The Social Question as a
Question of Consciousness
GA 191
10 October 1919, Dornach
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Die soziale Frage als Bewußtseinsfrage
Vierter Vortrag
Vierter Vortrag
[ 1 ] Ich möchte in diesen Tagen hier vor Ihnen einiges entwickeln von dem, was zur Auffassung und zum Handeln innerhalb unserer gegenwärtigen Zivilisation notwendig ist. Es wird kaum schwierig sein, aus den Tatsachen, die ja gewissermaßen heute überall einem entgegenleuchten, sich die Erkenntnis zu verschaffen, daß unsere gegenwärtige Zivilisation Niedergangserscheinungen, Niedergangskräfte in sich enthält, und daß die Notwendigkeit vorhanden ist, gegenüber diesen Niedergangskräften unserer Zivilisation sich zu wenden zu dem, was nötig ist, an neuen Kräften dieser Zivilisation zuzuführen. Wenn wir diese unsere Zivilisation überblicken, dann sehen wir, daß sie hauptsächlich drei Niedergangskräfte in sich enthält, drei Kräfte, welche diese Zivilisation nach und nach zum Fall bringen müssen. Alles dasjenige, was wir schon erlebt haben an betrübenden Erscheinungen im Gang der Menschheitsentwickelung, was wir noch erleben werden — für viele Dinge stehen wir ja erst im Anfange —, das alles sind nur einzelne Symptome für dasjenige, was sich im großen ganzen vollzieht als eine Niedergangserscheinung in unserer Zeit.
[ 1 ] Ich möchte in diesen Tagen hier vor Ihnen einiges entwickeln von dem, was zur Auffassung und zum Handeln innerhalb unserer gegenwärtigen Zivilisation notwendig ist. Es wird kaum schwierig sein, aus den Tatsachen, die ja gewissermaßen heute überall einem entgegenleuchten, sich die Erkenntnis zu verschaffen, daß unsere gegenwärtige Zivilisation Niedergangserscheinungen, Niedergangskräfte in sich enthält, und daß die Notwendigkeit vorhanden ist, gegenüber diesen Niedergangskräften unserer Zivilisation sich zu wenden zu dem, was nötig ist, an neuen Kräften dieser Zivilisation zuzuführen. Wenn wir diese unsere Zivilisation überblicken, dann sehen wir, daß sie hauptsächlich drei Niedergangskräfte in sich enthält, drei Kräfte, welche diese Zivilisation nach und nach zum Fall bringen müssen. Alles dasjenige, was wir schon erlebt haben an betrübenden Erscheinungen im Gang der Menschheitsentwickelung, was wir noch erleben werden — für viele Dinge stehen wir ja erst im Anfange —, das alles sind nur einzelne Symptome für dasjenige, was sich im großen ganzen vollzieht als eine Niedergangserscheinung in unserer Zeit.
[ 2 ] Wenn wir nicht kurzsichtig bloß sehen auf dasjenige, was gerade in der Gegenwart und in unserer Zivilisation der letzten drei bis vier Jahrhunderte sich vollzogen hat, sondern wenn wir umfassender den Gang der Menschheitsentwickelung ins Auge fassen, dann wird es uns auffallen können, daß alte Zeiten als Grundlage der Kultur, als Grundlage auch der alltäglichen Lebenskultur etwas gehabt haben, was wir gegenwärtig eigentlich nur noch zu glauben haben. Diese alten Kulturen, namentlich die heidnische Kultur, hatten einen gewissen wissenschaftlichen Charakter, so daß die Menschen sich bewußt waren, in ihrer Seele lebt etwas nach von dem ganzen Weltenall. Sie brauchen nur daran zu denken, wie lebendig die Vorstellungswelten noch der Griechen waren über das, was hinausgeht über das Alltägliche, was Götter- und Geisterwelt hinter der sinnlichen Welt ist. Und Sie brauchen sich nur daran zu erinnern, wie lebendig in das alltägliche Leben eindrang dasjenige, was diesen Menschen älterer Kulturen einen gewissen Zusammenhang mit einer von ihnen gewußten geistigen Welt gab. Bei allem alltäglichen Handeln haben diese Menschen der alten Kulturen durchaus ein Bewußtsein davon gehabt, in einer Welt zu stehen, die sich nicht erschöpft in der Alltäglichkeit, sondern in die hereinwirken geistige Wesenheiten. Unter dem Antriebe von geistigen Kräften wurde das alltägliche Handeln vollzogen. Insbesondere also, wenn wir zurückblicken in die heidnischen Kulturen, finden wir einen wissenschaftlichen Grundcharakter, von dem wir sagen können: Die Menschen hatten — wir können es so ausdrücken — eine Kosmogonie. Das heißt, sie wußten sich als Glieder des ganzen Weltenalls; sie wußten, daß sie nicht bloß verlorene Wesen sind, die hier auf dem grünen Rasen der Erde wie Lämmer herumgehen, sondern die im Zusammenhange stehen mit dem ganzen weiten Weltenall, und die ihre Bestimmung haben in dem ganzen weiten Weltenall. Eine Kosmogonie hatten die Menschen der alten Zeiten.
[ 2 ] Wenn wir nicht kurzsichtig bloß sehen auf dasjenige, was gerade in der Gegenwart und in unserer Zivilisation der letzten drei bis vier Jahrhunderte sich vollzogen hat, sondern wenn wir umfassender den Gang der Menschheitsentwickelung ins Auge fassen, dann wird es uns auffallen können, daß alte Zeiten als Grundlage der Kultur, als Grundlage auch der alltäglichen Lebenskultur etwas gehabt haben, was wir gegenwärtig eigentlich nur noch zu glauben haben. Diese alten Kulturen, namentlich die heidnische Kultur, hatten einen gewissen wissenschaftlichen Charakter, so daß die Menschen sich bewußt waren, in ihrer Seele lebt etwas nach von dem ganzen Weltenall. Sie brauchen nur daran zu denken, wie lebendig die Vorstellungswelten noch der Griechen waren über das, was hinausgeht über das Alltägliche, was Götter- und Geisterwelt hinter der sinnlichen Welt ist. Und Sie brauchen sich nur daran zu erinnern, wie lebendig in das alltägliche Leben eindrang dasjenige, was diesen Menschen älterer Kulturen einen gewissen Zusammenhang mit einer von ihnen gewußten geistigen Welt gab. Bei allem alltäglichen Handeln haben diese Menschen der alten Kulturen durchaus ein Bewußtsein davon gehabt, in einer Welt zu stehen, die sich nicht erschöpft in der Alltäglichkeit, sondern in die hereinwirken geistige Wesenheiten. Unter dem Antriebe von geistigen Kräften wurde das alltägliche Handeln vollzogen. Insbesondere also, wenn wir zurückblicken in die heidnischen Kulturen, finden wir einen wissenschaftlichen Grundcharakter, von dem wir sagen können: Die Menschen hatten — wir können es so ausdrücken — eine Kosmogonie. Das heißt, sie wußten sich als Glieder des ganzen Weltenalls; sie wußten, daß sie nicht bloß verlorene Wesen sind, die hier auf dem grünen Rasen der Erde wie Lämmer herumgehen, sondern die im Zusammenhange stehen mit dem ganzen weiten Weltenall, und die ihre Bestimmung haben in dem ganzen weiten Weltenall. Eine Kosmogonie hatten die Menschen der alten Zeiten.
[ 3 ] Unsere Zivilisation hat keinen Antrieb, eine Kosmogonie wirklich zu schaffen. Wir haben eigentlich nicht im wahren Sinne des Wortes eine echte wissenschaftliche Vorstellungsart. Wir haben Verzeichnisse von einzelnen Naturtatsachen, und wir haben eine ideelle Begriffsschematik; aber wir haben nicht eine wirkliche Wissenschaft, die uns verbindet mit den geistigen Welten. Wie armselig ist dasjenige, was in unser alltägliches Leben hereingreift von dem, was heute als Wissenschaft gepflegt wird, im Verhältnisse zu dem, wovon sich durchpulst wußte der alte Mensch als von den Kräften der geistigen Welt, wenn er handelte. Er hatte eine Kosmogonie, er wußte sich angegliedert an das ganze Weltenall. Er schaute zu Sonne und Mond und zu den Sternen nicht hinauf als zu fremden Welten, sondern er wußte sich in seinem inneren Wesen verwandt mit Sonne und Mond und den Sternenwelten. Also eine Kosmogonie hatte die alte Zivilisation, und diese Kosmogonie ist unserer Zivilisation verlorengegangen. Der Mensch kann nicht stark sein im Leben, wenn er keine Kosmogonie hat. Das ist das eine, was, ich möchte sagen, als das wissenschaftliche Element unsere Zivilisation zum Niedergange treibt.
[ 3 ] Unsere Zivilisation hat keinen Antrieb, eine Kosmogonie wirklich zu schaffen. Wir haben eigentlich nicht im wahren Sinne des Wortes eine echte wissenschaftliche Vorstellungsart. Wir haben Verzeichnisse von einzelnen Naturtatsachen, und wir haben eine ideelle Begriffsschematik; aber wir haben nicht eine wirkliche Wissenschaft, die uns verbindet mit den geistigen Welten. Wie armselig ist dasjenige, was in unser alltägliches Leben hereingreift von dem, was heute als Wissenschaft gepflegt wird, im Verhältnisse zu dem, wovon sich durchpulst wußte der alte Mensch als von den Kräften der geistigen Welt, wenn er handelte. Er hatte eine Kosmogonie, er wußte sich angegliedert an das ganze Weltenall. Er schaute zu Sonne und Mond und zu den Sternen nicht hinauf als zu fremden Welten, sondern er wußte sich in seinem inneren Wesen verwandt mit Sonne und Mond und den Sternenwelten. Also eine Kosmogonie hatte die alte Zivilisation, und diese Kosmogonie ist unserer Zivilisation verlorengegangen. Der Mensch kann nicht stark sein im Leben, wenn er keine Kosmogonie hat. Das ist das eine, was, ich möchte sagen, als das wissenschaftliche Element unsere Zivilisation zum Niedergange treibt.
[ 4 ] Das zweite Element, das unsere Zivilisation zum Niedergange treibt, ist das, daß kein rechter Impuls für die Freiheit vorhanden ist. Es fehlt unserer Zivilisation die Möglichkeit, in umfassender Art die Freiheit des Lebens zu begründen. Nur wenige Menschen verschaffen sich in der Gegenwart einen wirklichen Begriff, obwohl viele von der Freiheit reden, und noch weniger einen wirklichen inneren Impuls für dasjenige, was Freiheit ist. Daher verfällt allmählich unsere Zivilisation in das, was die Zivilisation unmöglich tragen kann: sie verfällt in Fatalismus. Wir haben entweder einen religiösen Fatalismus, indem sich die Menschen überlassen irgendwelchen religiösen Kräften, in deren Dienst sie sich stellen und von denen sie am liebsten möchten, daß sie sie an Fäden ziehen, wie man Marionetten zieht; oder aber wir haben einen naturwissenschaftlichen Fatalismus. Der naturwissenschaftliche Fatalismus spricht sich ja darinnen aus, daß die Menschen allmählich die Ansicht bekommen haben: Alles verläuft nach Naturnotwendigkeit oder nach wirtschaftlicher Notwendigkeit; es sei für das freie Handeln des Menschen kein Platz da. — Wenn sich die Menschen eingespannt fühlen in die wirtschaftliche oder in die naturwissenschaftliche Welt, so ist das nichts anderes als ein wirklicher Fatalismus. Oder aber wir haben jenen Fatalismus, den die neueren Religionsbekenntnisse heraufgebracht haben, der eigentlich die wirkliche Freiheit ausschließt. Bedenken Sie nur, in wieviel Herzen und Seelen heute das Bewußtsein vorhanden ist, daß sie sich am liebsten überlassen möchten demjenigen, was Christus oder sonst irgendeine geistige Macht mit ihnen tut. Das ist sogar ein Vorwurf, den man sehr häufig der Anthroposophie machen hört, daß die Anthroposophie nicht großen Wert darauf legt, daß die Menschen, wie man sagt, erlöst werden durch den Christus, sondern durch sich selbst. Die Menschen möchten geführt sein, möchten geleitet sein, möchten eigentlich, daß der Fatalismus richtig sei. Und wieviel hat. man reden hören in den letzten Unglücksjahren davon, da oder dort, daß die Leute gesagt haben: Ja, warum hilft der Gott oder der Christus nicht dieser oder jener Volksgemeinschaft? Man müßte doch glauben, daß eine göttliche Gerechtigkeit vorhanden sei. — Die Menschen möchten, daß diese göttliche Gerechtigkeit eben wie ein Fatum verhängt würde. Sie möchten nicht kommen zum wirklichen inneren Durchkraftetsein von dem Impuls der Freiheit. Eine Zivilisation, welche diesen Impuls der Freiheit nicht zu pflegen in der Lage ist, schwächt den Menschen und verurteilt sich zum Niedergang. Das ist das zweite. Der Mangel einer Kosmogonie ist das erste; der Mangel eines richtigen Impulses zur Freiheit, das ist das zweite, was in unserer Zivilisation als Niedergangskräfte enthalten ist.
