Human-Becoming, World-Soul and World-Spirit I
Human Beings as Physical and Spiritual Entities
in Their Relationship to the World
GA 205
15 July 1921, Dornach
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Human-Becoming, World-Soul and World-Spirit I, tr. SOL
Elfter Vortrag
Eleventh Lecture
[ 1 ] Ich werde heute einige Wahrheiten zusammenfassen, die uns dann wiederum dienen werden, um in den nächsten Tagen weitere Ausführungen nach einer gewissen Richtung hin zu geben. Wenn wir unser seelisches Leben ins Auge fassen, so können wir sagen, daß nach dem einen Pol hin in diesem Seelenleben das gedankliche Element, das Denken liegt, nach dem andern Pol hin das Willenselement, zwischen beiden das Gefühlselement, dasjenige, was wir im gewöhnlichen Leben das Fühlen, den Inhalt des Gemütes und so weiter nennen. Im wirklichen seelischen Leben, so wie es sich in uns abspielt in unserem Wachzustande, ist natürlich niemals einseitig bloß das Denken vorhanden oder der Wille, sondern sie sind immer in Verbindung miteinander, sie spielen ineinander. Nehmen wir an, wir verhalten uns im Leben ganz ruhig, so daß wir etwa sagen können, unser Wille sei nach außen hin nicht tätig. Wir müssen dann doch, wenn wir während einer solchen nach außen gerichteten Ruhe denken, uns klar sein darüber, daß Wille waltet in den Gedanken, die wir entfalten: indem wir einen Gedanken mit dem andern verbinden, waltet der Wille in diesem Denken. Also selbst wenn wir gewissermaßen scheinbar bloß kontemplativ sind, bloß denken, so waltet in uns wenigstens innerlich der Wille, und wenn wir uns nicht gerade tobsüchtig verhalten oder nachtwandeln, können wir ja nicht willentlich tätig sein, ohne unsere Willensimpulse von Gedanken durchströmen zu lassen. Gedanken durchziehen immer unsere Willensbetätigung, so daß wir also sagen können: Auch der Wille ist niemals im Seelenleben abgesondert für sich vorhanden. Aber was so abgesondert für sich nicht vorhanden ist, das kann doch verschiedenen Ursprunges sein. Und so ist auch der eine Pol unseres Seelenlebens, das Denken, ganz andern Ursprunges als das Willensleben.
[ 1 ] Today I will summarize a few truths that will then serve as a basis for further elaboration in a certain direction over the next few days. When we consider our inner life, we can say that at one pole of this inner life lies the element of thought, while at the other pole lies the element of will; between the two lies the element of feeling—that which we in everyday life call “feeling,” the content of the heart, and so on. In real soul life, as it unfolds within us in our waking state, of course neither thinking nor the will is ever present in isolation; rather, they are always connected with one another and intertwine. Let us suppose we conduct ourselves quite calmly in life, so that we might say, for example, that our will is not active outwardly. Yet even when we think during such outwardly directed calm, we must be clear that the will is at work in the thoughts we develop: as we link one thought to another, the will is at work in this thinking. So even when we are, so to speak, seemingly merely contemplative—merely thinking—the will is at work within us, at least inwardly; and unless we are behaving in a frenzied manner or sleepwalking, we cannot act volitionally without allowing our impulses of will to flow through our thoughts. Thoughts always permeate our volitional activity, so that we can say: Even the will is never present in the life of the soul in isolation. But what is not present in isolation can still have different origins. And so one pole of our soul life—thinking—has an entirely different origin than the life of the will.
[ 2 ] Schon wenn wir nur die alltäglichen Lebenserscheinungen betrachten, werden wir ja finden, wie das Denken eigentlich sich immer auf etwas bezieht, was da ist, was Voraussetzungen hat. Das Denken ist zumeist ein Nachdenken. Auch wenn wir vordenken, wenn wir also uns etwas vornehmen, das wir durch den Willen dann ausführen, so liegen ja einem solchen Vordenken Erfahrungen zugrunde, nach denen wir uns richten. Auch dieses Denken ist in gewisser Beziehung natürlich ein Nachdenken. Der Wille kann sich nicht richten auf dasjenige, was schon da ist. Da würde er ja selbstverständlich immer zu spät kommen. Der Wille kann sich einzig und allein richten auf das, was da kommen soll, auf das Zukünftige. Kurz, wenn Sie ein wenig über das Innere des Gedankens, des Denkens und über das Innere des Willens nachdenken, Sie werden finden, das Denken bezieht sich auch schon im gewöhnlichen Leben mehr auf die Vergangenheit, der Wille bezieht sich auf die Zukunft. Das Gemüt, das Fühlen, steht zwischen beiden. Wir begleiten mit Gefühl unsere Gedanken. Gedanken freuen uns, stoßen uns ab. Aus unserem Gefühl heraus führen wir unsere Willensimpulse ins Leben. Fühlen, der Gemütsinhalt, steht zwischen dem Denken und dem Wollen mitten drinnen.
[ 2 ] Even if we consider only the phenomena of everyday life, we will find that thinking actually always relates to something that exists, something that has prerequisites. Thinking is mostly a form of reflection. Even when we plan ahead—that is, when we set out to do something that we then carry out through the will—such planning is based on experiences that guide us. In a certain sense, this kind of thinking is, of course, also a form of reflection. The will cannot direct itself toward what is already there; if it did, it would, of course, always be too late. The will can direct itself solely toward what is yet to come, toward the future. In short, if you reflect a little on the inner nature of thought and on the inner nature of the will, you will find that even in everyday life, thinking relates more to the past, while the will relates to the future. The soul—feeling—stands between the two. We accompany our thoughts with feeling. Thoughts delight us or repel us. From our feelings, we bring our impulses of will into life. Feeling—the content of the soul—stands right in the middle between thinking and willing.
[ 3 ] Aber so wie es schon im gewöhnlichen Leben, wenn auch nur andeutungsweise der Fall ist, so steht es auch in der großen Welt. Und da müssen wir sagen: Dasjenige, was unsere Denkkraft ausmacht, was das ausmacht, daß wir denken können, daß die Möglichkeit des Gedankens in uns ist, das verdanken wir dem Leben vor unserer Geburt beziehungsweise vor unserer Empfängnis. Es ist im Grunde genommen in dem kleinen Kinde, das uns entgegentritt, schon im Keime all die Gedankenfähigkeit vorhanden, die der Mensch überhaupt in sich entwickelt. Das Kind verwendet die Gedanken nur — Sie wissen das aus Vorträgen, die ich schon gehalten habe — als Richtkräfte zum Aufbauen seines Leibes. Namentlich in den ersten sieben Lebensjahren, bis zum Zahnwechsel hin, verwendet das Kind die Gedankenkräfte zum Aufbau seines Leibes als Richtkräfte. Dann kommen sie immer mehr und mehr als eigentliche Gedankenkräfte heraus. Aber sie sind eben als Gedankenkräfte durchaus veranlagt im Menschen, wenn er das physische, das irdische Leben betritt.
[ 3 ] But just as is the case in ordinary life—albeit only to a limited extent—so it is in the wider world. And here we must say: What constitutes our power of thought—what enables us to think, the very fact that the capacity for thought exists within us—we owe to the life prior to our birth, or rather, prior to our conception. Essentially, the small child standing before us already possesses, in embryonic form, all the capacity for thought that a human being ever develops. The child uses these thoughts—as you know from lectures I have given before—only as guiding forces for the development of its body. Especially during the first seven years of life, up until the change of teeth, the child uses its thought forces as guiding forces for the development of its body. Then they increasingly emerge as actual thought forces. But these powers of thought are indeed already inherent in the human being when he or she enters physical, earthly life.
