Spiritual and Social Transformations
in Human Evolution
GA 196
17 January 1920, Dornach
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Spiritual and Social Transformations in Human Evolution, tr. SOL
Fünfter Vortrag
Fifth Lecture
[ 1 ] Ich habe gestern versucht, Ihnen den Charakter des Zeitpunktes menschlicher Entwickelung, an dem wir angekommen sind, zu kennzeichnen. Ich habe versucht, Ihnen zu zeigen, wie im Fortgange der menschlichen Entwickelung die Menschheit gegenwärtig dabei angekommen ist, unbedingt angewiesen zu sein auf dasjenige, was wir nennen die Wissenschaft der Initiation. Das heißt, es wird notwendig, daß erstens die Erkenntniszweige des menschlichen Kulturlebens durchdrungen werden von dieser Wissenschaft der Initiation, zweitens aber auch, daß das soziale Denken und das soziale Empfinden durchdrungen werde von denjenigen Gefühlen, Empfindungen, die für die menschliche Seele aus dem Bewußtsein heraus resultieren: Es gibt eine Geistesoffenbarung, eine übersinnliche Offenbarung — man braucht sich ihr nur zuzuwenden.
[ 1 ] Yesterday I attempted to describe to you the nature of the stage of human development we have now reached. I tried to show you how, in the course of human development, humanity has now reached a point where it is absolutely dependent on what we call the science of initiation. This means that, first, the various fields of knowledge within human cultural life must be permeated by this science of initiation; and second, social thinking and social feeling must be permeated by those feelings and sensations that arise for the human soul from consciousness: there is a spiritual revelation, a supersensible revelation—one need only turn toward it.
[ 2 ] Man kann ja überzeugt sein, daß zahlreiche Menschen kommen und sagen: Ja, aber es ist doch gewissenhaft Geschichte studiert worden, und was sich da aus der Geisteswissenschaft heraus ergeben soll über den Charakter des gegenwärtigen Zeitraumes, so wie sich dieser entwickelt hat aus den vorhergehenden, davon spricht ja die Geschichte nicht.
[ 2 ] One might well be convinced that many people will come and say: Yes, but history has been studied thoroughly, and whatever the humanities might reveal about the character of the present era—as it has developed out of previous eras—is not something history actually addresses.
[ 3 ] Ja, sie spricht nicht davon, weil sie eben, unbeeinflußt von wirklicher Geist-Erkenntnis, nicht nach ihren wirklichen Antrieben und Kräften fragt. Um zu wissen, was durch die Geschichte spricht, muß man erst die Geschichte in der richtigen Weise zu fragen verstehen.
[ 3 ] Yes, she does not speak of it because, uninfluenced by true spiritual insight, she does not inquire into her true motivations and powers. To know what speaks through history, one must first understand how to interpret history correctly.
[ 4 ] Nun handelt es sich darum, daß die drei aufeinanderfolgenden nachatlantischen Zeiträume, der urindische, der urpersische, der ägyptischchaldäische, solche sind, in denen gewissermaßen in dem gestern gemeinten Sinne die Menschheit immer jünger geworden ist, das heißt, daß sie im zweiten Zeitraume nicht entwickelungsfähig geblieben ist in diejenigen Jahre hinein, in denen sie im ersten Zeitraume noch entwickelungsfähig war und so weiter. Im griechisch-lateinischen Zeitraume, also in demjenigen, der im 8. vorchristlichen Jahrhundert begonnen und im 15. Jahrhundert geendet hat, war es so, daß die Menschen entwickelungsfähig geblieben sind bis in den Beginn der Dreißigerjahre hinein. Als im 15. Jahrhundert dieser Zeitraum schloß, waren die Menschen deutlich entwickelungsfähig bis über das achtundzwanzigste Jahr hinaus. Heute reicht die Entwickelungsfähigkeit, wie wir ja betont haben, nur bis zum siebenundzwanzigsten Jahre und wird immer mehr und mehr heruntersteigen.
[ 4 ] The point is that the three successive post-Atlantean periods—the Proto-Indian, the Proto-Persian, and the Egyptian-Chaldean—are periods in which, in a sense, humanity has become younger and younger in the sense described yesterday, that is to say, during the second period, humanity was no longer capable of development in those years in which it had still been capable of development during the first period, and so on. During the Greco-Latin period—that is, the period that began in the 8th century B.C. and ended in the 15th century—people remained capable of development well into their early thirties. When this period came to a close in the 15th century, people were clearly capable of development well beyond the age of twenty-eight. Today, as we have emphasized, the capacity for development extends only up to the age of twenty-seven and is steadily declining.
[ 5 ] Nun kann der Mensch, einfach durch die physisch-leibliche Konstitution, erst von den Dreißigerjahren an in Beziehung zur geistigen Welt kommen. Mißverstehen Sie mich nicht! Er kann natürlich, wenn er sich der Geisteswissenschaft zuwendet, auch heute schon früher dazu kommen; aber wenn der Mensch durch seine eigene, an das PhysischLeibliche gebundene Entwickelung geistige Kräfte aus dem Weltenall hereinbekommen soll, so kann das nur geschehen, wenn er entwickelungsfähig bleibt bis in die Dreißigerjahre hinein. Das tut er nicht. Daher kann von unserem Zeitpunkte an gar keine Rede davon sein, daß auf natürlichem Wege die Entwickelung der Menschheit vorwärtsschreiten kann. Sie kann nur vorwärtsschreiten, wenn die Menschheit befruchtet wird von der Wissenschaft der Initiation.
[ 5 ] Now, simply because of their physical constitution, human beings cannot enter into a relationship with the spiritual world until they reach their thirties. Do not misunderstand me! Of course, if a person turns to spiritual science, they can attain this connection even earlier today; but if a person is to receive spiritual forces from the universe through their own development, which is bound to the physical body, this can only happen if they remain capable of development well into their thirties. They do not. Therefore, from this point on, there can be no question of humanity’s development progressing along natural lines. It can only progress if humanity is enriched by the science of initiation.
[ 6 ] Nun habe ich Ihnen schon in einem der vorigen Vorträge angedeutet, daß es ja in Gegenden der westlichen Zivilisation, namentlich in angloamerikanischen Gebieten, Eingeweihte gibt. Aber das Eigentümliche dieser Eingeweihten ist, daß sie von ihrem Gesichtspunkte aus im Sinn haben, eigentlich nur dasjenige als Wissenschaft der Initiation zu fördern, was die britisch-amerikanische Weltherrschaft allmählich über die Erde bringen kann. So merkwürdig das klingt, es ist so. Und man kann sagen: Jede einzelne Behauptung, die von dieser Seite ausgeht, trägt ein Gepräge, dem der Kundige anhört, daß es so ist. Vor allen Dingen weisen auf alle diese Dinge hin die verschiedenen Arten, wie in westlichen Gegenden die Wissenschaft der Initiation gehandhabt wird.
[ 6 ] Now, I have already hinted to you in one of my previous lectures that there are indeed initiates in parts of Western civilization, particularly in Anglo-American regions. But what is peculiar about these initiates is that, from their point of view, they actually intend to promote as the science of initiation only that which can gradually bring about British-American world domination across the globe. As strange as that sounds, it is true. And one can say: Every single assertion that comes from this side bears a mark from which the knowledgeable person can tell that this is the case. Above all, the various ways in which the science of initiation is practiced in Western regions point to all these things.
[ 7 ] Sie haben ja gesehen: In gewissen, allerdings in gewissen Grenzen wird hier nicht zurückgehalten mit bestimmten Initiationswahrheiten. Und wenn Sie das durchblicken, was im Laufe der Jahre vor Ihnen vorgetragen worden ist, so werden Sie darin, wenn Sie wirklich unschlafend die Dinge verfolgen, eine ganze Reihe von wichtigen Initiationswahrheiten finden, welche geeignet sind, nicht bloß einen Teil der Menschheit, sondern über die Erde hin die ganze Menschheit über die jetzige Krise hinauszubringen und einer wirklichen Weiterentwickelung entgegenzuführen. Aber Sie werden namentlich unter den westlichen Eingeweihten immer Leute finden, welche verpönen, verurteilen, daß so viel, wie hier mitgeteilt worden ist, heute an die Öffentlichkeit mitgeteilt wird. Das hängt zusammen mit einer schiefen Auffassung von der Wissenschaft der Initiation. Um Ihnen diese schiefe Auffassung begreiflich zu machen, muß ich heute das Folgende vorausschicken.
[ 7 ] As you have seen, within certain limits—and I emphasize “certain”—we do not hold back here when it comes to certain truths of initiation. And if you look closely at what has been presented to you over the years, you will find—if you follow these matters with true vigilance—a whole series of important initiatory truths that are capable of leading not merely a part of humanity, but all of humanity across the Earth, beyond the current crisis and toward genuine further development. But you will always find people—especially among Western initiates—who disapprove of and condemn the fact that as much as has been communicated here is being made public today. This stems from a distorted view of the science of initiation. To help you understand this distorted view, I must preface today’s remarks with the following:
[ 8 ] Die Wissenschaft der Initiation wendet sich schlechterdings immer an den einzelnen Menschen. Auch wenn sie zu einer Summe von Menschen spricht, so wendet sie sich in Wirklichkeit an den einzelnen Menschen. Man kann nicht die wahre Wissenschaft der Initiation so vortragen, wie man in früheren Zeiten auf die Menschen gewirkt hat. Die katholische Kirche zum Beispiel verpflanzte diese Art auch in die Gegenwart herein, übrigens nicht bloß die katholische Kirche, sondern auch gewisse Parteirichtungen bedienen sich heute noch derselben Methode. Man hat ja so gewirkt, daß man, wenn ich mich so ausdrücken darf, die Massenpsyche zu Hilfe nimmt, daß man appelliert an das, was.einer Menschengemeinschaft in einer gewissen, ich möchte sagen, hypnotisierenden Weise etwas einimpft. Sie wissen ja, daß man in der Regel, wenn man nur die entsprechenden Mittel anwendet, einer Versammlung Dinge leichter beibringen kann als jedem einzelnen, zu dem man sprechen wollte. Es ist etwas Wahres an einer solchen Massenhypnose.
