Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist I
Der Mensch als leiblich-seelische Wesenheit
in seinem Verhältnis zur Welt
GA 205
8 Juli 1921, Dornach
Achter Vortrag
[ 1 ] Wir wollen heute zur Vorbereitung für die beiden nächsten Betrachtungen uns vor die Seele rufen einiges über das Wesen des Menschen, insofern der Mensch ein Gedankenwesen ist. Gerade diese Eigenschaft des Menschen, daß er ein Gedankenwesen ist, die wird ja wissenschaftlich heute verkannt, in einer ganz falschen Weise gedeutet. Man denkt, Gedanken, wie sie der Mensch erlebt, kommen in dem Menschen zustande, der Mensch sei gewissermaßen der Träger der Gedanken. Kein Wunder, daß man diese Anschauung hat, denn eigentlich ist ja die Wesenheit des Menschen nur einer feineren Beobachtung zugänglich. Der gröberen Beobachtung entzieht sich gerade diese Menschenwesenheit.
[ 2 ] Wenn wir den Menschen als Gedankenwesen betrachten, so geschieht es ja deshalb, weil wir im Wachzustande, vom Aufwachen bis zum Einschlafen, wahrnehmen, daß er seine sonstigen Erlebnisse mit Gedanken, mit dem Inhalt seines Denkens begleitet. Diese Gedankenerlebnisse kommen einem so vor, als ob sie auf irgendeine Weise im Inneren des Menschen entstehen und als ob sie in einer gewissen Weise für die Zeit zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, also für den Schlafzustand, aufhören würden. Und weil man der Meinung ist, Gedankenerlebnisse seien für den Menschen eben da, so lange er wacht, verlieren sich aber im Schlafe in irgendein Unbestimmtes, über das man sich nicht weiter Aufklärung zu verschaffen versucht und man sich die Sache eben so vorstellt, so kann man eigentlich über den Menschen als Gedankenwesen sich nicht aufklären. Eine feinere Beobachtung, die ja noch gar nicht besonders stark vorrückt bis in diejenige Region, die ich gezeichnet habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», zeigt, daß das Gedankenleben durchaus nicht jenes Einfache ist, als das man es sich gewöhnlich vorstellt. Wir brauchen nur dieses gewöhnliche Gedankenleben, das grobe Gedankenleben, dessen jeder gewahr wird, der eben den Menschen zwischen Aufwachen und Einschlafen betrachtet, zunächst zu vergleichen mit einem für das gewöhnliche Bewußtsein allerdings problematischen Element, mit dem Element des Träumens.
[ 3 ] Gewöhnlich läßt man sich doch eigentlich nicht auf etwas anderes ein, wenn von Träumen die Rede ist, als auf eine allgemeine Charakteristik des Träumens. Man vergleicht den Zustand des Träumens mit dem Zustand des wachen Denkens und findet, daß im Träumen willkürliche Gedankenverbindungen, wie man etwa sagen würde, vorhanden sind, daß Bilder sich aneinanderreihen, ohne daß in dieser Aneinanderreihung ein solcher Zusammenhang wahrnehmbar wäre, wie er wahrnehmbar ist in der äußeren Seinswelt. Oder auch man bezieht dann dasjenige, was im Traum abläuft, auf die äußere Sinneswelt, sieht, wie es gewissermaßen herausragt, wie es nach Anfang und Ende sich nicht eingliedert in die Vorgänge der äußeren Sinneswelt.
[ 4 ] Gewiß, bis zu diesen Beobachtungen dringt man ja vor, und in bezug auf diese Beobachtungen sind ja durchaus schöne Resultate zu verzeichnen. Aber was man nicht bemerkt, das ist, daß erstens, wenn der Mensch sich ein wenig, ich möchte sagen, einem Anflug der Versenkung überläßt, ein wenig sich gehen läßt und die Gedanken frei laufen läßt, er dann wahrnehmen kann, wie in diesen gewöhnlichen Gedankenablauf, der sich anschließt an den äußeren Verlauf der Ereignisse, sich etwas doch hineinmischt, was dem Träumen nicht unähnlich ist, auch dann, wenn wir im wachen Zustande sind. Man kann schon sagen: Vom Aufwachen bis zum Einschlafen verläuft gewissermaßen — während wir uns anstrengen, unser Gedankenleben den äußeren Verhältnissen, in die wir hineinverwoben sind, anzupassen — ein unbestimmtes Träumen. Gewissermaßen wie zwei Ströme, die da sind, kann es uns vorkommen: die obere Strömung, die wir beherrschen mit unserer Willkür, und eine untere Strömung, die eigentlich wirklich so verläuft, wie die Träume selbst in ihrer Bilderaufeinanderfolge verlaufen. Gewiß, man muß sich ein bißchen dem inneren Leben hingeben, wenn man das bemerken will, wovon ich eben jetzt spreche. Aber es ist immer vorhanden. Man wird immer bemerken: eine Unterströmung ist da. Da wirbeln die Gedanken durchaus so bildhaft ineinander, wie sie in den Träumen durcheinanderwirbeln, da reiht sich das Bunteste aneinander. Da kommen Reminiszenzen aus allem möglichen, die ebenso wie der Traum nach dem bloßen Wortgleichklang andere Gedanken an sich heranrufen, sich mit ihnen verbinden. Und Menschen, welche sich innerlich gehen lassen, Menschen, welche zu bequem sind, um sich den äußeren Verhältnissen mit ihrem Gedankenablauf anzupassen, die können bemerken, wie ein inneres Streben besteht, sich hinzugeben solchen wachen Träumen.
