The Inner Aspect of the Social Enigma
A Luciferic Past and an Ahrimanic Future
GA 193
9 March 1919, Zurich
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The Inner Aspect of the Social Enigma, tr. SOL
Vierter Vortrag
Fourth Lecture
[ 1 ] Es ist wirklich recht bedeutungsvoll, in welcher Weise heute einige derjenigen Menschen über die gegenwärtige Menschenlage zu sprechen sich gedrängt fühlen, die mit ihren Gefühlen und Empfindungen wenigstens versuchen zu durchschauen, wie gegenwärtig die sozialen Dinge in der Welt stehen. Mit Bezug auf dieses Bedeutungsvolle möchte ich heute ausgehen von einigen Sätzen in der Rede, die kurz vor seinem Tode Kurt Eisner in einer Versammlung von Basler Studenten gehalten hat. Vielleicht kennen einige von Ihnen diese Sätze schon, aber sie sind außerordentlich bedeutungsvoll, wenn man gewisse Dinge heute symptomatisch ins Auge fassen will. «Höre ich nicht», sagt er, auf früher Ausgesprochenes anspielend, «oder sehe ich doch klar, daß tief in unserem Leben jene Sehnsucht lebt und nach Leben drängt, die erkennt, daß unser Leben, wie wir's heute leben müssen, doch nur die deutliche Erfindung irgendeines bösen Geistes ist. Stellen Sie sich einen großen Denker vor, der nichts von unserer Zeit wüßte und der ungefähr vor zweitausend Jahren gelebt und geträumt hätte, wie etwa in zweitausend Jahren die Welt aussehen würde, er hätte nicht mit blühendster Phantasie wohl eine Welt sich ausdenken können wie die, in der wir zu leben verurteilt sind. Das Bestehende ist doch in Wahrheit die einzige Utopie in der Welt, und das, was wir wollen, was als Sehnsucht in unserem Geiste lebt, ist die tiefste und letzte Wirklichkeit, und alles andere ist schauderbar. Wir verwechseln nur Traum und Wachen. Diesen alten Traum unseres heutigen sozialen Daseins abzuschütteln, ist unsere Aufgabe. Ein Blick in den Krieg: Läßt sich eine menschliche Vernunft denken, die dergleichen ersinnen könnte? Wenn dieser Krieg nicht das gewesen ist, was man wirklich nennt, so haben wir vielleicht geträumt, und wir wachen nun.» Also denken Sie, dieser Mann hatte nötig, um den Versuch zu machen, die Gegenwart zu verstehen, zu dem Begriff des Traumes seine Zuflucht zu nehmen, sich die Frage vorzulegen: Kann man denn dasjenige, was uns jetzt wirklich umgibt, nicht viel mehr einen bösen Traum nennen als eine wahre Wirklichkeit?
[ 1 ] It is truly significant to observe the way in which some people—those who, through their feelings and sensibilities, at least attempt to gain insight into the current state of social affairs in the world—feel compelled today to speak about the present human condition. With regard to this significance, I would like to begin today with a few sentences from the speech Kurt Eisner gave to a gathering of Basel students shortly before his death. Perhaps some of you are already familiar with these sentences, but they are extraordinarily significant if one wishes to view certain things today in a symptomatic light. “Do I not hear,” he says, alluding to what he had said earlier, “or do I not see clearly that deep within our lives there lives that longing, striving for life, which recognizes that our life—as we must live it today—is nothing but the clear invention of some evil spirit? Imagine a great thinker who knew nothing of our time and who, say, two thousand years ago, had lived and dreamed of what the world might look like in two thousand years—even with the most vivid imagination, he could hardly have conceived of a world like the one in which we are condemned to live. In truth, the present reality is the only utopia in the world, and what we desire—what lives as a longing in our minds—is the deepest and ultimate reality; everything else is horrifying. We are merely confusing dreams with wakefulness. Our task is to shake off this old dream of our present social existence. A look at the war: Is it possible to conceive of a human reason that could devise such a thing? If this war was not what is truly called a war, then perhaps we were dreaming, and we are now awake.” So you think this man felt compelled, in his attempt to understand the present, to take refuge in the concept of a dream, to ask himself the question: Can’t what truly surrounds us now be called a bad dream rather than true reality?
[ 2 ] Es tritt der merkwürdige Fall ein — bedenken Sie nur das ganz Charakteristische dieses Falles —, daß ein ganz moderner Mensch, ein Mensch, der sich selbst als Herold einer neuen Zeit fühlt, nicht im allgemeinen die äußere, sinnliche Wirklichkeit als eine Maja, als einen Traum, ansieht — wie etwa die indische Weltanschauung das tut, sondern daß ein solcher moderner Geist sich gezwungen fühlt, durch die besonderen Ereignisse der Gegenwart, die Frage, in welchem Sinne es auch sein mag, aber immerhin die Frage aufzuwerfen, ob nicht diese Wirklichkeit eigentlich geträumt sei! Man muß doch aus dem ganzen Zusammenhang der Rede Eisners entnehmen, daß er mehr als eine bloße Phrase sagen wollte, als er den Satz aussprach, daß diese gegenwärtige Wirklichkeit nichts anderes sein kann als etwas, was über die Menschheit gebracht worden ist durch einen bösen Geist.
[ 2 ] A curious situation arises—just consider what is so characteristic about this situation—in which a thoroughly modern person, someone who sees himself as the herald of a new era, does not generally regard external, sensory reality as a maya, a dream—as, for example, the Indian worldview does—but that such a modern mind feels compelled, by the particular events of the present, to raise the question—in whatever sense that may be—but the question nonetheless: Is this reality not, in fact, a dream? One must surely infer from the overall context of Eisner’s speech that he intended to say more than a mere platitude when he uttered the sentence that this present reality can be nothing other than something brought upon humanity by an evil spirit.
[ 3 ] Nun, nehmen wir mancherlei von dem, was im Verlauf unserer anthroposophischen Bemühungen durch unsere Seele gezogen ist, nehmen wir vor allen Dingen die Tatsache, daß wir im allgemeinen den Versuch machen, die äußere, sinnliche Wirklichkeit nicht als die ganze Wirklichkeit anzusehen, und dieser äußeren sinnlichen Wirklichkeit gegenüberzustellen die übersinnliche, die erst diese sinnliche Wirklichkeit zur wahren, zur vollkommenen Wirklichkeit abschließt. Aber bedenken wir gegenüber dieser Anschauung, die eigentlich nur ein kleines Fünklein in den Gedankenströmungen des gegenwärtigen Zeitalters ist, während materialistisches Denken dieses gegenwärtige Zeitalter in weitem Umfange ausfüllt, daß auf der anderen Seite gerade solch ein Mann wie Kurt Eisner — der von seinem Standpunkte aus ganz gewiß nichts hält, wenigstens in seinem physischen Leben nichts von diesem kleinen Fünklein gehalten hat —, wie gebändigt durch die Tatsachen der Gegenwart zu keinem anderen Vergleich greifen kann als zu dem, die äußere Wirklichkeit, wie sie wenigstens gegenwärtig vorliegt, sei ein Traum. Also wenigstens der gegenwärtigen Wirklichkeit gegenüber muß solch ein Mann ein Geständnis ablegen, das sich nur ausdrücken läßt durch einen Vergleich mit der allgemeinen Wahrheit von dem Majacharakter, von dem Charakter der Unwirklichkeit der bloß äußeren, sinnlichen Wirklichkeit.
[ 3 ] Well, let us take various aspects of what has passed through our souls in the course of our anthroposophical endeavors; let us take, above all, the fact that we generally attempt not to regard external, sensory reality as the whole of reality, but to set this external, sensory reality in contrast to the supersensory reality, which alone completes this sensory reality into true, perfect reality. But let us consider, in contrast to this view—which is actually only a tiny spark in the currents of thought of the present age, while materialistic thinking fills this present age to a great extent—that, on the other hand, a man precisely like Kurt Eisner—who, from his standpoint, certainly thinks nothing of this tiny spark, or at least did not think anything of it during his physical life— as if constrained by the facts of the present, can draw no other comparison than that external reality, at least as it currently exists, is a dream. Thus, at least in the face of present reality, such a man must make a confession that can only be expressed through a comparison with the general truth of the illusory nature—the nature of unreality—of mere external, sensory reality.
[ 4 ] Wollen wir einmal manches von dem, was durch unsere Betrachtungen auch der sozialen Frage in den letzten Wochen durch unsere Seele gezogen ist, nun auch etwas tiefer betrachten. Wollen wir doch unser Augenmerk darauf richten, wie die Entwicklung der letzten Jahrhunderte sich so gestaltet hat, daß die Menschen immer mehr und mehr zum Ableugnen der eigentlichen geistigen oder übersinnlichen Welt gekommen sind, daß sie in weitestem Umfange sich, man möchte sagen, gewissermaßen einsetzen für dieses Ableugnen der übersinnlichen Welt. Gewiß, es wird von gewissen Seiten aus — das werden Sie einwenden können — noch viel über die übersinnliche Welt gesprochen. Die Kirchen sind noch immer reichlich, wenn vielleicht auch nicht gefüllt, so doch wenigstens von Worten, die vom Geiste künden sollen, durchhallt. Schließlich konnte man heute und auch gestern abend fast die ganze Zeit über auch hier die Glocken läuten hören, die auch ein Ausdruck sein sollen für dasjenige, was sich als Geistesleben in der Welt geltend macht. Aber daneben erleben wir doch auch etwas anderes. Wir erleben, daß, wenn heute in der unmittelbaren Gegenwart der Versuch gemacht wird, auf den Christus hinzuhören, was Er für die Gegenwart sagt, dann sich gerade die Bekenner der alten Religionsgemeinschaften am allerheftigsten gegen ein solches Wort des Geistes wenden. Wirkliches Geistesleben, nicht bloß ein solches, das auf den Glauben einer alten Tradition geht, sondern das auf die unmittelbare Geistesproduktion der Gegenwart geht, wollen doch heute recht, recht wenige Menschen.
