Human Responsibility for Global Development
Through Its Spiritual Connection
to the Earth and the Celestial Realm
GA 203
1 January 1921, Stuttgart
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Human Responsibility for Global Development, tr. SOL
Erster Vortrag
First Lecture
[ 1 ] Lassen Sie uns heute eine Betrachtung anstellen, welche sich anschließen soll an die Festeszeit, an jene Zeit, die ja in jedem Jahr wiederum erneuert die Erinnerung und das Gedenken an das Mysterium von Golgatha, auch die unmittelbare Empfindung des Mysteriums von Golgatha.
[ 1 ] Let us reflect today on a topic that ties in with the festive season—that time of year which, year after year, renews our remembrance and commemoration of the Mystery of Golgotha, as well as our direct experience of the Mystery of Golgotha.
[ 2 ] Wir haben eigentlich drei solcher Festeszeiten innerhalb der christlichen Entwickelung: das Weihnachtsfest, das Osterfest und das Pfingstfest. Und man kann sagen, daß diese drei Feste in verschiedener Art den Menschen in ein Verhältnis bringen zu demjenigen, worin die christliche Entwickelung den Sinn des ganzen Erdengeschehens sieht. Auch in bezug auf die menschlichen Seelenkräfte unterscheiden sich diese drei Feste.
[ 2 ] There are actually three such festive seasons within Christian development: Christmas, Easter, and Pentecost. And it can be said that these three festivals, in different ways, bring people into a relationship with that which Christian development sees as the meaning of all earthly events. These three festivals also differ in relation to the powers of the human soul.
[ 3 ] Das Weihnachtsfest knüpft mehr an die Empfindung an. Es ist auch dasjenige Fest, welches in gewissem Sinne das populärste ist, weil sein Verständnis eben die Vertiefung der Empfindung, die Vertiefung des Gefühls fordert, und weil es dasjenige ist, was dem Menschen im weitesten Umkreis zugänglich ist.
[ 3 ] Christmas is more closely tied to emotion. It is also, in a certain sense, the most popular holiday, because understanding it requires a deepening of emotion and feeling, and because it is the one that is accessible to the widest range of people.
[ 4 ] Das Osterfest, das notwendig macht, daß der Mensch sich aufschwingt zu einem Verständnis des eigentlichen Mysteriums von Golgatha, des Hereindringens einer übersinnlichen Wesenheit in die menschheitliche Entwickelung, es stellt die größten Anforderungen an das menschliche Verstehen. Es ist ein Fest, das gewissermaßen das menschliche Verstehen auf das höchste Niveau hinauf erhebt, das ja natürlich auch allgemein begangen wird, aber nicht in derselben Weise populär sein kann wie das Weihnachtsfest.
[ 4 ] Easter, which requires human beings to rise to an understanding of the true mystery of Golgotha—the entry of a supersensible being into human evolution—places the greatest demands on human understanding. It is a festival that, in a sense, elevates human understanding to the highest level; it is, of course, celebrated universally, but cannot be as popular as Christmas.
[ 5 ] Das dritte Fest, das Pfingstfest, stellt besonders ein Verhältnis her zwischen dem menschlichen Willen und der übersinnlichen Welt, der Welt namentlich, welcher das Christus-Wesen als solches angehört. Die Überleitung von Willensimpulsen, die dann wiederum auf die Welt übertragen werden, sie wird ja dem Menschen zum Bewußtsein gebracht durch den rechten Sinn des Pfingstfestes.
[ 5 ] The third festival, Pentecost, establishes a special relationship between the human will and the supersensible world—namely, the world to which the Christ Being as such belongs. The transmission of impulses of the will, which are then in turn conveyed to the world, is brought to human consciousness through the true meaning of the Feast of Pentecost.
[ 6 ] So wird in dreifacher Weise dasjenige, was man das christliche Geheimnis nennen könnte, anschaulich gemacht durch diese jährlichen Festeszeiten. Wie das Weihnachtsmysterium an den Menschen herantritt, das kann man sich in der verschiedensten Weise vor das Bewußtsein stellen, und wir haben ja im Laufe der Jahre den Weihnachtsgedanken von den verschiedensten Gesichtspunkten aus gerade gelegentlich der Weihnachtsfeste ins Auge gefaßt.
[ 6 ] Thus, what might be called the Christian mystery is brought to life in three ways through these annual festive seasons. There are many different ways to conceptualize how the mystery of Christmas approaches humanity, and over the years we have indeed examined the idea of Christmas from a wide variety of perspectives, particularly during the Christmas season.
[ 7 ] Diesmal wollen wir erinnern an etwas, was jedem klar werden kann, der das Weihnachtsmysterium von seiten der Evangelien aus betrachtet. In den Evangelien wird uns eine zwiefache Verkündigung der Geburt des Christus Jesus dargestellt. Die eine Verkündigung ist diejenige, welche ergeht an die armen Hirten auf dem Felde draußen, denen — man nenne es nun im Traume oder irgendwie — ein Engel verkündet die Geburt des Christus Jesus. Wir haben es da zu tun mit dem Gewahrwerden dieses Ereignisses durch die inneren Seelenkräfte, die in einer besonderen Verfassung sind bei diesen Hirten aus der Umgebung des Geburtsortes des Christus Jesus. Und es wird uns eine zweite Verkündigung dargestellt in den Evangelien: diejenige, welche ergeht an die drei Könige oder die drei Magier aus dem Morgenlande. Sie folgen — so wird uns gesagt — der Sprache eines Sternes, die ihnen verkündigt, daß der Christus Jesus in die Welt gekommen ist.
[ 7 ] This time, we want to recall something that can become clear to anyone who considers the mystery of Christmas from the perspective of the Gospels. The Gospels present us with a twofold proclamation of the birth of Christ Jesus. One proclamation is that which is made to the poor shepherds out in the fields, to whom—whether in a dream or in some other way—an angel announces the birth of Christ Jesus. Here we are dealing with the perception of this event through the inner soul forces, which are in a special state among these shepherds from the vicinity of Christ Jesus’ birthplace. And a second Annunciation is depicted for us in the Gospels: the one addressed to the three kings or the three Magi from the East. They follow—so we are told—the message of a star, which announces to them that Christ Jesus has come into the world.
[ 8 ] Wir werden da verwiesen auf zwei Arten, wie eine frühere Menschheit zu ihren höheren Erkenntnissen kam. Es handelt sich auch da um etwas, was in der Gegenwart eigentlich niemals mehr in der richtigen Weise angeschaut wird. In der Gegenwart stellt man sich vielfach vor, daß die Menschen nun einmal eine Wahrnehmung, ein Denken haben, und daß diese Wahrnehmung, dieses Denken, kurz, die Entfaltung der inneren Seelenkräfte, im Grunde genommen durch alle Jahrhunderte und Jahrtausende, wenn sie auch in früheren Zeiten primitiver waren, so doch im wesentlichen so waren, wie sie heute sind. Wir wissen aus unserer anthroposophischen Geisteswissenschaft, wie die Seelenverfassung der Menschen sich im Laufe der Zeiten geändert hat, wie in alten Zeiten, etwa im 7., 8. Jahrtausend der nachatlantischen Zeit oder früher, die Menschheit in einer ganz anderen Weise sowohl das eigene Leben wie auch das Wesen der Umwelt angesehen hat, und wie sich dann diese Seelenverfassung immer wieder gewandelt hat, wie sie dann diejenige geworden ist, die wir als die verstandesmäßige Zergliederung der Welt in der Gegenwart kennen und als die rein sinnliche Auffassung, die wir auch in der Gegenwart in den äußeren Dingen haben. Diese Entwickelung geht von einem gewissen älteren, instinktiven Hellsehen durch unsere gegenwärtige Seelenverfassung, um in der Zukunft sich wiederum zurückzuwenden zu einer Art Hellsichtigkeit, zu einem Schauen der Welt, das aber dann durchsetzt sein soll von der vollen Bewufßstheit der Menschheit.
[ 8 ] We are referred here to two ways in which an earlier humanity arrived at its higher insights. This, too, is something that is actually never viewed in the proper way anymore in the present day. Today, it is often assumed that human beings simply possess a certain kind of perception and thinking, and that this perception, this thinking—in short, the unfolding of the inner soul forces—has, in essence, remained the same throughout the centuries and millennia; even if these faculties were more primitive in earlier times, they were essentially the same as they are today. We know from our anthroposophical spiritual science how the state of the human soul has changed over the course of time, how in ancient times—for example, in the 7th or 8th millennium of the post-Atlantean era or earlier—humanity viewed both its own life and the nature of the environment in a completely different way, and how this state of the soul has then undergone repeated transformations, eventually becoming what we now recognize as the intellectual analysis of the world and the purely sensory perception we still have of external things today. This development proceeds from a certain older, instinctive clairvoyance through our present state of mind, only to turn back again in the future to a kind of clairvoyance—a way of seeing the world—which will then, however, be permeated by the full consciousness of humanity.