[ 5 ] Dieses wache Träumen unterscheidet sich von dem gewöhnlichen Träumen nur dadurch, daß die Bilder verblaßter sind, daß die Bilder mehr vorstellungsähnlich sind. Aber in bezug auf das gegenseitige Verhältnis dieser Bilder unterscheidet sich dieses Wachträumen gar nicht besonders von dem sogenannten wirklichen Träumen. Es gibt ja alle Grade von Menschen, von jenen an, die überhaupt gar nicht bemerken, daß ein solches waches Träumen in den Unterströmungen ihres Bewußtseins vorhanden ist, die also ganz am Leitfaden der äußeren Ereignisse ihre Gedanken ablaufen lassen, bis zu denen, die sich dem wachen Träumen hingeben und in ihrem Bewußtsein ablaufen lassen, wie, ich möchte sagen, die Gedanken daselbst sich ineinander verweben und verstrudeln wollen. Von solchen träumerischen Naturen, wie man sie auch nennt, bis zu denen, die ganz trockene Naturen sind, die nichts gelten lassen als das, was genau übereinstimmt mit irgendeinem Tatsachenverlauf, gibt es ja alle Grade von menschlichen Naturen. Und wir müssen sagen, ein größerer Teil dessen, was die Menschen künstlerisch, dichterisch und so weiter befruchtet, entstammt dieser Unterströmung des wachen Träumens während des Tages.
[ 6 ] Das ist die eine Seite der Sache. Man sollte sie durchaus berücksichtigen. Man würde dann wissen, daß eigentlich in uns fortwährend ein wogendes Träumen stattfindet, das wir nur bändigen durch unseren Verkehr mit der Außenwelt. Und man würde dann auch wissen, daß es im wesentlichen der Wille ist, der sich an die Außenwelt anpaßt, und der in die sonst regellos verlaufende innereGedankenmasse System, Zusammenhang, Logik hineinbringt. Der Wille ist es, der in unser Denken Logik hineinbringt. Aber wie gesagt, das ist nur die eine Seite.
[ 7 ] Die andere Seite der Sache ist diese: Auch da kann man wiederum bemerken, beobachten — kaum daß man nur etwas hineinkommt in diejenigen Regionen, die ich in meinem Buche »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben habe —, wie man, wenn man aufwacht, etwas mitnimmt aus dem Zustande heraus, in dem wir vom Einschlafen bis zum Aufwachen waren. Und wenn man nur einiges hinzufügt zu dem, was man da wahrnehmen kann, dann wird man sehr deutlich bemerken können, wie man gleichsam aus einem Meere von Gedanken aufwacht, wenn man eben aufwacht. Man wacht durchaus nicht aus dem Unbestimmten, aus der Finsternis gewissermaßen auf, sondern man wacht eigentlich aus einem Meere von Gedanken auf, von Gedanken, die allerdings den Eindruck machen: sie waren sehr, sehr bestimmt, während man geschlafen hat, aber man kann sie nicht festhalten, wenn man in den Wachzustand übergeht.
[ 8 ] Und wenn man solche Beobachtungen fortsetzt, wird man bemerken können, daß diese Gedanken, die man gewissermaßen mitbringt aus dem Schlafzustand, sehr ähnlich sind den Einfällen, den Erfindungen, die wir haben in bezug auf irgend etwas, das wir in der äußeren Welt verrichten sollen, daß sogar diese Gedanken, die wir so mitbringen beim Aufwachen, sehr ähnlich sind den sittlichen Intuitionen, wie ich sie in meiner «Philosophie der Freiheit» genannt habe.
[ 9 ] Während wir bei der ersteren Art von Gedankenweben, das ja gewissermaßen als Unterströmung unseres klaren Bewußtseins verläuft, immer das Gefühl haben, wir stehen mit unserem wachen Träumen uns selbst gegenüber, da brodelt und sprudelt etwas in uns, können wir das bei dem Letztcharakterisierten nicht sagen. Bei dem Letztcharakterisierten müssen wir uns vielmehr sagen: Wenn wir beim Aufwachen wiederum in unseren Leib und zum Gebrauche unseres Leibes zurückkehren, dann sind wir nicht imstande, dasjenige festzuhalten, in dem wir denkend gelebt haben vom Einschlafen bis zum Aufwachen.
[ 10 ] Wer diese beiden Seiten des menschlichen Lebens sich so recht zum Bewußtsein bringt, der wird aufhören, Gedanken nur als etwas zu betrachten, das gewissermaßen im menschlichen Organismus gemacht wird. Denn namentlich dasjenige, was ich zuletzt charakterisiert habe, aus dem wir uns herausheben beim Aufwachen, das können wir gar nicht als irgendein Produkt des menschlichen Organismus als solchem unmittelbar ansehen, sondern das können wir nur ansehen als etwas, was wir erleben zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, wenn wir aus unserem Leibe herausgerissen sind mit unserem Ich und mit unserem astralischen Leibe.
