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Healing Factors for the Social Organism
GA 198

3 April 1920, Dornach

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Fünfter Vortrag

Fünfter Vortrag

[ 1 ] Gestern versuchte ich einiges zu sagen über die besondere Art der ersten christlichen Anfänge, wie diese ihre Gestalt durch die Persönlichkeit des Paulus bekommen haben. Es ist gewiß in diesen Tagen die Veranlassung der österlichen Zeit, die zu solchen Betrachtungen hinweist. Allein, gerade indem wir gesehen haben, wie unberechtigt heute die Feier des Osterfestes bei zahlreichen Menschen ist, die vom Materialismus angekränkelt sind, wird es sich uns vor die Seele gerückt haben, daß eine solche österliche Betrachtung schon auch eine Zeitbetrachtung sein könne, wenn wir uns bewußt werden, wie eine Art Osterzeit heraufgeführt werden muß in diesem gegenwärtig mit so raschen Schritten in die Dekadenz hineingehenden Europa, überhaupt dieser gegenwärtigen zivilisierten Welt. Sich zu erinnern an die Art und Weise, wie das Christentum in die Welt hereingetreten ist, ist heute berechtigte Osterbetrachtung; denn gerade heute hat man nötig, zu verstehen, wie die Menschen sich selber einer wesenhaften Auffassung des Christentums immer ferner und ferner gerückt haben, und wie dieses Entfernen von einer wesenhaften Auffassung des Christentums doch alles andere bedingt, wovon wir ja oft gesprochen haben und was sehr stark zusammenhängt mit den Niedergangserscheinungen unserer Zeit. Diese Niedergangserscheinungen treten uns besonders dann entgegen, wenn wir einzelne Menschen, die es zuweilen gut meinen, heute anhören.

[ 1 ] Gestern versuchte ich einiges zu sagen über die besondere Art der ersten christlichen Anfänge, wie diese ihre Gestalt durch die Persönlichkeit des Paulus bekommen haben. Es ist gewiß in diesen Tagen die Veranlassung der österlichen Zeit, die zu solchen Betrachtungen hinweist. Allein, gerade indem wir gesehen haben, wie unberechtigt heute die Feier des Osterfestes bei zahlreichen Menschen ist, die vom Materialismus angekränkelt sind, wird es sich uns vor die Seele gerückt haben, daß eine solche österliche Betrachtung schon auch eine Zeitbetrachtung sein könne, wenn wir uns bewußt werden, wie eine Art Osterzeit heraufgeführt werden muß in diesem gegenwärtig mit so raschen Schritten in die Dekadenz hineingehenden Europa, überhaupt dieser gegenwärtigen zivilisierten Welt. Sich zu erinnern an die Art und Weise, wie das Christentum in die Welt hereingetreten ist, ist heute berechtigte Osterbetrachtung; denn gerade heute hat man nötig, zu verstehen, wie die Menschen sich selber einer wesenhaften Auffassung des Christentums immer ferner und ferner gerückt haben, und wie dieses Entfernen von einer wesenhaften Auffassung des Christentums doch alles andere bedingt, wovon wir ja oft gesprochen haben und was sehr stark zusammenhängt mit den Niedergangserscheinungen unserer Zeit. Diese Niedergangserscheinungen treten uns besonders dann entgegen, wenn wir einzelne Menschen, die es zuweilen gut meinen, heute anhören.

[ 2 ] Sie konnten gestern einen merkwürdigen Artikel in den «Basler Nachrichten» lesen, der einen außerordentlich traurig stimmen kann. Er bringt die Wiedergabe eines Briefes aus dem Nordwesten Deutschlands. Der Briefschreiber, dem in einer gewissen Weise, wie es scheint, in diesem Artikel zugestimmt wird, macht darauf aufmerksam, wie überall sich heute Impulse geltend machen, die einfach die Zerstörung des Alten vorbereiten, ohne irgend etwas Neues an die Stelle zu setzen, wie sich alle Menschen von links und rechts Illusionen hingeben und eigentlich gern immer lllusionen hingeben. Und der Artikelschreiber selber sagt: Nun wird es schon so sein, daß eben über Europa der Bolschewismus hereinbrechen müsse, daß man ihn ruhig erwarten muß; dann wird das schon die richtige Entwickelung sein, dann wird sich, wenn die Leute den Bolschewismus kennengelernt haben, daraus ja etwas Richtiges entwickeln können. — Aber der Artikelschreiber fügt auch einige Zeilen hinzu, die beachtet werden sollten, und über die der gewöhnliche Leser wie bei so vielem hinwegliest. Er fügt hinzu: Man müsse auf etwas anderes heute sehen als auf das, was sich als Illusion die Leute links und rechts machen. Aber man solle auch nicht hören auf das, was einzelne Träumer sagen, sondern was die allgemeinen Impulse sind.

[ 2 ] Sie konnten gestern einen merkwürdigen Artikel in den «Basler Nachrichten» lesen, der einen außerordentlich traurig stimmen kann. Er bringt die Wiedergabe eines Briefes aus dem Nordwesten Deutschlands. Der Briefschreiber, dem in einer gewissen Weise, wie es scheint, in diesem Artikel zugestimmt wird, macht darauf aufmerksam, wie überall sich heute Impulse geltend machen, die einfach die Zerstörung des Alten vorbereiten, ohne irgend etwas Neues an die Stelle zu setzen, wie sich alle Menschen von links und rechts Illusionen hingeben und eigentlich gern immer lllusionen hingeben. Und der Artikelschreiber selber sagt: Nun wird es schon so sein, daß eben über Europa der Bolschewismus hereinbrechen müsse, daß man ihn ruhig erwarten muß; dann wird das schon die richtige Entwickelung sein, dann wird sich, wenn die Leute den Bolschewismus kennengelernt haben, daraus ja etwas Richtiges entwickeln können. — Aber der Artikelschreiber fügt auch einige Zeilen hinzu, die beachtet werden sollten, und über die der gewöhnliche Leser wie bei so vielem hinwegliest. Er fügt hinzu: Man müsse auf etwas anderes heute sehen als auf das, was sich als Illusion die Leute links und rechts machen. Aber man solle auch nicht hören auf das, was einzelne Träumer sagen, sondern was die allgemeinen Impulse sind.

[ 3 ] Diese einzelnen gutmeinenden Menschen sind die eigentlich schwierigen Menschen in der Gegenwart, die im Grunde genommen einsehen, wie es immer mehr und mehr talab geht, und die immer eigentlich ermahnen, wenn auch mit starkem Pessimismus ermahnen, man solle nicht hören auf diejenigen, die einen Versuch machen, aus der Misere herauszukommen. Denn diese einzelnen sind ja eigentlich nur die Repräsentanten einer sehr, sehr breiten Masse der Menschen, die doch immer wieder, wenn nach irgendeinem akut auftretenden Chaos ein bißchen Ruhe eingetreten ist, gleich zufrieden sind, weil sie gar nicht sehen, wie in diesem Ruhe-Eintreten nichts wirklich Bedeutsames liegt, sondern wie der Weg so lange talab gehen muß, bis einmal von einer genügend großen Anzahl von Menschen gehörig erfaßt wird, daß über dieses unglückliche Europa eine Welle geistiger Erneuerung gehen müsse. Sonst kann es nicht besser werden. Es ist nicht möglich, mit irgendeiner Fortsetzung des Alten irgendwie weiterzukommen, und es ist am wenigsten möglich, mit Kompromissen weiterzukommen; denn die Kompromisse verderben, indem es mit ihnen kompromittiert ist, auch dasjenige, was als Neues sich geltend machen will.

[ 3 ] Diese einzelnen gutmeinenden Menschen sind die eigentlich schwierigen Menschen in der Gegenwart, die im Grunde genommen einsehen, wie es immer mehr und mehr talab geht, und die immer eigentlich ermahnen, wenn auch mit starkem Pessimismus ermahnen, man solle nicht hören auf diejenigen, die einen Versuch machen, aus der Misere herauszukommen. Denn diese einzelnen sind ja eigentlich nur die Repräsentanten einer sehr, sehr breiten Masse der Menschen, die doch immer wieder, wenn nach irgendeinem akut auftretenden Chaos ein bißchen Ruhe eingetreten ist, gleich zufrieden sind, weil sie gar nicht sehen, wie in diesem Ruhe-Eintreten nichts wirklich Bedeutsames liegt, sondern wie der Weg so lange talab gehen muß, bis einmal von einer genügend großen Anzahl von Menschen gehörig erfaßt wird, daß über dieses unglückliche Europa eine Welle geistiger Erneuerung gehen müsse. Sonst kann es nicht besser werden. Es ist nicht möglich, mit irgendeiner Fortsetzung des Alten irgendwie weiterzukommen, und es ist am wenigsten möglich, mit Kompromissen weiterzukommen; denn die Kompromisse verderben, indem es mit ihnen kompromittiert ist, auch dasjenige, was als Neues sich geltend machen will.

