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The Rudolf Steiner Archive

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Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist II
Der Mensch als geistiges Wesen im historischen Werdegang
GA 206

6 August 1921, Dornach

Achtzehnter Vortrag

[ 1 ] Gestern versuchte ich darzulegen, wie von der Mitte des 19. Jahrhunderts ab ein gewisser Höhepunkt in der sensualistischen oder materialistischen Weltanschauung sich allmählich heranbildete und wie gegen das Ende des 19. Jahrhunderts, wenigstens von einem gewissen Gesichtspunkte aus, dieser Höhepunkt erreicht war. Sehen wir uns zunächst einmal an, wie die äußeren Tatsachen der Menschheitsentwickelung sich dargestellt haben unter dem Einflusse der materialistischen Weltanschauung. Diese materialistische Weltanschauung kann ja nicht etwa so angesprochen werden, als ob sie bloß hervorgegangen sei aus der Willkür einer Anzahl von führenden Persönlichkeiten. Denn, auch wenn man das auf verschiedenen Seiten ableugnet, diese materialistische Anschauung fußt gerade auf demjenigen, wodurch die wissenschaftlichen Überzeugungen und wissenschaftlichen Forschungsergebnisse des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts groß geworden sind. Die Menschheit hat zu diesen wissenschaftlichen Ergebnissen kommen müssen. Sie haben sich vorbereitet im 15. Jahrhundert und haben einen gewissen Höhepunkt, wenigstens insofern sie menschheitserziehend sind, eben im 19. Jahrhundert erreicht. Wiederum konnte sich auf Grundlage dieser Wissenschaftsgesinnung nichts anderes ausbilden als eine gewisse materialistische Weltanschauung.

[ 2 ] Ich bin gestern dabei stehengeblieben, zu sagen: Geradezu radikal hervorgetreten ist das, um was es sich da eigentlich handelte — wenigstens in den Symptomen nach außen hin —, in dem, was man charakterisieren kann als die Stellung Haeckels etwa zu denjenigen, die dann im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts und im Beginne des 20. Jahrhunderts gegen ihn aufgetreten sind. Man kann das, was sich da abgespielt hat und was doch außerordentlich tief eingegriffen hat in die allgemeine Bildung der Menschheit, gewissermaßen betrachten, ganz ohne Rücksicht zu nehmen auf die besondere Formulierung, die Haeckel seiner Weltanschauung gegeben hat und auch schließlich auf die besondere Formulierung, welche die Gegner ihren sogenannten Widerlegungen gegeben haben. Man kann einfach darauf sehen, daß auf der einen Seite dasjenige stand, was man glaubte, aus einer sorgfältigen Betrachtung des materiellen Geschehens bis herauf zum Menschen heraus gewinnen zu können. Nur das sollte zunächst in einer Weltanschauung sein, nur da glaubte man, auf sicherem Boden zu stehen. Es war das durchaus etwas Neues gegenüber dem, was etwa mittelalterlicher Inhalt der Weltanschauung war.

[ 3 ] In bezug auf das Naturwissen hatte man seit drei, vier, fünf Jahrhunderten etwas entschieden Neues gewonnen, in bezug auf die geistige Welt nichts. In bezug auf die geistige Welt war man endlich zu einer Philosophie gekommen, welche sozusagen ihre Hauptaufgabe, wie ich es gestern ausgedrückt habe, darin gesehen hat, wenigstens noch ihr Dasein in einer gewissen Weise zu rechtfertigen. Erkenntnistheorien wurden geschrieben in der Absicht, zu sagen, daß man doch noch in bezug auf einen abgelegenen Punkt irgend etwas philosophisch zu sagen habe; daß man vielleicht sich getrauen dürfe zu sagen, daß es eine übersinnliche Welt gibt, aber man könne sie nicht erkennen, man könne höchstens eben die Annahme einer übersinnlichen Welt machen. So sprachen die Sensualisten, als deren geistreichen Vertreter ich Ihnen gestern Czolbe angeführt habe, von etwas, was positiv war, worauf man als auf etwas Greifbares hinweisen konnte. Und so sprachen die Philosophen und diejenigen, die ihre Schüler in der Popularisierung geworden waren, von etwas, das eigentlich sofort zerflatterte, wenn man es irgendwie anfassen wollte.

[ 4 ] Nun stellte sich das eigentümliche kulturhistorische Phänomen ein, daß Haeckel auftrat mit einer Zusammenstellung der rein naturalistischen Konstruktion der Welt, und daß nun Stellung genommen werden sollte von seiten der philosophischen Welt gegen diesen, sagen wir, Haeckelismus. Man könnte ja das ganze Problem, ich möchte sagen, einmal ästhetisch betrachten. Man könnte hinschauen auf das Monumentale, das — ob es nun wahr oder falsch ist — in Haeckel hervorgetreten ist in der Zusammenfassung von Tatsachen, die eben in ihrer Zusammenfassung durchaus schon ein Weltbild gaben. Mir erschien recht charakteristisch für die Art und Weise, wie Haeckel in seinem Zeitalter drinnenstand, alles das, was sich abspielte bei der Feier etwa des sechzigsten Geburtstages Haeckels in den neunziger Jahren in Jena, wo ich dabei war. Von Haeckel selbst brauchte man dazumal ja nichts Neues mehr zu erwarten. Er hatte im wesentlichen ausgesprochen, was er von seinem Gesichtspunkte aussprechen konnte und wiederholte sich eigentlich.