[ 11 ] Wo sind wir denn dann? Diese Frage muß man sich zunächst aufwerfen. Wir sind mit unserem Ich und mit unserem astralischen Leib außerhalb unseres physischen und unseres Ätherleibes. Eine einfache Erwägung, der man gar nicht entkommen kann, wenn man sich nur unbefangen dem Leben hingibt, muß uns sagen: In demjenigen, was uns erscheint, wenn wir die Sinne auf die Außenwelt richten, als der Sinnesschleier der Welt, als alles das, was Sinnesqualitäten uns darbieten, in dem sind wir, wenn wir außerhalb unser sind. Nur erlischt dann eben für das gewöhnliche Leben das Bewußtsein. Und wir fühlen, warum da das Bewußtsein erlischt, wenn wir eben des Morgens aus diesem Zustande aufwachen. Wir fühlen uns in unserem Leibe dann schwach, zu schwach, um darinnen festzuhalten, was wir erlebt haben vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Es können unser Ich und unser astralischer Leib, indem sie in den physischen und in den Ätherleib untertauchen, nicht festhalten dasjenige, was sie da erlebt haben. Und indem sie dann teilnehmen an den Erlebnissen, die durch den Leib gemacht werden, löscht sich für sie aus, was vom Einschlafen bis zum Aufwachen erlebt wird. Und wie gesagt, nur wenn wir Einfälle haben, die sich auf die äußere Welt beziehen, oder auch wenn wir sittliche Intuitionen haben, dann erleben wir so etwas wie das, was uns bei einer unmittelbaren Betrachtung erscheinen muß als dasjenige, worin wir leben zwischen dem Einschlafen und Aufwachen.
[ 12 ] Wenn wir die Sache so ansehen, dann bekommen wir einen sehr deutlichen Gegensatz zwischen unserem Inneren und der äußeren Welt. Dann wirft uns das auch in gewissem Sinne ein Licht auf die Aussage, die wir oftmals machen, daß die äußere Welt, so wie sie sich uns vom Aufwachen bis zum Einschlafen darbietet, eine Art Täuschung, eine Art Maja ist. Denn in dieser Welt, die da ihre Außenseite uns zeigt, stecken wir darinnen, wenn wir nicht in unserem Leibe, sondern wenn wir außerhalb unseres Leibes sind. Dann tauchen wir unter in die Welt, die wir sonst nur durch unsere Sinnesoffenbarung wahrnehmen. So daß wir uns sagen müssen: Diese Welt, die wir da durch unsere Sinnesoffenbarung wahrnehmen, die hat Untergründe, Untergründe, die eigentlich ihre Ursachen, ihre Wesenheiten enthalten. Und diese Ursachen und diese Wesenheiten unmittelbar wahrzunehmen, sind wir im gewöhnlichen Bewußtsein zu schwach.
[ 13 ] Dennoch ergibt schon ein unbefangenes Beobachten etwas, was weit hineinreicht in die Regionen, die beschrieben sind in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»; ein unbefangenes Beobachten ergibt schon dasjenige, was ich schematisch etwa in der folgenden Weise darstellen kann. Wenn ich das gewöhnliche Gedankenleben darstellen will, so geschieht es dadurch, daß ich es umfassen lasse all das, was der Mensch innerlich-gedanklich durchlebt vom Aufwachen bis zum Einschlafen in Anlehnung an die äußeren Wahrnehmungen oder auch in Anlehnung an seine physischen Schmerzen, physischen Lustgefühle und so weiter. Was also im gewöhnlichen Bewußtsein da gedanklich erlebt wird, das möchte ich zunächst schematisch etwa so darstellen (siehe Zeichnung, weiß). Unter diesem also, wie ein wachendes Träumen, webt und lebt, nicht den Gesetzen der Logik unterworfen, dasjenige, was ich zuerst dargestellt habe (rot unten). Dagegen, wenn wir zwischen dem Einschlafen und Aufwachen in die Außenwelt übergehen, leben wir, wie wir in Reminiszenz nach dem Aufwachen wahrnehmen können, wiederum in einer Welt des Gedankens, aber der Gedanken, die uns aufnehmen, die nicht in uns sind, aus denen wir herauskommen beim Aufwachen (rot außen). So daß wir gewissermaßen durch unser gewöhnliches Denken zwei Gedankenwelten voneinander geschieden haben: eine innere Gedankenwelt und eine äußere Gedankenwelt, eine Gedankenwelt, die den Kosmos, der uns aufnimmt beim Einschlafen, erfüllt. Wir können die letztere Gedankenwelt eben die kosmische Gedankenwelt nennen. Die erstere ist irgendeine Gedankenwelt; wir wollen noch näher auf sie eingehen im Laufe dieser Tage.
