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Spiritual Scientific Insight into the
Fundamental Impulses of Social Organization
GA 199

11 September 1920, Dornach

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Sechzehnter Vortrag

Sixteenth Lecture

[ 1 ] Von dem Umschwung, der sich notwendigerweise in unserer ganzen Zivilisation vollziehen muß, habe ich nun in einer ganzen Reihe von Vorträgen gesprochen. Und vor allen Dingen ist, was nach dieser Richtung hin gesprochen worden ist, so gesprochen worden, daß an den Willen der Menschen appelliert wird. Wir leben heute in einem Zyklus der Menschheitsentwickelung, in dem die Menschen die innere Aktivität finden müssen, um zu diesem notwendigen Umschwunge das ihrige beizutragen. Denn es wird menschliche Seelensubstanz sein, die in die Objektivität, in das äußere Leben wird überzufließen haben, und von den Menschen selbst wird getan werden müssen, was da erscheinen soll. Und man kann im heutigen Entwickelungszyklus der Menschheit nicht mehr in passiver Weise abwarten, daß von irgendwelchen, den Menschen ganz ferne stehenden göttlichen Mächten ohne menschliches Zutun eingegriffen werde in die menschliche Entwickelung.

[ 1 ] I have now spoken in a whole series of lectures about the transformation that must necessarily take place throughout our entire civilization. And above all, what has been said in this regard has been said in a way that appeals to people’s will. We are living today in a cycle of human development in which people must find the inner initiative to contribute their own part to this necessary transformation. For it will be the substance of the human soul that must flow into objectivity, into outer life, and it will be up to human beings themselves to bring about what is to appear there. And in the current cycle of human development, one can no longer passively wait for some divine powers—entirely remote from human beings—to intervene in human development without human involvement.

[ 2 ] Nun handelt es sich darum, daß man in der Lage ist, solche Dinge an den einzelnen Erscheinungen des sozialen Lebens zu verstehen, auch des Naturlebens, aber wir reden heute von einzelnen Erscheinungen des sozialen Lebens. Ich möchte von einer ganz bestimmten Tatsache ausgehen. Nehmen wir einmal an, irgendwo läßt sich jemand melden, meinetwillen, er schickt seine Karte zunächst; darauf steht: Edmund Müller. Aber was wäre man für ein Mensch, wenn man, nachdem man diese Karte «Edmund Müller» bekommt, denken würde, es kommt ein Müller, der Korn zu Mehl mahlt! Denn vielleicht ist derjenige, der Edmund Müller heißt und sich melden läßt, sagen wir zunächst ein Baumeister oder Professor oder ein Hofrat oder sonst irgend etwas. Nicht wahr, niemand ist in einem solchen Fall berechtigt, aus dem Namen Müller irgend etwas herauszuholen, sondern es handelt sich darum, daß man vielleicht noch gar keine Gedanken faßt, sondern abwartet, was hinter dem Namen Müller steckt, oder aber, man weiß es aus irgendwelchen andern Lebenszusammenhängen heraus, welche Wesenheit, welche wirkliche Lebensentität hinter diesem Namen Müller steckt.

[ 2 ] The point is that one must be able to understand such things in the context of individual phenomena of social life—and indeed of natural life as well—but today we are talking about individual phenomena of social life. I would like to start with a very specific fact. Let’s suppose that somewhere, someone introduces themselves—for the sake of argument, let’s say they send their business card first; on which it says: Edmund Müller. But what kind of person would you be if, after receiving this card reading “Edmund Müller,” you thought, “Here comes a Müller who grinds grain into flour!” For perhaps the person named Edmund Müller who has announced his arrival is, let’s say, a master builder or a professor or a court councilor or something else entirely. Isn’t it true that in such a case, no one is entitled to draw any conclusions from the name Müller? Rather, the point is that one might not even form any thoughts yet, but instead wait to see what lies behind the name Müller—or, if one knows from some other context in life, what essence, what real life entity lies behind this name Müller.

[ 3 ] Man sieht in einem solchen Falle ein, wie unrecht man haben würde, aus dem Namen Müller auf den Charakter der eintretenden Persönlichkeit zu schließen. Oder wenn sich irgend jemand meldet, der zum Beispiel «Schmied» heißt, so wird man auch nicht schließen, daß er ein Schmied sei oder dergleichen. Das heißt, wir haben denjenigen Worten gegenüber, die wir als Eigennamen empfinden, das Bedürfnis, durch etwas, was nicht aus dem Namen folgt, dahinterzukommen, mit was oder mit wem wir es eigentlich zu tun haben.

[ 3 ] In such a case, one realizes how wrong it would be to draw conclusions about the character of the person in question based on the name “Müller.” Or if someone introduces themselves as “Schmied,” for example, one would not assume that they are a blacksmith or anything of the sort. In other words, when faced with words that we perceive as proper names, we feel the need to use information not derived from the name itself to figure out what or who we are actually dealing with.

[ 4 ] Nun, auch Eigennamen haben in dieser Richtung eine bestimmte Geschichte durchgemacht. Jemand, der heute «Schmied» heißt, hat nichts mehr mit einem Schmied zu tun. Wer «Müller» heißt, hat nichts mehr mit einem Müller zu tun. Aber die Namen kommen doch ursprünglich davon her, daß in irgendeinem Dorfe in der Zeit, als es noch nicht eine solche Namengebung gegeben hat wie heute, man gemeint hat: der Schmied habe es gesagt; da hatte man aber den wirklichen Schmied gemeint. Oder der Müller hat es gesagt oder getan, oder: Ich habe den Müller gesehen. — Wer in Dörfern gelebt hat, weiß, daß man dort oftmals nicht mit Eigennamen die Leute bezeichnet, sondern daß man sagt: den Schmied oder den Baumeister oder so irgend jemanden habe man gesehen. Also da hatte ursprünglich der Name Veranlassung gegeben, aus ihm heraus, aus dem Worte heraus auf dasjenige zu schließen, was hinter den Worten steckt.

[ 4 ] Well, proper names, too, have gone through a certain evolution in this regard. Someone named “Schmied” today has nothing to do with a blacksmith anymore. Someone named “Müller” no longer has anything to do with a miller. But these names originally stem from the fact that in some village, back when naming conventions weren’t like they are today, people would say, “The blacksmith said it”—and by that they meant the actual blacksmith. Or “The miller said it or did it,” or “I saw the miller.” — Anyone who has lived in villages knows that people there often aren’t referred to by their proper names, but rather that one says: “We saw the blacksmith” or “the master builder” or “someone like that.” So originally, the name provided the basis for inferring, from the name itself—from the word—what lay behind the words.

[ 5 ] Denselben Weg, welchen solche Eigennamen machen, bei denen wir diesen Weg schon in völliger Klarheit heute überschauen können, denselben Weg machen in der Zeit der Entwickelung, der wir entgegengehen, in der Zeit vom fünften in den sechsten nachatlantischen Zeitraum hinein, alle Worte durch, wird die ganze Sprache durchmachen. Dennoch stecken wir als Menschen heute noch fast über den ganzen Umfang der Sprache hinüber darinnen, unsere ganze Weisheit im Grunde aus der Sprache heraus zu nehmen. Im Grunde verhalten wir uns gegenüber dem weitaus größten Umfang der Sprache so, daß wir aus den Worten auf die Sache schließen, Man kann es nun bequem finden, aus den Worten auf die Sache zu schließen; aber der Gang der Menschheitsentwickelung ist eben ein anderer, und solchen Dingen gegenüber muß man sich so verhalten, wie auch, ich möchte sagen, den Naturerscheinungen gegenüber. In solchen Dingen gibt es objektive Notwendigkeiten. Objektive Notwendigkeiten gibt es ja auch gegenüber der Naturkausalität in dem Gebiete des Lebens, das viele Menschen bloß in einer luftigen Abstraktheit empfinden und auch ausleben. Kommt es doch — ich habe öfters davon gesprochen — sehr häufig vor, daß man sagt: Ja, ich habe dies oder jenes ja nicht gewollt, nicht gemeint, ich habe es anders gemeint, ich habe bei diesem oder jenem diese oder jene Absicht gehabt. — Aber wenn das Kind noch so sehr die Absicht hat, sich nicht zu verbrennen und greift in das Feuer, so verbrennt es sich eben doch. Über die Dinge des Lebens entscheiden nicht die Absichten, die nicht in das Leben untertauchen, sondern nur höchstens jene Absichten, die wirklich in das Leben untertauchen oder eben die Tatsachen und die gesetzmäßigen Zusammenhänge dieser Tatsachen.