[ 4 ] Schon gefühlsmäßig könnte man sich vorbereiten auf die Stimmung, die da notwendig ist, wenn man zurückblicken würde auf die energische Art, wie um die große Erdenwende durch Persönlichkeiten wie Paulus etwas ganz Neues in die Erdenentwickelung hereingebracht worden ist, was fortglimmt, was aber vorläufig zugedeckt ist von viel Asche. Dazumal war ja eben jener Zeitpunkt, der das Alte von dem Neuen trennte, wenn auch der Übergang deshalb nicht bemerkbar ist, weil er allmählich geschah — das Alte, durch das die Menschen, wie ich schon gestern angedeutet habe, wenn sie hinausblickten in die Natur, überall ein Göttlich-Geistiges sahen. Aber dieses Sehen des Göttlich-Geistigen setzte sich auch fort, hinein in die Menschheitsanschauungen, in die Anschauungen von der menschlichen sozialen Ordnung, die Konfiguration der Menschen, wie sie lebten als Masse, wie sich einzelne hervortaten als Regierende, als priesterlich Führende. Wir wollen jetzt nicht darauf sehen, wie durch die Mysterienkultur diese Konfiguration geregelt wurde; aber diese Konfiguration wurde angesehen, und sie wurde auch danach geregelt, als etwas auch ohne des Menschen Zutun Gegebenes, gewissermaßen als ein vom Naturgeist Gegebenes.

[ 4 ] Schon gefühlsmäßig könnte man sich vorbereiten auf die Stimmung, die da notwendig ist, wenn man zurückblicken würde auf die energische Art, wie um die große Erdenwende durch Persönlichkeiten wie Paulus etwas ganz Neues in die Erdenentwickelung hereingebracht worden ist, was fortglimmt, was aber vorläufig zugedeckt ist von viel Asche. Dazumal war ja eben jener Zeitpunkt, der das Alte von dem Neuen trennte, wenn auch der Übergang deshalb nicht bemerkbar ist, weil er allmählich geschah — das Alte, durch das die Menschen, wie ich schon gestern angedeutet habe, wenn sie hinausblickten in die Natur, überall ein Göttlich-Geistiges sahen. Aber dieses Sehen des Göttlich-Geistigen setzte sich auch fort, hinein in die Menschheitsanschauungen, in die Anschauungen von der menschlichen sozialen Ordnung, die Konfiguration der Menschen, wie sie lebten als Masse, wie sich einzelne hervortaten als Regierende, als priesterlich Führende. Wir wollen jetzt nicht darauf sehen, wie durch die Mysterienkultur diese Konfiguration geregelt wurde; aber diese Konfiguration wurde angesehen, und sie wurde auch danach geregelt, als etwas auch ohne des Menschen Zutun Gegebenes, gewissermaßen als ein vom Naturgeist Gegebenes.

[ 5 ] Derjenige, der durch die besonderen Einrichtungen und Tatsachen, die an irgendeiner Stelle vorhanden waren, der Führer war, den anerkannte man, weil man sich sagte, mit so oder so großer Kraft spricht sich durch ihn das Göttliche selber aus. Wie in an das Göttlich-Geistige verfolgte im Stein, im Berg, im Wasser, im Baum, so auch in den einzelnen Menschen. Und ich habe ja hier schon ausgeführt, daß für diese alten Zeiten es einfach selbstverständlich war, den Regierenden als den Gott selber anzusehen, das heißt als denjenigen, in dem sich die Gottheit wirklich manifestierte. Wenn die Menschen der Gegenwart nur etwas bescheidener wären und tatsächlich nicht ihre eigenen Meinungen hineintragen würden in dasjenige, was ihnen aus alten Dingen übermittelt wird, würde viel klarer gesehen in diesen Dingen. Gewiß, heute hat man keinen solchen realen Begriff: ein Mensch ist ein Gott. Aber in jenen alten Zeiten war es so, daß man damit einen realen Begriff verband. Geradeso wie man nicht bloß den fließenden Bach sah, sondern das Göttliche, das sich da bewegte, so auch in dem, was im sozialen Menschenleben vor sich ging, sah man das göttliche Walten selber in unmittelbarer Gegenwart. Dieses Schauen des Göttlich-Geistigen in unmittelbarer Gegenwart kam immer mehr und mehr zum Abklingen.

[ 5 ] Derjenige, der durch die besonderen Einrichtungen und Tatsachen, die an irgendeiner Stelle vorhanden waren, der Führer war, den anerkannte man, weil man sich sagte, mit so oder so großer Kraft spricht sich durch ihn das Göttliche selber aus. Wie in an das Göttlich-Geistige verfolgte im Stein, im Berg, im Wasser, im Baum, so auch in den einzelnen Menschen. Und ich habe ja hier schon ausgeführt, daß für diese alten Zeiten es einfach selbstverständlich war, den Regierenden als den Gott selber anzusehen, das heißt als denjenigen, in dem sich die Gottheit wirklich manifestierte. Wenn die Menschen der Gegenwart nur etwas bescheidener wären und tatsächlich nicht ihre eigenen Meinungen hineintragen würden in dasjenige, was ihnen aus alten Dingen übermittelt wird, würde viel klarer gesehen in diesen Dingen. Gewiß, heute hat man keinen solchen realen Begriff: ein Mensch ist ein Gott. Aber in jenen alten Zeiten war es so, daß man damit einen realen Begriff verband. Geradeso wie man nicht bloß den fließenden Bach sah, sondern das Göttliche, das sich da bewegte, so auch in dem, was im sozialen Menschenleben vor sich ging, sah man das göttliche Walten selber in unmittelbarer Gegenwart. Dieses Schauen des Göttlich-Geistigen in unmittelbarer Gegenwart kam immer mehr und mehr zum Abklingen.

[ 6 ] Aber bedenken wir, wie der Mensch sich finden konnte als Mensch in dieser Anschauung. Der Mensch konnte sich finden in dieser Anschauung, weil er sich eingebettet wußte in die Welt des GöttlichGeistigen. Er wußte, das Göttlich-Geistige lebt da, wo die Sinnendinge sind und wo die Menschen sind hier auf der physischen Erde. Der Mensch wußte das. Er wußte, daß er herausgeboren ist aus dem Göttlich-Geistigen. Das «Ich bin aus dem Gott geboren, wir sind alle aus dem Gotte geboren», das wurde dem Menschen etwas ganz, ganz Selbstverständliches, denn er sah es. Es war für ihn ein Ergebnis seiner sinnesmäßigen Anschauung.

[ 6 ] Aber bedenken wir, wie der Mensch sich finden konnte als Mensch in dieser Anschauung. Der Mensch konnte sich finden in dieser Anschauung, weil er sich eingebettet wußte in die Welt des GöttlichGeistigen. Er wußte, das Göttlich-Geistige lebt da, wo die Sinnendinge sind und wo die Menschen sind hier auf der physischen Erde. Der Mensch wußte das. Er wußte, daß er herausgeboren ist aus dem Göttlich-Geistigen. Das «Ich bin aus dem Gott geboren, wir sind alle aus dem Gotte geboren», das wurde dem Menschen etwas ganz, ganz Selbstverständliches, denn er sah es. Es war für ihn ein Ergebnis seiner sinnesmäßigen Anschauung.

[ 7 ] Zu solch einem Ergebnis konnten die Menschen unmittelbar nicht mehr kommen, oder wenigstens immer weniger und weniger kommen in der Zeit, in der das Mysterium von Golgatha eben in einer neuen Art die Kunde von dem Göttlich-Geistigen bringen sollte. Der Mensch konnte sich ja in jenen alten Zeiten sagen: Alles, was ich sehe in der Welt, zeigt mir, daß die Dinge und Wesen von den Göttern kommen, daß sich ihr Dasein nicht erschöpft im irdischen Dasein. — Der Mensch hatte ein Bewußtsein des Ewigkeitscharakters seiner eigenen Wesenheit, weil er sein Herkommen von den Göttern durchschaute. Dieses Durchschauen eines vorgeburtlichen geistigen Seins, das ist es eigentlich, was die alten heidnischen Bekenntnisse durchtränkt. Alles, was heute durch die landläufige Wissenschaft als Charakteristik des Heidentums anzuschauen ist, das ist eigentlich mehr oder weniger eine Rederei.

