The Bridge Between the Spiritual and
Physical Realms of Human Beings
GA 202
14 December 1920, Dornach
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The Bridge Between the Spiritual and Physical Realms of Human Beings, tr. SOL
Neunter Vortrag
Ninth Lecture
[ 1 ] Heute wollen wir unseren Ausgangspunkt davon nehmen, den Fortgang der Seele durch die aufeinanderfolgenden Erdenleben etwas zu betrachten. Die äußeren Erscheinungen, die da auftreten, die kennen Sie ja aus Ihrer übrigen Beschäftigung mit der Anthroposophie; wir wollen aber heute auf einige Dinge zu sprechen kommen, die eines genaueren Eingehens doch durchaus noch bedürftig sind.
[ 1 ] Today we want to take this as our starting point to consider the soul’s journey through successive earthly lives. You are already familiar with the outward phenomena that occur here from your other studies in anthroposophy; however, today we would like to discuss a few things that still require a more detailed examination.
[ 2 ] Sie wissen: Wenn der Mensch durch des Todes Pforte geht, so ist ja das erste, daß er seinen physischen Leib ablegt; er hat zunächst dasjenige, was wir das Ich nennen, mit seinem ganzen Inhalte, dann dasjenige, was wir den astralischen Leib nennen, und zunächst auch noch den ätherischen Leib, wenn auch nur für kurze Zeit. Diese Zeit, in welcher der Mensch den ätherischen Leib noch hat, ist für ihn eine Zeit der Rückschau auf das letzte Erdenleben: In einer bildhaften Art tritt sein letztes Leben vor seine Seele. Diese Zeit endet damit, daß dieser ätherische Leib, man möchte sagen, ebenso nach oben, nach dem Weltenraum zu abgestoßen wird, wie der physische Leib nach unten, nach der Erde zu abgestoßen wird. Dann ist also der Mensch mit seinem astralischen Leib zusammen. In diesem astralischen Leib haben wir durchaus noch die Nachwirkungen des ätherischen Leibes, also alles dasjenige, was dieser astralische Leib dadurch erlebt hat, daß er mit dem ätherischen und auch übrigens mit dem physischen Leibe im letzten Erdenleben zusammen war. Sie wissen, daß es ja eine längere Zeit dauert, bis dieser Astralleib nun auch abgestreift wird.
[ 2 ] You know: When a person passes through the gate of death, the first thing that happens is that they shed their physical body; they are left first with what we call the “I,” with all its contents, then with what we call the astral body, and initially also with the etheric body, albeit only for a short time. This period, during which a person still possesses the etheric body, is a time for them to look back on their last earthly life: their last life appears before their soul in a pictorial manner. This period ends when this etheric body is, so to speak, propelled upward toward outer space, just as the physical body is propelled downward toward the earth. Then, therefore, the human being is united with his astral body. In this astral body, we still retain the aftereffects of the etheric body—that is, everything that this astral body experienced through its union with the etheric body and, incidentally, with the physical body during the last earthly life. You know that it takes quite some time before this astral body is also shed.
[ 3 ] Ich habe wohl sogar schon in unserer Literatur darauf aufmerksam gemacht, daß man nicht etwa von einer radikalen Auflösung des ätherischen und des astralischen Leibes sprechen darf, sondern diese Auflösung ist in Wirklichkeit ein Heraustreten derjenigen Kräfte, die der Mensch in sich hat, in das Weltenall. Der Ätherleib trägt ja in sich gewissermaßen die Einprägungen von alledem, was der Mensch im Leben durchgemacht hat. Das ist eine Summe von, ich möchte sagen, Formgebilden. Diese Summe von Formgebilden, die breitet sich immer mehr und mehr aus, prägt sich in der Tat dem Kosmos ein; so daß dasjenige, was sich abgespielt hat als unser Leben und was sich einprägt dem ätherischen Leibe, tatsächlich kräftemäßig im Weltenall weiterwirkt. Wir übergeben die Art und Weise, wie wir uns gegenüber dem ÄAtherleib benommen haben, dem Kosmos. Unser Leben ist nicht bedeutungslos für das ganze Weltenall. Gerade dadurch kommt durch die Erkenntnis der anthroposophischen Geisteswissenschaft an den Menschen ein starkes Verantwortlichkeitsgefühl heran, daß er denken muß, wie dasjenige, was er dem Ätherleib einverleibt durch sein intellektuelles Leben, durch sein Gefühlsleben, durch sein Willensleben, also durch seine Moralität, sich durchaus dem ganzen Kosmos mitteilt. Im Kosmos sind enthalten, ja, wenn ich so sagen darf, die Aufführungen der Menschen, welche in vergangenen Zeiten gelebt haben. Es sondert sich in einer gewissen Weise dasjenige, was von unserer Lebensführung bis hinein in die Gestaltung des ätherischen Leibes mitwirkt, und sammelt sich in der ganzen großen Welt an. Wir machen im Grunde genommen die Welt mit. Und wenn wir wissen, daß wir die Welt mit machen, müssen wir dieses Verantwortlichkeitsgefühl bekommen, welches sich dadurch ausdrückt, daß wir uns fühlen als Mitschöpfer der Welt. Auch dasjenige, was wir weitertragen als unseren astralischen Leib, dürfen wir nicht einfach so ansehen, als ob es sich dann zerstreute im Weltenall, als ob es sich auflöste im Weltenall. Das ist nicht der Fall, sondern auch dies teilt sich dem Weltenall mit, allerdings dem geistig-seelischen Teil des Weltenalls.
[ 3 ] I believe I have even pointed out in our literature that one should not speak of a radical dissolution of the etheric and astral bodies; rather, this dissolution is in reality a stepping out into the universe of those forces that the human being possesses within. The etheric body, after all, bears within it, so to speak, the imprints of everything a person has experienced in life. This is a sum of—I would say—form-structures. This sum of formative structures, which spreads out more and more, does indeed imprint itself upon the cosmos; so that what has unfolded as our life and what is imprinted upon the etheric body actually continues to exert its influence in the universe through its forces. We hand over to the cosmos the way in which we have behaved toward our etheric body. Our life is not meaningless for the entire universe. It is precisely through this—through the insight gained from anthroposophical spiritual science—that a strong sense of responsibility arises in the human being, compelling them to consider how what they incorporate into the etheric body through their intellectual life, their emotional life, their volitional life—that is, through their morality—is indeed communicated to the entire cosmos. The cosmos contains—if I may put it that way—the actions of people who have lived in past times. In a certain sense, what contributes to the formation of the etheric body through our way of life is set apart and accumulates throughout the entire vast world. We are, in essence, helping to shape the world. And when we realize that we are helping to shape the world, we must develop this sense of responsibility, which is expressed by our feeling that we are co-creators of the world. Nor should we simply regard what we carry with us as our astral body as if it were to disperse into the cosmos, as if it were to dissolve into the cosmos. That is not the case; rather, this too becomes part of the cosmos—specifically, the spiritual-soul aspect of the cosmos.
[ 4 ] Und wenn sich das Ich losgelöst hat von diesem astralischen Leib, nachdem der Durchgang durch die Seelenwelt vollendet ist, dann ist gewissermaßen dasjenige, was wir unserem astralischen Leib einverleibt haben, draußen im Weltenall, man geht nur getrennte Wege. Der astralische Leib geht abgesondert vom Ich seine eigenen Wege, das Ich auch seine eigenen Wege. Aber man kann nicht von einer Vernichtung des astralischen Leibes sprechen. Im Gegenteil, dieser astralische Leib entwickelt sich weiter, und es wird durch seine Wechselbeziehung zum Weltenall etwas aus ihm, einfach dadurch, daß wir ihm die Wirkungen gewisser moralischer Impulse eingepflanzt haben und er nun mit der Gestalt, die er bekommen hat von dieser Wirkung der moralischen Impulse, sich dem Weltenall mitteilt, gewissermaßen sich hineinschiebt in das geistig-seelische Weltenall. Dadurch entsteht eine Wechselwirkung zwischen ihm und dem geistig-seelischen Weltenall. Man kann dann allerdings sogar so sagen — wenn das auch halb bildlich ist, so entspricht es doch den Tatsachen: Dieser astralische Leib dehnt sich immer mehr und mehr aus, aber er kommt mit seiner Ausdehnung an eine gewisse Grenze. Über die kann er sich nicht ausdehnen, er beginnt sich dann wieder zusammenzuziehen. Und die Schnelligkeit oder Langsamkeit, mit der er sich entwickelt oder zusammenzieht, die hängt wesentlich ab von dem, was ihm einverleibt worden ist durch den Lebenslauf. So daß man sagen kann: Es teilt sich der astralische Leib dem Weltenall mit; er stößt gewissermaßen, wenn ich mich so ausdrücken darf, an das Ende unseres geistig-seelischen Kosmos an und wird wiederum zurückgeworfen.
[ 4 ] And when the “I” has detached itself from this astral body, after the passage through the soul world is complete, then, in a sense, what we have incorporated into our astral body remains out there in the universe; we simply go our separate ways. The astral body goes its own way, separate from the “I,” and the “I” goes its own way as well. But one cannot speak of the destruction of the astral body. On the contrary, this astral body continues to develop, and through its interaction with the universe, it becomes something—simply because we have imbued it with the effects of certain moral impulses, and it now communicates with the universe in the form it has taken on as a result of these moral impulses, so to speak, inserting itself into the spiritual-soul universe. This gives rise to an interaction between it and the spiritual-soul universe. One can even say—though this is only partly figurative, it nevertheless corresponds to the facts—that this astral body expands more and more, but its expansion reaches a certain limit. It cannot expand beyond this limit; it then begins to contract again. And the speed or slowness with which it expands or contracts depends essentially on what has been incorporated into it throughout the course of life. So one can say: The astral body communicates with the universe; it strikes, so to speak—if I may put it that way—against the end of our spiritual-soul cosmos and is in turn thrown back.
[ 5 ] Das Ich geht nun seine Wege in einer eigentlich wesentlich anderen Welt, als dieser astralische Leib ist. Aber dieses Ich entwickelt innerlich eine Art von, man möchte sagen Begierde, wie ich das ja selbst im gestrigen Öffentlichen Vortrage ausdrückte. Und diese Begierde ist es im wesentlichen, welche sich hingezogen fühlt gerade zu diesem zurückkehrenden astralischen Leib, der allerdings jetzt etwas anderes geworden ist. Es findet in der Tat wiederum eine Art Verbindung statt zwischen dem metamorphosierten, zwischen dem umgeänderten astralischen Leib und dem Ich. Dadurch, daß dies geschieht, bekommt der Mensch nach den verschiedensten Seiten hin gewisse Neigungen, möchte ich sagen, indem er dem Zeitpunkt sich nähert, in welchem er wiederum auf die Erde zurückkehren soll.
[ 5 ] The “I” now goes its own way in a world that is, in essence, fundamentally different from this astral body. But this “I” develops internally a kind of—one might say—desire, as I myself expressed it in yesterday’s public lecture. And it is essentially this desire that feels drawn precisely to this returning astral body, which, however, has now become something different. In fact, a kind of connection is once again established between the transformed, altered astral body and the “I.” As this happens, the human being develops certain inclinations in various directions, I would say, as he approaches the moment when he is to return to Earth once more.
[ 6 ] Ich habe angedeutet, wie der astralische Leib hinaus sich dehnt in das Weltenall, wiederum zurückkehrt, wie das Ich ihn gewissermaßen wiederum findet. Wir können das an der äußeren Gestalt des Menschen verfolgen, wenn wir den Menschen als ganzes Wesen, in seiner Totalität eben ansehen.
[ 6 ] I have hinted at how the astral body expands outward into the universe, then returns, and how the “I,” so to speak, finds it again. We can observe this in the human being’s outward form when we view the human being as a whole being, in all its totality.
[ 7 ] Wir müssen uns nämlich vorstellen, daß der Mensch, so wie er auf der Erde auftritt, wenn er durch eine Geburt geht, wirklich von zwei Seiten her gebildet wird. Jener astralische. Leib, von dem ich Ihnen eben geschildert habe, wie er ins Weltenall hinaus sich ausgedehnt hat und wiederum zurückgekehrt ist, der begegnet sich gewissermaßen mit dem Ich. Bildlich gesprochen kommt er wie eine Art von Hohlkugel an das Ich heran, einer Hohlkugel, die immer kleiner und kleiner wird; er hat seine Verwandtschaft mit dem planetarischen System. Das Ich entwickelt auf seinem Weg zwischen Tod und neuer Geburt, obwohl die Sehnsucht nach dem astralischen Leib auch vorhanden ist, doch noch mehr eine Sehnsucht nach einem bestimmten Punkte der Erde hin, in ein Volk, in eine Familie hinein. Aber auf der anderen Seite zieht sich zusammen, was als der umgewandelte astralische Leib von außen kommt und vereinigt sich mit dem, was das Ich jetzt ist nach dem Durchmachen der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt und was eine starke Anziehungskraft nach dem Irdischen hin hat, nach Volk, Familie und so weiter. Das, was den Kräften dieses umgewandelten astralischen Leibes ausgesetzt ist, das sehen wir wiederum, wenn wir den nun geborenen Menschen in bezug auf die äußere Oberfläche seiner Leiblichkeit ansehen: Dasjenige, was gewissermaßen von unserer Haut nach innen hin, einschließlich der Sinneswerkzeuge, organisiert wird, das wird uns aus dem großen Kosmos heraus organisiert. Dasjenige aber, was organisch dadurch entsteht, daß das Ich sich mit der Erde verbunden fühlt, sich zur Erde hingezogen fühlt, das bewirkt die Organisation von innen heraus, entgegen der anderen Organisation, das bewirkt mehr die Knochen-, Muskelorganisation und so weiter, das also, was von innen gewissermaßen dem entgegenstrahlt, was von der Haut und von den Sinnen nach innen strahlt. Wir sind gewissermaßen aus dem Makrokosmos heraus organisiert in bezug auf den äußeren Umfang unserer Leiblichkeit, und wir sind von der Erde aus organisiert mit Bezug auf dasjenige, was das eigentliche Ich durchströmt, was von innen heraus entgegenwächst der Haut-Sinnesbildung.
