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Spiritual Scientific Insight into the
Fundamental Impulses of Social Organization
GA 199

17 September 1920, Dornach

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Ansprache bei der Generalversammlung des Berliner Zweiges

Speech at the General Assembly of the Berlin Chapter

[ 1 ] Nach verhältnismäßig langer Zeit kann ich heute wieder zu Ihnen sprechen. Die Wichtigkeit der heute abzuhaltenden Generalversammlung und die Gelegenheit meiner gegenwärtigen kurzen Anwesenheit in Deutschland bewirken dieses. Wir stehen ja in einer Zeit, deren Zusammenhang mit meiner längeren Abwesenheit Sie ganz gewiß schon überlegt haben. Der Zusammenhang zwischen den Zeitereignissen und der geringen Tätigkeit — wenn überhaupt von einer solchen zu sprechen ist —, die ich gerade für den Berliner Zweig entfalten kann, ist ja für Sie wohl offenkundig.

[ 1 ] After a relatively long time, I am able to address you again today. This is due to the importance of today’s General Assembly and the opportunity presented by my current brief stay in Germany. We are, after all, living in a time whose connection to my prolonged absence you have certainly already considered. The connection between current events and the limited activity—if one can even speak of any at all—that I am currently able to carry out for the Berlin branch is surely obvious to you.

[ 2 ] Ich möchte, bevor wir in die geschäftsordnungsmäßige Behandlung unserer heutigen Tagesordnung eintreten, nur wenig vorausschicken. Ich möchte zunächst daran erinnern, wie ich im Frühfrühling des Jahres 1914 in einem Wiener Vortragszyklus Worte gesprochen habe, welche auf dasjenige hindeuten sollten, was dann kam. Dazumal sprach ich eben jene Worte, die ja seither in den Zyklusschriften gedruckt vorliegen. Ich sprach dazumal die Worte, daß die zivilisierte Menschheit in einer Art von gesellschaftlichem Krankheitsprozeß, in einer Art von gesellschaftlichem Karzinom oder Krebskrankheit lebt; daß die ganze Art und Weise, wie die geistigen, staatlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse verlaufen, eine solche ist, daß es unbedingt zu einem Ausbruch dieser schleichenden Krebskrankheit kommen müsse, daß sie aus einem chronischen in einen akuten Zustand übergehen müsse. Selbstverständlich haben dazumal ganz kluge Leute einen solchen Ausspruch, der aus blutender Seele heraus auf die nächste Zukunft hindeutete, für eine Art Phantasterei gehalten, für ein phrasenhaftes Umschreiben einer pessimistischen Stimmung. Man hat ja natürlich dazumal in den weitesten Kreisen der Welt lieber gehört auf solche Stimmen wie diejenige, die etwas später sogar als diese zum Beispiel durch eine offizielle Persönlichkeit hier im Deutschen Reichstage erklungen ist, wo gesagt worden ist, daß die Beziehungen der mitteleuropäischen Regierungen zu den Regierungen der andern europäischen Länder durchaus befriedigende seien und daß man in der nächsten Zeit mit einer allgemeinen Entspannung zu rechnen habe. Sie erinnern sich vielleicht noch des andern Wortes, das dazumal in öffentlicher Reichstagsverhandlung hier in Berlin gesprochen worden ist: daß die freundnachbarlichen Beziehungen zum Petersburger Hofe sich immer günstiger und günstiger gestalten, daß auch gute Beziehungen zu London vorhanden seien und so weiter. So haben ja dazumal die Praktiker gesprochen, während diejenigen, die aus der geistigen Welt heraus sprachen, von einer Krankheit, von einem schleichenden Karzinom sprechen mußten. Im Grunde genommen wird auch heute noch so gesprochen, und zwar recht gründlich, von denjenigen, die sich noch immer als Praktiker dünken, trotzdem diese Praxis die Erfolge der letzten Jahre gebracht hat. Es wird noch immer so gesprochen. Und dasjenige, was an geistigen Untersuchungen hervorgeholt wird, auch &n sozialen Erkenntnissen, wird entweder in den Wind geschlagen oder, wie es ja in Deutschland der Fall ist, auf das allerhefligste angefeindet; noch dazu, was das Schlimmste ist, auf allen möglichen geheimen Wegen angefeindet und verleumdet, in schlimmster Weise verleumdet, so daß anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, und was mit ihr zusammenhängt, heute vielleicht zu dem Allerverleumdetsten gehört, das überhaupt in der Welt sich geltend macht. Und dennoch ist vorauszusetzen, daß es heute schon eine Anzahl von Seelen gibt, welche aus der ganzen Haltung dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft die Empfindung bekommen haben, daß aus ihr allein dasjenige hervorgehen kann, was zur Rettung aus dem allgemeinen Niedergang führen kann. Man muß das heute sagen, selbst dann, wenn die törichte oder böswillige Menschheit von irgendeiner Eitelkeit oder einem Ehrgeiz sprechen würde, aus denen heraus solche Dinge gesagt werden.