[ 9 ] Zur Zeit, als das Mysterium von Golgatha sich auf der Erde ereignete, war das alte Hellsehen, das ein instinktives war, zum großen Teil schon, wenn ich so sagen darf, abgelähmt. Die Menschen hatten zwar eine andere Seelenverfassung, als die heutige ist, aber sie hatten auch nicht mehr das alte Hellsehen; sie hatten auch nicht mehr die alten Formen, durch allerlei Weisheit die Welt sich genauer zu zergliedern. Sowohl die alten Weisheitslehren wie auch das alte instinktive Hellsehen waren abgeglommen, als das Mysterium von Golgatha an die Menschheit herankam. Aber Reste davon waren noch vorhanden, und wir werden gerade durch die Evangelien deutlich darauf hingewiesen, wenn wir sie richtig verstehen, daß solche Reste vorhanden waren. Bei einzelnen auserlesenen Persönlichkeiten waren solche Reste vorhanden. Solche auserlesenen Persönlichkeiten können nun sowohl gewesen sein die armen Hirten auf dem Felde, die aus ihrem frommen Herzen heraus eine gewisse hellsichtige Kraft, die wie traumhaft über sie gekommen ist, besessen haben; es können auch gewesen sein solche Persönlichkeiten, die uns auf der Spitze der sozialen Stufenleiter vorgeführt werden, wie die drei Magier aus dem Morgenlande, welche aus alten Zeiten die Fähigkeit bewahrt haben, durch eine gewisse Weisheitslehre hineinzuschauen in den Gang der Weltenereignisse. Und so konnten die armen Hirten in einer Art traumhaften Erlebens, in einer Art innerlicher Wahrnehmung dasjenige an sich herankommen sehen, was in dem Ereignis der Geburt des Christus Jesus sich vollzog. Auf der anderen Seite konnten die drei Magier aus dem Morgenlande eine solche Wissenschaft entwickeln, daß sie aus der Verfolgung der Weltenerscheinungen, der Erscheinungen am Himmel, dasjenige sich zu vergegenwärtigen vermochten, was über den gewöhnlichen Gang des Lebens hinausliegend Bedeutungsvolles auf der Erde geschah.
[ 9 ] At the time when the Mystery of Golgotha took place on Earth, the ancient form of clairvoyance—which was instinctive—had, for the most part, if I may say so, already been dulled. Although people had a different state of mind than they do today, they no longer possessed the ancient clairvoyance; nor did they possess the ancient methods of analyzing the world more precisely through various forms of wisdom. Both the ancient wisdom teachings and the ancient instinctive clairvoyance had faded by the time the Mystery of Golgotha came to humanity. But remnants of these still existed, and the Gospels themselves clearly point this out to us—if we understand them correctly—that such remnants were present. Such remnants were present in certain select individuals. These select individuals may well have been the poor shepherds in the fields, who, out of their devout hearts, possessed a certain clairvoyant power that came upon them as if in a dream; or they may also have been individuals presented to us at the very top of the social ladder, such as the three Magi from the East, who had preserved from ancient times the ability, through a certain teaching of wisdom, to look into the course of world events. And so the poor shepherds, in a kind of dreamlike experience, in a kind of inner perception, were able to see approaching what was taking place in the event of the birth of Christ Jesus. On the other hand, the three Magi from the East were able to develop such knowledge that, by observing world phenomena and celestial phenomena, they were able to grasp what was happening on Earth that was significant and lay beyond the ordinary course of life.
[ 10 ] Wir werden also auf zwei ganz bestimmte, aber voneinander verschiedene Erkenntnisarten verwiesen. Wenden wir uns zunächst zu demjenigen, was bei den drei Magiern aus dem Morgenlande vorhanden war als ein letzter Rest einer alten Weisheitslehre. Es wird uns ja deutlich gezeigt, wie diese Magier den Gang der Sterne enträtseln konnten. Wir werden also durch diese Darstellung verwiesen auf eine alte Sternenkunde, auf eine alte Anschauung über die Geheimnisse der Sternenwelt, in der sich auch die Geheimnisse des menschheitlichen Geschehens offenbarten. Diese alte Sternenkunde war etwas anderes als unsere Sternenkunde. Unsere Sternenkunde ist ja auch in einer gewissen Weise prophetisch; sie kann voraussagen den Gang von Sonnen- und Mondfinsternissen und ähnliches. Aber unsere Sternenkunde ist bloß mathematisch-mechanisch. Unsere Sternenkunde spricht bloß von den Verhältniissen des Raumes und der Zeit, insofern man sie mathematisch zum Ausdruck bringen kann. Dasjenige aber, was sich in bezug auf das innere Menschenleben abseits von Raum und Zeit, aber doch im Raum und in der Zeit, jedoch mit einer höheren Bedeutung abspielt, das sah eine alte Sternenkunde, eine alte Sternenweisheit aus dem Gang der Sterne heraus. Wenn wir die Wissenschaft einer älteren Menschheit uns vor das Bewußtsein bringen, so finden wir, daß diese Sternenweisheit im wesentlichen das ist, was dieser alten Wissenschaft überhaupt den Inhalt gab. Aus den Sternen erforschten die Menschen dasjenige, was auf der Erde geschah. Aber ihnen war die Sternenwelt nicht jenes abstrakte, maschinenartige Wesen, das sie der heutigen Menschheit geworden ist. Ihnen war die Sternenwelt etwas, was voll Leben war. Sie empfanden bei jedem einzelnen der Planeten ein Wesenhaftes in der Welt. Gewissermaßen sprachen sie durch eine innere Seelensprache mit jedem einzelnen Planeten so, wie wir heute nur von Mensch zu Mensch durch die äußere Sprache sprechen. Man war sich klar darüber, daß man im Inneren seelisch etwas erlebt, was in einer gewissen Weise abspiegelt und wiedergibt dasjenige, was draußen im großen Raume durch den Gang der Sterne sich vollzieht. Es war eine lebendige, durchgeistigte Anschauung des Weltenalls. Und der Mensch selber fühlte sich in einer geistigen, in einer seelenhaften Weise in dieses Weltenall hineingestellt. Es wurde die Weisheit von diesem Weltenall auch gepflegt in Schulen, die man Mysterienschulen nennen könnte, in denen die Zöglinge in einer sorgfältigen, intimen, innerlichen Art vorbereitet wurden, den Gang der Sterne so verstehen zu können, daß er das menschliche Leben auf der Erde verständlich machte.
[ 10 ] We are thus directed toward two very specific, yet distinct, kinds of knowledge. Let us first turn to what was present in the three Magi from the East as the last remnant of an ancient wisdom teaching. After all, it is clearly shown to us how these Magi were able to unravel the course of the stars. This account thus points us to an ancient astronomy, to an ancient view of the mysteries of the starry world, in which the mysteries of human history were also revealed. This ancient astronomy was different from our own. Our astronomy is, after all, prophetic in a certain sense; it can predict the course of solar and lunar eclipses and the like. But our astronomy is merely mathematical and mechanical. Our astronomy speaks only of the relationships of space and time, insofar as they can be expressed mathematically. But what takes place in relation to inner human life—beyond space and time, yet still within space and time, though with a higher significance—was perceived by an ancient astronomy, an ancient wisdom of the stars, through the course of the stars. When we bring the science of an earlier humanity into our consciousness, we find that this stellar wisdom is essentially what gave that ancient science its very substance. From the stars, people explored what was happening on Earth. But to them, the world of the stars was not that abstract, machine-like entity that it has become for humanity today. To them, the world of the stars was something full of life. They sensed an essential being in the world of each individual planet. In a sense, they spoke to each individual planet through an inner language of the soul, just as we today speak only from person to person through outer language. People were clearly aware that they were experiencing something inwardly, in their souls, that in a certain way reflected and mirrored what was taking place out there in the vast expanse of space through the movement of the stars. It was a living, spiritually imbued view of the universe. And human beings themselves felt placed within this universe in a spiritual, soulful way. The wisdom of this universe was also cultivated in schools—which might be called mystery schools—where the students were prepared in a careful, intimate, and inner way to understand the course of the stars in such a way that it made human life on Earth comprehensible.
[ 11 ] Welcher Art waren diese Vorbereitungen? Diese Vorbereitungen gerade für die Erkenntnis des Sternenhimmels und seiner Wirkungen waren so, daß der Mensch auch damals schon, in der Zeit instinktiven Hellsehens, erzogen wurde zu einem wacheren Leben, als das normale äußere Leben war. Die Menschen der breiten Massen hatten eine Art instinktiven Hellsehens. Das entsprach einer Seelenverfassung, die weniger wach war, als es unsere normale Seelenverfassung ist. Man konnte in alten Zeiten der Menschheitsentwickelung nicht in solcher Weise wach denken, wie man das heute kann. Man konnte nicht in demselben Sinne wie heute zu der Mathematik, zu der Geometrie kommen. Es war des Menschen Leben durch das ganze Dasein zwischen Geburt und Tod mehr ein hinträumendes gewesen, das aber eben gerade deshalb, weil es ein hinträumendes war, in einer lebendigeren Art als unser ganz waches Leben die Umwelt wahrnahm. Und das Eigentümliche ist, daß die einzelnen Zöglinge der Mysterien, in deren letzten Resten eben solche Menschen wie die drei Magier standen damals in alten Zeiten, man könnte sagen noch etwa bis in das 2. Jahrtausend, sogar anfangs des 1. Jahrtausends vor dem Mysterium von Golgatha eingeführt wurden in ein Wissen, das ganz ähnlich unserem geomerrischen oder mathematischen Wissen ist.
