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Human-Becoming, World-Soul and World-Spirit II
Human Beings as Physical and Spiritual Entities
in the Course of History
GA 206

5 August 1921, Dornach

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Human-Becoming, World-Soul and World-Spirit II, tr. SOL
  1. Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist II

Siebzehnter Vortrag

Seventeenth Lecture

[ 1 ] Um unser neuzeitliches Geistesleben und seine Entwickelungsmöglichkeiten für die Zukunft zu verstehen, habe ich in den letzten Betrachtungen hier einiges vorgebracht, und im Verlaufe dieser Betrachtungen sagte ich, daß es notwendig scheint, den Hergang zu beachten, der sich abgespielt hat im Laufe der Menschheitsentwickelung und der dann zu der Seelenverfassung geführt hat, in welcher dieses neuzeitliche Geistesleben sich befindet.

[ 1 ] In order to understand our modern spiritual life and its potential for future development, I have presented some thoughts here in my recent reflections, and in the course of these reflections I said that it seems necessary to consider the course of events that has unfolded throughout human evolution and that has ultimately led to the state of the soul in which this modern spiritual life now finds itself.

[ 2 ] Fassen wir noch einmal einiges ins Auge, das dieses neuzeitliche Geistesleben charakterisiert. Aus den verschiedensten Untergründen heraus haben wir uns ja wohl zu der Überzeugung durchgerungen, daß der Grundton dieses Geisteslebens der Intellektualismus ist, das intellektuelle, verstandesmäßige Sich-Verhalten zur Welt und zum Menschen selbst. Es widerspricht dem nicht, daß in der neuesten Zeit das Wesentliche der gegenwärtigen Weltanschauung in der Beobachtung und in der Verarbeitung der äußeren, mit den Sinnen zu beobachtenden Erscheinungen gesucht wird. Das insbesondere soll sich uns noch in diesen Tagen zeigen. Der Intellektualismus als solcher ist zunächst im Verlaufe der Menschheitsentwickelung hervorgetreten,man kann sagen, in dem Zeitraume, der dreihundert Jahre umfaßt vor dem Mysterium von Golgatha, und er hat sich dann allmählich heraufentwickelt zu einer Höhe, über die er eigentlich nicht mehr weiter fortgeschritten ist in den drei Jahrhunderten nach dem Mysterium von Golgatha. Im Laufe der sechs Jahrhunderte etwa, kann man sagen, ist die Menschheit in diesem Intellektualismus erzogen worden. Und er hat sich herausentwickelt aus einer spirituellen Weltanschauung, aus jener spirituellen Weltanschauung, die in diesem Zeitalter, in diesen sechs Jahrhunderten zum Abfluten kommt. Man kann mit äußeren Dokumenten — darauf machte ich ja schon aufmerksam — das Abfluten dieser Weltanschauung kaum studieren, da die spätere Ausbreitung des Christentums es sich hat angelegen sein lassen, mit wenigen Ausnahmen die gnostischen Urkunden zu vernichten. Diese gnostischen Urkunden, sie sind dasjenige in der menschlichen Weltanschauungsentwickelung, das auf der einen Seite etwas aufgenommen hat aus älteren Traditionen, aus dem, was an alter Weisheit vorhanden war in Asien, in Afrika, in Südeuropa; aus dem, was eben in diesen späteren Zeiten nach den Fähigkeiten der Menschen, die ins übersinnliche Schauen nicht mehr weit hinaufgingen, da noch erreichbar war. Jene ältere Weisheit, die noch ihre letzten Nachklänge hat in den vorsokratischen griechischen Philosophen und die noch etwas hereinscheint in den Ausführungen des Plato, diese Weltanschauung, sie hat nicht mit Intellektualismus gearbeitet. Sie hat ihren Inhalt im wesentlichen, wenn auch auf instinktive Art, so doch durch übersinnliches Schauen gewonnen. Dieses übersinnliche Schauen gibt ja zu gleicher Zeit dasjenige mit, was man nennen könnte eine innere logische Systematik. Man braucht nicht die intellektualistische Verarbeitung, wenn man den Inhalt des übersinnlichen Schauens in sich trägt, denn er hat die logische Struktur durch seine eigene Wesenheit in sich.

[ 2 ] Let us once again consider some of the characteristics that define this modern intellectual life. From a wide variety of perspectives, we have come to the conviction that the fundamental tone of this intellectual life is intellectualism—the intellectual, rational approach to the world and to human beings themselves. This is not contradicted by the fact that, in recent times, the essence of the current worldview has been sought in the observation and interpretation of external phenomena perceptible to the senses. This, in particular, will become clear to us in the coming days. Intellectualism as such first emerged in the course of human development—one might say, during the period spanning three hundred years prior to the Mystery of Golgotha—and it then gradually developed to a height beyond which it has not actually progressed any further in the three centuries following the Mystery of Golgotha. Over the course of roughly six centuries, one might say, humanity has been educated in this intellectualism. And it has developed out of a spiritual worldview—that very spiritual worldview which is now ebbing away in this age, in these six centuries. As I have already pointed out, one can scarcely study the ebb of this worldview through external documents, since the later spread of Christianity made it a point, with few exceptions, to destroy the Gnostic texts. These Gnostic documents represent that phase in the development of human worldviews which, on the one hand, drew upon older traditions—upon the ancient wisdom that existed in Asia, Africa, and Southern Europe—and upon what was still accessible in these later times, given the limited capacities of people who no longer ventured far into supersensible vision. That older wisdom, which still has its final echoes in the pre-Socratic Greek philosophers and which still shines through somewhat in Plato’s writings—this worldview did not operate on the basis of intellectualism. It derived its content essentially—albeit in an instinctive manner—through supersensible perception. This supersensible perception simultaneously imparts what one might call an inner logical system. One does not need intellectual processing when one carries the content of supersensible perception within oneself, for it possesses the logical structure inherent in its very nature.

[ 3 ] Aber eben die Fähigkeit, zu diesem übersinnlichen Inhalte zu kommen, die ging allmählich der Menschheit verloren. Und die letzte Phase war dasjenige, was in der Gnostik erhalten ist. Aber die Gnostik ist nun schon durchsetzt von Intellektualismus. So daß man sagen kann, daß für die Menschheitsentwickelung in gewisser Beziehung der Intellektualismus aus der Gnostik herausgeboren wird. Er wird geboren aus übersinnlichem, aus spirituellem Inhalte. Der spirituelle Inhalt versiegt und das Intellektuelle bleibt zurück.

[ 3 ] But it was precisely this ability to access this supersensible content that humanity gradually lost. And the final phase was what has been preserved in Gnosticism. But Gnosticism is already permeated by intellectualism. So one can say that, in a certain sense, intellectualism is born out of Gnosticism in the course of human development. It is born out of supersensible, spiritual content. The spiritual content dries up, and the intellectual remains.

[ 4 ] Der in erster Linie tonangebende Geist, der nun schon ganz mit Intellektualismus arbeitet und bei dem man schon klar sieht — bei Plato tritt das noch nicht hervor —, wie die ältere Spiritualität aufgehört hat und der Mensch versucht, zu einer Weltanschauung zu kommen durch intellektuelle innere Arbeit, das ist Aristoteles. Aristoteles ist gewissermaßen der erste wirklich intellektualistisch arbeitende Mensch in der Menschheitsentwickelung selber. Überall treten einem noch bei ihm solche Aufstellungen entgegen, die zeigen, wie traditionell lebendig noch die Erinnerung war an alte, auf übersinnliche Weise gewonnene Erkenntnisse. Aristoteles weiß von diesen Erkenntnissen. Er führt sie an da, wo er von seinen Vorgängern spricht; aber er ist nicht mehr in der Lage, mit dem, was er da anführt, einen wirklichen, innerlich erlebten Inhalt zu verbinden. Man sieht schon in einem hohen Grade bei ihm zum bloßen Worte werden dasjenige, was vorher intensives Erlebnis war. Dagegen arbeitet er im eminenten Sinne intellektualistisch.

