Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist II
Der Mensch als geistiges Wesen im historischen Werdegang
GA 206
7 August 1921, Dornach
Neunzehnter Vortrag
[ 1 ] Wenn man durchschauen will die Bedeutung des materialistischen Zeitalters, so muß man eingehen auf die Entwickelung des Menschen, insofern bei dieser Entwickelung die sämtlichen wesentlichen Grundkräfte dieses Menschen in Betracht kommen. Wir wollen zunächst einmal heute von einem gewissen Gesichtspunkte aus diese menschliche Entwickelung ins Auge fassen. Ich werde anknüpfen an manches, was ich bereits im Laufe der letzten Zeit vorgebracht habe, um zu einem bestimmten Ziele zu kommen.
[ 2 ] Ich habe ja öfter hingewiesen auf die große Bedeutung desjenigen Zeitabschnittes in der individuellen menschlichen Entwickelung, die zusammenfällt mit dem Zahnwechsel etwa um das siebente Lebensjahr herum. Dieser Zahnwechsel bedeutet ja, daß gewisse Kräfte, die im menschlichen Organismus bis zu diesem Zeitpunkt vorhanden waren und an diesem Organismus tätig waren, in einer gewissen Weise frei werden, nicht mehr jene Tätigkeit ausüben, die sie bis zu diesem Zahnwechsel ausübten. Der Mensch ist tatsächlich in dem Augenblick, in dem dieser Zahnwechsel beginnt, und in der Zeit oder durch die Zeit, in der er sich abspielt, im Grunde ein umgewandeltes, ein metamorphosiertes Wesen. Was in dem Erscheinen der zweiten Zähne, in diesem Ausstoßen der zweiten Zähne zum Vorschein kommt, das hat bisher gearbeitet im menschlichen Organismus. Und dann, wenn es zum Vorschein kommt, wenn es gewissermaßen aus dem Organismus heraus sich befreit, dann erscheint es im Gegensatz zu früher als eine mehr seelische Kraft. Wir kommen, indem wir das verfolgen, zu der Anschauung, daß bis zu diesen sieben Jahren hin im Menschen eine seelische Kraft arbeitet, die gewissermaßen den Schlußpunkt ihrer Arbeit am Organismus macht mit dem Zahnwechsel. Wenn wir uns eine gewisse Neigung und Fähigkeit, solche Dinge zu beobachten, angeeignet haben, so können wir sehen, wie die ganze Seelenkonstitution des Kindes in diesem Lebensabschnitt verwandelt wird, wie namentlich von diesem Lebensabschnitt an die Fähigkeit auftritt, konturierte Begriffe zu bilden, wie andere seelische Fähigkeiten auftreten. Diese seelischen Fähigkeiten, wo waren sie denn bis zum Zahnwechsel? Sie waren im Organismus, sie haben am Organismus gearbeitet. Dasjenige, was später Seelisches wird, das arbeitet vorher am Organismus.
[ 3 ] Wir kommen da zu einer ganz andern Anschauung über das Zusammenwirken des Seelischen mit dem Leiblichen, als es etwa geschildert wird in all den abstrakten psychologischen Darstellungen, die von einem psycho-physischen Parallelismus oder von einer abstrakten Wechselwirkung zwischen Seele und Leib und dergleichen reden. Wir kommen zu einer wirklichen Anschauung dessen, was in einer wichtigen Weise in den ersten sieben Lebensjahren des Menschen im Organismus arbeitet. Wir sehen gewissermaßen das, was da verborgen ist bis zu diesem Zeitpunkte, dann frei ist, nun als seelische Kraft auftreten. Wir müssen uns nur für solche Dinge eine Beobachtungsgabe aneignen, dann werden wir in diesem Zeitabschnitte des Menschen, eben in den ersten sieben Lebensjahren, ein gewisses Kraftsystem gewissermaßen leiblich arbeiten sehen, und nach diesem Lebenseinschnitt werden wir es hervortreten sehen als Seelisches. Wir wissen also dann, was eigentlich arbeitet im menschlichen Organismus, wenigstens zum Teil, für diese Substantialität; wir wissen dann, was da arbeitet am menschlichen Organismus in den ersten sieben Lebensjahren.
[ 4 ] Nun, wenn der Mensch sich in dem Zustande seines Lebens befindet, der da abläuft zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, dann spielt das, was ich eben beschrieben habe, in zwei aufeinanderfolgenden Zuständen eine bedeutsame Rolle. Man kann auch beobachten, wie das Kind in einer gewissen Weise noch anders schläft als der Mensch, der dann aus dem Kinde wird nach dem Zahnwechsel. Zwar ist der Unterschied nicht so augenfällig, aber er ist da. Das Kind kann nämlich bis zu seinem siebenten Jahre in seinen Schlafzustand — in den Zustand, der da der Seele eigen ist zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen — noch nicht mit derselben Kraft dasjenige hineinsenden, was es später als seelische Kräfte hineinsendet; denn diese Kräfte haben noch zu tun mit Körperlichem, eben mit dem leiblichen Organismus. Daher sendet das Kind noch nicht die scharf konturierten Begriffe in den Schlafzustand hinein. Es sendet in den Schlafzustand hinein noch wenig scharf umrissene Begriffe, noch wenig scharf umrissene Vorstellungen; aber diese weniger scharf umrissenen Vorstellungen haben die Eigentümlichkeit, daß sie das seelisch-geistig Reale in einer besseren Weise umfassen können als die scharf umrissenen Vorstellungen.
[ 5 ] Das ist etwas Wichtiges, je schärfer konturiert für das wache Tagesleben unsere Begriffe werden, desto weniger senden wir in den Schlafzustand hinein, um da die Realitäten zu erfassen. Daher ist es, daß das Kind in sehr vielen Fällen tatsächlich sich aus seinem Schlafzustande heraus ein gewisses Wissen bringt von geistiger Realität. Das hört dann auf in demselben Maße, in dem mit dem Zahnwechsel die geschilderten Kräfte frei werden, scharf umrissene Begriffe auftreten und diese dann dasSchlafleben beeinflussen. Diese scharf umrissenen Begriffe dämpfen gewissermaßen den Hinblick auf die geistigen Realitäten ab, innerhalb derer wir leben zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen.