[ 4 ] Let us now take a closer look at some of the thoughts that have stirred our souls in recent weeks as we have reflected on the social question. Let us turn our attention to how developments over the past few centuries have led people to deny the actual spiritual or supersensible world more and more, to the point where, to a very large extent, they are—one might say—in a sense actively engaged in this denial of the supersensible world. Certainly, you might object that from certain quarters there is still much talk about the supersensible world. The churches are still abundantly filled—if perhaps not with people, then at least with words intended to proclaim the Spirit. After all, here too, almost the entire time today and also last night, one could hear the bells ringing, which are also meant to be an expression of what asserts itself as spiritual life in the world. But alongside this, we also experience something else. We are experiencing that when an attempt is made today, in the immediate present, to listen to Christ and hear what He has to say for our time, it is precisely the adherents of the old religious communities who turn most vehemently against such a word of the Spirit. Very, very few people today want a genuine spiritual life—not merely one based on the faith of an ancient tradition, but one rooted in the immediate spiritual creativity of the present.
[ 5 ] Ist es demgegenüber nicht eigentlich doch so, als wenn vielleicht nicht von einem bösen Weltengeiste, aber von einem guten Weltengeiste aus diese moderne Menschheit gezwungen werden sollte, an die Geistigkeit des Daseins dadurch wiederum zu denken, daß einmal über diese moderne Menschheit eine solche äußere sinnliche Wirklichkeit verhängt worden ist, von der ein so moderner Geist sagen muß, sie nähme sich aus wie ein Traum, und selbst ein großer Denker vor zweitausend Jahren hätte nicht auszudenken vermocht dasjenige, was heute eine scheinbare äußere Wirklichkeit geworden ist?
[ 5 ] Is it not, in contrast, actually the case that—perhaps not by an evil world spirit, but by a good world spirit—modern humanity is being compelled to reflect once more on the spiritual nature of existence, precisely because such an external, sensory reality has been imposed upon modern humanity that a modern mind must say seems like a dream, and even a great thinker two thousand years ago would not have been able to conceive of what has today become an apparent external reality?
[ 6 ] Jedenfalls zwingt ein solches Bekenntnis eines modernen Geistes dazu, noch andere Vorstellungen über die Wirklichkeit sich zu bilden, als heute gangbar sind. Ich weiß, daß eine große Anzahl unserer anthroposophischen Freunde gerade diese Vorstellungen von der wahren Wirklichkeit, auf die ich heute als wichtige hingewiesen habe, etwas schwer gefunden hat. Aber man kommt heute nicht aus mit dem Leben, wenn man nicht den guten Willen hat, sich zu solchen schweren Vorstellungen zu wenden. Wie denken denn auf einem gewissen Gebiete heute die Leute? Sie bekommen einen Kristall in die Hand: das ist ein wirklicher Gegenstand. Sie bekommen eine Rose in die Hand, die vom Rosenstock abgepflückt ist, und sie sagen auch, das ist ein wirklicher Gegenstand. Beides nennen sie in gleichem Sinne einen wirklichen Gegenstand. Aber sind beide Gegenstände in gleichem Sinne wirklich? Die Naturforscher auf allen Lehrkanzeln und in allen Laboratorien und Kliniken reden so über die Wirklichkeit, indem sie nur dasjenige wirklich nennen, was in gleichem Sinne wirklich ist wie der Kristall und wie die Rose, die vom Rosenstock abgepflückt ist. Aber ist denn nicht ein beträchtlicher, gewaltiger Unterschied dadurch da, daß der Kristall durch lange Zeiten hin die Formen durch sich selbst beibehält, die er hat? Die Rose wird nach verhältnismäßig kurzer Zeit, wenn sie vom Rosenstock abgepflückt ist, ihre Form verlieren, sie stirbt ab. Sie hat nicht in sich denselben Grad von Wirklichkeit, den der Kristall in sich hat. Und selbst der Rosenstock, wenn wir ihn aus der Erde herausreißen, hat nicht mehr denselben Grad von Wirklichkeit, den er hat, wenn er in der Erde drinnen ist. Das leitet uns an, die Dinge in der Welt doch anders zu betrachten, als es die heutige äußerliche Betrachtungsweise tut. Wir dürfen nicht von Wirklichkeit sprechen, wenn wir von einer Rose oder von einem Rosenstock sprechen. Wir dürfen höchstens von Wirklichkeit sprechen, indem wir die ganze Erde ins Auge fassen; und den Rosenstock wie auch jede Pflanze darauf wie ein aus dieser Wirklichkeit herauswachsendes Haar.
[ 6 ] In any case, such a commitment to a modern spirit compels us to form conceptions of reality that differ from those currently in vogue. I know that a large number of our anthroposophical friends have found these very conceptions of true reality—which I have highlighted today as important—somewhat difficult to grasp. But one cannot get by in life today without the willingness to turn to such challenging concepts. How do people think in a certain area today? They are handed a crystal: that is a real object. They are handed a rose plucked from the rosebush, and they also say that is a real object. They call both “real objects” in the same sense. But are both objects “real” in the same sense? Natural scientists in all lecture halls, laboratories, and clinics speak of reality in this way, calling “real” only that which is real in the same sense as the crystal and as the rose plucked from the rosebush. But isn’t there a considerable, enormous difference in that the crystal retains the forms it possesses through itself over long periods of time? The rose, once plucked from the rosebush, will lose its form after a relatively short time; it withers away. It does not possess within itself the same degree of reality that the crystal possesses. And even the rosebush, when we tear it out of the ground, no longer possesses the same degree of reality that it has when it is in the ground. This leads us to view things in the world differently than today’s superficial approach does. We must not speak of reality when we speak of a rose or a rosebush. At most, we may speak of reality by taking the entire earth into account; and the rosebush, as well as every plant on it, as a hair growing out of this reality.
[ 7 ] Sie sehen daraus, es kann in der äußeren, sinnlichen Wirklichkeit Dinge geben, die nicht im wahren Sinne des Wortes, wenn sie von ihrer Grundlage entfernt sind, noch wirklich sind. Das heißt, wir müssen in der scheinbaren äußeren Wirklichkeit, in dieser groRen Täuschung erst nach den wahren Wirklichkeiten suchen. Die Menschheit, sie macht heute schon bei der Naturbetrachtung solche Fehler in bezug auf die Wirklichkeit. Aber wer solche Fehler in bezug auf die Wirklichkeit macht und sich im Laufe von langen Jahrhunderten daran gewöhnt hat, sie zu machen, wie die heutige Menschheit, der wird außerordentlich schwer zu einem wirklichkeitsgemäßen sozialen Denken kommen. Denn sehen Sie, das ist der große Unterschied des menschlichen Lebens von der Natur, daß die Natur dasjenige absterben läßt, was nicht mehr seine volle Wirklichkeit hat: die vom Rosenstock abgepflückte Rose. Einen äußeren Schein von Wirklichkeit kann auch etwas haben, was keine Wirklichkeit ist, was für sich eine Lüge ist. So etwas, was für sich keine Wirklichkeit hat, können wir aber im sozialen Leben wie eine Wirklichkeit realisieren. Dann braucht es nicht gleich abzusterben, aber es wird allmählich zum Schmerz und zur Qual der Menschheit, während nur dasjenige zum Heile der Menschheit ausschlagen kann, was aus einer ganzen Wirklichkeit heraus empfunden, gedacht und dem menschlichen sozialen Organismus eingepflanzt ist. Es ist nicht bloß eine Sünde wider die soziale Ordnung, sondern es ist eine Sünde wider die Wahrheit selbst, wenn zum Beispiel unsere heutige Lebensauffassung noch davon ausgeht, daß menschliche Arbeitskraft — ich habe das jetzt öfter hier gesagt — eine Ware sein kann. Man kann sie in der äußeren scheinbaren Wirklichkeit dazu machen, aber eine solche äußere scheinbare Wirklichkeit wird dann zum Schmerz, zum Leid der menschlichen sozialen Ordnung und gibt den Anlaß zu den Erschütterungen, zu den Revolutionen des gesellschaftlichen Organismus.
[ 7 ] You can see from this that there may be things in external, sensory reality that, when removed from their foundation, are no longer real in the true sense of the word. This means that we must first search for true realities within apparent external reality—within this great illusion. Humanity today already makes such mistakes regarding reality when observing nature. But those who make such mistakes regarding reality and have become accustomed to making them over the course of many centuries—as humanity has today—will find it extremely difficult to arrive at a social way of thinking that corresponds to reality. For you see, this is the great difference between human life and nature: nature allows that which no longer possesses its full reality to wither away—the rose plucked from the rosebush. Even something that is not reality—something that is, in itself, a lie—can possess an outward appearance of reality. Yet we can realize such a thing—which has no reality in itself—as if it were real in social life. Then it need not die off immediately, but it gradually becomes a source of pain and torment for humanity, whereas only that which is felt and thought out of a full reality and implanted into the human social organism can blossom into the salvation of humanity. It is not merely a sin against the social order, but a sin against truth itself, when, for example, our current view of life still assumes—as I have said here on several occasions—that human labor can be a commodity. One can make it so in the outward, apparent reality, but such an outward, apparent reality then becomes a source of pain and suffering for the human social order and gives rise to upheavals and revolutions within the social organism.
[ 8 ] Kurz, dasjenige, was die Menschheit gegenwärtig nötig hat in ihre Denkgewohnheiten aufzunehmen, ist, daß nicht alles, was in der äußeren scheinbaren Wirklichkeit sich offenbart, so wie es sich innerhalb gewisser Grenzen offenbart, auch eine wahre Wirklichkeit zu sein braucht, sondern eine Lebenslüge sein kann. Und dieser Unterschied der Lebenswahrheit und der Lebenslüge ist es, der sich ganz tief in das Gemüt des heutigen Menschen eingraben sollte. Denn in je mehr Menschen sich dieser Unterschied ganz tief eingräbt, in je mehr Menschen das Gefühl erwacht, man muß nach dem suchen, was keine Lebenslüge, sondern was eine Lebenswahrheit ist, um so eher werden wir zu einer Gesundung des sozialen Organismus kommen können. Was muß aber dazu eintreten?
[ 8 ] In short, what humanity currently needs to incorporate into its way of thinking is the realization that not everything that manifests itself in outward, apparent reality—as it does within certain limits—necessarily constitutes true reality; rather, it may be a “life lie.” And it is this distinction between the truth of life and the lie of life that should become deeply ingrained in the minds of people today. For the more deeply this distinction becomes ingrained in people, the more the feeling awakens in them that one must seek not what is a lie of life, but what is the truth of life—the sooner we will be able to achieve a healing of the social organism. But what must happen for this to occur?