[ 5 ] Da sprach dann bei dieser Haeckel-Feier ein Physiologe von der medizinischen Fakultät. Es war außerordentlich interessant, dem Mann zuzuhören und ihn ein wenig vom geistigen Gesichtspunkte aus zu betrachten. Es waren bei dieser Haeckel-Feier eine ganze Anzahl von Menschen da, die in Haeckel eine bedeutende Persönlichkeit sahen, sozusagen einen überragenden Menschen. Aber jener Physiologe war ein durchaus tüchtiger Universitätsprofessor, von jener Sorte unter den Tüchtigen, von denen man sagen konnte: Nun, hätte man einen andern von der Sorte hingestellt, so wäre es dasselbe gewesen; man könnte nicht gut den A vom B oder vom C unterscheiden. Haeckel konnte man von allen andern unterscheiden, aber ihn, den Universitätsprofessor, konnte man nicht unterscheiden von den andern. Das ist etwas, was ich bitte, mehr als eine Charakteristik des Zeitalters aufzufassen als gerade dieser einzelnen Angelegenheit.

[ 6 ] Nun handelte es sich darum, daß ja derjenige, der nun so dastand als der A — der ebensogut der B oder C hätte sein können —, sprechen sollte bei einer Haeckel-Feier. Ich möchte sagen, in jedem einzelnen Worte sah man, was da eigentlich vorlag! Während einige jüngere Leute mit einer gewissen Emphase sprachen, mit dem Bewußtsein, daß in Haeckel eine Persönlichkeit da wäre — sie waren höchstens Privatdozenten, die dann aber in Jena immer schon außerordentliche Professoren waren, denn diese waren unhonoriert und man gab ihnen nur den Titel; es waren aber eigentlich Privatdozenten —, gab es so etwas für den betreffenden Physiologen nicht; denn gäbe es das, so könnte man ja nicht von A und B und C in derjenigen Weise reden, wie ich jetzt geredet habe; daher feierte er, wie er ausdrücklich betonte, den «Kollegen» Haeckel. Nach jedem dritten Satze sprach er von dem Kollegen Haeckel, damit andeutend, daß es eben der sechzigste Geburtstag irgendeines Kollegen ist, wie jedes andern auch. Nun handelte es sich aber darum, auch etwas zu sagen. Ja, nicht wahr, er gehörte als solcher Repräsentant in die Reihe derjenigen, die überhaupt eben nur wissenschaftliche Daten sammeln — jene Daten, aus denen Haeckel eine Weltanschauung gemacht hatte —, aber die sich mit diesem Datensammeln begnügten, weil sie eben überhaupt von der Möglichkeit einer Weltanschauung gar nichts wissen wollten. Also über die Weltanschauung Haeckels sprach dieser Kollege nicht.

[ 7 ] Nun rühmte er aber eigentlich Haeckel gerade von seinem Standpunkte aus in einer außerordentlichen Weise, indem er andeutete: Man könne, ganz abgesehen davon, was Haeckel über Welt und Leben behauptet hat, durchaus hinsehen auf dasjenige, was der Kollege Haeckel auf dem Gebiete dieses Spezialgebietes erforscht hat. Es liegen im Kabinett so und so viele Tausend mikroskopische Präparate von Haeckel, es liegen auf diesem und jenem Gebiete so und so viele Tausende Präparate vor und so weiter, und man könnte schon sagen, wenn man nun zusammenrechnete, was alles dieser Haeckel an einzelnen, rein empirischen Dingen gesammelt, zusammengestellt, verarbeitet hatte, es sei schon eine ganze Akademie. — Also dieser Kollege hatte schon implizite eine ganze Anzahl solcher «Kollegen» im Leibe drinnen, für die er seinen Mann gestanden hatte. Nun, das war gewissermaßen ein Kollege von der medizinischen Fakultät.

[ 8 ] Dann sprach beim eigentlichen Festmahl Eucken, also der Philosoph. Nun, der hatte das, was er zu sagen hatte, oder was er nicht zu sagen hatte, dadurch geoffenbart — man könnte auch sagen kaschiert —, daß er von den Schlipsen, von den unordentlich gebundenen Schlipsen sprach und von den Klagen, welche namentlich die Familie Haeckels vorzubringen hatte, wenn sie im intimen Kreise über Papa oder über den Mann sich unterhielten. Über die unsorgfältig gebundenen Schlipse hat der Philosoph ziemlich lange gesprochen, gar nicht ungeistreich, aber wie gesagt, es war dasjenige, was dazumal die Philosophie zu sagen hatte. Es war schon recht charakteristisch, denn viel mehr hatte die Philosophie auch sonst nicht zu sagen. Es war alles abstraktes Gestrüppe, was vorgebracht wurde. Damit ist gar nichts über Wertungen und dergleichen gesagt; man kann ja die ganze Sache auch ästhetisch auf sich wirken lassen und aus dem, was sich symptomatisch darlebt, ersehen, wie heraufgestrebt hat in der neueren Zeit der Materialismus, der etwas gab. Die Philosophie hatte wirklich nichts mehr zu sagen, da sie eben eine Dependence war desjenigen, was sich im Laufe der Zeit heraufgebildet hatte. Man darf ja auch nicht glauben, daß die Philosophie zur Geisteswissenschaft etwas zu sagen hat. Das hat ja neulich Eucken wohl bewiesen in jener Diskussion, die in einer sehr anregenden Weise in der letzten oder vorletzten Nummer der Dreigliederungszeitung erzählt ist, wo sich die ganze Euckensche Rederei in ihrer absoluten Inhaltslosigkeit enthüllte.