[ 2 ] Before we proceed with the formal consideration of today’s agenda, I would like to make a few preliminary remarks. First, I would like to recall how, in early spring of 1914, during a series of lectures in Vienna, I spoke words that were intended to foreshadow what was to come. At that time, I spoke precisely those words, which have since been published in the lecture series. I said then that civilized humanity is living through a kind of social disease process, a kind of social carcinoma or cancer; that the entire nature of spiritual, political, and economic conditions is such that an outbreak of this insidious cancer is inevitable, that it must progress from a chronic to an acute state. Of course, at the time, even very intelligent people regarded such a statement—which, coming from a bleeding soul, pointed to the near future—as a kind of fantasy, a rhetorical expression of a pessimistic mood. After all, at that time, in the widest circles of the world, people naturally preferred to listen to voices such as the one that sounded a little later—even later than this one—for example, through an official figure here in the German Reichstag, where it was stated that the relations between the Central European governments and the governments of the other European countries were entirely satisfactory and that a general easing of tensions was to be expected in the near future. You may still recall the other statement made at that time during a public Reichstag session here in Berlin: that friendly and neighborly relations with the court in St. Petersburg were becoming increasingly favorable, that good relations with London also existed, and so on. That is indeed how the “practitioners” spoke back then, while those who spoke from the spiritual realm had to speak of an illness, of a creeping carcinoma. Basically, people still speak this way today—and quite thoroughly at that—among those who still consider themselves “practitioners,” even though this “practice” has brought about the successes of recent years. People still speak this way. And whatever is brought to light through spiritual research—including social insights—is either dismissed out of hand or, as is indeed the case in Germany, met with the most vehement hostility; and, what is worst of all, it is attacked and slandered through all manner of secret channels—slandered in the worst possible way—so that anthroposophically oriented spiritual science, and everything associated with it, is perhaps today among the most slandered things making their presence felt in the world. And yet it must be assumed that there are already a number of souls today who, from the entire attitude of this anthroposophically oriented spiritual science, have gained the sense that it alone can give rise to that which can lead to salvation from the general decline. This must be said today, even if a foolish or malicious humanity were to speak of some vanity or ambition as the motive behind such statements.

