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The Rudolf Steiner Archive

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The New Spirituality and the
Christ Experience of the Twentieth Century

GA 200

23 October 1920, Dornach

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Dritter Vortrag

Third Lecture

[ 1 ] Ich habe gestern wiederum von einem anderen Gesichtspunkte aus, als dies schon durch längere Zeiten hindurch geschehen ist, auf die Differenzierung aufmerksam gemacht, die unter den Völkern der gegenwärtigen zivilisierten Welt besteht. Ich habe darauf hingewiesen, wie die Individualisierung des Menschen im fünften nachatlantischen Zeitraum von den geistigen Welten her gelenkt wird, wie eingreifen auf der einen Seite im Westen durch die Menschen selber gewisse Wesenheiten, welche in einer unregelmäßigen Weise vorgerückt sind, welche weiter sind als die Menschheit, aber aus gewissen Interessen heraus sich in Menschen verkörpern, um den wahren Impulsen der Gegenwart entgegenzuwirken, den Impulsen der Dreigliederung des sozialen Organismus.

[ 1 ] Yesterday, I once again drew attention—from a different perspective than has been the case for quite some time—to the differentiation that exists among the peoples of the present-day civilized world. I pointed out how the individualization of human beings in the fifth post-Atlantean epoch is guided by the spiritual worlds, and how, on the one hand, in the West, certain beings—who have advanced in an irregular manner and are more advanced than humanity—intervene through human beings themselves, but who, out of certain interests, incarnate as human beings to counteract the true impulses of the present—the impulses of the threefold social order.

[ 2 ] Ich habe auch darauf aufmerksam gemacht, wie in anderer Art im Osten sich die Tatsache geltend macht, daß zwar nicht durch die Menschen selber, wohl aber durch ihr Erscheinen gegenüber den Menschen sich gewisse Wesenheiten geltend machen, Wesenheiten, die ihre eigentliche Bedeutung in ferner Vergangenheit hatten, die aber jetzt ins Menschenleben hereinwirken wollen; wie diese durch die besondere Seelenverfassung der im Orient Lebenden auf diese Menschen wirken, sei es mehr oder weniger bewußt, indem sie als Imagination hereinwirken in das Bewußtsein einiger Menschen des Ostens, sei es, daß sie während des Schlafes hineinwirken in das menschliche Ich, in den astralischen Leib und sich dann geltend machen, ohne daß die Menschen es wissen, in den Nachwirkungen während des Wachens und auf diese Weise alles das hereintragen, was sich gegen einen regelmäßigen Fortschritt der Menschheit im Osten auftürmen will. So daß wir sagen können: Im Westen hat sich seit langem vorbereitet in einer gewissen Weise eine Art Erdgebundenheit bei solchen Menschen, wie ich sie gestern geschildert habe, die da eingestreut sind, die insbesondere in Sekten Führerstellungen einnehmen, die auch in Geheimgesellschaften Führerstellungen einnehmen und dergleichen. Im Osten finden sich auch gewisse führende Persönlichkeiten, welche eben unter dem Eindrucke solcher durch Imagination erscheinenden Wesen der Vorzeit dasjenige ausüben, was sie eben in die gegenwärtige Kulturentwickelung hereinbringen. Wenn man verstehen will, wie die Menschen der europäischen Mitte zwischen dem Westen und dem Osten gewissermaßen eingekeilt sind, so muß man genauer hinschauen gerade auf die geistigen Bedingungen, die da zugrunde liegen, und auf alles das, was sich ausspricht in der physisch-sinnlichen Welt aus diesen geistigen Bedingungen heraus.

[ 2 ] I have also pointed out how, in a different way in the East, the fact makes itself felt that—though not through human beings themselves, yet through their appearance before human beings—certain entities assert themselves, entities that had their true significance in the distant past but now wish to influence human life; how these entities affect the people of the East through the particular state of mind of those living there, whether more or less consciously, by entering the consciousness of some people in the East as imaginations, or by influencing the human “I” and the astral body during sleep and then making their presence felt—without people’s knowledge—in the aftereffects during wakefulness, and in this way bringing in everything that seeks to hinder the steady progress of humanity in the East. So that we can say: In the West, a certain kind of earth-boundness has long been developing in a certain way among such people as I described yesterday—those who are scattered here and there, who occupy leadership positions especially in sects, who also hold leadership positions in secret societies, and the like. In the East, too, there are certain leading figures who, under the influence of such beings from antiquity—who appear through imagination—exercise precisely what they are bringing into the current cultural development. If one wishes to understand how the people of central Europe are, so to speak, wedged between the West and the East, one must look more closely precisely at the spiritual conditions that underlie this situation and at everything that manifests in the physical-sensory world as a result of these spiritual conditions.

[ 3 ] Ich habe Sie ja eben von den verschiedensten Gesichtspunkten aus darauf aufmerksam gemacht, wie in der Hauptsache das Leben des uralten Orients ein Geistesleben war, wie der Mensch des uralten Orients ein hochentwickeltes Geistesleben hatte, ein Geistesleben, das aus unmittelbarer Anschauung der geistigen Welten herausströmte; wie dann dieses Geistesleben eigentlich als Erbstück weiter fortlebte, wie es im Griechentum als schöne Künstlerschaft zunächst vorhanden war, aber auch noch als eine gewisse Einsicht; wie aber auch schon im Griechentum sich hineinmischte dasjenige, was dann der Aristotelismus war, was bereits verstandesmäßiges, dialektisches Denken war. Aber es drang dann das, was von orientalischer Weisheit kam, eben in die Zivilisation des Abendlandes hinein, und mit Ausnahme dessen, was aus der Naturwissenschaft stammt, und was stammen kann aus der modernen anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, ist im Grunde genommen alles, was in der abendländischen Zivilisation an Geistesleben vorhanden ist, altes orientalisches Erbgut. Aber dieses Geistesleben ist eben durchaus dekadent. Dieses Geistesleben ist so, daß ihm die eigentliche Tragkraft fehlt, daß der Mensch zwar noch eine gewisse Hinlenkung zur geistigen Welt hat, aber dies, was er von der geistigen Welt glaubt, nicht mehr verbinden kann mit dem, was hier in der physischen Welt geschieht.

[ 3 ] I have just drawn your attention, from a wide variety of perspectives, to how life in the ancient Orient was, for the most part, a spiritual life; how the people of the ancient Orient possessed a highly developed spiritual life—a spiritual life that flowed from a direct perception of the spiritual worlds; how this spiritual life then actually lived on as a legacy, how it was initially present in Greek culture as beautiful artistry, but also as a certain insight; yet how, even in Greek culture, what later became Aristotelianism—which was already intellectual, dialectical thinking—began to intermingle with it. But then what came from Eastern wisdom penetrated Western civilization, and with the exception of what stems from the natural sciences—and what may stem from modern anthroposophically oriented spiritual science—essentially everything that exists in Western civilization in terms of spiritual life is an ancient Eastern legacy. But this spiritual life is thoroughly decadent. It is such that it lacks the necessary sustaining power; although human beings still have a certain inclination toward the spiritual world, they can no longer connect what they believe about the spiritual world with what happens here in the physical world.

[ 4 ] Es zeigt sich das am stärksten, wenn im angelsächsischen Puritanertum ein, ich möchte sagen, ganz weltfremdes, neben dem weltlichen Treiben einhergehendes weltfremdes Glauben Platz gegriffen hat, das nach ganz abstrakten geistigen Regionen hinzielt, das im Grunde genommen gar nicht sich die Mühe gibt, sich auseinanderzusetzen mit der äußeren physisch-sinnlichen Welt.

[ 4 ] This is most evident in Anglo-Saxon Puritanism, where a—I would say—completely unworldly faith has taken root alongside worldly activities; a faith that aims at entirely abstract spiritual realms and, fundamentally, does not even bother to engage with the external, physical, and sensory world.

[ 5 ] Im Orient nehmen selbst ganz weltliche Bestrebungen, Bestrebungen des sozialen Lebens, einen so geistigen Charakter an, daß sie sich wie religiöse Bewegungen ausnehmen. Und im Osten ist zum Beispiel die Tragkraft des Bolschewismus darauf zurückzuführen, daß er eigentlich von den Menschen des Ostens, schon vom russischen Volke, wie eine Religionsbewegung aufgefaßt wird. Nicht so sehr auf den abstrakten Vorstellungen des Marxismus beruht die Tragkraft dieser sozialen Bewegung des Ostens, sondern sie beruht im wesentlichen darauf, daß die Träger wie neue Heilande angesehen werden, gewissermaßen wie die Fortsetzer früheren religiös-geistigen Strebens und Lebens.

[ 5 ] In the East, even entirely secular endeavors—endeavors of social life—take on such a spiritual character that they appear to be religious movements. And in the East, for example, the appeal of Bolshevism stems from the fact that it is actually perceived by the people of the East—and indeed by the Russian people—as a religious movement. The appeal of this social movement in the East does not rest so much on the abstract ideas of Marxism, but rather, essentially, on the fact that its leaders are regarded as new saviors, in a sense as the continuators of earlier religious and spiritual aspirations and ways of life.