[ 7 ] Zu solch einem Ergebnis konnten die Menschen unmittelbar nicht mehr kommen, oder wenigstens immer weniger und weniger kommen in der Zeit, in der das Mysterium von Golgatha eben in einer neuen Art die Kunde von dem Göttlich-Geistigen bringen sollte. Der Mensch konnte sich ja in jenen alten Zeiten sagen: Alles, was ich sehe in der Welt, zeigt mir, daß die Dinge und Wesen von den Göttern kommen, daß sich ihr Dasein nicht erschöpft im irdischen Dasein. — Der Mensch hatte ein Bewußtsein des Ewigkeitscharakters seiner eigenen Wesenheit, weil er sein Herkommen von den Göttern durchschaute. Dieses Durchschauen eines vorgeburtlichen geistigen Seins, das ist es eigentlich, was die alten heidnischen Bekenntnisse durchtränkt. Alles, was heute durch die landläufige Wissenschaft als Charakteristik des Heidentums anzuschauen ist, das ist eigentlich mehr oder weniger eine Rederei.

[ 8 ] Das Wesentliche des noch nicht in die Dekadenz gekommenen alten Heidentums war, daß die Menschen wußten, sie waren Geist-Seelenwesen, bevor sie geboren wurden; also erschöpfte sich ihr Dasein nicht im irdischen Dasein. Wir Menschen können sicher sein, ewig zu sein, denn wir kommen von Gott, und Gott wird uns zu sich wieder zurücknehmen. Das war schließlich doch die aus der Urweisheit kommende Erkenntnis der alten Zeiten. Und man kann sagen, diese aus der Urweisheit kommende Erkenntnis der alten Zeiten wurde mehr oder weniger jedem Volke in seiner Art für sich gegeben, denn sie war gebunden an eine elementar-geistige Anschauung, an ein Sehen des Göttlich-Geistigen in den Sinnendingen. Dieses Sehen des Göttlich-Geistigen in den Sinnendingen, das war in jenen alten Zeiten abhängig vom Blute. Und je nachdem der Mensch zugehörte dieser oder jener Blutsverwandtschaft, das heißt diesem oder jenem Stamme, diesem oder jenem Volke, mußte ihm eine besondere Form der Urweisheit über die Welt gegeben werden.

[ 8 ] Das Wesentliche des noch nicht in die Dekadenz gekommenen alten Heidentums war, daß die Menschen wußten, sie waren Geist-Seelenwesen, bevor sie geboren wurden; also erschöpfte sich ihr Dasein nicht im irdischen Dasein. Wir Menschen können sicher sein, ewig zu sein, denn wir kommen von Gott, und Gott wird uns zu sich wieder zurücknehmen. Das war schließlich doch die aus der Urweisheit kommende Erkenntnis der alten Zeiten. Und man kann sagen, diese aus der Urweisheit kommende Erkenntnis der alten Zeiten wurde mehr oder weniger jedem Volke in seiner Art für sich gegeben, denn sie war gebunden an eine elementar-geistige Anschauung, an ein Sehen des Göttlich-Geistigen in den Sinnendingen. Dieses Sehen des Göttlich-Geistigen in den Sinnendingen, das war in jenen alten Zeiten abhängig vom Blute. Und je nachdem der Mensch zugehörte dieser oder jener Blutsverwandtschaft, das heißt diesem oder jenem Stamme, diesem oder jenem Volke, mußte ihm eine besondere Form der Urweisheit über die Welt gegeben werden.

[ 9 ] So sehen wir denn mannigfaltige einzelne Arten der Urweisheit über die einzelnen Völker der alten Zeiten ausgebreitet. Eine Ausnahme machte nur das jüdische Volk, welches zwar seine besondere Form der Urweisheit auch gebunden hat eben an das Blut dieses Volkes, welches sich aber betrachtete als das «auserwählte Volk», als dasjenige Volk, das zwar ein Volksbekenntnis oder eine Volkserkenntnis hat, aber eine Volkserkenntnis, die die eigentliche Erkenntnis des Menschengottes ist. Während die heidnischen Völker ringsherum im wesentlichen ihren Volksgott verehrten, glaubte das jüdische Volk den Gott der ganzen Erde zu haben.

[ 9 ] So sehen wir denn mannigfaltige einzelne Arten der Urweisheit über die einzelnen Völker der alten Zeiten ausgebreitet. Eine Ausnahme machte nur das jüdische Volk, welches zwar seine besondere Form der Urweisheit auch gebunden hat eben an das Blut dieses Volkes, welches sich aber betrachtete als das «auserwählte Volk», als dasjenige Volk, das zwar ein Volksbekenntnis oder eine Volkserkenntnis hat, aber eine Volkserkenntnis, die die eigentliche Erkenntnis des Menschengottes ist. Während die heidnischen Völker ringsherum im wesentlichen ihren Volksgott verehrten, glaubte das jüdische Volk den Gott der ganzen Erde zu haben.

[ 10 ] Nun, das war ein Übergangsverhältnis. In der Art, wie nun Paulus auftrat mit seiner Interpretation des Christentums, war gründlich gebrochen mit alledem, was vom Blute heraus die menschliche Erkenntnis bestimmte, was vom Blute heraus die menschliche Erkenntnis in alten Zeiten bestimmen mußte. Denn Paulus machte zuerst geltend, daß nicht das Blut, nicht die Volksgemeinschaft, nicht all das, was überhaupt in vorchristlichen Zeiten bestimmend war für die Erkenntnis, weiter bleiben könne, sondern daß der Mensch selber seine Beziehung zur Erkenntnis durch innere Initiative herstellen müsse, daß es eine Gemeinschaft geben müsse derjenigen, die Paulus als die Christen bezeichnete, eine Gemeinschaft, zu der man sich geistig-seelisch bekennt, in die man nicht hineingestellt wird durch das Blut, in die man sich gewissermaßen selber hineinwählt.

[ 10 ] Nun, das war ein Übergangsverhältnis. In der Art, wie nun Paulus auftrat mit seiner Interpretation des Christentums, war gründlich gebrochen mit alledem, was vom Blute heraus die menschliche Erkenntnis bestimmte, was vom Blute heraus die menschliche Erkenntnis in alten Zeiten bestimmen mußte. Denn Paulus machte zuerst geltend, daß nicht das Blut, nicht die Volksgemeinschaft, nicht all das, was überhaupt in vorchristlichen Zeiten bestimmend war für die Erkenntnis, weiter bleiben könne, sondern daß der Mensch selber seine Beziehung zur Erkenntnis durch innere Initiative herstellen müsse, daß es eine Gemeinschaft geben müsse derjenigen, die Paulus als die Christen bezeichnete, eine Gemeinschaft, zu der man sich geistig-seelisch bekennt, in die man nicht hineingestellt wird durch das Blut, in die man sich gewissermaßen selber hineinwählt.

[ 11 ] Diese besondere Art, die geistige Gemeinschaft über die Erde hin so festzulegen, war für Paulus notwendig, weil die Zeit herannahte, in der der Mensch für die äußere Erdenerkenntnis dem Materialismus verfallen mußte. Da mußte für die äußere Erdenerkenntnis der Mensch von etwas anderem her sein Bewußtsein über seine geistig-seelische Wesenheit bekommen als von der Anschauung des sinnlichen Erdenmenschen. In alten Zeiten brauchte man den sinnlichen Erdenmenschen nur anzuschauen durch die Augen; durch alles das, was er in sich trug, manifestierte sich zugleich das Geistig-Seelische des Menschen. Das hörte jetzt auf. Man suchte über das Geistig-Seelische auf anderem Wege zur Erkenntnis gelangen zu können. Man mußte, mit anderen Worten, das Problem des Todes begreifen lernen. Man mußte begreifen lernen, daß dasjenige, was man allein durch sinnliche Anschauung hier auf dieser Erde vom Menschen sehen kann, hinstürzen und in zahlreiche Teile zerfallen mag, daß aber im Menschen eine Wesenheit ist, die nicht in diesem sinnlichen Menschen unmittelbar schaubar ist, und die der geistigen Welt angehört.

[ 11 ] Diese besondere Art, die geistige Gemeinschaft über die Erde hin so festzulegen, war für Paulus notwendig, weil die Zeit herannahte, in der der Mensch für die äußere Erdenerkenntnis dem Materialismus verfallen mußte. Da mußte für die äußere Erdenerkenntnis der Mensch von etwas anderem her sein Bewußtsein über seine geistig-seelische Wesenheit bekommen als von der Anschauung des sinnlichen Erdenmenschen. In alten Zeiten brauchte man den sinnlichen Erdenmenschen nur anzuschauen durch die Augen; durch alles das, was er in sich trug, manifestierte sich zugleich das Geistig-Seelische des Menschen. Das hörte jetzt auf. Man suchte über das Geistig-Seelische auf anderem Wege zur Erkenntnis gelangen zu können. Man mußte, mit anderen Worten, das Problem des Todes begreifen lernen. Man mußte begreifen lernen, daß dasjenige, was man allein durch sinnliche Anschauung hier auf dieser Erde vom Menschen sehen kann, hinstürzen und in zahlreiche Teile zerfallen mag, daß aber im Menschen eine Wesenheit ist, die nicht in diesem sinnlichen Menschen unmittelbar schaubar ist, und die der geistigen Welt angehört.