[ 8 ] The science of initiation is directed, without exception, toward the individual human being. Even when it speaks to a group of people, it is in reality addressed to the individual. One cannot present the true science of initiation in the same way that it was conveyed to people in earlier times. The Catholic Church, for example, has carried this approach into the present day; incidentally, it is not only the Catholic Church, but also certain political factions that still employ the same method today. They have operated in such a way that—if I may put it this way—they draw upon the mass psyche, appealing to what instills something into a human community in a certain—I would say—hypnotic way. You know, as a rule, that if one uses the appropriate means, it is easier to teach things to an assembly than to each individual one wishes to address. There is some truth to such mass hypnosis.
[ 9 ] Dieser Mittel, die durchaus wirksam sind, kann sich eine wahre Weisheit der Initiation nicht bedienen. Sie muß so sprechen, daß sie zu jedem einzelnen Menschen spricht und daß sie an die Überzeugungskraft jedes einzelnen Menschen appelliert. Die Art zu sprechen, der sich die heute auf der Höhe der Menschheitsentwickelung stehende Initiationswissenschaft bedienen muß, war bisher noch nicht da. Daher ist die Art, wie zum Beispiel hier und in meinen Büchern gesprochen wird, manchen Menschen heute noch ein Greuel, weil eben schon durch die Art des Sprechens streng die Regel eingehalten wird, nur an die Überzeugungskraft der einzelnen Individualität zu appellieren.
[ 9 ] True wisdom of initiation cannot make use of these means, which are certainly effective. It must speak in such a way that it addresses each individual person and appeals to the power of conviction within each individual. The manner of speaking that the science of initiation—which stands today at the pinnacle of human development—must employ has not yet existed. Therefore, the way in which I speak, for example, here and in my books, is still an abomination to some people today, precisely because the very manner of speaking strictly adheres to the rule of appealing only to the power of conviction within each individual.
[ 10 ] Damit ist zugleich ein wichtiges soziales Prinzip gegeben, auf das ich schon in anderem Zusammenhange in diesen Tagen hingedeutet habe und das Sie systematisch und prinzipiell durchgeführt finden in meinem Buche «Die Philosophie der Freiheit». Wenn man nur mit ethischen, mit moralischen Impulsen an den einzelnen appellieren will, dann kann man nicht aus allgemeinen Abstraktionen heraus organisieren wollen, dann kann man nicht Gruppen von Menschen wie Herdentiere zusammenfassen, um ihnen irgendeine gemeinsame Direktive zu geben, sondern dann kann man sich eben nur an den einzelnen wenden und dann warten, daß, weil jeder einzelne in seinem Stehen im Ganzen drinnen das Richtige will, so auch im Ganzen sich das Richtige vollziehen wird.
[ 10 ] This also establishes an important social principle, which I have already alluded to in another context in recent days and which you will find systematically and fundamentally applied in my book *The Philosophy of Freedom*. If one wishes to appeal to the individual solely through ethical and moral impulses, then one cannot seek to organize on the basis of general abstractions; one cannot group people together like herd animals in order to give them some common directive. Rather, one can only address the individual and then wait for the right thing to come to pass—because each individual, in his or her place within the whole, wants what is right— the right thing will also come to pass in the whole.
[ 11 ] Auf ein anderes Prinzip als auf dieses Prinzip des allgemeinen Menschenverhaltens kann die Sozialmoral der Zukunft gar nicht begründet werden. Als ich meine «Philosophie der Freiheit» veröffentlicht hatte, erschien zum Beispiel im «Athenaeum» eine Besprechung, in der gesagt wurde, solch eine Anschauung führe in einen theoretischen Anarchismus hinein. Sie führt aber nur dann in einen Anarchismus hinein, wenn es nicht gelingen sollte, die Menschen zu wirklichen Menschen zu machen, _ das heißt, wenn die Menschen durchaus Untermenschen sein wollen, wenn sie durchaus unter solchen Gesichtspunkten zusammengehalten sein wollen, wie die Glieder einer Tiergruppe zusammengehalten sind. Löwen sind schon durch ihre Löwenform als Löwen zusammengehalten, Hyänen auch, Hunde auch; aber die Entwickelung der Menschheit geht dahin, daß nicht Menschengruppen, weder unter Blutsorganisationsbanden noch auch unter ideellen Organisationsbanden in der Zukunft organisiert werden sollen wie Hammelherden, sondern daß tatsächlich das, was im Zusammenwirken der Menschen entsteht, aus der Kraft der Individualitäten heraus geschieht.
[ 11 ] The social morality of the future cannot be based on any principle other than this principle of general human behavior. For example, when I published my *Philosophy of Freedom*, a review appeared in the *Athenaeum* stating that such a view leads to theoretical anarchism. But it leads to anarchism only if we fail to make people into real human beings—that is, if people insist on being subhuman, if they insist on being held together by the same principles that bind the members of an animal group. Lions are held together as lions simply by virtue of their lion-like form, as are hyenas and dogs; but the evolution of humanity is moving toward a future in which groups of people—whether bound by ties of blood or by ideological ties—will no longer be organized like flocks of sheep, but rather in which what arises from human interaction will actually stem from the power of individualities.
[ 12 ] Ich habe vor einigen Tagen hier einen Vergleich gebraucht, der etwas grotesk klingen mag, der aber doch die ganze Sache, wie ich glaube, beleuchten kann. Ich weiß nicht, ob es nicht auch Menschen gibt, welche es als etwas besonders Erlösendes empfinden würden, wenn man überall Aufschriften fände: Verordnung dieser und dieser Behörde: Derjenige, der hier in der Richtung nach vorne geht, muß dem andern ausweichen, der in der andern Richtung geht. — Selbst in bevölkerten Städten kommen ja die Menschen in der Regel miteinander noch aus auf der Straße, sie gehen aneinander vorbei; aus ihrer Vernunft heraus, aus dem, was sie als Impuls in sich haben, stoßen sie sich nicht fortwährend. Diesem Ideal steuert die Menschheit zu. Daß sie das nicht einsieht, das ist ihr Unglück. Es kommt darauf an, auch in den wichtigen Dingen die Direktiven seines Handelns in sich selber zu tragen, so daß der andere sich darauf verlassen kann, auch ohne daß ein gemeinsames Gesetz, das die beiden zu Untermenschen macht, sie aufeinander dressiert, damit der andere sich so verhält, daß der eine neben ihm bestehen kann.
[ 12 ] A few days ago, I used a comparison here that may sound somewhat grotesque, but which I believe can shed light on the whole matter. I don’t know if there aren’t also people who would find it particularly liberating if one were to find signs everywhere reading: “Regulation of such-and-such authority: Anyone walking forward in this direction must give way to the other person walking in the opposite direction. — Even in crowded cities, people generally still get along with one another on the street; they pass each other by. Out of their reason, out of the impulse they carry within themselves, they do not constantly push one another aside. Humanity is moving toward this ideal. That it fails to recognize this is its misfortune. What matters is to carry within oneself the guidelines for one’s actions—even in important matters—so that the other person can rely on them, even without a common law that reduces both to subhumans and trains them to behave in such a way that the other can coexist alongside them.
[ 13 ] Dieses Arbeiten nach der Individualität hin, das ist es, was nun einmal verknüpft ist mit den allerwichtigsten Impulsen der Menschheitsentwickelung. Auf so etwas wird man niemals menschliche Individualitäten bringen können, wenn man ihnen nur überliefern kann, was etwa die gegenwärtige Naturerkenntnis bildet oder was die gegenwärtige Soziialwissenschaft oder die gegenwärtigen Sozialmotive bildet. Zu einer solchen Individualität, wie die ist, von der ich eben gesprochen habe, kommt der Mensch nur, wenn in ihm eine Gedankenmasse erweckt wird, die aus der Wissenschaft der Initiation stammt. Nur durch seine Beziehung zum Übersinnlichen wird der Mensch von solchen Gedanken erfüllt, die ihn zu einer freien Individualität machen, die aber auch in der sozialen Ordnung in möglichster Freiheit wirken kann. Alles hängt eben daran, daß die Menschheit Herz und Sinn öffnet für das, was aus der Wissenschaft der Initiation kommt.
[ 13 ] This work toward individuality is precisely what is linked to the most important impulses in human development. One will never be able to bring about such human individualities if one can only pass on to them what constitutes, for example, current knowledge of nature, or current social science, or current social motives. A human being can only attain the kind of individuality I have just spoken of if a body of thought is awakened within them that stems from the science of initiation. Only through their relationship to the supersensible can human beings be filled with such thoughts that make them free individuals, who can also act with the greatest possible freedom within the social order. Everything depends precisely on humanity opening its heart and mind to what comes from the science of initiation.
