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Contrasts in Human Development
GA 197

22 November 1920, Stuttgart

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Elfter Vortrag

Eleventh Lecture

[ 1 ] Wir wollen uns heute an einiges uns längst Bekanntes erinnern, um daran wichtige Betrachtungen zu knüpfen, welche in einem gewissen Sinn das vor einigen Tagen hier Entwickelte fortsetzen können.

[ 1 ] Today we want to recall some things we have long been familiar with, in order to draw important conclusions from them that, in a certain sense, can build on what was discussed here a few days ago.

[ 2 ] Wir wissen, der Mensch ist ein viergliedriges Wesen, und wir charakterisieren ihn, indem wir sprechen von seinem physischen Leib, von seinem Lebensleibe, von seinem astralischen Leibe oder Empfindungsleibe und von seinem Ich. Wir wissen aber auch, daß wir den Menschen nur voll begreifen, wenn wir zu diesen Gliedern, die ja im wesentlichen dasjenige ausmachen, was jetzt am Menschen entwickelt ist, andere noch hinzufügen, die Ihnen ja bekannt sind als das Geistselbst, der Lebensgeist und der Geistesmensch. Wir wissen aber auch, daß diese letzteren drei Glieder der menschlichen Natur nicht solche sind, daß wir von ihnen als von in der gegenwärtigen Zeit fertig abgeschlossenen sprechen können. Wir können von ihnen nur sprechen als von etwas, was der Mensch gewissermaßen als seine Entwickelungsmöglichkeit in sich trägt und das er in der Zukunft entfalten wird.

[ 2 ] We know that the human being is a fourfold being, and we characterize him by speaking of his physical body, his life body, his astral body or feeling body, and his “I.” But we also know that we can only fully understand the human being if, in addition to these members—which essentially constitute what is currently developed in the human being—we add others, which you know as the spiritual self, the life spirit, and the spiritual human being. We also know, however, that these latter three aspects of human nature are not such that we can speak of them as fully complete in the present time. We can speak of them only as something that human beings, so to speak, carry within themselves as a potential for development and that they will unfold in the future.

[ 3 ] Man kann sagen, ebenso wie wir an uns haben einen physischen Leib und so weiter bis hinauf zum Ich, so werden wir dereinst haben ein Geistselbst, einen Lebensgeist, einen Geistesmenschen. Wir wissen aus den Darstellungen, die ja längst in unserer Literatur vorliegen, wie dasjenige, was wir so als die Gliederung des Menschen betrachten, zusammenhängt mit dem ganzen Kosmos und seiner Entwickelung. Wir beziehen in einer gewissen Weise dasjenige, was als physischer Leib an uns ist, auf eine älteste Verkörperung unserer Erde, die wir den alten Saturn nennen. Wir beziehen den Lebensleib auf die alte Sonne, den Astralleib auf den alten Mond, und dasjenige, was wir als unser Ich bezeichnen, im wesentlichen auf unsere gegenwärtige Erde.

[ 3 ] One could say that just as we have a physical body and so on, all the way up to the “I,” so too will we one day have a spiritual self, a life spirit, a spiritual human being. We know from the descriptions—which have long been available in our literature—how what we regard as the structure of the human being is connected to the entire cosmos and its evolution. In a certain sense, we relate what is our physical body to the most ancient incarnation of our Earth, which we call the ancient Saturn. We relate the life body to the ancient Sun, the astral body to the ancient Moon, and what we call our “I” essentially to our present Earth.

[ 4 ] Was heißt das eigentlich: Wir beziehen das Ich, das wir an uns tragen, auf unsere gegenwärtige Erde? Das heißt: In dem, was wir als Elemente der Erde, als Kräfte der Erde und so weiter erkennen oder auch nicht erkennen —, in dem liegt dasjenige, was in uns anregt das Ich. Unser Ich hängt innig zusammen mit den Kräften der Erde.

[ 4 ] What does this actually mean: We relate the “I” that we carry within us to our present Earth? It means: In what we recognize—or fail to recognize—as the elements of the Earth, as the forces of the Earth, and so on—in that lies what stimulates the “I” within us. Our “I” is intimately connected with the forces of the Earth.

[ 5 ] Wenn Sie die ganze Evolution, diese ganze Entwickelung des Menschen betrachten, so werden Sie finden, daß unser heutiges Menschenwesen zum größten Teil in die Vergangenheit hineinweist, unser physischer Leib in eine längst verflossene Vorzeit, in die alte Saturnzeit, unser Lebensleib in die alte Sonnenzeit und so weiter, daß unser Ich zwar noch nicht voll entwickelt ist, aber daß es in seiner eigentlichen Wesenheit auf das Gegenwärtig-Irdische hinweist. Damit ist aber schon der Hinweis darauf gegeben, daß dasjenige, was wir als Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmenschen bezeichnen, eigentlich in dem Irdischen selbst nicht begründet ist, daß, indem wir als Mensch die Entwickelungsmöglichkeit zum Geistesmenschen, zum Lebensgeist, zum Geistselbst in uns tragen, wir damit etwas in uns tragen, was wir über das Irdische hinausentwickeln müssen, was wir so entwickeln müssen, daß uns dazu das Irdische keine Anleitung gibt. Wir stehen gewissermaßen als Mensch auf der Erde und wir sollen auf dieser Erde zunächst unser Ich voll entwickeln, haben es schon bis zu einem gewissen Grade entwickelt. Indem wir es bis zu einem gewissen Grade entwickelt haben, haben uns die Kräfte, das Wesenhafte der Erde die Anleitung dazu gegeben. Was wir noch durch den Rest der Erdenentwickelung hier entfalten werden, eine gewisse Vertiefung, eine gewisse Verstärkung des Ich, das werden wir der Erde und ihren Kräften verdanken. Aber wir müssen uns auch sagen: Wenn wir bloß der Erde und ihren Kräften unser menschliches Wesen verdanken wollten, dann könnten wir niemals einen Geistesmenschen, einen Lebensgeist und ein Geistselbst entwickeln. Denn das kann die Erde nicht hergeben. Sie kann uns nur anregen zur Ich-Entwickelung. Wir müssen daher die Erde in bezug auf den Menschen als etwas betrachten, was uns von sich aus nicht zum Vollmenschen machen kann. Wir stehen auf der Erde und müssen über die Erde hinaus. Das ist ja auch angedeutet in unserer Literatur, indem darauf hingewiesen ist, wie die Erde abgelöst werden muß für unsere Entwickelung durch eine spätere Jupiter-‚Venus- und Vulkanzeit. Während dieser Zeiträume werden wir auch äußerlich voll zu entwickeln haben das Geistselbst, den Lebensgeist, den Geistesmenschen.

[ 5 ] If you consider the entire evolution, this entire development of the human being, you will find that our present-day human being points, for the most part, into the past: our physical body points to a long-gone prehistory, to the ancient Saturn era; our life body points to the ancient Sun era, and so on. Although our “I” is not yet fully developed, but that in its very essence it points toward the present-day earthly realm. This, however, already indicates that what we call the spiritual self, the life spirit, and the spiritual human being is not actually rooted in the earthly realm itself; that, insofar as we as human beings carry within us the potential for development into the spiritual human being, the life spirit, and the spiritual self, we thereby carry within us something that we must develop beyond the earthly realm—something we must develop in such a way that the earthly realm provides us with no guidance for it. We stand, so to speak, as human beings on Earth, and we are to first fully develop our “I” here on Earth; we have already developed it to a certain degree. By having developed it to a certain degree, the forces—the essential nature of the Earth—have provided us with the guidance for this. What we will still unfold here through the remainder of Earth’s evolution—a certain deepening, a certain strengthening of the “I”—we will owe to the Earth and its forces. But we must also tell ourselves: If we were to attribute our human nature solely to the Earth and its forces, then we could never develop a spiritual human being, a life spirit, or a spiritual self. For the Earth cannot provide that. It can only inspire us toward the development of the “I.” We must therefore regard the Earth, in relation to the human being, as something that, in and of itself, cannot make us fully human. We stand on the Earth and must go beyond it. This is also hinted at in our literature, which points out how the Earth must be superseded for our development through a subsequent Jupiter, Venus, and Vulcan era. During these periods, we will also have to fully develop, outwardly as well, the spiritual self, the life spirit, and the spiritual human being.

[ 6 ] Aber wir sind einmal mit unserem gegenwärtigen Dasein auf der Erde. Wir müssen uns auf der Erde entwickeln. Wir können nicht alles, was wir in uns entwickeln müssen, damit wir in die Zukunft hinüberkommen zum Geistselbst, zum Lebensgeist, zum Geistesmenschen, von der Erde nehmen. Würden wir alles, was wir in uns entfalten können, nur von der Erde nehmen müssen, dann müßten wir ja verzichten auf die Entfaltung des Geistselbst, des Lebensgeistes, des Geistesmenschen.

[ 6 ] But we are here on Earth in our present existence. We must develop ourselves on Earth. We cannot draw from the Earth everything we need to develop within ourselves in order to cross over into the future—to the spiritual self, the life spirit, and the spiritual human being. If we had to draw everything we can unfold within ourselves solely from the Earth, then we would have to forgo the unfolding of the spiritual self, the life spirit, and the spiritual human being.

[ 7 ] Das ist theoretisch wiederum leicht ausgesprochen, aber solche Gedanken genügen nicht in ihrer bloß theoretischen Fassung. Sie ergreifen uns nur richtig als Menschen, wenn wir unseren ganzen Menschen von ihnen erfassen lassen, wenn wir gewissermaßen die ganze Schwere des Rätsels auf uns lasten fühlen, die darin besteht, daß wir uns sagen müssen: Wir Menschen stehen auf der Erde, wir blicken um uns. Aus dem, was uns die Erde geben kann mit ihren Schönheiten, auch mit ihren Häßlichkeiten, mit ihren Schmerzen und Leiden, mit alledem, was sie für uns als Schicksal zimmern kann, aus alledem können wir nicht dasjenige entnehmen, was uns zum Vollmenschen macht. Wir müssen eine Sehnsucht in uns tragen, die über dasjenige hinausreicht, was uns die Erde geben kann. Das muß gefühlt werden, das muß gewissermaßen alles, was wir nur an Idealen in uns tragen können, durchleuchten und durchwärmen können. Wir müssen uns ganz im Ernste und tief fragen können: Was machen wir als Menschen, da wir doch nur die Erde um uns herum haben und uns zu etwas entwickeln müssen, wozu uns die Erde selbst keine Anregung geben kann? Wir müssen die ganze Schwere dieser Frage empfinden können, erleben können. Wir müssen gewissermaßen uns schon sagen können, wie die Erde für uns ein Ungenügendes ist, wie wir genötigt sind, als Menschen über das Irdische hinauszuwachsen.

[ 7 ] This, again, is easy to say in theory, but such thoughts are not enough in their purely theoretical form. They truly move us as human beings only when we allow them to encompass our whole being, when we feel, as it were, the full weight of the enigma resting upon us—the enigma that lies in the fact that we must say to ourselves: We humans stand on Earth; we look around us. From what the Earth can give us—with its beauties, but also with its ugliness, with its pains and sufferings, with everything it can fashion for us as fate—from all of this, we cannot derive that which makes us fully human. We must carry within us a longing that extends beyond what the Earth can give us. This must be felt; it must, so to speak, illuminate and warm everything we can possibly carry within us in the form of ideals. We must be able to ask ourselves in all seriousness and depth: What are we, as human beings, to do, since we have only the earth around us and must develop into something for which the earth itself can offer no inspiration? We must be able to feel the full weight of this question, to experience it. We must, in a sense, already be able to tell ourselves how the earth is insufficient for us, how we are compelled, as human beings, to rise above the earthly.

