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The Inner Aspect of the Social Enigma
A Luciferic Past and an Ahrimanic Future
GA 193

12 June 1919, Heidenheim

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The Inner Aspect of the Social Enigma, tr. SOL
  1. Der innere Aspekt des sozialen Rätsels

Fünfter Vortrag

Fifth Lecture

[ 1 ] Wir leben in einer Zeit, in der bemerkt werden könnte, was eigentlich seit Jahren die sogenannte anthroposophische Geisteswissenschaft anstrebt. Und es wäre wohl die schönste Frucht gerade des anthroposophischen Strebens, wenn dieses als Überzeugung sich ergeben würde in den Herzen und Seelen der an dieser Bewegung sich Beteiligenden, daß gewissermaßen die Feuerzeichen unserer Zeit dasjenige sind, was wie ein Beweis gelten kann für die Notwendigkeit, aus der heraus sich diese geisteswissenschaftliche Bewegung nun schon seit Jahren in die Zeit hineingestellt hat. Mag heute äußerlich in der Welt dies oder jenes stürmisch vor sich gehen, mag das, was sich herausarbeiten will aus tiefen Untergründen der menschlichen Entwicklung, so oder so aussehen, die eigentliche Natur und Wesenheit desjenigen, was geschieht, vernimmt man eigentlich doch nur, wenn man auf diejenigen Ereignisse hinschaut, die dem gewöhnlichen, heute noch üblichen menschlichen Anschauen entgehen, und die eigentlich nur dann wahrnehmbar sind, wenn man die Welt von einem geistigen Gesichtspunkte aus betrachtet.

[ 1 ] We live in a time when it might become apparent what the so-called anthroposophical spiritual science has actually been striving for over the years. And it would surely be the most beautiful fruit of anthroposophical endeavor if it were to take root as a conviction in the hearts and souls of those participating in this movement—that, in a sense, the fiery signs of our time are what can serve as proof of the necessity from which this spiritual-scientific movement has been stepping into the world for years now. No matter how stormy this or that may appear in the outer world today, no matter what form the forces emerging from the deep foundations of human development may take, the true nature and essence of what is happening can actually be perceived only by looking at those events that escape ordinary human perception—which is still the norm today— and which are actually perceptible only when one views the world from a spiritual perspective.

[ 2 ] Ich möchte ausgehen von einer solchen Erscheinung, die heute unter den mannigfachen stürmischen Ereignissen kaum bemerkt wird. Sie wird als etwas Unbedeutendes und Unberträchtliches angesehen, aber sie ist da für denjenigen, der sich aus geistigen Untergründen heraus die Möglichkeit erworben hat, das Leben wirklichkeitsgemäß zu betrachten.

[ 2 ] I would like to begin with a phenomenon that goes largely unnoticed today amid the many turbulent events. It is regarded as something insignificant and inconsequential, but it is there for those who, through spiritual deepening, have acquired the ability to view life as it truly is.

[ 3 ] Es sind jetzt etwa sieben, acht, zehn Jahre her — es mag paradox klingen, aber es ist wahr —, seit für den wirklichen Beobachter des Lebens die Kinder, die geboren werden, mit einem ganz anderen Antlitz geboren werden als früher. Gewiß, man bemerkt es nicht, weil man auf solche Dinge nicht achtet, weil man heute überhaupt auf die wichtigsten Dinge des Lebens nicht acht gibt. Aber wer sich einen Blick für solche Dinge erworben hat, der weiß, daß über dem Antlitz der vielen, seit sieben bis acht oder zehn Jahren geborenen Kinder etwas lagert wie Trübe, wie Zurückhaltung gegenüber der Welt. Man möchte sagen, schon von den ersten Tagen, von den ersten Wochen an merkt man es an der Physiognomie der Kindergesichter: da ist etwas anders, als es früher war. Und geht man dieser merkwürdigen, dem heutigen Menschen noch paradox klingenden Tatsache nach, dann bemerkt man, daß die Kinderseelen, die sich durch die Geburt in die Welt bringen, bereits, indem sie durch Empfängnis und Geburt durchgehen, schon dasjenige in sich tragen, was dann ihrem Antlitz fast von der Geburt ab den melancholischen, vielleicht oftmals hinter allem Lächeln verborgenen melancholischen Ausdruck gibt, der früher nicht so auf den Kindergesichtern lagerte. Und in den Seelen, ganz unbewußt selbstverständlich, lebt etwas von der Stimmung des Nichthereinwollens ins Leben. Die Seelen, die heute durch die Geburt gehen — wie gesagt, es ist das schon seit fast zehn Jahren —, fühlen etwas wie ein Hindernis und Hemmnis, in diese physische Welt hereinzukommen.

[ 3 ] It has now been about seven, eight, or ten years—it may sound paradoxical, but it is true—since, for the true observer of life, children have been born with a completely different appearance than in the past. Of course, one doesn’t notice it because one doesn’t pay attention to such things—because today, people don’t pay attention to the most important things in life at all. But anyone who has developed an eye for such things knows that there is something hovering over the faces of the many children born in the last seven, eight, or ten years—something like a gloom, like a reserve toward the world. One might say that from the very first days, from the very first weeks, you can see it in the children’s facial features: there is something different from what it used to be. And if one investigates this strange fact—which still sounds paradoxical to people today—one notices that the children’s souls, as they enter the world through birth, already carry within themselves, simply by passing through conception and birth, that which then gives their faces—almost from the moment of birth—a melancholic, —an expression that is perhaps often hidden behind every smile—that was not present on children’s faces in the past. And in their souls, quite unconsciously and naturally, there lives a certain mood of not wanting to enter into life. The souls who are being born today—as I said, this has been the case for almost ten years now—feel something like an obstacle and a hindrance to entering this physical world.

[ 4 ] Es ist ja so, daß der Mensch, bevor er durch Empfängnis und Geburt in die physische Welt hereinkommt, in der geistigen Welt ein wichtiges Ereignis durchmacht, das dann seine Strahlen wirft, seine Wirkungen betätigt in dem kommenden Leben. Die Menschen sterben hier auf der Erde, sie gehen durch die Todespforte, sie legen den physischen Leib ab, bringen ihre Seele hinein in die geistige Welt. Diese Seele trägt in sich noch die Wirkungen alles desjenigen, was sie hier in der physischen Welt durchlebt und erfahren hat. Sie sieht im Grunde genommen aus, indem sie durch die Todespforte gegangen ist, wie die Wirkungen selbst, desjenigen, was unmittelbar hier im Erdenleben durchgemacht wird. Solche Seelen, welche nun durch die Todespforte gegangen sind, begegnen — das ist ein Ereignis, das eben Tatsache ist, ich kann es Ihnen nur erzählen, weil diese Dinge ja nur durch Erfahrung aus der geistigen Welt herausgeholt werden können —, sie begegnen jenen Seelen, die sich anschicken, in der kommenden Zeit herunterzusteigen in einen physischen Leib. Und das ist ein wichtiges Ereignis, diese Begegnung der Seelen, die eben durch die Todespforte gegangen sind, mit jenen Seelen, die demnächst durch die Geburtspforte in die physische Welt hereintreten werden. Dieses Ereignis hat etwas Ausschlaggebendes. Es ist gewissermaßen da, um den heruntersteigenden Seelen so etwas einzuimpfen wie eine Vorstellung von dem, was sie hier antreffen werden. Und von dieser Begegnung her stammt der Impuls, welcher die eigentümliche Melancholie den Kindern aufdrückt, die heute in die Welt hereingehen. Sie wollen in diese Welt nicht herein, von der sie durch diese Begegnung erfahren haben. Denn sie wissen, wie ihnen gewissermaRen das «geistige Gefieder» zerzaust wird durch dasjenige, was die in materialistische Gesinnung und materialistische Weltanschauung und auch in materialistisches Tun getauchte Menschheit auf der Erde heute durchmacht. Dieses Ereignis, das natürlich nur geistig konstatierbar ist, wirft neben anderem eine stark wirkende Beleuchtung auf unsere ganze Gegenwart, die man aus solchen Untergründen heraus nur verstehen kann, aber auch verstehen sollte.

[ 4 ] The fact is that before a human being enters the physical world through conception and birth, they undergo an important event in the spiritual world, which then casts its rays and exerts its effects in the life to come. People die here on Earth; they pass through the gate of death; they shed their physical body and bring their soul into the spiritual world. This soul still carries within it the effects of everything it has lived through and experienced here in the physical world. In essence, having passed through the gate of death, it appears as the very effects of what was directly experienced here in earthly life. Such souls, having now passed through the gate of death, encounter—and this is a fact; I can only tell you this because these things can only be gleaned from the spiritual world through experience—they encounter those souls who are preparing to descend into a physical body in the time to come. And this is a significant event: this encounter between the souls who have just passed through the gate of death and those souls who will soon enter the physical world through the gate of birth. This event is of decisive importance. In a sense, it is there to instill in the descending souls something like a sense of what they will encounter here. And from this encounter stems the impulse that imposes a peculiar melancholy upon the children entering the world today. They do not want to enter this world, which they have come to know through this encounter. For they know how, in a sense, their “spiritual plumage” is ruffled by what humanity on Earth—immersed in a materialistic mindset, a materialistic worldview, and materialistic actions—is going through today. This event—which, of course, can only be observed spiritually—casts, among other things, a powerful light on our entire present, which can only be understood—and indeed should be understood—from such underlying perspectives.