[ 14 ] Das große Vertrauen, das muß das wichtigste Sozialmotiv der Zukunft werden. Die Menschen müssen aufeinander bauen können. Anders gehen die Dinge nicht vorwärts. Das, was ich Ihnen jetzt gesagt habe, erscheint dem, der es ernst meint mit der ganzen Menschheit, wenn er nur genügend eingeweiht ist in übersinnliche Dinge, in dem Sinne als eine Selbstverständlichkeit, daß er sagen muß: Entweder geschieht dieses oder die Menschheit geht in den Abgrund hinein. Ein Drittes gibt es demgegenüber nicht.
[ 14 ] Deep trust must become the most important social motive of the future. People must be able to rely on one another. Otherwise, things will not move forward. What I have just told you will seem self-evident to anyone who is serious about the welfare of all humanity—provided they are sufficiently initiated into supersensible matters—to the extent that they must say: Either this happens, or humanity will plunge into the abyss. There is no third option.
[ 15 ] Man kann ja sagen, man könne sich nicht vorstellen, daß eine soziale Ordnung auf allgemeines Vertrauen begründet wird. Darauf kann man nur antworten: Schön, wenn ihr euch das nicht vorstellen könnt, dann müßt ihr euch eben vorstellen: Die Menschheit muß in den Sumpf hinein. — Diese Dinge sind nun einmal ernst, und sie müssen als solche ernst genommen werden.
[ 15 ] One might say that it is impossible to imagine a social order based on general trust. To that one can only reply: Well, if you can’t imagine that, then you’ll just have to imagine this: Humanity is headed for the swamp. — These matters are serious, and they must be taken seriously as such.
[ 16 ] In einer gewissen Abstraktheit wissen das auch die Eingeweihten der westlichen Länder. Allein sie sagen folgendes: Wir haben die Wissenschaft der Initiation bis zu einem gewissen Grade, wir könnten sie veröffentlichen. — Sie würden allerdings nur eine solche Wissenschaft der Initiation veröffentlichen, die zu den Zielen führt, die ich angedeutet habe; auch bewegen wir uns jetzt auf einem Gebiete, das ebenso anwendbar ist auf die wahre Wissenschaft der Initiation wie auf die einseitige. — Die Eingeweihten der westlichen Länder können also sagen: Wir haben die Wissenschaft der Initiation; wir können sie veröffentlichen, aber das ist so, daß sie nur an den einzelnen Menschen sich richtet. — Jetzt beginnt für diese Leute die große Angst, die schreckliche Furcht. Sie sagen: Ja, wenn wir also in der Zukunft nur zu den einzelnen reden, dann entfesseln wir Kämpfe aller gegen alle, denn dann sind die Menschen nicht organisiert, dann ist auf allgemeines Vertrauen gebaut, dann kommen die Menschen in den Kampf aller gegen alle hinein. Diese Angst steht vor den Leuten. Daher wollen sie die wichtigsten Initiationswahrheiten, ich möchte sagen, in der Dunkelkammer behalten und die Menschheit in einem scheinbaren Lichte, aber schlafend, der Zukunft entgegenwandeln lassen.
[ 16 ] In a certain abstract sense, the initiates of Western countries are also aware of this. However, they say the following: We possess the science of initiation to a certain degree; we could make it public. — They would, however, publish only that science of initiation which leads to the goals I have indicated; moreover, we are now moving in a realm that is just as applicable to the true science of initiation as it is to the one-sided version. — The initiates of Western countries can therefore say: We possess the science of initiation; we can publish it, but it is such that it is directed only at the individual. — Now the great anxiety, the terrible fear, begins for these people. They say: “Yes, if in the future we speak only to individuals, then we will unleash a war of all against all, for then people will not be organized; then everything will be based on general trust; then people will be drawn into a war of all against all.” This fear looms before them. That is why they want to keep the most important truths of initiation—I would say—in the darkroom and let humanity walk toward the future in an apparent light, yet asleep.
[ 17 ] Diese Dinge sind ja durchaus aktuell, seitdem mit der Mitte des 19. Jahrhunderts der Höhepunkt des Materialismus in der modernen Zivilisation erreicht worden ist und seitdem sich die Leute eben fragen mußten: Wie weit gehen wir mit der Wissenschaft der Initiation ? — Sie wagten es bisher nicht, eine wirkliche Wissenschaft der Initiation über gewisse kleinere Kreise hinausgehend der Menschheit mitzuteilen.
[ 17 ] These issues are, after all, very much relevant today, ever since modern civilization reached the height of materialism in the mid-19th century and people have had to ask themselves: How far will we go with the science of initiation? — Until now, they have not dared to share a true science of initiation with humanity beyond certain small circles.
[ 18 ] Nun darf eine gewisse Erziehung, die die Menschheit durchgemacht hat, nicht abreißen, sie ist aber heute schon dank einer ganz verfehlten Theologie im Abreißen. Sie können diese Erziehung verfolgen, wenn Sie nicht jene Fable convenue studieren, die man gewöhnlich «Geschichte» nennt, sondern wenn Sie die wirkliche Geschichte studieren. Die Menschen wissen ja heute eigentlich gar nicht, wie das, was man mit bestimmten Worten bezeichnet, sich im Laufe der Zeit geändert hat. Die Leute reden von Katholizismus, von Kaisertum, von Aristokratie, von Bürgertum und glauben, wenn sie dieselben Worte im 14. Jahrhundert finden, so bedeuten sie ungefähr dasselbe, vielleicht nur mit einer kleinen Nuance etwas anderes. Solange man nicht darüber sich klar ist, daß das, was im 14. Jahrhundert Katholizismus, Kaisertum, Bürgertum, Aristokratie bedeutet hat, gar nichts mehr mit dem gemein hat, was wir heute mit diesen Worten bezeichnen, so lange kennt man die Geschichte nicht. Man muß sich durchaus klar sein, wie die Seelenverfassung der Menschen sich im Laufe von wenigen Jahrhunderten wirklich stark verändert hat.
[ 18 ] Now, a certain process of education that humanity has undergone must not come to an end, yet it is already in the process of coming to an end today, thanks to a completely misguided theology. You can trace this process of education not by studying that “fable convenue” commonly called “history,” but by studying real history. People today actually have no idea how the meanings of certain terms have changed over time. People speak of Catholicism, the Empire, the aristocracy, and the bourgeoisie, and believe that if they find the same words in the 14th century, they mean roughly the same thing—perhaps just something slightly different with a minor nuance. As long as one is not clear about the fact that what “Catholicism,” “the Empire,” “the bourgeoisie,” and “aristocracy” meant in the 14th century has absolutely nothing in common with what we mean by these words today, one does not truly know history. One must be absolutely clear about how people’s state of mind has actually changed dramatically over the course of just a few centuries.
[ 19 ] Worauf beruhte denn im wesentlichen bis ins 15. Jahrhundert, in seinen Nachwirkungen sogar noch weitergehend, das, was aus der allgemeinen Menschheitserziehung heraus wirkte in das Bewußtsein der Seelen der zivilisierten Welt? Das alles beruhte darauf, daß die Menschen durch diese Jahrhunderte in der Lage waren, in ihr Vorstellungsleben Übersinnliches aufzunehmen, nicht so, wie es jetzt durch die Geisteswissenschaft aufgenommen werden soll, aber wie sie es damals eben nach ihren noch atavistischen Bewußtseinszuständen aufnehmen konnten. Ein Grundfaktum erfüllte die Menschenseelen. Es war das Grundfaktum, das sich anschließt an das Mysterium von Golgatha. Man wußte auf die damalige Art: Die Christus-Wesenheit ist heruntergekommen aus überirdischen Höhen, ist verkörpert gewesen in dem Menschen Jesus von Nazareth, und mit dem Mysterium von Golgatha hat sich etwas zugetragen, was sich nach gewöhnlichen, von der Naturerkenntnis auffindbaren Gesetzen nicht zutragen kann. — Man hatte in den Begriffen und Vorstellungen, die man sich vom Mysterium von Golgatha machte, solche Ideen, solche Vorstellungen, die hinausgingen über die irdische Sphäre.
[ 19 ] What, essentially, was the basis—up through the 15th century, and in its aftereffects even beyond—for what emerged from the general education of humanity and took effect in the consciousness of the souls of the civilized world? All of this was based on the fact that, throughout those centuries, people were able to take the supersensible into their imaginative life—not in the way it is to be taken in today through spiritual science, but in the way they were able to do so at that time, in accordance with their still atavistic states of consciousness. A fundamental fact filled the human souls. It was the fundamental fact connected to the Mystery of Golgotha. People knew, in the way of that time: The Christ Being had descended from super-earthly heights, had become incarnated in the human being Jesus of Nazareth, and with the Mystery of Golgotha, something had taken place that could not occur according to the ordinary laws discoverable through the knowledge of nature. — In the concepts and ideas people formed about the Mystery of Golgotha, there were such ideas and concepts that went beyond the earthly sphere.
