Spiritual Scientific Insight into the
Fundamental Impulses of Social Organization
GA 199
18 September 1920, Dornach
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Spiritual Scientific Insight into the Fundamental Impulses of Social Organization, tr. SOL
Siebzehnter Vortrag
Seventeenth Lecture
[ 1 ] Unter denjenigen Vorstellungen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, die am fruchtbarsten, am intensivsten und auch am notwendigsten werden wirken müssen für die Entwickelung des Menschenseelenwesens gegen die Zukunft hin, wird diejenige sein von dem vorgeburtlichen menschlichen Dasein. Bedenken wir einmal, was nach dieser Richtung zu jenen Vorstellungen und Empfindungen, welche die abendländische Menschheit lange beherrscht haben, hinzukommen wird. Wenn heute der gläubige, der irgendeiner Konfession zugehörige Mensch von der Ewigkeit, von der Unsterblichkeit der Menschenseele spricht, so denkt er zunächst ja an nichts anderes als an das Lebendigbleiben, das Bestehenbleiben der Menschenseele nach dem Tode. Man wird in der Zukunft, wenn die Anschauung der Geisteswissenschaft eine genügend große Anzahl von Menschen wird ergriffen haben, vor allen Dingen von dem vorgeburtlichen Dasein der Menschenseele sprechen, von dem Aufenthalt der Menschenseele in geistigen Welten, bevor sie heruntersteigt zum physischen Erdendasein, von alldem, was der Geburt oder der Empfängnis vorausgeht, ebenso wie von dem, was für diese Menschenseele nach dem Tode folgt. Man stellt sich heute noch nicht genügend vor, welche Bedeutung ein solches Sprechen von dem vorgeburtlichen Dasein haben wird für das ganze menschliche Leben, nicht nur für das innere, sondern auch für das äußere Menschenleben.
[ 1 ] Among the concepts of anthroposophically oriented spiritual science that must have the most fruitful, most intense, and also the most necessary effect on the development of the human soul as we look toward the future, the concept of prenatal human existence will be the most significant. Let us consider what, in this regard, will be added to those ideas and feelings that have long dominated Western humanity. When today a person of faith, belonging to any denomination, speaks of eternity or the immortality of the human soul, they initially think of nothing other than the continued life and persistence of the human soul after death. In the future, when the perspective of spiritual science has taken hold of a sufficiently large number of people, people will speak above all of the human soul’s pre-birth existence, of the soul’s sojourn in spiritual worlds before it descends to physical life on Earth, of everything that precedes birth or conception, as well as of what follows for this human soul after death. People today do not yet fully grasp the significance that such a discussion of pre-birth existence will have for the whole of human life—not only for inner life, but also for outer human life.
[ 2 ] Bedenken wir nur einmal zunächst, was es heißt, wenn wir das werdende Kind anschauen, sehen, wie von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat die Physiognomie des Antlitzes von innen heraus sich gestaltet, wie diese oder jene Züge auftreten, sich glätten, zurückgehen und so weiter. Man macht sich noch nicht klar, in welche Geheimnisse des Daseins man eigentlich hineinblickt, wenn man solch ein werdendes Menschenwesen betrachtet. Mit welcher Innigkeit wird solch ein werdendes Menschenwesen angeschaut werden, wenn das Bewußtsein zugrunde liegt: bevor dieses Menschenwesen empfangen .oder geboren worden ist, war sein Seelisch-Geistiges oben in seelisch-geistigen Welten, hatte Erlebnisse durch seelisch-geistige Organe, wie während des physischen Daseins der Mensch Erlebnisse durch seine physischen Organe hat.
[ 2 ] Let us first consider what it means when we look at the developing child, seeing how, day by day, week by week, month by month, the features of the face take shape from within, how this or that feature emerges, smooths out, recedes, and so on. We do not yet fully realize what mysteries of existence we are actually glimpsing when we observe such a developing human being. With what depth of feeling will such a developing human being be regarded when the following awareness underlies our perception: before this human being was conceived or born, its soul-spiritual being was up in the soul-spiritual worlds, having experiences through soul-spiritual organs, just as during physical existence a human being has experiences through its physical organs.
[ 3 ] Wir können noch einen Schritt weiter nach dem Inneren der Menschenseele gehen, und dann auch von diesem Gesichtspunkte aus den Umschwung der Anschauungen in dieser Beziehung ermessen. Nehmen wir die verschiedenen Konfessionen, die heute aus ihren jahrhundertealten Traditionen heraus in Predigt und Lehre zu den Menschen sprechen von der Ewigkeit, von der Unsterblichkeit der Menschenseele. Man sollte über diese Dinge nicht von einem theoretischen Standpunkt aus sprechen, man sollte sprechen von dem Standpunkte des Lebens aus; man sollte verfolgen, aus welchen Empfindungsnuancen heraus Predigt und theologische Lehren in bezug auf die Ewigkeit der Menschenseele zumeist fließen. Ich sage jetzt nicht, dem Inhalt der Lehre nach, sondern mehr den Motiven, den Empfindungen, den Gefühlen nach, aus denen heraus gesprochen wird in Predigt und theologischer Lehre. Nicht wahr, der Mensch kann ja, ganz abgesehen von dem, was wahr ist, ein aus dem innersten Seelenegoismus heraus entspringendes Gefühl haben: Die Seele soll nicht zugrunde gehen, wenn der Leib zerfällt! Es ist schon etwas von einem inneren Seelenegoismus, was da wünscht, man möchte nicht zugrunde gehen. Man kann das Ereignis der Auflösung nicht ertragen, man dürstet nach dem Verbleiben der Menschenseele im Dasein nach dem Tode. Dieses Gefühl des Dürstens nach der Unsterblichkeit nach dem Tode, das ist es, an das zunächst Predigt und theologische Lehre appellieren. Das ist es, was die Untergründe abgibt, aus denen heraus über die Ewigkeit der Seele zu den Menschen aus den verschiedensten Konfessionen heraus gesprochen wird. Man findet Gläubige, indem man dem geheimen, dem inneren Seelenegoismus entgegenkommt. Man sagt ja im Grunde genommen den Menschen etwas, wonach sie dürsten, dessen Gegenteil sie durchaus nicht hören wollen. Indem man ihnen von dem Verbleiben im Dasein nach dem Tode spricht, findet man den Zugang zu dem menschlichen Glauben. Man würde sonst den Zugang zu dem Menschenglauben nicht finden, wenn die Menschenseele nicht aus Egoismus heraus dürstete nach der Unzerstörbarkeit der Seele nach dem Tode. Nun wissen wir aus der Geisteswissenschaft, daß diese Menschenseele gewiß nach dem Tode ihr Dasein behält, und wir konnten auch aus vielen Darstellungen, die gegeben worden sind im Laufe der Arbeit innerhalb dieser Bewegung, sehen, daß man aus der Initiationswissenschaft heraus mit Genauigkeit von den Erlebnissen nach dem Tode sprechen kann.
[ 3 ] We can go one step further into the innermost depths of the human soul, and then, from this perspective as well, gauge the shift in views on this subject. Let us consider the various denominations that, drawing on their centuries-old traditions, speak to people today in their sermons and teachings about eternity and the immortality of the human soul. One should not speak of these things from a theoretical standpoint; one should speak from the standpoint of life; one should examine the nuances of feeling from which sermons and theological teachings regarding the eternity of the human soul most often spring. I am not referring here to the content of the doctrine, but rather to the motives, the sensibilities, and the feelings from which sermons and theological teachings spring. After all, quite apart from what is true, a person can have a feeling that springs from the innermost egoism of the soul: The soul must not perish when the body decays! There is indeed an element of inner selfishness of the soul in this desire not to perish. One cannot bear the event of dissolution; one thirsts for the human soul to remain in existence after death. This feeling of thirsting for immortality after death—that is what sermons and theological teachings appeal to first and foremost. This is what provides the foundation from which the eternity of the soul is preached to people of the most diverse denominations. One finds believers by catering to this secret, inner selfishness of the soul. Essentially, one tells people something they thirst for—and the opposite of which they certainly do not want to hear. By speaking to them of the soul’s continued existence after death, one finds a way into human faith. One would not otherwise find a way into human faith if the human soul did not, out of egoism, thirst for the indestructibility of the soul after death. Now we know from spiritual science that the human soul certainly continues to exist after death, and we have also been able to see from many descriptions given in the course of the work within this movement that, based on the science of initiation, one can speak with precision about experiences after death.