[ 4 ] Dasjenige, was als Willenskräfte sich entwickelt — eine unbefangene Beobachtung ergibt das ohne weiteres —, das ist beim Kinde eigentlich wenig mit dieser Gedankenkraft verbunden. Beobachten Sie nur das zappelnde, sich bewegende Kind in den ersten Lebenswochen, dann werden Sie sich schon sagen: Dieses Zappelnde, dieses chaotisch SichBewegende, das ist von dem Kinde erst erworben dadurch, daß seine Seele und sein Geist von der physischen Außenwelt her mit physischer Leiblichkeit umkleidet worden sind. In dieser physischen Leiblichkeit, die wir erst nach und nach entwickeln seit der Konzeption und seit der Geburt, da liegt zunächst der Wille, und es besteht ja die Entwickelung des kindlichen Lebens darinnen, daß allmählich der Wille gewissermaßen eingefangen wird von den Denkkräften, die wir schon durch die Geburt ins physische Dasein mitbringen. Beobachten Sie nur, wie das Kind zunächst ganz sinnlos, wie es eben aus der Regsamkeit des physischen Leibes herauskommt, seine Glieder bewegt, und wie nach und nach, ich möchte sagen, der Gedanke hineinschlägt in diese Bewegungen, so daß sie sinnvoll werden. Es ist also ein Hineinpressen, ein Hineinstoßen des Denkens in das Willensleben, das ganz und gar in der Hülle, die den Menschen umgibt, lebt, wenn er geboren beziehungsweise wenn er empfangen wird. Es ist dieses Willensleben ganz und gar darinnen enthalten.
[ 4 ] What develops as the powers of the will—as an unbiased observation readily reveals—is, in the child, actually only loosely connected to this power of thought. Just observe the wriggling, moving child in the first weeks of life, and you will already say to yourself: This wriggling, this chaotic movement, is something the child has only acquired because its soul and spirit have been clothed in physical corporeality by the external physical world. In this physical embodiment, which we develop only gradually from conception and birth onward, the will is initially present; and the development of the child’s life consists precisely in the fact that the will is gradually, so to speak, captured by the powers of thought that we bring with us into physical existence at birth. Just observe how the child, at first quite aimlessly—as if emerging from the activity of the physical body—moves its limbs, and how, little by little, I would say, thought penetrates these movements, so that they become purposeful. It is, therefore, a forcing in, a thrusting in of thought into the life of the will, which lives entirely within the shell that surrounds the human being when he is born—or rather, when he is conceived. This life of the will is entirely contained within it.


[ 5 ] So daß wir schematisch etwa den Menschen so zeichnen können, daß wir sagen, er bringt sich sein Gedankenleben mit, indem er heruntersteigt aus der geistigen Welt. Ich will das schematisch so andeuten (siehe Zeichnung, gelb). Und er setzt das Willensleben an in der Leiblichkeit, die ihm durch die Eltern gegeben wird (rot). Dadrinnen sitzen die Willenskräfte, die sich chaotisch äußern. Und dadrinnen sitzen die Gedankenkräfte (Pfeile), die zunächst als Richtkräfte dienen, um eben den Willen in seiner Leiblichkeit in der richtigen Weise zu durchgeistigen.
[ 5 ] So that we can schematically depict a human being in such a way that we say he brings his life of thought with him as he descends from the spiritual world. I want to illustrate this schematically (see drawing, yellow). And they establish their life of will within the physical body given to them by their parents (red). Within it lie the forces of will, which manifest chaotically. And within it lie the forces of thought (arrows), which initially serve as guiding forces to spiritualize the will within its physical body in the proper way.
[ 6 ] Diese Willenskräfte, sie nehmen wir dann wahr, wenn wir durch den Tod in die geistige Welt hinübergehen. Da sind sie aber im höchsten Maße geordnet. Da tragen wir sie hinüber durch die Todespforte in das geistige Leben. Die Gedankenkräfte, die wir mitbringen aus dem übersinnlichen Leben in das Erdenleben, die verlieren wir eigentlich im Verlauf des Erdenlebens.
[ 6 ] We become aware of these forces of the will when we pass through death into the spiritual world. There, however, they are organized to the highest degree. There we carry them through the gate of death into spiritual life. The powers of thought that we bring with us from the supersensible life into earthly life—we actually lose them in the course of our earthly existence.
[ 7 ] Bei Menschenwesen, die früh sterben, ist es etwas anders, wir wollen jetzt zunächst vom normalen Menschenwesen sprechen. Das normale Menschenwesen, das über die fünfziger Jahre alt wird, das hat eigentlich im Grunde genommen die wirklichen Gedankenkräfte, die aus dem früheren Leben mitgebracht werden, schon verloren und sich eben die Richtungskräfte des Willens bewahrt, die dann durch den Tod hinübergetragen werden in das Leben, das wir betreten, wenn wir durch des Todes Pforte gehen.
[ 7 ] The situation is somewhat different for human beings who die young; for now, let’s focus on the average human being. The normal human being who lives past the age of fifty has, in essence, already lost the true powers of thought brought over from a previous life, while retaining the directing forces of the will, which are then carried over through death into the life we enter when we pass through the gate of death.
[ 8 ] Man kann ja annehmen, daß jetzt in einem der Gedanke sitzt: Ja, wenn man also über fünfzig Jahre alt geworden ist, dann hat man sein Denken verloren! — In einem gewissen Sinne ist das sogar für die meisten Menschen, die sich heute für nichts Geistiges interessieren, durchaus der Fall. Ich möchte nur einmal, daß Sie wirklich darauf ausgehen, zu registrieren, wieviel ursprüngliche, originelle Gedankenkräfte durch diejenigen Menschen heute hervorgebracht werden, die über fünfzig Jahre alt geworden sind! Es sind in der Regel die automatisch sich fortbewegenden Gedanken der früheren Jahre, die sich im Leibe abgedrückt haben, und der Leib bewegt sich dann automatisch fort. Er ist ja ein Bild des Gedankenlebens, und der Mensch, der rollt so nach dem Gesetz der Trägheit, nicht wahr, in dem alten Gedankentrott weiter fort. Man kann sich heute kaum vor diesem Fortlaufen im alten Gedankentrott anders bewahren, als daß man auch während des Lebens solche Gedanken aufnimmt, welche geistiger Natur sind, welche ähnlich sind den Gedankenkräften, in die wir versetzt waren vor unserer Geburt. So daß in der Tat immer mehr die Zeit heranrückt, wo die alten Leute bloße Automaten sein werden, wenn sie sich nicht bequemen, Gedankenkräfte aus der übersinnlichen Welt aufzunehmen. Natürlich, automatisch kann der Mensch sich weiter denkend betätigen, es kann so ausschauen, als ob er dächte. Aber es ist nur ein automatisches Fortbewegen der Organe, in die sich die Gedanken hineingelegt haben, hineinverwoben haben, wenn nicht der Mensch erfaßt wird von jenem jugendlichen Element, das da kommt, wenn wir Gedanken aus der Geisteswissenschaft aufnehmen. Dieses Aufnehmen von Gedanken aus der Geisteswissenschaft ist eben durchaus nicht irgendein Theoretisieren, sondern es greift schon ganz tief im menschlichen Leben ein.
[ 8 ] One might well assume that some people are now thinking: “So, if you’ve lived past fifty, you’ve lost your ability to think!” — In a certain sense, that is indeed the case for most people today who have no interest in anything intellectual. I would just like you to really take the time to notice how much genuine, original thinking power is produced today by people who have reached the age of fifty! As a rule, it is the thoughts from earlier years—which move automatically—that have been imprinted on the body, and the body then moves forward automatically. After all, the body is a reflection of one’s thought life, and a person simply rolls along—following the law of inertia, doesn’t he?—in that old rut of thought. Today, there is hardly any way to protect oneself from continuing down this path of old, habitual thought patterns other than by absorbing, even during one’s lifetime, thoughts of a spiritual nature—thoughts similar to the thought forces we were immersed in before our birth. So that, in fact, the time is drawing ever closer when older people will become mere automatons if they do not take the trouble to absorb thought forces from the supersensible world. Of course, a person can continue to engage in thought activity automatically; it may appear as though they are thinking. But it is merely an automatic functioning of the organs into which thoughts have settled and become interwoven—unless the person is seized by that youthful element that arises when we absorb thoughts from spiritual science. This absorption of thoughts from spiritual science is by no means mere theorizing; rather, it penetrates quite deeply into human life.