[ 20 ] Mit solchen Vorstellungen schafft man ganz andere Gedankenformen als mit den Vorstellungen, die der Durchschnittsmensch heute hat. Die Gedanken, die sich die Menschen heute machen, gehen gar nicht hinein bis in das Leben des Übersinnlichen. Die Gedanken, die sich die Menschen mit einer solchen Anknüpfung an das Mysterium von Golgatha machten, wie ich es eben charakterisiert habe, die waren geeignet, Gedankenformen hervorzurufen, welcheeine Realität hatten im Übersinnlichen. Daher kann man den gegenwärtigen Zeitpunkt auch so charakterisieren, daß man sagt: Die Menschheit hat allmählich die Fähigkeit verloren, solche Gedankenformen zu bilden, die im Übersinnlichen eine Bedeutung haben. — So kann man ja auf der Erde auch keine sozialen Ordnungen schaffen, die die Erde weiterbringen. Daher trägt alles das, was ungefähr seit dem 16. Jahrhundert an sozialen Ideen in die Menschheit hineingebracht worden ist, den Charakter, der sich etwa folgendermaßen schildern läßt: Wir treffen nach den Gedankenformen, welche die Gedankenformen der Neuzeit sind, soziale Einrichtungen. Solche sozialen Einrichtungen sind alle zum Zerbrechen da, das heißt, sie laufen eine Zeitlang, dann zerbrechen sie. Sie haben keine innere Kraft der Fortentwickelung. — Das ist sogar das Geheimnis der neueren Entwickelung. Die Menschen mögen auf Grundlage derjenigen äußeren Weltbildung, die sich ergeben hat seit dem 16. Jahrhundert, noch so willig soziale Einrichtungen treffen, alle diese sozialen Einrichtungen tragen den Todeskeim schon im Entstehen in sich, weil sie nicht mit Gedankenformen verbunden sind, die im Übersinnlichen eine Realität haben. Solange es in der Gegenwart nicht Menschen gibt, welche so etwas einsehen, ist mit dieser Gegenwart überhaupt über einen sozialen Fortschritt gar nicht zu sprechen. Es kommt nicht darauf an, daß man in abstrakter Art, vielleicht aus irgendeinem spirituellen Gedankengespinst soziale Ideen ableitet. Darauf kommt es gar nicht an. In meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» steht nicht etwa zuerst ein längeres Kapitel über Geisteswissenschaft, aus dem dann soziale Gesetze deduziert werden, sondern es wird aus der Wirklichkeit selber heraus aufmerksam gemacht auf das, was zu geschehen hat. Darauf kommt es nicht an, daß man aus irgendeinem spirituellen Gespinst das soziale Leben herausdeduziert, sondern darauf, daß man selber erfüllt ist von solchen Gedanken, die im Übersinnlichen wurzeln. Denn dieses Erfülltsein macht es aus, daß alles, was man denkt, eine Realität im Übersinnlichen hat.
[ 20 ] Such ideas give rise to thought forms that are entirely different from those held by the average person today. The thoughts that people have today do not penetrate at all into the realm of the supersensible. The thoughts that people formed by connecting to the Mystery of Golgotha in the way I have just described were capable of evoking thought-forms that had a reality in the supersensible realm. Therefore, one can also characterize the present time by saying: Humanity has gradually lost the ability to form such thought-forms that have significance in the supersensible realm. — Consequently, it is impossible to create social orders on Earth that would advance human progress. Therefore, all the social ideas that have been introduced into humanity since roughly the 16th century bear a character that can be described as follows: We encounter social institutions that correspond to the thought-forms of the modern era. Such social institutions are all destined to collapse; that is, they function for a time, then they collapse. They lack the inner power to evolve further. — This is, in fact, the secret of recent development. No matter how willingly people may establish social institutions based on the structure of the external world that has emerged since the 16th century, all these social institutions already carry the seed of their own destruction within them from the moment of their creation, because they are not connected to thought forms that have a reality in the supersensible. As long as there are no people in the present who understand this, there can be no talk of social progress at all in the present. It does not matter whether one derives social ideas in an abstract manner, perhaps from some spiritual fantasy. That is not the point at all. In my *Key Points of the Social Question*, there is not, for example, a lengthy chapter on spiritual science from which social laws are then deduced; rather, attention is drawn from reality itself to what must happen. What matters is not that one deduces social life from some spiritual fantasy, but that one is oneself filled with thoughts rooted in the supersensible. For it is this inner fulfillment that ensures that everything one thinks has a reality in the supersensible.
[ 21 ] Paradox, aber ganz wahr gesprochen, kann man das Folgende sagen: Denken Sie sich, ein Mensch, ich will sagen ein «Staatsmann» — ein Wort, das man gegenwärtig in Anführungszeichen sagt —, redet allerlei gescheite Dinge, das heißt solche Dinge, welche die Menschen heute gescheit nennen, hat aber niemals eine Beziehung geknüpft zur übersinnlichen Welt. Das, was er redet, in Wirklichkeit umgesetzt, wird den Todeskeim in sich tragen. — Ein anderer redet. Wenn man nicht weiß, daß er sich mit Geisteswissenschaft beschäftigt, braucht man es aus seiner Rede auch gar nicht zu merken, er redet nur in einer etwas andern Art über die Dinge. Aus dem, was er zum Beispiel über soziale Fragen sagt, braucht man gar nicht zu merken, daß er sich mit Geisteswissenschaft beschäftigt, aber daß er sich mit Geisteswissenschaft beschäftigt, das gibt seinen Ideen den realen Impuls.
[ 21 ] Paradoxical as it may sound, and to put it quite frankly, one can say the following: Imagine a person—I mean a “statesman” (a word that is currently spoken in quotation marks)—who says all sorts of clever things—that is, the kinds of things people today call clever—but who has never established a connection with the supersensible world. If what he says were actually put into practice, it would carry within it the seed of death. — Another person speaks. If one does not know that he is engaged in spiritual science, one would not even notice it from his speech; he simply speaks about things in a somewhat different way. From what he says, for example, about social issues, one need not even realize that he is engaged in spiritual science, but the fact that he is engaged in spiritual science is what gives his ideas their real impetus.
[ 22 ] Also es handelt sich darum, daß man heute nicht ausreicht mit einer abstrakten Logik, sondern daß man Wirklichkeit reden muß. Denn heute stehen wir ja bereits in einem Stadium der Menschheitsentwickelung, daß, sagen wir, ein Journalist die schönsten Dinge schreiben kann, die die Leute bewundern, weil sie sagen: Ja, wenn ich das lese, es ist ja die reinste Geisteswissenschaft! — Darum handelt es sich eben nicht! Heute handelt es sich gar nicht mehr um die Wortlaute, sondern heute handelt es sich um den Grund der Seele, aus dem so etwas kommt, es handelt sich um dasjenige, was der Mensch als Substanz in sich trägt!
[ 22 ] So the point is that today it is not enough to rely on abstract logic; instead, we must speak of reality. For today we have already reached a stage in human development where, let’s say, a journalist can write the most beautiful things that people admire, because they say: “Yes, when I read this, it’s pure spiritual science!” — But that’s not what it’s about at all! Today it’s no longer about the actual words themselves, but rather about the wellspring of the soul from which such things arise; it’s about what a person carries within themselves as substance!
[ 23 ] Wenn ich von einem ganz andern Feld her den Vergleich ziehen soll, so soll es der sein, den ich öfters schon gebraucht habe: Es gibt heute Dichter, die dichten ungemein leicht, machen schöne Verse, die man bewundern kann. Dennoch gilt auch das: Es wird heute neunundneunzig Prozent zu viel gedichtet. — Andere aber gibt es, deren Verse sind wie ein Gestammel; aber diese Verse, die wie ein Gestammel klingen, können aus echtem Menschheitsfond, das heißt Geistesfond stammen, während dem die, die man bewundert, weil die Sprachen einfach soweit sind, daß jeder Tor heute aus der Sprache heraus etwas Bewundernswertes schaffen kann, wertloser Wortschall sein können.
[ 23 ] If I am to draw a comparison from an entirely different field, let it be the one I have often used before: There are poets today who write with remarkable ease, crafting beautiful verses that are worthy of admiration. Nevertheless, it is also true that ninety-nine percent of the poetry written today is superfluous. — But there are others whose verses are like stammering; yet these verses, which sound like stammering, may stem from a genuine reservoir of humanity—that is, a reservoir of the spirit—whereas those that are admired—simply because languages have advanced to the point where any fool today can create something admirable out of language—may be nothing more than worthless clatter of words.
[ 24 ] Es ist heute durchaus notwendig, daß man über den bloßen Wortlaut zu dem Motiv hingeht, das heißt, daß man sich nicht im Abstrakten hält, daß man nicht dem Wortlaut nach liest, sondern daß man sich ins volle Leben hineinstellt und aus dem Leben heraus die Erscheinungen beurteilt. Und so handelt es sich darum, daß Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, vor allen Dingen befruchtend wirken muß auf die verschiedenen Lebenszweige, sonst wird das nicht eintreten, was eintreten muß.
[ 24 ] Today it is absolutely necessary to go beyond the mere wording to the underlying motive; that is, not to remain in the abstract, not to read merely according to the wording, but to immerse oneself fully in life and judge phenomena from within life itself. And so the point is that spiritual science, as understood here, must above all have a fertilizing effect on the various branches of life; otherwise, what must happen will not come to pass.