[ 7 ] We must imagine, in fact, that human beings, as they appear on Earth when they are born, are truly formed from two sides. That astral body—which I have just described to you as having expanded out into the cosmos and then returned—meets, so to speak, with the “I.” Figuratively speaking, it approaches the “I” like a kind of hollow sphere, a hollow sphere that grows smaller and smaller; it is related to the planetary system. On its journey between death and a new birth, although the longing for the astral body is also present, the “I” develops an even greater longing for a specific point on Earth—toward a people, toward a family. But on the other hand, what comes from outside as the transformed astral body contracts and unites with what the “I” now is after passing through the time between death and a new birth—and which exerts a strong pull toward the earthly realm, toward a people, a family, and so on. What is subject to the forces of this transformed astral body—we see this again when we look at the newly born human being in terms of the outer surface of their physicality: that which is, so to speak, organized from our skin inward, including the sense organs, is organized for us from the great cosmos. But that which arises organically from the fact that the “I” feels connected to the Earth, feels drawn to the Earth—this brings about organization from the inside out, in contrast to the other form of organization; it affects more the organization of the bones, muscles, and so on—that is, what, in a sense, radiates inward from within, counteracting what radiates inward from the skin and the senses. We are, so to speak, organized from the macrocosm with regard to the outer extent of our physicality, and we are organized from the Earth with regard to that which flows through the actual “I”—that which grows from within in opposition to the formation of the skin and the senses.
[ 8 ] So ist der Mensch eigentlich aus dem Weltenall heraus geboren. Und der Aufenthalt im mütterlichen Leibe, der bildet ja nur, ich möchte sagen, die Gelegenheit dazu, daß sich diese zwei Kräfte, eine makrokosmische und eine irdische Kraft, miteinander verbinden. Der Mensch ist aber durchaus ein Wesen, das nicht etwa aus einem Punkte heraus wächst, aus der Keimanlage, sondern der Mensch ist ein Zusammenfluß von auf der einen Seite äußeren, nicht tellurischen, außerirdischen Kräften, die eben durch seinen umgewandelten astralischen Leib zusammengehalten werden, und von demjenigen, was diesen außerirdischen Kräften, von der Erde beeinflußt, entgegenwächst. Innig zusammenhängend mit dem, was uns vom Kosmos heraus anwächst, innig verwandt mit dem ist das, was wir unseren Verstand, unseren Intellekt, unser Vorstellungsvermögen nennen. Dieses unser Vorstellungsvermögen weist uns in der Tat zurück auf unser früheres Erdenleben. Dieses unser Vorstellen bekommen wir dadurch, daß dasjenige, was wir unserem astralischen Leib im früheren Erdenleben einverwoben haben, in den Kosmos hinaus sich gedehnt hat und wiederum zurückgekommen ist, und jetzt gewissermaßen als Hauptorgan unseren Kopf aufsucht, der ja im wesentlichen von außen als ein Haut-Sinnesorgan gebildet ist. Das übrige ist gewissermaßen als Haut-Sinnesorganisation nur Anhängsel zum Haupte. In dem dagegen, was mit den irdischen Kräften verwandt ist, weil das menschliche Ich, wenn es wiederum zur Geburt geht, sich zu einem Punkte der Erde hingezogen fühlt, kommt mehr unsere Willensorganisation zum Ausdruck. So daß wir sagen können: Wenn wir wieder geboren werden, gibt uns der Himmel unseren Verstand, die Erde unseren Willen. Zwischen beiden liegt dann das Fühlen, das uns weder die Erde gibt, noch der Himmel, das auf einer Art von fortwährendem Ausschlagen zwischen Erde und Himmel beruht, und das im wesentlichen sein äußeres Organ in dem rhythmischen System des Menschen hat, in dem Atmungssystem, in Blutzirkulation und so weiter. Das steht mitten drinnen zwischen der eigentlichen Hauptesorganisation, die im wesentlichen eben das Ergebnis des Makrokosmos ist auf dem Umwege des früheren Astralleibes, und demjenigen, was uns von der Erde zukommt, unserer Willensorganisation. Zwischen drinnen steht unser rhythmisches System, steht unser Gefühlsleben, das auf dem Boden dieses rhythmischen Systems sich entwickeln kann, und das wir ja, ich möchte sagen, auch äußerlich sichtbarlich vollbringen zwischen Himmel und Erde. Unser Haupt weist uns mehr nach unserem außerirdischen Ursprung; unser Wille ist innig verwandt mit dem, was wir von der Erde haben. Zwischen beiden steht unser Gefühlsleben, und physisch betrachtet, unsere Zirkulation, unser Atmungsleben. Es ist durchaus so, daß eine durchgreifende, eine totale Betrachtung des Menschen weder einseitig seelisch noch einseitig physisch ist, sondern daß die beiden, Physisches und Seelisches, ineinandergreifen bei dieser totalen Betrachtung.
[ 8 ] Thus, human beings are actually born from the universe. And their time in the mother’s womb merely provides—I would say—the opportunity for these two forces, a macrocosmic force and an earthly force, to unite. But the human being is by no means a being that grows from a single point—from the germ—but rather is a confluence, on the one hand, of external, non-terrestrial, extraterrestrial forces, which are held together precisely by his transformed astral body, and, on the other hand, of that which grows toward these extraterrestrial forces, influenced by the Earth. Intimately connected with what grows toward us from the cosmos, and intimately related to it, is what we call our reason, our intellect, and our power of imagination. This power of imagination of ours does indeed point us back to our previous earthly life. We acquire this power of imagination because what we wove into our astral body in our previous earthly life has expanded out into the cosmos and returned again, and now, so to speak, seeks out our head as its principal organ—a head that is essentially formed from the outside as a skin-sense organ. The rest is, so to speak, merely an appendage to the head as a skin-sense organization. In contrast, what is related to earthly forces—because the human “I,” when it is about to be born again, feels drawn to a point on Earth—is where our volitional organization is more fully expressed. So we can say: When we are reborn, heaven gives us our intellect, and Earth gives us our will. Between the two lies feeling, which is given to us neither by the Earth nor by Heaven; it is based on a kind of constant oscillation between Earth and Heaven, and essentially finds its external organ in the human rhythmic system—in the respiratory system, blood circulation, and so on. This lies right in the middle between the actual main organization—which is essentially the result of the macrocosm via the former astral body—and that which comes to us from the earth: our will organization. In between lies our rhythmic system, our emotional life, which can develop on the basis of this rhythmic system, and which we, I might say, also manifest outwardly between heaven and earth. Our head points us more toward our extraterrestrial origin; our will is intimately connected with what we have from the earth. Between the two lies our emotional life and, from a physical perspective, our circulation and our respiratory life. It is certainly the case that a comprehensive, total view of the human being is neither one-sidedly spiritual nor one-sidedly physical, but rather that the two—the physical and the spiritual—interlock in this total view.
[ 9 ] Auf der anderen Seite können wir aber daraus auch sehen, daß wir, indem wir mit dem ganzen Makrokosmos zusammenhängen und gewissermaßen gerade in unserer Hauptesorganisation etwas in uns tragen, was aus dem Makrokosmos heraus gebildet ist, daß wir dadurch zurückgewiesen werden auf unsere Vergangenheit, daß wir mit unserem Intellekt überhaupt auf unsere Vergangenheit zurückgewiesen werden; nur daß wir mit unserem gewöhnlichen Bewußtsein diese Erkenntnis nicht gewinnen, wie wir da zurückgewiesen werden auf unsere früheren Erdenleben.
[ 9 ] On the other hand, however, we can also see from this that, because we are connected to the entire macrocosm and, in a sense, carry within our very main organism something that has been formed from the macrocosm, we are thereby referred back to our past—that is, our intellect refers us back to our past in the first place; except that with our ordinary consciousness we do not gain this insight into how we are thus referred back to our earlier earthly lives.
[ 10 ] Im alten orientalischen Weisheitsstreben versuchten diejenigen Menschen, welche Schüler der Eingeweihten waren, einen Zusammenhang zwischen ihrem rhythmischen Leben und zwischen ihrem Hauptesleben zunächst herzustellen. Für jenes Zeitalter, für die alte orientalische Weisheitsentwickelung, war es etwas Natürliches, eine höhere menschliche Entwickelung dadurch zu suchen, daß man den Atmungsprozeß und damit auch den Zirkulationsprozeß zu etwas Bewußtem machte, daß man in gesetzmäßiger Weise einatmete und dadurch Atmung und Zirkulation in das Bewußtsein heraufhob. Das konnte der alte Orientale aus dem Grunde machen, weil sein Seelisch-Geistiges noch nicht so intensiv mit seinem Leiblichen verbunden war, wie das beim heutigen Menschen der Fall ist. Würde man einfach heute, ich möchte sagen, durch eine Art praktischen Anachronismus diese altorientalische Methode, zu höheren Erkenntnissen zu kommen, praktizieren, so würde man den menschlichen Leib mehr oder weniger ruinieren; denn man würde dadurch zu tief eingreifen in die Gesundheit des physischen Leibes, weil heute ja der Mensch inniger verbunden ist, intensiver verbunden ist mit seinem Leibe, als es zum Beispiel in der Zeit des alten indischen Weisheitsstrebens der Fall war.
[ 10 ] In the ancient Eastern quest for wisdom, those who were disciples of the initiates sought first to establish a connection between their rhythmic life and their head life. For that era—for the ancient Eastern development of wisdom—it was natural to seek higher human development by making the breathing process, and thus also the circulatory process, a conscious activity; by breathing in accordance with certain laws and thereby raising breathing and circulation into consciousness. The ancient Orientals were able to do this because their soul-spiritual nature was not yet as intensely connected to their physical body as is the case with people today. If one were simply to —I would say—through a kind of practical anachronism, were one to practice this ancient Eastern method of attaining higher insights, one would more or less ruin the human body; for one would thereby interfere too deeply with the health of the physical body, since today human beings are more intimately and more intensely connected to their bodies than was the case, for example, in the era of ancient Indian wisdom-seeking.
[ 11 ] Aber was erlangte derjenige, der im alten Indien solche Übungen durchmachte? Er machte den Atmungsprozeß zu etwas Bewußtem; er atmete also bewußt ein: Dadurch erlangte er die Möglichkeit, allmählich den Vorgang zu verfolgen, der sich abspielt, indem die Einatmungsluft drückt, so daß allmählich das Hirnwasser durch den Rückenmarkskanal nach dem Gehirn hin pendelt, gewissermaßen an das Gehirn anschlägt. Aber in diesem Zusammenschlagen desjenigen, was als Gehirnwasser aufwärts schießt beim Einatmen, was wiederum sinkt beim Ausatmen, in dem Zusammenschlagen des Gehirnwassers mit den festen Partien des Gehirns entstehen eigentlich die Vorstellungen. Dieses Vorstellungsentstehen ist etwas viel Komplizierteres, als man es sich heute, wo alles materialistisch ausgedacht ist, vorstellt. Man denkt sich heute — oder wenigstens dachte man es bis vor kurzem, heute verzichtet man ja wiederum auf genauere Vorstellungen —, man denkt sich irgendwelche Evolutionen, läßt irgendwelche Nerven eben dem Vorstellen zugrunde liegen. Das ist Unsinn. Es handelt sich vielmehr darum, daß tatsächlich ein fortlaufendes Anschlagen des Gehirnwassers an das Nervensystem stattfindet, und daß dann diejenigen Vorgänge im Nervensystem sich abspielen, die den Kräften des Nervensystems zugrunde liegen. Das brachte der alte indische Weisheitsschüler sich zum Bewußtsein. Was erfuhr er, indem er diesen ganzen Prozeß bewußt verfolgte? Er erfuhr dadurch, wie dasjenige, was sein Gehirn geformt hat, eigentlich zurückweist in frühere Erdenleben. Er empfand gewissermaßen mit seinem jetzigen rhythmischen System sein früheres Erdenleben: das wurde für ihn zu einer Gewißheit. Dadurch war es einfach selbstverständlich für einen solchen Weisheitsschüler, daß er ein früheres Erdenleben hatte. Er nahm es ja wahr, aber indem er den Atmungsprozeß zu einem bewußten erhob. Heute muß dieses auf andere Weise bewirkt werden. Heute kann es nicht bewirkt werden durch eine so geartete Meditation, wie ich es ja auch im öffentlichen Vortrag ausführte, die ausgeht von einer besonderen Formung des Atmungsprozesses, welche eben für den heutigen Menschen nicht durchgeführt werden darf, sondern die ausgeht von einem Ruhen auf Vorstellungen, die also von der entgegengesetzten Seite ausgeht und daher Rücksicht nimmt darauf, daß der Mensch heute intensiver mit seinem physischen Leib verbunden ist. Dadurch aber, daß der Mensch im Vorstellen ruht, dadurch lernt er von der anderen, von der geistig-seelischen Seite her diese Nuance des rhythmischen Systems kennen. Er lernt den Prozeß von der anderen Seite her kennen; nur so, daß er nun nicht, wie es beim alten indischen Menschen der Fall war, tiefer in seinen Leib hineindringt — das darf er nicht, weil er ohnedies schon tief genug drinnen ist —, sondern indem er sich frei macht vom Leiblichen, also im Geistig-Seelischen den ganzen Kosmos verfolgt, der ihm klarmacht, wie das frühere Erdenleben mit diesem Erdenleben zusammenhängt.