[ 4 ] The figure who primarily set the tone—one who now operates entirely within the realm of intellectualism, and in whom one can already clearly see (whereas this is not yet evident in Plato) how the older spirituality has come to an end and how human beings are attempting to arrive at a worldview through intellectual inner work—that figure is Aristotle. Aristotle is, in a sense, the first person in the very course of human development to work in a truly intellectualistic manner. Throughout his work, one still encounters such passages that show how vividly alive the memory of ancient insights—gained through supersensory means—still was. Aristotle is aware of these insights. He cites them when speaking of his predecessors; but he is no longer able to connect what he cites there with a genuine, inwardly experienced content. One can already see to a high degree in his work that what was previously an intense experience has become mere words. In contrast, he works in an eminently intellectualistic sense.

[ 5 ] Durch die besondere Konfiguration der griechischen Kultur ist Aristoteles nicht Gnostiker. Aber in der damals noch reichlich vorhandenen Gnostik, die sich ja bis in die nachchristlichen Jahrhunderte hinein fortgepflanzt hat, ist ein intellektualistisches Erfassen des alten spirituellen, aber nicht mehr erlebten Inhaltes vorhanden. Man hat gewissermaßen ein Schattenbild der alten spirituellen Weisheit in demjenigen, was die Gnostiker darstellen. Und im Grunde kann man sehen, wie nach und nach der Menschheit überhaupt die Möglichkeit verlorengeht, noch einen Sinn zu verbinden mit dem, was einmal übersinnlich gegeben war. Vollständig ist dieser Punkt, daß man mit dem alten Spirituellen keinen Sinn mehr verbinden kann, eben im 4. nachchristlichen Jahrhunderte erreicht. Und gerade bei einem solchen Geiste wie Augustinus zeigt sich im eminentesten Sinne klar, wie er aus allen Tiefen der menschlichen Seele heraus nach einer Weltanschauung ringt, wie er aber unmöglich zu einer solchen kommen kann aus irgendeiner Spiritualität heraus, und wie er daher zuletzt landet bei der Annahme desjenigen, was ihm dogmatisch von der katholischen Kirche dargeboten wird.

[ 5 ] Due to the unique nature of Greek culture, Aristotle is not a Gnostic. But in Gnosticism—which was still widespread at that time and continued into the post-Christian centuries—there is an intellectual grasp of ancient spiritual content that is no longer experienced. In a sense, what the Gnostics present is a shadow image of the ancient spiritual wisdom. And fundamentally, one can see how, little by little, humanity as a whole lost the very ability to ascribe any meaning to what was once given in a supersensory way. This point—that one can no longer ascribe any meaning to the ancient spiritual—was fully realized in the 4th century A.D. And it is precisely in a thinker such as Augustine that it becomes clear in the most eminent sense how he struggles from the very depths of the human soul to arrive at a worldview, yet how he cannot possibly arrive at such a worldview through any form of spirituality, and how he therefore ultimately ends up accepting what is presented to him dogmatically by the Catholic Church.

[ 6 ] Inhalt hat nun dieses abendländische Geistesleben — von dem wollen wir zunächst sprechen — namentlich in denjenigen Jahrhunderten bekommen, die auf die ersten vier nach dem Mysterium von Golgatha folgen; Inhalt hat es bekommen durch dasjenige, was von christlicher Seite her überliefert wurde, was allmählich in Dogmen, das heißt, in intellektualistische Gedankenformen geprägt worden ist, was aber bezogen wurde auf einen Inhalt, der einmal im übersinnlichen Schauen erlebt worden war, der aber eben nur noch als Erinnerung vorhanden war. Aber es war nicht mehr die Möglichkeit vorhanden, die Verbindung des Menschen mit diesem übersinnlichen Inhalte zu durchschauen, das heißt, den Sinn dieses übersinnlichen Inhaltes irgendwie an den Menschen heranzubringen. Und so gestaltete sich denn in den folgenden Jahrhunderten, bis ins 15. herein, wesentlich die Erziehung der Menschheit zum Intellektualismus aus.

[ 6 ] This Western spiritual life—which we will discuss first—gained its substance particularly in the centuries following the first four after the Mystery of Golgotha; It acquired its content through what was handed down from the Christian tradition—what gradually took shape in dogmas, that is, in intellectualistic forms of thought—but which was related to a content that had once been experienced in supersensible vision, yet now existed only as a memory. But it was no longer possible to fathom the connection between human beings and this supersensible content—that is, to somehow bring the meaning of this supersensible content to human beings. And so, in the centuries that followed, right up into the 15th century, the education of humanity essentially took the form of intellectualism.

[ 7 ] Wer das Geistesleben vom 4., 5. nachchristlichen Jahrhundert bis ins 15. hinein verfolgt mit alldem, was da durchgemacht war zunächst unter den ersten Kirchenlehrern bis herauf zu Scotus Erigena, bis zu Thomas von Aguino und Albertus Magnus, mit dem, was da durchlebt worden ist, ihn kann es ja wirklich weniger interessieren durch den Inhalt, der vermittelt wird, als durch die durch und durch bedeutungsvolleErziehung, welche da durchgemacht worden ist zu jenem Intellektualistischen in der Seelenverfassung. In bezug auf die Intellektualität, auf die Verarbeitung des Begrifflichen haben es ja die christlichen Philosophen aufs höchste gebracht. Und wenn man sagen kann auf der einen Seite: Die Geburt des Intellektualismus war vollendet im 4. nachchristlichen Jahrhundert —, so kann man sagen: Dieser Intellektualismus als Technik, als Denktechnik, wurde ausgebildet bis in das 15. Jahrhundert hinein. — Daß überhaupt das Element des Intellektualismus vom Menschen erfaßt werden konnte, das spielte sich ab im 4. Jahrhundert. Aber der Intellektualismus mußte zunächst innerlich durchgearbeitet werden. Und es ist ja wirklich bewundernswert, was nach dieser Richtung hin geleistet worden ist bis in die Zeit der Hochscholastik hinein.

[ 7 ] Anyone who traces the intellectual life from the 4th and 5th centuries A.D. into the 15th century—with all that was experienced during that time, beginning with the early Church Fathers and continuing through Scotus Erigena, all the way to Thomas Aquinas and Albertus Magnus—and all that was experienced during that time—will likely be less interested in the content being conveyed than in the profoundly meaningful education that was undergone, leading to that intellectualistic disposition of the soul. With regard to intellectuality—to the processing of concepts—the Christian philosophers certainly took it to the highest level. And while one can say, on the one hand, that the birth of intellectualism was completed in the 4th century A.D., one can also say that this intellectualism, as a technique—as a technique of thought—was developed well into the 15th century. —The fact that the element of intellectualism could be grasped by human beings at all took place in the 4th century. But intellectualism first had to be worked through internally. And it is truly admirable what was accomplished in this direction right up into the era of high scholasticism.

[ 8 ] In dieser Beziehung könnten ja moderne Denker außerordentlich viel lernen, wenn sie ihre Begriffsbildungsfähigkeit wiederum heranschulen würden an demjenigen, was da an Begriffstechnik die Scholastiker der katholischen Kirche entwickelt haben. Wenn man an das verlotterte Denken, das innerhalb der heutigen Wissenschaft gang und gäbe ist, denkt, wenn man daran denkt, wie gewisse Begriffe, ohne die man zu einer Weltanschauung überhaupt nicht kommen kann — zum Beispiel der Begriff der Subsistenz gegenüber der Existenz —, geradezu ihrem innerlichen Gehalte nach verlorengegangen sind, daß Begriffe wie Hypothese einen Charakter angenommen haben, der ganz verschwommen ist, während er bei den Scholastikern ein streng umrissenes Gedankengebilde darstellte, und wenn man vieles andere in dieser Richtung anführen wollte, so würde man eben sehen, wie heute eigentlich eine Beherrschung der Gedankentechnik gar nicht vorhanden ist im üblichen Geistesleben, und wieviel gelernt werden könnte dadurch, daß sich die Menschen wiederum bekanntmachten mit dem, was bis ins 15. Jahrhundert hinein an Denktechnik, das heißt, an Technik des Intellektualismus ausgebildet worden ist. Der Grund, warum auf diesem Gebiete geschulte Denker so voraus sind auch den modernen Philosophen, ist ja, daß diese Denker eben das scholastische Element in sich aufgenommen haben.