[ 11 ] What kind of preparations were these? These preparations—specifically for understanding the starry sky and its effects—were such that even back then, in the age of instinctive clairvoyance, human beings were trained to lead a more alert life than their normal, outward existence. The people of the broad masses possessed a kind of instinctive clairvoyance. This corresponded to a state of mind that was less alert than our normal state of mind. In the early stages of human development, people could not think with the same level of alertness as we can today. They could not approach mathematics and geometry in the same way we do today. Throughout their entire existence between birth and death, people’s lives were more of a dreamlike state; yet precisely because they were dreamlike, they perceived the world around them in a more vivid way than our fully alert lives do. And what is remarkable is that the individual initiates of the Mysteries—in whose final remnants people such as the three Magi stood back in ancient times, one might say roughly up to the 2nd millennium, and even at the beginning of the 1st millennium before the Mystery of Golgotha—were initiated into a body of knowledge that is very similar to our geometric or mathematical knowledge.
[ 12 ] Für die äußere Menschheit hat Euklid zuerst die Geometrie hingestellt. Das war aber eben nur eine Übermittlung der Geometrie an die äußere, große Menschheit. Was Euklid als Geometrie hingestellt hat, das war in den Mysterien lebendig durch Jahrtausende schon; es wurde aber nur mitgeteilt an die auserlesenen Schüler der Mysterien. Bei ihnen wirkte es anders, als es später wirkte. Es sieht sonderbar und paradox aus, ist aber doch so: was heute bei uns schon die Kinder lernen, unsere Geometrie, unsere Rechenkunst, das lernten in den Mysterienschulen einzelne Menschen, die besonders dazu auserlesen wurden, die man innerhalb der Masse für besonders befähigt hielt und die man hineinnahm in die Mysterien.
[ 12 ] Euclid first presented geometry to the outer world. But that was merely a transmission of geometry to the outer, broader humanity. What Euclid presented as geometry had already been alive in the Mysteries for millennia; however, it was communicated only to the select students of the Mysteries. It had a different effect on them than it did later on. It seems strange and paradoxical, but it is nevertheless true: what even our children learn today—our geometry, our arithmetic—was learned in the mystery schools by individuals who were specially chosen for this purpose, who were considered particularly gifted among the masses, and who were admitted into the mysteries.
[ 13 ] Man kann heute oftmals hören, in den Mysterien seien geheimnisvolle Dinge gelehrt worden. Ihrem rein abstrakten Inhalte nach sind diese geheimnisvollen Dinge dieselben, die heute den Kindern gelehrt werden. Es sind gar keine anderen Dinge, und das Mysterienhafte liegt nicht darin, daß diese Dinge heute den Menschen etwa unbekannt seien, sondern es liegt in der anderen Art, wie die Sache an die Menschen herangebracht worden ist. Es ist natürlich etwas ganz anderes, wenn man den Inhalt unserer Geometrie einfach appellierend an den Verstand an die Kinder heranbringt in einem Zeitalter, wo der Mensch vom Aufwachen bis zum Einschlafen in unserem Wachbewußtsein lebt, oder ob man im Zeitalter des alten, instinktiven Hellsehens mit einer traumhaften Art des Bewußtseins diese Dinge an besonders auserlesene Menschen mit reiferem Bewußtsein heranbrachte. Es sind heute durchaus nicht immer zutreffende Vorstellungen in der Menschheit über diese Dinge vorhanden.
[ 13 ] Today, one often hears that mysterious things were taught in the Mysteries. In terms of their purely abstract content, these mysterious things are the same as those taught to children today. They are not different at all, and what makes them mysterious is not that these things are somehow unknown to people today, but rather the different way in which the subject was presented to them. It is, of course, quite different when the content of our geometry is simply presented to children in a way that appeals to their intellect in an age when people live in our waking consciousness from the moment they wake up until they fall asleep, or whether, in the age of ancient, instinctive clairvoyance, these things were presented to particularly select individuals with a more mature consciousness through a dreamlike state of consciousness. Today, the ideas people have about these things are by no means always accurate.
[ 14 ] Sehen Sie, es gibt ein Gedicht an Varuna in der morgenländischen Literatur. Das spricht davon, daß Varuna erscheint in der Luft, die als Wind die Wälder durchweht, daß Varuna erscheint in dem Donner, der aus dem Wolkenwasser hervorzuckt, daß Varuna erscheint in dem menschlichen Herzen, wenn es zum Willen sich aufrafft, daß Varuna erscheint am Himmel, wenn die Sonne über den Himmel geht, daß Varuna enthalten ist auf den Bergen in dem Somasaft. Sie werden heute in den Büchern meistens finden: daß man eigentlich nicht wisse, was der Somasaft ist. Die Menschen konstatieren heute in ihrer Gelehrsamkeit, daß man nicht wisse, was der Somasaft ist, trotzdem es Menschen gibt, die ihn literweise trinken und von einem gewissen Gesichtspunkte aus sehr gut kennen. Aber es ist etwas anderes, die Sachen vom Mysterienstandpunkt aus zu kennen, als vom Standpunkte des wachen Bewußtseins in profaner Empfindung. Und Sie können heute lesen vom Stein der Weisen, der gepflegt wurde in einer gewissen Zeit, in der man das Wesen der Substantialität eben anders angesehen hat als heute. Und wiederum werden Ihnen die Geschichtsschreiber der Alchimie sagen, man kenne den Stein der Weisen nicht. Ich habe schon immer da und dort in meinen Vorträgen angedeutet, daß dieser Stein der Weisen den meisten Menschen sehr gut bekannt ist. Sie kennen nur nicht seine Wesenheit und wissen nicht, warum er so genannt wird. Er ist den meisten Menschen sehr gut bekannt, da sie ihn eigentlich kiloweise verwenden.
[ 14 ] You see, there is a poem dedicated to Varuna in Eastern literature. It speaks of how Varuna appears in the air that blows through the forests as wind, how Varuna appears in the thunder that bursts forth from the water in the clouds, how Varuna appears in the human heart when it summons the will, how Varuna appears in the sky when the sun traverses the heavens, and how Varuna is contained in the mountains within the soma juice. Today, you will mostly find in books that no one actually knows what the Soma juice is. In their scholarship, people today state that no one knows what the Soma juice is, even though there are people who drink it by the liter and, from a certain point of view, know it very well. But it is one thing to know these things from the perspective of the mysteries, and quite another to know them from the perspective of waking consciousness in a profane sense. And today you can read about the Philosopher’s Stone, which was cultivated during a certain era when the nature of substance was viewed quite differently than it is today. And yet the historians of alchemy will tell you that the Philosopher’s Stone is unknown. I have always hinted here and there in my lectures that this Philosopher’s Stone is very well known to most people. They simply do not know its nature and do not know why it is called that. It is very well known to most people, since they actually use it by the kilogram.
[ 15 ] Es handelt sich eben bei den Dingen zuweilen um etwas ganz anderes als um dasjenige, was sich unsere heute abstrakt-theoretische und lebensfremde, wirklichkeitsfremde Anschauung vorzustellen vermag. Es gibt heute auch keine rechte Anschauung davon, was es heißt, mit ganz anderer Seelenverfassung, als diejenige der heutigen Menschheit ist, im reifen Zustande aufzunehmen unsere geometrische, unsere arithmetische Wissenschaft. Ich habe auf diese besondere Artung des Mysterienwesens in meiner Schrift «Das Christentum als mystische Tatsache» ja hingewiesen. Allein solch wichtige Dinge versteht man gewöhnlich nicht in der richtigen Weise; man nimmt sie gewöhnlich nicht tief genug. Daß die Art und Weise, wie die Dinge an die Menschen herangebracht worden sind, das Mysterienhafte in alten Zeiten ausmachte, das ist dasjenige, was man verstehen sollte. Und so war es wirklich bei rein mathematischen Betrachtungen, deren Gefühls- und vollmenschlichen Inhalt Novalis noch nachgefühlt hat, als er die Mathematik wie ein großes Gedicht empfand, was die meisten Menschen heute gewiß nicht drin finden. So war es dieses gefühlsmäßige, aber in mathematische Formen ergossene Erfassen der Welt, in das der Zögling der alten Mysterien eingeführt wurde. Und wenn so das mathematische Verständnis des Weltenalls an den Zögling der alten Mysterien herantrat, dann wurde er ein Mensch mit einer solchen Weltbetrachtung, wie es diejenige war, die uns als die der Magier aus dem Morgenlande geschildert wird. Dann enthüllte die Mathematik des Weltenalls, die bei uns zu etwas ganz Abstraktem geworden ist, Wesenhaftes, weil das, was sie enthüllte, durch anderes ergänzt wurde, was ihm entgegenkam. Und so war dasjenige, was als äußeres Wissen einer alten Kultur entsprach, was sich in den letzten Resten für die Magier erhalten hatte, was an die Magier aus dem Morgenlande herangekommen ist, die Veranlassung zu der einen Verkündigung: der Verkündigung durch die Weisheitslehre, durch die äußere Wissenschaft.