[ 12 ] Es durfte also fernerhin dasjenige, was die Menschen zusammenhielt zu dieser christlichen Gemeinschaft, nicht abhängig sein vom Blut, denn gegen die Abhängigkeit vom Blute hätte sich immer der Einwand ergeben: Ja, wenn die Menschen an dem, was durch das Blut bestimmt ist, ihre Unsterblichkeit erkennen sollen, dann wäre diese Unsterblichkeit nicht gesichert. Für die Alten mag das Blut sich dargestellt haben so, daß es durch sich scheinen ließ die geistig-seelische Wesenheit des Menschen, aber jetzt stellt sich ja das Blut dar als der Beleber und Träger desjenigen, was mit dem Tode endigt. Es ist notwendig, auf das Geistig-Seelische in seiner Reinheit hinzuweisen, wenn man nicht auf das Verständnis des Problems des Todes im nichtmaterialistischen Sinne überhaupt verzichten will. Paulus konnte den starken Impetus, zu den Menschen zu sprechen von einem geistig-seelischen Wesen, das nicht an die sinnliche Materie gebunden ist, nur dadurch gewinnen, daß ihm selber die Realität dieses übersinnlichen Wesens durch das Ereignis von Damaskus aufgegangen war.

[ 12 ] Es durfte also fernerhin dasjenige, was die Menschen zusammenhielt zu dieser christlichen Gemeinschaft, nicht abhängig sein vom Blut, denn gegen die Abhängigkeit vom Blute hätte sich immer der Einwand ergeben: Ja, wenn die Menschen an dem, was durch das Blut bestimmt ist, ihre Unsterblichkeit erkennen sollen, dann wäre diese Unsterblichkeit nicht gesichert. Für die Alten mag das Blut sich dargestellt haben so, daß es durch sich scheinen ließ die geistig-seelische Wesenheit des Menschen, aber jetzt stellt sich ja das Blut dar als der Beleber und Träger desjenigen, was mit dem Tode endigt. Es ist notwendig, auf das Geistig-Seelische in seiner Reinheit hinzuweisen, wenn man nicht auf das Verständnis des Problems des Todes im nichtmaterialistischen Sinne überhaupt verzichten will. Paulus konnte den starken Impetus, zu den Menschen zu sprechen von einem geistig-seelischen Wesen, das nicht an die sinnliche Materie gebunden ist, nur dadurch gewinnen, daß ihm selber die Realität dieses übersinnlichen Wesens durch das Ereignis von Damaskus aufgegangen war.

[ 13 ] Es war die Erkenntnis des Übersinnlichen, des Geistig-Seelischen in alten Zeiten an das Blut gebunden; so daß, indem der Mensch durchsetzt wurde von seinem Blute, ihm dieses Blut in die sinnliche Welt hereinbrachte die Offenbarung des Geistig-Seelischen. Das hörte auf, und notwendig war, daß die Menschen sich hinwendeten zu etwas, was nicht durch das Blut gegeben ist. Damit war aber eine große Gefahr verbunden. Damit war die Gefahr verbunden, daß die Menschen in dem Zeitalter, das heraufkam, auch noch in irgendeiner Weise beim Erkennen des Geistig-Seelischen auf sich selbst zurückreflektieren wollten. In alten Zeiten konnte man auf sich selbst zurückreflektieren, denn das Blut, das man in sich trug, war der Träger der übersinnlichen Erkenntnis. Man war gewohnt worden, in.sich den Träger der übersinnlichen Erkenntnis zu sehen. Daß die Menschen das fortan nicht nötig haben, war für die Gutwilligen gegeben durch das Ereignis von Golgatha. Aber der allgemeine Entwickelungsgang ging noch eine Weile so fort, daß die Menschen diese Gewohnheit, die sie früher in bezug auf das Blut berechtigt gehabt hatten, nun fortsetzten, ohne daß sie das gottgeheiligte Blut in sich trugen; daß sie auch das Göttlich-Geistige erkennen wollten durch dasjenige, was ebenso in sich selbst gegeben war wie das Blut.

[ 13 ] Es war die Erkenntnis des Übersinnlichen, des Geistig-Seelischen in alten Zeiten an das Blut gebunden; so daß, indem der Mensch durchsetzt wurde von seinem Blute, ihm dieses Blut in die sinnliche Welt hereinbrachte die Offenbarung des Geistig-Seelischen. Das hörte auf, und notwendig war, daß die Menschen sich hinwendeten zu etwas, was nicht durch das Blut gegeben ist. Damit war aber eine große Gefahr verbunden. Damit war die Gefahr verbunden, daß die Menschen in dem Zeitalter, das heraufkam, auch noch in irgendeiner Weise beim Erkennen des Geistig-Seelischen auf sich selbst zurückreflektieren wollten. In alten Zeiten konnte man auf sich selbst zurückreflektieren, denn das Blut, das man in sich trug, war der Träger der übersinnlichen Erkenntnis. Man war gewohnt worden, in.sich den Träger der übersinnlichen Erkenntnis zu sehen. Daß die Menschen das fortan nicht nötig haben, war für die Gutwilligen gegeben durch das Ereignis von Golgatha. Aber der allgemeine Entwickelungsgang ging noch eine Weile so fort, daß die Menschen diese Gewohnheit, die sie früher in bezug auf das Blut berechtigt gehabt hatten, nun fortsetzten, ohne daß sie das gottgeheiligte Blut in sich trugen; daß sie auch das Göttlich-Geistige erkennen wollten durch dasjenige, was ebenso in sich selbst gegeben war wie das Blut.

[ 14 ] Die Gefahr, die sich da herausstellte, bestand in folgendem, und es ist heute wichtig, daß diese Gefahr sich aufkläre. Das Blut bekommt man durch seine Abstammung, das Blut bekommt man durch die Geburt, und man trägt, wenn man fünfundzwanzig, dreißig, fünfunddreißig Jahre alt ist, dieses Blut in sich, das man angestammt hat. Indem man in die Welt hereingetragen wird von den Weltenkräften, ‚bekommt man das Blut. Lebt im Blute die Garantie für das menschliche seelisch-geistige Wesen, dann kann man sich auf dieses Blut verlassen. Aber dieses Blut hatte allmählich die Tragfähigkeit für das göttlich-geistige Wesen abgelegt. Die Menschen aber wollten noch immer den Weg zu diesem göttlich-geistigen Wesen auf dieselbe Art in sich finden, einfach dadurch, daß sie geboren sind. Aber die Menschen konnten immer weniger finden den Weg in das Göttlich-Geistige einfach dadurch, daß sie geboren sind. Denn wenn das Blut nicht hereinträgt in unser sinnliches Dasein die Überzeugung von dem Übersinnlichen, so trägt unser Organismus keine Beziehung zu dem Übersinnlichen herein. Und so kam es, daß die Menschen sich nur fragen wollten nach dem Übersinnlichen, indem sie sich auf sich selbst zunächst verließen, das heißt auf alles dasjenige, was sie mit der Geburt in dasErdendasein hineintragen. Aber im Christentum liegt die Aufforderung, sich nicht auf das zu verlassen, was man mit der Geburt ins Erdendasein hineinträgt, sondern innerhalb dieses Erdendaseins eine Umwandelung durchzumachen, die Seele sich entwickeln zu lassen, wiedergeboren zu werden in dem Christus, das, was man nicht durch die Geburt empfangen hat, durch die Erziehung zu empfangen, durch das Erdenleben selbst zu empfangen. Das konnte nicht so schnell verstanden werden. Daher kam es, daß noch die Nachklänge der alten Blutsweisheit bis in das 15. Jahrhundert blieben, daß von da aus noch die Gewohnheit blieb, das Göttlich-Geistige zu sehen durch die Abstammung, daß aber zuletzt im 19. Jahrhundert bei dieser Gewohnheit der Mensch nicht mehr das Göttlich-Geistige sah, sondern nurmehr das Materielle. Weil der Mensch das Göttlich-Geistige nur noch sehen wollte durch den nicht umgewandelten Organismus, so sah er zuletzt dieses Göttlich-Geistige überhaupt nicht mehr, und so kam mit dem 19. Jahrhundert die große Katastrophe der Gottverlassenheit der Menschen, des Unchristlichwerdens der Menschen, weil jetzt im Grunde erst endgültig herauskam, was zuerst durch die Tradition verdeckt war.