[ 4 ] Das zweite Element, das unsere Zivilisation zum Niedergange treibt, ist das, daß kein rechter Impuls für die Freiheit vorhanden ist. Es fehlt unserer Zivilisation die Möglichkeit, in umfassender Art die Freiheit des Lebens zu begründen. Nur wenige Menschen verschaffen sich in der Gegenwart einen wirklichen Begriff, obwohl viele von der Freiheit reden, und noch weniger einen wirklichen inneren Impuls für dasjenige, was Freiheit ist. Daher verfällt allmählich unsere Zivilisation in das, was die Zivilisation unmöglich tragen kann: sie verfällt in Fatalismus. Wir haben entweder einen religiösen Fatalismus, indem sich die Menschen überlassen irgendwelchen religiösen Kräften, in deren Dienst sie sich stellen und von denen sie am liebsten möchten, daß sie sie an Fäden ziehen, wie man Marionetten zieht; oder aber wir haben einen naturwissenschaftlichen Fatalismus. Der naturwissenschaftliche Fatalismus spricht sich ja darinnen aus, daß die Menschen allmählich die Ansicht bekommen haben: Alles verläuft nach Naturnotwendigkeit oder nach wirtschaftlicher Notwendigkeit; es sei für das freie Handeln des Menschen kein Platz da. — Wenn sich die Menschen eingespannt fühlen in die wirtschaftliche oder in die naturwissenschaftliche Welt, so ist das nichts anderes als ein wirklicher Fatalismus. Oder aber wir haben jenen Fatalismus, den die neueren Religionsbekenntnisse heraufgebracht haben, der eigentlich die wirkliche Freiheit ausschließt. Bedenken Sie nur, in wieviel Herzen und Seelen heute das Bewußtsein vorhanden ist, daß sie sich am liebsten überlassen möchten demjenigen, was Christus oder sonst irgendeine geistige Macht mit ihnen tut. Das ist sogar ein Vorwurf, den man sehr häufig der Anthroposophie machen hört, daß die Anthroposophie nicht großen Wert darauf legt, daß die Menschen, wie man sagt, erlöst werden durch den Christus, sondern durch sich selbst. Die Menschen möchten geführt sein, möchten geleitet sein, möchten eigentlich, daß der Fatalismus richtig sei. Und wieviel hat. man reden hören in den letzten Unglücksjahren davon, da oder dort, daß die Leute gesagt haben: Ja, warum hilft der Gott oder der Christus nicht dieser oder jener Volksgemeinschaft? Man müßte doch glauben, daß eine göttliche Gerechtigkeit vorhanden sei. — Die Menschen möchten, daß diese göttliche Gerechtigkeit eben wie ein Fatum verhängt würde. Sie möchten nicht kommen zum wirklichen inneren Durchkraftetsein von dem Impuls der Freiheit. Eine Zivilisation, welche diesen Impuls der Freiheit nicht zu pflegen in der Lage ist, schwächt den Menschen und verurteilt sich zum Niedergang. Das ist das zweite. Der Mangel einer Kosmogonie ist das erste; der Mangel eines richtigen Impulses zur Freiheit, das ist das zweite, was in unserer Zivilisation als Niedergangskräfte enthalten ist.
[ 5 ] Und das dritte ist, daß unsere Zivilisation keinen neuen Antrieb hervorzubringen vermag für ein wirkliches religiöses Empfinden und Wollen. Unsere Zivilisation möchte eigentlich nur alte Religionsbekenntnisse weiter pflegen und aufwärmen. Neue religiöse Impulse ins Leben zu setzen, dafür fehlt unserer Zivilisation die Kraft, und es fehlt unserer Zivilisation auch dadurch die Kraft zum wirklichen altruistischen Handeln im Leben. Unsere Zivilisation ist deshalb so egoistisch durchsetzt, weil sie eigentlich keinen starken altruistischen Antrieb enthält. Ein starker altruistischer Antrieb kann nur kommen von einer geistigen Weltanschauung. Nur wenn der Mensch sich weiß als ein Glied der geistigen Welt, hört er auf, sich selbst so furchtbar interessant zu sein, daß ihm das eigene Selbst nur zum Mittelpunkte der ganzen Welt wird; dann hören die egoistischen Antriebe auf, die altruistischen Antriebe beginnen. Unsere Zeit hat aber wenig Neigung, dieses große Interesse zu entwickeln für die geistige Welt. Denn das Interesse muß sich vergrößern, wenn man wirklich sich fühlen will als ein Glied der geistigen Welt.
[ 5 ] Und das dritte ist, daß unsere Zivilisation keinen neuen Antrieb hervorzubringen vermag für ein wirkliches religiöses Empfinden und Wollen. Unsere Zivilisation möchte eigentlich nur alte Religionsbekenntnisse weiter pflegen und aufwärmen. Neue religiöse Impulse ins Leben zu setzen, dafür fehlt unserer Zivilisation die Kraft, und es fehlt unserer Zivilisation auch dadurch die Kraft zum wirklichen altruistischen Handeln im Leben. Unsere Zivilisation ist deshalb so egoistisch durchsetzt, weil sie eigentlich keinen starken altruistischen Antrieb enthält. Ein starker altruistischer Antrieb kann nur kommen von einer geistigen Weltanschauung. Nur wenn der Mensch sich weiß als ein Glied der geistigen Welt, hört er auf, sich selbst so furchtbar interessant zu sein, daß ihm das eigene Selbst nur zum Mittelpunkte der ganzen Welt wird; dann hören die egoistischen Antriebe auf, die altruistischen Antriebe beginnen. Unsere Zeit hat aber wenig Neigung, dieses große Interesse zu entwickeln für die geistige Welt. Denn das Interesse muß sich vergrößern, wenn man wirklich sich fühlen will als ein Glied der geistigen Welt.
[ 6 ] Und so kommt es denn, daß, man möchte sagen, wie hereingeschneit wurden in unsere Zivilisation die Impulse der Reinkarnation und des Karma. Aber wie wurden die Impulse der Reinkarnation und des Karma aufgefaßt? Selbst von denjenigen, die sich zuwandten diesen Ideen von Reinkarnation und Karma, wurden diese Ideen im Grunde genommen in sehr egoistischem Sinne aufgefaßt. Es wurde zum Beispiel gesagt, der Mensch habe sein Schicksal verdient in einem bestimmten Leben. Man hat sogar hören können von sonst intelligenten Leuten, daß die Ideen von Reinkarnation und Karma an sich schon eine Beantwortung seien für die Frage nach dem Vorhandensein des menschlichen Leides; die soziale Frage habe im Grunde genommen keine Berechtigung. So haben manche, sonst intelligente Leute gesagt, der Arme habe sich das eben in seiner früheren Inkarnation verdient und er habe nur dasjenige in seiner jetzigen Inkarnation auszuleben, was er sich in seiner früheren Inkarnation verdient hat. Sogar die Ideen von Reinkarnation und Karma sind nicht imstande, in unsere Zivilisation hereinzuwirken so, daß sie einen Antrieb bilden zum altruistischen Empfinden. Es handelt sich ja nicht bloß darum, daß wir solche Ideen wie Reinkarnation und Karma in unsere Zeit hereinbringen, sondern es handelt sich darum, wie wir sie hereinbringen. Wenn sie nur ein Antrieb zum Egoismus werden, dann heben sie unsere Kultur nicht, dann drängen sie unsere Kultur erst recht hinunter. Auf der anderen Seite werden ja Reinkarnation und Karma zu unethischen Ideen, zu antiethischen Ideen, wenn viele Menschen sagen: Ich muß ein guter Mensch werden, damit meine nächste Inkarnation eine gute ist. — Aus diesem Antrieb, ein guter Mensch zu werden, damit man in der nächsten Inkarnation möglichst Sympathisches erlebt, aus diesem Antrieb handeln ist Doppelegoismus, ist nicht bloß einfacher Egoismus. Aber dieser Doppelegoismus, der kam für viele Menschen aus den Ideen von Reinkarnation und Karma. So daß man sagen kann: Unsere Zivilisation hat so wenig altruistischreligiösen Impuls, daß es ihr unmöglich ist, selbst solche Ideen wie Reinkarnation und Karma in dem Sinne aufzufassen, daß sie Antriebe werden zu altruistischem und nicht zu egoistischem Handeln und Empfinden.
[ 6 ] Und so kommt es denn, daß, man möchte sagen, wie hereingeschneit wurden in unsere Zivilisation die Impulse der Reinkarnation und des Karma. Aber wie wurden die Impulse der Reinkarnation und des Karma aufgefaßt? Selbst von denjenigen, die sich zuwandten diesen Ideen von Reinkarnation und Karma, wurden diese Ideen im Grunde genommen in sehr egoistischem Sinne aufgefaßt. Es wurde zum Beispiel gesagt, der Mensch habe sein Schicksal verdient in einem bestimmten Leben. Man hat sogar hören können von sonst intelligenten Leuten, daß die Ideen von Reinkarnation und Karma an sich schon eine Beantwortung seien für die Frage nach dem Vorhandensein des menschlichen Leides; die soziale Frage habe im Grunde genommen keine Berechtigung. So haben manche, sonst intelligente Leute gesagt, der Arme habe sich das eben in seiner früheren Inkarnation verdient und er habe nur dasjenige in seiner jetzigen Inkarnation auszuleben, was er sich in seiner früheren Inkarnation verdient hat. Sogar die Ideen von Reinkarnation und Karma sind nicht imstande, in unsere Zivilisation hereinzuwirken so, daß sie einen Antrieb bilden zum altruistischen Empfinden. Es handelt sich ja nicht bloß darum, daß wir solche Ideen wie Reinkarnation und Karma in unsere Zeit hereinbringen, sondern es handelt sich darum, wie wir sie hereinbringen. Wenn sie nur ein Antrieb zum Egoismus werden, dann heben sie unsere Kultur nicht, dann drängen sie unsere Kultur erst recht hinunter. Auf der anderen Seite werden ja Reinkarnation und Karma zu unethischen Ideen, zu antiethischen Ideen, wenn viele Menschen sagen: Ich muß ein guter Mensch werden, damit meine nächste Inkarnation eine gute ist. — Aus diesem Antrieb, ein guter Mensch zu werden, damit man in der nächsten Inkarnation möglichst Sympathisches erlebt, aus diesem Antrieb handeln ist Doppelegoismus, ist nicht bloß einfacher Egoismus. Aber dieser Doppelegoismus, der kam für viele Menschen aus den Ideen von Reinkarnation und Karma. So daß man sagen kann: Unsere Zivilisation hat so wenig altruistischreligiösen Impuls, daß es ihr unmöglich ist, selbst solche Ideen wie Reinkarnation und Karma in dem Sinne aufzufassen, daß sie Antriebe werden zu altruistischem und nicht zu egoistischem Handeln und Empfinden.
[ 7 ] Diese drei Dinge sind es also, welche Niedergangskräfte in unserer Kultur sind: der Mangel an einer Kosmogonie, der Mangel einer richtigen Begründung der Freiheit, der Mangel an einem altruistischen Empfinden. Und sehen Sie, wo keine Kosmogonie ist, ist keine wirkliche Wissenschaft, da ist kein wirkliches Wissen, da wird das Wissen zuletzt zu einer Art Weltenspielerei oder Zivilisationsspielerei, was es in unserer Zeit vielfach ist, insofern es nicht ist ein bloßes Nützlichkeitsmoment in der äußeren Kultur, in der äußeren technischen Kultur. Die Freiheit wird in unserer Zeit vielfach zu einer bloßen Phrase, weil eine durchgreifende Begründung der Freiheit und Ausbreitung des Freiheitsimpulses nicht die Kraft unserer Zivilisation ist. Ebensowenig haben wir auf ökonomischem Gebiete die Möglichkeit, wirklich im sozialen Sinne vorwärtszukommen, weil unsere Zivilisation keinen altruistischen Antrieb enthält, sondern nur egoistische, das heißt antisoziale Antriebe, und man mit den antisozialen Antrieben nicht sozialisieren kann. Denn sozialisieren heißt, so eine Struktur der Gesellschaft herbeiführen, daß der eine Mensch für den anderen handelt. Man soll sich aber nur vorstellen, daß in unserer Zivilisation der eine Mensch für den anderen handeln soll! Die ganze gesellschaftliche Ordnung ist ja so eingerichtet, daß jeder nur für sich handeln kann. Alle unsere Einrichtungen sind ja so.
