Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist I
Der Mensch als leiblich-seelische Wesenheit
in seinem Verhältnis zur Welt
GA 205
10 Juli 1921, Dornach
Zehnter Vortrag
[ 1 ] Gestern am Schlusse habe ich aufmerksam darauf gemacht, daß der Frühlingspunkt der Sonne seit jener Zeit, seit welcher wir nach geisteswissenschaftlicher Anschauung die Entwickelung der Menschheit auf Erden zu rechnen haben, einen Umkreis von den Fischen zu den Fischen gemacht habe. Wenn ich in diesem Zusammenhange gesprochen habe von der Entwickelung der Menschheit auf Erden, so muß das selbstverständlich richtig verstanden werden. Wir sprechen ja von der Gesamtentwickelung der Menschheit so, daß wir sie ihrem Wesen nach beginnen lassen schon in der alten Saturnzeit, und daher kann es sich natürlich nur um eine Teilentwickelung der Menschheit handeln, wenn hier gesprochen wird von der Entwickelung der Menschheit auf Erden. Aber man kann ja die Sache sich so vorstellen: Der Mensch hat ganz selbstverständlich während der eigenen Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit eine wesentlich andere Gestaltung gehabt, eine Gestaltung, die gar nicht zu vergleichen ist mit derjenigen, welche die jetzige Menschengestaltung ist. Und wenn hier jetzt von der Gestaltung der Menschheit auf Erden gesprochen wird, so bedeutet es, daß eben die Vorbereitungen zu dieser physischen Menschengestaltung damals am Ende des lemurischen Zeitalters begonnen haben, daß sie sich herausgebildet haben so, wie ich das ja in meinen Schriften beschrieben habe, in der atlantischen Zeit, also gerade in derjenigen Zeit, die einen solchen vollen Umlauf des Frühlingsaufgangspunktes der Sonne darstellt.
[ 2 ] Nun wollen wir uns heute einmal darüber verbreiten, welchen Verhältnissen der Mensch eigentlich in dieser Zeit, in der er also gewissermaßen wiederum an seinen Ausgangspunkt zurückgekehrt ist, unterworfen war. Ich möchte schematisch noch etwas vor Sie hinstellen, damit Sie im völligen Bilde desjenigen sind, was ich eigentlich mit diesen Ausführungen meine. Wir können nicht sagen: Die Menschenentwickelung sei so abgelaufen seit der letzten lemurischen Zeit, wo der Frühlingsaufgangspunkt der Sonne auch in den Fischen war, daß wir diese Entwickelung als einen Kreislauf so zeichnen, daß er einfach in sich selbst zurückläuft. Das würde falsch sein. Wir müssen uns diesen Kreis, denn selbstverständlich gebe ich damit nur ein Bild der Entwickelung, wir müssen uns ihn spiralförmig denken. Wir müssen uns also denken, daß, wenn der Ausgangspunkt der Entwickelung in der alten lemurischen Zeit hier liegt, diese Entwickelung so zurückkehrt, daß der Mensch natürlich auf eine höhere Stufe seines Wesens gestiegen ist, aber auf dieser höheren Stufe in bezug auf sein Verhältnis zum Kosmos gewissermaßen zu seinem Ausgangspunkte im gegenwärtigen Zeitalter zurückgekehrt ist. Und wie er in diesen Verhältnissen drinnen zu leben hatte, das wollen wir uns heute einmal vor die Seele führen.
[ 3 ] Ich habe vor einiger Zeit vor einem engeren Kreise in Stuttgart Vorträge gehalten über ein mögliches astronomisches Weltenbild. Ich habe darauf hingewiesen, wie ja durch lange Zeiträume hindurch das sogenannte Ptolemäische Weltenbild von der Menschheit als richtig angesehen worden ist. Dieses Ptolemäische Weltenbild ist durchaus geistreich, ist durchaus so, daß es, ich möchte sagen, in gewissen Linienformen geometrisch dasjenige zusammenfaßt, was zusammengefaßt werden muß, wenn wir den Anblick, den wir von den Sternen, ihren Stellungen und ihren Bahnen haben, durch bildliche Gestaltungen ausdrücken wollen. Dann, aus gewissen Verhältnissen heraus, die ja auch öfter von mir geschildert worden sind, ist dies Ptolemäische Weltensystem ersetzt worden durch dasjenige, das im wesentlichen, wenn auch mit gewichtigen Veränderungen, heute noch als das richtige angesehen wird, durch das Kopernikanische. Ich habe nun in Stuttgart gezeigt, daß auch dieses Kopernikanische Weltensystem ja nichts anderes ist, als eine durch Linien bewirkte Zusammenfassung dessen, was wir eben sehen, wenn wir unsere Augen oder Fernrohre oder etwas anderes in den Kosmos hinausrichten, und ich habe gezeigt, daß man keineswegs sagen kann, dieses Kopernikanische Weltensystem sei nun etwa um so viel richtiger als das Ptolemäische Weltensystem; es ist nur eine andere Art Zusammenfassung der Erscheinungen. Und ich habe dann versucht, selbst zusammenzufassen diese Erscheinungen in Anknüpfung an dasjenige, was der Mensch — der ja, wenn zum Beispiel die Erde eine Bewegung hat, diese Bewegung mitmachen muß — in sich selber erfahren kann. Ich will heute nur das Ergebnis, das andere ist ja heute für uns nicht wichtig, vor Ihre Seele hinstellen.
[ 4 ] Wenn man nämlich anfängt, diese Erscheinungen nicht in einseitiger Weise, wie es sowohl vom Ptolemäischen wie vom Kopernikanischen Weltensystem geschieht, zusammenzufassen, sondern wenn man alles berücksichtigt, was einem vorliegt, dann kommt man zu der Überzeugung, diese Zusammenfassung werde zuletzt so kompliziert, daß man eigentlich gar nicht mehr mit einem einfachen Weltensystem, welches man durch den Stift oder mit dem Planiglobium darstellt, auskommen kann. Es ist gar nicht möglich im Grunde genommen, die Dinge in so einfacher Weise zusammenzufassen, wie man sie gewöhnlich zusammenfassen möchte. Und man kann ja auf diesem Wege zu etwas sehr Merkwürdigem kommen, das ich ganz einfach vor Sie hinstellen möchte, weil schon einmal auch, so paradox sie den Menschen der Gegenwart erscheinen mögen, diese Dinge besprochen werden müssen.