[ 14 ] So sehen wir uns gewissermaßen mit unserer gewöhnlichen Gedankenwelt hineingestellt in eine allgemeine Gedankenwelt, welche wie durch eine Grenze auseinandergehalten wird, und von der ein Teil in uns, ein Teil außer uns ist. Dasjenige, was in uns ist, es erscheint uns sehr deutlich eben als eine Art von Traum. Es ruht immer auf dem Grund unserer Seele ein chaotisches Gedankengewebe, wir können sagen, etwas, was nicht von Logik durchzogen ist. Aber diese äußere Gedankenwelt, ja, wahrnehmen kann sie ja allerdings das gewöhnliche Bewußtsein nicht. Also aus unmittelbarem Anschauen, aus unmittelbarem Erleben kann die Natur dieser äußeren Gedankenwelt nur enthüllen das wirkliche geistige Schauen, das dann schon tiefer in die Regionen eintritt, die in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben werden. Aber dann stellt sich auch heraus: Diese Gedankenwelt, in die wir da eintauchen zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, das ist eine Gedankenwelt, die nicht nur so logisch ist, wie unsere gewöhnliche Gedankenwelt logisch ist, sondern die eine viel höhere Logik enthält. Wenn man den Ausdruck nicht mißverstehen will, so möchte ich diese Gedankenwelt eine überlogische Gedankenwelt nennen. Sie ist, ich möchte sagen, ebensoweit über der gewöhnlichen Logik gelegen, wie unsere träumerische Welt, unsere wachende träumerische Welt unter der Logik gelegen ist.
[ 15 ] Wie gesagt, das kann man nur durch geistiges Schauen ergründen. Aber es gibt einen andern Weg, durch den Sie dieses geistige Schauen in diesem Punkte kontrollieren können. Es ist Ihnen doch klar, in gewisse Regionen des eigenen Organismus kann das gewöhnliche Bewußtsein nicht untertauchen. Ich habe davon in den letzten Vorträgen viel gesprochen. Ich habe gesagt: Dadurch, daß wir für das gewöhnliche Bewußtsein unser Gedächtnis, unser Erinnerungsvermögen haben, ist uns gewissermaßen nach innen hin eine Haut gezogen gegenüber unseren inneren Organen. Wir können nicht unmittelbar durch innere Anschauung beobachten, was die inneren Organe sind, Lunge, Leber und so weiter. Aber ich sagte auch: Es ist eine falsche Mystik, eine nebulose Mystik, welche nur so nach dem Inneren hinein phantasiert und etwa so redet wie die Heilige Therese oder die Mechthild von Magdeburg, die allerlei schöne poetische Bilder finden — die Schönheit soll nicht bestritten werden —, die aber nichts weiter sind als organische Ausflüsse. Gibt man sich nicht dieser nebulosen Mystik hin, sondern der wirklichen Geisteserforschung, so kommt man gerade, wenn man nach dem Inneren des Menschen vordringt, zu der Erkenntnis der Organe. Man sieht geistig die Bedeutung von Lunge, Leber, Niere und so weiter, man durchstößt geistig das Erinnerungshäutchen und kommt zu einem inneren Durchschauen des Menschen. Aber das ist etwas, was man mit dem gewöhnlichen Bewußtsein eben nicht erreichen kann. Mit dem gewöhnlichen Bewußtsein ist es nur möglich, äußerlich durch die Anatomie zu beobachten, wie die Organe sich ausnehmen, wenn man sie als angehörig der gewöhnlichen physischen und mineralischen Welt betrachtet. Aber innerlich anzuschauen, was sie an Kräften durchdringt, was sie durchsetzt, was in ihnen tätig ist, was ich Ihnen ja in den letzten Tagen beschrieben habe, dazu gehört ein wirklich ausgebildetes geistiges Anschauen.
[ 16 ] Also da ist etwas in dem Menschen drunten, das er nicht erreichen kann mit dem gewöhnlichen Bewußtsein. Warum kann er es mit dem gewöhnlichen Bewußtsein nicht erreichen? Weil es eben nicht allein ihm angehört. Was mit dem gewöhnlichen Bewußtsein zu erreichen ist, das gehört allein dem Menschen an. Dasjenige, was da unten in den Organen pulsiert, das gehört nicht allein dem Menschen an, das gehört dem Menschen als einem Weltenwesen an, das gehört zugleich dem Menschen und zugleich der Welt an.
