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Human-Becoming, World-Soul and World-Spirit II
Human Beings as Physical and Spiritual Entities
in the Course of History
GA 206

6 August 1921, Dornach

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Human-Becoming, World-Soul and World-Spirit II, tr. SOL
  1. Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist II

Achtzehnter Vortrag

Eighteenth Lecture

[ 1 ] Gestern versuchte ich darzulegen, wie von der Mitte des 19. Jahrhunderts ab ein gewisser Höhepunkt in der sensualistischen oder materialistischen Weltanschauung sich allmählich heranbildete und wie gegen das Ende des 19. Jahrhunderts, wenigstens von einem gewissen Gesichtspunkte aus, dieser Höhepunkt erreicht war. Sehen wir uns zunächst einmal an, wie die äußeren Tatsachen der Menschheitsentwickelung sich dargestellt haben unter dem Einflusse der materialistischen Weltanschauung. Diese materialistische Weltanschauung kann ja nicht etwa so angesprochen werden, als ob sie bloß hervorgegangen sei aus der Willkür einer Anzahl von führenden Persönlichkeiten. Denn, auch wenn man das auf verschiedenen Seiten ableugnet, diese materialistische Anschauung fußt gerade auf demjenigen, wodurch die wissenschaftlichen Überzeugungen und wissenschaftlichen Forschungsergebnisse des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts groß geworden sind. Die Menschheit hat zu diesen wissenschaftlichen Ergebnissen kommen müssen. Sie haben sich vorbereitet im 15. Jahrhundert und haben einen gewissen Höhepunkt, wenigstens insofern sie menschheitserziehend sind, eben im 19. Jahrhundert erreicht. Wiederum konnte sich auf Grundlage dieser Wissenschaftsgesinnung nichts anderes ausbilden als eine gewisse materialistische Weltanschauung.

[ 1 ] Yesterday I attempted to explain how, beginning in the mid-19th century, a certain peak in the sensualist or materialist worldview gradually took shape, and how, toward the end of the 19th century—at least from a certain point of view—this peak was reached. Let us first take a look at how the external facts of human development have unfolded under the influence of the materialist worldview. This materialist worldview cannot, of course, be spoken of as if it had merely arisen from the whims of a number of leading figures. For, even if this is denied on various sides, this materialistic worldview is based precisely on the very factors that gave rise to the scientific convictions and research findings of the 19th and early 20th centuries. Humanity was bound to arrive at these scientific findings. They were laid the groundwork for in the 15th century and reached a certain peak—at least insofar as they serve to educate humanity—precisely in the 19th century. In turn, nothing other than a certain materialistic worldview could have developed on the basis of this scientific mindset.

[ 2 ] Ich bin gestern dabei stehengeblieben, zu sagen: Geradezu radikal hervorgetreten ist das, um was es sich da eigentlich handelte — wenigstens in den Symptomen nach außen hin —, in dem, was man charakterisieren kann als die Stellung Haeckels etwa zu denjenigen, die dann im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts und im Beginne des 20. Jahrhunderts gegen ihn aufgetreten sind. Man kann das, was sich da abgespielt hat und was doch außerordentlich tief eingegriffen hat in die allgemeine Bildung der Menschheit, gewissermaßen betrachten, ganz ohne Rücksicht zu nehmen auf die besondere Formulierung, die Haeckel seiner Weltanschauung gegeben hat und auch schließlich auf die besondere Formulierung, welche die Gegner ihren sogenannten Widerlegungen gegeben haben. Man kann einfach darauf sehen, daß auf der einen Seite dasjenige stand, was man glaubte, aus einer sorgfältigen Betrachtung des materiellen Geschehens bis herauf zum Menschen heraus gewinnen zu können. Nur das sollte zunächst in einer Weltanschauung sein, nur da glaubte man, auf sicherem Boden zu stehen. Es war das durchaus etwas Neues gegenüber dem, was etwa mittelalterlicher Inhalt der Weltanschauung war.

[ 2 ] Yesterday I left off by saying: What was actually at stake here—at least in terms of outward manifestations—came to the fore in a truly radical way in what can be characterized as Haeckel’s stance, for example, toward those who opposed him in the last decade of the 19th century and at the beginning of the 20th century. One can, in a sense, view what took place there—and what nevertheless had an extraordinarily profound impact on the general education of humanity—without taking into account the specific formulation Haeckel gave to his worldview, nor, ultimately, the specific formulation his opponents gave to their so-called refutations. One can simply observe that, on the one hand, there was what people believed they could derive from a careful examination of material phenomena all the way up to human beings. That alone was to form the basis of a worldview; only there did people believe they stood on solid ground. It was something entirely new compared to, for example, the medieval content of the worldview.

[ 3 ] In bezug auf das Naturwissen hatte man seit drei, vier, fünf Jahrhunderten etwas entschieden Neues gewonnen, in bezug auf die geistige Welt nichts. In bezug auf die geistige Welt war man endlich zu einer Philosophie gekommen, welche sozusagen ihre Hauptaufgabe, wie ich es gestern ausgedrückt habe, darin gesehen hat, wenigstens noch ihr Dasein in einer gewissen Weise zu rechtfertigen. Erkenntnistheorien wurden geschrieben in der Absicht, zu sagen, daß man doch noch in bezug auf einen abgelegenen Punkt irgend etwas philosophisch zu sagen habe; daß man vielleicht sich getrauen dürfe zu sagen, daß es eine übersinnliche Welt gibt, aber man könne sie nicht erkennen, man könne höchstens eben die Annahme einer übersinnlichen Welt machen. So sprachen die Sensualisten, als deren geistreichen Vertreter ich Ihnen gestern Czolbe angeführt habe, von etwas, was positiv war, worauf man als auf etwas Greifbares hinweisen konnte. Und so sprachen die Philosophen und diejenigen, die ihre Schüler in der Popularisierung geworden waren, von etwas, das eigentlich sofort zerflatterte, wenn man es irgendwie anfassen wollte.

[ 3 ] With regard to the natural sciences, something decidedly new had been gained over the past three, four, or five centuries; with regard to the spiritual world, nothing. As for the spiritual world, people had finally arrived at a philosophy that, as I put it yesterday, saw its main task, so to speak, in at least justifying its existence in a certain way. Theories of knowledge were written with the intention of saying that, after all, one still had something philosophical to say regarding some remote point; that one might perhaps dare to say that a supersensible world exists, but that one could not know it—one could at most merely assume the existence of a supersensible world. Thus the sensualists—whose witty representative I cited to you yesterday in the person of Czolbe—spoke of something that was positive, something tangible to which one could point. And so the philosophers, and those who had become their disciples in popularizing their ideas, spoke of something that actually crumbled away the moment one tried to grasp it in any way.

[ 4 ] Nun stellte sich das eigentümliche kulturhistorische Phänomen ein, daß Haeckel auftrat mit einer Zusammenstellung der rein naturalistischen Konstruktion der Welt, und daß nun Stellung genommen werden sollte von seiten der philosophischen Welt gegen diesen, sagen wir, Haeckelismus. Man könnte ja das ganze Problem, ich möchte sagen, einmal ästhetisch betrachten. Man könnte hinschauen auf das Monumentale, das — ob es nun wahr oder falsch ist — in Haeckel hervorgetreten ist in der Zusammenfassung von Tatsachen, die eben in ihrer Zusammenfassung durchaus schon ein Weltbild gaben. Mir erschien recht charakteristisch für die Art und Weise, wie Haeckel in seinem Zeitalter drinnenstand, alles das, was sich abspielte bei der Feier etwa des sechzigsten Geburtstages Haeckels in den neunziger Jahren in Jena, wo ich dabei war. Von Haeckel selbst brauchte man dazumal ja nichts Neues mehr zu erwarten. Er hatte im wesentlichen ausgesprochen, was er von seinem Gesichtspunkte aussprechen konnte und wiederholte sich eigentlich.

[ 4 ] Now a peculiar cultural-historical phenomenon arose: Haeckel presented a purely naturalistic conception of the world, and the philosophical community felt compelled to take a stand against this—let us call it—“Haeckelism.” One could, I would say, consider the entire problem from an aesthetic perspective. One could look at the monumental aspect—whether true or false—that emerged in Haeckel’s synthesis of facts, which, precisely in its synthesis, already provided a worldview in and of itself. It seemed to me quite characteristic of the way Haeckel was situated in his era—all that took place during the celebration of, say, Haeckel’s sixtieth birthday in the 1890s in Jena, where I was present. At that time, of course, one could no longer expect anything new from Haeckel himself. He had essentially said everything he could say from his point of view and was, in fact, repeating himself.