[ 4 ] Nicht von dem, was da wirklich nach dem Tode liegt, soll zunächst gesprochen sein, sondern von den Motiven, aus denen heraus die Lehre von der Unsterblichkeit gepredigt wird. An diese Motive wird Geisteswissenschaft nicht appellieren können. Namentlich wird sie dann nicht appellieren können, wenn sie sprechen soll von dem Dasein der Menschenseele vor der Geburt oder vor der Empfängnis, denn im Grunde genommen kommt man da nicht dem Seelenegoismus entgegen. In der Regel denken die Menschen wenig daran, wie es mit ihnen war vor der Geburt oder vor der Empfängnis, wie es war mit ihren Erlebnissen, bevor sie herunterstiegen in einen irdischen Leib. Das ist ihnen mehr oder weniger gleichgültig, und nicht eine gleiche Sehnsucht geht dahin wie nach dem Leben nach dem Tode. Zustimmung für dieses Gebiet wird man nur finden bei denjenigen, bei welchen der Trieb rege ist, das menschliche Wesen überhaupt zu erkennen, bei welchen rege ist die Sehnsucht, jene Kraft in der menschlichen Seele aufzufinden, die als eine unsterbliche wirklich zugrunde liegt dem, was wir in der äußeren physischen Welt durch unseren Leib sind. In unserer abendländischen Zivilisation, die, wenn ihr nicht neue Kräfte eingefügt werden, dem Untergange verfallen ist, finden sich wenig Neigung und auch wenig Begriffe, an die man sich wenden kann, wenn von diesem Leben der Menschenseele vor der Geburt oder vor der Empfängnis die Rede sein soll. Sie wissen ja, die Kirchen betrachten diese Lehre als eine Ketzerei, und die Kirchen wissen nicht, daß sie im Grunde genommen damit nicht eigentlich Christentum lehren, sondern daß sie lehren aristotelische Philosophie. Denn als im Mittelalter die Philosophie des Aristoteles in die Kirchenphilosophie aufgenommen worden ist, da befestigte sich innerhalb der Kirchenphilosophie die Lehre von der Entstehung, von der Schöpfung jeder einzelnen Menschenseele mit der Geburt, respektive mit dem Werden des Menschenkeims im Leibe der Mutter. Und so wurde allmählich der Glaube erweckt, als ob dieses Leugnen der Präexistenz der Menschenseele zur wirklichen Kirchenlehre des Christentums gehörte. Es gehört nicht dazu. Zur wirklichen praktischen Lehre des Christentums gehört das Eindringen in die geistigen Welten. Das Eindringen in die geistigen Welten kann nicht sein ohne die Erkenntnis der Präexistenz der Menschenseele.
[ 4 ] We shall not speak at first of what actually lies beyond death, but rather of the motives behind the preaching of the doctrine of immortality. Spiritual science will not be able to appeal to these motives. In particular, it will not be able to do so when it comes to speaking of the existence of the human soul before birth or before conception, for, fundamentally speaking, this does not accommodate soul egoism. As a rule, people give little thought to what their state was like before birth or before conception, or to their experiences before they descended into an earthly body. This is more or less a matter of indifference to them, and they do not feel the same longing for it as they do for life after death. Support for this field can be found only among those who have a keen desire to understand the human being as a whole, and among those who have a keen longing to discover that force within the human soul which, as an immortal essence, truly underlies what we are in the outer physical world through our bodies. In our Western civilization—which, unless new forces are infused into it, is doomed to decline—there is little inclination and few concepts to which one can turn when speaking of this life of the human soul before birth or before conception. As you know, the churches regard this teaching as heresy, and the churches do not realize that, in essence, they are not actually teaching Christianity but rather Aristotelian philosophy. For when Aristotle’s philosophy was incorporated into church philosophy during the Middle Ages, the doctrine of the origin—the creation—of each individual human soul at birth, or rather with the formation of the human embryo in the mother’s womb, became firmly established within church philosophy. And so the belief gradually took hold that this denial of the pre-existence of the human soul was part of the true Christian doctrine. It is not. The true practical teaching of Christianity includes entering the spiritual worlds. Entering the spiritual worlds is not possible without the knowledge of the pre-existence of the human soul.
[ 5 ] Aber die abendländische Zivilisation ist infiziert durch die Bekenntnisse; sie ist so weit gekommen, daß wir eigentlich nicht einmal in der Sprache ein Hilfsmittel haben, um das auszudrücken, was auf diesem Gebiete die Wahrheit ist. Wir sprechen, wenn wir noch innerhalb einer religiösen Weltanschauung stehen oder innerhalb irgendeiner vernünftigen philosophischen Weltanschauung, von der Unsterblichkeit der Menschenseele. Indem wir das Wort «Unsterblichkeit» der Menschenseele haben, deuten wir schon darauf hin, daß wir im Grunde genommen damit nur das Sterben negieren, nicht die Geburt, denn wo hätten wir ein gebräuchliches Wort, welches ebenso hinweisen würde auf die Präexistenz, wie das Wort Unsterblichkeit auf die Postexistenz hinweist. Wo hätten wir ein Wort wie «Ungeborenheit», das genau die gleiche Berechtigung hat vor wirklich geistiger Erkenntnis wie «Unsterblichkeit»? Das kann Ihnen der beste Beweis dafür sein, was verlorengegangen ist im Abendlande, gerade durch das Wirken der Konfessionen: die Wahrheit über das Wesen des Menschen, Bis in die Sprache hinein ist diese Wahrheit verlorengegangen. Denn wir müssen bis in die Sprache hinein das Bewußtsein dafür hervorrufen, daß die Menschenseele ewig ist, daß sie ebenso vor der Geburt da ist wie nach dem Tode. Wir brauchen ebenso ein Wort für Ungeborenheit, wie wir ein Wort haben für Unsterblichkeit. Dann aber fragen Sie eine gesunde Logik, wenn Sie an ein vorgeburtliches Dasein denken, eine Logik, die wirklich zu Ende denkt, ob Sie dann noch imstande sind, nicht von wiederholten Erdenleben zu sprechen. Sie können, wenn Sie nur von Unsterblichkeit reden, von einer Postexistenz, allerdings glauben: Dieses eine Erdenleben, und dann eine Ewigkeit ganz anderer Art! Sie werden das logischerweise nicht mehr können, wenn Sie von Präexistenz sprechen. Sonst müßten Sie sich fragen: Ja, wie kommt es, daß nun nicht doch mit der Geburt die Seele geschaffen wird? Warum sollte sie geschaffen werden irgendeine Strecke vor der Geburt? Kurz, Sie kommen unbedingt zu den wiederholten Erdenleben, wenn Sie von Präexistenz sprechen. Im Grunde genommen ist man noch niemals in der Erdenzivilisation zu der Anschauung der Präexistenz gekommen, ohne von den wiederholten Erdenleben zu sprechen.
[ 5 ] But Western civilization is infected by these creeds; it has reached the point where we do not even have the linguistic tools to express what the truth is in this realm. When we still operate within a religious worldview—or within any rational philosophical worldview—we speak of the immortality of the human soul. By using the word “immortality” of the human soul, we are already implying that, fundamentally, we are merely negating death, not birth; for where would we find a common word that would point just as clearly to pre-existence as the word “immortality” points to post-existence? Where would we find a word like “unbornness” that has exactly the same validity in the face of true spiritual knowledge as “immortality”? This may be the best proof to you of what has been lost in the West, precisely through the influence of the denominations: the truth about the nature of the human being. This truth has been lost even in language itself. For we must awaken an awareness—even within language itself—that the human soul is eternal, that it exists just as much before birth as it does after death. We need a word for “pre-birth” just as we have a word for “immortality.” But then ask your sound logic—when you think of a pre-birth existence, a logic that truly thinks things through to their conclusion—whether you are still able to avoid speaking of repeated earthly lives. If you speak only of immortality—that is, of a post-existence—you can, of course, believe: “This one earthly life, and then an eternity of a completely different kind!” Logically, you will no longer be able to do so if you speak of pre-existence. Otherwise, you would have to ask yourself: “Well, how is it that the soul is not created at birth after all? Why should it be created at some point before birth?” In short, you inevitably arrive at the concept of repeated earthly lives when you speak of pre-existence. Basically, no one in earthly civilization has ever arrived at the concept of pre-existence without speaking of repeated earthly lives.