[ 11 ] But what did those who undertook such exercises in ancient India gain? He made the breathing process a conscious one; that is, he breathed in consciously. Through this, he gained the ability to gradually observe the process that takes place as the inhaled air exerts pressure, causing the cerebrospinal fluid to oscillate through the spinal canal toward the brain, so to speak, striking the brain. But it is in this collision—between the cerebrospinal fluid that shoots upward during inhalation and then sinks again during exhalation, and the solid parts of the brain—that ideas actually arise. This process of idea formation is far more complex than people imagine today, when everything is conceived in materialistic terms. People today—or at least they thought so until recently; today, after all, we have once again dispensed with more precise concepts—imagine some kind of evolutionary process, attributing the formation of ideas to certain nerves. That is nonsense. Rather, what actually occurs is a continuous impact of the cerebrospinal fluid against the nervous system, and this triggers the processes within the nervous system that underlie its functions. This is what the ancient Indian seeker of wisdom brought to his consciousness. What did he discover by consciously following this entire process? Through it, he discovered how that which had shaped his brain actually points back to earlier earthly lives. In a sense, he sensed his past earthly life through his present rhythmic system: this became a certainty for him. Consequently, it was simply self-evident to such a student of wisdom that he had lived a past earthly life. He perceived it, after all, but by elevating the breathing process to a conscious level. Today, this must be achieved in a different way. Today it cannot be achieved through a form of meditation such as I described in my public lecture—one that is based on a specific shaping of the breathing process, which, as I explained, must not be practiced by people today—but rather through a state of rest in mental images, which thus proceeds from the opposite direction and therefore takes into account the fact that people today are more intensely connected to their physical bodies. But by resting in imagination, the human being comes to know this nuance of the rhythmic system from the other side—the spiritual-soul side. He comes to know the process from the other side; but not, as was the case with the ancient Indian, by penetrating deeper into his body—he must not do that, because he is already deep enough within it anyway—but by freeing himself from the physical, that is, by tracing the entire cosmos in the spiritual-soul realm, which makes clear to him how his previous earthly life is connected to this present earthly life.
[ 12 ] Was in der Anthroposophie ausgesprochen wird, sind nicht irgendwelche abstrakten fanatischen Angaben, sondern das beruht schon auf einer durchdringenden Erkenntnis der menschlichen Organisation von innen aus. Nicht indem man den Organismus von außen untersucht als Leiche — oder auch nicht als Leiche, aber eben von außen —, sondern dadurch, daß man ihn von innen kennenlernt, daß man wirklich diese Wechselwirkung kennenlernt zwischen dem rhythmischen System und dem Nerven-Sinnessystem, und auf der anderen Seite die Wechselwirkung zwischen dem rhythmischen System und dem Stoffwechselsystem — denn an den Stoffwechsel als solchem schlägt nun auch das rhythmische System an —, aus dem innigen Kontakte der beiden [lernt man das menschliche Wesen kennen]. Und lernt man kennen dieses Zusammenfallen des rhythmischen Systems mit dem Stoffwechselsystem, so wird man gewiß, daß in uns schon der Keim zu dem nächsten Erdenleben steckt, indem einfach der Stoffwechsel nach seiner geistigen Seite hin die Keime enthält für das nächste Erdenleben. Wenn er auch zunächst das Niederste in der menschlichen Organisation für dieses Erdenleben ist, nach der geistigen Seite hin enthält er eben die Keime für das nächste Erdenleben. Man steigt so auf zu einem Betrachten des ganzen Menschen.
[ 12 ] What is expressed in anthroposophy is not just some abstract, fanatical assertion, but is based on a profound understanding of the human organism from within. Not by examining the organism from the outside as a corpse—or even if not as a corpse, but still from the outside—but rather by getting to know it from within, by truly understanding this interaction between the rhythmic system and the nervous-sensory system, and, on the other hand, the interaction between the rhythmic system and the metabolic system—for the rhythmic system also influences metabolism as such—it is through the intimate contact between the two [one comes to know the human being]. And when one comes to know this convergence of the rhythmic system with the metabolic system, one becomes certain that the seed for the next earthly life is already within us, simply because metabolism, in its spiritual aspect, contains the seeds for the next earthly life. Even though it is initially the lowest aspect of the human organism in this earthly life, from a spiritual perspective it does indeed contain the seeds for the next earthly life. In this way, one ascends to a view of the whole human being.
[ 13 ] Sehen Sie, in dieser Beziehung stehen eigentlich die im abendländischen Zivilisationsleben drinnen steckenden Menschen wirklich vielfach wie der Blinde vor der Farbe. Vielleicht liegt es manchem von Ihnen fern, aber ich möchte doch darauf aufmerksam machen: Alles dasjenige, was wir mathematisch aufnehmen, was also durch Linienformen, Winkelformen, Senkrechtes, Waagerechtes spielt, was wir auch messen, alles dasjenige, was wir mathematisch aufnehmen, das entwickeln wir eigentlich aus unserem Inneren heraus, das liegt unserem Inneren zugrunde. In dem Augenblicke, wo man anschauen lernt, was da unserem Inneren zugrunde liegt, redet man nicht kantisch, wo man einfach in eine Art unverstandenes Wort dasjenige gießt, was da im Inneren des Menschen aufsprießt: Man sagt dann nicht mehr, die Mathematik sei eine Erkenntnis a priori. «A priori» heißt, etwas ist von vornherein da. Lernt man aber innerlich schauen, dann weiß man, woher man dieses merkwürdige Mathematische hat: es ist der astralische Leib durchgegangen durch die Mathematik des ganzen Weltalls, es hat sich das wieder zusammengezogen. Wir lassen einfach auftauchen aus unserer Seele dasjenige, was wir in einer früheren Inkarnation erlebt haben, was dann durchgegangen ist durch den ganzen Kosmos und was dann in der Feinheit der mathematisch-geometrischen Linien wiederum auftaucht. Da sehen Sie, daß also einfach in dem a priori sich etwas ausspricht, was schon einem Anschauen der Welt entspricht, wie es der Blinde von der Farbe hat! Man müßte sonst sagen: Dasjenige, was im Kantschen Sinne a priori genannt ist, das ist herrührend aus unseren früheren Inkarnationen und taucht in dieser Inkarnation in einer verwandelten Gestalt, allerdings durchgegangen durch den Makrokosmos, wiederum auf.
[ 13 ] You see, in this regard, people immersed in Western civilization often find themselves, in many ways, like the blind man standing before a painting. Perhaps this is foreign to some of you, but I would still like to draw your attention to it: Everything we grasp mathematically—that is, everything involving lines, angles, verticals, and horizontals, as well as what we measure—everything we grasp mathematically, we actually develop from within ourselves; it lies at the foundation of our inner being. The moment one learns to observe what underlies our inner being, one no longer speaks in Kantian terms—where one simply pours into a kind of incomprehensible word that which springs up within the human being: One no longer says that mathematics is a priori knowledge. “A priori” means that something is there from the very beginning. But if one learns to look inward, then one knows where this strange mathematical quality comes from: it is the astral body that has passed through the mathematics of the entire universe; it has drawn itself back together again. We simply allow to emerge from our soul that which we experienced in a previous incarnation—that which then passed through the entire cosmos and reemerges in the subtlety of mathematical-geometric lines. There you see that what is expressed in the a priori simply corresponds to a way of perceiving the world, just as a blind person perceives color! Otherwise, one would have to say: What is called “a priori” in the Kantian sense originates from our previous incarnations and reemerges in this incarnation in a transformed form—albeit having passed through the macrocosm.
[ 14 ] Ich habe Ihnen damit von der Gesetzmäßigkeit gesprochen, die dem ganzen Menschen zugrunde liegt, und die sich verrät, wenn man das Leben betrachtet, wie es durch die wiederholten Erdendaseine hindurchgeht. Unsere heutige Zeit ist sehr abgeneigt, auf solche Dinge überhaupt Rücksicht zu nehmen. Daher bleibt unsere heutige Weltbetrachtung auch wirklich an der Außenseite der Dinge haften. Und das möchte ich Ihnen auch an einem Beispiele veranschaulichen.
[ 14 ] I have thus spoken to you about the law that underlies the whole human being and that reveals itself when one considers life as it unfolds through repeated earthly existences. Our present age is very reluctant to take such things into account at all. Consequently, our current view of the world truly remains stuck on the surface of things. And I would like to illustrate this to you with an example.
[ 15 ] Nehmen wir an, wir betrachten heute nach der Methode, die einmal üblich ist, irgendein Volk auf einem bestimmten Grund und Boden der Erde. Nun ja, was tun wir heute als Geschichtsforscher? Wir sagen: Da lebt die heutige Generation; ihr ging eine andere voran; einer weiteren Generation ging wieder eine weitere voran. Wir kommen dann in frühere Jahrhunderte zurück, wir kommen in das Mittelalter zurück, und verfolgen da, ich möchte sagen, die Blutströmungen durch die Generationen herunter, verfolgen die äußeren Vererbungen und sagen: Was in dem jetzigen Volke lebt, das führt sein Dasein zurück auf frühere Entwickelungsphasen dieses Volkes.
[ 15 ] Let’s suppose we examine, using the method that is currently standard, a particular people living on a specific piece of land on Earth. Well, what do we do today as historians? We say: The present generation lives there; another generation preceded it; and yet another generation preceded that one. We then go back to earlier centuries, we go back to the Middle Ages, and there we trace—I would say—the flow of blood through the generations, trace the external inheritances, and say: What lives in the present people traces its existence back to earlier phases of that people’s development.
[ 16 ] So betrachtet man heute die Geschichte. Wenn heute so ein richtiger Historiker, sagen wir, deutsche Geschichte oder französische Geschichte oder englische Geschichte möglichst weit zurückverfolgen will, dann verfolgt er sie durch die Vorfahrenkette hindurch nach den physisch vererbbaren Merkmalen. Man redet dann wohl auch so, daß das, was eine Generation der Gegenwart, die einem Volke angehört, darlebt, begriffen werden soll aus dem, was frühere Generationen dieses Volkes erlebt haben; aus dem also, was physisch vererbt ist. Aber das ist ja doch nur eine ins Geschichtliche übertragene materialistische Denkweise. Denn betrachten Sie einmal dasjenige, was Ihnen anthroposophische Geisteswissenschaft gibt, nicht als eine bloße Theorie, sondern als etwas, was auf das Leben wirklich angewendet wird, was man in die Lebensbetrachtung überführt: dann müssen Sie doch nicht nur über die wiederholten Erdenleben spekulieren, müssen gewissermaßen nicht nur isoliert betrachten, daß Ihre Seele frühere Erdenleben durchgemacht hat und künftige durchmachen wird, sondern man muß auch wirklich unter diesem Gesichtspunkte betrachten, was sich in der Welt ausbreitet. Denn betrachten wir irgendeine jetzt lebende Generation, gewiß, wir führen sie blutsmäßig zurück, äußerlich, physisch vererbbaren Merkmalen gemäß, auf frühere Generationen, die meinetwillen auf demselben Boden gelebt haben, oder die wir auf irgendwelche Vorfahren auf einem früheren anderen Boden zurückführen können, indem wir über Völkerwanderungsströme und dergleichen gehen, aber wir bleiben dabei eben durchaus im Physisch-Materiellen stecken.
[ 16 ] This is how history is viewed today. If a true historian today wishes to trace, say, German, French, or English history as far back as possible, he traces it through the chain of ancestors based on physically inheritable characteristics. One might then say that what a present-day generation belonging to a particular people is experiencing should be understood in terms of what earlier generations of that people have experienced—that is, in terms of what has been physically inherited. But that is, after all, merely a materialistic way of thinking applied to history. For if you consider what anthroposophical spiritual science offers you—not as a mere theory, but as something that is truly applied to life, something that is incorporated into one’s view of life— then you need not merely speculate about repeated earthly lives; you need not, so to speak, merely consider in isolation that your soul has lived through past earthly lives and will live through future ones, but you must also truly view what is unfolding in the world from this perspective. For if we consider any generation living today, certainly, we can trace them back by blood—externally, according to physically inheritable characteristics—to earlier generations who, for my sake, lived on the same soil, or whom we can trace back to ancestors on some earlier, different soil by considering the flows of migration and the like; but in doing so, we remain entirely stuck in the physical and material realm.