[ 8 ] Anthroposophie wird eben durchaus nur dasjenige dem Menschen sein können, was sie sein soll, wenn er in der Lage ist, sich solche Fragen gefühlsmäßig als innere Schicksalsfragen zu stellen, wenn er die Schwere solcher Fragen empfinden kann. Und empfindet man diese Schwere, dann kann man in der rechten Weise zurückgelenkt werden auf dasjenige, was unsere beiden letzten Betrachtungen durchzogen hat. Man kann zurückgelenkt werden auf das Mysterium von Golgatha und man kann zurückgelenkt werden auf dasjenige, was sich wie eine Vergeistigung des Mysteriums von Golgatha in unserem Jahrhundert, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewissermaßen wiederholen soll. Denn wir mußten ja immer betonen, wenn wir eingingen auf das Mysterium von Golgatha, daß die Christus-Wesenheit nichts Irdisches ist, daß sie gewissermaßen im rechten Moment aus Außerirdischem in einen irdischen Leib hineingezogen ist, daß mit der Christus-Wesenheit sich etwas verbunden hat mit der Erde, was außerirdisch, überirdisch ist. Und mit diesem Außerirdischen, Überirdischen, mit dem wir unser eigenes Wesen verbinden können, haben wir, wenn wir den Christus richtig erleben, ein Kraftelement, ein Element der inneren Stärkung, der inneren Durchwärmung und Durchleuchtung, das uns hinausführt über das Irdische, weil es selbst nicht dem Irdischen entnommen ist, weil der Christus aus Außerirdischem in die Erde hereingekommen ist.

[ 8 ] Anthroposophy can only truly be for a person what it is meant to be if they are able to ask themselves such questions intuitively—as questions of inner destiny—and if they can sense the gravity of such questions. And if one senses this gravity, then one can be rightly directed back to what has permeated our last two reflections. One can be directed back to the Mystery of Golgotha, and one can be directed back to that which, as it were, is to be repeated in our century—in the first half of the 20th century—as a spiritualization of the Mystery of Golgotha. For we have always had to emphasize, whenever we delved into the Mystery of Golgotha, that the Christ Being is not something earthly, that it was, so to speak, drawn from the extra-earthly into an earthly body at the right moment, and that something extra-earthly, super-earthly, has become connected to the earth through the Christ Being. And with this extraterrestrial, super-earthly element—with which we can connect our own being—we have, when we truly experience Christ, a source of strength, an element of inner fortification, inner warmth, and inner illumination that leads us beyond the earthly, because it itself is not derived from the earthly, because Christ entered the Earth from the extraterrestrial.

[ 9 ] Wenn wir sehnsüchtig nach etwas Außerirdischem blicken, weil wir uns sagen müssen: Um Vollmensch zu werden, um alles dasjenige in uns zu entfalten, was wir als Geistselbst, als Lebensgeist, als Geistesmensch in der Zukunft entwickeln müssen, wenn wir also sehnsüchtig hinblicken über die Erde und uns sagen, da ist im Irdischen selbst alles dasjenige nicht, was uns zu diesem Überirdischen in unserer eigenen Wesenheit anregen könnte, dann müssen wir vom Irdischen hinweg zu dem blicken, was aus Außerirdischem in das Irdische hineingekommen ist. Da müssen wir zu dem Christus blicken und uns sagen: Der Christus hat uns diejenigen nichtirdischen Kräfte in die Erde hereingebracht, welche uns anregen können, das zu entwickeln, wozu uns die Erde selbst niemals anregen kann. Und wir müssen dasjenige, was uns zunächst mehr in Begriffen, in Ideen entgegentritt, mit unserem ganzen Menschen erfassen. Wir müssen damit den Christus erkennen lernen als den Retter unseres Menschentums. Wir müssen ihn erkennen lernen als diejenige Wesenheit, welche es möglich macht, daß wir nicht, so könnte man sagen, mit dem Irdischen vereinigt zu bleiben brauchen, daß wir nicht gewissermaßen auf der Erde für alle Ewigkeit begraben werden und das, was in uns sich entwickeln könnte über die Erde hinaus, unentwickelt bleiben müßte. Wenn wir so den Christus als den Retter unseres Menschenwesens betrachten können, wenn wir fühlen können aus der Beschaffenheit der Erde, daß wir innerhalb dieses Irdischen etwas haben müssen, das uns aus dem Irdischen hinausführt, wenn wir ihn als den Führer zu unserem vollen Menschentum fühlen, dann fühlen wir die Christus-Kraft in uns. Und wir sollen eigentlich erkennen, daß wir niemals im Ernste reden können von unserer Entwickelung zum Geistselbst, zum Lebensgeist, zum Geistesmenschen, ohne daß wir uns bewußt werden: Über diese Dinge zu reden hat nur einen Sinn, wenn wir an den Christus appellieren, weil der Christus dasjenige ist, was mehr in uns entwickeln kann, als die Erde uns geben kann.

[ 9 ] When we gaze longingly toward something otherworldly because we must tell ourselves: In order to become fully human, to unfold within ourselves all that we must develop in the future as the spiritual self, as the spirit of life, as the spiritual human being—when, in other words, we gaze longingly beyond the Earth and tell ourselves, ‘There is nothing in the earthly realm itself that could inspire us toward this super-earthly aspect within our own being,’ then we must look beyond the earthly realm to that which has entered the earthly realm from the non-earthly. There we must look to Christ and say to ourselves: Christ has brought those non-earthly forces into the earth that can inspire us to develop what the earth itself can never inspire us to develop. And we must grasp with our whole being that which initially presents itself to us more in concepts, in ideas. Through this, we must learn to recognize Christ as the Savior of our humanity. We must learn to recognize him as the being who makes it possible for us—so to speak—not to remain bound to the earthly, so that we are not, as it were, buried on Earth for all eternity, and so that what within us could develop beyond the Earth need not remain undeveloped. If we can thus regard Christ as the Savior of our humanity, if we can sense from the nature of the earth that we must have something within this earthly realm that leads us out of it, if we feel Him as the guide to our full humanity, then we feel the Christ-force within us. And we should actually realize that we can never speak seriously of our development toward the spiritual self, toward the spirit of life, toward the spiritual human being, without becoming aware that speaking of these things makes sense only if we appeal to Christ, because Christ is that which can develop more within us than the Earth can give us.

[ 10 ] Das ist im Grunde genommen auch die große Frage der Gegenwart. Ein großer Teil gerade der zivilisierten Menschheit der Gegenwart möchte das Irdische gestalten in einer gewissen Weise; er möchte, daß alles dasjenige, was den Menschen werden kann, durch irgendwelche sozialen Konfigurationen des irdischen Lebens selbst erreicht werden könne. Das wird aber niemals sein können. Wir werden niemals ein solches Staats- oder Wirtschaftsleben oder selbst ein Geistesleben auf der Erde entwickeln können, das nur irdisch wäre und das uns zum Vollmenschen machen könnte. Wir leben eben in der Gegenwart noch in einem Zeitpunkte, wo die Menschen solches glauben können, wo sie solches versuchen, wo sie nicht einsehen, daß in uns etwas liegt, das nur durch ein Überirdisches entwickelt werden kann.

[ 10 ] This is, in essence, the great question of our time. A large portion of today’s civilized humanity, in particular, would like to shape earthly life in a certain way; it would like everything that can make a person fully human to be achievable through some form of social organization of earthly life itself. But that will never be possible. We will never be able to develop on Earth a form of political, economic, or even spiritual life that is purely earthly and that could make us fully human. We are still living in a time when people can believe such things, when they attempt to do so, and when they fail to realize that there is something within us that can only be developed through a supernatural force.

[ 11 ] Zunächst erschien in der Zeit, die ich Ihnen ja ihrer inneren Wesenheit nach von den verschiedensten Gesichtspunkten aus bisher schon charakterisiert habe, der Christus Jesus in einem physischen Leibe. Jetzt stehen wir in dem Zeitalter, wo er gewissermaßen in übersinnlicher Gestalt dem Menschen wieder erscheinen soll, in der Gestalt, von der ich auch das letzte Mal wiederum gesprochen habe. Selbstverständlich können wir auch heute nicht das ganze erneuerte Mysterium von Golgatha erschöpfend behandeln, aber wir wollen von einem gewissen Gesichtspunkte aus auf dieses Mysterium von Golgatha wiederum hinweisen.

[ 11 ] First of all, during the period—the inner nature of which I have already described to you from a wide variety of perspectives—Christ Jesus appeared in a physical body. We are now in the age when he is to appear to humanity once more, so to speak, in a supersensible form—the form I spoke of again last time. Of course, even today we cannot exhaustively cover the entire renewed Mystery of Golgotha, but let us once again point to this Mystery of Golgotha from a certain perspective.

[ 12 ] In den letzten Jahrhunderten, seit dem Beginn der fünften nachatlantischen Erdenperiode ist ganz besonders stark geworden unter den Menschen der neueren zivilisierten Welt das wissenschaftliche Element und alles dasjenige, was mit diesem wissenschaftlichen Element zusammenhängt, was ich neulich in einem öffentlichen Vortrage den «Wissenschaftsgeist des Westens» genannt habe. Dieser Wissenschaftsgeist des Westens ist zunächst heraufgezogen ganz ohne Beziehung zu der Christus-Wesenheit. Wer unbefangen und ehrlich diese neuere Wissenschaft durchschaut, der wird nicht finden können, daß in ihr eine eigentliche Beziehung zur Christus-Wesenheit ist. Der beste Beweis dafür ist ja das Folgende: Das Christentum hat sich zunächst, wie ich Ihnen auseinandergesetzt habe, in einer Zeit in die Erdenentwickelung hineinbegeben, in der noch Reste alten Hellsehens vorhanden waren, und es ist verstanden worden von den Menschen mit den Resten dieses alten Hellsehens. Es hat sich dann als Tradition erhalten. Es ist immer mehr und mehr zu Begriffen verdünnt worden, aber es hat sich als Tradition erhalten. Es ist sogar zuletzt bloß eine Wortweisheit geworden, aber eben, es hat sich als Tradition erhalten. Aber dann ist dazugetreten in den letzten drei bis vier Jahrhunderten der Geist der Wissenschaft. Dieser Geist der Wissenschaft trat nun auch heran zum Beispiel an die Evangelien. Die Evangelien wurden von zahlreichen Menschen und werden noch heute von zahlreichen Menschen als dasjenige verehrt, das ihnen die Geheimnisse von Golgatha vermittelt. Aber dasjenige, was Wissenschaftsgeist der neueren Zeit ist, das ist insbesondere im 19. Jahrhundert an diese Evangelien herangetreten und hat Widerspruch über Widerspruch in den Evangelien entdeckt, hat sie nicht verstehen können, hat sie in seiner Weise ausgelegt. Und jetzt ist im Grunde genommen durch diese wissenschaftliche Durchdringung der Evangelien das Christus-gemäße dieser Evangelien gerade für die modernste Theologie aufgelöst. Es ist nicht mehr da. Innerhalb dieser modernen Theologie kann nur davon gesprochen werden, daß die Evangelien irgend etwas über den Christus enthalten, wenn man nicht ganz ehrlich ist, wenn man nicht ganz wahr ist, oder wenn man allerlei einander widersprechenide Begriffe konstruiert. Man kann schon sagen: Der moderne Wissenschaftsgeist hat dasjenige zerstört, was der Geist des Christentums war, der noch aus den Resten alten Hellsehens bestanden hat, der sich auch in der Tradition durch die Reste alten Hellsehens fortgepflanzt hat. Denn dieser moderne Wissenschaftsgeist war zunächst nicht durchtränkt von dem Christus-Geist. Durchtränkt von dem Christus-Geist kann erst wiederum sein die Wissenschaft, die verlebendigt wird durch das Schauen, durch dasjenige, wonach die moderne Geisteswissenschaft strebt.