[ 6 ] Aber bedenken Sie, wenn sich diese Lehre von der Präexistenz nun nicht bloß als eine Theorie kundgibt, wenn sich diese Anschauung in alles Gefühlsleben, und namentlich in das Willensleben der Menschen hineinfindet, wenn der Mensch sich fühlt als ein solches Wesen, das herabgestiegen ist aus geistigen Welten und sich im physischen Leib verkörpert hat, was das bedeutet für die ganze Auffassung dieses Erdendaseins! Sie sind sich dann bewußt, hier auf dieser Erde ein Sendbote der göttlich-geistigen Welt zu sein; Sie wissen, dieses Leben hier ist eine Fortsetzung eines geistigen Lebens. Alles dasjenige was wir an Pflichtgefühl, was wir an Fähigkeiten in uns tragen, wird durchleuchtet und durchkraftet von diesem Bewußtsein, denn wir wissen, daß uns die Götter heruntergeschickt haben in dieses physische Dasein. Dieses physische Dasein bekommt erst eine Aufgabe, die nicht von ihm selber gestellt ist, sondern die ihm gestellt ist von Himmelshöhen. Das ist ja das Eigentümliche der Geisteswissenschaft, daß sie nicht bloß gegen den Intellekt spricht, sie muß auch zum Intellekt sprechen, denn die Dinge müssen begriffen werden. Aber indem wir die Vorstellungen aufnehmen, die aus der Initiationswissenschaft kommen, durchdringen sie unser ganzes Menschenwesen, durchdringen sie nicht bloß unsere Gedanken, durchdringen sie unser Gefühl, unsere Empfindungen, durchdringen sie unseren Willen, geben sie uns ein Bewußtsein vom Wesen unseres ganzen Menschen. Wie man sich in die Welt hineinstellt unter dem Bewußtsein der Präexistenz der Menschenseele, das wird besonders bedeutungsvoll sein für die Zivilisation der Zukunft. Das wird die Menschen durchleuchten und durchkraften mit etwas, was gebraucht wird, um wieder herauszukommen aus den Niedergangskräften, die sonst ganz zweifellos die abendländische Zivilisation im Beginn des dritten Jahrtausends in die Barbarei hineintreiben werden. Aber auch die einzelnen Zweige des Lebens, sie bekommen ein ganz besonderes Gepräge, wenn man solch eine Anschauung zugrunde legen kann.
[ 6 ] But consider: if this doctrine of preexistence manifests itself not merely as a theory, if this view permeates the entire emotional life, and especially into the will of human beings, if a person feels themselves to be a being who has descended from spiritual worlds and incarnated in a physical body—what does that mean for the entire conception of this earthly existence! You are then conscious of being, here on this Earth, a messenger of the divine-spiritual world; you know that this life here is a continuation of a spiritual life. Everything we carry within us—our sense of duty, our abilities—is illuminated and imbued with power by this consciousness, for we know that the gods have sent us down into this physical existence. This physical existence is given a task that is not set by itself, but is set for it from the heavenly heights. This is, after all, the distinctive feature of spiritual science: that it does not merely speak against the intellect; it must also speak to the intellect, for things must be understood. But as we take in the ideas that come from the science of initiation, they permeate our entire human being; they permeate not only our thoughts, but also our feelings, our sensations, and our will, giving us an awareness of the essence of our whole being. How one positions oneself in the world with an awareness of the pre-existence of the human soul will be particularly significant for the civilization of the future. This will illuminate and empower people with something that is needed to break free from the forces of decline that would otherwise, without a doubt, drive Western civilization into barbarism at the beginning of the third millennium. But the individual spheres of life, too, take on a very special character when such a perspective can serve as their foundation.
[ 7 ] Es ist auch hier wohl öfter zu Ihnen gesprochen worden von der in Stuttgart begründeten Waldorfschule. Sie soll in gewisser Weise in Unterricht und Erziehung praktisch machen anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Etwas besonders Bedeutungsvolles in der Pädagogik der Waldorfschullehrer sind nicht etwa die abstrakten Grundsätze, die Sie sonst in pädagogischen Lehrbüchern oder in staatlich approbierten Lehrvorschriften finden können, sondern da wirken als ganz besonders wichtige Dinge zum Beispiel die Gefühle, mit denen der Lehrer die Klasse betritt. Eines derjenigen Gefühle, die da ganz besonders pädagogisch wirksam werden, von dem jeder Lehrer durchdrungen ist, weil er von dieser Seite aus in seinen Beruf eingeführt worden ist, das ist die Ehrfurcht vor jenem göttlichen Keim, der sich von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat herausdrängt aus dem Inneren des Wesens, das heruntergestiegen ist aus der ewig geistigen Welt in diese physische Welt. Das Bewußtsein, daß der Lehrer durch das Tor des Menschenleibes etwas zu tun hat mit einem Wesen, das heruntergestiegen ist zu ihm aus geistigen Welten, das macht jene tiefe Ehrfurcht aus, die der Lehrer dann hat vor jenem Menschenwesen, das sich als ein Geistig-Seelisches im physischen Leib immer mehr und mehr herausgestaltet. Man mag es heute schon glauben oder nicht: Ein Lehrer, der diese Ehrfurcht vor dem werdenden Menschen hat, hat eine geheime Kraft in sich, durch die er ganz anders unterrichtet und erzieht, als ein Lehrer, der diese Ehrfurcht nicht hat, der glaubt, der Mensch wäre entstanden, indem er sich als physischer Leib losgelöst hat von dem Leib der Mutter. Denn man unterrichtet und erzieht nicht allein mit Begriffen und Ideen, man erzieht vor allen Dingen mit jenen geheimnisvollen Kräften und Mächten, welche als Imponderabilien übergehen von dem Lehrer auf das Kind.
[ 7 ] You have likely heard quite a bit here about the Waldorf School founded in Stuttgart. In a certain sense, it is intended to put anthroposophically oriented spiritual science into practice in teaching and education. What is particularly significant in the pedagogy of Waldorf school teachers is not the abstract principles that you might otherwise find in educational textbooks or in state-approved teaching guidelines, but rather, for example, the feelings with which the teacher enters the classroom. One of the feelings that has a particularly powerful pedagogical effect—and one that permeates every teacher because they were introduced to their profession from this perspective—is reverence for that divine seed which, day by day, week by week, month by month, pushes its way out from within the being that has descended from the eternal spiritual world into this physical world. The awareness that, through the gateway of the human body, the teacher has a connection with a being that has descended to him from spiritual worlds—this is what constitutes the deep reverence the teacher then feels for that human being, who is increasingly taking shape as a spiritual-soul being within the physical body. Whether one believes it today or not: A teacher who has this reverence for the developing human being possesses a secret power within, through which he teaches and educates in a completely different way than a teacher who lacks this reverence—one who believes that the human being came into being by detaching the physical body from the mother’s body. For one does not teach and educate solely with concepts and ideas; one educates, above all, with those mysterious forces and powers that pass from the teacher to the child as imponderables.
[ 8 ] Dafür läßt sich ein Beispiel anführen, das als ein besonders wichtiges angeführt werden darf. Man kann als Lehrer nachdenken, wie man dem oder jenem Kinde die Idee der Unsterblichkeit beibringt. Nicht wahr, nach heutiger Auffassung ist der Lehrer der Gescheite und das Kind der Dumme, Der gescheite Lehrer denkt nach: Wie bringe ich dem dummen Kinde die Idee der Unsterblichkeit bei? — Da wird er etwa dem Kinde sagen: Sieh dir an die Schmetterlingspuppe! Da drinnen sitzt ein Schmetterling, er bricht aus, er entfaltet sich, nachdem die Puppe gesprengt ist. Genau so ist es mit deiner unsterblichen Seele in deinem Leibe: der Leib wird gesprengt. Die unsterbliche Seele ist nur nicht so sichtbar wie der Schmetterling, aber für eine übersinnliche Anschauung ist sie sichtbar, sie fliegt in geistige Welten. — Gewiß, man kann sich das ausdenken und durch einen solchen Vergleich dem Kinde die Unsterblichkeitsidee beibringen. Meines Erachtens wird das Kind nicht sehr gefördert, wenn ihm diese Unsterblichkeitsidee von dem sehr gescheiten Lehrer im Sinne der heutigen Zeit beigebracht wird, denn der glaubt selber nicht daran! Er hat es nur ausgedacht. Wenn aber irgendeiner von unseren Waldorfschullehrern dem Kinde auf diese Weise die Unsterblichkeit beibringt, so ist das ganz anders. Der glaubt nämlich selber an dieses Bild, der ist von der Wahrheit durchdrungen, daß die Schmetterlingspuppe und der auskriechende Schmetterling von den Göttern selber so angeordnet sind, daß sie das Bild der Unsterblichkeit der Menschenseele darstellen. Der ist davon durchdrungen: Da ist dieselbe Erscheinung: auf einer niedrigeren Stufe der auskriechende Schmetterling, und auf einer höheren Stufe die aus dem Leibe herauskommende Seele. Und dieses Bild hast nicht du gemacht, sondern es ist von göttlich-geistigen Mächten selber in die Natur hineingestellt worden. — Der glaubt daran mit derselben Inbrunst, wie das Kind daran glauben soll, und auf diesen Glauben kommt es an. Hat der Lehrer diesen Glauben, so wird er ihn auch in dem Kinde befestigen, hat er ihn nicht, hat er ihn nur als eine abstrakte Idee in sich, so wirkt er nicht fruchtbar. Denn es kommt auf die Gefühle an, die in das Klassenzimmer hineinströmen, auf die Gefühle kommt es an, die in unserer Seele entzündet werden aus dem Bewußtsein der Präexistenz.