[ 6 ] Das, was ich jetzt ausgesprochen habe, kann geprüft werden durch das übersinnliche Schauen, wenn dieses übersinnliche Schauen die Kraft entwickelt, die ich öfter beschrieben habe, die Sie auch beschrieben finden in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß», in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Wenn das übersinnliche Schauen zur Kraft der Imagination kommt, wenn also jene Bilder auftreten, von denen wir wissen, daß ihnen geistige Realitäten unterliegen, dann kommen wir ja dazu, allmählich diejenigen geistigen Realitäten zu schauen, in deren Mitte wir sind zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, und dann können wir auch beurteilen, wie der Unterschied ist zwischen dem schlafenden Kinde vor dem siebenten Jahre und dem schlafenden Kinde nach dem siebenten Jahre. Dann können wir sehen, wie gewissermaßen abgedämpft wird das Hinschauen auf dasjenige, was uns ja in der Imagination bis zu einem gewissen Grade wiederum ganz klar wird, das Hinschauen auf diese geistigen Realitäten, in deren Mitte wir sind zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen.
[ 7 ] Wenn der Zahnwechsel eingetreten ist, so bildet sich bis zur Geschlechtsreife im Seelischen aus, was durch die Imagination in einer gewissen Weise erfaßt werden kann. Man erlangt einfach durch die Imagination Erfahrungen über das, was sich da in der menschlichen Seele ausbildet. Die Erfahrung, die ich eben geschildert habe bezüglich des Zustandes zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, ist ja nur eine der Erfahrungen, die man durch das imaginative Erkennen macht. In jenen interessanten Zuständen, die sich abspielen beim Kinde vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, da sehen wir, wie eigentlich in dem werdenden Menschen in starkem Maße ein Kampf vorhanden ist. Es kämpft gewissermaßen in diesem Lebensabschnitte der ätherische Leib, der ja seine besonderen Organisationen durchmacht bis zur Geschlechtsreife, gegen den astralischen Leib. Es ist ein wirklicher Kampfzustand, der in dem Kinde stattfindet. Und wenn wir das physische Korrelat ins Auge fassen, das diesem Kampfzustande entspricht, so können wir sagen: Es ist in diesem Lebensabschnitte des Kindes in ausgesprochenem Maße vorhanden ein Kampf zwischen den Wachstumskräften und denjenigen Kräften, die in uns hereinspielen durch die physische Inspiration, durch die Atmung. — Das ist ein sehr bedeutsamer Prozeß im menschlichen Inneren, ein Prozeß, der, um den Menschen zu kennen, immer mehr und mehr wird studiert werden müssen. Denn das, was zum Teil seelisch frei wird durch den Zahnwechsel, das sind ja die Wachstumskräfte. Es bleibt natürlich ein beträchtlicher Teil dieser Wachstumskräfte noch im Leiblichen zurück und besorgt da das Wachstum; es wird ein Teil frei beim Zahnwechsel, und der tritt als seelische Kräfte auf.
[ 8 ] Dasjenige aber, was da als Wachstumskräfte weiter funktioniert im Kinde, das stemmt sich gegen etwas, was in dem Kinde nun im wesentlichen durch den Atmungsprozeß auftritt. Was da durch den Atmungsprozeß auftritt, das konnte früher nicht auftreten. Der Atmungsprozeß ist gewiß beim Kinde auch vorhanden, aber solange das Kind in seinem leiblichen Wachsen und leiblichen Organisieren überhaupt die Kräfte hat, die dann beim Zahnwechsel herauskommen, so lange findet im Organismus des Kindes nichts statt von dem, was eigentlich der Atmungsprozeß im menschlichen Leibe so auffällig, so bedeutsam später bewirkt. Denn ein großer Teil dessen, was wir an Entwickelung durchmachen, hängt ja an diesem Atmungsprozesse. Daher jene orientalischen Übungen, die sich besonders an den Atmungsprozeß halten, weil man mit diesem Einleben in den Atmungsprozeß, das gegeben ist durch diese Übungen, tatsächlich mit etwas in Berührung kommt, was den Menschen durchorganisiert, was den Menschen leiblich in eine innere Beweglichkeit bringt, die etwas zu tun hat mit dem Durchschauen der Geheimnisse der Welt.
[ 9 ] Wie gesagt, bevor der Zahnwechsel eingetreten ist, kann das, was eigentlich das Atmen mit uns will, nicht zur Tätigkeit kommen im menschlichen Organismus. Dann aber tritt ein Kampf ein der noch Wachstumskräfte gebliebenen Kräfte gegen das Eindringen dessen, was aus dem Atmungsprozesse heraus in den Menschen eindringt. Denn das erste große Bedeutsame, das in leiblicher Beziehung als eine Folge des Atmungsprozesses auftritt, das ist die Geschlechtsreife.
[ 10 ] Diesen Zusammenhang zwischen dem Atmen und der Geschlechtsreife durchschaut ja die Naturwissenschaft noch nicht. Er ist aber durchaus vorhanden. Wir atmen eigentlich dasjenige ein, was uns geschlechtsreif macht, was uns aber auch im weiteren Sinne die Möglichkeit gibt, mit der Welt in ein Verhältnis des liebenden Umfangens zu treten. Das atmen wir eigentlich ein. In jedem Naturprozeß liegt ja auch ein Geistiges. Im Atmungsprozesse liegt eben ein Geistiges und ein Geistig-Seelisches. Dieses Geistig-Seelische dringt in uns ein durch den Atmungsprozeß. Es kann erst herein, wenn die Kräfte seelisch geworden sind, die vorher im Organismus gewirkt haben und die mit dem Zahnwechsel aufhören im Organismus zu wirken. Da strömt dann dasjenige in den Menschen herein, was aus dem Atmungsprozeß kommen will.
[ 11 ] Dem aber wirkt entgegen — und daher kommt der Kampf — dasjenige, was aus den Wachstumsprozessen kommt, die eben noch Wachstumsprozesse geblieben sind, was aus den Atherkräften mit andern Worten kommt. Und dieser Kampf ist vorhanden zwischen den Atherkräften, zwischen den Kräften, die aus unserem Ätherleib aufsteigen und die ihr physisches Korrelat finden in dem Stoffsystem, in dem Stoffwechselsystem, in der Blutzirkulation, und den astralischen Kräften. Da spielt der Stoffwechsel in das Zirkulations-, in das rhythmische System hinein. So daß wir schematisch sagen können: Wir haben unser Stoffwechselsystem, das aber in unseren Blutrhythmus, in das Blutrhythmussystem hineinspielt; das Stoffwechselsystem, das ich hier schematisch weiß zeichne, das spielt in das Zirkulationssystem hinein (siehe Zeichnung, rot). Das ist dasjenige, was von seiten des Ätherleibes gewissermaßen im Menschen nach oben stürmt in dieser Zeit zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre.
[ 12 ] Der astralische Leib wirkt dem entgegen. Wir haben dann einströmend dasjenige Rhythmische im körperlichen Korrelat, was vom Atmen herkommt, und es findet dieser Kampf statt zwischen dem Blutzirkulationsrhythmus und dem Atmungsrhythmus (blau). Das ist das, was sich innerlich im Menschen in diesem Lebensabschnitte abspielt.