[ 3 ] Ich kann sagen — ich will diese einleitenden Worte kurz fassen —, daß die ganze Haltung und die ganze Art der Auseinandersetzungen, wie ich sie während der eigentlichen Kriegszeit pflegen mußte, nicht verstanden worden sind. Es begann ja im Jahre 1914 eine Zeit, in der Betrachtungen im gewöhnlichen Sinne des Betrachtens aufhören mußten und in denen dasjenige, was durch Worte geschehen sollte, Taten zu werden hatte. Aber die Menschheit ist gewöhnt, Worte nach dem Sinne des Journalistenstils zu nehmen, und nicht nach jenem Stil, der gerade durch die Geisteswissenschaft in die Menschheit hineinkommen soll. So wurde denn gerade während der sogenannten Kriegsjahre vieles mißverstanden. Es wurde vor allen Dingen nicht hingesehen auf etwas, was ich für mich im eminentesten Sinne als wichtig empfand. Ich habe vor Ablauf des ersten Kriegsjahres, was ja den meisten bekannt sein wird, eine kleine Schrift erscheinen lassen: «Gedanken während der Zeit des Krieges». Diese Schrift ist verhältnismäßig schnell verkauft worden. Und wenn man die Dinge von jenem Standpunkte aus zu betrachten gehabt hätte, von dem leider heute noch immer, trotzdem die Not so groß geworden ist, die Dinge betrachtet werden, so wäre es aus äußerlichen Gründen eine Selbstverständlichkeit gewesen, eine neue Auflage der ersten großen Auflage zu machen. Ich habe mich dieser neuen Auflage widersetzt aus dem einfachen Grunde, weil diese Schrift ihre Aufgabe nicht erfüllt hat. Diese Schrift — Sie können sie heute wieder zur Hand nehmen, sofern sie noch vorhanden ist — war eine Frage an das deutsche Volk. Diese Schrift durfte nicht etwa so aufgenommen werden, daß man sich dadurch verleiten ließ, in denselben Ton zu verfallen, in den sehr viele Angehörige der mitteleuropäischen Länder während des Krieges verfallen sind, und der heute gerade da, wo man mit heimlich schleichendem Gift Anthroposophie verleumdet, der gebräuchliche Ton ist. Aber von dem, was ich erwartet habe von dieser Schrift, als Verständnis erwartet habe, ist auch nicht das allermindeste eingetroffen. Nur dann, wenn es eingetroffen wäre, hätte es einen Sinn gehabt, diese Schrift in einer neuen Auflage erscheinen zu lassen. Sie erschien also nicht, sie verschwand aus dem öffentlichen Leben, mußte meiner Auffassung nach aus dem öffentlichen Leben verschwinden. Der Beweis des Unverständnisses, der dadurch geliefert war, mußte in einer gewissen Weise außerordentlich ernst genommen werden. So ist auch gerade manches gründlich mißverstanden worden, was ausgesprochen wurde, um die Geister zu erheben, um die Geister zu befeuern, um dasjenige zur Geltung zu bringen, was gerade in Mitteleuropa hätte zur Geltung kommen können: ein Wiederaufleben jenes Geisteslebens, das um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert durch Mitteleuropa gezogen ist. Im Grunde genommen ist Geisteswissenschaft das Wiederaufleben dieses Geisteslebens in derjenigen Form, in der es heute den Menschen gebracht werden muß.

[ 3 ] I can say—and I will keep these introductory remarks brief—that the entire attitude and the entire nature of the debates, as I had to conduct them during the actual war years, have not been understood. After all, the year 1914 marked the beginning of a time when contemplation in the ordinary sense of the word had to cease, and when what was to be accomplished through words had to become deeds. But humanity is accustomed to taking words in the sense of journalistic style, and not in the style that is meant to enter into humanity precisely through spiritual science. Thus, precisely during the so-called war years, much was misunderstood. Above all, no attention was paid to something that I personally considered to be of the utmost importance. Before the end of the first year of the war—as most people are aware—I published a short treatise: *Thoughts During the Time of War*. This treatise sold out relatively quickly. And if one had viewed things from the perspective from which, unfortunately, they are still viewed today—despite the fact that the need has become so great—it would have been a matter of course, for practical reasons, to produce a new edition of the first large print run. I opposed this new edition for the simple reason that this pamphlet did not fulfill its purpose. This pamphlet—you can pick it up again today, if it is still available—was a question posed to the German people. This work was not to be received in such a way that one would be led to fall into the same tone that so many people in Central European countries fell into during the war—a tone that is common today precisely where anthroposophy is slandered with insidious, creeping poison. But not even the slightest bit of what I had expected from this text—in terms of understanding—came to pass. Only if that had happened would it have made sense to publish a new edition of this text. So it was not published; it disappeared from public life—and, in my view, had to disappear from public life. The evidence of misunderstanding that this provided had to be taken extremely seriously in a certain sense. Thus, many things that were said—intended to uplift the spirits, to inspire them, and to bring to the fore what could have come to the fore in Central Europe—have been thoroughly misunderstood: a revival of that spiritual life that swept through Central Europe at the turn of the 18th to the 19th century. Essentially, spiritual science is the revival of this spiritual life in the form in which it must be brought to people today.