[ 6 ] Aus dem Römertum heraus, auch schon aus späterem Griechentum heraus hat sich dann, wie wir wissen, dasjenige entwickelt, was die Menschen der Mitte am allermeisten ergriffen hat, das dialektische Element, das Element des juristischen, des politischen, des militärischen Denkens.

[ 6 ] As we know, it was out of Roman culture—and even out of later Greek culture—that what most deeply captivated the people of the Middle Ages developed: the dialectical element, the element of legal, political, and military thought.

[ 7 ] Und welche Rolle das dann später spielte, was da aus dem Römertum heraus sich entwickelte, das kann man nur verstehen, wenn man zunächst bedenkt, daß alle drei Zweige des menschlichen Erlebens, das geistige Erleben, das wirtschaftliche Erleben, das staatlich-politische Erleben in den Zeiten, in denen das Römertum sich zu besonderem Glanze entwickelte, in denen das römische Kaisertum aufkam, in einer ähnlichen Weise verknäuelt waren, durcheinanderstrebten, wie das im Grunde über die ganze zivilisierte Welt hin in der gegenwärtigen Zeit der Fall ist. Das Römertum lief durchaus in eine Dekadenz aus, welche im wesentlichen dadurch bedingt war, daß im römischen Weltreiche die Unmöglichkeit wirkte, die immer daraus hervorgeht, daß die drei menschlichen Betätigungen — Geistesleben, Staatsleben, Wirtschaftsleben — chaotisch ineinandergreifen. Man kann ja wirklich sagen, das römische und insbesondere das byzantinische Kaisertum ist eine Art Symbolum gewesen für den Verfall der vierten nachatlantischen Zeit, der griechisch-lateinischen Zeit. Man braucht ja nur zu bedenken, daß von einhundertsieben oströmischen Kaisern bloß vierunddreißig in ihrem Bette gestorben sind. Von einhundertsieben Kaisern sind bloß vierunddreißig in ihrem Bette gestorben! Die anderen sind entweder vergiftet oder verstümmelt worden und im Kerker gestorben, sind aus dem Kerker ins Mönchsleben übergegangen und dergleichen. Und aus dem, was da im Süden Europas (siehe Zeichnung) als die romanische Welt ihrem Niedergange entgegenging, aus dem entwickelte sich dasjenige heraus, was dann, ich möchte sagen, in drei Ästen nach Norden heraufströmte.

[ 7 ] And the role that this later played—what developed out of Roman culture—can only be understood if one first considers that all three branches of human experience—spiritual experience, economic life, and political life—were, during the times when Roman civilization reached its peak of splendor and the Roman Empire emerged, intertwined and intermingled in a similar way to how this is essentially the case throughout the entire civilized world today. Roman civilization certainly ended in decadence, which was essentially caused by the fact that within the Roman Empire there was at work the impossibility that always arises when the three spheres of human activity—spiritual life, political life, and economic life—are chaotically intertwined. One can truly say that the Roman Empire—and the Byzantine Empire in particular—served as a kind of symbol of the decline of the fourth post-Atlantean epoch, the Greco-Latin epoch. One need only consider that of one hundred and seven Eastern Roman emperors, only thirty-four died in their beds. Of one hundred and seven emperors, only thirty-four died in their beds! The others were either poisoned or mutilated and died in prison, or they left prison to become monks, and so on. And from what was heading toward decline in southern Europe (see drawing) as the Romanesque world, something emerged that then, I would say, flowed northward in three branches.

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[ 8 ] Da haben wir zunächst den westlichsten Ast. Ich will heute nicht darauf eingehen, was sich in geschichtlichen Einzelheiten entwickelte durch das hindurch, was als das Mittelalter aus der alten Menschheitsentwickelung hervorging; aber ich will auf einiges aufmerksam machen. Die charakteristische Erscheinung der westlichen, zunächst der mehr südwärts gelegenen westlichen Entwickelung ist ja diese, daß das Römertum, ich möchte sagen, auch als eine Summe von Menschen zunächst sich ausdehnt nach Spanien, über das heutige Frankreich, auch über einen Teil von Britannien hin. Römische Menschen waren es, die da hinein sich entwickelten. Aber alles das wurde durchsetzt von dem, was als germanische Stämme der verschiedensten Art durch die Völkerwanderung gerade in diese Bevölkerungen von römischen Menschen hineindrang.

[ 8 ] First, we have the westernmost branch. I do not wish to go into detail today about the historical developments that emerged from what is known as the Middle Ages within the broader context of human evolution; but I would like to draw attention to a few points. The characteristic feature of Western development—and initially of the more southerly Western development—is, of course, that Roman civilization, so to speak, as a collective of people, initially expanded into Spain, across present-day France, and also into part of Britain. It was Romans who developed there. But all of this was interwoven with what, in the form of Germanic tribes of the most diverse kinds, penetrated precisely into these populations of Roman people during the Migration Period.

[ 9 ] Und eine eigentümliche Erscheinung finden wir da. Die Erscheinung finden wir, daß germanische Menschen in das Römertum sich hineinzwängen, in das Römertum sich hineinstoßen, und daß da etwas entsteht, was nur so charakterisiert werden kann, daß man sagt: Es war Menschenwesen germanischer Art eingedrungen in das Römertum; das Römertum als solches ging im Grunde genommen als Menschenwesen unter; was aber erhalten blieb von dem Römertum, also dasjenige, was, ich möchte sagen, durch diese Kreuzung (siehe Zeichnung S. 50) der beiden Linien hier sich bildete, was sich da bildete als spanische Bevölkerung, als französische Bevölkerung, zum Teil auch als britannische Bevölkerung, das ist im wesentlichen germanisches Blut, übertönt von dem romanischen Sprachelemente. Nicht anders kann in Wirklichkeit verstanden werden, um was es sich da handelt, als wenn man es so anschaut. Dieses Menschenwesen ist durchaus seiner Seelenkonfiguration nach, seiner Empfindungs-, Gefühls- und Willensrichtung nach hervorgegangen aus dem, was sich als germanisches Element im Strom der Völkerwanderung vom Osten nach dem Westen bewegt hat. Aber es ist eine Eigentümlichkeit dieses germanischen Elementes, daß, wenn es zusammenstößt mit einem fremden Sprachelemente — und in der Sprache ist immer eine Kultur, möchte ich sagen, verkörpert —, es in diesem fremden Sprachelemente aufgeht, diese Sprache annimmt. Es wächst hinein in diese fremde Sprache, ich möchte sagen, wie in ein Zivilisationskleid. Was im Westen von Europa lebt als lateinische Rasse, das hat im Grunde genommen nichts von lateinischem Blute in sich. Das ist aber hineingewachsen in dasjenige, was da heraufgeströmt ist, verkörpert durch die Sprache. Denn es lag im Wesen des lateinischen, des römischen Elementes, sich selber über das Menschentum hinaus im Weltenentwickelungsgang zu behaupten. Deshalb ist ja in Rom zuerst das Testament aufgekommen, die Behauptung des Egoismus über den Tod hinaus. Daß der Wille über den Tod hinausreiche, das hat dazu geführt, den Gedanken des Testamentes zu fassen. So auch wirkte der Bestand der Sprache über den Bestand des Menschlichen im Volkstum hinaus.

[ 9 ] And we find a peculiar phenomenon there. The phenomenon we find is that Germanic people forced their way into Roman culture, thrust themselves into it, and that something emerged there that can only be characterized by saying: A human entity of the Germanic kind had penetrated Roman culture; Roman culture as such essentially perished as a human entity; but what remained of Roman culture—that is, what, I would say, was formed through this intermingling (see illustration on p. 50) of the two lines here—what emerged there as the Spanish population, the French population, and in part also the British population—is essentially Germanic blood, overlaid by the Romance linguistic elements. In reality, what is at stake here cannot be understood any other way than by viewing it in this light. This human entity has, in terms of its soul configuration and the orientation of its sensations, feelings, and will, emerged entirely from what moved as a Germanic element in the stream of the Migration Period from the East to the West. But it is a peculiarity of this Germanic element that, when it comes into contact with a foreign linguistic element—and I would say that a culture is always embodied in language—it merges into that foreign linguistic element and adopts that language. It grows into this foreign language, I might say, as if into a garment of civilization. What lives in Western Europe as the Latin race has, in essence, no Latin blood in it. But it has grown into that which flowed up there, embodied in the language. For it lay in the nature of the Latin, the Roman element, to assert itself beyond humanity in the course of world development. That is why the will to testament first arose in Rome—the assertion of egoism beyond death. The fact that the will extends beyond death led to the conception of the will to testament. In the same way, the endurance of language extended beyond the endurance of the human element in the folk culture.

