influence of the archangels. We have indeed said that the opposite of a person’s supersensible life is expressed precisely in legal life. But into this legal life—which, as it exists on Earth, is the most unspiritual—the guidance and direction of the archangels, the Archangeloi, who are once again becoming more intimately connected with humanity, is to be woven.

[ 8 ] Und die Zeitgeister werden zu Trägern, zu Verwaltern des wirtschaftlichen Kreislaufes der Menschen, die werden immer mehr und mehr im wirtschaftlichen Leben walten, wenn dieses wirtschaftliche Leben wirklich organisiert sein wird. Ein assoziatives Leben wird es werden. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts hat sich der Hang der Menschen herausgebildet, immer bloß auf die Gütererzeugung zu sehen, auf die Güteranhäufung, auf das Profitieren. Eine Umkehr wird notwendig. In der zukünftigen Zeit, wenn der Wirtschaftskreislauf auf sich selbst gestellt sein wird, wird es viel mehr auf die Güterverteilung unter den Menschen und auf den Güterkonsum ankommen. Assoziationen werden sich bilden, welche nach dem Konsum wiederum die Produktion regeln werden. Wenn man heute noch einen spärlichen Anfang macht mit einer solchen Sache, so wird sie wenig verstanden oder durch andere Impulse heute noch beeinträchtigt.

[ 8 ] And the spirits of the age will become the bearers, the stewards of humanity’s economic cycle; they will play an ever-greater role in economic life once that economic life is truly organized. It will become a life of association. Since the mid-15th century, a tendency has emerged among people to focus solely on the production of goods, the accumulation of wealth, and the pursuit of profit. A reversal is necessary. In the future, when the economic cycle is self-sustaining, the focus will be much more on the distribution of goods among people and on the consumption of goods. Associations will form that will, in turn, regulate production based on consumption. If we make even a modest start on such a project today, it will be little understood or still hindered by other influences.

[ 9 ] Denken Sie doch, wie wir vor einiger Zeit versucht haben, Brot unter die Leute dadurch zu bringen, daß nicht in einer blinden Weise von einer Stelle aus produziert wurde und das dann auf den Markt gebracht wurde, sondern daß wir Konsumenten, die sich rekrutieren sollten aus der Anthroposophischen Gesellschaft, baten, das Brot abzunehmen. Das wäre eine Konsumgenossenschaft gewesen, die auf diese Weise von einer bestimmten Stelle aus versorgt worden wäre. Da wäre an einem Punkte überwunden worden das abstrakte Prinzip von Angebot und Nachfrage. Da wäre auf einem anderen Wege, wie es immer mehr kommen muß, das Prinzip durchgeführt worden, daß produziert wird in dem Maße, als konsumiert werden kann. Dies ist das einzige gesunde Prinzip der Volkswirtschaft. Aber wie gesagt, heute sind solche Dinge noch schwer im Kleinen durchzuführen. Aber angestrebt werden muß das gerade im Wirtschaftsleben. Die Sozialdemokratie spricht das aus mit den Worten: Bisher ist produziert worden, um zu profitieren; künftig muß produziert werden, um zu konsumieren. So aber, wie die Sozialdemokratie dieses Prinzip verwirklichen will, so würde es zu einer Lähmung des wirklichen sozialen Organismus führen. Das Prinzip ist berechtigt, aber es wird heute noch nicht in dem Sinne gedacht, wie es zum Heile des sozialen Organismus verwirklicht werden kann.

[ 9 ] Just think about how, some time ago, we tried to distribute bread to the people—not by producing it blindly at a single location and then putting it on the market, but by asking consumers, who were to be recruited from the Anthroposophical Society, to purchase the bread. That would have been a consumer cooperative supplied in this way from a specific location. In this way, the abstract principle of supply and demand would have been overcome at one point. In another way—as must increasingly be the case—the principle would have been implemented that production occurs only to the extent that consumption is possible. This is the only sound principle of the national economy. But as I said, such things are still difficult to implement on a small scale today. Yet this is precisely what we must strive for in economic life. Social democracy expresses this with the words: “Until now, production has been for the sake of profit; in the future, production must be for the sake of consumption.” However, the way Social Democracy intends to implement this principle would lead to a paralysis of the actual social organism. The principle is valid, but it is not yet conceived today in a way that would allow it to be realized for the benefit of the social organism.