[ 5 ] Da sprach dann bei dieser Haeckel-Feier ein Physiologe von der medizinischen Fakultät. Es war außerordentlich interessant, dem Mann zuzuhören und ihn ein wenig vom geistigen Gesichtspunkte aus zu betrachten. Es waren bei dieser Haeckel-Feier eine ganze Anzahl von Menschen da, die in Haeckel eine bedeutende Persönlichkeit sahen, sozusagen einen überragenden Menschen. Aber jener Physiologe war ein durchaus tüchtiger Universitätsprofessor, von jener Sorte unter den Tüchtigen, von denen man sagen konnte: Nun, hätte man einen andern von der Sorte hingestellt, so wäre es dasselbe gewesen; man könnte nicht gut den A vom B oder vom C unterscheiden. Haeckel konnte man von allen andern unterscheiden, aber ihn, den Universitätsprofessor, konnte man nicht unterscheiden von den andern. Das ist etwas, was ich bitte, mehr als eine Charakteristik des Zeitalters aufzufassen als gerade dieser einzelnen Angelegenheit.

[ 5 ] At this Haeckel celebration, a physiologist from the medical school then spoke. It was extremely interesting to listen to the man and to consider him a little from an intellectual perspective. There were quite a number of people at this Haeckel celebration who saw Haeckel as a significant figure—an outstanding individual, so to speak. But that physiologist was a thoroughly capable university professor, of the sort among the capable of whom one could say: Well, if you had put someone else of that caliber in his place, it would have been the same; you couldn’t really tell A from B or C. Haeckel could be distinguished from everyone else, but him—the university professor—could not be distinguished from the others. This is something I would ask you to view more as a characteristic of the age than as a matter specific to this particular instance.

[ 6 ] Nun handelte es sich darum, daß ja derjenige, der nun so dastand als der A — der ebensogut der B oder C hätte sein können —, sprechen sollte bei einer Haeckel-Feier. Ich möchte sagen, in jedem einzelnen Worte sah man, was da eigentlich vorlag! Während einige jüngere Leute mit einer gewissen Emphase sprachen, mit dem Bewußtsein, daß in Haeckel eine Persönlichkeit da wäre — sie waren höchstens Privatdozenten, die dann aber in Jena immer schon außerordentliche Professoren waren, denn diese waren unhonoriert und man gab ihnen nur den Titel; es waren aber eigentlich Privatdozenten —, gab es so etwas für den betreffenden Physiologen nicht; denn gäbe es das, so könnte man ja nicht von A und B und C in derjenigen Weise reden, wie ich jetzt geredet habe; daher feierte er, wie er ausdrücklich betonte, den «Kollegen» Haeckel. Nach jedem dritten Satze sprach er von dem Kollegen Haeckel, damit andeutend, daß es eben der sechzigste Geburtstag irgendeines Kollegen ist, wie jedes andern auch. Nun handelte es sich aber darum, auch etwas zu sagen. Ja, nicht wahr, er gehörte als solcher Repräsentant in die Reihe derjenigen, die überhaupt eben nur wissenschaftliche Daten sammeln — jene Daten, aus denen Haeckel eine Weltanschauung gemacht hatte —, aber die sich mit diesem Datensammeln begnügten, weil sie eben überhaupt von der Möglichkeit einer Weltanschauung gar nichts wissen wollten. Also über die Weltanschauung Haeckels sprach dieser Kollege nicht.

[ 6 ] The point was that the person who was now standing there as A—who just as easily could have been B or C—was supposed to speak at a Haeckel celebration. I would say that in every single word, one could see what was actually going on! While some younger people spoke with a certain emphasis, aware that Haeckel was a prominent figure—they were, at most, private lecturers, though in Jena they had always been considered associate professors, since the latter positions were unpaid and they were granted only the title; but they were actually private lecturers—there was no such distinction for the physiologist in question; for if there were, one could not speak of A, B, and C in the manner in which I have just spoken; therefore, as he expressly emphasized, he was honoring his “colleague” Haeckel. After every third sentence, he spoke of his colleague Haeckel, thereby implying that it was simply the sixtieth birthday of some colleague or another, just like any other. But the point was to say something. Yes, didn’t he, as such a representative, belong to the ranks of those who merely collect scientific data—the very data from which Haeckel had constructed a worldview—but who were content with this data collection because they simply did not want to know anything at all about the possibility of a worldview. So this colleague did not speak about Haeckel’s worldview.

[ 7 ] Nun rühmte er aber eigentlich Haeckel gerade von seinem Standpunkte aus in einer außerordentlichen Weise, indem er andeutete: Man könne, ganz abgesehen davon, was Haeckel über Welt und Leben behauptet hat, durchaus hinsehen auf dasjenige, was der Kollege Haeckel auf dem Gebiete dieses Spezialgebietes erforscht hat. Es liegen im Kabinett so und so viele Tausend mikroskopische Präparate von Haeckel, es liegen auf diesem und jenem Gebiete so und so viele Tausende Präparate vor und so weiter, und man könnte schon sagen, wenn man nun zusammenrechnete, was alles dieser Haeckel an einzelnen, rein empirischen Dingen gesammelt, zusammengestellt, verarbeitet hatte, es sei schon eine ganze Akademie. — Also dieser Kollege hatte schon implizite eine ganze Anzahl solcher «Kollegen» im Leibe drinnen, für die er seinen Mann gestanden hatte. Nun, das war gewissermaßen ein Kollege von der medizinischen Fakultät.

[ 7 ] In fact, he praised Haeckel in an extraordinary way from his own point of view, suggesting that, quite apart from what Haeckel had claimed about the world and life, one could certainly take note of what his colleague Haeckel had researched in this specific field. There are so many thousands of Haeckel’s microscopic specimens in the collection; there are so many thousands of specimens in this and that field, and so on; and one could even say that if one were to add up everything this Haeckel had collected, compiled, and processed in terms of individual, purely empirical data, it would amount to an entire academy. — So this colleague implicitly embodied a whole number of such “colleagues” for whom he had stood up. Well, he was, in a sense, a colleague from the medical school.

[ 8 ] Dann sprach beim eigentlichen Festmahl Eucken, also der Philosoph. Nun, der hatte das, was er zu sagen hatte, oder was er nicht zu sagen hatte, dadurch geoffenbart — man könnte auch sagen kaschiert —, daß er von den Schlipsen, von den unordentlich gebundenen Schlipsen sprach und von den Klagen, welche namentlich die Familie Haeckels vorzubringen hatte, wenn sie im intimen Kreise über Papa oder über den Mann sich unterhielten. Über die unsorgfältig gebundenen Schlipse hat der Philosoph ziemlich lange gesprochen, gar nicht ungeistreich, aber wie gesagt, es war dasjenige, was dazumal die Philosophie zu sagen hatte. Es war schon recht charakteristisch, denn viel mehr hatte die Philosophie auch sonst nicht zu sagen. Es war alles abstraktes Gestrüppe, was vorgebracht wurde. Damit ist gar nichts über Wertungen und dergleichen gesagt; man kann ja die ganze Sache auch ästhetisch auf sich wirken lassen und aus dem, was sich symptomatisch darlebt, ersehen, wie heraufgestrebt hat in der neueren Zeit der Materialismus, der etwas gab. Die Philosophie hatte wirklich nichts mehr zu sagen, da sie eben eine Dependence war desjenigen, was sich im Laufe der Zeit heraufgebildet hatte. Man darf ja auch nicht glauben, daß die Philosophie zur Geisteswissenschaft etwas zu sagen hat. Das hat ja neulich Eucken wohl bewiesen in jener Diskussion, die in einer sehr anregenden Weise in der letzten oder vorletzten Nummer der Dreigliederungszeitung erzählt ist, wo sich die ganze Euckensche Rederei in ihrer absoluten Inhaltslosigkeit enthüllte.

[ 8 ] Then, during the actual banquet, Eucken—the philosopher—spoke. Well, he had revealed—or one might say concealed—what he had to say, or rather what he did not have to say, by speaking of the ties, of the sloppily tied ties, and of the complaints that the Haeckel family in particular had to voice when they talked about Papa or about the husband in private circles. The philosopher spoke at considerable length about the carelessly tied ties—not without wit, mind you—but as I said, that was what philosophy had to say at the time. It was quite characteristic, for philosophy didn’t have much else to say anyway. Everything that was put forward was just abstract drivel. This says nothing at all about value judgments and the like; one can, after all, let the whole thing sink in aesthetically and discern from what is symptomatically on display how materialism—which offered something—has risen in recent times. Philosophy really had nothing more to say, since it was merely an offshoot of what had developed over time. Nor should one believe that philosophy has anything to say to the science of the spirit. Eucken proved this quite clearly recently in that discussion, which is recounted in a very stimulating manner in the latest or penultimate issue of the Dreigliederungszeitung, where the entirety of Eucken’s rhetoric revealed itself in its absolute lack of substance.