[ 10 ] Und anderes als die Sprache wurde erhalten. So wurden erhalten für diesen Westen auf dieser Strömung hier (siehe Zeichnung S. 50) die alten Traditionen der verschiedenen Geheimgesellschaften, von deren Bedeutung ich Ihnen ja im Laufe der letzten Jahre Mannigfaltiges erzählt habe, durchaus Traditionen, die aus der vierten nachatlantischen Zeit, aus der griechisch-lateinischen Zeit stammen, die allerdings Entlehnungen sind aus dem Orient — namentlich aber aus Handschriften —, die aber durchaus durch das Römertum, durch das Lateinertum durchgegangen sind. So daß man in einer gewissen Beziehung in dem westlichen Menschentum, insofern es untergetaucht ist in dem römischen Sprachelemente, das sich über das Volkstum hinaus erhalten hat, den Menschen in einem fremden Zivilisationskleide hat. Man hat auch den Menschen in einem fremden Kleide, indem man in den alten Mysterienwahrheiten, die schon abstrakt geworden sind, die namentlich in den Zeremonien und in dem Kultus der westlichen Gesellschaften mehr oder weniger leere Formeln geworden sind, etwas hat, worin das Menschentum untergetaucht ist und worin es als in etwas lebt, wovon es ergriffen werden kann.

[ 10 ] And more than just the language was preserved. Thus, the ancient traditions of the various secret societies—whose significance I have told you about at length over the past few years—have been preserved for the West along this current here (see illustration on p. 50); these are indeed traditions that originate from the fourth post-Atlantean epoch, from the Greco-Latin era, though they are, admittedly, borrowings from the East — specifically from manuscripts — but which have certainly passed through Roman and Latin culture. Thus, in a certain sense, within Western humanity—insofar as it has been submerged in the Roman linguistic elements that have survived beyond the folk culture—one finds humanity clothed in the garb of a foreign civilization. One also finds humanity clothed in a foreign garment in that, within the ancient truths of the mysteries—which have already become abstract and, particularly in the ceremonies and cult practices of Western societies, have turned into more or less empty formulas—there is something in which humanity is immersed and in which it lives, as if within something that can take hold of it.

[ 11 ] Sind nun andere Verhältnisse besonders günstig, dann bietet gerade dieses, ich möchte sagen, mehr von außen Durchdrungenwerden des Menschen mit alledem, was aus der Sprache herauskommt, einen Anhaltspunkt dafür, daß sich solche Wesen, wie ich es gestern geschildert habe, in diesen Menschen verkörpern können. Aber besonders günstig ist für dieses Verkörpern gerade das angelsächsische Element aus dem Grunde, weil da auch durchaus germanisches Menschenwesen nach dem Westen hinübergekommen ist, weil sich stark das germanische Menschenwesen erhalten hat, und in einem geringeren Maße als das eigentlich lateinische Element sich durchdrungen hat mit dem römischen Elemente. So daß da ein viel labileres Gleichgewicht in der angelsächsischen Rasse vorhanden ist, und durch dieses labilere Gleichgewicht jene Wesen, die sich da verkörpern, eine viel größere Willkür des Wirkens, einen viel größeren Spielraum haben. In eigentlich romanischen Ländern würden sie außerordentlich gebunden sein. Vor allen Dingen aber muß man sich klar sein darüber, daß von solchen volkspsychologischen Konfigurationen dasjenige abhängt, was sich dann in einzelnen Persönlichkeiten äußern kann. Durch dieses freiere Element im Angelsachsentum ist es möglich geworden, daß, während allerdings das Puritanertum eine abstrakte Glaubenssphäre darstellt, dieses angelsächsische Element im höchsten Grade geeignet war, das naturwissenschaftliche Denken auch als Welt- und Lebensanschauung aufzunehmen und auszugestalten. Es wird allerdings nicht das volle Menschentum ergriffen, aber es wird gerade derjenige Teil des Menschenwesens ergriffen, welcher durch die Eingliederung von Sprachen, durch die Eingliederung von anderen Elementen des Menschenwesens es möglich macht, daß sich solche Wesen, wie ich es gestern geschildert habe, in diesen Menschen verkörpern.

[ 11 ] If, then, other circumstances are particularly favorable, it is precisely this—I would say—greater external permeation of the human being by everything that emerges from language that provides a basis for the belief that beings such as those I described yesterday can incarnate in these human beings. But the Anglo-Saxon element is particularly conducive to this embodiment precisely because Germanic human beings also crossed over to the West, because the Germanic human being has been strongly preserved, and because, to a lesser extent than the truly Latin element, it has been permeated by the Roman element. Consequently, there is a much more unstable equilibrium within the Anglo-Saxon race, and through this unstable equilibrium, those beings who incarnate there have much greater freedom of action and much more leeway. In truly Romance countries, they would be extraordinarily constrained. Above all, however, one must be clear that what may then manifest itself in individual personalities depends on such configurations of national psychology. This freer element in Anglo-Saxon culture has made it possible that, while Puritanism certainly represents an abstract sphere of faith, this Anglo-Saxon element was supremely suited to assimilating and developing scientific thinking as a worldview and philosophy of life. Admittedly, it does not encompass the full humanity, but it does encompass precisely that part of the human being which, through the integration of languages and other elements of the human being, makes it possible for such beings—as I described yesterday—to be embodied in these people.

[ 12 ] Ich bemerke ausdrücklich, daß bei alledem, was ich jetzt bespreche, es sich nur um solche einzelne Menschen handelt, die unter der Menge der übrigen Menschen zerstreut sind. Es betrifft nicht die Nationen, es betrifft nicht irgendwie die große Masse der Menschen, es betrifft die einzelnen Menschen, die aber außerordentlich starke Führerstellungen in den Regionen haben, von denen ich gesprochen habe. Was nun da im Westen vorzugsweise ergriffen wird von solchen Wesen, die dann dem Menschenleib, in welchem sie sich verkörpern, eine gewisse Führerstellung sichern, das ist hauptsächlich Leib und Seele, nicht der Geist, für den man sich daher weniger interessiert.

[ 12 ] I would like to expressly note that everything I am now discussing concerns only those individual people who are scattered among the rest of the population. It does not concern nations; it does not in any way concern the great mass of people; it concerns individual human beings who, however, hold exceptionally powerful leadership positions in the regions I have spoken of. What is primarily taken hold of in the West by such beings—who then secure a certain position of leadership for the human body in which they incarnate—is mainly the body and the soul, not the spirit, in which people are therefore less interested.

[ 13 ] Woher kommt zum Beispiel die ganz grandiose, aber einseitige Ausgestaltung der Deszendenzlehre durch Charles Darwin? Sie kommt daher, daß bei Charles Darwin tatsächlich besonders dominierend waren Leib und Seele, nicht der Geist. Daher betrachtet er den Menschen auch nur nach Leib und Seele, sieht ab von dem Geiste und von dem, was aus dem Geiste in das Seelische sich hereinlebt. Wer unbefangen auf die Ergebnisse der Forschungen Darwins sieht, der wird sie verstehen von dem Gesichtspunkte aus, daß da etwas lebte, was den Menschen nicht betrachten wollte seinem Geiste nach. «Geist» nahm man nur von der neueren naturwissenschaftlichen Richtung, die international ist; dasjenige aber, was die ganze Anschauung über das Menschenwesen färbte, nuancierte, das war die Hinneigung zu Leib und Seele, mit Außerachtlassung des Geistes. Ich möchte sagen, die treuesten Schüler des ökumenischen Konzils vom Jahre 869 waren die Menschen des Westens. Sie haben den Geist zunächst unberücksichtigt gelassen, Leib und Seele genommen, wie sie besonders in der Schilderung Darwins zum Vorschein kommen, und nur einen künstlichen Kopf aufgesetzt als Geist mit materialistischer Denkungsweise, wie er aus der Naturwissenschaft hervorkommt. Und weil man sich gewissermaßen schämte, aus der Naturwissenschaft eine Universalreligion zu machen, blieb als äußerliches Nebenwerk, das ein abstraktes Dasein führte, dasjenige, was als Puritanismus und dergleichen weiterlebt, was aber mit der eigentlichen Weltkultur hier keinen Zusammenhang hat. Da sehen wir, wie in einer gewissen Weise überwältigt wird Leib und Seele von einem abstrakt naturwissenschaftlichen Geist, den wir bis in die Gegenwart herauf klar beobachten können.