[ 4 ] Nehmen Sie das, was heute in Zeitungen aller Schattierungen, in populären Schriften, auch in wissenschaftlich populären Schriften geschrieben wird, nehmen Sie das, was geschrieben wird in Königsberg oder Berlin, in Wien oder in Graz, in München oder Stuttgart, und vergleichen Sie es mit demjenigen, was in Paris, in Rom, in London, in Chicago, in New York heute geschrieben wird: Sie finden eine große Ähnlichkeit, Sie finden den gleichen Grundton darinnen, einen Geist, der überwunden werden muß. Fragen wir dagegen nach einer anderen Ähnlichkeit, fragen wir nach der Ähnlichkeit, die herrscht zwischen dem, was heute in Berlin, Wien, Dresden, Leipzig, Stuttgart, München, Hamburg, Bremen geschrieben wird, und dem, was einstmals Geister wie Herder, Goethe, Fichte, Schiller verkündeten, dann müssen wir sagen: Das ist grundverschieden. Und all die Deklamationen, die Platz gegriffen haben mit der Anführung von Fichteschen oder gar von Goetheschen Sätzen, all dasjenige, was da produziert worden ist, ähnelt mehr demjenigen, was in Chicago, New York, London, Paris, Rom geschrieben wird, als dem Geiste von Herder, Fichte, Schiller, Goethe. Die Flutwelle, welche von Westen aus das mitteleuropäische Leben überschwemmt hat, hat auch dasjenige hinweggeschwemmt, was in uns leben sollte, und nichts war in dem, was in den letzten Jahrzehnten gelebt hat, von dem alten Geiste zu merken. Das mußte der Welt vor "Augen geführt werden, als die Katastrophe über Mitteleuropa hereingebrochen war, das entrang sich meiner Seele, als ich meinen «Aufruf an das Deutsche Volk und die Kulturwelt» verfaßte. Das, was damit verbunden war, konnte eben nicht bloß fortgesetzt werden, wie es früher in der Ihnen bekannten Form bis zum Jahre 1914 gepflogen werden mußte.

[ 4 ] Take what is written today in newspapers of all political stripes, in popular publications, and even in popular science writings; take what is written in Königsberg or Berlin, in Vienna or Graz, in Munich or Stuttgart; and compare it with what is written today in Paris, Rome, London, Chicago, and New York: You will find a great similarity; you will find the same underlying tone in it—a spirit that must be overcome. If, on the other hand, we ask about another similarity—if we ask about the similarity that exists between what is written today in Berlin, Vienna, Dresden, Leipzig, Stuttgart, Munich, Hamburg, and Bremen, and what minds such as Herder, Goethe, Fichte, and Schiller once proclaimed—then we must say: That is fundamentally different. And all the declamations that have taken hold by citing Fichtean or even Goethian phrases—all that which has been produced there—resembles more what is written in Chicago, New York, London, Paris, and Rome than the spirit of Herder, Fichte, Schiller, and Goethe. The tidal wave that has swept over Central European life from the West has also washed away what should have lived within us, and nothing in what has been produced in recent decades bore any trace of the old spirit. This had to be brought before the world’s “eyes” when the catastrophe broke over Central Europe; it welled up from my soul as I composed my “Appeal to the German People and the Cultural World.” What was connected with this simply could not be continued in the same way as it had been customary until 1914, in the form familiar to you.