[ 5 ] Die Menschen glauben ja, die Wissenschaft der Gegenwart sei das Allergescheiteste, was es jemals gegeben habe, es könne im Grunde genommen nichts Gescheiteres geben. Und aus diesem Glauben heraus geht allerdings die Menschheit einem furchtbaren Kulturschicksal entgegen. Aber es muß schon einmal das Richtige auch in einer gewissen Weise hingestellt werden. Wenn man nämlich immer weitere und weitere Umstände berücksichtigt, so kommt man zuletzt in eine solche Seelenverfassung gegenüber der Kompliziertheit des Weltensystems hinein, daß diese Seelenverfassung sehr ähnlich ist derjenigen, welche man hat, wenn man gerade eben aufgewacht ist und die chaotischen Seelenbilder erlebt, von denen ich gestern und vorgestern gesagt habe, daß sie als Unterströmung in uns selber sitzen. Ich habe Ihnen schematisch den menschlichen Organismus aufgezeichnet nach Ätherleib und Physischem Leib und sagte: Es tauchen aus ihm diese chaotischen Bilder auf, die eigentlich auch während des Tages immer da sind. Man kann sie bei träumerisch veranlagten Naturen sehr wirksam finden, aber jeder bemerkt sie auf dem Grund seiner Seele. Und insbesondere können sie stark bemerkt werden, wenn der Mensch morgens untertaucht mit seinem Ich und astralischen Leib in seinen physischen Leib und Ätherleib. — Nun meine ich nicht diese Bilder selber — diese Bilder sind natürlich bei den entsprechenden Menschen entsprechend ihrer Vollkommenheit oder Unvollkommenheit sehr dichterisch, phantasievoll, oder sie sind urchaotisch, das letztere jedenfalls in den häufigeren Fällen —, aber ich meine die Seelenstimmung, in die man kommt, wenn man sich als leidlich logisch denkender Mensch, aus der Gewöhnung, in Logik zu denken, nun in diese Bilderwelt hineinversetzt fühlt. Es ist die Seelenstimmung gemeint, in die jener kommt, der sich nun nicht mit all den Vorurteilen und Vereinfachungsfaxereien, die da herrschen, wenn man sich Weltensysteme konstruiert, sondern der sich ganz vorurteilslos an die Sache heranmacht. Dann kommt man gegenüber dem, was man zuletzt erreicht, gegenüber der Kompliziertheit, gegenüber dem Auseinandergewobensein, in eine ähnliche Seelenstimmung hinein.
[ 6 ] Gewiß, unsere Zeit hat es dahin gebracht — und das ist sogar gegenüber der Seelenveranlagung der meisten Menschen eine große Wohltat —, daß jeder Schulbub ganz genau weiß: Im Brennpunkt einer Ellipse steht die Sonne, da drehen sich die Planeten herum, die Fixsterne stehen still und so weiter. — Jeder Schulbub weiß das, und das ist ungeheuer einfach. Wenn man aber vorurteilslos und ohne theoretische Faxereien an diese Dinge herangeht, findet man nicht diese Einfachheit, sondern es komplizieren sich in einer ungeheuren Weise die Dinge, und man kommt eben zuletzt in eine solche Seelenstimmung hinein, wie ich sie geschildert habe, in der man sich sagt: Man muß auslaufen in etwas, was aus dem Bestimmten ins Unbestimmte, aus den bestimmt gezogenen Linien in problematisch gezogene Linien übergeht. — Man kommt eben in eine Seelenstimmung hinein, die einem sagt: Was du da in deinen Kopf hereinnimmst, das ist im Grunde genommen ein Bild, ein Bild, das gewoben ist und das du zwar vereinfachen kannst, wie wenn du dir, sagen wir, von der Raffaelschen Madonna ein Schema machst. Aber geradeso wie man da von der Raffaelschen Madonna nicht das Ganze haben würde, das man in dem Bilde vor sich hat, ebensowenig hat man im Kopernikanischen System dasjenige vor sich, was da im Weltenraum eigentlich in Form eines Bildes, das eine Unendlichkeit von Details und Einzelheiten in sich schließt, vor uns steht. Gerade wenn Sie solch eine Erwägung anstellen, werden Sie begreifen: Wenn man gegenüber den Erscheinungen des Weltenalls sich zuletzt so etwas sagen muß, dann kann man ja eigentlich der Realität als solcher nicht gegenüberstehen; denn man steht dem, was sich einem darbietet, in einer Seelenstimmung gegenüber wie der Bilderwelt, die wir antreffen, wenn wir des Morgens aus dem Kosmos in unseren Leib hineingehen. Also es kann keine Rede davon sein, daß man da der Realität gegenübersteht.
[ 7 ] Das sind solche Erwägungen, die angestellt werden müssen, wenn man im vollen Sinne des Wortes eine Anschauung davon haben möchte, was das eigentlich heißt: Wir leben mit unserem Bewußtsein in der Welt der Täuschung, der Maja. Wir leben auch gegenüber dem Bilde, das wir uns vom Weltenraum und seinen Erscheinungen machen, eben in Maja. Und wir können schließlich auch die Erscheinungen, welche die Sinneswelt um uns herumwebt, betrachten, und wir kommen zu etwas ähnlichem. Wir kommen zwar nicht zu dem, wozu eine, ich möchte sagen, tolpatschige Erkenntnistheorie am Ende des 18. und im Verlaufe des 19. Jahrhunderts gekommen ist, die ja immer fort und fort wiederholt: Ja, da draußen sind die Erscheinungen, etwa durch mechanische und dynamische Gesetze zu begreifende Wellenschwingungen, oder wie man neuerdings sagt, Elektronen, und die üben einen Eindruck auf unsere Sinne, und das, was da von uns dann wahrgenommen wird, das ist nur eine Wirkung desjenigen, was da draußen ist; aber das ist eben nur die Erscheinung für uns. — In diesem Sinne von Erscheinungen für uns zu sprechen, ist eben durchaus eine tolpatschige Erkenntnistheorie. Mit solch einer Anschauung kann man ja so seine sonderbaren Erfahrungen machen.