[ 13 ] Where, for example, does Charles Darwin’s truly magnificent but one-sided formulation of the theory of descent come from? It stems from the fact that, for Charles Darwin, body and soul were indeed particularly dominant, not the spirit. That is why he views human beings solely in terms of body and soul, disregarding the spirit and that which flows from the spirit into the soul. Anyone who looks impartially at the results of Darwin’s research will understand them from the perspective that there was something at work that did not wish to consider human beings in terms of their spirit. The term “spirit” was adopted only from the more recent, international scientific tradition; but what colored and nuanced the entire view of the human being was the inclination toward body and soul, to the exclusion of the spirit. I would say that the most faithful disciples of the Ecumenical Council of 869 were the people of the West. They initially disregarded the spirit, focusing on body and soul—as these are particularly evident in Darwin’s descriptions—and merely superimposed an artificial “head” as the spirit, with a materialistic way of thinking derived from natural science. And because people were, in a sense, ashamed to turn natural science into a universal religion, what remained as an external byproduct—leading an abstract existence—was that which lives on as Puritanism and the like, but which has no connection to actual world culture here. Here we see how, in a certain sense, body and soul are overwhelmed by an abstract, scientific spirit, which we can clearly observe right up to the present day.

[ 14 ] Aber man nehme an, das andere geschähe. Es würde stärker sein dasjenige, was in der Sprache weiterlebt, was in der ganzen geistigen Formenwelt der vierten nachatlantischen Zeit weiterlebt, was würde da herauskommen? Da würde ein strenges fanatisches Abweisen des modernen Geistes herauskommen; und es würde nicht betont werden, daß aus naturwissenschaftlichen Begriffen ein künstlicher Kopf aufgesetzt werde dem Leiblich-Seelischen, sondern es würden die alten Traditionen aufgesetzt werden, aber es würden doch nur das Leibliche und Seelische eigentlich gepflegt werden. Da könnten wir uns denken, daß irgendein Mensch in ebenso brutaler Weise alles das, was nur Leib und Seele ist, ausbildet und eine Lehre erfindet, die nur auf Leib und Seele hinsehen will und als Äußeres dazu nicht die Naturwissenschaft hat, sondern einen wiederum nur noch äußerlich gebliebenen Teil von einer aus früherer Zeit in spätere Zeit hineingetragenen Offenbarung: Und dann haben wir den Jesuitismus, dann haben wir Ignaz von Loyola. Ich möchte sagen, ebenso wie mit Notwendigkeit Geister wie Darwin hervorgingen aus dem Angelsachsentum, ebenso ging aus dem Spätromanismus Ignaz von Loyola hervor.

[ 14 ] But let us suppose the opposite were to happen. What would be stronger—that which lives on in language, that which lives on in the entire world of spiritual forms of the fourth post-Atlantean epoch—what would come of that? What would emerge would be a strict, fanatical rejection of the modern spirit; and the emphasis would not be on superimposing an artificial head—derived from scientific concepts—onto the physical-soul aspect, but rather on superimposing the old traditions, even though in reality only the physical and the soul would actually be cultivated. We could imagine that some person, in an equally brutal manner, would develop everything that is merely body and soul and invent a doctrine that seeks to focus solely on body and soul—and as its external framework would not have natural science, but rather a part of a revelation carried over from an earlier time into a later one, which in turn has remained merely external: And then we have Jesuitism; then we have Ignatius of Loyola. I would say that just as minds like Darwin necessarily emerged from Anglo-Saxon culture, so too did Ignatius of Loyola emerge from late Romanism.

[ 15 ] Das Eigentümliche der Menschen, von denen wir hier in bezug auf den Westen zu sprechen haben, ist, daß sich durch sie der Welt bemerklich machen jene geistigen Wesen, die ich gestern charakterisiert habe, daß sie durch sie in der Welt wirken. Im Osten ist das anders. Nach dem Osten geht eben eine andere Strömung (siehe Zeichnung S. 50). Wir werden zunächst aber etwas betrachten, was als eine zweite Strömung von dem alten Römertum ausgeht, was nun nicht die Sprache auch hinaufträgt, wohl aber die ganze Richtung der Seelenverfassung hinaufträgt, was die Gedankenrichtung hinaufträgt. Nach dem Westen geht mehr die Sprache. Dadurch kommen alle diejenigen Erscheinungen, von denen ich eben gesprochen habe. Nach der europäischen Mitte geht dasjenige, was mehr die Gedankenrichtung ist. Aber es vereinigt sich mit dem, was in dem Germanentum veranlagt ist, und in dem Germanentum ist veranlagt ein gewisses Verwachsen-sein-Wollen mit der Sprache. Aber man kann dieses Verwachsen-sein-Wollen mit der Sprache nur erhalten, solange die Menschen, die in dieser Sprache leben, zusammen sind. Als die Goten, die Vandalen und so weiter nach dem Westen zogen, tauchten sie unter in das lateinische Element. Es blieb das Verwachsensein mit der Sprache nur in der europäischen Mitte vorhanden. Dies bedeutet, daß in dieser europäischen Mitte die Sprache zwar nicht in einer besonders starken Weise an dem Menschen haftet, aber doch stärker haftet, als sie in den römischen Menschen war, die als solche sich verloren haben, aber die Sprache selber abgegeben haben. Die germanischen Menschen würden ihre Sprache nicht abgeben können. Die germanischen Menschen haben ihre Sprache als ein Lebendigeres in sich. Sie würden es nicht als Erbstück hinterlassen können. Sie kann sich nur so lange erhalten, diese Sprache, als sie mit dem Menschen verbunden ist. Das hängt zusammen mit der ganzen Art und Weise der menschlichen Verfassung dieser Völker, die in Europas Mitte sich nach und nach geltend gemacht haben. Das bedingt, daß in dieser europäischen Mitte sich Menschen geltend gemacht haben, die nicht gerade geeignet waren, starke Möglichkeiten für die Verkörperung solcher Wesen zu bieten, wie es im Westen der Fall war. Aber ergriffen konnten sie doch auch werden. Bei diesen Menschen der europäischen Mitte war es durchaus möglich, daß in den Führergestalten sich solche Wesen der dreifachen Gattung geltend machten, wie ich sie gestern geschildert habe. Aber das bewirkt immer, daß auf der anderen Seite auch eine gewisse Zugänglichkeit bei diesen Menschen vorhanden ist für jene Erscheinungen, die den Menschen des Orients sich als Imagination entgegenstellen. Nur bleiben diese Imaginationen bei den Menschen der Mitte während des Tagwachens so blaß, daß sie eben nur als Begriffe, als Vorstellungen erscheinen. In derselben Weise wirkt dasjenige, was von jenen Wesen herrührt, die sich durch die Menschen verkörpern und eine so große Rolle bei einzelnen Menschen des Westens spielen. Dadurch können diese durchaus nicht eine solche Wirkung hervorbringen, aber doch dem ganzen Menschen eine gewisse Richtung geben. Es ist insbesondere bei den Menschen dieser Mitte so, daß es durch Jahrhunderte hindurch kaum möglich gewesen ist, daß diejenigen Menschen, die irgendeine Bedeutung erhielten, sich retten konnten vor der Einkörperung auf der einen Seite der Geister des Westens und auf der anderen Seite der Geister des Ostens. Das bewirkte immer eine Art Zwiespältigkeit dieser Menschen.

[ 15 ] What is peculiar about the people we are discussing here in relation to the West is that it is through them that those spiritual beings I characterized yesterday make themselves known to the world; it is through them that these beings work in the world. In the East, it is different. A different current flows toward the East (see diagram on p. 50). But first, let us consider something that emanates from ancient Rome as a second current—one that does not elevate the language itself, but does elevate the entire orientation of the soul’s constitution, that is, the direction of thought. Toward the West, it is language that prevails. This gives rise to all the phenomena I have just described. Toward the European center flows that which is more the direction of thought. But it unites with what is inherent in Germanic culture, and inherent in Germanic culture is a certain desire to become intertwined with language. But this desire to be intertwined with language can only be maintained as long as the people who live in that language remain together. When the Goths, the Vandals, and so on migrated westward, they became absorbed into the Latin element. This intertwining with language remained only in the European center. This means that in this European heartland, although the language is not particularly strongly bound to the people, it is nevertheless more strongly bound than it was among the Romans, who lost their identity as a people but relinquished the language itself. The Germanic peoples would not be able to relinquish their language. The Germanic peoples possess their language as something more alive within themselves. They would not be able to leave it behind as an heirloom. This language can only be preserved as long as it remains connected to the people. This is linked to the entire nature of the human constitution of these peoples, who gradually asserted themselves in the heart of Europe. This means that in this heart of Europe, people asserted themselves who were not particularly suited to offering strong possibilities for the embodiment of such beings, as was the case in the West. Yet they, too, could be moved. Among these people of central Europe, it was entirely possible for beings of the threefold kind—as I described them yesterday—to assert themselves in the figures of their leaders. But this always has the effect that, on the other hand, a certain receptivity is also present in these people for those phenomena that present themselves to the people of the East as imagination. Yet these imaginations remain so faint in the people of the Middle during waking hours that they appear merely as concepts, as ideas. In the same way, what originates from those beings who incarnate through human beings and play such a significant role in the lives of individual people in the West takes effect. As a result, these beings cannot produce such an effect, but they can nevertheless give the whole human being a certain direction. It is particularly true of the people of this middle path that, over the centuries, it has hardly been possible for those who attained any significance to escape embodiment by the spirits of the West on the one hand and the spirits of the East on the other. This has always resulted in a kind of ambivalence in these people.