[ 15 ] The reality of things is sometimes something entirely different from what our current abstract, theoretical, and unrealistic—and, indeed, detached from reality—worldview is capable of conceiving. Nor is there today any true understanding of what it means to grasp our geometric and arithmetic sciences in a state of maturity, with a state of mind entirely different from that of humanity today. I have, in fact, pointed out this particular aspect of the nature of the mysteries in my work *Christianity as a Mystical Fact*. Yet such important matters are usually not understood correctly; they are usually not taken deeply enough. What one should understand is that the very way in which these things were presented to people constituted the mysterious nature of the mysteries in ancient times. And this was indeed the case with purely mathematical considerations, whose emotional and fully human content Novalis was still able to sense when he perceived mathematics as a great poem—something most people today certainly do not find in it. It was this emotional grasp of the world—though expressed in mathematical forms—into which the initiate of the ancient mysteries was introduced. And when the mathematical understanding of the universe was thus presented to the initiate of the ancient mysteries, he became a person with a worldview such as that described to us as belonging to the magicians of the Orient. Then the mathematics of the universe—which has become something entirely abstract for us—revealed something essential, because what it revealed was complemented by something else that met it halfway. And so what corresponded to the external knowledge of an ancient culture—what had been preserved in its last remnants for the magicians, what had come to the magicians from the East—was the impetus for a single proclamation: the proclamation through the wisdom teachings, through external science.
[ 16 ] Auf der anderen Seite konnte sich das innerliche Erleben der Menschheitsgeheimnisse bei besonders dazu veranlagten Menschen entwickeln, wie diejenigen waren, die uns dargestellt werden sollten in den Hirten auf dem Felde. Da mußten die inneren Kräfte, die im Menschen sind, eine besondere Stufe erreichen. Dann wurde unmittelbare Anschauung, imaginative, instinktiv-imaginative Bilderwahrnehmung dasjenige, was in der Menschheitswelt geschah. So kündigte sich durch inneres Schauen für die armen Hirten auf dem Felde dasjenige an, was sich ihnen zusammenfaßte in den Verkündigungsspruch: «Es offenbart sich der Gott in den Himmelshöhen, und durch ihn kann sein der Friede bei allen Menschen, die eines guten Willens sind.»
[ 16 ] On the other hand, the inner experience of the mysteries of humanity was able to develop in people with a special predisposition, such as those who were to be represented to us as the shepherds in the field. For this to happen, the inner forces within the human being had to reach a particular level. Then direct perception—imaginative and instinctive-imaginative perception of images—became what took place in the human world. Thus, through inner vision, what was to come was revealed to the poor shepherds in the fields—a revelation summed up for them in the proclamation: “Glory to God in the highest, and on earth peace to those on whom his favor rests.”
[ 17 ] Es sprachen also die Weltengeheimnisse sowohl zum Innersten der armen Hirten auf dem Felde wie zu dem Äußersten, wozu sich menschliche Weisheit aufschwingen konnte in der damaligen Zeit; es sprachen die Weltengeheimnisse sowohl zu den Hirten wie zu den Magiern aus dem Morgenlande. Und es wurde verkündigt von zwei Seiten das große Mysterium des Erdenlebens.
[ 17 ] Thus the mysteries of the universe spoke both to the innermost depths of the poor shepherds in the fields and to the very limits of what human wisdom could attain at that time; the mysteries of the universe spoke both to the shepherds and to the Magi from the East. And the great mystery of earthly life was proclaimed from two sides.
[ 18 ] Was erlebten die Magier aus dem Morgenlande? Was wurde bei solchen Schülern besonders entwickelt dadurch, daß die Mathematik in ihre Seelenverfassung hereingebracht wurde, wenn diese Seelenverfassung schon eine besonders reife war? Sehen Sie, Kant sagt von den mathematischen Erkenntnissen, sie seien a priori. Mit dem a priori meint er: sie sind vor der äußeren, empirischen Erkenntnis, vor der Erfahrung errungen. Das ist eine Wortweisheit. Es ist gar nichts gesagt mit diesem a priori. Das Wort bekommt erst einen Sinn, wenn man aus der Geisteswissenschaft heraus darauf hinweisen kann, daß die Mathematik aus uns aufsteigt, daß sie etwas ist, das aus dem Inneren des Menschen in das menschliche Bewußtsein kommt. Und woher kommt sie? Nun, sie kommt aus den Erlebnissen, die wir vor der Empfängnis oder vor der Geburt in der geistigen Welt durchgemacht haben. Da lebten wir im großen, weiten Weltenall. Da erlebten wir dasjenige, was wir erleben konnten, bevor wir unsere Leibesaugen und Leibesohren hatten. Da erlebten wir a priori gegenüber dem Leben auf der Erde. Dasjenige, was da a priori erlebt wird, es steigt heute für unser Bewußtsein unbewußt aus dem Inneren herauf. Der Mensch weiß nicht, wenn er es nicht wie Novalis durch solch eine Ahnung erlebt, daß da aufsteigen die Erlebnisse von vor der Geburt oder Empfängnis, wenn er mathematisiert. Für denjenigen, der diese Dinge in der richtigen Weise anzuschauen vermag, ist allein schon das mathematische Erkennen ein Beweis dafür, daß er vor der Empfängnis in einer geistigen Welt da war. Für jene, denen das kein Beweis ist für ein vorgeburtliches Leben, für die besteht die andere Tatsache, daß sie eben nicht gründlich genug über die Erscheinungen des Lebens nachdenken, daß sie keine Ahnung haben von dem, was eigentlich der Ursprung des Mathematischen ist.
[ 18 ] What did the magicians from the Orient experience? What was particularly developed in such students by introducing mathematics into their state of mind, when that state of mind was already particularly mature? You see, Kant says that mathematical insights are a priori. By “a priori,” he means that they are attained prior to external, empirical knowledge, prior to experience. That is mere verbal wisdom. This term “a priori” says absolutely nothing. The word only takes on meaning when, from the perspective of spiritual science, one can point out that mathematics arises from within us, that it is something that comes from the innermost being of the human being into human consciousness. And where does it come from? Well, it comes from the experiences we went through in the spiritual world before conception or before birth. There we lived in the great, vast universe. There we experienced what we could experience before we had our physical eyes and ears. There we experienced things a priori in relation to life on Earth. What is experienced a priori there rises unconsciously from within into our consciousness today. Unless one experiences it, as Novalis did, through such an intuition—that the experiences from before birth or conception are rising up—one does not realize this when engaging in mathematics. For those who are able to view these things in the right way, mathematical insight alone is proof that they existed in a spiritual world before conception. For those for whom this is not proof of a pre-birth life, the other fact is that they simply do not reflect deeply enough on the phenomena of life, that they have no inkling of what the origin of mathematics actually is.
[ 19 ] Die Schüler der alten Mysterien, die in jener Weisheitsverfassung waren, wie sie sich als letzte Reste bei den Magiern aus dem Morgenlande erhalten hatte, bekamen einen deutlichen Eindruck davon: Wenn wir so die Sterne anschauen, daß wir sie durchdringen mit den mathematischen Linien, mit unserer Rechnung, dann breiten wir über die äußeren Raumesweiten dasjenige aus, worin wir gelebt haben vor unserer Geburt. Und so kam sich solch ein Schüler der heiligen Mysterien vor, daß er sich sagte: Jetzt lebe ich hier auf der Erde, schaue durch meine Augen hinaus in den Weltenraum, bemerke dasjenige, was räumlich um mich herum ist. Ich habe auch gelebt innerhalb dieser Erscheinungen des Weltenraumes vor meiner Geburt oder Empfängnis. Da habe ich selber gezählt von Stern zu Stern dasjenige, was ich mir jetzt hier nur nachbildlich vergegenwärtige durch Mathematik; da bin ich selber hingeeilt mit den inneren Kräften von Stern zu Stern; da lebte ich in dem, was ich jetzt nur konstruiere. Gegenwärtig wurde den Menschen dadurch alles, was sie erlebt hatten vor der Geburt oder Empfängnis. Daher nahmen sie es auch in einem heiligen Sinne auf. Daher wußten sie auch: es ist die geistige Welt, in die sie sich da einleben, es ist die Welt, in der sie gelebt haben, bevor sie die Erde betreten haben. Dieses Wissen um die Welt, die der Mensch durchlebt, bevor er die Erde betritt, war in einem letzten Rest bei den Magiern aus dem Morgenland vorhanden; durch das erkannten sie das Herannahen der Christus-Wesenheit.
