Perspektiven der Menschheitsentwickelung
Der materialistische Erkenntnisimpuls und die Aufgabe der Anthroposophie
GA 116
22 April 1921, Dornach
Siebenter Vortrag
[ 1 ] Eine zukünftige Geschichtsschreibung wird diese Tage als zu den wichtigsten der europäischen Geschichte gehörig verzeichnen; denn es ist ja heute bekanntgeworden, wie von Mitteleuropa aus der Verzicht geleistet wird auf einen eigenen europäischen Willen. Es wird sich zeigen, in welcher Weise sich die Dinge in den nächsten Tagen weiter entwickeln, aber wie immer auch das geschehen mag, es ist ja schließlich ein Akt, der viel mehr als diejenigen, die in unserer katastrophalen Zeit ihm vorangegangen sind, zusammenhängt mit menschlicher Willensentschließung, mit jener menschlichen Willensentschließung, die im vollen Sinne aus den Niedergangskräften der europäischen Zivilisation heraus erfolgte. An einem solchen Tage kann man zurückerinnert werden an diejenigen Zeiten, von denen ja alles das ausgegangen ist innerhalb der europäischen Zivilisation, was ich in den letzten Wochen hier seiner Herkunft nach geschildert habe, was gewissermaßen seinen Ausgangspunkt hat in dem von der Geschichte so oberflächlich Geschilderten, aber in die Zivilisation der Menschheit tief Eingreifenden des 4. nachchristlichen Jahrhunderts.
[ 2 ] Wir haben ja diese Ereignisse nach gewissen Seiten hin charakterisiert. Wir haben charakterisiert, wie vom 4. nachchristlichen Jahrhundert ab eigentlich dasjenige, was man den total juristischen Geist nennen kann, in kirchliche und weltliche Zivilisation des Abendlandes einzieht und dann immer intensiver und intensiver wird. Wir haben dann hingedeutet, aus welchen Quellen diese Dinge hervorgegangen sind, und wir haben ja auch schon früher darauf aufmerksam gemacht, wie in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Menschheit der modernen Zivilisation eine Krisis durchmacht, die zwar weniger bemerkt wird, die aber sogar, wie wir vor einigen Wochen hier gesehen haben, anatomisch-physiologisch beschrieben werden kann. Unter dem Einfluß desjenigen, was in der Mitte des — 19. Jahrhunderts sich vollzogen hat, steht ja dann alles dasjenige, was sich abgespielt hat in der zweiten Hälfte, namentlich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und was dann ausgelaufen ist in die unglückseligen beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts.
[ 3 ] Eben der heutige Tag gibt Veranlassung, diese Betrachtungen, die wir hier in diesen Tagen nun pflegen wollen, einzuleiten in der ja schon öfters gepflogenen, aber vielleicht gerade von dem Gesichtspunkte, den ich heute einnehmen will, besonders wichtigen Weise mit der Betrachtung einer Persönlichkeit, welche in einer ganz intensiven Weise, man möchte sagen, halb als Zuschauer, halb als tragische Persönlichkeit, welche durch die Ereignisse geht, miterlebt hat, was da an Absterbekräften innerhalb der europäischen Zivilisation im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts vorhanden war. Ich meine Friedrich Nietzsche.
[ 4 ] Nicht um irgendwie die Persönlichkeit Nietzsches als solche etwa biographisch zu betrachten, wollen wir heute unseren Gesichtspunkt einnehmen, sondern um an Nietzsche einiges zu zeigen aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Sein Wirken fällt ja ganz und gar in dieses letzte Drittel des 19. Jahrhunderts hinein. Er ist diejenige Persönlichkeit, die, ich möchte sagen, mit feinvibrierenden Nerven mitgemacht hat alles dasjenige, was im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts an geistigen Strömungen über Europa hinweggezogen ist, und er ist diejenige Persönlichkeit, die in der tragischsten Weise gelitten hat an diesen Strömungen, die in der schrecklichsten Weise mitempfunden hat die Niedergangskräfte, welche in diesen Strömungen drinnenliegen, und die ja an dieser Tragik, an diesen Schrecknissen zuletzt zerbrochen ist.
[ 5 ] Man kann natürlich die verschiedensten Linien zu dem Bilde ziehen, welches wir da im Auge haben. Es sollen heute einige von diesen Linien gezogen werden. Aus einem mitteldeutschen Pfarrhause stammt Friedrich Nietzsche. Er hat um sich damit von Kindheit auf dasjenige, was bezeichnet werden kann mit der neuzeitlichen Kulturenge, Zivilisationsenge. Er hat um sich alles das, was sich philiströs-sentimental gibt, was zu gleicher Zeit selbstzufrieden, hochmütig ist und trivial-genügsam. Selbstzufrieden, hochmütig aus dem Grunde, weil es glaubt, in leichtgeschürzten Empfindungen die Unsumme der Weltengeheimnisse in sich zu tragen, trivial-genügsam, weil diese Empfindungen nun wahrhaft die alleralltäglichsten sind, die eindringen in die philiströse Sentimentalität aus dem Allerallermenschlichsten und die so gewertet werden in der philiströsen Sentimentalität, als wenn sie das wären, was der Gott in der Menschenbrust spricht.