[ 16 ] Man könnte sagen, wenn man sie ihrer wahren Realität nach schildert: Wenn diese Menschen wachten, so war etwas von den Attacken der Geister des Westens in ihnen, das ihre Triebe, ihr Instinktleben beeinflußte, das in ihrem Willen lebte, das ihren Willen lähmte. Wenn diese Menschen schliefen, wenn der astralische Leib und das Ich gesondert waren, da machten sich auf sie solche Geister geltend wie diejenigen, die auf die Menschen des Orients als Erscheinungen in Imaginationen oft unbewußt wirkten. Und man braucht nur eine ganz charakteristische Persönlichkeit aus der Zivilisation der Mitte herauszunehmen, und man wird, ich möchte sagen, mit Händen greifen können, daß das so ist, wie ich es geschildert habe. Man braucht nur Goethe herauszunehmen. Nehmen Sie all das, was in Goethe von den Attacken der Geister des Westens lebte, was in seinem Willen sich geltend machte, was insbesondere in dem jungen Goethe wühlte, was man wohl fühlt, wenn man die in der Jugend hingewühlten Szenen des «Faust» oder des «Ewigen Juden» liest; und dann sehen Sie, wie Goethe auf der anderen Seite abgeklärt war — weil das bloß nach dem Geistig-Seelischen hintendierende Element des Orients in ihm gebändigt war, durchströmt war von diesem Willenselement —, wie er im Alter sich mehr zu Imaginationen hinwendet im zweiten Teil seines «Faust». Aber eine Kluft ist doch vorhanden. Sie kommen nicht recht herüber vor allen Dingen aus dem Stil des ersten Teiles des «Faust» in den Stil des zweiten Teiles des «Faust».

[ 16 ] One could say, if one were to describe them according to their true reality: When these people were awake, there was something within them from the attacks of the spirits of the West that influenced their drives, their instinctual life, that lived within their will, and that paralyzed their will. When these people slept, when the astral body and the “I” were separated, spirits such as those that often unconsciously influenced the people of the East as apparitions in the imagination would exert their influence upon them. And one need only take a truly characteristic figure from the civilization of the West, and one will, I might say, be able to grasp with one’s own hands that it is just as I have described. One need only take Goethe. Take everything in Goethe that was shaped by the influences of the spirits of the West—what asserted itself in his will, what particularly stirred the young Goethe, what one can sense when reading the scenes from *Faust* or *The Eternal Jew* that were stirred up in his youth; and then you will see how serene Goethe was on the other hand—because the element of the Orient within him, which tended toward the spiritual-soulful, had been subdued and permeated by this element of will—and how, in his old age, he turned more toward imaginings in the second part of his *Faust*. But a gap does exist. Above all, the transition from the style of the first part of *Faust* to that of the second part does not come across quite right.

[ 17 ] Und betrachten Sie den lebendigen Goethe selbst, der herauswächst aus den Impulsen des Westens, der, ich möchte sagen, gepeinigt wird von den Geistern des Westens, der sich als junger Mensch tröstet mit dem, was ja schließlich auch viel Westliches in sich enthält: mit der Gotik, womit aber auftaucht das Streben zu den Geistern der Vergangenheit, zu jenen Geistern, die im Griechentum, die auch ganz besonders in der Gotik tätig waren, die aber doch im Grunde genommen die Nachkommen jener Geister waren, die einstmals den Orientalen inspirierten, als er zu seiner großen Urweisheit kam. Und so sehen wir, als es in die achtziger Jahre hereingeht, wie er es nicht aushält mit den Geistern des Westens, wie sie ihn quälen. Er will das ausgleichen, indem er nach dem Süden zieht, um aufzunehmen, was von der anderen Seite kommen kann. Das gibt den Menschen der Mitte gerade in ihren hervorragenden Führern — und die anderen folgen ja diesen Führern — ihr charakteristisches Gepräge. Die Menschen der Mitte waren dadurch besonders vorgebildet zur Geltendmachung des einen, was wichtig ist in der ganzen Menschheitsentwickelung. Man kann es am besten bei einem solchen Geiste wie Hegel beobachten. Wenn Sie Hegels Philosophie nehmen — ich habe das schon öfter hier erwähnt —, finden Sie überall diese Philosophie hinentwickelt bis zum Geiste. Aber nirgends finden Sie irgend etwas bei Hegel, was über das physisch-sinnliche Leben hinausragt. Statt einer eigentlichen Geistlehre finden Sie eine logische Dialektik als ersten Teil der Philosophie; die Naturphilosophie finden Sie bloß als eine Summe von Abstraktionen dessen, was im Menschen wesen selber lebt; was durch die Psychologie ergriffen werden soll, das finden Sie dargestellt im dritten Teil von Hegels Philosophie. Aber es kommt nichts anderes heraus als das, was der Mensch auslebt zwischen Geburt und Tod, was sich dann zusammendrängt in der Geschichte. Von irgendeinem Hineingehen des Ewigen im Menschen in ein vorgeburtliches, in ein nachtodliches Dasein ist ja bei Hegel nirgends die Rede; es kann auch gar nicht geltend gemacht werden.

[ 17 ] And consider Goethe himself, a living figure who grew out of the impulses of the West, who—I might say—was tormented by the spirits of the West, and who, as a young man, found solace in what, after all, also contained much that was Western: Gothic art—but with it emerges a yearning for the spirits of the past, for those spirits that were active in Greek culture and especially in Gothic art, yet were, in essence, the descendants of those spirits that once inspired the peoples of the East as they attained their great primordial wisdom. And so, as we enter the 1880s, we see how he can no longer bear the spirits of the West, how they torment him. He seeks to counterbalance this by turning southward to absorb what might come from the other side. This is precisely what gives the people of the Middle—especially in their outstanding leaders, whom the others naturally follow—their characteristic stamp. As a result, the people of the Middle were particularly well-prepared to assert that one thing which is important in the entire development of humanity. This can best be observed in a thinker such as Hegel. If you take Hegel’s philosophy—I have mentioned this here many times before—you will find this philosophy developed everywhere up to the level of the spirit. But nowhere in Hegel will you find anything that transcends physical-sensory life. Instead of an actual doctrine of the spirit, you find a logical dialectic as the first part of his philosophy; you find natural philosophy merely as a sum of abstractions of what lives as the very essence within the human being; what is to be grasped through psychology is presented in the third part of Hegel’s philosophy. But nothing else emerges other than what human beings experience between birth and death, which then coalesces in history. There is, after all, no mention anywhere in Hegel of the eternal entering into human beings in a pre-birth or post-death existence; nor can such a claim be made at all.

[ 18 ] Das eine ist es, was die Menschen, die hervorragendsten Menschen der Mitte geltend machen, daß in dem Menschen, wie er hier lebt zwischen Geburt und Tod, Leib, Seele und Geist vorhanden sind. Für den Menschen der Sinneswelt, für unsere physische Welt sollte durch diese Menschen der Mitte der Geist und das Seelische sich darstellen.

[ 18 ] One thing that the people of the middle realm—the most outstanding among them—assert is that within the human being, as he lives here between birth and death, there exist body, soul, and spirit. For the human being of the sensory world—for our physical world—the spirit and the soul are to be revealed through these people of the middle realm.

[ 19 ] Sobald wir nach dem Osten gehen, finden wir, daß — ebenso wie wir im Westen sagen müssen, es lebe vorzugsweise Leib, Seele — im Osten vorzugsweise Seele und Geist lebt. Daher das Hinaufheben zu den Imaginationen ja natürlich ist, und wenn diese Imaginationen auch nicht zum Bewußtsein kommen, so wirken sie in das Bewußtsein hinein. Die ganze Anlage des Denkens ist beim Menschen des Ostens so, daß sie nach Imaginationen hintendiert, wenn auch diese Imaginationen zuweilen, wie bei Solowjow, in abstrakte Begriffe gefaßt werden.

[ 19 ] As soon as we turn to the East, we find that—just as we must say in the West that the body and soul live in equal measure—in the East, the soul and spirit live in equal measure. Hence, the ascent to the imaginations is natural, and even if these imaginations do not enter consciousness, they still influence it. The entire structure of thought in Eastern people is such that it tends toward imaginations, even if these imaginations are sometimes, as in the case of Soloviev, expressed in abstract concepts.