[ 5 ] Ich ging von einem Ereignis aus, das selbstverständlich nur aus geistigem Schauen erfaßt werden kann. Aber andere Ereignisse in der Gegenwart sprechen laut und deutlich zu uns, und die könnten auch ohne geistiges Schauen unmittelbar auffällig werden für jeden nicht schläfrig durch das Leben gehenden Menschen. Wir sehen, wie sich zum großen Unheil der Welt ausgebreitet hat seit den letzten vier bis fünf Jahren die große Weltkriegskatastrophe. Wir blicken immer wieder und wieder — ich denke, das muß jede wache Seele tun — zurück nach dem, was äußerlich sichtbar zu dieser furchtbaren Menschheitskatastrophe geführt hat. Wir blicken auf den Verlauf dieser Katastrophe und blicken zuletzt auf das, was heute als Ereignisse aus dieser Katastrophe über weiteste Gebiete der Welt hin hervorgegangen ist. Eines müßte auffällig sein für jede wache Seele. Nehmen Sie doch die eigentümliche Tatsache, daß diese Weltkriegskatastrophe zum Beispiel über Mitteleuropa hereingebrochen ist, und daß eigentlich — es ist ja doch so — niemand wissen möchte, wie die Dinge eigentlich gekommen sind. Die Leute fragen sich, wie die Dinge gekommen sind, geben dem einen oder anderen die Schuld, sagen sich aber doch zuletzt immer wieder, wenn sie dann glauben, ergründet zu haben, daß das eine oder andere schuld war: Es kann doch nicht so sein, es muß da doch noch etwas anderes im Spiele sein.

[ 5 ] I was starting from an event that, of course, can only be grasped through spiritual insight. But other events in the present speak to us loud and clear, and these could become immediately apparent even without spiritual insight to anyone who does not go through life in a daze. We see how, to the world’s great misfortune, the great catastrophe of the World War has spread over the last four to five years. Time and again—and I believe every alert soul must do this—we look back at what, outwardly and visibly, led to this terrible catastrophe for humanity. We look at the course of this catastrophe and, finally, at what has emerged today as events stemming from this catastrophe across the widest regions of the world. One thing should be striking to every alert soul. Take, for example, the peculiar fact that this catastrophe of the World War broke out over Central Europe, and that—as is indeed the case—no one really wants to know how things actually came to be. People ask themselves how things came to be this way, blame one person or another, but in the end, when they believe they have figured out that one person or another was to blame, they always tell themselves: “It can’t be that simple; there must be something else at play.”

[ 6 ] Die Leute sagen sich: Die große soziale Bewegung hat sich herausergeben aus dieser Weltkriegskatastrophe. Die Menschen — seien sie nun Parteileute, seien sie nicht Parteileute — versuchen zu verstehen, was eigentlich geschehen soll innerhalb dieser sozialen Katastrophe. Alles, was sich die Menschen darüber an Gedanken machen, sind ja eigentlich gegenüber den Ereignissen Gedankenmumien, sind Gedanken, die der Wucht der Ereignisse und dem eigentlichen Charakter durchaus nicht gewachsen sind. Und sieht man noch genauer zu, gerade jetzt, wo von einer Reihe von scheinbar recht unmittelbar an dem Entstehen der Weltkatastrophe beteiligten Personen allerlei Memoiren erscheinen, so muß man sich sagen nach dem, was diese Leute schreiben: Standen sie denn vor vier bis fünf Jahren wirklich in den Ereignissen drinnen? Haben sie eigentlich gewußt, was sie tun? Haben sie eine Ahnung gehabt von der Tragweite dessen, was ihr Verstand ausgeheckt hat? Immer mehr müßten sich die Menschen heute gestehen so etwas, wie das Geständnis des russischen Ministers Suchomlinoff, der mit Bezug auf die drei bis vier Stunden, wo es darauf ankam, daß er seine wichtigsten Entschlüsse faßte, vor Gericht gesagt hat: Da muß ich den Verstand nicht gehabt haben, da muß ich ja verrückt gewesen sein!

[ 6 ] People are saying to themselves: The great social movement has emerged from this catastrophe of the World War. People—whether they are party members or not—are trying to understand what is actually supposed to happen in the midst of this social catastrophe. All the thoughts people have about this are, in fact, mere “thought mummies” in the face of events—thoughts that are completely unable to cope with the force of events and their true nature. And if one looks even more closely—especially now, when all sorts of memoirs are being published by a number of people who were apparently quite directly involved in the origins of the global catastrophe—one must ask, based on what these people write: Were they really in the thick of things four or five years ago? Did they actually know what they were doing? Did they have any idea of the far-reaching consequences of what their minds had concocted? More and more people today would have to admit something like the confession of the Russian minister Sukhomlinov, who, referring to the three to four hours when it mattered most—when he made his most important decisions—said in court: “I must not have been in my right mind then; I must have been out of my mind!”

[ 7 ] Solche Ereignisse sind tief sprechend. Und sie weisen darauf hin, daß eine Verwirrung des Geistes durch die weitesten Kreise der Beteiligten gegangen ist. Und wer nun wirklich das Zeug dazu hat, in das Furchtbare der gegenwärtigen Weltereignisse hineinzublikken, der kommt schon darauf — und die Leute werden immer mehr darauf kommen —: Moralisch ist nicht so sehr viel verfehlt worden, aber um so mehr intellektuell durch die Unfähigkeit, die Weltereignisse irgendwie zu durchschauen. Und heute ist es nicht anders. Wie hilflos steht im Grunde genommen die große Mehrheit der Menschheit da gegenüber den hereingebrochenen Weltereignissen. Da müßte die ernsteste Frage auftauchen: Was liegt denn da eigentlich zugrunde? — Es liegt etwas zugrunde, was gerade für unsere von materialistischer Gesinnung durchdrungene Zeit außerordentlich schwer zu begreifen ist: daß gerade seit jenem weltgeschichtlichen Zeitpunkt, in dem die materialistische Weltanschauungswoge besonders hoch gegangen ist, in Wahrheit die stärkste geistige Kraft, die jemals in das Menschenleben aus der geistigen Welt herein wollte, in dieses Menschenleben jetzt herein will. Das ist das Charakteristische in unserer Zeit. Der Geist, die geistige Welt will sich seit dem Beginn des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts mit aller Macht den Menschen offenbaren. Doch die Menschen sind allmählich an einem Punkte ihrer Entwicklung angekommen, wo sie zum Aufnehmen von irgend etwas in der Welt als Werkzeug nur ihren physischen Leib benutzen wollen. Sie haben sich aus der materialistischen Weltanschauungsgesinnung heraus gewöhnt, sogar theoretisch zu vertreten, daß das physische Gehirn das Werkzeug sei für das Denken, sogar für das Fühlen und sogar für das Wollen. Sie haben sich eingeredet, daß der physische Leib das Werkzeug sei für alles geistige Leben. Sie haben sich das nicht grundlos eingeredet. Sie hatten guten Grund dazu, nämlich den Grund, daß innerhalb der Menschheitsentwicklung die Menschen allmählich nur den physischen Leib noch benutzen konnten, daß es wirklich nach und nach so gekommen ist, daß nur der physische Leib für die geistige Betätigung als Werkzeug benutzt werden konnte. Und so stehen wir heute in dem unendlich wichtigen Knoten der Menschheitsentwicklung, wo auf der einen Seite wie im Sturme sich offenbaren will die geistige Welt, und wo auf der anderen Seite der Mensch die Kraft finden muß, aus seinem stärksten Eingesponnensein in das Materielle sich zum neuen Empfangen der Geistesoffenbarungen heraufzuarbeiten.