[ 6 ] Aus dieser Zivilisationsenge ist Nietzsche hervorgegangen und er hat als junger Mann alles das aufgenommen, was derjenige aufnehmen kann, der, man möchte sagen, als zeiten- und weltenfremder Jüngling durchgeht durch die Gymnasialbildung der Gegenwart. Er hat ahnen können durch die Gymnasialphilistrosität die Größe des Griechentums. Er ging ja schon in frühesten Jünglingsjahren mit vollem Herzen hinein in alles das, was ausströmt aus der griechischen Tragik eines Sophokles oder Äschylos, er erfüllte sich mit alledem, was aus dem griechischen Vollmenschentum hinaufstrebt zu einer gewissen Erfassung des geistig-physischen Welterlebens, und er wollte als Vollmensch mit allem Denken, Fühlen und Wollen drinnenstehen in diesem Erleben des totalen Weltganzen, von dem der Mensch sich fühlen kann als ein einzelner Teil, als ein einzelnes Glied. Und es mag wohl immer wieder und wiederum vor der Seele des Jünglings Friedrich Nietzsche jener große Kontrast gestanden haben zwischen dem, was eben in philiströser Sentimentalität und engherziger, trivialer Selbstzufriedenheit die Mehrzahl der modernen Menschen Realität nennt auf der einen Seite und dem Hoheitsstreben der griechischen Tragiker und Philosophen der älteren griechischen Zeit auf der anderen. Gewiß pendelte seine Seele hin und her zwischen dieser philiströsen Realität und diesem über alles trivial-menschliche Maß hinausgehenden Hoheitsstreben des griechischen Geistes. Und als er dann eintrat in die Sphäre moderner Gelehrsamkeit, da ödete ihn besonders an die Geist- und Kunstlosigkeit dieser modernen Gelehrsamkeit, das bloß intellektualistische Treiben. Seine geliebten Griechen, an denen er das Hoheitsstreben am intensivsten empfunden hatte, waren ihm durch die moderne Wissenschaft in philologisch-formale Trivialitäten gegossen. Er mußte sich herausfinden aus diesen philologisch-formalen Trivialitäten, und so faßte er denn seine gründliche Antipathie gegen denjenigen Geist, den er als den Ursprungsgeist des neuzeitlichen Intellektualismus auffaßte: er wurde ergriffen von einer tiefen Antipathie gegen Sokrates und alles sokratische Streben.
[ 7 ] Gewiß, es gibt ja die großartigen, guten Seiten des Sokrates, es gibt alles das, was man in intensiver Weise an Sokrates lernen kann. Aber da ist auf der einen Seite Sokrates, wie er einstmals innerhalb der Griechenwelt stand, und da ist der Sokrates, das Schauergespenst, welches durch die Schilderung der modernen Gymnasiallehrer und Universitätsphilosophen geht. Wen konnte denn schließlich der junge Nietzsche kennenlernen, indem er zunächst seine Umgebung betrachtete? — Doch nur das Schauergespenst Sokrates! Und so faßte er denn seine Antipathie gegen diesen Sokrates aus dem, was durch den Sokratismus innerhalb dieser europäischen Zivilisation heraufgezogen ist. So sah er in Sokrates den Abtöter des Vollmenschentums, das in der vorsokratischen Zeit künstlerisch und philosophisch durch die europäische Zivilisation hindurchgeströmt ist, und so erschien ihm zuletzt eine philiströs gewordene, öde gewordene Wirklichkeit als dasjenige, was auf dem Grunde des Daseins die Welt überschaut, und aus dem sich herausarbeiten muß, was als Hoheitsstreben hinauf will zu den geistigen Sphären des Daseins.