[ 20 ] Und ein dritter Ast geht von dem Römertum nach dem Norden über Byzanz in den Osten hinein (siehe Zeichnung S. 50). Es spaltet sich gewissermaßen dasjenige, was im Römertum chaotisch beisammen war, in drei Zweige. Es strebt auseinander, kommt zum Westen, wo ein neues Element des Wirtschaftlichen sich geltend macht als dasjenige, was der Neuzeit besonders angemessen war, und was sich mit der Naturwissenschaft verbindet. Es kommt zum Osten und kommt aus der alten Urweisheit in die Dekadenz hinein; es entwickelt sich da hinüber dasjenige, was in religiöser Form das Geistige ist. Das alles geht natürlich parallel. Es entwickelt sich nach der Mitte hin dasjenige, was Politisch-Militärisches, Staatlich- Juristisches ist, was natürlich nach den verschiedenen Seiten sich ausbreitet; aber wir müssen die charakteristischen Äste ins Auge fassen. Je weiter wir nach dem Osten kommen, desto mehr sehen wir, wie diese Menschen des Ostens mit ihrer Sprache nicht in derselben Art verwachsen sind wie die germanischen Völker. Die germanischen Völker leben in ihrer Sprache, solange sie sie haben. Studieren Sie einmal diesen merkwürdigen Gang gerade der germanischen Menschheit Mitteleuropas. Studieren Sie diese Zweige der germanischen Bevölkerung, die sich zum Beispiel nach Ungarn hinüber in die Zipser Gegend, als Schwaben hinunter ins Banat, nach Siebenbürgen als die Siebenbürgener Sachsen bewegt haben. Überall ist es, ich möchte sagen, etwas wie ein Abglimmen des eigentlich sprachlichen Elementes. Diese Menschen gehen überall in der Sprache auf, in die sie untertauchen. Und eine der allerinteressantesten ethnographischen Studien wäre es, zu sehen, wie um Wien herum in verhältnismäßig kurzer Zeit, im Laufe der letzten zwei Drittel des 19. Jahrhunderts, das Deutschtum zurückgegangen ist, überflutet worden ist. Man könnte das mit Händen greifen, wenn man diese Sache verständig ansähe. Man sah, wie in das Magyarentum hinein auf künstliche Weise, aber namentlich in das Slawentum hinein auf natürliche Weise, sich das germanische Element entwickelte. Im Osten ist der Mensch mit seiner Sprache aber ganz verwachsen. Da lebt das Geistig-Seelische, lebt in der Sprache. Das ist etwas, was man oftmals gar nicht berücksichtigt. Der Mensch des Westens lebt ja in der Sprache in einer ganz anderen Art, in einer radikal anderen Art als der Mensch des Ostens. Der Mensch des Westens lebt in seiner Sprache wie in einem Kleide; der Mensch des Ostens lebt in seiner Sprache wie in sich selbst. Daher konnte der Mensch des Westens die naturwissenschaftliche Lebensauffassung annehmen, hineingießen in seine Sprache, die ja nur ein Gefäß ist. Im Orient wird die naturwissenschaftliche Weltanschauung des Westens niemals Fuß fassen, denn sie kann gar nicht untertauchen in die Sprachen des Orients. Die Sprachen des Orients weisen sie zurück, die naturwissenschaftliche Weltanschauung nehmen sie gar nicht auf.

[ 20 ] And a third branch extends from the Roman Empire northward, through Byzantium, and into the East (see illustration on p. 50). In a sense, what was chaotically intertwined within the Roman Empire splits into three branches. It spreads apart, reaching the West, where a new economic element asserts itself—one that was particularly suited to the modern era and that connects with the natural sciences. It reaches the East and, emerging from ancient primordial wisdom, enters a phase of decadence; there, what is spiritual in religious form develops. All of this, of course, proceeds in parallel. Developing toward the center is that which is political-military and state-legal, which naturally spreads out in various directions; but we must focus on the characteristic branches. The further east we go, the more we see how these people of the East are not as deeply intertwined with their language as the Germanic peoples are. The Germanic peoples live within their language as long as they have it. Study, for once, this remarkable trajectory of the Germanic peoples of Central Europe. Study these branches of the Germanic population that have moved, for example, across into Hungary to the Spiš region, down into the Banat as Swabians, and to Transylvania as the Transylvanian Saxons. Everywhere, I would say, there is something of a fading of the purely linguistic element. These people are absorbed everywhere into the language into which they immerse themselves. And one of the most fascinating ethnographic studies would be to observe how, around Vienna, in a relatively short time—over the course of the last two-thirds of the 19th century—German identity has receded and been overwhelmed. One could almost touch it with one’s hands if one were to examine this matter carefully. One could see how the Germanic element developed—artificially within Magyar culture, but naturally, and especially, within Slavic culture. In the East, however, people are completely intertwined with their language. That is where the spiritual and soulful aspects live—they live in the language. This is something that is often not taken into account at all. People in the West, after all, live in their language in a completely different way—in a radically different way—than people in the East. People in the West live in their language as if in a garment; people in the East live in their language as if within themselves. That is why people in the West were able to adopt the scientific worldview and pour it into their language, which is, after all, merely a vessel. In the East, the Western scientific worldview will never gain a foothold, for it cannot possibly become immersed in the languages of the East. The languages of the East reject it; they do not absorb the scientific worldview at all.

[ 21 ] Das können Sie schon verspüren, wenn Sie die allerdings heute noch koketten Auseinandersetzungen des Rabindranath Tagore auf sich wirken lassen; wenn auch das bei Rabindranath Tagore von Koketterie durchwirkt ist, so sieht man doch, wie sein ganzes Sich-Darleben besteht im Erleben eines Anpralles der westlichen Weltanschauung, aber sofort — durch das Leben in der Sprache — ein Zurückwerfen dieser Weltanschauung des Westens.

[ 21 ] You can already sense this when you let Rabindranath Tagore’s—albeit still somewhat coquettish—reflections sink in; even though Rabindranath Tagore’s work is interwoven with coquetry, one can still see how his entire self-expression consists in experiencing a clash with the Western worldview, but immediately—through his life in language—rejecting this Western worldview.

[ 22 ] In dieses Ganze war der Mensch der Mitte hineingeworfen. Er mußte alles das aufnehmen, was er im Westen erlebte. Er nahm es nicht so tief auf wie der Westen, er durchtränkte es mit dem, was auch der Osten hatte. Daher das labilere Gleichgewicht in der Mitte, dadurch aber auch die Zerrissenheit, die Zweiheit der Individualisierung der Seelen der Menschen der Mitte, dieses Streben, eine Harmonie, einen Ausgleich in der Zweiheit zu finden, wie es sich so klassisch, so großartig darlebt in Schillers Briefen über die ästhetische Erziehung, wo zwei Triebe — der Naturtrieb und der Vernunfttrieb —, die vereinigt werden sollen, deutlich hinweisen auf diese Zweiheit. Aber man kann noch auf viel Tieferes deuten.

[ 22 ] Humanity in the Middle was thrown into this whole. It had to take in everything it experienced in the West. It did not absorb it as deeply as the West did; instead, it infused it with what the East also possessed. Hence the more precarious balance in the Middle, but also the inner conflict, the duality in the individualization of the souls of the people of the Middle—this striving to find harmony and balance within that duality, as it is so classically and magnificently portrayed in Schiller’s Letters on Aesthetic Education, where two impulses—the impulse of nature and the impulse of reason—which are to be united, clearly point to this duality. But one can point to something even deeper.

[ 23 ] Sehen Sie, wenn man nach dem Westen hinblickt, so finder man, daß da vorzugsweise eine gewisse Geneigtheit im ganzen Volkstum ist, die naturwissenschaftliche Denkweise aufzunehmen, die sich für das Wirtschaftsleben so außerordentlich eignet. Ich habe Ihnen gezeigt, wie die naturwissenschaftliche Denkweise sich bis in die Psychologie, bis in die Seelenkunde hineingelebt hat. Da nimmt man sie auf, da nimmt man sie restlos auf, diese naturwissenschaftliche Anschauungsweise. Und das Puritanertum lebte eben dort wie ein abstrakter Einschlag, wie etwas, das mit dem eigentlichen äußeren Leben nichts zu tun hat, das man auch gewissermaßen in sein Seelenhaus einsperrt, das man nicht berührt werden läßt von der äußeren Kultur.

[ 23 ] You see, when one looks toward the West, one finds that there is, for the most part, a certain inclination among the people as a whole to embrace the scientific way of thinking, which is so exceptionally well-suited to economic life. I have shown you how the scientific way of thinking has permeated psychology, even the study of the soul. There, people embrace it—they embrace this scientific perspective completely. And Puritanism existed there precisely as an abstract influence—as something that has nothing to do with actual external life, something that is, in a sense, locked away in the inner sanctum of the soul, something that is not allowed to be touched by external culture.

[ 24 ] Das, was da im Westen sich entwickelt, ist so, daß man sagen kann: Es ist eine Neigung vorhanden, alles in sich aufzunehmen, was der menschlichen Vernunft zugänglich ist, insofern sie gebunden ist an Leib und Seele. Das andere, der Puritanismus, ist ja nur ein Sonntagskleid dessen, was Leib ist, was zugänglich ist der Vernunft. Daher der Deismus, diese ausgepreßte Zitrone einer religiösen Weltanschauung, wo von Gott nichts mehr vorhanden ist als ein Märchen einer allgemeinen, ganz abstrakten Weltursache; die Vernunft, wie sie an Leib und Seele gebunden ist, die macht sich da geltend.