[ 14 ] Die Gefahr, die sich da herausstellte, bestand in folgendem, und es ist heute wichtig, daß diese Gefahr sich aufkläre. Das Blut bekommt man durch seine Abstammung, das Blut bekommt man durch die Geburt, und man trägt, wenn man fünfundzwanzig, dreißig, fünfunddreißig Jahre alt ist, dieses Blut in sich, das man angestammt hat. Indem man in die Welt hereingetragen wird von den Weltenkräften, ‚bekommt man das Blut. Lebt im Blute die Garantie für das menschliche seelisch-geistige Wesen, dann kann man sich auf dieses Blut verlassen. Aber dieses Blut hatte allmählich die Tragfähigkeit für das göttlich-geistige Wesen abgelegt. Die Menschen aber wollten noch immer den Weg zu diesem göttlich-geistigen Wesen auf dieselbe Art in sich finden, einfach dadurch, daß sie geboren sind. Aber die Menschen konnten immer weniger finden den Weg in das Göttlich-Geistige einfach dadurch, daß sie geboren sind. Denn wenn das Blut nicht hereinträgt in unser sinnliches Dasein die Überzeugung von dem Übersinnlichen, so trägt unser Organismus keine Beziehung zu dem Übersinnlichen herein. Und so kam es, daß die Menschen sich nur fragen wollten nach dem Übersinnlichen, indem sie sich auf sich selbst zunächst verließen, das heißt auf alles dasjenige, was sie mit der Geburt in dasErdendasein hineintragen. Aber im Christentum liegt die Aufforderung, sich nicht auf das zu verlassen, was man mit der Geburt ins Erdendasein hineinträgt, sondern innerhalb dieses Erdendaseins eine Umwandelung durchzumachen, die Seele sich entwickeln zu lassen, wiedergeboren zu werden in dem Christus, das, was man nicht durch die Geburt empfangen hat, durch die Erziehung zu empfangen, durch das Erdenleben selbst zu empfangen. Das konnte nicht so schnell verstanden werden. Daher kam es, daß noch die Nachklänge der alten Blutsweisheit bis in das 15. Jahrhundert blieben, daß von da aus noch die Gewohnheit blieb, das Göttlich-Geistige zu sehen durch die Abstammung, daß aber zuletzt im 19. Jahrhundert bei dieser Gewohnheit der Mensch nicht mehr das Göttlich-Geistige sah, sondern nurmehr das Materielle. Weil der Mensch das Göttlich-Geistige nur noch sehen wollte durch den nicht umgewandelten Organismus, so sah er zuletzt dieses Göttlich-Geistige überhaupt nicht mehr, und so kam mit dem 19. Jahrhundert die große Katastrophe der Gottverlassenheit der Menschen, des Unchristlichwerdens der Menschen, weil jetzt im Grunde erst endgültig herauskam, was zuerst durch die Tradition verdeckt war.

[ 15 ] Bis zur Entstehung des Protestantismus gab es eine christliche Tradition. Was sich die Apostel und Apostelschüler und die Kirchenväter erzählt haben, die eine lebendige Tradition fortbewahrt haben, das knüpfte an die Offenbarung von Golgatha an. Aber die Tragfähigkeit dieser Tradition wurde immer dünner und dünner. Aus sich selbst her-, aus kamen aber die Menschen nicht zu einer Auffassung des Ereignisses von Golgatha. Nun kam das 15.,16.,17., das 18. und das 19. Jahrhundert; die Menschen verloren den Zusammenhang mit der Tradition. Sie gaben zuletzt nur noch etwas auf die Schrift. Es kam die Zeit des Protestantismus, in der nur auf die Schrift etwas gegeben wurde. Die Tradition war aufgegeben worden. Aber im 19. Jahrhundert verfiel auch das richtige Verständnis der Schrift, und im Grunde genommen ist es bei der größten Zahl derer, die heute noch vorgeben, Christen zu sein, eben durchaus kein Christentum mehr, zu dem sie sich bekennen. Daher kam erst im Laufe des 19. Jahrhunderts, wo die Notwendigkeit auftrat, das Ereignis von Golgatha wieder neu zu finden, das letzte Aufflackern des antichristlichen Elementes, das ja natürlich schon da war unter der Oberfläche der Erscheinungen, das aber übertüncht war eine Zeitlang durch Tradition und Schriftwerk, herauf und wurde im Beginne des 20. Jahrhunderts am stärksten. Schrift und Tradition hatten für die meisten Menschen keine Bedeutung mehr. Selbst aber hatten sie noch nicht entzündet dasjenige Licht, das sie hinführte zu einem Wiederbegreifen des Ereignisses von Golgatha.

[ 15 ] Bis zur Entstehung des Protestantismus gab es eine christliche Tradition. Was sich die Apostel und Apostelschüler und die Kirchenväter erzählt haben, die eine lebendige Tradition fortbewahrt haben, das knüpfte an die Offenbarung von Golgatha an. Aber die Tragfähigkeit dieser Tradition wurde immer dünner und dünner. Aus sich selbst her-, aus kamen aber die Menschen nicht zu einer Auffassung des Ereignisses von Golgatha. Nun kam das 15.,16.,17., das 18. und das 19. Jahrhundert; die Menschen verloren den Zusammenhang mit der Tradition. Sie gaben zuletzt nur noch etwas auf die Schrift. Es kam die Zeit des Protestantismus, in der nur auf die Schrift etwas gegeben wurde. Die Tradition war aufgegeben worden. Aber im 19. Jahrhundert verfiel auch das richtige Verständnis der Schrift, und im Grunde genommen ist es bei der größten Zahl derer, die heute noch vorgeben, Christen zu sein, eben durchaus kein Christentum mehr, zu dem sie sich bekennen. Daher kam erst im Laufe des 19. Jahrhunderts, wo die Notwendigkeit auftrat, das Ereignis von Golgatha wieder neu zu finden, das letzte Aufflackern des antichristlichen Elementes, das ja natürlich schon da war unter der Oberfläche der Erscheinungen, das aber übertüncht war eine Zeitlang durch Tradition und Schriftwerk, herauf und wurde im Beginne des 20. Jahrhunderts am stärksten. Schrift und Tradition hatten für die meisten Menschen keine Bedeutung mehr. Selbst aber hatten sie noch nicht entzündet dasjenige Licht, das sie hinführte zu einem Wiederbegreifen des Ereignisses von Golgatha.

[ 16 ] Nur weil das so kam, konnten noch im 19. Jahrhundert und ins 20. Jahrhundert herein die allerunchristlichsten Erscheinungen die Menschheit ergreifen. Zwei der unchristlichsten Erscheinungen sind gerade diejenigen, die ins 19. Jahrhundert hereinspielten. Da ist die erste Erscheinung, die wir allmählich aufglimmen sehen, im 19. Jahrhundert heraufkommend, immer mehr und mehr die Gemüter ergreifend: es ist das Aufkommen des Nationalitätsprinzips. Der Schatten des Blutsprinzips kommt herauf. Es wird aus dem Prinzip der Nationalität heraus das christliche Allgemeinmenschliche vollständig zurückgedrängt, weil noch nicht der neue Weg da war, dieses christliche Allgemeinmenschliche zu finden. Das Antichristliche tritt auf zunächst in der Form des Nationalitätenprinzips. In den Nationalitätsbewußtseinen lebt wieder auf das alte Luziferische des Blutes. Und wir sehen die Auflehnung gegen das Christentum in den Nationalismen des 19. Jahrhunderts, was zuletzt gipfelt in der Phrase Woodrow Wilsons von dem Selbstbestimmungsrecht der Nationalitäten, während die einzige Realität in der Gegenwart nur sein könnte die Überwindung der Nationalismen, die Auslöschung der Nationalismen und das Ergriffenwerden der Menschen von dem allgemeinen Menschtum.

[ 16 ] Nur weil das so kam, konnten noch im 19. Jahrhundert und ins 20. Jahrhundert herein die allerunchristlichsten Erscheinungen die Menschheit ergreifen. Zwei der unchristlichsten Erscheinungen sind gerade diejenigen, die ins 19. Jahrhundert hereinspielten. Da ist die erste Erscheinung, die wir allmählich aufglimmen sehen, im 19. Jahrhundert heraufkommend, immer mehr und mehr die Gemüter ergreifend: es ist das Aufkommen des Nationalitätsprinzips. Der Schatten des Blutsprinzips kommt herauf. Es wird aus dem Prinzip der Nationalität heraus das christliche Allgemeinmenschliche vollständig zurückgedrängt, weil noch nicht der neue Weg da war, dieses christliche Allgemeinmenschliche zu finden. Das Antichristliche tritt auf zunächst in der Form des Nationalitätenprinzips. In den Nationalitätsbewußtseinen lebt wieder auf das alte Luziferische des Blutes. Und wir sehen die Auflehnung gegen das Christentum in den Nationalismen des 19. Jahrhunderts, was zuletzt gipfelt in der Phrase Woodrow Wilsons von dem Selbstbestimmungsrecht der Nationalitäten, während die einzige Realität in der Gegenwart nur sein könnte die Überwindung der Nationalismen, die Auslöschung der Nationalismen und das Ergriffenwerden der Menschen von dem allgemeinen Menschtum.