[ 8 ] Das letztere konnte er nicht sehen in irgend etwas, was hervorgebrochen wäre etwa aus dem Erkenntnisstreben; er konnte es nur sehen in dem, was hervorgebrochen ist in demjenigen Streben, das künstlerischen Charakter angenommen hat. Es durchglänzte ihm die Philisteratmosphäre, zu der der Sokratismus endlich geworden war, das, was vom alten Griechentum herüber als tragische Kunst auch heraufgekommen war. Er sah es gewissermaßen wiedergeboren werden Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre in dem, was Richard Wagner als Tragödie aus dem Geiste der Musik erschaffen wollte. Er sah in diesem Musikdrama, das da geschaffen werden sollte, etwas, was mit Ignorierung des Sokratismus unmittelbar anknüpfte an die erste griechische Vollmenschenzeit, und vor seiner Seele standen die zwei Kunstrichtungen: auf der einen Seite die dionysisch-orgiastische, die aus unergründlichen Tiefen herauf den Vollmenschen hereinsaugen will in die Welt, und auf der anderen Seite jene andere Richtung, welche nach und nach in Europa so abgekehrt worden ist, daß sie allen Glanz verloren hat und so verfallen ist in die absolute geistige Sklerose des modernen Gelehrtentums: die apollinische Richtung. Und er strebte nach einer neuen dionysischen Kunst. Das durchweht sein erstes Werk: «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik.» Und er mußte ja sogleich sehen, wie der typische Philister losgezogen ist gegen das, was aus einer von Phantasie beflügelten Erkenntnis, aus einer von Erkenntnis getragenen Phantasie sich ausgesprochen hat in diesem Buche «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik». Sogleich machte der Urphilister der modernen Zivilisation mobil, Wilamowitz, der dann die Leuchte der Berliner Universität geworden ist, der die griechischen Tragiker in ein modernes triviales Gewand gekleidet hat, das dann unendlich bewundert worden ist von all denjenigen, die ebenso tief eingedrungen sind in das griechische Wort, wie sie fernestehen dem griechischen Geiste. Es fand sogleich jener Zusammenstoß statt zwischen dem, was vom Geiste getragen hinein wollte in das erkenntnisgemäß Künstlerische und dem, was sich nicht wohlfühlt innerhalb dieses phantasievollen Geistes der Erkenntnis, innerhalb dieser geistgetragenen Erkenntnis, und was heraus sich flüchtet in die philiströse Pedanterie. |
[ 9 ] All das, was Nietzsches Seele an diesem Gegensatze erleben konnte, all das ließ er ja dann ausströmen im Beginn der siebziger Jahre in seine vier sogenannten «Unzeitgemäßen Betrachtungen». Die erste dieser Betrachtungen war gewidmet dem eigentlichen Bildungsphilister der modernen Zeit. Man muß diese «Unzeitgemäßen Betrachtungen» nur im rechten Lichte sehen. Es sollten gewiß nicht die einzelnen Persönlichkeiten damit getroffen werden. Es sollte zum Beispiel in der ersten Unzeitgemäßen Betrachtung gewiß nicht der sonst ja ganz brave und wackere David Strauß als Persönlichkeit getroffen werden, sondern er sollte gefaßt werden als der Typus des modernen Bildungsphilisteriums, welches so unendlich zufrieden ist mit dem, was in diesem modernen Leben an Trivialitäten sich entwickelt. Wir erleben es ja wieder und immer wieder, denn die Dinge haben sich ja im Grunde genommen seit jenen Zeiten nicht gebessert, sondern gesteigert.
[ 10 ] Es ist ungefähr das gleiche Erlebnis, das man hat, wenn versucht wird, aus den geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus ein Weltbegreifen zu geben. Dann kommen allerlei Leute und sagen: Ja, das mag ja alles richtig sein, was da gesagt wird über einen Ätherleib, über einen Astralleib, über eine geistige Entwickelung; aber wenn das alles auch richtig ist, man kann es nicht beweisen. Aber beweisen kann man eines: zwei mal zwei ist vier. Und man muß vor allen Dingen sich auseinandersetzen darüber, wie denn diese unbeweisbare Geisteswissenschaft steht zu der sicheren Wahrheit: zwei mal zwei ist vier. — Das ungefähr hört man ja heute in allen Tonarten — wenn auch nicht gerade in dieser radikalen Abschattierung —, daß ja doch einzuwenden ist gegen alles, was über Seelen- und Geisteslande gesagt wird: Zwei mal zwei ist vier! — Als ob irgend jemand bezweifeln würde, daß zwei mal zwei vier ist!
[ 11 ] Das Bildungsphilisterium der modernen Zeit wollte Friedrich Nietzsche treffen, indem er seinen Typus, den David Friedrich Strauß, den Verfasser des «Alten und Neuen Glaubens», dieses urphiliströsen Buches, schilderte. Und dann wollte er zeigen, wie öde es um die moderne Geistigkeit eigentlich geworden ist. Man braucht sich ja nur zurückzuerinnern an wichtige Tatsachen, um zu zeigen, wie öde es um diese moderne Geistigkeit geworden ist. Man braucht sich nur zurückzuerinnern, wie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch in einem gewissen Sinne Feuergeister da waren, wie zum Beispiel jener Rotteck, der die Geschichte, wenn auch in einseitig freisinniger Weise, dennoch mit einer gewissen Feuergeistigkeit vortrug. Man braucht sich nur daran zu erinnern, wie in Rottecks «Geschichte» überall etwas lebt von einem, ich möchte sagen, wenn auch etwas ausgetrocknetem, so doch ausgetrocknetem Vollmenschen, der in das ganze Erdenleben der Menschheitsentwickelung wenigstens so viel Geistigkeit hineinbringen wollte, als in ihr Vernünftigkeit ist. Und man braucht nur dagegenzustellen diejenigen Menschen, die dann auftraten und sagten: Ach was, Staatsverfassung, Menschheitszustände aus der Vernunft heraus konstruieren zu wollen, das ist ja doch nichts. Man muß die alten Zeiten studieren, man muß sich in die Geschichte vertiefen, man muß sehen, wie alles verlaufen ist und sich darnach richten, um die Gegenwart einzurichten.