[ 9 ] Besondere Bedeutung aber gewinnt die Sache, wenn wir jetzt des Menschen Verhältnis zur umliegenden Natur ins Auge fassen. Ich verstehe jetzt unter Natur all das, was uns umgibt für unsere Sinne, dem wir also ausgesetzt sind vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Das kann man in einer gewissen Weise in der folgenden Art betrachten. Man kann sich das einmal vor Augen führen — ich meine vor geistige Augen —, was man so sieht. Wir nennen es den Sinnesteppich. Ich will es schematisch so aufzeichnen. Hinter allem, was man sieht, hört, als Wärme wahrnimmt, die Farben in der Natur und so weiter — ich zeichne ein Auge als Schema für das, was da wahrgenommen wird —, hinter diesem Sinnesteppich ist etwas. Die Physiker oder die Menschen der gegenwärtigen Weltanschauung sagen: Dahinter sind Atome und die wirbeln —, und nachher, nicht wahr, da wirbeln sie weiter, da ist gar kein Sinnesteppich, sondern irgendwie im Auge oder im Gehirn oder irgendwo oder auch nicht irgendwo, da rufen sie dann die Farben und die Töne und so weiter hervor. Nun stellen Sie sich aber, bitte, ganz unbefangen einmal vor, daß Sie anfangen zu denken über diesen Sinnesteppich. Wenn Sie anfangen zu denken und nicht von der Illusion ausgehen, Sie könnten dieses riesige Heer von Atomen konstatieren, das da von den Chemikern so in militärischer Denkweise angeordnet wird, sagen wir zum Beispiel, da steht Unteroffizier C, dann zwei Gemeine, C, O, O, und dann noch ein Gemeiner als ein H; nicht wahr, so haben wir das ja militärisch angeordnet: Äther, Atome und so weiter. Nun, wenn man, wie gesagt, sich dieser Illusion nicht hingibt, sondern stehenbleibt bei der Wirklichkeit, dann weiß man: Der Sinnesteppich ist ausgebreitet, da draußen sind die Sinnesqualitäten, und das, was ich noch über dasjenige, was in den Sinnesqualitäten liegt, mit dem Bewußtsein umfasse, das sind eben Gedanken. Es ist in Wirklichkeit nichts hinter diesem Sinnesteppich als Gedanken (blau). Ich meine, hinter dem, was wir in der physischen Welt haben, ist nichts anderes da als Gedanken. Daß diese von Wesen getragen werden, darüber werden wir noch sprechen. Aber man kommt zu dem, was wir in unserem Bewußtsein haben, nur dahinter mit den Gedanken. Die Kraft aber, zu denken, die haben wir aus unserem vorgeburtlichen Leben beziehungsweise aus dem Leben vor unserer Empfängnis. Warum ist es denn nun, daß wir durch diese Kraft hinter den Sinnesteppich kommen?
[ 9 ] But the matter takes on special significance when we now consider humanity’s relationship to the surrounding natural world. By “nature,” I now mean everything that surrounds us through our senses—that is, everything to which we are exposed from the moment we wake up until we fall asleep. In a certain sense, this can be viewed in the following way. One can visualize—I mean in one’s mind’s eye—what one sees. We call it the tapestry of the senses. I will sketch it out schematically as follows. Behind everything one sees, hears, perceives as warmth, the colors in nature, and so on—I draw an eye as a symbol for what is perceived there—behind this tapestry of the senses, there is something. Physicists or people with the current worldview say: Behind it are atoms, and they’re swirling—and afterward, aren’t they, they keep swirling; there’s no “carpet of the senses” at all, but somehow in the eye or in the brain or somewhere—or perhaps nowhere at all—that’s where they then produce the colors and the sounds and so on. But now, please, just imagine for a moment, completely without preconceptions, that you begin to think about this tapestry of the senses. If you begin to think and do not start from the illusion that you could observe this vast army of atoms, which chemists arrange in such a military fashion—let’s say, for example, there stands Corporal C, then two privates, C, O, O, and then another private as H; isn’t that right? That’s how we’ve arranged it militarily: ether, atoms, and so on. Now, if, as I said, one does not succumb to this illusion but remains grounded in reality, then one knows: The tapestry of the senses is spread out; out there are the sensory qualities, and what I further encompass with my consciousness—that which lies within the sensory qualities—is precisely thought. In reality, there is nothing behind this tapestry of the senses but thought (blue). I mean, behind what we have in the physical world, there is nothing else but thought. We will discuss later that these are carried by beings. But we can only reach what we have in our consciousness by going beyond the sensory tapestry with our thoughts. The power to think, however, comes from our prenatal life—or rather, from the life before our conception. Why is it, then, that through this power we are able to go beyond the sensory tapestry?
[ 10 ] Versuchen Sie nur einmal, sich recht vertraut zu machen mit dem Gedanken, den ich eben angeschlagen habe, versuchen Sie sich die Frage ordentlich vorzulegen auf Grundlage dessen, was wir nun gerade wiederum angedeutet haben, was wir in vielen Zusammenhängen schon betrachtet haben. Warum ist es so, daß wir hinter den Sinnesteppich mit unseren Gedanken hinuntergelangen, wenn unsere Gedanken doch aus unserem vorgeburtlichen Leben stammen? Sehr einfach: weil dahinter dasjenige ist, was gar nicht in der Gegenwart ist, sondern was in der Vergangenheit ist, was der Vergangenheit angehört. Das, was unter dem Sinnesteppich ist, ist in der Tat ein Vergangenes, und wir sehen das nur richtig, wenn wir es als ein Vergangenes anerkennen. Die Vergangenheit wirkt herein in unsere Gegenwart, und aus der Vergangenheit heraus sprießt dasjenige, was uns in der Gegenwart erscheint. Stellen Sie sich eine Wiese vor, die beblumt ist. Sie sehen das Gras als grüne Decke, Sie sehen die blumige Ausschmückung der Wiese. Das ist Gegenwart, aber das wächst aus der Vergangenheit hervor. Und wenn Sie durch das hindurchdenken, dann haben Sie darunter nicht eine atomistische Gegenwart, dann haben Sie in Wirklichkeit darunter die Vergangenheit als verwandt mit dem, was von Ihnen selber aus der Vergangenheit herstammt.
[ 10 ] Just try, for a moment, to become thoroughly familiar with the idea I’ve just introduced; try to properly consider the question based on what we’ve just hinted at again—what we’ve already examined in many contexts. Why is it that our thoughts take us beyond the tapestry of the senses, even though our thoughts originate from our prenatal life? Very simply: because behind it lies that which is not at all in the present, but rather in the past—that which belongs to the past. What lies beneath the tapestry of the senses is, in fact, something past, and we can only see it correctly if we acknowledge it as such. The past influences our present, and from the past springs forth that which appears to us in the present. Imagine a meadow covered with flowers. You see the grass as a green blanket; you see the meadow’s floral adornment. That is the present, but it grows out of the past. And if you think through this, you will find that beneath it lies not an atomistic present; in reality, what lies beneath is the past, connected to that which originates from your own past.
[ 11 ] Es ist interessant: Wenn wir über die Dinge nachzudenken beginnen, so enthüllt sich uns von der Welt gar nicht die Gegenwart, sondern es enthüllt sich die Vergangenheit. Was ist Gegenwart? Die Gegenwart hat gar keine logische Struktur. Der Sonnenstrahl fällt auf irgendeine Pflanze, er glänzt dort; im nächsten Augenblick, wenn die Richtung des Sonnenstrahls eine andere ist, glänzt es nach einer andern Richtung. Das Bild ändert sich in jedem Augenblick. Die Gegenwart ist eine solche, daß wir sie nicht umfassen können mit Mathematik, nicht mit der bloßen Gedankenstruktur. Was wir mit der bloßen Gedankenstruktur umfassen, ist Vergangenheit, die in der Gegenwart fortdauert.
[ 11 ] It is interesting: When we begin to reflect on things, it is not the present that the world reveals to us, but rather the past. What is the present? The present has no logical structure at all. A ray of sunlight falls on a plant; it shines there; the next moment, when the direction of the sunbeam changes, it glistens in another direction. The image changes at every moment. The present is such that we cannot grasp it with mathematics, nor with the mere structure of thought. What we grasp with the mere structure of thought is the past, which continues in the present.