[ 9 ] Nehmen wir aber nun die Tatsache, welche die positive Tatsache ist in alldem, was ich gesagt habe, und nehmen wir sie einmal eben kulturgeschichtlich. Wir haben auf der einen Seite — das geht ja wohl aus den gestrigen Darlegungen hervor — innerlich im Menschen entwickelt den Intellektualismus, wie ihn vor dem naturwissenschaftlichen Zeitalter als Gedankentechnik die Scholastik bis zur höchsten Blüte gebracht hat. Wir haben dann angewendet den Intellektualismus auf das äußere Naturwissen. Wir haben dadurch dasjenige zustande gebracht, was im 19. Jahrhundert, namentlich gegen das Ende hin, mit einer großen historischen Bedeutung dasteht: Intellektualismus und Materialismus gehören zusammen.

[ 9 ] But let us now consider the fact—which is the positive fact in all that I have said—and examine it from a cultural-historical perspective. On the one hand—as is clear from yesterday’s remarks—we have developed intellectualism within the human being, as Scholasticism brought it to its highest flowering as a technique of thought before the age of natural science. We then applied this intellectualism to external knowledge of nature. Through this, we have brought about what stands out in the 19th century—particularly toward the end—as a development of great historical significance: intellectualism and materialism belong together.

[ 10 ] Wenn man diese Erscheinung in ihrer Beziehung zum Menschen selbst ins Auge faßt, so muß man sagen: Von demjenigen, was am Menschen ist, von dem dreigliedrigen Menschen, der da der Nerven-Sinnesmensch mit dem Vorstellungsleben ist, der rhythmische Mensch mit dem Gefühlsleben, der Stoffwechselmensch mit dem Willensleben, von diesem dreigliedrigen Menschen wird ja durch eine solche Weltanschauung vor allen Dingen erfaßt der Kopfmensch, der Nerven-Sinnesmensch. Dieser Nerven-Sinnesmensch ist daher auch am stärksten ausgebildet worden im 19. Jahrhundert. Ich habe es Ihnen ja neulich von einem gewissen andern Gesichtspunkte geschildert, wie es Leuten, die so etwas gefühlt haben, daß dieser Kopfmensch, dieser Nerven-Sinnesmensch eigentlich durch die Geisteskultur des 19. Jahrhunderts besonders ausgebildet wird, angst und bange für die Zukunft der Menschheit geworden ist. Ich habe es Ihnen geschildert an einem Gespräch, das ich einmal vor Jahrzehnten mit dem österreichischen Dichter Hermann Rollett hatte. Hermann Rollett war eigentlich, seiner Weltanschauung nach — weil ja derjenige, der auf Wissenschaft fußt und bei dem die alten traditionellen Vorstellungen verblaßt waren, im Grunde gar nicht anders konnte —, durch und durch materialistisch gesinnt. Aber er fühlte zu gleicher Zeit — denn er war eine Dichternatur, eine Künstlernatur, er hat ja das schöne Werk «Goethe-Bildnisse» herausgegeben —, wie ja der Mensch nur wächst in bezug auf seine Nerven-Sinnesorganisation, mit Bezug auf sein Vorstellungsleben. Er wollte das anschaulich darstellen. Daher sagte er: Eigentlich wird es nach und nach so werden, daß Arme und Füße und Beine vom Menschen immer kleiner und kleiner werden und der Kopf immer größer. — Er wollte sich räumlich dasjenige vorstellen, was da eigentlich im Anzuge war. Dann wird, wenn die Erde noch eine Weile in dieser Entwickelung so fortgeht, der Mensch — er stellte das anschaulich dar — nur noch eine Kopfkugel sein, die sich so fortkugelt, die so fortrollt über die Erdoberfläche hin. Man kann fühlen, welche Kulturbangigkeit sich in einem solchen Dinge verbirgt. Nun aber sieht derjenige, der nicht mit geisteswissenschaftlichen Forschungsmethoden an diese Dinge herangeht, nur die Außenseite der Sache. Man muß, wenn man das Chaos der Anschauungen, das in der Gegenwart zu solchem Unheil führt, durchdringen will, eben die Sache auch von der andern Seite ansehen. Denn es könnte einem ja einfallen zu sagen: Dasjenige, was da als materialistische Weltanschauung aufgetreten ist, das umfaßt doch nur eine kleine Minorität; die große Majorität lebt noch in bezug auf Weltanschauungsempfinden in den traditionellen Bekenntnissen. — Ja, mit Bezug auf eine, ich möchte sagen, gewisse Oberfläche, ja. Aber mit Bezug auf alle Gedankenformen, mit Bezug auf das, was der Mensch in seinem Innersten über seine Umgebung und über die Welt denkt, ist das doch nicht der Fall. Unsere Gegenwartskultur ist so, daß dasjenige, was in Haeckels «Welträtsel» lebt, durchaus nicht etwa bloß bei denen lebt — vielleicht bei denen am wenigsten —, die direkt einen Gefallen gefunden haben an Haeckels «Welträtsel». Haeckels «Welträtsel» sind ja nur ein Symptom für das, was im Grunde genommen durch die ganze zivilisierte Welt international heute die maßgebenden Empfindungsimpulse darstellt. Man möchte sagen, am charakteristischesten sind diese Empfindungsimpulse bei den äußerlich frommen Christen, besonders bei den äußerlich frommen Katholiken. Gewiß, die bekennen sich am Sonntag zu dem, was die Dogmatik überliefert hat; aber die Art und Weise, wie sie das nächste Leben, die übrigen Wochentage auffassen, das hat ja eine Art zusammenfassenden Ausdrucks gefunden in der materialistischen Weltanschauung des 19. Jahrhunderts. Bis in die entferntesten Dörfer auf dem Lande draußen ist ja das durchaus die populäre Weltanschauung. Daher darf man nicht sagen, es sei nur bei einer verschwindend geringen Minorität vorhanden. Gewiß, formulierte Begriffe sind bei ihr so vorhanden, aber das sind ja nur die Symptome. Dasjenige, worauf es ankommt, die Realität, die ist durchaus das Charakteristikon des gegenwärtigen Zeitalters. An den Symptomen kann man die Dinge studieren, aber man muß sich bewußt sein, daß, geradeso wie wenn man von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von Kant spricht, man nur von einem Symptom spricht für etwas, was in der ganzen Zeit enthalten war, man auch nur von einem Symptom spricht, wenn man von diesen Dingen spricht, die ich gestern angeschlagen habe und heute in diesen Betrachtungen fortführe. Daher kommt das schon sehr stark in Betracht, was ich jetzt sagen will. Sehen Sie, der Mensch kann ja intellektualistisch tätig sein und hingegeben sein den materiellen Dingen und Erscheinungen, die durchaus im Inneren das Gegenstück sind zum Intellektualismus, nur während des Tagwachens, vom’ Aufwachen bis zum Einschlafen, und da nicht einmal ganz. Wir wissen ja, der Mensch hat nicht nur ein Vorstellungsleben, der Mensch hat ein Gefühlsleben. Das Gefühlsleben ist innerlich gleichwertig mit dem Traumleben. Das Traumesleben läuft in Bildern ab, das Gefühlsleben läuft in Gefühlen ab. Aber die innere substantielle Seite ist dasjenige, was im Menschen die Traumbilder erlebt, ist dasjenige, was im menschlichen Gefühlsleben die Gefühle durchmacht. So daß wir sagen können, während des Wachens, vom Aufwachen bis zum Einschlafen träumt der Mensch wachend in seinem Gefühl. Was wir an Gefühlen erleben, das ist ganz genau von demselben Bewußtseinsgrad durchzogen wie die Traumvorstellungen, und was wir in unseren Willensimpulsen erleben, das schläft, das schläft, auch wenn wir sonst wach sind. Wir sind in Wahrheit nur wach in unserem Vorstellungsleben. Sie schlafen des Abends ein, Sie wachen des Morgens auf. Wenn Ihnen dasjenige, was vom Einschlafen bis zum Aufwachen vorgeht, nicht erhellt wird durch eine gewisse geisteswissenschaftliche Erkenntnis, so entzieht es sich Ihrem Bewußtsein, so wissen Sie in Ihrem Bewußtsein nichts davon. Traumbilder drängen sich höchstens hinein. Die werden Sie aber ebensowenig anerkennen als bedeutsam für eine Weltanschauung, wie Sie anerkennen die Gefühle als bedeutsam für eine Weltanschauung. Gewissermaßen wird immer das menschliche Leben durchbrochen durch das Schlafesleben.