[ 5 ] Damals konnte ich nicht appellieren an eines, wovon man glauben mußte, daß man nach 1918 daran appellieren könne. Man konnte nicht appellieren an das, was der Beweis des Niederganges der allgemeinen Zivilisation ist, an die Not. Man mußte seit 1918 glauben, daß die Not, die über Mitteleuropa gekommen ist, die Seelen weckt, sie empfänglich macht für die Sprache, die gemeint war in dem «Aufruf an das Deutsche Volk und die Kulturwelt». Gewiß konnte es nicht so bleiben, daß die anthroposophische Bewegung gepflegt wurde wie früher. Früher hatte man denjenigen Dienst zu leisten, der selbstverständlich in der anthroposophischen Bewegung immer geleistet werden muß, der auch heute und in aller Zukunft geleistet werden muß: das Ewige in der Menschenseele zu pflegen, dasjenige, was über Geburt und Tod hinausgeht, was über die bloß sinnliche Welt hinausweist in die übersinnliche Welt. Und zu warten hatte man, ob nun aus den Seelen, aus den schlafenden Seelen der neueren Zivilisation da oder dort diejenigen Seelen hervorgehen, die in Wirklichkeit etwas verstehen von dem, was mit Geisteswissenschaft gemeint ist. Da konnte man noch nicht an den äußeren Beweis durch die Not appellieren. Nun aber, nach 1918, war die Zeit gekommen, in der etwas ganz anderes als Voraussetzung vor das geistige Auge gerückt werden mußte. Die Menschheit hätte einsehen können, wohin sie durch das Überhandnehmen des Materialismus gekommen war. Denn was wir erlebt haben und was wir fortdauernd erleben und in noch wuchtigerer Weise in der Zukunft erleben werden, das ist das äußere Karma des Materialismus auf dem geistigen, auf dem staatlichen, auf dem wirtschaftlichen Gebiete. Es ist die Folge der Unterlassung, die darin besteht, daß die Menschen nicht in sich die aktive Kraft finden wollten, in der Seele das Geistesleben zu pflegen. Da kam dann die Zeit nach der Verfassung dieses «Aufrufs an das Deutsche Volk und die Kulturwelt», wo es vor allen Dingen darauf ankam, in positiver Weise nach irgend etwas Tatsächlichem hinzuarbeiten. Das ergab sich rein aus den Lebensmöglichkeiten heraus. Ich mußte die ersten Hände ergreifen, die mir entgegenkamen, denn jeder Augenblick drängte. Ich mußte die ersten Hände ergreifen, die mir entgegenkamen: es waren diejenigen, die mir aus Stuttgart entgegenkamen. Da handelte es sich zunächst darum, dasjenige zu hegen und zu pflegen, was aus der Initiative einiger Freunde dort gehegt und gepflegt werden konnte. Hätte dazumal die Menschheit verstanden, um was es sich handelt, hätte sie nicht selbst unter der Lehre der Not versagt, dann hätte es genügt, von einem Zentrum aus so etwas zu machen, denn das hätte vorbildlich wirken können. Allein, was ist geschehen?

[ 5 ] At that time, I could not appeal to something that people had to believe they would be able to appeal to after 1918. One could not appeal to what is the proof of the decline of civilization as a whole: hardship. Since 1918, one had to believe that the hardship that had befallen Central Europe would awaken souls and make them receptive to the message conveyed in the “Appeal to the German People and the Cultural World.” Certainly, the Anthroposophical Movement could not continue to be nurtured as it had been in the past. In the past, one had to perform the service that, of course, must always be performed in the anthroposophical movement—and must continue to be performed today and into the future: to nurture the eternal in the human soul, that which transcends birth and death, that which points beyond the merely sensory world into the supersensory world. And one had to wait to see whether, from the souls—from the slumbering souls of modern civilization—here and there would emerge those souls who truly understood what is meant by spiritual science. At that time, one could not yet appeal to external evidence in the face of hardship. But now, after 1918, the time had come when something entirely different had to be brought before the inner eye as a prerequisite. Humanity could have realized where the prevalence of materialism had led it. For what we have experienced, what we continue to experience, and what we will experience even more powerfully in the future is the external karma of materialism in the spiritual, political, and economic spheres. It is the consequence of a failure to act—namely, that people did not want to find within themselves the active force to cultivate spiritual life in the soul. Then came the time following the drafting of this “Appeal to the German People and the Cultural World,” when the most important thing was to work positively toward something concrete. This arose purely out of the possibilities of life itself. I had to take the first hands that were extended to me, for every moment was urgent. I had to take the first hands that were extended to me: they were those extended to me from Stuttgart. At first, the task was to nurture and cultivate what could be nurtured and cultivated there through the initiative of a few friends. Had humanity understood at that time what was at stake—had it not failed even in the face of hardship—then it would have been enough to undertake such a project from a single center, for that could have served as an exemplary model. But what actually happened?