[ 10 ] So scheint heraus aus demjenigen, was uns, ich möchte sagen, von der Zukunft entgegenströmt: erstens die Notwendigkeit des selbständigen Geisteslebens, durch das sich die Angeloi intimer machen mit den Menschen; zweitens das selbständige Staatsleben, durch das sich die Archangeloi intimer machen mit den Menschen; drittens das selbständige Wirtschaftsleben, durch das sich die Archai intimer machen mit den Menschen. So rücken die Entwickelungskräfte der Menschheit heran. Am schnellsten muß das selbständige Geistesleben vorwärtskommen, denn das muß, wenn die Menschheit nicht einem großen Unheil entgegengehen soll, fertig, das heißt selbständig sein am Ende des fünften nachatlantischen Zeitraums. Am Ende des sechsten nachatlantischen Zeitraums muß fertig, selbständig sein eine neue spirituelle Theokratie, und am Ende des siebenten nachatlantischen Zeitraums muß vollständig ausgebildet sein ein wirkliches soziales Gemeinwesen, in dem der einzelne sich unglücklich fühlen würde, wenn nicht alle ganz gleich glücklich wären wie er, wenn der einzelne sein Glück erkaufen müßte mit Entbehrungen von anderen. Von anderen Gesichtspunkten haben wir ja diese Dinge schon öfter berührt.

[ 10 ] Thus, from what is, so to speak, flowing toward us from the future, the following seems to emerge: first, the necessity of an independent spiritual life, through which the angels become more intimately connected with human beings; second, an independent political life, through which the archangels become more intimately connected with human beings; third, an independent economic life, through which the Archai become more intimately connected with human beings. Thus the forces of human development are drawing near. The independent spiritual life must advance most rapidly, for—if humanity is not to face a great calamity—it must be complete, that is, independent, by the end of the fifth post-Atlantean epoch. By the end of the sixth post-Atlantean epoch, a new spiritual theocracy must be complete and independent, and by the end of the seventh post-Atlantean epoch, a true social community must be fully developed—one in which the individual would feel unhappy if not everyone were just as happy as he is, or if the individual had to purchase his own happiness at the cost of others’ deprivation. We have, of course, touched on these matters from other perspectives on numerous occasions.

[ 11 ] Geisteswissenschaftlich muß man hinter dem, was man fordern will für die Entwickelung in der physischen Welt, die übersinnliche Entwickelung sehen. Eben beginnt diejenige Zeit, wo die Menschen das Sinnliche nur richtig ansehen werden, wenn sie das Übersinnliche mit sehen. Vor allen Dingen wird es auch schon für das Verständnis der allernächsten Gegenwart notwendig, daß die Anschauung von den wiederholten Erdenleben nicht bloß in abstracto verstanden, sondern daß sie recht konkret begriffen werde. Wenn man bloß weiß: Der Mensch geht von Inkarnation zu Inkarnation mit dazwischenliegenden Leben in der rein geistigen Welt, so weiß man eben das Abstrakte. Damit sollte man nicht zufrieden sein. Das Wissen von diesem Abstrakten kann einem eine gewisse Befriedigung geben, aber praktisch wird für die Welt erst dasjenige Wissen, das zum Konkreten fortschreitet. Ein solches konkretes Wissen, das zusammenhängt mit den wiederholten Erdenleben, führt zum Beispiel auch dazu, einzusehen, daß ein gewisser Zusammenhang besteht zwischen den Erlebnissen, die Menschen hier auf der Erde gehabt haben, bevor sie durch die Todespforte gegangen sind, und nachtodlichen Erlebnissen. Die Menschen setzen ja eigentlich, nachdem sie durch die Todespforte gegangen sind, in einer gewissen Weise das Leben fort, das sie hier bis zum Tode geführt haben, und dasjenige, was die Menschen auf der Erde durchgemacht haben, das wirkt sehr stark nach, wenn die Menschen durch die Todespforte gegangen sind. Denken Sie sich also recht lebendig: Die Menschen gehen durch die Todespforte, sie bringen in die übersinnliche Welt dasjenige mit, was sie hier mit ihren Seelen vereint haben; das lebt sich dort in einer sehr, sehr realen Weise aus. Das ist nicht gleichgültig, was der Mensch, indem er durch die Todespforte schreitet, in die geistige Welt mit hineinnimmt. Denn dasjenige, was der Mensch durch die Todespforte in die geistige Welt mit hineinnimmt, das wird wichtiges Erlebnis für diejenigen, die kurze Zeit darauf durch die Geburt in das physische Leben heruntersteigen. Es findet eine Art wichtiger, wesentlicher Begegnung statt zwischen denjenigen, die eine Zeitlang vor jener Zeit gestorben sind, und denjenigen, die hinterher geboren werden. Wichtige Erlebnisse haben die Geborenwerdenden mit den kurz vorher Gestorbenen. Gewissermaßen wie die Erde war, bevor diese, die jetzt hinaufkommen, durch die Todespforte gegangen sind, das erfahren nicht, aber erleben diejenigen, die demnächst heruntersteigen wollen. Sie werden auch in einer gewissen Weise vorbereitet für ihr Heruntersteigen durch dasjenige, was die kurz vor diesem Heruntersteigen durch die Todespforte Gehenden in die geistige Welt hinaufbringen.