[ 17 ] Es ist aber doch nicht so. Wir haben eine Generation in der jetzigen Zeit vor uns, die in bezug auf ihre physische Leiblichkeit von den Vorfahren abstammt; aber die Seelen, die in jedem einzelnen Menschen leben, die brauchen ja gar nichts zu tun zu haben mit den Vorfahren. Die Seele hat ja auch dasjenige, was durch viele Generationen hindurch verlaufen ist und was äußerlich das Schicksal der Vorfahren darstellt, durchaus nicht auf der Erde miterlebt; das hat ja diese Seele im Leben zwischen Tod und neuer Geburt in der geistig-seelischen Welt miterlebt.
[ 17 ] But that is not the case. We have before us a generation in the present time that, in terms of its physical body, descends from its ancestors; but the souls that live within each individual have nothing at all to do with those ancestors. After all, the soul has by no means experienced on Earth what has unfolded over many generations and what outwardly represents the fate of the ancestors; rather, the soul has experienced this in the life between death and rebirth in the spiritual-soul world.
[ 18 ] Nicht wahr, wir blicken hinauf zu unserem Großvater, Urgroßvater, Ururgroßvater. Nun, als die lebten, waren wir noch nicht geboren, unsere Seele war in der geistigen Welt. Unser Leib hat von ihnen geerbt, aber unsere Seele, hat von denen allen nichts geerbt! Die hat ja während der Zeit in einer ganz anderen Welt gelebt, die braucht ja gar nichts zu tun zu haben in ihren eigenen Erlebnissen mit dem, was unser Körper von unseren Vorfahren geerbt hat. Und wenn dann auf dem Gebiete der Geistesforschung diesen Dingen nachgeforscht wird, dann stellt sich allerdings vielfach für die äußerliche Betrachtung Parodoxes heraus. Man muß sich überhaupt klar sein darüber, daß wenn man über die wahren Tatsachen des Lebens anfängt zu spekulieren, zu philosophieren, so kommt in der Regel ein Unsinn heraus! Das Anschauen gibt einzig und allein das Richtige. Und derjenige, der ein Geistesforscher ist, fühlt sich selber oftmals überrascht von seinen Resultaten. Ja,er kann geradezu in dieser Überraschung, die er von seinen Resultaten fühlt, eine Art Bewahrheitung finden; denn wenn er sich schon vorher die Sache gedacht hätte, würde er nicht in der Stärke die Bewahrheitung finden. Aber gerade dadurch, daß die Sachen zumeist anders sind, als sie wären, wenn man sie sich ausdenken möchte, kann man in der Regel sehen, daß man nicht im Subjektiven, sondern im Objektiven sich bewegt, wenn man sich der wirklichen Geistesforschung hingibt.
[ 18 ] Isn’t it true that we look up to our grandfather, great-grandfather, and great-great-grandfather? Well, when they were alive, we hadn’t been born yet; our soul was in the spiritual world. Our body inherited from them, but our soul inherited nothing at all from any of them! After all, it lived in a completely different world during that time; its own experiences have absolutely nothing to do with what our body has inherited from our ancestors. And when these matters are investigated in the field of spiritual research, what often emerges—from an external perspective—is indeed paradoxical. One must be fully aware that when one begins to speculate or philosophize about the true facts of life, the result is usually nonsense! Observation alone provides the correct answer. And the spiritual researcher is often surprised by his own results. Indeed, he can find a kind of confirmation precisely in this surprise he feels at his results; for if he had already imagined the matter beforehand, he would not find such strong confirmation. But precisely because things are usually different from what they would be if one were to imagine them, one can generally see that one is moving not in the subjective but in the objective realm when one devotes oneself to true spiritual research.
[ 19 ] Sehen Sie, da stellt sich mit Bezug auf dieses Geschichtliche in der Menschheit etwas heraus. Ich habe auch früher schon darauf hingedeutet; das soll allerdings nicht korrigiert, sondern nur ergänzt werden, denn wir bewegen uns ja auf einem sehr komplizierten Gebiete. Wir haben früher gesagt, und das ist auch bis zu einem gewissen Grade eine durchaus richtige Tatsache, daß wir zum Beispiel unter der europäischen Bevölkerung zahlreiche Persönlichkeiten haben, die als Seelen früher im Süden gelebt haben in den ersten christlichen Jahrhunderten, und jetzt mehr im Norden, oder überhaupt in Europa verkörpert sind, aber mehr im Norden; das ist durchaus wahr. Aber es ist eigentlich nicht das Gros der Bevölkerung. Da muß man schon woanders suchen, wenn man die wirkliche Realität kennenlernen will. Beim Gros der heutigen, namentlich der westlichen, aber auch der mitteleuropäischen Bevölkerung und bis nach Rußland hinein, da wird man nämlich in geisteswissenschaftlicher Forschung nach denjenigen Zeiten geführt, wo die damalige europäische Bevölkerung aufgetreten ist als Erobererbevölkerung gegenüber den damaligen Ureinwohnern Amerikas. Diese indianische Bevölkerung, sie hat ja merkwürdige innere seelische Qualitäten gehabt. Man wird solchen Dingen in der Regel nicht gerecht, wenn man — bloß egoistisch pochend auf seine «höhere» Kultur — das alles als ein bloßes Barbarentum anschaut, wenn man nicht das ganz Andersartige solcher Menschen, wie diejenigen, die erobert und ausgerottet worden sind nach der Entdeckung Amerikas, berücksichtigt, wenn man diese nicht in ihrer besonderen Eigenart betrachtet, sondern sie einfach von der Vogelperspektive einer höheren Kultur herunter ins Auge faßt. Diese Urbevölkerung Amerikas, diese indianische Bevölkerung, hatte zum Beispiel merkwürdige pantheistische Gefühle. Sie verehrten einen Großen Geist, der durch alles Werden wehte. Die Seelen waren intensiv erfüllt von dem Glauben an den alles durchwehenden Großen Geist. Durch alles das, was damit im Gefühlsleben dieser Menschen zusammenhing, waren diese Seelen dazu prädestiniert, vorherbestimmt, ein verhältnismäßig kurzes Dasein zwischen Tod und neuer Geburt zu führen. Aber jenes Verhältnis, das sich herausgebildet hatte zwischen ihnen und ihrem Grund und Boden und ihrer ganzen Umgebung, und zwischen diesem Schicksal, das sie dadurch hatten, daß sie ausgerottet wurden, das alles war maßgebend für das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Und das hat dazu geführt, daß in der Tat das Gros, so paradox es eben klingt, es ist einfach die Tatsache so, daß das Gros der westeuropäischen, mitteleuropäischen Bevölkerung, noch in den Osten hinein — nicht ganz, sondern nur zum großen Teil, aber eben doch zum großen Teil —, daß dieses Gros der Bevölkerung zwar dem Blute nach von den physischen Vorfahren des Mittelalters abstammt, daß aber die Seelen diejenigen sind, welche in alten Indianerleibern gelebt haben. So paradox es klingt, es ist in bezug auf das Gros der europäischen Bevölkerung dies der Fall! Dieses Erleben im Gefühl gegenüber dem Großen Geiste, das ging eine Wechselwirkung ein mit dem, was ja allerdings im äußerlichen geradlinigen geschichtlichen Werden da ist, und was man aufnimmt mit der ersten kindlichen Liebe, namentlich wenn man diese von innen heraus in Nachahmung wieder praktiziert. Dasjenige, was wir da aufnehmen, ist zum großen Teil eben von außen Aufgenommenes; das geht eine Wechselwirkung ein mit dem, was eigentlich in der Seele aus früheren Inkarnationen herrührt. Und man versteht das europäische Leben nicht, wenn man es nur einseitig nach dem betrachtet, was ja gar keine Wirklichkeit ist: nach den von den Vorfahren vererbten Merkmalen, sondern wenn man weiß, woher die Seelen kommen, die sich dann mit diesen vererbten Merkmalen untermischt haben zur Wechselwirkung. Und erst als solches Resultat des Zusammenwirkens zwischen dem, was die Seelen sind aus ihren früheren Erdenleben, und dem, was diese Seelen angenommen haben durch Vererbung und auch durch Erziehung — Erziehung im weitesten Sinne —, bildete sich das heraus, was jetzt geschichtlich gewordene europäische Wirklichkeit ist.
[ 19 ] You see, something is becoming clear with regard to this historical aspect of humanity. I have alluded to this before; however, this is not meant to be a correction, but merely a supplement, for we are, after all, dealing with a very complex subject. We have said before—and to a certain extent this is an entirely accurate statement—that, for example, among the European population there are numerous individuals whose souls previously lived in the south during the early Christian centuries and are now incarnated more in the north, or in Europe in general, but more so in the north; that is certainly true. But this does not actually constitute the majority of the population. One must look elsewhere if one wishes to understand the true reality. Among the majority of today’s population—namely the Western, but also the Central European population, extending all the way to Russia—spiritual scientific research leads us back to those times when the European population of that era appeared as a conquering people in relation to the indigenous peoples of America at that time. This Native American population possessed remarkable inner spiritual qualities. One generally fails to do justice to such things when—insisting selfishly on one’s “higher” culture—regards all of this as mere barbarism; when one fails to take into account the profound otherness of such people—like those who were conquered and exterminated after the discovery of America—and instead of considering them in their own unique way, simply views them from the bird’s-eye perspective of a “higher” culture. These indigenous peoples of America, these Native American peoples, for example, had remarkable pantheistic beliefs. They worshipped a Great Spirit that breathed through all becoming. Their souls were deeply imbued with the belief in the Great Spirit that permeated everything. Because of everything connected to this in the emotional life of these people, these souls were predestined to lead a relatively short existence between death and rebirth. But the relationship that had developed between them and their land and their entire surroundings, and between this fate—which they faced as a result of being exterminated—all of that was decisive for life between death and a new birth. And that has led to the fact that, in truth, the vast majority—as paradoxical as it may sound— it is simply a fact that the majority of the population of Western and Central Europe—and even extending into the East—not entirely, but to a large extent, and indeed to a very large extent—that this majority of the population, while descended by blood from the physical ancestors of the Middle Ages, consists of souls that once lived in the bodies of ancient Native Americans. As paradoxical as it sounds, this is the case with regard to the majority of the European population! This emotional experience of the Great Spirit entered into a reciprocal relationship with what is, of course, present in the outward, linear course of history, and with what one absorbs through one’s first childlike love—especially when one reenacts this from within through imitation. What we take in there is, for the most part, precisely what is absorbed from the outside; this enters into a reciprocal relationship with what actually originates in the soul from earlier incarnations. And one cannot understand European life if one views it one-sidedly in terms of what is not reality at all—namely, the characteristics inherited from ancestors—but only if one knows where the souls come from, which have then intermingled with these inherited characteristics to produce this interaction. And it was only as the result of this interplay between what the souls are from their earlier earthly lives and what these souls have taken on through heredity and also through upbringing—upbringing in the broadest sense—that what has now become the historical reality of Europe took shape.
[ 20 ] Diese Bevölkerungen sind allerdings stark durchmischt worden von Seelen, die in den ersten Jahrhunderten des Christentums im Süden gelebt haben, und die dann auch wiederum in diesem West- und Osteuropa sich inkarniert haben; aber alles dasjenige, was überhaupt im sozialen Leben sich abgespielt hat, und was sich namentlich immer mehr und mehr in der jetzigen katastrophalen Zeit abspielt, das weist hin darauf, daß die Wirklichkeit dieses europäischen Lebens eine komplizierte ist. Und der Geistesforscher kommt darauf, daß sie kompliziert namentlich dadurch gemacht wird, daß eben wiederverkörperte Indianerseelen sich mit dem verbinden, was die vererbten Merkmale sind, was an vererbten Merkmalen in den einzelnen Nationalitäten und dergleichen auftritt.
[ 20 ] These populations, however, have been heavily intermingled with souls who lived in the south during the first centuries of Christianity and who then reincarnated in Western and Eastern Europe; but everything that has taken place in social life—and what is increasingly unfolding, especially in these catastrophic times—points to the fact that the reality of European life is a complex one. And the spiritual researcher comes to the conclusion that it is made complicated, in particular, by the fact that reincarnated Native American souls connect with what are inherited characteristics—those inherited traits that appear in the individual nationalities and the like.