[ 19 ] The students of the ancient mysteries, who were in that state of wisdom as it had been preserved in its final remnants among the magicians of the Orient, gained a clear impression of this: When we gaze at the stars in such a way that we penetrate them with mathematical lines, with our calculations, we spread out across the vast expanses of outer space that which we lived in before our birth. And so such a student of the sacred mysteries felt as though he were saying to himself: Now I live here on Earth, looking out through my eyes into the cosmos, perceiving what is spatially around me. I also lived within these manifestations of the cosmos before my birth or conception. Back then I myself counted from star to star what I now only visualize here symbolically through mathematics; back then I myself rushed with my inner forces from star to star; back then I lived within what I now only construct. Through this, everything they had experienced before birth or conception became present to them. That is why they also received it in a sacred sense. That is why they also knew: it is the spiritual world into which they are now entering; it is the world in which they had lived before they set foot on Earth. This knowledge of the world that a human being experiences before setting foot on Earth was still present, in its last vestiges, among the Magi of the East; through it, they recognized the approach of the Christ Being.
[ 20 ] Woher kam denn die Christus-Wesenheit? Sie kam ja aus jener Welt, die wir durchleben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, und vereinigte sich mit dem Leben, das wir durchleben zwischen Geburt und Tod. Diejenige Wissenschaft, die handelt von der Welt, die wir durchleben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, kann daher so etwas wie das Mysterium von Golgatha enthüllen. Auf dem Wege dieser Wissenschaft wurde also den Magiern verkündet das Mysterium von Golgatha, das Weihnachtsmysterium.
[ 20 ] Where, then, did the Christ-being come from? It came from that world we experience between death and a new birth, and united itself with the life we experience between birth and death. The science that deals with the world we experience between death and a new birth can therefore reveal something like the Mystery of Golgotha. It was through this science, then, that the Mystery of Golgotha—the Christmas Mystery—was revealed to the Magi.
[ 21 ] Indem der Mensch hier auf der Erde lebt und das entfaltet, was ihm seine Erkenntnisse bringen über die Umwelt, was die Impulse zu seinem Handeln, seinem sozialen Leben sind, erlebt er ja in sich unbewußt noch etwas anderes. Er weiß es nicht, aber geradeso wie er die Nachwirkungen seines vorgeburtlichen Lebens erlebt, erlebt er auch dasjenige, was dann durch die Pforte des Todes schreitet und der Inhalt des Lebens nach dem Tode wird. Das sind die Kräfte, die keimhaft schon vorhanden sind zwischen Geburt und Tod und die erst im nachtodlichen Leben sich zur vollen Blüte entfalten. Diese Kräfte wirkten mit einer großen Intensität im alten instinktiven Hellsehen; und sie wirkten im letzten Rest noch bei den armen Hirten auf dem Felde durch ihre besondere Frömmigkeit. In diesen Kräften leben wir ja insbesondere zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, wenn unsere Seele aus der Körperlichkeit draußen ist und im äußeren Raume lebt. Dann lebt sie auf solche Art, wie sie bewußt erst wiederum leben wird, wenn sie den äußeren physischen Leib abgelegt hat nach dem Tode. Diese Kräfte, die aus der Traumes-, aus der Schlafeswelt heraus in besonderen Zuständen in das Tagesleben eindringen können, waren da sehr regsam in dem alten instinktiven Hellsehen. Die armen Hirten erlebten diese Kräfte, und in ihnen enthüllte sich dasjenige, was ihnen, von einer anderen Seite als den drei Magiern, das Mysterium von Golgatha ankündigen konnte.
[ 21 ] As a person lives here on Earth and develops what his insights into the environment bring him—the impulses that guide his actions and his social life—he unconsciously experiences something else within himself. They are not aware of it, but just as they experience the aftereffects of their prenatal life, they also experience that which then passes through the gate of death and becomes the content of life after death. These are the forces that already exist in embryonic form between birth and death and that only unfold to their full bloom in the afterlife. These forces were at work with great intensity in ancient instinctive clairvoyance; and they were still at work, to the very last, in the poor shepherds in the fields through their special piety. We live in these forces especially between falling asleep and waking up, when our soul is outside the physical body and lives in outer space. Then it lives in the same way that it will live consciously again only after it has shed the outer physical body following death. These forces, which can penetrate into waking life from the world of dreams and sleep under certain conditions, were very active in ancient instinctive clairvoyance. The poor shepherds experienced these forces, and through them was revealed that which, from a different perspective than that of the three Magi, could herald the Mystery of Golgotha to them.
[ 22 ] Was erfährt man durch diejenigen Kräfte, die dem Menschen besonders eigen sind zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, wenn sie in dem Leben zwischen Geburt und Tod angefacht werden wie bei den Magiern aus dem Morgenlande? Man erfährt dasjenige, was außer dem Irdischen geschieht. Man wird von der Erde hinweggetragen in die Welt der Sterne, in der man ist zwischen dem 'Tod und einer neuen Geburt. Das war die Welt, in die eingeführt wurden die Magier aus dem Morgenlande, von der Erde weg in den Himmelsraum.
[ 22 ] What does one experience through those powers that are particularly inherent in human beings between death and a new birth, when they are kindled in the life between birth and death, as was the case with the magicians of the Orient? One experiences that which takes place beyond the earthly realm. One is carried away from the earth into the world of the stars, where one exists between ‘death and a new birth.’ This was the world into which the Magi from the East were led—away from the earth and into the heavens.
[ 23 ] Was erfährt man durch diejenigen Kräfte, die innerlich aufsteigen, besonders in der Traumeswelt, die überhaupt aus dem menschlichen Inneren kommen? Da erfährt man, was im Inneren der Erde geschieht. Da wirken vorzugsweise die tellurischen Kräfte, diejenigen Kräfte, die wir haben durch unseren Leib, durch das Wohnen in unserem Leibe. Die wirken besonders in demjenigen, was wir durchleben zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. Wir sind auch da in der äußeren Welt, aber vorzugsweise in jener äußeren Welt, die zur Erde gehört.
[ 23 ] What do we experience through those forces that rise up from within, especially in the world of dreams—forces that originate entirely from within the human being? Through them, we experience what is happening inside the Earth. It is primarily the telluric forces that are at work there—those forces we possess through our physical body, through our dwelling within it. These forces are particularly active in what we experience between falling asleep and waking up. We are also present in the outer world at that time, but primarily in that part of the outer world that belongs to the Earth.
[ 24 ] Sie werden sagen: Das ist ein Widerspruch gegenüber der Wahrheit, daß wir außerhalb unseres Leibes sind. — Das ist kein Widerspruch. Man nimmt immer nur das wahr, was man außerhalb hat; dasjenige, in dem man lebt, das nimmt man nicht wahr. Nur diejenigen Menschen, die über irgendwelche Gebiete besonders unwissend sind und ein reines Phrasenwissen entwickeln möchten, bringen es fertig, über solche Dinge leicht hinwegzugleiten mit Phrasen und etwa zu sagen: Es käme nicht darauf an, eine Geisteswissenschaft zu begründen mit einem Wissen, gewonnen außerhalb des Menschen, denn das Wichtige sei gerade, daß der Mensch zu dem äußeren Naturwissen ein Wissen durch das Innere bekäme. — Ja, mit einem solchen Phrasenschwall kann man heute Darmstädter Weisheitsschulen begründen, aber man bleibt doch eben bloß ein Phraseur, auch wenn man Weisheitsschulen begründet. Denn wenn man die Sache in der richtigen Weise versteht, kann man sogar sagen: Ja, man muß die Welt von innen beschreiben, um zum Übersinnlichen zu kommen; aber dann muß man ja erst ins Innere hineinkommen, und das, was dann äußerlich ist, das muß man betrachten aus dem Leibe heraußen, und man muß den Leib zurück betrachten. Die Keyserlingschen Reden von einem Betrachten von seelischen Gesichtspunkten aus wollen aber eigentlich nicht in das menschliche Innere hinein, sondern sie bedienen sich bloßer Phrasen. Daher ist es auch so: wenn wir in dem Zustand zwischen Einschlafen und Aufwachen sind, schauen wir zurück und empfinden gewissermaßen zurück in unseren Leib. Wir empfinden also dasjenige, worin unser Leib mit dem Irdischen zusammenhängt; er ist ja von der Erde. Die armen Hirten auf dem Felde empfanden eigentlich die Offenbarung der Erde aus ihrem Leibe, indem sie in einem traumhaften Zustande dasjenige, was geschah, als die Stimme des Engels wahrnahmen.
[ 24 ] You will say: It is a contradiction to the truth that we are outside our bodies. — That is no contradiction. One always perceives only what lies outside oneself; one does not perceive that in which one lives. Only those people who are particularly ignorant in certain areas and wish to develop a purely superficial knowledge of phrases manage to gloss over such things with platitudes and say, for example: It would not matter to found a spiritual science on knowledge gained outside of the human being, for what is important is precisely that the human being should acquire knowledge through the inner self in addition to external knowledge of nature. — Yes, with such a torrent of empty phrases one can found “Darmstadt schools of wisdom” today, but one remains nothing more than a mere phrase-monger, even when founding such schools. For if one understands the matter correctly, one can even say: Yes, one must describe the world from within in order to reach the supersensible; but then one must first enter into the inner world, and what is then external must be observed from outside the body, and one must look back at the body. Keyserling’s talk of “contemplation from a spiritual perspective,” however, does not actually seek to penetrate the human inner being; rather, it makes use of mere phrases. That is why it is also true that when we are in the state between falling asleep and waking up, we look back and, in a sense, feel our way back into our body. We thus perceive that which connects our body to the earthly realm; after all, it is of the earth. The poor shepherds in the field actually perceived the revelation of the earth from within their bodies, perceiving what was happening—the voice of the angel—in a dreamlike state.