[ 11 ] From a spiritual scientific perspective, one must see the supersensible development as the foundation for what one seeks to achieve in the physical world. We are just entering an era in which people will only be able to view the sensible world correctly if they also perceive the supersensible. Above all, even for understanding the immediate present, it is already necessary that the concept of repeated earthly lives not merely be understood in the abstract, but that it be grasped in a truly concrete way. If one merely knows that human beings pass from incarnation to incarnation with intervening lives in the purely spiritual world, then one knows only the abstract. One should not be satisfied with that. Knowledge of this abstract concept may provide a certain satisfaction, but only that knowledge which progresses toward the concrete becomes practically relevant to the world. Such concrete knowledge, which is connected to repeated earthly lives, leads, for example, to the realization that there is a certain connection between the experiences people have had here on Earth before passing through the gate of death and their experiences after death. After all, once people have passed through the gate of death, they actually continue, in a certain sense, the life they led here until their death, and what people have gone through on Earth continues to have a very strong effect after they have passed through the gate of death. So imagine this very vividly: People pass through the gate of death, bringing into the spiritual world whatever they have united with their souls here; this plays out there in a very, very real way. It is by no means insignificant what a person takes with them into the spiritual world as they step through the gate of death. For what a person takes with them through the gate of death into the spiritual world becomes an important experience for those who, shortly thereafter, descend into physical life through birth. A kind of significant, essential encounter takes place between those who died some time before that moment and those who are born afterward. Those who are about to be born have significant experiences with those who died shortly before. In a sense, those who are about to descend do not know what the Earth was like before those who are now ascending passed through the gate of death, but they do experience it. They are also, in a certain way, prepared for their descent by what those who passed through the gate of death shortly before this descent brought with them into the spiritual world.

[ 12 ] Wir sind durch ein sehr materialistisches Zeitalter gegangen. Ein großer Teil der Menschheit hat bis 1913 in einer gewissen gedankenlosen Hinnahme der materiellen Interessen diese Welt durch den Tod verlassen. Hineingenommen in die geistige Welt haben die weitaus meisten Menschen bis 1913, 1914 wenig. Da waren Seelen in der geistigen Welt, welche diese Ankömmlinge gesehen haben. Die Seelen, die später, 1914, 1915, 1916, 1917 heruntersteigen sollten, die haben diese Ankömmlinge mit den Seelenresten des materialistischen Zeitalters hinaufkommen sehen. Das hat sich umgewandelt in diesen Seelen in eine furchtbare Sehnsucht.

[ 12 ] We have gone through a very materialistic age. A large portion of humanity left this world through death by 1913, having lived with a certain thoughtless acceptance of material interests. Far more people were taken into the spiritual world by 1913 than by 1914. There were souls in the spiritual world who saw these new arrivals. The souls who were to descend later—in 1914, 1915, 1916, and 1917—saw these new arrivals coming up with the remnants of the materialistic age still clinging to them. This transformed into a terrible longing within those souls.