[ 21 ] Dem entgegen müssen wir dann eine gewisse europäische Bevölkerung stellen, die wir in den ersten christlichen Jahrhunderten antreffen, in der Zeit, in der wir, der äußeren Geschichte nach, von den Völkerwanderung sprechen: diejenige Bevölkerung vom Europa von einstmals, die als barbarische Bevölkerung das vom Süden kommende Christentum aufgenommen und in einer ganz anderen Weise gestaltet hat, als dieses Christentum etwa im Griechentum oder im Römertum in den allerersten Jahrhunderten sich ausgebildet hat. Diese Seelen der Völkerwanderungszeit und noch der folgenden Jahrhunderte waren durchaus so geformt, daß sie sich stark beeindruckt zeigten von dem, was da als Christentum vom Süden nach dem Norden stieß, neben dem, was die ursprünglichen Anlagen dieser Bevölkerung waren. Man muß durchaus sich klar darüber sein, daß diese Bevölkerung Europas, die das Christentum angenommen hat zur Völkerwanderungszeit, ganz besondere Eigenschaften an die Oberfläche brachte. Namentlich war ja in dieser Bevölkerung eine starke Hinneigung, die physische Organisation so zu gestalten, daß das Ich-Bewußtsein mit einer besonderen Vehemenz auftrat. Und dieses Ich-Bewußtsein, das da auftrat, das wurde zusammengebracht mit der Selbstlosigkeit des Christentums, dadurch formte sich die Seele in einer bestimmten Art. Es waren also Seelen, die sozusagen das Christentum ein paar Jahrhunderte nach seinem Entstehen in sich aufgenommen haben. Während das Gros der europäischen Bevölkerung jetzt Seelen verkörpert, die eigentlich das Christentum von außen kennenlernen, durch Erziehung, auch durch dasjenige, was von Gefühlen in der Vererbung liegen kann, hatten diese Seelen in ihrem früheren Leben drüben in Amerika nichts von dem Christentum aufgenommen. Man soll sich nur einmal vorstellen, wie unendlich einleuchtend das Verhältnis der gegenwärtigen europäischen Bevölkerung zum Christentum ist, wenn man entdeckt hat, daß die Seelen zum großen Teile in ihren früheren Inkarnationen gar nichts erfahren haben vom Christentum, sondern daß das Christentum bei ihnen etwas Anerzogenes ist, eine gerade eben in der Generationenfolge fortgepflanzte Tradition, etwas fortgepflanztes Anerzogenes ist. Diejenigen dagegen, die in Europa das erste Christentum, also das Christentum in seinen ersten Zeiten kennengelernt haben, die verkörpern sich, indem die Zeit der Gegenwart zurückte, gerade in der Gegenwart mehr nach dem Osten hin, mehr nach Asien hinein. So daß in der Tat diese einmal etwas durchchristeten Seelen jetzt nach der anderen Seite hin pendeln, dasjenige aufnehmen, was im Orient aus den alten orientalischen Traditionen geblieben und da in die Dekadenz gekommen ist. Die Japaner, geisteswissenschaftlich studiert, sind vielfach gerade charakteristische wiederverkörperte Seelen, die in Europa zur Zeit der Völkerwanderung gelebt haben.
[ 21 ] Against this, we must then set a certain European population that we encounter in the early Christian centuries, during the period that, according to external history, we refer to as the Migration Period: that population of Europe of yesteryear, which, as a “barbarian” people, embraced Christianity as it came from the south and shaped it in a completely different way than Christianity had developed, for example, in Greek or Roman culture during the very earliest centuries. The souls of the people during the Migration Period and even in the centuries that followed were shaped in such a way that they were deeply impressed by what was emerging as Christianity as it moved from the south to the north, alongside the original dispositions of this population. One must be absolutely clear that this population of Europe, which embraced Christianity during the Migration Period, brought very special characteristics to the surface. In particular, there was a strong tendency among these people to shape their physical constitution in such a way that the sense of self emerged with particular intensity. And this sense of self that emerged was combined with the selflessness of Christianity, thereby shaping the soul in a specific way. These were, so to speak, souls who had absorbed Christianity within themselves a few centuries after its emergence. Whereas the majority of the European population now consists of souls who are actually coming to know Christianity from the outside—through education, and also through what may be inherited in terms of feelings—these souls had absorbed nothing of Christianity in their previous lives over in America. One need only imagine how infinitely clear the relationship of the present-day European population to Christianity becomes once one discovers that, for the most part, these souls experienced nothing of Christianity in their earlier incarnations, but rather that Christianity for them is something instilled—a tradition passed down through the generations, something instilled and perpetuated. Those, on the other hand, who in Europe became acquainted with early Christianity—that is, Christianity in its earliest days—are, as time has receded into the past, reincarnating in the present more toward the East, more into Asia. So that, in fact, these souls, once somewhat Christianized, are now swinging in the opposite direction, taking up what has remained in the East from the ancient Eastern traditions and has fallen into decadence there. The Japanese, when studied from a spiritual-scientific perspective, are in many cases precisely characteristic reincarnated souls who lived in Europe during the Migration Period.
[ 22 ] Ja, wir können gegenüber hervorragenden Persönlichkeiten dann Verständnis entwickeln, wenn wir solches wissen. Versuchen Sie gerade diese merkwürdige Persönlichkeit des Rabindranath Tagore von diesem Gesichtspunkte aus zu verstehen: Dasjenige, was ihm anerzogen worden ist aus dem Orientalismus heraus, namentlich aus dem Indertum heraus, das hat er durch Vererbung. Was er also von da her hat, das hat er durch Vererbung, das ist ihm anerzogen worden, das ist ihm von außen zugeflossen. Es ist ja dies im wesentlichen Dekadenz, daher hat es einen so koketten Charakter. Denn in einer gewissen Weise ist das, was man von Rabindranath Tagore hört, in einer außerordentlich koketten Weise geformt. Aber der Europäer fühlt darinnen wiederum etwas, das bei Tagore warm durchglüht das, was in einer koketten Weise auftritt. Und das rüht davon her, daß diese Seele in einer früheren Inkarnation eben unter einem das Christentum annehmenden Volke gelebt hat.
[ 22 ] Yes, we can develop an understanding of extraordinary individuals when we are aware of such things. Try to understand the remarkable figure of Rabindranath Tagore from this perspective: What was instilled in him through Orientalism—specifically through his Indian heritage—he inherited. So what he has from that source, he inherited; it was instilled in him; it flowed into him from the outside. Essentially, this is decadence, which is why it has such a coquettish character. For in a certain sense, what one hears from Rabindranath Tagore is expressed in an extraordinarily coquettish manner. But the European, in turn, senses within it something that glows warmly in Tagore—that which appears in a coquettish way. And this stems from the fact that this soul, in a previous incarnation, lived among a people who had embraced Christianity.
[ 23 ] Sie sehen, man betrachtet die äußere Welt nicht weniger abstrakt, wenn man sie bloß materiell betrachtet, als wenn man irgendwie sonst eine lebensfremde Lebensauffassung entwickelt. Was sieht man von der Menschheit der Gegenwart, wenn man nur ihre Blutsverwandtschaft, ihre Blutsabstammung weiß, wenn man keine Rücksicht zu nehmen vermag auf dasjenige, was die Seelen aus einer früheren Inkarnation mitgebracht haben? Dies verbindet sich ja mit dem, was in der äußeren Vererbung, der äußeren Erziehung auftritt, zu einem Ganzen.
[ 23 ] You see, one views the external world no less abstractly when one considers it merely in material terms than when one develops some other view of life that is alien to life itself. What do we see of humanity today if we know only its blood ties and lineage, if we are unable to take into account what souls have brought with them from a previous incarnation? This, after all, combines with what occurs in external heredity and upbringing to form a whole.
[ 24 ] Diese Seelen, die da in Mitteleuropa zur Völkerwanderungszeit gelebt haben, die waren durch ihre ganze Seelenkonfiguration, vor allen Dingen dadurch, daß sie innerlich durchchristet waren, zum Beispiel für ein längeres Verweilen zwischen Tod und neuer Geburt vorherbestimmt, so daß sie diese Zeit länger durchmachten.
[ 24 ] These souls, who lived in Central Europe during the Migration Period, were—by virtue of their entire soul configuration, and above all because they were inwardly permeated by Christ—predestined, for example, to linger longer between death and rebirth, so that they endured this period for a longer time.
[ 25 ] Dann wird der Geist-Erforscher, wenn er die Gegenwart untersucht, in jene Zeiten geführt, die etwas vor oder gleichzeitig mit dem Mysterium von Golgatha waren, gleichzeitig oder etwas nachher. In Asien drüben, da hat ja die Bevölkerung nichts angenommen gehabt von dem Mysterium von Golgatha. Aber allerdings, aus orientalischer Weisheit, aus dem, was im orientalischen Wesen ja durch Hingebung sich als Weisheit entfaltet hatte, wurde gewissermaßen dasjenige angelegt, was man in der ersten Zeit als Verständnis dem Christentum entgegenbrachte. Das Mysterium von Golgatha steht eben als eine Tatsache für sich da. Es kann von den verschiedensten Zeitaltern in der verschiedensten Weise begriffen werden. Die ersten Jahrhunderte der griechischen und römischen Entwickelung haben dieses Mysterium von Golgatha so begriffen, daß sie die ihnen vom Oriente herüberkommende Weisheit anwendeten auf dieses Mysterium von Golgatha. Wie sie die Einkörperung des Christus in den Menschen Jesus von Nazareth verstanden, dafür bekamen sie die Begriffe von der orientalischen Weisheit.
[ 25 ] Then, when the spiritual researcher examines the present, he is led back to those times that were slightly before or concurrent with the Mystery of Golgotha, or slightly afterward. Over in Asia, the population had not yet embraced the Mystery of Golgotha. But certainly, from Eastern wisdom—from what had unfolded as wisdom within the Eastern soul through devotion—the foundation was laid, so to speak, for what was initially brought to Christianity as understanding. The Mystery of Golgotha stands as a fact in and of itself. It can be understood in the most diverse ways by the most diverse eras. The first centuries of Greek and Roman development understood this Mystery of Golgotha in such a way that they applied the wisdom that had come to them from the East to this Mystery of Golgotha. The concepts they derived from Eastern wisdom were what enabled them to understand the incarnation of Christ in the man Jesus of Nazareth.
[ 26 ] Aber drüben in Asien waren die Menschen, die vor und zur Zeit und nach dem Mysterium von Golgatha lebten, allerdings auch schon mit einer etwas verschwommeneren, aber doch noch weit lebendigeren Gestaltungskraft begabt, als was Sie jetzt im Oriente finden. Diese Menschen, die also zu jener Zeit in Asien wohnten, wenigstens ein großer Teil davon, sind heute gerade in der amerikanischen Bevölkerung vielfach verkörpert, in dem Gros der amerikanischen Bevölkerung. Gerade dieser Teil der Menschheit hatte durch seine besonders ausgebildete orientalische Kultur eine lange Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchzumachen, so daß dies im Grunde genommen alte Seelen sind. Sie werden in Amerika geboren, in Leiber hinein, in denen sie sich eigentlich nicht — wenn ich mich so ausdrücken darf — ganz wohl fühlen, und die sie daher gerade mehr von außen anzusehen belieben als von innen. Daher ist dort heute die besondere Neigung nach äußerlicher Lebensbetrachtung. Das Kuriose, das Paradoxe tritt einem da zutage, daß jene Seelen, die da im Oriente drüben gelebt haben, die damals noch kein Christentum angenommen, aber eine feine geistige Kultur hatten, jetzt in amerikanischen Leibern leben. Allerdings, ein Teil zeigt, ich möchte sagen, an einem abgesonderten Phänomen ganz deutlich, wie das ist. Der Orientale war zugeneigt dem Spirituellen der Welt. Indem diese Seelen in Amerika heute wieder erscheinen, entwickelt sich in ihnen ein, allerdings heute abstrakt gewordenes, nicht mehr innerlich lebendiges Hinneigen zur spirituellen Welt. Dieses Erleben der spirituellen Welt war in verflossenen Zeiten — eben in früheren Inkarnationen — verbunden mit einem Übersehen der physischen Welt, mit einem Nichthinblicken auf sie. Es tritt bei den Anhängern der «Christian Science» eben in einer dekadenten Weise auf: es wird die Materie geleugnet, man will nicht hinsehen auf die Materie. Man fühlt sich gewissermaßen, als wenn man die alte, aber lebendige Spiritualität nun in einer abgetöteteren Form, in einer leichnamhaften, geistig leichnamhaften Form anbetete. Doch das ist ja nur ein, ich möchte sagen, herausgesonderter Teil. Im ganzen kann man in der amerikanischen Auffassung sehen, wie Seelen nicht ganz voll in ihrem Leibe sitzen, wie sie daher den Leib von außen erfassen wollen, wie selbst die Seelenwissenschaft in Amerika einen Charakter annimmt, in dem man im Grunde genommen keinen rechten Begriff vom Ich hat. Weil die Seele mehr gewöhnt war, im Überirdischen sich zu fühlen, wird diese Ich-Einkörperung, wie sie jetzt im Westen geschieht, nicht recht ausgebildet. Daher tritt das auf, was den einen Gedanken mit dem anderen nicht zusammensetzen läßt. Man nennt das dann «Assoziations-Psychologies. Da wird der Mensch etwas wie der Spielball der Gedanken, die sich so assoziieren. Es erscheint da kurioserweise etwas, das man mit einem Worte bezeichnen könnte, mit dem verleumderisch oftmals uns gegenüber die Lehre von den wiederholten Erdenleben bezeichnet wird: man redet von Seelenwanderung. Aber in bezug auf die wiederholten Erdenleben darf bei uns nicht von Seelenwanderung gesprochen werden, wenn es nicht von verleumderischer Seite geschieht. Denn in bezug auf die wiederholten Erdenleben haben wir es mit einer Evolution, mit einer Entwickelung der Seele zu tun, nicht mit dem, was uns vorgeworfen wird; aber in anderem Sinne kann man von Seelenwanderungen sprechen, indem in der Tat die Seelen, die in einem bestimmten Zeitalter einen Teil der Erde bevölkern, im nächsten Zeitalter doch nicht wiederum auf demselben Fleck der Erde verweilen, sondern auf einem ganz anderen Fleck. So findet man die in den ersten christlichen Jahrhunderten im Süden verkörperten Seelen allerdings jetzt in Mittel-, West- und Osteuropa, mehr im Norden, findet aber diese Bevölkerung durchsetzt mit denjenigen Seelen, welche in Indianerleibern waren. In Asien drüben findet man die Seelen, die zur Völkerwanderungszeit und auch vor- und nachher in Europa gelebt haben; in Amerika die Seelen, die in Asien gerade zur Zeit des Geschehens des Mysteriums von Golgatha gelebt haben.