[ 12 ] Das ist etwas, was dem Menschen sich enthüllen kann als eine große, als eine bedeutsame Wahrheit: Denkst du, so denkst du im Grunde genommen nur die Vergangenheit; spinnst du Logisches, denkst du im Grunde genommen über dasjenige nach, was vergangen ist. — Wer diesen Gedanken erfaßt, der wird auch in dem Vergangenen keine Wunder mehr suchen. Denn indem sich das Vergangene in die Gegenwart hereinspinnt, muß es eben in der Gegenwart sein wie es als Vergangenes ist. Denken Sie, wenn Sie gestern Kirschen gegessen haben, so ist das eine vergangene Handlung; Sie können sie nicht ungeschehen machen, weil sie eine vergangene Handlung ist. Wenn aber die Kirschen die Gewohnheit hätten, bevor sie in Ihrem Munde verschwinden, zuerst ein Zeichen irgendwohin zu machen, so würde dieses Zeichen bleiben. Sie könnten an diesem Zeichen nichts ändern. Wenn da jede Kirsche, nachdem Sie gestern Kirschen gegessen haben, ihre Vergangenheit in Ihren Mund hineinregistriert hätte, und nun einer kommen würde und fünf ausstreichen wollte, könnte er sie zwar ausstreichen, aber die Tatsache würde sich nicht ändern. Ebensowenig können Sie irgendein Wunder verrichten in bezug auf alles, was Naturerscheinungen sind, denn die sind alle Hereinragungen aus dem Vergangenen. Und alles, was wir mit Naturgesetzen umfassen können, ist schon vergangen, ist kein Gegenwärtiges mehr. Das Gegenwärtige können Sie nicht anders als durch Bilder erfassen, das ist ein Fluktuierendes. Wenn ein Körper hier aufleuchtet, so entsteht ja ein Schatten. Sie müssen gewissermaßen den Schatten sich richtig begrenzen lassen und so weiter. Sie können den Schatten konstruieren. Daß der Schatten wirklich entsteht, das kann nur durch die Hingabe an das Bild eruiert werden. So daß man sagen kann: Schon im gewöhnlichen Leben bezieht sich das Begrenzen, ich könnte auch sagen, das logische Denken, auf die Vergangenheit. Und die Imagination, die bezieht sich auf die Gegenwart. In bezug auf die Gegenwart hat der Mensch immer Imaginationen.
[ 12 ] This is something that can reveal itself to a person as a great, as a significant truth: When you think, you are, in essence, thinking only of the past; when you construct logical arguments, you are, in essence, reflecting on what has passed. — Whoever grasps this thought will no longer seek miracles in the past. For as the past weaves itself into the present, it must be in the present exactly as it is in the past. Think about it: if you ate cherries yesterday, that is a past action; you cannot undo it because it is a past action. But if the cherries had the habit of leaving a mark somewhere before disappearing into your mouth, that mark would remain. You could not change that mark. If, after you ate cherries yesterday, each cherry had recorded its past inside your mouth, and now someone were to come along and try to erase five of them, he could indeed erase them, but the fact itself would not change. Nor can you perform any miracle with regard to natural phenomena, for they are all projections from the past. And everything we can encompass with the laws of nature is already in the past; it is no longer part of the present. You can only grasp the present through images; it is something that fluctuates. When an object glows here, a shadow is cast. You must, so to speak, allow the shadow to be properly defined and so on. You can construct the shadow. The fact that the shadow truly arises can only be ascertained through devotion to the image. So that one can say: Even in ordinary life, delimitation—I could also say, logical thinking—relates to the past. And imagination relates to the present. With regard to the present, human beings always have imaginations.
[ 13 ] Denken Sie doch nur einmal, wenn Sie logisch leben wollten in der Gegenwart! Nicht wahr, logisch leben heißt, einen Begriff aus dem andern hervorholen, gesetzmäßig von einem Begriff zum andern übergehen. Nun, versetzen Sie sich nur einmal ins Leben. Sie sehen irgendein Ereignis: ist das nächste logisch darangegliedert? Können Sie das nächste Ereignis logisch aus dem vorhergehenden ableiten? Wenn Sie das Leben überblicken, ist es nicht in seinen Bildern ähnlich wie der Traum? Die Gegenwart ist ähnlich wie der Traum, und nur daß sich in die Gegenwart die Vergangenheit hineinmischt, das bewirkt, daß diese Gegenwart gesetzmäßig verläuft, logisch verläuft. Und wenn Sie irgend etwas Zukünftiges in der Gegenwart erahnen wollen, ja, wenn Sie nur irgend etwas denken wollen, was Sie in der Zukunft verrichten wollen, dann ist das ja zunächst ganz ungegenständlich bei Ihnen vorgegangen. Was Sie heute Abend erleben werden, steht nicht als Bild in Ihnen, sondern als etwas, was unbildlicher als ein Bild ist. Es steht höchstens als Inspiration in Ihnen. Die Inspiration bezieht sich auf die Zukunft. Logisches Denken: Vergangenheit Imagination: Gegenwart Intuition Inspiration: Zukunft.
[ 13 ] Just think for a moment: if you wanted to live logically in the present! After all, living logically means deriving one concept from another, moving from one concept to the next in accordance with the laws of logic. Well, just put yourself in the midst of life for a moment. You see some event: is the next one logically connected to it? Can you logically deduce the next event from the previous one? When you look at life as a whole, isn’t it similar in its images to a dream? The present is similar to a dream, except that the past intermingles with the present, which causes this present to unfold according to certain laws, to unfold logically. And if you want to foresee anything in the future from the present—indeed, if you simply want to think of anything you intend to do in the future—then this process begins, at first, in a completely abstract way within you. What you will experience tonight does not exist within you as an image, but as something even more abstract than an image. At most, it exists within you as inspiration. Inspiration relates to the future. Logical thinking: past; Imagination: present; Intuition; Inspiration: future.
| Logisches Denken: | Vergangenheit | Intuition |
| Imagination: | Gegenwart | |
| Inspiration: | Zukunft |
| Logical Thinking: | Past | Intuition |
| Imagination: | Present | |
| Inspiration: | Future |
[ 14 ] Wir können uns auch durch ein einfaches Schema klarmachen, um was es sich da handelt. Wenn der Mensch — ich will ihn hier durch dieses Auge charakterisiert haben (siehe Zeichnung Seite 198) — auf den Sinnesteppich hinblickt, so sieht er ihn in seinen sich verwandelnden Bildern, aber er kommt jetzt und bringt Gesetze in diese Bilder hinein. Er bildet sich eine Naturwissenschaft aus den wechselnden Bildern der Sinneswelt. Er bildet sich eine Fachwissenschaft. Aber denken Sie einmal nach, wie diese Naturwissenschaft ausgebildet wird. Man untersucht, man untersucht denkend. Sie können unmöglich, wenn Sie eine Wissenschaft ausbilden wollen über das, was sich als Sinnesteppich ausbreitet, eine Wissenschaft, die in logischen Gedanken verläuft, diese logischen Gedanken aus der Außenwelt heraus gewinnen. Wenn das, was als Gedanken — und Naturgesetze sind ja auch Gedanken —, wenn das, was als Gesetze der Außenwelt erkannt wird, aus der Außenwelt selbst folgte, ja, dann wäre ja nicht notwendig, daß wir irgend etwas lernten über die Außenwelt, dann müßte derjenige, der zum Beispiel sich dieses Licht da ansieht, ganz genau die elektrischen Gesetze und so weiter wissen, wie der andere, der es gelernt hat! Ebensowenig weiß der Mensch, wenn er es nicht gelernt hat, irgend etwas, sagen wir über die Beziehung eines Kreisbogens zum Radius und so weiter. Da bringen wir die Gedanken, die wir in die Außenwelt hineintragen, aus unserem Inneren hervor.
[ 14 ] We can also use a simple diagram to understand what this is all about. When a person—I’ll characterize them here through this eye (see drawing on page 198)—looks out at the tapestry of the senses, they see it in its ever-changing images, but they now step in and introduce laws into these images. They construct a natural science out of the changing images of the sensory world. They construct a specialized science. But just think for a moment about how this natural science is developed. One investigates; one investigates through thinking. If you want to develop a science about what spreads out as the tapestry of the senses—a science that proceeds through logical thoughts—you cannot possibly derive these logical thoughts from the external world itself. If what is recognized as thoughts—and natural laws are, after all, thoughts as well—if what is recognized as the laws of the external world were derived from the external world itself, well, then it would not be necessary for us to learn anything about the external world; then the person who, for example, looks at that light over there would have to know the laws of electricity and so on just as precisely as the other person who has studied them! Nor does a person, if they have not learned it, know anything—let’s say—about the relationship between an arc of a circle and its radius, and so on. It is from within ourselves that we bring forth the thoughts we project into the external world.