[ 10 ] When one considers this phenomenon in relation to the human being itself, one must say: Of all that constitutes the human being—the threefold human being, namely the nervous-sensory human being with its life of imagination, the rhythmic human being with its life of feeling, and the metabolic human being with its life of will—such a worldview primarily focuses on the head human being, the nervous-sensory human being. This nervous-sensory human being was therefore developed most strongly in the 19th century. I recently described to you, from a certain other perspective, how people who sensed that this head-human, this nervous-sensory human being, was in fact being particularly developed by the spiritual culture of the 19th century, became fearful and anxious about the future of humanity. I described this to you through a conversation I once had, decades ago, with the Austrian poet Hermann Rollett. Hermann Rollett was, in fact, according to his worldview—because someone who bases his views on science and for whom the old traditional ideas had faded could, in essence, do nothing else—thoroughly materialistic in his outlook. But at the same time—for he was a poet at heart, an artist at heart; after all, he had published the beautiful work Goethe-Bildnisse—he sensed how human beings grow only in terms of their nervous and sensory organization, in relation to their imaginative life. He wanted to depict this vividly. That is why he said: “Actually, it will gradually come to pass that a person’s arms, feet, and legs will become smaller and smaller, while the head will grow larger and larger.” — He wanted to visualize in spatial terms what was actually in the making. Then, if the Earth continues along this path of development for a while longer, human beings—as he vividly depicted—will be nothing more than a spherical head, rolling on and on across the Earth’s surface. One can sense the cultural upheaval hidden within such a notion. But those who do not approach these matters with the research methods of spiritual science see only the outer surface of the matter. If one wishes to penetrate the chaos of views that is leading to such calamity in the present, one must also look at the matter from the other side. For one might be tempted to say: What has emerged as a materialistic worldview encompasses only a small minority; the vast majority still lives, in terms of worldview sensibility, within the traditional creeds. — Yes, with regard to, I would say, a certain surface level, yes. But with regard to all forms of thought, with regard to what people think in their innermost being about their surroundings and about the world, that is certainly not the case. Our contemporary culture is such that what lives on in Haeckel’s The Riddle of the World by no means exists only among those—perhaps least of all among them—who have directly taken a liking to Haeckel’s The Riddle of the World. Haeckel’s “World Riddles” are, after all, merely a symptom of what, fundamentally speaking, constitutes the dominant emotional impulses throughout the entire civilized world today. One might say that these emotional impulses are most characteristic of outwardly devout Christians, especially outwardly devout Catholics. Certainly, on Sundays they profess what dogmatics has handed down; but the way in which they conceive of the afterlife and the rest of the week has found a kind of comprehensive expression in the materialistic worldview of the 19th century. Even in the most remote villages out in the countryside, this is indeed the prevailing worldview. Therefore, one cannot say that it is present only among a vanishingly small minority. Certainly, formulated concepts do exist among them, but these are merely the symptoms. What really matters—the reality—is indeed the defining characteristic of the present age. One can study things through their symptoms, but one must be aware that—just as when one speaks of Kant in relation to the second half of the 18th century, one is speaking only of a symptom of something that was present throughout that entire period—one is also speaking only of a symptom when discussing these matters that I touched upon yesterday and am continuing to explore in these reflections today. That is why what I am about to say is of such great significance. You see, a person can indeed be intellectually active and devoted to material things and phenomena—which are, in fact, the inner counterpart to intellectualism—but only during waking hours, from the moment of waking until falling asleep, and even then not entirely. We know, of course, that a person does not only have an imaginative life; a person also has an emotional life. The emotional life is, inwardly, equivalent to the dream life. The dream life unfolds in images; the emotional life unfolds in feelings. But the inner, substantial aspect is that which experiences the dream images within a person; it is that which undergoes the feelings in the human emotional life. So we can say that while awake—from the moment of waking until falling asleep—a person dreams while awake within their emotional life. What we experience in terms of emotions is permeated by exactly the same level of consciousness as our dream images, and what we experience in our volitional impulses is asleep—it sleeps, even when we are otherwise awake. In truth, we are awake only in our life of imagination. You fall asleep in the evening; you wake up in the morning. Unless what takes place from the moment you fall asleep until you wake up is illuminated by a certain spiritual-scientific insight, it eludes your consciousness; you are unaware of it in your consciousness. At most, dream images intrude upon it. But you will recognize these as no more significant for a worldview than you recognize feelings as significant for a worldview. In a sense, human life is always interspersed with the life of sleep.

[ 11 ] Aber geradeso, wie sich der Zeit nach dieses Schlafesleben hineinstellt in das volle menschliche Seelenleben, so stellt sich die Welt der Gefühle, und namentlich die Welt der Willensimpulse in dieses Menschenleben hinein. Wir träumen, indem wir fühlen; wir schlafen, indem wir wollen. Sowenig wie Sie wissen, was mit Ihnen vorgeht während des Schlafes, so wenig wissen Sie, was da vorgeht, wenn Sie durch Ihren Willen den Arm erheben. Die eigentlichen inneren Kräfte, die da walten, die sind genau ebenso im Dunkel des Bewußtseins, wie der Schlafeszustand im Dunkel des Bewußtseins ist.

[ 11 ] But just as time, after this life of sleep, becomes part of the full life of the human soul, so too does the world of feelings—and especially the world of volitional impulses—become part of this human life. We dream by feeling; we sleep by willing. Just as you do not know what is happening to you during sleep, so too do you not know what is happening when you raise your arm through your will. The actual inner forces at work there are just as much shrouded in the darkness of consciousness as the state of sleep is shrouded in the darkness of consciousness.

[ 12 ] So daß wir sagen können: Von diesem dreigliedrigen Menschen wurde durch die neuere Kultur, die eingeleitet wird im 15. Jahrhundert und ihren Höhepunkt erlangt im 19. Jahrhundert, nur ein Drittel in Anspruch genommen, der Vorstellungsmensch, der Kopfmensch. Und man muß fragen: Was ging denn nun vor in dem träumenden, fühlenden Menschen, in dem schlafenden, wollenden Menschen, und was ging vor zwischen dem Einschlafen und Aufwachen?

[ 12 ] So we can say: Of this threefold human being, modern culture—which began in the 15th century and reached its peak in the 19th century—made use of only one third: the human being of imagination, the human being of the head. And one must ask: What was actually going on within the dreaming, feeling human being, within the sleeping, willing human being, and what was happening between falling asleep and waking up?

[ 13 ] Ja, wir können als Menschen gut materialistisch sein in unserem Vorstellungsleben. Das können wir schon, das 19. Jahrhundert hat es gezeigt. Das 19. Jahrhundert hat auch gezeigt die Berechtigung dieses Materialismus; er hat ja zu positiven Erkenntnissen der materiellen Welt, die ein Abbild ist der geistigen Welt, geführt. Wir können Materialisten sein mit dem Kopfe, aber wir haben dann nicht in unserer Gewalt unser träumendes Gefühlsleben, nicht in unserer Gewalt unser schlafendes Willensleben. Die werden nun, insbesondere das Willensleben, in derselben Zeit spiritualistisch gesinnt.

[ 13 ] Yes, as human beings we can certainly be materialistic in our imaginative life. We certainly can; the 19th century has shown this. The 19th century also demonstrated the validity of this materialism; after all, it led to positive insights into the material world, which is a reflection of the spiritual world. We can be materialists with our minds, but we then have no control over our dreaming emotional life, nor over our sleeping life of the will. These—especially the life of the will—become spiritually oriented at the same time.

[ 14 ] Es ist interessant, vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus zu betrachten, was da eigentlich vorgeht. Stellen Sie sich einen Moleschott, einen Czolbe vor, die mit ihrem Kopfe einzig und allein den Sensualismus, den Materialismus anerkennen: da unten haben sie ihren Willensmenschen, der ist ganz spiritualistisch gesinnt — nur weiß der Kopf nichts davon —, der rechnet mit Geistigem und Geisteswelten. Sie haben ihren Gefühlsmenschen: der rechnet mit Gespenstererscheinungen. Und wir haben, wenn wir richtig beobachten, das Schauspiel, daß der materialistische Schriftsteller sitzt und furchtbar auf alles dasjenige schimpft, was da als spirituelle Natur in seinem Gefühlsmenschen und Willensmenschen steckt; der nun wütend wird, weil er auch Spiritualist ist, der in ihm rumort, der ein völliger Gegner ist.

[ 14 ] It is interesting to examine what is actually going on there from a humanities perspective. Imagine a Moleschott or a Czolbe, whose minds recognize nothing but sensualism and materialism: down there they have their “human will,” which is entirely spiritual in disposition—though the mind knows nothing of it—and which reckon with the spiritual and spiritual worlds. They have their “human emotion,” which reckon with ghostly apparitions. And if we observe correctly, we witness the spectacle of the materialist writer sitting there and railing furiously against everything that constitutes the spiritual nature within his emotional and volitional selves; the latter now becomes enraged because he, too, is a spiritualist—the one rumbling within him, who is a complete opponent.

[ 15 ] So ist es gewesen. Der Idealismus, der Spiritualismus war da. Er war im Willensunterbewußtsein der Menschen namentlich da, und die stärksten Spiritualisten waren die Materialisten, waren die Sensualisten!

[ 15 ] That is how it was. Idealism, spiritualism, was there. It was present, in particular, in the subconscious will of human beings, and the strongest spiritualists were the materialists, the sensualists!