[ 5 ] The same path that proper names take—a path we can already see with complete clarity today—will be followed by every word, indeed by the entire language, as we move forward into the fifth and sixth post-Atlantean epochs. Nevertheless, as human beings today, we are still, across almost the entire scope of language, in the process of deriving all our wisdom essentially from language itself. Essentially, our approach to the vast majority of language is to infer the thing itself from the words. One may find it convenient to infer the thing itself from the words; but the course of human development is precisely different, and one must approach such matters in the same way as—I would say—one approaches natural phenomena. In such matters, there are objective necessities. Objective necessities also exist with regard to natural causality in that realm of life which many people perceive and experience merely as a vague abstraction. After all—as I have often mentioned—it happens very frequently that people say: “Yes, I didn’t want this or that, I didn’t mean it that way; I meant something else; I had this or that intention regarding this or that.”—But no matter how strongly a child intends not to burn itself and reaches into the fire, it will still burn itself. The course of life is not determined by intentions that do not become part of life, but only—at most—by those intentions that truly become part of life, or indeed by the facts and the lawful interrelationships of these facts.

[ 6 ] An diese Denkungsweise sich zu gewöhnen, das ist vor allen Dingen aus geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus im eminentesten Sinne notwendig. Und so muß man sich auch daran gewöhnen, zu denken: So schön es auch wäre, wenn man in bequemer Weise bei den Worten bleiben könnte, so ist es doch so, daß der objektive Gang und die objektive Gesetzmäßigkeit der Menschheitsentwickelung anders sprechen, so sprechen, daß die ganze menschliche Auffassung, das ganze menschliche Seelenleben sich emanzipiert von den Worten, und daß die Worte immer mehr und mehr zu bloßen Gebärden werden, daß sie immer mehr zu dem werden, was hindeutet auf die betreffende Wesenheit, auf die betreffende Sache, was aber nicht mehr die betreffende Sache restlos bezeichnet, restlos etwa erklärt. Wenn man es ernst nimmt zum Beispiel mit geisteswissenschaftlichen Darstellungen, muß daher das eintreten, was man mir so häufig übelnimmt: daß man gar nicht mehr in derselben Weise die Worte gebrauchen kann, wie es in der Gegenwart üblich ist, die Worte und die Sätze zu gebrauchen. Denn, wenn man Geisteswissenschaftliches vertritt, so vertritt man ja heute im eminentesten Sinne eine Zukunftssache, so vertritt man etwas, was in der Zukunft Eigentum der Menschheit werden muß. Da muß man also in einer gewissen Beziehung vorausnehmen, was in der Zukunft eben eintreten soll. Man muß in seinen Willen dasjenige aufnehmen, was in der Zukunft einzutreten hat. Und so muß geisteswissenschaftlich so dargestellt werden, daß ja schon die Worte in einer gewissen Weise gebärdenhaft hindeuten auf das eigentlich Wirkliche, das dahinterliegt. Und da das, was wir heute im Sinne des sozialen Aufbaues denken, wie ich gestern auseinandergesetzt habe, aus dem Geisteswissenschaftlichen herausgeboren werden muß, so ist es auch notwendig, daß gerade bei den dem sozialen Aufbau dienenden Dingen von einem solchen Gesichtspunkt aus gesprochen werde. Das war zum Beispiel, was man bei meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» durchaus nicht verstehen wollte. Man wollte durchaus im alten Stile irgend etwas dargestellt finden, was eben nicht im alten Stil dargestellt werden kann, weil es der Zukunft angehört. Und im Grunde genommen zeigt sich das, was hier vorliegt, am besten darinnen, daß eigentlich fast sämtliche Fragestellungen, die bis jetzt angeknüpft worden sind von dieser oder jener Seite an die Darlegungen der «Kernpunkte der sozialen Frage», immer ganz von der alten Denkweise ausgehen, daß gar nicht der Versuch gemacht wird, sich hineinzufinden in die umgewandelte, in die neue Denkweise.

[ 6 ] Getting used to this way of thinking is, above all, necessary in the most profound sense from the perspective of the humanities. And so one must also get used to thinking: As nice as it would be to be able to stick comfortably to words, the fact is that the objective course and the objective laws of human development speak otherwise—they speak in such a way that the entire human conception, the entire life of the human soul, emancipates itself from words, and that words are increasingly becoming mere gestures, that they are increasingly becoming something that points to the entity in question, to the thing in question, but no longer fully designates or fully explains that thing. If one takes, for example, spiritual scientific descriptions seriously, then what people so often hold against me must inevitably happen: that one can no longer use words in the same way that it is customary to use words and sentences today. For when one advocates spiritual science, one is, in the most eminent sense, advocating a matter of the future; one is advocating something that must become the property of humanity in the future. One must therefore, in a certain sense, anticipate what is to come to pass in the future. One must take into one’s will that which is to come to pass in the future. And so spiritual science must be presented in such a way that the very words, in a certain sense, gesture toward the actual reality that lies behind them. And since what we think today in terms of social structure—as I explained yesterday—must be born out of spiritual science, it is also necessary that, particularly when it comes to matters serving social structure, we speak from such a perspective. That, for example, was what people absolutely refused to understand in my “Key Points of the Social Question.” People wanted to find, in the old style, something that simply cannot be presented in the old style, because it belongs to the future. And, fundamentally speaking, what we have here is best illustrated by the fact that virtually all the questions raised so far—from one side or the other—regarding the arguments in “The Key Points of the Social Question” are always based entirely on the old way of thinking, with no attempt whatsoever to engage with the transformed, new way of thinking.

[ 7 ] Und so können wir sagen: Vor allen Dingen muß sich bei der Darstellung sozialer Zusammenhänge der Zukunft zunächst zeigen, daß hineingetaucht werden muß in diese Emanzipation eines Seelenlebens, das nicht mehr an den Worten haftet. Wer meine Darstellungen auf den verschiedensten Gebieten des Geisteswissenschaftlichen, in letzter Zeit auch auf dem Gebiete des Sozialen, verfolgt, wird finden, daß ich stets bemüht bin, von den verschiedensten Seiten her eine Sache zu erklären, daß ich in der Regel statt eines Satzes zwei Sätze gebrauche, weil der eine Satz gewissermaßen von der einen Seite auf die Sache hindeutet, der andere Satz von der andern Seite, und dann in dem Zuhörer oder in dem Leser ein Gefühl davon hervorgerufen wird: er soll gewissermaßen über die Worte und über die Sätze hinausgehend an die Sache herankommen. Das ist dasjenige, was mit Bezug auf die Umwandlung der menschlichen Sprachbedeutung für das menschliche Seelenleben gesagt werden muß. Und das ist eine wichtige Sache. Sie ist deshalb wichtig, weil ein größerer Teil von dem, was heute in der Verwirrung der Denkweisen und Vorstellungen vorkommt, eigentlich von nichts anderem herrührt, als daß die objektiven, gesetzmäßigen Impulse der Menschheitsentwickelung schon verlangen, daß wir uns frei machen von der Sprache, daß aber die Menschen aus den bequemen Denkgewohnheiten heraus eben nicht loskommen wollen von dem Hängen an der Sprache. Und solch eine Erscheinung, klar aufgefaßt, sie führt dann zu einem tieferen Verständnis des ganzen Werdeganges der Menschheit. Wir können geradezu die Brücke schlagen zu hochgeistigen Tatsachen von dieser Umwandlung unserer Sprache oder unserer Sprachen. Natürlich ist es bei der einen Sprache mehr, bei der andern weniger der Fall. Aber das ist dann eine Sache der speziellen Behandlung der Sprache, der Sprachbedeutungen in den einzelnen, wie ich dargestellt habe, differenzierten Territorien der menschlichen Zivilisation.

[ 7 ] And so we can say: Above all, any depiction of future social relationships must first demonstrate that we must immerse ourselves in this emancipation of a spiritual life that no longer clings to words. Anyone who has followed my presentations in the various fields of spiritual science—and recently also in the social sphere—will find that I always strive to explain a subject from a wide variety of angles; that I generally use two sentences instead of one, because one sentence, so to speak, points to the subject from one side, and the other from the other side, and this evokes a sense in the listener or reader that they should, as it were, go beyond the words and sentences to approach the matter itself. This is what must be said regarding the transformation of the meaning of human language for human soul life. And this is an important matter. It is important because a large part of what occurs today amid the confusion of ways of thinking and concepts actually stems from nothing other than the fact that the objective, law-governed impulses of human development already demand that we free ourselves from language, yet people, out of comfortable habits of thought, simply do not want to let go of their attachment to language. And such a phenomenon, clearly understood, then leads to a deeper understanding of the entire course of human history. We can literally build a bridge to highly spiritual realities through this transformation of our language or our languages. Of course, this is more the case with one language than with another. But that is then a matter of the specific treatment of language and linguistic meanings in the individual, as I have described, differentiated territories of human civilization.