[ 9 ] Nehmen wir aber nun die Tatsache, welche die positive Tatsache ist in alldem, was ich gesagt habe, und nehmen wir sie einmal eben kulturgeschichtlich. Wir haben auf der einen Seite — das geht ja wohl aus den gestrigen Darlegungen hervor — innerlich im Menschen entwickelt den Intellektualismus, wie ihn vor dem naturwissenschaftlichen Zeitalter als Gedankentechnik die Scholastik bis zur höchsten Blüte gebracht hat. Wir haben dann angewendet den Intellektualismus auf das äußere Naturwissen. Wir haben dadurch dasjenige zustande gebracht, was im 19. Jahrhundert, namentlich gegen das Ende hin, mit einer großen historischen Bedeutung dasteht: Intellektualismus und Materialismus gehören zusammen.

[ 10 ] Wenn man diese Erscheinung in ihrer Beziehung zum Menschen selbst ins Auge faßt, so muß man sagen: Von demjenigen, was am Menschen ist, von dem dreigliedrigen Menschen, der da der Nerven-Sinnesmensch mit dem Vorstellungsleben ist, der rhythmische Mensch mit dem Gefühlsleben, der Stoffwechselmensch mit dem Willensleben, von diesem dreigliedrigen Menschen wird ja durch eine solche Weltanschauung vor allen Dingen erfaßt der Kopfmensch, der Nerven-Sinnesmensch. Dieser Nerven-Sinnesmensch ist daher auch am stärksten ausgebildet worden im 19. Jahrhundert. Ich habe es Ihnen ja neulich von einem gewissen andern Gesichtspunkte geschildert, wie es Leuten, die so etwas gefühlt haben, daß dieser Kopfmensch, dieser Nerven-Sinnesmensch eigentlich durch die Geisteskultur des 19. Jahrhunderts besonders ausgebildet wird, angst und bange für die Zukunft der Menschheit geworden ist. Ich habe es Ihnen geschildert an einem Gespräch, das ich einmal vor Jahrzehnten mit dem österreichischen Dichter Hermann Rollett hatte. Hermann Rollett war eigentlich, seiner Weltanschauung nach — weil ja derjenige, der auf Wissenschaft fußt und bei dem die alten traditionellen Vorstellungen verblaßt waren, im Grunde gar nicht anders konnte —, durch und durch materialistisch gesinnt. Aber er fühlte zu gleicher Zeit — denn er war eine Dichternatur, eine Künstlernatur, er hat ja das schöne Werk «Goethe-Bildnisse» herausgegeben —, wie ja der Mensch nur wächst in bezug auf seine Nerven-Sinnesorganisation, mit Bezug auf sein Vorstellungsleben. Er wollte das anschaulich darstellen. Daher sagte er: Eigentlich wird es nach und nach so werden, daß Arme und Füße und Beine vom Menschen immer kleiner und kleiner werden und der Kopf immer größer. — Er wollte sich räumlich dasjenige vorstellen, was da eigentlich im Anzuge war. Dann wird, wenn die Erde noch eine Weile in dieser Entwickelung so fortgeht, der Mensch — er stellte das anschaulich dar — nur noch eine Kopfkugel sein, die sich so fortkugelt, die so fortrollt über die Erdoberfläche hin. Man kann fühlen, welche Kulturbangigkeit sich in einem solchen Dinge verbirgt. Nun aber sieht derjenige, der nicht mit geisteswissenschaftlichen Forschungsmethoden an diese Dinge herangeht, nur die Außenseite der Sache. Man muß, wenn man das Chaos der Anschauungen, das in der Gegenwart zu solchem Unheil führt, durchdringen will, eben die Sache auch von der andern Seite ansehen. Denn es könnte einem ja einfallen zu sagen: Dasjenige, was da als materialistische Weltanschauung aufgetreten ist, das umfaßt doch nur eine kleine Minorität; die große Majorität lebt noch in bezug auf Weltanschauungsempfinden in den traditionellen Bekenntnissen. — Ja, mit Bezug auf eine, ich möchte sagen, gewisse Oberfläche, ja. Aber mit Bezug auf alle Gedankenformen, mit Bezug auf das, was der Mensch in seinem Innersten über seine Umgebung und über die Welt denkt, ist das doch nicht der Fall. Unsere Gegenwartskultur ist so, daß dasjenige, was in Haeckels «Welträtsel» lebt, durchaus nicht etwa bloß bei denen lebt — vielleicht bei denen am wenigsten —, die direkt einen Gefallen gefunden haben an Haeckels «Welträtsel». Haeckels «Welträtsel» sind ja nur ein Symptom für das, was im Grunde genommen durch die ganze zivilisierte Welt international heute die maßgebenden Empfindungsimpulse darstellt. Man möchte sagen, am charakteristischesten sind diese Empfindungsimpulse bei den äußerlich frommen Christen, besonders bei den äußerlich frommen Katholiken. Gewiß, die bekennen sich am Sonntag zu dem, was die Dogmatik überliefert hat; aber die Art und Weise, wie sie das nächste Leben, die übrigen Wochentage auffassen, das hat ja eine Art zusammenfassenden Ausdrucks gefunden in der materialistischen Weltanschauung des 19. Jahrhunderts. Bis in die entferntesten Dörfer auf dem Lande draußen ist ja das durchaus die populäre Weltanschauung. Daher darf man nicht sagen, es sei nur bei einer verschwindend geringen Minorität vorhanden. Gewiß, formulierte Begriffe sind bei ihr so vorhanden, aber das sind ja nur die Symptome. Dasjenige, worauf es ankommt, die Realität, die ist durchaus das Charakteristikon des gegenwärtigen Zeitalters. An den Symptomen kann man die Dinge studieren, aber man muß sich bewußt sein, daß, geradeso wie wenn man von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von Kant spricht, man nur von einem Symptom spricht für etwas, was in der ganzen Zeit enthalten war, man auch nur von einem Symptom spricht, wenn man von diesen Dingen spricht, die ich gestern angeschlagen habe und heute in diesen Betrachtungen fortführe. Daher kommt das schon sehr stark in Betracht, was ich jetzt sagen will. Sehen Sie, der Mensch kann ja intellektualistisch tätig sein und hingegeben sein den materiellen Dingen und Erscheinungen, die durchaus im Inneren das Gegenstück sind zum Intellektualismus, nur während des Tagwachens, vom’ Aufwachen bis zum Einschlafen, und da nicht einmal ganz. Wir wissen ja, der Mensch hat nicht nur ein Vorstellungsleben, der Mensch hat ein Gefühlsleben. Das Gefühlsleben ist innerlich gleichwertig mit dem Traumleben. Das Traumesleben läuft in Bildern ab, das Gefühlsleben läuft in Gefühlen ab. Aber die innere substantielle Seite ist dasjenige, was im Menschen die Traumbilder erlebt, ist dasjenige, was im menschlichen Gefühlsleben die Gefühle durchmacht. So daß wir sagen können, während des Wachens, vom Aufwachen bis zum Einschlafen träumt der Mensch wachend in seinem Gefühl. Was wir an Gefühlen erleben, das ist ganz genau von demselben Bewußtseinsgrad durchzogen wie die Traumvorstellungen, und was wir in unseren Willensimpulsen erleben, das schläft, das schläft, auch wenn wir sonst wach sind. Wir sind in Wahrheit nur wach in unserem Vorstellungsleben. Sie schlafen des Abends ein, Sie wachen des Morgens auf. Wenn Ihnen dasjenige, was vom Einschlafen bis zum Aufwachen vorgeht, nicht erhellt wird durch eine gewisse geisteswissenschaftliche Erkenntnis, so entzieht es sich Ihrem Bewußtsein, so wissen Sie in Ihrem Bewußtsein nichts davon. Traumbilder drängen sich höchstens hinein. Die werden Sie aber ebensowenig anerkennen als bedeutsam für eine Weltanschauung, wie Sie anerkennen die Gefühle als bedeutsam für eine Weltanschauung. Gewissermaßen wird immer das menschliche Leben durchbrochen durch das Schlafesleben.