[ 26 ] But over in Asia, the people who lived before, during, and after the Mystery of Golgotha were, in fact, already endowed with a creative power that was somewhat more diffuse, yet still far more vibrant than what you find in the Orient today. These people, who lived in Asia at that time—at least a large portion of them—are today embodied in many ways within the American population, specifically among the majority of the American people. It was precisely this part of humanity that, through its highly developed Eastern culture, had to undergo a long period between death and a new birth, so that these are, in essence, old souls. They are born in America into bodies in which they do not actually—if I may put it that way—feel entirely at home, and which they therefore prefer to view more from the outside than from the inside. Hence the particular inclination there today toward an external view of life. What is curious, what is paradoxical, is that those souls who once lived over in the East—who had not yet embraced Christianity at that time but possessed a refined spiritual culture—now live in American bodies. Admittedly, one group demonstrates this quite clearly through what I would call a distinct phenomenon. The Oriental was inclined toward the spiritual aspect of the world. As these souls reappear in America today, an inclination toward the spiritual world develops within them—though it has now become abstract and is no longer inwardly alive. In times past—that is, in earlier incarnations—this experience of the spiritual world was connected with overlooking the physical world, with not paying attention to it. Among the followers of “Christian Science,” this manifests in a decadent way: matter is denied; one does not want to look at matter. One feels, as it were, as if one were now worshiping the old but living spirituality in a more lifeless form—in a corpse-like, spiritually corpse-like form. But that is, I would say, only an isolated aspect. On the whole, one can see in the American conception how souls do not fully inhabit their bodies, how they therefore seek to grasp the body from the outside, and how even the study of the soul in America takes on a character in which, fundamentally, one has no proper concept of the “I.” Because the soul was more accustomed to feeling at home in the supernatural realm, this embodiment of the “I”—as it is now taking place in the West—is not properly developed. Hence, a situation arises in which one thought cannot be synthesized with another. This is then called “association psychology.” There, the human being becomes something like a plaything of thoughts that associate in this way. Curiously, something emerges that could be described with a single term—one that is often used slanderously against us to refer to the doctrine of repeated earthly lives: people speak of the transmigration of souls. But with regard to repeated earthly lives, we must not speak of the transmigration of souls—unless it is done by those with malicious intent. For when it comes to repeated earthly lives, we are dealing with an evolution, with the development of the soul, not with what we are accused of; but in another sense, one can speak of the migration of souls, in that the souls who populate a certain part of the earth in one age do not, in the next age, remain in the same place on earth, but rather in a completely different one. Thus, the souls that were incarnated in the south during the first Christian centuries are now found in Central, Western, and Eastern Europe—more to the north—but this population is intermingled with those souls who were once in Native American bodies. Over in Asia, one finds the souls who lived in Europe during the Migration Period and also before and after it; in America, the souls who lived in Asia precisely at the time of the Mystery of Golgotha.
[ 27 ] Wir stehen unbedingt vor einer Zeit, in welcher man die Sehnsucht nach einem Durchschauen der ganzen Wirklichkeit entwickeln wird. Heute ist noch eine scharfe Opposition gegen dieses Durchschauen der ganzen Wirklichkeit, nicht etwa bloß auf theoretischem Gebiete, sondern auch auf dem Gebiete des äußeren Lebens. Bedenken Sie nur, wie ich von den verschiedensten Seiten her immer wieder und wiederum diese intellektualistische Krankheit, die aufgetreten ist in den letzten Jahren, kennzeichnen mußte: dieses Betörtsein durch den Wilsonismus. Ich mußte oftmals, auch in öffentlichen Vorträgen, mit scharfen Worten auf dieses Betörtsein eines großen Teils der Menschheit durch den Wilsonismus hindeuten. In diesem Wilsonismus haben wir auch — aber in einer schon ganz abstrakten Form — etwas angedeutet, was aber natürlich langsam heraufgekommen ist als die äußere, im sozialen Denken auftretende Folge des Materialismus: langsam heraufgekommen ist im Laufe des 19. Jahrhunderts das Nationalitätsprinzip, dieses Pochen auf die Nationalität, dieses nur leben wollen in der Nationalität. Das ist die Opposition gegen das Geistig-Seelische, denn dieses Geistig-Seelische, das kümmert sich nicht um die Nationalität. Die Seelen, die heute in Europa leben, sind vielfach früher in Amerika gewesen; die Seelen, die heute namentlich in japanischen Leibern leben, die dürften gar nicht seelisch hinweisen auf ihre Vorfahren, sondern auf die Völkerwanderungszeit Europas. Ja, die Amerikaner müßten ja nicht etwa stolz sein auf ihre Vorfahren, ihre Blutsvorfahren oder Ahnen in Europa, sondern müßten hinweisen darauf, wie sie gelebt haben zur Zeit des Mysteriums von Golgatha gerade in Asien drüben und da eine noch nicht durchchristete Kultur durchgemacht haben, so daß sie es auch sind, welche das Christentum durch äußere Tradition und äußere Erziehung annehmen. Es ist noch eine scharfe Opposition auch von dieser Seite aus gegen das geistig-seelische Auffassen der Welt.
[ 27 ] We are undoubtedly facing a time in which people will develop a longing to gain insight into the whole of reality. Today, there is still fierce opposition to this insight into the whole of reality—not merely in the theoretical realm, but also in the realm of external life. Just consider how, time and again from various angles, I have had to point out this intellectualist disease that has arisen in recent years: this enchantment with Wilsonism. I have often had to point out, even in public lectures, in no uncertain terms, this enchantment of a large part of humanity with Wilsonism. In this Wilsonism we have also—albeit in a quite abstract form—alluded to something that has, of course, gradually emerged as the external consequence of materialism in social thought: the principle of nationality, this insistence on nationality, this desire to live solely within the framework of nationality, gradually emerged over the course of the 19th century. This is the opposition to the spiritual-soul aspect, for this spiritual-soul aspect does not concern itself with nationality. The souls living in Europe today have in many cases been in America in earlier lives; the souls living today, particularly in Japanese bodies, should not even point spiritually to their ancestors, but rather to the period of the Migration Period in Europe. Indeed, Americans need not be proud of their ancestors—their blood relatives or forebears in Europe—but should instead point to how they lived at the time of the Mystery of Golgotha, specifically over in Asia, and how they passed through a culture that had not yet been Christianized, so that they, too, are among those who accept Christianity through external tradition and external education. There is still sharp opposition from this side as well against the spiritual-psychic understanding of the world.
[ 28 ] Nicht nur in der Wissenschaft hat man diesen Materialismus, man hat ihn auch durchaus in der äußeren Zivilisation. Und das, was man heute aus Europa machen will, diese neue Karte von Europa, die ist durchaus aus materialistischem Empfinden, materialistischen Impulsen heraus geformt. Die Menschheit wird erst aufwachen, wenn sie zu diesen nationalistischen Impulsen, die materialistisch sind, die bloß auf ein Beobachten der äußeren Generationenfolge beruhen, hinzufügt die Betrachtung des sozialgeschichtlichen Lebens in seiner wahren Wirklichkeit. So daß man auch die Seelen sieht, die in den gegenwärtigen Leibern leben und die nur als eine äußere Hülle dasjenige haben, was in der Generationenfolge sich durch physische Vererbung fortpflanzt, oder was in der Tradition sich als geistige Kultur fortpflanzt und durch die Erziehung bloß angenommen wird.
[ 28 ] This materialism is not confined to the realm of science; it is also very much present in external civilization. And what people are trying to do to Europe today—this new map of Europe—is shaped entirely by materialistic sentiments and materialistic impulses. Humanity will only awaken when it adds to these nationalistic impulses—which are materialistic and based merely on an observation of the external succession of generations—a consideration of social-historical life in its true reality. So that one may also see the souls living in their present bodies, for whom what is passed down through physical inheritance in the succession of generations—or what is passed down in tradition as spiritual culture and is merely acquired through education—serves only as an outer shell.
[ 29 ] In den Untergründen herrschen schon bei den Menschen solche Sehnsuchten, hinauszugehen über das, was eine bloß materialistische Betrachtungsweise liefern kann. Natürlich nimmt sich gegenüber dem, was man heute gewohnt ist zu denken, vielfach das paradox aus, was aus der wirklichen Geistesforschung stammt. Aber wer nur hineinschauen will in das Leben, namentlich in das heutige Leben, das ja in Nöten absolviert wird, der wird zum Beispiel sehen, daß vieles ihm verständlich wird, gerade wenn er so hinhört auf das, was der Geistesforscher aus seiner gewissenhaften, exakten Forschung heraus gibt. Der Mensch ist gewohnt, etwas auf das zu geben, was ihm mitgeteilt wird, sagen wir von den Sternwarten oder dergleichen. Wenn irgendwo eine astronomische Entdeckung gemacht wird, so sagen die Menschen nicht, daß sie das auf Autorität hin annehmen. Sie werden sich nicht bewußt, daß sie es allerdings auf Autorität annehmen, aber im Zusammenhange mit dem gesunden Menschenverstand, der überschaut, daß das nicht töricht ist, was da von irgendeiner Sternwarte aus auf die übrige Welt übertragen wird; daß es ja vernünftig eingerichtet ist, so daß man schon einen Grund hat, nicht zu zweifeln, daß das, was einem da mitgeteilt wird, auf Wahrheit beruht. Der Lebenszusammenhang, der ist schon so, daß man durchaus nicht sprechen kann, man nehme etwas bloß auf Autorität hin an. So müßte man aber auch denken, wenn vereinzelte Geistesforscher nur wie vereinzelte Astronomen auftreten und dasjenige verkündigen, was aus der Geistesforschung heraus ist: man wird das aber überall im Leben bewahrheitet finden, wenn man eben seinen gesunden Menschenverstand anwenden will.
[ 29 ] Even among human beings, there are deep-seated longings to go beyond what a purely materialistic perspective can offer. Of course, compared to what people are accustomed to thinking today, much of what stems from genuine spiritual research seems paradoxical. But anyone who is willing to look into life—especially into contemporary life, which is, after all, lived amid hardships—will see, for example, that much becomes understandable to them precisely when they listen carefully to what the spiritual researcher shares based on his conscientious, precise research. People are accustomed to placing value on what is communicated to them, say, by observatories or the like. When an astronomical discovery is made somewhere, people do not say that they accept it on authority. They do not realize that they are, in fact, accepting it on authority—but in conjunction with common sense, which recognizes that what is communicated to the rest of the world from any observatory is not foolish; that it is, after all, reasonably structured so that one has good reason not to doubt that what is being communicated is based on truth. The context of life is such that one cannot really say that one accepts something merely on authority. Yet one would have to think this way if isolated spiritual researchers were to appear merely as isolated astronomers and proclaim what has been discovered through spiritual research: but one will find this to be true everywhere in life, if one is willing to apply one’s common sense.
[ 30 ] Anthroposophische Geisteswissenschaft würde eben durchaus nur etwas Theoretisches, Abgezogenes im Leben bleiben, wenn sie nicht alles durchdringen würde, was einzelne Zweige dieses menschlichen Lebens sind. Sie müssen sich auch nicht vorstellen, daß zum Beispiel die Geschichte von der Geisteswissenschaft aus so beeinflußt werden solle, daß man nun auch wiederum nur Epochengeschichte entwickle, Generationengeschichte, nur etwas tiefsinniger; das ist nicht der Fall. Sondern die geistigen Forschungen selber sollen vereinigt werden mit dem äußeren Material der pragmatischen oder sonstigen Geschichte, und daraus soll sich die Anschauung der vollen Wirklichkeit ergeben. So groß heute in den unterbewußten Tiefen des menschlichen Lebens die Sehnsucht ist nach einer solchen, der Wirklichkeit gemäßen Auffassung des Lebens, so stark ist eben auch auf der anderen Seite, und zwar aus dem mehr bewußten Teil des menschlichen Lebens, noch die Opposition. Und diese Opposition sucht alle möglichen Dinge auf, um eben sich den Schein einer Rechtfertigung zu geben. Sie schreckt nicht zurück vor jeder Art der Verleumdung. Ich habe Ihnen gestern an einem Beispiel gezeigt, wie unwahrhaftig diese Opposition wird, indem sie einfach lügt, die objektive Unwahrheit sagt. Man kann ganz absehen davon, daß dies Angriffe auf die anthroposophische Geisteswissenschaft sind, darauf kommt es nicht an; aber auf was für menschliche Eigenschaften werden wir hingewiesen, wenn ein Mensch, der ein großes «D» vor seinem Namen hat, der also Doktor der 'Theologie ist, so durch und durch verlogen ist, daß er nicht etwa hinschreibt: Mir hat einer erzählt, in Dornach hat er ein Bild des Christus gesehen, der oben luziferische Züge hat und unten tierische Merkmale —, während dort ein Idealkopf steht, der oben allerdings zum großen Teile fertig ist, unten aber nur ein Holzklotz ist; von dem sagt er, daß das tierische Merkmale hat! Man muß also wirklich sagen: Da liegt eine solche moralische Niedrigkeit vor, daß man zurückschließen muß von diesem Mangel an Wahrheitsgefühl auf die ganze Wissenschaft, die solch ein Mensch vertritt, denn die wird ja natürlich nicht von einer größeren Wahrhaftigkeit durchzogen sein in bezug auf das Wahrheitsgefühl.