[ 8 ] Nun stehen wir im fünften nachatlantischen Entwickelungszeitraum der Menschheit, und wir nähern uns dem sechsten nachatlantischen Entwickelungszustande. Diese Entwickelungszustände sind ja nicht so, daß man zwischen dem einen und dem andern ganz scharfe Grenzen ziehen kann, sondern der eine geht mit seinen Eigentümlichkeiten in den andern über, und der nächstfolgende wirft längst, bevor er entsteht, seine Schatten voraus, man könnte auch sagen: seine Lichter voraus. Man muß die Lichter erfassen, wenn man mit seiner Seele teilnehmen will an der Entwickelung der Menschheit. Die eine, gewissermaßen überhistorische Tatsache, daß wir uns entgegenzuarbeiten haben dem sechsten nachatlantischen Zeitraum, wollen wir einmal in Verbindung bringen mit der uns auch allen bekannten andern Tatsache, daß der Mensch mit seinem geistig-seelischen Wesen aus einer geistigen Welt zur irdischen Verkörperung heruntersteigt durch die Geburt oder durch die Empfängnis, daß er dann hier auf der Erde durchlebt das Leben zwischen der Geburt und dem Tode, daß er dann durch die Todespforte geht, und indem er durch die Todespforte geht, sein Geistig-Seelisches wiederum hinüberträgt in jene Lebensumgebung, die eben durchaus geistiger, seelischer Art ist.

[ 8 ] We are now in the fifth post-Atlantean stage of human development, and we are approaching the sixth post-Atlantean stage. These stages of development are not such that one can draw sharp boundaries between one and the other; rather, one merges with its distinctive characteristics into the next, and the next stage casts its shadow—or, one might say, its light—far in advance of its emergence. One must grasp this light if one wishes to participate with one’s soul in the development of humanity. Let us connect the one, so to speak, supra-historical fact—that we are working toward the sixth post-Atlantean epoch—with the other fact, familiar to us all, that the human being, with his spiritual-soul nature, descends from a spiritual world into earthly incarnation through birth or conception, that he then lives out his life here on Earth between birth and death, that he then passes through the gate of death, and in passing through the gate of death, carries his spiritual-soul nature back into that realm of existence which is indeed of a purely spiritual and soul-like nature.

[ 9 ] Nun müssen wir uns klar darüber sein — und wie bedeutsam das zum Beispiel gerade für die Erziehungskunst ist, das ist in dieser Zeit auch hier dargelegt worden —, daß wir herunterbringen aus der geistigen Welt, in den Wirkungen wenigstens, dasjenige, was wir in dieser geistigen Welt erlebt haben. Geradeso wie man sonst, wenn man einen Ort verläßt und vielleicht zu dem andern hingeht, außer seinen Kleidern noch sein Geistig-Seelisches aus dem alten Ort in den neuen hineinträgt, so bringt man auch aus der geistig-seelischen Welt durch Empfängnis und Geburt in diese Welt mit die Folgen, die Wirkungen dessen, was man in der geistigen Welt durchgemacht hat. Und in dem Zeitraume, den die Menschheit eben jetzt durchlebt hat, und von dem wir ja wissen, daß er etwa in der Mitte des i5. Jahrhunderts der nachchristlichen Zeit begonnen hat, in diesem Zeitraume brachte sich der Mensch mit sein geistig-seelisches Wesen mit bildlosen Kräften des Seelenlebens, bildlosen Kräften. Daher ist in diesem Zeitraume auch vorzugsweise das intellektuelle Leben entstanden und hat das intellektuelle Leben geblüht. Es ist also gewissermaßen dem Menschen in diesem Zeitraume, bevor er heruntergestiegen ist durch Empfängnis oder Geburt in das physische Leben, eingeprägt etwas Eigenschaftsloses, etwas Bildloses. Daher auch die geringe Anlage der Menschheit, die sich seit der Mitte des i5. Jahrhunderts entwickelt hat, für ursprüngliche Schöpfungen der Phantasie. Die Phantasie ist ja in Wahrheit nur eine irdische Widerspiegelung der überirdischen Imagination. Die Renaissance ist kein Gegenbeweis, denn gerade, daß man nicht zu einer Naissance, sondern zu einer Renaissance greifen mußte, beweist, daß eine ursprüngliche Phantasie nicht da war, sondern eine solche Phantasie, die die Befruchtung aus früheren Zeiten brauchte. Kurz, es ist so, daß die Seele in einer gewissen Weise mit Kräften durchzogen war, die bildlos sind. Und jetzt beginnt — und darinnen liegt vielfach der Grund für das Stürmische unserer Zeit —, jetzt beginnt die Zeit, in welcher die Seelen aus der geistigen Welt, indem sie durch die Empfängnis und die Geburt zum irdischen Leben heruntersteigen, sich Bilder mitbringen. Bilder, wenn sie mitgebracht werden aus dem geistigen Leben in dieses physische Leben herein, müssen unter allen Umständen, wenn Heil für den Menschen und für sein soziales Leben entstehen soll, unbedingt sich mit dem astralischen Leib verbinden, während sich das Bildiose nur verbindet mit dem Ich. Und es war vorzugsweise die Auslebung des Ich, welche in der Menschheit seit der Mitte des i5. Jahrhunderts geblüht hat. Jetzt aber beginnt die Zeit, wo der Mensch fühlen muß: In dir leben aus vorgeburtlichem Leben heraus Bilder, die mußt du in dir während des Lebens lebendig machen. Das kannst du nicht mit dem bloßen Ich, das muß tiefer in dich hineinwirken; das muß bis in den astralischen Leib hineinwirken.

[ 9 ] Now we must be clear about this—and just how significant this is, for example, for the art of education, as has also been explained here recently—that we bring down from the spiritual world, at least in terms of its effects, what we have experienced in that spiritual world. Just as one normally, when leaving one place and perhaps going to another, carries not only one’s clothes but also one’s spiritual and soul aspects from the old place into the new, so too does one bring with one from the spiritual and soul world—through conception and birth—into this world the consequences, the effects, of what one has experienced in the spiritual world. And during the period that humanity has just lived through—and which we know began around the middle of the 15th century A.D.—during this period, human beings brought their spiritual-soul nature with them, along with formless forces of soul life, formless forces. That is why intellectual life arose and flourished particularly during this period. Thus, in a sense, something formless, something without image, was imprinted upon the human being during this period, before he descended into physical life through conception or birth. Hence, too, the limited capacity of humanity—which has developed since the middle of the 15th century—for original creations of the imagination. For in truth, the imagination is merely an earthly reflection of the super-earthly imagination. The Renaissance is no counterexample, for the very fact that one had to resort not to a “naissance” but to a “Renaissance” proves that an original imagination was not present, but rather an imagination that required fertilization from earlier times. In short, the soul was, in a certain sense, permeated by forces that are formless. And now begins—and herein lies, in many ways, the reason for the turbulence of our time—now begins the era in which souls from the spiritual world, as they descend into earthly life through conception and birth, bring images with them. When images are brought from spiritual life into this physical life, they must—under all circumstances, if salvation is to arise for the human being and for his social life—necessarily connect with the astral body, whereas the imaginal only connects with the “I.” And it was primarily the expression of the “I” that has flourished in humanity since the middle of the 15th century. But now the time is beginning when human beings must realize: Within you live images from your pre-birth life; you must bring these to life within yourself during your lifetime. You cannot do this with the ego alone; it must work deeper within you; it must work its way into the astral body.

[ 10 ] Nun ist es ja zunächst meistens so bei der Menschheit, daß sie widerstrebt diesem Hineinleben der vor der Empfängnis erlebten Bilder in den astralischen Leib. Die Menschen stoßen gewissermaßen das zurück, was sich aus den Tiefen ihres Wesens heraus in den astralischen Leib hineinleben soll. Die Nüchternheit, das Prosaische der neueren Zeit ist ja ein Grundcharakterzug, und es gibt heute sogar breite Strömungen, die sich dagegen wehren, daß man durch die Erziehung schon dafür sorgt, daß dasjenige, was aus der Seele aufsteigen und im astralischen Leib sich geltend machen will, auch wirklich zur Geltung komme. Es gibt trockene Nüchtlinge, welche die Erziehung durch Märchen, Legenden, durch das, was von der Phantasie durchstrahlt ist, eigentlich ausschließen möchten. In unserem Waldorfschulsystem haben wir gerade in den Vordergrund gestellt, daß der Unterricht und die Erziehung bei den die Volksschule betretenden Kindern ausgehen von bildhafter Darstellung, von einem lebendigen Hinstellen der Bilder, von Legendarischem, von Märchenhaftem. Und auch dasjenige, was die Kinder zunächst erfahren sollen über die Wesen und Vorgänge im Tierreich, im Pflanzenreich, im Mineralreich, soll nicht in trockener, nüchterner Weise gesagt werden, sondern das soll gekleidet werden in das Bildhafte, in das Legendarische, in das Märchenhafte. Denn was da tief drinnen sitzt in der Kinderseele, das sind die in der geistigen Welt empfangenen Imaginationen. Die wollen herauf. Und wenn der Lehrer oder der Erzieher sich richtig zum Kinde verhält, bringt er ihm Bilder entgegen. Und indem der Lehrer Bilder vor das kindliche Gemüt hinstellt, zucken herauf aus dem kindlichen Gemüte diejenigen Bilder, oder besser gesagt, die Kräfte der verbildlichenden Darstellung, die empfangen worden sind vor der Geburt oder, sagen wir, vor der Empfängnis.