[ 7 ] Such events speak volumes. And they indicate that a state of mental confusion has swept through the broadest circles of those involved. And anyone who truly has what it takes to look deeply into the horror of current world events will come to realize—and more and more people will come to realize—that morally, not much has gone wrong, but intellectually, all the more so, due to the inability to make sense of world events in any way. And today it is no different. How helpless, when it comes down to it, is the vast majority of humanity in the face of the world events that have broken upon us. This should raise the most serious question: What, in fact, lies at the root of this? — There is something underlying this that is extraordinarily difficult to grasp, especially in our age, which is permeated by a materialistic mindset: that precisely since that pivotal moment in world history when the tide of the materialistic worldview reached its peak, the strongest spiritual force that has ever sought to enter human life from the spiritual world is now seeking to enter it. That is the defining feature of our time. Since the beginning of the last third of the 19th century, the spirit—the spiritual world—has been striving with all its might to reveal itself to humanity. Yet human beings have gradually reached a point in their development where they wish to use only their physical body as an instrument for perceiving anything in the world. Out of their materialistic worldview, they have become accustomed to maintaining—even theoretically—that the physical brain is the instrument for thinking, even for feeling, and even for willing. They have convinced themselves that the physical body is the instrument for all spiritual life. They have not convinced themselves of this without reason. They had good reason to do so, namely that, in the course of human development, people gradually came to the point where they could use only the physical body; indeed, it has gradually come to pass that only the physical body could be used as an instrument for spiritual activity. And so today we stand at an infinitely important juncture in human development, where on the one hand the spiritual world seeks to reveal itself as if in a storm, and where on the other hand human beings must find the strength to work their way up from their deepest entanglement in the material world to a new receptivity to spiritual revelations.

[ 8 ] Es ist der Menschheit heute die stärkste Prüfung ihrer Kraft gestellt, die Prüfung der Kraft des freien Sich-Hinaufarbeitens zu dem Geiste, der ganz von selbst der Menschheit entgegenkommt, wenn der Mensch sich vor diesem Geiste nicht verschließt. Aber es ist die Zeit vorbei, in der in allerlei unterbewußten und unbewußten Prozessen sich der Geist offenbaren kann an den Menschen. Es ist die Zeit gekommen, wo der Mensch in freier innerer Tat das Geisteslicht empfangen muß. Und all die Verwirrung und alle die Unklarheit, in der die Menschen heute leben, kommt davon her, daß die Menschen heute etwas empfangen müssen, was sie eben eigentlich noch nicht empfangen wollen: ein ganz neues Verständnis der Dinge.

[ 8 ] Humanity today faces the greatest test of its strength: the test of its ability to work its way upward toward the Spirit, which comes to meet humanity of its own accord, provided that people do not close themselves off from this Spirit. But the time has passed when the Spirit could reveal itself to human beings through all manner of subconscious and unconscious processes. The time has come when human beings must receive the light of the Spirit through a free inner act. And all the confusion and all the uncertainty in which people live today stem from the fact that they must now receive something they do not yet actually wish to receive: a completely new understanding of things.

[ 9 ] In diese furchtbare, schreckenerfüllte Weltkriegskatastrophe hinein hat sich das alte Denken, die alte Art, die Weltereignisse zu überblicken, ausgelebt und die unendlich bedeutsamen Sturmzeichen dieser Weltkriegskatastrophe bedeuten nichts anderes als den Hinweis darauf: Versucht umzudenken, versucht eine neue Art, euch die Welt anzuschauen, denn die alte Art muß immer nur in Chaos und Verwirrung führen. Das muß endlich eingesehen werden: Die leitenden Persönlichkeiten des Jahres 1914 waren an dem Punkt angekommen, wo mit dem alten Verständnis nichts mehr zu erreichen war. Deshalb führten sie die Menschheit ins Unglück. Diese Tatsache muß der Mensch sich heute tief in die Seele schreiben, sonst wird er nicht den starken, den kräftigen Entschluß fassen, wirklich aus freier Innerlichkeit dem Geiste und seinem Leben entgegenzukommen. Es ist ja das Jammervolle gerade in unserer unmittelbaren Gegenwart, daß wir sehen, überall offenbaren sich Dinge, die mit den bisherigen Weltanschauungen und Lebensauffassungen nicht zu verstehen sind. Aber die Leute klammern sich an diese alten Weltanschauungen und Lebensauffassungen und wollen nicht — wollen nicht zu ganz neuen Arten, die Dinge anzuschauen, kommen. Anthroposophische Weltanschauung wollte die Menschheit vorbereiten, zu diesen neuen Arten, die Welt anzuschauen, zu kommen. Sie hatte eigentlich im Grunde genommen keine anderen wirklichen Gegner, diese anthroposophische Weltanschauung, als lediglich die Bequemlichkeit, die Trägheit des inneren Menschen, der sich nicht aufraffen kann, die innersten Kräfte seiner Seele entgegenzutragen der gerade in unserer Zeit so mächtig hereinbrechenden Geisteswelle.

[ 9 ] Amid this terrible, terror-filled catastrophe of the World War, the old way of thinking—the old way of viewing world events—has run its course, and the infinitely significant warning signs of this World War catastrophe point to nothing other than this: Try to think differently; try a new way of looking at the world, for the old way can only ever lead to chaos and confusion. This must finally be recognized: The leading figures of 1914 had reached the point where nothing more could be achieved with the old understanding. That is why they led humanity into disaster. People today must engrave this fact deeply in their souls; otherwise, they will not make the strong, resolute decision to truly meet the Spirit and their own lives from a place of free inner initiative. It is, after all, the tragic reality of our immediate present that we see things manifesting everywhere that cannot be understood through previous worldviews and attitudes toward life. But people cling to these old worldviews and attitudes toward life and do not want—do not want—to arrive at entirely new ways of looking at things. The anthroposophical worldview sought to prepare humanity to arrive at these new ways of looking at the world. In essence, this anthroposophical worldview had no real opponents other than the complacency and inertia of the inner human being, who cannot bring himself to direct the innermost forces of his soul toward the wave of spirit that is breaking in so powerfully, especially in our time.

[ 10 ] Was ich vorhin sagte: die Menschen haben sich abgewöhnt, etwas anderes zum Denken zu gebrauchen als ihren physischen Leib, das hat endlich auch zur materialistischen Weltanschauung geführt. Nun gibt es eines, was unbedingt in der Gegenwart verstanden werden muß. Die Natur, so wie sie die heutige, zu ihren Triumphen gekommene Naturwissenschaft studiert, kann man verstehen mit dem Instrument des physischen Gehirns, des physischen Leibes überhaupt. Nicht aber kann man das Menschenleben verstehen mit dem Instrument des physischen Leibes. Dieses Menschenleben ist nur zu verstehen, wenn man sich zu einem Denken aufschwingen kann, das nicht vom physischen Leibe allein hergeholt ist. Und dieses Denken ist es, was gepflegt werden sollte durch die anthroposophische Weltanschauung. Natürlich sagen die Leute: Ja, anthroposophische Weltanschauung, was da in den Büchern steht, was da gesprochen wird, man versteht es nicht. — Man glaubt es den Leuten, daß sie es nicht verstehen. Aber, was heißt es, sie verstehen es nicht? Es heißt nichts anderes als: Ich will mich nur des physischen Gehirns zum Verstehen bedienen, ich will nicht lernen ein anderes Denken als das, welches sich faul an das physische Gehirn anlehnen kann. Mit dem ist natürlich anthroposophische Weltanschauung nicht zu verstehen. Nicht als ob man hellsichtig sein müßte, um sie zu verstehen, aber man muß sich üben in einem solchen Denken, das nicht an das physische Gehirn gebunden ist. Und was in der anthroposophischen Literatur vorhanden ist, was mit dem gesunden Menschenverstand — und der ist nicht an das Gehirn gebunden, nur der kranke materialistische Verstand ist an das Gehirn gebunden —, was mit dem gesunden Menschenverstand erlernt werden kann, das trainiert allmählich ein solches Denken, ein solches Empfinden, ein solches Wollen, daß dieses Denken und Empfinden und Wollen den entsprechenden Ereignissen der Gegenwart gewachsen ist. Sie mögen das auffassen, wie Sie wollen, aber es ist so: Was die Gegenwart von uns fordert, ist nicht zu begreifen durch das Instrument des physischen Leibes: Das muß begriffen werden durch das Instrument des ätherischen Leibes, desjenigen Leibes, der als ein Bildekräfteleib dem physischen Leibe zugrunde liegt.

[ 10 ] As I said earlier: people have lost the habit of using anything other than their physical body for thinking, and this has ultimately led to a materialistic worldview. Now there is one thing that must absolutely be understood in the present. Nature, as studied by today’s triumphant natural science, can be understood using the physical brain—or the physical body in general. But human life cannot be understood using the physical body. Human life can only be understood if one can rise to a level of thinking that is not derived solely from the physical body. And it is this kind of thinking that should be cultivated through the anthroposophical worldview. Of course, people say: “Yes, the anthroposophical worldview—what’s written in the books, what’s spoken about—we don’t understand it.” — One believes people when they say they don’t understand it. But what does it mean that they don’t understand it? It means nothing other than: I want to use only the physical brain to understand; I don’t want to learn a way of thinking other than the one that can lazily rely on the physical brain. Of course, the anthroposophical worldview cannot be understood in this way. It’s not as if one has to be clairvoyant to understand it, but one must practice a kind of thinking that is not bound to the physical brain. And what is found in anthroposophical literature—what can be grasped with common sense (which is not bound to the brain, only the sick, materialistic mind is bound to the brain—what can be learned through common sense gradually trains a way of thinking, feeling, and willing that is capable of meeting the challenges of the present. You may interpret this as you will, but it is true: what the present demands of us cannot be grasped through the instrument of the physical body; it must be grasped through the instrument of the etheric body—that body which, as a body of formative forces, underlies the physical body.