[ 13 ] Und man kann sagen, wenn man ein wenig bildhaft spricht, in einem vielleicht radikal erscheinenden Bilde: Es ist ungefähr zwischen dem neunten und zehnten Lebensjahre, da wird bei jedem Kinde dasjenige, was vorher, ich möchte sagen, im Vortreffen sich abgespielt hat, was in den Scharmützeln vor dem eigentlichen Hauptkampf sich abgespielt hat, übergeführt in den Hauptkampf. Astralischer Leib und Ätherleib führen ihre hauptsächlichste Attacke aus zwischen dem neunten und zehnten Lebensjahre.
[ 14 ] Daher ist dieser Zeitabschnitt, dieser Zeitpunkt für den Pädagogen so wichtig zu beobachten. Es ist einmal so, daß man als Lehrer, Erzieher, Unterrichter sorgfältig achtgeben muß auf irgend etwas — bei fast jedem Menschen spielt es sich ja anders ab —, was sich etwa zwischen dem neunten und zehnten Lebensjahre abspielt. Da sieht man bei jedem Kinde etwas ganz Besonderes. Es kommen gewisse Temperamentseigenschaften zu einer gewissen Metamorphose. Es treten gewisse Ideen auf. Aber vor allen Dingen ist es in diesem Zeitpunkte, wo man anfangen soll — während man vorher gut tut, das Kind nichts merken zu lassen von dem Unterschied zwischen dem Ich und der Außenwelt —, diesen Unterschied zwischen dem Ich und der Außenwelt hervortreten zu lassen. Während es vorher gut ist, dem Kinde in Märchendarstellungen und so weiter zu reden, wie wenn die Vorgänge der Natur so wären wie menschliche Vorgänge, indem man sie personifiziert und erläutert, kann man dann anfangen, in mehr lehrhafter Weise das Kind über die Natur zu unterrichten.
[ 15 ] Naturgeschichte, auch in ihrer elementarsten Form, sollte man eigentlich erst von diesem Zeitpunkte an an das Kind heranbringen. Denn das Kind hat da, wo es im ersten Lebensabschnitte anfängt, sein Ich deutlich zu erfühlen, das Ich eben erst erfühlt. Daß es einen scharf umrissenen Begriff, mehr oder weniger natürlich scharf umrissenen Begriff mit diesem Ich verbindet, das tritt in diesem Zeitpunkte ein. Das Kind lernt sich erst in diesem Zeitpunkte so recht von der Außenwelt unterscheiden. Und dem entspricht ein ganz bestimmtes Gegeneinanderstürmen des Atmungsrhythmus und des Zirkulationsrhythmus, des astralischen Leibes und des ätherischen Leibes.
[ 16 ] Diese Dinge haben ja im Menschen immer zwei Seiten. Die eine Seite stellt sich dar in dem Zustande zwischen dem Aufwachen und Einschlafen. Für diesen Zustand habe ich eben jetzt die Sache geschildert. In dem Zustande zwischen dem Einschlafen und Aufwachen stellt sich die Sache etwas anders dar. Wenn wir eben zur Imagination vorgeschritten sind und dann etwas von Inspiration entwickelt haben, so daß wir beurteilen können, was da durch Inspiration geschieht durch den Atmungsprozeß, der das physische Korrelat ist, so finden wir, daß eigentlich erst in diesem Zeitpunkte — der für das eine Kind etwas früher, für das andere etwas später eintritt, aber im Durchschnitte zwischen dem neunten und zehnten Lebensjahre — so recht eine wirkliche Loslösung des Ich und des astralischen Leibes vom ätherischen Leib und vom physischen Leib im Schlafe stattfindet. Das Kind ist, namentlich mit seinem Ich, sehr innig verbunden mit seinem physischen und mit seinem ätherischen Leib, auch wenn es schläft. Aber von diesem Zeitpunkte an beginnt das Ich wie ein selbständiges Wesen aufzuleuchten, wenn eben Ich und astralischer Leib nicht an den Funktionen des Ätherleibes und des physischen Leibes teilnehmen.
[ 17 ] Daher ist es auch so, daß Kinder, die vor diesem Zeitpunkte sterben, im Grunde genommen in dem Leben, das sie da bis zum fünften, sechsten, siebenten, selbst noch bis zum achten, neunten Lebensjahre durchmachen, etwas haben, was sie noch wenig getrennt hat von jener geistseelischen Welt, die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt durchgemacht wird; so daß die Kinder verhältnismäßig leicht wiederum zurückgerissen werden in diese geistig-seelische Welt, daß sie gewissermaßen nur etwas anstückeln an das Leben, das sie vollendet haben mit der Empfängnis oder mit der Geburt, daß ein eigentliches Abschnüren eines neuen Lebens, wenn wir dieses Sterben in Betracht ziehen, eigentlich erst da ist, wenn die Kinder nach diesem Zeitpunkte sterben. Da bindet sich gewissermaßen das neue Leben nicht in so intensiver Weise an das alte Leben. Da erst werden deutlich durchgemacht jene Zustände, die ich in meiner «Theosophie» beschrieben habe, während es bei Kindern, die früher sterben, so ist, daß sie gewissermaßen wiederum zurückgeworfen werden und anstückeln das Leben, das sie auf der Erde durchgemacht haben, an das Leben, das sie geführt haben bis zur Konzeption oder bis zur Geburt. Man muß eben sagen: Dasjenige, was man in dem Kinde vor sich hat bis zu diesem Zeitpunkte zwischen dem neunten und zehnten Lebensjahre, das ist eigentlich so, daß es viel ungetrennter das Leiblich-Seelische und das Geistig-Seelische enthält, als der spätere Mensch es enthält. Der spätere Mensch ist viel mehr ein dualistisches Wesen als das Kind. Das Kind hat in seinem Leibe drinnenstecken das Geistig-Seelische, und es arbeitet das Seelisch-Geistige am Leibe. Als eine Zweiheit erscheint das Geistig-Seelische gegenüber dem Leiblich-Seelischen erst nach diesem geschilderten Zeitpunkte. So daß man sagen muß: Von diesem Zeitpunkt ab bekümmert sich das Geistig-Seelische im Menschen weniger um das Leibliche, als es sich vorher bekümmert hat. Das Kind ist als leibliches Wesen ein viel seelischeres Wesen als der spätere Mensch. Der Leib des Kindes ist eben durchaus noch in seinem Wachstum von den Seelenkräften durchsetzt, denn es bleiben noch immer seelische Kräfte zurück, auch wenn sich ein großer Teil mit dem Zahnwechsel eben verwandelt hat.