[ 10 ] Now, it is generally the case with human beings that they are initially resistant to these images experienced before conception being incorporated into the astral body. People, so to speak, push back against what is meant to flow from the depths of their being into the astral body. The sobriety and prosaic nature of modern times are, after all, fundamental characteristics, and today there are even widespread movements that resist the idea that education should ensure that what rises from the soul and seeks to assert itself in the astral body is actually given free rein. There are dry, sober-minded people who would actually like to exclude education through fairy tales, legends, and anything imbued with imagination. In our Waldorf school system, we have specifically emphasized that instruction and education for children entering elementary school should be based on pictorial representation, on the vivid presentation of images, on the legendary, and on the fairy-tale-like. And even what children are to learn initially about the beings and processes in the animal, plant, and mineral kingdoms should not be presented in a dry, matter-of-fact way, but should be clothed in imagery, in legends, and in fairy tales. For what lies deep within the child’s soul are the imaginations received from the spiritual world. These want to rise up. And when the teacher or educator relates to the child in the right way, he presents the child with images. And as the teacher places images before the child’s mind, those images—or rather, the powers of imaginative representation—that were received before birth or, let us say, before conception, spring forth from the child’s mind.

[ 111 ] Wenn nun das unterdrückt wird, wenn der trockene Nüchtling heute erzieht und unterrichtet, dann bringt er schon von früher Jugend etwas, was schon eigentlich gar nicht dem Kinde verwandt ist, an das Kind heran: die Buchstaben. Denn die Buchstaben, wie wir sie heute haben, die haben nichts mehr mit alten Bilderbuchstaben zu tun, sind etwas dem Kinde im Grunde genommen Fremdes, das erst aus dem Bilde herausgeholt werden sollte, so wie wir in der Waldorfschule versuchen, es zu machen. Man bringt das Unbildliche an das Kind heran; das Kind aber hat da in seinem Leibe Kräfte — ich meine natürlich die Seele, wenn ich jetzt vom Leibe spreche, wir sagen ja auch der «Astralleib» —, das Kind hat in seinem Leibe Kräfte sitzen, welche es zersprengen, wenn sie nicht heraufgeholt werden in bildhafter Darstellung. Und was ist die Folge? Verloren gehen diese Kräfte nicht; sie breiten sich aus, sie gewinnen Dasein, sie treten doch in die Gedanken, in die Gefühle, in die Willensimpulse hinein. Und was entstehen daraus für Menschen? Rebellen, Revolutionäre, unzufriedene Menschen, Menschen, die nicht wissen, was sie wollen, weil sie etwas wollen, was man nicht wissen kann, weil sie etwas wollen, was mit keinem möglichen sozialen Organismus vereinbar ist, was sie sich nur vorstellen, was in ihre Phantasie hätte gehen sollen, da nicht hineingegangen ist, sondern in ihre sozialen Treibereien hineingegangen ist.

[ 111 ] If this is suppressed—if the dry, sober-minded educator of today is the one who educates and teaches—then from an early age he introduces to the child something that is, in fact, completely foreign to it: letters. For the letters as we have them today have nothing to do with the old pictorial letters; they are, in essence, something foreign to the child, something that should first be drawn out of the picture, just as we try to do in the Waldorf school. We introduce the non-pictorial to the child; but the child has forces within its body—I mean, of course, the soul when I speak of the body; we also refer to it as the “astral body”—the child has forces within its body that will burst forth if they are not brought up into pictorial representation. And what is the result? These forces are not lost; they spread out, they come into being, they do enter into thoughts, feelings, and impulses of the will. And what kind of people does this produce? Rebels, revolutionaries, dissatisfied people—people who do not know what they want, because they want something that cannot be known, because they want something that is incompatible with any possible social organism—something they merely imagine, something that should have entered their imagination but did not, and instead entered their social antics.

[ 12 ] Und so kann man sagen, daß diejenigen Menschen, die es in okkultistischer Weise nicht ehrlich meinen mit ihren Mitmenschen, sich nur nicht zu sagen getrauen: Wenn heute die Welt revoltiert, da ist es der Himmel, der revoltiert, das heißt der Himmel, der zurückgehalten wird in den Seelen der Menschen, und der dann nicht in seiner eigenen Gestalt, sondern in seinem Gegenteile zum Vorschein kommt, der in Kampf und Blut zum Vorschein kommt, statt in Imaginationen, Es ist daher gar kein Wunder, wenn jene Menschen, die sich an solchem Zerstörungswerk der sozialen Ordnung beteiligen, eigentlich das Gefühl haben, sie tun etwas Gutes. Denn was spüren sie in sich? Den Himmel spüren sie in sich; er nimmt aber nur karikaturhafte Gestalt an in ihrer Seele. So ernst sind die Wahrheiten, die wir heute einsehen sollen. Zu den Wahrheiten sich zu bekennen, um die es sich heute handelt, das sollte kein Kinderspiel sein, es sollte durchaus von dem allerallergrößten Ernst durchzogen sein. Es wird einem ja im allgemeinen nicht leicht, solche Dinge darzustellen, denn erstens liebt man sie doch nicht, zweitens hängen die Leute an Worten. Und derjenige, der sagt, der Himmel revoltiere in der Menschenseele, der wird selbstverständlich nach den Worten ausgelegt, und man merkt nicht, wie er sich erst bemüht, zu zeigen, daß man da noch etwas wissen muß, wodurch man mit dem Worte «Himmel» etwas anderes noch verbindet als das, was man mit dem Worte Himmel zu verbinden gewohnt ist, gerade so, wie man, wenn sich Herr Müller melden läßt, darunter auch nicht einen Müller, der Korn mahlt, zu verstehen hat. Dieses Emanzipieren von der Sprache ist im einzelnen konkreten Fall durchaus notwendig, wenn wir in dem Sinne, wie es die Gesetze der Menschheitsentwickelung verlangen, jetzt wirklich vorwärtskommen wollen.

[ 12 ] And so one can say that those people who, in an occult sense, are not sincere toward their fellow human beings simply do not dare to say: When the world revolts today, it is heaven that is revolting—that is, the heaven that is held back within people’s souls, and which then manifests not in its own form but in its opposite, manifesting in strife and blood instead of in imaginings, It is therefore no wonder at all that those people who participate in such destructive work against the social order actually feel they are doing something good. For what do they feel within themselves? They feel Heaven within themselves; but it takes on only a caricatured form in their souls. So serious are the truths we are to recognize today. To profess the truths at stake today should not be child’s play; it should be imbued with the very, very greatest seriousness. It is generally not easy to describe such things, for, first of all, one does not love them, and second, people cling to words. And anyone who says that “heaven revolts within the human soul” is, of course, interpreted according to the words themselves, and people fail to notice how he is first striving to show that there is something else one must know—something that causes one to associate the word “heaven” with something other than what one is accustomed to associating with it—just as when Mr. Müller announces himself, one does not automatically assume he is a miller who grinds grain. This emancipation from language is absolutely necessary in each specific case if we now truly wish to move forward in the sense demanded by the laws of human development.

[ 13 ] Da sehen wir, wie in das soziale Leben dasjenige hineinschießt, was eigentlich aus dem vorgeburtlichen Leben stammt. Und wer die Zusammenhänge kennt, der weiß, daß er in dem, was hier auf der Erde in Karikatur erscheint, wiederum zu erkennen hat dasjenige, was eigentlich himmlisch ist. Das ist mit Bezug auf das Soziale. Aber es kommt noch etwas anderes dazu.

[ 13 ] Here we see how elements that actually originate in prenatal life burst into social life. And anyone who understands these connections knows that what appears here on Earth as a caricature is, in fact, a reflection of what is truly heavenly. This applies to the social realm. But there is something else to consider as well.