[ 12 ] Das ist ja der Geist, der zuletzt auch in der Nationalökonomie und Volkswirtschaftslehre etwa durch einen Lxj/o Brentano seine öden Früchte getragen hat, der Geist, der nur hinblicken wollte auf die Historie, der also eigentlich glaubte, daß nur in alten Zeiten irgend etwas Produktives in die Menschheitsentwickelung hineingebracht werden konnte, daß man gegenwärtig aber eigentlich das Innere der menschlichen Wesenheit aushöhlen müsse und es ganz wie einen Sack vollpfropfen müsse mit dem, was man aus der Historie gewinnen kann, damit dann dieser moderne Mensch zwar noch Haut und allenfalls ein bißchen etwas von dem, was unter der Haut liegt, habe, aber dann unterhalb dieses Bißchens ganz vollgepfropft ist mit dem, was alte Zeiten hervorgebracht haben, so daß er altes Griechentum, altes Germanentum und so weiter von sich geben kann. An eine Produktivität, an ein Selbsterfülltsein der menschlichen Seele in der Gegenwart, an das dachte man nicht und wollte man nicht glauben. Historie wurde die Losung der Zeit. Das ekelte den Nietzsche der siebziger Jahre an und er schrieb sein Buch: «Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben», wo er andeutete, wie der moderne Mensch unter der Historie erstickt. Und er forderte, daß man wiederum zur Produktivität komme.
[ 13 ] Es lag noch der Geist des Künstlerischen in ihm. Nachdem er zu einem «gewissermaßen Philosophen», zu Wagner, sich hingewendet hatte, wendete er sich wiederum zu einem Philosophen, zu Schopenhauer. In dem, was in Schopenhauer lebte, sah er eine Art Wirkliches des sonst öden, staubigen Philosophengeistes. Er sah in Schopenhauer eine Art von Erzieher der modernen Menschheit, nicht etwa einen solchen nur, der es gewesen ist, sondern einen solchen, der es werden müßte. Und er schrieb sein Buch: «Schopenhauer als Erzieher» und ließ dann diesem folgen: «Richard Wagner in Bayreuth», noch einmal, ich möchte sagen, selbst in orgiastischer Weise hindeutend darauf, wie aus der Kunst eine Belebung der modernen Zivilisation hervorgehen müßte.
[ 14 ] Es ist merkwürdig, aus welchen Untergründen gerade diese Schrift: «Richard Wagner in Bayreuth» hervorgegangen ist. Friedrich Nietzsche hat ja selbst sorgfältig ausgesondert, was er zu dem noch hinzugeschrieben hatte, was dann unter dem Titel «Richard Wagner in Bayreuth» in die Welt hinausgezogen ist. Man möchte fast sagen: jede Seite dieses damals 1876 gedruckten Buches hat eine zweite Seite, welche etwas ganz anderes enthält. Während in schwungvoller Weise Bayreuth und seine Tätigkeit gefeiert wird in dem Buche «Richard Wagner in Bayreuth», schrieb Nietzsche daneben, ich möchte sagen zu jeder solchen Seite, eine andere, die erfüllt ist von tief tragischen Empfindungen über die Niedergangskräfte der modernen Zivilisation. Und er kann nicht, kann doch nicht glauben an das, was er selber schreibt, er kann nicht glauben, daß in Bayreuth die Kraft liegt, nun wirklich diese Niedergangskräfte in Aufgangskräfte zu verwandeln. Diese Tragik herrscht vor in den damals ausgesonderten, als Manuskript liegenbleibenden Blättern, die ja erst nach der Erkrankung von Friedrich Nietzsche dann das Licht der Öffentlichkeit gesehen haben. Und damals kam der große Ruck, eigentlich schon 1876. Diese Periode in Nietzsches Leben endete tragisch mit dem Schmerze über das, was an Niedergangskräften in der modernen Zivilisation war. Im Jahre 1876 sehen wir Nietzsche schon so, daß der Ekel über den Niedergang in ihm größer ist als die Süßigkeit der Aufgangskräfte, die er anfangs in Bayreuth gesehen hat. Und nun wird er vor allen Dingen in seiner Seele überflutet von dem Ansehen alles dessen, was in die moderne Zivilisation hereingezogen ist an unwahren Elementen, an moderner Unwahrhaftigkeit. Und ich möchte sagen: Das gliedert sich ihm zusammen zu einem Bilde von dem, was in dieser modernen Zivilisation menschlich wirkt. Er kann in dieser modernen Zivilisation nicht mehr sehen etwas, was in Wahrheit etwa sich hinüberlegt wie eine erlösende Geistigkeit über das, was philiströser Wirklichkeitsgeist ist, und er tritt in seine zweite Epoche ein, wo er dem, was in verlogener Gestalt der Mensch sich in der modernen Zeit über sich selber vorstellt, wo er dem entgegenstellt dasjenige, was er das «Allzumenschliche» nennt, das, worüber dieser moderne Mensch kein Bewußtsein haben will, was aber doch die wahre Gestalt ist.