[ 8 ] An example can be cited here that may be considered particularly important. As a teacher, one might reflect on how to teach this or that child the idea of immortality. Isn’t it true that, according to today’s view, the teacher is the wise one and the child is the foolish one? The wise teacher reflects: How do I teach the foolish child the idea of immortality? — He might say to the child: Look at the butterfly chrysalis! Inside it sits a butterfly; it breaks free and unfolds after the chrysalis bursts open. It is exactly the same with your immortal soul within your body: the body is shattered. The immortal soul is simply not as visible as the butterfly, but it is visible to a supersensible perception; it flies into spiritual worlds. — Certainly, one can conceive of this and, through such a comparison, teach the child the idea of immortality. In my opinion, the child is not greatly helped when this idea of immortality is taught to them by a very clever teacher in the spirit of the present age, for the teacher does not believe in it himself! He has merely made it up. But if any of our Waldorf school teachers teaches the child about immortality in this way, it is quite different. For he himself believes in this image; he is imbued with the truth that the butterfly chrysalis and the emerging butterfly are ordained by the gods themselves to represent the image of the immortality of the human soul. He is imbued with this: There is the same phenomenon: on a lower level, the butterfly emerging from its chrysalis; and on a higher level, the soul emerging from the body. And this image was not created by you, but has been placed within nature by divine-spiritual powers themselves. — They believe in it with the same fervor with which the child is to believe in it, and it is this belief that matters. If the teacher has this faith, he will also instill it in the child; if he does not have it—if he holds it only as an abstract idea within himself—then his teaching will not bear fruit. For what matters are the feelings that flow into the classroom; what matters are the feelings that are kindled in our soul by the awareness of pre-existence.
[ 9 ] Nimmt man ernst all das, was aus dieser vorgeburtlichen Existenz folgt, dann erst bekommt man einen wirklichen Begriff von dem Zusammenhang der Menschenseele mit dem Menschenleibe. Wenn Sie heute irgendein Handbuch der Seelenkunde — Psychologie nennt man das — nehmen, so finden Sie alle möglichen Theorien, wie die Menschenseele auf den Menschenleib wirkt und so weiter. Sie würden nicht sehr gescheit werden durch diese Theorien, es sind abstrakte Gedankengespinste, und wenn Sie sie durchgenommen haben, wissen Sie nicht viel mehr, als Sie früher wußten; denn da werden bloß allerlei Hypothesen aufgestellt, wie die Seele auf den Leib wirkt.
[ 9 ] Only when we take seriously everything that follows from this prenatal existence can we truly grasp the connection between the human soul and the human body. If you pick up any textbook on the science of the soul—what is called psychology—today, you will find all sorts of theories about how the human soul affects the human body and so on. You won’t gain much insight from these theories; they are abstract flights of fancy, and once you’ve worked through them, you won’t know much more than you did before; for they merely put forward all sorts of hypotheses about how the soul affects the body.
[ 10 ] Weiß man, wie das vorgeburtliche Menschenwesen sich verkörpert im Leib, dann verfolgt man den werdenden Menschen im Kinde ganz anders. Da haben wir zwei Etappen im werdenden Menschen. Die eine Etappe ist gegeben mit dem Zahnwechsel um das siebente Jahr herum. Was bedeutet dieser Zahnwechsel? Es ist eine viel stärkere Veränderung in dem ganzen menschlichen Organismus, als man gewöhnlich glaubt. Aber man beobachtet die Dinge heute nur äußerlich. Wenn man sich einmal gewöhnen wird, die Dinge seelisch zu betrachten, wie dieses aus der Geisteswissenschaft folgen kann, was wird man einsehen? Man wird sich sagen: Merkwürdig! Das Kind bis zum Zahnwechsel bildet sich nicht ganz gefestigte Begriffe, es erinnert sich zwar an manches, aber es legt die Erinnerung nicht in Begriffe fest; es tritt noch nicht eigentliche Intelligenz auf. Beobachten Sie nur ernstlich einmal ein Kind, wie da im Laufe des Zahnwechsels immer mehr und mehr die Fähigkeit für die eigentliche Intelligenz entsteht. Man hat ja heute gar kein Gefühl dafür, welcher Unterschied besteht zum Beispiel zwischen einem sieben- und fünfjährigen Kinde mit Bezug auf die Ausbildung der Intelligenz. Würde man nur beobachten — die Waldorfschullehrer müssen es beobachten, denn das liegt ihrem ganzen Unterricht und ihrer Erziehung zugrunde —, wie diese Seele nach und nach herauskommt nach dem siebenten Jahr, dann würde man gleich einsehen, wohin man zu blicken hat, wenn man die Frage beantworten will: Ja, wo war denn das alles, was da als Intelligenz herauskommt nach dem siebenten Jahr? Wo steckte denn das? Das steckte im Leibe unten, war tätig im Leibe. Dasselbe, was sich emanzipiert mit dem siebenten Jahr und Intelligenz wird, das war unten im Leibe, gestaltete den Leib und machte seinen Schlußpunkt in bezug auf dessen Gestaltung mit dem Herausdrängen der zweiten Zähne. Die Kraft, die in den zweiten Zähnen sich zum Dasein drängt, sie ist in dem ganzen Organismus tätig gewesen. Aber es ist eine Kraft, welche nur bis zum siebenten Jahr im Leibe tätig ist, dann hat sie im Leibe nichts mehr zu tun, dann wird sie Intelligenz; sie war früher auch schon Intelligenz, aber sie arbeitete im Leibe. Sehen Sie sich an, was im Leibe des Kindes bis zum siebenten Jahr geschieht, und sehen Sie nachher, was das Kind als Intelligenz hat nach dem siebenten Jahr, dann haben Sie dasselbe. Durch die Geburt ist die Intelligenz heruntergestiegen; zunächst war sie noch nicht als Intelligenz, als seelische Wesenheit tätig, das wird sie erst allmählich nach dem siebenten Jahr: da haben "Sie konkret das Zusammenwirken der Seele mit dem Leibe. Und jetzt können Sie, was da hauptsächlich bis zum siebenten Jahre im Menschenleibe arbeitete, Sie können es ja anschauen. Jetzt haben Sie nicht törichte, abstrakte Begriffe vom Zusammenwirken von Leib und Seele, die aus den Fingern gesogen sind, wie sie in unseren Lehr- und Handbüchern stehen, jetzt haben Sie konkrete Anschauungen von dem, was in Blut und Nerven, in Muskeln und Knochen sieben Jahre hindurch arbeitete und dann Intelligenz des Kindes wird.
[ 10 ] If one understands how the prenatal human being incarnates in the body, then one views the developing human being in the child in an entirely different way. There are two stages in the development of the human being. One stage occurs with the change of teeth around the age of seven. What does this change of teeth signify? It is a much more profound transformation in the entire human organism than is generally believed. But today people observe things only superficially. Once we become accustomed to viewing things from a spiritual perspective—as can be derived from spiritual science—what will we come to realize? We will say to ourselves: How remarkable! Until the change of teeth, the child does not form fully consolidated concepts; although the child remembers many things, it does not fix these memories into concepts; true intelligence has not yet emerged. Just observe a child closely once, and you will see how, in the course of the change of teeth, the capacity for true intelligence develops more and more. Today, people have absolutely no sense of the difference, for example, between a seven-year-old and a five-year-old child with regard to the development of intelligence. If one would only observe—Waldorf school teachers must observe this, for it underlies their entire teaching and education—how this soul gradually emerges after the seventh year, then one would immediately realize where to look when seeking to answer the question: Yes, where was all that which emerges as intelligence after the seventh year? Where was it hidden? It was hidden in the lower part of the body, active within the body. The very same force that emancipates itself at the age of seven and becomes intelligence was down in the body, shaping the body, and reached its culmination in terms of that shaping with the eruption of the second set of teeth. The force that pushes its way into existence in the second set of teeth has been at work throughout the entire organism. But it is a force that is active in the body only until the age of seven; after that, it has no further task in the body, and then it becomes intelligence; it was already intelligence before, but it was working within the body. Look at what happens in the child’s body up to the age of seven, and then look at what the child possesses as intelligence after the age of seven—you will find that it is the same thing. Intelligence descended at birth; at first it was not yet active as intelligence, as a soul entity—it only gradually becomes so after the age of seven: there you have “the concrete interaction of the soul with the body.” And now you can observe what was primarily at work in the human body up to the age of seven. Now you do not have foolish, abstract concepts of the interaction between body and soul—concepts pulled out of thin air, as they appear in our textbooks and manuals—but rather concrete insights into what has been at work in the blood and nerves, in the muscles and bones, over the course of seven years and then becomes the child’s intelligence.