[ 24 ] What is developing in the West is such that one can say: There is a tendency to embrace everything that is accessible to human reason, insofar as it is bound to body and soul. The other, Puritanism, is, after all, merely a Sunday best for what is bodily, what is accessible to reason. Hence deism, this squeezed-dry lemon of a religious worldview, where nothing remains of God but a fairy tale of a general, entirely abstract cause of the world; reason, as it is bound to body and soul, asserts itself there.

[ 25 ] Wenn Sie nach dem Osten gehen, da ist gar kein Verständnis für eine solche Vernünftigkeit. Schon in Rußland fängt es an. Hat denn der Russe überhaupt Verständnis für das, was man im Westen Vernünftigkeit nennt? Man gebe sich nur keiner Täuschung hin; nicht das geringste Verständnis hat der Russe schon für das, was man im Westen Vernünftigkeit nennt. Der Russe ist zugänglich für dasjenige, was man Offenbarung nennen könnte. Er nimmt im Grunde genommen alles das auf als seinen Seeleninhalt, was er einer Art Offenbarung verdankt. Vernünftigkeit, wenn er auch das Wort den westlichen Menschen nachsagt, so versteht er doch nichts davon, das heißt, er fühlt nicht das, was die westlichen Menschen dabei fühlen. Aber was nachgefühlt werden kann, wenn man von Offenbarung, von dem Herabkommen von Wahrheiten aus der übersinnlichen Welt in den Menschen herein spricht, das versteht er gut. Dasjenige aber, wovon man im Westen so redet — und dafür ist ja gerade das Puritanertum ein Beweis —, ist so, daß man sieht: In diesem Westen ist selbstverständlich nicht das geringste Verständnis da für dasjenige, was man eigentlich als das Verhältnis des russischen Menschen und gar erst des Orientalen, des asiatischen Menschen, was man überhaupt als das Verhältnis des Menschen zur geistigen Welt ansprechen muß. Dafür ist im Westen nicht das geringste Verständnis. Denn das ist etwas ganz anderes als das, was durch Vernunft vermittelt wird; das ist etwas, was, vom Geistigen ausgehend, den Menschen ergreift und den Menschen lebendig durchdringt.

[ 25 ] If you go east, there is absolutely no understanding of such rationality. It starts as early as Russia. Do Russians even have any understanding of what we in the West call rationality? Let us not delude ourselves; Russians have not the slightest understanding of what we in the West call rationality. Russians are receptive to what one might call revelation. Essentially, they absorb into the very core of their being everything that they owe to a kind of revelation. Reason—even if he repeats the word after Westerners—he understands nothing of it; that is to say, he does not feel what Westerners feel when they speak of it. But what can be empathized with—when one speaks of revelation, of truths descending from the supersensible world into human beings—that he understands well. But what is spoken of in the West—and Puritanism is precisely proof of this—is such that one sees: In the West, of course, there is not the slightest understanding of what one must actually address as the relationship of the Russian person, and even more so of the Oriental, the Asian person—what one must address as the relationship of the human being to the spiritual world. There is not the slightest understanding of this in the West. For this is something entirely different from what is conveyed through reason; it is something that, emanating from the spiritual, seizes the human being and permeates them with life.

[ 26 ] Und bei den Menschen der europäischen Mitte, nun, da ist es so: Als der fünfte nachatlantische Zeitraum sich schon nahte, so im 10., 11., 12. Jahrhundert — er kam ja dann in der Mitte des 15. Jahrhunderts —, da standen die hervorragendsten Geister der europäischen Mitte vor einer ungeheuren Frage, vor einer Frage, die ihnen aufgegeben war als Menschen, die drinnenstanden zwischen dem Westen und dem Osten, und es drängte in ihnen der Westen nach Vernunft, und es drängte in ihnen der Osten nach Offenbarung. Und man studiere einmal von diesem Gesichtspunkte aus die Hochscholastik, die Glanzepoche mittelalterlicher Geistesentwickelung, man studiere von diesem Gesichtspunkte aus solche Geister, wie Albertus Magnus, Thomas von Aquino, Duns Scotus und so weiter; man vergleiche sie mit solchen Geistern wie Roger Bacon — ich meine den Älteren, der mehr westwärts orientiert war —, und man wird sehen: Eine große Frage entstand bei den Geistern der mitteleuropäischen Hochscholastik aus dem Zusammenwirken von dem, was vom Westen her als Vernunft, vom Osten her als Offenbarung drängte. Ihre Bedrängnis war die, die auf der einen Seite von den Geistern herrührte, die durch den Willen den menschlichen Leib und die menschliche Seele ergreifen wollten, auf der anderen Seite von den Geistern herrührte, die von der Imagination aus Geist und Seele im Osten ergreifen wollten. Daher entstand die scholastische Lehre, daß alles beides gilt: Vernunft auf der einen Seite, Offenbarung auf der anderen Seite, Vernunft für alles dasjenige, was auf der Erde mit den Sinnen zu erreichen ist, Offenbarung für die übersinnlichen Wahrheiten, die nur aus der Bibel und aus der Tradition des Christentums geschöpft werden können. Man begreift so richtig die christliche Scholastik des Mittelalters, wenn man ihre hervorragendsten Geister auffaßt als diejenigen, in denen zusammenströmte Vernünftigkeit von Westen, Offenbarung von Osten. Da wirkten in den Menschen beide Richtungen, und im Mittelalter konnte man sie nicht anders zusammenbringen als dadurch, daß man gewissermaßen in sich selber den Zwiespalt empfand.

[ 26 ] And as for the people of Central Europe, well, here’s the situation: As the fifth post-Atlantic period was already drawing near—in the 10th, 11th, 12th centuries—it ultimately arrived in the middle of the 15th century—the most outstanding minds of Central Europe were faced with a tremendous question, a question posed to them as people standing between the West and the East, with the West urging them toward reason and the East urging them toward revelation. And let one study, from this perspective, the High Scholasticism—the golden age of medieval intellectual development—and let one study, from this perspective, such thinkers as Albertus Magnus, Thomas Aquinas, Duns Scotus, and so on; compare them with figures such as Roger Bacon—I mean the elder, who was more Western-oriented—and one will see: A great question arose among the thinkers of Central European High Scholasticism from the interplay of what pressed from the West as reason and from the East as revelation. Their dilemma stemmed, on the one hand, from the forces that sought to take hold of the human body and soul through the will, and, on the other hand, from the forces that sought to take hold of the spirit and soul in the East through the imagination. This gave rise to the scholastic doctrine that both are valid: reason on the one hand, revelation on the other—reason for all that can be attained on earth through the senses, and revelation for the supersensory truths that can be drawn only from the Bible and the tradition of Christianity. One truly understands medieval Christian scholasticism when one regards its most outstanding minds as those in whom rationality from the West and revelation from the East converged. Both influences were at work within these individuals, and in the Middle Ages, the only way to reconcile them was by, in a sense, experiencing this conflict within oneself.

[ 27 ] An jener Stelle unserer kleinen Kuppel, drüben im kleinen Kuppelraum, wo das germanische Element zur Darstellung kommen sollte mit seinem Dualismus, sehen Sie daher auch in dem Bräunlich-Schwärzlichen und dem Rötlich-Gelblichen aneinanderstoßen diese Zweiheit: das Rot-Gelbliche der Offenbarung, das Schwärzlich-Bräunliche des Vernünftigen; wie dort überhaupt inspirierend das gewirkt hat, was durch die verschiedenen Menschheitskulturen hindurch an die Menschen herangetreten ist; nur ist es dort in Farben und in den Offenbarungen der Farben empfunden.

[ 27 ] At that spot in our little dome, over there in the small domed room, where the Germanic element was to be depicted with its dualism, you can therefore also see this duality clashing in the brownish-blackish and the reddish-yellowish hues: the reddish-yellowish of revelation, the blackish-brownish of reason; just as what has come to humanity through the various cultures of humankind has had an inspiring effect there in general; only there it is perceived in colors and in the manifestations of colors.