[ 15 ] Man möchte sagen: Man sehe hin auf diejenigen, welche die moderne Historie in einer solchen Weise gefeiert haben, wie etwa die Savignys oder Lujo Brentanos oder die anderen Historiker, wie die Rankes und so weiter; man sehe hin auf sie alle, was treiben sie denn eigentlich? Was wird denn da getrieben im Gewebe des spinnenden Weltengeistes? — Es wird etwas hingestellt, was wahr sein soll. Warum wird es hingestellt als wahr? — Es wird hingestellt als wahr, weil diejenigen Geister, die von solcher Wahrheit sprechen, in Wirklichkeit selber impotente Geister sind. Sie leugnen den Geist, weil sie ihn nicht haben, weil sie nicht auf ihn kommen können. Sie diktieren der Welt: So mußt du sein —, weil ihnen selber das Licht fehlt, das sie über die Welt breiten sollen. Das Allzumenschliche, das ganz menschlich Eingeengte, das ist dasjenige, was zum Menschlichen hinauforganisiert wird und was wie eine absolute Wahrheit vor die Menschheit hingestellt wird. Das lebt als Empfindung vom Jahre 1876 an in Nietzsche, während er seine zwei Bände «Menschliches, Allzumenschliches» schreibt; dann die «Morgenröte» und endlich die «Fröhliche Wissenschaft», durch die er sich, ich möchte sagen, trunken hineinstürzt in die Natur, um herauszukommen aus alledem, was ihn eigentlich umgeben hat.
[ 16 ] Aber es ist dennoch eine tragische Empfindung in ihm. Auf ihn hat gewirkt der deutsche Norden, überhaupt der europäische Norden und das mittlere Europa, er hat alles das angenommen, er hat aus Schopenhauer, Richard Wagner heraus den Weg zum Voltairismus genommen, und Voltaire ist die Schrift «Menschliches, Allzumenschliches» gewidmet. Er versucht den Sokratismus zu erneuern, indem er ihm Leben einzuhauchen versucht, aber indem er hinter der modernen Zivilisationslüge sucht die allzumenschliche Wahrheit, die menschliche Engigkeit. Er sucht aus dieser menschlichen Engigkeit heraus den Geist zu erringen. Er findet ihn nicht hinter dem, was die Menschen in der neueren Zeit hervorgebracht haben. Er glaubt ihn durch eine Art trunkenen Sich-Hineinstürzens in die Natur zu finden. Und dieses trunkene Sich-Hineinstürzen in die Natur, das versuchte er zu leben, indem er immer wieder und wiederum während seiner Urlaubszeit nach dem Süden ging, um in der warmen Sonne und unter dem blauen Himmel eben zu vergessen, was in der neueren Zeit Menschen hervorgebracht haben. Dieses trunkene Sich-Hineinstürzen in die Natur, das liegt als Empfindung, als der Grundton in seiner «Morgenröte» und in der «Fröhlichen Wissenschaft». Froh ist er dabei nicht geworden, tragisch ist er geblieben. Und es ist eine merkwürdige Empfindung, die wir da in ihm finden. Sie tritt uns besonders entgegen, wenn wir ihn diese Empfindung in Lyrik einschließen sehen und von ihm hören:
Die Krähen schrei’n
und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
bald wird es schnei’n,
wohl dem, der jetzt noch — Heimat hat!
[ 17 ] Er hat auch keine Heimat. «Flieg’, Vogel, schnarr dein Lied im Wüstenvogelton.» Er hat keine Heimat; denn so kam er sich vor, als ob die Krähen um ihn herum schrieen, als er von Deutschland immer wieder geflohen war nach Italien. Aber daß er in dieser Stimmung nicht stehenbleiben darf, das zeigt sich gleich; es gibt von Nietzsche Sprüche, wo er sich gleich wiederum dagegen verwahrt, daß man diese Stimmung von «Die Krähen schrei’n und ziehen schwirren Flugs zur Stadt» zu ernst nehme. Er will nicht als der tragische Mensch bloß genommen werden, er will doch zu gleicher Zeit lachen über all das, was sich da in der modernen Zivilisation abgespielt hat. Wie gesagt, lesen Sie die paar Zeilen, die dann auf dieses «Krähen schrei’n»-Gedicht in der jetzigen Nietzsche-Ausgabe folgen. Und so sehen wir denn, wie gewissermaßen in Nietzsche ein Geist da ist in diesem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, prädestiniert dazu, zu verlassen alles das, was die Menschen der modernen Zivilisation hervorgebracht haben, herauszufliehen aus alledem, was die Kunst hervorgebracht hat, was die Erkenntnis hervorgebracht hat, um ein Utsprüngliches zu finden, um neue Götter zu finden und die alten Götzen zu zertrümmern.