[ 11 ] So lernt man den Menschen in seiner ganzen Wesenheit, in seinem seelischen und seinem leiblichen Wesen kennen, wenn man allmählich eindringt in das, was Geisteswissenschaft zu geben vermag, jetzt steht der Mensch ganz anders vor uns. Es ist merkwürdig: die materialistische Wissenschaft wollte das Materielle erkennen und konnte doch nichts davon wissen, wie die Kräfte ausschauen, die zum Beispiel im kindlichen Menschenleibe bis zum siebenten Jahr wirken. Nun kommt Geisteswissenschaft und lehrt das Materielle wirklich kennen, sie dringt gerade ein in das Materielle. Das ist ja die Tragik des Materialismus: Er wird immer abstrakter und abstrakter und lehrt das Materielle überhaupt nicht mehr kennen. Was weiß denn der heutige Mediziner von Leber und Niere, von Magen und Lunge, das heißt von materiellen Gebilden? Wenn einmal dasjenige, was ich innerhalb des diesjährigen Frühjahrskurses in Dornach zu zeigen versuchte, was aus Geisteswissenschaft für Medizin und Naturwissenschaft überhaupt folgen kann, wenn einmal das etwas eindringen wird in unsere Wissenschaft, so wird man sehen, daß geistige Erkenntnis gerade dazu berufen ist, hineinzuleuchten in das materielle Wesen, während ein Materialist vor der ganzen Welt dasteht wie der Blinde vor der Farbe. Gerade das materielle Dasein lernt der Materialist nicht kennen.
[ 11 ] This is how one comes to know the human being in all his or her essence—in both his or her spiritual and physical nature—as one gradually delves into what spiritual science has to offer; now the human being appears before us in a completely different light. It is remarkable: materialistic science sought to understand the material world, yet could know nothing of the forces at work, for example, in a child’s body up to the age of seven. Now spiritual science comes along and truly teaches us about the material world; it penetrates right into the material realm. That is, after all, the tragedy of materialism: it becomes more and more abstract and no longer teaches us anything about the material world at all. What does today’s physician know about the liver and kidneys, the stomach and lungs—that is, about material structures? Once what I attempted to demonstrate during this year’s spring course in Dornach—namely, what can actually follow from spiritual science for medicine and the natural sciences—once that begins to penetrate our science, then it will become clear that spiritual knowledge is precisely called upon to shed light on the material essence, whereas a materialist stands before the whole world like a blind person before color. It is precisely material existence that the materialist fails to understand.
[ 12 ] Eine zweite Etappe im Leben des Menschen ist die geschlechtliche Reife, die beim männlichen Geschlecht besonders durch den Stimmwechsel in die Erscheinung tritt und auch beim weiblichen Geschlecht in körperlichen Veränderungen besteht; nur daß diese mehr über den ganzen Körper verbreitet sind und nicht in einem Organ so klar hervortreten wie beim Stimmwechsel des Mannes; in beiden Fällen um das vierzehnte Jahr herum. Wiederum eine wesentliche Veränderung im Organismus. Was geht da eigentlich vor? Ja, was wird denn anders nach der Geschlechtsreife? Es wird anders das ganze Willensleben des Menschen! Versuchen Sie zu vergleichen den neunzehnjährigen mit dem dreizehnjährigen Menschen und den Blick hinzuwenden auf das konkrete Willensleben. Das ganze Willensleben wird anders, es könnte ja sonst nicht das Liebegefühl in das Willensleben hineinkommen. Wiederum solch ein Umschwung im seelischen Leben! Wenn wir geisteswissenschaftlich erforschen, um was es sich handelt, kommen wir auf das Folgende: Wir wachsen immer mehr mit der Außenwelt zusammen, insbesondere in der Zeit vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife; wir ergreifen immer mehr von dieser Außenwelt, unser Wille wird immer orientierter und orientierter, wir lernen unseren Willen in Übereinstimmung bringen mit den Dingen und Vorgängen der Außenwelt. Wenn man den ganzen Komplex, der hier vorliegt, wirklich studiert, dann findet man, daß in dieser Zeit der Mensch sich aneignet, und zwar durch seinen Verkehr mit der äußeren Welt, nicht von innen heraus, das Willenselement. Es war eine tiefe Intuition, als der Dichter sagte: «Es bildet ein Talent sich in der Stille, sich ein Charakter in dem Strom der Welt.» Das Talent sproßt von innen heraus auf, der Charakter, das heißt das Willenselement, bildet sich im Strom der Welt, im Austausch der inneren Kräfte mit äußeren Kräften. Aber der Mensch muß sich wehren gegen das, was ihm von der äußeren Welt kommt; das Innere muß reagieren, das Innere muß dasjenige stauen, was von der Außenwelt kommt. Diesem willensbildenden Element, das von dem Wechselverkehr mit der äußeren Welt an den Menschen herantritt, dem tritt eine innere Kraft entgegen: das staut sich beim Mann im Kehlkopf, beim Weibe in andern Organen, und dieses Stauen, dieses Zusammenprallen des äußeren Willenselementes mit dem inneren Willenselement, das drückt sich aus in der Umwandlung des Kehlkopfes oder ähnlicher Organe. Da sehen Sie auch das Geistige der Außenwelt an dem Menschen arbeiten.
[ 12 ] A second stage in human life is sexual maturity, which manifests itself in males particularly through the change in voice and in females through physical changes as well; except that these changes are more widespread throughout the entire body and do not stand out as clearly in a single organ as the change in a man’s voice does; in both cases around the age of fourteen. Once again, a significant change in the organism. What is actually happening there? Yes, what actually changes after sexual maturity? The entire life of the will changes! Try comparing a nineteen-year-old with a thirteen-year-old and focusing on their concrete life of the will. The entire life of the will changes; otherwise, the feeling of love could not enter into the life of the will. Once again, such a transformation in the soul life! When we investigate this from a spiritual scientific perspective, we arrive at the following: We become increasingly integrated with the external world, especially during the period from the change of teeth to sexual maturity; we take in more and more of this external world, our will becomes more and more oriented, and we learn to bring our will into harmony with the things and processes of the external world. If one truly studies the entire complex at hand here, one finds that during this period the human being acquires the element of will—not from within, but through interaction with the external world. It was a profound intuition when the poet said: “Talent is formed in silence; character in the flow of the world.” Talent springs forth from within, while character—that is, the element of will—is formed in the flow of the world, in the exchange of inner forces with outer forces. But human beings must resist what comes to them from the external world; the inner self must react; the inner self must hold back what comes from the external world. This will-forming element, which approaches the human being through the interaction with the external world, is met by an inner force: in men, this force accumulates in the larynx; in women, in other organs; and this accumulation—this clash between the external element of will and the inner element of will—is expressed in the transformation of the larynx or similar organs. There, too, you can see the spiritual aspect of the external world at work within the human being.
[ 13 ] Jetzt bringen Sie das zusammen mit den Anschauungen der Geisteswissenschaft, die Sie bereits kennen. Wir wissen, wir steigen herunter aus der geistig-seelischen Welt durch Empfängnis oder Geburt in das Physische. Wir wissen auf der andern Seite, daß wir in bezug auf unseren Astralleib und unser Ich jedesmal beim Einschlafen in eine geistige Welt kommen. Die geistige Welt, die uns unsere Seele gibt, sie arbeitete an unserer Gestaltung bis zum siebenten Jahr und wird von da ab unsere Intelligenz. Dieser Intelligenz tritt entgegen — allerdings schon von der Geburt an, aber mit der Geschlechtsreife ganz besonders stark, weil dann der Austausch mit der freigewordenen Intelligenz stattfindet —, tritt entgegen das Willenselement. Und dieser Kampf zwischen äußerem Willenselement und innerem Intelligenzelement, zwischen derjenigen Geistigkeit, die wir durchschlafen, die wir durchmachen vom Einschlafen bis zum Aufwachen, und derjenigen geistigen Welt, die wir durchgemacht haben vor unserer Geburt beziehungsweise Empfängnis, der Kampf zwischen dem, was wir mitgebracht haben, und dem, was wir jede Nacht durchschlafen, er drückt sich aus in dem Werden unseres Kehlkopfes, in dem Werden desjenigen, was bei der Geschlechtsreife im Organismus ist. Geistiges wirkt mit Geistigem zusammen. Wir durchwandern eine geistige Welt vom Einschlafen bis zum Aufwachen; in dieser geistigen Welt ist der Wille verborgen, der uns mitgeteilt wird; in unserem Organismus ist die Intelligenz verborgen, die wir durch die Geburt in das physische Dasein mitbringen. Wir können so den Menschenleib verstehen, wenn wir ihn als äußerliche Offenbarung desjenigen empfinden, was sich aus dem Geistigen heraus vollzieht,
[ 13 ] Now bring this together with the insights of spiritual science that you are already familiar with. We know that we descend from the spiritual-soul world into the physical world through conception or birth. On the other hand, we know that, in relation to our astral body and our “I,” we enter a spiritual world every time we fall asleep. The spiritual world that our soul provides us with works on shaping us until the age of seven and, from then on, becomes our intelligence. This intelligence is met—albeit from birth onward, but particularly strongly upon reaching sexual maturity, because that is when the exchange with the now-liberated intelligence takes place—by the element of will. And this struggle between the external element of will and the internal element of intelligence—between the spiritual realm we pass through in sleep, which we experience from falling asleep until waking, and the spiritual world we passed through before our birth or conception—the struggle between what we brought with us and what we pass through every night in sleep, is expressed in the development of our larynx, in the development of what is present in the organism at sexual maturity. Spiritual forces interact with spiritual forces. We journey through a spiritual world from the moment we fall asleep until we wake up; in this spiritual world lies the will that is communicated to us; within our organism lies the intelligence that we bring with us into physical existence at birth. We can thus understand the human body if we perceive it as the outward manifestation of what unfolds from the spiritual realm,
[ 14 ] Überall wo wir hinblicken, insbesondere dann, wenn wir den Menschen ins Auge fassen, finden wir, daß der Welt geistige Kräfte zugrunde liegen, und wir verstehen den Menschen erst dann, wenn wir die Wechselwirkung dieser geistigen Kräfte wirklich ins Auge fassen. Das wird diese Menschheit gegen die Zukunft hin aufnehmen. Dann wird sie nicht begreifen können, wie einmal ein Zeitalter hat dazu kommen können, zu sagen: Da breitet sich eine Sinneswelt aus, in dieser Sinneswelt wirken Atome, wirken Moleküle, kleine Körperchen, deren Aneinanderstoßen durch gewisse Bewegungen des Lichtes oder der Elektrizität hervorgerufen werden sollen. — Nein, da wirken nicht Atome und Moleküle, da wirken geistige Kräfte! Hinter dem, was sinnlich ist, wirkt der Geist. Das wird der große Umschwung sein, daß der Mensch nicht mehr glauben wird, er ginge durch eine Nebelwolke von Atomen und Molekülen, sondern daß er sich bewußt sein wird, er geht mit jedem Schritt durch geistige Welten, und geistige Welten sind es, die in ihm leben, geistige Welten sind es, die ihn aufbauen, die ihn umgestalten. Gerade so, wie uns der materialistische Glaube, wie uns die bloße Post-mortemLehre hineingeführt hat als letzte Konsequenz in das, was jetzt im Osten Europas vorgeht, so wird uns hineinführen die Geistlehre in ein wirklich menschenwürdiges zukünfliges Dasein. Aber nur diese, einzig und allein diese kann zu einem wirklichen sozialen Aufbau führen. Aus dem Geist heraus muß der soziale Aufbau kommen, und ehe die Menschheit dieses nicht einsieht, eher kann es nicht besser werden, muß es immer schlechter und schlechter werden.