[ 11 ] Aber geradeso, wie sich der Zeit nach dieses Schlafesleben hineinstellt in das volle menschliche Seelenleben, so stellt sich die Welt der Gefühle, und namentlich die Welt der Willensimpulse in dieses Menschenleben hinein. Wir träumen, indem wir fühlen; wir schlafen, indem wir wollen. Sowenig wie Sie wissen, was mit Ihnen vorgeht während des Schlafes, so wenig wissen Sie, was da vorgeht, wenn Sie durch Ihren Willen den Arm erheben. Die eigentlichen inneren Kräfte, die da walten, die sind genau ebenso im Dunkel des Bewußtseins, wie der Schlafeszustand im Dunkel des Bewußtseins ist.

[ 12 ] So daß wir sagen können: Von diesem dreigliedrigen Menschen wurde durch die neuere Kultur, die eingeleitet wird im 15. Jahrhundert und ihren Höhepunkt erlangt im 19. Jahrhundert, nur ein Drittel in Anspruch genommen, der Vorstellungsmensch, der Kopfmensch. Und man muß fragen: Was ging denn nun vor in dem träumenden, fühlenden Menschen, in dem schlafenden, wollenden Menschen, und was ging vor zwischen dem Einschlafen und Aufwachen?

[ 13 ] Ja, wir können als Menschen gut materialistisch sein in unserem Vorstellungsleben. Das können wir schon, das 19. Jahrhundert hat es gezeigt. Das 19. Jahrhundert hat auch gezeigt die Berechtigung dieses Materialismus; er hat ja zu positiven Erkenntnissen der materiellen Welt, die ein Abbild ist der geistigen Welt, geführt. Wir können Materialisten sein mit dem Kopfe, aber wir haben dann nicht in unserer Gewalt unser träumendes Gefühlsleben, nicht in unserer Gewalt unser schlafendes Willensleben. Die werden nun, insbesondere das Willensleben, in derselben Zeit spiritualistisch gesinnt.

[ 14 ] Es ist interessant, vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus zu betrachten, was da eigentlich vorgeht. Stellen Sie sich einen Moleschott, einen Czolbe vor, die mit ihrem Kopfe einzig und allein den Sensualismus, den Materialismus anerkennen: da unten haben sie ihren Willensmenschen, der ist ganz spiritualistisch gesinnt — nur weiß der Kopf nichts davon —, der rechnet mit Geistigem und Geisteswelten. Sie haben ihren Gefühlsmenschen: der rechnet mit Gespenstererscheinungen. Und wir haben, wenn wir richtig beobachten, das Schauspiel, daß der materialistische Schriftsteller sitzt und furchtbar auf alles dasjenige schimpft, was da als spirituelle Natur in seinem Gefühlsmenschen und Willensmenschen steckt; der nun wütend wird, weil er auch Spiritualist ist, der in ihm rumort, der ein völliger Gegner ist.

[ 15 ] So ist es gewesen. Der Idealismus, der Spiritualismus war da. Er war im Willensunterbewußtsein der Menschen namentlich da, und die stärksten Spiritualisten waren die Materialisten, waren die Sensualisten!