[ 18 ] Dann können wir sagen: Es beruhigt sich in einer gewissen Weise nach und nach so vom zwölften Lebensjahre ab dieser Kampf, den ich geschildert habe, und mit der Geschlechtsreife tritt ja dann der astralische Leib in seine volle Berechtigung in der menschlichen Konstitution ein. Das aber, was sich da loslöst vom Menschen, was sich später gewissermaßen um das Leibliche weniger kümmert, das ist dann auch dasjenige, was den Menschen wieder durch die Pforte des Todes in die geistig-seelische Welt hineinträgt, wenn er stirbt. Wie gesagt, das Kind in seinem früheren Lebensalter wird mehr zurückgeworfen zu seinem vorigen Leben, der Mensch nach diesem Zeitabschnitte ist getrennt von seinem vorigen Leben. Und was sich da loslöst, das enthält in sich die Keime, um durchzugehen durch die Pforte des Todes. Man kann mit imaginativer Erkenntnis sehr genau diese Dinge durchschauen, und man kann auf die Einzelheiten sehr genau hindeuten. Man kann hindeuten darauf, wie die Kräfte, die da auftreten, zu scharf konturierten Begriffen führen — die aber abdämpfen die geistigen Realitäten, in deren Mitte wir im Schlafzustande leben — und die den Menschen eben zu einem selbständigen Wesen machen.
[ 19 ] Dadurch daß er sich abschnürt, daß er abdämpft die geistigen Realitäten, wird ja der Mensch neuerdings der Geist unter Geistern, der er sein muß, wenn er durch die Pforte des Todes geht. Das Kind schlüpft, ich möchte sagen, in die geistigen Realitäten immer hinein; der spätere Mensch löst sich los von diesen geistigen Realitäten, wird in sich selber konsistent. Allerdings, das was da konsistent wird, man kann es erst durchschauen mit imaginativer und inspirierter Erkenntnis, aber vorhanden ist es ja beim Menschen. Es findet der Prozeß doch statt, auf den ich gestern hingedeutet habe. Wenn der Mensch nicht Geisteswissenschaft auf sich wirken läßt, dann ist es schon so: Was sich da loslöst — insbesondere in dem Zeitalter, wo der Mensch nur materialistische Begriffe und intellektualistische Begriffe empfängt, wo also in die Schule schon, und gerade in die Schule hineingetragen wird dasjenige, was Intellektualismus und Materialismus ist, denn unsere einzelnen Schulfächer sind ja materialistisch gestaltet —, was sich da loslöst, das wird nach der ahrimanischen Richtung hin organisiert. Weil wir eben in bezug auf unseren Willen, also auch in bezug auf unsere Instinkte auch bei Tag schlafend sind, so nimmt das, was sich da loslöst, die Instinkte gefangen. Wir erziehen uns zur Überwindung dieses instinktiven Lebens, indem wir gerade die geisteswissenschaftlichen Begriffe aufnehmen.
[ 20 ] Wer ein bloßer Intellektualist und Materialist oder Sensualist ist, der sagt ja von diesen geisteswissenschaftlichen Begriffen: Ja, diese geisteswissenschaftlichen Begriffe sind Phantasien, sie bezeichnen ja nichts von dem, was wirklich ist! — Er nennt nämlich «wirklich» nur, was die Sinne überschauen können. Das wollen aber diese Begriffe gar nicht bezeichnen. Alles, was Sie in meiner «Geheimwissenschaft» an Begriffen vorgeführt finden, das will ja gar nicht die äußere Sinneswelt bezeichnen, das will ja eine Beschreibung einer übersinnlichen Welt sein. Nimmt man diese Begriffe auf, so nimmt man eben Begriffe über diese übersinnliche Welt auf, auch wenn man noch nicht hineinschauen kann. Man nimmt Begriffe auf, die geeignet sind für die übersinnliche Welt, die nicht anwendbar sind für die sinnliche, physische Welt, und man reißt sich los auch von demjenigen, was an sich vom Menschen in der physisch-sinnlichen Welt lebt, das heißt von den Instinkten.
[ 21 ] Diese Erziehung braucht aber das Menschengeschlecht, sonst würde die Menschheit immer mehr und mehr in das soziale Chaos einlaufen. Denn die wirkliche Folge — das ist so, wie ich es gestern gesagt habe —, die wirkliche Folge des Intellektualismus und Materialismus in der Wissenschaft, die wirkliche Folge überhaupt unserer gegenwärtigen Wissenschaftlichkeit ist ein sozialer Zustand, der chaotisch ist und der jetzt im Osten von Europa in einer so furchtbaren Weise aufgeht.
[ 22 ] Wie gesagt, mit Logik kann man nicht aus Machscher, Avenariusscher Philosophie oder aus Bergsons Philosophie Bolschewismus ableiten; aber die reale Logik, die bringt einen dazu, die leitet das ab. Das ist etwas, was die gegenwärtige Menschheit schon einmal ins Auge fassen muß, daß durch die Entwickelung der letzten Jahrhunderte heraufgezogen ist ein Dualismus zwischen der Naturanschauung und der moralischen Ideenwelt des Menschen. Wir haben auf der einen Seite eine Naturanschauung, die nur mit der Naturnotwendigkeit arbeitet, wie ich öfter auseinandergesetzt habe, die streng, die exakt sein will, die alles zurückführen will auf gewisse ursächliche Zusammenhänge, Kausalitäten, wie man sagt. Diese Naturanschauung setzt zusammen ein Weltengebäude, bildet Hypothesen über Erdenanfang und Erdenende.