[ 8 ] In this regard, modern thinkers could indeed learn a great deal if they were to once again hone their conceptual skills by drawing on the conceptual techniques developed by the scholastics of the Catholic Church. When one considers the disorganized thinking that is commonplace in today’s science, when one thinks of how certain concepts—without which one cannot arrive at a worldview at all—for example, the concept of subsistence as opposed to existence— have virtually lost their inner substance, that concepts such as “hypothesis” have taken on a character that is entirely vague, whereas for the Scholastics it represented a strictly defined conceptual construct—and if one were to cite many other examples along these lines, one would see just how a mastery of conceptual technique is actually entirely absent from everyday intellectual life today, and how much could be learned if people were to reacquaint themselves with the techniques of thought—that is, the techniques of intellectualism—that were developed up through the 15th century. The reason why thinkers trained in this field are so far ahead of even modern philosophers is precisely that these thinkers have internalized the scholastic element.

[ 9 ] Es ist geradezu ein Wohltuendes, möchte ich sagen, wenn man aus dem verlotterten Denken der neueren Wissenschaftsliteratur zu einem solchen Buche greift, wie die «Geschichte des Idealismus» von Willmann ist, mit dem man selbstverständlich dem Inhalte nach heute nicht einverstanden sein kann, der einem seinem Inhalte nach völlig widerstrebt; aber es zeigt sich darinnen eine Denktätigkeit, in der man sich eben als solcher gegenüber dem eben Charakterisierten außerordentlich wohlbefinden kann. Diese «Geschichte des Idealismus» von Otto Willmann sollte auch von denjenigen gelesen werden, die auf einem ganz andern Gesichtspunkte stehen. Denn wie da die Probleme seit Plato behandelt werden mit einer völligen Beherrschung der scholastischen Denktätigkeit, das kann zum mindesten nur außerordentlich disziplinierend für einen modernen Menschen wirken.

[ 9 ] It is, I might say, downright refreshing to turn away from the disheveled thinking found in recent scholarly literature to a book such as Willmann’s History of Idealism—a work with which, of course, one cannot agree today, and whose content one finds completely repugnant; but it reveals a mode of thinking in which one can feel extraordinarily at ease precisely as such, in contrast to what has just been characterized. This History of Idealism by Otto Willmann should also be read by those who hold entirely different viewpoints. For the way in which the problems have been addressed since Plato—with a complete mastery of scholastic thought—can, at the very least, have an extraordinarily disciplining effect on a modern person.

[ 10 ] Es war also im wesentlichen dem 4. Jahrhunderte bis zum 15. Jahrhunderte gegeben, diese Denktechnik auszubilden. Nun ist zunächst diese Denktätigkeit eingelaufen in ein ganz bestimmtes Verhalten der menschlichen Erkenntnisfähigkeit zu dem Weltinhalte. Man kann sagen: Solche Geister wie Albertus Magnus, Thomas Aquinas, sie haben die Stellung der Denktätigkeit zu dem Weltinhalte in dem Punkte, bis zu dem sie damals ausgebildet war, in einer für die damalige Zeit durchaus einwandfreien Weise klar dargestellt.

[ 10 ] It was thus essentially from the 4th century through the 15th century that this mode of thinking was developed. Now, this mode of thinking initially took the form of a very specific approach by human cognitive faculties to the content of the world. One could say that thinkers such as Albertus Magnus and Thomas Aquinas clearly articulated the relationship between this mode of thinking and the content of the world—to the extent that it had been developed at that time—in a manner that was entirely sound for their era.

[ 11 ] Wie tritt uns diese Darstellung entgegen? Diese Denker hatten zunächst dasjenige, was ich auf diese Weise eben charakterisiert habe, herrührend aus alten Traditionen, aus alten Überlieferungen, aber seinem Sinne nach nicht mehr verstanden, als Dogmatik erhalten. Das hatten sie zunächst zu schützen als den Inhalt einer übernatürlichen, einer — was dazumal ziemlich gleichbedeutend war — übersinnlichen Offenbarung. Diese Offenbarung bewahrte die Kirche durch ihr Lehramt. Dasjenige, was zu sagen war über die übersinnlichen Welten, das glaubte man enthalten in der Dogmatik der Kirche. Und das, was man in dieser Dogmatik hatte, das sollte hingenommen werden als Offenbarung, an die menschliche Vernunft, also menschliche Intellektualität nicht heran kann.

[ 11 ] How does this account present itself to us? These thinkers initially had what I have just characterized in this way—derived from ancient traditions and handed down through the ages—but, no longer understanding its meaning, they preserved it as dogma. At first, they had to protect this as the content of a supernatural—or, as was largely synonymous at the time, a supersensory—revelation. The Church preserved this revelation through its magisterium. Whatever there was to be said about the supersensory worlds was believed to be contained within the Church’s dogma. And what was contained in this dogma was to be accepted as revelation, beyond the reach of human reason—that is, human intellectuality.

[ 12 ] Auf der einen Seite also war es für diese Zeit des Mittelalters ganz selbstverständlich, daß man die im hohen Grade ausgebildete intellektuelle Technik anwandte; auf der andern Seite war es klar, daß diese Intellektualität nicht irgendwie etwas ausmachen durfte über den Inhalt der Dogmatik. Es wurden die höchsten Wahrheiten, deren der Mensch bedurfte, in dieser Dogmatik gesucht. Sie mußten aus der übernatürlichen Theologie entnommen werden, und es war darinnen im wesentlichen alles enthalten, was sich eigentlich auf die höheren Schicksale des menschlichen Seelenlebens bezieht. Dagegen waren diese Anschauungen durchdrungen davon, daß mit Hilfe der ausgebildeten Intellektualität die Natur begriffen und erklärt werden könne, daß man auch noch aus der Ratio, also der Intellektualität heraus dazu kommen könne, mit einer gewissen Abstraktion Weltenanfang und Weltenende zu begreifen, daß man auch noch das Dasein Gottes begreifen kann und so weiter. Diese Dinge wurden durchaus, aber in einer gewissen abstrakten Form, zu denjenigen gerechnet, die sich noch erreichen lassen durch die intellektualistische Technik. Es war also im Grunde genommen die menschliche Erkenntnis gespalten in die zwei Gebiete: in das Gebiet des Übersinnlichen, das nur durch Offenbarung an die Menschheit hat herankommen können und das bewahrt worden ist in der christlichen Dogmatik, und das andere Gebiet, das Naturerkenntnis enthielt, soweit man sie dazumal hatte, das aber erreicht werden sollte seinem ganzen Umfange nach durch intellektualistische Technik.

[ 12 ] On the one hand, therefore, it was entirely natural for the Middle Ages to apply highly developed intellectual methods; on the other hand, it was clear that this intellectual approach was not to have any bearing whatsoever on the content of dogmatics. People sought the highest truths they needed in this dogmatics. These truths had to be drawn from supernatural theology, and it essentially contained everything that actually pertains to the higher destinies of the human soul. In contrast, these views were permeated by the belief that nature could be understood and explained with the help of developed intellectuality; that one could even, through reason—that is, through intellectuality—come to comprehend, with a certain degree of abstraction, the beginning and end of the world; that one could also comprehend the existence of God, and so on. These things were certainly counted among those that could still be attained through intellectualistic methods, albeit in a certain abstract form. Thus, human knowledge was essentially divided into two realms: the realm of the supernatural, which could only be accessed by humanity through revelation and which has been preserved in Christian dogma; and the other realm, which encompassed knowledge of nature—to the extent that it was available at the time—but which was to be attained in its entirety through intellectualist methods.

[ 13 ] Diese Zweiheit des Erkenntniswesens für das Mittelalter muß man durchaus durchdringen, wenn man die neuzeitliche Geistesentwickelung verstehen will; denn mit dem 15. Jahrhundert kamen langsam und dann immer schneller die Gebiete herauf, die dann den Inhalt der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung bildeten. Der Intellekt hatte sich für sich selbst in seiner Technik bis ins 15. Jahrhundert ausgebildet, aber er hatte in dieser Zeit wesentlich sich bereichert durch inhaltliches Naturwissen. Was an Naturwissen vorhanden war, war bis zu dieser Zeit Altüberliefertes, wenig mehr Verstandenes. Der Intellekt hatte sich gewissermaßen nicht erprobt an einem unmittelbaren elementaren Inhalt.