[ 16 ] Aber was lebt denn in dem Gefühlsmenschen leiblich? Es lebt der Rhythmus, die Blutzirkulation, der Atmungsrhythmus und so weiter. Was lebt in dem Willensmenschen? Der Stoffwechsel. Betrachten wir zunächst diesen Stoffwechsel. Während der Kopf sich beschäftigt mit geistvoller Verarbeitung materieller Dinge und materieller Erscheinungen zu einer materialistischen Wissenschaft, arbeitet der Stoffwechselmensch, der nun auch durchaus die volle menschliche Struktur hat, das entgegengesetzte Weltbild aus. Der arbeitet ein durch und durch spiritualistisches Weltbild aus, das nun gerade die Materialisten unbewußt in sich tragen. Aber das wirkt im Stoffwechselmenschen auf die Instinkte, auf die Triebe: da wirkt es das Gegenteil von dem, was es bringen würde, wenn es den ganzen Menschen in Anspruch nehmen würde. Da durchsetzt es die Instinkte, da wird es erfaßt von ahrimanischen Gewalten, da wirkt es nun nicht im göttlich-geistigen Sinne, sondern da wirkt es im ahrimanisch-geistigen Sinne. Da bringt es die Instinkte zum höchsten Grade des Egoismus. Da bringt es die Instinkte so zur Entwickelung, daß der Mensch nur zu Forderungen des Lebens kommt, nicht gewiesen wird auf soziale Triebe, auf soziales Mitgefühl und dergleichen. Da wird namentlich das Individuelle herausgestaltet bis zum Egoistischen der Instinkte. Und das bildete sich, wenn ich so sagen darf, unter der Oberfläche dieser materialistischen Zivilisation heraus, und das erschien in den welthistorischen Ereignissen, das erscheint jetzt. Dasjenige, was sich unter der Oberfläche, in den Tiefen der Willensmenschen, wo sich die Spiritualität der Instinkte bemächtigt hat, dazumal im Keime ausbildete, das erscheint jetzt in den welthistorischen Ereignissen. Und würde die Entwickelung nur fortfahren, diese Konsequenzen auszubilden, wir würden am Ende des 20. Jahrhunderts angekommen sein in dem Kriege aller gegen alle, gerade in demjenigen Gebiete der Erdenentwickelung, in dem sich die sogenannte neuere Zivilisation entwickelt hat. Und wir sehen dasjenige, was da sich ausgebildet hat, schon von Osten ausstrahlend über einen großen Teil der Erde sich geltend machen. Da ist ein innerer Zusammenhang. Man muß ihn aber nur sehen.

[ 17 ] Außerlich symptomatisch spiegelt er sich in dem, was ich auch schon betont habe, was ja auch von andern bemerkt worden ist. Ich sagte, solche Philosophen, wie Avenarius, wie Mach, sie sind gewiß mit ihren Anschauungen, insofern die Anschauungen den Kopf durchsetzen, wurzelnd in den liberalistischen besten bürgerlichen Anschauungen des 19. Jahrhunderts, saubere Leute, denen man nichts vorwerfen kann, wenn man die Moralanschauungen des 19. Jahrhunderts ins Auge faßt und dennoch, Sie können es bei russischen Schriftstellern, die verstanden haben, ihre Zeit zu schildern, nachlesen, wie Avenariussche, wie Machsche Philosophie die bolschewistische Staatsphilosophie geworden ist. Das ist nicht bloß aus dem Grunde, weil hervorragende bolschewistische Agitatoren eben Avenarius zum Beispiel in Zürich gehört haben, oder den Mach-Schüler Adler gehört haben, sondern da wirken durchaus innere Impulse. Dasjenige, was Avenarius einmal vorgetragen hat, es konnte natürlich dem Kopf nach durchaus saubere bürgerliche Gesinnung, lobenswerte bürgerliche Gesinnung sein; real war es die Grundlage für dasjenige, was in den Untergründen der Menschheit die Instinkte spirituell entflammte, und was dann praktisch die entsprechenden Früchte trug, weil es diese Früchte durchaus zeitigt. Sie sehen hier — ich muß immer wieder darauf aufmerksam machen — den Unterschied zwischen realer Logik, Wirklichkeitslogik und der bloß abstrakten Verstandeslogik. Niemand wird aus Avenariusscher oder Machscher Philosophie herausschälen können, mit dem besten oder, ich könnte auch sagen, mit dem allerschlechtesten Willen nicht herausschälen können die Ethik der Bolschewisten, wenn man das Ethik nennen kann. Das folgt nicht abstrakt logisch. Da folgt etwas ganz anderes. Aber die lebendige Logik ist eine ganz andere als die abstrakte Logik. Dasjenige, was man aus irgend etwas logisch ableiten kann, das muß sich in Wirklichkeit nicht ergeben, es kann sich das Gegenteil davon ergeben. Deshalb ist ein so großer Unterschied zwischen dem, auf das man immer mehr und mehr im materialistischen Zeitalter schwören lernte, der abstrakten Gedankenlogik, die nur den Kopf ergreift, und dem Wirklichkeitssinn, der allein in unserer Zeit zum Heile führen kann.

[ 18 ] In unserer Zeit ist man zufrieden, wenn für eine Weltanschauung die widerspruchslose Logik aufgewiesen werden kann. Daran liegt aber nämlich in Wirklichkeit gar nichts. Es kommt gar nicht allein darauf an, ob eine Anschauung logisch festgelegt werden kann, denn im Grunde genommen ist ebensogut der radikale Materialismus logisch festzulegen, wie der radikale Spiritualismus logisch festzulegen ist, und alles, was dazwischen ist. Es kommt heute darauf an, daß man einsehe, daß etwas nicht bloß logisch zu sein habe, sondern wirklichkeitsgemäß neben logisch sein müsse, wirklichkeitsgemäß sein müsse. Und die Wirklichkeitsgemäßheit wird eben nur erreicht durch ein Zusammenleben mit der Wirklichkeit. Dieses Zusammenleben mit der Wirklichkeit wird durch Geisteswissenschaft heranerzogen.