[ 8 ] Man braucht nur mit einigen Linien sich da oder dort heute gegen diese Erkenntnistheorie zu wenden, dann taucht irgendeiner auf und sagt: Aber Kant hat gesagt...! — In den Kantianismus haben sich nämlich die Leute so eingesponnen, daß sie ihn für eine Art von Bibel halten; viele wenigstens. Sie ändern das oder jenes, aber im ganzen halten sie ihn für eine Art von Bibel. Da kann man ja seine merkwürdigen Erfahrungen machen. Ich habe über solche Fragen einmal Kurse in Berlin gehalten, es war im Winter von 1900 auf 1901, in demselben Winter, von dem dann Herr von Gleich verkündigt hat, daß ein gewisser Winter mich über Theosophie unterrichtet hat — er hat den Winter 1900 auf 1901 verwechselt mit einem Herrn Winter, der mich unterrichtet haben soll über Theosophie! Ich weiß nicht, ob er es gelesen hat, oder man es ihm erzählt hat, daß ich einmal im Winter diese Vorträge gehalten habe, die dann gedruckt wurden, sie sind in Berlin im Winter 1900 auf 1901 gehalten, und da wurde das Wort «Winter» für den Namen des Herrn Winter genommen. Ja, es ist dieses Argument nicht gescheiter als die andern dummen und verlogenen Argumente des Generals von Gleich. Aber sehen Sie, bei diesen Vorträgen in Berlin saß auch ein ausgepichter Kantianer. Ich kann nicht sagen, er hörte zu, denn er schlief meistens, und ich weiß ja nicht, wie viele Leute beim Schlafen zuhören können, aber ich konnte dazumal konstatieren, daß der Herr nur aufwachte, wenn er irgendwie Kant anbringen konnte. Und da passierte es einmal, daß ich ein Argument wiederholte — es war gar nicht von mir —, in dem gesagt wird: Wenn man nun wirklich von dem Ding an sich so spricht wie Kant, daß es völlig unbekannt ist, da könnte es ja aus Stecknadeln bestehen, so daß hinter den Sinneserscheinungen überall nur Stecknadeln sein könnten. — Als ich dies aber sagte, fuhr der Betreffende wie von einer Tarantel gestochen auf und sagte: Hinter den Erscheinungen ist nicht Raum und Zeit. Stecknadeln sind doch im Raume, also kann das Ding an sich nicht aus Stecknadeln bestehen! — Es ist nur eines von den Beispielen, die einem so häufig begegnen, wenn die Leute glauben, daß an ihrer Bibel, an ihrer Kantischen Bibel irgendwie gerührt wird.
[ 9 ] Nun, es ist also nicht so, daß gewissermaßen irgendwelche «Dinge an sich» Wirkungen in uns hereinwerfen, die dann bloß Sinnesqualitäten auslösen, so daß wir eigentlich nur in unsere Sinnesqualitäten eingesponnen wären; so ist es nicht. Aber etwas anderes ist richtig. Ich bitte, nehmen Sie nur einmal das Folgende: Stellen Sie sich dadraußen auf, sagen wir, um elf Uhr vormittags und schauen Sie sich die umliegende Gegend an, aber schauen Sie sie genau an, nicht so, wie manche Leute sie zeichnen, denn das ist ja nur ein Unsinn, was da gezeichnet wird, das gibt ja natürlich nicht den Sinnesschein wieder, sondern schauen Sie sie um elf Uhr an, um zwölf Uhr an mit all ihren Beleuchtungseffekten. Der ganze Sinnesteppich hat sich um zwölf Uhr völlig verändert, um fünf Uhr, um acht Uhr völlig verändert. Das Bild, das um Sie ist, verändert sich fortwährend. Sie haben es niemals mit irgend etwas anderem als mit ineinandergesponnenen Wirkungen, Effekten zu tun. Ein Baum — was sehen Sie vom Baume? Sie sehen das zurückgeworfene Licht, Sie sehen vielleicht die vom Winde bewegten Blätter und so weiter, kurz, Sie sehen niemals irgend etwas Bleibendes. Sie sehen einfach eine objektive Erscheinung. Während die tolpatschige Erkenntnistheorie von einer subjektiven Erscheinung spricht, sehen Sie eine objektive Erscheinung, und diese objektive Erscheinung teilt sich natürlich auch dem Auge mit. Geradeso wie der Baum die Lichtstrahlen in einer Weise auffängt, zurückwirft und so weiter, so steht auch das Auge in einer gewissen Beziehung zu den Lichtstrahlen, und wir können sagen: Das Phänomenale, das Erscheinhafte, das Scheinhafte, die Maja-Natur, die ausgebreitet ist in der Sinneswelt um uns herum, die ist natürlich auch vorhanden in unserem subjektiven Bild; aber weil sie objektiv veränderlich ist, ist sie auch in dem subjektiven Bild veränderlich.