[ 14 ] In der Zeit des Intellektualismus, die sich also vorzugsweise entwikkelt hat seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, bekamen die Menschen auch außerordentlich wenig mit aus dem Schlafesleben heraus an Imaginationen für das wache Leben. Selbst diejenigen, die etwas lebendigere Träume haben, sie haben ja die Neigung, diese Träume ganz rationalistisch, intellektualistisch zu erklären. Rationalistisch und intellektualistisch sind in dieser Richtung zum Beispiel die Theosophen. Wie viele Menschen im Laufe der Zeit zu mir gekommen sind und rationalistische Erklärungen ihrer Träume haben wollten, das wäre in einem kleinen Buche nicht zu beschreiben, nur in einem großen! Um was es sich da handelt, das ist, daß selbst jene Imaginationen, die sich im Traume darleben, auf ein tieferes Geistesleben weisen. Ich habe oft gesagt, beim Traume kommt es gar nicht an auf das Äußerliche; das hat sich schon emanzipiert vom eigentlichen Inhalt. Und was wir da an Inhalt empfangen und dann in Worte der Sprache umsetzen, von der wir uns eigentlich schon emanzipieren müssen, das ist nicht der wahre Verlauf des Traumes, das hat mit dem wahren Verlauf des Traumes eigentlich furchtbar wenig zu tun. Dasjenige, was der Trauminhalt ist, das ist die Dramatik des Traumes, wie ein Bild auf das andere folgt, wie sich Knoten schürzen und lösen, so daß man denselben geistigen Inhalt auf mancherlei Weise als Traum erleben kann. Der eine kommt und schildert, er sei einen Berg hinangestiegen, er konnte ganz gut bis zu einem gewissen Punkte hinansteigen, dann plötzlich steht er vor einem Abgrund, er kann nicht weiter. — Ein anderer erzählt: Er ging einen Weg, alles in der Umgebung freute ihn. Da trat plötzlich, als er an einen bestimmten Punkt des Weges kam, ein Mensch mit einem Dolch auf ihn zu, der ihn tötete. — Zwei ganz verschiedene 'Traumbilder! Der geistige Vorgang, der dahintersteckt, kann aber ganz derselbe sein; er kann sich das eine Mal ausleben durch das Hinansteigen auf einen Berg und sich vor einem Abgrund fühlen, das andere Mal durch das Gehen eines Weges in Freude, bis man vor einem Menschen steht, der einen töten will. Auf den Inhalt der Bilder kommt es nicht an, sondern auf den dramatischen Verlauf, daß man irgend etwas durchmacht, das sich entgegenstellt. Auf diese Dynamik, die hinter diesen Bildern steht, darauf kommt es an. Derselbe Kräfteverlauf kann sich in die einen und in die andern Bilder hüllen und in hunderterlei Bilder kleiden. Erst dann verstehen wir die geistige Welt, wenn wir wissen, wie das, was hier in der physischen Welt sich als Träume darlebt, oder was aus der geistigen Welt heraus sich so verbildlicht, daß es der physischen Welt ähnlich ist, wie das eben nur Bild ist. Aber solange man die Neigung hat, die Bilder rationalistisch, rein vernunftgemäß auszulegen, so lange steht man auch dem Traumesleben des Schlafes gegenüber auf intellektualistischem Standpunkte. Und um was es sich handelt, das ist, dieses Traumesleben des Schlafes eben zu verstehen als den Ausdruck eines tieferen geistigen Lebens. Dann ist es erst imaginativ erfaßt; dann fassen wir die Bilder als dasjenige, was steht für den Inhalt. Und dann wenden wir uns nicht gegen dasjenige, was heute für den Menschen beginnt: aus dem Schlafe heraus in ähnlicher Weise innere seelische Forderungen zu stellen, wie die Imagination vor der Geburt beziehungsweise vor der Empfängnis. Denn wir beginnen heute auch anders zu schlafen, als im regulären Leben der intellektualistischen Zeit seit der Mitte des i5. Jahrhunderts geschlafen worden ist. Da brachte sich der Mensch wenig Neigung mit ins Aufwachen hinein für dasjenige, was die Bilder erleben will und nicht deuten. Jetzt sind wir an dem Punkte der Menschheitsentwickelung, wo wir auch aus dem Schlafe heraus die Imaginationen nehmen, die sich einleben wollen nicht bloß in unser Ich, wo die Ratio herrscht, sondern wo sich die Bilder hineinleben wollen in unseren astralischen Leib. Wenn wir dem entgegenarbeiten, so stoßen wir wiederum etwas zurück, was aus den Tiefen der Menschenseele in das Bewußtsein herauf will, und wir arbeiten dem ganzen Entwickelungsgang der Menschheit entgegen. Und es handelt sich auch da darum, daß wir nicht dem Entwickelungsgang der Menschheit entgegenarbeiten, sondern daß wir im Sinne dieses Entwickelungsganges der Menschheit arbeiten. Wir tun es, wenn wir erstens unsere Kultur wiederum durchziehen mit möglichst vielem, was mit der geistigen Welt in irgendeiner Weise zusammenhängt. Natürlich handelt es sich für das äußere Leben darum, daß wir uns mit dem durchdringen, was aus der geistigen Welt heraus erfaßt ist, daß wir uns also durchdringen mit einer wirklichen geistigen Erkenntnis, uns durchdringen mit etwas, was in dieser physischen Welt aus der physischen Welt heraus nicht begriffen werden kann. Dem war die ganze abgelaufene Periode des Menschenlebens eigentlich zuwider. Nehmen Sie einen Fall, den ich ja auch schon öfter angeführt habe.

[ 14 ] During the era of intellectualism—which has developed primarily since the mid-15th century—people drew extraordinarily little inspiration from their dream life for their waking life. Even those who have somewhat more vivid dreams tend to explain them in a completely rationalistic, intellectualistic way. The Theosophists, for example, are rationalistic and intellectualistic in this regard. The number of people who have come to me over the years seeking rationalistic explanations for their dreams could not be described in a small book—only in a large one! The point here is that even those images that unfold in dreams point to a deeper spiritual life. I have often said that in dreams, the external aspects are completely irrelevant; they have already become detached from the actual content. And what we receive there as content and then translate into the words of language—from which we actually already need to free ourselves—is not the true course of the dream; it actually has very little to do with the true course of the dream. What constitutes the content of the dream is the drama of the dream itself—how one image follows another, how knots tighten and loosen—so that one can experience the same spiritual content in various ways as a dream. One person comes and describes how he climbed a mountain; he was able to climb quite well up to a certain point, then suddenly he stands before an abyss and cannot go any further. — Another person recounts: He was walking along a path, and everything around him brought him joy. Then suddenly, when he reached a certain point on the path, a person approached him with a dagger and killed him. — Two completely different “dream images”! Yet the mental process underlying them may be exactly the same; in one instance it may manifest as climbing a mountain and feeling as if standing before a precipice; in another, as walking a path in joy until one stands before a person who wants to kill them. What matters is not the content of the images, but the dramatic progression—that one is going through something that stands in one’s way. It is this dynamic, which lies behind these images, that is what matters. The same course of forces can be wrapped in one set of images or another and clothed in a hundred different forms. We will understand the spiritual world only when we know how what manifests here in the physical world as dreams—or what emerges from the spiritual world and takes on a form so similar to the physical world—is, in fact, merely an image. But as long as one is inclined to interpret these images rationalistically, purely according to reason, one will continue to view the dream life of sleep from an intellectualistic standpoint. And what is at stake is precisely this: understanding this dream life of sleep as the expression of a deeper spiritual life. Only then is it grasped imaginatively; only then do we perceive the images as representing the content. And then we do not turn against what is beginning for human beings today: to make inner, soul-related demands emerging from sleep in a manner similar to that of the imagination before birth or before conception. For today we are also beginning to sleep differently than we have slept in the regular life of the intellectualist era since the mid-15th century. Back then, people brought little inclination with them upon waking for that which the images wish to experience rather than interpret. Now we have reached the point in human development where, even as we emerge from sleep, we receive the imaginations that seek to take root not merely in our ego—where reason reigns—but where the images wish to take root in our astral body. If we work against this, we are once again pushing back something that seeks to rise from the depths of the human soul into consciousness, and we are working against the entire course of human development. And the point here is also that we should not work against the course of human development, but rather that we should work in accordance with this course of human development. We do this, first of all, by infusing our culture once again with as much as possible that is connected in some way to the spiritual world. Of course, as far as our outer life is concerned, this means that we must imbue ourselves with what has been grasped from the spiritual world—that is, we must imbue ourselves with genuine spiritual knowledge, with something that cannot be understood in this physical world from within the physical world itself. The entire past period of human life was, in fact, contrary to this. Take a case that I have, in fact, cited on several occasions.

[ 15 ] Nicht wahr, das Christentum trat so an die Menschen heran, daß sie es eigentlich in seinem Wesen nur verstehen können, namentlich, daß sie das Mysterium von Golgatha in seinem Wesen nur verstehen können, wenn sie sich zum Verständnisse eines Übersinnlichen bequemen. Denn vorgestellt muß werden, daß ein Wesen, das vorher nicht mit der Erdenentwickelung verbunden war, wie der Christus, sich mit dem Menschen Jesus von Nazareth verbunden hat, daß übersinnliche Vorgänge sich abgespielt haben; vorgestellt muß werden, daß schon Geburt und Empfängnis anders waren für dieses Ereignis von Golgatha als für gewöhnliche menschliche Vorgänge. Kurz, es werden Anforderungen gestellt aus der Christologie heraus, das Mysterium von Golgatha im übersinnlichen Sinne zu verstehen. Es gibt eine interessante Stelle bei einem neueren Naturforscher, wo gewettert wird gegen die «conceptio immaculata», wo gesagt wird: zu behaupten, daß es eine unbefleckte Empfängnis gibt, sei eine freche Verhöhnung der menschlichen Vernunft.