[ 11 ] Die hereinbrechende geistige Welt, die sich der Menschheit offenbaren will, macht sich eigentlich nur in sehr unbewußten Gefühlen für die Menschen geltend. Die Menschen haben eine heillose Furcht davor. Es ist eigentlich nur eine Ausrede, wenn die Menschen sagen, sie verstünden die Geisteswissenschaft nicht. Die Wahrheit ist, daß sie Furcht haben vor der sich offenbarenden geistigen Welt. Nur weil die Menschen diese Furcht vor der geistigen Welt nicht gestehen wollen, sagen sie, sie verstehen die Geisteswissenschaft nicht, ‚oder, sie sei nicht logisch, oder was sie sonst alles als Ausrede wählen. In Wahrheit haben sie Furcht davor, und daher wählen sie auch alles mögliche, um gerade den großen, mächtigen Problemen zu entschlüpfen. Wie sind die Leute froh, wenn sie den großen Aufgaben, den Rätseln des gegenwärtigen Lebens entschlüpfen können! Man hat vielleicht nach der einen oder anderen Richtung über wichtige Probleme der Gegenwart gesprochen, aber die Leute haben das unbequem gefunden. Dann jedoch haben sie sich die Ibsenschen Dramen angeschaut, darin ist etwas vorgekommen von den großen Problemen der Gegenwart. Aber die Leute brauchen nicht daran zu glauben, denn das war «bloß» Kunst. Das Hereinragen der geistigen Welt in die physische Welt war den Leuten unbequem, wenn man ihnen direkt davon sprach. Auch Björnson hat solches in seinen Dramen verarbeitet; doch da braucht man nicht daran zu glauben, das war «bloß» Kunst. Ernst zu machen mit diesen Dingen, davor hatten die Leute eine heillose Furcht. Und wieder: die Klassengegensätze, die Kluft zwischen den führenden Klassen und den proletarischen Klassen wurde immer größer. Rätsel gingen von der sozialen Frage aus. Man redete von diesen Rätseln, da war das unbequem. Aber die Leute gingen ins Theater und schauten sich Hauptmanns «Weber» an; da brauchte man keine ernsthafte Stellung dazu zu nehmen, sondern konnte sich ein bißchen innerlich aufregen an dem, was als Abgründe in der Menschheit vorhanden war, brauchte aber nicht Stellung dazu zu nehmen, denn es war ja «bloß» Kunst und so weiter. Die Leute flüchteten in etwas hinein, was sie nicht ernst zu nehmen brauchten. Das ist eine charakteristische Erscheinung für die Zeitpsychologie. Aber was verbirgt sich hinter dieser charakteristischen Erscheinung der Zeitpsychologie? Das verbirgt sich dahinter, daß die Menschen hätten streben sollen, aus der Tendenz der Offenbarung der geistigen Welt, gewisse Dinge ernst zu nehmen, die nicht begriffen werden können durch das Instrument des physischen Leibes, die nur begriffen werden können durch imaginative Kräfte, wie die Kunst selber nur durch imaginative Kräfte zu begreifen ist. Des Menschen physischer Leib ist aufgebaut wie ein Naturprodukt, des Menschen ätherischer Leib ist aufgebaut wie ein Kunstprodukt, wie eine wirkliche Plastik, nur ist er in fortwährender Bewegung. Und was der Mensch sonst zu seinem Vergnügen hinnimmt in der Kunstauffassung, das muß sich verdichten, muß sich erhellen, muß ernste Anschauung werden: Imagination, Inspiration, Intuition. Dann versteht der Mensch das, was sich ihm heute offenbaren will. Denn hinter den heutigen Ereignissen lauert das, was nur geistig verstanden werden kann. Tief fühlen und empfinden sollte man, wie das, was als eine geistige Offenbarung herein will in die gegenwärtige Welt, nur begriffen werden kann durch Geisteswissenschaft selber, das heißt, durch jenes Denken und Empfinden und jene inneren Willensimpulse, die herantrainiert werden können durch die Geisteswissenschaft, die in derselben Region verlaufen, in der verläuft unernst, als bloßes Spiegelbild, das Künstlerische.

[ 11 ] The spiritual world that is breaking through and seeks to reveal itself to humanity actually makes its presence felt to people only through very unconscious feelings. People have a deep-seated fear of it. It is really just an excuse when people say they do not understand spiritual science. The truth is that they are afraid of the spiritual world as it reveals itself. It is only because people do not want to admit this fear of the spiritual world that they say they do not understand spiritual science, or that it is not logical, or whatever other excuses they choose. In truth, they are afraid of it, and that is why they resort to all sorts of things to escape precisely these great, powerful problems. How glad people are when they can escape the great challenges, the mysteries of present-day life! People may have discussed important contemporary issues in one way or another, but they found it uncomfortable. Then, however, they turned to Ibsen’s plays, which touched on some of the great problems of the present. But people didn’t have to believe in them, because that was “merely” art. The intrusion of the spiritual world into the physical world made people uncomfortable when it was spoken of directly to them. Björnson, too, dealt with such themes in his plays; yet there was no need to believe in them—that was “merely” art. People had a deep-seated fear of taking these things seriously. And again: class antagonisms—the gulf between the ruling classes and the proletarian classes—were growing ever wider. Puzzles arose from the social question. People talked about these puzzles, and that was uncomfortable. But people went to the theater and watched Hauptmann’s *The Weaver*; there was no need to take a serious stance on it; instead, one could get a little emotionally stirred up by what were perceived as the abysses within humanity, but there was no need to take a stand, because it was, after all, “just” art, and so on. People took refuge in something they did not have to take seriously. This is a characteristic phenomenon of the psychology of the time. But what lies behind this characteristic phenomenon of the psychology of the age? What lies behind it is that people should have strived, out of the tendency toward the revelation of the spiritual world, to take certain things seriously—things that cannot be grasped through the instrument of the physical body, but can only be grasped through imaginative powers, just as art itself can only be grasped through imaginative powers. The human physical body is structured like a product of nature; the human etheric body is structured like a work of art, like a real sculpture—only it is in constant motion. And whatever else a person accepts for their own pleasure in their perception of art must become more concentrated, must become more luminous, must become serious contemplation: imagination, inspiration, intuition. Then a person will understand what seeks to reveal itself to them today. For lurking behind today’s events is that which can only be understood spiritually. One should feel and sense deeply how that which seeks to enter the present world as a spiritual revelation can only be grasped through spiritual science itself—that is, through that thinking, feeling, and those inner impulses of the will that can be cultivated through spiritual science, which operate in the same realm as the artistic, though the latter operates there in a frivolous manner, as a mere reflection.

[ 12 ] Ich habe seinerzeit versucht, auf einem Gebiete auf etwas hinzuweisen, was der Gegenwart dringend notwendig ist. Es ist natürlich aus dem Banausentum, aus der Philistrosität unserer Wissenschaft heraus, aus dem Schreckensungetüm dessen, was heute offizielle Universitätswissenschaft ist, nicht verstanden worden. Ich nannte in meiner 1894 erschienenen «Philosophie der Freiheit» ein Kapitel «Die moralische Phantasie». Geisteswissenschaftlich könnte man auch sagen: die imaginativen Moralimpulse. Ich wollte darauf hinweisen, daß dasjenige Gebiet, das sonst nur künstlerisch in der Phantasie ergriffen wird, nun notwendig im Ernst von der Menschheit ergriffen werden muß, weil das die Stufe ist, die der Mensch ersteigen muß, um das Übersinnliche in sich hereinzubekommen, das nicht durch das Gehirn ergriffen wird. Ich wollte wenigstens mit Bezug auf die Erfassung des Moralischen Anfang der neunziger Jahre darauf hinweisen, daß der Ernst kommt, das Übersinnliche aufzufassen. Diese Dinge sollte man heute empfinden. Man sollte eine Empfindung davon haben, daß die Gedanken, die inneren Seelenimpulse, die man herausgetragen hat bis in die Weltkriegskatastrophe und bis in die Zeit der sozialen Umwälzung hinein, weiterhin nicht mehr brauchbar sind, daß man neue Impulse braucht. Kommt man heute mit einem neuen Impuls, dann wird gerade dieser neue Impuls am allerwenigsten verstanden. Denn man kommt mit einem Impuls, der lebendig herausgeholt ist aus der geistigen Welt als Heilmittel gegen die Schäden unserer Zeit. Da quieksen die Leute links, und da quieksen die Leute rechts, und alles quiekst zusammen in einem Chor von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken und findet, daß das alles etwas ist, was man nicht versteht. Selbstverständlich versteht man es nicht, wenn man bei den alten Denkformen stehenbleiben will. Aber heute ist eben notwendig, daß wir nicht stehenbleiben bei alten Denkformen, sondern daß man die ganze Seele innerlich umformt und umgestaltet. Alle äußeren Revolutionen — und sie können noch so sehr nach dem Wunsche der einen oder der anderen Partei oder Klasse sein — werden in die schlimmste Sackgasse verlaufen und das schlimmste Elend über die Menschheit bringen, wenn nicht diese äußeren revolutionären Bewegungen von heute durchleuchtet werden durch die innere Revolution der Seele, die sich da abspielt in dem Hinweggehen von dem Versenktsein in die rein materialistische Weltanschauung und die entgegengeht dem Aufnehmen der geistigen Welle, die als eine neue Offenbarung in die Menschheitsentwicklung hereinbrechen will. Die Revolution von der Materie zum Geist, das ist die einzig heilsame Revolution, und alle anderen Revolutionen sind nur die Kinderkrankheiten — das ist Scharlach, das sind Masern von dem Vorläufer desjenigen, was sich als Gesundes in dem Heraufkommen des Geistes in der Gegenwart gebären will.