[ 30 ] Anthroposophical spiritual science would indeed remain merely a theoretical, abstract concept in life if it did not permeate every aspect of human existence. Nor should you imagine, for example, that history should be influenced by spiritual science in such a way that one would then develop only a history of epochs or generations—albeit on a deeper level; that is not the case. Rather, spiritual research itself should be united with the external material of practical or other forms of history, and from this a view of full reality should emerge. As great as the longing is today, in the subconscious depths of human life, for such a view of life that corresponds to reality, so strong is the opposition on the other side—namely, from the more conscious part of human life. And this opposition seizes upon all manner of things in order to give itself the appearance of justification. It does not shy away from any kind of slander. Yesterday I showed you, by way of an example, how untruthful this opposition becomes by simply lying—by stating objective untruths. One can quite disregard the fact that these are attacks on anthroposophical spiritual science; that is not the point. But what kind of human qualities are we being reminded of when a person who has a capital “D” before his name—that is, a Doctor of Theology—is so thoroughly deceitful that he does not, for example, write: “Someone told me that in Dornach he saw a statue of Christ with Luciferic features at the top and animalistic traits at the bottom”—while there stands an idealized head that is, admittedly, largely complete at the top but is merely a block of wood at the bottom; of this, he says it has animalistic traits! One must therefore truly say: There is such moral baseness here that one must infer from this lack of a sense of truth the state of the entire body of knowledge that such a person represents, for it will naturally not be imbued with any greater truthfulness in regard to the sense of truth.
[ 31 ] Es stellt sich auf der anderen Seite heraus, daß Menschen, die durchaus nicht ins Geistige hinein, sondern bei den abstrakten Begriffen stehenbleiben wollen, wenn sie nun durchaus etwas Positives vorbringen wollen, auch auf merkwürdige Abwege geraten. Da ist zum Beispiel ein Mensch, der heute aus leeren Begriffshülsen heraus eine Weltanschauung formen will, die sogar auf manche Menschen Eindruck macht: das ist der Graf Hermann Keyserling. Man versuche nur einmal, sich etwas Substantielles zu vergegenwärtigen bei den leeren, abstrakten Begriffshülsen des Hermann Keyserling, man wird es nicht können. Er ist ein vielgelesener Mann — Inhalt ist nicht in seinen Schriften; da, wo er den Inhalt sucht, da wird er auch danach. Er kritisiert und kanzelt ab auch die anthroposophische Weltanschauung. Dasjenige, was er von seinen Phrasen aus drechselt, das könnte natürlich großen Eindruck nicht machen; so ist er angewiesen darauf, wo er etwas Positives sagen will, die Unwahrheit zu sagen. So zum Beispiel weiß ja jeder, der meine Schriften verfolgt, daß ich in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Anlehnung an Goethes Naturwissenschaftliche Schriften durchaus vom Goetheanismus ausgegangen bin. Daß ich mich dann auseinandergesetzt habe mit dem Haeckelismus, das ist eine Sache, die jedenfalls nicht zu meinem Ausgangspunkt gehört. Graf Keyserling lügt, indem er sagt, meine ganze Betrachtungsweise ginge von Haeckel aus — und einfach alles übersieht, was wirklicher Ausgangspunkt ist. Und so kann man zahlreiche wirkliche Lügenhaftigkeiten bei so vielgelesenen Männern der Gegenwart finden. Wenn diese Menschen positiv werden wollen, so müssen sie die Unwahrheit sagen, denn sonst ergehen sie sich einfach in ihrer Phrasenhaftigkeit.
[ 31 ] On the other hand, it turns out that people who do not wish to delve into the spiritual realm at all, but rather want to remain at the level of abstract concepts—even when they are determined to put forward something positive—also end up straying down strange paths. Take, for example, a person who today seeks to shape a worldview out of empty conceptual shells—a worldview that even makes an impression on some people: Count Hermann Keyserling. Just try, for a moment, to grasp something substantial in Hermann Keyserling’s empty, abstract conceptual shells—you will not be able to. He is a widely read man—but there is no substance in his writings; wherever he seeks substance, that is precisely what he finds. He also criticizes and denounces the anthroposophical worldview. What he concocts from his own phrases could, of course, make no great impression; thus, whenever he wants to say something positive, he is forced to resort to untruth. For example, anyone who follows my writings knows that in the 1880s, drawing on Goethe’s scientific writings, I certainly started from Goetheanism. The fact that I then engaged with Haeckelism is a matter that, in any case, does not form part of my starting point. Count Keyserling lies when he says that my entire perspective stems from Haeckel—and simply overlooks what the real starting point is. And so one can find numerous instances of outright falsehoods among widely read men of the present day. If these people want to be positive, they must tell untruths, for otherwise they simply indulge in their own empty rhetoric.
[ 32 ] Man käme wirklich in recht wenig erquickliche Gebiete hinein, wenn man das, was der anthroposophischen Geisteswissenschaft gegenübersteht, seiner Wahrheit gemäß charakterisieren wollte. Aber betrachten Sie die ganze Sache einmal von einer anderen Seite. Dieser Zweig gehört nun auch schon zu den älteren Zweigen, ist vor vielen Jahren gegründet worden. Die Sache hat sich hier nicht viel anders entwickelt als sonst. Man sehe nur einmal zurück, ob jemals diese anthroposophische Geisteswissenschaft an die Menschen anders herangetreten ist, als zunächst vorsichtig an diejenigen, die sie haben wollten. Es war durchaus nichts Aufdringliches. Und es waren zunächst kleine Kreise, an die diese Geisteswissenschaft herangetreten ist. Denn ihre Aufgaben werden nicht so erfaßt, wie die Aufgaben äußerer Agitatoren, sondern die Aufgaben der geisteswissenschaftlichen Bewegung werden innerhalb der geistigen Welt erfaßt. Und man weiß — ob man nun eine große oder geringe Anhängerschaft hat —, daß es sich um geistige Aufgaben handelt, die allerdings ihre Wirkungen für die Erde haben müssen, die aber durchaus in der geistigen Welt selbst erkannt werden.
[ 32 ] One would truly venture into rather uninviting territory if one were to characterize, in all truth, what stands in opposition to anthroposophical spiritual science. But let’s look at the whole matter from another angle. This branch is, after all, one of the older ones; it was founded many years ago. Things have developed here in much the same way as elsewhere. One need only look back to see whether this anthroposophical spiritual science has ever approached people in any way other than, at first, cautiously reaching out to those who wanted it. There was absolutely nothing pushy about it. And at first, it was small circles that this spiritual science approached. For its tasks are not conceived in the same way as those of external agitators; rather, the tasks of the spiritual science movement are conceived within the spiritual world. And one knows—whether one has a large or small following—that these are spiritual tasks which, while they must certainly have their effects on the earth, are recognized entirely within the spiritual world itself.
[ 33 ] Und dann verfolgen Sie die Sache weiter. Verfolgen Sie einmal, wie wenig getan worden ist, um geradezu in äußerlicher Weise die Sache zu propagieren. Es wurde ja nichts getan, als öffentliche Vorträge gehalten. Zu denen können die Leute gehen, sie können sich sympathisch oder unsympathisch berührt fühlen, können wegbleiben, wenn sie sich unsympathisch berührt fühlen. Eine irgendwie aufdringliche Agitation ist gewiß nicht getrieben worden. Man kann schließlich auch nicht sagen, daß wir unsere Bücher in einer besonders aufdringlichen Weise verbreitet haben; denn wir haben den PhilosophischAnthroposophischen Verlag begründet, der nicht den gewöhnlichen Weg zu den Sortimentern gesucht hat, sondern der den mehr intimen Weg gesucht hat zu der Bevölkerung der zivilisierten Welt. Wir haben aber auch einen großen Teil desjenigen, um das es sich handelt, in Schriften erscheinen lassen, die gar nicht einmal für die Öffentlichkeit bestimmt sind, die nur unrechtmäßigerweise an die Öffentlichkeit gekommen sind. Der Pfarrer Kully in Arlesheim hat allerdings alle diese Zyklen, aber sie sind ihm gewiß niemals auf einem richtigen Wege zugekommen. Und viele andere haben sie unrechtmäßig. Daß unsere Bewegung allmählich eine große geworden ist, daß wir heute allerdings sehen können, wie rasch sie sich ausbreitet, das ist nicht von uns auf dem Wege einer gewöhnlichen Agitation gesucht worden. Und das hat im Grunde genommen gar nicht einmal etwas dazu getan. Betrachten Sie einzelne Dinge: Einige Protestanten und einige evangelische Pfarrer haben gefunden, daß sie nicht mehr zurechtkommen mit denjenigen Begriffen, die ihnen ihre evangelische Theologie gegeben hat. Sie lernten — weil eben Anthroposophie nicht aufzuhalten war — die anthroposophische Weltanschauung kennen, schrieben jetzt ihrerseits etwas von Auseinandersetzungen zwischen ihrem evangelischen Pfar rertum und der anthroposophischen Weltanschauung. Die Opposition, die dann bei anderen evangelischen Pfarrern und auch Universitätsprofessoren, wie zum Beispiel bei Traub, entstanden ist, die ist eigentlich zunächst entstanden als eine interne unter den Pfarrern. Wir sind mehr oder weniger das Opfer geworden desjenigen, was die Leute zunächst untereinander auszumachen hatten. Das, was sich abspielt als Opposition, das spielt sich eigentlich dadurch ab, daß die Leute zunächst ganz abgesehen von uns untereinander sich in die Haare geraten sind. Nun werden wir natürlich zuletzt angegriffen, selbstverständlich! Wer studieren würde, wie sich die Dinge innerlich abgespielt haben, der würde sehen, daß wir nirgends irgendwie die Angreifer waren, geradesowenig wie von uns die evangelischen Pfarrer irgendwie attackiert worden sind, oder wir irgendwelche Schritte gemacht haben, um in der evangelischen Welt, die treu dem kirchlichen Bekenntnis ist, Anthroposophie zu propagieren.
[ 33 ] And then follow up on the matter. Consider just how little has been done to promote the cause in a truly outward way. After all, nothing was done except for holding public lectures. People can attend these lectures; they may feel positively or negatively moved by them, and they can choose not to attend if they feel negatively moved. Certainly, no kind of intrusive campaigning has been carried out. After all, one cannot say that we have distributed our books in a particularly intrusive manner; for we founded the Philosophical-Anthroposophical Publishing House, which did not seek the usual route to bookstores, but rather sought a more intimate path to the people of the civilized world. However, we have also published a large portion of the material in question in writings that were not even intended for the public—writings that have only come to the public’s attention unlawfully. Pastor Kully in Arlesheim does indeed have all these cycles, but they certainly never came into his possession through proper channels. And many others have them unlawfully. The fact that our movement has gradually grown large—and that we can indeed see today how rapidly it is spreading—is not something we sought to achieve through conventional agitation. And, in essence, that did not even contribute to it at all. Consider individual cases: Some Protestants and some Protestant pastors have found that they can no longer make sense of the concepts provided to them by their Protestant theology. They became acquainted—precisely because anthroposophy could not be stopped—with the anthroposophical worldview, and in turn wrote about the conflicts between their Protestant ministry and the anthroposophical worldview. The opposition that then arose among other Protestant pastors and also university professors, such as Traub, actually began initially as an internal conflict among the pastors themselves. We have more or less become the victims of what people initially had to work out among themselves. What is unfolding as opposition is actually taking place because people first got into a fight among themselves, completely apart from us. Now, of course, we are the ones being attacked in the end—naturally! Anyone who were to study how things actually played out internally would see that we were in no way the aggressors, just as the Protestant pastors were in no way attacked by us, nor did we take any steps to propagate anthroposophy within the Protestant world, which remains faithful to the church’s creed.
[ 34 ] Wo wir wirklich etwas zu leisten haben, verhalten wir uns nach dieser Richtung anders: In der Waldorfschule bekommen die katholischen Schüler vom katholischen Pfarrer den Religionsunterricht, die evangelischen Schüler vom evangelischen. Nur diejenigen Schüler, die das nicht wollen, die lassen wir dann unterrichten von solchen, die einen freien Religionsunterricht geben. Aber wir haben keine Weltanschauungsschule gemacht. Und so besteht eigentlich das, was sich als Kampf jetzt um uns abspielt, darin, daß wir treulich gesagt haben, was uns aus der geistigen Welt heraus zu sagen zuerteilt ist, und daß durch dasjenige, was sich fortgepflanzt hat aus den Gemütern der anderen heraus, die Streitigkeiten entstanden sind, die nun uns aufgeladen werden. Und es besteht eine gewisse Neigung, den Dingen nicht nachzugehen, sondern überall die Schuld bei der anthroposophischen Bewegung als solcher zu suchen. Würde man da auf die wahren Tatsachen sehen, so würde das sehr lehrreich sein, insbesondere wenn Sie sich den Kampf ansehen, der geführt wird in der evangelischen Pfarrerwelt. Denn Sie können ganz sicher sein: Gegen uns bestand zunächst keine Opposition unter den evangelischen Pfarrern, sondern die Opposition hat sich erhoben, nachdem evangelische Pfarrer, die nicht ihre Befriedigung in ihrer Theologie gefunden haben, ihrerseits herübergekommen sind zur Anthroposophie. Dagegen erhob sich dann die Opposition. Und dann kommen jene, die es nachher sehr profitabel finden, wie Herr Traub in Tübingen, Bücher über mich persönlich zu schreiben, weil es dann eine Möglichkeit gibt, Bücher abzusetzen und so weiter. Jetzt ist ja die anthroposophische Bewegung schon so groß, daß man Geschäfte machen kann mit Büchern, die man über sie schreibt.