[ 19 ] Um was handelt es sich in bezug auf das, was ich heute gesagt habe? Es handelt sich ja bei Geisteswissenschaft um sehr vieles, aber mit Bezug auf dasjenige, was ich heute gesagt habe, um was handelt es sich da? Ja, da handelt es sich darum, daß wirklich nun ein Wissen hervorgeholt wird aus denjenigen Untergründen, die nicht bloß aus dem Kopfe kommen, die aus dem ganzen Menschen kommen. Man könnte sagen: Wenn derjenige Mensch, der sich selbst einmal im Laufe der neueren Zeit erkennend heranerzogen hat, die Welt betrachtet, dann betrachtet er sie so, daß er innerhalb seiner Haut lebt und dasjenige um sich herum betrachtet, was außerhalb seiner Haut ist. Schematisch möchte ich das so zeichnen: Da ist der Mensch. Außer dem Menschen ist alles dasjenige, worüber der Mensch sinnt (siehe Zeichnung, rot). Und nun erstrebt er, über dasjenige etwas zu wissen, in sich etwas zu wissen, was da außerhalb seiner ist. Er rechnet gewissermaßen mit dem Wechselverhältnis zwischen dem, was außerhalb seiner Haut ist. Und ganz charakteristisch für das Rechnen mit einem solchen Wechselverhältnis sind die logischen Untersuchungen wie die von John Stuart Mill; charakteristisch sind philosophische Gedankengebäude wie das von Herbert Spencer und so weiter.

Blackboard Drawing
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[ 20 ] Steigt man auf zur höheren Erkenntnis, dann ist es nicht mehr der Mensch, der innerhalb seiner Haut lebt — denn alles dasjenige, was innerhalb seiner Haut lebt, wird im Kopfe gespiegelt, es ist doch nur Kopfwissen —, sondern da ist es der ganze Mensch. Aber der ganze Mensch ist verbunden mit der ganzen Erde. Im Grunde genommen ist die Erkenntnis, die man übersinnliche Erkenntnis nennt, nicht eine Auseinandersetzung zwischen dem, was innerhalb der menschlichen Haut liegt, mit dem, was außerhalb der menschlichen Haut liegt, sondern sie ist eine Auseinandersetzung zwischen dem, was innerhalb der Erde ist, mit demjenigen, was außerhalb der Erde ist. Der Mensch identifiziert sich mit der Erde. Daher streift er auch alles dasjenige ab, was gebunden ist an einen Fleck der Erde, Nationalität und so weiter. Der Mensch nimmt den Standpunkt des Erdenwesens ein und redet vom Standpunkte des Erdenwesens über das Weltenall. Versuchen Sie es zu fühlen, wie von diesem Standpunkte aus gesprochen wird, sagen wir in einer solchen Vortragsreihe, wie ich sie gehalten habe im Haag, wo gesprochen wird über den Zusammenhang der einzelnen Glieder der menschlichen Wesenheit mit der Umgebung, wo aber eigentlich gemeint war dieses Zusammengewachsensein des Menschen mit seiner Umgebung, wo der Mensch betrachtet wurde, nicht bloß wie er, sagen wir, am 13. Mai ist in dem einen Augenblicke, sondern wie er das ganze Jahr hindurch in den Jahreszeiten lebt, mit den einzelnen Lokalitäten lebt und so weiter. Dadurch aber gerade wird der Mensch Erdenwesen; dadurch gewinnt er dann auch gewisse Kenntnisse, die eine Auseinandersetzung des Menschen sind mit dem, was über dem Irdischen ist, mit dem, was unter dem Irdischen ist, wodurch die Erdenverhältnisse erst klar werden.

[ 21 ] Geisteswissenschaft geht also nicht hervor aus diesem engbegrenzten Menschen, aus dem die intellektualistische, materialistische Wissenschaft des 19. Jahrhunderts hervorgeht mit ihrer Form der Entfesselung der unsozialen Instinkte, sondern Geisteswissenschaft geht aus dem ganzen Menschen hervor, bringt dasjenige, was den einzelnen Menschen in zweiter Linie erst berührt, in den Vordergrund. Dadurch ist es ihr gegeben, indem sie scheinbar auch nur intellektualistische Begriffe entwickelt, in diesen Begriffen zugleich reale Dinge zu geben, die aber an der Stelle des Antisozialen das Soziale geben.

[ 22 ] Man muß die Welt vielfach von einem andern Gesichtspunkte betrachten, als man es gewöhnlich im 19. Jahrhundert und im Beginn des 20. Jahrhunderts getan hat. Man hat es ja lobenswert gefunden, daß man so viel von sozialen Forderungen, von sozialem Wesen gesprochen hat. Für den, der die Welt durchschaut, ist das ja nur ein Zeichen, daß man so viel Unsoziales in sich hat. Geradeso wie derjenige, der sehr viel von Liebe redet, in der Regel ein liebeloses Wesen ist, und derjenige, der viel von Liebe in sich hat, wenig von Liebe redet, so ist derjenige in der Regel eigentlich ganz durchwühlt von unsozialen Trieben und Instinkten, der immerzu von sozialen Dingen redet, so wie man das gerade im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gewohnt worden ist.