[ 12 ] At the time, I attempted to draw attention to something in a particular field that is urgently needed today. Naturally, this was not understood due to the philistinism and narrow-mindedness of our science, and the monstrous horror that is today’s official university scholarship. In my *Philosophy of Freedom*, published in 1894, I titled a chapter “The Moral Imagination.” From the perspective of the humanities, one could also say: the imaginative moral impulses. I wanted to point out that the realm which is otherwise grasped only artistically in the imagination must now necessarily be taken seriously by humanity, because this is the stage that human beings must ascend in order to bring the supersensible—which is not grasped by the brain—into themselves. I wanted to point out—at least with regard to the understanding of morality in the early 1890s—that the time has come to take the supersensible seriously. These are the things one should feel today. One should have a sense that the thoughts, the inner soul impulses, which were carried forward all the way to the catastrophe of the World War and into the era of social upheaval, are no longer useful, and that new impulses are needed. If one comes forward today with a new impulse, it is precisely this new impulse that is least understood. For one comes with an impulse that has been drawn alive from the spiritual world as a remedy for the ills of our time. Then people on the left squawk, and people on the right squawk, and everyone squawks together in a chorus from the far right to the far left, and they all feel that this is something they do not understand. Of course, one cannot understand it if one wants to remain stuck in old ways of thinking. But today it is precisely necessary that we not remain stuck in old ways of thinking, but rather that we inwardly transform and reshape the entire soul. All external revolutions—no matter how much they may align with the desires of one party or class or another — will run into the worst dead end and bring the worst misery upon humanity unless today’s external revolutionary movements are illuminated by the inner revolution of the soul, which is taking place in the process of moving away from immersion in a purely materialistic worldview and toward receiving the spiritual wave that seeks to break into the development of humanity as a new revelation. The revolution from matter to spirit—that is the only salutary revolution, and all other revolutions are merely childhood illnesses—they are scarlet fever and measles, the precursors of that which seeks to be born as something healthy in the present-day emergence of the spirit.

[ 13 ] Es ist eben ein starker innerer Entschluß heute notwendig, um dem, was die Gegenwart vom Menschen fordert, gewachsen zu sein. Und bedenken wir in allem Ernst, daß es eine geistige Welt ist, die in die unsrige hereinbrechen will, daß von uns gefordert wird: geistige Kräfte seien da, von denen wir unsere Entschließungen, unsere Handlungen, unser ganzes Denken abhängig machen sollen. Das wird von uns gefordert! In einer solchen Zeit ändert sich vieles. Da darf ich wieder auf ein Symptom hinweisen, das ausgesprochen, wiederum paradox klingen wird, das aber, innerlich geistig angeschaut, von der allergrößten Wichtigkeit ist. Wir haben, das wissen wir aus der Geisteswissenschaft, außer unserem physischen Leib und unserem ätherischen Leib — von dem ich Ihnen eben gesprochen habe als von einem Instrument, das uns notwendig wird für eine gewisse geistige Auffassung dessen, was sonst bloß Spiegelbild in der Kunst zu sein braucht —, wir haben weiter das eigentliche Seelische in uns. Sie können sagen astralischer Leib, oder wie Sie es nennen wollen. Das ist das, was noch wesentlich geistiger ist als der ätherische Leib, das ist das, dem der Mensch natürlich in der Zeit seiner physischen Entwicklung noch ferner gestanden hat als seinem ätherischen Leib. Denn der ätherische Leib hat, als dem physischen Leibe zugrunde liegend, eine Art Bildgestalt, wenn es auch ein Bild ist, das in fortwährender Bewegung ist; aber der astralische Leib ist eigentlich gestaltlos. Und redet man von ihm, so redet man nur von einem Bilde, von dem man weiß, daß das Bild ihn nur darstellen soll, denn in Wahrheit ist er gestaltlos. Dieser astralische Leib hat sich — dieser Prozeß spielt sich seit drei bis vier Jahrhunderten ab — beim neueren Menschen recht sehr verändert. Die Menschen der Vergangenheit hatten einen verhältnismäßig noch von Geistigkeit, von allerlei geistigen Kräften durchspülten, durchdrungenen astralischen Leib; und was die Menschen an spirituellen, an geistigen Empfindungen und geistigen Impulsen im Leben hatten, das kam von diesem Geistigen, das im astralischen Leibe war. Jetzt sind die astralischen Leiber eigentlich leer geworden. Sie sind merkwürdig leer. Und sie sind leer, weil in der Zeit, in der gewissermaßen von außen sich offenbaren will mit Macht die geistige Welt, der Mensch diese äußere geistige Welt aufnehmen soll. Daher ist sein astralischer Leib nach und nach leer geworden. Er soll sich wieder erfüllen mit dem, was äußerlich sich offenbart. Das hat eine ganz bestimmte Wirkung auf den Menschen. Und jetzt komme ich zu der Tatsache, die — wie ich schon sagte —, wenn man sie ausspricht, recht paradox scheinen wird, geradeso wie das melancholische Antlitz des Kindes. Aber sie ist doch eine Tatsache.

[ 13 ] Today, a strong inner resolve is necessary in order to rise to the challenges that the present demands of us. And let us consider in all seriousness that it is a spiritual world that seeks to break into our own, that what is demanded of us is this: that spiritual forces be present upon which we are to base our decisions, our actions, and our entire thinking. This is what is demanded of us! In such a time, much changes. Here I may again point to a symptom that, when stated, will sound paradoxical once more, but which, when viewed from an inner, spiritual perspective, is of the utmost importance. We have—as we know from spiritual science—in addition to our physical body and our etheric body—which I have just described to you as an instrument that becomes necessary for a certain spiritual perception of what otherwise need only be a reflection in art—we also have the actual soul within us. You may call it the astral body, or whatever you wish to call it. This is what is even more essentially spiritual than the etheric body; it is that from which human beings, naturally, have been even further removed during their physical development than from their etheric body. For the etheric body, as the foundation of the physical body, has a kind of form—even if it is a form in constant motion—but the astral body is actually formless. And when one speaks of it, one speaks only of an image, knowing that the image is meant merely to represent it, for in truth it is formless. This astral body has changed quite significantly in modern humans—a process that has been unfolding for three to four centuries. People of the past had an astral body that was still, to a relatively large extent, permeated and infused with spirituality and all manner of spiritual forces; and whatever spiritual sensations and impulses people experienced in life came from this spiritual element that resided within the astral body. Now the astral bodies have actually become empty. They are strangely empty. And they are empty because, at a time when the spiritual world is, so to speak, seeking to reveal itself with great force from the outside, human beings are meant to take in this external spiritual world. That is why their astral bodies have gradually become empty. They are meant to be filled once again with what is revealed from the outside. This has a very specific effect on human beings. And now I come to the fact that—as I have already said—will seem quite paradoxical when spoken aloud, just like the melancholic face of a child. But it is nonetheless a fact.