[ 18 ] Man möchte sagen, die Zeit hat aber diesem Geiste zu tiefe Wunden geschlagen, als daß diese Wunden hätten heilen können und etwa gar aus diesen Wunden hervorgegangen wäre ein produktiveres Neues. Und so springen denn hervor aus diesen Wunden inhaltleere Geschöpfe, inhaltleere Ideen; es erscheint, von blutender Lyrik durchschwült, der «Übermensch». Unmöglich für Nietzsche, im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aus der Naturwissenschaft heraus, die den Menschen ausgelöscht hat, aus der Soziologie und dem sozialen Leben des letzten Jahrhunderts heraus, das die Maschinen hat, aber nicht mehr den Menschen, nur den Menschen, der an der Maschine steht —, unmöglich für Nietzsche, da noch zu dem Menschen vorzudringen. Aber den Drang erlebt er: heraus, mit Negation heraus aus dem, was nicht mehr als Mensch gewußt und empfunden ist. Statt des Begreifens des Menschen aus der ganzen Welt heraus, statt einer «Geheimwissenschaft», der abstrakte «Übermensch», lyrisch durchschwült, lyrisch überhitzt, krankhaft, krampfhaft, in Visionen vor seine Seele tretend im «Zarathustra», in Visionen, die zum Teil die tiefsten Seiten des menschlichen Wesens berühren, die aber im Grunde genommen immer disharmonisch irgendwo erklingen, die gewollte Disharmonie aus sich heraussetzend.
[ 19 ] Und dann die andere Negation oder eigentlich inhaltsleere Idee. Dieses Leben zwischen Geburt und Tod des Menschen, es kann nicht begriffen werden, wenn es nicht zugleich in Erweiterung gedacht wird über das eine Erdenleben hinaus. Derjenige, der wirklich einen Sinn hat, das eine Leben zwischen Geburt und Tod zu erfassen, derjenige, der es nur mit einer so tiefen Empfindung und mit einem solchen Lyrismus erfaßt, wie Friedrich Nietzsche es erfaßt hat, der ahnt zuletzt: Es kann dieses Leben nicht verstanden werden als ein einzelnes, man muß es in seiner Entwickelung durch viele Leben betrachten. — Aber sowenig Nietzsche dem Menschen einen Inhalt geben konnte und deshalb zu der Negation «Übermensch» hinanschreitet, krampfhaft, so wenig konnte er den wiederholten Erdenleben einen Inhalt geben. Er höhlte sie aus, diese Leben, sie wurden zu der öden Wiederkehr des Immergleichen, zu der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Man denke sich nur einmal, was uns vor die Seele treten kann in den wiederholten Erdenleben, die im Karma durch ein mächtiges Schicksalsrollen miteinander zusammenhängen, man denke sich, wie da das eine Leben in das andere Inhalt hineingießt, und man denke sich nun ausgeleert diese Erdenleben bis zum wesenlosen Balg, allen Inhaltes entleert, und die ewige Wiederkehr des Gleichen steht da, das Zerrbild der wiederholten Erdenleben.
[ 20 ] Und unmöglich, durchzudringen durch das, was die modernen Konfessionen geben, zu dem Bilde des Mysteriums von Golgatha so erschien für Nietzsche dasjenige, was sich ihm durch das Christentum hätte erschließen können! Unmöglich, durch das, was seit dem 4. nachchristlichen Jahrhunderte entstanden ist an konfessionellen Anschauungen, hindurchzudringen zu dem Bilde desjenigen, was sich abgespielt hat im Beginne unserer Zeitrechnung in Palästina. Aber erfüllt war Nietzsche von einem tiefen Wahrheitsdrang. Das Allzumenschliche war in trauriger Gestalt vor seine Seele gezogen. Nicht wollte er mitmachen die Lüge der modernen Zivilisation; er ließ sich nicht ein Bild des Mysteriums von Golgatha vormachen, wie es etwa die Widersacher des Christentums von dem Schlage Ado/f Harnacks vor die Welt hinstellen, in absoluter Verlogenheit. Er wollte selbst noch in der Lüge, die als das wirklich Gegebene da war, die Wahrheit erkennen. Daher seine Verzerrung des Mysteriums von Golgatha im «Antichrist». Im «Antichrist» stellte er das Bild hin, das man hinstellen muß, wenn man herauswächst aus dem modernen konfessionellen Vorstellen und wenn man, statt zu lügen, die Wahrheit sagen will aus diesem Vorstellen heraus, wenn man aber zugleich nicht hindurchdringen kann durch ‚dasjenige, was die moderne Erkenntnis bietet, zu dem, was nun wirklich dasteht mit dem Mysterium von Golgatha.