[ 10 ] Das ist dasjenige, was ich zum Beispiel gerade erhärten wollte in der ersten Abteilung meiner «Philosophie der Freiheit» oder in meinem Büchelchen «Wahrheit und Wissenschaft» und so weiter. Also auch dann, wenn wir der Welt gegenüberstehen, haben wir es nicht mit einer bleibenden, dauerhaften Realität zu tun, wir haben es mit einem, man möchte sagen, im Augenblicke Kommenden und Vorübergehenden zu tun. Wir haben es mit Erscheinungen zu tun. Und wollten wir dieses Bild theoretisch konstruieren, dann kämen wir wiederum auf nichts anderes als auf die paar Linien in der Sixtinischen Madonna. Und so ist es in allem, wo wir drinnenstehen. Wir stehen in der Welt der Phänomene, der Maja drinnen, aber trotzdem wir so mit all unserem Wahrnehmungsvermögen in dieser Welt der Maja drinnenstehen, sind wir nicht angewiesen auf diese Welt. Denn ganz klar ist es uns, wenn wir des Morgens mit unserem Ich und mit unserem astralischen Leib aus dem Kosmos herauskommen und in unseren Ätherleib und in unseren physischen Leib untertauchen, daß dasjenige, in das wir da untertauchen, ein Objektives, ein Wahres enthält. Gewiß, das, was uns da als chaotische Bilder entgegenwirbelt, das ist nur eine Erscheinung; aber dasjenige, in das wir untertauchen, das enthält ein Wahres. Und in dem Augenblicke, wo wir so untertauchen, gleichgültig ob wir durch das: Ich will meine Glieder bewegen —, oder daß wir durch das: Ich will meine Vorstellungen in Phantasiegestaltungen bringen —, oder sagen wir durch das: Ich will meine Vorstellungen in logische Denkzusammenhänge bringen —, in demjenigen, was uns da wird, indem wir in unseren Leib untertauchen, in dem, wissen wir, haben wir etwas, was nicht von uns abhängt, was wir empfangen, was uns aufnimmt. Und der Moment des Aufwachens, er ist derjenige, der uns unser Seinsgefühl mitteilt.
[ 11 ] Dieses Seinsgefühl, das ist gewissermaßen etwas, was durchwellt und durchzieht unser gesamtes Vorstellen. Aber unser Vorstellen selbst bewegt sich mehr in der Welt der Phänomene, des Scheins, der Maja. Und dehnen wir dasjenige, was ich so aus den gewöhnlichen Erlebnissen heraus darstelle, dehnen wir das einmal aus auf den ganzen Menschen.
[ 12 ] Wer mit Hilfe solcher Erkenntnisse, wie sie gewonnen werden können auf Grundlage meiner Darstellungen in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», den ganzen Menschen betrachten kann, der weiß bald, wie dasjenige vom Menschen, was als seelischgeistiges Wesen den Zustand durchmacht zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, wie das hereindringt in die physische Welt, sich verleiblicht, um den Zustand zwischen der Geburt und dem Tode durchzumachen, und dann neuerdings einen Zustand zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Einige wichtige Details gerade über diese Vorgänge habe ich ja in den letzten Vorträgen hier entwickelt. Wenn dann erkenntnismäßig der Moment eintritt, wo man zurückschauen kann in die Welt, die vor der Geburt oder vor der Empfängnis liegt, da merkt man: Die Welt, aus der eigentlich dasjenige aufgebaut ist, aus dem uns unser Seinsgefühl kommt, diese Welt haben wir zwischen dem Tod und einer neuen Geburt durchgemacht. Das richtige Seinsgefühl, das gar keiner Zweifelsucht, gar keinem Skeptizismus ausgesetzte Seinsgefühl bekommt man auch erst dann, wenn man zurückblickt in diese vor der Empfängnis liegende Daseinswelt.
[ 13 ] Aber nun zeigt sich etwas Bedeutsames, Sie können das schon aus meinen Wiener Vorträgen vom Frühling 1914 entnehmen, ich will es jetzt in einer andern Form vor die Seele hinstellen, da zeigt sich nämlich etwas, was uns entgegentritt, bevor der Mensch zu seiner physischen Verkörperung herunterkommt aus dem Zustande zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. In dieser Zeit schwindet nämlich immer mehr und mehr dem Menschen die Lust am Sein, die Lust am Dasein. Der Mensch geht ja, indem er zwischen dem Tod und einer neuen Geburt sich entwickelt, ich möchte sagen, durch eine absolute Sättigung mit Seinsgefühl hindurch. Das gehört zu den Errungenschaften, die der Mensch an sich zieht zwischen Tod und neuer Geburt, daß er, nachdem er die ersten Stadien nach dem Tode durchgemacht hat, immer mehr und mehr durch das Verhältnis zur Welt, in das er dann hineinkommt, zu einem stark durchdringenden Seinsgefühl kommt, zu einem — wenn ich mich des Ausdruckes bedienen darf — Verankertsein in dem Sein der Welt. Und das wird immer stärker und stärker, bis eine Art Übersättigung mit Seinsgefühl eintritt, und dann, gegen das Ende der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt, tritt, ich möchte sagen, eine wahre Übersättigung mit Seinsgefühl ein. Ich könnte es auch anders nennen. Ich könnte sagen, ein wahrer Hunger nach Nichtsein tritt in dem Wesen des Menschen ein. Diejenigen geistig-seelischen Wesenheiten, die als Menschen auf die Erde herunterkommen, die zeigen tatsächlich, bevor sie auf die Erde herunterkommen, einen starken Hunger nach Nichtsein. Und aus dieser Seelenverfassung oder Geistesverfassung könnten wir sagen: Indem da der Mensch hungernd ist nach Nichtsein, stürzt er sich in dieser Verfassung in die Maja, in diejenige Welt, die wir eben vor uns haben sowohl der Sternenwelt gegenüber wie der irdisch-phänomenalen Welt gegenüber. Es ist eine Sehnsucht nach dieser nichtseienden Welt, nach dieser Welt, der gegenüber man in Seelenstimmungen ist wie den chaotischen Vorstellungen gegenüber, wenn man auf ihren Grund geht, dieser Welt, die eigentlich in jedem Augenblicke einen andern Aspekt uns darbietet. Wir sind ja, indem wir uns hereinleben in diese Welt, ganz und gar in einer Scheinwelt, in einer Majawelt. In diese Majawelt will das Geistig-Seelische untertauchen, und damit haben wir es eigentlich zu tun. Das andere sind mehr oder weniger Nebenwirkungen. Das ist der stärkste Impuls, der im geistigseelischen Menschen lebt, wenn er sich dem Erdendasein nähert: diese Sehnsucht nach der Maja, diese Sehnsucht, in dem weichen, durchdringlichen Phänomen zu leben, nicht im durchsättigten intensiven Sein. Und dasjenige, was den Menschen dann als Ätherleib und als physischen Leib umhüllt, das ist herausgeboren aus dem Kosmos, mit dem wird er umkleidet. Ich habe ja in diesen Tagen dargestellt, wie der Embryo im mütterlichen Leibe aus dem Kosmos herausgestaltet wird.