[ 17 ] Das zweite ist, daß die Menschen nicht aus dem erweckten Seelischen ihre Welterkenntnis entnehmen wollen, sondern aus dem bloßen Abbild, aus dem materiellen Abbild dieses Seelischen. Der Anblick des Seelischen selber ist erstorben, aber der Mensch ist als natürliches Wesen ein Abbild dieses Göttlich-Geistigen. Dieses Abbild kann zwar nicht Geist-Erkenntnisse hervorrufen, aber intellektualistische Erkenntnisse. Das ist ja das Geheimnis, von dem ich Ihnen hier öfter gesprochen habe: daß die Menschen das Geistige zwar erkennen müssen, indem sie sich zum Geist erheben, daß aber für das, was heute intellektualistisch ergriffen wird, das Gehirn das wirkliche Werkzeug ist.

[ 17 ] Das zweite ist, daß die Menschen nicht aus dem erweckten Seelischen ihre Welterkenntnis entnehmen wollen, sondern aus dem bloßen Abbild, aus dem materiellen Abbild dieses Seelischen. Der Anblick des Seelischen selber ist erstorben, aber der Mensch ist als natürliches Wesen ein Abbild dieses Göttlich-Geistigen. Dieses Abbild kann zwar nicht Geist-Erkenntnisse hervorrufen, aber intellektualistische Erkenntnisse. Das ist ja das Geheimnis, von dem ich Ihnen hier öfter gesprochen habe: daß die Menschen das Geistige zwar erkennen müssen, indem sie sich zum Geist erheben, daß aber für das, was heute intellektualistisch ergriffen wird, das Gehirn das wirkliche Werkzeug ist.

[ 18 ] Über den Intellektualismus sollte man materialistisch denken; denn alles das, was gedacht wird, so wie die heutige Wissenschaft denkt, so wie die heutige Theologie denkt, wie das im Umkreis liegende heutige christliche Bewußtsein denkt, all das ist nur vom menschlichen Gehirn gedacht, ist Materialismus. Die eine Seite sind die Wortbekenntnisse, die andere Seite ist der Bolschewismus. Der Bolschewismus ist dadurch so zerstörend für die Menschheit, weil er das Bekenntnis des bloßen Gehirns ist, des materiellen Gehirnes. Und ich habe Ihnen öfter geschildert, wie dieses materielle Gehirn eigentlich ein Dekadenzprozeß ist. Wir können unseren Materialismus eigentlich nur dadurch entfalten, daß in unserem Gehirn fortwährend Zerstörungs-, Todesprozesse sind. Wenden wir das, was auf diese Weise gedacht wird in dem Leninismus, in dem Trotzkismus, auf die soziale Ordnung an, dann muß ein Zerstörungsprozeß hervorgehen, denn es wird gedacht über die soziale Ordnung aus dem heraus, was selbst Boden der Zerstörung ist: das Ahrimanische. Das ist diese andere Seite.

[ 18 ] Über den Intellektualismus sollte man materialistisch denken; denn alles das, was gedacht wird, so wie die heutige Wissenschaft denkt, so wie die heutige Theologie denkt, wie das im Umkreis liegende heutige christliche Bewußtsein denkt, all das ist nur vom menschlichen Gehirn gedacht, ist Materialismus. Die eine Seite sind die Wortbekenntnisse, die andere Seite ist der Bolschewismus. Der Bolschewismus ist dadurch so zerstörend für die Menschheit, weil er das Bekenntnis des bloßen Gehirns ist, des materiellen Gehirnes. Und ich habe Ihnen öfter geschildert, wie dieses materielle Gehirn eigentlich ein Dekadenzprozeß ist. Wir können unseren Materialismus eigentlich nur dadurch entfalten, daß in unserem Gehirn fortwährend Zerstörungs-, Todesprozesse sind. Wenden wir das, was auf diese Weise gedacht wird in dem Leninismus, in dem Trotzkismus, auf die soziale Ordnung an, dann muß ein Zerstörungsprozeß hervorgehen, denn es wird gedacht über die soziale Ordnung aus dem heraus, was selbst Boden der Zerstörung ist: das Ahrimanische. Das ist diese andere Seite.

[ 19 ] Diese zwei Dinge sind heraufgekommen für die gesamten christlichen Elemente des 19. und 20. Jahrhunderts: der Nationalismus, die luziferische Gestalt des Anti-Christentums, und dasjenige, was gipfelt in den Leninismen und Trotzkismen, die ahrimanische Gestalt des AntiChristentums. Das sind die Schaufeln, mit denen heute das Grab des Christentums gegraben werden soll, die Nationalismen und die Leninismen. Und überall, wo Kultus getrieben wird mit Nationalismen und mit Trotzkismen, wenn auch in abgeschwächter Gestalt, dort wird heute dem Christentum das Grab gegraben, dort herrscht für den Einsichtigen eine Stimmung, die im rechten Sinne eine Karsamstag-Stimmung ist.

[ 19 ] Diese zwei Dinge sind heraufgekommen für die gesamten christlichen Elemente des 19. und 20. Jahrhunderts: der Nationalismus, die luziferische Gestalt des Anti-Christentums, und dasjenige, was gipfelt in den Leninismen und Trotzkismen, die ahrimanische Gestalt des AntiChristentums. Das sind die Schaufeln, mit denen heute das Grab des Christentums gegraben werden soll, die Nationalismen und die Leninismen. Und überall, wo Kultus getrieben wird mit Nationalismen und mit Trotzkismen, wenn auch in abgeschwächter Gestalt, dort wird heute dem Christentum das Grab gegraben, dort herrscht für den Einsichtigen eine Stimmung, die im rechten Sinne eine Karsamstag-Stimmung ist.

[ 20 ] Der Träger des Christentums ruht im Grabe, und die Menschen legen einen Stein darauf. Zwei Steine legten die Menschen auf den Repräsentanten des Christentums: die Nationalismen und die äußerlichen Sozialismen. Und notwendig hat die Menschheit, herbeizuführen die Zeit des Ostersonntags, des Hinweghebens des Steines oder der Steine vom Grabe. Aber nicht früher wird das Christentum aus dem Grab auferstehen, bevor nicht die Menschen überwinden die Nationalismen und die falschen Sozialismen, bevor nicht die Menschen den Weg finden, das von sich aus zu suchen, was zum Verständnis des Mysteriums von Golgatha führen kann.

[ 20 ] Der Träger des Christentums ruht im Grabe, und die Menschen legen einen Stein darauf. Zwei Steine legten die Menschen auf den Repräsentanten des Christentums: die Nationalismen und die äußerlichen Sozialismen. Und notwendig hat die Menschheit, herbeizuführen die Zeit des Ostersonntags, des Hinweghebens des Steines oder der Steine vom Grabe. Aber nicht früher wird das Christentum aus dem Grab auferstehen, bevor nicht die Menschen überwinden die Nationalismen und die falschen Sozialismen, bevor nicht die Menschen den Weg finden, das von sich aus zu suchen, was zum Verständnis des Mysteriums von Golgatha führen kann.

[ 21 ] Wenn heute die Menschen sich aus der Stimmung der Gegenwart zu dem Glauben Christi hinbegeben, dann muß ihnen — dies wäre ganz gerechtfertigt — der Engel erscheinen und ihnen dasselbe sagen, was er geantwortet hat, als er gefragt worden ist unmittelbar in der Zeit des Mysteriums: «Der, den ihr suchet, ist nicht mehr hie.» Er war dazumal nicht mehr hie, weil die Menschen erst durch die Tradition sich durchfinden mußten und durch die Schrift, um zu einer Eigenerkenntnis des Mysteriums von Golgatha zu kommen. Heute ist diese Notwendigkeit vorhanden, denn die Schrift sagt nicht mehr das, was gewußt werden soll, die Tradition sagt nicht mehr, was gewußt werden soll. Nur die ursprüngliche menschliche Erkenntnis kann wiederum sagen, was gewußt werden muß. Und die Zeit muß herbeigeführt werden, wo der Engel antwortet: Der, den ihr suchet, ist hie. — Aber er wird nicht hie sein, bevor verschwinden die antichristlichen Impulse unserer Zeit. Paulus wollte die Menschen zusammenrufen zu einer Gemeinschaft mit dem Bewußtsein: die Unsterblichkeit ist dem Menschen sicher durch den Tod hindurch, «in Christo sterben wir». Bevor nicht wieder verstanden wird, daß nur Geist-Erkenntnis zu dem Verständnis des Paulus wirklich führen kann, kann auch keine soziale Besserung kommen, sondern nur weiterer sozialer Niedergang. Das ist das, was heute auch in bezug auf das Christentum verstanden werden muß: daß der Mensch erzogen werden muß zu der Geist-Erkenntnis, wie er in alten Zeiten geboren worden ist zu der Geist-Erkenntnis.