[ 21 ] So etwa stand Nietzsche da im Jahre 1886, 1887. Verlassen hatte er alles, was moderne Zivilisationserkenntnis bietet. Zur Negation des Menschen im «Übermenschen» war er übergegangen, weil er aus der modernen Erkenntnis, die den Menschen ausgetilgt hatte aus ihrem Bereiche, den Menschen nicht gewinnen konnte. Aus seiner Empfindung gegenüber dem einen Erdenleben hatte er die Ahnung empfangen von den wiederholten Erdenleben, aber die moderne Erkenntnis konnte ihm keinen Inhalt dafür geben. So leerte er aus dasjenige, was er erahnte; keinen Inhalt hatte er mehr, nur das formale Fortrollen des Ewiggleichen in ewiggleicher Wiederholung, das stand vor seiner Seele; und das Zerrbild des Mysteriums von Golgatha, wie er es in seinem «Antichtist» schilderte, weil kein Weg ist, wenn man die Wahrheit beibehalten will, von demjenigen, was moderne Theologie bietet, zu dem, was die Anschauung des Mysteriums von Golgatha ist.
[ 22 ] Über die Christlichkeit der neueren Theologie hatte er ja schon in den Schriften des Basler Theologen Overbeck manches lesen können. Daß diese moderne Theologie nicht christlich ist, sollte im wesentlichen durch Overbecks Schriften über die moderne Theologie bewiesen werden. Alles was im modernen Christentum als Unchristliches lebt, hat tief in der Seele Nietzsches gewohnt. Ihm war durch die Aussichtslosigkeit dieser modernen Erkenntnis ein wirklicher Überblick über das, was beim Menschen durch das eine Leben für das andere gezeugt wird, genommen worden, und so erstand ihm der inhaltsleere Gedanke von der Wiederkehr des Gleichen. Ihm war genommen worden der christliche Impuls durch dasjenige, was sich in der modernen Zeit Christlichkeit nennt, und ihm war vor Augen getreten die Unwahrhaftigkeit der modernen Zeit, so daß er nicht einmal an die Wahrhaftigkeit der Kunst glauben konnte, an die er hat glauben wollen im Beginne seiner aufsteigenden Laufbahn. Und er ist schon mit dieser Tragik erfüllt, als sich aus seiner Seele solche Aussprüche heraus entwickeln wie der: «Und die Dichter lügen zu viel...». Aus dem tiefsten menschlichen Wesen heraus haben allerdings Dichter und Künstler in der neueren Zivilisation zuviel gelogen und lügen zuviel bis heute. Denn was für die Zukunftsktäfte am meisten gebraucht wird und was die moderne Zivilisation am wenigsten hat, das ist der Geist der Wahrheit.
[ 23 ] Nietzsche strebte nach diesem Geist der Wahrheit, der allein den Menschen vor den Menschen hinstellen kann, der allein durch die Entwickelung der Erdenleben diesem Erdenleben einen anderen Sinn geben kann als die sinnlose Wiederkehr des Gleichen. Ihn dürstete aus einem Wahrheitssinne heraus nach der wirklichen Gestalt desjenigen, der über die Fluren Palästinas gewandelt ist. Erfand nur das Zerrbild innerhalb der modernen Theologie und innerhalb der modernen Christlichkeit. An alldem zerbrach er. Und so ist die Persönlichkeit Friedrich Nietzsche der Ausdruck für das Zerbrechen des nach Wahrheit strebenden Geistes innerhalb der Unwahrhaftigkeit, welche heraufgezogen war seit dem Krisenpunkt der neueren Zeit, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. So stark war sie heraufgezogen, diese Unwahrhaftigkeit, daß ja die Menschen nicht einmal ahnen, wie tief sie verstrickt sind in die Netze dieser Unwahrhaftigkeit, daß die Menschen schon gar nicht mehr daran denken, wie man heute schon in jedem Augenblicke an die Stelle der Unwahrhaftigkeit stellen sollte die Wahrhaftigkeit. Aber nicht anders als indem man darauf aufmerksam wird, wie gerade diese Grundempfindung: Wahrheit anstelle der Unwahrhaftigkeit, unsere Seele durchziehen muß — nicht anders als durch diese Grundempfindung kann anthroposophische Geisteswissenschaft leben. Die moderne Zivilisation ist auferzogen in dem Geiste der Unwahrhaftigkeit, und mit dem Geist der Unwahrhaftigkeit — man kann dies schon sagen als ein Exempel hat gerade anthroposophische Geisteswissenschaftam allermeisten zu kämpfen. Und jetzt ist es schon einmal so, wie ich auch am Schlusse meiner letzten Betrachtungen hier gesagt habe, daß wir in einer tiefen, in einer intensiven Krise auch in bezug auf anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft stehen, und wir hätten es gar sehr notwendig, daß aus einem Enthusiasmus der Wahrheit heraus gewirkt werde, intensiv gewirkt werde. Denn schließlich exemplifiziert sich an dem, was stündlich und täglich geschieht, dasjenige, woran unsere Zivilisation krankt, dasjenige, an dem sie zugrunde gehen muß, wenn sie sich nicht ermannt.