[ 23 ] Ihr steht gegenüber dasjenige, was der Mensch an moralischen und religiösen Idealen erlebt. Das ist aber gänzlich losgerissen von dem, was in der Naturanschauung lebt. Deshalb hat man ja so sehr das Bestreben, diesen moralisch-religiösen Inhalt durch eine bloße Glaubensgewißheit zu rechtfertigen. Man hat es geradezu zu einem System erhoben, diesen moralisch-religiösen Inhalt allein für sich stehen zu lassen, ihn gewissermaßen nicht berührt werden zu lassen von dem Inhalte, den man hat, wenn man die äußere Natur beschreibt, denn man fühlt, wie das eine das andere zerstört, neben sich nicht bestehen läßt. Und unsere heutige Naturanschauung, wie sie gerade in ihrer neuesten Phase ist, wo sie Optik und Elektrodynamik vereinigt hat, diese Naturanschauung, die da in der neuesten Phase lebt, zieht notwendigerweise die Vorstellung des Wärmetodes nach sich. Aber dann stirbt die Erde mit all ihren Menschen am Erdenende, und dann entwickelt sich keine Menschenseele trotz aller moralischen Ideale. Über dieses Erdenende hinaus gilt das Gesetz von der Erhaltung der Kraft, von der Erhaltung der Energie; dann ist durch dieses Gesetz von der Erhaltung der Energie der Erdentod gegeben, dann stirbt die Erde mit allen Menschenseelen, so wie nach der Ansicht des Materialisten sterben muß die Menschenseele mit dem menschlichen Leib. Einzig und allein wenn wir uns klar sind darüber, daß dasjenige, was moralisch in uns lebt, was von religiösen Idealen durchsetzt ist, in uns lebt wie ein Keim, der eine Realität in sich enthält, so wie der Keim in einer Pflanze, der im folgenden Jahre in der nächsten Gestalt der Pflanze aufgeht; nur wenn wir uns klar darüber sind, daß dasjenige, was moralisch in uns lebt, Anfang und Keim eines künftigen natürlichen Daseins ist, und daß die Erde mit allem, was sie in sich enthält, für unsere Augen schaubar, für unsere Ohren hörbar, für unsere übrigen Sinne vernehmbar, nicht dem Gesetze der Erhaltung der Kraft unterliegt, sondern abstirbt, abfällt von allen Menschenseelen, die dann die moralischen Ideale hinaustragen als ein neues Naturgeschehen, als das Jupiter-, Venus-, Vulkandasein; nur wenn wir uns darüber klar sind: Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte, das heißt der Logos, der sich in den Menschenseelen ausbildet, wird nicht vergehen —, wenn wir uns klar sind, wörtlich klar sind über dieses Wort, dann erst können wir mit Ehrlichkeit sprechen von einer moralischen und einer religiösen Inhaltlichkeit unserer Menschenseele. Sonst ist es unehrlich. Sonst setzen wir gewissermaßen das Moralische hinein in die Welt und halten uns an eine andere Gewißheit als diejenige, die die Naturgewißheit ist. Sind wir uns aber klar, daß, wenn die Worte des Christus wahr sind, mit dem Moralischen ein Kosmos anfängt, der sich den toten Hüllen entringen wird, wenn dieser Kosmos in Staub zerfällt, dann haben wir eine Weltanschauung, die das Moralische und das Natürliche in ihren Metamorphosen zeigt.
[ 24 ] Das ist es, was die gegenwärtige Menschheit durchdringen muß. Denn mit jener Anwendung des Naturdenkens, die sich herausgebildet hat in den letzten Jahrhunderten, ist es unmöglich, auch nur zu dem einfachsten Sozialbegriff zu kommen, den wir gebrauchen. Denn in diesen Sozialbegriffen muß etwas leben von dem, was die Moralität zu gleicher Zeit erkennt in ihrer kosmischen Bedeutung. Der Mensch muß wiederum lernen, wie er ein kosmisches Wesen ist. Nicht früher wird er die sozialen Angelegenheiten hier auf dem Erdenrund zu ordnen verstehen, bevor er erkannt hat, wie er als Menschenwesen zusammenhängt mit kosmischen Absichten, mit kosmischen Entitäten.
[ 25 ] Das ist dasjenige, was gespürt wird von denjenigen Menschen unseres Zeitalters, die diese ganze Tragik in ihrer Seele empfinden können, die gekommen ist durch den Abgrund zwischen der Naturanschauung und der moralischen Anschauung, die wir haben. Vielleicht fühlen erst wenige die ganze Bedeutung dieses Abgrundes, aber er muß überbrückt werden, dieser Abgrund. Es muß wiederum die Möglichkeit kommen, ein solches Wort wörtlich zu nehmen: «Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.» Das heißt: Was in der Menschenseele erkeimt, das wird sich entfalten, gerade wenn die Erde zugrunde gegangen sein wird.
[ 26 ] Man kann aber nicht ein ehrlicher Anhänger des Gesetzes der Erhaltung der Energie sein und zu gleicher Zeit glauben, daß die moralische Welt eine ewige Bedeutung hat. Nur insofern man den Mut finden wird, gerade aus diesem Zentrum das Wesen unserer Naturanschauung zu durchblicken, wird man einen Ausweg finden aus dem Chaos der Gegenwart. Dieser Ausweg kann nur gefunden werden, wenn sich die Menschen entschließen, wiederum, und jetzt bewußt, zu jener Weisheit zurückzukehren, die die Menschheit einmal in jenen alten Mysterien gehabt hat auf instinktive Weise. Würde die Menschheit sich entschließen, bewußt zu der geistigen Welt vorzudringen, die objektive Möglichkeit ist dazu vorhanden, meine lieben Freunde. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts will eine Welle geistiger Welt in unsere physische Welt herein. Ich möchte sagen, sie stürmt herein, sie ist da. Die Menschen brauchen bloß ihr Herz und ihren Sinn zu öffnen, und sie wird zu den Menschenherzen und zu den Menschenseelen sprechen. Die übersinnliche Welt meint es gut, aber die Menschheit stemmt sich noch dagegen. Und dasjenige, was das zweite Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in so furchtbarer Weise erlebt hat, letzten Endes ist es das Stemmen der Menschheit gegen die hereinbrechenwollende Welle der geistigen Welt. Aber man möchte sagen, am schlimmsten ist es da, wo gerade der wissenschaftliche Geist sich wendet gegen dieses Hereinströmen der geistigen Welt. Man will ja, nachdem einmal die materialistischen, intellektualistischen Denkgewohnheiten heraufgezogen sind, nicht in irgendeiner Form dasjenige zur Handhabung bringen, was aus der geistigen Welt heraus gewonnen werden kann.
[ 27 ] In dieser Beziehung hat eben doch die intellektualistisch-materialistische Welle ihren Höhepunkt, ihren Höhenschlag gehabt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Natürlich hat sich der Materialismus lange vorbereitet. Ich habe immer hingewiesen auf seinen eigentlichen weltgeschichtlichen Anfang; denn was im Griechentum gelebt hat als Materialismus, ist ja nur ein Vorspiel gewesen, etwa in Demokrit und in andern. Seine weltgeschichtliche Bedeutung hat der Materialismus erst nach und nach entwickelt seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Gewiß hat er sich ja langsam entwickelt, aber es waren, wenn auch die dogmatische, wenn auch die wirkliche Tradition erloschen war, immer noch, ich möchte sagen, Empfindungen davon vorhanden, daß eine geistige Welt da ist wie eine physische Welt, daß diese geistige Welt erfaßt werden kann, aber nicht erfaßt werden kann durch das bloße intellektualistische menschliche Gebaren.