[ 6 ] Damit Sie sehen, wie die Dinge aufzufassen sind, möchte ich etwas berühren. Bevor ich im Frühling 1919 von der Schweiz aus nach Stuttgart zu der ersten Vortragstournee gefahren bin, kam ein weltbekannter Pazifist zu mir, der den «Aufruf an das Deutsche Volk und die Kulturwelt» unterschreiben wollte, aber etwas zögerte und noch einige Informationen über diesen Aufruf haben wollte. Er sagte mir dazumal: Auf was rechnen Sie eigentlich in Deutschland? — Ich glaube, so sagte er: Sie rechnen auf die zweite Revolution. — Es war Frühling 1919 und man rechnete in Deutschland damals vielfach auf die zweite Revolution nach der ersten vom Herbst 1918. Er glaubte, daß das, was durch die Dreigliederung des sozialen Organismus in die Welt kommen soll, als eine Art Vehikel, als eine Art Weg benutzt werden sollte für das, was in den Impulsen einer zweiten Revolution liege. Ich sagte: Nein! Das ist durchaus nicht meine Meinung. Es ist durchaus nicht meine Meinung, erstens weil ich überhaupt nicht glaube, daß aus denjenigen Leuten, die etwa die zweite Revolution in Deutschland machen würden, irgendein Verständnis für die Dreigliederung des sozialen Organismus in wahrem Sinne unmittelbar hervorgehen könnte, so lange die alten Führer da sind, und zweitens, sagte ich, weil ich überhaupt nicht an eine zweite Revolution glaube. Ich glaube vielmehr, daß diese zweite Revolution in einem chronischen Siechtum bestehen und nicht zu einem akuten Ausbruch kommen wird. Dasjenige, worauf ich einzig und allein rechne, ist, daß sich für das, was aus geistigen Untergründen heraus geboren wird, möglichst viele Seelen finden, die es unbefangen aufnehmen aus den Zeitnotwendigkeiten heraus, ganz abgesehen von dem, was durch die Intentionen der alten Führer geschieht. — Also ich rechnete nicht mit denjenigen Dingen, von denen vielfach geglaubt worden ist, daß ich mit ihnen rechne. Als ich dann nach Stuttgart kam, war es in einem gewissen Sinne selbstverständlich, daß zunächst die breiten Massen des Volkes angesprochen wurden. Diese breiten Massen des Volkes, obwohl auch vielfach gelähmt durch die Ereignisse des Krieges, waren diejenigen, die zunächst etwas hören sollten. In meiner innersten Seele wußte ich, wie die Dinge stehen; denn ich wußte, daß, solange die Führer, die aus der alten Zeit herüberragen — ob sie nun die Führer der rechtsstehenden oder die Führer der linksstehenden Parteien, auch der am weitesten linksstehenden, sind —, die Parteien fest in der Hand haben, die Menschen fest in der Hand haben, so lange mit den Menschen nichts anzufangen ist. Aber denken Sie doch, was geschehen wäre, wenn ich gesagt hätte, ich wäre nicht dafür, mich an die weiten Kreise des Volkes zu wenden. Es hätte mir niemand zu glauben gebraucht, aber wenn es. nicht geschehen wäre, so hätte man hinterher gesagt: Hätte er sich nur an die breiten Kreise des Volkes gewendet, dann wäre alles ganz anders geworden! — Wenn es sich um Wirklichkeiten handelt, muß man auch durch Wirklichkeiten beweisen. Und es mußte erst durch die Wirklichkeiten bewiesen werden, daß aus sämtlichen linksstehenden Parteien die Verleumder und Phrasenhelden sich auftaten gegen das, was durch die Dreigliederung eben anfing, den breitesten Massen des Volkes verständlich zu werden. Wir waren auf gutem Wege. Man darf sagen, wir haben von drei zu drei Tagen Tausende von Leuten gewonnen. Aber gerade das Verständnis, das von den breiten Massen des Volkes der Dreigliederung entgegengebracht wurde, gerade das war es, was die alten Führer zu ihren Verleumdungen, zu ihrem Phrasengedresche brachte, und so kam es, daß uns zunächst scheinbar auf dieser Seite der Boden unter den Füßen entzogen wurde.