[ 9 ] Ohne weiteres werden Sie ja nicht zu der Erkenntnis von der wahren oder nur scheinbaren Wirklichkeit eines äußeren Gegenstandes kommen können. Denken Sie sich, es würde ein Wesen von einem Planeten kommen, auf dem die Verhältnisse nicht so lägen wie auf unserer Erde, so daß das Wesen niemals den Unterschied bemerkt hätte zwischen einer Rose, die auf einem Rosenstock wächst, und einem Kristall, so könnte ein solches Wesen, wenn man ihm nebeneinandergelegt nun einen Kristall und eine Rose darböte, glauben, die beiden wären von gleicher Wirklichkeit. Und es könnte dann nur überrascht sein, daß die Rose so schnell verwelkt, während der Kristall bestehen bleibt. Der Mensch auf der Erde weiß sich nur gegenüber dieser Wirklichkeit zurechtzufinden, weil er eben die Dinge durch längere Zeiten verfolgt hat. Aber nicht alles kann man so verfolgen, daß man schon in der äußeren Wirklichkeit sieht, was wahre Wirklichkeit ist oder nicht, wie bei der Rose, sondern es liegen uns im Leben Dinge vor, welche notwendig machen, daß wir uns erst eine Grundlage schaffen, um die wahre Wirklichkeit überhaupt ins Auge fassen zu können. Welches kann eine solche Grundlage sein, namentlich für das soziale Zusammenleben der Menschen?
[ 9 ] You will not, of course, be able to come to a realization of whether the reality of an external object is true or merely apparent. Imagine that a being came from a planet where conditions were different from those on Earth, such that the being had never noticed the difference between a rose growing on a rosebush and a crystal; if such a being were then presented with a crystal and a rose placed side by side, it might believe that the two were equally real. And it might then be surprised that the rose withers so quickly, while the crystal remains unchanged. Human beings on Earth are only able to make sense of this reality because they have observed things over long periods of time. But not everything can be observed in such a way that one can already discern in external reality what is true reality and what is not—as in the case of the rose—but there are things in life that necessitate our first establishing a foundation upon which to even begin to grasp true reality. What might such a foundation be, particularly for human social coexistence?
[ 10 ] Nun, ich habe Ihnen einzelnes über diese Grundlage im letzten und im vorletzten Zweigvortrage hier auseinandergesetzt. Heute will ich noch einiges hinzufügen. Sie kennen aus meinen Schriften die Schilderungen, die ich über die geistige Welt gegeben habe, über jene Welt, die der Mensch durchlebt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Sie wissen, wenn man auf dieses Leben in der übersinnlichen, in der geistigen Welt hinweist, hat man nötig, die Beziehungen festzustellen, die da herrschen von Seele zu Seele. Da ist der Mensch leibfrei, da ist der Mensch nicht den physischen Gesetzen dieser unserer Welt unterworfen, die wir zwischen der Geburt und dem Tode durchleben. Da redet man daher von dem, was als Kraft oder als Kräfte spielt von Seele zu Seele. Lesen Sie nach in meiner «Theosophie», wie da in bezug auf das Leben zwischen Tod und neuer Geburt gesprochen werden muß von den Sympathie- und Antipathiekräften, die von Seele zu Seele in der Seelenwelt spielen. Da spielen die Kräfte ganz innerlich von Seele zu Seele. Antipathie bringt eine Seele der anderen entgegen, durch Sympathien wird sie gemildert. Es entstehen Harmonien und Disharmonien zwischen Innerlichstem, was die Seelen erleben. Und dieses Erleben des Innerlichsten einer Seele im Verhältnis zu dem Erleben des Innerlichsten einer anderen Seele ist dasjenige, was das wahre Verhältnis der übersinnlichen Welt ausmacht. Und nur ein Abglanz von diesem Übersinnlichen ist dasjenige, was, gewissermaßen wie die Reste davon, durch das physische Leben hindurch hier in der physischen Welt eine Seele mit der anderen erleben kann.
[ 10 ] Well, I have already discussed certain aspects of this foundation in my last and second-to-last lectures here. Today I would like to add a few more points. You are familiar from my writings with the descriptions I have given of the spiritual world—that world which a human being experiences between death and a new birth. You know that when one refers to this life in the supersensible, spiritual world, it is necessary to establish the relationships that prevail there from soul to soul. There, the human being is free from the body; there, the human being is not subject to the physical laws of this world of ours, which we experience between birth and death. Therefore, one speaks of what acts as a force or forces from soul to soul. Please refer to my *Theosophy* to see how, when speaking of life between death and rebirth, one must discuss the forces of sympathy and antipathy that operate from soul to soul in the world of souls. There, these forces operate entirely inwardly from soul to soul. Antipathy is directed from one soul toward another; it is tempered by sympathies. Harmonies and disharmonies arise between the innermost experiences of the souls. And this experience of the innermost essence of one soul in relation to the experience of the innermost essence of another soul is what constitutes the true nature of the supersensible world. And what a soul can experience with another here in the physical world throughout physical life—as it were, like the remnants of this supersensible realm—is merely a reflection of it.
[ 11 ] Aber dieser Abglanz wiederum muß im rechten Lichte beurteilt werden. Man kann die Frage aufwerfen: Wie stellt sich, sozial betrachtet, dasjenige, was wir hier durchleben zwischen Geburt und Tod, zu dem übersinnlichen Leben? — Da werden wir jetzt, wo wir die notwendige Dreigliederung des sozialen Organismus schon öfter ins Auge gefaßt haben, zunächst auf das mittlere Glied gelenkt, das öfter beschrieben worden ist, auf den eigentlichen politischen Staat. Die Menschen, die in unserer Gegenwart über den politischen Staat nachgedacht haben, haben immer versucht zu erkennen, was eigentlich der politische Staat ist. Aber sehen Sie, die Menschen der Gegenwart mit ihren materialistischen Vorstellungen haben wirklich keine rechte Unterlage, so etwas zu betrachten. Außerdem ist nach den Interessen der verschiedenen Menschenklassen in der neueren Zeit alles mögliche zusammengeschmolzen worden mit dem modernen Staate, so daß man gar nicht ohne weiteres voraussetzen kann, dieser Staat sei eine Wirklichkeit und nicht eine Lebenslüge. Es ist ein weiter Abstand von der Anschauung des deutschen Philosophen Hegel zu der anderen Anschauung, die Fritz Mauthner, der philosophische Wörterbuchschreiber, in der neueren Zeit dargetan hat. Hegel sieht den Staat mehr oder weniger wie den verwirklichten Gott auf der Erde an. Fritz Mauthner sagt, der Staat sei ein notwendiges Übel. Also er sieht ihn als ein Übel an, allerdings als ein solches, das man nicht entbehren kann, das notwendig ist zum menschlichen Zusammenleben. Das sind so entgegengesetzte Empfindungen zweier neuerer Geister.
[ 11 ] But this reflection, in turn, must be judged in the proper light. One might ask: From a social perspective, how does what we experience here between birth and death relate to the supersensible life? — Now that we have already considered the necessary threefold structure of the social organism on several occasions, our attention is first drawn to the middle member, which has been described more often: the political state itself. Those who have reflected on the political state in our time have always sought to understand what the political state actually is. But you see, people today, with their materialistic ideas, really have no proper foundation for considering such a thing. Moreover, in recent times, all sorts of things have been conflated with the modern state in accordance with the interests of the various social classes, so that one cannot simply assume that this state is a reality and not a lie of life. There is a wide gap between the view of the German philosopher Hegel and the alternative view that Fritz Mauthner, the author of a philosophical dictionary, has put forward in recent times. Hegel regards the state more or less as God made real on earth. Fritz Mauthner says that the state is a necessary evil. In other words, he regards it as an evil, albeit one that cannot be dispensed with—one that is necessary for human coexistence. These are the diametrically opposed views of two modern thinkers.
[ 12 ] Die mannigfaltigsten Menschen haben sich, da jetzt vieles, was früher instinktiv sich gestaltet hat, in das menschliche Bewußtsein hereingestellt wird, Vorstellungen darüber zu bilden versucht, wie der Staat beschaffen sein soll, wie der Staat werden soll. Wiederum sind die mannigfaltigsten Abstufungen in diesen Menschenvorstellungen zutagegetreten. Da haben wir auf der einen Seite die lammfrommen Schilderer des Staates, die nicht recht eindringen wollen in das, was er eigentlich ist, aber ihn doch so gestalten wollen, daß die Menschen, welche viel darüber zu klagen haben, möglichst nicht viel darüber zu reden haben. Und da sind die anderen, die den Staat radikal umändern wollen, damit sich aus ihm heraus ein die Menschen befriedigendes Dasein entwickeln könne. Es fragt sich: Wie kann man aber überhaupt eine Anschauung gewinnen über dasjenige, was der Staat eigentlich ist?
[ 12 ] Now that much of what used to take shape instinctively has entered human consciousness, people of all kinds have tried to form ideas about what the state should be like and what it should become. In turn, a wide range of nuances has emerged in these human conceptions. On the one hand, we have the meek and docile describers of the state, who do not really wish to delve into what it actually is, but still want to shape it in such a way that the people who have much to complain about it have as little as possible to say about it. And then there are the others, who want to radically transform the state so that a way of life satisfying to people can develop from it. The question arises: How, however, can one even gain an understanding of what the state actually is?