[ 15 ] Ja, es ist so: Dasjenige, was wir als Gedanken in die Außenwelt hineintragen, bringen wir aus unserem Inneren hervor. Wir sind zunächst dieser Mensch, der als Hauptesmensch konstruiert ist. Dieser sieht auf den Sinnesteppich hin. Im Sinnesteppich drinnen ist dasjenige, was wir durch Gedanken erreichen (siehe Zeichnung Seite 198, weiß) und zwischen diesem und zwischen dem, was wir in unserem eigenen Inneren haben, was wir nicht wahrnehmen, ist eine Verbindung, gewissermaßen eine unterirdische Verbindung. Daher kommt es, daß wir dasjenige, was wir in der Außenwelt nicht wahrnehmen, weil es in uns hineinragt, aus unserem Inneren in Form des Gedankenlebens hervorholen und in die Außenwelt hineinlegen. So ist es schon mit dem Zählen. Die Außenwelt zählt uns gar nichts vor; die Gesetze des Zählens liegen in unserem eigenen Inneren. Aber daß das stimmt, rührt davon her, daß zwischen diesen Anlagen, die da sind in der Außenwelt und unseren eigenen irdischen Gesetzen, ein unterirdischer Zusammenhang ist, ein unterkörperlicher Zusammenhang, und so holen wir die Zahl aus unserem Inneren heraus. Die paßt dann zu dem, was draußen ist. Aber der Weg ist nicht durch unsere Augen, nicht durch unsere Sinne, sondern der Weg ist durch unseren Organismus. Und dasjenige, was wir als Mensch ausbilden, das bilden wir als ganzer Mensch aus. Es ist nicht wahr, daß wir durch die Sinne irgendein Naturgesetz erfassen; wir erfassen es als ganzer Mensch.
[ 15 ] Yes, it is true: What we project into the external world as thoughts comes from within us. We are, first and foremost, this human being who is conceived as the “main human being.” This person looks out onto the “carpet of the senses.” Within this carpet of the senses lies what we reach through thought (see illustration on page 198, white), and between this and what we have within ourselves—which we do not perceive—there is a connection, a sort of subterranean connection. This is why we bring forth from within—in the form of our life of thought—that which we do not perceive in the external world because it extends into us, and place it into the external world. This is already the case with counting. The external world does not dictate anything to us; the laws of counting lie within us. But the reason this is true is that there is an underground connection—a sub-physical connection—between these predispositions that exist in the external world and our own earthly laws, and so we draw the number from within ourselves. It then corresponds to what is out there. But the path does not lie through our eyes, nor through our senses; rather, the path lies through our organism. And whatever we develop as human beings, we develop as whole human beings. It is not true that we grasp any natural law through the senses; we grasp it as whole human beings.
[ 16 ] Diese Dinge muß man in Erwägung ziehen, wenn man das Verhältnis des Menschen zur Umwelt in der richtigen Weise sich zum Gemüte führen will. Wir sind ja fortwährend in Imaginationen drinnen, und man brauchte nur unbefangen das Leben mit dem Traum zu vergleichen. Wenn der Traum abläuft, so läuft er gewiß sehr chaotisch ab, aber er ist dem Leben viel ähnlicher als das logische Denken. Nehmen wir einen extremen Fall. Wenn Sie — na, ich will sogar eine Unterhaltung unter vernünftigen Menschen der Gegenwart annehmen: Sie hören zu, reden selber mit. Denken Sie einmal nach, was da, sagen wir, im Laufe einer halben Stunde hintereinander geredet wird, ob mehr Zusammenhang darinnen liegt, wenn Sie es in seiner Aufeinanderfolge betrachten, als im Traume ist, oder ob es ein solcher Zusammenhang ist wie im logischen Denken. Wenn Sie verlangen würden, daß sich da logisches Denken entwickelt, dann würden Sie wahrscheinlich zu großen Enttäuschungen kommen. Die gegenwärtige Welt tritt uns durchaus in Bildern entgegen, so daß wir eigentlich im Grunde genommen fortwährend träumen. Die Logik müssen wir ja erst hineinbringen. Die Logik entringen wir uns aus unserer Vorgeburtlichkeit; wir bringen sie erst in den Zusammenhang der Dinge hinein und treffen dadurch auch auf das Vergangene in den Dingen. Die Gegenwart umfassen wir mit Imaginationen.
[ 16 ] These things must be taken into consideration if one wishes to properly understand the relationship between human beings and the environment. After all, we are constantly immersed in our imaginations, and one need only compare life to a dream without prejudice. When a dream unfolds, it certainly does so in a very chaotic manner, but it is much more similar to life than logical thinking. Let’s take an extreme case. Suppose—well, I’ll even take as an example a conversation among reasonable people today: You listen, and you join in the conversation yourself. Just think for a moment about what is said, say, over the course of half an hour—whether there is more coherence in it, when you consider it in its sequence, than there is in a dream, or whether it is a coherence like that found in logical thinking. If you were to demand that logical thinking develop there, you would probably be greatly disappointed. The present world presents itself to us entirely in images, so that, strictly speaking, we are actually dreaming constantly. We must first introduce logic into it. We wrest logic from our pre-birth state; we first bring it into the context of things and thereby also encounter the past within them. We grasp the present through imaginations.
[ 17 ] Wenn wir dieses imaginative Leben, das uns in der sinnlichen Gegenwart fortwährend umgibt, betrachten, so können wir uns sagen: Es gibt sich uns dieses imaginative Leben. Wir tun nichts dazu. — Denken Sie nur einmal, wie Sie sich haben anstrengen müssen, um zum logischen Denken zu kommen! Das Leben zu genießen, das Leben zu betrachten, haben Sie sich gar nicht anzustrengen brauchen, das enthüllt seine Bilder von selbst vor Ihnen. Nun, da haben wir es eben gut im Leben in bezug auf das Bildervorstellen der gewöhnlichen Umwelt. Nichts anderes braucht man aber, als nun auch die Fähigkeit sich zu erwerben, so Bilder zu machen — aber jetzt durch eigene Tätigkeit, wie man es sonst im Denken tut — und Bilder zu erleben durch innere Anstrengung, wie es sonst beim Denken geschieht. Dann sieht man nicht nur die Gegenwart in Bildern, dann dehnt man das bildliche Vorstellen auch aus auf das Leben vor der Geburt oder vor der Empfängnis, dann sieht man vor die Geburt hin oder vor die Empfängnis. Und wenn man da in Bildern hineinschaut, dann bevölkert sich das Denken mit den Bildern, und dann wird das vorgeburtliche Leben Realität. Wir müssen uns nur durch Ausbildung derjenigen Fähigkeiten, von denen gesprochen wird in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», angewöhnen können, in Bildern zu denken, ohne daß diese Bilder sich uns, wie das im gewöhnlichen Leben der Fall ist, von selber geben. Wenn wir dieses Bilderleben, in dem wir eigentlich immer drinnenstehen im gewöhnlichen Leben, zu einem Innenleben machen, dann schauen wir in die geistige Welt hinein, und dann erblicken wir allerdings die Art und Weise, wie unser Leben eigentlich verläuft.
[ 17 ] When we consider this imaginative life that constantly surrounds us in the sensory present, we can say to ourselves: This imaginative life simply presents itself to us. We do nothing to bring it about. — Just think for a moment how much effort it took you to arrive at logical thinking! To enjoy life, to contemplate life, you don’t have to make any effort at all; it reveals its images to you of its own accord. Well, we are already well off in life when it comes to visualizing the ordinary environment. But all that is needed now is to acquire the ability to create such images—but this time through one’s own activity, as one otherwise does in thinking—and to experience images through inner effort, as otherwise happens in thinking. Then one not only sees the present in images, but also extends this pictorial imagination to life before birth or before conception; then one looks back to the time before birth or before conception. And when one looks into those images, one’s thinking becomes filled with them, and then prenatal life becomes a reality. We need only, by cultivating the abilities described in How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?, accustom ourselves to thinking in images without these images presenting themselves to us of their own accord, as is the case in ordinary life. When we make this life of images—in which we are actually always immersed in ordinary life—into an inner life, then we look into the spiritual world, and then we truly see the way in which our life actually unfolds.
[ 18 ] Heute betrachtet man es ja ziemlich ausschließlich als geistig, wenn jemand — ich habe darüber öfter gesprochen — das materielle Leben richtig verachtet und sagt: Ich strebe zum Geist, Materie bleibt tief unter mir. — Das ist eine Schwäche, denn nur derjenige gelangt wirklich zu einem spirituellen Leben, der nicht die Materie unter sich zu lassen braucht, sondern der die Materie selbst in ihrer Wirksamkeit als Geist begreift, der alles Materielle als ein Geistiges und alles Geistige, auch in seiner Offenbarung als Materielles, erkennen kann. Das wird insbesondere bedeutsam, wenn wir auf Denken und Wollen hinblicken. Höchstens noch die Sprache, die ja einen geheimen Genius in sich enthält, die hat noch etwas von dem, was auf diesem Felde zur Erkenntnis führt.