[ 14 ] Wherever we look, especially when we look into people’s eyes, we find that spiritual forces underlie the world, and we can only truly understand human beings when we truly take the interplay of these spiritual forces into account. Humanity will come to embrace this as it moves toward the future. Then it will be unable to comprehend how an age could ever have come to say: Here a sensory world spreads out; within this sensory world, atoms, molecules, and tiny particles are at work, whose collisions are supposedly caused by certain movements of light or electricity. — No, it is not atoms and molecules that are at work here; it is spiritual forces! Behind what is perceptible to the senses, the spirit is at work. This will be the great turning point: that human beings will no longer believe they are walking through a cloud of atoms and molecules, but will be conscious that with every step they are passing through spiritual worlds—and it is spiritual worlds that live within them, spiritual worlds that build them up and transform them. Just as materialistic belief and the mere doctrine of the afterlife have led us, as their ultimate consequence, to what is now taking place in Eastern Europe, so will the spiritual doctrine lead us into a future existence that is truly worthy of human beings. But only this—and this alone—can lead to a genuine social structure. Social structure must arise from the spirit, and until humanity recognizes this, things cannot get better; they must continue to get worse and worse.
[ 15 ] Sie werden gewiß alle ein Christus-Wort aus dem Evangelium öfters durch Ihre Seele haben ziehen lassen: «Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.» Was bedeutet dieses Christus-Wort? Es hat keinen Sinn für denjenigen Menschen, der an Atome und Moleküle glaubt, denn dieser nimmt an: Es gab einmal vor diesem Erdendasein mit Tieren, Pflanzen und Menschen ein Nebelgebilde, aus dem sich allmählich die Sonne herausballte, aus dem sich die Planeten herausballten, und durch das Zusammenballen und Durcheinanderwirbeln sind Pflanzen, Tiere und Menschen entstanden. Gesund empfinden die Menschen, die, wie zum Beispiel der bekannte Kulturhistoriker Herman Grimm, sagen: Künftige Zeitalter werden Mühe haben, diesen Wahnsinn der Kant-Laplaceschen Theorie überhaupt nur zu erklären, denn ein Aasknochen, um den ein hungriger Hund seine Kreise zieht, ist ein appetitlicherer Anblick als diese Theorie! — Das sagt ein gesund empfindender Mensch. Denn, indem wir hinausblicken in die Welt der Sinne, was ist denn hinter den Farben, was ist denn hinter den Tönen? Nicht Atome und Moleküle, sondern geistige Kräfte, die stoßen mit unseren geistigen Kräften zusammen und bilden so diesen Farben- und diesen Tonteppich, der um uns her ausgebreitet ist, oder auch diesen Wärmeteppich. Wenn also in Wahrheit das vorhanden ist, was ich schon in den achtziger Jahren in meiner Einleitung zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften gekennzeichnet habe: Die sich metamorphosierenden Empfindungen, und hinter diesen eine geistige Welt, dann werden wir dasjenige empfinden, was man sehen würde, wenn man jetzt von der Erde nach einem andern Stern fahren und von diesem Stern aus die Erde ansehen könnte. Da würde man nicht dasjenige sehen, was in unserer Umgebung ist an Bäumen, an Wolken, an Pflanzen und Tieren, da würde man nur wahrnehmen dasjenige, was innerhalb der menschlichen Haut ist; und das, was Sie in dem Stern sehen, ist nicht dasjenige, was die Wesen dieser andern Sterne sehen, denn das hat keine Bedeutung für einen fremden Stern. Das Licht, das Ihnen von andern Sternen entgegenstrahlt, ist nicht ein Vorgang in der äußeren Welt, das ist ein Vorgang in den Wesen, die diese Sterne bewohnen; geradeso wie das, was innerhalb Ihrer Haut ist, allein für das Schauen auf einem andern Stern von der Erde sichtbar ist. Wenn Sie das begreifen, dann werden Sie nicht mehr sagen: Die Erde ist aus einem Atomhaufen entstanden, der sich zusammengeballt hat. — Da bildet man sich Ideale, was soll aus solchen Idealen werden, wenn die Erde wieder übergeht in einen Atomhaufen? Verklungen, vergessen, vernichtet wäre die ganze moralische Welt, wäre alles, was jemals aus ethischen, sittlichen, religiösen Idealen aufgetaucht ist, wenn nur der Stoff, nur die Kraft ewig wären. Kraft und Stoff lösen sich auf in Empfindungen. Ewig ist der Geist, den wir in uns selbst tragen, und dieser Geist erscheint auch physisch auf einem fremden Weltkörper. Das, was außerhalb der Menschenhaut ist, ist gar nicht da für einen andern Weltkörper. Daher können wir sagen: Uns umgibt eine Natur; wir werden immer wieder und wieder geboren; die Natur wird nicht mehr da sein, die Natur wird einer andern Platz gemacht haben. Was von allem, das jetzt da ist, da sein wird, ist nur dasjenige, was innerhalb der menschlichen Haut lebt. Aus einer tief intuitiven Erkenntnis heraus sagte daher Christus Jesus: «Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen!» Alles das, was du außen siehst, wird vergehen, aber meine Worte, die aus meinem Mund herauskommen, werden nicht vergehen, die werden bestehen!
[ 15 ] You have surely all allowed a saying of Christ from the Gospel to touch your soul many times: “Heaven and earth will pass away, but my words will never pass away.” What does this saying of Christ mean? It makes no sense to someone who believes in atoms and molecules, for such a person assumes that before this earthly existence with animals, plants, and humans, there was a nebular formation from which the sun gradually coalesced, from which the planets coalesced, and through this coalescence and swirling, plants, animals, and humans came into being. People who, like the well-known cultural historian Herman Grimm, say the following have a sound sense of reality: Future generations will struggle even to explain this madness of the Kant-Laplacean theory, for a carrion bone around which a hungry dog circles is a more appetizing sight than this theory! — That is what a person with a sound sensibility says. For when we look out into the world of the senses, what lies behind the colors, what lies behind the sounds? Not atoms and molecules, but spiritual forces that collide with our own spiritual forces, thus forming this tapestry of colors and sounds spread out around us, or this tapestry of warmth. So if what I already described in the 1880s in my introduction to Goethe’s scientific writings actually exists—namely, the metamorphosing sensations, and behind them a spiritual world—then we will perceive what one would see if one could now travel from Earth to another star and look at Earth from that star. There, one would not see what is in our surroundings—trees, clouds, plants, and animals—but would perceive only what lies within the human skin; and what you see on that star is not what the beings of those other stars see, for that has no significance for a foreign star. The light that shines toward you from other stars is not a phenomenon in the external world; it is a phenomenon within the beings who inhabit those stars—just as what lies within your own skin is the only thing visible to an observer on another star when looking toward Earth. Once you understand this, you will no longer say: “The Earth arose from a cluster of atoms that coalesced.” — We form ideals—but what would become of such ideals if the Earth were to revert to a cluster of atoms? The entire moral world would fade away, be forgotten, and be destroyed; everything that has ever emerged from ethical, moral, and religious ideals would vanish, if only matter and force were eternal. Force and matter dissolve into sensations. Eternal is the spirit we carry within ourselves, and this spirit also appears physically on another celestial body. That which lies outside the human body does not exist at all for another celestial body. Therefore, we can say: Nature surrounds us; we are born again and again; nature will no longer be there—nature will have made way for something else. Of all that exists now and will exist, only that which lives within the human body will remain. Based on a deeply intuitive insight, Jesus Christ therefore said: “Heaven and earth will pass away, but my words will not pass away!” Everything you see on the outside will pass away, but my words, which come from my mouth, will not pass away—they will endure!