[ 23 ] Das soziale System, das im Osten Europas sich geltend macht, ist ja nichts anderes als die Probe aufs Exempel alles un- und widersozialen Lebens. Ich darf hier vielleicht einflechten, daß immer wieder und wiederum an anthroposophische Geisteswissenschaft herangetragen wird der Vorwurf — ich habe ihn auch neulich erst wieder gehört —, sie spreche so wenig von Gott. Insbesondere diejenigen, die fortwährend von Gott sprechen, machen es der anthroposophischen Geisteswissenschaft zum Vorwurf, daß sie so wenig von Gott spreche. Ich habe ja oftmals gesagt, mir kommt vor, daß diejenigen, die immer von Gott sprechen, nicht berücksichtigen, daß es ja eines der Zehn Gebote gibt, das heißt: Du sollst den Namen des Gottes nicht eitel aussprechen — und daß die Bewahrung dieses Gebotes viel wichtiger ist im christlichen Sinne, als fortwährend von Gott zu sprechen. Man kann vielleicht demjenigen, was als geisteswissenschaftliche Ideen gegeben wird aus geistiger Beobachtung heraus, zunächst gar nicht anmerken, was es in Wirklichkeit ist. Man kann sagen: Nun ja, auch eben eine Wissenschaft, die nur von andern Welten spricht, als die materialistischen Welten sind. — Aber so ist es nicht. Dasjenige, was da aufgenommen wird mit diesem Begriff, ganz ohne daß man selber okkulte Schauungen hat, das erzieht ja den Menschen. Vor allen Dingen erzieht es nicht den Kopfmenschen, sondern es erzieht den ganzen Menschen und es wirkt nun im regelrechten Sinne auf diesen ganzen Menschen. Es korrigiert gerade dasjenige, was angerichtet worden ist durch den spirituellen Gegner des Sensualisten und Materialisten, der ja immer in denen war.

[ 24 ] So sind die geheimen Zusammenhänge im Leben. Wer mit blutendem Herzen sieht, wie in den Materialisten des 19. Jahrhunderts, das heißt in der großen Mehrzahl der Menschen, der Gegner gesteckt hat, der weiß auch, wie sehr die Notwendigkeit besteht, daß jetzt aus dem Unterbewußten ins Bewußtsein heraufziehe dieser Spiritualist. Dann wird er nicht in seiner ahrimanischen Gestalt die Instinkte aufrütteln, dann wird er tatsächlich eine sozial mögliche Struktur der Menschen auf der Erde begründen können. In andern Worten: Wenn man die Dinge so laufen läßt, wie ich sie unter dem Einflusse der in begreiflicher Weise heraufgekommenen Weltanschauung im 19. Jahrhundert für das 20. Jahrhundert entwickelt habe, so werden wir am Ende des 20. Jahrhunderts stehen vor dem Kriege aller gegen alle! Da mögen die Menschen noch so schöne Reden halten, noch so viele wissenschaftliche Fortschritte gemacht werden, wir würden stehen vor diesem Krieg aller gegen alle. Wir würden eine Menschheit heranzüchten sehen, welche keine sozialen Instinkte mehr hat, um so mehr aber reden würde von sozialen Dingen.

[ 25 ] Es braucht die Menschheitsentwickelung den spirituellen, den bewußt spirituellen Impuls zum Leben. Denn man muß immer unterscheiden zwischen der Wertschätzung, die irgendeine Weisheit oder sonst etwas im Leben an sich hat, und dem, was es hat für die Entwickelung der Menschheit. Der Intellektualismus, der mit dem Materialismus zusammengehört, er hat die Menschheit so entwickelt, daß er das Vorstellungsleben zu der höchsten Höhe gebracht hat: zunächst in der Scholastik, im Scholastizismus die Denktechnik, die die erste Befreiungstat war, dann in dem Naturwissen in der neueren Zeit, der zweiten Befreiungstat. Aber dasjenige, was im Unterbewußten mittlerweile wütete, war das, was den Menschen in seinen Instinkten versklavt hat. Diese müssen wiederum befreit werden. Die können nur befreit werden, wenn wir eine Wissenschaft, eine Erkenntnis, wenn wir eine bis ebenso weithin popularisierte spirituelle Weltanschauung haben, wie wir die materialistische popularisiert haben; wenn wir eine spirituelle Weltanschauung haben, die nun den Gegenpol bildet für dasjenige, was sich unter der reinen Kopfwissenschaft herausgebildet hat. Von diesem Gesichtspunkte muß man die Sache immer wieder und wieder betrachten; denn, wie gesagt, die Menschen mögen noch so viel davon reden, daß von der Ethik, von der Belebung der Religiosität und so weiter ein neues Zeitalter heraufkommen müsse — damit kann man ja nichts in Wirklichkeit erreichen; damit frönt man ja selber nur den Lügenanforderungen des Zeitalters. Man muß tatsächlich sich klar sein, daß so etwas, wie es in die menschliche Seele einziehen muß trotzdem es scheinbar so theoretisch davon spricht, wie die Erde aus Mond, Sonne und Saturn heraus sich entwickelt hat —, wenn es richtig aufgefaßt wird, bis in die moralischen Impulse, in die religiösen Impulse herein den Menschen spiritualisiert. Geradesowenig wie man irgend etwas in der äußeren Welt mit den bloßen Wünschen aufbauen kann, wenn diese Wünsche auch noch so gut sind, ebensowenig kann man in der sozialen Welt etwas aufbauen mit den bloßen frommen Predigten, mit den bloßen Ermahnungen der Menschen zum Gutsein, mit dem bloßen Sprechen davon, man soll so oder so sein. Dasjenige, was heute weltzerstörerisch da ist, ist auch nicht entstanden durch den Willkürwillen der Menschen, sondern es ist entstanden als eine Folge dessen, was als Weltanschauung seit dem Beginne des 15. Jahrhunderts heraufgekommen ist. Dasjenige, was den Gegenpol darstellen wird, das, was heilen wird die Wunden, die geschlagen sind, das wird wiederum und muß wiederum eine Weltanschauung sein. Und man sollte nicht feig zurückschrecken vor dem Vertreten einer Weltanschauung mit ihrer das Moralische, das Religiöse durchsetzenden Kraft, denn dies allein kann heilen.