[ 7 ] Diese drei Dinge sind es also, welche Niedergangskräfte in unserer Kultur sind: der Mangel an einer Kosmogonie, der Mangel einer richtigen Begründung der Freiheit, der Mangel an einem altruistischen Empfinden. Und sehen Sie, wo keine Kosmogonie ist, ist keine wirkliche Wissenschaft, da ist kein wirkliches Wissen, da wird das Wissen zuletzt zu einer Art Weltenspielerei oder Zivilisationsspielerei, was es in unserer Zeit vielfach ist, insofern es nicht ist ein bloßes Nützlichkeitsmoment in der äußeren Kultur, in der äußeren technischen Kultur. Die Freiheit wird in unserer Zeit vielfach zu einer bloßen Phrase, weil eine durchgreifende Begründung der Freiheit und Ausbreitung des Freiheitsimpulses nicht die Kraft unserer Zivilisation ist. Ebensowenig haben wir auf ökonomischem Gebiete die Möglichkeit, wirklich im sozialen Sinne vorwärtszukommen, weil unsere Zivilisation keinen altruistischen Antrieb enthält, sondern nur egoistische, das heißt antisoziale Antriebe, und man mit den antisozialen Antrieben nicht sozialisieren kann. Denn sozialisieren heißt, so eine Struktur der Gesellschaft herbeiführen, daß der eine Mensch für den anderen handelt. Man soll sich aber nur vorstellen, daß in unserer Zivilisation der eine Mensch für den anderen handeln soll! Die ganze gesellschaftliche Ordnung ist ja so eingerichtet, daß jeder nur für sich handeln kann. Alle unsere Einrichtungen sind ja so.
[ 8 ] So entsteht die Frage: Wie können wir hinauskommen über diese Niedergangserscheinungen unserer Zivilisation? — Überkleistern kann man dasjenige, was Niedergangserscheinung in unserer Zivilisation ist, nicht. Dem Gesagten gegenüber handelt es sich darum, daß man es unbefangen und rückhaltlos ins Auge faßt, daß man sich keinen Illusionen hingibt. Man muß sich sagen: Es ist da, was an Niedergangskräften sich zeigt, und man muß nicht glauben, man könne es irgendwie korrigieren oder dergleichen; sondern es sind starke Niedergangskräfte da, die sich so charakterisieren lassen, wie wir das eben ausgesprochen haben. Dagegen handelt es sich darum, sich nun zu wenden zu dem, woraus Kräfte zum Aufstieg zu gewinnen sind. Das kann man nicht durch Theorien; es können in der heutigen Zeit die Menschen die allerschönsten Theorien erfinden, die allerschönsten Grundsätze haben — mit bloßen Theorien ist nichts anzufangen. Etwas anzufangen im Leben ist nur mit den Kräften, die wirklich auf dieser Erde vorhanden sind, die man aufrufen muß. Wäre unsere Zivilisation durch und durch so, wie ich sie geschildert habe, dann könnten wir nichts anderes tun, als uns sagen: Diese Zivilisation müssen wir zugrunde gehen lassen und an dem Zugrundegehen teilnehmen. Denn jeder Versuch einer Korrektur dieser Erscheinung aus irgendwelchen bloßen Ideen oder Vorstellungen heraus ist ein Unding.
[ 8 ] So entsteht die Frage: Wie können wir hinauskommen über diese Niedergangserscheinungen unserer Zivilisation? — Überkleistern kann man dasjenige, was Niedergangserscheinung in unserer Zivilisation ist, nicht. Dem Gesagten gegenüber handelt es sich darum, daß man es unbefangen und rückhaltlos ins Auge faßt, daß man sich keinen Illusionen hingibt. Man muß sich sagen: Es ist da, was an Niedergangskräften sich zeigt, und man muß nicht glauben, man könne es irgendwie korrigieren oder dergleichen; sondern es sind starke Niedergangskräfte da, die sich so charakterisieren lassen, wie wir das eben ausgesprochen haben. Dagegen handelt es sich darum, sich nun zu wenden zu dem, woraus Kräfte zum Aufstieg zu gewinnen sind. Das kann man nicht durch Theorien; es können in der heutigen Zeit die Menschen die allerschönsten Theorien erfinden, die allerschönsten Grundsätze haben — mit bloßen Theorien ist nichts anzufangen. Etwas anzufangen im Leben ist nur mit den Kräften, die wirklich auf dieser Erde vorhanden sind, die man aufrufen muß. Wäre unsere Zivilisation durch und durch so, wie ich sie geschildert habe, dann könnten wir nichts anderes tun, als uns sagen: Diese Zivilisation müssen wir zugrunde gehen lassen und an dem Zugrundegehen teilnehmen. Denn jeder Versuch einer Korrektur dieser Erscheinung aus irgendwelchen bloßen Ideen oder Vorstellungen heraus ist ein Unding.
[ 9 ] Man kann nur fragen: Liegt die Sache nicht vielleicht doch eigentlich tiefer? — Und sie liegt tiefer. Sie liegt nämlich so, daß die Menschen heute — wie ich von anderen Gesichtspunkten aus schon öfter hier ausgeführt habe — allzusehr nach dem Absoluten drängen. Wenn sie fragen: Was ist wahr? — so fragen sie danach: Was ist im absoluten Sinne wahr? — nicht: Was ist für ein bestimmtes Zeitalter wahr? Wenn sie fragen: Was ist gut? — so fragen sie: Was ist im absoluten Sinne gut? — Sie fragen nicht: Was ist für Europa gut? Was ist für Asien gut? Was ist für das 20. Jahrhundert gut, was ist für das 25. Jahrhundert gut? — Sie fragen nach dem absoluten Gutsein und Wahrsein. Sie fragen nicht nach dem, was in der konkreten Entwickelung der Menschheit wirklich ist. Wir aber müssen uns die Frage anders stellen, denn wir müssen auf die Wirklichkeit sehen, und aus der Wirklichkeit heraus müssen die Fragen anders gestellt werden, oftmals so gestellt werden, daß ihre Antworten paradox erscheinen gegenüber dem, was man aus der Beobachtung der Oberfläche der Dinge anzunehmen geneigt ist. Wir müssen uns fragen: Gibt es keine Möglichkeit, zu einer kosmogonischen Vorstellungsart wiederum zu kommen? Gibt es keine Möglichkeit, zu einem wirklich sozial wirkenden Impuls der Freiheit zu kommen? Gibt es keine Möglichkeit zu einem Impuls, der religiös und ein Impuls der Brüderlichkeit zugleich ist, also eine wirkliche Grundlage der ökonomisch sozialen Ordnung ist, gibt es keine Möglichkeit, zu einem solchen Impulse zu kommen? — Und wenn wir uns aus der Realität heraus diese Fragen vorlegen, dann gewinnen wir auch reale Antworten; denn dasjenige, um was es sich dabei handelt, das ist dieses: daß in der Gegenwart nicht alle Menschenarten veranlagt sind, zur ganzen umfassenden Weltenwahrheit zu kommen, sondern daß die verschiedenen Menschenarten der Erde nur veranlagt sind, zu Teilgebieten des wahren Wirkens zu kommen. Und wir müssen uns fragen: Wo ist vielleicht im gegenwärtigen Erdenleben die Möglichkeit vorhanden, daß eine Kosmogonie sich entwickle, wo ist die Möglichkeit vorhanden, daß ein durchgreifender Impuls der Freiheit sich entwickle, und wo ist der Impuls vorhanden zu einem religiösen und brüderlichen Zusammenleben der Menschen im sozialen Sinne?
[ 9 ] Man kann nur fragen: Liegt die Sache nicht vielleicht doch eigentlich tiefer? — Und sie liegt tiefer. Sie liegt nämlich so, daß die Menschen heute — wie ich von anderen Gesichtspunkten aus schon öfter hier ausgeführt habe — allzusehr nach dem Absoluten drängen. Wenn sie fragen: Was ist wahr? — so fragen sie danach: Was ist im absoluten Sinne wahr? — nicht: Was ist für ein bestimmtes Zeitalter wahr? Wenn sie fragen: Was ist gut? — so fragen sie: Was ist im absoluten Sinne gut? — Sie fragen nicht: Was ist für Europa gut? Was ist für Asien gut? Was ist für das 20. Jahrhundert gut, was ist für das 25. Jahrhundert gut? — Sie fragen nach dem absoluten Gutsein und Wahrsein. Sie fragen nicht nach dem, was in der konkreten Entwickelung der Menschheit wirklich ist. Wir aber müssen uns die Frage anders stellen, denn wir müssen auf die Wirklichkeit sehen, und aus der Wirklichkeit heraus müssen die Fragen anders gestellt werden, oftmals so gestellt werden, daß ihre Antworten paradox erscheinen gegenüber dem, was man aus der Beobachtung der Oberfläche der Dinge anzunehmen geneigt ist. Wir müssen uns fragen: Gibt es keine Möglichkeit, zu einer kosmogonischen Vorstellungsart wiederum zu kommen? Gibt es keine Möglichkeit, zu einem wirklich sozial wirkenden Impuls der Freiheit zu kommen? Gibt es keine Möglichkeit zu einem Impuls, der religiös und ein Impuls der Brüderlichkeit zugleich ist, also eine wirkliche Grundlage der ökonomisch sozialen Ordnung ist, gibt es keine Möglichkeit, zu einem solchen Impulse zu kommen? — Und wenn wir uns aus der Realität heraus diese Fragen vorlegen, dann gewinnen wir auch reale Antworten; denn dasjenige, um was es sich dabei handelt, das ist dieses: daß in der Gegenwart nicht alle Menschenarten veranlagt sind, zur ganzen umfassenden Weltenwahrheit zu kommen, sondern daß die verschiedenen Menschenarten der Erde nur veranlagt sind, zu Teilgebieten des wahren Wirkens zu kommen. Und wir müssen uns fragen: Wo ist vielleicht im gegenwärtigen Erdenleben die Möglichkeit vorhanden, daß eine Kosmogonie sich entwickle, wo ist die Möglichkeit vorhanden, daß ein durchgreifender Impuls der Freiheit sich entwickle, und wo ist der Impuls vorhanden zu einem religiösen und brüderlichen Zusammenleben der Menschen im sozialen Sinne?
[ 10 ] Fangen wir mit dem letzteren an, dann ergibt eine unbefangene Beobachtung unserer irdischen Verhältnisse dieses, daß wir suchen müssen die Gesinnung, die Denkweise für einen wirklich brüderlichen Impuls auf unserer Erde bei den asiatischen Völkern; bei den asiatischen Völkern, insbesondere in der chinesischen und indischen Kultur. Trotzdem diese Kulturen bereits in die Dekadenz gekommen sind, und trotzdem das scheinbar der äußeren Oberflächenbeobachtung widerspricht, finden wir dort jene Impulse innerlichst vom Herzen des Menschen ausgehender Liebe zu allen Wesen, welche allein die Grundlagen abgeben können, erstens für religiösen Altruismus und zweitens für eine wirkliche, altruistische ökonomische Kultur.
[ 10 ] Fangen wir mit dem letzteren an, dann ergibt eine unbefangene Beobachtung unserer irdischen Verhältnisse dieses, daß wir suchen müssen die Gesinnung, die Denkweise für einen wirklich brüderlichen Impuls auf unserer Erde bei den asiatischen Völkern; bei den asiatischen Völkern, insbesondere in der chinesischen und indischen Kultur. Trotzdem diese Kulturen bereits in die Dekadenz gekommen sind, und trotzdem das scheinbar der äußeren Oberflächenbeobachtung widerspricht, finden wir dort jene Impulse innerlichst vom Herzen des Menschen ausgehender Liebe zu allen Wesen, welche allein die Grundlagen abgeben können, erstens für religiösen Altruismus und zweitens für eine wirkliche, altruistische ökonomische Kultur.
[ 11 ] Nun liegt das Eigentümliche vor, daß die Asiaten zwar die Gesinnung haben für den Altruismus, daß sie aber keine Möglichkeit haben, um den Altruismus durchzuführen. Sie haben bloß die Gesinnung, aber sie haben keine Möglichkeit, kein Talent, soziale Zustände herbeizuführen, in denen sich äußerlich die Anfänge des Altruismus verwirklichen lassen. Die Asiaten haben durch Jahrtausende hindurch zu pflegen gewußt die altruistischen Antriebe in der Menschennatur. Dennoch aber haben sie es zuwege gebracht, daß die ungeheueren Hungersnöte in China, in Indien und so weiter wüteten. Das ist das Eigentümliche der asiatischen Kultur, daß die Gesinnung vorhanden ist, und daß diese Gesinnung innerlich ehrlich ist, daß aber kein Talent dazu vorhanden ist, diese Gesinnung im äußeren Leben zu verwirklichen. Und das ist sogar das Eigentümliche dieser asiatischen Kultur, daß sie einen ungeheuer bedeutsamen altruistischen Antrieb im Inneren der Menschennatur enthält und keine Möglichkeit, ihn äußerlich jetzt zu verwirklichen. Im Gegenteil, würde Asien allein bleiben, so würde durch diese Tatsache, daß Asien zwar die Möglichkeit hat, den Altruismus innerlich zu begründen, aber kein Talent, ihn äußerlich zu verwirklichen, eine furchtbare Zivilisationswüste werden. So daß man sagen kann: Von diesen drei Dingen, Impuls zur Kosmogonie, Impuls zur Freiheit, Impuls zum Altruismus, hat Asien das dritte am allermeisten in der inneren Gesinnung. Aber es hat nur das eine Drittel von dem, was notwendig ist für die gegenwärtige Zivilisation, wenn sie wiederum hochkommen will: nämlich die innere Gesinnung für den Altruismus.