[ 21 ] Wenn heute die Menschen sich aus der Stimmung der Gegenwart zu dem Glauben Christi hinbegeben, dann muß ihnen — dies wäre ganz gerechtfertigt — der Engel erscheinen und ihnen dasselbe sagen, was er geantwortet hat, als er gefragt worden ist unmittelbar in der Zeit des Mysteriums: «Der, den ihr suchet, ist nicht mehr hie.» Er war dazumal nicht mehr hie, weil die Menschen erst durch die Tradition sich durchfinden mußten und durch die Schrift, um zu einer Eigenerkenntnis des Mysteriums von Golgatha zu kommen. Heute ist diese Notwendigkeit vorhanden, denn die Schrift sagt nicht mehr das, was gewußt werden soll, die Tradition sagt nicht mehr, was gewußt werden soll. Nur die ursprüngliche menschliche Erkenntnis kann wiederum sagen, was gewußt werden muß. Und die Zeit muß herbeigeführt werden, wo der Engel antwortet: Der, den ihr suchet, ist hie. — Aber er wird nicht hie sein, bevor verschwinden die antichristlichen Impulse unserer Zeit. Paulus wollte die Menschen zusammenrufen zu einer Gemeinschaft mit dem Bewußtsein: die Unsterblichkeit ist dem Menschen sicher durch den Tod hindurch, «in Christo sterben wir». Bevor nicht wieder verstanden wird, daß nur Geist-Erkenntnis zu dem Verständnis des Paulus wirklich führen kann, kann auch keine soziale Besserung kommen, sondern nur weiterer sozialer Niedergang. Das ist das, was heute auch in bezug auf das Christentum verstanden werden muß: daß der Mensch erzogen werden muß zu der Geist-Erkenntnis, wie er in alten Zeiten geboren worden ist zu der Geist-Erkenntnis.

[ 22 ] Auch wenn man die Sache so betrachtet, tritt einem der ganze Ernst der gegenwärtigen Zeit entgegen. Vor allen Dingen tritt einem entgegen die Notwendigkeit, daß man wirklich arbeiten muß an der Durchgeistigung unserer Kultur. Soll denn ganz abgebrochen werden die Brücke zu der geistigen Welt hin, in die der Mensch ja einzugehen hat, wenn er durch die Pforte des Todes geht, in der der Mensch sich aufzuhalten hat zwischen dem Tod und einer neuen Geburt? Man bedenke, daß diese Brücke in die geistige Welt abgebrochen wird durch die Nationalismen und durch die falschen Sozialismen. Man bedenke, daß diese Dinge innig zusammenhängen mit den gründlichsten Notwendigkeiten unserer Zeit. Und wer sich mit diesen Dingen nicht bekanntmachen kann, wer also fortfahren will in dem Bewußtsein, daß nur das Ergebnis des materiellen Prozesses im Menschen ist, der arbeitet mit allen Kräften an dem Weitergehen der Dekadenz. Denn heute ist der Zeitpunkt da, in dem sich die Dinge entscheiden müssen. Sie müssen sich entscheiden. Aber sie können sich nur entscheiden durch der Menschen freien Willen. Freier Wille aber ist nur möglich auf Grundlage wirklicher Geist-Erkenntnis.

[ 22 ] Auch wenn man die Sache so betrachtet, tritt einem der ganze Ernst der gegenwärtigen Zeit entgegen. Vor allen Dingen tritt einem entgegen die Notwendigkeit, daß man wirklich arbeiten muß an der Durchgeistigung unserer Kultur. Soll denn ganz abgebrochen werden die Brücke zu der geistigen Welt hin, in die der Mensch ja einzugehen hat, wenn er durch die Pforte des Todes geht, in der der Mensch sich aufzuhalten hat zwischen dem Tod und einer neuen Geburt? Man bedenke, daß diese Brücke in die geistige Welt abgebrochen wird durch die Nationalismen und durch die falschen Sozialismen. Man bedenke, daß diese Dinge innig zusammenhängen mit den gründlichsten Notwendigkeiten unserer Zeit. Und wer sich mit diesen Dingen nicht bekanntmachen kann, wer also fortfahren will in dem Bewußtsein, daß nur das Ergebnis des materiellen Prozesses im Menschen ist, der arbeitet mit allen Kräften an dem Weitergehen der Dekadenz. Denn heute ist der Zeitpunkt da, in dem sich die Dinge entscheiden müssen. Sie müssen sich entscheiden. Aber sie können sich nur entscheiden durch der Menschen freien Willen. Freier Wille aber ist nur möglich auf Grundlage wirklicher Geist-Erkenntnis.

[ 23 ] In der Zeit, in der das Mysterium von Golgatha stattfand, hat man in Rom eigentlich eine merkwürdige Toleranz geübt gegen alle Bekenntnisse. Nach und nach hat man sich sogar aufgeschwungen, nachdem man das lange nicht getan hatte, zu einer gewissen Toleranz gegenüber dem Judentum. In Rom war man sehr tolerant zur Zeit, als das Mysterium von Golgatha allmählich in die Entwickelung der Menschheit, also in die Entwickelung der damaligen Zeit sich einlebte — nur just gegen die Christen wurde man immer intoleranter. Man wurde gegen die Christen allmählich so intolerant in Rom, wie man im Nachbilde bei den heutigen einzelnen Nationalitäten immer intoleranter gegen die anderen Nationalitäten geworden ist. Es ist eigentlich für das, wie sich die Nationalitäten heute verhalten, das Vorbild die Intoleranz der Römer gegen das Auftreten einer wirklichen GeistErkenntnis; denn gegen diese lehnt sich sozusagen alles auf. Es gibt heute ganz hübsche Bündnisse, wenn sie auch an der Oberfläche noch nicht bemerkt werden, zwischen Jesuitismus und den allerradikalsten Elementen da oder dort. Aber in der Ablehnung der Geist-Erkenntnis sind schließlich die allerradikalsten Kommunisten mit den Jesuiten vollständig einig. Auch das erinnert an die Intoleranz des Römertums gegen das Christentum, und damals und heute hängt es im Grunde genommen mit demselben zusammen. Damals und heute hängt es damit zusammen, daß die Menschen im Grunde genommen in ihrer unbewußten menschlichen Natur den Geist hassen, richtig den Geist hassen. Das Hassen des Geistes, es tritt einem sowohl auf seiten des Nationalismus wie des falschen Sozialismus stark entgegen, dieses Hassen des Geistes, dieses unbewußte Hassen des Geistes. Denn man soll sich nur einmal vorstellen, was heute bedeutet das Hassen des Geistes, und was heute bedeutet Nationalismus! In alten Zeiten hatte der Nationalismus einen Sinn, denn mit dem Blute war verbunden die Geist-Erkenntnis. Wenn heute die Menschen in dem Sinne, wie sie es sind, nationalistisch sind, so ist es völlig sinnlos, denn es hat der Blutszusammenhang keine reelle Bedeutung mehr. Es ist eine bloß phantasierte Bedeutung, dieser Blutszusammenhang, wie er im Nationalismus auftritt. Es ist eine bloße Illusion.

[ 23 ] In der Zeit, in der das Mysterium von Golgatha stattfand, hat man in Rom eigentlich eine merkwürdige Toleranz geübt gegen alle Bekenntnisse. Nach und nach hat man sich sogar aufgeschwungen, nachdem man das lange nicht getan hatte, zu einer gewissen Toleranz gegenüber dem Judentum. In Rom war man sehr tolerant zur Zeit, als das Mysterium von Golgatha allmählich in die Entwickelung der Menschheit, also in die Entwickelung der damaligen Zeit sich einlebte — nur just gegen die Christen wurde man immer intoleranter. Man wurde gegen die Christen allmählich so intolerant in Rom, wie man im Nachbilde bei den heutigen einzelnen Nationalitäten immer intoleranter gegen die anderen Nationalitäten geworden ist. Es ist eigentlich für das, wie sich die Nationalitäten heute verhalten, das Vorbild die Intoleranz der Römer gegen das Auftreten einer wirklichen GeistErkenntnis; denn gegen diese lehnt sich sozusagen alles auf. Es gibt heute ganz hübsche Bündnisse, wenn sie auch an der Oberfläche noch nicht bemerkt werden, zwischen Jesuitismus und den allerradikalsten Elementen da oder dort. Aber in der Ablehnung der Geist-Erkenntnis sind schließlich die allerradikalsten Kommunisten mit den Jesuiten vollständig einig. Auch das erinnert an die Intoleranz des Römertums gegen das Christentum, und damals und heute hängt es im Grunde genommen mit demselben zusammen. Damals und heute hängt es damit zusammen, daß die Menschen im Grunde genommen in ihrer unbewußten menschlichen Natur den Geist hassen, richtig den Geist hassen. Das Hassen des Geistes, es tritt einem sowohl auf seiten des Nationalismus wie des falschen Sozialismus stark entgegen, dieses Hassen des Geistes, dieses unbewußte Hassen des Geistes. Denn man soll sich nur einmal vorstellen, was heute bedeutet das Hassen des Geistes, und was heute bedeutet Nationalismus! In alten Zeiten hatte der Nationalismus einen Sinn, denn mit dem Blute war verbunden die Geist-Erkenntnis. Wenn heute die Menschen in dem Sinne, wie sie es sind, nationalistisch sind, so ist es völlig sinnlos, denn es hat der Blutszusammenhang keine reelle Bedeutung mehr. Es ist eine bloß phantasierte Bedeutung, dieser Blutszusammenhang, wie er im Nationalismus auftritt. Es ist eine bloße Illusion.