[ 25 ] Wenn zwei Menschen miteinander reden, verständigen sie sich durch die Sprache. Aber die Sprache war in verhältnismäßig gar nicht weit zurückliegender Zeit etwas ganz anderes als heute. Wenn man sich heute durch die Sprache verständigt, so wird man eigentlich mehr oder weniger ein Sklave der Sprache. Die Menschen haben früher durch den Sprachgenius viel gelernt, und sie dachten eigentlich nicht selbst sehr viel, sie ließen die Sprache für sich denken. Das ging nur so lange, bis der Zeitraum eintrat, den ich Ihnen gestern charakterisiert habe. Heute kommt der Mensch nur weiter, wenn er sich mit seinem Denken und Empfinden von der Sprache emanzipieren kann. Die Sprache läuft gewissermaßen heute wie ein Mechanismus, in dem wir drinnenstehen, und statt unserer lebt eigentlich immer mehr und mehr der Ahriman in der Sprachenentwickelung drinnen. Ahriman redet eigentlich heute, wenn die Menschen reden. Und die Menschen müssen sich nach und nach gewöhnen, aus ganz anderem heraus sich zu verstehen als aus dem bloßen Wortlaut der Sprachen. Man muß viel tiefer drinnenstehen im Leben, um heute den andern Menschen zu verstehen, als in dem Zeitalter, wo auf den Flügeln der Sprache noch das enthalten war, was die Menschen miteinander ausgetauscht hatten. Heute ist das auf den Flügeln der Sprache nicht mehr enthalten. Heute kann man im Grunde genommen ein von wirklicher Erkenntnis ganz leerer Mensch sein. Aber damit, daß die Sprache — jede heutige zivilisierte Sprache — allmählich Satzformen, Sentenzen, ja ganze Theorien, die schon in der Sprache liegen, ausgebildet hat, braucht man nur das, was in der Sprache liegt, ein bißchen umzuändern, dann hat man etwas scheinbar von sich aus Geschaffenes, in Wirklichkeit hat man im Grunde genommen nur ein wenig durcheinandergewürfelt, was schon da war.
[ 25 ] When two people talk to each other, they communicate through language. But in a time that is, relatively speaking, not very long ago, language was something entirely different from what it is today. When people communicate through language today, they actually become, to a greater or lesser extent, slaves to language. In the past, people learned a great deal through the “genius of language,” and they did not actually think much for themselves; they let language do the thinking for them. This continued only until the period I described to you yesterday began. Today, a person can make progress only if they can emancipate their thinking and feeling from language. Language today functions, so to speak, like a mechanism in which we are trapped, and instead of us, Ahriman is increasingly taking over the development of language. It is actually Ahriman who speaks today when people speak. And people must gradually accustom themselves to understanding one another from a source entirely different from the mere wording of languages. One must be immersed much more deeply in life to understand other people today than in the age when the wings of language still carried what people had exchanged with one another. Today, that is no longer contained on the wings of language. Today, one can essentially be a person completely devoid of true insight. But since language—every civilized language of today—has gradually developed sentence forms, phrases, even entire theories that are already embedded in language—one need only alter what is already in the language slightly to end up with something that appears to be one’s own creation; in reality, one has essentially just shuffled around a bit what was already there.
[ 26 ] Es ließe sich heute sehr leicht, so grotesk es Ihnen klingen wird, folgendes Experiment machen. Nehmen Sie die Enunziationen gut bourgeoiser, nur etwas nach der einen oder nach der andern Seite hin zum Materialismus geneigter Professoren, Philosophieprofessoren, Naturwissenschaftsprofessoren und dergleichen, nehmen Sie das, was diese Leute im Laufe der letzten Jahrzehnte, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gesagt haben, so läßt sich sehr leicht durch ein klein wenig Umdenken folgendes erreichen. Nehmen Sie, ich will sagen, irgendein Elaborat eines ziemlich braven Philosophen, eines braven Dutzendphilosophen von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der sich über diese oder jene sozialen Dinge geäußert hat, da können Sie nun gewisse Eigenschaftsworte wegnehmen und durch andere ersetzen, die wieder in einem andern Satz stehen. Sie können die Dinge ein bißchen umwerfen — und es entsteht daraus die Lebensanschauung des Herrn Trotzkij! Man braucht, um heute mit einer Lebensanschauung ein Trotzkij zu sein, gar nicht selber denken zu können, sondern nur die Sprache in sich denken zu lassen in der Weise, wie ich es eben geschildert habe. Aber da arbeiten, weil die Sprache sich in einer gewissen Weise von ihnen emanzipiert hat, nicht die Menschen, da arbeiten ahrimanische Mächte in der Menschheitskultur.
[ 26 ] It would be very easy today—as grotesque as this may sound to you—to conduct the following experiment. Take the statements of thoroughly bourgeois professors—philosophy professors, natural science professors, and the like—who lean only slightly in one direction or the other toward materialism; take what these people have said over the course of the last few decades, in the second half of the 19th century, and with just a little shift in thinking, the following can very easily be achieved. Take, for example, any treatise by a fairly respectable philosopher—a run-of-the-mill philosopher from the second half of the 19th century—who has commented on this or that social issue; you can then remove certain adjectives and replace them with others found in a different sentence. You can shake things up a bit—and out of this emerges Comrade Trotsky’s worldview! To be a Trotsky today—with a worldview—you don’t need to be able to think for yourself at all; you just need to let the language think within you in the way I’ve just described. But since language has, in a certain sense, emancipated itself from them, it is not human beings who are at work here; rather, Ahrimanic forces are at work in human culture.
[ 27 ] Was ich Ihnen jetzt gesagt habe, das kann man als Erlebnis haben. Man muß nur die inneren Seelenaugen für solche Dinge offen haben. Wer nicht mit Worten, sondern mit Gedanken arbeitet, für den ist die Sprache heute ein ganz schauderhaftes Instrument. Es schreibt sich heute für den, der mit Gedanken arbeitet, in der Tat nicht leicht. Denn wollen Sie einen Satz hinschreiben, so pariert er Ihnen nicht, weil soundso viele Leute ähnliche Sätze geschrieben haben. Immer wiederum will der Satz sich formen aus der Gesamtpsyche heraus, aber Sie müssen erst sein Feind werden, um dasjenige, was Ihnen in der Seele liegt, wirklich satzgemäß zu formen. Wer heute für die Öffentlichkeit wirkt und nicht diese Feindseligkeit der Sprache empfinden kann, der gerät immer in die Gefahr, sich dem Denken der Sprache zu überlassen und schöne Programme auszusinnen aus der Sprache heraus.
[ 27 ] What I have just told you is something one can experience. One simply has to keep one’s inner spiritual eyes open to such things. For those who work not with words but with thoughts, language today is a truly dreadful instrument. Indeed, writing is not easy today for those who work with thoughts. For if you want to write down a sentence, it won’t come easily to you, because so many people have written similar sentences. Time and again, the sentence seeks to take shape from the totality of the psyche, but you must first become its enemy in order to truly shape what lies within your soul into a coherent sentence. Anyone working for the public today who cannot sense this hostility of language is always in danger of surrendering to the logic of language and devising beautiful programs out of language itself.
[ 28 ] Die Notwendigkeit, den Gedanken Geltung zu verschaffen, muß heute schon beginnen im Kampfe mit der Sprache. Nichts ist gefährlicher, als wenn heute ein Mensch sich immer tragen läßt von der Sprache, in dem Sinne: So drückt man das aus, so drückt man jenes aus. — Denn indem eine stereotype Art des Ausdrückens da ist, indem man sagen kann: Das kann man nur so sagen —, begibt man sich eigentlich in den gewohnten Strom des Sprechens hinein und arbeitet nicht aus dem ursprünglichen Gedanken heraus.
[ 28 ] The need to give this idea its due must begin today in the struggle with language. Nothing is more dangerous today than for a person to always let themselves be carried along by language, in the sense that “this is how you express this, and that is how you express that.” — For when a stereotypical way of expressing oneself exists—when one can say, “You can only say it this way”—one actually enters into the familiar flow of speech and does not work from the original thought.
[ 29 ] Schrecklich wirken unsere Schulen in dieser Beziehung. Die Schulmeister, die eigentlich jeden scheinbar ungeschickten, aber wenigstens eigenen Gedanken auf das Konventionelle hin korrigieren, üben große Verbrechen in der Schule aus. Man sollte geradezu forschen nach jedem ungeschickten, aber substantiell individuellen Satze, den irgendein Bube oder irgendein Mädchen in der Schule hinschreibt. Man sollte daran in der Schule Besprechungen knüpfen und sollte gar nicht mit der verfluchten roten Tinte das Konventionelle an die Stelle desjenigen setzen, was aus den jugendlichen Individualitäten heute herauskommt. Denn heute ist es das Allerwichtigste, darauf hinzuschauen, was aus den jugendlichen Individualitäten herauskommt. Vielleicht wird es sich in einer Weise enthüllen, wie es uns nicht immer bequem ist, wie wir es leicht als fehlerhaft ansehen. Wollte man die Goetheschen Jugendbriefe mit dem Auge eines Gymnasiallehrers korrigieren, dann müßten viele Dinge korrigiert werden! Der österreichische Dichter Robert Hamerling hat bei seiner Lehramtsprüfung die schlechteste Zensur im «deutschen Aufsatz» gehabt! Und es bleibt ja doch etwas Wahres an dem, was Hebbel sich in sein Tagebuch geschrieben hat, ich habe es öfters erwähnt: Er wollte ein Drama schreiben mit dem Motiv, daß gerade ein Gymnasiallehrer der höheren Klassen einen Schüler vor sich hat, der der wiederverkörperte Plato ist, mit dem er den Plato liest in der Klasse; da findet der Gymnasaallehrer, daß dieser «wiederverkörperte Plato» nicht das Allergeringste versteht vom Plato! Dieses Motiv hat sich der Dichter Friedrich Hebbel für ein Drama notiert, das dann nicht zur Ausführung gekommen ist. Aber es ist etwas Wahres daran.