[ 13 ] One must thoroughly grasp this duality of the cognitive process in the Middle Ages if one is to understand the development of the modern mind; for beginning in the 15th century, the fields that would eventually form the content of the modern scientific worldview emerged—slowly at first, then at an ever-increasing pace. The intellect had developed its own methods by the 15th century, but during this period it had been substantially enriched by substantive knowledge of nature. What knowledge of nature existed up to that time was based on ancient tradition and was scarcely understood. The intellect had, so to speak, not yet tested itself against any immediate, elementary content.

[ 14 ] Das geschah erst, als die Taten Kopernikus, Galileis und so weiter in die neuzeitliche Wissensentwickelung eintraten. Da kam die Zeit, wo nun der Intellekt nicht mehr bloß seine Technik ausbildete, sondern wo dieser Intellekt sich zu schaffen machte mit der äußeren Welt. Man kann ja insbesondere sehen, wie solch ein Geist wie Galilei mit der ausgebildeten Gedankentechnik zuerst herangeht an den äußeren sinnenfälligen Weltinhalt. Das ist nun dasjenige, was dann im Laufe der nächsten Jahrhunderte bis ins 19. Jahrhundert herauf vorzugsweise die Beschäftigung der nach Wissen strebenden Menschheit geworden ist: die Auseinandersetzung des Intellektes mit dem Naturwissen.

[ 14 ] This did not happen until the work of Copernicus, Galileo, and others became part of the development of modern knowledge. That was the time when the intellect no longer merely refined its methods, but began to engage with the external world. One can see, in particular, how a mind like Galileo’s, equipped with a refined technique of thought, first approaches the external, sensory content of the world. This is precisely what, over the course of the following centuries up to the 19th century, became the primary preoccupation of humanity in its quest for knowledge: the intellect’s engagement with the natural sciences.

[ 15 ] Was aber lebte fort in dieser Auseinandersetzung des Intellektes mit dem Naturwissen? Man muß da nur nicht nach vorgefaßten Begriffen, sondern nach psychologischen, historischen Tatsachen gehen. Man muß sich völlig klarwerden darüber, daß ja die Menschheit nicht nur Theorien von einem Zeitalter in das andere hineinträgt, sondern daß sich in einer ganz außerordentlich starken Weise festgesetzt hatte durch die christliche Philosophenentwickelung hindurch der Drang, das intellektuelle Element nur auf die Sinneswelt anzuwenden und das Übersinnliche nicht davon berührt werden zu lassen. Als Sünde hätte es gegolten für einen nach Erkenntnis Strebenden, wenn er das übersinnliche Gebiet hätte berühren wollen mit der Intellektualität.

[ 15 ] But what endured in this conflict between the intellect and the natural sciences? One must not rely on preconceived notions, but rather on psychological and historical facts. One must be fully aware that humanity does not merely carry theories from one age into the next, but that throughout the development of Christian philosophy, the urge to apply the intellectual element solely to the sensory world—and to keep the supersensible realm untouched by it—had become firmly established in an extraordinarily powerful way. It would have been considered a sin for one striving for knowledge to attempt to apply intellectuality to the supersensible realm.

[ 16 ] Das gibt eine gewisse Gewohnheit. Solche Gewohnheiten leben fort. Die Menschen werden sich ihrer nicht voll bewußt, aber sie handeln unter dem Einflusse dieser Gewohnheiten. Und aus dieser Gewohnheit — also aus einer durch den Einfluß der christlichen Dogmatik erzeugten Gewohnheit — ist der Trieb entstanden in den dem 19. vorangehenden Jahrhunderten, sich mit der Intellektualität nur an die äußere sinnliche Beobachtung zu halten. Geradeso wie die Hochschulen im allgemeinen Fortsetzungen waren der von der Kirche eingerichteten Schulen, so war die Wissenschaft, die an diesen Hochschulen getrieben wurde, in bezug auf das Naturwissen durchaus eine Fortsetzung desjenigen, was als das Richtige auf dem Gebiete des Naturwissens von der Kirche anerkannt worden ist. Das Streben, nur äußere sinnliche Empirie hereinzunehmen in das Wissen, ist durchaus ein Nachklang einer aus der christlichen Dogmatik hervorgehenden Seelengewohnheit.

[ 16 ] This creates a certain habit. Such habits live on. People are not fully aware of them, but they act under the influence of these habits. And from this habit—that is, a habit produced by the influence of Christian dogma—arose the impulse in the centuries preceding the 19th century to limit intellectual inquiry solely to external sensory observation. Just as universities were generally continuations of the schools established by the Church, so too was the scholarship pursued at these universities—with regard to the natural sciences—entirely a continuation of what the Church had recognized as correct in the field of natural science. The striving to incorporate only external sensory empiricism into knowledge is entirely an echo of a spiritual habit arising from Christian dogmatics.

[ 17 ] Parallel mit diesem Hinlenken des Intellektes auf die äußerliche sinnliche Welt ging immer mehr und mehr das Abblassen desjenigen, was von der Seele aus nach dem Inhalte der übersinnlichen Dogmatik hin gerichtet war. Man hatte eben wiederum eine Möglichkeit, selbst zu forschen; wenn auch nur einen sinnlichen Inhalt zu bekommen für die Intellektualität, so doch eben einen Wissensinhalt zu bekommen.

[ 17 ] Parallel to this turning of the intellect toward the external sensory world, there was an ever-increasing fading of that which, emanating from the soul, was directed toward the content of supersensory dogmatics. Once again, people had the opportunity to explore for themselves; even if it meant gaining only sensory content for the intellect, it was still a matter of acquiring knowledge.

[ 18 ] Unter dem Einflusse, ich möchte sagen, des immer positiver und positiver werdenden Wissensinhaltes aus der Sinnenwelt, verblaßte der dogmatische Inhalt. Man konnte nun nicht einmal mehr diejenige Beziehung der Menschenseele zu diesem übersinnlichen Inhalt gewinnen, die eben nach dem 4. nachchristlichen Jahrhunderte noch da war wie eineErinnerung an etwas, was einmal in uralten Zeiten von der Menschheit erlebt worden war. Das was sich auf die übersinnlichen Welten bezog, verblaßte eben allmählich ganz und gar, und es ist ja nur ein künstliches Forterhalten des übersinnlichen Inhaltes, was wir erleben in den Geistesentwickelungen der letzten drei, vier Jahrhunderte. Der aus der Sinneswelt entlehnte und mit dem Intellekt bearbeitete Inhalt wird immer reichlicher und reichlicher. Die Menschenseele durchdringt sich damit; das Hinweisen zu dem übersinnlichen Inhalte verblaßt immer mehr und mehr. Auch das ist durchaus ein Ergebnis der christlich-dogmatischen Entwickelung.

[ 18 ] Under the influence—I would say—of the ever-increasing body of knowledge derived from the sensory world, dogmatic content began to fade. It was no longer even possible to grasp that connection between the human soul and this supersensible content, which, as late as the 4th century A.D., still existed as a memory of something that had once been experienced by humanity in ancient times. That which related to the supersensible worlds gradually faded away entirely, and what we experience in the spiritual developments of the last three or four centuries is, after all, merely an artificial perpetuation of the supersensible content. The content borrowed from the sensory world and processed by the intellect is becoming ever more abundant. The human soul is permeated by this; the reference to supersensible content is fading more and more. This, too, is entirely a result of Christian-dogmatic development.