[ 16 ] Aber was lebt denn in dem Gefühlsmenschen leiblich? Es lebt der Rhythmus, die Blutzirkulation, der Atmungsrhythmus und so weiter. Was lebt in dem Willensmenschen? Der Stoffwechsel. Betrachten wir zunächst diesen Stoffwechsel. Während der Kopf sich beschäftigt mit geistvoller Verarbeitung materieller Dinge und materieller Erscheinungen zu einer materialistischen Wissenschaft, arbeitet der Stoffwechselmensch, der nun auch durchaus die volle menschliche Struktur hat, das entgegengesetzte Weltbild aus. Der arbeitet ein durch und durch spiritualistisches Weltbild aus, das nun gerade die Materialisten unbewußt in sich tragen. Aber das wirkt im Stoffwechselmenschen auf die Instinkte, auf die Triebe: da wirkt es das Gegenteil von dem, was es bringen würde, wenn es den ganzen Menschen in Anspruch nehmen würde. Da durchsetzt es die Instinkte, da wird es erfaßt von ahrimanischen Gewalten, da wirkt es nun nicht im göttlich-geistigen Sinne, sondern da wirkt es im ahrimanisch-geistigen Sinne. Da bringt es die Instinkte zum höchsten Grade des Egoismus. Da bringt es die Instinkte so zur Entwickelung, daß der Mensch nur zu Forderungen des Lebens kommt, nicht gewiesen wird auf soziale Triebe, auf soziales Mitgefühl und dergleichen. Da wird namentlich das Individuelle herausgestaltet bis zum Egoistischen der Instinkte. Und das bildete sich, wenn ich so sagen darf, unter der Oberfläche dieser materialistischen Zivilisation heraus, und das erschien in den welthistorischen Ereignissen, das erscheint jetzt. Dasjenige, was sich unter der Oberfläche, in den Tiefen der Willensmenschen, wo sich die Spiritualität der Instinkte bemächtigt hat, dazumal im Keime ausbildete, das erscheint jetzt in den welthistorischen Ereignissen. Und würde die Entwickelung nur fortfahren, diese Konsequenzen auszubilden, wir würden am Ende des 20. Jahrhunderts angekommen sein in dem Kriege aller gegen alle, gerade in demjenigen Gebiete der Erdenentwickelung, in dem sich die sogenannte neuere Zivilisation entwickelt hat. Und wir sehen dasjenige, was da sich ausgebildet hat, schon von Osten ausstrahlend über einen großen Teil der Erde sich geltend machen. Da ist ein innerer Zusammenhang. Man muß ihn aber nur sehen.

[ 16 ] But what is it that lives physically within the emotional human being? It is the rhythm, the blood circulation, the breathing rhythm, and so on. What lives within the volitional human being? Metabolism. Let us first consider this metabolism. While the head is occupied with the intellectual processing of material things and material phenomena into a materialistic science, the metabolic human being—who now also possesses the full human structure—develops the opposite worldview. He develops a thoroughly spiritualistic worldview, which the materialists themselves unconsciously carry within them. But in the metabolic human, this acts upon the instincts, upon the drives: there it produces the opposite of what it would bring about if it were to engage the whole human being. There it permeates the instincts; there it is seized by Ahrimanic forces; there it no longer acts in the divine-spiritual sense, but rather in the Ahrimanic-spiritual sense. There it drives the instincts to the highest degree of egoism. There it develops the instincts in such a way that the human being is led only to the demands of life, without being guided toward social impulses, social compassion, and the like. There, in particular, the individual aspect is brought to the fore to the point of egoistic instincts. And this took shape, if I may put it that way, beneath the surface of this materialistic civilization, and it appeared in world-historical events; it is appearing now. That which once took shape in its infancy beneath the surface, in the depths of the willful human beings, where the spirituality of the instincts had taken hold, is now appearing in world-historical events. And if this development were to continue producing these consequences, we would have arrived at the end of the 20th century in a war of all against all, precisely in that area of Earth’s development where so-called modern civilization has taken shape. And we see what has developed there already radiating from the East and asserting itself across a large part of the Earth. There is an inner connection. One need only see it.

[ 17 ] Außerlich symptomatisch spiegelt er sich in dem, was ich auch schon betont habe, was ja auch von andern bemerkt worden ist. Ich sagte, solche Philosophen, wie Avenarius, wie Mach, sie sind gewiß mit ihren Anschauungen, insofern die Anschauungen den Kopf durchsetzen, wurzelnd in den liberalistischen besten bürgerlichen Anschauungen des 19. Jahrhunderts, saubere Leute, denen man nichts vorwerfen kann, wenn man die Moralanschauungen des 19. Jahrhunderts ins Auge faßt und dennoch, Sie können es bei russischen Schriftstellern, die verstanden haben, ihre Zeit zu schildern, nachlesen, wie Avenariussche, wie Machsche Philosophie die bolschewistische Staatsphilosophie geworden ist. Das ist nicht bloß aus dem Grunde, weil hervorragende bolschewistische Agitatoren eben Avenarius zum Beispiel in Zürich gehört haben, oder den Mach-Schüler Adler gehört haben, sondern da wirken durchaus innere Impulse. Dasjenige, was Avenarius einmal vorgetragen hat, es konnte natürlich dem Kopf nach durchaus saubere bürgerliche Gesinnung, lobenswerte bürgerliche Gesinnung sein; real war es die Grundlage für dasjenige, was in den Untergründen der Menschheit die Instinkte spirituell entflammte, und was dann praktisch die entsprechenden Früchte trug, weil es diese Früchte durchaus zeitigt. Sie sehen hier — ich muß immer wieder darauf aufmerksam machen — den Unterschied zwischen realer Logik, Wirklichkeitslogik und der bloß abstrakten Verstandeslogik. Niemand wird aus Avenariusscher oder Machscher Philosophie herausschälen können, mit dem besten oder, ich könnte auch sagen, mit dem allerschlechtesten Willen nicht herausschälen können die Ethik der Bolschewisten, wenn man das Ethik nennen kann. Das folgt nicht abstrakt logisch. Da folgt etwas ganz anderes. Aber die lebendige Logik ist eine ganz andere als die abstrakte Logik. Dasjenige, was man aus irgend etwas logisch ableiten kann, das muß sich in Wirklichkeit nicht ergeben, es kann sich das Gegenteil davon ergeben. Deshalb ist ein so großer Unterschied zwischen dem, auf das man immer mehr und mehr im materialistischen Zeitalter schwören lernte, der abstrakten Gedankenlogik, die nur den Kopf ergreift, und dem Wirklichkeitssinn, der allein in unserer Zeit zum Heile führen kann.

[ 17 ] Externally, this is reflected in what I have already emphasized—and what others have also noted. I said that philosophers such as Avenarius and Mach—whose views, insofar as they prevail, are certainly rooted in the best liberal bourgeois views of the 19th century—are decent people against whom one can level no charges when considering the moral views of the 19th century; and yet, you can read in the works of Russian writers who understood how to depict their era how Avenarius’s and Mach’s philosophy became the Bolshevik philosophy of the state. This is not merely because outstanding Bolshevik agitators happened to have heard Avenarius speak in Zurich, for example, or to have heard Adler, a student of Mach, but because there are definitely internal impulses at work here. What Avenarius once expounded could, of course, intellectually be a perfectly sound bourgeois attitude, a commendable bourgeois attitude; in reality, it was the foundation for that which spiritually ignited the instincts in the depths of humanity, and which then bore the corresponding fruits in practice, because it does indeed bear such fruits. Here you see—and I must draw attention to this again and again—the difference between real logic, the logic of reality, and the merely abstract logic of the intellect. No one will be able to extract from Avenarius’s or Mach’s philosophy—not even with the best, or, I might also say, the very worst of intentions—the ethics of the Bolsheviks, if one can even call it ethics. It does not follow from abstract logic. Something entirely different follows. But living logic is quite different from abstract logic. What can be logically deduced from something does not necessarily follow in reality; the opposite may well result. That is why there is such a great difference between what we have come to rely on more and more in the materialistic age—abstract intellectual logic, which engages only the mind—and the sense of reality, which alone can lead to salvation in our time.

[ 18 ] In unserer Zeit ist man zufrieden, wenn für eine Weltanschauung die widerspruchslose Logik aufgewiesen werden kann. Daran liegt aber nämlich in Wirklichkeit gar nichts. Es kommt gar nicht allein darauf an, ob eine Anschauung logisch festgelegt werden kann, denn im Grunde genommen ist ebensogut der radikale Materialismus logisch festzulegen, wie der radikale Spiritualismus logisch festzulegen ist, und alles, was dazwischen ist. Es kommt heute darauf an, daß man einsehe, daß etwas nicht bloß logisch zu sein habe, sondern wirklichkeitsgemäß neben logisch sein müsse, wirklichkeitsgemäß sein müsse. Und die Wirklichkeitsgemäßheit wird eben nur erreicht durch ein Zusammenleben mit der Wirklichkeit. Dieses Zusammenleben mit der Wirklichkeit wird durch Geisteswissenschaft heranerzogen.