[ 6 ] To help you understand how things should be viewed, I’d like to touch on something. Before I traveled from Switzerland to Stuttgart in the spring of 1919 for my first lecture tour, a world-renowned pacifist came to see me. He wanted to sign the “Appeal to the German People and the Cultural World,” but hesitated somewhat and wanted some more information about the appeal. He said to me at the time: “What are you actually counting on in Germany?”—I believe that’s how he put it: “You’re counting on a second revolution.” — It was the spring of 1919, and at that time many in Germany were indeed counting on a second revolution following the first one in the fall of 1918. He believed that what was to come into the world through the threefold social order should be used as a kind of vehicle, as a kind of path, for what lay in the impulses of a second revolution. I said: No! That is by no means my opinion. It is by no means my opinion, first of all because I do not believe at all that any real understanding of the threefold social order could immediately emerge from the very people who might bring about a second revolution in Germany, as long as the old leaders are still there; and secondly, I said, because I do not believe in a second revolution at all. Rather, I believe that this second revolution will consist of a chronic decline and will not lead to an acute outbreak. The only thing I am counting on is that, for what is born out of spiritual depths, as many souls as possible will be found who will accept it impartially out of the necessities of the times, quite apart from what happens through the intentions of the old leaders. — So I did not count on those things that many believed I was counting on. When I then came to Stuttgart, it was, in a certain sense, self-evident that the broad masses of the people would be addressed first. These broad masses of the people, although in many cases paralyzed by the events of the war, were the ones who should hear something first. Deep down in my soul, I knew how things stood; for I knew that as long as the leaders who carry over from the old era—whether they are the leaders of the right-wing parties or the leaders of the left-wing parties, even those on the far left—have a firm grip on the parties and a firm grip on the people, nothing can be done with the people. But just think what would have happened if I had said I was not in favor of addressing the broad masses of the people. No one would have had to believe me, but if it hadn’t happened, people would have said afterward: If only he had addressed the broad masses of the people, then everything would have turned out quite differently! — When it comes to realities, one must also prove one’s case through realities. And it first had to be proven through these realities that, from among all the left-wing parties, the slanderers and empty rhetoricians rose up against what, through the threefold social order, was just beginning to become understandable to the broadest masses of the people. We were on the right track. It is fair to say that we were winning over thousands of people every three days. But it was precisely the understanding that the broad masses of the people showed toward the threefold social order—precisely that—that drove the old leaders to their slanders and their empty rhetoric, and so it came to pass that, at first, the ground seemed to be pulled out from under our feet on this front.

[ 7 ] Und was war von der andern Seite zu hoffen? Nun, es nützt ja nichts, sich in diesen Dingen einen Nebel vor die Augen zu machen, sondern einzig und allein hilft uns in der Gegenwart, die Wahrheit zu sprechen. Mir sagte damals eine führende Persönlichkeit, die herausgewachsen war aus derjenigen Partei, die sich durch eine sonderbare Interpretation des Wortes «Deutsch-Demokratische» Partei nannte und nennt, die in einer jener Versammlungen erschien, die dazumal gehalten worden sind: Ja, wissen Sie, wenn wir in der Lage wären, mehr Leute vor den breiten Massen des Volkes reden zu lassen, die die Dinge in dieser Weise zum Verständnis bringen können, dann gut, dann könnte man ja mitmachen. Aber auf zwei Augen darf das nicht gestellt sein und deshalb verlassen wir uns vorläufig mehr auf die Schießgewehre, auf die Gewalt, und werden es noch für die nächsten fünfzehn bis zwanzig Jahre dahin bringen, die breiten Massen des Volkes damit niederzuhalten. — Das war im wesentlichen die herrschende Bourgeoisiegesinnung; das andere war die Proletarierwirtschaft.

[ 7 ] And what was there to hope for from the other side? Well, there’s no point in deluding ourselves about these matters; the only thing that helps us now is to speak the truth. A leading figure at the time—who had risen through the ranks of the party that called itself, and still calls itself, the “German Democratic” Party based on a peculiar interpretation of the term—and who appeared at one of the meetings held back then, said to me: “Yes, you know, if we were in a position to let more people speak before the broad masses of the people—people who can explain things in this way—then fine, then one could indeed join in.” But we can’t rely on that alone, and that’s why, for the time being, we’re relying more on firearms, on violence, and will continue to use them for the next fifteen to twenty years to keep the broad masses of the people in check.” — That was, in essence, the prevailing bourgeois mindset; the other was the proletarian economy.