[ 11 ] Nun liegt das Eigentümliche vor, daß die Asiaten zwar die Gesinnung haben für den Altruismus, daß sie aber keine Möglichkeit haben, um den Altruismus durchzuführen. Sie haben bloß die Gesinnung, aber sie haben keine Möglichkeit, kein Talent, soziale Zustände herbeizuführen, in denen sich äußerlich die Anfänge des Altruismus verwirklichen lassen. Die Asiaten haben durch Jahrtausende hindurch zu pflegen gewußt die altruistischen Antriebe in der Menschennatur. Dennoch aber haben sie es zuwege gebracht, daß die ungeheueren Hungersnöte in China, in Indien und so weiter wüteten. Das ist das Eigentümliche der asiatischen Kultur, daß die Gesinnung vorhanden ist, und daß diese Gesinnung innerlich ehrlich ist, daß aber kein Talent dazu vorhanden ist, diese Gesinnung im äußeren Leben zu verwirklichen. Und das ist sogar das Eigentümliche dieser asiatischen Kultur, daß sie einen ungeheuer bedeutsamen altruistischen Antrieb im Inneren der Menschennatur enthält und keine Möglichkeit, ihn äußerlich jetzt zu verwirklichen. Im Gegenteil, würde Asien allein bleiben, so würde durch diese Tatsache, daß Asien zwar die Möglichkeit hat, den Altruismus innerlich zu begründen, aber kein Talent, ihn äußerlich zu verwirklichen, eine furchtbare Zivilisationswüste werden. So daß man sagen kann: Von diesen drei Dingen, Impuls zur Kosmogonie, Impuls zur Freiheit, Impuls zum Altruismus, hat Asien das dritte am allermeisten in der inneren Gesinnung. Aber es hat nur das eine Drittel von dem, was notwendig ist für die gegenwärtige Zivilisation, wenn sie wiederum hochkommen will: nämlich die innere Gesinnung für den Altruismus.
[ 12 ] Was hat Europa? Europa hat die äußerste Notwendigkeit, die soziale Frage zu lösen, aber es hat keine Gesinnung für die soziale Frage. Es müßte eigentlich die asiatische Gesinnung haben, wenn es die soziale Frage lösen wollte. Alle Vorbedingungen zur Lösung der sozialen Frage sind aus den sozialen Notwendigkeiten in Europa da; aber es müßten sich die Europäer erst durchdringen mit jener Denkungsweise, die dem Asiaten natürlich ist; nur hat er kein Talent, wirklich äußerlich die soziale Not zu sehen. Oftmals gefällt sie ihm sogar. In Europa ist der äußere Antrieb da, irgend etwas in der sozialen Frage zu machen, aber es ist nicht die Gesinnung dazu da. Dafür ist in Europa in stärkstem Maße da das Talent, die Fähigkeit, den Impuls der Freiheit zu begründen. Dasjenige, was speziell europäische Talente sind, das ist dazu da, das innere Gefühl, die innere Empfindung der Freiheit im eminentesten Maße auszugestalten. Man kann sagen, es ist spezifisch europäische Begabung, zu einer wirklichen Idee der Freiheit zukommen. Aber diese Europäer haben keine Menschen, die frei handeln, die die Freiheit verwirklichen würden. Den Gedanken der Freiheit können die Europäer großartig fassen. Aber wie der Asiate sofort etwas zu tun wüßte, wenn er ohne die anderen europäischen Unarten, den ungetrübten Gedanken der europäischen Freiheit bekäme, so kann der Europäer die schönste Idee der Freiheit ausgestalten, aber es ist keine politische Möglichkeit da, diese Idee der Freiheit mit den Menschen Europas unmittelbar zu verwirklichen, weil der Europäer von den drei Zivilisationsbedingungen: Impuls zum Altruismus, Impuls zur Freiheit, Impuls zur Kosmogonie, nur das Drittel hat: den Impuls zur Freiheit — er hat die beiden anderen nicht. Und so hat auch der Europäer nur ein Drittel von dem, was notwendig ist, um ein wirklich neues Zeitalter heraufzubringen. Das ist sehr wichtig, daß man diese Dinge endlich als unsere Zivilisationsgeheimnisse einsieht. Wir haben in Europa, das dürfen wir ja sagen, in der allerschönsten Weise alle Vorbedingungen des Denkens, des Fühlens, um zu wissen, was Freiheit ist; aber wir haben keine Möglichkeit, ohne weiteres mit dieser Freiheit durchzudringen. Ich kann Ihnen zum Beispiel die Versicherung geben: Die schönsten Sachen sind in Deutschland von einzelnen Leuten über die Freiheit geschrieben worden in der Zeit, als ganz Deutschland geseufzt hat unter der Tyrannis von Ludendorff und anderen. Es ist ein Talent da in Europa zum Konzipieren des Freiheitsimpulses, aber zunächst ist dieser Impuls ein Drittel für das wirkliche Hinaufkommen in unserer Zivilisation, nicht das Ganze.
[ 12 ] Was hat Europa? Europa hat die äußerste Notwendigkeit, die soziale Frage zu lösen, aber es hat keine Gesinnung für die soziale Frage. Es müßte eigentlich die asiatische Gesinnung haben, wenn es die soziale Frage lösen wollte. Alle Vorbedingungen zur Lösung der sozialen Frage sind aus den sozialen Notwendigkeiten in Europa da; aber es müßten sich die Europäer erst durchdringen mit jener Denkungsweise, die dem Asiaten natürlich ist; nur hat er kein Talent, wirklich äußerlich die soziale Not zu sehen. Oftmals gefällt sie ihm sogar. In Europa ist der äußere Antrieb da, irgend etwas in der sozialen Frage zu machen, aber es ist nicht die Gesinnung dazu da. Dafür ist in Europa in stärkstem Maße da das Talent, die Fähigkeit, den Impuls der Freiheit zu begründen. Dasjenige, was speziell europäische Talente sind, das ist dazu da, das innere Gefühl, die innere Empfindung der Freiheit im eminentesten Maße auszugestalten. Man kann sagen, es ist spezifisch europäische Begabung, zu einer wirklichen Idee der Freiheit zukommen. Aber diese Europäer haben keine Menschen, die frei handeln, die die Freiheit verwirklichen würden. Den Gedanken der Freiheit können die Europäer großartig fassen. Aber wie der Asiate sofort etwas zu tun wüßte, wenn er ohne die anderen europäischen Unarten, den ungetrübten Gedanken der europäischen Freiheit bekäme, so kann der Europäer die schönste Idee der Freiheit ausgestalten, aber es ist keine politische Möglichkeit da, diese Idee der Freiheit mit den Menschen Europas unmittelbar zu verwirklichen, weil der Europäer von den drei Zivilisationsbedingungen: Impuls zum Altruismus, Impuls zur Freiheit, Impuls zur Kosmogonie, nur das Drittel hat: den Impuls zur Freiheit — er hat die beiden anderen nicht. Und so hat auch der Europäer nur ein Drittel von dem, was notwendig ist, um ein wirklich neues Zeitalter heraufzubringen. Das ist sehr wichtig, daß man diese Dinge endlich als unsere Zivilisationsgeheimnisse einsieht. Wir haben in Europa, das dürfen wir ja sagen, in der allerschönsten Weise alle Vorbedingungen des Denkens, des Fühlens, um zu wissen, was Freiheit ist; aber wir haben keine Möglichkeit, ohne weiteres mit dieser Freiheit durchzudringen. Ich kann Ihnen zum Beispiel die Versicherung geben: Die schönsten Sachen sind in Deutschland von einzelnen Leuten über die Freiheit geschrieben worden in der Zeit, als ganz Deutschland geseufzt hat unter der Tyrannis von Ludendorff und anderen. Es ist ein Talent da in Europa zum Konzipieren des Freiheitsimpulses, aber zunächst ist dieser Impuls ein Drittel für das wirkliche Hinaufkommen in unserer Zivilisation, nicht das Ganze.
[ 13 ] Und gehen wir außerhalb Europas, nach dem Westen — wobei ich Großbritannien zu Amerika rechne in diesem Zusammenhange —, gehen wir also zur anglo-amerikanischen Welt, dann finden wir da wiederum ein Drittel von den Impulsen, eben einen der drei Impulse, die notwendig sind, um unsere Zivilisation hinaufzubringen, das ist: den Impuls zu einer Kosmogonie. Wer das anglo-amerikanische Geistesleben kennt, der weiß, daß dieses anglo-amerikanische Geistesleben zunächst formalistisch ist, daß es zunächst materialistisch ist, ja daß es sogar das Spirituelle auf materialistische Art erreichen will, daß es aber doch die Mittel und Wege hat, um zu einer Kosmogonie zu kommen. Wenn auch diese Kosmogonie heute auf ganz falschen Wegen gesucht wird, sie wird gesucht im anglo-amerikanischen Wesen. Wiederum ein Drittel: das Suchen nach einer Kosmogonie. Es besteht nicht die Möglichkeit, diese Kosmogonie mit dem freien, altruistischen Menschen zu verbinden, wohl das Talent, dieser Kosmogonie anzuhängen, sie auszugestalten, aber kein Talent, den Menschen einzugliedern in diese Kosmogonie. Man kann sagen, daß sogar die Bestrebungen des in die Irre gehenden Spiritismus kosmogonisch waren, wie sie in der Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen haben und eigentlich heute noch immer nicht ganz abgeflutet sind. Es handelte sich da darum, darauf zu kommen, welche Kräfte hinter den sinnlichen Kräften sind; man schlug nur einen materialistischen Weg, eine materialistische Methode ein. Aber es handelte sich nicht darum, solche formalistischen Wissenschaften, wie sie zum Beispiel die Europäer haben, dadurch zu bekommen, sondern darum, wirkliche, reale übersinnliche Kräfte kennenzulernen. Man schlug nur, wie gesagt, einen falschen Weg ein, einen Weg, den man heute noch «amerikanisch» nennt. So auch hier wiederum ein Drittel desjenigen, was eigentlich da sein muß zum wirklichen Aufstieg unserer Kultur.
[ 13 ] Und gehen wir außerhalb Europas, nach dem Westen — wobei ich Großbritannien zu Amerika rechne in diesem Zusammenhange —, gehen wir also zur anglo-amerikanischen Welt, dann finden wir da wiederum ein Drittel von den Impulsen, eben einen der drei Impulse, die notwendig sind, um unsere Zivilisation hinaufzubringen, das ist: den Impuls zu einer Kosmogonie. Wer das anglo-amerikanische Geistesleben kennt, der weiß, daß dieses anglo-amerikanische Geistesleben zunächst formalistisch ist, daß es zunächst materialistisch ist, ja daß es sogar das Spirituelle auf materialistische Art erreichen will, daß es aber doch die Mittel und Wege hat, um zu einer Kosmogonie zu kommen. Wenn auch diese Kosmogonie heute auf ganz falschen Wegen gesucht wird, sie wird gesucht im anglo-amerikanischen Wesen. Wiederum ein Drittel: das Suchen nach einer Kosmogonie. Es besteht nicht die Möglichkeit, diese Kosmogonie mit dem freien, altruistischen Menschen zu verbinden, wohl das Talent, dieser Kosmogonie anzuhängen, sie auszugestalten, aber kein Talent, den Menschen einzugliedern in diese Kosmogonie. Man kann sagen, daß sogar die Bestrebungen des in die Irre gehenden Spiritismus kosmogonisch waren, wie sie in der Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen haben und eigentlich heute noch immer nicht ganz abgeflutet sind. Es handelte sich da darum, darauf zu kommen, welche Kräfte hinter den sinnlichen Kräften sind; man schlug nur einen materialistischen Weg, eine materialistische Methode ein. Aber es handelte sich nicht darum, solche formalistischen Wissenschaften, wie sie zum Beispiel die Europäer haben, dadurch zu bekommen, sondern darum, wirkliche, reale übersinnliche Kräfte kennenzulernen. Man schlug nur, wie gesagt, einen falschen Weg ein, einen Weg, den man heute noch «amerikanisch» nennt. So auch hier wiederum ein Drittel desjenigen, was eigentlich da sein muß zum wirklichen Aufstieg unserer Kultur.
[ 14 ] Ja, man lernt heute die Geheimnisse unserer Zivilisation nicht kennen, wenn man nicht zu verteilen weiß die drei Impulse, bei denen es sich um den Aufstieg unserer Zivilisation handelt, auf die Glieder unserer Erdoberfläche; wenn man nicht weiß, daß das Streben nach Kosmogonie in den Talenten der anglo-amerikanischen Welt liegt, das Streben nach Freiheit in der europäischen Welt liegt, das Streben nach Altruismus und nach einer solchen Gesinnung, die, wenn sie richtig in der Wirklichkeit angewendet wird, zum Sozialismus führt, eigentlich nur in der asiatischen Kultur. Amerika, Europa, Asien haben jedes ein Drittel von dem, was anzustreben notwendig ist für einen wirklichen Neuaufstieg, für einen Neuaufbau unserer Kultur.
[ 14 ] Ja, man lernt heute die Geheimnisse unserer Zivilisation nicht kennen, wenn man nicht zu verteilen weiß die drei Impulse, bei denen es sich um den Aufstieg unserer Zivilisation handelt, auf die Glieder unserer Erdoberfläche; wenn man nicht weiß, daß das Streben nach Kosmogonie in den Talenten der anglo-amerikanischen Welt liegt, das Streben nach Freiheit in der europäischen Welt liegt, das Streben nach Altruismus und nach einer solchen Gesinnung, die, wenn sie richtig in der Wirklichkeit angewendet wird, zum Sozialismus führt, eigentlich nur in der asiatischen Kultur. Amerika, Europa, Asien haben jedes ein Drittel von dem, was anzustreben notwendig ist für einen wirklichen Neuaufstieg, für einen Neuaufbau unserer Kultur.