[ 29 ] Our schools come across as terrible in this regard. Teachers, who correct virtually every seemingly clumsy but at least original thought to conform to convention, are committing grave crimes in the classroom. One should actively seek out every clumsy but substantively individual sentence that any boy or girl writes down in school. Class discussions should be built around these, and we should certainly not use that accursed red ink to replace what springs from youthful individuality today with conventionalism. For today, the most important thing is to pay attention to what springs from youthful individuality. Perhaps it will reveal itself in a way that is not always comfortable for us, a way we are quick to regard as flawed. If one were to correct Goethe’s early letters with the eye of a high school teacher, then many things would have to be corrected! The Austrian poet Robert Hamerling received the lowest grade in “German composition” on his teaching certification exam! And there is, after all, some truth to what Hebbel wrote in his diary—I’ve mentioned it often: He wanted to write a play based on the premise that a high school teacher in the upper grades has a student in his class who is Plato reincarnated, with whom he reads Plato in class; and the high school teacher discovers that this “reincarnated Plato” doesn’t understand the very least thing about Plato! The poet Friedrich Hebbel jotted down this plot for a play that was never actually staged. But there is some truth to it.
[ 30 ] Nun müssen wir uns ja darüber klar sein, daß jederzeit, verführt durch die zurückbleibenden luziferischen und ahrimanischen Mächte, die Menschen sich gegen den normalen Fortschritt der Menschheit gesträubt haben. Heute stehen wir vor der Notwendigkeit, etwas ganz Neues aus dem geistigen Leben heraus zur Rettung der Menschheit suchen zu müssen. Kein Wunder, daß sich die Menschen in der heftigsten Weise aus allen möglichen logischen Torheiten und Unmoralitäten heraus sträuben. Und so mußte ich schon seit langer Zeit immer als Anhängsel an unsere Zeitbetrachtung auch gewissermaßen pro domo reden.
[ 30 ] Now we must be clear about the fact that, at all times, seduced by the lingering Luciferic and Ahrimanic forces, human beings have resisted the normal progress of humanity. Today we are faced with the necessity of seeking something entirely new from spiritual life to save humanity. No wonder people are resisting in the most vehement way, resorting to all manner of logical follies and immoralities. And so, for a long time now, I have had to speak, in a sense, pro domo as an appendix to our consideration of the times.
[ 31 ] Ich habe Ihnen vor etwa acht Tagen hier mitgeteilt, in welcher verleumderischen, gemeinen Weise gegenwärtig durch einen großen Teil der deutschen Zeitungen Dinge gehen, die ihrer Quelle nach ja bekannt sind, aber die mit aller Wucht sich gerade gegen das wenden möchten, was von anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft ausgeht und was an Sozialem damit zusammenhängt. Es ist so recht unmittelbar ein, ich möchte sagen, «am Hause» selbst erlebtes Beispiel, wie stark sich die gegnerischen Mächte rührig machen. Aber es gibt eine gewisse Veranlassung, aus der heraus ich Ihnen diese Sache heute etwas genauer charakterisieren möchte. Zu diesem Zwecke möchte ich noch einmal darauf aufmerksam machen, was geschehen ist. Es ist geschehen, daß plötzlich durch eine Reihe deutscher Zeitungen die Verleumdung ging, die in folgenden Sätzen zusammengefaßt ist. Ich habe diese Sätze ja vorgelesen. Wir wollen sie uns aber noch einmal vor die Seele führen, denn sie sind es eigentlich wert als Charakteristikum für gewisse Kulturpilze der Gegenwart:
[ 31 ] About eight days ago, I told you here about the slanderous, mean-spirited manner in which a large portion of the German press is currently reporting on matters that are, in fact, well known in terms of their source, but which are being used with all their might to turn against precisely what emanates from anthroposophically oriented spiritual science and what is socially connected to it. This is a very immediate example—I would say, one experienced “right here at home”—of just how vigorously the opposing forces are mobilizing. But there is a specific reason why I would like to describe this matter to you in somewhat greater detail today. To that end, I would like to draw your attention once again to what has happened. What happened was that a series of German newspapers suddenly published a defamatory article, which can be summarized in the following sentences. I have, of course, read these sentences aloud. But let us bring them to mind once more, for they are truly worthy of serving as a characteristic example of certain cultural parasites of the present day:
[ 32 ] «Rudolf Steiner als politischer Denunziant. Der bekannte theosophische Scharlatan Dr. Rudolf Steiner, der eine Anhängerschaft von Millionen Männer und Frauen beeinflußt, hat im Frühjahr 1919 in Stuttgart einen Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus gegründet, der ursprünglich nur eine religiös-kommunistische Gemeinschaft sein sollte, dann aber in politische Berührung mit den Bolschewisten und Kommunisten geraten ist und jetzt eine sehr seltsame und widerwärtige politische Agitation ausübt. Wir erfahren darüber aus Dresden das Folgende: Aus authentischen Nachrichten geht einwandfrei hervor», — ich bitte, sich diesen Satz «aus authentischen Nachrichten geht einwandfrei hervor» zu notieren! — «daß der Bund für Dreigliederung die Namen aller angeblich im reaktionären Sinn tätigen Offiziere feststellt und gegen diese Material über völkerrechtswidrige Handlungen an Hand von Zeugenaussagen sammelt, das dann der Entente zwecks Auslieferung zugestellt werden soll. Die Richtigkeit derartiger Beschuldigungen ist Herrn Steiner und Genossen vollkommen gleichgültig, und daß sie sogar vor bewußt falschen Angaben nicht zurückschrecken, beweist die Stelle eines Briefes, in dem es heißt: Beschuldigungen von Diebstählen sind zu unterlassen, da die Unwahrheit hier leichter nachzuweisen ist. Ebenso darf man keine zu unglaublichen Beschuldigungen, wie Verstümmelungen von Kindern, erheben.»
[ 32 ] “Rudolf Steiner as a Political Informant. The well-known theosophical charlatan Dr. Rudolf Steiner, who influences a following of millions of men and women, founded an association for the threefold social order in Stuttgart in the spring of 1919, which was originally intended to be merely a religious -communist community, but then came into political contact with the Bolsheviks and Communists and is now engaging in a very strange and repugnant form of political agitation. We have learned the following about this from Dresden: ‘It is clearly evident from authentic reports’”—please take note of this phrase, ‘it is clearly evident from authentic reports’! — “that the League for the Threefold Social Order is compiling a list of the names of all officers allegedly acting in a reactionary manner and is gathering evidence against them—based on witness testimony—regarding acts contrary to international law, which is then to be forwarded to the Entente for the purpose of extradition. Mr. Steiner and his comrades are completely indifferent to the accuracy of such accusations, and the fact that they do not even shy away from deliberately false statements is proven by a passage in a letter that reads: ‘Accusations of theft are to be avoided, since falsehood is easier to prove in this case.’ Likewise, one must not make accusations that are too implausible, such as the mutilation of children.”
[ 33 ] Nun geht natürlich diese Satz für Satz erlogenste, verleumderischeste Sache durch eine Reihe deutscher Zeitungen! Man kann darin über das Verschiedenste erstaunt sein, aber nehmen wir doch ein Faktum heraus. Da ist die Rede von Briefen, die geschrieben worden sein sollen und auf die man sich beruft als auf authentische Dokumente. Ich habe in der Nummer der «Dreigliederung», die noch nicht erschienen ist, ausdrücklich darauf hingewiesen, daß ich sehr wohl die trüben Quellen kenne, aus denen solche Dinge stammen. Nun will ich Ihnen aber ein niedliches Dokument vorlesen, aus dem Sie sehen werden, wie die authentischen Grundlagen für diejenigen Menschen sind, die solche Dinge in die Welt streuen.
[ 33 ] Now, of course, this piece—which is, sentence by sentence, the most mendacious and slanderous thing imaginable—is making the rounds in a number of German newspapers! One can be astonished by all sorts of things in it, but let’s single out one fact. There is talk of letters that are said to have been written and which are cited as authentic documents. In the issue of *Dreigliederung* that has not yet been published, I explicitly pointed out that I am well aware of the dubious sources from which such things originate. But now I would like to read you a charming document from which you will see what the “authentic” foundations are for those people who spread such things around.