[ 19 ] Dann kam das 19. Jahrhundert, für das eine elementare Beziehung der Menschenseele zum übersinnlichen Inhalt völlig verblaßt war, und für das es immer mehr und mehr notwendig wurde, künstlich, man möchte sagen, sich einzureden, daß die Annahme einer übersinnlichen Welt dennoch eine Bedeutung habe. Und so bildete sich namentlich im 19. Jahrhundert die allerdings schon vorher gut vorbereitete Lehre heraus von den zwei Erkenntniswegen: dem Wege des Wissens und dem Wege des Glaubens. Eine ganz und gar auf bloße subjektive Überzeugung gebaute Glaubenserkenntnis sollte noch dasjenige stützen, was sich traditionell von der alten Dogmatik erhalten hatte. Daneben war man immer mehr und mehr, ich möchte sagen, überwältigt von demjenigen, was die Sinneswelt an Erkenntnissen dargeboten hat. So war im Grunde genommen die Lage der Entwickelung der europäischen Geisteswelt gerade um die Mitte des 19. Jahrhunderts: reich fließende Erkenntnis der Sinneswelt, problematische Stellung zu der übersinnlichen Welt. Während man beim Forschen in der Sinneswelt überall Grund und Boden unter den Füßen hatte, während man überall hinweisen konnte auf die Tatsachen, die sich eben aus der äußeren Beobachtung ergaben und die man zusammenfassen konnte zu einer Art von Weltbild, das allerdings nur sinnliche Inhalte enthielt, das aber doch sich immer mehr und mehr vervollständigte mit Bezug auf diese sinnlichen Inhalte, war es eine Art krampfhaften Bestrebens, eine Glaubensübersicht festzuhalten von dem Übersinnlichen. Und besonders bemerkenswert in dieser Beziehung ist die Entwickelung der Theologie im 19. Jahrhundert, namentlich der Christologie, bei der man sieht, wie nach und nach eigentlich aller übersinnlicher Inhalt des ChristusBegriffes verlorengeht und zuletzt nichts anderes übrig bleibt als der in der Sinneswelt anwesende Jesus von Nazareth, dasjenige, was also im gewöhnlichen Sinnes- und im intellektualistischen Sinnenleben als ein Mitglied der Menschheitsentwickelung betrachtet werden konnte. Und es entstanden diejenigen Bestrebungen, die nun versuchten, das Christentum auch gegenüber der modernen Aufklärung und Wissenschaftlichkeit zu halten, indem sie es ja durchkritisierten, bei dieser Durchkritisierung auflösten, den Evangelieninhalt siebten und dadurch in gewisser Weise wenigstens eine Berechtigung herausdefinierten für den Glaubenshinweis auf eine übersinnliche Welt.

[ 19 ] Then came the 19th century, a time when the fundamental connection between the human soul and the supersensible realm had completely faded, and when it became increasingly necessary—one might say—to artificially convince oneself that the belief in a supersensible world still had some significance. And so, particularly in the 19th century—though the groundwork had already been laid—the doctrine of the two paths of knowledge emerged: the path of knowledge and the path of faith. A faith-based understanding, built entirely on mere subjective conviction, was still meant to underpin what had been preserved from the old dogmatics. At the same time, people were increasingly—I would say—overwhelmed by the insights offered by the sensory world. This, in essence, was the state of development of the European intellectual world around the middle of the 19th century: a rich flow of knowledge about the sensory world, coupled with a problematic stance toward the supersensible world. While research into the sensory world provided a firm foundation everywhere—while one could point everywhere to the facts that arose from external observation and that could be synthesized into a kind of worldview, which admittedly contained only sensory content but which nevertheless became increasingly complete with regard to this sensory content—there was a kind of desperate striving to to establish a framework of belief regarding the supersensible. And particularly noteworthy in this regard is the development of theology in the 19th century, namely Christology, in which one sees how, little by little, virtually all supernatural content of the concept of Christ is lost, and ultimately nothing remains but the Jesus of Nazareth present in the sensory world—that is, what could be regarded in ordinary sensory and intellectual life as a member of human evolution. And efforts arose that sought to uphold Christianity in the face of modern Enlightenment and scientific thought by subjecting it to critical scrutiny, dissolving it through this process, sifting through the content of the Gospels, and thereby, in a certain sense, at least defining a justification for the faith’s reference to a supernatural world.

[ 20 ] Es ist nun merkwürdig, welche Gestalt diese Entwickelung gerade in der Mitte des 19. Jahrhunderts angenommen hat. Gerade derjenige, der sich mit moderner Geisteswissenschaft beschäftigt, darf dieses Entwickelungsstadium menschlicher Erkenntnis nicht übersehen. Bei denen, die in der neueren Zeit vielfach über Geist und Geistesleben sprachen, wird in dilettantischer Weise abgefertigt, was in der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Menschheitsentwickelung heraufgekommen ist als Materialismus. Gewiß, bei diesem Materialismus stehenzubleiben, ist eine Oberflächlichkeit; aber eine noch größere Oberflächlichkeit ist, sich zu diesem Materialismus dilettantisch zu verhalten. Es ist ja verhältnismäßig leicht, sich einige Begriffe von Geist und Geistesleben anzueignen und dann abzusprechen über dasjenige, was im Materialismus des 19. Jahrhunderts heraufgezogen ist; aber man muß die Sache von einem andern Gesichtspunkte aus betrachten.

[ 20 ] It is indeed remarkable to see the form this development took precisely in the middle of the 19th century. Precisely those who are engaged in modern spiritual science must not overlook this stage in the development of human knowledge. Those who have spoken extensively in recent times about the spirit and spiritual life tend to dismiss, in an amateurish manner, what emerged in the mid-19th century as materialism in the course of human development. Certainly, to remain stuck at this stage of materialism is superficial; but an even greater superficiality is to adopt an amateurish attitude toward this materialism. After all, it is relatively easy to acquire a few concepts of the spirit and spiritual life and then to speak out against what arose in the materialism of the 19th century; but one must view the matter from a different perspective.

[ 21 ] Wahr ist es, daß zum Beispiel ein solcher Denker — und er ist in der Reihe der materialistischen Denker vielleicht einer der allerhervorragendsten — wie Heinrich Czolbe 1855 in seinem Buch «Neue Darstellung des Sensualismus. Ein Entwurf» diesen Sensualismus geradezu dadurch definiert hat, daß er sagte: Dieser Sensualismus bedeutet ein Erkenntnisstreben, das von vorneherein das Übersinnliche ausschließt. — So daß man also in dem Czolbeschen System des Sensualismus etwas vor sich hat, was aus dem rein in der sinnlichen Beobachtung Gegebenen die Welt und auch die Menschen erklären will. Gerade dieses System des Sensualismus ist, man möchte sagen, auf der einen Seite oberflächlich, auf der andern Seite außerordentlich scharfsinnig. Es wird wirklich da der Versuch gemacht, von der Wahrnehmung angefangen bis herauf in die Politik, alles in das Zeichen des Sensualismus zu rücken, alles so darzustellen, als wenn man es eben erklären könnte aus dem, was Sinne beobachten können und was der Intellekt aus diesen Sinnesbeobachtungen sich erkombinieren kann. 1855 ist dieses Buch erschienen, also in der Zeit, in der es noch nicht einen ausgesprochenen Darwinismus gegeben hat, denn Darwins erstes epochemachendes Werk ist ja erst 1859 erschienen.

[ 21 ] It is true that, for example, a thinker such as Heinrich Czolbe—who is perhaps one of the most outstanding among materialist thinkers—defined this sensualism in 1855 in his book Neue Darstellung des Sensualismus. A Draft, defined this sensualism precisely by stating: “This sensualism signifies a quest for knowledge that excludes the supersensible from the outset.” — So that in Czolbe’s system of sensualism, one has before one something that seeks to explain the world and also human beings based solely on what is given in sensory observation. This very system of sensualism is, one might say, superficial on the one hand and extraordinarily astute on the other. It truly attempts to place everything—from perception all the way up to politics—under the banner of sensualism, to present everything as if it could be explained solely from what the senses can observe and what the intellect can deduce from these sensory observations. This book was published in 1855, that is, at a time when there was not yet any explicit Darwinism, since Darwin’s first epoch-making work was not published until 1859.

[ 22 ] Dieses Jahr 1859 war überhaupt, wie ich schon öfter angedeutet habe, außerordentlich einschneidend in der neueren Geistesentwickelung. Wir haben um diese Zeit erscheinend Darwins «Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl». Wir haben in dieser Zeit heraufkommend in der Menschheitsentwickelung die Spektralanalyse, von der ja die Anschauung ausgegangen ist, daß aus denselben Materialsubstanzen, aus denen das irdische Dasein besteht, das Weltenall auch besteht. Wir haben dann den Versuch, dasjenige zu erfassen, was früher immer auf geistig-intellektuelle Weise behandelt worden ist, das ästhetische Gebiet, durch äußerliche, sinnliche Empirie. Gustav Theodor Fechners «Vorschule der Ästhetik» erschien 1876. Und endlich, wir haben den Versuch, diese Denkweise, die in all dem Angeführten liegt, zu übertragen auf das soziale Leben. Karl Marxens erstes größeres ökonomisches Werk erschien ebenfalls in diesem Jahre 1859. Diese vierte Erscheinung des neuzeitlichen materialistischen Geisteslebens, sie fällt bis auf das Jahr in dieselbe Zeit. Aber wie gesagt, vorangegangen ist schon so etwas, wie Czolbes System des Sensualismus war.