[ 34 ] Where we really have a role to play, we take a different approach: At the Waldorf School, Catholic students receive religious instruction from the Catholic priest, and Protestant students from the Protestant pastor. Only those students who do not wish to do so are taught by instructors who provide non-denominational religious instruction. But we have not created a school based on a particular worldview. And so what is actually taking place around us now—what is being portrayed as a struggle—is that we have faithfully spoken what we have been called upon to say from the spiritual world, and that the disputes now being laid at our door have arisen from what has taken root in the minds of others. And there is a certain tendency not to investigate the facts, but to blame the anthroposophical movement as such for everything. If one were to look at the true facts, it would be very instructive, especially if you consider the conflict taking place among Protestant pastors. For you can be quite certain: at first, there was no opposition to us among the Protestant pastors; rather, the opposition arose after Protestant pastors who had not found fulfillment in their own theology came over to anthroposophy. Opposition then arose against this. And then came those who later found it very profitable—such as Mr. Traub in Tübingen—to write books about me personally, because this provided an opportunity to sell books and so on. Now, of course, the anthroposophical movement is already so large that one can do business with books written about it.
[ 35 ] Aber die Art und Weise, wie gekämpft wird, und namentlich die Ursache des, ich möchte sagen, um die Anthroposophie tobenden Kampfes, das sollte man schon genauer studieren! Da sollte man wahrhaftig Gewissenhaftigkeit darauf anwenden. Und dann würde man sehen, was da weiter herauskommt, wenn man in die Disharmonien innerhalb der gegenwärtigen Weltanschauungsströmungen hineinsehen kann, und wie im Grunde genommen Anthroposophie durchaus nicht Veranlassung gegeben hat zu irgendeiner der oppositionellen Strömungen, sondern lediglich ihre Mission ausführen wollte, so wie sie ihr aus der geistigen Welt gegeben ist. Und das, was sonst geschrieben worden ist, das ist höchstens aus Haß geschrieben von denen, die eine Zeitlang in der anthroposophischen Bewegung waren, die ihre persönliche Eitelkeit darin befriedigt sehen wollten und die man nicht brauchen konnte.
[ 35 ] But the way in which this struggle is waged—and especially the cause of what I would call the fierce battle raging around anthroposophy—that is something that really ought to be studied more closely! One should truly apply conscientious attention to this. And then one would see what else emerges when one looks into the disharmonies within the current currents of worldview, and how, fundamentally, anthroposophy has by no means given rise to any of the opposing currents, but merely sought to carry out its mission, just as it has been given to it from the spiritual world. And whatever else has been written is, at best, written out of hatred by those who were part of the anthroposophical movement for a time, who wanted to satisfy their personal vanity within it, and who were of no use.
[ 36 ] Da wäre es auch sehr interessant, die innerlichen Zusammenhänge zu studieren. Vor einiger Zeit ist hier einer in der Schweiz aufgetreten, der heftige Angriffe gegen die Anthroposophie und gegen mich persönlich in Vorträgen vorgebracht hat. Dieser Mann sagte unter anderem, daß er besonders wissenschaftlich sein will, und daß Anthroposophie phantastisch, nicht wissenschaftlich sei. Dann erzählte er allerlei Märchen. Im Beschreiben von Illusionen und allerlei Märchen sind ja nicht gerade wir Anthroposophen besonders groß, sondern gerade unsere Gegner, die uns Phantastik vorwerfen. — Aber ich kann Ihnen eine andere Geschichte erzählen, nachdem ich Sie aufmerksam gemacht habe auf den Herrn, der hier in der Schweiz herumgegangen ist und weidlich über Anthroposophie und über mich geschimpft hat. Es ist etwa dreizehn, vierzehn Jahre her, da meldete sich in Frankfurt, als ich zu einer Reihe von Vorträgen in Frankfurt war, bei mir im Hotel ein Mann, der, weil ich das gerade einrichten konnte, auch von mir empfangen worden ist. Der Mann redete und schwätzte mir allerlei Zeug vor und erzählte mir: Ich reise Ihnen jetzt schon eine lange Zeit überall hin nach, konnte niemals von Ihnen empfangen werden; aber jetzt ist es mir endlich gelungen. — Und er zeigte sich sehr geneigt, sein Streben in das Streben der anthroposophischen Bewegung einströmen zu lassen. Ich sah: Purster Dilettant, purste Scharlatanerie! Also weg! So etwas ist oft vorgekommen, denn man konnte eben nicht anders, als diejenigen Menschen, die bloß aus persönlicher Eitelkeit und persönlicher Ambition heran wollten, wegzustoßen; das konnte man nicht ändern. Sehen Sie, das ist derselbe Mann. Er hat dann ein paar Jahre gewartet, dann wurde er der schweizerische Gegenpart, lebte allerdings, wie gesagt wurde, hier als Refraktär und wurde nun Gegner.
[ 36 ] It would also be very interesting to study the inner connections. Some time ago, a man appeared here in Switzerland who launched fierce attacks against anthroposophy and against me personally in his lectures. Among other things, this man said that he wanted to be particularly scientific, and that anthroposophy was fanciful, not scientific. Then he told all sorts of fairy tales. After all, it is not exactly we anthroposophists who excel at describing illusions and all sorts of fairy tales, but rather our opponents, who accuse us of being fanciful. — But I can tell you another story, now that I have drawn your attention to the gentleman who went around here in Switzerland ranting and raving about anthroposophy and about me. It was about thirteen or fourteen years ago, when I was in Frankfurt for a series of lectures, that a man came to my hotel room; since I was able to arrange it at the time, I received him. The man talked and babbled all sorts of nonsense to me and said: “I’ve been following you everywhere for a long time now, but I’ve never been able to meet with you; but now I’ve finally succeeded.” — And he seemed very eager to channel his aspirations into those of the anthroposophical movement. I saw right away: a complete dilettante, pure charlatanism! So away with him! Such things have often happened, for one simply had no choice but to push away those people who approached us merely out of personal vanity and personal ambition; that could not be changed. You see, this is the same man. He then waited a few years, after which he became the Swiss counterpart, though, as was said, he lived here as a refractory and has now become an opponent.
[ 37 ] Aber so sind sehr viele Zusammenhänge, man muß den Dingen nur nachgehen: Sie würden sehen, aus welch trüben Quellen oftmals dasjenige schöpft, was sich als Opposition gegen die Anthroposophie geltend macht.
[ 37 ] But there are many such connections; one need only look into them: You would see from what murky sources that which presents itself as opposition to anthroposophy often draws its inspiration.
[ 38 ] Wir müssen aus solchen Quellen Kraft schöpfen, die uns ein Weltbild geben, wie es die Menschheit für die Gegenwart, und namentlich für die nächste Zukunft braucht, wie es namentlich diejenigen brauchen werden, die heute noch etwas jünger sind, denn sie werden gar nicht mehr leben können mit dem alten Weltbilde! Dennoch sollten wir Kraft gewinnen gerade aus einem solchen Weltbilde, das nun zum Beispiel die geschichtliche Betrachtungsweise ausdehnt, das über den Ursprung der Seelen redet, nicht bloß über den Ursprung der Leiber. Aber wir sollten dazu die Kraft gewinnen, überall da, wo wir können, einzutreten für die Anthroposophie! Anthroposophie wird Leute brauchen, die für sie eintreten. Dasjenige, was heute als Opposition auftritt, es wird nicht kleiner werden, und es wird in der Zukunft nicht weniger schlimme Formen annehmen. Es wird im Gegenteil schlimmere und immer schlimmere Formen annehmen! Derjenige, der sich dessen bewußt wird, was an Anthroposophie liegt, er wird auch imstande sein, aus diesem Bewußtsein heraus wirklich den Boden zu finden, wo er eben in der entsprechenden Weise an seinem Platze wirkt. Denn das, was aus der Anthroposophie heraus gewirkt wird, wirkt wahrhaftig nicht zu irgendwelchen persönlichen Zielen: es wird zum Heile der Menschheit gewirkt. Und man soll sich nicht abschrecken lassen davon, daß die Gegnerschaft immer größer und größer und immer häßlicher werden wird, daß heute schon viel Schmutziges drinnen ist — es wird noch viel Schmutzigeres in dieser Gegnerschaft drinnen sein. Verliert man deshalb den Mut, so versteht man eigentlich doch nicht dasjenige, was für die zukünftige Entwickelung der Menschheit Anthroposophie ist.
[ 38 ] We must draw strength from sources that provide us with a worldview such as humanity needs for the present—and especially for the near future—a worldview that will be particularly necessary for those who are still somewhat younger today, for they will no longer be able to live with the old worldview! Nevertheless, we should draw strength precisely from such a worldview, one that, for example, broadens the historical perspective and speaks of the origin of souls, not merely of the origin of bodies. But we should draw strength from this to advocate for anthroposophy wherever we can! Anthroposophy will need people who stand up for it. What appears today as opposition will not diminish, and it will not take on any less severe forms in the future. On the contrary, it will take on worse and ever-worse forms! Whoever becomes aware of what anthroposophy is all about will also be able, out of this awareness, to truly find the ground where they can work in the appropriate way in their own sphere. For what is accomplished through anthroposophy is truly not done for any personal goals: it is done for the good of humanity. And one should not be deterred by the fact that opposition will grow ever greater and uglier, that there is already much filth within it today—there will be even more filth within this opposition. If one loses heart because of this, then one does not truly understand what anthroposophy means for the future development of humanity.
[ 39 ] Ich wollte mit diesen letzten Worten einmal auf etwas aufmerksam machen, worauf man hinsehen sollte in unserer Bewegung. Ich wollte diese letzten Worte gerade an eine so wichtige Betrachtung anknüpfen, wie wir sie heute angestellt haben über den Fortgang der Seelen durch die wiederholten Erdenleben, über die Art und Weise, wie wir von zwei Seiten her — von dem großen Weltenall und von der Erde her — in unserer Organisation aufgebaut werden. Dasjenige, was heute die äußere Wissenschaft von diesen Dingen weiß, ist ja so wenig! Es hat sich diese äußere Wissenschaft darauf beschränkt, bloß das allein zu betrachten, was schließlich das letzte Bild ist von dem, was an Kräften eigentlich da wirkt: äußeres Keimblatt, inneres Keimblatt und so weiter, ohne zu wissen, welchen makrokosmischen Sinn das äußere Keimblatt hat, welchen tellurischen Sinn das innere Keimblatt hat, wie das wiederum zusammenhängt mit Vorstellung und Wille. Ohne auf diese großen Zusammenhänge hinzusehen, betrachtet eine materialistische Anschauungsweise eben nur die ÄAußerlichkeiten, die letzten Äußerlichkeiten. Und ebenso in bezug auf das Geschichtliche, wo man bloß dasjenige ins Auge faßt, was, ich möchte sagen, durch das Blut der Generationen rinnt, und was durch die Tradition im Laufe der geradlinigen Fortströmung des geschichtlichen Werdens auf irgendeinem Boden zu beobachten ist. Während die ganze Wirklichkeit verstanden werden kann, wenn man sich nicht nur frägt, was für Blut in diesen oder jenen Adern fließt, sondern: Woher kommt die Seele, die sich dieses Blutes nur bedient? Nach totaler Menschheitsbetrachtung, nach wahrer Wirklichkeitsbetrachtung müssen wir streben, denn das fordert die Welt, und wird es immer mehr und mehr fordern. Anthroposophie will das geben.
[ 39 ] With these final words, I wanted to draw attention to something that deserves our attention within our movement. I wanted to link these final words specifically to such an important consideration as the one we have made today regarding the progress of souls through repeated earthly lives, and regarding the way in which we are structured from two sides—from the vast universe and from the Earth—within our organization. What external science knows about these things today is so little! This external science has limited itself to considering only what is ultimately the final image of the forces actually at work: the outer cotyledon, the inner cotyledon, and so on—without knowing what macrocosmic significance the outer cotyledon holds, what telluric significance the inner cotyledon holds, or how this, in turn, relates to imagination and will. Without considering these great interconnections, a materialistic perspective looks only at the outward appearances, the ultimate externalities. And the same applies to history, where one focuses solely on what, I might say, flows through the blood of generations, and what can be observed through tradition in the course of the linear flow of historical development on any given soil. Yet the whole of reality can be understood if one asks not only what kind of blood flows through these or those veins, but also: Where does the soul come from, which merely makes use of this blood? We must strive for a comprehensive view of humanity, for a true view of reality, for this is what the world demands, and will demand more and more. Anthroposophy aims to provide this.
[ 40 ] Das ist dasjenige, was ich heute zu Ihnen sprechen wollte. Wir wollen hoffen, daß wir uns nach einiger Zeit wieder sehen und solche Betrachtungen fortsetzen können, die zum Verständnisse der Gegenwart und Zukunft, zum Verstehen der Menschennatur und zum Verständnis des Weltenalls, insofern der Mensch aus ihm heraus geboren ist, weiterleiten können.
[ 40 ] That is what I wanted to speak to you about today. Let us hope that we will see each other again after some time and be able to continue such reflections, which can lead us toward an understanding of the present and the future, an understanding of human nature, and an understanding of the universe—insofar as human beings are born from it.