[ 12 ] Over the past few centuries, since the beginning of the fifth post-Atlantean epoch, the scientific element—and everything connected with it, which I recently referred to in a public lecture as the “scientific spirit of the West”—has become particularly strong among the people of the modern civilized world. This scientific spirit of the West initially arose entirely without any connection to the Christ Being. Anyone who examines this modern science impartially and honestly will not be able to find any actual connection to the Christ Being within it. The best proof of this is the following: Christianity, as I have explained to you, first entered the course of Earth’s evolution at a time when remnants of ancient clairvoyance still existed, and it was understood by people through these remnants of ancient clairvoyance. It was then preserved as a tradition. It has been increasingly diluted into abstract concepts, but it has been preserved as a tradition. In the end, it has even become nothing more than a proverbial saying, but still, it has been preserved as a tradition. But then, in the last three to four centuries, the spirit of science has entered the picture. This spirit of science has now also turned its attention, for example, to the Gospels. The Gospels were revered by countless people—and are still revered today by countless people—as the very source that conveys to them the mysteries of Golgotha. But the spirit of modern science, particularly in the 19th century, approached these Gospels and discovered contradiction upon contradiction within them; it could not understand them and interpreted them in its own way. And now, essentially, through this scientific scrutiny of the Gospels, the Christ-like nature of these Gospels has been dissolved, particularly for the most modern theology. It is no longer there. Within this modern theology, one can only speak of the Gospels containing something about the Christ if one is not entirely honest, if one is not entirely truthful, or if one constructs all sorts of mutually contradictory concepts. One might well say: The modern scientific spirit has destroyed what was the spirit of Christianity—a spirit that still consisted of the remnants of ancient clairvoyance and that was also perpetuated in tradition through those remnants of ancient clairvoyance. For this modern scientific spirit was not, at first, imbued with the Spirit of Christ. Science can only be imbued with the spirit of Christ again if it is enlivened by insight—by that very thing toward which modern spiritual science strives.

[ 13 ] Diese moderne Geisteswissenschaft strebt ja danach, ebensoviel Wissenschaftsgeist zu haben wie nur irgendeine Wissenschaft sonst. Aber sie strebt danach, diese Wissenschaft nicht als etwas Totes zu haben, sondern sie innerlich zu erleben, so wie man die Lebenskraft des Menschen selber erlebt. Und dieser verlebendigten Wissenschaft wird es wiederum gelingen, zu dem Christus vorzudringen.

[ 13 ] This modern spiritual science does indeed strive to possess just as much scientific spirit as any other science. But it strives not to treat this science as something lifeless, but to experience it inwardly, just as one experiences the life force of human beings themselves. And this enlivened science will, in turn, succeed in penetrating to the very essence of Christ.

[ 14 ] Welche Gestalt wird dann diese verlebendigte Wissenschaft annehmen? Vorbereitungen dazu sind ja schon da, aber diese Vorbereitungen werden leider heute noch sehr wenig beachtet. Ich möchte doch darauf hinweisen, daß ich bereits am Beginn der neunziger Jahre, eigentlich schon Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, auf einen gewissen Zusammenhang hingewiesen habe zwischen der Entwickelung Schillers und der Entwickelung Goethes. Ich habe darauf hingewiesen, wie Schiller in seinen Briefen «Über die ästhetische Erziehung des Menschen» in seiner Art versuchte, das menschliche Entwickelungsrätsel zu lösen. Schiller ging aus von ganz abstrakten Begriffen. Er ging aus erstens von dem Begriff der Vernunftnotwendigkeit, der logischen Notwendigkeit. Er sagte sich: Diese logische Notwendigkeit ist etwas, was uns Menschen zwingt. Wir müssen logisch denken. Da gibt es keine Freiheit, wenn wir logisch irgend etwas uns zergliedern sollen, denn da sind wir unterworfen dem Gesetz der Logik. Da gibt es keine Freiheit. — Und auf der andern Seite stand vor Schillers Seele der Begriff der Naturnotdurft beim Menschen, der Begriff von alledem, was im Menschen instinktiv ist, was im Menschen aus dem sinnlichen Begehrungsvermögen entspringt. Auch darin ist der Mensch nicht frei, denn da tritt Notwendigkeit an ihn heran. In einer gewissen Weise ist also das höchste Geistige, zu dem zunächst der abstrakte Verstand dringt, die logische Notwendigkeit, etwas, was den Menschen versklavt. Auf der andern Seite ist die Naturnotdurft, das Beherrschtsein durch die Instinkte auch etwas, was den Menschen versklavt. Aber der Mensch kann eine Mitte finden zwischen dem logischen Denken und dem instinktiven Empfinden. Diesen mittleren Zustand sieht Schiller besonders beim künstlerischen Schaffen und ästhetischen Genießen verwirklicht. Wenn wir das Schöne anschauen oder das Schöne schaffen, so denken wir nicht logisch, aber wir denken doch im Geistigen. Wir verbinden Vorstellungen, aber nicht, indem wir uns einem logischen Zusammenhang hingeben, sondern indem wir uns dem ästhetischen Schein hingeben. Und auf der andern Seite strebt die Kunst danach, alles sinnlich-anschaulich zu machen, was sie zur Offenbarung bringt, so wie die Dinge der Notdurft, der Instinkte sinnlichanschaulich sind. Und so kommt man dazu, meint Schiller, einerseits in der Kunst und im ästhetischen Genießen dasjenige zu haben, was das Logische etwas herunterdrückt, so daß es uns nicht mehr versklavt, daß es gewissermaßen einzieht in dasjenige, was wir persönlich bezwingen, bewältigen, und andererseits dazu, daß das Instinktive heraufgeholt wird in die geistige Sphäre, mit andern Worten, daß das Instinktive zugleich als ein Geistiges empfunden wird, das Logische als ein Persönliches erlebt wird. Diesen Zustand, den Schiller verallgemeinern möchte für den Menschen, weil er sagt: Nur in diesem Zustand ist der Mensch weder von oben noch von unten versklavt, sondern frei —, diesen Zustand möchte Schiller auch zu der Kraft gestalten, welche die Gesellschaft, das soziale Leben durchdringt, wenn die Menschen sich gegenüberstehen: daß ihnen das Gute zugleich gefällt und daß sie sich ihren Instinkten hingeben können, weil sie diese Instinkte so geläutert und durchgeistigt haben, daß sie sie nicht mehr hinunterziehen. Dann werden sie auch im sozialen Leben so zusammensein, daß eine freie soziale Gesellschaft entsteht. Vor Schiller standen also die drei menschlichen Zustände, aber in einer abstrakten Form: der Zustand der gewöhnlichen Notdurft, der Zustand der Vernunftnotwendigkeit, der freie Zustand des ästhetischen Erlebens.

[ 14 ] What form will this revitalized science take? The groundwork for this has already been laid, but unfortunately, very little attention is being paid to it today. I would like to point out that as early as the beginning of the 1890s—actually, already at the end of the 1880s—I drew attention to a certain connection between Schiller’s development and Goethe’s. I pointed out how Schiller, in his letters “On the Aesthetic Education of Man,” attempted in his own way to solve the riddle of human development. Schiller started from entirely abstract concepts. First, he began with the concept of rational necessity, of logical necessity. He told himself: This logical necessity is something that compels us humans. We must think logically. There is no freedom when we are to analyze anything logically, for there we are subject to the law of logic. There is no freedom. — And on the other hand, standing before Schiller’s soul was the concept of human natural instinct, the concept of everything that is instinctive in human beings, everything that springs from the sensual capacity for desire. Here, too, human beings are not free, for necessity imposes itself upon them. In a certain sense, then, the highest spiritual realm to which abstract reason initially ascends—logical necessity—is something that enslaves human beings. On the other hand, natural instinct, the state of being governed by instincts, is also something that enslaves human beings. But human beings can find a middle ground between logical thinking and instinctive feeling. Schiller sees this middle state realized particularly in artistic creation and aesthetic enjoyment. When we contemplate beauty or create beauty, we do not think logically, yet we do think in the spiritual realm. We connect ideas, not by submitting to a logical connection, but by surrendering to aesthetic appearance. And on the other hand, art strives to make everything it reveals sensually vivid, just as the things of necessity and instinct are sensually vivid. And so, Schiller argues, we come to find in art and aesthetic enjoyment, on the one hand, that which somewhat tempers the logical, so that it no longer enslaves us, so that it, as it were, becomes absorbed into that which we personally subdue and master, and, on the other hand, to bring the instinctive up into the spiritual sphere—in other words, to perceive the instinctive as something spiritual at the same time, and to experience the logical as something personal. Schiller wishes to generalize this state for all humanity, for he says: “Only in this state is a human being enslaved neither from above nor from below, but free”—Schiller also wishes to shape this state into the force that permeates society and social life when people face one another: that they find pleasure in what is good and can at the same time surrender to their instincts, because they have purified and spiritualized these instincts to such an extent that they no longer drag them down. Then they will also relate to one another in social life in such a way that a free social society emerges. Schiller thus considered the three human states, but in an abstract form: the state of basic necessity, the state of rational necessity, and the free state of aesthetic experience.

[ 15 ] Schiller hat im Beginn der neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts diese Lebensanschauung sich ausgebildet, sie niedergeschrieben in seinen Briefen «Über die ästhetische Erziehung des Menschen» und sie Goethe überreicht. Goethe, der in seiner menschlichen Wesenheit ganz anders war als Schiller, fühlte: Ja, dieser Schiller strebt damit nach der Auflösung eines gewissen Rätsels, des Rätsels der menschlichen Wesenheit, der menschlichen Entwickelung, der menschlichen Freiheit. — Aber so einfach lag für Goethe die Sache nicht, daß man aus drei Abstraktionen sich die ganze menschliche Entwickelungswesenheit zusammensetzen kann. Und da leuchtete in Goethes komplizierter und daher tieferer Natur das auf, was das «Märchen» von der grünen Schlange und der schönen Lilie ist, wo Goethe alles dasjenige, was in der menschlichen Seele liegt, in etwa zwanzig Gestalten darstellte und in den Beziehungen dieser Gestalten die menschliche Entwickelung verbildlichte. Was Schiller aus drei Abstraktionen zusammensetzen wollte, das wollte Goethe aus zwanzig Imaginationen sich verbildlichen. Die beiden verstanden sich in einer gewissen Weise in dieser Beziehung. Denn, was hatten sie eigentlich getan? Schiller ging wissenschaftlich vor,indem er die Briefe «Über die ästhetische Erziehung des Menschen» schrieb. Eigentlich ging er ganz im Geiste jener Wissenschaftlichkeit vor, der dann der Wissenschaftsgeist des 19. Jahrhunderts geworden ist. Aber er ging nicht so weit wie dieser Wissenschaftsgeist des 19. Jahrhunderts. Er blieb gewissermaßen im Persönlichen stehen. Die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts ist ja ganz vom Persönlichen losgelöst, und sie betrachtet es als ihren Stolz, vom Persönlichen losgelöst zu sein. Je unpersönlicher man das Wissen ausgestalten kann, desto mehr glaubt man das Ideal dieses Wissens erfüllt. Im 19. Jahrhundert sagte man nur und sagt es bis heute: Man weiß über dieses oder jenes das oder das. Man weiß es so, daß es für jeden Menschen in gleicher Weise gelten kann, daß es ganz losgelöst ist vom Persönlichen. Es ist ja so losgelöst vom Persönlichen, daß eigentlich der moderne Mensch mit der Wissenschaft erst zufrieden ist, wenn sie in jene Gräber eingesargt ist, die wir als die Riesengräber des modernen Geisteslebens anerkennen müssen, nämlich in die Bibliotheken, diese Grabstätten des modernen Geistes, wo das tote Wissen aufgespeichert ist, wo man hineingeht, wenn man irgendeinen Knochen braucht, um ihn einer Dissertation oder einem Buche einzuverleiben. Diese Grabstätten, sie sind ja das eigentliche Ideal des modernen Wissenschaftsgeistes. Da wandelt der Mensch drinnen in diesem aufgespeicherten, ganz objektiven Wissen und ist mit seinem Persönlichen gar nicht drinnen, wirklich gar nicht drinnen.