[ 15 ] Isn't it true that Christianity approached people in such a way that they can truly understand its essence—namely, that they can only grasp the mystery of Golgotha in its essence—if they are willing to open themselves to an understanding of the supersensible? For one must conceive that a being who was not previously connected to earthly evolution—such as the Christ—united himself with the human being Jesus of Nazareth, and that supersensible processes took place; one must conceive that even the birth and conception were different for this event at Golgotha than for ordinary human processes. In short, Christology demands that the Mystery of Golgotha be understood in a supersensible sense. There is an interesting passage by a recent natural scientist in which he rails against the “conceptio immaculata,” stating that to assert the existence of an immaculate conception is a brazen mockery of human reason.

[ 16 ] Nun, das muß der moderne Rationalist, der rein intellektualistische Mensch schon so empfinden. In gewissem Sinne ist es ja eine freche Verhöhnung der menschlichen Vernunft, was aus dem geistigen Leben heraus gewollt wird. Aber es handelt sich darum, daß wir eben in einem Zeitalter leben, wo wir dazu übergehen müssen, das geistig Erlebte zwischen dem Einschlafen und Aufwachen so hereinzubringen auch in das wache Leben, daß unser astralischer Leib — nicht bloß unser Ich, was der Sitz der Ratio, des Intellektualismus ist —, daß unser astralischer Leib bildhaft durchsetzt, durchzogen werden kann. Und es ist interessant, daß selbst die Theologie des 19. Jahrhunderts sich so entwickelt hat, daß sie entgegengesetzt hat der Christologie den Rationalismus, den reinen Intellektualismus. Immer mehr und mehr hat sich die moderne Theologie dazu veranlaßt gefühlt, den Christus als solchen überhaupt zu verleugnen und den schlichten Mann aus Nazareth, den bloßen Jesus als eine etwas über die andern Menschen hervorragende menschliche Persönlichkeit hinzustellen. Man wollte sich nicht dazu bequemen, etwas Übersinnliches zu begreifen. Man wollte dasjenige, was eben übersinnlich an den Menschen herantreten soll, was einen aufwecken soll zum Übersinnlichen, das wollte man mit den Begriffen, die hier in der sinnlichen Welt gewonnen werden, begreifen.

[ 16 ] Well, that is bound to be the view of the modern rationalist, the purely intellectual person. In a certain sense, what is sought from spiritual life is indeed a brazen mockery of human reason. But the point is that we are living in an age where we must learn to bring what we experience spiritually between falling asleep and waking up into our waking life in such a way that our astral body—not merely our “I,” which is the seat of reason and intellectualism—can be figuratively permeated and infused. And it is interesting that even nineteenth-century theology developed in such a way that it set rationalism—pure intellectualism—in opposition to Christology. Modern theology has felt increasingly compelled to deny Christ as such altogether and to portray the simple man from Nazareth—the mere Jesus—as a human personality who was merely somewhat superior to other people. People were unwilling to bring themselves to comprehend anything supersensible. They wanted to grasp precisely that which is meant to approach human beings from the supernatural realm—that which is meant to awaken them to the supernatural—using concepts derived from the sensory world.

[ 17 ] Ein protestantischer Theologe, mit dem ich einmal über diese Angelegenheit sprach, sagte mir, nachdem wir längere Zeit darüber gesprochen hatten: Ja, wir modernen Theologen, wir sollten uns eigentlich nicht mehr Christen nennen, denn wir haben eigentlich keinen Christus mehr; wenn der Name « Jesuit» nicht schon vergeben wäre, so müßten wir ihn für uns in Anspruch nehmen. — Das ist etwas, was nicht ich sage, sondern was mir als Geständnis seiner eigenen Seele einmal ein protestantischer Theologe der neueren Färbung sagte.

[ 17 ] A Protestant theologian with whom I once discussed this matter told me, after we had talked about it at length: “Yes, we modern theologians really shouldn’t call ourselves Christians anymore, because we don’t really have a Christ anymore; if the name ‘Jesuit’ weren’t already taken, we would have to claim it for ourselves.” — This is not something I am saying, but rather what a Protestant theologian of a more modern persuasion once told me as a confession of his own soul.

[ 18 ] Wer aber den ganzen Charakter unserer Zeit durchschaut, der wird eben verstehen, daß wir vordringen müssen zu einem solchen Erfassen des Mysteriums von Golgatha, das uns, gerade weil es die Zentralerscheinung unserer Menschheitsentwickelung ist, herausreißt aus dem irdischen Vorstellen und uns mit allen Kräften hinzieht, etwas zu begreifen, was aus dem Umfange des Irdisch-Sinnlichen heraus eben nicht zu begreifen ist. Wer bei allem an dem Umfang des Irdisch-Sinnlichen hängenbleiben will, der sagt: Die conceptio immaculata ist eine freche Verhöhnung der menschlichen Vernunft.

[ 18 ] But anyone who truly understands the nature of our times will realize that we must advance toward an understanding of the Mystery of Golgotha that—precisely because it is the central event in the development of humanity—tears us away from earthly concepts and draws us with all our strength to grasp something that, precisely because it lies beyond the scope of the earthly-sensory realm, cannot be grasped within that scope. Anyone who insists on remaining confined to the scope of the earthly-sensory realm will say: The conceptio immaculata is a brazen mockery of human reason.

[ 19 ] Wer die Aufgabe des gegenwärtigen Menschen versteht, der sagt: Ich muß mir solche Vorstellungen aneignen. Dann allerdings muß ich mich emanzipieren von der heute gebräuchlichen Art der Worte, muß nicht nur, wenn sich mir einer namens Schmied oder Müller anmeldet, vermuten, daß der eine mit dem Hammer und der andere mit dem mehlbesprühten Mahlkittel komme, sondern ich muß etwas ganz anderes vermuten, als was ich aus den Worten deduzieren kann. So muß ich mich auch gewöhnen, mich zu emanzipieren von dem, was den Worten eingeprägt worden ist aus dem bloßen sinnlich-physischen Leben.

[ 19 ] Anyone who understands the task facing people today will say: I must make these ideas my own. But then I must emancipate myself from the way words are used today; I must not merely assume, when someone named Schmied or Müller introduces themselves, that one comes with a hammer and the other with a flour-sprinkled grinding bowl, but I must assume something entirely different from what I can deduce from the words. In the same way, I must also accustom myself to freeing myself from what has been imprinted on words by mere sensory-physical life.

[ 20 ] Für uns heute ist das Mysterium von Golgatha in der Tat die erste Probe, ob wir mitgehen wollen zum Begreifen von etwas, was über die Sphäre des Physisch-Sinnlichen hinausgeht. Daher können wir uns auch heute nicht mehr begnügen mit einer bloßen traditionell-historischen Darstellung des Christentums, sondern wir brauchen ein schöpferisches Erfassen des Mysteriums von Golgatha, wir brauchen aus der Geisteswissenschaft heraus innere Kraft der Seele, welche in einer neuen Weise an das Mysterium von Golgatha herankommt und dieses Mysterium von Golgatha als eine übersinnliche Tatsache zu begreifen in der Lage ist. Und dann müssen wir, wenn wir so das Mysterium von Golgatha in den Mittelpunkt des menschlichen Denkens und Empfindens und Fühlens stellen, den Anfang nehmen wiederum besonders bei der Erziehung und schon das Kind darauf vorbereiten, daß es nicht unterdrückt oder unterdrücken muß die Imaginationen, die aus den Tiefen der Seele herauf wollen. Wir müssen ihm entgegenkommen mit Verbildlichung der Darstellungen.

[ 20 ] For us today, the Mystery of Golgotha is indeed the first test of whether we are willing to embark on the path toward understanding something that transcends the physical-sensory realm. Therefore, even today we can no longer be content with a mere traditional-historical account of Christianity; rather, we need a creative grasp of the Mystery of Golgotha. We need, through spiritual science, an inner strength of the soul that approaches the Mystery of Golgotha in a new way and is capable of comprehending this Mystery of Golgotha as a supersensible reality. And then, when we place the Mystery of Golgotha in this way at the center of human thought, feeling, and emotion, we must begin, once again, particularly with education and prepare the child from an early age so that it does not suppress—or feel compelled to suppress—the imaginations that seek to rise from the depths of the soul. We must meet the child halfway with vivid, pictorial representations.