[ 8 ] So bleibt denn eigentlich nichts anderes übrig als das, was aus geistigen Untergründen herausgeholt worden ist, eben in der Weise zu vertreten, daß sich immer mehr und mehr Menschen finden, in deren Köpfe die Sache hineingeht. Dahinter muß aber namentlich noch das stehen, was aus dem herausgeboren ist und hätte gepflegt werden sollen, das noch vor dem Krieg an die Grenze der Schweiz, Frankreichs und Deutschlands hingestellt worden ist, damit es von Mitteleuropa hinausschaut in die weite Welt, hinausschaut besonders nach dem Westen, und was dann auch seinen Namen erhalten hat, den es haben muß: den Namen des Goetheanum. Denn heute stehen wir in geistigen Dingen vor Weltaufgaben! Heute stehen wir vor geistigen Dingen nicht so wie vor etwa bloß persönlichen Angelegenheiten. Denn dieses Stehen vor geistigen Dingen wie vor persönlichen Angelegenheiten würde uns eben in den Ruin hineinführen. Das ist es schließlich, was meine Tätigkeit in der letzten Zeit auf Süddeutschland und die Schweiz beschränken mußte. Ich sehne mich wahrhaftig danach, daß auch eine andere Zeit wieder anbricht, wo der Horizont des Wirkens wiederum größer werden kann. Allein, das hängt ja nicht von mir allein ab, das hängt vor allen Dingen von dem Verständnis ab, das man der Sache entgegenbringt. Ich werde vielleicht noch in diesen Tagen Gelegenheit haben, auf einiges hinzuweisen von jener Art des Verstehens, die von gewissen Kreisen ausgeht, die mehr im Unterirdischen durch Brieffälschungen, durch Interviewfälschungen, durch Verleumdungen und Lügen arbeiten.

[ 8 ] So, in fact, there is no other option but to present what has been drawn from spiritual depths in such a way that more and more people come to understand the matter. But behind this, in particular, must still stand that which was born from—and should have been nurtured—what was established even before the war at the border of Switzerland, France, and Germany, so that it might look out from Central Europe into the wider world, looking out especially toward the West, and which then also received the name it must bear: the name of the Goetheanum. For today we face global challenges in spiritual matters! Today we do not approach spiritual matters as we would, say, merely personal affairs. For treating spiritual matters as we would personal affairs would indeed lead us to ruin. That is ultimately why my activities in recent times have had to be limited to southern Germany and Switzerland. I truly long for a time to dawn once more when the horizon of our work can once again expand. Yet that does not depend on me alone; it depends, above all, on the understanding with which people approach the matter. I may yet have the opportunity in the coming days to point out certain aspects of the kind of understanding that emanates from certain circles, which operate more in the shadows through forged letters, fabricated interviews, slander, and lies.

[ 9 ] Für jetzt sei das, was ich eben gesagt habe, nur gesagt, um hinzudeuten auf die Gründe, die es notwendig gemacht haben, daß die Berliner Tätigkeit von uns selber für eine Zeit verlassen werden mußte, um auf die Umstände hinzudeuten, die es notwendig machten, auch für Berlin zu appellieren an das, woran man eben appellieren mußte in dieser Zeit. Haben wir denn nicht durch fast zwei Jahrzehnte Anthroposophie über ein großes Territorium hin getrieben? Durfte man da nicht hoffen, daß sich Menschen finden würden, die selbständig weiterarbeiten? Sie haben sich auch gefunden. Sie haben sich auch hier in Berlin gefunden, und mit Hilfe dieser Freunde muß zunächst versucht werden, die Berliner Arbeit fortzusetzen. Zu diesem Zwecke sind wir hier zunächst zusammengekommen. In dieser Generalversammlung soll geurteilt werden über die Fortsetzung der Arbeit hier in Berlin.

[ 9 ] For now, let what I have just said serve merely to point to the reasons that made it necessary for us to temporarily set aside our activities in Berlin, and to highlight the circumstances that made it necessary to appeal—even in Berlin—to what simply had to be appealed to at that time. Have we not, over the course of nearly two decades, spread anthroposophy across a vast territory? Was it not reasonable to hope that people would be found who would continue the work independently? Such people have indeed come forward. They have also come forward here in Berlin, and with the help of these friends, we must first attempt to continue the work in Berlin. It is for this purpose that we have gathered here today. At this general assembly, a decision is to be made regarding the continuation of the work here in Berlin.