[ 17 ] Vielleicht wird es uns durch die folgende Erörterung am allerdeutlichsten. Wenn wir den Menschen schematisch anschauen und haben irgendein Organ, Lunge oder Leber in ihm, so haben wir in einem solchen Organe Kräfte. Diese Kräfte sind nicht bloß innere menschliche Kräfte, diese Kräfte sind Weltenkräfte. Und wenn alles, was äußere physische Welt ist und uns als physische Welt vor das Anschauen tritt, wenn das alles einstmals mit dem Erdenuntergang verschwunden sein wird, so wird weiter wirken dasjenige, was jetzt als innere Kräfte unserer Organe existiert. Man möchte sagen, alles, was unsere Augen sehen, unsere Ohren hören können, alle äußere Welt ist eine Welt, die zunächst abklingt mit dem Erdenende. Was unsere Haut bedeckt, was wir im Inneren tragen, was umschlossen wird von unserer Organisation, das enthält geistig dasjenige, was fortbesteht, wenn die äußere Welt, die unsere Sinne sehen, einstmals nicht mehr da sein wird. Im Grunde genommen arbeitet innerhalb der menschlichen Haut etwas, was über die Erde hinauslebt; innerhalb der menschlichen Haut liegen die Zentren, die Kräfte dessen, was über das Erdendasein hinausarbeitet. Wir stehen als Mensch nicht bloß in der Welt, damit wir für uns unsere Organe umschließen, wir stehen in der Welt als Mensch, damit der Kosmos selber innerhalb unserer Haut sich gestaltet. In demjenigen, wohin unser gewöhnliches Bewußtsein nicht reicht, umschließen wir etwas, was nicht bloß uns, was der Welt angehört. Das, was da der Welt angehört, ist es auferbaut aus dem, was die chaotischen Vorgänge des wachen Träumens darstellen?
[ 18 ] Wir brauchen ja nur zu betrachten diese chaotischen Vorgänge des wachen Träumens und Sie werden sich sagen: Die ganze Struktur, alles das, was Sie da gewissermaßen als Unterströmung Ihres Bewußtseins wahrnehmen, das ist ganz gewiß nicht der Erbauer Ihrer Organe, Ihres ganzen Organismus. Der Organismus würde schön ausschauen, wenn alles das, was in Ihrem Unterbewußtsein da chaotisch herumlebt, Ihre Organe, Ihren ganzen Organismus aufbauen würde! Sie würden schon sehen, was Sie für sonderbare Karikaturen wären, wenn Sie ein Abbild dessen wären, was da in Ihrem Unterbewußtsein pulsiert. Nein, geradeso wie die äußere Welt, die sich uns durch die Sinne offenbart, gewissermaßen offenbart an der Oberfläche, die sie uns zuneigt, wie diese Welt aus den Gedanken aufgebaut ist, die wir erleben zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, so sind wir selbst in dem, was wir in uns nicht erreichen mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, auferbaut aus denselben äußeren Gedankenkräften. Wenn ich also vollständig das darstellen will, was der Mensch ist, so müßte ich schematisch so zeichnen. Ich müßte sagen: Da ist die umliegende Gedankenwelt (rot). Diese umliegende Gedankenwelt baut auch den menschlichen Organismus auf, und dieser menschliche Organismus erzeugt, gewissermaßen auf ihm flutend, die höhere Gedankenwelt (weiß), der sich zuneigt die sinnliche äußere Maja zwischen unseren Gedanken und der umliegenden Welt (blau).
[ 19 ] Versuchen Sie sich einmal recht gegenwärtig zu machen, wie es eigentlich nur ein kleiner Teil von Ihnen selbst ist, was Sie da mit dem Bewußtsein umspannen, und wie ein großer Teil von Ihnen selbst aus derselben äußeren Welt aufgebaut ist, in die Sie untertauchen zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. Aber das ist ja auch schließlich bei unbefangener Betrachtung des Menschen noch von einer andern Seite her zu bemerken, und ich habe auf diese Seite auch schon öfter hier hingedeuter.
[ 20 ] Der Mensch umfaßt eigentlich mit seinem gewöhnlichen Bewußtsein nur seine Gedanken; seine Gefühle sind schon wie unter den Gedanken schwimmende Träume. Gefühle tauchen auf, fluten ab. Der Mensch durchschaut sie nicht in der Klarheit, in der er seine Gedanken, seine Vorstellungen durchschaut. Aber ganz gleich mit dem Erleben zwischen dem Einschlafen und Aufwachen ist das Erleben desjenigen, was in uns während des Tages willensmäßig ist. Und was weiß der Mensch — so sagte ich Ihnen oft — von dem, was vorgeht, wenn er durch den Willen seine Hand oder seinen Arm bewegt! Er kennt das alles vorstellungsgemäß, er weiß zuerst: Ich will meinen Arm bewegen. Das ist eine Vorstellung. Er weiß dann, wie das aussieht an seiner Gestalt, wenn er den Arm bewegt hat: wieder Vorstellung. Was er davon in seinem gewöhnlichen Bewußtsein weiß, das ist ein Gewebe von Vorstellungen; unter diesem Gewebe von Vorstellungen fluten Gefühle. Aber was da als Wille in ihm wirkt, das schläft auch während des Wachens geradeso stark, wie unser ganzer Mensch schläft vom Einschlafen bis zum Aufwachen.