[ 14 ] Wir müssen uns also vorstellen: Der Mensch kommt im Grunde aus einer ganz andern Welt. In der bekommt er diesen Hunger nach dem Nichtsein, nach dem Leben in der Maja, indem er sich dem physischen Erdendasein nähert, und er wird aufgenommen, indem er sich in die Maja stürzt mit seinem Ich und mit seinem astralischen Leib (siehe Zeichnung, rot, blau), von dem Ätherleib und von dem physischen Leib (gelb, rot); die aber werden im mütterlichen Leibe durch die Befruchtung als seine Umkleidung aus dem Kosmos heraus gebildet. Der Mensch kommt da aus einer Welt, die nicht die räumlich-zeitliche ist, die man im Raume nicht finden kann, aber er wird umkleidet im Raume mit demjenigen, was im mütterlichen Leibe ausgebildet wird. In das taucht er dann immer beim Aufwachen unter. Beim Einschlafen taucht er wiederum aus ihm empor. Da bildet sich ein Rhythmus des Untertauchens in die Leiblichkeit, des Heraus-sich-Holens aus dieser Leiblichkeit.
[ 15 ] Die heutigen Vorstellungen sind tatsächlich so, daß man mit ihnen gegenüber der Wirklichkeit große Schwierigkeiten hat. Dieses Zusammengehen zum Beispiel einer ganz andern Strömung, die der Mensch durchmacht, bevor er zu seiner Verleiblichung kommt, und des Außerlichen, das ihn dann umhüllt, das ja vorher nichts Wesentliches mit ihm zu tun hat — wie es wirklich wird, habe ich bei andern Gelegenheiten geschildert —, dieses Zusammenwirken, das kann kaum die heutige Wissenschaft in sachgemäßer Weise schildern, weil ihr dazu die Begriffe fehlen.
[ 16 ] Dasselbe merkt man auf einem andern Gebiete. Wenn heute der Physiologe von Licht oder von Farbe redet, dann ist es ihm vor allen Dingen darum zu tun, da irgend etwas, was das Auge macht, zu schildern, herauszubekommen. Aber das ist in Wirklichkeit eigentlich gerade so, als wenn jemand jetzt irgendeine der Persönlichkeiten, die hier sitzen, schildern wollte und vor allen Dingen diese Schreinerei hier schildern würde, weil Sie hier hereingegangen sind. Im Grunde genommen hat das Licht, das da im Auge ankommt und im Auge sich geltend macht, nicht viel mehr mit dem Auge zu tun als Sie mit der Schreinerei, wenn Sie hereingegangen sind und die Schreinerei Sie jetzt auch umhüllt. Schildert jemand die Schreinerei und Sie, so schildert er natürlich das auch als ein Ganzes. Aber das ist nicht so. Man hat es eben schwer, wenn man die Wahrheit gegenüber den heutigen vertrackten Vorstellungen finden will.
[ 17 ] Und so können wir sagen: Dasjenige, was Geistig-Seelisches des Menschen ist, das kommt vor allen Dingen aus einem Drang nach dem Nichtsein in diese Welt des Irdischen herein. Und jeder wachlebende Zustand, also jeder Zustand, der vom Aufwachen bis zum Einschlafen durchgemacht wird, der ist eine neue Erziehung zum Sein, eine Neuimprägnierung des Bewußtseins mit dem Sein.
[ 18 ] Der Mensch ist in dem Zustande, in dem er zuletzt ist zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, ich möchte sagen, so froh, wenn er ankommen kann bei seiner physischen Verkörperung, er ist so froh. — Ich habe Ihnen oftmals geschildert, wie das Gehirn im Gehirnwasser schwimmt. Wenn das ganze Gewicht, eintausenddreihundertfünfzig Gramm oder so etwas, auf die Adern unter dem Gehirn drücken würde, da würden die Adern zerquetscht werden, könnten nicht bestehen; aber das Gehirn drückt ja nur mit zwanzig Gramm etwa. Warum? Weil das Gehirn im Gehirnwasser schwimmt. Und Sie kennen das Archimedische Prinzip. Nicht wahr, es ist von Archimedes gefunden worden. Er war einmal in einer Wanne und badete, da fühlte er, wie er da immer leichter wird im Bade, und da war er über diese Entdeckung so erfreut, daß er sogleich nackt durch die Straßen lief — man konnte das im Altertum eher als heute, wenn man wissenschaftlicher Forscher war — und rief: Ich hab’s, ich hab’s! —, nämlich, daß jeder Körper in einer Flüssigkeit so viel von seinem Gewicht verliert, als das Gewicht des Wasserkörpers ist, das man verdrängt. Also wenn Sie ein Gefäß mit Wasser haben und Sie geben einen festen Körper hinein, so wird er leichter, als er in Wirklichkeit außerhalb des Wassers ist, und zwar wird er um so viel leichter, als die von ihm verdrängte Wassermenge wiegt, das heißt, um sein eigenes Gewicht, wenn Sie ihn aus Wasser sich gestaltet denken. Wenn also hier zum Beispiel ein Würfel wäre und Sie denken sich denselben als Wasserwürfel und wiegen ihn, so würde der wirkliche Würfel um das Gewicht des Wasserwürfels leichter. Und so wird das Gehirn leichter bis auf zwanzig Gramm, drückt nur mit zwanzig Gramm, weil es im Gehirnwasser schwimmt. Das Gehirn folgt also nicht seiner vollen Schwere. Es wird nach aufwärts getrieben. Man nennt das auch Auftrieb, diese Kraft, die nach oben treibt. Darauf freut sich der Mensch, daß er in etwas kommt, das ihn eigentlich nach oben zieht, das ihn richtig nach oben zieht. Und er lernt an den zwanzig Gramm wiederum schwer sein, und an der Schwere lernen wir das Seinsgefühl. Der Mensch wird wiederum mit Seinsgefühl durchdrungen zwischen der Geburt und dem Tode. Und das wird ihm dann ausgebildet und vermehrt in der Entwickelung nach dem Tode.