[ 13 ] Sehen Sie, das ist das Eigentümliche der Kinder, die seit dem Jahre 1912 oder 1913 geboren worden sind, daß sie die Reste in ihrem kindlichen Seelenleben, in ihrem Lächeln, in ihren Tränen, daß sie die Reste in ihrem kindlichen Seelenleben tragen von einer Sehnsucht, die sie durchgemacht haben, bevor sie durch die Geburt in das irdische Dasein heruntergestiegen sind. Und diese Sehnsucht ist in sie verpflanzt worden durch die Menschen, die hinaufgekommen sind. Die haben wenig Geistiges hinaufgebracht. Dieser furchtbare Mangel an Geistigem, den die Menschen hinaufgebracht haben in dieser Zeit in die geistigen Welten, der hat in einer großen Zahl von Kindern, die seit 1914 schon geboren worden sind, oder die in den nächsten Jahren geboren werden, die Sehnsucht hervorgerufen, die Verhältnisse auf der Erde nicht wieder zu finden, die diejenigen verlassen haben, die also hinaufgestiegen sind.

[ 13 ] You see, this is what is peculiar about children born since 1912 or 1913: that in their childlike inner lives, in their smiles, in their tears—that they carry within their childlike inner lives the remnants of a longing they experienced before they descended into earthly existence through birth. And this longing has been implanted in them by the people who have ascended. They brought very little of the spiritual with them. This terrible lack of the spiritual that people have brought with them into the spiritual worlds during this time has caused a great many children—those born since 1914 or who will be born in the coming years—to feel a longing not to find on Earth the conditions that those who have ascended have left behind.

[ 14 ] Auf dem Grunde des Lebens der Gegenwart sah man eine merkwürdige Kraft, die ausging von denen, die geboren werden wollten. Man kann diese Kraft ausdrücken als die Sehnsucht, hinwegzuwischen dasjenige, was sich allmählich an Materialismus auf der Erde angehäuft hat. Natürlich können solche Kräfte, die in einer solchen intensiven Weise nach einer gewissen Richtung hin wirken, da sie in Diskrepanz kommen mit anderen Kräften, von allen möglichen luziferischen und ahrimanischen Mächten in dieser oder jener Richtung benützt werden. Aber denken Sie sich aus dasjenige, was ich eben gesagt habe, und Sie haben einen der hinter den sinnlichen Erscheinungen liegenden Hintergründe: Die Sehnsucht, wegzuwischen die sich immer mehr und mehr vermaterialisierende Zeit. Da haben Sie eine der Kräfte, welche die Vernichtung dieses materialistischer und materialistischer werdenden Zeitalters anstrebt. Man kann sagen: Unter den Mächten, welche hingearbeitet haben in der Menschheitsentwickelung, wenn auch aus einer tiefen Tragik heraus, nach der Vernichtung der ins immer Materiellere hineinschwimmenden Kultur, unter diesen Kräften sind die Sehnsuchten der Kinder, die seit dem Jahre 1913 geboren worden sind. Sie haben nicht erscheinen wollen in einer Welt, die die Fortsetzung darbietet von dem, was seither war.

[ 14 ] At the very foundation of present-day life, one could perceive a remarkable force emanating from those who were about to be born. One can describe this force as the longing to wipe away the materialism that has gradually accumulated on Earth. Of course, such forces, which act so intensely in a certain direction, can be exploited by all manner of Luciferic and Ahrimanic powers in one direction or another, since they come into conflict with other forces. But imagine what I have just said, and you have one of the underlying contexts behind the sensory phenomena: the longing to wipe away an age that is becoming more and more materialistic. There you have one of the forces striving for the destruction of this age, which is becoming ever more materialistic. One might say: Among the forces that have been working—albeit out of a profound tragedy—toward the destruction of a culture drifting ever deeper into materialism in the course of human development, among these forces are the longings of the children born since 1913. They did not want to be born into a world that offers a continuation of what has been since then.