[ 21 ] Was schläft da? Das, was da unten schläft, was aus dem äußeren Kosmos in uns hineingebaut ist, das ist genauso etwas Schlafendes, wie draußen die Mineralien und Pflanzen schlafend sind für uns. Das heißt: Wir dringen nicht von außen in sie ein, sehen nicht hinunter in das, was für uns kosmisch ist. Wir weben und leben in diesem Kosmischen vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Und in demselben Maße, wie wir die äußere Welt durchschauen, leben wir uns in unsere eigene Organisation ein. In demselben Maße hören wir auf, bloß Erinnerungsreminiszenzen zu haben, wie wir sie aus den Ereignissen des Lebens schälen, sondern wir bekommen Vorstellungen von Kräften, die unsere Organe die Lunge, die Leber, den Magen und so weiter — konstituieren, auferbauen. In demselben Maße, wie wir lernen, die äußere Welt zu durchschauen, lernen wir unser Stück Kosmos zu durchschauen, das wir eingegliedert haben, in dem wir sind, das in unserer Haut ist, ohne daß wir im gewöhnlichen Bewußtsein etwas davon wissen.
[ 22 ] Was nehmen wir uns denn des Morgens beim Aufwachen aus diesem Kosmos mit? Dasjenige, was wir uns mitnehmen, das erlebt sich für den unbefangenen Beobachter sehr deutlich als Wille. Und im Grunde genommen unterscheidet sich das wache Denkleben von dem, was da unten träumend im Unterbewußtsein strömt, auch eben durch nichts anderes, als daß es vom Willen durchströmt wird. Der Wille ist es, der Logik hineinbringt, und die Logik ist im Grunde genommen nicht eigentlich eine Denklehre, sondern die Logik ist eine Lehre davon, wie der Wille die Gedankenbilder ordnet und bändigt und sie in eine gewisse äußere Ordnung bringt, die dann dem äußeren Weltenverlauf entspricht.
[ 23 ] Wenn wir aufwachen mit einem Traum, da nehmen wir besonders stark dieses Gewoge da unten von chaotischen, unlogischen Bilderwirbeln wahr, und wir können es bemerken, wie wir einschlagen sehen in dieses chaotische Bilderwirbeln den Willen, der dann das, was da in uns lebt, so anordnet, daß es eben logisch geordnet ist. Aber wir nehmen nicht die Weltenlogik mit, was ich eben früher überlogisch genannt habe, wir nehmen nur den Willen mit.
[ 24 ] Wie kommt es denn, daß dieser Wille nun doch in uns logisch wirkt? Sehen Sie, hier liegt ein wichtiges Menschengeheimnis, etwas außerordentlich Bedeutsames. Es ist dieses: Wenn wir untertauchen in unsere für das gewöhnliche Bewußtsein nicht vorhandene kosmische Existenz, wenn wir untertauchen in unsere ganze Organisation, dann spüren wir in unserem Willen, der sich da ausbreitet, die kosmische Logik unserer Organe. Wir spüren die kosmische Logik unserer Organe.
[ 25 ] Es ist außerordentlich wichtig, daß man sich das ganz klarmacht, daß, wenn wir des Morgens aufwachen, also eintauchen in unseren Leib, wir durch dieses Eintauchen gezwungen werden, den Willen in einer gewissen Weise zu formen. Wäre unser Leib nicht schon in einer gewissen Weise geformt, der Wille, der würde nach allen Seiten quallenhaft wirbeln beim Aufwachen; der Wille könnte beim Aufwachen quallenhaft nach allen Seiten chaotisch streben. Das tut er nicht, weil er in die bestehende Menschenform eintaucht. Da taucht er unter, nimmt alle diese Formen an; das gibt ihm die logische Gliederung. Das macht es, daß er aus dem Menschenleib heraus den sonst chaotisch durcheinanderwirbelnden Gedanken die Logik gibt. In der Nacht, wenn der Mensch schläft, ist der Mensch eingespannt in die Überlogik des Kosmos. Die kann er nicht festhalten. Aber wenn er nun in den Leib untertaucht, so nimmt der Wille die Form des Leibes an. Genau so, wie wenn Sie Wasser in ein Gefäß hineingießen und das Wasser die Form des Gefäßes annimmt, so nimmt der Wille die Form des Leibes an. Aber nicht nur, wie wenn Sie Wasser in ein Gefäß gießen und das Wasser nimmt die ganze Form des Gefäßes an, nicht nur so ist es beim Willen, daß er die Raumesformen annimmt, sondern er fließt in die kleinsten Aderchen überall hinein. Das kann sich ja nicht bewegen höchstens beim Professor Traub bewegen sich Tische und Stühle im Raume von selbst, das ist jedoch theologische Universitätslogik, sonst bewegt sich solch ein Gerät nicht —, da nimmt das Wasser die ruhende Form an und nur an den Außenwänden stößt es an. Aber beim Menschen gliedert sich dieser Wille ganz hinein in alle einzelnen Verzwei gungen und von da aus beherrscht er dann den sonstigen chaotischen Bilderablauf. Dasjenige, was man da also als Unterströmung wahrnimmt, das ist, möchte ich sagen, losgelassen vom Leib. Das ist auch wirklich losgelassen vom Leib, das ist etwas, was zwar mit dem Menschenleib verbunden ist, was aber eigentlich fortwährend sich frei zu machen strebt vom Menschenleib, was fortwährend heraus will aus den Formen dieses Menschenleibes. Dasjenige aber, was der Mensch beim Einschlafen herausträgt aus dem Leib, was er in den Kosmos hineinträgt, was dann untertaucht, das fügt sich dem Gesetz des Leibes an.