[ 15 ] Aus diesen Untergründen heraus muß heute jemand denken und empfinden, der es ernst und ehrlich meint mit einer Arbeit an einem neuen Aufbau unserer Kultur. Man kann sich heute nicht in seine Studierstube setzen und nachdenken, welches das beste Zukunftsprogramm ist. Man muß heute hinausgehen in die Welt und aus der Welt heraus holen die Impulse, die da sind. Ich habe gesagt: Sieht man unsere Kultur an mit ihren Niedergangsmomenten, so muß man den Eindruck bekommen, sie kann nicht gerettet werden, wenn die Menschen nicht einsehen: Das eine ist bei dem, das zweite bei jenem, das dritte bei dem dritten vorhanden, wenn die Menschen nicht im großen Stile über die Erde hinweg zum Zusammenarbeiten kommen und zum wirklichen Anerkennen desjenigen, was der einzelne nicht im absoluten Sinne aus sich heraus leisten kann, sondern was nur geleistet werden kann von demjenigen, der, wenn ich so sagen darf, dazu prädestiniert ist. — Will heute der Amerikaner außer der Kosmogonie auch noch die Freiheit und den Sozialismus aus sich selbst heraus gestalten: er kann es nicht. Will heute der Europäer zu der Begründung des Impulses der Freiheit auch noch die Kosmogonie finden und den Altruismus: er kann es nicht. Ebensowenig kann der Asiate etwas anderes als seinen alteingelebten Altruismus geltend machen. Wird dieser Altruismus von den anderen Bevölkerungsmassen der Erde übernommen und durchdrungen mit dem, wozu diese wiederum ihre Talente haben, dann erst kommen wir wirklich vorwärts. Heute ist die Menschheit darauf angewiesen, zusammenzuarbeiten, weil die Menschheit verschiedene Talente hat.
[ 15 ] Aus diesen Untergründen heraus muß heute jemand denken und empfinden, der es ernst und ehrlich meint mit einer Arbeit an einem neuen Aufbau unserer Kultur. Man kann sich heute nicht in seine Studierstube setzen und nachdenken, welches das beste Zukunftsprogramm ist. Man muß heute hinausgehen in die Welt und aus der Welt heraus holen die Impulse, die da sind. Ich habe gesagt: Sieht man unsere Kultur an mit ihren Niedergangsmomenten, so muß man den Eindruck bekommen, sie kann nicht gerettet werden, wenn die Menschen nicht einsehen: Das eine ist bei dem, das zweite bei jenem, das dritte bei dem dritten vorhanden, wenn die Menschen nicht im großen Stile über die Erde hinweg zum Zusammenarbeiten kommen und zum wirklichen Anerkennen desjenigen, was der einzelne nicht im absoluten Sinne aus sich heraus leisten kann, sondern was nur geleistet werden kann von demjenigen, der, wenn ich so sagen darf, dazu prädestiniert ist. — Will heute der Amerikaner außer der Kosmogonie auch noch die Freiheit und den Sozialismus aus sich selbst heraus gestalten: er kann es nicht. Will heute der Europäer zu der Begründung des Impulses der Freiheit auch noch die Kosmogonie finden und den Altruismus: er kann es nicht. Ebensowenig kann der Asiate etwas anderes als seinen alteingelebten Altruismus geltend machen. Wird dieser Altruismus von den anderen Bevölkerungsmassen der Erde übernommen und durchdrungen mit dem, wozu diese wiederum ihre Talente haben, dann erst kommen wir wirklich vorwärts. Heute ist die Menschheit darauf angewiesen, zusammenzuarbeiten, weil die Menschheit verschiedene Talente hat.
[ 16 ] Wir müssen uns schon einmal das Geständnis machen, daß unsere Zivilisation schwach geworden ist und daß sie wiederum stark werden muß. Ich will, um Ihnen das, was ich damit abstrakt ausgesprochen habe, etwas konkreter zu gestalten, folgendes sagen. Auch die alten vorchristlichen orientalischen Kulturen haben, wie Sie wissen, große Städte hervorgebracht. Wir können zurückblicken auf weit ausgebreitete orientalische Kulturen, die auch große Städte hervorgebracht haben. Aber diese großen Städte der alten Kulturen, die hatten eine gewisse Gesinnung neben sich. Alle orientalischen Kulturen hatten das Eigentümliche, daß sie ausbildeten mit dem Leben in den Großstädten die Anschauung, daß eigentlich, wenn der Mensch nicht durchdringt über das Physische zum Überphysischen, er im Leeren, im Nichtigen lebt. Und so konnten sich wirklich die großen Städte Babylon, Ninive und so weiter entwickeln, weil der Mensch durch diese Städte nicht dazu gekommen ist, das, was diese Städte hervorgebracht haben, als das eigentlich Wirkliche anzusehen, sondern dasjenige, was erst hinter alledem ist. Es ist erst in Rom so geworden, daß man die Städtekultur zu einem Regulativ der Wirklichkeitsanschauung gemacht hat. Die griechischen Städte sind undenkbar ohne das sie umgebende Land; sie nähren sich von dem sie umgebenden Land. Wäre unsere Geschichte nicht so sehr eine Fable convenue, wie sie es ist, sondern würde sie die wirkliche Gestalt der früheren Zeiten neu heraufbringen, so würde sie zeigen, wie die griechische Stadt im Land wurzelt. Rom wurzelte nicht mehr im Lande, sondern die Geschichte Roms besteht eigentlich darinnen, eine imaginäre Welt zu einer wirklichen zu machen, eine Welt, die nicht wirklich ist, zu einer wirklichen zu machen. In Rom wurde eigentlich der Bürger erfunden, der Bürger, dieses fürchterliche Karikaturgebilde neben dem Wesen Mensch. Denn der Mensch ist Mensch; und daß er außerdem noch ein Bürger ist, ist eine imaginäre Sache. Daß er ein Bürger ist, das steht irgendwo in den Kirchenbüchern oder in den Rechtsbüchern oder dergleichen. Daß er, außer dem, daß er Mensch ist und als Mensch gewisse Fähigkeiten hat, auch noch einen eingetragenen Besitz hat, einen grundbuchlich eingetragenen Besitz, das ist etwas Imaginäres neben der Wirklichkeit. Das alles aber ist römisch. Ja, Rom hat noch viel mehr zustande gebracht. Rom hat verstanden, alles dasjenige, was sich ergibt aus der Loslösung der Städte vom Lande, vom wirklichen Lande, zu einer Wirklichkeit umzufälschen. Rom hat zum Beispiel verstanden, in die religiösen Begriffe der Alten die römischen Rechtsbegriffe einzuführen. Derjenige, welcher der Wahrhaftigkeit gemäß zu den alten religiösen Begriffen zurückgeht, der findet nicht in diesen alten religiösen Begriffen die römischen Rechtsbegriffe. Römische Jurisprudenz ist eigentlich hineingegangen in die religiöse Ethik. Es ist im Grunde genommen in der religiösen Ethik durch dasjenige, was Rom daraus gemacht hat — so, als wenn in der übersinnlichen Welt solche Richter dasäßen, wie sie auf unseren Richterstühlen römischer Prägung sitzen und über die menschlichen Handlungen richteten. Ja, wir erleben es sogar, weil die römischen Rechtsbegriffe noch nachwirken, daß da, wo vom Karma die Rede ist, die meisten Menschen, die heute sich zum Karma bekennen, sich die Auswirkung dieses Karma so vorstellen, als wenn irgendeine jenseitige Gerechtigkeit da wäre, welche nach den irdischen Begriffen das, was einer getan hat, belegt mit dieser oder jener Belohnung, dieser oder jener Strafe, ganz nach römischen Rechtsbegriffen. Alle Heiligen und alle überirdischen Wesenheiten leben eigentlich so in diesen Vorstellungen, daß römisch-juristische Begriffe sich in diese überirdische Welt hineingeschlichen haben.
[ 16 ] Wir müssen uns schon einmal das Geständnis machen, daß unsere Zivilisation schwach geworden ist und daß sie wiederum stark werden muß. Ich will, um Ihnen das, was ich damit abstrakt ausgesprochen habe, etwas konkreter zu gestalten, folgendes sagen. Auch die alten vorchristlichen orientalischen Kulturen haben, wie Sie wissen, große Städte hervorgebracht. Wir können zurückblicken auf weit ausgebreitete orientalische Kulturen, die auch große Städte hervorgebracht haben. Aber diese großen Städte der alten Kulturen, die hatten eine gewisse Gesinnung neben sich. Alle orientalischen Kulturen hatten das Eigentümliche, daß sie ausbildeten mit dem Leben in den Großstädten die Anschauung, daß eigentlich, wenn der Mensch nicht durchdringt über das Physische zum Überphysischen, er im Leeren, im Nichtigen lebt. Und so konnten sich wirklich die großen Städte Babylon, Ninive und so weiter entwickeln, weil der Mensch durch diese Städte nicht dazu gekommen ist, das, was diese Städte hervorgebracht haben, als das eigentlich Wirkliche anzusehen, sondern dasjenige, was erst hinter alledem ist. Es ist erst in Rom so geworden, daß man die Städtekultur zu einem Regulativ der Wirklichkeitsanschauung gemacht hat. Die griechischen Städte sind undenkbar ohne das sie umgebende Land; sie nähren sich von dem sie umgebenden Land. Wäre unsere Geschichte nicht so sehr eine Fable convenue, wie sie es ist, sondern würde sie die wirkliche Gestalt der früheren Zeiten neu heraufbringen, so würde sie zeigen, wie die griechische Stadt im Land wurzelt. Rom wurzelte nicht mehr im Lande, sondern die Geschichte Roms besteht eigentlich darinnen, eine imaginäre Welt zu einer wirklichen zu machen, eine Welt, die nicht wirklich ist, zu einer wirklichen zu machen. In Rom wurde eigentlich der Bürger erfunden, der Bürger, dieses fürchterliche Karikaturgebilde neben dem Wesen Mensch. Denn der Mensch ist Mensch; und daß er außerdem noch ein Bürger ist, ist eine imaginäre Sache. Daß er ein Bürger ist, das steht irgendwo in den Kirchenbüchern oder in den Rechtsbüchern oder dergleichen. Daß er, außer dem, daß er Mensch ist und als Mensch gewisse Fähigkeiten hat, auch noch einen eingetragenen Besitz hat, einen grundbuchlich eingetragenen Besitz, das ist etwas Imaginäres neben der Wirklichkeit. Das alles aber ist römisch. Ja, Rom hat noch viel mehr zustande gebracht. Rom hat verstanden, alles dasjenige, was sich ergibt aus der Loslösung der Städte vom Lande, vom wirklichen Lande, zu einer Wirklichkeit umzufälschen. Rom hat zum Beispiel verstanden, in die religiösen Begriffe der Alten die römischen Rechtsbegriffe einzuführen. Derjenige, welcher der Wahrhaftigkeit gemäß zu den alten religiösen Begriffen zurückgeht, der findet nicht in diesen alten religiösen Begriffen die römischen Rechtsbegriffe. Römische Jurisprudenz ist eigentlich hineingegangen in die religiöse Ethik. Es ist im Grunde genommen in der religiösen Ethik durch dasjenige, was Rom daraus gemacht hat — so, als wenn in der übersinnlichen Welt solche Richter dasäßen, wie sie auf unseren Richterstühlen römischer Prägung sitzen und über die menschlichen Handlungen richteten. Ja, wir erleben es sogar, weil die römischen Rechtsbegriffe noch nachwirken, daß da, wo vom Karma die Rede ist, die meisten Menschen, die heute sich zum Karma bekennen, sich die Auswirkung dieses Karma so vorstellen, als wenn irgendeine jenseitige Gerechtigkeit da wäre, welche nach den irdischen Begriffen das, was einer getan hat, belegt mit dieser oder jener Belohnung, dieser oder jener Strafe, ganz nach römischen Rechtsbegriffen. Alle Heiligen und alle überirdischen Wesenheiten leben eigentlich so in diesen Vorstellungen, daß römisch-juristische Begriffe sich in diese überirdische Welt hineingeschlichen haben.
[ 17 ] Wer versteht zum Beispiel heute die große Idee des griechischen Schicksals? Einen Ödipus können wir nicht verstehen nach römischjuristischen Begriffen! Dazu ist überhaupt, unter dem Einflusse der römischen Rechtsbegriffe, das Talent dem Menschen ganz verlorengegangen, tragische Größe zu verstehen. Und diese römischen Rechtsbegriffe haben sich in unsere moderne Zivilisation hineingeschlichen, leben überall drinnen; sie haben im wesentlichen zu einer Wirklichkeit dasjenige umgefälscht, was imaginär ist, nicht imaginativ, sondern imaginär.