[ 14 ] Die wichtigste Tatsache in der Entstehungsgeschichte der Weltkriegskatastrophe, insofern sich diese Entstehungsgeschichte in Berlin abgespielt hat, fällt auf den 1. August zwischen nachmittags und abends, etwa zwischen ein Viertel vier Uhr nachmittags und elf bis zwölf Uhr nachts. Verschiedene Menschen waren daran beteiligt, selbstverständlich Menschen der materialistischen Gegenwart. Dies ist der ungünstigste Augenblick, den es heute für eine Menschenseele, wenn sie Entschlüsse fassen soll, geben kann, wenn diese Menschenseele aus materialistischer Gesinnung heraus diese Entschlüsse faßt. Denn wir sind in einen sehr, sehr wichtigen Zeitpunkt der Menschheitsentwicklung eingetreten. Der heutige Mensch kann überhaupt keine vernünftigen Entschlüsse fassen, wenn er — so sonderbar es klingen mag, aber das ist eine Wahrheit, und die Menschheit wird das aus äußeren Tatsachen sogar immer mehr als eine Wahrheit erkennen —, wenn er nicht morgens früh schon mit ihnen aufwacht. Er braucht sie nicht dann im Bewußtsein zu haben. Aber im Unterbewußten macht der Mensch in der Nacht dasjenige durch, was er am nächsten Tage erleben kann. Er ist noch nicht so weit, daß er es prophetisch überschauen kann, aber darauf kommt es nicht an. Wenn Sie aber um ein halb vier Uhr, um sechs Uhr einen Gedanken hegen — Sie haben ihn schon in der Nacht gehabt, er steht wieder auf in Ihnen. Steht dagegen ein Gedanke auf, der nicht schon in der Nacht gefaßt ist, der herausgeholt ist aus den Ereignissen des Tages, dann wird er für den heutigen Menschen kein vernünftiger mehr sein können. Der heutige Mensch ist gerade angewiesen, seine wichtigsten Impulse aus der geistigen Welt zu holen. Die wichtigsten Impulse für den Menschen kommen gar nicht aus der physischen Welt. Wir sind gewissermaßen heute darauf angewiesen, unvernünftig zu sein, wenn wir nicht die Entschlüsse schon mitbringen, wenn wir nicht appellieren an dieses Zusammensein mit der geistigen Welt. Wenn unser astralischer Leib des Nachts, wenn er frei, außerhalb des physischen und des ätherischen Leibes mit der geistigen Welt zusammen ist, da geht in ihm das Wesentlichste vor, dann wird er mehr als bei unseren Vorfahren vorbereitet für die Vernunft des Tages. Heilig sollte daher für den heutigen Menschen der Moment des Aufwachens sein, weil er empfinden sollte: Ich komme heraus aus der geistigen Welt, ich trete in die physische Welt ein. Und alles Gute, alles, was mich fähig macht, ein vernünftiger Mensch zu sein, habe ich durch den Verkehr mit der geistigen Welt vom Einschlafen bis zum Aufwachen, habe ich durch den Verkehr mit den Toten, die ich im Leben gekannt habe, die vor mir hingestorben sind, kurz, durch den Verkehr mit denen, die jetzt nicht in einem physischen Leibe sind, dann erfahren, wenn ich mit ihnen in der rein geistigen Welt zusammen bin. Und aus diesem Erleben im Geistigen sollte ich mir herausbringen die Grundempfindung von der Heiligkeit des Momentes des Aufwachens. Dann wird diese Grundempfindung mir über den Tag ausgießen die Möglichkeit, mir bei dem einen zu sagen: Da hilft mir ein geistiger Impuls — und beim anderen: Da hilft mir nichts, da bleibt alles unentschieden, das darf erst morgen entschieden werden.

[ 14 ] The most important event in the history of how the catastrophe of the World War came about—insofar as this history unfolded in Berlin—took place on August 1, between the afternoon and the evening, roughly between a quarter past four in the afternoon and eleven or twelve at night. Various people were involved—naturally, people of the materialistic present. This is the most inopportune moment that can exist today for a human soul when it is called upon to make decisions, especially if that human soul makes these decisions out of a materialistic mindset. For we have entered a very, very important phase in human development. People today cannot make any sensible decisions at all if—as strange as it may sound, but this is a truth, and humanity will increasingly recognize it as such from external facts—if they do not wake up with those decisions already in mind early in the morning. They do not need to have them in their conscious mind at that moment. But in the subconscious, a person experiences during the night what they may encounter the next day. They are not yet able to foresee it prophetically, but that is not what matters. However, if you entertain a thought at half past three or at six o’clock—you have already had it during the night; it arises within you once more. If, on the other hand, a thought arises that was not already conceived during the night—one drawn from the events of the day—then it can no longer be a reasonable one for people today. People today are precisely called upon to draw their most important impulses from the spiritual world. The most important impulses for human beings do not come from the physical world at all. In a sense, we are compelled today to be irrational if we do not already bring these resolutions with us, if we do not appeal to this connection with the spiritual world. When our astral body is free at night—outside the physical and etheric bodies—and in communion with the spiritual world, the most essential processes take place within it; thus, it is better prepared for the rationality of the day than was the case with our ancestors. The moment of waking should therefore be sacred for people today, because they should feel: I am emerging from the spiritual world; I am entering the physical world. And all that is good— everything that enables me to be a rational human being—I have experienced this through my communion with the spiritual world from the moment I fall asleep until I wake up; through my communion with the dead whom I knew in life and who have passed away before me; in short, through my communion with those who are not now in a physical body—when I am with them in the purely spiritual world. And from this experience in the spiritual realm, I should draw the fundamental sense of the sacredness of the moment of waking. Then this fundamental sense will bestow upon me, throughout the day, the ability to say to myself in one instance: “Here, a spiritual impulse helps me”—and in another: “Here, nothing helps me; everything remains undecided; that may only be decided tomorrow.”

[ 15 ] Das ist so eine Art, geistig das Leben zu führen, wenn man wirklich mit den geistigen Faktoren rechnet. Natürlich, mit geistigen Faktoren rechnen die Menschen im materialistischen Zeitalter nicht, denn sie sind immer «gescheit». Sie glauben, daß mit dem Instrument des physischen Leibes alles da ist, was sie zum Gescheitsein brauchen. Sie appellieren nicht an das, was ihnen werden kann, wenn sie getrennt sind vom physischen Leib und in ihrem astralischen Leib mit der geistigen Welt zusammen sind. Einzig und allein der Wille, das Leben geistig zu führen, der Wille, geistige Entschließungen, geistige Impulse mitspielen zu lassen in dem, was wir im Physischen tun, kann die Menschheit wiederum wahrhaftig gesund machen.

[ 15 ] This is one way of living a spiritual life—when one truly takes spiritual factors into account. Of course, people in the materialistic age do not take spiritual factors into account, because they are always “smart.” They believe that the physical body provides everything they need to be smart. They do not consider what might become of them when they are separated from the physical body and, in their astral body, are in communion with the spiritual world. Only the will to live a spiritual life—the will to allow spiritual resolutions and spiritual impulses to play a part in what we do in the physical realm—can truly restore humanity to health.

[ 16 ] Das ist das, was heute der Mensch wirklich gründlich bedenken sollte. Denn anthroposophische Weltanschauung kann nicht darin bestehen, daß wir eine Summe von abstrakten Begriffen aufnehmen, diese als eine Art Katechismus betrachten ihren abstrakten Inhalten nach, und dann zufrieden sind, daß wir eine andere Weltanschauung haben als die anderen. Nein, anthroposophische Weltanschauung muß darin bestehen, daß unser ganzes Denken ein anderes wird, daß unser ganzes Fühlen ein anderes wird, daß innerlich jener große Moment des Erwachens im Geiste in uns eintritt, so daß wir wissen: Wir müssen unser Leben vom Geiste durchleuchten lassen. Und das Unglück der gegenwärtigen Menschheit ist dadurch gekommen, daß die Ablehnung des Willens, Geistiges aufzunehmen, aufs Höchste getrieben worden ist. Niemals ist aus so äußerlichen Gründen, aus so rein materiellen Gründen ein Ereignis entstanden wie diese Weltkriegskatastrophe. Und sie ist deshalb auch die Fürchterlichste geworden. Aus ihr sollte der Mensch lernen, daß er durch sein früheres Denken, Empfinden und Wollen in diese Katastrophe hineingetrieben worden ist und nicht wieder aus ihr herauskommen wird — wenn sie auch andere Formen annehmen wird —, ehe er nicht die innere Umwandlung, die innere Metamorphose seiner Seele mit kühner Entschlußkraft vornimmt.

[ 16 ] This is what people today should really give serious thought to. For an anthroposophical worldview cannot consist of simply absorbing a set of abstract concepts, viewing them as a kind of catechism based on their abstract content, and then being satisfied that we have a different worldview from others. No, the anthroposophical worldview must consist in our entire way of thinking becoming different, our entire way of feeling becoming different, and that great moment of spiritual awakening taking place within us, so that we know: We must allow the Spirit to illuminate our lives. And the misfortune of present-day humanity has arisen because the refusal to accept the spiritual has been taken to the extreme. Never has an event such as this catastrophe of world war arisen from such external causes, from such purely material causes. And that is why it has also become the most terrible. From it, humanity should learn that it was driven into this catastrophe by its former ways of thinking, feeling, and willing, and will not emerge from it—even if it takes on other forms—until it undertakes the inner transformation, the inner metamorphosis of its soul, with bold resolve.