[ 13 ] Wenn man unbefangen ins Auge faßt, was sich nun spinnen kann von Mensch zu Mensch im Staatsverhältnis, und dies mit dem vergleicht, was sich spinnt, wie ich eben charakterisiert habe, von Seele zu Seele im übersinnlichen Leben, dann erst bekommt man eine Anschauung über die Wirklichkeit des Staates, über die mögliche Wirklichkeit des Staates. Denn so, wie jenes Verhältnis, das auf die Grundkräfte der menschlichen Seele von Sympathien und Antipathien im übersinnlichen Leben aufgebaut ist, ein Innerlichstes ist in der menschlichen Seele, so ist dasjenige, was sich von Mensch zu Mensch im bloßen Leben des politischen Staates begründen kann, ein Äußerlichstes, auf das Recht Basiertes, auf dasjenige, wo der Mensch in der äußerlichsten Weise dem anderen Menschen gegenübersteht. Wenn Sie diesen Gedanken durchdenken, dann kommen Sie dazu einzusehen, daß der Staat das genaue Gegenteil des übersinnlichen Lebens ist. Und er ist um so vollkommener in seinem Wesen, dieser Staat, je mehr er das volle Gegenteil des übersinnlichen Lebens ist, je weniger er sich irgendwie anmaßt, irgend etwas von übersinnlichem Leben in seine Struktur hineinzubringen, je mehr er nur dasjenige ins Auge faßt, was das äußerlichste Rechtsverhältnis des Verhaltens von Mensch zu Mensch betrifft, worinnen alle Menschen gleich sind, gleich vor dem äußeren Rechtsgesetze. Immer tiefer und tiefer wird man von der Wahrheit durchdrungen, daß die Vollkommenheit des Staates gerade darinnen besteht, daß in ihm nichts gesucht werde als dasjenige, was angehört unserem Leben zwischen Geburt und Tod, was unserem alleräußerlichsten Verhältnis angehört.
[ 13 ] Only when one looks impartially at what can develop between people in the context of the state, and compares this with what develops—as I have just described—between souls in the supersensible life, does one gain an insight into the reality of the state, into the possible reality of the state. For just as that relationship—which is built upon the fundamental forces of the human soul, namely sympathies and antipathies in the supersensible life—is the innermost aspect of the human soul, so too is that which can be established from person to person in the mere life of the political state the outermost aspect, based on law, on that in which one person faces another in the most external way. If you think this through, you will come to realize that the state is the exact opposite of the supersensible life. And this state is all the more perfect in its essence the more it is the exact opposite of the supersensible life; the less it presumes in any way to introduce anything of the supersensible life into its structure; the more it focuses solely on what concerns the outermost legal relationship of human interaction, in which all people are equal—equal before external legal statutes. One becomes ever more deeply imbued with the truth that the perfection of the state consists precisely in the fact that nothing is sought within it other than that which pertains to our life between birth and death, that which pertains to our most external relationships.
[ 14 ] Dann aber muß man fragen: Wenn der Staat nur ein Abglanz des übersinnlichen Lebens ist dadurch, daß er das Gegenteil dieses übersinnlichen Lebens darstellt, wie ragt denn in unser übriges sinnliches Leben das Übersinnliche herein? — Von einem anderen Gesichtspunkte aus habe ich es Ihnen letzthin dargestellt. Heute aber will ich Ihnen noch mitteilen, daß von den Antipathien, die sich in der übersinnlichen Welt zwischen dem Tode und der Geburt entwickeln, gewisse Reste zurückbleiben, Rest-Antipathien, mit denen wir durch die Geburt ins physische Dasein schreiten. Denen wird im physischen Leben entgegengewirkt durch alles das, was sich im sogenannten geistigen Leben, in der geistigen Kultur auslebt. Da werden die Menschen in religiösen Gemeinschaften, da werden sie in anderen gemeinsamen Geistesgütern zusammengebracht; da sollen sie den Ausgleich für gewisse Antipathien schaffen, die als Rest aus dem vorgeburtlichen Leben geblieben sind. All unsere geistige Kultur soll eine Einrichtung für sich hier sein, weil sie ein Abglanz ist unseres vorgeburtlichen Lebens, weil sie gewissermaßen den Menschen hier in die Sinneswelt herausstellt, damit begabt, eine Art Heilmittel für die restlichen Antipathien zu bilden, die aus der übersinnlichen Welt geblieben sind. Daher ist es so schauderhaft, wenn die Menschen im geistigen Leben Spaltungen hervorrufen, statt sich gerade im geistigen Leben recht zu vereinen. Die restlichen Antipathien, die uns aus dem geistigen Leben vor der Geburt bleiben, sind wühlend in den Untergründen der menschlichen Seele und lassen nicht dasjenige, was eigentlich angestrebt werden sollte, zur Wahrheit werden: wirkliche geistige Harmonie, wirkliches geistiges Zusammenwirken. Wo solches sein sollte, entwickeln sich gleich Sekten. Diese Sektenbildungen und Sektenspaltungen sind noch das hier auf der Erde befindliche Abglanzzeichen für die Antipathien, aus denen alles geistige Leben hervorgeht, und für die es eigentlich als ein Heilmittel sich entwickeln soll. Wir haben das geistige Leben als etwas aufzufassen, was in inniger Beziehung steht zu unserem vorgeburtlichen Leben, was in gewisser Beziehung schon verwandt ist mit dem übersinnlichen Leben. Wir sollen daher nicht in die Versuchung kommen, dieses geistige Kulturleben anders aufzurichten als ein freies Leben außerhalb des Staates, der nicht ein Abglanz in diesem Sinne, sondern ein Gegenbild sein soll für das übersinnliche Leben. Und wir bekommen nur eine Vorstellung über das, was wirklich ist am Staate und wirklich ist an dem geistigen Kulturleben, wenn wir zu unserem sinnlichen Leben das übersinnliche Leben hinzufügen. Beides zusammen macht erst die wahre Wirklichkeit aus, während das bloße sinnliche Leben eben durchaus ein Traum ist.
[ 14 ] But then one must ask: If the state is merely a reflection of the supersensible life in that it represents the opposite of this supersensible life, how does the supersensible intrude into the rest of our sensory life? — I recently explained this to you from a different perspective. Today, however, I would like to tell you that certain remnants remain of the antipathies that develop in the supersensible world between death and birth—residual antipathies—which we carry with us into physical existence at birth. These are counteracted in physical life by everything that finds expression in what is called spiritual life, in spiritual culture. There, people are brought together in religious communities and through other shared spiritual assets; there they are meant to create a balance for certain antipathies that have remained as residues from their pre-birth life. All of our spiritual culture is meant to be an institution in its own right here, because it is a reflection of our pre-birth life, because it, so to speak, places human beings here in the sensory world, endowed with the ability to form a kind of remedy for the residual antipathies that have remained from the supersensory world. That is why it is so appalling when people cause divisions in spiritual life instead of truly uniting, especially in spiritual life. The residual antipathies that remain from our spiritual life before birth gnaw away at the depths of the human soul and prevent what should actually be strived for from becoming reality: true spiritual harmony, true spiritual cooperation. Where such harmony should exist, sects immediately arise. These sectarian formations and divisions are still the earthly reflection of the antipathies from which all spiritual life arises—and for which it is actually meant to develop as a remedy. We must understand spiritual life as something that stands in an intimate relationship to our prenatal life, something that is, in a certain sense, already related to the supersensible life. We must therefore not fall into the temptation of establishing this spiritual cultural life as anything other than a free life outside the state—a life that is not a reflection in this sense, but rather a counter-image to the supersensible life. And we can only gain an understanding of what is truly real about the state and what is truly real about spiritual cultural life if we add the supersensible life to our sensory life. Only the two together constitute true reality, whereas mere sensory life is, in fact, nothing but a dream.
[ 15 ] Das wirtschaftliche Leben ist wiederum ganz anders geartet. Im wirtschaftlichen Leben arbeitet der eine Mensch für den anderen. Der eine Mensch arbeitet in der Regel für den anderen, weil er ebenso wie der andere seine Vorteile dabei findet. Das wirtschaftliche Leben geht aus den Bedürfnissen hervor und besteht in der Befriedigung der Bedürfnisse, in dem Herausarbeiten alles dessen auf dem physischen Plane, was die dumpfen Naturbedürfnisse des Menschen befriedigen kann oder auch wohl die feineren, aber doch mehr instinktiven Seelenbedürfnisse. Da entwickelt sich innerhalb dieses wirtschaftlichen Lebens unbewußt dasjenige, was nun wiederum hinauswirkt bis jenseits des Todes. Dasjenige, was die Menschen aus den egoistischen Bedürfnissen des Wirtschaftslebens für einander arbeiten, entwickelt in seinen Untergründen die Keime für gewisse Sympathien, die sich im nachtodlichen Leben in unserer Seele ausbilden müssen. So wie das geistige Kulturleben eine Art Heilmittel ist gegen den Rest der Antipathien, die wir mitbringen aus unserem vorgeburtlichen Leben in dieses nachgeburtliche, so ist dasjenige, was in den Untergründen des Wirtschaftslebens spielt, von Keimen durchsetzt für die Sympathien, die sich nach dem Tode entwickeln sollen. Das ist wiederum ein anderer Gesichtspunkt für die Art, wie wir aus der übersinnlichen Welt heraus die notwendige Dreigliederung des sozialen Organismus erkennen können. Solch einen Gesichtspunkt kann allerdings derjenige nicht erringen, der sich nicht bestrebt, die geisteswissenschaftlichen Grundlagen der Welterkenntnis sich anzueignen. Aber für denjenigen, der sich diese geisteswissenschaftliche Grundlage aneignet, wird immer mehr und mehr zur Selbstverständlichkeit die Forderung, daß der gesunde soziale Organismus in diese drei Glieder geteilt sein muß, weil diese drei Glieder in untereinander ganz verschiedener Art ihre Beziehungen zur übersinnlichen Wirklichkeit haben, die, wie gesagt, erst mit der sinnlichen zusammen die wahre Wirklichkeit ausmacht.
[ 15 ] Economic life, on the other hand, is of an entirely different nature. In economic life, one person works for another. As a rule, one person works for another because, just like the other, they find benefits in doing so. Economic life arises from needs and consists in the satisfaction of those needs—in the creation, on the physical plane, of everything that can satisfy humanity’s basic natural needs, or even the finer, yet still more instinctive, needs of the soul. Within this economic life, something develops unconsciously that in turn has an effect extending beyond death. What people do for one another out of the selfish needs of economic life develops, in its depths, the seeds of certain sympathies that must take shape in our souls in the life after death. Just as spiritual cultural life is a kind of remedy against the remnants of antipathies that we bring with us from our pre-birth life into this post-birth life, so too is what takes place in the depths of economic life permeated with the seeds of the sympathies that are to develop after death. This, in turn, is yet another perspective on how we can recognize, from the supersensible world, the necessary threefold structure of the social organism. However, such a perspective cannot be attained by anyone who does not strive to master the spiritual-scientific foundations of world knowledge. But for those who do acquire this foundation in spiritual science, the requirement that a healthy social organism must be divided into these three parts becomes increasingly self-evident, because these three parts, each in its own distinct way, have their own relationships to the supersensible reality, which, as has been said, together with the sensible reality constitutes true reality.