[ 17 ] Wer versteht zum Beispiel heute die große Idee des griechischen Schicksals? Einen Ödipus können wir nicht verstehen nach römischjuristischen Begriffen! Dazu ist überhaupt, unter dem Einflusse der römischen Rechtsbegriffe, das Talent dem Menschen ganz verlorengegangen, tragische Größe zu verstehen. Und diese römischen Rechtsbegriffe haben sich in unsere moderne Zivilisation hineingeschlichen, leben überall drinnen; sie haben im wesentlichen zu einer Wirklichkeit dasjenige umgefälscht, was imaginär ist, nicht imaginativ, sondern imaginär.
[ 18 ] So müssen wir uns durchaus klar sein darüber, daß wir eigentlich losgelöst sind von der Wirklichkeit mit unseren Vorstellungen, und daß wir nötig haben, unsere Vorstellungen neuerdings mit Wirklichkeit zu durchdringen. Weil unsere Begriffe im Grunde genommen leer sind, entbehrt unsere Zivilisation noch des Bewußtseins, daß die Menschen über den Erdkreis hin zusammenarbeiten müssen. Wir wollen nirgends eigentlich auf den Grund der Erscheinungen wirklich hinweisen, wir wollen überall mehr oder weniger an der Oberfläche bleiben.
[ 18 ] So müssen wir uns durchaus klar sein darüber, daß wir eigentlich losgelöst sind von der Wirklichkeit mit unseren Vorstellungen, und daß wir nötig haben, unsere Vorstellungen neuerdings mit Wirklichkeit zu durchdringen. Weil unsere Begriffe im Grunde genommen leer sind, entbehrt unsere Zivilisation noch des Bewußtseins, daß die Menschen über den Erdkreis hin zusammenarbeiten müssen. Wir wollen nirgends eigentlich auf den Grund der Erscheinungen wirklich hinweisen, wir wollen überall mehr oder weniger an der Oberfläche bleiben.
[ 19 ] Dafür möchte ich Ihnen wiederum ein Beispiel angeben. Sie wissen, in den verschiedenen Parlamenten der Welt haben sich in den vergangenen Zeiten, sagen wir, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, noch etwas später, zwei Parteirichtungen herausgebildet, vor denen man eigentlich bislang einen ziemlich großen Respekt hatte: eine konservative und eine liberale Parteirichtung. Das andere, was an Parteien aufgetaucht ist, ist ja erst später zu diesen zwei Grundparteien hinzugekommen. Aber sehen Sie, das ist heute so notwendig, daß man über die Phrase zur Sache vordringt, und daß man bei vielem nicht danach fragt, was die Menschen selbst, die es vertreten, davon sagen, sondern nach dem, was in dem Unterbewußtsein der Menschen drinnensitzt. Und da werden Sie denn finden, daß diejenigen Menschen, die sich zu irgendwelchen mehr konservativ gefärbten Parteien bekennen, solche sind, die irgendwie mehr zu tun haben mit Agrarischem, mit der Besorgung des Grundes und Bodens, also des Urgliedes der menschlichen Kultur. Selbstverständlich können an der Oberfläche allerlei Nebenerscheinungen auftreten. Ich sage nicht, daß jeder Konservative ein Agrarier sein muß, natürlich gibt es überall Zuläufer, überall gibt es solche, die aus der Phrase heraus irgendeinem Prinzip anhängen; aber man muß auf die Hauptsache sehen, und die ist, daß dasjenige, was ein Interesse daran hat, gewisse Strukturformen der sozialen Ordnung aufrechtzuerhalten, sie nicht zu schnell vorwärtsgleiten zu lassen, die agrarische Bevölkerung ist.
[ 19 ] Dafür möchte ich Ihnen wiederum ein Beispiel angeben. Sie wissen, in den verschiedenen Parlamenten der Welt haben sich in den vergangenen Zeiten, sagen wir, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, noch etwas später, zwei Parteirichtungen herausgebildet, vor denen man eigentlich bislang einen ziemlich großen Respekt hatte: eine konservative und eine liberale Parteirichtung. Das andere, was an Parteien aufgetaucht ist, ist ja erst später zu diesen zwei Grundparteien hinzugekommen. Aber sehen Sie, das ist heute so notwendig, daß man über die Phrase zur Sache vordringt, und daß man bei vielem nicht danach fragt, was die Menschen selbst, die es vertreten, davon sagen, sondern nach dem, was in dem Unterbewußtsein der Menschen drinnensitzt. Und da werden Sie denn finden, daß diejenigen Menschen, die sich zu irgendwelchen mehr konservativ gefärbten Parteien bekennen, solche sind, die irgendwie mehr zu tun haben mit Agrarischem, mit der Besorgung des Grundes und Bodens, also des Urgliedes der menschlichen Kultur. Selbstverständlich können an der Oberfläche allerlei Nebenerscheinungen auftreten. Ich sage nicht, daß jeder Konservative ein Agrarier sein muß, natürlich gibt es überall Zuläufer, überall gibt es solche, die aus der Phrase heraus irgendeinem Prinzip anhängen; aber man muß auf die Hauptsache sehen, und die ist, daß dasjenige, was ein Interesse daran hat, gewisse Strukturformen der sozialen Ordnung aufrechtzuerhalten, sie nicht zu schnell vorwärtsgleiten zu lassen, die agrarische Bevölkerung ist.
[ 20 ] Dasjenige, was mehr aus dem Industriellen heraus kommt, was mehr aus der vom Lande losgerissenen Arbeit heraus kommt, das ist liberal, das ist progressiv. So, daß diese Parteirichtungen auf etwas Tieferes zurückgehen; und man sollte überall suchen, diese Dinge über die Phrase hinauszubringen, von den Worten bis zu den Sachen vorzudringen.
[ 20 ] Dasjenige, was mehr aus dem Industriellen heraus kommt, was mehr aus der vom Lande losgerissenen Arbeit heraus kommt, das ist liberal, das ist progressiv. So, daß diese Parteirichtungen auf etwas Tieferes zurückgehen; und man sollte überall suchen, diese Dinge über die Phrase hinauszubringen, von den Worten bis zu den Sachen vorzudringen.
[ 21 ] Aber schließlich sind das alles Dinge, welche uns nur das eine sagen, daß wir im Grunde stark in einer Wortkultur gelebt haben. Wir müssen zu einer Sachkultur, zu einer Sachzivilisation vorwärtsdringen, wir müssen dahin kommen, daß wir uns nicht mehr durch Worte, durch Programme, durch Zielsetzungen in Worten imponieren lassen, sondern wir müssen dahin kommen, die Wirklichkeit zu durchschauen, und wir müssen vor allen Dingen solche Wirklichkeiten durchschauen, die tiefer sind als Landkultur und Städtekultur oder Agrarkultur und Industriekultur. Und tiefer sind heute die Impulse der einzelnen über die Erde verteilten Glieder der Menschheit: das amerikanische Glied nach Kosmogonie gehend, das europäische Glied nach Freiheit gehend, das asiatische Glied nach Altruismus gehend, nach Sozialismus gehend.
[ 21 ] Aber schließlich sind das alles Dinge, welche uns nur das eine sagen, daß wir im Grunde stark in einer Wortkultur gelebt haben. Wir müssen zu einer Sachkultur, zu einer Sachzivilisation vorwärtsdringen, wir müssen dahin kommen, daß wir uns nicht mehr durch Worte, durch Programme, durch Zielsetzungen in Worten imponieren lassen, sondern wir müssen dahin kommen, die Wirklichkeit zu durchschauen, und wir müssen vor allen Dingen solche Wirklichkeiten durchschauen, die tiefer sind als Landkultur und Städtekultur oder Agrarkultur und Industriekultur. Und tiefer sind heute die Impulse der einzelnen über die Erde verteilten Glieder der Menschheit: das amerikanische Glied nach Kosmogonie gehend, das europäische Glied nach Freiheit gehend, das asiatische Glied nach Altruismus gehend, nach Sozialismus gehend.
[ 22 ] Zunächst wird das allerdings, oder wurde in merkwürdiger Weise geübt. Die anglo-amerikanische Kultur erobert die Welt. Es ist notwendig, daß sie, indem sie die Welt erobert, aufnimmt dasjenige, was von den eroberten Teilen der Welt herkommen kann: Freiheitsimpulse, altruistische Impulse; denn sie selbst hat nur einen kosmogonischen Impuls. Sie verdankt sogar ihre Erfolge nur einem kosmogonischen Impuls. Sie verdankt ihre Erfolge dem Umstande, daß man in Weltengedanken denken kann, wie wir das ja gerade während der Kriegszeit oft und oft besprochen haben; daß die Erfolge von jener Seite aus übersinnlichen Impulsen gewisser Art herausgekommen sind, die die anderen nicht verstehen wollten. Das Kosmogonische, das darf da nicht isoliert bleiben, sondern muß sich durchdringen mit dem Freiheitsgebiet.
[ 22 ] Zunächst wird das allerdings, oder wurde in merkwürdiger Weise geübt. Die anglo-amerikanische Kultur erobert die Welt. Es ist notwendig, daß sie, indem sie die Welt erobert, aufnimmt dasjenige, was von den eroberten Teilen der Welt herkommen kann: Freiheitsimpulse, altruistische Impulse; denn sie selbst hat nur einen kosmogonischen Impuls. Sie verdankt sogar ihre Erfolge nur einem kosmogonischen Impuls. Sie verdankt ihre Erfolge dem Umstande, daß man in Weltengedanken denken kann, wie wir das ja gerade während der Kriegszeit oft und oft besprochen haben; daß die Erfolge von jener Seite aus übersinnlichen Impulsen gewisser Art herausgekommen sind, die die anderen nicht verstehen wollten. Das Kosmogonische, das darf da nicht isoliert bleiben, sondern muß sich durchdringen mit dem Freiheitsgebiet.
[ 23 ] Um diesen Satz zu durchschauen, ist natürlich notwendig, daß man sich recht, recht stark von der Phrase lossagt und zu Wirklichkeiten kommt. Denn derjenige, der an der Phrase haftet, der wird sich natürlich sagen: Nun, wer hat denn in den letzten Jahren die Freiheit mehr vertreten als die anglo-amerikanische Welt! — Selbstverständlich mit den Worten ungeheuer viel; aber es handelt sich darum, wie die Dinge in Wirklichkeit sind, nicht wie sie mit Worten vertreten werden.
[ 23 ] Um diesen Satz zu durchschauen, ist natürlich notwendig, daß man sich recht, recht stark von der Phrase lossagt und zu Wirklichkeiten kommt. Denn derjenige, der an der Phrase haftet, der wird sich natürlich sagen: Nun, wer hat denn in den letzten Jahren die Freiheit mehr vertreten als die anglo-amerikanische Welt! — Selbstverständlich mit den Worten ungeheuer viel; aber es handelt sich darum, wie die Dinge in Wirklichkeit sind, nicht wie sie mit Worten vertreten werden.
[ 24 ] Sie wissen ja, daß hier immer wieder und wiederum hingewiesen werden mußte auf die Phraseologie des Wilsonismus. Diese Phraseologie des Wilsonismus ist in westlichen Ländern durch lange Zeit sehr verbreitet gewesen. Sie hat sogar vom Oktober 1918 an Mitteleuropa ergriffen. Da hat die Illusion nur nicht lange gedauert, aber es hat diese Phraseologie Mitteleuropa ergriffen. Hier mußte immer wieder darauf hingewiesen werden, und ich erinnere mich, wie immer eine kleine Bewegung entstand, wenn immer wieder und wieder durch die Jahre auf die Aussichtslosigkeit, auf die Leerheit und Abstraktheit dessen hingewiesen wurde, was sich an den Namen Woodrow Wilson knüpft. Aber jetzt fängt man an, wie es scheint, sogar in Amerika, diese Abstraktheit und Leerheit des Wilsonismus ein wenig zu durchschauen. Es hat sich hier nicht um eine Völkergegnerschaft gehandelt gegen Woodrow Wilson; es hat sich hier nicht gehandelt um einen Antagonismus, der aus Europa kam, es hat sich gehandelt um einen Antagonismus, welcher aus der Auffassung unserer Zivilisationskräfte hervorkam. Es hat sich darum gehandelt, den Wilsonismus zu charakterisieren als den Typus des abstrakten, des unwirklichsten menschlichen Denkens. Wilsonsches Denken ist dasjenige, das so einseitig gewirkt hat, weil es den amerikanischen Impuls in sich aufgenommen hat, ohne den Freiheitsimpuls wirklich zu haben — denn das Sprechen von Freiheit ist ja kein Beweis dafür, daß der Freiheitsimpuls wirklich da ist —, und ohne den Impuls eines wirklichen Altruismus zu haben.