[ 15 ] Das ist die andere Seite der wüsten Zerstörung, welche eingetreten ist, das ist die andere Seite der Aufforderung, zu lernen aus der Betrachtung des Materialismus des abgelaufenen Zeitalters. Das ist der Impuls, der in unsere Sehnsucht nach wirklicher Sozialisierung sich hineinergießen sollte. So müssen wir aus den übersinnlichen Tatsachen unsere Zeit verstehen, müssen uns immer mehr und mehr bestreben, nicht im Sinnlichen stehenzubleiben, sondern zu fragen: Was spielen für übersinnliche Kräfte in das sinnliche Leben herein? — Ein großer Ruf geht von den übersinnlichen Welten durch dieses Zeitalter. Ende der siebziger Jahre fand hinter dieser sinnlichen Welt der Sieg des Michael über diejenigen Mächte statt, die ich Ihnen öfter charakterisiert habe. Fünfunddreißig Jahre durften die Menschen alt werden, bis zum Jahre 1914; in dieser Mitte ihres Lebens mußte die Krisis hereinbrechen. Denn wäre keine Krisis gekommen, so wären selbst diejenigen, die Ende der siebziger Jahre geboren waren und über die Mitte des Lebens hinausgekommen sind, starrer und immer starrer geworden in dem Denkautomatismus, der, weil er ein Automatismus ist, an das physische Leben gebannt ist. Es durften fortan nicht diese Fünfunddreißigjährigen fortwirken in demselben Zustand des Zeitalters. Diejenigen, die seither geboren werden, sie müssen ja auf der einen Seite tragischerweise nach der Vernichtung desjenigen blicken, wohinein sich ihre Väter und ihre Mütter gelebt haben, aber für ihr Gesamtseelenleben ist es so besser. Den anderen aber fehlt, die Notwendigkeit zu verstehen, daß übersinnliche Welten die Umkehr gebieten von alldem, was die Menschen als die moderne Zivilisation angesehen haben, und das Einleben in geistige Welten. Ja, meine lieben Freunde, der Geist ist es, der von uns Verständnis für ein neu anbrechendes Zeitalter fordert. Diejenigen Menschen allein werden etwas beitragen können zur weiteren Entwickelung der Menschheit, die diesen Ruf des Geistes nicht überhören. Lassen wir das in unserem Inneren laut sprechen. Dann allein sind wir in Wirklichkeit in dem drinnenstehend, was die anthroposophische Geistesbewegung sein soll und allein wollen kann.

[ 15 ] This is the other side of the rampant destruction that has taken place; this is the other side of the call to learn from reflecting on the materialism of the past era. This is the impulse that should flow into our longing for true socialization. Thus, we must understand our time through supersensible facts; we must strive more and more not to remain stuck in the sensory realm, but to ask: What supersensible forces are at work in sensory life? — A great call resounds from the supersensible worlds through this age. At the end of the 1870s, behind this sensory world, Michael’s victory took place over those forces I have often described to you. People were allowed to live to the age of thirty-five, up until the year 1914; in the midst of their lives, the crisis had to break out. For if no crisis had come, even those born in the late 1870s who have passed the midpoint of their lives would have become more and more rigid in the automatism of thought which, because it is an automatism, is bound to physical life. From then on, these thirty-five-year-olds were not to continue working in the same state as that of the age. Those born since then must, on the one hand, tragically look upon the destruction of that world into which their fathers and mothers had lived, but for the life of their souls as a whole, it is better this way. The others, however, lack the ability to understand that the supersensible worlds demand a reversal of everything that people have regarded as modern civilization, and an immersion in spiritual worlds. Yes, my dear friends, it is the Spirit that demands of us an understanding of a new age dawning. Only those people who do not ignore this call of the Spirit will be able to contribute to the further development of humanity. Let us allow this to speak loudly within us. Only then are we truly at the heart of what the anthroposophical spiritual movement is meant to be and can aspire to be.

[ 16 ] Davon wollen wir dann nächsten Freitag um sieben Uhr weiter sprechen.

[ 16 ] We'll talk more about that next Friday at seven o'clock.