[ 15 ] Schiller developed this philosophy of life in the early 1790s, wrote it down in his letters “On the Aesthetic Education of Man,” and presented it to Goethe. Goethe, whose human nature was quite different from Schiller’s, sensed: Yes, Schiller is striving here to unravel a certain mystery—the mystery of human nature, human development, and human freedom. — But for Goethe, the matter was not so simple that one could piece together the entire essence of human development from three abstractions. And then, in Goethe’s complex and therefore deeper nature, the “fairy tale” of the green snake and the beautiful lily came to light, in which Goethe depicted everything that lies within the human soul through some twenty figures and illustrated human development through the relationships between these figures. What Schiller sought to compose from three abstractions, Goethe sought to illustrate through twenty imaginative figures. In a certain sense, the two were in agreement on this point. For what had they actually done? Schiller proceeded scientifically by writing the letters “On the Aesthetic Education of Man.” In fact, he proceeded entirely in the spirit of that scientific approach that later became the scientific spirit of the nineteenth century. But he did not go as far as this scientific spirit of the nineteenth century. He remained, so to speak, within the personal realm. Nineteenth-century science is, after all, completely detached from the personal, and it takes pride in being detached from the personal. The more impersonally one can shape knowledge, the more one believes the ideal of that knowledge has been fulfilled. In the nineteenth century, people simply said—and still say to this day—that one knows this or that about this or that. One knows it in such a way that it can apply equally to every human being, that it is completely detached from the personal. It is, in fact, so detached from the personal that modern man is actually not satisfied with science until it is laid to rest in those tombs that we must recognize as the giant tombs of modern intellectual life, namely the libraries, those tombs of the modern spirit, where dead knowledge is stored, where one goes when one needs some bone to incorporate into a dissertation or a book. These tombs are, after all, the very ideal of the modern scientific spirit. There, a person wanders through this stored, entirely objective knowledge, and their personal self is not present at all—truly not present at all.

[ 16 ] So weit ist Schiller nicht gegangen in seinen Briefen «Über die ästhetische Erziehung des Menschen», sondern er blieb innerhalb des Persönlichen stehen. Er wollte für jeden Begriff, den er entwickelte, persönlichen Enthusiasmus, persönliches Dabeisein. Das ist wichtig. Und die Briefe «Über die ästhetische Erziehung des Menschen» sind zwar durchaus abstrakt, aber das Abstrakte atmet noch Persönlichkeitsgeist. Man fühlt noch das, was man weiß, als mit seiner Persönlichkeit verknüpft. Also die Abstraktion, der Begriff hat noch etwas Persönliches. Schiller entläßt den Begriff noch nicht in das ObjektivUnpersönliche, das Unmenschliche hinein. Aber immerhin, er schreitet bis zur Abstraktion vor. Für Goethe ist diese Abstraktion unmöglich. Er bleibt beim Bilde, aber er ist sehr vorsichtig. Denn er lebt noch nicht in dem Zeitalter, wo man eine Geisteswissenschaft begründen kann; er hat eine gewisse Scheu, diesen Bildern, die er hinstellt in dem «Märchen» von der grünen Schlange und der schönen Lilie, irgendwie scharf zu Leibe zu gehen. Er deutete an, daß er eigentlich etwas meinte wie einen Zukunftszustand des sozialen Lebens. Sie finden das gut ausgedrückt in dem Schlusse des «Märchens» von der grünen Schlange und der schönen Lilie, aber er möchte nicht durchbrechen bis zu einer scharfen Charakteristik. Er sagte nicht, das soziale Leben müsse dreigegliedert sein, so wie dreigegliedert sein muß dasjenige, was er darstellt durch den goldenen König, den König der Weisheit, den silbernen König, den König des äußeren Scheins, des Scheinlebens, des politischen Lebens, den ehernen König, des Lebens im Materiellen, im Wirtschaftlichen. Er stellt ja auch dar den Einheitsstaat in dem gemischten König, der in sich selber zusammensinkt; aber er bricht nicht durch zu dieser Charakteristik. Es war nicht die Zeit, in der man solche feinen Märchengestalten umsetzen konnte in derbe Charakteristiken des sozialen Lebens. Nicht wahr, man hat es bei Goethe zu tun mit feinen Märchengestalten, aber die Zeit war noch nicht da, um nun das, was da halb in der Phantasie, halb schon in der Imagination lebend vorhanden war, hinauszutragen in das Leben.

[ 16 ] Schiller did not go that far in his letters “On the Aesthetic Education of Man”; rather, he remained within the realm of the personal. For every concept he developed, he sought personal enthusiasm and personal involvement. That is important. And while the letters “On the Aesthetic Education of Man” are certainly abstract, the abstract still breathes the spirit of personality. One still feels that what one knows is linked to one’s own personality. Thus, the abstraction—the concept—still has something personal about it. Schiller does not yet release the concept into the objective and impersonal, into the inhuman. But at any rate, he does venture as far as abstraction. For Goethe, this abstraction is impossible. He sticks to the image, but he is very cautious. For he does not yet live in an age where one can establish a science of the spirit; he has a certain reluctance to tackle these images—which he presents in the “Fairy Tale” of the Green Snake and the Beautiful Lily—with any real vigor. He hinted that he actually meant something like a future state of social life. You’ll find this well expressed in the conclusion of the “fairy tale” of the green snake and the beautiful lily, but he does not wish to go so far as to provide a sharp characterization. He did not say that social life must be threefold, just as that which he depicts through the golden king—the king of wisdom—the silver king—the king of outward appearance, of illusory life, of political life—and the bronze king—of life in the material and economic spheres—must be threefold. He does, after all, depict the unified state in the composite king, who collapses within himself; but he does not push this characterization to its logical conclusion. It was not yet the time when such delicate fairy-tale figures could be translated into rough characterizations of social life. Isn’t that right? With Goethe, we are dealing with delicate fairy-tale figures, but the time had not yet come to carry out into life what existed there—half in fantasy, half already alive in the imagination.

[ 17 ] Als die Idee entstand vor Jahren, in München zu spielen, da ergab sich die Intention, dasjenige, was enthalten war an weltgestaltenden Wesenskräften in Goethes «Märchen» von der grünen Schlange und der schönen Lilie, auf die Bühne zu bringen. Es ging nicht. Man mußte es viel realer fassen. Und daraus entstand das Mysterium «Die Pforte der Einweihung». Es ist ja handgreiflich: es war zu Goethes Zeiten eben noch nicht das Zeitalter da, wo man überleiten konnte dasjenige, was in feinen Märchenbildern noch zu halten war, in die realen Gestalten, die in der «Pforte der Einweihung» sind. Aber als die «Pforte der Einweihung» geschrieben wurde, war auch schon die Zeit vorhanden, wo man mit diesen Dingen bald in das Leben hinausgehen konnte. Und so mußte man nicht bloß interpretieren den goldenen König, den silbernen König, den ehernen König und den gemischten König, sondern man mußte zeigen, wie das moderne soziale Leben, das unter dem Einheitsstaate alles umfassen will, zerschellen muß, wie gegliedert werden muß in ein reinliches Glied des geistigen Lebens — goldener König —, in ein reinliches Staatsglied — silberner König —, in ein reinliches Wirtschaftsglied — eherner König. Die «Kernpunkte der sozialen Frage» sind schon Goetheanismus, richtig verstanden, aber eben Goetheanismus im 20. Jahrhundert.

[ 17 ] When the idea of staging a play in Munich first arose years ago, the intention was to bring to the stage the world-shaping forces contained in Goethe’s “Fairy Tale” of the Green Snake and the Beautiful Lily. It didn’t work. It had to be approached in a much more concrete way. And from this arose the Mystery Play “The Gate of Initiation.” It is, after all, quite obvious: in Goethe’s time, the era had not yet arrived in which one could transform what was still contained in delicate fairy-tale images into the real figures found in “The Gate of Initiation.” But by the time “The Portal of Initiation” was written, the time had already come when one could soon bring these things out into life. And so one had to do more than merely interpret the Golden King, the Silver King, the Bronze King, and the Mixed King; one had to show how modern social life—which, under the unitary state, seeks to encompass everything—must shatter, how it must be structured into a distinct branch of spiritual life—the Golden King— into a distinct component of the state—the silver king—and into a distinct component of the economy—the bronze king. The “Key Points of the Social Question” are already Goetheanism, properly understood, but precisely Goetheanism in the 20th century.

[ 18 ] Also darum handelt es sich, daß Goethe und Schiller in ihrer Zeit bis zu einem gewissen Punkte kommen konnten, Schiller auf dem Gebiete der Begriffsabstraktionen mit seinen Briefen «Über die ästhetische Erziehung des Menschen», Goethe auf dem Gebiete der Bilder, wo er manchmal seiner Umgebung gegenüber sehr eklig wurde, weil sie diese Bilder auslegen wollte und weil er fühlte: Es ist noch nicht die Zeit gekommen, um das derb ins Leben überzuführen. — Das zeigt uns aber doch, daß zur Schiller-Goethe-Zeit gerade der Moment war, wo man noch nicht entlassen mußte den modernen Wissenschaftsgeist ins Unmenschlich-Objektive, sondern wo man ihn noch halten wollte im Persönlichen. Dazu muß man aber wieder zurück und man kann nicht anders zurück als durch die Geisteswissenschaft, indem man durch die Geisteswissenschaft dasjenige als Realität faßt, worauf Schiller mit seinen persönlich-abstrakten Begriffen in den Briefen «Über die ästhetische Erziehung des Menschen» hindeutet, worauf Goethe, nach desselben Rätsels Lösung strebend, in seinem «Märchen» von der grünen Schlange und der schönen Lilie hindeutete.

[ 18 ] So this is what it comes down to: that Goethe and Schiller were able to reach a certain point in their time—Schiller in the realm of conceptual abstractions with his letters “On the Aesthetic Education of Man,” and Goethe in the realm of imagery, where he sometimes became quite repulsive toward those around him because they wanted to interpret these images and because he felt: The time has not yet come to translate this crudely into life. — But this shows us, after all, that the time of Schiller and Goethe was precisely the moment when one did not yet have to release the modern scientific spirit into the inhuman and objective, but when one still wanted to keep it within the personal. To do this, however, one must go back, and one can do so only through the science of the spirit, by grasping through the science of the spirit as reality that which Schiller, with his personal-abstract concepts in the letters “On the Aesthetic Education of Man,” and to which Goethe, striving to solve the same riddle, alluded in his “fairy tale” of the green serpent and the beautiful lily.