[ 18 ] In our time, people are satisfied if a worldview can be shown to have consistent logic. But in reality, that is of no consequence at all. It is not solely a matter of whether a worldview can be logically established, for, fundamentally speaking, radical materialism can be logically established just as well as radical spiritualism—and everything in between. What matters today is recognizing that something must not merely be logical, but must also be true to reality in addition to being logical—it must be true to reality. And this truth to reality is achieved only through living in harmony with reality. This living in harmony with reality is cultivated through spiritual science.

[ 19 ] Um was handelt es sich in bezug auf das, was ich heute gesagt habe? Es handelt sich ja bei Geisteswissenschaft um sehr vieles, aber mit Bezug auf dasjenige, was ich heute gesagt habe, um was handelt es sich da? Ja, da handelt es sich darum, daß wirklich nun ein Wissen hervorgeholt wird aus denjenigen Untergründen, die nicht bloß aus dem Kopfe kommen, die aus dem ganzen Menschen kommen. Man könnte sagen: Wenn derjenige Mensch, der sich selbst einmal im Laufe der neueren Zeit erkennend heranerzogen hat, die Welt betrachtet, dann betrachtet er sie so, daß er innerhalb seiner Haut lebt und dasjenige um sich herum betrachtet, was außerhalb seiner Haut ist. Schematisch möchte ich das so zeichnen: Da ist der Mensch. Außer dem Menschen ist alles dasjenige, worüber der Mensch sinnt (siehe Zeichnung, rot). Und nun erstrebt er, über dasjenige etwas zu wissen, in sich etwas zu wissen, was da außerhalb seiner ist. Er rechnet gewissermaßen mit dem Wechselverhältnis zwischen dem, was außerhalb seiner Haut ist. Und ganz charakteristisch für das Rechnen mit einem solchen Wechselverhältnis sind die logischen Untersuchungen wie die von John Stuart Mill; charakteristisch sind philosophische Gedankengebäude wie das von Herbert Spencer und so weiter.

[ 19 ] What is this all about in relation to what I said today? Spiritual science encompasses many things, but with regard to what I have said today, what is it all about? Yes, it is about the fact that knowledge is now truly being drawn forth from those depths that do not come merely from the head, but from the whole human being. One could say: When a person who has educated themselves to self-awareness in the course of modern times looks at the world, they view it in such a way that they live within their own skin and observe what is outside their skin. Schematically, I would like to illustrate this as follows: Here is the human being. Outside the human being is everything the human being reflects upon (see drawing, red). And now he strives to know something about that which is outside of him, to know something within himself about what is out there. He, so to speak, reckons with the interrelationship between what is outside his skin. And quite characteristic of this reckoning with such an interrelationship are logical investigations such as those of John Stuart Mill; characteristic are philosophical constructs such as that of Herbert Spencer, and so on.

Blackboard Drawing
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[ 20 ] Steigt man auf zur höheren Erkenntnis, dann ist es nicht mehr der Mensch, der innerhalb seiner Haut lebt — denn alles dasjenige, was innerhalb seiner Haut lebt, wird im Kopfe gespiegelt, es ist doch nur Kopfwissen —, sondern da ist es der ganze Mensch. Aber der ganze Mensch ist verbunden mit der ganzen Erde. Im Grunde genommen ist die Erkenntnis, die man übersinnliche Erkenntnis nennt, nicht eine Auseinandersetzung zwischen dem, was innerhalb der menschlichen Haut liegt, mit dem, was außerhalb der menschlichen Haut liegt, sondern sie ist eine Auseinandersetzung zwischen dem, was innerhalb der Erde ist, mit demjenigen, was außerhalb der Erde ist. Der Mensch identifiziert sich mit der Erde. Daher streift er auch alles dasjenige ab, was gebunden ist an einen Fleck der Erde, Nationalität und so weiter. Der Mensch nimmt den Standpunkt des Erdenwesens ein und redet vom Standpunkte des Erdenwesens über das Weltenall. Versuchen Sie es zu fühlen, wie von diesem Standpunkte aus gesprochen wird, sagen wir in einer solchen Vortragsreihe, wie ich sie gehalten habe im Haag, wo gesprochen wird über den Zusammenhang der einzelnen Glieder der menschlichen Wesenheit mit der Umgebung, wo aber eigentlich gemeint war dieses Zusammengewachsensein des Menschen mit seiner Umgebung, wo der Mensch betrachtet wurde, nicht bloß wie er, sagen wir, am 13. Mai ist in dem einen Augenblicke, sondern wie er das ganze Jahr hindurch in den Jahreszeiten lebt, mit den einzelnen Lokalitäten lebt und so weiter. Dadurch aber gerade wird der Mensch Erdenwesen; dadurch gewinnt er dann auch gewisse Kenntnisse, die eine Auseinandersetzung des Menschen sind mit dem, was über dem Irdischen ist, mit dem, was unter dem Irdischen ist, wodurch die Erdenverhältnisse erst klar werden.

[ 20 ] When one ascends to higher knowledge, it is no longer the human being who lives within his own skin—for everything that lives within his skin is reflected in the mind; it is, after all, merely intellectual knowledge—but rather it is the whole human being. And the whole human being is connected to the whole Earth. Essentially, the insight known as supersensible insight is not a confrontation between what lies within the human skin and what lies outside the human skin, but rather a confrontation between what is within the Earth and what is outside the Earth. Human beings identify with the Earth. That is why they also shed everything that is bound to a particular spot on Earth—nationality and so on. Human beings adopt the perspective of an Earth being and speak about the universe from the perspective of an Earth being. Try to sense how one speaks from this standpoint—for example, in a series of lectures such as the one I gave in The Hague, where the connection between the individual members of the human being and the environment was discussed, but where what was actually meant was this intergrowth of the human being with his environment, where the human being was considered not merely as he is, let’s say, on May 13 at a single moment, but as he lives throughout the entire year through the seasons, lives in connection with the various localities, and so on. It is precisely through this, however, that human beings become earthly beings; through this, they also gain certain insights that arise from their engagement with what lies above the earthly realm and with what lies below it, through which earthly conditions first become clear.

[ 21 ] Geisteswissenschaft geht also nicht hervor aus diesem engbegrenzten Menschen, aus dem die intellektualistische, materialistische Wissenschaft des 19. Jahrhunderts hervorgeht mit ihrer Form der Entfesselung der unsozialen Instinkte, sondern Geisteswissenschaft geht aus dem ganzen Menschen hervor, bringt dasjenige, was den einzelnen Menschen in zweiter Linie erst berührt, in den Vordergrund. Dadurch ist es ihr gegeben, indem sie scheinbar auch nur intellektualistische Begriffe entwickelt, in diesen Begriffen zugleich reale Dinge zu geben, die aber an der Stelle des Antisozialen das Soziale geben.

[ 21 ] Spiritual science, then, does not arise from this narrowly defined human being—from whom the intellectualist, materialist science of the 19th century emerged, with its form of unleashing antisocial instincts—but rather, spiritual science arises from the whole human being, bringing to the forefront that which, in the first instance, only secondarily affects the individual human being. In this way, even though it appears to develop only intellectualistic concepts, it is able to embody real things within these concepts—things that, however, replace the antisocial with the social.

[ 22 ] Man muß die Welt vielfach von einem andern Gesichtspunkte betrachten, als man es gewöhnlich im 19. Jahrhundert und im Beginn des 20. Jahrhunderts getan hat. Man hat es ja lobenswert gefunden, daß man so viel von sozialen Forderungen, von sozialem Wesen gesprochen hat. Für den, der die Welt durchschaut, ist das ja nur ein Zeichen, daß man so viel Unsoziales in sich hat. Geradeso wie derjenige, der sehr viel von Liebe redet, in der Regel ein liebeloses Wesen ist, und derjenige, der viel von Liebe in sich hat, wenig von Liebe redet, so ist derjenige in der Regel eigentlich ganz durchwühlt von unsozialen Trieben und Instinkten, der immerzu von sozialen Dingen redet, so wie man das gerade im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gewohnt worden ist.

[ 22 ] One must view the world from perspectives quite different from those commonly adopted in the 19th century and at the beginning of the 20th century. It was, after all, considered commendable to speak so much about social demands and the social nature of things. For those who see through the world, this is merely a sign that one harbors so much that is unsocial within oneself. Just as the person who talks a great deal about love is, as a rule, a loveless being, and the person who has much love within speaks little of it, so too is the person who constantly talks about social matters—as was customary especially in the last third of the 19th century—as a rule actually completely riven by antisocial drives and instincts.