[ 18 ] Today, it is regarded almost exclusively as spiritual when someone—I have spoken about this often—truly despises material life and says: “I strive toward the spirit; matter remains far beneath me.” — That is a weakness, for only those who do not need to leave matter behind them, but who understand matter itself in its activity as spirit—who can recognize everything material as spiritual and everything spiritual, even in its manifestation as material—truly attain a spiritual life. This becomes particularly significant when we consider thinking and willing. At most, language—which, after all, contains a secret genius within itself—still possesses something of what leads to knowledge in this realm.
[ 19 ] Beachten Sie das Wollen in seiner Grundlage im gewöhnlichen Leben: Sie wissen, es geht hervor aus dem Begehren; selbst das idealste Wollen geht aus dem Begehren hervor. Nun, nehmen Sie die gröbste Form des Begehrens. Die gröbste Form des Begehrens, welche ist sie? Der Hunger. Daher ist auch alles, was aus dem Begehren hervorgeht, im Grunde immer verwandt dem Hunger. Aus dem, was ich Ihnen heute andeuten will, können Sie ja entnehmen, daß das Denken der andere Pol ist, er wird sich daher wie das Entgegengesetzte zum Begehren verhalten. Wir können sagen: Wenn wir das Begehren dem Wollen zugrunde legen, haben wir dem Denken die Sättigung zugrunde zu legen, die Gesättigtheit, nicht den Hunger.
[ 19 ] Consider the basis of volition in everyday life: You know that it arises from desire; even the most ideal form of volition arises from desire. Now, take the crudest form of desire. What is the crudest form of desire? Hunger. Therefore, everything that arises from desire is, at its core, always related to hunger. From what I wish to suggest to you today, you can see that thinking is the other pole; it will therefore behave as the opposite of desire. We can say: If we base desire on the will, we must base thinking on satiety, on fullness, not on hunger.
[ 20 ] Das entspricht eigentlich im tiefsten Sinne dem Tatbestand. Wenn Sie unsere Hauptesorganisation als Menschen nehmen und die andere Organisation, die daran hängt, so ist es in der Tat so: Wir nehmen wahr. Was heißt das, wir nehmen wahr? Wir nehmen wahr durch unsere Sinne. Indem wir wahrnehmen, wird eigentlich fortwährend etwas in uns abgetragen. Es geht etwas von außen in unser Inneres. Der Lichtstrahl, der in unser Auge dringt, der trägt eigentlich etwas ab. Es wird gewissermaßen in unsere eigene Materie ein Loch hineingebohrt (siehe Zeichnung Seite 201). Da war Materie, jetzt hat der Lichtstrahl ein Loch hineingebohrt, jetzt ist Hunger vorhanden. Dieser Hunger muß gesättigt werden, er wird aus dem Organismus, aus der vorhandenen Nahrung heraus gesättigt; das heißt, dieses Loch füllt sich aus mit der Nahrung, die in uns ist (rot). Jetzt haben wir gedacht, jetzt haben wir dasjenige, was wir wahrgenommen haben, gedacht: indem wir denken, füllen wir fortwährend die Löcher, welche die Sinneswahrnehmungen in uns bilden, mit Sättigung aus, die aus unserem Organismus aufsteigt.
[ 20 ] This actually corresponds to the reality of the matter in the deepest sense. If you consider our main organism as a human being and the other organism attached to it, then it is indeed the case that we perceive. What does it mean to say that we perceive? We perceive through our senses. As we perceive, something is actually constantly being worn away within us. Something from the outside enters our inner being. The ray of light that penetrates our eye actually wears something away. In a sense, a hole is drilled into our own matter (see drawing on page 201). There was matter; now the ray of light has drilled a hole in it; now there is hunger. This hunger must be satisfied; it is satisfied from within the organism, from the available food; that is, this hole fills up with the food that is within us (red). Now we have thought; now we have taken what we perceived and thought about it: by thinking, we continually fill the holes formed within us by sensory perceptions with a sense of satisfaction that rises from our organism.
[ 21 ] Es ist außerordentlich interessant zu beobachten, wenn wir die Kopforganisation ins Auge fassen, wie wir aus unserem übrigen Organismus heraus durch die Löcher, die da entstehen, durch Ohren und durch Augen, durch die Wärmeempfindungen, da sind überall Löcher, hineinlegen die Materie. Der Mensch füllt sich ganz aus, indem er denkt, indem er dasjenige, was da ausgelocht ist, ausfüllt (rot).
[ 21 ] It is extraordinarily interesting to observe, when we consider the organization of the head, how we introduce matter from the rest of our organism through the openings that arise there—through the ears and eyes, through sensations of warmth; there are openings everywhere. Human beings fill themselves completely by thinking, by filling in what has been hollowed out (red).
[ 22 ] Und wenn wir wollen, so ist es ähnlich. Nur wirkt es dann nicht von außen herein, so daß wir ausgehöhlt werden, sondern da wirkt es von innen. Wenn wir wollen, entstehen überall in uns Höhlungen; die müssen wiederum mit Materie sich ausfüllen. So daß wir sagen können, wir bekommen negative Wirkungen, aushöhlende Wirkungen, sowohl von außen wie von innen und schieben fortwährend unsere Materie hinein.
[ 22 ] And if we want to, it is similar. Only then it does not act from the outside in, so that we are hollowed out, but rather it acts from within. If we want to, cavities form everywhere within us; these, in turn, must be filled with matter. So that we can say we experience negative effects—hollowing-out effects—from both the outside and the inside, and we are constantly pushing our matter into them.
[ 23 ] Das sind die intimsten Wirkungen, diese aushöhlenden Wirkungen, die eigentlich in uns das ganze Erdensein vernichten. Denn indem wir den Lichtstrahl empfangen, indem wir den Ton hören, vernichten wir unser Erdendasein. Wir reagieren aber darauf, wir füllen das wiederum mit Erdendasein aus. Wir haben also ein Leben zwischen Vernichtung des Erdendaseins und Ausfüllen des Erdendaseins: luziferisch, ahrimanisch. Das Luziferische ist eigentlich fortwährend bestrebt, partiell aus uns ein Nichtmaterielles zu machen, uns ganz hinwegzuheben aus dem Erdendasein; Luzifer möchte nämlich, wenn er könnte, uns ganz vergeistigen, das heißt entmaterialisieren. Aber Ahriman ist sein Gegner; der wirkt so, daß fortwährend dasjenige, was Luzifer ausgräbt, wiederum ausgefüllt wird. Ahriman ist der fortwährende Ausfüller. Wenn Sie den Luzifer plastisch gestalten und den Ahriman plastisch machen, so könnten Sie ganz gut, wenn die Materie durcheinander durchginge, Ahriman immer hineindrängen in die Höhlung von Luzifer, oder Luzifer drüberstülpen. Aber da innen auch Höhlungen sind, muß man auch hineinstülpen. Ahriman und Luzifer, das sind die beiden entgegengesetzten Kräfte, die im Menschen wirken. Er selbst ist die Gleichgewichtslage. Luzifer, mit fortwährendem Entmaterialisieren, ergibt fortwährend Materialisieren: Ahriman. Wenn wir wahrnehmen, das ist Luzifer. Wenn wir über das Wahrgenommene denken: Ahriman. Wenn wir die Idee bilden, dieses oder jenes sollen wir wollen: Luzifer. Wenn wir wirklich wollen auf der Erde: Ahriman. So stehen wir zwischen den beiden darinnen. Wir pendeln zwischen ihnen hin und her, und wir müssen uns schon klar sein: Wir sind als Menschen zwischen das Ahrimanische und das Luziferische in der intimsten Weise hineingestellt. Eigentlich lernt man den Menschen nur kennen, wenn man diese zwei entgegengesetzten Pole an ihm in Betracht zieht.