[ 19 ] Der Wissenschaftsgeist muß wieder persönlich werden. Dazu gibt die Erde ihre Anregungen nicht mehr her. Dazu brauchen wir die Durchchristung der Wissenschaft selber. Und wenn wir die Wissenschaft durchchristen, dann legen wir die ersten Keime zur Entwickelung des Geistselbst.

[ 19 ] The spirit of science must become personal once again. The Earth no longer provides the inspiration for this. For this, we need the Christianization of science itself. And when we Christianize science, we plant the first seeds for the development of the spiritual self.

[ 20 ] Seien wir uns doch klar: Diese Erde, die uns angeregt hat zur Entwickelung des Ich, die uns in ihrem Untergang noch anregen wird zu einer weiteren Erstarkung des Ich, diese Erde ist etwas, was wir für spätere Entwickelungsformen im Jupiter und so weiter verlassen müssen. Diese Erde ist also etwas, mit dem wir unser gesamtes Vollmenschentum nicht verbinden können. Wir müssen unseren Menschen gewissermaßen zurücknehmen von der Erde. Würden wir nur die Erdenwissenschaft entwickeln, zu der Goethe und Schiller nicht hinwollten — Schiller nicht, indem er die abstrakten Begriffe persönlich hielt, Goethe nicht, indem er bei Halbimaginationen stehenblieb —, würden wir uns nur von den Erdeningredienzien anregen lassen, so würden wir das Geistselbst niemals entwickeln können. Wir würden nur eine tote Wissenschaft entwickeln können. Wir würden immer mehr und mehr jenes Leichenfeld vergrößern, das in den Bibliotheken vorhanden ist, das in unseren Büchern vorhanden ist, das abgesondert vom Menschen ist. Und wir würden zwischen diesen Gedankenleichen hinwandeln, selber gewissermaßen verzaubert in ihnen und würden so das Ideal Ahrimans erfüllen. Denn unter andern Dingen, die uns Ahriman bescheren will, ist dieses: Recht viele Bibliotheken zu machen, recht viel totes Wissen um uns aufzuspeichern. Ahriman möchte, daß, so wie die alten Ägypter hingewandelt sind unter ihren Gräbern, wie noch die ersten Christen herumgewandelt sind und Leichen um sich gehabt haben, wir mit unserem menschlichen Wesen immer mehr und mehr in das bloße Instinktwesen, in das egoistische Instinktwesen zurücksinken und daß das, was wir an Gedanken aufbringen können, aufgespeichert wäre in unseren Bibliotheken. Man könnte sich vorstellen, daß eine Zeit heranrückt, wo irgendein junger Mann oder sogar eine junge Dame von etwa zwanzig bis dreiundzwanzig Jahren zunächst nicht wüßte, wodurch sie in der Welt des silbernen Königs weiterkäme — man nennt es äußerlich: sich den Doktor erwerben. Da unten aus dem Menschen steigt ja weniges herauf; denn wenn man das, was aus dem Menschen heraufsteigt, etwa in eine Doktordissertation schreiben würde — ich rede also davon, daß eine solche Zeit kommen könnte, wenn Ahriman siegt! —, so würde diese Doktordissertation zurückgewiesen werden, denn das wäre etwas Persönliches, etwas Subjektives. Also setzt man sich in Bibliotheken, nimmt ein Buch nach dem andern, möglichst bloß nach den Katalogen, in denen alles verzeichnet ist, was sich an dieses oder jenes Stichwort anknüpfen läßt — wenn wieder ein neues Stichwort kommt, nimmt man wieder ein neues Buch heraus —, und zimmert eine Schrift zusammen, die einen dann zum Doktor macht. Man ist eigentlich nur mit seiner äußeren physischen Persönlichkeit dabei. Man hat ein Pult vor sich, da liegen viele Bücher drauf. Mit seiner Persönlichkeit ist man insofern dabei, als man, wenn man ein paar Stunden dabei sitzt, hungrig wird und dann diesen Hunger als persönliches Schicksal fühlt. Vielleicht ist man auch dadurch mit seiner Persönlichkeit dabei, daß man menschliche Beziehungen hat, an die man sich erinnert, die man wiederum erfüllen muß nach den paar Stunden. Aber dann klappt man die Bücher zu und ist nicht mehr persönlich damit verbunden. Dasjenige, was man nunmehr zusammengezimmert hat aus den verschiedenen Büchern, wird wiederum ein kleines Buch oder ein dickes Buch und steht wiederum unter den Büchern und wartet, bis es ein andrer wieder benützt. Ich weiß nicht, ob ein solcher Zustand heute schon irgendwo existiert, aber es könnte, wenn Ahriman sein Ideal erreichte, durchaus einmal so werden, und das wären fürchterliche Zustände. Die menschliche Persönlichkeit würde verkümmern unter diesen fürchterlichen objektiven, außermenschlichen, unpersönlichen Zuständen.

[ 20 ] Let us be clear: This Earth, which has inspired us to develop the “I,” and which, even in its demise, will inspire us to further strengthen the “I”—this Earth is something we must leave behind for later forms of development on Jupiter and so on. This Earth, then, is something with which we cannot connect our full humanity. We must, so to speak, withdraw our humanity from the Earth. If we were to develop only the Earth science that Goethe and Schiller did not want to pursue—Schiller not, because he treated abstract concepts as personal, and Goethe not, because he stopped at half-formed imaginings—if we were to allow ourselves to be inspired only by the elements of the Earth, then we would never be able to develop the spiritual self. We would only be able to develop a dead science. We would ever more expand that field of corpses that exists in the libraries, that exists in our books, that is separated from the human being. And we would wander among these intellectual corpses, ourselves, as it were, enchanted by them, and thus fulfill Ahriman’s ideal. For among the things Ahriman wishes to bestow upon us is this: to create quite a few libraries, to accumulate quite a lot of dead knowledge around us. Ahriman would like us—just as the ancient Egyptians wandered among their tombs, just as the early Christians once wandered about surrounded by corpses—to sink more and more with our human nature back into mere instinctual beings, into selfish instinctual beings, and for whatever thoughts we can muster to be stored away in our libraries. One could imagine a time approaching when some young man or even a young woman, aged about twenty to twenty-three, would at first not know how to make their way in the world of the Silver King—what is outwardly called “earning a doctorate.” Very little, after all, rises up from within a person; for if one were to write down what rises up from within a person in, say, a doctoral dissertation—I am speaking, then, of the possibility that such a time might come if Ahriman were to triumph!—this doctoral dissertation would be rejected, for it would be something personal, something subjective. So one sits in libraries, picks up one book after another, as far as possible guided only by the catalogs, which list everything that can be linked to this or that keyword—when a new keyword comes up, one takes out a new book—and cobbles together a treatise that then makes one a doctor. You’re really only present with your external, physical self. You have a desk in front of you, with many books lying on it. You’re present with your personality insofar as, when you sit there for a few hours, you get hungry and then feel that hunger as a personal fate. Perhaps one is also present with one’s personality through the human relationships one remembers, which one must then fulfill again after those few hours. But then one closes the books and is no longer personally connected to them. What one has now cobbled together from the various books becomes, in turn, a small book or a thick book and takes its place among the books, waiting until someone else uses it again. I do not know whether such a state already exists anywhere today, but if Ahriman were to achieve his ideal, it could very well come to pass, and those would be dreadful conditions. The human personality would wither away under these dreadful objective, extra-human, impersonal conditions.

[ 21 ] Demgegenüber muß dasjenige, was Wissen ist, eine persönliche Angelegenheit werden. Die Bibliotheken müssen womöglich schrumpfen und die Menschen müssen dasjenige, was in den Bibliotheken steht, mehr in ihren eigenen Seelen tragen. Geistselbst kann nur aus dieser Verpersönlichung des Wissens hervorgehen. Das wird nicht kommen, ohne daß die Menschen sich bekanntmachen mit dem, was nun nicht mehr irdisch ist. Denn die Erde ist über den Mittelpunkt ihrer Entwickelung hinüber. Das ist eben Absterben. In unseren Bibliotheken stirbt das Wissen. In unseren Büchern, diesen Särgen unseres Wissens, stirbt es ebenfalls. Wir müssen wiederum zurücknehmen in unsere Persönlichkeit dasjenige, was Wissen ist. Wir müssen es in uns tragen. Dazu wird uns vor allen Dingen die Wiedererneuerung des Mysteriums von Golgatha verhelfen. So wird sie den Wissenden helfen, so wird sie denjenigen helfen, die die Jünger des goldenen Königs sind.

[ 21 ] In contrast, knowledge itself must become a personal matter. Libraries may well shrink, and people must carry what is contained in the libraries more within their own souls. The spiritual self can emerge only from this personalization of knowledge. This will not come about unless people familiarize themselves with that which is no longer earthly. For the Earth has passed beyond the midpoint of its development. This is precisely what it means to die. Knowledge is dying in our libraries. It is also dying in our books, these coffins of our knowledge. We must once again take back into our own personalities that which is knowledge. We must carry it within us. Above all, the renewal of the Mystery of Golgotha will help us in this. Thus it will help those who know, and thus it will help those who are the disciples of the Golden King.

[ 22 ] Eine ebensolche Verlebendigung muß auf einem andern Gebiet eintreten, auf dem Gebiet des Rechtswesens. Der Mensch hängt ja heute mit seinem Rechtswesen ebensowenig persönlich zusammen, wie er mit seinem Wissenswesen zusammenhängt. Ich habe neulich einen kleinen deutlichen Beweis dafür im öffentlichen Vortrage vorgebracht. Ich habe gesagt: Seit Jahrzehnten hatte das Deutsche Reich das allgemeine, geheime und gleiche Wahlrecht, das beste Wahlrecht, das man sich nur wünschen kann. Aber hing denn das Leben zusammen mit diesem Wahlrecht? Wählte man denn im Sinne dieses Wahlrechts? War denn dasjenige, was lebendig lebte in der Konfiguration des Deutschen Reiches, ein Ergebnis desjenigen, was durch dieses Wahlrecht gegeben war? Das war ja ganz und gar nicht der Fall. Dieses Wahlrecht stand ja nur in der Verfassung. Es lebte nicht in den Seelen der Menschen. Der Zustand muß eintreten, wo die Menschen es nicht nötig haben werden, in objektiven Verfassungen niederzulegen dasjenige, was zwischen Menschen sich abspielt, sondern wo in dem lebendigen Wechselverkehr unter gleichen Menschen das Recht sich auch als ein Lebendiges erweist. Was braucht es geschriebener Verfassungen, wenn die Menschen in der richtigen Weise ihr Verhältnis von Mensch zu Mensch fühlen, wenn das Verhältnis von Mensch zu Mensch eine persönliche Angelegenheit wird, so wie es eine unpersönliche geworden ist in den drei letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts und geblieben ist unter der starken Vermaterialisierung im 20. Jahrhundert. Das Recht kann nur dadurch etwas Lebendiges werden, daß der Christus-Geist die Menschen durchdringt.