[ 19 ] Das ist dasjenige, was, ich möchte sagen, so dem Bewußtsein der modernen Menschheit entschwunden ist, daß der größte Philosoph im Beginn dieser neueren Zeit, Cartesius oder Descartes, die Formel geprägt hat: Cogito ergo sum — Ich denke, also bin ich. — Es ist die unsinnigste Formel, die man sich denken kann, denn gerade indem man denkt, ist man nicht. Man ist gerade außer dem Sein. Cogito ergo non sum — ist die wirkliche Wahrheit. So weit sind wir heute entfernt von der wirklichen Wahrheit, daß eben der größte neuzeitliche Philosoph an die Stelle der Wahrheit das Gegenteil gesetzt hat. Wir eignen uns das Seinsgefühl gerade dann an, wenn das Denken sich erfühlt im Organismus, wenn das Denken sich eingebettet fühlt in dem, was schwer ist. Das ist nicht bloß ein populäres Bild, das ist die Realität gegenüber den Erscheinungen.
[ 20 ] Aber das kann uns lehren, wie der Mensch, so wie er sich zunächst weiß, sich wissend zu der Erde herunterbegibt, eigentlich untertaucht in die Maja und innerhalb der Maja dasjenige lernt, was er wiederum braucht nach dem Tode: das Seinsgefühl.
[ 21 ] Nun, wenn man das schildert, was ich Ihnen jetzt geschildert habe, dann hat man etwas, was spezifisch menschlich in der menschlichen Entwickelung ist. Dieses, ich möchte sagen, rhythmische Sich-Bewegen zwischen Seinsgefühl und Nichtseinsgefühl, Sie können es sich für die Meditation in der folgenden Weise vor Augen führen. Sie können sagen, wenn man in bloßen Gedanken lebt: Ich bin nicht. — Wenn man mit Bezug auf den Willen lebt, der physisch ruht im Stoffwechsel-Gliedmaßenmenschen, dann sagt man: Ich bin. — Und zwischen beiden, zwischen dem Stoffwechselmenschen und dem reinen Gehirnmenschen, der sagt: Ich bin nicht —, wenn er sich versteht, denn dasjenige, was im Gehirn lebt, sind bloß Bilder; das, was dazwischen liegt, ist die rhythmische Abwechslung zwischen: Ich bin und Ich bin nicht. — Dafür ist das äußere Physische die Atmung. Die Ausatmung erfüllt den Atmungsprozeß mit demjenigen, was aus dem Stoffwechsel kommt, mit der Kohlensäure. Ich bin — ist Ausatmung. Ich bin nicht — ist Einatmung. Ich bin nicht
[ 22 ] Ich bin nicht
Ich bin — Ich bin nichtAusatmung — Einatmung
Ich bin
[ 23 ] Die Einatmung ist verwandt dem: Ich bin nicht — des Denkens. Die Einatmung verläuft ja so, daß wir die Atemluft in unsere Rippen aufnehmen, das Wasser des Arachnoidealraumes nach oben drängen, dadurch das Gehirnwasser nach oben drängen. Wir bringen die Schwingung des Atmungsprozesses ins Gehirn. Das ist das Organ des Gedankens. Der Einatmungsprozeß dem Gehirn übertragen: Ich bin nicht. Wiederum Ausatmen, das Gehirnwasser — durch den Arachnoidealraum — drückt auf das Zwerchfell, Ausatmung, die mit Kohlenstoff geschwängerte, zu Kohlensäure gewordene Luft: Ich bin — aus dem Willen heraus. Ausatmung: aus dem Willen heraus.
[ 24 ] Das alles ist, so aufgefaßt, ein rein menschlicher Vorgang, denn derjenige, der das auf das Tier übertragen will, etwa weil das Tier auch atmet, gleicht eben einem Menschen, der ein Rasiermesser nimmt, um sich das Fleisch zu zerschneiden, weil es eben ein Messer ist. Gewiß atmen die Tiere auch, aber die tierische Atmung ist eben etwas anderes als die menschliche Atmung, so wie ein Rasiermesser etwas anderes ist als ein Tischmesser. Wer seine Definitionen von dem äußeren Anblick der Sache hernimmt, der wird niemals zu irgendeiner brauchbaren Welterklärung kommen. Der Tod ist etwas anderes beim Menschen, etwas anderes beim Tier, etwas anderes bei der Pflanze. Wer von einer Definition des Todes ausgeht, kommt ebensowenig zu irgendeiner brauchbaren Erklärung wie derjenige, der von der Definition eines Messers ausgeht und etwa sagt: Ein Messer ist etwas, das auf der einen Seite so fein ist, daß es andere Gegenstände durchschneidet. — Das gibt natürlich einen schönen Allgemeinbegriff, aber man kann nichts verstehen von dem, was wirklich ist. Also es sind spezifisch menschliche Vorgänge, die ich Ihnen geschildert habe. Es sind diejenigen menschlichen Vorgänge, die der Mensch durchgemacht hat, während der Frühlingspunkt den Umkreis gemacht hat von den Fischen zu den Fischen. Das ist gerade die Zeit in der Erdenentwickelung, wo der Mensch in den führenden Teilen der Völker im allerwesentlichsten das alles durchgemacht hat, was ich Ihnen jetzt beschrieben habe, und was alles dahin tendiert, daß man sieht, wie es eigentlich zugeht, wie der Mensch, indem er in die physische Welt sich durch die Geburt herunterversetzt, sich in die Maja stürzt, und mit dem Tode aus der Maja wieder herausgeboren wird, bereichert durch das Seinsgefühl, das er braucht für das weitere Leben nach dem Tode. Das ist eine allerwichtigste Tatsache, dieses Herausgeborensein durch den Tod mit dem Seinsgefühl, während das Geborenwerden das Sich-stürzen der geist-seelischen Wesenheit des Menschen in die Maja hinein ist. Gerade dadurch, daß wir in die Maja, also in eine Bilderwelt hinein uns stürzen, sind wir frei. Niemals könnten wir frei sein, wenn wir mit unserem Bewußtsein zwischen Geburt und Tod in einer Tatsachenwelt wären. Nur dadurch sind wir frei, daß wir in einer Bilderwelt sind. Bilder, die im Spiegel sind, die determinieren uns nicht kausal. Eine Tatsachenwelt würde uns kausal determinieren. Was Sie dem Bild, das vor einem hängt, entgegenbringen, das muß aus Ihnen stammen. Die Erscheinungen der Welt determinieren uns als Menschen in demjenigen nicht, was ich in meiner «Philosophie der Freiheit» das reine Denken genannt habe, das nicht aus dem