[ 24 ] Sie wissen ja, daß hier immer wieder und wiederum hingewiesen werden mußte auf die Phraseologie des Wilsonismus. Diese Phraseologie des Wilsonismus ist in westlichen Ländern durch lange Zeit sehr verbreitet gewesen. Sie hat sogar vom Oktober 1918 an Mitteleuropa ergriffen. Da hat die Illusion nur nicht lange gedauert, aber es hat diese Phraseologie Mitteleuropa ergriffen. Hier mußte immer wieder darauf hingewiesen werden, und ich erinnere mich, wie immer eine kleine Bewegung entstand, wenn immer wieder und wieder durch die Jahre auf die Aussichtslosigkeit, auf die Leerheit und Abstraktheit dessen hingewiesen wurde, was sich an den Namen Woodrow Wilson knüpft. Aber jetzt fängt man an, wie es scheint, sogar in Amerika, diese Abstraktheit und Leerheit des Wilsonismus ein wenig zu durchschauen. Es hat sich hier nicht um eine Völkergegnerschaft gehandelt gegen Woodrow Wilson; es hat sich hier nicht gehandelt um einen Antagonismus, der aus Europa kam, es hat sich gehandelt um einen Antagonismus, welcher aus der Auffassung unserer Zivilisationskräfte hervorkam. Es hat sich darum gehandelt, den Wilsonismus zu charakterisieren als den Typus des abstrakten, des unwirklichsten menschlichen Denkens. Wilsonsches Denken ist dasjenige, das so einseitig gewirkt hat, weil es den amerikanischen Impuls in sich aufgenommen hat, ohne den Freiheitsimpuls wirklich zu haben — denn das Sprechen von Freiheit ist ja kein Beweis dafür, daß der Freiheitsimpuls wirklich da ist —, und ohne den Impuls eines wirklichen Altruismus zu haben.
[ 25 ] Dasjenige, was mitteleuropäisches Leben ist, liegt am Boden, ist mehr oder weniger in einen furchtbaren Schlaf versenkt. Gegenwärtig ist ja der Deutsche gedrängt, an Freiheit zu denken, nicht bloß so, wie phraseologisch schön über Freiheit gesprochen worden ist, als man unter Ludendorffs Unfreiheit geseufzt hat, sondern die Not bringt natürlich einiges Verständnis für die Freiheitsidee hervor, aber mit gelähmten Seelen und Körperkräften, mit der Unmöglichkeit, sich zu wirklichen intensiven Gedanken irgendwie aufzuraffen. Wir haben allerlei Versuche zu demokratischen Gebilden, allein wir haben in Deutschland keine Demokraten, wir haben eine Republik, aber kein Republikaner. Alles das ist eine Erscheinung, die in Mitteleuropa charakteristisch für das Europäertum ganz besonders hervortritt.
[ 25 ] Dasjenige, was mitteleuropäisches Leben ist, liegt am Boden, ist mehr oder weniger in einen furchtbaren Schlaf versenkt. Gegenwärtig ist ja der Deutsche gedrängt, an Freiheit zu denken, nicht bloß so, wie phraseologisch schön über Freiheit gesprochen worden ist, als man unter Ludendorffs Unfreiheit geseufzt hat, sondern die Not bringt natürlich einiges Verständnis für die Freiheitsidee hervor, aber mit gelähmten Seelen und Körperkräften, mit der Unmöglichkeit, sich zu wirklichen intensiven Gedanken irgendwie aufzuraffen. Wir haben allerlei Versuche zu demokratischen Gebilden, allein wir haben in Deutschland keine Demokraten, wir haben eine Republik, aber kein Republikaner. Alles das ist eine Erscheinung, die in Mitteleuropa charakteristisch für das Europäertum ganz besonders hervortritt.
[ 26 ] Und in Osteuropa: durch Jahrzehnte und Jahrzehnte hindurch wurde von dem Proletariat der ganzen Welt die Fruchtbarkeit des Marxismus gepriesen. Lenin und Trotzkij waren in der Lage, den Marxismus praktisch anzuwenden: er wird zum Raubbau an der Zivilisation, was gleichbedeutend ist mit dem Untergange der Zivilisation. Und diese Dinge stehen erst am Anfange.
[ 26 ] Und in Osteuropa: durch Jahrzehnte und Jahrzehnte hindurch wurde von dem Proletariat der ganzen Welt die Fruchtbarkeit des Marxismus gepriesen. Lenin und Trotzkij waren in der Lage, den Marxismus praktisch anzuwenden: er wird zum Raubbau an der Zivilisation, was gleichbedeutend ist mit dem Untergange der Zivilisation. Und diese Dinge stehen erst am Anfange.
[ 27 ] Es ist trotzdem das Talent vorhanden in Europa, die Freiheit ideell, spirituell zu begründen. Aber es muß sich dieses Europa in wirklichem Sinne ergänzen durch die Zusammenarbeit mit den anderen Völkern der Erde.
[ 27 ] Es ist trotzdem das Talent vorhanden in Europa, die Freiheit ideell, spirituell zu begründen. Aber es muß sich dieses Europa in wirklichem Sinne ergänzen durch die Zusammenarbeit mit den anderen Völkern der Erde.
[ 28 ] In Asien sehen wir, wie neuerdings aufleuchtet der alte asiatische Geist. Die geistig führenden Persönlichkeiten Asiens — Sie brauchen ja nur, worauf ich schon hingewiesen habe, das Beispiel des Rabindranath Tagore zu nehmen — zeigen durch die ganze Art, wie sie sprechen, daß der alte altruistische Geist durchaus nicht erstorben ist. Aber noch weniger als das in früheren Zeiten der Fall war, ist die Möglichkeit vorhanden, daß eine Zivilisation durch dieses Drittel der menschlichen Zivilisationsimpulse erreicht werde.
[ 28 ] In Asien sehen wir, wie neuerdings aufleuchtet der alte asiatische Geist. Die geistig führenden Persönlichkeiten Asiens — Sie brauchen ja nur, worauf ich schon hingewiesen habe, das Beispiel des Rabindranath Tagore zu nehmen — zeigen durch die ganze Art, wie sie sprechen, daß der alte altruistische Geist durchaus nicht erstorben ist. Aber noch weniger als das in früheren Zeiten der Fall war, ist die Möglichkeit vorhanden, daß eine Zivilisation durch dieses Drittel der menschlichen Zivilisationsimpulse erreicht werde.
[ 29 ] Von all diesem kommt es her, daß heute von so vielen Dingen geredet wird, die eigentlich der Niedergangskultur angehören, aber geredet wird so, als ob sie etwas darstellten, was wie ein Ideal wirken soll. Wir haben durch Jahre gehört, wie verkündet worden ist: Jedes Volk muß die Möglichkeit haben, nun, ich weiß schon nicht, wie zu leben — auf seine eigene Art oder so irgend etwas. — Nun frage ich Sie: Was ist denn für den heutigen Menschen, wenn er ehrlich und aufrichtig ist, ein Volk? Eine Phrase ist es in Wirklichkeit, es ist ja keine Realität. Man kann von einem Volk sprechen, wenn man von einem Volksgeist spricht in dem Sinne, wie das in der Anthroposophie geschieht, wenn eine Realität dahintersteckt, aber nicht, wenn man ein Abstraktum meint. Und ein Abstraktum meinen heute die Menschen, die von der Freiheit der Volkstümer und so weiter sprechen, denn sie glauben ja nicht an die Realität irgendeines Volkswesens. Darinnen liegt die tiefe innerliche Unwahrheit, der man heute huldigt, daß man nicht glaubt an die Realität des Volkswesens, aber von der Freiheit des Volkes redet, als ob das Volk für den heutigen materialistischen Menschen etwas wäre. Was ist das deutsche Volk? Neunzig Millionen Menschen, die man A plus A plus A zusammenzählen kann! Das ist kein in sich geschlossenes Volkswesen, an das die Menschen glauben. Und so mit den anderen Völkern. Und man redet von diesen Dingen, und man glaubt von Realitäten zu reden und lügt sich innerlichst an.
[ 29 ] Von all diesem kommt es her, daß heute von so vielen Dingen geredet wird, die eigentlich der Niedergangskultur angehören, aber geredet wird so, als ob sie etwas darstellten, was wie ein Ideal wirken soll. Wir haben durch Jahre gehört, wie verkündet worden ist: Jedes Volk muß die Möglichkeit haben, nun, ich weiß schon nicht, wie zu leben — auf seine eigene Art oder so irgend etwas. — Nun frage ich Sie: Was ist denn für den heutigen Menschen, wenn er ehrlich und aufrichtig ist, ein Volk? Eine Phrase ist es in Wirklichkeit, es ist ja keine Realität. Man kann von einem Volk sprechen, wenn man von einem Volksgeist spricht in dem Sinne, wie das in der Anthroposophie geschieht, wenn eine Realität dahintersteckt, aber nicht, wenn man ein Abstraktum meint. Und ein Abstraktum meinen heute die Menschen, die von der Freiheit der Volkstümer und so weiter sprechen, denn sie glauben ja nicht an die Realität irgendeines Volkswesens. Darinnen liegt die tiefe innerliche Unwahrheit, der man heute huldigt, daß man nicht glaubt an die Realität des Volkswesens, aber von der Freiheit des Volkes redet, als ob das Volk für den heutigen materialistischen Menschen etwas wäre. Was ist das deutsche Volk? Neunzig Millionen Menschen, die man A plus A plus A zusammenzählen kann! Das ist kein in sich geschlossenes Volkswesen, an das die Menschen glauben. Und so mit den anderen Völkern. Und man redet von diesen Dingen, und man glaubt von Realitäten zu reden und lügt sich innerlichst an.
[ 30 ] Dagegen sind es Realitäten, wenn man sagt: Anglo-amerikanisches Wesen: Streben nach Kosmogonie; europäisches Wesen: Streben nach Freiheit; asiatisches Wesen: Streben nach Altruismus. — Und nun müßte gesucht werden, diese drei Partialkräfte im Weltenbewußtsein zu erfassen, und aus diesem Weltenbewußtsein heraus sich zu sagen: Die alte Kultur, die aus dem Partiellen heraus strebt, muß untergehen, und sie halten wollen, heißt eigentlich, gegen seine Zeit und nicht mit seiner Zeit handeln. Wir brauchen eine neue Zivilisation auf den Trümmern des Alten. Die Trümmer des Alten werden immer kleiner und kleiner werden, und derjenige Mensch allein versteht die heutige Zeit, der den Willen und den Mut hat zu einem wirklich Neuen. Das Neue aber, das darf weder aus dem bloßen griechischen oder römischen Landbewußtsein, noch aber aus dem Erdenbewußtsein des neuzeitlichen Menschen, sondern muß hervorgehen aus dem Weltenbewußtsein des Zukunftsmenschen, aus jenem Weltenbewußtsein, das wiederum von der Erde hier hinweg aufblickt zu dem Kosmos. Aber wir müssen dahin kommen, diesen Kosmos so anzusehen, daß wir nicht bloß Kopernikanismus, Galileismus treiben. Die Europäer haben es verstanden, die Umgebung der Erde zu mathematisieren; aber sie haben es nicht verstanden, eine wirkliche Wissenschaft von der Umgebung der Erde zu erringen. Für seine Zeit war gewiß Giordano Bruno eine große Erscheinung, eine große Persönlichkeit; aber heute brauchen wir das Bewußtsein, daß da, wo er nur mathematische Ordnung gesehen hat, spirituelle Ordnung herrscht, Wirklichkeit herrscht. Der Amerikaner glaubt in Wirklichkeit nicht an die bloß mathematische Welt, an den bloß mathematischen Kosmos. Er strebt aus seiner Zivilisation heraus nach einem Wissen von übersinnlichen Kräften, wenn er auch noch auf falschem Wege ist. Man hat verstanden, in Europa allerlei Wissen zu treiben. Aber als Goethe in seiner Art die Frage gestellt hat: Was ist Wissenschaft? — war nicht weiterzukommen; denn es konnte dieses Europa nicht die Möglichkeit gewinnen, dasjenige, was man erforschen kann, sagen wir über den Menschen, zur Kosmogonie zu erweitern. Goethe hat die Metamorphose gefunden: die Metamorphose der Pflanzen, die Metamorphose der Tiere, die Metamorphose des Menschen. Das Haupt in seinem Knochensystem, es ist ein umgewandeltes Rückgrat und Rückenmark. Das alles ist schön. Aber das alles muß ausgebildet werden zu einem Bewußtsein davon, daß dieses Haupt der umgestaltete Mensch der vorigen Inkarnation ist, und daß der Gliedmaßenmensch die Vorbereitung der nächstfolgenden Inkarnation ist. Kosmisch muß die wirkliche Wissenschaft sein, sonst ist sie keine Wissenschaft. Kosmisch, eine Kosmogonie muß die Wissenschaft sein, sonst ist diese Wissenschaft nicht etwas, was innerliche menschliche Impulse gibt, was den Menschen trägt durchs Leben. Der Mensch der neueren Zeit kann nicht instinktiv leben; er muß bewußt leben. Er braucht eine Kosmogonie, und er braucht eine wirkliche Freiheit. Er braucht nicht bloß ein Herumreden über die Freiheit, er braucht nicht bloß alles dasjenige, was die Phraseologie der Freiheit ist; er braucht ein wirkliches Einleben der Freiheit in das unmittelbare Dasein. Das kann man nur auf den Wegen, die zum ethischen Individualismus führen.