[ 25 ] Und es entspricht das ganz dem Mysterium von Golgatha, daß von zwei Seiten her die Offenbarung gekommen ist: die der Magier aus der Himmelskunde, die der Hirten aus der Erdenoffenbarung. Denn ein himmlisches Wesen, ein Wesen, das bis dahin nicht zur Erde gehört hat, das kommt an. Das muß man also erkennen in seiner Ankunft aus der Himmelsweisheit heraus. Da lernt man erkennen, daß vom Himmel etwas heruntersteigt. — Hat man die Hirtenweisheit, so lernt man die Erde kennen; man empfindet sich hinein in das Weben und Leben der Erde, welches die Ankunft des Himmelswesens wahrnimmt. Es ist von der anderen Seite dieselbe Ankündigung. In wunderbarer Weise ist zusammengeflossen dasjenige, was als einheitliches Ereignis von zwei Seiten her den Menschen mitgeteilt wird.
[ 25 ] And it is entirely in keeping with the Mystery of Golgotha that the revelation came from two sides: that of the Magi from the knowledge of the heavens, and that of the shepherds from the revelation of the earth. For a heavenly being—a being that until then had not belonged to the earth—arrives. One must therefore recognize this arrival through heavenly wisdom. Then one learns to recognize that something is descending from heaven. — If one possesses the wisdom of the shepherds, one comes to know the earth; one feels oneself drawn into the weaving and life of the earth, which perceives the arrival of the heavenly being. It is the same announcement from the other side. In a wondrous way, what is communicated to humanity as a unified event from two sides has come together.
[ 26 ] Und wenn man nun sieht auf die Art und Weise, wie die Menschheit das Ereignis von Golgatha aufnahm, so muß man sagen: Es waren ja in dieser und in anderer Beziehung nur noch Reste der alten Weisheit vorhanden. Ich habe schon darauf hingedeutet, wie mit den Resten der alten Weisheit, mit einer gewissen Gnosis zunächst in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung das Mysterium von Golgatha verstanden worden ist. Dann versuchte man immer mehr und mehr mit dem bloßen verstandesmäßigen Zergliedern in das Ereignis von Golgatha einzudringen. Und im 19. Jahrhundert kam allmählich der Naturalismus auf diesem Bekenntnisgebiet herauf. Es wurde nichts mehr begriffen von dem übersinnlichen Inhalt des Ereignisses von Golgatha. Der Christus wurde zum bloßen naturalistisch aufgefaßten weisen Mann aus Nazareth. Es wurde eben notwendig eine neue, geistige Erfassung des Mysteriums von Golgatha. Man darf nicht verwechseln die Tatsache des Mysteriums von Golgatha mit der Art und Weise, wie die Menschen in ihrem Verständnis sich zu dieser Tatsache verhalten.
[ 26 ] And when one considers the way in which humanity received the event of Golgotha, one must say: In this and other respects, only remnants of the ancient wisdom remained. I have already pointed out how, in the first centuries of our era, the Mystery of Golgotha was understood through the remnants of the ancient wisdom and a certain form of gnosis. Then, people increasingly attempted to penetrate the event of Golgotha through mere intellectual analysis. And in the 19th century, naturalism gradually gained ground in this realm of faith. Nothing was understood anymore of the supersensible content of the event of Golgotha. Christ became merely a wise man from Nazareth, understood in naturalistic terms. A new, spiritual grasp of the Mystery of Golgotha had become necessary. One must not confuse the fact of the Mystery of Golgotha with the way in which people, in their understanding, relate to this fact.
[ 27 ] Nun, solche Seelenverfassung, wie sie die Hirten auf dem Felde hatten, wie sie die Magier aus dem Morgenland hatten, war ja in den letzten Resten vorhanden zur Zeit, als das Mysterium von Golgatha eintrat. Das hat sich alles in der Menschheitsentwickelung geändert. Die Dinge ändern sich und erleiden Metamorphosen.
[ 27 ] Well, that state of mind—such as the shepherds in the fields had, such as the Magi from the East had—was still present in its final remnants at the time the Mystery of Golgotha took place. All of that has changed in the course of human evolution. Things change and undergo metamorphoses.
[ 28 ] Was ist geworden aus der Magierweisheit aus dem Morgenlande? Es ist daraus geworden unsere Mathematik mit ihrer Himmelskunde. Die Magier hatten ein überirdisches Wissen, das im Grunde genommen ein grandioses Erinnern an das vorgeburtliche Leben war. Das ist bei uns zusammengeschrumpft und abgelähmt zu unserem mathematisch-mechanischen Himmelserfassen, wo wir auf die äußeren Erscheinungen nichts mehr anwenden als die Gesetze der Mathematik, der Mechanik. Was aus unserem Inneren heraufsteigt, gerade wenn wir auf das hinschauen, was uns als mathematische Astronomie geblieben ist, das ist die heutige Metamorphose desjenigen, was die Magier gehabt haben.
[ 28 ] What has become of the wisdom of the Magi from the Orient? It has become our mathematics with its astronomy. The Magi possessed a supernatural knowledge that was, in essence, a magnificent recollection of prenatal life. This has shrunk and become stunted in our culture into our mathematical-mechanical understanding of the heavens, where we apply nothing more to external phenomena than the laws of mathematics and mechanics. What rises up from within us—especially when we look at what remains to us as mathematical astronomy—is the present-day metamorphosis of what the Magi possessed.
[ 29 ] Und wenn wir auf dasjenige hinschauen, was unser äußeres Sinneswissen ist — bloßes Augenwahrnehmen, Ohrenwahrnehmen —, so ist es das veräußerlichte innere Wissen der Hirten auf dem Felde. Was den Hirten auf dem Felde noch die inneren Geheimnisse des Erdendaseins gegeben hat, das läßt uns kalt anschauen die äußere Welt in unserer naturwissenschaftlichen Beobachtung. Unsere naturwissenschaftliche Beobachtung ist die Tochter der Hirtenweisheit. Aber die Tochter schaut der Mutter sehr unähnlich aus. Und unsere Mathematik, die zur Himmelskunde wird, ist die Tochter der Magierweisheit. Die Menschheit mußte durch das hindurchgehen. Wenn unsere Naturforscher mit ihrem trockenen Forschen in den Laboratorien, in den Kliniken sitzen, haben sie ja nicht mehr viel Gemeinschaftliches mit den Hirten, aber es ist die gradlinige Metamorphose der Hirtenweisheit. Und unsere Mathematiker sind die in gradliniger Strömung gekommenen Nachfolger der Magier aus dem Morgenlande. Das Außerliche ist innerlich, das Innerliche ist äußerlich geworden. Und damit sind wir zunächst im Grunde genommen sehr abgekommen von dem Verständnis des Mysteriums von Golgatha; und dessen sollten wir uns bewußt werden. Ja, wir sind sehr abgekommen von diesem Verständnis. Vielleicht am meisten aber sind viele von denjenigen abgekommen vor diesem Verständnis, die sich im offiziellen Sinne heute die Prediger und Verkündiger des Christentums nennen.
[ 29 ] And when we look at what constitutes our external sensory knowledge—mere visual and auditory perception—it is the externalized inner knowledge of the shepherds in the field. What once revealed to the shepherds in the fields the inner mysteries of earthly existence is now what allows us to view the external world dispassionately through our scientific observation. Our scientific observation is the daughter of shepherds’ wisdom. But the daughter bears little resemblance to her mother. And our mathematics, which becomes astronomy, is the daughter of the wisdom of the magicians. Humanity had to go through this. When our natural scientists sit in their laboratories and clinics with their dry research, they no longer have much in common with the shepherds, yet this is the linear metamorphosis of shepherding wisdom. And our mathematicians are the successors of the magicians from the East, who have come in a linear stream. The external has become internal, and the internal has become external. And with that, we have, in essence, strayed very far from an understanding of the Mystery of Golgotha; and we should become aware of this. Yes, we have strayed very far from this understanding. Perhaps, however, those who have strayed the farthest from this understanding are many of those who, in the official sense, call themselves the preachers and proclaimers of Christianity today.
[ 30 ] Mit denjenigen Erkenntniskräften und Empfindungskräften und Glaubenskräften, die heute im Menschen spielen, ist auch das Ereignis von Golgatha in seiner wahren Wesenheit nicht mehr zu durchschauen. Es muß schon durchaus neu gefunden werden. Zur trockenen Mathematik, durch deren Bilder nur der Himmel noch angeschaut wird, ist dieMagierweisheit geworden; sie ist innerlich geworden. Das Innerliche muß sich wieder beleben. Es muß gewissermaßen das, was äußerlich ist, wiederum aufbauen von innen her.