Organismus herauskommt. Was aus dem Organismus herauskommt, ist, wie Sie gesehen haben, mit dem Seinsgefühl durchtränkt, wenn auch im Gehirn dieses Seinsgefühl in einem so geringen Prozentsatze vorhanden ist, daß es etwa zwanzig zu eintausenddreihundertfünfzig ist. Auf das muß man immer wieder und wieder hinblicken, wie der Mensch eigentlich die Sehnsucht nach der Maja entwickelt, indem er zum irdischen Leben geboren wird, und wie das irdische Leben ihn erzieht zum Seinsgefühl. Das ist dasjenige, was wir durchgemacht haben während der Zeit von der letzten lemurischen Periode bis in unsere Periode hinein, wo ein Sonnenzyklus von 25920 Jahren, wo ein großer Weltenzyklus durchgemacht worden ist. Nun aber stehen wir eben in derjenigen Zeit, in welcher die Entwickelung wieder an ihrem Ausgangspunkt angekommen ist, aber ich habe sie so gezeichnet, daß ich sagte: Spiralförmig müssen wir sie schematisch andeuten (siehe Zeichnung Seite 170). — Die Entwickelung der Menschheit ist zwar an ihrem Ausgangspunkt angekommen, aber auf einer höheren Stufe. Diese höhere Stufe, was bedeutet sie aber? Diese höhere Stufe bedeutet, daß wir uns als Menschheit bis jetzt mit dem Geborenwerden immer in die Maja gestürzt haben und dann aus dem physischen Dasein heraus das Seinsgefühl bekommen haben. Aber die Erde hat sich ja auch mittlerweile verwandelt, die Erde ist heute nicht mehr derselbe Organismus, der sie war in der lemurischen Zeit oder in der atlantischen Zeit. Die Erde ist heute, wie ich oftmals ausgeführt habe, bereits in einem Auflösungsprozeß begriffen.
[ 25 ] Das weiß auch die Geologie. Lesen Sie es nach in den schönen geologischen Ausführungen von Eduard Sueß, «Das Antlitz der Erde»: Die Erde ist in einem Zerbröckelungsprozesse, die Erde ist in einem Auflösungsprozesse. — Das bewirkt, daß wir jetzt nicht mehr alle Möglichkeiten bekommen, um uns das Seinsgefühl in genügender Weise wiederum anzueignen. Und die Menschheit steht jetzt, wo ein Zyklus vollendet ist in der Weise, wie ich das eben und gestern dargelegt habe, vor der Gefahr, durch Tode zu gehen, in denen sie ein zu geringes Seinsgefühl entwickelt hat, weil einfach unsere Erde nicht mehr die nötige Intensität des Seinsgefühls hergibt. Es eröffnet sich mit dieser neuen Periode, die ich Ihnen jetzt als eine Periode des ganzen Kosmos dargelegt habe, die Aussicht für die Menschheit, mit einem, wenn ich mich so ausdrücken darf, zu großen Leichtigkeitsgefühl durch den Tod hindurchzugehen. Die Menschheit mag materialistischer und immer materialistischer werden, die Folge davon, wenn sie immer materialistischer wird, wird sein, daß sie ein nicht genügendes Schwere- oder Seinsgefühl durch die Pforte des Todes trägt.
[ 26 ] Das ist etwas, was für den Kenner der Weltenverhältnisse heute schon ganz klar ist: Seelen gehen heute durch die Pforte des Todes, die gewissermaßen durch ihr eigenes Nichtseinsgefühl emporgetragen werden, so daß sie das Entgegengesetzte durchmachen, was ein Mensch, der ins Wasser fällt und nicht schwimmen kann, durchmacht — der versinkt. Diese Seelen sinken, wenn sie durch die Pforte des Todes gehen, nach oben, durch das geringe Schwergewicht, das sie haben. Wie man in der geistigen Welt den Ausdruck Schwergewicht gebraucht, das tritt einmal an einer wichtigen Stelle in meinen Mysterien auf. Sie steigen nach oben, verlieren sich. Das kann nur dadurch paralysiert werden, daß die Menschen von den Begriffen, die heute einfach von selbst erlangt werden können und die in unserem ganzen Leben figurieren, zu dem sich erheben, was mit einer gewissen Anstrengung des physischen Lebens erreicht werden muß: das ist, solche Begriffe, die eben nicht das physische Leben allein hergibt, die man durch Geisteswissenschaft erwirbt.
[ 27 ] Was sagen Ihnen die Leute, die durchaus beim heutigen Denken stehenbleiben wollen, über die Geisteswissenschaft? Sie sagen Ihnen: Ja, was da geschildert wird zum Beispiel in dieser Steinerschen «Geheimwissenschaft», das ist ja phantastisch, das ist ja willkürlich, das kann man sich ja nicht vorstellen! — Warum sagen das die Leute? Die Leute können Kreide sehen, Tische sehen, Beine sehen, und sie können nur das vorstellen, was ihnen einmal in dieser Weise vor die Seele getreten ist; sie wollen sich nichts anderes vorstellen, als was sie sich von dem Leithammel der äußeren physischen Wirklichkeit angeeignet haben. Sie wollen keine innere Aktivität entwickeln im Vorstellen. Wer die «Geheimwissenschaft im Umriß» studieren will, der muß sich selber anstrengen. Wenn er einen Ochsen anglotzt, da hat er allerdings eine Wirklichkeit, er braucht sich nicht anzustrengen, sondern er braucht ihn nur anzuglotzen und sich dann einen sogenannten Begriff zu bilden, der gar kein Begriff ist. Um was es sich handelt, ist, daß eben die Begriffe, die durch die Geisteswissenschaft, also zum Beispiel durch meine «Geheimwissenschaft» oder «Theosophie» oder durch die andern Bücher angedeutet werden, diese innere Aktivität fordern. Ein großer Teil der Menschheit, der heute erst recht materialistisch ist, weil er die Geisteswelt materialistisch bilden will, die Spiritisten, die möchten sich erst recht nicht einlassen auf dieses Durchdenken, Durcharbeiten der «Geheimwissenschaft»; die lassen sich lieber irgend etwas vorzaubern durch Schrenck-Notzing oder andere, wo ihnen solche Klumpen, die menschenähnlich geformt sind oder dergleichen, so vor die Seele treten, daß sie wiederum ganz passiv bleiben können; sie brauchen sich dabei gar nicht anzustrengen.