[ 26 ] Nun ist es so, daß mit all der Organisation, die des Menschen Kopforganisation ist, der Mensch bloß zu Bildern käme. Es ist ein allgemeines physiologisches Vorurteil, daß wir zum Beispiel mit dem Kopf auch urteilen und schließen. Nein, wir stellen mit dem Kopf bloß vor. Wenn wir den Kopf bloß hätten und der übrige Leib wäre untätig für unser Vorstellungsleben, dann würden wir wachende Träumer sein. Der Kopf hat nämlich nur das Vermögen, wachend zu träumen. Und wenn wir auf dem Umwege über den Kopf am Morgen wieder zurückkehren in unseren Leib, indem wir den Kopf passieren, kommen uns die Träume ins Bewußtsein. Erst wenn wir tiefer in unseren Leib wieder eindringen, wenn sich der Wille nicht nur dem Kopf, sondern der übrigen Organisation wiederum anpaßt, erst dann ist dieser Wille wieder in der Lage, Logik in die sonst bildhaft ineinanderwurlenden Bilderkräfte hineinzubringen.
[ 27 ] Das führt Sie dann zu etwas, was ich auch schon in den verflossenen Vorträgen vorgebracht habe. Man muß sich klar sein darüber, daß der Mensch vorstellt mit dem Haupte und daß er in Wirklichkeit urteilt, so sonderbar und paradox es klingt, mit den Beinen und auch mit den Händen, und dann auch wiederum schließt mit den Beinen und Händen. So entsteht, was wir einen Schluß, ein Urteil nennen. Wenn wir vorstellen, ist es nur das Bild, das in den Kopf zurückgestrahlt wird, urteilend und schließend sind wir als ganzer Mensch, nicht bloß als Kopfmensch. Dagegen kommt natürlich nicht auf, daß, wenn irgendein Mensch verstümmelt ist, er dann etwa nicht urteilen und schließen könne oder dürfe, denn es kommt darauf an, wie die Dinge veranlagt
[ 28 ] sind bei solchen, denen gewissermaßen zufällig das eine oder andere Glied fehlt. Gelernt muß werden, das, was der Mensch geistig-seelisch ist, in Zusammenhang zu bringen mit dem ganzen Menschen, sich klarzuwerden darüber, daß wir Logik in unser Vorstellungsleben hineinbringen aus denselben Regionen heraus, die wir gar nicht mit dem gewöhnlichen Bewußtsein erreichen, die von dem Gefühlswesen und dem Willenswesen eingenommen werden. Unser Urteilen und unser Schließen geschieht aus denselben Schlafregionen unseres eigenen Inneren heraus, aus dem unser Fühlen und unser Wollen heraustönt.
[ 29 ] Am meisten kosmisch ist in uns die mathematische Region. Die mathematische Region gehört uns nicht einmal bloß als ruhendem Menschen an, sondern als herumgehendem Menschen. Wir bewegen uns ja immer irgendwie in mathematischen Figuren. Wenn wir das äußerlich ansehen an einem herumgehenden Menschen, so sehen wir etwas Räumliches; wenn wir es innerlich erleben, erleben wir die uns innerliche Mathematik, die eine kosmische ist, nur daß das Kosmische uns auch aufbaut. Die Raumesrichtungen, die wir draußen haben, die bauen uns auch auf und in uns erleben wir sie. Und indem wir sie erleben, abstrahieren wir sie, nehmen die Bilder, die sich im Gehirn spiegeln und verweben sie mit dem, was sich äußerlich räumlich in der Welt uns zeigt.
[ 30 ] Es ist schon notwendig, daß heute aufmerksam darauf gemacht wird, daß eigentlich dasjenige, was der Mensch mathematisierend in die Welt hineinlegt, dasselbe ist, was ihn aufbaut, was also kosmischer Natur ist. Denn durch den unsinnigen Kantianismus ist der Raum bloß zu einer subjektiven Form gemacht worden. Er ist nicht eine subjektive Form, er ist etwas, was wir gerade in derselben Region real erleben, wo wir das Willensmäßige erleben. Und da scheint es herauf. Da wird das Heraufscheinen zur Welt etwas, mit dem wir dann durchdringen dasjenige, was sich äußerlich darbietet.
[ 31 ] Die heutige Welt ist noch weit entfernt davon, dieses innerliche Verwobensein des Menschen mit dem Kosmos studieren zu können, dieses Darinnenstehen des Menschen in dem Kosmos. Ich habe auf dieses Darinnenstehen eklatant aufmerksam gemacht in meiner «Philosophie der Freiheit», wo Sie an bemerkenswerten Stellen finden werden, wie ich zeige, daß der Mensch unter dem gewöhnlichen Bewußtsein zusammenhängt mit dem ganzen Kosmos, daß er ein Glied ist des ganzen Kosmos, und daß dann gewissermaßen aufblüht aus diesem allgemein Kosmischen das Individuell-Menschliche, das dann mit dem gewöhnlichen Bewußtsein umfaßt wird. Gerade diese Stelle meiner «Philosophie der Freiheit» ist von den wenigsten verstanden worden; die meisten haben nicht gewußt, um was es sich handelt. Es ist auch kein Wunder, daß in einem Zeitalter, in dem die Abstraktion bis zur Einsteinerei blüht, daß in einem Zeitalter, in dem diese allerdings in sich außerordentlich geistreiche, aber eben absolut abstrakte Anschauung als etwas Besonderes der Welt vorgeführt wird, dasjenige nicht verstanden wird, was in die Wirklichkeit, eben in die wahre Wirklichkeit einführen will.