[ 22 ] Such a revitalization must take place in another sphere: the legal system. After all, people today have just as little personal connection to their legal system as they do to their system of knowledge. I recently presented a small, clear example of this in a public lecture. I said: For decades, the German Empire had universal, secret, and equal suffrage—the best electoral system one could possibly wish for. But was real life connected to this electoral system? Did people actually vote in accordance with the spirit of this electoral system? Was what was truly alive within the structure of the German Empire a result of what was provided by this electoral system? That was by no means the case. This right to vote existed only on paper in the constitution. It did not live in the souls of the people. A state of affairs must come about in which people will no longer need to enshrine in objective constitutions what takes place between human beings, but rather in which, in the living interaction among equal human beings, the law itself proves to be a living reality. What need is there for written constitutions if people feel their relationships with one another in the right way, if the relationship between people becomes a personal matter—just as it had become an impersonal one in the last three decades of the 19th century and remained so amid the intense materialism of the 20th century? The law can become something living only when the Spirit of Christ permeates human beings.

[ 23 ] Und so wie im Rechtsleben die Menschen Jünger des silbernen Königs werden müssen, so müssen sie im Wirtschaftsleben Jünger werden des ehernen Königs. Das heißt aber nichts anderes als: Dasjenige, was als abstraktes Ideal hinstellt die Brüderlichkeit, muß Realität werden. Wie wird die Brüderlichkeit Realität? Indem man sich assoziiert, indem man wirklich, der eine mit dem andern, sich verbindet, indem man nicht in den Interessengegensätzen sich bekämpft, sondern die Interessengegensätze miteinander verbindet. Die Assoziationen sind die lebendige Verkörperung der Brüderlichkeit. Wie im Recht leben soll der Lebensgeist, so lebt durch die Durchchristung des Wirtschaftslebens der Geistesmensch in der ersten Anlage in den Assoziationen. Aber das alles gibt die Erde nicht her. Das alles kann den Menschen nur werden, wenn sie sich mit dem herannahenden, ätherisch ihnen erscheinenden Christus durchdringen.

[ 23 ] And just as in the realm of law people must become disciples of the Silver King, so too in the realm of economics they must become disciples of the Bronze King. But this means nothing other than that what is presented as the abstract ideal of brotherhood must become a reality. How does brotherhood become a reality? By forming associations, by truly uniting with one another, by not fighting one another over conflicting interests, but by reconciling those conflicting interests. Associations are the living embodiment of brotherhood. Just as the spirit of life is to dwell in the law, so too does the spiritual human being, in its earliest form, live within associations through the permeation of economic life with the Christ. But the earth does not provide all this. All this can become a reality for human beings only when they are permeated by the approaching Christ, who appears to them as an ethereal being.

[ 24 ] Sie sehen, dasjenige, was man nennen kann die geistige Wiedererneuerung des Mysteriums von Golgatha, hängt schon zusammen mit demjenigen, was wir auch aus der anthroposophischen Kosmologie heraus erkennen, was wir erkennen dadurch, daß wir uns sagen, wir tragen die Entwickelungsmöglichkeiten von Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch in uns. Wir sind aber so abstrakt geworden, daß es heute dem Menschen eigentlich als etwas furchtbar Nüchternes, Prosaisches erscheint, wenn ihm gesagt wird, etwas Hochgeistiges wie der Geistesmensch müsse in den Assoziationen des Wirtschaftslebens, des «niederen» Wirtschaftslebens, des materiellen Wirtschaftslebens zuerst sich ankündigen. Das Wirtschaftsleben ist doch nicht etwas, worauf, ohne daß er sich «entehrt», ein Geistesforscher hinweisen darf. Denn ein Geistesforscher muß die Menschen in Konventikeln vereinigen, wo nichts gesprochen wird von dem, was zusammenhängt mit irgend etwas Eßbarem oder Trinkbarem, wo man nur im «Geiste», in Wirklichkeit aber in Abstraktionen lebt.

[ 24 ] You see, what might be called the spiritual renewal of the Mystery of Golgotha is already connected to what we also recognize from anthroposophical cosmology—what we recognize by telling ourselves that we carry within us the potential for the development of the Spiritual Self, the Life Spirit, and the Spiritual Human. But we have become so abstract that today it actually seems to people like something terribly sober and prosaic when they are told that something highly spiritual like the Spiritual Man must first make itself known in the context of economic life—the “lower” economic life, the material economic life. Economic life is, after all, not something a spiritual researcher may point to without “dishonoring” himself. For a spiritual researcher must bring people together in small gatherings where nothing is spoken of that has to do with anything edible or drinkable, where one lives only in the “spirit”—but in reality, in abstractions.

[ 25 ] Allerdings, was dann dabei herauskommt, ist, daß wenn die Leute lange genug in Konventikeln als Sekten sich innerlich wohlgetan haben, sie schließlich dann doch wiederum herausgehen und ja dann doch auch wiederum Brot und — ich will, um nicht gar zu sehr anzustoßen, sagen — Wasser brauchen. Aber dann nehmen sie in der Regel furchtbar wenig von den Grundsätzen, die sie zu ihren seelischen Wollüsten in den Konventikeln entwickelt haben, in diese Außenwelt mit.

[ 25 ] However, what turns out to be the case is that once people have spent long enough in conventicles—which are essentially sects—feeling comfortable within themselves, they eventually go out into the world again and, well, end up needing bread and—I’ll say “water” so as not to cause too much offense—water. But then, as a rule, they take very little of the principles they developed for their spiritual indulgences in the conventicles with them into the outside world.

[ 26 ] Das wirkliche Geistesleben lebt nur da, wo es stark genug ist, das materielle Leben zu besiegen, nicht es neben sich liegen zu lassen als etwas, was einen versklavt und bezwingt. Das ist dasjenige, was einmal eingesehen werden muß.

[ 26 ] True spiritual life exists only where it is strong enough to overcome material life, not to let it lie alongside it as something that enslaves and subjugates one. That is what must eventually be understood.

[ 27 ] Ich glaube, wenn man eine solche Betrachtung anstellt wie diejenige, die wir jetzt angestellt haben, dann sieht man, daß das Leben in der Gegenwart Ernst braucht, daß dieser Ernst aber eigentlich nur kommen kann, wenn man sich so vertieft, wie diese Vertiefung durch die Geisteswissenschaft eben geschehen kann. Denn Sie sehen ja, ein Heranbringen des Geistigen an die menschliche Persönlichkeit ist nur möglich durch die Geisteswissenschaft. Schiller und Goethe waren gewissermaßen die letzten, die noch aus einem Alten, einem Herüberragen aus alten Zeiten beim Persönlichen geblieben sind, Schiller, indem er die Abstraktionen nicht bis zur Eiseskälte der Modernen werden ließ, und Goethe, indem er die Imaginationen im Persönlichen gehalten hat und sie nicht ganz durchbrechen ließ bis zum äußeren Leben.

[ 27 ] I believe that when one engages in a line of thought such as the one we have just followed, one sees that life in the present requires seriousness, but that this seriousness can actually only arise when one immerses oneself in the way that spiritual science makes possible. For you see, bringing the spiritual into contact with the human personality is possible only through spiritual science. Schiller and Goethe were, in a sense, the last to remain rooted in the personal—drawing on something ancient, a legacy from bygone eras: Schiller, by not allowing abstractions to become as cold as ice, as they do in modern times; and Goethe, by keeping his imaginings within the personal realm and not allowing them to break through entirely into external life.

[ 28 ] Heute darf man nicht dabei stehenbleiben. Gegenüber unserer derben Wirklichkeit heute kann man weder mit «Ästhetischen Briefen» — höchstens bei ästhetischen Tees — noch mit «Märchen» unmittelbar etwas anfangen, als vielleicht im Salon eine sehr schöne Unterhaltung darüber pflegen, auch in jenen Karikaturen von Salons, die sich zu den alten Lehrkanzeln hinzugesellt haben als Lehrsäle für moderne Literaturgeschichte. Aber was wir heute brauchen, das ist, daß wir mit dem, was Goethe und Schiller im Persönlichen gehalten haben, durchbrechen ins Leben. Dazu brauchen wir starke Begriffe und auf der andern Seite starke Imaginationen, dazu brauchen wir den Aufgang eines wirklichen geistigen Verständnisses der äußeren Welt. Aber dazu brauchen wir die Durchdringung mit dem Christus-Geist. Dazu brauchen wir all den Glauben an den Christus-Geist in seinem wahren Sinne, den Glauben, daß die Christus-Wesenheit etwas ist, was wir verbinden müssen mit dem in uns als Mensch, was uns über die Erde hinausführt, was uns zum Vollmenschen macht, indem es uns hilft, Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmenschen zu entwickeln.

[ 28 ] Today, we cannot stop there. Faced with our harsh reality today, one cannot directly engage with “Aesthetic Letters”—at most over a cup of tea—nor with “fairy tales,” except perhaps to engage in very pleasant conversation about them in a salon, even in those caricatures of salons that have joined the old lecterns as lecture halls for modern literary history. But what we need today is to break through into life with what Goethe and Schiller held to be personal. For this, we need strong concepts and, on the other hand, powerful imaginations; for this, we need the dawn of a genuine spiritual understanding of the external world. But for this, we need to be permeated by the Christ Spirit. For this, we need all the faith in the Christ Spirit in its true sense—the faith that the Christ Being is something we must connect with that which, within us as human beings, leads us beyond the earth, that which makes us fully human by helping us to develop our spiritual self, our life spirit, and our spiritual nature.

[ 29 ] Alle Dinge hängen innerlich zusammen, die uns auf dem Boden der Geisteswissenschaft entgegentreten. Und durchschaut man dieses innerliche Zusammenhängen, dann wird man schon auch im rechten Lichte sehen können, wie Geisteswissenschaft in die Gegenwart hineingehört und wie Geisteswissenschaft in der Gegenwart berufen ist, in alle einzelnen Gebiete auch des praktischen Lebens wirklich hineinzuwirken.

[ 29 ] All things that we encounter in the realm of spiritual science are intrinsically connected. And if one understands these inner connections, one will also be able to see in the proper light how spiritual science belongs in the present and how spiritual science is called upon in the present to truly influence all individual areas of life, including practical life.

[ 30 ] Es ist aber dann Geisteswissenschaft genötigt, dem Leben gegenüber wirklich den größten Ernst zu entfalten. Denn es würde dem wahren Geisteswissenschafter als eine innerliche Frivolität vorkommen, wenn er nicht den größten Ernst entfaltete, wenn er stehenbliebe dabei, schöne abstrakte Begriffe zu drechseln, welche der Seele wohltun, welche aber nicht geeignet sind, ins Leben durchzubrechen.

[ 30 ] Spiritual science is therefore compelled to approach life with the utmost seriousness. For it would strike the true spiritual scientist as an inner frivolity if he did not approach life with the utmost seriousness, if he were to limit himself to crafting beautiful abstract concepts that are soothing to the soul but are not suited to breaking through into life.