[ 22 ] The year 1859 was, as I have often noted, an exceptionally pivotal one in the recent development of human thought. It was around this time that Darwin’s On the Origin of Species by Means of Natural Selection was published. During this period, spectral analysis emerged in the course of human development, giving rise to the view that the universe consists of the same material substances as earthly existence. We also see the attempt to grasp, through external, sensory empiricism, that which had previously always been treated in a spiritual-intellectual manner: the realm of aesthetics. Gustav Theodor Fechner’s Introduction to Aesthetics was published in 1876. And finally, we see the attempt to apply this way of thinking—which underlies all of the above—to social life. Karl Marx’s first major economic work was also published in 1859. This fourth manifestation of modern materialist intellectual life coincides, down to the year, with the same period. But as I said, it was preceded by something like Czolbe’s system of sensualism.

[ 23 ] Wenn dann versucht worden ist, alles dasjenige, was seit jener Zeit reichlich an Tatsachen des äußeren Sinneslebens erkundet worden ist, mit materialistischen Weltanschauungen zu durchdringen, so darf man sagen: Diese materialistische Weltanschauung ist nicht geschaffen worden etwa durch den Darwinismus oder durch die Spektralanalyse, sondern dasjenige, was Darwin so sorgfältig zusammengetragen hat, das, was durchschaut werden konnte bis zu einem gewissen Grade in der Spektralanalyse, das, was erforscht werden konnte von Dingen selbst, die man früher nur auf ganz anderem Wege erforschen wollte, wie es durch Fechners «Vorschule der Ästhetik» geschehen ist, das ist getaucht worden in die schon vorhandene Anschauung des Sensualismus. Und der Materialismus, er war im Grunde genommen schon da; aber er ist hervorgegangen aus der Fortpflanzung jener Denkgewohnheit, die eigentlich ein Kind der scholastischen Denkweise ist. Man versteht diese neuzeitliche Geistesentwickelung und man versteht auch den Materialismus nicht, wenn man sich nicht klar darüber ist, daß er nichts anderes ist als eine Fortsetzung mittelalterlichen Denkens, nur mit Weglassung der Anschauung, daß man aufsteigen müsse vom Denken zu dem, was übersinnlich ist, eben nicht durch menschliche Vernunft und menschliche Beobachtung, sondern durch Offenbarung, die in der Dogmatik gegeben ist.

[ 23 ] When attempts have been made to interpret all that has been extensively explored since that time in terms of the facts of external sensory life through materialistic worldviews, one may say: This materialistic worldview was not created, for example, by Darwinism or by spectral analysis; rather, what Darwin so carefully compiled, what could be discerned to a certain extent through spectral analysis, and what could be investigated about things themselves—things that people had previously sought to investigate only by entirely different means, as was done in Fechner’s Vorschule der Ästhetik, has been immersed in the already existing worldview of sensualism. And materialism—it was, in essence, already there; but it emerged from the continuation of that habit of thought which is actually a child of scholastic thinking. One cannot understand this modern intellectual development—nor can one understand materialism—unless one is clear that it is nothing other than a continuation of medieval thought, merely omitting the view that one must ascend from thinking to what is supersensory—not through human reason and human observation, but through revelation as set forth in dogmatics.

[ 24 ] Dieses Zweite hat man einfach weggelassen. Aber die Grundüberzeugung für den einen Teil des Erkennens, für den auf die Sinneswelt bezüglichen, hat man beibehalten. Und im Verlaufe des 19. Jahrhunderts verwandelte sich dasjenige, was sich da herausgebildet hatte, dann so, daß es erschien zum Beispiel in dem berühmten «Ignorabimus» von Du Bois-Reymond aus dem Anfang der siebziger Jahre. Der Scholastiker sagte: Die menschliche Erkenntnis, von Intellekt durchdrungen, bezieht sich nur auf die äußere Sinneswelt. Alles dasjenige, was der Mensch über das Übersinnliche erkennen soll,muß ihm gegeben werden durch Offenbarung, die in der Dogmatik bewahrt ist. — Diese Offenbarung, die in der Dogmatik bewahrt ist, verblaßt; aber die andere Grundüberzeugung wird beibehalten. Sie spricht Du BoisReymond, allerdings in neuzeitlichem Gewande, scharf aus. Und er wendet dann dasjenige, was in der Scholastik so geklungen hat, wie ich es eben jetzt gesagt habe, in der Art an, daß er sagt: Man kann nur das Sinnliche erkennen, soll nur das Sinnliche erkennen, denn ein Erkennen des Übersinnlichen gibt es nicht.

[ 24 ] This second aspect was simply omitted. But the fundamental conviction regarding one aspect of cognition—that pertaining to the sensory world—was retained. And in the course of the 19th century, what had developed there then transformed in such a way that it appeared, for example, in Du Bois-Reymond’s famous “Ignorabimus” from the early 1870s. The scholastic said: Human knowledge, imbued with the intellect, relates only to the external sensory world. Everything that human beings are to know about the supersensible must be given to them through revelation, which is preserved in dogmatics. — This revelation, preserved in dogmatics, fades; but the other fundamental conviction is retained. Du Bois-Reymond articulates it sharply, albeit in a modern guise. And he then applies what was expressed in Scholasticism as I have just described in such a way that he says: One can only know the sensible, should only know the sensible, for there is no knowledge of the supersensible.

[ 25 ] Im Grunde genommen ist kein Unterschied zwischen dem einen Gebiete des Erkennens der Scholastik und demjenigen, was da, allerdings in neuzeitlichem Gewande, bei den modernen Naturforschern — und DuBois-Reymond war gewiß einer der modernsten — hervorgetreten ist. Es ist wirklich ganz besonders wichtig, dieses Hervorgehen der neueren Naturanschauung aus der Scholastik ernsthaft anzuschauen, weil man immer glaubt, diese neuere Naturwissenschaft hätte sich im Gegensatze zur Scholastik gebildet. Wirklich, ebensowenig wie die neueren Universitäten in ihrer Struktur verleugnen können ihr Hervorgehen aus christlichen Unterrichtsanstalten des Mittelalters, ebensowenig kann die Struktur des neueren wissenschaftlichen Denkens ihr Hervorgehen aus der Scholastik verleugnen, von der sie nur etwas abgestreift hat, wie ich vorhin sagte, eine bis ins höchst Anerkennenswerte gehende Ausarbeitung der Begriffe und der Denktechnik.

[ 25 ] Essentially, there is no difference between the field of knowledge in Scholasticism and that which has emerged—albeit in a modern guise—among contemporary natural scientists—and DuBois-Reymond was certainly one of the most modern. It is truly of the utmost importance to seriously examine this emergence of the modern view of nature from Scholasticism, because people always believe that this modern natural science developed in opposition to Scholasticism. In reality, just as the modern universities cannot, in their structure, deny their origins in the Christian educational institutions of the Middle Ages, nor can the structure of modern scientific thought deny its origins in Scholasticism, from which it has merely shed, as I said earlier, a highly commendable elaboration of concepts and methods of thought.

[ 26 ] Diese Denktechnik ist auch verlorengegangen; daher werden gewisse Dinge, die sich da ergeben und die für den wirklichen Denker unbefriedigend sind, in der modernen naturwissenschaftlichen Erwägungsweise mit Eleganz übergangen. Aber dasjenige, was als Geist, als Sinn lebt in dieser modernen Naturerkenntnis, ist Kind der Scholastik.

[ 26 ] This method of thinking has also been lost; consequently, certain issues that arise—and which are unsatisfactory to the true thinker—are elegantly glossed over in modern scientific reasoning. But that which lives as spirit, as meaning, in this modern understanding of nature is the child of scholasticism.