[ 28 ] Aber dabei wird man immer leichter und man arbeitet gegen sein Fortbestehen nach dem Tode. Dadurch aber, daß man sich hineinarbeitet in die Aktivität, dieman nötig hat, um in die Geisteswissenschaft einzudringen, dadurch muß man gerade das Physische stärker anstrengen, stärker sich verbinden mit dem Physischen, als es heute unter sogenannten normalen Verhältnissen der Fall ist. Man muß die Begriffe gewichtiger machen. Dadurch aber auch nimmt man sein Seinsgefühl mit durch den Tod und ist dann dem Leben nach dem Tode gewachsen.
[ 29 ] Das ist ja etwas, nicht wahr, was der heutige Mensch so gern hat: nichts zu dem hinzutun, was ihm im Leben entgegentritt. Wenn er etwas dazutun soll, aktiv sein soll, so wird ihm das gleich unbequem. Außerlich im sozialen Leben haben wir ja immer darnach gestrebt, soviel zu lernen und nach solchen Schablonen zu lernen, wie es der Staat vorschreibt; so daß wir, wenn wir glücklich fünfundzwanzig, sechsundzwanzig Jahre alt und referendarreif geworden sind, dann so hineingeschoben werden in irgendein Schema und Anspruch haben nach so und so viel Jahrzehnten auf Pensionierung; nun sind wir sicher. Wir sind allerdings erst in den zwanziger Jahren, aber wir sind für das ganze Leben versichert. Wir lassen unseren Leib pensionieren — das wird uns von vornherein zugesichert —, dann kommt noch die Kirche, das Kirchenbekenntnis, das fordert auch nichts anderes, als daß wir passiv dem uns hingeben, was uns da geboten wird. Und die Kirche pensioniert dann unsere Seele, wenn wir tot sind; die versichert sie uns, ohne daß wir etwas dazutun, als höchstens im Glauben leben, wie schon vorher unser Leib pensioniert worden ist. Das ist etwas, womit gebrochen werden muß, wenn die Kultur nicht an ihrem Niedergang ankommen soll. Innere Aktivität, inneres aktives Mittun mit dem, was der Mensch aus sich macht, sogar was er aus sich macht als einem unsterblichen Wesen, das ist notwendig. Der Mensch muß arbeiten an seiner Unsterblichkeit. Das ist dasjenige, was sich die meisten Menschen gern wegzaubern lassen möchten. Sie glauben, eine Erkenntnis kann einen nur etwas von dem lehren, was ja sowieso ist, kann einen höchstens lehren, der Mensch sei unsterblich. Es gibt solche, die sagen:
[ 30 ] Ja, hier lebe ich, wie eben das Leben hier es gibt; was nach dem Tode sein wird, das werde ich ja dann schon sehen.
[ 31 ] Nichts wird er sehen, gar nichts wird er sehen! Denn das Argument ist ungefähr ebenso geistreich wie dasjenige der Anzengruberschen Persönlichkeit: So wahr ein Gott im Himmel ist, bin ich ein Atheist! — Von derselben Logik sind diese Dinge. Die Sache ist so, daß in bezug auf das Geistig-Seelische, indem wir es in unsere Erkenntnis hereinnehmen, wir den Geist reif machen, nach dem Tode nicht den entgegengesetzten Zustand von einem im Schwimmen Versinkenden, das heißt, von einem wesenlos Steigenden durchzumachen. Wir müssen arbeiten an unserer Wesenheit, damit sie in der richtigen Weise durch den Tod durchgehen kann. Und Aneignung geistiger Erkenntnis ist nicht bloß Aneignung einer abstrakten Erkenntnis, ist Durchdringung des Geistig-Seelischen des Menschen mit den Kräften, die den Tod besiegen.
[ 32 ] Das ist im Grunde genommen in Wahrheit ja die christliche Lehre. Daher soll der Mensch nicht bloß, wie es ein neueres Bekenntnis durchaus will, den Glauben an Christus haben, sondern er soll das Pauluswort beherzigen: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Die Kraft des Christus in mir, entwickelt muß sie werden wollen und ausgebildet muß sie werden! Der Glaube als solcher kann durchaus den Menschen nicht retten, sondern einzig und allein das innere Zusammenarbeiten mit dem Christus, das innere Sich-Erarbeiten der Christuskraft, die ja immer da ist, wenn man sie sich erarbeiten will, die aber erarbeitet werden muß. Initiative, Aktivität, das ist es, womit die Menschheit sich wird erfüllen müssen. Und einsehen wird sie müssen, daß der bloß passive Glaube den Menschen einfach zu leicht macht, so daß allmählich die Unsterblichkeit auf der Erde sterben würde. Das ist das Bestreben des Ahriman. Und inwiefern es das Bestreben des Ahriman ist, das wollen wir dann in einem nächsten Vortrag uns vor die Seele führen, denn wir stehen heute in dem Kampf zwischen den ahrimanischen und den luziferischen Mächten drinnen. Und ebenso wie wir in einer gewissen Weise unsere Unbewußtheit behütet haben, indem der Frühlingspunkt einen Umkreis gemacht hat, werden wir in den nächsten Umkreis hineingehen müssen so, daß wir mit vollem Bewußtsein
[ 33 ] 1987 uns hineinstellen in dasjenige, was die Weltenwesenheit durchwebt: der Kampf der luziferischen mit den ahrimanischen Geistern. In die Wirklichkeit, nicht bloß in eine abstrakte Erkenntnis werden wir durch Geisteswissenschaft geführt. Davon dann das nächste Mal weiter.