[ 31 ] Das ist dasjenige, was gerade auf der Geisteswissenschaft seit mehr als einem Jahr schwer lastet, auf uns hier lastet, die wir in Stuttgart wirken, denn dieses Stuttgarter Wirken hat uns einmal die Verantwortlichkeit auferlegt, Geisteswissenschaft hineinzutragen in das unmittelbar praktische Leben auf allen Gebieten, um das, was bei Goethe noch auftritt in den Märchenbildern des goldenen, silbernen, ehernen und des gemischten Königs, der in sich zusammenbricht, hineinzutragen in das Leben als Dreigliederung des sozialen Organismus. Erinnern Sie sich an das Märchen, wie der gemischte König in sich zusammenbricht und wie dann die Leute kommen und das Gold herauslecken. — Wer aufmerksam die Welt um sich heute anblickt, der kann das Phänomen sehen. Seit dem November 1918 ist dieser gemischte König für Mitteleuropa zusammengebrochen und die verschiedenen Minister, die seit jener Zeit aufgetreten sind, die verschiedenen Volksführer, lecken sie nicht alle das Gold heraus, bis sie es ganz herausgeleckt haben werden? Dann wird die ganze Schablone des gemischten Königs zum Schrecken der Menschen zusammensinken. Dann aber müßte schon Ernst gemacht werden, jetzt nicht mit Märchenbildern, einem goldenen, silbernen und ehernen König, sondern mit einem ehernen Verständnis für die drei Glieder des sozialen Organismus: dem geistigen Glied, dem staatlich-politischen Glied und dem Wirtschaftsglied.

[ 31 ] This is precisely what has been weighing heavily on spiritual science for more than a year—weighing on us here, who are active in Stuttgart— for this work in Stuttgart has imposed upon us the responsibility of bringing spiritual science into immediate practical life in all areas—to bring into life, as a threefold social order, what still appears in Goethe’s fairy-tale images of the golden, silver, bronze, and composite kings who collapse within themselves. Do you remember the fairy tale about how the mixed king collapses within himself and how the people then come and lick out the gold? — Anyone who looks closely at the world around them today can see this phenomenon. Since November 1918, this mixed king has collapsed in Central Europe, and aren’t the various ministers who have appeared since that time, the various leaders of the people, all licking out the gold until they have licked it all out? Then the entire structure of the mixed king will collapse, to the horror of the people. But then it will be time to get serious—not with fairy-tale images of a golden, silver, and bronze king, but with a firm understanding of the three members of the social organism: the spiritual member, the state-political member, and the economic member.

[ 32 ] Allerdings, wenn man von diesen Dingen spricht, so kommen einem zwei Gedanken zunächst in die Seele. Den einen Gedanken möchte ich heute erwähnen, weil es ja, je länger wir so arbeiten müssen in Stuttgart, immer ersichtlicher wird, daß für die Freunde, die aus früheren Jahren gewöhnt sind, wegen diesem oder jenem an mich heranzukommen und sich zu beraten, jetzt eben vorläufig einfach keine Zeit gefunden werden kann. Denn alles dasjenige, was früher hätte persönlich besprochen werden können, mußte nun schon seit langer Zeit immer wieder auf spätere Zeiten vertröstet werden, und alles dasjenige, was hier getan werden kann, trotz immer längerer Anwesenheiten, muß der großen Aufgabe gewidmet sein. Und ich muß schon auch sagen, gerade diesmal war es ganz unmöglich, persönliche Wünsche irgendwie zu berücksichtigen. Das kann niemandem schmerzlicher sein als mir selber, weil ich weiß, daß es nicht auf die Dauer so bleiben kann, weil sonst der anthroposophischen Bewegung der Boden entzogen würde. Wir würden dann allerdings auf einem losen Boden bauen.

[ 32 ] However, when one speaks of these things, two thoughts immediately come to mind. I would like to mention one of these thoughts today, because the longer we have to work this way in Stuttgart, the more evident it becomes that, for the friends who are accustomed from earlier years to approaching me for one reason or another to seek advice, there is simply no time available for that at the moment. For everything that could have been discussed in person in the past has, for quite some time now, had to be repeatedly postponed to a later date, and everything that can be done here—despite my increasingly extended stays—must be devoted to the great task at hand. And I must also say that, especially this time, it was quite impossible to take personal requests into account in any way. This cannot be more painful to anyone than to myself, because I know that it cannot remain this way in the long run; otherwise, the anthroposophical movement would be deprived of its foundation. We would then, in fact, be building on shifting ground.

[ 33 ] Aber auf der andern Seite muß auch eingesehen werden, daß die Menschen immer hängend waren am alten. Aber das ist ein sehr Neues, was ich nennen möchte das Ernstmachen mit dem goldenen, dem silbernen und. dem ehernen König. Das ist etwas sehr, sehr Ernstes. Und darauf kann sich die Geisteswissenschaft nicht verstehen, herauszulecken das Gold aus dem gemischten König, indem der sich setzt und zusammensinkt. Das wird einem dann von gewissen Seiten übelgenommen. Ich weiß, daß ich in ein Wespennest steche, aber ich werde in mancher Beziehung jetzt in ein Wespennest stechen müssen, wenn ich ganz objektiv charakterisiere zum Beispiel einen solchen Menschen wie den Hermann Keyserling, der einfach die Unwahrheit sagt, der lügt.

[ 33 ] But on the other hand, we must also recognize that people have always clung to the old ways. But this is something very new, which I would like to call taking the golden, the silver, and the bronze kings seriously. This is something very, very serious. And spiritual science cannot bring itself to extract the gold from the composite king as he settles and sinks. This is then taken amiss by certain quarters. I know I’m stirring up a hornet’s nest, but in some respects I will now have to stir up a hornet’s nest if I am to characterize, for example, a person like Hermann Keyserling—who simply speaks untruths, who lies—in a completely objective manner.

[ 34 ] Es gibt Menschen, die sagen, es würde heute innerhalb der anthroposophischen Bewegung so viel Kritik geübt. Ich muß immer wieder und wiederum das wiederholen, was ich schon öfter gesagt habe: Auf solchen Seiten sieht man, was wir tun müssen, wenn wir uns wehren müssen — und man tadelt es. Man tadelt es oftmals sogar bei denjenigen, die hiersitzen und die Dinge mit anhören, die hier gesagt werden. Und man findet kein Wort der Abweisung — sonst würde man ja selber polemisch — gegen dasjenige, was uns mit Schmutz bewirft von außen. Man findet es lieblos, einen Menschen einen Lügner zu nennen, wenn diese Wahrheit von der anthroposophischen Seite herkommt. Aber man gestattet jedem, der lügen will über die anthroposophische Bewegung, jede beliebige Lüge, die uns entgegengeschleudert wird. Unsere Dreigliederungszeitung wird oftmals zu polemisch gefunden: Man wende sich an diejenigen, gegen die notgedrungen diese Polemik gerichtet werden muß; man habe den Mut, dorthin seine Worte zu richten, nicht an uns, die wir von Notwehr getrieben sind. Aber das ist eine alte Unsitte und sie zeigt, wie sehr man die wollüstige Anthroposophie will und nicht die ernste Anthroposophie, die mit den großen Problemen der Zeit rechnet.

[ 34 ] There are people who say that there is so much criticism within the anthroposophical movement today. I must repeat again and again what I have said many times before: In such instances, one sees what we must do when we have to defend ourselves—and yet people criticize it. It is often criticized even by those sitting here who are listening to what is being said. And not a word of rebuttal is uttered—otherwise one would be engaging in polemics oneself—against those who hurl slander at us from the outside. It is considered unkind to call someone a liar when this truth comes from the anthroposophical side. But people allow anyone who wants to lie about the anthroposophical movement to hurl any lie they like at us. Our Threefold Order newspaper is often considered too polemical: people say we should direct our words at those against whom this polemic must necessarily be directed; we should have the courage to direct our words there, not at us, who are driven by self-defense. But this is an old bad habit, and it shows how much people want a complacent anthroposophy rather than a serious one that grapples with the great problems of our time.

[ 35 ] Es ist schon notwendig, daß über solche Dinge zuweilen ein ganz ernstes Wort gesprochen wird. Denn solche Dinge, wie ich sie zum Beispiel im öffentlichen Vortrage in bezug auf den Grafen Hermann Keyserling gesagt habe, die beziehen sich nicht etwa bloß auf dasjenige, was von jener Seite über Anthroposophie gesagt wird, die beziehen sich auf die ganze innere Unwahrhaftigkeit dieses Geisteslebens. Lesen Sie solche Dinge wie «Was uns not tut. Was ich will», lesen Sie dieses Kapitel des jüngsten «Unbuches» «Philosophie als Kunst». Es steht da nichts über Anthroposophie drinnen, aber all jener substanzlose Begriffsschematismus ist da drinnen, der leer ist und von dem die leeren Zöpfe sagen, daß er ihnen außerordentlich viel gibt. Das ist aber das Übel der Zeit, daß man zurück weisen will dasjenige, das Substanz hat, was aus dem Geiste, dem lebendigen Geiste heraus schöpft, und daß man die leeren Worte will, die bloßen Worthülsen.

[ 35 ] It is indeed necessary to speak quite seriously about such matters from time to time. For such things—as I said, for example, in my public lecture regarding Count Hermann Keyserling—do not merely refer to what is said about anthroposophy from that side; they refer to the entire inner insincerity of this spiritual life. Read works such as What We Need. What I Want; read this chapter of the latest “Unbuch,” Philosophy as Art. There is nothing in it about anthroposophy, but all that insubstantial conceptual schematism is there—empty concepts that the empty-headed traditionalists claim give them an extraordinary deal. But that is the evil of our time: that people want to reject what has substance—what draws from the spirit, the living spirit—and instead want empty words, mere empty phrases.

[ 36 ] Wenn man weiter dergleichen wollen wird, so wird man die Menschheit damit zugrunde richten. Denn mit diesen Hohlheiten, die von jener Seite kommen — wenn sie sich auch «Tagebücher eines Philosophen» nennen —, höhlt man die ganze Kultur der Menschheit aus. Was sind sie, diese Hohlheiten? Diejenigen Worte sind es, die man prägt, wenn man an dem gemischten König leckt. Ob man nun ein wenig brutaler leckt, wie mancher der heutigen sozialistischen Führer, oder eleganter, in Lackstiefeln leckt, wie der Graf Hermann Keyserling, das macht schon keinen besonderen Unterschied mehr.

[ 36 ] If one continues down this path, one will bring about the ruin of humanity. For with these empty platitudes, which come from that side—even if they call themselves “Diary of a Philosopher”—one undermines the entire culture of humanity. What are they, these empty platitudes? They are the words one coins when one fawns on the mixed-race king. Whether one fawns a little more brutally, like some of today’s socialist leaders, or more elegantly, in patent leather boots, like Count Hermann Keyserling, makes no real difference anymore.

[ 37 ] Diese Dinge brauchen nicht so aufgenommen zu werden, als ob sie mit irgendeinem Affekt gesprochen würden, wenn sie scharf gesprochen werden. Sie werden scharf gesprochen, weil es leider eben durchaus so ist, daß sich manche zur Anthroposophie zählen möchten, die eigentlich innerlich doch nicht dabei sind, weil sie nicht den nötigen Ernst entfalten können, weil sie nicht den nötigen Ernst entfalten wollen, weil sie nicht ganz dabei sein wollen. Lieblos ist man nicht, wenn man die Wahrheit, wo es nötig ist, wirklich ausspricht. Aber ich möchte doch fragen, ob es, wenn man selbst sich zu uns rechnet, sehr liebevoll ist, wenn man uns mit Unrat bewerfen läßt und es dann Lieblosigkeit nennt, wenn wir uns aus Notwehr wehren müssen? Man mag es bedauerlich finden, daß wir uns mit scharfen Worten wehren müssen, aber man sollte gerade deshalb für diese scharfen Worte eintreten und sollte dann nicht aus Gefühlen oder dergleichen das Literatengewäsch von der Lieblosigkeit der unberechtigten Polemik irgendwie vorbringen.