[ 27 ] Nun war eben die Gewohnheit, sich auf das Sinnliche zu beschränken, da. Aber diese Gewohnheit hat ja auch durchaus Gutes gestiftet, denn’ sie brachte die Neigung hervor, sich nun eingehend mit den Tatsachen der sinnlichen Welt zu beschäftigen. Man braucht nur zu bedenken, daß ja für die neuere Geisteswissenschaft, für die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft die sinnliche Welt ein Abbild ist der übersinnlichen, daß wirklich in demjenigen, was einem in der sinnlichen Welt entgegentritt, die Bilder des Übersinnlichen enthalten sind, dann wird man die Tragweite des Eindringens in die sinnlichmaterielle Welt durchaus würdigen können. Während man immer wieder betonen muß, daß jene andere Art des Materialismus, die als Spiritismus hervorgetreten ist und die auf materielle Art den Geist erkennen möchte, etwas Unfruchtbares ist, weil der Geist natürlich niemals sinnlich anschaulich werden kann und daher die ganze Methodik schon ein Humbug ist, muß man sich klar sein darüber, daß dasjenige, was mit den gewöhnlichen normalen Sinnen des Menschen beobachtet und mit dem in der Menschheitsentwickelung herangebildeten Intellekt erkombiniert worden ist aus dem sinnlichen Beobachten, durchaus eben Abbild der übersinnlichen Welt ist, und daß daher ein Studium dieses Abbildes in einer gewissen Beziehung durchaus besser in die übersinnliche Welt hineinführt als zum Beispiel der Spiritismus. Ich habe das in früheren Zeiten oftmals so ausgedrückt, daß ich sagte: Da setzen sich die Menschen um einen Tisch herum und zitieren Geister und sehen ganz ab davon, daß so und so viel Geister ja um den Tisch herumsitzen! Sie sollen sich bewußt sein ihres eigenen Geistes: der stellt ganz gewiß dasjenige dar, was sie suchen sollen. Aber weil sie diesen eigenen Geist vergessen, weil sie nicht diesen eigenen Geist erfassen mögen, suchen sie den Geist auf eine äußerlich materielle Weise durch allerlei den Laboratoriumsversuchen nachgeäffte spiritistische Experimente. — Dieser Materialismus, der also arbeitet in den Bildern des Übersinnlichen, ohne daß er sich dessen bewußt ist, daß er es mit Bildern des Übersinnlichen zu tun hat, dieser Materialismus hat mit Bezug auf seine Forschungsmethodik eben doch Großes geleistet, Großes und Gewaltiges geleistet.

[ 27 ] Now, the habit of limiting oneself to the sensory realm was certainly there. But this habit has certainly brought about good as well, for it gave rise to a tendency to engage in-depth with the facts of the sensory world. One need only consider that, for modern spiritual science—for anthroposophically oriented spiritual science—the sensory world is a reflection of the supersensory world; that what one encounters in the sensory world truly contains images of the supersensory—and then one will be able to fully appreciate the significance of delving into the sensory-material world. While one must repeatedly emphasize that that other form of materialism—which has emerged as spiritualism and seeks to perceive the spirit in a material way—is fruitless, because the spirit, of course, can never become sensually perceptible and therefore the entire methodology is nothing but humbug, one must be clear that what has been observed with the ordinary, normal human senses and synthesized through the intellect—which has been developed in the course of human evolution—from sensory observation is indeed a reflection of the supersensible world, and that therefore a study of this reflection, in a certain sense, leads far more effectively into the supersensible world than, for example, spiritualism. I have often expressed this in the past by saying: People sit around a table and summon spirits, completely ignoring the fact that so many spirits are already sitting around the table! They should be aware of their own spirit: that is certainly what they should be seeking. But because they forget this spirit of their own—because they are unwilling to grasp it—they seek the spirit in an outwardly material way through all sorts of spiritualist experiments that mimic laboratory tests. — This materialism, which thus operates within the imagery of the supersensible without being aware that it is dealing with imagery of the supersensible, has, in terms of its research methodology, nevertheless accomplished great things—great and mighty things.

[ 28 ] Gewiß, es war niemals bei den eigentlichen Sensualisten oder Materialisten das Bestreben vorhanden — und bei Czolbe sieht man das schon ganz genau —, das Sinnenfällig-Gegebene auf ein Übersinnliches irgendwie zu beziehen; aber es war das Bestreben vorhanden, das Sinnliche als solches in seiner Struktur, in seiner Gesetzmäßigkeit zu erkennen. Wenn man vergleicht, was noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorhanden ist an Zusammenfassung von sinnlichen Tatsachen, so muß man sagen, es ist noch Stückwerk gegen die Arbeit, die etwa von den vierziger Jahren im 19. Jahrhundert ab geleistet wird. Und als dann gar mit einem großen Gesichtspunkt der Darwinismus auftrat, der Darwinismus, der jedenfalls in der Person Darwins selbst das gebracht hat, daß eine Fülle von Tatsachen unter gewissen Gesichtspunkten zusammengegliedert worden ist, da zeigte sich, daß zunächst ein Prinzip des Suchens, eine Methode desSuchens dadurch gegeben war.

[ 28 ] Certainly, the actual sensualists or materialists never sought—and this is already quite evident in Czolbe—to relate the sensually given to anything supernatural in any way; but there was an aspiration to recognize the sensory as such—in its structure and in its laws. If one compares the summaries of sensory facts that existed in the first half of the 19th century, one must say that they are still piecemeal compared to the work carried out from around the 1840s onward. And when Darwinism then emerged as a major perspective—Darwinism, which, at least in the person of Darwin himself, led to the systematization of a wealth of facts from certain perspectives—it became apparent that this had, for the first time, established a principle of inquiry, a method of inquiry.

[ 29 ] Es hat vorsichtige Naturforscher im 19. Jahrhundert gegeben, wie zum Beispiel den Naturforscher Gegenbaur. Gegenbaur ist niemals vollständig zum Darwinisten etwa im Haeckelschen Sinne geworden. Aber was Gegenbaur, der ja auch die Arbeit Goethes mit Bezug auf die Umwandelung der Wirbelknochen, Schädelknochen, fortgesetzt hat, ganz besonders betont hat, das ist, daß, wie es auch stehen mag um die Wahrheit, um die absolute Wahrheit des Darwinismus, er eine Methode heraufgebracht hat, durch die man dazu gelangt ist, die Erscheinungen so aneinanderzureihen und miteinander zu vergleichen, daß man tatsächlich bemerkt hat, was man ohne diese Methode, ohne einen Darwinismus eben, nicht bemerkt hätte.

[ 29 ] There were cautious naturalists in the 19th century, such as the naturalist Gegenbaur. Gegenbaur never fully became a Darwinist, at least not in the sense of Haeckel. But what Gegenbaur—who, after all, also continued Goethe’s work regarding the transformation of vertebral and skull bones—particularly emphasized is that, whatever the truth may be regarding the absolute truth of Darwinism, he developed a method through which one was able to arrange the phenomena in sequence and compare them with one another in such a way that one actually noticed what one would not have noticed without this method—that is, without Darwinism.

[ 30 ] Gegenbaur meinte etwa: Wenn auch alles dasjenige, was an Darwinistischer Theorie vorhanden ist, einmal verschwindet, diese Darwinistische Theorie hat eine gewisse Art, die Forschung zu handhaben, hervorgebracht, so daß man Tatsachen gefunden hat, die man ohne diese Handhabung nicht gefunden hätte. Es war allerdings eine gewisse praktische Anwendung des «Als-Ob-Prinzips». Allein diese praktische Anwendung des Als-Ob-Prinzips ist ja nicht so töricht wie die philosophische Festsetzung des Als-Ob-Prinzips, wie sie dann in der späteren Zeit aufgetreten ist.

[ 30 ] Gegenbaur argued, for example: Even if everything related to Darwinian theory were to disappear one day, this Darwinian theory has given rise to a certain approach to research, such that facts have been discovered that would not have been found without this approach. It was, however, a certain practical application of the “as-if principle.” Yet this practical application of the as-if principle is not as foolish as the philosophical establishment of the as-if principle, as it later came to be understood.