[ 34 ] Nachdem diese ganze Flut von Gemeinheit abgelaufen war, nachdem ich auch von verschiedenen andern Seiten Bestätigungen dessen, was ich ohnedies gewußt habe über die trüben Quellen, erfahren hatte, bekam ich folgenden Brief eines Freundes. Dieser Brief ist mir erst jetzt zugekommen, aber er ist geschrieben — ich bitte das zu berücksichtigen —, bevor diese Zeitungsartikel erschienen sind. Also das, was dieser Brief enthält, ist konstatiert worden, bevor die Zeitungsartikel erschienen sind. Ich bitte, dieses Faktum ins Auge zu fassen. In diesem Brief steht:
[ 34 ] After this whole barrage of nastiness had subsided, and after I had also received confirmation from various other sources of what I already knew about those murky sources, I received the following letter from a friend. This letter has only just reached me, but it was written—please bear this in mind—before these newspaper articles appeared. So the contents of this letter were established before the newspaper articles appeared. I ask that you take this fact into account. The letter reads:
[ 35 ] «Ein langjähriges Mitglied unserer anthroposophischen Gesellschaft, augenblicklich noch aktiver Offizier, hat Einsicht von den zwei Briefen bekommen, die bei den Behörden kursieren und selbstverständlich viel Aufsehen erregen. Diese Briefe tragen die Aufschrift: An IRD oder R in Berlin, sind also wohl an dieselbe Stelle gerichtet, ob aber von demselben Verfasser, läßt sich nicht sagen, da eine Unterschrift fehlt. In dem ersten Brief ist die Rede vom Steinerbund und Freimaurer, und zwar wird gesagt, in der nächsten Zeit würden vom Steinerbund Flugblätter verteilt werden, die so abgefaßt wären, als ob sie von den Monarchisten kämen, die aber in Wahrheit den Zweck hätten, die monarchistische und die antisemitische Bewegung lächerlich zu machen. Also mit andern Worten: der Steinerbund werde versuchen, unter dem Deckmantel der Monarchisten diese Richtung zu bekämpfen. Diese Flugblätter seien schon gedruckt, und für jeden Bezirk wäre eine andere fingierte Unterschrift vorgesehen.»
[ 35 ] “A long-standing member of our Anthroposophical Society, who is currently still an active officer, has seen the two letters that are circulating among the authorities and are, of course, causing quite a stir. These letters are addressed ‘To IRD or R in Berlin,’ so they are presumably directed to the same recipient; however, it is impossible to say whether they were written by the same author, as there is no signature. The first letter mentions the Steiner League and Freemasons, stating that in the near future the Steiner League will distribute leaflets written in such a way as to appear to come from the monarchists, but which in reality are intended to ridicule the monarchist and anti-Semitic movements. In other words: the Steinerbund would attempt to combat this movement under the guise of the monarchists. These leaflets had already been printed, and a different fictitious signature was planned for each district.”
[ 36 ] Also Sie sehen, da gibt es Fabriken für Brieffälschungen! Diese Briefe zirkulieren wirklich. Weiter heißt es:
[ 36 ] So you see, there are factories producing forged letters! These letters are actually in circulation. It goes on to say:
[ 37 ] «Im zweiten Brief wird folgender Vorschlag gemacht: Da noch immer viele monarchistisch gesinnte Offiziere sich im Heere befinden, wäre es unbedingt erforderlich, diese unschädlich zu machen, und zwar durch folgende schamlose Mittel. Es sollte unter den Angehörigen des Truppenteils, dem der betreffende Offizier während des Feldzuges angehört hat, nach Leuten gesucht werden, die unter Eid möglichst viele Schandtaten der Betreffenden aussagen sollen. Dabei wird noch näher gesagt, daß dies aber nur glaubwürdige Vergehen sein müßten, nicht etwa Frauenschändung, Kindsmord und ähnliche Dinge. Dieses Sündenregister sollte dann durch einen Herrn Grelling» — das ist der einzige Name, der in dem Brief genannt wird — «an die Entente übermittelt werden, und diese würde dann die sofortige Auslieferung der Betreffenden fordern.»
[ 37 ] “The second letter makes the following proposal: Since there are still many monarchist-minded officers in the army, it is absolutely necessary to neutralize them, specifically through the following shameless means. A search should be conducted among the members of the unit to which the officer in question belonged during the campaign for people who, under oath, are to testify to as many misdeeds of the officer in question as possible. It is further specified, however, that these must be credible offenses—not, for example, the rape of women, infanticide, or similar acts. This list of offenses should then be forwarded to the Entente by a Mr. Grelling”—that is the only name mentioned in the letter—“and the Entente would then demand the immediate extradition of the individuals in question.”
[ 38 ] Beide Briefe hat der Betreffende mit eigenen Augen gelesen.
[ 38 ] The person in question read both letters with his own eyes.
[ 39 ] Das ist also der Brief, auf den sich diese Zeitungsnotiz beruft, der Brief, der wahrscheinlich in unzähligen Exemplaren zirkuliert und der die Aufschrift trägt: An diese und diese Stelle in Berlin! Es werden also zuerst die Briefe gefälscht, fabriziert, dann werden Zeitungsartikel gemacht. Das ist die Methode, in der gekämpft wird!
[ 39 ] So this is the letter referred to in this newspaper clipping—the letter that is probably circulating in countless copies and bears the inscription: “To such-and-such an office in Berlin!” So first the letters are forged and fabricated, and then newspaper articles are written. That is the method being used in this battle!
[ 40 ] Ich möchte wissen, ob noch andere Dinge dazugehören, um es einmal begreiflich zu machen, daß es heute nötig ist, aufzuwachen! — Aus dem, was in den letzten Jahren geschehen ist, ist ein moralischer Boden für die Menschheit hervorgegangen, der allerdings in den Unmöglichkeiten wurzelte, die schon vorangegangen sind, und der solche Blüten treibt.
[ 40 ] I would like to know if there are other factors involved—just to make it clear—that it is necessary today to wake up! — From what has happened in recent years, a moral foundation for humanity has emerged—one that is, admittedly, rooted in the impossibilities that preceded it, and which is now bearing such fruit.
[ 41 ] Es geht heute nicht an, weiterzuschlafen, sondern zu wissen, in welchem Sumpf wir drinnenstecken. Es könnte ja leicht sein, wenn über diese Dinge nicht scharf gesprochen würde, daß sich auch in unseren Reihen noch Leute fänden, die zum Beispiel sagten: Soll man nicht doch lieber an all die schönen Herren, die da Briefe fälschen und hernach mit den gefälschten Briefen Zeitungsartikel fabrizieren, schreiben, um sie umzustimmen ? — Es handelt sich heute wirklich darum, die Augen aufzumachen und hinzusehen, was für Menschen unter uns herumgehen, Menschen, denen gegenüber man sich beschmutzen würde, wenn man sich im ernsthaften Sinne mit ihnen einlassen würde. Diese Dinge dürfen nicht einfach verschlafen werden, das muß immer wieder und wiederum gesagt werden. Es muß auf die Zusammenhänge hingewiesen werden. Glauben Sie, daß es ungestraft sein kann, daß zum Beispiel in jenen jesuitischen Blättern, in denen die erlogenen Angaben stehen, von denen ich Ihnen ja auch schon gesprochen habe, jahrelang die Mär herumgetragen worden ist, ich sei ein entlaufener Priester, um dann einfach eine solche Sache zurückzunehmen mit den Worten: Das ist etwas, was man gehört hat, «was sich aber nicht aufrechterhalten ließ»? — Glauben Sie, daß man ein Recht hat, einem solchen Jesuitenpater zu sagen: Du hast das zurückgenommen, was du verbreitet hast? — Nein, man hat ihm zu sagen: Du hast in der unverantwortlichsten Weise deine Pflicht verletzt, indem du ungeprüft eine Sache in die Welt gesetzt hast, und deine Zurücknahme bedeutet gar nichts. — Es muß heute mit Moral von jenen Menschen, die noch von Moral etwas verstehen, ernst gemacht werden. Wir haben, durch die ganze zivilisierte Welt gehend, in den letzten fünf Jahren fast nur Erlogenes vernommen, und wir leben noch immer unter den Nachwirkungen der Lüge. Es ist notwendig, diese Dinge ernsthaftig ins Auge zu fassen.
[ 41 ] Today, we can’t afford to keep sleeping; we must recognize the quagmire we’re stuck in. If these matters were not discussed bluntly, it could easily be the case that even within our own ranks there would still be people who, for example, would say: “Shouldn’t we rather write to all those fine gentlemen who forge letters and then use those forged letters to fabricate newspaper articles, in order to change their minds?” — What really matters today is to open our eyes and see what kind of people are walking among us—people with whom one would sully oneself if one were to seriously associate with them. These matters must not simply be ignored; this must be said again and again. The connections must be pointed out. Do you believe it can go unpunished that, for example, in those Jesuit publications—the ones containing the false claims I’ve already mentioned to you—the rumor has been spread for years that I am a runaway priest, only to then simply retract such a claim with the words: “That is something we heard, but which could not be substantiated”? — Do you believe one has the right to say to such a Jesuit priest: “You have retracted what you spread”? — No, one must tell him: “You have violated your duty in the most irresponsible manner by putting something out into the world without verifying it, and your retraction means absolutely nothing.” — Today, we must take morality seriously—especially those of us who still understand what morality is. Traveling throughout the entire civilized world, we have heard almost nothing but lies over the past five years, and we are still living with the aftermath of those lies. It is necessary to take these matters seriously.
[ 42 ] Sie sehen hier ganz durchsichtig an einem Beispiel, wie die Dinge liegen. Wenn die Dinge einem nicht so ins Haus getragen werden durch das Karma, daß das Individuelle zu gleicher Zeit ganz ausschlaggebend ist für das Allgemeine, dann werden sich noch immer Leute finden, welche zu Kompromissen stimmen möchten, die zum Beispiel Verleumder wie einen Ferriere noch immer wie einen Menschen behandeln, mit dem man sich einläßt auf gleich und gleich, während er zum Abschaum der Menschen gehört, indem er in gewissenloser Weise etwas hinschreibt, was er ungeprüft hinnimmt. Diese Dinge sind heute für den Menschen, der auf einem gesunden Boden stehen will, nicht mehr erlaubt.