[ 16 ] Aber von solchen Zusammenhängen des äußeren physischen Daseins, wie es sich entfaltet im geistigen Kulturleben, im Staatsleben, im Wirtschaftsleben, hat die Menschheit in den letzten Jahrhunderten nicht mehr geredet. Sie hat die alten Traditionen fortgesponnen, die aber unverstandene geblieben sind. Sie hat sich abgewöhnt, in unmittelbarem tätigem Seelenleben den Weg ins Geistesland hinein zu gehen, um im Geistesland das Licht zu suchen, das die physische Wirklichkeit beleuchten kann, so daß man diese physische Wirklichkeit erst in der richtigen Weise erkennt. Die führenden Kreise der Menschheit, sie haben ja den Ton angegeben in diesem ungeistigen Leben. Dadurch ist jene tiefe Kluft zwischen den Menschenklassen entstanden, die heute auf dem Untergrunde alles Lebens zu suchen ist, die wirklich von den Menschen nicht verschlafen werden sollte. Ich darf vielleicht immer wieder daran erinnern, wie, bevor Juli und August 1914 eingetreten ist, die Menschen, insofern sie den führenden, den bisher führenden Klassen angehört haben, dasjenige gelobt haben, wozu es unsere Zivilisation, wie sie das nannten, nun endlich gebracht hat. Sie wiesen darauf hin, wie der Gedanke pfeilschnell über weite Strecken hin durch Telegraphen und Telephon befördert werden kann, wie andere märchenhafte Errungenschaften der neueren Technik das Kultur-, das Zivilisationsleben so vorwärtsgebracht haben. Aber dieses Kultur-, dieses Zivilisationsleben ruhte eben auf dem Untergrunde, der die heutigen furchtbaren Katastrophen herbeigeführt hat. Vor dem Juli und August 1914 haben die europäischen Staatsmänner, besonders diejenigen in den mitteleuropäischen Staaten — man kann das dokumentarisch nachweisen —, unzählige Male betont: So wie die Verhältnisse liegen, ist der Friede in Europa für lange Zeit gesichert. — Wörtlich mit solchen Redensarten haben insbesondere die Staatsmänner Mitteleuropas zu ihren Parteien gesprochen. Ich könnte Ihnen noch von Mai 1914 solche Reden zeigen, wo gesagt worden ist: So wie die Verhältnisse der Staaten jetzt untereinander durch unsere diplomatischen Beziehungen geordnet sind, haben wir die Möglichkeit, an einen länger dauernden Frieden zu glauben. — Im Mai 1914! Aber derjenige, der die Verhältnisse dazumal durchschaute, mußte eben anders reden. Ich habe dazumal in den Vorträgen in Wien, vor dem Kriege, dasjenige ausgesprochen, was ich öfter im Verlauf der letzten Jahre gesagt habe: Wir leben in etwas darinnen, das man nur nennen kann eine menschliche soziale Krebskrankheit, ein Karzinom der gesellschaftlichen Ordnung. Dieses Karzinom, dieses Geschwür ist aufgebrochen und ist zu dem geworden, was man den Weltkrieg nennt.
[ 16 ] But in recent centuries, humanity has no longer spoken of such connections within external physical existence as it unfolds in spiritual cultural life, in political life, and in economic life. It has continued to spin out the old traditions, which, however, have remained misunderstood. It has lost the habit of entering the realm of the spirit through an immediate, active inner life, in order to seek there the light that can illuminate physical reality, so that one may truly recognize this physical reality. The leading circles of humanity have, after all, set the tone for this unspiritual way of life. This has given rise to that deep chasm between the classes of people that lies at the very foundation of all life today—a chasm that people truly ought not to overlook. Perhaps I may remind you again and again of how, before July and August 1914, people—insofar as they belonged to the leading classes, the classes that had been in charge until then—praised what our civilization, as they called it, had finally achieved. They pointed out how thoughts could be transmitted at lightning speed over vast distances via telegraph and telephone, and how other marvelous achievements of modern technology had so advanced cultural and civilizational life. But this cultural and civilizational life was based precisely on the very foundation that has brought about today’s terrible catastrophes. Before July and August 1914, European statesmen—especially those in the Central European states, as can be documented—emphasized countless times: “As things stand, peace in Europe is secured for a long time to come.”—Statesmen in Central Europe, in particular, addressed their parties using precisely such phrases. I could show you speeches from as early as May 1914 in which it was stated: “Given the way relations between the states are now organized through our diplomatic ties, we have reason to believe in a lasting peace.”—In May 1914! But anyone who understood the situation at that time simply had to speak differently. Back then, in my lectures in Vienna before the war, I expressed what I have said repeatedly over the past few years: We are living within something that can only be called a human social cancer, a carcinoma of the social order. This carcinoma, this ulcer, has burst open and has become what is called the World War.
[ 17 ] Dazumal war natürlich der Ausspruch: Wir leben in einem Karzinom, wir leben in einem sozialen Geschwür — für die Leute eine Redensart, eine Phrase, weil der Weltkrieg erst danach kam. Denn die Leute hatten keine Ahnung, daß sie auf einem Vulkan tanzten. Für viele ist es heute wieder so, wenn man auf den anderen Vulkan hinweist, der wahrhaftig auch einer ist, und der da liegt in dem, was erst heraufkommt für die Ausgestaltung desjenigen, was man seit langem die soziale Frage nennt. Weil die Menschen so gern schlafen gegenüber der Wirklichkeit, kommen sie nicht darauf, in dieser Wirklichkeit die wahren Kräfte, die diese Wirklichkeit selbst erst zur wahren Wirklichkeit machen, zu erkennen.
[ 17 ] Back then, of course, the saying went: “We live in a carcinoma, we live in a social ulcer”—for people, it was just a figure of speech, a cliché, because the World War didn’t come until later. For people had no idea that they were dancing on a volcano. For many, it is the same again today when one points to the other volcano—which is indeed a volcano—and which lies in what is only now emerging in the shaping of what has long been called the social question. Because people are so fond of turning a blind eye to reality, they fail to recognize within this reality the true forces that make this reality a true reality in the first place.
[ 18 ] Sehen Sie, deshalb ist es so schwierig, für den heutigen Menschen eindringlich zu machen, was so notwendig wäre: die Sache von den drei Gliedern des gesunden sozialen Organismus, von der Notwendigkeit des Hinarbeitens auf diese Dreigliederung. Wie unterscheidet sich denn diese Denkungsart, die da in der Forderung dieser Dreigliederung zum Ausdrucke kommt, von anderen Denkungsarten? sehen Sie, andere Denkungsarten gehen eigentlich davon aus, auszudenken, welches die beste soziale Weltordnung sein könnte, wie man es eigentlich machen müsse, damit die Menschen zu der besten sozialen Weltordnung kommen. Merken Sie den Unterschied von der Denkart, die dieser Dreigliederung des sozialen Organismus zugrunde liegt. Diese Dreigliederung geht gar nicht davon aus, zu fragen: Welches ist die beste Anordnung im sozialen Organismus? — Sondern sie geht auf die Wirklichkeit los: Wie soll man die Menschen selber gliedern, daß sie in den sozialen Organismus frei hineingestellt sind und zusammen wirken können, so daß das Richtige wird? — Diese Denkungsweise appelliert nicht an Prinzipien, appelliert nicht an Theorien, nicht an soziale Dogmen, sondern sie appelliert an die Menschen. Sie sagt: Stellt die Menschen hinein in die drei Glieder des sozialen Organismus, dann werden diese Menschen sagen, was soziale Ordnung sein soll. — An den wirklichen Menschen appelliert diese Denkungsweise und nicht an abstrakte Theorien oder abstrakte soziale Dogmen.
[ 18 ] You see, that is why it is so difficult to make people today truly understand what is so necessary: the concept of the three parts of a healthy social organism, and the need to work toward this threefold structure. How, then, does this way of thinking—which finds expression in the call for this threefold division—differ from other ways of thinking? You see, other ways of thinking actually start from the premise of figuring out what the best social world order might be, and how one should actually go about ensuring that people arrive at the best social world order. Notice the difference from the way of thinking that underlies this threefold division of the social organism. This threefold division does not start by asking: What is the best arrangement within the social organism? — Rather, it addresses reality: How should we structure human beings themselves so that they are freely placed within the social organism and can work together in such a way that the right outcome is achieved? — This way of thinking does not appeal to principles, theories, or social dogmas; rather, it appeals to human beings. It says: Place people within the three parts of the social organism, and then these people will determine what social order should be. — This way of thinking appeals to real human beings, not to abstract theories or abstract social dogmas.
[ 19 ] Wenn ein Mensch allein leben würde, würde er niemals die menschliche Sprache entwickeln. Die menschliche Sprache kann nur in der sozialen Gemeinschaft entstehen. Der Mensch, der allein lebt, entwickelt auch keine soziale Denkungsart, keine soziale Empfindung und keine sozialen Instinkte. Nur in der richtigen Gemeinschaft kann das soziale Leben entwickelt werden.
[ 19 ] If a person lived alone, he would never develop human language. Human language can only arise within a social community. A person who lives alone also does not develop a social way of thinking, social feelings, or social instincts. Social life can only be developed within the right kind of community.