[ 21 ] Das ist der tiefere Grund, warum ich im letzten Heft der «Sozialen Zukunft», das ein Erziehungsheft ist, das Erziehen und Unterrichten im eminentesten Sinne als eine Kunst hingestellt habe. Wo so verfahren werden muß vom Lehrer und vom Erzieher, wie wirklich vom Künstler auch verfahren wird, ja sogar in einem höheren Stile so verfahren werden muß, wo es nicht geht, daß man in einer abstrakten Pädagogik abstrakte Grundsätze gibt, sondern wo es darauf ankommt, daß man in das Wesen des Menschen eindringt und durch dieses Eindringen in das Wesen des Menschen dazu kommt, aus dem Menschen heraus abzulesen, was man in jedem einzelnen Falle zu tun hat. Der Künstler kann nicht, wenn er irgend etwas bildet, nach abstrakten Regeln vorgehen. Eine Ästhetik hat eine ganz andere Aufgabe, als für den Künstler Regeln zu bilden. Der Künstler kann nicht einmal bei dem, was er heute schafft, sich nach dem richten, was er gestern geschaffen hat: Er muß in jedem Augenblick bestrebt sein, schöpferisch, ursprünglich zu sein. So muß es, in einem noch höheren Stile sogar, der Lehrer sein. Man darf nicht aus einer gewissen Gesinnung heraus sagen: Ja, wenn wir solche Lehrer haben wollen, da müssen wir noch drei-, vierhundert Jahre warten. — Daß wir sie nicht haben können, das rührt eigentlich nur davon her, daß wir so etwas sagen. Wir können sie in dem Augenblicke haben, wo wir die starke Kraft des Bekenntnisses dazu haben; aber eben die starke, und nicht die passive Kraft des Bekenntnisses ist nötig dazu. So handelt es sich darum, daß wir dasjenige, was der astralische Leib erlebt vom Einschlafen bis zum Aufwachen, dann, wenn wir herüberkommen im Aufwachen, nun im astralischen Leib wirklich darinnen erleben und dem Ätherleib einprägen. Das kann nur durch eine Verbildlichung des ganzen Kulturlebens geschehen.

[ 21 ] This is the deeper reason why, in the latest issue of *Soziale Zukunft*—which is a journal on education—I presented education and teaching in the truest sense as an art. Teachers and educators must proceed in the same way that artists truly do, indeed, must proceed in an even higher style—where it is not possible to lay down abstract principles in an abstract pedagogy, but where what matters is penetrating the essence of the human being and, through this penetration into the essence of the human being, arriving at an understanding of what must be done in each individual case. When creating anything, the artist cannot proceed according to abstract rules. Aesthetics has a completely different task than that of formulating rules for the artist. The artist cannot even, in what he creates today, base himself on what he created yesterday: he must strive at every moment to be creative and original. So must the teacher be—in an even higher style. One must not say, out of a certain mindset: “Yes, if we want such teachers, we’ll have to wait another three or four hundred years.” — The fact that we cannot have them stems, in truth, only from saying such things. We can have them the very moment we possess the strong power of commitment to that end; but it is precisely this strong—and not the passive—power of commitment that is necessary for this. The point, then, is that what the astral body experiences from falling asleep to waking up—when we return upon waking—we must now truly experience within the astral body itself and imprint it upon the etheric body. This can only be achieved through a visualization of the entire cultural life.

[ 22 ] Diese Verbildlichung des ganzen Kulturlebens, diese von den Gesetzen der Menschheitsentwickelung geforderte Verbildlichung, sie wird nur dann eintreten, wenn das ganze Geistesleben in die freie Entscheidung derjenigen gestellt ist, die am Geistesleben beteiligt sind, wenn nicht Instruktionen, Schulvorschriften von dem ja notwendig außerhalb des Geisteslebens stehenden Staate gegeben werden. Denn da kann man alles mögliche Schöne und Gute verkündigen. Es handelt sich nicht darum, daß man in abstracto von Staats wegen pädagogische Verordnungen gibt, Lehrpläne aufstellt und dergleichen, sondern es handelt sich darum, daß man im emanzipierten Geistesleben drinnen die aus ihrer eigenen freien Persönlichkeit heraus handelnden Menschen hat, und daß man mit ihnen dasjenige leistet, was man mit diesen Menschen leisten will oder kann.

[ 22 ] This embodiment of the entire cultural life—this embodiment demanded by the laws of human development—will only come about if the entire spiritual life is left to the free decision of those who participate in it, if no instructions or school regulations are issued by the state, which necessarily stands outside of spiritual life. For one can proclaim all manner of beauty and goodness. The issue is not that the state, in the abstract, issues educational regulations, draws up curricula, and the like; rather, the issue is that within an emancipated spiritual life there are people acting out of their own free personalities, and that together with them one accomplishes what one wishes or is able to accomplish with these people.

[ 23 ] Daß der Mensch gegenwärtig beginnt, anderes mitzubringen durch Empfängnis und Geburt, als er seit der Mitte des 14. Jahrhunderts mitgebracht hat, daß er auch beim Aufwachen anderes aus dem Schlafe heraus bringt, beides fordert, daß man aufmerksam auf solche Dinge hinschaut, daß man wirklich sich durchdringt mit dem Wissen von einer so einschneidenden Tatsache. Woher soll man denn ein solches Wissen von einer so einschneidenden Tatsache gewinnen, als aus der Geisteswissenschaft? Mit den Dingen, um die es sich da handelt, beschäftigt sich ja die äußere Bildung, die äußere Wissenschaft heute eben durchaus nicht. Sie geht an ihnen vorbei, und sie muß nach ihren Methoden an ihnen vorbeigehen. Und ich möchte sagen, am bittersten wird die Sache, wenn man sieht, wie merkwürdig diskrepant die inneren Forderungen der Menschheitsentwickelung oftmals zu dem stehen, was von der menschlichen Seite her diesen Forderungen entgegengebracht wird. Da trat eben in der neueren Zeit diese Forderung auf, mit dem zu rechnen, was aus der geistigen Welt hereinfließt in den Menschen. Und als man intellektualistisch war, als man nicht rechnete mit dem, was hereinfließt aus der geistigen Welt, hypothetisierte man Atome, Moleküle und so weiter. Man dachte sich, die Körper, die Volumen sind, die weisen zurück auf atomistische Gestaltungen und so weiter. Aus den Ursachen der menschlichen Entwickelung trat das Bedürfnis auf, Geistiges zu erfassen. Und dieser Instinkt, Geistiges zu erfassen, er lebte sich ja auch zum Beispiel in so etwas aus wie in der Theosophischen Gesellschaft. Aber einer der Helden dieser 'Theosophischen Gesellschaft ist zum Beispiel ein Mr. Leadbeater; der hat eine okkulte Chemie geschrieben. Was hat er dabei getan? Das Horrible hat er getan, daß er die geistige Welt nun atomistisch vorstellt, das heißt, die materialistische Art und Weise des Denkens wird in die geistige Welt hineingetragen.

[ 23 ] The fact that human beings are now beginning to bring something different with them through conception and birth than they have brought with them since the mid-14th century, and that they also bring something different with them upon waking from sleep—both of these require that we pay close attention to such things, that we truly imbue ourselves with the knowledge of such a momentous fact. Where else can one gain such knowledge of such a far-reaching fact than from spiritual science? After all, external education and external science today do not deal with the matters at hand at all. They pass them by, and according to their methods, they must pass them by. And I would like to say that the matter becomes most bitter when one sees how strangely at odds the inner demands of human development often are with what is offered in response to these demands from the human side. In recent times, this demand arose to take into account what flows into the human being from the spiritual world. And when people were intellectualistic—when they did not take into account what flows in from the spiritual world—they hypothesized about atoms, molecules, and so on. People imagined that bodies, which are volumes, point back to atomistic structures and so on. Out of the causes of human development arose the need to grasp the spiritual. And this instinct to grasp the spiritual also found expression, for example, in something like the Theosophical Society. But one of the leading figures of this “Theosophical Society,” for example, is a Mr. Leadbeater; he wrote a book on occult chemistry. What did he do in doing so? He committed a terrible act: he presented the spiritual world in atomistic terms—that is, he carried the materialistic way of thinking into the spiritual world.

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[ 24 ] Ich habe neulich schon einmal das ganz Groteske hervorgehoben: Einmal trat nämlich etwas ganz besonders Gescheites in der Theosophischen Gesellschaft auf. Man wollte beweisen: Da ist ein Leben, da ist das nächste Leben (siehe Zeichnung). Nun, nicht wahr, da muß doch etwas herübergehen aus dem vorhergehenden in das nächste Leben. Den Leib sieht man verfallen. Der richtige Materialist sagt, der Leib verfällt, dann ist es aus mit dem Menschen. Ja, aber der 'Theosoph will doch, daß ein nächstes Erdenleben kommt; da muß etwas herübergehen! Der richtige Materialist sagt, alle Atome vereinigen sich mit der Erde. Der Theosoph dachte ja auch nicht anders als materialistisch, aber er wollte zu gleicher Zeit «theosophisch» denken; er wollte, daß da was herübergeht. Und da sagte er: Ja, die Atome, die fallen ja allein die Erde herein; ein Atom aber, das bleibt, und das geht durch die ganze Zeit durch in dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Da erscheint es wiederum: das ist das permanente Atom. — Ein Atom! Da waren die Theosophen ganz besonders stolz, als sie dieses «permanente» Atom entdeckten! Sie hatten keine Ahnung davon, daß sie ja damit gerade den Materialismus in die spirituelle Weltauffassung hineintrugen! Dieser Materialismus hat sie dazu verführt, daran zu glauben, daß irgend etwas — was, das haben sie nie gesagt — von den vielen Atomen, die da in die Erde hineinsinken, daß eines gerettet wird; und dieses glücklich gerettete permanente Atom, das sei dann das, was im nächsten Erdenleben wiederum auftritt. Über dieses permanente Atom ist viel geschrieben worden. Es ist nichts anderes als ein Beweis dafür, daß in die spirituelle Wissenschaft hineingetragen werden sollte dasjenige, über das man nicht hinauskommen konnte: der Materialismus, der ja übrigens schon in der ganzen Darstellung des Menschen steckt, wenn man es so macht, wie es vielfach in der Literatur der Theosophischen Gesellschaft gemacht wird, wo eben, wie ich oftmals gesagt habe, der physische Leib dicht ist, dann der Ätherleib dünner, der Astralleib wiederum dünner. Und dann geht es schon in solche Dünnheiten über, daß auch das Denken und Vorstellen ganz dünn wird; aber man hat eben immer noch etwas Materielles, Nebelartiges; so daß Buddhi und Atma zwar Nebel sind, aber eben doch noch ein Nebel. Man hat nicht den Willen, den Materialismus wirklich abzulegen auch im Vorstellungsleben und aus dem Vorstellen des Materiellen zum Vorstellen des Spirituellen hinüberzugehen.