[ 30 ] With the powers of cognition, sensation, and faith that are at work in human beings today, it is no longer possible to grasp the true essence of the event at Golgotha. It must be rediscovered anew. Magical wisdom has become like dry mathematics, through whose images only the heavens are still beheld; it has become an inner reality. The inner realm must be revitalized. It must, so to speak, rebuild what is external from within.
[ 31 ] Versuchen Sie jetzt, von diesem Gesichtspunkte aus zu verstehen den Inhalt eines solchen Buches, wie es meine «Geheimwissenschaft im Umriß» ist. Die Magier überschauten die Sternenwelten; sie sahen in den Sternenwelten das Geistige, weil sie in das menschliche Erleben vor der Geburt hineinschauen konnten. Das ist abstrakt geworden in unserer Mathematik. Aber dieselben Kräfte, die unsere Mathematik entwickelt, können wiederum verlebendigt werden, verintensiviert werden im imaginativen Anschauen. Dann gebiert sich aus unserem Inneren eine Welt, die wir nun wiederum, obwohl wir sie aus dem Inneren heraus schaffen, als die äußere Welt anschauen, die uns nun wiederum wie Saturn, Sonne, Mond, Erde, Jupiter, Venus, Vulkan ist. Wir sehen den Himmel durch innere Anschauung, wie die Weisen aus dem Morgenlande durch äußere Anschauung die Geheimnisse des Mysteriums von Golgatha wahrgenommen haben. Das Äußere ist innerlich geworden, ist bis zur Abstraktheit der Mathematik gekommen; also muß das Innerliche wiederum erweitert werden zum äußerlichen Weltenall, indem uns wiederum das innerliche Anschauen zu einer neuen Astronomie, zu einer innerlich erlebten Astronomie führt.
[ 31 ] Now try, from this perspective, to understand the content of a book such as my *Outline of Esoteric Science*. The magicians surveyed the stellar realms; they saw the spiritual in the stellar realms because they were able to look into human experience before birth. This has become abstract in our mathematics. But the very forces that develop our mathematics can in turn be brought to life and intensified through imaginative contemplation. Then a world is born from within us, which we now, although we create it from within, regard as the outer world—a world that is to us, in turn, like Saturn, the Sun, the Moon, the Earth, Jupiter, Venus, and Vulcan. We see the heavens through inner contemplation, just as the Magi from the East perceived the secrets of the Mystery of Golgotha through outer contemplation. The external has become internal, has reached the abstract realm of mathematics; thus, the inner world must in turn be expanded into the external universe, as inner contemplation leads us once more to a new astronomy—an astronomy experienced from within.
[ 32 ] Nur durch eine solche Hinwendung zu einem neuen Christus-Verständnis erfüllen wir heute mit einem gewissen Sinn dasjenige, was das Weihnachtsfest ist. Hat denn für die meisten Menschen heute das Weihnachtsfest noch einen besonderen Sinn? Es ist eine sehr schöne Sitte geworden, die noch nicht sehr alt ist, kaum hundertfünfzig Jahre alt, den Weihnachtsbaum zum Symbol des Weihnachtsfestes zu machen. Der Weihnachtsbaum ist ja erst im 19. Jahrhundert heraufgekommen. Was ist er? Man kann sich anstrengen, den Sinn des Weihnachtsbaumes zu finden. Gerade wenn man sich anstrengt und wenn man weiß, wie der Weihnachtsbaum allmählich erwachsen ist, wie er aus dem kleinen Zweige, den zuerst der Knecht Ruprecht, der Nikolaus, zum 6. Dezember in seinem Arme trug, zum Weihnachtsbaum ausgewachsen ist, gerade wenn man die Geschichte des Weihnachtsbaumes verfolgt, kommt man darauf, wie der Weihnachtsbaum doch wieder mit dem Paradiesesbaum unmittelbar etwas zu tun hat. Das menschliche Bewußtsein lenkt sich zum Paradiesesbaum, zu Adam und Eva hin. Was heißt das? Es ist die eine Seite, wie in unserer Zeit das Mysterium von Golgatha wieder verkündet wird.
[ 32 ] Only by turning toward a new understanding of Christ can we today truly give meaning to what Christmas is all about. Does Christmas still hold a special meaning for most people today? It has become a very beautiful custom—one that is not very old, barely 150 years old—to make the Christmas tree a symbol of Christmas. The Christmas tree, after all, did not emerge until the 19th century. What is it? One can try hard to find the meaning of the Christmas tree. Precisely when one makes this effort—and when one knows how the Christmas tree gradually came into being, how it grew from the small twig that St. Nicholas first carried in his arms on December 6 into the Christmas tree—precisely when one traces the history of the Christmas tree, one realizes how the Christmas tree is, after all, directly connected to the Tree of Paradise. Human consciousness turns toward the Tree of Paradise, toward Adam and Eve. What does this mean? It is one aspect of how the Mystery of Golgotha is proclaimed anew in our time.
[ 33 ] Man wendet sich vom Mysterium von Golgatha zurück zur Welterschaffung, zu dem Ausgangspunkte der Welt. Man begreift nicht den Sinn der Welterlösung und wendet sich wiederum zum weltschaffenden Gott. Das drückt sich darin aus, daß allmählich verschwindet das eigentliche Weihnachtssymbol, das Krippensymbol, das so großartig da war noch in den Weihnachtsspielen der früheren Jahrhunderte, und indem heraufkommt der Weihnachtsbaum, der eigentlich der Paradiesesbaum ist. Die alte Jahve-Religion trat wiederum an die Stelle der Christus-Religion, und der Weihnachtsbaum ist das Symbolum für dieses Heraufkommen der Jahve-Religion. Nur tritt diese Jahve-Religion vervielfacht auf bei den Menschen. Denn Jahve ist als der Einheitliche mit Recht verehrt worden in einer Zeit, als sein Volk sich eben als das Einheitsvolk fühlte, das nicht über seine Grenzen hinaus sah und in der Erwartung war, daß es einmal ganz die Erde erfüllen würde.
[ 33 ] One turns away from the mystery of Golgotha and back to the creation of the world, to the world’s origins. People do not understand the meaning of the world’s redemption and turn once again to the God who created the world. This is expressed in the fact that the true symbol of Christmas—the nativity scene, which was so magnificently present in the Christmas plays of earlier centuries—gradually disappears, and in its place emerges the Christmas tree, which is actually the tree of Paradise. The ancient religion of Yahweh has once again taken the place of the religion of Christ, and the Christmas tree is the symbol of this resurgence of the religion of Yahweh. However, this religion of Yahweh manifests itself in many different forms among people. For Yahweh was rightly worshiped as the One and Only at a time when his people saw themselves precisely as the unified people, who did not look beyond their own borders and expected that one day they would fill the entire earth.
[ 34 ] In unserer Zeit reden die Leute vom Christus Jesus und verehren nur den Jahve. Denn in den einzelnen Nationalitäten, das hat sich besonders im Kriege gezeigt, wurde zwar von Christus gesprochen; es war aber nur der ursprüngliche Gott, der in der Vererbung, in der Natur lebende Gott Jahve. Der Weihnachtsbaum auf der einen Seite, die Nationalgötter, die nicht bis zum Christlichen hinaufkamen, auf der anderen Seite waren das, wodurch die Menschen von der Erfassung des Mysteriums von Golgatha zu der Erfassung einer viel früheren Zeit zurückkehrten. In der Geltendmachung des Nationalitätenprinzips, in der Verkündigung, daß die einzelnen Völker ihren Göttern folgen, ist ein Rückschritt vorhanden in die alte Jahve-Religion. Den Christus verleugnen am meisten diejenigen, die ihn in irgendeiner nationalen Form anbeten wollen.
[ 34 ] In our time, people speak of Christ Jesus but worship only Yahweh. For among the various nationalities—as was particularly evident during the war—people did indeed speak of Christ; yet it was only the original God, the God Yahweh who lives in heredity and in nature. The Christmas tree on the one hand, and the national gods—who did not rise to the level of Christianity—on the other, were the factors that caused people to turn away from grasping the mystery of Golgotha and return to a much earlier time. In the assertion of the principle of nationality—in the proclamation that individual peoples follow their own gods—there is a regression to the old religion of Yahweh. Those who wish to worship Christ in some national form are the ones who deny him the most.