[ 20 ] Daß das heute geschehe, dem widerspricht aber sehr vieles. Dadurch nämlich, daß der Materialismus in den letzten Jahrhunderten heraufgezogen ist, hat sich der Mensch von der wahren Wirklichkeit entfernt. Er ist der wahren Wirklichkeit fremd geworden. Er ist einsam geworden in seinem Inneren. Und am einsamsten sind diejenigen geworden, die aus dem Leben herausgerissen sind und mit nichts zusammenhängen als mit der öden Maschine, mit der Fabrik auf der einen Seite und dem seelenlosen Kapitalismus auf der anderen Seite. Öde ist es in den menschlichen Seelen geworden. Aber aus dieser Seelenöde ringt sich dann los dasjenige, was eben aus dem einzelnen, individuellen, persönlichen Menschen heraus kommen kann. Was aus diesem einzelnen, individuellen, persönlichen Menschen heraus kommen kann, sind innerliche Gedanken, sind innerlicheSchauungen von der übersinnlichen Welt, sind auch Schauungen, die uns die äußere sinnliche Naturwelt erklären. Aber gerade dann, wenn wir recht einsam werden, wenn wir recht auf uns selber nur gestellt sind, ist das die beste Seelenverfassung für all dasjenige, was die Erkenntnis für den einzelnen Menschen in seinen Zusammenhängen mit Natur- und Geisteswelt entwickeln soll. Dem steht entgegen dasjenige, was sich als soziales Denken entwickeln soll. Nur wer dies bedenkt, kann richtig über den bedeutungsvollen geschichtlichen Augenblick urteilen, in welchem wir jetzt stehen. Die Menschen mußten einmal in der Weltentwicklung so einsam werden, damit sie aus der Einsamkeit ihrer Seele heraus geistiges Leben entwickeln wollen. Die einsamsten waren die großen Denker, die in scheinbar ganz abstrakten Höhen gelebt haben und die in ihren Abstraktionen nur den Weg suchten zu der übersinnlichen Welt.
[ 20 ] However, there is much to contradict the idea that this is happening today. For it is precisely because materialism has risen in recent centuries that human beings have distanced themselves from true reality. They have become estranged from true reality. They have become lonely within themselves. And those who have become the loneliest are those who have been torn from life and are connected to nothing but the barren machine—the factory on the one hand and soulless capitalism on the other. Human souls have become desolate. But from this desolation of the soul emerges that which can come forth from the individual, personal human being. What can come forth from this individual, personal human being are inner thoughts, inner visions of the supersensible world, and also visions that explain the outer, sensory natural world to us. But it is precisely when we become truly lonely, when we are left entirely to our own devices, that this is the best state of mind for everything that knowledge is meant to develop for the individual human being in his or her relationship with the natural and spiritual worlds. Opposed to this is what is meant to develop as social thinking. Only those who consider this can correctly judge the significant historical moment in which we now find ourselves. At some point in the course of world history, human beings had to become so lonely that they would seek to develop a spiritual life out of the loneliness of their souls. The loneliest were the great thinkers, who lived at seemingly entirely abstract heights and who, in their abstractions, sought only the path to the supersensible world.
[ 21 ] Aber natürlich muß der Mensch nicht nur den Weg suchen zu der übersinnlichen Welt und zu der Natur, er muß den Weg suchen aus seinen Gedanken heraus zu dem sozialen Leben. Da aber das soziale Leben nicht in der Einsamkeit entwickelt werden kann, sondern nur in dem wirklichen Miterleben der anderen Menschen, so war der einsame Mensch der neueren Zeit nicht recht geeignet, ein soziales Denken zu entwickeln. Gerade wenn er so recht sein Inneres nur zur Geltung bringen wollte, wurde das, was er aus seinem Inneren heraus spann, antisozial, wurde kein soziales Denken. So leben wir in den widersprüchlichsten Erscheinungen. Die neueren Neigungen und Sehnsuchten der Menschen sind die Entfaltung von Geisteskräften, die auf Einsamkeit angelegt sind und die durch den überflutenden ahrimanischen Materialismus auf falsche Bahnen gebracht werden.
[ 21 ] But of course, human beings must not only seek the path to the supersensible world and to nature; they must also seek the path from their thoughts to social life. But since social life cannot be developed in solitude, but only through genuine shared experience with other people, the solitary individual of modern times was not truly suited to developing social thinking. Precisely when he sought to give full expression to his inner life, what he drew from within became antisocial; it did not become social thinking. Thus we live amid the most contradictory phenomena. People’s modern inclinations and longings are the unfolding of spiritual powers that are oriented toward solitude and are led astray by the overwhelming Ahrimanic materialism.
[ 22 ] Man merkt das Gewicht dieser Tatsache so recht, wenn man sich etwas fragt, was heute für viele Menschen schreckhaft ist. Man kann die Menschen fragen: Was nennt ihr bolschewistisch? — Lenin, Trotzkij, sagen dann die Leute. Nun, ich kenne noch einen dritten Bolschewik, der allerdings nicht in der unmittelbaren Gegenwart lebt, und dieser dritte ist kein anderer als der deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte. Sie werden mancherlei schon gehört haben, mancherlei aufgenommen haben über die ideale spirituelle Denkungsart Johann Gottlieb Fichtes. Sie werden dabei weniger daran gedacht haben, als welcher Mensch sich Fichte auslebt, und werden die Anschauungen kennen, die er in seinem «Geschlossenen Handelsstaat», den sich jeder in der Reclam-Bibliothek für billigstes Geld kaufen kann, niedergelegt hat. Lesen Sie die Art und Weise, wie sich Fichte die Güter der Menschen, deren gesellschaftliche Ordnung verteilt denkt, und vergleichen Sie dann dasjenige, was Fichte da aufstellt, mit dem, was Trotzkij oder Lenin schreiben, so werden Sie eine merkwürdige Übereinstimmung entdecken. Dann werden Sie doch bedenklich werden in dem bloßen äußerlichen Hinstellen und Verurteilen, und Sie werden versucht sein zu fragen: Was liegt denn da eigentlich zugrunde? — Wenn Sie dann näher darauf eingehen, wenn Sie versuchen sich klarzumachen, was da zugrunde liegt, so kommen Sie zu folgendem: Sie untersuchen die besondere geistige Richtung, die sich bei den radikalsten Menschen heute findet, Sie lassen sich darauf ein, vielleicht gerade Trotzkijs und Lenins Seele zu untersuchen, die besondere Art zu denken, die Gedankenformen, und Sie fragen sich dann: Wie sind solche Menschen denkbar geworden? — Sie bekommen zur Antwort: Sie sind denkbar auf der einen Seite in einer anderen sozialen Ordnung und denkbar in unserer sozialen Ordnung, die sich unter dem Lichte oder eigentlich unter der Dunkelheit, der Finsternis des Materialismus seit Jahrhunderten entwickelt hat. — Nehmen Sie an, in einer anderen sozialen Ordnung hätten sich Lenin und Trotzkij entwickelt. Was wären sie vielleicht geworden, indem sie ihre Geisteskräfte in ganz anderer Weise entwickelt hätten? Tiefe Mystiker! Denn dasjenige, was in solchen Seelen lebt, könnte in einer religiösen Atmosphäre zum Beispiel tiefste Mystik werden. In der Atmosphäre des neueren Materialismus wird es das, als was es sich einem darstellt.
[ 22 ] One really realizes the significance of this fact when one asks a question that is frightening to many people today. One can ask people: What do you call Bolshevik? — Lenin, Trotsky, people then say. Well, I know of a third Bolshevik—who, admittedly, does not live in the present day—and this third person is none other than the German philosopher Johann Gottlieb Fichte. You will have heard many things, and absorbed many ideas, about Johann Gottlieb Fichte’s ideal, spiritual way of thinking. You will have given little thought to the kind of person Fichte actually was, and will be familiar with the views he set forth in his *Closed Commercial State*, which anyone can buy for a very reasonable price in the Reclam Library. Read how Fichte conceives of the distribution of people’s goods and their social order, and then compare what Fichte sets forth there with what Trotsky or Lenin write, and you will discover a remarkable similarity. Then you will surely become hesitant about merely superficially presenting and condemning these ideas, and you will be tempted to ask: What is actually underlying this? — If you then examine this more closely, if you try to understand what lies at the root of it, you will arrive at the following: You investigate the particular intellectual orientation found among the most radical people today; you engage with it, perhaps specifically examining the minds of Trotsky and Lenin—their particular way of thinking, their thought patterns—and you then ask yourself: How did such people come to be conceivable? — The answer you receive is: They are conceivable, on the one hand, in a different social order, and conceivable in our social order, which has developed for centuries under the light—or rather, under the darkness, the gloom—of materialism. — Suppose Lenin and Trotsky had developed within a different social order. What might they have become, had they developed their intellectual faculties in an entirely different way? Deep mystics! For what lives within such souls could, in a religious atmosphere, for example, become the deepest mysticism. In the atmosphere of modern materialism, it becomes what it presents itself as.
[ 23 ] Nehmen Sie Johann Gottlieb Fichtes «Geschlossenen Handelsstaat», so ist es das soziale Ideal eines Menschen, der nun wahrhaftig in intensivster Art höchste Erkenntnispfade zu beschreiten versuchte, der ein Denken ausbildete, das immerzu hingeneigt war auf die übersinnliche Welt. Als er aber aus sich selbst herausspinnen wollte ein soziales Ideal, so war es zwar ein reines Gebilde des menschlichen Herzens, aber gerade dasjenige, was uns geeignet macht, auf innerlichem Wege höchste Ideale der Erkenntnis zu erringen, das macht uns, wenn wir es auf das soziale Leben anwenden wollen, ungeeignet, soziale Denkungsart zu entwickeln. In einem solchen geistigen Wesen, wie Fichte es entwickelt hat, kann nur der Mensch allein seine Wege machen. Das soziale Denken muß in der menschlichen Gemeinschaft entwickelt werden. Und der Denker hat dann hauptsächlich die Aufgabe, darauf hinzuweisen, wie der soziale Organismus gestaltet sein mag, damit die Menschen in der richtigen Weise zusammenwirken, um im Sozialen selbst das Soziale zu begründen. Deshalb gebe ich Ihnen nicht an, oder gebe ich den gegenwärtigen Menschen nicht an, man soll so und so einrichten Privateigentum an Produktionsmitteln oder Gemeineigentum an Produktionsmitteln, sondern ich muß sagen: Versucht hinzuarbeiten darauf, daß der soziale Organismus gegliedert werde in seine drei Glieder, dann wird auch dasjenige, was unter der Wirksamkeit des Kapitals steht, von dem geistigen Gebiete aus verwaltet werden und ihm sein Rechtsleben eingeflößt werden von dem politischen Staate. Dann wird Rechtsleben und Geistesleben mit dem Wirtschaftsleben in ordentlicher Weise zusammenfließen. Und dann wird jene Sozialisierung eintreten, die immerzu wieder überleiten wird aus gewissen Rechtsbegriffen heraus dasjenige, was man über seinen eigenen Verbrauch hinaus erworben hat, in die geistige Organisation hinein. Es geht wieder zurück an die geistige Organisation.