[ 28 ] So, möchte man sagen, ist das, was wir jetzt haben über die zivilisierte Welt hin, im Westen ergriffen von dem eigentlichen, erst in der Neuzeit heraufgekommenen Element, von dem Wirtschaftsleben; denn dieses Wirtschaftsleben selbst war in keiner früheren Epoche eine solche Zeitfrage, wie es jetzt geworden ist. Es ist eigentlich zeitgemäß. Dagegen ist dasjenige, was in Staat und Politik ist, schon im Abglimmen begriffen. Und was dann im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts als Deutsches Reich begründet worden ist, das nahm eben in sich auf dieses abglimmende Element des alten Römertums und ging daran zugrunde. Schon wie es sich aufgebaut hat, war es so, aber insbesondere, wie es dann sich ausgestaltet hat. Im Grunde genommen gab es innerhalb dieses Deutschen Reiches nur die Fortsetzung des juristischstaatlichen, politischen Elementes, das organisierte, das ja große Genies des Organisierens hatte; aber das wollte sich einverleiben die Wirtschaft, ohne daß man das wirtschaftliche Denken hatte. Denn alles, was die Wirtschaft innerhalb dieses Gebietes trieb, das wollte immer mehr und mehr unter das Staatssystem unterkriechen. Der Militarismus zum Beispiel, der im Grunde genommen von Frankreich oder auch der Schweiz ausgegangen ist, der aber ja noch andere Formen hatte, wurde verstaatlicht, möchte man sagen, in Mitteleuropa. So daß dieses Mitteleuropa weder aufnehmen konnte das wirtschaftliche Leben, noch aufnehmen konnte ein wirklich in sich selbst lebendiges, aus seinen Wurzeln heraus treibendes Geistesleben. Was organisiert wurde an Widergeistigkeit in der letzten Zeit gerade in Mitteleuropa, das ist ja das Allerfurchtbarste! Wir sehen alles, was Geistesleben ist, immer mehr und mehr hineinwachsen in die Form des politischen Staates. Und so kam es, daß es im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in Mitteleuropa keinen Menschen mehr gab, der über Geschichte oder über ähnliche Dinge anders schrieb denn als politischer Parteimann. Alles, was von den Universitäten ausging, ist nicht objektive Geschichte, ist Parteiweisheit, ist durchaus politisch gefärbt. Und noch mehr in der Dekadenz ist das geistige Leben, das aus Urzeiten aus dem Orient stammt. Es wuchs hinein in eine Überschwemmung aus dem Westen, aus der Mitte, in den Maßnahmen Peters des Großen, die noch durchdrungen waren von einem urwüchsigen Geistigen, das aber eben in der Dekadenz ist, das sich im Panslawismus, im Slawophilentum auslebt. Und es führte endlich dazu, daß die heutigen Zustände geschaffen wurden, aus denen heraus will ein neuer Geist, denn der alte ist ja ganz in der Dekadenz.

[ 28 ] One might say, then, that what we now have throughout the civilized world—and in the West, in particular—is dominated by that element which has only emerged in modern times: economic life; for in no earlier era was economic life itself such a pressing issue as it has become today. It is, in fact, a product of its time. In contrast, what pertains to the state and politics is already in the process of fading away. And what was established in the last third of the 19th century as the German Empire simply absorbed this fading element of ancient Roman culture and perished as a result. This was true even as it was being built up, but especially as it subsequently took shape. Essentially, within this German Empire there was only a continuation of the legal-state, political element—the organizing force, which certainly possessed great organizational genius—but the economy sought to incorporate this without possessing the necessary economic thinking. For everything the economy pursued within this territory sought more and more to creep under the umbrella of the state system. Militarism, for example—which essentially originated in France or Switzerland, though it took on other forms—was, one might say, nationalized in Central Europe. As a result, this Central Europe was unable to foster either economic life or a spiritual life that was truly self-sustaining and springing from its own roots. The anti-spiritual movement that has been organized in recent times, particularly in Central Europe, is indeed the most dreadful thing of all! We see everything that constitutes spiritual life growing more and more into the form of the political state. And so it came to pass that, in the second decade of the 20th century, there was no one left in Central Europe who wrote about history or similar subjects other than as a political party member. Everything that emanated from the universities is not objective history; it is partisan wisdom, thoroughly politically colored. And even more so in its decadence is the spiritual life that originated in the Orient in ancient times. It became engulfed by a deluge from the West and from the center, in the policies of Peter the Great, which were still imbued with a primal spiritual essence—but which is now itself in a state of decadence, finding expression in Pan-Slavism and Slavophilism. And this ultimately led to the creation of today’s conditions, from which a new spirit seeks to emerge, for the old one is, after all, entirely steeped in decadence.

[ 29 ] So sehen wir über die Welt verbreitet die neue Wirtschaft, die endende Jurisprudenz und Staatlichkeit und das geendete Geistesleben.

[ 29 ] Thus, we see the new economy, the declining legal system and statehood, and the demise of intellectual life spreading across the world.

[ 30 ] Im Westen sehen wir, von der Wirtschaft ganz aufgesogen, das Staatselement, und das Geistige ist ja nur in der Form der Naturwissenschaft da, wenn man eben absieht von dem unwahren Puritanertum. In der Mitte haben wir einen schon alternden Staat gehabt, der Wirtschaft und Geistesleben aufsaugen wollte und deshalb nicht leben konnte. Und im Osten haben wir nichts anderes als den ersterbenden Geist der alten Zeit, der galvanisiert werden soll durch allerlei Maßnahmen des Westens; gleichgültig, ob es Peter der Große ist, ob es Lenin ist, dasjenige, was vom Westen kommen will, galvanisiert den Leichnam des östlichen Geistes. Die Rettung besteht darinnen, daß man klar einsieht: Ein neuer Geist muß die Menschen durchziehen.

[ 30 ] In the West, we see the state element completely absorbed by the economy, and the spiritual realm is present only in the form of natural science—if one disregards that false Puritanism. In the middle, we had a state that was already aging, one that sought to absorb both the economy and spiritual life and therefore could not survive. And in the East, we have nothing but the dying spirit of the old era, which is to be revitalized through all manner of measures from the West; whether it is Peter the Great or Lenin, whatever comes from the West revitalizes the corpse of the Eastern spirit. Salvation lies in clearly recognizing that a new spirit must permeate humanity.

[ 31 ] Dieser neue Geist, der nun nicht im Orient, der im Abendlande selber gefunden werden kann, dieser neue Geist muß reinlich nebeneinander hinstellen Wirtschaftsleben, staatlich-politisches Leben, Geistesleben. Dann kann zu dem Wirtschaftsleben des Westens, wozu der Westen besonders durch seine Natureigenschaften organisiert ist, auch das staatliche und geistige Leben treten. Dann kann die Mitte neben dem staatlichen Leben, das, wenn es anthroposophisch orientiert wird, aus ganz anderen Grundsätzen heraus aufgebessert wird, als früher da waren, dann kann die Mitte wirklich ein Wirtschafts- und ein Geistesleben aufnehmen. Und dann kann der Orient wiederum befruchtet werden. Das Geistesleben, das im Abendlande blüht, das wird der Orient verstehen, wenn man es ihm nur in der richtigen Weise bringt. Sobald nicht mehr künstliche Grenzen geschaffen sind, über die nicht hinübergelassen wird, was an wirklichem anthroposophisch orientierten Geistesleben im Abendlande lebt, sobald das hinübergelassen wird nach dem Orient, wird man es verstehen, wenn es auch zunächst durch so kokette Geister dringt wie Rabindranath Tagore oder andere. Es handelt sich darum, daß die Naturwissenschaft als solche zurückgewiesen wird von dem Orient. Aber jene Naturwissenschaft, welche durchleuchtet ist von wirklicher Geistigkeit, wie wir sie ja darstellen wollten in unseren Hochschulkursen hier, die wird mit allem Eifer auch vom Orient aufgenommen werden. Dann wird der Orient sehr viel Verständnis für ein selbständiges Geistesleben haben. Und er wird auch aufnehmen das selbständige staatlich-politische Leben, er wird aufnehmen können das Wirtschaftsleben, es in Unabhängigkeit treiben können. So daß wirklich in dieser Dreigliederung des sozialen Organismus sich auch dasjenige erfüllt, was sich aus einer vernünftigen und zu gleicher Zeit geistigen Betrachtung als Entwickelung der europäischen und asiatischen Welt seit dem untergehenden Römertum darstellt.

[ 31 ] This new spirit, which cannot be found in the East but must be found in the West itself, must clearly distinguish between economic life, political-state life, and spiritual life. Then political and spiritual life can join the economic life of the West—for which the West is particularly suited due to its natural characteristics. Then the middle ground can, alongside political life—which, when oriented toward anthroposophy, is improved upon the basis of principles entirely different from those that existed before—truly incorporate economic and spiritual life. And then the East, in turn, can be enriched. The spiritual life that flourishes in the West will be understood by the East, if only it is presented to them in the right way. As soon as artificial boundaries are no longer created—boundaries that prevent the genuine anthroposophically oriented spiritual life of the West from crossing over—and as soon as that life is allowed to flow into the East, it will be understood, even if it initially makes its way through such charming spirits as Rabindranath Tagore or others. The point is that natural science as such is rejected by the East. But that natural science which is illuminated by true spirituality—as we have sought to present it in our University Courses here—will be embraced with great enthusiasm by the East as well. Then the East will have a great deal of understanding for an independent spiritual life. And it will also embrace an independent political and governmental life; it will be able to embrace economic life and conduct it independently. Thus, within this threefold social order, what emerges from a rational and at the same time spiritual perspective as the development of the European and Asian worlds since the decline of the Roman Empire will truly be fulfilled.