[ 17 ] Die Tatsachen, die ich Ihnen vorgeführt habe, sind Tatsachen: die melancholische Trübe in den Kindergesichtern, die Notwendigkeit, unseren ätherischen Leib zu gebrauchen für das Verständnis der Welt, und die Notwendigkeit, für unsere Willensimpulse zu appellieren an den Moment des Aufwachens, an dasjenige, was in uns gleichsam glüht als ein Rest dessen, was uns vom vorhergehenden Schlafe bleibt. Dieses Mitsprechenlassen des Geistes ist es, was notwendig und immer notwendiger wird für die Menschheitsentwicklung der Zukunft. Daß man begreife, daß anthroposophische Weltanschauung nicht eine Sensation sein soll für Seelenmüßiggänger — und heutige Mystiker sind oftmals nichts anderes als Seelenmüßiggänger —, daß sie nicht etwas ist, was so ein Dessert des Lebens bietet, einen äußeren physischen Lebensgenuß, sondern daß sie etwas ist, was mit den tiefsten Impulsen unserer Kultur zusammenhängt. Das sollte man einsehen. Und auch, daß diese unsere Kultur nicht gesunden kann, wenn sie nicht von anthroposophischer Weltanschauung befruchtet wird. Das sollte man sich heute tief in die Seele schreiben, wenn man anthroposophische Weltanschauung kennengelernt hat.

[ 17 ] The facts I have presented to you are facts: the melancholic gloom on the children’s faces, the necessity of using our etheric body to understand the world, and the necessity of appealing to the moment of waking—to that which, as it were, glows within us as a remnant of what remains from our previous sleep—for our impulses of will. This allowing the spirit to have a say is what is necessary—and is becoming ever more necessary—for the future development of humanity. One must understand that the anthroposophical worldview is not meant to be a sensation for idle souls—and today’s mystics are often nothing more than idle souls—that it is not something that offers a sort of dessert of life, an external physical pleasure, but rather that it is something connected to the deepest impulses of our culture. This is what one should realize. And also that our culture cannot be restored to health unless it is enriched by the anthroposophical worldview. This is something one should take deeply to heart today, once one has become acquainted with the anthroposophical worldview.

[ 18 ] Damit habe ich Ihnen von einem gewissen Gesichtspunkte aus kennzeichnen wollen, in welchem entscheidungsvollen Augenblick der Weltentwicklung der Menschheit wir eigentlich stehen. Gewiß, es liegt nahe, diejenigen Dinge, die heute als die notwendigsten gesagt werden müssen, als Narretei zu verurteilen, wenn man aus den Gedanken der Zeit heraus urteilt. Die Menschen glauben Christen zu sein und haben nicht einmal das Wort verstanden, daß dasjenige, was Weisheit vor den Menschen ist, oftmals Torheit ist vor Gott, und daß alle Torheit und vielleicht Narrheit und Tollheit vor den Menschen doch Weisheit vor Gott sein könnte, wie ja sonst auch die Menschen heute die innerlichen Impulse der Dinge leicht vergessen und sich an das Äußere der Phrase gerne halten. Wenn man heute zu den Menschen spricht und nach jedem fünften Wort das Wort «Christ» oder «Christus» oder «Jesus» sagt, dann redet man «christlich», wenn man sonst auch etwas sehr Unchristliches sagt. Wenn man aber vermeint, dasjenige zu verkünden, was der Christus heute uns in die Seele legt und dabei das auch schließlich ins Christentum übernommene Wort betrachtet: «Du sollst den Namen deines Gottes nicht eitel aussprechen», so halten das die Leute für nicht christlich. Denn die Leute plappern die Zehn Gebote ab, sprechen den Namen ihres Gottes alle Augenblicke eitel aus und halten sich gerade durch das Aussprechen dieses Namens für ganz besonders christlich. Ebenso wird man für nicht gut «deutsch» gehalten, wenn man das Wort «deutsch» nicht immer auf der Zunge führt. Heute ist es das Wichtigste, daß man einsieht, wie des deutschen Volkstums tiefste Kräfte in den letzten dreißig Jahren wie mit Füßen getreten worden sind und wieder heraufgeholt werden müssen gerade durch eine geistige Vertiefung.

[ 18 ] With this, I have sought to illustrate to you, from a certain perspective, at what decisive moment in the world’s development of humanity we actually find ourselves. Certainly, it is tempting to condemn as folly those things that must be said today as the most essential, if one judges from the prevailing ideas of the time. People believe themselves to be Christians, yet they have not even understood the saying that what is wisdom to humans is often folly to God, and that all folly—and perhaps even madness and madness—in the eyes of humans could still be wisdom to God, just as people today so easily forget the inner impulses of things and gladly cling to the outward form of phrases. If one speaks to people today and says the word “Christian” or “Christ” or “Jesus” every fifth word, then one is speaking “Christianly,” even if one is otherwise saying something very unchristian. But if one presumes to proclaim what Christ is placing in our souls today and, in doing so, considers the word that has ultimately been adopted into Christianity: “You shall not take the name of the Lord your God in vain,” people consider that unchristian. For people parrot the Ten Commandments, take the name of their God in vain at every turn, and consider themselves particularly Christian precisely because they utter this name. Likewise, one is not considered a “good” German if one does not always have the word “German” on one’s lips. Today, the most important thing is to recognize how the deepest forces of German culture have been trampled underfoot over the last thirty years and must be restored precisely through spiritual deepening.

[ 19 ] Wir blicken nach dem Westen und finden eine Kultur, welche sich vollständig vermaterialisieren will, eine Kultur, die allerdings eine gewisse innere Sicherheit des Instinktes hat und dadurch im Materialismus nicht ertrinken kann. Und wir blicken nach dem Osten und finden eine Kultur, die alles Westliche und auch uns verachtet, weil diese östliche Kultur bei einer alten Spiritualität, bei einer alten Geistigkeit noch steht und diese alte Geistigkeit in einer gewissen Weise erneuert. Und wir stehen mitten darinnen und sind berufen, zwischen westlichem Materialismus und östlichem, aber für uns nicht zuträglichem Spiritualismus den rechten Weg zu finden. Und wir sollten uns in der Mitte Europas des großen Verantwortlichkeitsgefühles bewußt werden — und auch bewußt werden, wie sehr uns dieses Verantwortlichkeitsgefühl in den letzten Jahrzehnten abhanden gekommen ist. Das geistige Leben, was ist es denn geworden? Ein Anhängsel des Staatslebens, ein Anhängsel des Wirtschaftslebens. Der Staat als Verwalter des Geisteslebens, insbesondere des Schulwesens, hat uns das geistige Leben ruiniert. Das Wirtschaftsleben als der Brotherr hat es uns weiter ruiniert. Wir brauchen ein freies geistiges Leben, denn nur dem freien geistigen Leben können wir wirklich dasjenige einimpfen, was die geistige Welt der Menschheit offenbaren will. Diese Welle des geistigen Lebens, die muß herunter! Dem Staatsdiener, dem Staatsprofessor und dem, der im geistigen Leben der Kuli des Wirtschaftslebens ist, wird sie sich nimmermehr offenbaren; allein dem, der mit dem geistigen Leben täglich zu ringen hat, der im freien Geistesleben drinnensteht. Die Zeitentwicklung selber fordert die Befreiung des Geisteslebens aus Staats- und Wirtschaftsbanden.

[ 19 ] We look to the West and find a culture that seeks to become entirely materialistic, a culture that nevertheless possesses a certain inner security of instinct and is thus unable to drown in materialism. And we look to the East and find a culture that despises everything Western—and us as well—because this Eastern culture still stands rooted in an ancient spirituality, an ancient spiritual tradition, and in a certain way renews this ancient spiritual tradition. And we stand right in the middle of it all and are called upon to find the right path between Western materialism and Eastern spiritualism, which is not beneficial to us. And here in the heart of Europe, we should become aware of this great sense of responsibility—and also realize how much this sense of responsibility has been lost to us in recent decades. What has become of spiritual life? An appendage of political life, an appendage of economic life. The state, as the administrator of intellectual life—especially the school system—has ruined our intellectual life. Economic life, as the master, has further ruined it. We need a free intellectual life, for only through a free intellectual life can we truly instill within ourselves what the spiritual world seeks to reveal to humanity. This tide of intellectual life must be broken! It will never reveal itself to the civil servant, the state professor, or those who, in spiritual life, are the laborers of economic life; but only to those who struggle daily with spiritual life, who are immersed in a free spiritual life. The course of history itself demands the liberation of spiritual life from the shackles of the state and the economy.