[ 24 ] Sehen Sie, in einer Wochenschrift, die zumeist der Ausdruck ist einer weitverbreiteten öffentlichen Meinung, sehen wir in der letzten Nummer Stimmung gemacht gegen das, was Simonssche Politik ist. Selbstverständlich hat anthroposophische Geisteswissenschaft ebensowenig wie «Dreigliederung» irgend etwas zu tun mit der Simonsschen Politik. Aber zusammengeworfen wird heute aus einem tiefen Unwahrhaftigkeitsgeiste heraus anthroposophische Geisteswissenschaft mit Simonsscher Politik. Man weiß, was man mit solchen Dingen erreicht, und man wird viel damit erreichen. Und es drückt sich wirklich etwas von der ganz versumpften Verlogenheit aus, wenn man lesen muß einen solchen Satz, der unter Anführungszeichen hier in dieser Wochenschrift erscheint und mit dem Simons charakterisiert werden soll: «Er ist der Lieblingsschüler des Theosophen Steiner, der ihm eine große Zukunft prophezeit hat, steht fest auf dem Evangelium der Dreigliederung, ist aber auch im Sinne seines Wuppertales ein frommer Christ.»
[ 25 ] Nun, so viele Worte, so viele Lügen! Ich sage nicht: so viele Sätze, so viele Lügen, sondern ich sage ganz bewußt: So viele Worte, so viele knüppeldicke Lügen — mit Ausnahme des letzten Satzes —; die ersten Sätze sind in jedem Wort erlogen: «Er ist der Lieblingsschüler des Theosophen Steiner, der ihm eine große Zukunft prophezeit hat, steht fest auf dem Evangelium von der Dreigliederung» — es.ist natürlich alles erlogen! — «ist aber auch im Sinne seines Wuppertales ein frommer Christ.»
[ 26 ] Damit wird, mit diesem letzten Satze, indem er zu den früheren hinzugefügt wird, zu der Verlogenheit selbstverständlich noch die absolute Paralyse hinzugefügt. Denn man stelle sich nur einmal vor dieses Geschöpf, das entstehen würde, wenn es wirklich zustande kommen könnte, daß irgendeiner mein Lieblingsschüler würde, daß ich diesem Lieblingsschüler eine große Zukunft prophezeien würde, daß er feststehen würde auf dem «Evangelium der Dreigliederung», und daß er nun im Sinne der biederen Leute im Wuppertal ein frommer Christ wäre! Man stelle sich dieses Gebilde eines Menschen vor! Das aber ist heutige Zivilisation, ist, so unbedeutend es scheinen mag, dennoch ein deutliches Symptom für moderne Zivilisation. Denn diejenigen, die sehr häufig gegen solche Dinge polemisieren, die polemisieren mit gleicher Lüge und mit gleicher Paralyse. Und die anderen merken gar nicht, was für sonderbare Gebilde «vor ihre dummen Augen gezaubert werden», verzeihen Sie, ich zitiere nur, was in einem meiner Mysterien von den Gnomen gesagt wird. Sie merken gar nicht, was vor die, nun ja, sagen wir jetzt «intelligenten» Augen — so wie Intelligenz in der neueren Zivilisation gemeint ist gezaubert wird. Man nimmt tatsächlich heute alles hin, weil die Empfindung fehlt für die Wahrheit und Wahrhaftigkeit, und der Enthusiasmus fehlt für das Geltendmachen der Wahrheit und Wahrhaftigkeit inmitten einer unwahren und unwahrhaftigen Zivilisation. Ehe man nicht ernst macht mit solchen Dingen, eher kann es nicht weitergehen. Man muß ein anderes Bild heute vor die Seele hinstellen. In diesen Tagen tritt es deutlich vor die Seele der Menschen, daß Europa das Grab seiner Zivilisation schaufeln will und daß es herbeirufen will, dieses Europa, ein Außereuropäisches, damit über dem zugeschaufelten Grab der alten Zivilisation, auch schon über dem zugeschaufelten Grab des Goetheanismus, etwas ganz anderes sich erhebe. Nun, es wird sich ja zeigen, ob aus demjenigen, dem ja durch die Politiker das Grab geschaufelt werden soll, noch etwas hervorgehen kann, das nun wirklich aufnimmt die Aufgangskräfte, das da findet den Menschen, das da findet die wiederholten Erdenleben als den einzig wirklichen Impuls des Ewigkeitsgedankens, das da findet das wahre Mysterium von Golgatha als den richtigen Impuls, das Christentum gegenüber alldem, was auf diesem Gebiete als das Unwahre und Unwahrhaftige auftritt.