[ 26 ] Derjenige, der diesen ganzen Zusammenhang durchschaut, der bekommt wiederum eine Empfindung von dem, was man im Grunde genommen immer gehabt hat da, wo man von wirklicher Weisheit etwas wußte. Ich habe ja auch schon gesprochen von den alten Mysterienstätten. Sie finden es auch im Sinne der Geisteswissenschaft dargestellt in der anthroposophischen Literatur. Da kann man ersehen, wie sich eine ältere instinktive Weisheit entwickelt, wie sie sich dann umwandelt in das Intellektualistische, Materialistische der neueren Zeit. Aber selbst wenn man zurückgeht zu den mehr exoterischen Wissenschaften der älteren Zeiten, sagen wir, wenn man zurückgeht im Medizinischen bis zu Hippokrates, gar nicht zu sprechen von älterer ägyptischer medizinischer Anschauung, so ist überall der Arzt zu gleicher Zeit der Philosoph. Man kann sich eigentlich gar nicht denken, wie der Arzt nicht zu gleicher Zeit der Philosoph und der Philosoph nicht zu gleicher Zeit der Arzt sein sollte, und der Priester nicht beides und alle drei sein sollte. Man konnte sich das nicht denken. Warum nicht? Nehmen Sie eine Wahrheit, die ich öfters ausgesprochen habe.

[ 27 ] Der Mensch kennt ja eigentlich, nicht wahr, den Moment des Todes, diesen einen Moment, wo man nun wirklich den physischen Leib ablegt und wo das Geistige mit der geistigen Welt zusammenhängt, besonders stark zusammenhängt. Aber das ist ja nur in einem Moment. Ich möchte sagen, es sind unendlich viele Differentiale integriert da, wo der Moment des Todes eintritt, die als Differentiale immer in uns enthalten sind während unseres ganzen Lebens. Wir sterben ja fortwährend. Wenn wir geboren werden, fangen wir schon an zu sterben, und in jedem Moment ist ein minutiöses Sterben in uns. Und wir könnten nicht denken, wir könnten einen großen Teil unseres seelischen Lebens, vor allem aber das geistige Leben gar nicht ausdenken, wenn wir nicht fortwährend den Tod in uns hätten. Wir haben ja fortwährend den Tod in uns, und wenn wir nicht mehr können, sterben wir in einem Augenblick. So sterben wir aber kontinuierlich zwischen Geburt und Tod.

[ 28 ] Eine ältere, instinktive Weisheit hat nun gefühlt: Das menschliche Leben ist eigentlich ein Sterben. Heraklit, als ein Nachzügler uralter Weisheit, hat es ja auch ausgesprochen: Das menschliche Leben ist ein Sterben. Das menschliche Fühlen ist ein fortwährendes Kranksein. Man hat die Neigung zum Sterben und zum Kranksein. Und was man lernt, wozu muß es denn da sein? Es muß sein wie eine Arzenei. Es muß das Lernen ein Heilungsprozeß sein. Eine Weltanschauung haben, muß ein Heilprozeß sein.

[ 29 ] Dieses Gefühl hatten durchaus die Ärzte, da sie nur da, wo es notwendig war, auf materiellem Gebiete heilten, wenn die Krankheit akut war. Aber das menschliche Leben sahen sie nur an wie eine chronische Krankheit. Und derjenige, der ein Philosoph oder Arzt war, fühlte sich mit dem, was Erdenmenschheit war, auch als der Heiler, er fühlte sich nur als der Heiler für das, was man gewöhnlich für das Normale ansieht, was aber auch eigentlich krank ist, die Anlage zum Sterben ist. Diese Gefühle müssen wir für die Weltanschauung wieder bekommen, daß sie nicht nur ein formales Anfüllen ist des Kopfes, des Geistes, ein Anfüllen mit Erkenntnissen, sondern ein realer Prozeß im Leben; daß die Weltanschauung dazu dient, die Menschheit zu heilen.

[ 30 ] Nun leben wir tatsächlich in bezug auf unsere kulturhistorische Entwickelung nicht bloß in einer langsamen Krankheit, sondern wir leben gegenwärtig in einer akuten Kulturkrankheit. Dasjenige, was als Weltanschauung auftritt, muß eine wirkliche Arzenei sein, muß eine wirkliche medizinische Wissenschaft sein, eine Kur. Von der realen Bedeutung einer solchen Weltanschauung, wie sie hier gemeint ist, für das gegenwärtige Zivilisations- und Kulturergebnis muß man durchdrungen werden. Durchdrungen sein davon, daß tatsächlich mit Weltanschauung etwas Reales gemeint ist, nicht bloß dieses Formale: Man will etwas wissen, man will gewissermaßen die Begriffe für dasjenige, was draußen als Sache ist, in sich haben, man will Naturgesetze kennenlernen und sie technisch anwenden. — Nein, dieses Innerliche, dieses mit dem Menschen Verknüpfte muß da sein, wo eine wahre Weltanschauung ist, auf daß gewonnen werden können aus dieser wahren Weltanschauung die für Krankheiten, ja für einen Sterbeprozeß wirksamen Heilmittel, die fortwährend da sein müssen. Solange man nicht so redet und solange man nicht solches versteht, wird man immer nur obenhin reden über die Übel unserer Zeit und nicht reden über dasjenige, was notwendig ist.

Von diesen Dingen wollen wir dann morgen weiter sprechen.