[ 24 ] Deshalb haben die Menschen heute, wenn sie solchen Dingen anhängen, kein Recht, irgendwie noch von einem Osterfeste zu sprechen. Das Sprechen vom Osterfeste ist eine Unwahrheit, und die Wahrheit muß gerade darin bestehen, daß der Engel wiederum sagen kann, oder daß der Engel sagen kann jetzt erst: Der, den ihr suchet, der ist hie. — Aber der wird sicher nur mit etwas einverstanden sein, was für alle Menschen gilt. Es ist heute so, wie es bei den Römern war, die am intolerantesten gegen die Christen waren. Denn, was taten denn alle anderen, außer den Christen? Alle anderen außer den Christen verehrten den Kaiser von Rom noch mit den Lippen als einen Gott, opferten auch dem Kaiser von Rom. Die Christen konnten das nicht. Die Christen konnten als ihren einzigen König nur den allmenschlichen Christus Jesus anerkennen.

[ 24 ] Deshalb haben die Menschen heute, wenn sie solchen Dingen anhängen, kein Recht, irgendwie noch von einem Osterfeste zu sprechen. Das Sprechen vom Osterfeste ist eine Unwahrheit, und die Wahrheit muß gerade darin bestehen, daß der Engel wiederum sagen kann, oder daß der Engel sagen kann jetzt erst: Der, den ihr suchet, der ist hie. — Aber der wird sicher nur mit etwas einverstanden sein, was für alle Menschen gilt. Es ist heute so, wie es bei den Römern war, die am intolerantesten gegen die Christen waren. Denn, was taten denn alle anderen, außer den Christen? Alle anderen außer den Christen verehrten den Kaiser von Rom noch mit den Lippen als einen Gott, opferten auch dem Kaiser von Rom. Die Christen konnten das nicht. Die Christen konnten als ihren einzigen König nur den allmenschlichen Christus Jesus anerkennen.

[ 25 ] Hier liegt einer der Punkte, die linienhafte Fortsetzung in die Gegenwart herein bekommen haben. Hier liegt der Punkt. Ja, man braucht es nur so auszusprechen: Was hat denn schließlich der einzelne Mensch, sagen wir in England, noch gemeinschaftlich mit dem, was sich in die Formel kleidet, in der jede ministerielle Verfügung in England erfließt: «Im Namen seiner Majestät des Königs»? Wollte man die Wahrheit, wie sie der Geist fordert, an die Stelle setzen, so würde das eben nicht da sein können. Was hat denn schließlich das, was heute einen wirklichen Franzosen interessieren kann, zu tun mit dem Nationalismus Clemenceaus? Welche innere Verlogenheit steckt in dem Nationalismus Clemenceaus! Es würde heute christlich sein, solche Dinge sich zu gestehen. Aber man ist intolerant gegen solches Geständnis.

[ 25 ] Hier liegt einer der Punkte, die linienhafte Fortsetzung in die Gegenwart herein bekommen haben. Hier liegt der Punkt. Ja, man braucht es nur so auszusprechen: Was hat denn schließlich der einzelne Mensch, sagen wir in England, noch gemeinschaftlich mit dem, was sich in die Formel kleidet, in der jede ministerielle Verfügung in England erfließt: «Im Namen seiner Majestät des Königs»? Wollte man die Wahrheit, wie sie der Geist fordert, an die Stelle setzen, so würde das eben nicht da sein können. Was hat denn schließlich das, was heute einen wirklichen Franzosen interessieren kann, zu tun mit dem Nationalismus Clemenceaus? Welche innere Verlogenheit steckt in dem Nationalismus Clemenceaus! Es würde heute christlich sein, solche Dinge sich zu gestehen. Aber man ist intolerant gegen solches Geständnis.

[ 26 ] Sehen Sie, da kommen wir auf den Punkt, wo Unwahrheit tief in den Seelen der Menschen wuchert. Und diese Unwahrheit formt die anderen Steine des Nationalismus, des falschen Sozialismus zu einem Stein, der auf das Grab gewälzt wird, und mit dem zugedeckt wird dieses Grab. Es wird zugedeckt bleiben, bis die Menschen in der Wahrheit zum Geist-Erkennen, und durch das Geist-Erkennen zum Erfassen des allmenschlichen Christentums wiederum kommen. Vorher gibt es kein Osterfest. Vorher gibt es keine Möglichkeit, daß im Ernste ersetzt werde die schwarze Trauerfarbe durch die rote Osterfarbe; denn vorher ist dieser Ersatz eine menschliche Lüge. Es muß nach dem Geiste gestrebt werden. Das allein kann noch Sinn geben dem heutigen Existieren als Mensch.

[ 26 ] Sehen Sie, da kommen wir auf den Punkt, wo Unwahrheit tief in den Seelen der Menschen wuchert. Und diese Unwahrheit formt die anderen Steine des Nationalismus, des falschen Sozialismus zu einem Stein, der auf das Grab gewälzt wird, und mit dem zugedeckt wird dieses Grab. Es wird zugedeckt bleiben, bis die Menschen in der Wahrheit zum Geist-Erkennen, und durch das Geist-Erkennen zum Erfassen des allmenschlichen Christentums wiederum kommen. Vorher gibt es kein Osterfest. Vorher gibt es keine Möglichkeit, daß im Ernste ersetzt werde die schwarze Trauerfarbe durch die rote Osterfarbe; denn vorher ist dieser Ersatz eine menschliche Lüge. Es muß nach dem Geiste gestrebt werden. Das allein kann noch Sinn geben dem heutigen Existieren als Mensch.

[ 27 ] Gerade wer den Gang der Entwickelung der Menschheit in unsere Zeit herein versteht, der muß das Wort für die heutige Zeit in der richtigen Weise prägen: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt.» Nein, dasjenige, was angestrebt werden muß, damit wieder zu einer Hoffnung für die Zukunft gekommen werden kann, das darf auch nicht von dieser Welt sein. Aber es spricht allerdings sehr gegen die menschliche Bequemlichkeit! Es ist schon bequemer, sich die alten Gewohnheiten als Ideale zu zimmern und sich dann innere seelische Wollust zu bereiten dadurch, daß man sich diese alten Gewohnheiten als Ideale zimmert. Es ist schon bequemer dies, als sich zu sagen: Es muß hingeschaut werden auf die große Verantwortlichkeit gegenüber der Menschenzukunft, der man allein gerecht werden kann dadurch, daß man das Streben nach dem geistigen Erkennen in die menschlichen Impulse aufnimmt.

[ 27 ] Gerade wer den Gang der Entwickelung der Menschheit in unsere Zeit herein versteht, der muß das Wort für die heutige Zeit in der richtigen Weise prägen: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt.» Nein, dasjenige, was angestrebt werden muß, damit wieder zu einer Hoffnung für die Zukunft gekommen werden kann, das darf auch nicht von dieser Welt sein. Aber es spricht allerdings sehr gegen die menschliche Bequemlichkeit! Es ist schon bequemer, sich die alten Gewohnheiten als Ideale zu zimmern und sich dann innere seelische Wollust zu bereiten dadurch, daß man sich diese alten Gewohnheiten als Ideale zimmert. Es ist schon bequemer dies, als sich zu sagen: Es muß hingeschaut werden auf die große Verantwortlichkeit gegenüber der Menschenzukunft, der man allein gerecht werden kann dadurch, daß man das Streben nach dem geistigen Erkennen in die menschlichen Impulse aufnimmt.

[ 28 ] So wird aus dem, was in der heutigen Zeit der Mensch erkennen sollte, das Osterfest bleiben müssen ein Fest der Mahnung statt eines Festes der Freude. Und eigentlich müssen diejenigen, die es ernst und ehrlich meinen mit der Menschheit, heute die Osterworte nicht sagen: Der Christus ist erstanden —, sondern sie müßten sagen: Der Christus soll und muß erstehen.

[ 28 ] So wird aus dem, was in der heutigen Zeit der Mensch erkennen sollte, das Osterfest bleiben müssen ein Fest der Mahnung statt eines Festes der Freude. Und eigentlich müssen diejenigen, die es ernst und ehrlich meinen mit der Menschheit, heute die Osterworte nicht sagen: Der Christus ist erstanden —, sondern sie müßten sagen: Der Christus soll und muß erstehen.