[ 31 ] Und so konnte es kommen, daß in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eigentlich eine merkwürdige Struktur des Geisteslebens sich ergab. Die Philosophie hatte sich ja in der letzteren Zeit — und diese letztere Zeit geht gar nicht weit zurück — im Grunde immer aus dem Theologischen heraus ergeben. Wer in Hume und Kant nicht mehr das theologische Element sieht, der kann eben so etwas nicht durchschauen. Das Philosophische ist durchaus aus dem Theologischen hervorgegangen, hat in einer gewissen Weise in intellektuellen Begriffen dasjenige verarbeitet, was so halb ins Übersinnliche hinaufschillerte. Und weil es noch immer ein ins Übersinnliche Hinaufschillerndes war, was die Philosophie behandelt hat, so machte ihr die Naturwissenschaft von der Mitte des 19. Jahrhunderts an immer mehr und mehr den Krieg. Es war ja einmal verblaßt die Hinneigung zu diesem übersinnlichen Gehalte der menschlichen Erkenntnis. Die Naturwissenschaft hatte Gehalt. Zu ihr mußte man Vertrauen haben. In ihr hatte man etwas Substantielles. Und demgegenüber, was da immer reichlicher in der Naturwissenschaft quoll und was sich allerdings bis zu manchmal skeptisch erfaßten philosophischen Problemen hin entwickelte, demgegenüber stand eigentlich die philosophische Entwickelung machtlos da. Und es ist ja interessant, daß die eindringlichste Philosophie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf das Unbewußte, nicht mehr auf das Bewußte, hinweisen mußte. Also aus dem Intellekt herausgeworfen wurde die Philosophie Eduard von Hartmanns, weil sie überhaupt noch bestehen wollte als Philosophie. Und so haben wir denn das merkwürdige Schauspiel — je mehr das 19. Jahrhundert sich zum Ende neigt, haben wir das merkwürdige Schauspiel —, daß die Philosophie immer inhaltsloser und inhaltsloser wurde, daß sie immer mehr und mehr in das Bestreben verfiel, eigentlich ihr Dasein noch zu rechtfertigen. Denn die scharfsinnigsten Philosophen wie etwa Otto Liebmann, die sind ja vorzugsweise bestrebt, das Dasein der Philosophie noch etwas zu rechtfertigen.

[ 31 ] And so it came to pass that, in the second half of the 19th century, a rather peculiar structure of intellectual life actually emerged. Philosophy, after all, had in recent times—and these recent times do not go back very far—essentially always emerged from theology. Anyone who no longer sees the theological element in Hume and Kant simply cannot grasp such things. Philosophy has indeed emerged from theology; in a certain sense, it has processed in intellectual terms that which shimmered, as it were, halfway into the supersensible. And because what philosophy dealt with was still something that shimmered toward the supersensible, the natural sciences waged war against it more and more intensely from the middle of the 19th century onward. After all, the inclination toward this supernatural content of human knowledge had long since faded. Natural science had substance. One had to place trust in it. In it, one found something substantial. And in contrast to what was welling up ever more abundantly in natural science—and which indeed developed into philosophical problems sometimes viewed with skepticism—philosophical development actually stood powerless. And it is indeed interesting that the most compelling philosophy of the second half of the 19th century had to point to the unconscious, and no longer to the conscious. Thus, Eduard von Hartmann’s philosophy was cast out of the realm of the intellect because it still sought to exist as philosophy at all. And so we have this curious spectacle—the more the 19th century draws to a close, the more we witness this curious spectacle—in which philosophy became increasingly devoid of content, sinking ever deeper into the endeavor of justifying its very existence. For the most astute philosophers, such as Otto Liebmann, are primarily concerned with justifying the existence of philosophy to some extent.

[ 32 ] Aber es ist gar keine so geringe Verwandtschaft zwischen einem solchen Philosophen wie Otto Liebmann, der noch das Dasein der Philosophie rechtfertigen will, und einem solchen Philosophen, der das Buch schrieb: «Das Ganze der Philosophie und ihr Ende», Richard Wahle,der in durchaus scharfsinniger Weise sich zur Aufgabe setzte, zu beweisen, daß es eine Philosophie gar nicht geben konnte, und der deshalb auch eine Lehrkanzel für Philosophie an einer österreichischen Universität erhielt für eine Wissenschaft, die es also, nach seinem Beweise, gar nicht geben kann!

[ 32 ] But there is by no means such a tenuous connection between a philosopher like Otto Liebmann, who still seeks to justify the existence of philosophy, and a philosopher who wrote the book: “The Whole of Philosophy and Its End,” Richard Wahle, who, in a thoroughly astute manner, set out to prove that philosophy could not possibly exist—and who, consequently, was even awarded a professorship in philosophy at an Austrian university for a discipline that, according to his proof, cannot possibly exist!

[ 33 ] In den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts haben wir dann ein merkwürdiges Entwickelungsstadium dieses Ergebnisses neuzeitlicher Gedankenerkenntnisentwickelung. Wir haben auf der einen Seite das Bestreben in der Naturwissenschaft, zu einer umfassenden Weltanschauung vorzurücken, alles Offenbarungsmäßige, Übersinnliche abzuweisen, und auf der andern Seite eine ohnmächtige Philosophie.

[ 33 ] In the 1890s, we then witnessed a remarkable stage in the development of this outcome of modern intellectual progress. On the one hand, we have the endeavor in the natural sciences to advance toward a comprehensive worldview, rejecting everything revelatory and supersensory; and on the other hand, a powerless philosophy.

[ 34 ] Das trat, man möchte sagen, ganz besonders bedeutsam in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts hervor, ergibt sich aber durchaus als ein notwendiges Resultat der vorangehenden Entwickelung. Wir werden diese Entwickelung dann morgen weiterverfolgen. Ich möchte nur, daß Sie besonders dieses festhalten, daß man ja den neuzeitlichen Materialismus von dem Gesichtspunkte aus betrachten muß, daß dasjenige, was im materiellen Dasein sich zunächst darlebt, ein Abbild des Übersinnlichen ist. Der Mensch selbst, so wie er sich darstellt zwischen Geburt und Tod, ist ein Abbild desjenigen, was er übersinnlich durchgemacht hat zwischen dem letzten Tode und dieser Geburt. Und wer die Seele im Materiellen sucht, sucht eben am falschen Orte.

[ 34 ] This became, one might say, particularly significant in the 1890s, but it is by no means anything other than a necessary consequence of the preceding development. We will continue to trace this development tomorrow. I would just like you to bear this in mind in particular: that modern materialism must be viewed from the perspective that what initially manifests itself in material existence is a reflection of the supersensible. Human beings themselves, as they appear between birth and death, are a reflection of what they have experienced supersensibly between their last death and this birth. And anyone who seeks the soul in the material world is simply looking in the wrong place.

[ 35 ] Das ist die Grundfrage, die aufgeworfen werden muß gegenüber dem Materialismus des 19. Jahrhunderts, wenn man ihn historisch begreifen will: Inwiefern war er berechtigt? — Denn nicht dadurch, daß man ihn bekämpft, versteht man ihn in seinem historischen Werden, sondern dadurch, daß man erfaßt, was ihm allerdings fehlte, was ihm aber in einer gewissen Weise fehlen mußte, weil eine unmittelbar vorhergehende Zeit das Geistig-Seelische am falschen Orte gesucht hat. Man hat geglaubt, man könne das Geistig-Seelische finden, wenn man es im gewöhnlichen Sinne im Sinnlichen drinnen sucht, durch irgendwelche Erwägungen oder dergleichen. Das kann man nicht. Man kann es nur finden, wenn man über das Sinnliche hinausgeht. Über das Sinnliche hinausgehen wollten und konnten der Sensualismus und der Materialismus nicht. Er blieb beim Bilde, und er nahm das Bild für die Wirklichkeit. Das ist sein eigentliches Wesen. Von diesem Wesen wollen wir dann morgen mehr sprechen.

[ 35 ] This is the fundamental question that must be raised regarding 19th-century materialism if one wishes to understand it historically: To what extent was it justified? — For it is not by opposing it that one understands its historical development, but by grasping what it indeed lacked—and what, in a certain sense, it was bound to lack—because the period immediately preceding it had sought the spiritual and psychological in the wrong place. People believed they could find the spiritual and psychological by seeking it—in the ordinary sense—within the sensory realm, through various considerations or the like. That is not possible. One can find it only by going beyond the sensory realm. Sensualism and materialism neither wanted nor were able to go beyond the sensory realm. They remained with the image and took the image for reality. That is their true nature. We will speak more about this nature tomorrow.