[ 24 ] I recently highlighted something truly grotesque: Namely, something particularly clever once occurred in the Theosophical Society. They wanted to prove: There is this life, and there is the next life (see drawing). Well, don’t you think something must pass over from the previous life into the next? You see the body decaying. The true materialist says, the body decays, and then that’s the end of the person. Yes, but the theosophist wants there to be a next earthly life; so something must pass over! The true materialist says, all the atoms merge with the earth. The theosophist didn’t think any differently than a materialist, but at the same time he wanted to think “theosophically”; he wanted something to carry over. And so he said: Yes, the atoms—they do indeed all fall back into the Earth; but one atom remains, and it passes through all of time in the life between death and a new birth. There it appears again: that is the permanent atom. — One atom! The Theosophists were particularly proud when they discovered this “permanent” atom! They had no idea that, in doing so, they were actually introducing materialism into their spiritual worldview! This materialism led them to believe that something—they never specified what—among the many atoms sinking into the earth would be saved; and that this happily saved permanent atom would then be what reappears in the next earthly life. Much has been written about this permanent atom. It is nothing other than proof that what could not be overcome was to be introduced into spiritual science: materialism, which, incidentally, is already embedded in the entire conception of the human being when it is presented as it often is in the literature of the Theosophical Society—where, as I have often said, the physical body is dense, the etheric body thinner, and the astral body even thinner still. And then it progresses into such subtleties that even thinking and imagination become quite subtle; but one still has something material, something mist-like; so that while Buddhi and Atma are indeed mists, they are still, after all, mists. One lacks the will to truly cast off materialism even in the life of the imagination and to move from imagining the material to imagining the spiritual.

[ 25 ] Diese Dinge, die beweisen alle, wie eng verbunden die Menschen mit alten Vorstellungsweisen sind. Und eigentlich müßte aus solchen Betrachtungsweisen jeder, der ehrlich sich zur Geisteswissenschaft bekennen will, die innere Aufforderung schöpfen, sich zu prüfen, inwiefern er losgekommen ist von alten materialistischen Vorstellungen, oder inwiefern er durchaus, auch indem er sich irgend etwas Geistiges vorhält, dieses Geistige in materialistischen Bildern vorstellt und sich nicht bewußt ist, daß es eben Bilder sind.

[ 25 ] All of these things demonstrate how closely people are tied to old ways of thinking. And in fact, anyone who honestly wishes to commit to spiritual science should draw from such observations an inner impulse to examine to what extent they have broken free from old materialistic ideas, or to what extent—even while holding some spiritual concept in mind—they imagine this spiritual concept in materialistic images and are unaware that these are, in fact, merely images.

[ 26 ] Es handelt sich immer darum, daß man sich dessen bewußt ist. Denn, wenn ich, sagen wir, einen von Ihnen hier auf diese Tafel zeichnen würde, so könnte ich von dem Bilde ja sehr viel haben, wenn der Betreffende nicht mehr da ist. Aber wenn ich mir vorstellen würde, daß der mir die Hand gibt, oder daß er zu mir spricht, also er das Wesen selber ist, so würde ich ein Phantast sein. So darf man sich natürlich das Geistige in Bildern versinnlichen, aber man muß sich immer klar sein darüber, daß man es mit sinnlichen Bildern zu tun hat. Bei den Worten aber müssen sich die Menschen immer klarer und klarer werden, daß die Sprache auf dem Wege ist, das Wort zur Gebärde zu machen, und daß wir nicht weitergehen sollen, als uns durch das Wort auf etwas, was nicht mehr im Worte liegt, hindeuten zu lassen. Denselben Weg, den die Eigennamen genommen haben, müssen alle andern Worte nehmen.

[ 26 ] It is always a matter of being aware of this. For if, say, I were to draw one of you here on this board, I could certainly derive a great deal from the image even if the person in question were no longer here. But if I were to imagine that he were shaking my hand, or that he were speaking to me—in other words, that he were the essence itself—then I would be a fantasist. So, of course, one may conceptualize the spiritual in images, but one must always be clear that one is dealing with sensory images. When it comes to words, however, people must become increasingly aware that language is on the path to turning the word into a gesture, and that we should not go further than allowing the word to point us toward something that no longer lies within the word itself. All other words must follow the same path that proper names have taken.

[ 27 ] Für Philosophen könnte ich da sogar noch etwas sehr Schönes sagen. Die Philosophen der neueren Zeit haben vielfach Theorien aufgestellt. Wenn ich sage: Das Kind ist klein — von dem «klein» haben sie eine Vorstellung, von «Kind» haben sie eine Vorstellung; aber das «ist», die Kopula dessen, was es eigentlich bedeutet —? Oh, es ist viel geschrieben worden über diese Kopula, auch im philosophischen Sinne, nicht bloß im grammatischen oder philologischen Sinne. Und alles, was geschrieben ist, krankt an dem einen, daß in der Tat dieses «ist» heute eben die Bedeutung, über die die Leute reden, nicht mehr hat, daß es sich auch von seiner Bedeutung emanzipiert hat, daß der Seelengehalt schon ein anderer geworden ist. Und so philosophiert man eigentlich über dasjenige, was nicht mehr lebendig in der Seele lebt.

[ 27 ] For philosophers, I could even say something very beautiful here. Modern philosophers have put forward many theories. When I say, “The child is small”—they have an idea of “small,” they have an idea of “child”; but the “is,” the copula that conveys what it actually means—? Oh, much has been written about this copula, even in a philosophical sense, not merely in a grammatical or philological sense. And everything that has been written suffers from one thing: that, in fact, this “is” no longer has the meaning that people talk about today; that it has emancipated itself from its meaning; that its spiritual content has already become something else. And so one actually philosophizes about that which no longer lives vividly in the soul.

[ 28 ] Das ist nur eine philosophische Zwischenbemerkung, die ja vielleicht weniger Bedeutung hat, die Sie aber darauf aufmerksam machen soll, daß dasjenige, was nicht bemerkt wird von der äußeren Welt, nicht etwa von den Philosophen gleich bemerkt wird. Im Gegenteil, es ist vielfach so, daß die Philosophen die letzten sind, die die Dinge, die sich in der Welt wirklich vollziehen, bemerken. Und viele unserer philosophischen Systeme hinken eigentlich hinter manchem andern, was außer ihnen noch da ist, beträchtlich nach!

[ 28 ] This is merely a philosophical aside, which may be of little significance, but is intended to draw your attention to the fact that what goes unnoticed in the external world is not necessarily noticed by philosophers right away. On the contrary, it is often the case that philosophers are the last to notice the things that are actually happening in the world. And many of our philosophical systems actually lag considerably behind other things that exist outside of them!

[ 29 ] Ich wollte Ihnen, vorzugsweise ausgehend von dem Beispiel der Sprache, heute zeigen, wie ganz im Konkreten sich die Menschheitsentwickelung gegenwärtig darstellt. Man schaut nur hin auf das, was da eigentlich geschieht für die Menschheitsentwickelung, wenn man auf Übersinnliches schaut. Anthropologie kann nicht mehr dasjenige finden, was sich eigentlich abspielt, sondern allein Anthroposophie. Daher muß das anthroposophische Kulturdenken gerade dem zugrunde liegen, was heute Arbeit ist an dem Fortschritt der Menschheit.

[ 29 ] Today I wanted to show you—primarily using the example of language—how the development of humanity is currently unfolding in very concrete terms. One can only see what is actually happening in terms of human development by looking at the supersensible. Anthropology can no longer uncover what is actually taking place; only anthroposophy can. Therefore, anthroposophical cultural thinking must form the very foundation of the work being done today to advance humanity.