[ 37 ] These things need not be taken as if they were spoken with any kind of emotion, even when they are spoken sharply. They are spoken sharply because, unfortunately, it is indeed the case that some people would like to count themselves among the followers of anthroposophy, even though they are not truly part of it inwardly—because they cannot muster the necessary seriousness, because they do not want to muster the necessary seriousness, because they do not want to be fully committed. One is not unloving when one truly speaks the truth where it is necessary. But I would still like to ask: if one counts oneself among us, is it very loving to allow others to hurl filth at us and then call it a lack of love when we have to defend ourselves out of self-defense? One may find it regrettable that we must defend ourselves with harsh words, but one should, precisely for that reason, stand up for those harsh words and should not, out of sentimentality or the like, somehow bring up the literary drivel about the “lack of love” in unjustified polemics.

[ 38 ] Das ist ja das Schwierige innerhalb der Bewegung, die hier als die anthroposophische entfaltet werden soll, daß jene Persönlichkeiten, die mit ihrem ganzen Wesen für die Sache eintreten, in so geringer Zahl heute zu finden sind. Wenn man nötig hat, so etwas zu bewirken, wie es bewirkt werden sollte durch die anthroposophische Bewegung, so braucht man heute schon vieles gerade an Persönlichkeiten. Nun, wir haben hingebungsvolle Persönlichkeiten auf den verschiedensten Gebieten gefunden, vor allen Dingen auf dem pädagogischen Gebiet in unseren Waldorfschul-Lehrern. Wir haben auch auf manchem andern Gebiet hingebende Persönlichkeiten gefunden — aber alles viel zu wenig. Und die Zahl derjenigen, die durchaus nicht Ernst machen wollen, die durchaus nicht mit ihrer ganzen Persönlichkeit eintreten wollen, wie es nötig wäre für unsere Sache, die Zahl derer ist selbst in unseren Reihen außerordentlich groß. Und deshalb kommen wir so schwer vorwärts. Wir haben es ja im Laufe der Zeit immer wieder und wiederum erleben müssen, wie im Grunde genommen eine große Anzahl derjenigen, die sich, damit sie die Dinge hören können, die bei uns verkündet werden, einschreiben lassen, sich äußerlich eben doch in einem gewissen Grade schämen, sich offen zu uns zu bekennen. Wir haben es ja immer wieder hören müssen, daß es besser sei, nicht mit dem Namen Anthroposophie in der Öffentlichkeit aufzutreten, sondern den Namen auszulassen und «etwas einfließen zu lassen», wie die angenehme Redensart der Leute, die auf anthroposophischem Gebiete nicht Ernst machen wollen, lautet. Da will wieder einer oder namentlich eine da und dort etwas «einfließen» lassen von Anthroposophie, weil sie sich schämt oder er sich schämt, von Anthroposophie offen zu reden. Da läßt man «etwas einfließen»! Dazu braucht man weniger wacker zu sein, damit kann man auch weniger mißfallen — man läßt «einfließen».

[ 38 ] That is precisely the difficulty within the movement—which is to be developed here as the anthroposophical movement—that there are so few individuals today who commit themselves to the cause with their whole being. If one is to bring about what the anthroposophical movement is meant to achieve, one needs many such individuals today. Well, we have found dedicated individuals in a wide variety of fields, above all in the field of education among our Waldorf school teachers. We have also found dedicated individuals in many other fields—but far too few. And the number of those who have no intention of taking things seriously, who have no intention of committing themselves with their whole being—as would be necessary for our cause—is extraordinarily large, even within our own ranks. And that is why we are making such slow progress. Over time, we have had to experience time and again how, fundamentally, a large number of those who enroll—so that they can hear the things we proclaim—are, outwardly, still to some degree ashamed to openly profess their affiliation with us. We have heard time and again that it is better not to appear in public under the name “Anthroposophy,” but rather to omit the name and “let something seep in,” as the pleasant saying goes among those who do not wish to take the field of anthroposophy seriously. So here is yet another person—and especially a woman here and there—who wants to “let something” from anthroposophy “flow in” because she is ashamed—or he is ashamed—to speak openly about anthroposophy. So one lets “something flow in”! This requires less courage, and one is less likely to cause offense—one simply lets “it flow in.”

[ 39 ] Aber heute ist nicht die Zeit zum Einfließenlassen, sondern zum ehrlichen Bekennen und zum Aussprechen derjenigen Worte, welche die Dinge in ihrer Wahrheit bezeichnen. Denn diejenigen, die wider uns sind, die lassen nichts in uns einfließen, die reden in derben Worten. Und es sollte eigentlich gefühlt werden durch all unsere Reihen hin als etwas Empörendes, wenn ein Hermann Keyserling sich erfrecht, davon zu reden, daß diese Geisteswissenschaft hier eine Vermaterialisierung des Geisteslebens ist, eine Naturwissenschaft des Geistes. Man kann nicht anders sagen, als daß der Mann, der sich bemüht hat, bei einer ganzen Anzahl Personen, denn das wissen wir, sich die Zyklen zu erschleichen, um ihren Inhalt kennenzulernen, wenn er heute dieses schreibt, ganz bewußt die Unwahrheit hinschreibt — und dies nennt man lügen. Und wer dawider etwas hat, daß man das sagt, der liebt die Lüge. Und wer sagt, wir polemisierten zuviel, wenn wir die Wahrheit richtig bezeichnen, der hat keinen Sinn für Wahrheit und liebt die Lüge. Und die Lüge lieben, das sollte nicht unser Geschäft sein innerhalb der anthroposophischen Bewegung, sondern wir müssen die Wahrheit lieben. Gefühlt muß werden das ganze Gewicht dieser Worte: die Wahrheit lieben und nicht die Lüge lieben um der Konvention willen, um des angenehmen gesellschaftlichen Lebens willen. Denn nachsichtig sein mit der Lüge, ist gerade so viel schon, wie die Lüge lieben. Die Welt aber wird in der nächsten Zeit nicht durch das frivole Gleichgültigsein gegenüber der Unwahrheit, sondern allein durch das freie und frische Sich-Bekennen zur Wahrheit weiterkommen. Anthroposophie muß mit ernsten und höchsten geistigen Angelegenheiten sich beschäftigen und daran haben wir es niemals fehlen lassen. Und wer da sagt, es wäre ein Materialismus des Geistes, wenn wir von Saturn, Sonne und Mond reden, wenn er jeden Tag Gelegenheit hat, sich anzuschauen, was in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» steht über Saturn, Sonne und Mond, der lügt. Denn dort steht nichts von der Vermaterialisierung des Geistes. Man fühlt nicht den ganzen Ernst der Lage, wenn man jetzt will, daß wir uns in unwahrhaftigen Salonausdrücken gegen unsere Gegner wenden, die uns mit Dreck bewerfen. Diese Dinge gehören gerade zur rechten Liebe. Denn zur rechten Liebe gehört ja Enthusiasmus für die Wahrheit. Und weiterkommen wird die Welt nur durch diesen Enthusiasmus für die Wahrheit.

[ 39 ] But today is not the time to let things seep in, but rather to make an honest confession and to speak the words that describe things as they truly are. For those who are against us do not let anything seep into us; they speak in crude terms. And it should actually be felt throughout our ranks as something outrageous when a Hermann Keyserling presumes to speak of this spiritual science as a materialization of spiritual life, a natural science of the spirit. One cannot help but say that the man who, as we know, has gone to great lengths to sneak his way into the cycles of a number of people in order to learn their content—when he writes this today—is quite deliberately writing falsehoods—and this is what is called lying. And anyone who objects to this statement loves the lie. And anyone who says we are being too polemical when we correctly describe the truth has no sense of truth and loves the lie. And loving the lie should not be our business within the anthroposophical movement; rather, we must love the truth. The full weight of these words must be felt: to love the truth and not to love the lie for the sake of convention, for the sake of a pleasant social life. For to be lenient toward lies is already tantamount to loving lies. But in the time to come, the world will not advance through frivolous indifference toward untruth, but solely through a free and fresh commitment to the truth. Anthroposophy must concern itself with serious and highest spiritual matters, and in this we have never fallen short. And anyone who says that speaking of Saturn, the Sun, and the Moon constitutes a “materialism of the spirit”—when they have the opportunity every day to look up what is written in my Outline of Esoteric Science about Saturn, the Sun, and the Moon—is lying. For there is nothing there about the materialization of the spirit. One does not grasp the full gravity of the situation if one now wants us to turn against our opponents—who are throwing mud at us—using insincere, salon-style rhetoric. These things are precisely what true love entails. For true love, after all, includes enthusiasm for the truth. And the world will only move forward through this enthusiasm for the truth.

[ 40 ] Es war wirklich aus geistigen Untergründen heraus meine Aufgabe, dies heute noch auszusprechen, bevor ich wiederum für eine Weile von Ihnen Abschied nehmen muß. Und so leid es mir tut, daß ich mit einzelnen jetzt gar nicht sprechen kann, weil eben einfach die Zeit nicht ausreicht — gestern sind die Freunde unserer Dreigliederungsbewegung und des Kommenden Tages hier wiederum zu einer Sitzung bis drei Uhr morgens zusammen gewesen, und so geht es jetzt fast von Tag zu Tag —, so leid es mir tut, daß viele Dinge jetzt unterbleiben müssen, welche von manchen geliebt werden, so muß auf der andern Seite gesagt werden: Vielleicht kann man doch hoffen, daß durch die Anstrengungen, die gemacht werden im großen, die anthroposophische Bewegung sich noch jenes Recht in der Welt erwirbt, welches sie sich erwerben muß, weil sie die Kraft und den Willen enthält, um durch die Wahrheit weiterzukommen. Wenn in der Wahrheit gearbeitet werden soll, dann kann man heute schon nicht anders, als die Unwahrheit, wenn sie sich in einer so furchtbar aufdringlichen Weise geltend macht, auch in das rechte Licht zu stellen.

[ 40 ] It was truly my duty, for spiritual reasons, to speak these words today before I must take my leave of you once again for a while. And as much as it pains me that I cannot speak with some of you at all right now—simply because there isn’t enough time—yesterday the friends of our Threefold Social Order movement and of The Coming Day were gathered here again for a meeting that lasted until three in the morning, and this is how it goes now, almost day after day— as much as I regret that many things now have to be left undone—things that are cherished by some—it must be said on the other hand: Perhaps we can still hope that, through the efforts being made on a large scale, the anthroposophical movement will yet earn for itself that right in the world which it must earn, because it contains the strength and the will to move forward through the truth. If we are to work in the truth, then even today we have no choice but to expose falsehood—when it asserts itself in such a terribly intrusive manner—for what it really is.

[ 41 ] Auf die Verpflichtung gegenüber der Wahrheit mußte diesmal hingewiesen werden, denn es wäre sehr notwendig, meine lieben Freunde, daß wir uns alle, alle durchdringen mit diesem Geiste der Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit. Denn wenn es überhaupt noch menschenmöglich ist: Allein durch diesen Geist der Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit kann die Barbarei, die sonst hereinbrechen muß über die Menschheit, vermieden werden, kann man in einer neuen, vergeistigten Zivilisation vorwärtskommen.

[ 41 ] This time, it was necessary to emphasize our commitment to the truth, for it is absolutely essential, my dear friends, that we all—every single one of us—be imbued with this spirit of longing for truthfulness. For if it is at all still humanly possible: only through this spirit of longing for truth can the barbarism that would otherwise descend upon humanity be averted, and can we move forward toward a new, spiritualized civilization.