[ 23 ] These are the most intimate effects—these eroding effects—that actually destroy our entire earthly existence within us. For as we receive the ray of light, as we hear the sound, we destroy our earthly existence. But we react to this; we in turn fill it with earthly existence. We thus have a life oscillating between the destruction of earthly existence and the filling of earthly existence: Luciferic, Ahrimanic. The Luciferic principle is actually constantly striving to partially transform us into something non-material, to lift us entirely out of earthly existence; for if he could, Lucifer would like to spiritualize us completely—that is, to dematerialize us. But Ahriman is his opponent; he acts in such a way that whatever Lucifer excavates is continually filled in again. Ahriman is the constant filler. If you were to sculpt Lucifer and sculpt Ahriman, you could quite easily—as the material intermingles—push Ahriman into the hollow of Lucifer, or cover him with Lucifer. But since there are hollows on the inside as well, you must also cover them. Ahriman and Lucifer are the two opposing forces at work within the human being. He himself is the state of equilibrium. Lucifer, through continuous dematerialization, results in continuous materialization: Ahriman. When we perceive, that is Lucifer. When we think about what we have perceived: Ahriman. When we form the idea that we should want this or that: Lucifer. When we truly will on Earth: Ahriman. Thus we stand between the two within ourselves. We oscillate back and forth between them, and we must be clear about this: as human beings, we are placed in the most intimate way between the Ahrimanic and the Luciferic. In fact, one can only truly come to know a human being by considering these two opposing poles within them.
[ 24 ] Da haben Sie eine Betrachtungsweise, welche durchaus weder auf ein abstraktes Geistiges bloß geht — denn dieses abstrakte Geistige ist ja ein nebulos Mystisches —, noch auf ein Materielles, sondern alles, was materielle Wirkung ist, ist zu gleicher Zeit geistig. Wir haben es überall mit Geistigem zu tun. Und wir durchschauen die Materie in ihrem Dasein, in ihrer Wirksamkeit, indem wir überall den Geist hineinschauen können.
[ 24 ] Here you have a perspective that is by no means limited to an abstract spiritual realm—for this abstract spiritual realm is, after all, a nebulous, mystical concept—nor to a material one; rather, everything that has a material effect is at the same time spiritual. We are dealing with the spiritual everywhere. And we see through matter in its existence and in its effects by being able to look into the spirit everywhere.
[ 25 ] Ich habe Ihnen gesagt: Die Imagination kommt uns in bezug auf die Gegenwart von selbst. Wenn wir die Imagination künstlich ausbilden, so schauen wir in die Vergangenheit hinein. Wenn wir die Inspiration ausbilden, schauen wir in die Zukunft hinein, so wie man in die Zukunft hinein rechnet, indem man etwa Sonnenfinsternisse oder Mondenfinsternisse berechnet, nicht in bezug auf die Einzelheiten, aber auf die großen Gesetzmäßigkeiten der Zukunft in einem höheren Grade. Und die Intuition faßt alle drei zusammen. Und der Intuition sind wir eigentlich fortwährend unterworfen, nur verschlafen wir das. Wenn wir schlafen, sind wir mit unserem Ich und mit unserem astralischen Leibe ganz in der Außenwelt drinnen; wir entfalten da jene intuitive Tätigkeit, die man sonst bewußt entfalten muß in der Intuition. Nur ist der Mensch in dieser gegenwärtigen Organisation zu schwach, um dann bewußt zu sein, wenn er intuitiert; aber er intuitiert in der Tat in der Nacht. So daß man sagen kann: Schlafend entwickelt der Mensch die Intuition, wachend entwickelt er — bis zu einem gewissen Grade natürlich — das logische Denken; zwischen beiden steht Inspiration und Imagination. Indem der Mensch aus dem Schlafe herüberkommt ins wachende Leben, gehen sein Ich und sein astralischer Leib in den physischen Leib und in den Ätherleib herein; dasjenige, was er sich da mitbringt, ist die Inspiration, auf die ich Sie schon in den verflossenen Vorträgen aufmerksam gemacht habe. Wir können sagen: Schlafend ist der Mensch in Intuition, wachend im logischen Denken, aufwachend inspiriert er sich, einschlafend imaginiert er. — Sie sehen daraus, daß diejenigen Tätigkeiten, die wir anführen als die höheren Tätigkeiten der Erkenntnis, dem gewöhnlichen Leben nicht fremd sind, sondern daß sie durchaus im gewöhnlichen Leben vorhanden sind, daß sie nur ins Bewußtsein heraufgehoben werden müssen, wenn eine höhere Erkenntnis entwickelt werden soll.
[ 25 ] I have told you: Imagination comes to us naturally when it comes to the present. When we cultivate imagination artificially, we look into the past. When we cultivate inspiration, we look into the future, just as one calculates the future by, for example, calculating solar or lunar eclipses—not in terms of details, but in terms of the great laws of the future at a higher level. And intuition brings all three together. And we are actually constantly subject to intuition; we simply sleep through it. When we sleep, we are fully immersed in the outer world with our “I” and our astral body; there we unfold that intuitive activity which one must otherwise consciously unfold through intuition. However, in our present physical constitution, human beings are too weak to be conscious when they are intuiting; yet they do indeed intuit at night. So one can say: While sleeping, human beings develop intuition; while awake, they develop—to a certain degree, of course—logical thinking; between the two lie inspiration and imagination. As a person emerges from sleep into waking life, their ego and astral body enter the physical body and the etheric body; what they bring with them is the inspiration to which I have already drawn your attention in previous lectures. We can say: While asleep, a person is in a state of intuition; while awake, in a state of logical thinking; upon waking, they are inspired; and as they fall asleep, they imagine. — You can see from this that the activities we describe as the higher activities of cognition are not foreign to ordinary life, but are indeed present in ordinary life; they merely need to be brought up into consciousness if a higher form of cognition is to be developed.
[ 26 ] Worauf immer wieder hingewiesen werden muß, das ist, daß in den letzten drei bis vier Jahrhunderten die äußere Wissenschaft eine große Summe von rein materiellen Tatsachen zusammengefaßt und in Gesetze gebracht hat. Diese Tatsachen müssen erst wiederum geistig durchdrungen werden. Aber es ist gut — wenn ich so sagen darf, obwohl es zunächst paradox klingt —, daß der Materialismus da war, sonst wären die Menschen in die Nebulosität herein verfallen. Sie hätten zuletzt überhaupt allen Zusammenhang mit dem Erdendasein verloren. Als im 15. Jahrhundert der Materialismus begann, war nämlich die Menschheit im hohen Grade daran, luziferischen Einflüssen zu verfallen, nach und nach immer mehr und mehr ausgehöhlt zu werden. Da kamen eben die ahrimanischen Einflüsse seit jener Zeit. Und in den letzten vier, fünf Jahrhunderten haben sich die ahrimanischen Einflüsse bis zu einer gewissen Höhe entwickelt. Heute sind sie sehr stark geworden und es ist die Gefahr vorhanden, daß sie über ihr Ziel hinausschießen, wenn wir ihnen nicht entgegenhalten dasjenige, was sie gewissermaßen erlahmen macht: wenn wir ihnen nicht das Geistige entgegenhalten.
[ 26 ] What must be emphasized time and again is that, over the last three to four centuries, the external sciences have compiled a vast body of purely material facts and codified them into laws. These facts must first be spiritually penetrated. But it is good—if I may say so, even though it sounds paradoxical at first—that materialism existed; otherwise, people would have fallen into a state of confusion. They would eventually have lost all connection with earthly existence. When materialism began in the 15th century, humanity was, in fact, on the verge of succumbing to Luciferic influences, gradually becoming more and more hollowed out. That is when the Ahrimanic influences began to take hold. And over the last four or five centuries, these Ahrimanic influences have developed to a certain degree. Today they have become very strong, and there is a danger that they will overshoot their mark if we do not counter them with that which, so to speak, causes them to subside: if we do not counter them with the spiritual.
[ 27 ] Aber da handelt es sich darum, daß man gerade für das Verhältnis des Geistigen zum Materiellen das richtige Gefühl entwickelt. Es gibt in der älteren deutschen Denkweise ein Gedicht, das man «Muspilli» genannt hat, das sich zuerst in einem Buche gefunden hat, das Ludwig dem Deutschen im 9. Jahrhundert gewidmet war, das aber natürlich aus viel früherer Zeit stammt. In diesem Gedicht liegt etwas rein Christliches vor: es wird uns der Kampf des Elias mit dem Antichrist vorgeführt. Aber die ganze Art und Weise, wie diese Erzählung verläuft, dieser Kampf des Elias mit dem Antichrist, erinnert an die alten Kämpfe der Sagen, der Bewohner von Asgard mit den Bewohnern von Jötunheim, den Bewohnern des Riesenreiches. Es ist einfach das Reich der Asen in das Reich des Elias verwandelt worden, das Reich der Riesen in das Reich des Antichrist.