[ 30 ] Dagegen sind es Realitäten, wenn man sagt: Anglo-amerikanisches Wesen: Streben nach Kosmogonie; europäisches Wesen: Streben nach Freiheit; asiatisches Wesen: Streben nach Altruismus. — Und nun müßte gesucht werden, diese drei Partialkräfte im Weltenbewußtsein zu erfassen, und aus diesem Weltenbewußtsein heraus sich zu sagen: Die alte Kultur, die aus dem Partiellen heraus strebt, muß untergehen, und sie halten wollen, heißt eigentlich, gegen seine Zeit und nicht mit seiner Zeit handeln. Wir brauchen eine neue Zivilisation auf den Trümmern des Alten. Die Trümmer des Alten werden immer kleiner und kleiner werden, und derjenige Mensch allein versteht die heutige Zeit, der den Willen und den Mut hat zu einem wirklich Neuen. Das Neue aber, das darf weder aus dem bloßen griechischen oder römischen Landbewußtsein, noch aber aus dem Erdenbewußtsein des neuzeitlichen Menschen, sondern muß hervorgehen aus dem Weltenbewußtsein des Zukunftsmenschen, aus jenem Weltenbewußtsein, das wiederum von der Erde hier hinweg aufblickt zu dem Kosmos. Aber wir müssen dahin kommen, diesen Kosmos so anzusehen, daß wir nicht bloß Kopernikanismus, Galileismus treiben. Die Europäer haben es verstanden, die Umgebung der Erde zu mathematisieren; aber sie haben es nicht verstanden, eine wirkliche Wissenschaft von der Umgebung der Erde zu erringen. Für seine Zeit war gewiß Giordano Bruno eine große Erscheinung, eine große Persönlichkeit; aber heute brauchen wir das Bewußtsein, daß da, wo er nur mathematische Ordnung gesehen hat, spirituelle Ordnung herrscht, Wirklichkeit herrscht. Der Amerikaner glaubt in Wirklichkeit nicht an die bloß mathematische Welt, an den bloß mathematischen Kosmos. Er strebt aus seiner Zivilisation heraus nach einem Wissen von übersinnlichen Kräften, wenn er auch noch auf falschem Wege ist. Man hat verstanden, in Europa allerlei Wissen zu treiben. Aber als Goethe in seiner Art die Frage gestellt hat: Was ist Wissenschaft? — war nicht weiterzukommen; denn es konnte dieses Europa nicht die Möglichkeit gewinnen, dasjenige, was man erforschen kann, sagen wir über den Menschen, zur Kosmogonie zu erweitern. Goethe hat die Metamorphose gefunden: die Metamorphose der Pflanzen, die Metamorphose der Tiere, die Metamorphose des Menschen. Das Haupt in seinem Knochensystem, es ist ein umgewandeltes Rückgrat und Rückenmark. Das alles ist schön. Aber das alles muß ausgebildet werden zu einem Bewußtsein davon, daß dieses Haupt der umgestaltete Mensch der vorigen Inkarnation ist, und daß der Gliedmaßenmensch die Vorbereitung der nächstfolgenden Inkarnation ist. Kosmisch muß die wirkliche Wissenschaft sein, sonst ist sie keine Wissenschaft. Kosmisch, eine Kosmogonie muß die Wissenschaft sein, sonst ist diese Wissenschaft nicht etwas, was innerliche menschliche Impulse gibt, was den Menschen trägt durchs Leben. Der Mensch der neueren Zeit kann nicht instinktiv leben; er muß bewußt leben. Er braucht eine Kosmogonie, und er braucht eine wirkliche Freiheit. Er braucht nicht bloß ein Herumreden über die Freiheit, er braucht nicht bloß alles dasjenige, was die Phraseologie der Freiheit ist; er braucht ein wirkliches Einleben der Freiheit in das unmittelbare Dasein. Das kann man nur auf den Wegen, die zum ethischen Individualismus führen.
[ 31 ] Und da ist es natürlich charakteristisch, daß in dem Augenblicke, wo erschienen war meine «Philosophie der Freiheit», Eduard von Hartmann, der eines der ersten Exemplare dieses Buches bekommen hat, mir schrieb, das Buch sollte nicht heißen: «Philosophie der Freiheit», sondern «Erkenntnistheoretische Phänomenologie und ethischer Individualismus». Schön; es wäre ein langatmiger Titel gewesen, aber es wäre nicht schlimm gewesen, wenn es ethischer Individualismus geheißen hätte; denn ethischer Individualismus ist nichts als die persönliche Verwirklichung der Freiheit. Die besten Menschen verstanden eben durchaus nicht, daß aus den Impulsen der Zeit heraus so etwas gefordert wurde, wie es in diesem Buch «Die Philosophie der Freiheit» steht.
[ 31 ] Und da ist es natürlich charakteristisch, daß in dem Augenblicke, wo erschienen war meine «Philosophie der Freiheit», Eduard von Hartmann, der eines der ersten Exemplare dieses Buches bekommen hat, mir schrieb, das Buch sollte nicht heißen: «Philosophie der Freiheit», sondern «Erkenntnistheoretische Phänomenologie und ethischer Individualismus». Schön; es wäre ein langatmiger Titel gewesen, aber es wäre nicht schlimm gewesen, wenn es ethischer Individualismus geheißen hätte; denn ethischer Individualismus ist nichts als die persönliche Verwirklichung der Freiheit. Die besten Menschen verstanden eben durchaus nicht, daß aus den Impulsen der Zeit heraus so etwas gefordert wurde, wie es in diesem Buch «Die Philosophie der Freiheit» steht.
[ 32 ] Und sehen wir nach Asien hinüber: Asien und Europa müssen sich verstehen lernen, und Asien und Amerika müssen sich auch verstehen lernen. — Aber wenn es so fortgeht, wie es schon gegangen ist, so werden diese sich nie verstehen. Die Asiaten sehen nach Amerika, sehen, daß da eigentlich nur ein Mechanismus vorhanden ist des äußeren Lebens, des Staates, der Politik und so weiter. Der Asiate hat nicht Sinn für diese Mechanismen, der Asiate hat nur Sinn für dasjenige, was aus den Impulsen des Innersten der menschlichen Seele kommt. Und die Europäer haben sich ja auch etwas befaßt mit demjenigen, was asiatischer Geist, asiatische Spiritualität ist, aber man kann sagen: Mit großem Verständnisse eigentlich bis jetzt doch nicht! Sie sind ja auch nicht recht einig geworden, und an der Art, wie sie uneinig gewesen sind, konnte man sehen, daß sie eigentlich nicht gerade mit Verständnis dasjenige in die europäische Kultur hereinzutragen wußten, was wirkliche Impulse der asiatischen Kultur sind. Denken Sie nur an die Blavatsky : Sie hat allerlei aus indischer, tibetanischer Kultur in die europäische Kultur hereintragen wollen; vieles ist anfechtbar, was sie hereinzutragen versuchte. Max Müller hat auf eine andere Weise asiatische Kultur nach Europa hereinzutragen versucht. Manches findet sich bei der Blavatsky, was bei Max Müller fehlt; manches steht bei Max Müller, was bei der Blavatsky fehlt. Allein an dem Urteil, das Max Müller über die Blavatsky gefällt hat, ist auch gut zu sehen, wie wenig man da auf die Sache eingegangen ist. Max Müller hat geglaubt, daß die Blavatsky nicht einen wirklichen indischen Geistesinhalt nach Europa gebracht hat, sondern eine Imitation, und das beurteilte er durch ein Bild, indem er sagte: Wenn die Leute ein Schwein sehen würden, das bloß grunzt, dann würden sie darüber nicht verwundert sein; aber wenn sie ein Schwein sehen würden, das so spricht wie ein Mensch, dann würden sie darüber verwundert sein. — Nun, so wie Max Müller das Bild gebraucht hat, so konnte er nur meinen, daß er mit seiner asiatischen Kultur grunzt wie ein Schwein, und in bezug auf Blavatsky meint er, es sei, wie wenn ein Schwein anfangen würde, wie ein Mensch zu sprechen. Mir scheint, daß es allerdings nicht hervorragend interessant ist, wenn ein Schwein grunzt, daß es aber schon einiges Interesse erwecken würde, wenn ein Schwein plötzlich herumlaufen und sprechen würde wie ein Mensch. Also das Bild zeigt schon, daß man eigentlich nach einem Vergleich gesucht hat, der gar sehr in der Phrase schwebt. Aber auf das geben die Menschen heute nicht acht, und wenn man wirklich ungeniert das Lächerliche einer solchen Sache hervorhebt, dann finden die Leute, daß man das nicht tun soll gegenüber einer, wie man sagt, anerkannten Autorität wie Max Müller; das schickt sich nämlich nicht. Aber das ist es gerade, daß sich die Zeit herangenaht hat, in der wir durchaus ehrlich und aufrichtig sprechen müssen. Dieses ehrliche und aufrichtige Sprechen, das macht notwendig, daß wir ungeschminkt solche Dinge, die die Zivilisationsgeheimnisse der Gegenwart sind, hinstellen: Anglo-Amerikanertum hat das Talent zur Kosmogonie; Europa hat das Talent zur Freiheit; Asien hat das Talent zum Altruismus, zur Religion, zu einer sozialökonomischen Ordnung.
[ 32 ] Und sehen wir nach Asien hinüber: Asien und Europa müssen sich verstehen lernen, und Asien und Amerika müssen sich auch verstehen lernen. — Aber wenn es so fortgeht, wie es schon gegangen ist, so werden diese sich nie verstehen. Die Asiaten sehen nach Amerika, sehen, daß da eigentlich nur ein Mechanismus vorhanden ist des äußeren Lebens, des Staates, der Politik und so weiter. Der Asiate hat nicht Sinn für diese Mechanismen, der Asiate hat nur Sinn für dasjenige, was aus den Impulsen des Innersten der menschlichen Seele kommt. Und die Europäer haben sich ja auch etwas befaßt mit demjenigen, was asiatischer Geist, asiatische Spiritualität ist, aber man kann sagen: Mit großem Verständnisse eigentlich bis jetzt doch nicht! Sie sind ja auch nicht recht einig geworden, und an der Art, wie sie uneinig gewesen sind, konnte man sehen, daß sie eigentlich nicht gerade mit Verständnis dasjenige in die europäische Kultur hereinzutragen wußten, was wirkliche Impulse der asiatischen Kultur sind. Denken Sie nur an die Blavatsky : Sie hat allerlei aus indischer, tibetanischer Kultur in die europäische Kultur hereintragen wollen; vieles ist anfechtbar, was sie hereinzutragen versuchte. Max Müller hat auf eine andere Weise asiatische Kultur nach Europa hereinzutragen versucht. Manches findet sich bei der Blavatsky, was bei Max Müller fehlt; manches steht bei Max Müller, was bei der Blavatsky fehlt. Allein an dem Urteil, das Max Müller über die Blavatsky gefällt hat, ist auch gut zu sehen, wie wenig man da auf die Sache eingegangen ist. Max Müller hat geglaubt, daß die Blavatsky nicht einen wirklichen indischen Geistesinhalt nach Europa gebracht hat, sondern eine Imitation, und das beurteilte er durch ein Bild, indem er sagte: Wenn die Leute ein Schwein sehen würden, das bloß grunzt, dann würden sie darüber nicht verwundert sein; aber wenn sie ein Schwein sehen würden, das so spricht wie ein Mensch, dann würden sie darüber verwundert sein. — Nun, so wie Max Müller das Bild gebraucht hat, so konnte er nur meinen, daß er mit seiner asiatischen Kultur grunzt wie ein Schwein, und in bezug auf Blavatsky meint er, es sei, wie wenn ein Schwein anfangen würde, wie ein Mensch zu sprechen. Mir scheint, daß es allerdings nicht hervorragend interessant ist, wenn ein Schwein grunzt, daß es aber schon einiges Interesse erwecken würde, wenn ein Schwein plötzlich herumlaufen und sprechen würde wie ein Mensch. Also das Bild zeigt schon, daß man eigentlich nach einem Vergleich gesucht hat, der gar sehr in der Phrase schwebt. Aber auf das geben die Menschen heute nicht acht, und wenn man wirklich ungeniert das Lächerliche einer solchen Sache hervorhebt, dann finden die Leute, daß man das nicht tun soll gegenüber einer, wie man sagt, anerkannten Autorität wie Max Müller; das schickt sich nämlich nicht. Aber das ist es gerade, daß sich die Zeit herangenaht hat, in der wir durchaus ehrlich und aufrichtig sprechen müssen. Dieses ehrliche und aufrichtige Sprechen, das macht notwendig, daß wir ungeschminkt solche Dinge, die die Zivilisationsgeheimnisse der Gegenwart sind, hinstellen: Anglo-Amerikanertum hat das Talent zur Kosmogonie; Europa hat das Talent zur Freiheit; Asien hat das Talent zum Altruismus, zur Religion, zu einer sozialökonomischen Ordnung.
[ 33 ] Diese drei Gesinnungen müssen für die ganze Menschheit verschmelzen. Weltenmenschen müssen wir werden und vom Standpunkte des Weltenmenschen aus wirken. Dann kann einstmals dasjenige kommen, was die Zeit wirklich fordert.
[ 33 ] Diese drei Gesinnungen müssen für die ganze Menschheit verschmelzen. Weltenmenschen müssen wir werden und vom Standpunkte des Weltenmenschen aus wirken. Dann kann einstmals dasjenige kommen, was die Zeit wirklich fordert.