[ 23 ] Das soziale System, das im Osten Europas sich geltend macht, ist ja nichts anderes als die Probe aufs Exempel alles un- und widersozialen Lebens. Ich darf hier vielleicht einflechten, daß immer wieder und wiederum an anthroposophische Geisteswissenschaft herangetragen wird der Vorwurf — ich habe ihn auch neulich erst wieder gehört —, sie spreche so wenig von Gott. Insbesondere diejenigen, die fortwährend von Gott sprechen, machen es der anthroposophischen Geisteswissenschaft zum Vorwurf, daß sie so wenig von Gott spreche. Ich habe ja oftmals gesagt, mir kommt vor, daß diejenigen, die immer von Gott sprechen, nicht berücksichtigen, daß es ja eines der Zehn Gebote gibt, das heißt: Du sollst den Namen des Gottes nicht eitel aussprechen — und daß die Bewahrung dieses Gebotes viel wichtiger ist im christlichen Sinne, als fortwährend von Gott zu sprechen. Man kann vielleicht demjenigen, was als geisteswissenschaftliche Ideen gegeben wird aus geistiger Beobachtung heraus, zunächst gar nicht anmerken, was es in Wirklichkeit ist. Man kann sagen: Nun ja, auch eben eine Wissenschaft, die nur von andern Welten spricht, als die materialistischen Welten sind. — Aber so ist es nicht. Dasjenige, was da aufgenommen wird mit diesem Begriff, ganz ohne daß man selber okkulte Schauungen hat, das erzieht ja den Menschen. Vor allen Dingen erzieht es nicht den Kopfmenschen, sondern es erzieht den ganzen Menschen und es wirkt nun im regelrechten Sinne auf diesen ganzen Menschen. Es korrigiert gerade dasjenige, was angerichtet worden ist durch den spirituellen Gegner des Sensualisten und Materialisten, der ja immer in denen war.

[ 23 ] The social system that is gaining ground in Eastern Europe is, after all, nothing other than the ultimate test of all that is anti-social and contrary to social life. Perhaps I may interject here that the accusation is repeatedly leveled against anthroposophical spiritual science—I heard it just the other day—that it speaks so little of God. In particular, those who speak constantly of God reproach anthroposophical spiritual science for speaking so little of God. I have often said that it seems to me those who are always speaking of God fail to take into account that one of the Ten Commandments states: “You shall not take the name of the Lord your God in vain”—and that upholding this commandment is far more important in the Christian sense than constantly speaking of God. At first glance, one might not even realize what the ideas presented by spiritual science—derived from spiritual observation—actually are. One might say: Well, it’s just another science that speaks only of worlds other than the materialistic ones. — But that is not the case. What is taken in through this concept—even without one having occult visions oneself—actually educates the human being. Above all, it does not educate the intellectual mind, but rather the whole human being, and it acts upon this whole human being in the truest sense. It corrects precisely what has been wrought by the spiritual adversary of the sensualist and materialist, who has always been present within them.

[ 24 ] So sind die geheimen Zusammenhänge im Leben. Wer mit blutendem Herzen sieht, wie in den Materialisten des 19. Jahrhunderts, das heißt in der großen Mehrzahl der Menschen, der Gegner gesteckt hat, der weiß auch, wie sehr die Notwendigkeit besteht, daß jetzt aus dem Unterbewußten ins Bewußtsein heraufziehe dieser Spiritualist. Dann wird er nicht in seiner ahrimanischen Gestalt die Instinkte aufrütteln, dann wird er tatsächlich eine sozial mögliche Struktur der Menschen auf der Erde begründen können. In andern Worten: Wenn man die Dinge so laufen läßt, wie ich sie unter dem Einflusse der in begreiflicher Weise heraufgekommenen Weltanschauung im 19. Jahrhundert für das 20. Jahrhundert entwickelt habe, so werden wir am Ende des 20. Jahrhunderts stehen vor dem Kriege aller gegen alle! Da mögen die Menschen noch so schöne Reden halten, noch so viele wissenschaftliche Fortschritte gemacht werden, wir würden stehen vor diesem Krieg aller gegen alle. Wir würden eine Menschheit heranzüchten sehen, welche keine sozialen Instinkte mehr hat, um so mehr aber reden würde von sozialen Dingen.

[ 23 ] The social system that is gaining ground in Eastern Europe is, after all, nothing other than the ultimate test of all that is anti-social and contrary to social life. Perhaps I may interject here that the accusation is repeatedly leveled against anthroposophical spiritual science—I heard it just the other day—that it speaks so little of God. In particular, those who speak constantly of God reproach anthroposophical spiritual science for speaking so little of God. I have often said that it seems to me those who are always speaking of God fail to take into account that one of the Ten Commandments states: “You shall not take the name of the Lord your God in vain”—and that upholding this commandment is far more important in the Christian sense than constantly speaking of God. At first glance, one might not even realize what the ideas presented by spiritual science—derived from spiritual observation—actually are. One might say: Well, it’s just another science that speaks only of worlds other than the materialistic ones. — But that is not the case. What is taken in through this concept—even without one having occult visions oneself—actually educates the human being. Above all, it does not educate the intellectual mind, but rather the whole human being, and it acts upon this whole human being in the truest sense. It corrects precisely what has been wrought by the spiritual adversary of the sensualist and materialist, who has always been present within them.

[ 25 ] Es braucht die Menschheitsentwickelung den spirituellen, den bewußt spirituellen Impuls zum Leben. Denn man muß immer unterscheiden zwischen der Wertschätzung, die irgendeine Weisheit oder sonst etwas im Leben an sich hat, und dem, was es hat für die Entwickelung der Menschheit. Der Intellektualismus, der mit dem Materialismus zusammengehört, er hat die Menschheit so entwickelt, daß er das Vorstellungsleben zu der höchsten Höhe gebracht hat: zunächst in der Scholastik, im Scholastizismus die Denktechnik, die die erste Befreiungstat war, dann in dem Naturwissen in der neueren Zeit, der zweiten Befreiungstat. Aber dasjenige, was im Unterbewußten mittlerweile wütete, war das, was den Menschen in seinen Instinkten versklavt hat. Diese müssen wiederum befreit werden. Die können nur befreit werden, wenn wir eine Wissenschaft, eine Erkenntnis, wenn wir eine bis ebenso weithin popularisierte spirituelle Weltanschauung haben, wie wir die materialistische popularisiert haben; wenn wir eine spirituelle Weltanschauung haben, die nun den Gegenpol bildet für dasjenige, was sich unter der reinen Kopfwissenschaft herausgebildet hat. Von diesem Gesichtspunkte muß man die Sache immer wieder und wieder betrachten; denn, wie gesagt, die Menschen mögen noch so viel davon reden, daß von der Ethik, von der Belebung der Religiosität und so weiter ein neues Zeitalter heraufkommen müsse — damit kann man ja nichts in Wirklichkeit erreichen; damit frönt man ja selber nur den Lügenanforderungen des Zeitalters. Man muß tatsächlich sich klar sein, daß so etwas, wie es in die menschliche Seele einziehen muß trotzdem es scheinbar so theoretisch davon spricht, wie die Erde aus Mond, Sonne und Saturn heraus sich entwickelt hat —, wenn es richtig aufgefaßt wird, bis in die moralischen Impulse, in die religiösen Impulse herein den Menschen spiritualisiert. Geradesowenig wie man irgend etwas in der äußeren Welt mit den bloßen Wünschen aufbauen kann, wenn diese Wünsche auch noch so gut sind, ebensowenig kann man in der sozialen Welt etwas aufbauen mit den bloßen frommen Predigten, mit den bloßen Ermahnungen der Menschen zum Gutsein, mit dem bloßen Sprechen davon, man soll so oder so sein. Dasjenige, was heute weltzerstörerisch da ist, ist auch nicht entstanden durch den Willkürwillen der Menschen, sondern es ist entstanden als eine Folge dessen, was als Weltanschauung seit dem Beginne des 15. Jahrhunderts heraufgekommen ist. Dasjenige, was den Gegenpol darstellen wird, das, was heilen wird die Wunden, die geschlagen sind, das wird wiederum und muß wiederum eine Weltanschauung sein. Und man sollte nicht feig zurückschrecken vor dem Vertreten einer Weltanschauung mit ihrer das Moralische, das Religiöse durchsetzenden Kraft, denn dies allein kann heilen.

[ 23 ] The social system that is gaining ground in Eastern Europe is, after all, nothing other than the ultimate test of all that is anti-social and contrary to social life. Perhaps I may interject here that the accusation is repeatedly leveled against anthroposophical spiritual science—I heard it just the other day—that it speaks so little of God. In particular, those who speak constantly of God reproach anthroposophical spiritual science for speaking so little of God. I have often said that it seems to me those who are always speaking of God fail to take into account that one of the Ten Commandments states: “You shall not take the name of the Lord your God in vain”—and that upholding this commandment is far more important in the Christian sense than constantly speaking of God. At first glance, one might not even realize what the ideas presented by spiritual science—derived from spiritual observation—actually are. One might say: Well, it’s just another science that speaks only of worlds other than the materialistic ones. — But that is not the case. What is taken in through this concept—even without one having occult visions oneself—actually educates the human being. Above all, it does not educate the intellectual mind, but rather the whole human being, and it acts upon this whole human being in the truest sense. It corrects precisely what has been wrought by the spiritual adversary of the sensualist and materialist, who has always been present within them.