[ 27 ] But the point here is to develop the right sense of the relationship between the spiritual and the material. In the older German tradition of thought, there is a poem called “Muspilli,” which first appeared in a book dedicated to Ludwig the German in the 9th century, but which, of course, dates from a much earlier time. There is something purely Christian in this poem: it depicts the struggle of Elijah against the Antichrist. But the entire manner in which this narrative unfolds—this battle between Elijah and the Antichrist—is reminiscent of the ancient battles in mythology, between the inhabitants of Asgard and the inhabitants of Jötunheim, the realm of the giants. It is simply that the realm of the Aesir has been transformed into the realm of Elijah, and the realm of the giants into the realm of the Antichrist.
[ 28 ] Diese Denkweise, die uns da noch entgegentritt, die verhüllt die wahre Tatsache weniger als die späteren Denkweisen. Die späteren Denkweisen, die reden eigentlich immer von einer Dualität, von dem Guten und Bösen, von Gott und dem Teufel und so weiter. Aber diese Denkweisen, die man in der späteren Zeit ausgebildet hat, stimmen nicht mehr zu den früheren. Jene Menschen, die den Kampf ausgebildet haben zwischen dem Götterheim und dem Riesenheim, die haben in den Göttern nicht dasselbe gesehen, wie es etwa der heutige Christ unter dem Reiche seines Gottes versteht, sondern diese älteren Vorstellungen haben zum Beispiel oben Asgard, das Reich der Götter gehabt, und unten Jötunheim, das Reich der Riesen; in der Mitte entfaltet sich der Mensch, Midgard. Das ist nichts anderes als in germanisch-europäischer Art dasselbe, was im alten Persien als Ormuzd und Ahriman vorhanden war. Da müßten wir nun in unserer Sprache sagen: Luzifer und Ahriman. Wir müßten Ormuzd als Luzifer ansprechen und nicht etwa bloß als den guten Gott. Und das ist der große Irrtum, der begangen wird, daß man diesen Dualismus so faßt, als wenn Ormuzd nur der gute Gott wäre und sein Gegner Ahriman der böse Gott. Das Verhältnis ist vielmehr das wie von Luzifer zu Ahriman. Und in Mittelgard, da wird in der Zeit, in der dieses Gedicht «Muspilli» abgefaßt ist, noch ganz richtig nicht vorgestellt: Der Christus läßt oben sein Blut herunterstrahlen —, sondern: Elias ist da, der sein Blut herunterstrahlen läßt. — Und der Mensch wird in die Mitte hineingestellt. Die Vorstellung war in der Zeit, in der wahrscheinlich Ludwig der Deutsche dieses Gedicht in sein Buch hineingeschrieben hat, noch eine richtigere als die spätere. Denn die spätere Zeit hat das Sonderbare begangen, die Trinität außer acht zu lassen; das heißt, die oberen Götter, die in Asgard sind, und die unteren Götter, die Riesengötter, die im ahrimanischen Reich sind, diese als das All aufzufassen, und zwar die oberen, die luziferischen, als die guten Götter und die andern als die bösen Götter. Das hat die spätere Zeit gemacht; die frühere Zeit hat noch diesen Gegensatz zwischen Luzifer und Ahriman richtig ins Auge gefaßt, und daher so etwas wie den Elias in das luziferische Reich hineingestellt mit seiner emotionellen Prophetie, mit demjenigen, was er dazumal verkündigen konnte, weil man den Christus hineinstellen wollte in Mittelgard, in dasjenige, was in der Mitte liegt.
[ 28 ] This way of thinking, which we still encounter here, obscures the true reality less than later ways of thinking. Later ways of thinking, in fact, always speak of a duality—of good and evil, of God and the devil, and so on. But these ways of thinking, which were developed in later times, no longer correspond to the earlier ones. Those people who conceived of the struggle between the realm of the gods and the realm of the giants did not see the gods in the same way that, for example, today’s Christians understand the kingdom of their God; rather, these older conceptions placed, for instance, Asgard—the realm of the gods—above, and Jötunheim—the realm of the giants—below; in the middle lies humanity, Midgard. This is nothing other than, in the Germanic-European tradition, the same concept that existed in ancient Persia as Ormuzd and Ahriman. In our language, we would have to say: Lucifer and Ahriman. We would have to refer to Ormuzd as Lucifer and not merely as the good God. And this is the great error that is committed: that this dualism is understood as if Ormuzd were merely the good God and his adversary Ahriman the evil God. The relationship is rather that between Lucifer and Ahriman. And in Midgard—at the time this poem “Muspilli” was composed—it was not yet quite correctly conceived as: Christ lets his blood shine down from above—but rather: Elijah is there, who lets his blood shine down. —And humanity is placed in the middle. The conception at the time when Ludwig the German likely transcribed this poem into his book was still more accurate than the later one. For later times committed the error of disregarding the Trinity; that is, of conceiving the upper gods in Asgard and the lower gods—the giant gods—in the Ahrimanic realm as the whole of the cosmos, and specifically of regarding the upper, Luciferic gods as the good gods and the others as the evil gods. That is what the later period did; the earlier period still correctly grasped this opposition between Lucifer and Ahriman, and therefore placed a figure like Elijah within the Luciferic realm with his emotional prophecy, with what he was able to proclaim at that time, because one wanted to place the Christ in Midgard, in that which lies in the middle.
[ 29 ] Wir müssen wiederum zurück zu diesen Vorstellungen in vollem Bewußtsein, sonst werden wir, wenn wir nur von der Dualität zwischen Gott und dem Teufel sprechen, nicht wiederum zu der Trinität kommen: zu den luziferischen Göttern, zu den ahrimanischen Mächten und dazwischen zu dem, was das Christus-Reich ist. Ohne daß wir dazu vorrücken, kommen wir nicht zu einem wirklichen Verständnis der Welt. Denken Sie, es ist darin ein ungeheures Geheimnis der geschichtlichen Entwickelung der europäischen Menschheit, daß der alte Ormuzd zu dem guten Gott gemacht worden ist, während er eigentlich eine luziferische Macht ist, eine Lichtmacht. Dadurch allerdings hat man die Genugtuung haben können, daß man wiederum den Luzifer so schlecht wie möglich machen konnte; weil einem der Luzifername nicht gepaßt hat für den Ormuzd, hat man den Luzifer auf den Ahriman hingeleitet, hat einen Mischmasch gemacht, der noch bei Goethe in seiner Mephistophelesfigur nachwirkt, indem sich da ja auch Luzifer und Ahriman miteinander vermischen, wie ich ausdrücklich in meinem Büchelchen «Goethes Geistesart» gezeigt habe. Es ist in der Tat die europäische Menschheit, die Menschheit der gegenwärtigen Zivilisation in eine große Verwirrung hineingekommen, und diese Verwirrung geht schließlich durch alles Denken. Sie wird nur wettgemacht dadurch, daß man aus der Dualität wieder in die Trinität hineinführt, denn alles Duale führt zuletzt in etwas, in dem der Mensch nicht leben kann, das er als eine Polarität anschauen muß, in der er den Ausgleich nun wirklich finden kann: Christus ist da zum Ausgleich des Luzifer und Ahriman, zum Ausgleich von Ormuzd und Ahriman und so weiter.
[ 29 ] We must return to these concepts with full awareness; otherwise, if we speak only of the duality between God and the Devil, we will not arrive once again at the Trinity: the Luciferic gods, the Ahrimanic forces, and, in between, what constitutes the Kingdom of Christ. Unless we make progress in this direction, we will not arrive at a true understanding of the world. Consider this: it is an immense mystery of the historical development of European humanity that the ancient Ormuzd was made into the good God, whereas he is actually a Luciferic power, a power of light. This, however, has allowed people the satisfaction of being able to portray Lucifer as evil as possible; because the name “Lucifer” did not suit Ormuzd, Lucifer was associated with Ahriman, creating a mishmash that still resonates in Goethe’s figure of Mephistopheles, in which Lucifer and Ahriman are indeed blended together, as I have explicitly shown in my little book Goethe’s Spirit. It is indeed European humanity—the humanity of our present civilization—that has fallen into great confusion, and this confusion ultimately permeates all thought. It can only be counteracted by leading people back from duality into the Trinity, for everything dual ultimately leads to something in which human beings cannot live—something they must view as a polarity—in which they can truly find balance: Christ is there to balance Lucifer and Ahriman, to balance Ormuzd and Ahriman, and so on.
[ 30 ] Das ist das Thema, das ich einmal anschlagen wollte und das wir dann in den nächsten Tagen in verschiedenen Verzweigungen weiterführen wollen.
[ 30 ] This is the topic I wanted to bring up, and we plan to continue discussing it in various ways over the next few days.