[ 16 ] Und nun blicken wir von diesem Gesichtspunkt aus auf die heutige Weltlüge hin! Da hören wir von den Kanzeln herab verkündigen, die Menschenseele sei unsterblich, da hören wir auf den Universitäten verkündigen, der Stoff und die Kraft seien ewig, und dann kommen die feigen Kompromißmenschen und wollen die beiden Dinge zusammenleimen. Ehrlich wäre nur, wenn diejenigen, die an die Ewigkeit des Stoffes glauben, sagen würden: Es gibt keine Ewigkeit der Seele — und diejenigen, die an die Ewigkeit der Seele glauben, die müssen die Ewigkeit des Materiellen leugnen, die müssen sich zu dem wahrhaft christlichen Wort bekennen: Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte, das heißt der Inhalt meiner Seele, werden nicht vergehen! — Beide Dinge sind miteinander unvereinbar. Würde man mutig sein, so würden die materialistischen Universitätslehrer sagen, das Christentum gilt für uns nicht. Und diejenigen, die das Christentum zu verkündigen haben, würden um des Christentums willen den Materialismus der Universitäten bekämpfen müssen. Daß man es nicht tut, daß man die Dinge zusammenleimen will, das ist die große Lebenslüge unserer Zeit. Und wo die Gesinnung der Lügenhaftigkeit herrscht, da dehnt sich die Saat, da dehnt sich der Keim des Lügens aus, da schleicht er in die andern Lebensverhältnisse hinein. Das hat er genügend getan im Laufe der Zeit, weil man nicht neben der Postexistenz an Erkenntnis appellieren wollte, die unbedingt zur Präexistenz, zum vorgeburtlichen Leben hinweist. Weil man bloß von Postexistenz reden wollte, was nur an den Seelenegoismus, nicht an die Erkenntnis appelliert, daraus entspringt alle Unwahrhaftigkeit des Lebens, die heute auf so vielen Gebieten herrscht, weil sich der Geist des Unwahren nicht aufhalten läßt, wenn er unser Bestes, unsere innerste Überzeugung ergreift.
[ 16 ] And now, from this perspective, let us look at the lie that pervades the world today! From the pulpits we hear it proclaimed that the human soul is immortal; at the universities we hear it proclaimed that matter and energy are eternal; and then come the cowardly compromisers who want to patch the two things together. It would only be honest if those who believe in the eternity of matter were to say: There is no eternity of the soul—and those who believe in the eternity of the soul must deny the eternity of the material; they must profess the truly Christian word: Heaven and earth will pass away, but my words—that is, the content of my soul—will not pass away! — The two are incompatible. If they were courageous, the materialist university professors would say, “Christianity does not apply to us.” And those who are called to proclaim Christianity would have to combat the materialism of the universities for the sake of Christianity. The fact that they do not do this—that they try to cobble the two things together—is the great lie of our time. And where a mindset of deceit prevails, there the seed spreads, there the germ of lying takes root, and there it creeps into other spheres of life. It has done so sufficiently over the course of time, because people did not want to appeal to knowledge alongside the concept of post-existence—knowledge that inevitably points to pre-existence, to prenatal life. Because people wanted to speak only of post-existence—which appeals only to the egoism of the soul, not to knowledge—this gives rise to all the untruthfulness in life that prevails today in so many areas, for the spirit of falsehood cannot be stopped once it seizes our very best, our innermost convictions.
[ 17 ] Aber nur im Zusammenhang mit dem ganzen Menschenleben können diese Dinge richtig und voll gewürdigt werden. Das ganze Mittelalter und einen großen Teil der neueren Zeit hindurch sprach man von «tichtig» und «unrichtig». Jeder Mensch glaubte selbstverständlich, er habe das Richtige, und was nicht damit übereinstimmte, sei das Unrichtige, und wenn die Menschen über das Richtige und Unrichtige sprachen, dann redeten sie vom Gesichtspunkte der Logik. Logik war der große Stolz der Menschheit. Heute ist es schon fast nicht mehr so. Von Amerika herüber ist eine Lehre gekommen, die bereits die Philosophie ergriffen und in Deutschland eine besonders groteske Form angenommen hat. Das ist nun nicht mehr die logische Lehre von Wahr und Falsch, das ist der sogenannte Pragmatismus, die Lehre vom Nützlichen. Man glaubt an eine Sache als wahr nicht deshalb, weil man sie logisch durchschaut hat, sondern Leute wie James und andere sagen: Ach was, wahr oder falsch ist nur ein anderer Ausdruck für das, was nützlich oder schädlich ist! — Wir merken, irgend etwas ist uns nützlich, deshalb sagen wir, es sei wahr; wir merken, irgend etwas sei uns schädlich, deshalb sagen wir, es sei falsch! In Deutschland hat sich dieses als die Philosophie des «Als Ob» geltend gemacht, und es gibt wirklich ein dickes Buch darüber. von einem gewissen Universitätsprofessor Vaihinger, der lange in Halle Philosophie gelehrt hat. Die Philosophie des «Als Ob» bedeutet ungefähr: Man weiß nicht, ob es Moleküle oder Atome gibt, aber es ist nützlich, die Welt so zu erklären, als ob es Atome gäbe; man weiß nicht, ob das Gute irgendeine ewige Bedeutung hat, aber es ist nützlich, die Welt so zu erklären; man weiß nicht, ob es einen Gott gibt, aber es ist ‚nützlich für den Menschen, nützlicher als das Entgegengesetzte, die Welt so anzuschauen, als ob es einen Gott gäbe und so weiter. Ich drücke es nur mit ein paar paradigmatischen Worten aus. Diese Philosophie des «Als Ob» ist die deutsche Umgestaltung der amerikanischen Lehre, daß das Nützliche wahr und das Schädliche falsch ist.
[ 17 ] But these things can only be properly and fully appreciated in the context of a person’s entire life. Throughout the Middle Ages and much of the modern era, people spoke of what was “right” and “wrong.” Everyone naturally believed that they were right, and that whatever did not agree with that was wrong; and when people spoke of right and wrong, they spoke from the standpoint of logic. Logic was the great pride of humanity. Today, this is almost no longer the case. A doctrine has come over from America that has already taken hold in philosophy and has taken on a particularly grotesque form in Germany. This is no longer the logical doctrine of true and false; it is so-called pragmatism, the doctrine of utility. One believes something to be true not because one has logically understood it, but people like James and others say: Oh, come on, true or false is just another way of saying what is useful or harmful! — We notice that something is useful to us, so we say it is true; we notice that something is harmful to us, so we say it is false! In Germany, this has established itself as the philosophy of “As If,” and there is actually a thick book on the subject by a certain university professor named Vaihinger, who taught philosophy in Halle for many years. The philosophy of “As If” means roughly this: We do not know whether molecules or atoms exist, but it is useful to explain the world as if atoms did exist; we do not know whether good has any eternal significance, but it is useful to explain the world that way; we do not know whether there is a God, but it is useful for humans—more useful than the opposite—to view the world as if there were a God, and so on. I am merely expressing this in a few paradigmatic words. This philosophy of “as if” is the German adaptation of the American doctrine that what is useful is true and what is harmful is false.