[ 35 ] Sehen Sie, was man berücksichtigen muß, das ist, daß in jeder Art von Verkündigung, in der Hirtenverkündigung und in der Magierverkündigung, etwas ganz allgemein Menschliches gegeben ist; denn die Erde ist allen Menschen gemeinschaftlich. Und indem die Hirten die Erdenverkündigung bekommen haben, haben sie eine Verkündigung bekommen, die nicht volksmäßig verschieden sein kann, die nicht volksmäßig sich differenzieren kann. Und indem die Magier die große Sonnen-, die Himmelsverkündigung bekommen haben, haben auch sie ein allgemein Menschliches empfangen. Denn wenn die Sonne zuerst auf dem Territorium des einen Volkes geschienen hat, dann scheint sie auch im Territorium des anderen. Der Himmel ist allen gemeinschaftlich, die Erde ist allen gemeinschaftlich. Das ganz allgemein Menschliche wird mit dem Christentum in der Menschheit rege. Darauf weist auch jene Weihnachtsdarstellung hin, die sich in der zweifachen Verkündigung darstellt. Solche Dinge, die für eine ganz andere Seelenverfassung voll verständlich waren, werden heute erst wiederum verständlich durch die Geisteswissenschaft.
[ 35 ] You see, what must be taken into account is that in every kind of proclamation—whether the proclamation to the shepherds or the proclamation to the Magi—there is something that is universally human; for the earth belongs to all people in common. And in that the shepherds received the earthly proclamation, they received a proclamation that cannot differ from one people to another, that cannot be differentiated by people. And in that the Magi received the great solar, the heavenly proclamation, they, too, received something universally human. For if the sun first shone upon the territory of one people, it also shines upon the territory of another. The heavens belong to all, the earth belongs to all. What is universally human comes to life within humanity through Christianity. This is also indicated by that Christmas narrative, which is expressed in the twofold proclamation. Such things, which were fully comprehensible to a very different state of soul, are only becoming comprehensible again today through spiritual science.
[ 36 ] Und wie wird diese Geisteswissenschaft behandelt? — Ja, sie wird sehr sonderbar behandelt gerade von denjenigen, welche sich offizielle Vertreter des Christentums nennen. Es sind gewiß auch eine Anzahl unter Ihnen, welche jene Gruppe in Dornach gesehen haben, mit der Christus-Figur in der Mitte, die am Ostende des Dornacher Goetheanums stehen soll. Sie wissen, wenn ich diese Christus-Figur erkläre, so erkläre ich, wie oben ein ideales Antlitz des Menschen ist, wie es mir erscheint als das wirkliche Antlitz des Christus. Diejenigen, welche die Figur gesehen haben, werden sich erinnern, daß es ein rein menschliches, idealisiertes Angesicht ist. Jetzt ist die Figur etwas weiter gediehen in der letzten Zeit, aber sie war, solange sie gezeigt wurde, bis zur Mitte unten ein Holzklotz, wie ihn die Arbeiter gemacht haben. Denn unten wird namentlich der Wille im Schreiten sich auszudrücken haben. Diese Figur ist umgeben oben von zwei luziferischen Gestalten, die abgesondert sind von der Christus-Gestalt, und unten von zwei ahrimanischen Gestalten. — Nun gibt es einen gewissen Missionsprediger, der den Namen Frohnmeyer trägt. Der hat ein Büchelchen erscheinen lassen über die Theosophie. Das behandelt auch in ganz äußerlicher Weise die Anthroposophie. Da steht — und nicht, als ob dem Manne das irgend jemand gesagt hätte, sondern als ob er selber dagewesen wäre und es sich angesehen hätte —, da steht in dieser Schrift: In Dornach soll ein Christus dargestellt werden, welcher oben luziferische Züge trägt und unten tierische Merkmale.
[ 36 ] And how is this spiritual science treated? — Yes, it is treated in a very peculiar way, especially by those who call themselves official representatives of Christianity. There are certainly also a number among you who have seen that group in Dornach, with the Christ figure in the center, which is to stand at the eastern end of the Dornach Goetheanum. You know that when I explain this Christ figure, I explain how it represents an ideal human face, as it appears to me to be the true face of Christ. Those who have seen the figure will recall that it is a purely human, idealized face. The figure has progressed somewhat further in recent times, but as long as it was on display, it was, down to the middle of the lower part, a block of wood just as the workers had made it. For it is particularly the will that must express itself in the lower part as the figure strides forward. This figure is flanked at the top by two Luciferic figures, which are separate from the Christ figure, and at the bottom by two Ahrimanic figures. — Now there is a certain missionary preacher named Frohnmeyer. He has published a little book on theosophy. It also deals with anthroposophy in a very superficial way. It says there—and not as if someone had told the man this, but as if he himself had been there and had seen it—it says in this writing: In Dornach, a Christ is to be depicted who bears Luciferic traits at the top and animalistic characteristics at the bottom.
[ 37 ] Ich habe oftmals die Erzählung gehört, daß man in einer ganz besonderen Weise abends manchmal seinen Seelenzustand prüfen kann, indem man, wenn man nach Hause kommt, sich ins Bett legt und den Zylinder auf die Bettdecke legt. Ist der Zylinder einfach vorhanden, so ist man nüchtern, ist er doppelt vorhanden, so ist man entschieden betrunken. — Nun, wer in Dornach die Christus-Figur oben mit luziferischen Zügen sieht und unten mit tierischen Merkmalen, der war gewiß in der Lage eines Mannes, der zwei Zylinderhüte sieht, wenn er einen auf die Bettdecke gelegt hat.
[ 37 ] I have often heard the story that one can sometimes examine one’s state of mind in a very special way in the evening by lying down in bed upon returning home and placing one’s top hat on the bedspread. If the top hat is simply there, one is sober; if there are two of them, one is definitely drunk. — Now, anyone in Dornach who sees the figure of Christ with Luciferic features at the top and animalistic characteristics at the bottom was certainly in the same situation as a man who sees two top hats when he has placed one on the bedspread.
[ 38 ] Die Sache hat einen sehr ernsthaften Hintergrund, denn das schreibt ein Mensch, welcher ein christlicher Missionsprediger ist. Das erscheint in einer Schrift, in der andere Sachen stehen von gleichem Wahrheitsgehalt. Der Mann wurde vor einiger Zeit von einer theologischen Fakultät zum Dr. theol. gemacht. Der Mann lehrt an einer theologischen Fakultät, wo er als Dozent eingeschrieben ist. Sie können sich vorstellen, von welchem Wahrheitsgehalt die Lehre eines Menschen durchdrungen sein kann, der ein solches Verhältnis zur Wahrheit hat und der behauptet, er hätte das gesehen, was er da beschreibt.
[ 38 ] There is a very serious underlying issue here, because this is written by a Christian missionary preacher. It appears in a text that contains other statements of equal truthfulness. Some time ago, this man was awarded the degree of Dr. theol. by a theological faculty. He teaches at a theological faculty, where he is registered as a lecturer. You can imagine the degree of truth that might permeate the teachings of someone who has such a relationship with the truth and who claims to have witnessed what he describes here.
[ 39 ] So steht es heute mit der Wahrhaftigkeit derjenigen, die offiziell das Christentum vertreten wollen. Ich frage Sie: Beweisen nicht gerade diese christlichen, das heißt antichristlichen Vertreter — antichristlich wegen ihres unwahrhaftigen, verlogenen Sinnes — die Notwendigkeit einer Erneuerung des Christentums? Sind diese Leute nicht der lebendige Beweis dafür, daß das Christentum einer Erneuerung bedarf? Vielleicht ist es auch aus diesem Grunde heraus am meisten begreifbar, warum man an diesen Leuten die schärfsten Feinde hat: weil herauskommen soll, was für Christen diese Menschen sind! Das wollen sie natürlich nicht. Sie wollen weiter im trüben fischen, wollen ihre Verleumdungen und Unwahrheiten überall verkündigen und dann selber als Leuchten des Christentums dastehen.
[ 39 ] Such is the state of affairs today regarding the truthfulness of those who claim to officially represent Christianity. I ask you: Do not these very Christian—that is, anti-Christian—representatives—anti-Christian because of their insincere, deceitful nature—prove the necessity of a renewal of Christianity? Are these people not living proof that Christianity needs renewal? Perhaps this is also the most understandable reason why these people are our fiercest enemies: because the truth about what kind of Christians they really are is meant to come to light! Of course, they do not want that. They want to continue fishing in troubled waters, want to spread their slanders and falsehoods everywhere, and then present themselves as beacons of Christianity.
[ 40 ] Das sollen wir uns heute ins Herz schreiben: Wir haben nötig, wenn wir an das Weihnachtsmysterium denken, tatsächlich auf eine Geburt hinzuschauen. Wir haben nicht bloß zu schwätzen über das Weihnachtsfest und auch nicht bloß zu schwätzen in unserer Empfindung, sondern wir haben hinzuschauen auf etwas, was in unserer Zeit neu geboren werden muß. Das wahre Christentum, wahrhaftig, es muß neu geboren werden. Wir brauchen ein Weltenweihnachtsfest. Geisteswissenschaft will sein dasjenige, was ein Weltenweihnachtsfest unter den Menschen in der richtigen Weise vorbereitet.
[ 40 ] We should take this to heart today: When we reflect on the mystery of Christmas, we need to truly focus on a birth. We must not merely talk about Christmas, nor merely talk about it in our feelings, but we must look toward something that must be reborn in our time. True Christianity—truly—must be reborn. We need a universal Christmas celebration. Spiritual science aims to be that which properly prepares a universal Christmas celebration among humanity.