[ 42 ] Here you can see quite clearly, using an example, how things stand. If karma does not make it so obvious to us that the individual is, at the same time, absolutely decisive for the collective, then there will always be people who are willing to compromise—who, for example, still treat slanderers like Ferriere as human beings with whom one can engage on equal terms, whereas he belongs to the dregs of humanity, writing down unscrupulously whatever he accepts without verification. Such things are no longer permissible today for anyone who wishes to stand on solid ground.
[ 43 ] Wenn ich vielleicht nicht dieses Beispiel vom Entstehen einer Sache gerade zur Hand hätte, würde man mir nicht so leicht glauben, daß heute Fabriken für Brieffälschungen bestehen, auf Grund deren «man» dann die Leute so in der Öffentlichkeit behandelt, wie das in diesem Zeitungsartikel geschehen ist.
[ 43 ] If I didn’t happen to have this example of how something comes about at hand right now, people wouldn’t so easily believe me that there are factories today that produce forged letters, on the basis of which “they” then treat people in public the way they did in this newspaper article.
[ 44 ] Aber das geschieht heute ja immer und immer, und ein großer Teil dessen, was Sie lesen, besteht in nichts anderem als in den Blüten dieses moralischen Sumpfes, und es gehört einfach heute zu einer gesunden, zu einer ernsthaften und ehrlichen Weltauffassung, diese Dinge zu wissen und diese Dinge entsprechend zu behandeln. Es ist heute den Menschen nicht gestattet, Kompromisse zu schließen mit Menschen, die in dieser Weise mit der Verleumdung arbeiten. Denn damit rechtfertigt man das nicht, daß man sagt: Man muß gegen alle Menschen wohlwollend sein — Liebe gegen alle Menschen! — Liebe gegen solche Menschen bedeutet äußerste Lieblosigkeit gegen die, die verleumdet, die entstellt werden. Es handelt sich doch darum, zu wissen, wohin man mit der Liebe soll. Denn das Verbrechen lieben, kann nimmermehr zur Gesundung der Menschheit führen. Daß solche Dinge kommen mußten, das konnte man voraussehen. Aber man konnte es nicht nur an dem voraussehen, wie gearbeitet worden ist von gewissen Seiten. Sie brauchen ja nur die jesuitische Literatur aufzuschlagen, die seit der kirchlichen Verurteilung der anthroposophischen Schriften im Juli 1919 losgelassen worden ist. Sie brauchen nur die Menschen ins Auge zu fassen, die da schreiben, und einmal zu prüfen, was für Zugänge zur Wahrheit diese Menschen haben, dann haben Sie natürlich alles das, was schließlich in solche Sümpfe hineinführen muß. Ich will heute nicht über die ganz trüben Quellen sprechen, die mir sehr gut bekannt sind und durch deren Bekanntschaft ich auch weiß, wie alle diese Dinge zusammenhängen und wie sie nur ein Anfang sind.
[ 44 ] But this happens over and over again today, and a large part of what you read consists of nothing but the fruits of this moral swamp; and today, it is simply part of a healthy, serious, and honest worldview to be aware of these things and to deal with them accordingly. People today are not permitted to compromise with those who engage in slander in this way. For one cannot justify this by saying: “One must be benevolent toward all people—love for all people!” — Love toward such people means the utmost lack of love toward those who are slandered and defamed. After all, the point is to know where one’s love should be directed. For loving crime can never lead to the healing of humanity. That such things were bound to happen could have been foreseen. But one could foresee it not only from the way certain quarters have been operating. You need only open the Jesuit literature that has been unleashed since the Church’s condemnation of the anthroposophical writings in July 1919. You need only look into the eyes of the people who write these things and examine what kind of approach to the truth these people have; then you will naturally see everything that must ultimately lead into such quagmires. I do not wish to speak today about the very murky sources that are very well known to me and through my familiarity with which I also know how all these things are connected and how they are only the beginning.
[ 45 ] Wünschen möchte ich nur, daß möglichst wenig Menschen so naiv sind, zu glauben, man könnte mit Widerlegungen da etwas ausrichten. Jenen Leuten handelt es sich nicht darum, dieses oder jenes zu behaupten, sondern nur, etwas Saftiges zu behaupten, wodurch sie den andern herabsetzen. Was sie behaupten, das ist diesen Leuten ganz gleichgültig.
[ 45 ] I only hope that as few people as possible are naive enough to believe that refutations can accomplish anything here. Those people aren’t concerned with asserting this or that, but only with making some sensational claim through which they can belittle others. They couldn’t care less about what they’re actually claiming.
[ 46 ] Aber nicht nur das ist zu berücksichtigen, daß wir heute zahlreiche solche Menschen unter uns haben, die in dieser Weise arbeiten, sondern auch das ist zu berücksichtigen, daß wir schon seit Jahrzehnten im großen Publikum aus Schläfrigkeit entspringend eine weitgehende Toleranz haben gegen dieses Treiben, ein Nicht-hinsehen-Wollen darauf, wie eigentlich heute öffentliche Meinung gemacht wird. Das aber ist der wichtigste Teil dessen, was zur Besserung führen kann. Solange nicht Leute von dem Kaliber des Jesuiten Zimmermann oder des Universitätsprofessors Dessoir in der entsprechenden Weise behandelt werden, so lange kann keine Gesundung kommen. Die Menschen, die ihnen gegenüberstehen und ihnen nicht die richtige Behandlung angedeihen lassen, die sind schuldiger noch als diese Individuen. Denn diese Individuen betreiben bei diesen Dingen ihre Geschäfte, wenn auch in so schmutziger Weise wie der Professor Dessoir. Ich habe Ihnen das vor einiger Zeit charakterisiert. Aber es handelt sich darum, daß nun endlich aufgewacht werde. Denn von einem Dessoirschen Buch oder einer Zimmermannschen Kritik führt ein gerader Weg nach diesen Sümpfen hin, die ich Ihnen charakterisieren konnte. Ich mußte dieses auch nicht anders als in der Absicht anführen, die Symptome zu zeigen für die Kräfte, die in unserer Zeit wirksam sind, um jedes für den Geist berechtigte Streben niederzudrücken. Und so möchte ich auch noch die Tatsache erwähnen, daß mir neulich hier ein Artikel gegeben worden ist, der angeblich bestimmt war für das Brockhaussche Konversationslexikon, für das jener berüchtigte Dessoir — bei uns nur berüchtigt! — die Artikel schreiben sollte über Anthroposophie; in derselben Zeit, in der er durch einen Mittelsmann sich diese Artikel von mir schreiben ließ, schrieb er an seinem Buche, diesem Schandbuche. Aber denken Sie jetzt den Fall, daß dieser Artikel etwa hier liegen würde in unserem hiesigen Archiv! Er würde später einmal dort gefunden werden als ein Artikel, der von mir herrühren soll. Da würde also einmal jemand sagen können: Ja, den Artikel im Archiv hat doch Steiner abgeschrieben aus Dessoirs Artikel im Lexikon und für sich in Anspruch genommen! — Derlei Blüten können getrieben werden, wenn man nicht wach ist! Es können einem erst die Dinge durch literarische Diebe gestohlen werden, und dann können sie in einer solchen Weise figurieren irgendwo, daß nicht der, der sie gemacht hat, sondern der, der sie gestohlen hat, als der Autor gilt und der, welcher der Autor ist, für den Dieb gilt!
[ 46 ] But we must take into account not only that there are many such people among us today who work in this way, but also that for decades now, stemming from a general apathy, the general public has shown a widespread tolerance toward these activities—a refusal to look at how public opinion is actually formed today. Yet this is the most important part of what can lead to improvement. As long as people of the caliber of the Jesuit Zimmermann or the university professor Dessoir are not treated appropriately, there can be no recovery. The people who stand opposite them and fail to treat them as they deserve are even more culpable than these individuals. For these individuals are conducting their business in these matters, albeit in as sordid a manner as Professor Dessoir. I described this to you some time ago. But the point is that we must finally wake up. For a book by Dessoir or a critique by Zimmermann leads directly to these swamps that I have described to you. I had no choice but to cite this with the intention of pointing out the symptoms of the forces at work in our time to suppress every legitimate spiritual endeavor. And so I would also like to mention the fact that I was recently given an article here that was supposedly intended for the Brockhaus Conversational Encyclopedia, for which that notorious Dessoir—notorious only to us! — was supposed to write articles on anthroposophy; at the very same time that he had me write these articles through an intermediary, he was working on his book, that disgraceful book. But imagine now the scenario that this article were to be lying here in our local archive! It would eventually be found there as an article purported to have originated from me. Then someone might say: “Yes, Steiner copied that article in the archive from Dessoir’s entry in the encyclopedia and claimed it as his own!” — Such absurdities can occur if one isn’t vigilant! First, literary thieves can steal one’s work, and then it can appear somewhere in such a way that not the one who created it, but the one who stole it, is regarded as the author—and the actual author is regarded as the thief!
[ 47 ] Die moralische Frage muß heute von mancherlei Seiten her in Angriff genommen werden; aber sie wird von niemandem in gedeihlicher Weise in Angriff genommen werden, der nicht auf dem Boden einer gesunden spirituellen Wissenschaft steht. Das ist das, was ich in dem Anhange zu dem heutigen Vortrage aus der Gegenwartsgeschichte heraus Ihnen doch auch mitteilen wollte.
[ 47 ] The moral question must be addressed from many different angles today; but it will not be addressed in a fruitful way by anyone who does not stand on the foundation of a sound spiritual science. That is what I also wanted to share with you in the appendix to today’s lecture, drawing on contemporary history.