[ 26 ] Derjenige, der diesen ganzen Zusammenhang durchschaut, der bekommt wiederum eine Empfindung von dem, was man im Grunde genommen immer gehabt hat da, wo man von wirklicher Weisheit etwas wußte. Ich habe ja auch schon gesprochen von den alten Mysterienstätten. Sie finden es auch im Sinne der Geisteswissenschaft dargestellt in der anthroposophischen Literatur. Da kann man ersehen, wie sich eine ältere instinktive Weisheit entwickelt, wie sie sich dann umwandelt in das Intellektualistische, Materialistische der neueren Zeit. Aber selbst wenn man zurückgeht zu den mehr exoterischen Wissenschaften der älteren Zeiten, sagen wir, wenn man zurückgeht im Medizinischen bis zu Hippokrates, gar nicht zu sprechen von älterer ägyptischer medizinischer Anschauung, so ist überall der Arzt zu gleicher Zeit der Philosoph. Man kann sich eigentlich gar nicht denken, wie der Arzt nicht zu gleicher Zeit der Philosoph und der Philosoph nicht zu gleicher Zeit der Arzt sein sollte, und der Priester nicht beides und alle drei sein sollte. Man konnte sich das nicht denken. Warum nicht? Nehmen Sie eine Wahrheit, die ich öfters ausgesprochen habe.

[ 23 ] The social system that is gaining ground in Eastern Europe is, after all, nothing other than the ultimate test of all that is anti-social and contrary to social life. Perhaps I may interject here that the accusation is repeatedly leveled against anthroposophical spiritual science—I heard it just the other day—that it speaks so little of God. In particular, those who speak constantly of God reproach anthroposophical spiritual science for speaking so little of God. I have often said that it seems to me those who are always speaking of God fail to take into account that one of the Ten Commandments states: “You shall not take the name of the Lord your God in vain”—and that upholding this commandment is far more important in the Christian sense than constantly speaking of God. At first glance, one might not even realize what the ideas presented by spiritual science—derived from spiritual observation—actually are. One might say: Well, it’s just another science that speaks only of worlds other than the materialistic ones. — But that is not the case. What is taken in through this concept—even without one having occult visions oneself—actually educates the human being. Above all, it does not educate the intellectual mind, but rather the whole human being, and it acts upon this whole human being in the truest sense. It corrects precisely what has been wrought by the spiritual adversary of the sensualist and materialist, who has always been present within them.

[ 27 ] Der Mensch kennt ja eigentlich, nicht wahr, den Moment des Todes, diesen einen Moment, wo man nun wirklich den physischen Leib ablegt und wo das Geistige mit der geistigen Welt zusammenhängt, besonders stark zusammenhängt. Aber das ist ja nur in einem Moment. Ich möchte sagen, es sind unendlich viele Differentiale integriert da, wo der Moment des Todes eintritt, die als Differentiale immer in uns enthalten sind während unseres ganzen Lebens. Wir sterben ja fortwährend. Wenn wir geboren werden, fangen wir schon an zu sterben, und in jedem Moment ist ein minutiöses Sterben in uns. Und wir könnten nicht denken, wir könnten einen großen Teil unseres seelischen Lebens, vor allem aber das geistige Leben gar nicht ausdenken, wenn wir nicht fortwährend den Tod in uns hätten. Wir haben ja fortwährend den Tod in uns, und wenn wir nicht mehr können, sterben wir in einem Augenblick. So sterben wir aber kontinuierlich zwischen Geburt und Tod.

[ 27 ] After all, human beings actually know—don’t they?—the moment of death, that one moment when one truly sheds the physical body and when the spiritual self becomes connected—especially strongly connected—to the spiritual world. But that is, of course, only a single moment. I would like to say that there are an infinite number of integrals of differentials at the moment of death—differentials that are always contained within us throughout our entire lives. We are, after all, dying continuously. When we are born, we already begin to die, and in every moment there is a minute process of dying within us. And we could not conceive of—we could not even imagine—a large part of our soul life, and above all our spiritual life, if we did not continually have death within us. We do, after all, continually have death within us, and when we can no longer go on, we die in an instant. Yet we die continuously between birth and death.

[ 28 ] Eine ältere, instinktive Weisheit hat nun gefühlt: Das menschliche Leben ist eigentlich ein Sterben. Heraklit, als ein Nachzügler uralter Weisheit, hat es ja auch ausgesprochen: Das menschliche Leben ist ein Sterben. Das menschliche Fühlen ist ein fortwährendes Kranksein. Man hat die Neigung zum Sterben und zum Kranksein. Und was man lernt, wozu muß es denn da sein? Es muß sein wie eine Arzenei. Es muß das Lernen ein Heilungsprozeß sein. Eine Weltanschauung haben, muß ein Heilprozeß sein.

[ 28 ] An ancient, instinctive wisdom has long sensed this: Human life is, in essence, a process of dying. Heraclitus, as a latecomer to this ancient wisdom, also expressed it: Human life is a process of dying. Human feeling is a state of perpetual illness. We have a tendency toward dying and toward illness. And what we learn—what purpose must it serve? It must be like a medicine. Learning must be a healing process. Having a worldview must be a healing process.

[ 29 ] Dieses Gefühl hatten durchaus die Ärzte, da sie nur da, wo es notwendig war, auf materiellem Gebiete heilten, wenn die Krankheit akut war. Aber das menschliche Leben sahen sie nur an wie eine chronische Krankheit. Und derjenige, der ein Philosoph oder Arzt war, fühlte sich mit dem, was Erdenmenschheit war, auch als der Heiler, er fühlte sich nur als der Heiler für das, was man gewöhnlich für das Normale ansieht, was aber auch eigentlich krank ist, die Anlage zum Sterben ist. Diese Gefühle müssen wir für die Weltanschauung wieder bekommen, daß sie nicht nur ein formales Anfüllen ist des Kopfes, des Geistes, ein Anfüllen mit Erkenntnissen, sondern ein realer Prozeß im Leben; daß die Weltanschauung dazu dient, die Menschheit zu heilen.

[ 29 ] The doctors certainly felt this way, since they provided physical healing only when necessary—that is, when the illness was acute. But they viewed human life solely as a chronic illness. And anyone who was a philosopher or a doctor—even as a healer—felt that, with regard to what humanity on Earth was, he was merely a healer for what is commonly regarded as normal, but which is in fact also sick—the predisposition toward death. We must regain these feelings regarding the worldview—that it is not merely a formal filling of the head or the mind with knowledge, but a real process in life; that the worldview serves to heal humanity.

[ 30 ] Nun leben wir tatsächlich in bezug auf unsere kulturhistorische Entwickelung nicht bloß in einer langsamen Krankheit, sondern wir leben gegenwärtig in einer akuten Kulturkrankheit. Dasjenige, was als Weltanschauung auftritt, muß eine wirkliche Arzenei sein, muß eine wirkliche medizinische Wissenschaft sein, eine Kur. Von der realen Bedeutung einer solchen Weltanschauung, wie sie hier gemeint ist, für das gegenwärtige Zivilisations- und Kulturergebnis muß man durchdrungen werden. Durchdrungen sein davon, daß tatsächlich mit Weltanschauung etwas Reales gemeint ist, nicht bloß dieses Formale: Man will etwas wissen, man will gewissermaßen die Begriffe für dasjenige, was draußen als Sache ist, in sich haben, man will Naturgesetze kennenlernen und sie technisch anwenden. — Nein, dieses Innerliche, dieses mit dem Menschen Verknüpfte muß da sein, wo eine wahre Weltanschauung ist, auf daß gewonnen werden können aus dieser wahren Weltanschauung die für Krankheiten, ja für einen Sterbeprozeß wirksamen Heilmittel, die fortwährend da sein müssen. Solange man nicht so redet und solange man nicht solches versteht, wird man immer nur obenhin reden über die Übel unserer Zeit und nicht reden über dasjenige, was notwendig ist.

[ 30 ] In terms of our cultural-historical development, we are not merely living with a chronic illness; rather, we are currently suffering from an acute cultural illness. What appears as a worldview must be a true remedy, must be a true medical science, a cure. One must be thoroughly imbued with the real significance of such a worldview—as it is meant here—for the current state of civilization and culture. We must be deeply convinced that a worldview actually refers to something real, not merely this formal notion: that one wants to know something, that one wants, so to speak, to possess within oneself the concepts for what exists as an external reality, that one wants to learn the laws of nature and apply them technically. — No, this inner aspect, this aspect connected to the human being, must be present wherever there is a true worldview, so that effective remedies for illnesses—indeed, for the process of dying—which must be constantly available, can be derived from this true worldview. As long as one does not speak in this way and as long as one does not understand this, one will always speak only superficially about the ills of our time and fail to address what is truly necessary.

Von diesen Dingen wollen wir dann morgen weiter sprechen.

We'll talk more about these things tomorrow.