[ 20 ] Diese Dinge, die heute auch in einer anderen Form durch das Programm der «Dreigliederung des sozialen Organismus» verkündet werden, die sind heute das Christentum, die sind heute in äußerliche Formen gekleidete geistige Offenbarungen. Die sind das, was die Menschen brauchen, was einzig und allein die reale Grundlage und reale Möglichkeit bietet zum Umdenken und Umlernen, was der Menschheit so notwendig ist. Wir haben Krieg führen müssen mit einem Lande, das ein instinktives politisches Leben von hoher Vollendung hat und das seit langem viele Kolonien und seinen Industrialismus in Verbindung mit den Kolonien hat. Wir haben Krieg geführt als ein Land, welches einen erst aufstrebenden Industrialismus hatte, welches erst Kolonien haben wollte. Wir hätten zu diesem Streben Geist gebraucht, und niemand hat mehr die Sünde wider den Geist begangen als dasjenige, was führend im Wirtschaftsleben in den letzten drei Jahrzehnten in Deutschland war. Denn das Programm war da: die Ablehnung des geistigen Lebens, das SichÜberlassen dem bloßen Zufall, dem ungeistigen Zufall. Wie wenn der Weltengeist gerade dem deutschen Volke hätte die größte Lehre geben wollen durch die Auferlegung der größten Prüfung, so ist es. Diesem Volke sollte gezeigt werden, daß es ohne den Geist nicht geht. Und dieses Volk wird einsehen müssen, daß es ohne den Geist nicht geht. Aber es scheint, als ob es schwer dazu käme einzusehen, daß es ohne den Geist nicht geht, denn es ist noch immer geneigt, alles andere eher zu verurteilen, als das Nichtsichbewußtsein einer Verantwortung gegenüber dem Geist. Die Dinge, die sich in unseren Tagen auf diesem Gebiete so jammervoll abspielen, das Sich-Garnichtbewußtwerden, wie wenig geeignet die Menschen sind, das Schicksal des deutschen Volkes zu führen, die gegenwärtig es gegenüber dem Westen aufgetragen bekommen haben, wie unsinnig diese ganze Expedition durch die daran beteiligten Menschen ist, und der Wille, nicht zu prüfen, nicht hinzuschauen auf das, was geschieht, das ist noch immer ein Zeugnis für das Schlafen der Seelen, die sich längst hätten sagen müssen: Was da in Versailles aufgetreten ist, von uns hingeschickt, das ist ungeeignet, so ungeeignet als möglich, um den heutigen weltgeschichtlichen Augenblick zu begreifen. Aber solche Dinge wird man erst in der richtigen Weise beurteilen, wenn man sich der Verantwortung gegenüber dem Geiste bewußt wird, wenn man erkennen wird, daß man in dem allergrößten weltgeschichtlichen Augenblicke lebt und daß man die Verpflichtung hat, die Dinge nicht im allgemeinen Sinne leicht zu nehmen, sondern sie ernst zu nehmen. Aber es kann auf gewissen Gebieten heute geredet und geredet werden, es nützt nichts und es ist ja bequemer zu sagen, die, welche auf ihre Posten gestellt sind, werden es schon machen. Die mit den alten Gedanken heute auf ihre Posten gestellt werden, ob sie alte Aristokraten, dekadente Aristokraten oder marxistische Sozialisten sind, die von aller Welt nichts wissen, höchstens von Marx» «Kapital» etwas aufgenommen haben, ob sie das oder jenes sind: wenn sie nicht den Willen finden, jene große Umkehr der Seelen zu vollziehen zu neuen Gedanken, dann entsteht kein Heil. Die Revolution vom 9. November 1918 war keine Revolution. Denn das, was sich geändert hat, ist nur der äußere Stuck. Dasjenige, was sich geändert hat, tritt am stärksten hervor bei denjenigen, die den äußeren Stuck an der Stelle derjenigen, die ihn früher an sich getragen haben, nunmehr an sich tragen. Diese Dinge wollen in ihren Fundamenten gesehen werden. Aber dazu braucht man Gedanken. Zu diesen Gedanken muß man den guten Willen haben, und dieser gute Wille wird nur kommen, wenn man ihn trainiert an der Beschäftigung mit der geistigen Welt. Deshalb ist diese Beschäftigung mit der geistigen Welt das, was heute der einzig wirkliche Balsam ist, den die Menschheit braucht.

[ 20 ] These things, which are also proclaimed today in a different form through the program of the “Threefold Social Order,” are Christianity today; they are spiritual revelations clothed in outward forms. They are what people need; they alone offer the real foundation and real possibility for the rethinking and relearning that is so necessary for humanity. We had to wage war against a country that possesses an instinctive political life of high sophistication and that has long had many colonies and an industrial system linked to those colonies. We waged war as a country that had only a nascent industrial base, one that was just beginning to seek colonies. We would have needed the Spirit for this endeavor, and no one has committed the sin against the Spirit more than those who have led economic life in Germany over the past three decades. For the program was there: the rejection of spiritual life, the surrender to mere chance—to unspiritual chance. It is as if the World Spirit had wanted to teach the German people the greatest lesson by imposing the greatest trial upon them. This people was to be shown that it cannot do without the Spirit. And this people will have to realize that it cannot do without the Spirit. But it seems as though it is difficult for them to realize that it cannot be done without the spirit, for they are still inclined to condemn everything else rather than their own lack of awareness of responsibility toward the spirit. The events unfolding so lamentably in this realm in our day—the complete failure to realize how ill-suited these people are to guide the fate of the German people, a task currently entrusted to them vis-à-vis the West; how senseless this entire expedition is on the part of those involved; and the refusal to examine or even look at what is happening—all of this still bears witness to the slumber of souls who should long ago have said to themselves: What has occurred in Versailles, sent there by us, is unsuitable—as unsuitable as possible—for grasping the present moment in world history. But such things will only be judged properly when people become aware of their responsibility toward the spirit, when they realize that they are living in the greatest moment in world history and that they have an obligation not to take things lightly in a general sense, but to take them seriously. But in certain areas today, people can talk and talk—it does no good, and it is, after all, more convenient to say that those who have been placed in their positions will take care of it. Those who are placed in their positions today with old ways of thinking—whether they are old aristocrats, decadent aristocrats, or Marxist socialists who know nothing of the world and have at most absorbed something from Marx’s *Capital*—whatever they may be: if they do not find the will to bring about that great transformation of souls toward new ways of thinking, then there will be no salvation. The revolution of November 9, 1918, was no revolution. For what has changed is only the outward form. What has changed is most evident in those who now bear the outward form in place of those who previously bore it. These things must be viewed in their foundations. But this requires thought. One must have the good will to engage in these thoughts, and this good will will come only if one cultivates it through engagement with the spiritual world. That is why this engagement with the spiritual world is the only true balm that humanity needs today.

[ 21 ] Dies wollte ich einmal, nachdem uns die Möglichkeit dafür gegeben war, hier wiederum miteinander zu sprechen, in der Gestalt, in welcher es einem heute gegenüber den Ereignissen der Zeit erscheinen muß, vor Ihnen entwickeln, in Ihre Seelen bringen, damit innerhalb unserer anthroposophischen Bewegung immer mehr und mehr und in immer weiteren und weiteren Kreisen jenes Streben entsteht, das nicht nur dem einzelnen ein innerliches Seelenwohlbehagen geben kann, sondern das dem Kulturleben der ganzen Menschheit Früchte tragen kann.

[ 21 ] I wanted to take this opportunity, now that we have been given the chance, speak with one another here once again, as it must appear to us today in light of current events—to present this to you, to bring it into your souls, so that within our anthroposophical movement, that striving may arise more and more and in ever wider and wider circles—a striving that can not only give the individual an inner sense of well-being but can also bear fruit for the cultural life of all humanity.

[ 22 ] Zu meiner innersten Befriedigung sehe ich, wieviel mehr Freunde unserer anthroposophischen Bewegung hier sitzen als vor Jahresfrist. Möge es der in der heutigen Welt- und Menschheitsentwicklung vibrierende Geist dahin bringen, daß in jedem Jahre wenigstens ein ebenso großer oder ein viel größerer Zustrom geschehe. Denn in je mehr Menschenseelen dieser Geist die Überzeugung legt von dem neuen Denken, Empfinden und Wollen und von dem neuen Verantwortlichkeitsgefühl, desto besser wird es sein.

[ 22 ] It gives me deep satisfaction to see how many more friends of our anthroposophical movement are sitting here than a year ago. May the spirit vibrating within today’s world and human development bring about an influx of at least as many—or many more—people each year. For the more human souls this spirit fills with conviction regarding the new ways of thinking, feeling, and willing, and regarding the new sense of responsibility, the better it will be.