[ 28 ] Heute weisen manche Menschen, die das Wesentliche davon noch nicht sehen, mit einer gewissen Wehmut selbst auf noch nicht lange hinter uns liegende Zeiten zurück, wo auch die positivistisch und materialistisch gearteten Denker eigentlich noch immer sich geschämt hätten, dasjenige, was Mensch ist, so ganz und gar unmenschlich zu betrachten. Darnach hat man im Grunde genommen erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gestrebt, ist darauf verfallen, ganz und gar unmenschlich den Menschen zu betrachten, auszulöschen das spezifisch Menschliche. Es hat sich das dann dadurch gerächt, daß der Mensch nach und nach ausgebildet hat ein verhältnismäßig ganz abstraktes Denken, wie es etwa hervorgetreten ist in der neueren Gestalt der Relativitätstheorie. Daher ist es immerhin interessant, und man sollte sich daran halten, daß es noch immer einige Geister gibt, die zurückverweisen auf die Zeiten, wo selbst noch materialistisch orientierte Geister dasjenige, was in bezug auf den Menschen unternommen werden sollte, vom Geiste aus behandelt wissen wollten.
[ 29 ] Gewiß, ein durch und durch intellektualistischer, positivistischer Geist war Auguste Comte, aber er lebte eben noch nicht in dem Zeitalter vom Ende des 19. Jahrhunderts, wo der Mensch schon ganz und gar herausgeworfen war aus der menschlichen Anschauung, wo man weil ja durch Intellektualismus und Materialismus nur die äußere Natur begriffen wird — nur noch die äußere Natur begriff, wo man das eigene Menschliche nicht mehr ins Auge faßte beziehungsweise nur so, daß man auch sein eigenes Menschliches in den Bildern der bloß außermenschlichen Natur dachte. Und so ist es interessant, wenn wir jetzt lesen können, daß ein englischer Denker, Frederick Harrison, vor kurzem eine Äußerung getan hat über Auguste Comte. Er sagt: Ich denke an eine prägnante Bemerkung Auguste Comtes, die er vor mehr als siebzig Jahren gemacht hat. — Auguste Comte, der Positivist, der Intellektualist, der aber noch etwas berührt war von der Geistigkeit der alten Zeit, er sieht schon heraufkommen die Zeit, wo der Mensch vollständig ausgeschaltet ist. Aber trotz seines Positivismus, trotz seines Intellektualismus mißfällt ihm das, was da heraufzieht und was er in der Ausprägung, die es dann bekommen hat im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, gar noch nicht gesehen hat: Unsere modernen Ärzte, sagte Comte, scheinen mir im wesentlichen Tierärzte zu sein. — Er meinte — so sagt Harrison dann weiter —, daß sie den Menschen zu oft und besonders die Frauen so behandeln, als ob sie Pferde oder Kühe wären.
[ 30 ] Comte betonte, daß Krankheiten gewöhnlich von mehr als einer Seite betrachtet werden müssen, daß sie ein geistiges Element in sich haben, zuweilen sogar in hervorstechender Art ein geistiges Element, so daß ein Arzt für Menschen ebensogut ein Philosoph der Seele sein sollte wie ein Anatom des Körpers. Er behauptete, das wahre Heilmittel habe zwei Seiten. Aus diesem Grunde — so sagt jetzt Harrison dazu — würde er die Freudsche Einseitigkeit abweisen. Und dann sagt Harrison weiter, wie diese Comtesche Anschauungsweise in einer gewissen Art weitergebildet worden ist, aber wie man doch immer mehr und mehr verfallen ist in diejenige Anschauungsweise, die eben die Menschen behandelt wie Pferde und Kühe und die die Menschheitsärzte allmählich zu Tierärzten gemacht hat. Und er sagt, man sehe nirgends die Hauptlehre des Auguste Comte: Alles ist relativ — was schon den berechtigten Kern der Relativitätslehre in sich enthielt. Diese Hauptlehre des Auguste Comte hat eine bessere Grundlage und eine gründlichere Tiefe in Philosophie und Leben als Einstein. — Es ist immerhin erfrischend, wenn man heute noch einen solchen Ausspruch hört, denn wir leben einmal in dem Zeitalter, in dem sich gerade der Wissenschaftsgeist stemmt gegen alles, was von geistiger Seite herkommt, und namentlich was den Geist überführen will in das menschliche Leben, in das menschliche Handeln, insbesondere in so wichtige Gebiete wie das medizinische Handeln.
[ 31 ] Wenn wir uns nun fragen: Was ist es denn, was den Materialismus und den Intellektualismus gerade für die gegenwärtige Wissenschaftlichkeit so anziehend macht? Nun, sehen Sie sich an, wie da die Dinge vor sich gehen. So wie nun einmal unser Schulwesen eingerichtet ist, möchte man, daß der Lehrer möglichst wenig an die ganze Konfiguration des Kindes herangeht. Der Lehrer ist viel zu bequem, und er wird schon selber viel zu bequem erzogen, um an die Feinheiten der kindlichen Entwickelung, wie ich sie auch heute wieder geschildert habe, wirklich heranzugehen. Mit solchen Dingen will man sich ja nicht beschäftigen. Denn was fordern solche Dinge? Solche Dinge fordern, daß man jenen Übergang nicht scheut von dem gewöhnlichen Leben, wo man in einer Täuschung lebt, zu einem ganz andern Leben, wo uns erst Erkenntnis der Wirklichkeit wird.
[ 32 ] Dieses Umwandeln des Menschen, dieses Anderswerden des Menschen behufs Erkenntnis, das ist es, was man heute gerade scheut, was man nicht will. Man will möglichst bequem zu den höchsten Wahrheiten aufsteigen, die dann aber nur höchste Abstraktionen sein können, denn allerdings zu Abstraktionen kommt man mit einer gewissen Bequemlichkeit. Da braucht man sich nicht zu etwas anderem zu machen. Aber zu einem wirklichen Lebensgehalt, wie er zugrunde liegt unserem äußeren sinnlichen Inhalt, kann man nicht kommen, wenn man nicht wenigstens sich zu Begriffen aufschwingt, die für dieses gewöhnliche Sinnesleben eben keinen Sinn haben, deren Sinn man erst durchdringen muß aus der Kraft des eigenen Inneren heraus. Der Mensch ist schon einmal hineingestellt in das Leben, das auch hinaufreicht in diese übersinnliche Welt, und er ist in unserem Zeitalter darauf angewiesen, daß ihm in gesunder Weise hineingeleuchtet wird in diese übersinnliche Welt. Und wenn ich gestern gesagt habe, daß die materialistisch-intellektualistische Weltanschauung nicht etwa nur die paar wissenschaftlich gebildeten Leute umfaßt, die eben durch eine wissenschaftliche Bildung hindurchgehen, sondern daß sie populär ist, daß sie in populären Begriffen auch bei den einfachsten Leuten lebt, die heute glauben, noch den alten Bekenntnissen anzugehören, so muß gesagt werden: Es ist eben dringend notwendig, daß einfließe in unser Gesamtleben wiederum in populärer Art auch dasjenige, was Kunde von der geistigen Welt gibt.