[ 23 ] Take Johann Gottlieb Fichte’s *Closed Commercial State*: it represents the social ideal of a man who truly sought, in the most intense way, to pursue the highest paths of knowledge, and who developed a way of thinking that was constantly oriented toward the supersensible world. But when he sought to spin a social ideal out of his own mind, it was indeed a pure construct of the human heart; yet precisely what enables us to attain the highest ideals of knowledge through an inner path is what renders us, when we seek to apply it to social life, incapable of developing a social way of thinking. In such a spiritual being as Fichte developed, only the individual can forge his own path. Social thinking must be developed within the human community. And the thinker’s main task is then to point out how the social organism might be structured so that people interact in the right way to establish the social within the social itself. That is why I do not prescribe to you—or to people today—that private ownership of the means of production or communal ownership of the means of production should be organized in one way or another; rather, I must say: Work toward structuring the social organism into its three parts; then even that which is subject to the influence of capital will be administered from the spiritual realm and imbued with its legal life by the political state. Then legal life and spiritual life will flow together with economic life in an orderly manner. And then that socialization will take place which, time and again, will channel—based on certain legal concepts—that which has been acquired beyond one’s own consumption into the spiritual organization. It flows back to the spiritual organization.
[ 24 ] Heute hat man diese Einrichtung nur auf dem Gebiete des geistigen Eigentums, wo es niemandem auffällt. Sein geistiges Eigentum kann man nicht länger wahren für seine Nachkommen, als höchstens eine gewisse Zeit hindurch, dreißig Jahre nach dem Tode, dann wird es Gemeineigentum. Man sollte nur daran denken, daß dies ein Muster sein kann für die Zurückleitung desjenigen, was allerdings durch menschlich-individuelle Kräfte erarbeitet wird, wie auch desjenigen, was in der kapitalistischen Ordnung steht, die Zurückleitung wiederum in den sozialen Organismus. Es fragt sich dann nur in welche Teile? In denjenigen Teil, der geistige individuelle und auch sonstige individuelle Kräfte des Menschen in der richtigen Weise verwalten kann: in den geistigen Organismus. Die Menschen werden das so machen, wenn sie in der richtigen Weise im sozialen Organismus stehen. Das setzt diese Denkungsart voraus.
[ 24 ] Today, this system exists only in the realm of intellectual property, where no one notices it. One can no longer protect one’s intellectual property for one’s descendants beyond a certain period—at most thirty years after one’s death—after which it becomes public property. One should bear in mind that this can serve as a model for the return—not only of that which is created through individual human powers, but also of that which exists within the capitalist order—to the social organism. The only question then is: into which parts? Into the part that can properly manage the individual spiritual and other individual powers of human beings: into the spiritual organism. People will do this if they are properly integrated into the social organism. This presupposes this way of thinking.
[ 25 ] Ich könnte mir denken, daß diese Dinge in jedem Jahrhundert anders gemacht werden: Absolute Festsetzungen für diese Dinge gibt es nicht. Aber unsere Zeit hat sich angewöhnt, alles vom materialistischen Gesichtspunkte aus zu beurteilen, und daher sieht man gar nichts mehr in seinem rechten Lichte. Ich habe jetzt öfter auseinandergesetzt, wie in der modernen Zeit Arbeitskraft Ware geworden ist. Dagegen hilft nicht der gewöhnliche Arbeitsvertrag, denn der geht davon aus, daß Arbeitskraft Ware ist, und er wird geschlossen über die Arbeit, die der Arbeiter dem Unternehmer leisten soll. Ein gesundes Verhältnis kann nur dadurch zustande kommen, daß der Vertrag gar nicht über die Arbeit geschlossen wird, daß die Arbeit als Rechtsverhältnis festgesetzt wird vom politischen Staate und daß der Vertrag geschlossen wird über die Verteilung des erzeugten Produkts zwischen dem körperlich Arbeitenden und dem geistig Arbeitenden. Über die erzeugten Waren aber nur kann der Vertrag geschlossen werden, nicht über das Verhältnis der Arbeitskraft zum Unternehmer. Dadurch allein kann die Sache auf eine gesunde Basis gestellt werden.
[ 25 ] I would imagine that these things are done differently in every century: there are no absolute rules governing them. But our age has become accustomed to judging everything from a materialistic point of view, and as a result, we no longer see anything in its proper light. I have now discussed on several occasions how, in modern times, labor has become a commodity. The standard employment contract does not help in this regard, because it assumes that labor is a commodity, and it is concluded regarding the work that the worker is to perform for the employer. A healthy relationship can only be established if the contract is not concluded regarding the work at all, if the work is defined as a legal relationship by the political state, and if the contract is concluded regarding the distribution of the produced goods between those who perform physical labor and those who perform intellectual labor. However, the contract can be concluded only regarding the goods produced, not regarding the relationship between labor and the employer. Only in this way can the matter be placed on a sound footing.
[ 26 ] Aber die Menschen fragen nun: Woher kommen die Schäden im sozialen Leben, die dem Kapitalismus anhaften? — Sie sagen: Die kommen von der wirtschaftlichen Ordnung des Kapitalismus. Aber von dieser wirtschaftlichen Ordnung können keine Schäden kommen, sondern davon kommen die Schäden, daß wir erstens kein wirkliches Arbeitsrecht haben, welches die Arbeit in der entsprechenden Weise schützt, und zweitens, daß wir nicht bemerken, wie wir in der Lebenslüge leben, wie dem Arbeiter sein Teil abgenommen wird. Aber worauf beruht denn das Abnehmen? Nicht auf der Wirtschaftsordnung, sondern darauf, daß eigentlich durch die gesellschaftliche Ordnung selber die Möglichkeit geboten ist, daß sich die individuellen Fähigkeiten des Unternehmers nicht in der richtigen Weise teilen mit dem Arbeiter. Bei Waren muß man teilen, denn sie werden gemeinsam produziert von dem geistigen und körperlichen Arbeiter. Was heißt es denn aber, durch seine individuellen Fähigkeiten jemandem anderen etwas abnehmen, was man ihm nicht abnehmen soll? Das heißt, ihn betrügen, ihn übervorteilen! Diesen Verhältnissen muß man nur gesund und unbefangen ins Auge schauen, dann kommt man darauf: nicht in dem Kapitalismus liegt es, sondern in dem Mißbrauch der geistigen Fähigkeiten. Da haben Sie den Zusammenhang mit der geistigen Welt. Machen Sie erst die geistige Organisation gesund, so daß die geistigen Fähigkeiten sich nicht mehr dahin entwickeln, daß sie denjenigen übervorteilen, der arbeiten muß, dann machen Sie den sozialen Organismus gesund. Es kommt darauf an, überall auf das Richtige hinsehen zu können.
[ 26 ] But people now ask: Where do the ills in social life that are inherent in capitalism come from? — They say: They stem from the economic order of capitalism. But no harm can come from this economic order itself; rather, the harm arises, first, from the fact that we have no real labor law that protects workers appropriately, and second, from the fact that we fail to realize how we are living a lie—how the worker is being deprived of his share. But what is the basis for this deprivation? Not the economic order, but the fact that the social order itself actually creates the possibility that the entrepreneur’s individual abilities are not shared with the worker in the proper way. When it comes to goods, they must be shared, for they are produced jointly by the intellectual and physical workers. But what does it mean to use one’s individual abilities to take something from another person that one should not take from them? It means to deceive them, to take advantage of them! One need only look at these circumstances with a healthy and unbiased eye to realize: the problem lies not in capitalism, but in the misuse of intellectual abilities. Therein lies the connection to the spiritual world. First, restore the spiritual organization to health so that spiritual abilities no longer develop in a way that takes advantage of those who must work; then you will restore the social organism to health. What matters is being able to see what is right in every situation.
[ 27 ] Um auf das Richtige hinsehen zu können, dazu bedarf der Mensch einer Richtlinie. Heute ist die Zeit so weit gekommen, daß richtige Richtlinien nur aus dem geistigen Leben heraus kommen können. Daher muß die Hinlenkung zu diesem geistigen Leben eine ernste werden. Und es ist immer wieder und wiederum darauf aufmerksam zu machen, daß es heute nicht genügt, immer wieder und wiederum darauf hinzuweisen, die Menschen sollen wiederum an den Geist glauben. Oh, es fangen jetzt viele Propheten an, von der Notwendigkeit des Glaubens an den Geist zu reden! Aber darauf kommt es nicht an, daß die Menschen nur sagen: Um zu einer Heilung zu kommen aus den jetzigen ungesunden Verhältnissen heraus, ist es notwendig, daß sich die Menschen vom Materialismus wiederum zum Geist wenden. — Nein, der bloße Glaube an den Geist bringt heute keine Heilung. Es können noch so gefeierte Propheten in den Ländern herumgehen und immer wieder und wiederum sagen: Das neuere Leben hat die Menschen veräußerlicht, sie müssen innerlicher werden. — Es können noch so viele Propheten sagen: Der Christus war bisher nur zum Privatleben da, er soll jetzt in das Staatsleben einziehen. — Mit solchen Dingen ist heute absolut nichts getan. Denn heute kommt es nicht darauf an, bloß an den Geist zu glauben, sondern heute kommt es darauf an, daß man vom Geiste sich so erfüllt, daß der Geist gerade durch uns in die äußere materielle Wirklichkeit übergeführt werde. Nicht darauf kommt es an, heute den Menschen zu sagen: Glaubt an den Geist-, sondern von einem solchen Geiste ist notwendig heute zu sprechen, der die materielle Wirklichkeit wirklich bezwingt, der wirklich sagt, wie man den sozialen Organismus gliedern soll. Denn nicht darauf beruht heute die Ungeistigkeit, daß die Menschen nicht an den Geist glauben, sondern darauf, daß sie nicht mit dem Geiste in einem solchen Zusammenhang stehen können, daß der Geist in die Materie im wirklichen Leben einzugreifen vermag. Der Unglaube an den Geist beruht nicht darauf, daß man bloß den Glauben an den Geist leugnet, sondern er kann auch darauf beruhen, daß man eine bloße Materie annimmt, die ungeistig ist. Wie viele Menschen gibt es heute, die gerade darinnen etwas außerordentlich Vornehmes sehen, daß sie sagen: Ach, das ist das bloße äußerliche materielle Leben, das hat nichts Geistiges, aus dem muß man sich zurückziehen, man muß sich hinwenden von dem äußeren materiellen Leben zu dem abgezogenen Leben des Geistes. — Da ist die materielle Wirklichkeit, da schneidet man seine Coupons ab, dann setzt man sich ins Meditationszimmer und geht weg in die geistige Welt. Schöne doppelte Lebensströmungen, fein voneinander getrennt! Darauf kommt es heute nicht an. Heute kommt es darauf an, daß der Geist so stark in den menschlichen Gemütern werde, daß dieser Geist nicht nur redet von der Art, wie der Mensch geistig begnadet oder erlöst wird, sondern daß der Geist eindringt in dasjenige, was wir tun wollen in der äußeren materiellen Wirklichkeit, daß wir den Geist einführen, einfließen lassen in diese äußere materielle Wirklichkeit. Gewohnheitsmäßig reden über den Geist, das liegt den Menschen sehr nahe. Und in dieser Beziehung können manche Menschen in einem sonderbaren Selbstwiderspruch sein. Die Anzengrubersche dramatische Figur des Menschen, der den Gott leugnet, und dies besonders dadurch bekräftigt, daß er sagt: «So wahr ein Gott im Himmel ist, bin ich ein Atheist», — diese Figur des sich so widersprechenden Menschen, die ist heute vorhanden, wenn auch nicht so kraß wie diese Anzengrubersche dramatische Figur, aber sie ist durchaus keine Seltenheit. Denn in diesem Stile wird heute sehr häufig geredet: So wahr ein Gott im Himmel ist, bin ich ein Atheist!