[ 18 ] Neben diesen Anschauungen gab es in allen alten Kulturen noch eine andere. Im späteren Griechentum war sie schon nicht mehr vorhanden; im älteren Griechentum ist sie für alle diejenigen, die diese Zeit nicht professorengemäß, sondern wahrheitsgemäß studieren, noch bemerkbar. Da redete man nicht im logischen Sinne von einer Anschauung, sie sei «wahr» oder «falsch», da redete man von einer Anschauung so, daß man sagte, sie sei «gesund» oder «krank». Das bedeutete etwas! Wir reden heute eigentlich nur noch von Gesundheit und Krankheit, wenn wir den physischen Menschen meinen, denn wir reden im gewöhnlichen Leben überhaupt nur noch von diesem. Da wissen wir, aus dem Kosmos heraus stammen Kräfte, die einen gesund oder krank machen, aber wenn wir von Seele und Geist reden, reden wir nicht mehr von gesund oder krank, da sind wir zum Abstrakten übergegangen, zur bloßen Theorie. In alten Kulturen hatte man die Empfindung, wenn irgend jemand etwas sagte, was richtig war: Das organisiert seinen Geist gut, da ist er gesund. — Wenn er etwas sagte, was schief war, was wir heute abstrakt «falsch» nennen, da empfand man konkret: Das kommt aus einer kranken Seelenstimmung heraus. — «Gesund» und «krank», das war etwas, was man auch von der Seele sagte, was man von der Seele vor allen Dingen empfand. Aus dieser Empfindung heraus stammt das Wort, über das die Gelehrten später lange philologische Abhandlungen verfaßt haben, das Wort «Katharsis» in der griechischen Tragödie, ein Wort, das aus den Mysterien kommt. Katharsis geht nach Aristoteles in der Menschenseele vor sich, wenn sie eine Tragödie ansieht. Da wird Furcht und Mitleid erregt, damit Furcht und Mitleid zu einer Art Krisis, Katharsis führt, und der Mensch gereinigt wird in Furcht und Mitleid. Da wird der Vorgang, der in der Menschenseele vorgeht, indem sie eine Tragödie ansieht, wie ein Gesundungsprozeß aus der erkrafteten Seele heraus geschildert. Da haben Sie in der Ästhetik, in der Kunst, noch drinnen den Begriff des Gesund- und des Krankmachenden.
[ 18 ] In addition to these views, there was yet another one in all ancient cultures. By the later Greek period, it had already disappeared; in the earlier Greek period, however, it is still discernible to all those who study this era not according to academic convention but in accordance with the truth. Back then, people did not speak of a view in the logical sense as being “true” or “false”; rather, they spoke of a view in such a way that they said it was “healthy” or “sick.” That meant something! Today we actually speak of health and sickness only when referring to the physical human being, for in everyday life we speak of nothing else at all. We know that forces originating from the cosmos make a person healthy or sick, but when we speak of the soul and the spirit, we no longer speak of healthy or sick; there we have moved into the abstract, into mere theory. In ancient cultures, people had the sense that when someone said something that was right, it meant: “Their spirit is well-ordered; they are healthy.” — When they said something that was wrong—what we today abstractly call “false”—people felt concretely: “That stems from a sick state of mind.” —“Healthy” and “sick”—these were terms applied to the soul as well, and they were what people perceived most strongly in relation to the soul. From this perception stems the word about which scholars later wrote lengthy philological treatises: the word “catharsis” in Greek tragedy, a word that originates from the Mysteries. According to Aristotle, catharsis takes place in the human soul when one watches a tragedy. Fear and pity are aroused, so that fear and pity lead to a kind of crisis, catharsis, and the person is purified through fear and pity. Here, the process that takes place in the human soul while watching a tragedy is described as a healing process emerging from the revitalized soul. Thus, in aesthetics and in art, you still find the concept of what is healing and what is harmful.
[ 19 ] Dazu müssen wir wieder zurückkommen! Wir müssen wieder den Begriff bekommen davon, daß das, was wir im Abstrakten das Richtige nennen, davon herkommt, daß die Seele, die heruntersteigt aus dem vorgeburtlichen Dasein, den Körper bezwingt, daß sie ihn organisieren kann, daß er sich als plastisches Material den Seelenkräften fügt, die ihn gesund machen. Das ist das Wahre. Was aus einer Seele kommt, die ihren Körper nicht als Apparat gebrauchen kann, die sich schief äußert, dunkel äußert durch ihren Körper, das ist das Seelisch-Kranke. Wir müssen wieder lernen die Begriffe wahr und falsch durch gesund und krank zu ersetzen. Wir müssen wieder empfinden jenen inneren Schmerz, der uns überkommen kann, wenn irgend jemand unrichtige Ansichten äußert, wir müssen empfinden die innere Befriedigung am Wahren. Das aber werden wir nicht, bevor wir nicht ebenso vom vorgeburtlichen Dasein sprechen, wie wir vom nachtodlichen Dasein sprechen, bevor wir nicht lernen, ein Wort wie Ungeborenheit ebenso zu gebrauchen wie Unsterblichkeit, was beweist, wie weit wir abgekommen sind von der Erkenntnis jener geistigen Welt, der der Mensch eigentlich entstammt.
[ 19 ] We’ll have to come back to this! We must regain an understanding of the fact that what we abstractly call “the right thing” stems from the soul—descending from its pre-birth existence—subduing the body, organizing it, and causing it to yield as malleable material to the soul forces that make it healthy. That is the truth. What comes from a soul that cannot use its body as an instrument—that expresses itself in a distorted or obscure way through its body—that is what is spiritually diseased. We must learn once again to replace the concepts of “true” and “false” with “healthy” and “diseased.” We must once again feel that inner pain that can overcome us when anyone expresses incorrect views; we must feel the inner satisfaction that comes from the true. But we will not do so until we speak of pre-birth existence just as we speak of post-death existence; until we learn to use a word like “unbornness” just as we use “immortality”—which proves how far we have strayed from the knowledge of that spiritual world from which humanity actually originates.
[ 20 ] Solche Dinge, die ich heute nur kurz zusammengefaßt habe, finden Sie eingehender in mannigfaltigen Ausführungen in Zyklen und Büchern dargestellt. Aus solchen Betrachtungen können Sie ersehen, was es für einen Umschwung in der ganzen Verfassung der Menschenseele bedeuten wird, wenn dasjenige, was der Nerv der Geisteswissenschaft ist, die menschlichen Gemüter wirklich ergreift, wenn die Menschen in der Welt mit einem solchen Bewußtsein ihres Wesens herumgehen werden, wie es ihnen werden kann aus der Geisteswissenschaft heraus. Die Menschen fronen heute nur dem Egoismus der Seele, der eine Postexistenz festhalten will, sie wollen nicht vordringen zum eigentlichen Ergreifen der Menschenseele, die vor der Geburt ebenso Erlebnisse hatte, wie sie nach dem Tode Erlebnisse haben wird. Die ganze, volle Ewigkeit der Menschenseele begreift nur der, der nicht nur von einer Unsterblichkeit, sondern von einer Ungeborenheit aus der Erkenntnis heraus reden kann. Glauben können wir, weil der Glaube immer aus dem Wunsche an das nachtodliche Leben kommt, wissen können wir von dem vorgeburtlichen und von dem nachtodlichen Leben als zwei Dingen, die voneinander untrennbar sind. Erkenntnis geht auf die volle Wesenheit der Menschenseele, Glaube geht nur auf die Post-mortem-Existenz. Das ist es, was der Mensch erobern muß: Erkenntnis des Geistigen; das ist es aber, wogegen sich die gegenwärtigen Menschen so stemmen. Wirkliche Erkenntnis der geistigen Welt kann nur aus der Geisteswissenschaft fließen. Aus ihr wird kommen eine Verfassung der Menschenseele, die gesund ist, nicht bloß wahr ist, und die physische Gesundung wird ein notwendiges Ergebnis der geistigen Gesundung sein. Dann wird der Mensch nicht wie die heutige Geologie die Erde anschauen als eine große mineralische Kugel, sondern wird sie ansehen als Geistwesen, in welchem er selber ein Glied ist. Das ist es, worauf wir hinarbeiten müssen. Dies sollte den ersten Teil meiner heutigen Betrachtungen bilden.
[ 20 ] Such matters, which I have only briefly summarized today, are presented in greater detail in various treatises, lecture series, and books. From such reflections, you can see what a radical transformation it will mean for the entire constitution of the human soul when the very essence of spiritual science truly takes hold of human minds—when people in the world go about with an awareness of their being such as can be gained through spiritual science. Today, people are enslaved only to the egoism of the soul, which seeks to cling to a post-existence; they do not wish to advance toward a true grasp of the human soul, which had experiences before birth just as it will have experiences after death. Only those who can speak—not merely of immortality, but of a pre-birth existence—based on true knowledge can comprehend the full, complete eternity of the human soul. We can believe, because faith always arises from the desire for life after death; but we can know of pre-birth and post-death life as two things that are inseparable from one another. Knowledge pertains to the full essence of the human soul; faith pertains only to postmortem existence. This is what human beings must attain: knowledge of the spiritual; yet this is precisely what people today resist so strongly. True knowledge of the spiritual world can flow only from spiritual science. From it will come a state of the human soul that is healthy—not merely true—and physical healing will be a necessary result of spiritual healing. Then human beings will no longer view the Earth—as modern geology does—as a great mineral sphere, but will regard it as a spiritual being of which they themselves are a part. This is what we must strive toward. This should constitute the first part of my reflections today.