[ 33 ] Aber es treten einem überall da die charakteristischen Eigenschaften der Gegenwart entgegen, wo der Versuch gemacht wird, hineinzutragen in die Lebensgebiete, was aus anthroposophischer Geisteswissenschaft kommen kann. In Medizin, in Religion, in das soziale Leben, überall muß hineingetragen werden dasjenige, was gewiß nicht sektiererisch gemeint ist: anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, dasjenige, was auftritt mit demselben wissenschaftlichen Ernste, der in der Menschheit heranerzogen worden ist seit der Mitte des 15. Jahrhunderts an der Naturwissenschaft, die ja voll anerkannt wird.
[ 34 ] Und wenn dann das Kind herangewachsen ist, wenn es das Glück hat, durch irgendeine höhere Bildung hindurchzugehen — nun, sehen Sie, wie das heute ist: Diese jungen Leute, die Mediziner, Theologen, Philologen, Juristen, sie sollen ja dadurch nichts anderes werden, sie sollen sich ja nicht umwandeln, sie sollen ja so bleiben, wie sie sind, und nur in Abstraktionen aufnehmen, was eben ihre Wissenschaft ist. Wird der Versuch gemacht, irgend etwas von Erkenntnis der Welt zu geben, dann wird er gleich von denen, die dieses Leben so bequem in Abstraktionen weiterleben wollen — was aber in das Chaos hineinführen würde —, insbesondere da zurückgewiesen. Und so sehen wir denn ein interessantes Symptom uns entgegentreten, das ich als einzelnes Symptom doch anführen will. Bei der Gelegenheit von jetzt schon ziemlich vielen Vorträgen, die der Nürnberger Hauptprediger Geyer in verschiedenen Orten gehalten hat, zeigte es sich: Da witterten die Menschen, namentlich witterten das auch die Wissenschafter, daß der Versuch gemacht wird, in ihr Lebensgebiet anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft hineinzutragen. Das wollen die Leute nicht. Und selbst Gutmeinende wollen das nicht. Sie verspüren: Da müssen sie ja umlernen in bezug auf ihre ganze Wissenschaftlichkeit, da müssen sie ja über ihre eigenen Grundbegriffe ganz anders denken. Daher ziehen sie es vor, wo so etwas auftritt, nach ihren eigenen Grundbegriffen, nach den bequemen Abstraktionen die Dinge zu beurteilen. Und so sehen wir denn gerade in Anknüpfung an die Geyerschen Vorträge einen Aufsatz von einem Obermedizinalrat Kolb hervortreten, Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Erlangen, Psychiater, also ein Mensch, der es eigentlich gerade mit innigster Befriedigung und freudig begrüßen müßte, wenn in diejenigen Gebiete, in die nur durch Geisteswissenschaft fruchtbar hineingeleuchtet werden kann, in die psychiatrischen Gebiete, da fruchtbar hineingeleuchtet würde.
[ 35 ] Geisteswissenschaft verfolgt in gesunder Weise die Wege, die der Psychiater in krankhafter Art durchlaufen muß, und Psychiatrie kann selber nur gesund werden, wenn sie beleuchtet wird auf allen ihren Gebieten, in allen ihren Einzelheiten von dem, was in gesunder Weise durch anthroposophische Geisteswissenschaft gefunden wird. Daher sollte ein Psychiater sich aufschwingen, seine Psychiatrie zunächst durchdringen zu lassen von Geisteswissenschaft; denn diese Psychiatrie ist ja im Grunde genommen endlich nichts anderes geworden als eine Psychopathographie. Sie ist ja etwas Furchtbares in der Gegenwart, diese Psychiatrie. Was tut denn der Psychiater? Er verspürt nicht, wie die Lichtstrahlen, die ihm von anthroposophischer Geisteswissenschaft kommen können, in die Psychiatrie hineinleuchten, sondern er stellt die Geisteswissenschaft so dar, wie sie ihm nach der bisherigen Psychiatrie erscheint, das heißt, er legt den psychiatrischen Maßstab an die Geisteswissenschaft an. Und wenn er noch dazu gutmeinend ist, dann wird das ganz besonders interessant, denn dann sehen wir, wie eben, wenn Sie sich in einer Gartenkugel spiegeln und Ihr Gesicht sehen: wenn es ein schönes Gesicht ist, so wird man ja die Schönheit noch immer sehen, aber sie ist karikiert. So muß natürlich Geisteswissenschaft karikiert erscheinen, wenn sie von jemandem, der sich mit allen Kräften dagegen stemmt und der doch gutmeinend ist, dargestellt wird. Es ist immerhin interessant, einige der Worte zu lesen, die dieser Dr.Kolb, Obermedizinalpsychiater, immerhin von guter Meinung aus, sagt:
[ 36 ] «Den bekannten Anthroposophen Rudolf Steiner halte ich für eine» — verzeihen Sie, ich muß das vorlesen — «geniale, aber außerordentlich ungleich veranlagte Persönlichkeit mit manchen auffallenden, nur an Hand psychiatrischer Kenntnisse verständlichen Zügen. Auf dem Boden der Steinerschen Lehren scheint Herr Hauptprediger Geyer, Nürnberg, zu stehen. Ich habe zweimal einen öffentlichen Vortrag dieses von vielen hochgeschätzten Geistlichen gehört. Der Vortrag war als Kunstwerk entzückend. Ich würde es für eine Barbarei halten, die blaue Blume der Poesie, die uns in so anmutiger Weise gereicht wurde, zu zerpflücken, und den blauen Duft» — das Blaue scheint also nicht kritisch zu sein an dem Duft —, «in dem er uns das Herannahen des Steinerschen Zeitalters malte, durch kritische Farben zu trüben. Nur eins muß ich als Psychiater sagen: Das «Hellsehen» Steiners ist nichts anderes als gewöhnliches Denken, das durch eine Art von AutoHypnose beeinflußt wird; wenn eine geniale und, wie ich zunächst annehmen möchte» — nachher wird es schon anders kommen! — «sittlich hochstehende Persönlichkeit mit glänzender naturwissenschaftlicher und allgemeiner Bildung, genau unterrichtet über die bisherigen religions-philosophischen Lehren, wie Steiner es ist, gewissermaßen in ihr Gehirn hineinsieht und uns den Inhalt ihres Gehirns als «Anthroposophie darbietet, so werden neben zahlreichen phantastischen Zügen doch auch viele gute, edle und sittlich hochstehende, vereinzelt sogar vielleicht wissenschaftlich wertvolle Gedanken sich finden.»