[ 27 ] In order to be able to see what is right, human beings need a guiding principle. Today, the time has come when true guiding principles can only arise from spiritual life. Therefore, the turn toward this spiritual life must become a serious one. And it must be emphasized again and again that it is not enough today to simply keep pointing out that people should once more believe in the spirit. Oh, many prophets are now beginning to speak of the necessity of faith in the spirit! But it is not enough for people merely to say: To achieve a healing from the current unhealthy conditions, it is necessary for people to turn away from materialism and back toward the spirit. — No, mere belief in the spirit brings no healing today. No matter how celebrated the prophets may be, they can go around the countries saying over and over again: Modern life has made people superficial; they must become more inward. — No matter how many prophets say: “Christ has so far been present only in private life; he must now enter public life”—such things accomplish absolutely nothing today. For today it is not a matter of merely believing in the spirit, but rather of being so filled with the spirit that the spirit is transferred through us into external material reality. What matters today is not telling people, “Believe in the Spirit,” but rather speaking of a Spirit that truly overcomes material reality and that truly shows how the social organism should be structured. For the lack of spirituality today does not stem from people’s failure to believe in the Spirit, but from their inability to relate to the Spirit in such a way that the Spirit can intervene in matter in real life. Disbelief in the spirit does not stem from merely denying belief in the spirit, but it can also stem from assuming that matter is purely material and devoid of spirit. How many people are there today who see something extraordinarily noble precisely in the fact that they say: “Oh, that is merely external, material life; it has nothing spiritual about it; one must withdraw from it; one must turn away from external, material life toward the abstract life of the spirit.” — There is material reality; there one cashes in one’s coupons, then one sits down in the meditation room and drifts off into the spiritual world. Beautiful dual currents of life, neatly separated from one another! That is not what matters today. What matters today is that the spirit become so strong in human minds that this spirit not only speaks of the way in which a person is spiritually gifted or redeemed, but that the spirit penetrates into what we wish to do in external, material reality—that we introduce the spirit and allow it to flow into this external, material reality. It comes very naturally to people to speak habitually about the spirit. And in this regard, some people can find themselves in a strange self-contradiction. Anzengruber’s dramatic character—the man who denies God and reinforces this especially by saying: “As surely as there is a God in heaven, I am an atheist”—this figure of the man who contradicts himself in this way exists today, though not as blatantly as Anzengruber’s dramatic character, but it is by no means a rarity. For people speak in this vein very frequently today: “As surely as there is a God in heaven, I am an atheist!”
[ 28 ] Das alles schließt eben die Mahnung ein, nicht auf bloßen Glauben an den Geist zu sehen, sondern vor allen Dingen zu versuchen, den Geist so zu finden, daß der Geist uns stark macht, um auch die äußere materielle Wirklichkeit zu durchschauen. Dann wird in der Tat der Mensch aufhören, in jedem Satze das Wort Geist, Geist, Geist zu sprechen. Dann wird aber der Mensch durch die Art, wie er die Dinge anschaut, beweisen, daß er sie mit Geist betrachtet. Darauf kommt es heute an, daß man die Dinge mit Geist betrachtet, nicht daß man immer nur vom Geiste spricht. Das wird durchschaut werden müssen, damit nicht immer wiederum anthroposophische Geisteswissenschaft mit alldem Gerede vom Geiste, das heute noch so beliebt ist, verwechselt werden könne. Immer wieder und wieder hört man es, wenn nur in einem besseren Stile da oder dort ein Sonntagnachmittagsprediger weltlicher Sorte spricht, daß gesagt wird, der redet ja ganz im Sinne der Anthroposophie. Er redet dann meistens das Gegenteil! Darauf muß man gerade sein Augenmerk lenken. Das ist es, worauf es ankommt.
[ 28 ] All of this includes the admonition not to rely on mere faith in the Spirit, but above all to try to find the Spirit in such a way that the Spirit strengthens us to see through even external, material reality. Then, in fact, people will stop saying “Spirit, Spirit, Spirit” in every sentence. But then, through the way they view things, people will demonstrate that they are observing them with the Spirit. What matters today is that one observes things with the Spirit, not that one merely talks about the Spirit all the time. This must be understood so that anthroposophical spiritual science is not constantly confused with all that talk about the Spirit, which is still so popular today. Time and again, whenever a Sunday afternoon preacher of the secular sort speaks here or there—albeit in a more refined style—people say, “He’s speaking entirely in the spirit of anthroposophy.” Yet he is usually saying the exact opposite! This is precisely what we must pay close attention to. That is what matters.
[ 29 ] Wer dies erkennt, wird dann durchaus nicht weit von der Einsicht sein, daß gerade ein so gut gemeinter, ich möchte sagen, wie aus einer Vorempfindung eines tragischen Todes heraus gesprochcner Satz wie der, den ich Ihnen vorgelesen habe von Kurt Eisner, deshalb besonders wertvoll ist, weil er einem vorkommt wie das Geständnis eines Menschen: An Übersinnliches glaube ich eigentlich doch im Ernste nicht, wenigstens will ich mich nicht lebendig an Übersinnliches wenden. Doch haben diejenigen, die vom Übersinnlichen geredet haben, immer gesagt: Die sinnliche Wirklichkeit hier ist nur die halbe Wirklichkeit, sie ist wie ein Traum. Und ich muß hineinschauen in die Gestalt, welche diese sinnliche Wirklichkeit im sozialen Leben der Gegenwart angenommen hat, und da kommt sie mir gar sehr als ein Traum vor. Da ist es so, daß man sagen muß, daß diese Wirklichkeit die deutliche Erfindung irgendeines bösen Geistes ist. —
[ 29 ] Anyone who recognizes this will not be far from realizing that precisely such a well-intentioned statement—I would say, one spoken as if out of a premonition of a tragic death—such as the one I read to you by Kurt Eisner, is particularly valuable precisely because it strikes one as the confession of a human being: I do not, in fact, seriously believe in the supernatural; at least, I do not wish to turn to the supernatural while I am alive. Yet those who have spoken of the supernatural have always said: Sensory reality here is only half of reality; it is like a dream. And I must look into the form that this sensory reality has taken in contemporary social life, and there it strikes me very much as a dream. It is such that one must say that this reality is the clear invention of some evil spirit. —
[ 30 ] Gewiß ein bemerkenswertes Geständnis. Könnte es aber nicht auch anders sein? Könnte nicht dasjenige, was in so tragischer, in so furchtbarer Weise die gegenwärtige Wirklichkeit den Menschen zeigt, die Erziehung eines guten Geistes sein, um aus dem, was wie ein böser Alptraum erscheint, die wahre Wirklichkeit zu suchen, die aus Sinnlichem und Übersinnlichem zusammengefügt ist? Man muß nicht durchaus pessimistisch diese Gegenwart ansehen, man kann auch aus ihr die Kraft schöpfen für eine Art von Rechtfertigung dieses Daseins. Dann wird man aber nimmermehr bei dem Sinnlichen stehenbleiben dürfen, dann wird man den Weg aus dem Sinnlichen heraus in das Übersinnliche finden müssen. Derjenige, der diesen Weg nicht suchen will, müßte eigentlich heute wirklich kurzdenkig sein, wenn er sich nicht sagen würde: Diese Wirklichkeit ist wie die Erfindung eines bösen Geistes! — Derjenige aber, der den Willen in sich entwickelt, von dieser Wirklichkeit aufzusteigen zu einer geistigen Wirklichkeit, wird auch von einer Erziehung durch einen guten Geist sprechen können. Und trotz alledem, was wir heute schauen, dürfen wir doch überzeugt sein, daß die Menschen einen Ausweg aus dem tragischen Geschick der Gegenwart finden werden. Aber freilich, der deutliche Wink muß beobachtet werden: mitzuwirken an der sozialen Gesundung.
[ 30 ] Certainly a remarkable confession. But could it not also be otherwise? Could not that which reveals present reality to people in such a tragic, such a terrible way be the education of a sound mind—enabling one to seek, from what appears to be a terrible nightmare, the true reality composed of the sensible and the supersensible? One need not view the present with utter pessimism; one can also draw strength from it to find a kind of justification for this existence. But then one must never remain confined to the sensory realm; one must find the path from the sensory into the supersensory. Anyone who does not wish to seek this path would truly be short-sighted today if they did not say to themselves: This reality is like the invention of an evil spirit! — But those who develop within themselves the will to rise from this reality to a spiritual reality will also be able to speak of an education imparted by a good spirit. And despite everything we see today, we may still be convinced that people will find a way out of the tragic fate of the present. But of course, the clear sign must be heeded: to contribute to social healing.
[ 31 ] Das wollte ich heute zu dem, was ich letzthin sagte, doch noch hinzufügen.
[ 31 ] I wanted to add that today in connection with what I said recently.