[ 32 ] Es muß immer wieder betont werden: Es genügt nicht, daß irgend etwas logisch ist. Logisch ist die Einsteinerei, wirklichkeitsgemäß ist sie nicht. Aller Relativismus ist als solcher nicht wirklichkeitsgemäß. Das wirklichkeitsgemäße Denken fängt erst da an, wo man nicht mehr die Realität verlassen kann, indem man denkt. Nicht wahr, es liest heute der Mensch, oder hört, möchte ich sagen, ganz gelassen zu, wenn der Einstein sagt als Beispiel: Wie würde es sein, wenn eine Uhr mit Lichtgeschwindigkeit in den Kosmos hinausflöge? — Ja, das hört sich heute ein Mensch ganz ruhig an. Eine Uhr, die mit Lichtgeschwindigkeit in den Kosmos hinausfliegt, das ist ungefähr für denjenigen, der wirklichkeitsgemäß in seinem Denken lebt, wirklichkeitsgemäß in seiner Seele lebt, ungefähr so, wie wenn einer sagt: Wie wird der Mensch, wenn ich ihm den Kopf abschneide, und dazu ihm die rechte Hand und die linke Hand oder den rechten Arm und so weiter abschneide? — Er hört eben auf, ein Mensch zu sein. So hört dasjenige, was man noch berechtigt ist vorzustellen, wenn man davon redet, daß eine Uhr mit Lichtgeschwindigkeit in den Kosmos hinausfliege, gleich auf, eine Uhr zu sein! Es ist nicht möglich, das vorzustellen. Das Wirklichkeitsgemäße muß festgehalten werden, wenn man zu einem gültigen Denken kommen will. Logisch, geistvoll kann etwas in ungeheurem Maße sein, aber es braucht noch nicht wirklichkeitsgemäß zu sein. Ein wirklichkeitsgemäßes Denken aber brauchen wir in diesem Zeitalter. Denn das abstrakte Denken führt uns endlich wirklich dazu, eben die Wirklichkeit vor lauter Abstraktionen nicht mehr zu sehen. Und heute bewundert die Menschheit die Abstraktionen, die ihr in dieser Weise dargeboten werden. Daß man diese Abstraktionen irgendwie logisch belegt oder dergleichen, darauf kommt es nicht an. Es kommt darauf an, daß der Mensch lernt, mit der Wirklichkeit zusammenzuwachsen, so daß er nicht mehr etwas anderes sagen kann als dasjenige, was eben auch aus der Wirklichkeit heraus gesprochen wird.
[ 33 ] Aber solche Vorstellungen über den Menschen selbst, wie ich sie Ihnen heute wiederum vorgeführt habe, die geben eine Art Anleitung zu einem wirklichkeitsgemäßen Denken. Sie werden vielfach heute verspottet von denen, die dressiert sind durch unser abstraktes Denken. Durch drei bis vier Jahrhunderte ist ja die abendländische Menschheit dressiert durch bloße Abstraktion. Aber wir leben in dem Zeitalter, wo eine Umkehr nach dieser Richtung stattfinden muß, wo wir den Weg zurück zur Wirklichkeit finden müssen. Materialistisch sind die Menschen geworden, nicht weil sie die Logik verloren haben, sondern weil sie die Wirklichkeit verloren haben. Logisch ist der Materialismus, logisch ist der Spiritualismus, logisch ist der Monismus, logisch ist der Dualismus, logisch ist alles, wenn es nur nicht eben auf wirklichen Denkfehlern beruht. Aber dadurch, daß etwas logisch ist, entspricht es noch nicht der Wirklichkeit. Wirklichkeit kann nur gefunden werden, wenn wir unser Denken selber immer mehr und mehr hereinbringen in diejenige Region, von der ich gesagt habe: Im reinen Denken hat man das Weltgeschehen an einem Zipfel. — Das steht in meinen erkenntnistheoretischen Schriften, und das ist dasjenige, was als Grundlage eines Weltverständnisses gewonnen werden muß.
[ 34 ] In dem Augenblicke, wo man das Denken noch hat, trotzdem man keine sinnliche Anschauung hat, in dem Augenblick hat man das Denken zugleich als Wille. Es ist kein Unterschied mehr zwischen Wollen und Denken. Denn das Denken ist ein Wollen und das Wollen ist dann ein Denken. Wenn das Denken ganz sinnlichkeitsfrei geworden ist, dann hat man das Weltgeschehen an einem Zipfel. Und das ist es, was man vor allen Dingen anstreben muß: den Begriff zu bekommen von diesem reinen Denken. Von diesem Punkte aus wollen wir dann morgen weiter reden.