[ 37 ] Nun also bitte ich Sie, hören Sie sich das an: Das gewöhnliche Denken, durch Autohypnose beeinflußt, sieht in das Gehirn hinein, und was man dann im Gehirn sieht, das stellt man als Anthroposophie dar! Bitte, nehmen Sie nur diesen genialen Satz dieses Psychiaters: also alles beim Hineinschauen in das Gehirn, ein wenig von Autosuggestion beeinflußt!
[ 38 ] «Wenn aber seine bisher nur den Gebildeten zugängliche Lehre von der Kanzel unters Volk geworfen würde, dann würden auch minder geniale Menschen, ohne Vorbildung, den staunenden Menschen die Produkte ihres «Hellsehens» verkünden.»
[ 39 ] Die haben es nämlich schon genug getan, diese weniger Gebildeten! Es ist tatsächlich, als ob dieser Psychiater, der in der Anthroposophie ein von Autohypnose beeinflußtes Denken, das in das Gehirn hineinsieht, erblickt, überhaupt außerhalb der wirklichen Welt lebte.
[ 40 ] «Da der Okkultismus ähnlich dem Kommunismus eine verhängnisvolle Anziehungskraft besitzt auf Geistesschwache, auf die noch unreife Jugend, auf das vorzeitig gealterte Alter, auf Phantasten, auf Hysterische, vor allem auf die Psychopathen, die Haltlosen, die krankhaften Lügner und Schwindler, so würden wir erleben, daß in unserem durch Krieg, Tod und Not und Sorge um die Zukunft zermürbten und empfänglich gemachten Volk «Propheten» aufstehen, ähnlich denen, von deren Taten wir in der Geschichte der Münsterschen Wiedertäufer mit Schaudern lesen. Es ist ein hohes Verdienst der katholischen Kirche, daß sie mit vollster Klarheit und Schärfe Steiner abgelehnt hat» — diese «Klarheit und Schärfe» lesen Sie ja bei hier recht nahe Lebenden! «und ich möchte als Protestant jeden einzelnen protestantischen Geistlichen recht herzlich bitten, doch jene Gefahr und die Gefahr des Verfalls unserer Kirche in eine öde und gefährliche Sektiererei recht genau zu prüfen, bevor er die gerade für ideal gerichtete Christen vielfach gefährlich verlockende, aber mit pathologischen Zügen schwer durchsetzte Lehre Steiners empfiehlt.»
[ 41 ] Diese Lektion hat also von einem Psychiater, Obermedizinalrat Dr. Gustav Kolb, Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Erlangen, Hauptprediger Geyer empfangen.
[ 42 ] Sie sehen, wie die Seelenverfassung eines Menschen beschaffen ist, der ganz und gar die Denkgewohnheiten des modernen Wissenschaftsgeistes in sich aufgenommen hat. Und bitte, bedenken Sie jetzt einmal ein bißchen, meinetwillen meditieren Sie sogar darüber, was herauskommen würde, wenn man, statt den Blick in die Außenwelt zu richten, statt ihn geistig durch Imagination, Inspiration, Intuition zu schärfen und dann dasjenige hervorzubringen, was etwa in meiner «Geheimwissenschaft» steht, diesen Blick nach innen richten würde und nun das menschliche Gehirn schildern würde, etwas durch Autohypnose beeinflußt. Nicht wahr, es ist schon Wahnsinn, was da der Psychiater schildert! Es ist tatsächlich in Psychiatrie getaucht die Schilderung, die da auftaucht! Aber man muß sagen, solch ein Mensch, wie dieser Gustav Kolb, ist ja sogar gutmeinend, denn er findet, daß er den blauen Duft nicht durch andere kritische Farben zerpflücken soll, er findet es sogar eine Barbarei, gegen die blaue Blume, die der Pastor Geyer heranträgt, aufzutreten. Also er ist von der einen Seite sogar gutmütig; aber er ist ein wirklich typischer Repräsentant der modernen Wissenschaftlichkeit.
[ 43 ] Das ist dasjenige,was von der modernen Wissenschaftlichkeit durchaus zu hoffen und zu erwarten ist für anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft! Deshalb muß immer erwähnt werden: Es brauchte schon diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft aktive Mitarbeiter, die in jedem Winkel, in jeder Ecke aufspüren, was in dieser Weise vorgebracht wird, und die es nun wirklich in das rechte Licht rücken, in das es gerückt wird dann, wenn man darauf hinweist, erstens, daß es aus der gegenwärtigen Wissenschaftlichkeit heraus nicht anders sein kann, und zweitens, wie es ist: Gehirn statt Anthroposophie.
[ 44 ] Wirklich, man muß sich von dem Vorurteile frei machen, daß es heute möglich ist, da oder dort irgend jemanden von denjenigen überzeugen zu können, die ganz durchdrungen sind von diesem modern wissenschaftlich Gewohnten. Die Freude, die einige kurzdenkende Anhänger von uns immer wieder haben, daß man den oder jenen herüberziehen kann, diese Freude ist schlecht am Platze. Um was es sich handelt, ist, daß die unbefangene Menschheit durchdrungen werde von dem, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft geben kann, und daß dann mit Unerbittlichkeit charakterisiert wird gerade diese moderne Wissenschaftlichkeit da, wo sie zum Nonsens wird, selbst wenn sie gutartig ist. Wir stehen heute vor einem ungeheuren Ernst. Deshalb muß es immer wieder betont werden, daß unter uns möglichst viele aufstehen müssen, die diesen Ernst verspüren, die nicht bloß sich hinsetzen wollen und ein wenig zuhören wollen, um ein Wohlgefallen an den anthroposophischen Wahrheiten zu empfinden, sondern die in alles Leben aktiv einführen wollen dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft dem Leben sein will, und die auch den Mut und die Kraft haben aufzutreten da, wo es nötig ist. Immer wieder mache ich aufmerksam: Der Kampf, der gegen Geisteswissenschaft geführt wird, er hat alle möglichen grotesken, lächerlichen, lügenhaften und gutmütigen, aber impotenten Formen angenommen. Der Kampf, der gegen diesen Kampf geführt wird, der ist noch ein sehr spärlicher. Er muß aber wegen des Heiles der Fortentwickelung der Menschheit geführt werden. Gesunden muß dasjenige wieder, was gerade durch den modernen Wissenschaftsgeist — der, wie Sie ja wissen, da wo er berechtigt ist, auch von der Geisteswissenschaft voll geschätzt wird —, weil er sich auch aufspielen will auf denjenigen Gebieten, von denen er nichts versteht, krank gemacht wird.
